Chapter 5

Stuttgart, den 6. Oktober 1781.»Hier erscheint endlich der verlorene Sohn, oder die umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den Termin, den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf nur eines flüchtigen Blicks über die Menge und Wichtigkeit der getroffenen Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen. Dazu kommt noch, daß eine Ruhrepidemie in meinem Regimentslazarett mich von meinemotiis poeticissehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf ich Sie versichern, daß ich mit weniger Anstrengung des Geistes und gewiß mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück, ja selbst ein Meisterstück schaffen wollte, als mich der nun getanen Arbeit nochmals unterziehen. – Hier mußte ich Fehlernabhelfen, die in der Grundlage des Stückes schon notwendig wurzeln, hier mußte ich an sich gute Züge den Grenzen der Bühne, dem Eigensinn des Parterre, dem Unverstand der Galerie, oder sonst leidigen Konventionen aufopfern, und einem so durchdringenden Kenner, wie ich in Ihnen zu verehren weiß, wird es nicht unbekannt sein können, daß es, wie in der Natur so auf der Bühne, für eine Idee, eine Empfindung, auch nur einen Ausdruck, ein Kolorit gibt. Eine Veränderung, die ich in einem Charakterzug vornehme, gibt oft dem ganzen Charakter, und folglich auch seinen Handlungen und der auf diesen Handlungen ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung. Also Hermann. Wiederum stehen die Räuber im Original unter sich in lebhaftem Kontrast, und gewiß wird ein jeder Mühe haben, vier oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne in einem von ihnen gegen die Delikatesse des Schauplatzes anzurennen. Als ich es anfangs dachte und den Plan bei mir entwarf, dacht' ich mir die theatralische Darstellung hinweg. Daher kam's, daß Franz als ein räsonierender Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiß sie den denkenden Leser befriedigen wird, so gewiß den Zuschauer, der vor sich nicht philosophiert, sondern gehandelt haben will, ermüden und verdrießen muß. In der veränderten Auflage konnte ich diesen Grundriß nicht übern Haufen werfen, ohne dadurch der ganzen Ökonomie des Stücks einen Stoß zu geben; ich sehe also mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraus, daß Franz, wenn er nun auf der Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, daß der hinreißende Strom der Handlung den Zuschauer an den feinen Nuancen vorüberreißt, und ihn also wenigstens um den dritten Teil des ganzen Charakters bringt. Der Räuber Moor, wenn er, wie ich zum voraus versicherte, seinen Mann unter den HH. Schauspielern findet, dürfte auf dem Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, dieaber auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde spielen, weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben. Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind im eigentlichsten Verstande Menschen für den Schauplatz; weniger Amalie und der Vater.Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen zu benutzen gesucht. Man hat mehr von mir gefordert als ich leisten konnte, denn nur dem Verfasser eines Stücks, zumal wenn er selbst noch Verbesserer wird, zeigt sich dasnon plus ultravollkommen. Die Verbesserungen sind wichtig, verschiedene Szenen ganz neu, und meiner Meinung nach, das ganze Stück wert – – – – – – – – –Franz ist der Menschheit etwas nähergebracht, aber der Weg dazu ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung im fünften Akt, ist meines Wissens auf keinem Schauplatz erlebt, ebensowenig als Amaliens Aufopferung durch ihren Geliebten. Die Katastrophe des Stücks deucht mir nun die Krone desselben zu sein. Moor spielt seine Rolle ganz aus, und ich wette, daß man ihn nicht in dem Augenblick vergessen wird, als der Vorhang der Bühne gefallen ist. Wenn das Stück zu groß sein sollte, so steht es in der Willkür des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder hie und da etwas unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg zu tun. Aber dawider protestiere ich höflich, daß beim Drucken etwas hinweggelassen wird; denn ich hatte meine guten Gründe zu allem, was ich stehen ließ, und soweit geht meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht, daß ich Lücken lasse und Charaktere der Menschheit für die Bequemlichkeit der Spieler verstümmle.« – – – – – – – – –– – – – – – – – – – – – – – – –– – – – – – – – – – – – – – – –Fr. Schiller,R. Medicus.

Stuttgart, den 6. Oktober 1781.

»Hier erscheint endlich der verlorene Sohn, oder die umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den Termin, den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf nur eines flüchtigen Blicks über die Menge und Wichtigkeit der getroffenen Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen. Dazu kommt noch, daß eine Ruhrepidemie in meinem Regimentslazarett mich von meinemotiis poeticissehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf ich Sie versichern, daß ich mit weniger Anstrengung des Geistes und gewiß mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück, ja selbst ein Meisterstück schaffen wollte, als mich der nun getanen Arbeit nochmals unterziehen. – Hier mußte ich Fehlernabhelfen, die in der Grundlage des Stückes schon notwendig wurzeln, hier mußte ich an sich gute Züge den Grenzen der Bühne, dem Eigensinn des Parterre, dem Unverstand der Galerie, oder sonst leidigen Konventionen aufopfern, und einem so durchdringenden Kenner, wie ich in Ihnen zu verehren weiß, wird es nicht unbekannt sein können, daß es, wie in der Natur so auf der Bühne, für eine Idee, eine Empfindung, auch nur einen Ausdruck, ein Kolorit gibt. Eine Veränderung, die ich in einem Charakterzug vornehme, gibt oft dem ganzen Charakter, und folglich auch seinen Handlungen und der auf diesen Handlungen ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung. Also Hermann. Wiederum stehen die Räuber im Original unter sich in lebhaftem Kontrast, und gewiß wird ein jeder Mühe haben, vier oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne in einem von ihnen gegen die Delikatesse des Schauplatzes anzurennen. Als ich es anfangs dachte und den Plan bei mir entwarf, dacht' ich mir die theatralische Darstellung hinweg. Daher kam's, daß Franz als ein räsonierender Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiß sie den denkenden Leser befriedigen wird, so gewiß den Zuschauer, der vor sich nicht philosophiert, sondern gehandelt haben will, ermüden und verdrießen muß. In der veränderten Auflage konnte ich diesen Grundriß nicht übern Haufen werfen, ohne dadurch der ganzen Ökonomie des Stücks einen Stoß zu geben; ich sehe also mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraus, daß Franz, wenn er nun auf der Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, daß der hinreißende Strom der Handlung den Zuschauer an den feinen Nuancen vorüberreißt, und ihn also wenigstens um den dritten Teil des ganzen Charakters bringt. Der Räuber Moor, wenn er, wie ich zum voraus versicherte, seinen Mann unter den HH. Schauspielern findet, dürfte auf dem Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, dieaber auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde spielen, weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben. Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind im eigentlichsten Verstande Menschen für den Schauplatz; weniger Amalie und der Vater.

Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen zu benutzen gesucht. Man hat mehr von mir gefordert als ich leisten konnte, denn nur dem Verfasser eines Stücks, zumal wenn er selbst noch Verbesserer wird, zeigt sich dasnon plus ultravollkommen. Die Verbesserungen sind wichtig, verschiedene Szenen ganz neu, und meiner Meinung nach, das ganze Stück wert – – – – – – – – –

Franz ist der Menschheit etwas nähergebracht, aber der Weg dazu ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung im fünften Akt, ist meines Wissens auf keinem Schauplatz erlebt, ebensowenig als Amaliens Aufopferung durch ihren Geliebten. Die Katastrophe des Stücks deucht mir nun die Krone desselben zu sein. Moor spielt seine Rolle ganz aus, und ich wette, daß man ihn nicht in dem Augenblick vergessen wird, als der Vorhang der Bühne gefallen ist. Wenn das Stück zu groß sein sollte, so steht es in der Willkür des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder hie und da etwas unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg zu tun. Aber dawider protestiere ich höflich, daß beim Drucken etwas hinweggelassen wird; denn ich hatte meine guten Gründe zu allem, was ich stehen ließ, und soweit geht meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht, daß ich Lücken lasse und Charaktere der Menschheit für die Bequemlichkeit der Spieler verstümmle.« – – – – – – – – –

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Fr. Schiller,R. Medicus.

Es würde die vorgesteckten Grenzen dieser Schrift überschreiten, wenn auch die folgenden Briefe, welche die Einwürfedes Freiherrn von Dalberg widerlegen sollten, hier angeführt würden. Nur so viel sei noch hierüber gesagt, daß, so sehr auch Schiller den Zug in dem Charakter Karl Moors, die Geliebte mit seiner Hand zu töten, als wesentlich zur ganzen Rolle, ja als eine positive Schönheit derselben betrachtete, sein Gegner davon nicht abzubringen war, daß Amalie sich selbst mit dem Dolch erstechen müsse. Der andere Punkt, die Räuber in die Zeiten Maximilians des Ersten zu versetzen und in altdeutscher Kleidung spielen zu lassen, machte der theatralischen Wirkung gar keinen Eintrag, indem die Handlung zu sehr hinriß, um Vergleichungen zwischen der Sprache und dem Kostüm anstellen zu können, und damals nur äußerst wenige der Kritik, sondern nur des Eindrucks wegen, den das Gesehene bei ihnen zurücklassen sollte, das Schauspiel besuchten.

Mit welcher Unruhe Schiller den Nachrichten aus Mannheim entgegensah, und in welcher Spannung er die Zeit zubrachte, welche zu den Vorbereitungen, den Proben erforderlich war, mag wohl nur der am richtigsten beurteilen, der als Dichter oder Tonkünstler sich zum erstenmal in gleichem Fall befindet. Er selbst sagt hierüber in einem der folgenden Briefe: »Auf meinen Räuber Moor bin ich im höchsten Grad begierig, und von Herrn Böck, der ihn ja vorstellen soll, höre ich nichts als Gutes. Ich freue mich wirklich darauf wie ein Kind.« Ferner: »Ich glaube meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen, und im ganzen einen größern Schwung geben; denn es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.«

Endlich kam auch der so heftig gewünschte und ersehnte Tag heran, wo er seinen verlornen Sohn, wie er anfangs die Räuber benennen wollte, in der Mitte Januars 1782 auf dem Theater in Mannheim darstellen sah. Aus der ganzen Umgegend, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt, Mainz, Worms, Speyer etc. waren die Leute zu Roß undzu Wagen herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück, das eine außerordentliche Publizität erlangt hatte, von Künstlern aufführen zu sehen, die auch unbedeutende Rollen mit täuschender Wahrheit gaben und nun hier um so stärker wirken konnten, je gedrängter die Sprache, je neuer die Ausdrücke, je ungeheuerer und schrecklicher die Gegenstände waren, welche dem Zuschauer vorgeführt werden sollten. Der kleine Raum des Hauses nötigte diejenigen, welchen nicht das Glück zu teil wurde, eine Loge zu erhalten, ihre Sitze schon mittags um ein Uhr zu suchen und geduldig zu warten, bis um fünf Uhr endlich der Vorhang aufrollte. Um die Veränderung der Kulissen leichter zu bewerkstelligen, machte man aus fünf Akten deren sechs, welche von fünf Uhr bis nach zehn Uhr dauerten. Die ersten drei Akte machten die Wirkung nicht, die man im Lesen davon erwartete; aber die letzten drei enthielten alles, um auch die gespanntesten Forderungen zu befriedigen.

Vier der besten Schauspieler, welche Deutschland damals hatte, wendeten alles an, was Kunst und Begeisterung darbieten, um die Dichtung auf das vollkommenste und lebendigste darzustellen. Böck als Karl Moor war vortrefflich, was Deklamation, Wärme des Gefühls und den Ausdruck überhaupt betraf. Nur seine kleine, untersetzte Figur störte anfangs, bis der Zuschauer von dem Feuer des Spiels fortgerissen, auch diese vergaß. Beil als Schweizer ließ nichts zu wünschen übrig; so wie auch Kosinsky durch die passende Persönlichkeit des Herrn Beck sehr gewann. Durch die Art aber wie Iffland die Rolle des Franz Moor nicht nur durchgedacht, sondern dergestalt in sich aufgenommen hatte, daß sie mit seiner Person eins und dasselbe schien, ragte er über alle hinaus und brachte eine nicht zu beschreibende Wirkung hervor, indem keine seiner Rollen, welche er früher und dann auch später gab, ihm die Gelegenheit verschaffen konnte, das Gemüt bis in seine innersten Tiefen so zu erschüttern, wie es bei der Darstellung des Franz Moor möglich war.Zermalmend für den Zuschauer war besonders die Szene, in welcher er seinen Traum von dem Jüngsten Gericht erzählte, mit aller Seelenangst die Worte ausrief: »Richtet einer über den Sternen? Nein! Nein!« und bei dem zitternd und nur halblaut gesprochenen, in sich gepreßten Worte: Ja! Ja! – die Lampe in der Hand, welche sein geisterbleiches Gesicht erleuchtete – zusammensank. Damals war Iffland 26 Jahre alt, von Körper sehr schmächtig, im Gesicht etwas blaß und mager. Dieser Jugend ungeachtet, war sein Spiel auch in den kleinsten Schattierungen so durchgeführt, daß es ein nicht zu vertilgendes Bild in jedem Auge, das ihn sah, zurückließ.

Welche Wirkung die Vorstellung der Räuber auf den Dichter derselben hervorbrachte, davon haben wir noch ein Zeugnis in dem Brief an Baron Dalberg vom 17. Jänner 1782, wo er schreibt: »Beobachtet habe ich sehr vieles, sehr vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst einen dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche von der vorigen Woche zählen etc.«

Daß auch ihn selbst das Spiel von Iffland überraschte, bezeugte er in demselben Briefe mit Folgendem: »Dieses einzige gestehe ich, daß die Rolle Franzens, die ich als die schwerste erkenne, als solche über meine Erwartung (welche nicht gering war) vortrefflich gelang.« Schiller hatte sich, ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen, aus Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen; es wußten daher auch nur einige um seine Abwesenheit und sie blieb für diesmal verborgen. Aber die Heiterkeit, welche vor der Abreise sein ganzes Wesen beseelt hatte, war nach seiner Rückkehr fast ganz verschwunden; denn so heftig er die Stunden des schöpferischen Genusses herbei gewünscht hatte, so mißvergnügt war er nun, daß er seine medizinischen Amtsgeschäfte wieder vornehmen und sich der militärischen Ordnung fügen mußte, da ihm jetzt nicht nur der Ausspruch der Kenner, der stürmische Beifall des Publikums,sondern hauptsächlich sein eignes Urteil die Überzeugung verschafft hatte, daß er zum Dichter, besonders aber zum Schauspieldichter geboren sei, und daß er hierin eine Stufe erreichen könne, die noch keiner seiner Nation vor ihm erstiegen. Jede Beschäftigung, die er nun unternehmen mußte, machte ihn mißmutig, und er achtete die Zeit, die er darauf verwenden mußte, als verschwendet. Es bedurfte wirklich auch einiger Wochen, bis sein aufgeregtes Gemüt sich wieder in die vorigen Verhältnisse finden konnte, und als er etwas ruhiger geworden war, brütete seine Einbildungskraft sogleich wieder über neuen Sujets, die als Schauspiele bearbeitet werden könnten.

Unter mehreren, die aufgenommen und wieder verworfen wurden, blieben Konradin von Schwaben und die Verschwörung des Fiesco zu Genua diejenigen, welche ihm am meisten zusagten. Endlich wählte er letzteres, und zwar nicht allein wegen des Ausspruchs von J. J. Rousseau, daß der Charakter des Fiesco einer der merkwürdigsten sei, welche die Geschichte aufzuweisen habe; sondern auch, weil er bei dem Durchdenken des Planes fand, daß diese Handlung der meisten und wirksamsten Verwicklungen fähig sei. Sobald sein Entschluß hierüber fest stand, machte er sich mit allem, was auf Italien, die damalige Zeit sowie auf den Ort, wo sein Held handeln sollte, Beziehung hatte, mit größter Emsigkeit bekannt, besuchte fleißig die Bibliothek, las und notierte alles, was dahin einschlug, und als er endlich den Plan im Gedächtnis gänzlich entworfen hatte, schrieb er den Inhalt der Akte und Auftritte in derselben Ordnung, wie sie folgen sollten, aber so kurz und trocken nieder, als ob es eine Anleitung für den Kulissendirektor werden sollte. Nach Lust und Laune arbeitete er dann die einzelnen Auftritte und Monologe aus, zu deren Mitteilung und Besprechung ihm aber ein Freund, von dessen Empfänglichkeit und warmer Teilnahme er die Überzeugung hatte, um so mehr unentbehrlich war, da er auch bei seinen kleinern Gedichtenes sehr liebte solche vorzulesen, um das dichterische Vergnügen doppelt zu genießen, wenn er seine Gedanken und Empfindungen im Zuhörer sich abspiegeln sah.

Diese angenehmen Beschäftigungen, welche den edlen Jüngling für alles schadlos hielten, was er an Freiheit oder sonstigem Lebensgenuß entbehren mußte, wurden aber auf eine sehr niederschlagende Art durch etwas gestört, was wohl als die erste Veranlassung zu dem unregelmäßigen Austritt Schillers aus des Herzogs Diensten angesehen werden kann. Die Sache war folgende: In den beiden ersten Ausgaben der Räuber, in der dritten Szene des zweiten Aktes, befindet sich eine Rede des Spiegelberg, welche einen Bezug auf Graubünden hat, und die einen Bündner so sehr aufreizte, daß er eine Verteidigung seines Vaterlandes in den Hamburger Korrespondenten einrücken ließ. Wahrscheinlich wäre diese Protestation ohne alle Folgen geblieben, wenn nicht die Zeitung als eine Anklage gegen Schiller dem Herzog vor Augen gelegt worden wäre. Dieser war um so mehr über diese öffentliche Rüge aufgebracht, indem derjenige, gegen den sie gerichtet worden, nicht nur in seinen Diensten stand, sondern auch einer der ausgezeichnetsten Zöglinge seiner mit so vieler Mühe und Aufmerksamkeit gepflegten Akademie war. Er erließ daher an Schiller sogleich die Weisung, sich zu verteidigen, sowie den Befehl, alles weitere in Druckgeben seiner Schriften, wenn es nicht medizinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung mit dem Ausland zu enthalten.

Schiller beantwortete die Anklage damit, daß er die mißfällige Rede nicht als eine Behauptung aufgestellt, sondern als einen unbedeutenden Ausdruck einem Räuber, und zwar dem schlechtesten von allen, in den Mund gelegt. Auch habe er hier nur eine Volkssage nachgeschrieben, die er von früher Jugend an gehört.

War der strenge Verweis und das Mißfallen seines Fürsten, das er auf eine so zufällige und ganz unschuldige Artsich zugezogen, schon im höchsten Grad unangenehm für Schiller, so mußte der harte Befehl – sich bloß auf seinen Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebte, einschränken zu sollen – noch schmerzlicher für ihn sein, indem es ihm unmöglich fiel, den Hang, welchen er für die Dichtung hatte, zu unterdrücken und sich in einer Wissenschaft auszuzeichnen, die er nur aus Furcht vor der Ungnade des Herzogs ergriffen und der er seine Lieblingsneigung, den ersten Vorsatz seiner Kinderjahre aufgeopfert hatte. Durch das Verbot, sich in irgend eine Verbindung mit dem Ausland einzulassen, war ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung seiner Umstände abgeschnitten, und selbst die kleinlichsten Sorgen, die härtesten Entsagungen hätten es nicht bewirken können, mit einer so geringen Besoldung auszureichen. Das Versprechen, welches der Herzog bei der Aufnahme Schillers in die Akademie seinen Eltern gegeben hatte, war so wenig erfüllt worden, daß sein Gehalt als Regimentsarzt kaum demjenigen eines Pfarrvikars gleich kam und durch den Aufwand für Equipierung, für standesmäßiges Erscheinen beinahe auf nichts herab gebracht wurde.

Was aber gewöhnliche Menschen niederbeugt, was ihnen Geist und Glieder erschlafft, hebt den Mut der Starken, der Kraftvollen nur um so höher. Noch in den Jünglingsjahren bewährte sich jetzt Schiller als einen Mann, der sich durch keine Widerwärtigkeiten aus seiner Bahn bringen läßt, sondern rastlos das vorgesteckte Ziel verfolgt. Anstatt sich in nutzlosen Klagen auszulassen, arbeitete er nur um desto eifriger an seinem Fiesco, den er als einen neuen Hebel zur Sprengung seines Gefängnisses betrachtete und in dessen Ausarbeitung er all das Wilde, Rohe, was ihm bei den Räubern zum Vorwurf gemacht wurde, zu vermeiden suchte.

Eine widerliche Unterbrechung seiner dramatischen Arbeiten wurde durch die Dissertation veranlaßt, welche er in diesem Frühjahr einreichen mußte, um auf der hohen Karlsschule (welchen Titel nun die ehemalige Militärakademie erhaltenhatte) den Grad eines Doktors der Medizin zu erhalten. Dieser Förmlichkeit konnte er sich schon darum nicht entziehen, weil der Herzog seine neue Universität mit eifersüchtiger Liebe pflegte und darauf besonders sah, daß diejenigen, welche er erziehen lassen, vor den Augen der Welt sich als der Anstalt vollkommen würdig zeigen sollten. Auch war Schiller, was seine Studien betraf, einer der hervorstechendsten Zöglinge in der Akademie, weswegen er nicht nur von seinem Fürsten, sondern auch von seinen Lehrern, wie schon oben erwähnt, vorzüglich gelobt und geachtet wurde.

Überdies würde es dem Herzog weit mehr als seinem Zögling unangenehm gewesen sein, wenn der junge Arzt bloß darum, weil er den Doktorhut nicht genommen, von den Kollegen seiner Kunst Schwierigkeiten oder weniger Achtung erfahren hätte.

Daß Schiller selbst gegen diese Ehre im höchsten Grad gleichgültig war, äußerte er oft und stark genug gegen seine Freunde, und wer daran noch zweifeln könnte, findet seine unverhohlene Äußerung hierüber in dem Brief an Baron Dalberg vom 1. April 1782, wo er sagt: »Meine gegenwärtige Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der Medizin in der hiesigen Karlsschule anzunehmen, und zu diesem Ende muß ich eine medizinische Dissertation schreiben, und in das Gebiet meiner Handwerkswissenschaft noch einmal zurückstreifen. Freilich werde ich von dem milden Himmelsstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung in den Norden einer trockenen, terminologischen Kunst machen müssen; allein, was sein muß zieht nicht erst die Laune und Lieblingsneigung zu Rat. Vielleicht umarme ich dann meine Muse um so feuriger, je länger ich von ihr geschieden war; vielleicht finde ich dann im Schoß der schönen Kunst eine süße Indemnität für den fakultistischen Schweiß.«

(Sollte ein Arzt diese Äußerungen verdammen wollen, so möge er sich erinnern, daß es in Schillers Gedicht »DieTeilung der Erde« nur der Dichter ausschließend ist, zu welchem Jupiter sagt:

Willst du in meinem Himmel mit mir leben,So oft du kommst, er soll dir offen sein.)

Willst du in meinem Himmel mit mir leben,So oft du kommst, er soll dir offen sein.)

Mittlerweile wurden in Mannheim die Räuber sehr oft mit demselben Zulauf, mit dem gleichen Beifall wie das erste Mal gegeben, und es war nichts natürlicher, als daß der Ruf von der ungeheuren Wirkung dieses Stücks sowie von der meisterhaften Darstellung desselben auch nach Stuttgart gelangte und dort in den meisten Gesellschaften, besonders aber in den Umgebungen des Dichters vielen Stoff zum Sprechen gab. Man darf sich daher auch nicht wundern, daß Schiller den öftern Wünschen und dringenden Bitten einiger Freundinnen und Freunde nachgab, eine kurze Reise des Herzogs zu benützen und während dessen Abwesenheit, ohne Urlaub zu nehmen, mit ihnen nach Mannheim zu gehen und daselbst im Wiedersehen seines Schauspiels seinen eignen Genuß durch das Mitgefühl seiner Reisegefährten zu erhöhen. Schiller willigte nur zu gern ein und schrieb nach Mannheim, um die Aufführung der Räuber auf einen bestimmten Tag zu erbitten, was ihm auch von der Intendanz sehr leicht gewährt wurde. Aber bei der Anschauung dessen, was er mit seinen ersten, jugendlichen Kräften schon geleistet, war auch der Gedanke unabweislich, wie vieles, wie großes er noch würde leisten können, wenn diese Kräfte nicht eingeengt oder gefesselt wären, sondern freien, ungemessenen Spielraum erhalten könnten. Eine Idee, die durch seine enthusiastischen Begleiter um so mehr angefeuert und unterhalten wurde, je tiefer die Eindrücke waren, welche die erschütternden Szenen bei ihnen zurückgelassen hatten.

Bei seiner ersten heimlichen Reise hatte er nur die einzige Sorge, daß sie verschwiegen bleiben möchte. Auf die zweite nahm er schon außer dieser Sorge das beschränkendeVerbot mit, seine dichterischen Arbeiten bekannt zu machen, nebst dem strengen Befehl, sich das Ausland als für ihn gar nicht vorhanden denken zu müssen. Er kam daher auch äußerst mißmutig und niedergeschlagen wieder nach Stuttgart zurück, ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über sein Verhältnis als leidend durch die Krankheit, welche er mitbrachte. (Diese Krankheit, welche durch ganz Europa wanderte, bestand in einem außerordentlich heftigen Schnupfen und Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser dieses, als er Schillern einige Stunden nach dessen Ankunft umarmt hatte, nach wenigen Minuten schon von Fieberschauern befallen wurde, die so stark waren, daß er sogleich nach Hause eilen mußte.)

Schiller äußerte sich gegen einen seiner jüngern Freunde, dem er völlig vertrauen durfte, ganz unverhohlen, mit welchem Widerwillen er sich Stuttgart genähert habe – wie ihm hier nun alles doppelt lästig und peinlich sein müsse, indem er in Mannheim eine so glänzende Aufnahme erfahren, wo hingegen er hier kaum beachtet werde und nur unter Druck und Verboten leben könne – daß ihm nicht nur von seinen Bewunderern, sondern von Baron Dalberg selbst die Hoffnung gemacht worden, ihn ganz nach Mannheim ziehen zu wollen, und er nicht zweifle, es werde alles mögliche angewendet werden, um ihn von seinen Fesseln zu befreien. Sollte dieses nicht gelingen, so werde er notgedrungen, wolle er anders hier nicht zugrunde gehen, einen verzweifelten Schritt tun müssen. Er nahm sich vor, sowie er nur den Kopf wieder beisammen habe, sogleich nach Mannheim zu schreiben, damit unverweilt alles geschehe, was seine Erlösung bewirken könne. Es ist ein Glück für den Verfasser, daß Baron Dalberg alle Briefe von Schiller an ihn so sorgfältig aufgehoben, und daß sie durch den Druck bekannt geworden sind, indem sonst manches, was jetzt und in der Folge vorkommt, als Anschuldigung oder bloße Meinung erklärt, undunser Dichter weit weniger gerechtfertigt werden könne, als es nun durch diese Beweise möglich ist. Der folgende Brief ist der erste Beleg hierzu.

Stuttgart, den 4. Junius 1782.»Ich habe das Vergnügen, das ich zu Mannheim in vollen Zügen genoß, seit meiner Hieherkunft durch die epidemische Krankheit gebüßt, welche mich zu meinem unaussprechlichen Verdruß bis heute gänzlich unfähig gemacht hat, E. E. für so viele Achtung und Höflichkeit meine wärmste Danksagung zu bezeigen. Und noch bereue ich beinahe die glücklichste Reise meines Lebens, die mich durch einen höchst widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so weit verleidet hat, daß mir Stuttgart und alle schwäbischen Szenen unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher kann bald niemand sein als ich. Ich habe Gefühl genug für meine traurige Situation, vielleicht auch Selbstgefühl genug für das Verdienst eines bessern Schicksals, und für beides nur – eine Aussicht.Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich weiß wie schnell sich Ihr edelmütiges Herz entzündet, wenn Mitleid und Menschenliebe es auffordern; ich weiß wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer, sie zu vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt; aber es war diese Versicherung nicht nötig; ich habe selbst, da ich das Glück hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, in Ihrem offenen Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht mich nun auch so dreist, mich Ihnen ganz zu geben, mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu liefern und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin ich wenig oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterneund ein griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden.Brauche ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung zu erwarten?E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch versiegelte, ewig fühlen; wenn Eure Exzellenz diese drei Ideen goutieren und in einem Schreiben an den Herzog Gebrauch davon machen, so stehe ich ziemlich für den Erfolg.Und nun wiederhole ich mit brennendem Herzen die Bitte, die Seele dieses ganzen Briefs. Könnten E. E. in das Innere meines Gemütes sehen, welche Empfindungen es durchwühlen, könnte ich Ihnen mit Farben schildern, wie sehr mein Geist unter dem Verdrießlichen meiner Lage sich sträubt – Sie würden – ja ich weiß gewiß – Sie würden eine Hilfe nicht verzögern, die durch einen oder zwei Briefe an den Herzog geschehen kann.Nochmals werfe ich mich in Ihre Arme und wünsche nichts anderes, als bald, sehr bald, Ihnen mit einem anhaltenden Eifer und mit einer persönlichen Dienstleistung die Verehrung bekräftigen zu können, mit welcher ich mich und alles, was ich bin, für Sie aufzuopfern wünsche.E. E.untertäniger Schiller.«

Stuttgart, den 4. Junius 1782.

»Ich habe das Vergnügen, das ich zu Mannheim in vollen Zügen genoß, seit meiner Hieherkunft durch die epidemische Krankheit gebüßt, welche mich zu meinem unaussprechlichen Verdruß bis heute gänzlich unfähig gemacht hat, E. E. für so viele Achtung und Höflichkeit meine wärmste Danksagung zu bezeigen. Und noch bereue ich beinahe die glücklichste Reise meines Lebens, die mich durch einen höchst widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so weit verleidet hat, daß mir Stuttgart und alle schwäbischen Szenen unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher kann bald niemand sein als ich. Ich habe Gefühl genug für meine traurige Situation, vielleicht auch Selbstgefühl genug für das Verdienst eines bessern Schicksals, und für beides nur – eine Aussicht.

Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich weiß wie schnell sich Ihr edelmütiges Herz entzündet, wenn Mitleid und Menschenliebe es auffordern; ich weiß wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer, sie zu vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt; aber es war diese Versicherung nicht nötig; ich habe selbst, da ich das Glück hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, in Ihrem offenen Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht mich nun auch so dreist, mich Ihnen ganz zu geben, mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu liefern und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin ich wenig oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterneund ein griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden.

Brauche ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung zu erwarten?

E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch versiegelte, ewig fühlen; wenn Eure Exzellenz diese drei Ideen goutieren und in einem Schreiben an den Herzog Gebrauch davon machen, so stehe ich ziemlich für den Erfolg.

Und nun wiederhole ich mit brennendem Herzen die Bitte, die Seele dieses ganzen Briefs. Könnten E. E. in das Innere meines Gemütes sehen, welche Empfindungen es durchwühlen, könnte ich Ihnen mit Farben schildern, wie sehr mein Geist unter dem Verdrießlichen meiner Lage sich sträubt – Sie würden – ja ich weiß gewiß – Sie würden eine Hilfe nicht verzögern, die durch einen oder zwei Briefe an den Herzog geschehen kann.

Nochmals werfe ich mich in Ihre Arme und wünsche nichts anderes, als bald, sehr bald, Ihnen mit einem anhaltenden Eifer und mit einer persönlichen Dienstleistung die Verehrung bekräftigen zu können, mit welcher ich mich und alles, was ich bin, für Sie aufzuopfern wünsche.

E. E.

untertäniger Schiller.«

Beilage.»Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich zu employieren, als in dem Mittel, mich von hier weg zu bekommen, zu finden. Jenes steht ohnehin ganz bei Ihnen, allein zu diesem könnten Ihnen vielleicht folgende Ideen dienen.1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner bei uns so sehr übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durchErledigung einer Stelle Platz für einen andern gemacht wird; so kommt es mehr darauf an, wie man dem Herzog, der sich nicht trotzen lassen will, mit guter Art den Schein gibt, als geschehe es ganz durch seine willkürliche Gewalt, als wäre es sein eignes Werk und gereiche ihm zur Ehre. Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein kitzeln, wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben, einfließen ließen, daß – Sie mich für eine Geburt von ihm, für einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie Erzogenen halten, und daß also durch diese Vokation seiner Erziehungsanstalt quasi das Hauptkompliment gemacht würde, als würden ihre Produkte von entschiedenen Kennern geschätzt und gesucht. Dieses ist der Passepartout beim Herzog.2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie meinen Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf einen gewissen beliebigen Termin festsetzen (der dann nach Ihrem Befehl verlängert werden kann), nach dessen Verfluß ich wieder meinem Herzog gehörte. So sieht es mehr einer Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn ich das Wort brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht auf. Wenn ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich selbst nicht mehr anmahne.3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß mir Mittel gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren und meine medizinischen Übungen da fortzusetzen. Dieser Artikel ist vorzüglich nötig, damit man mich nicht, unter dem Vorwand für mein Wohl zu sorgen, kujoniere und weniger fortlasse.«

Beilage.

»Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich zu employieren, als in dem Mittel, mich von hier weg zu bekommen, zu finden. Jenes steht ohnehin ganz bei Ihnen, allein zu diesem könnten Ihnen vielleicht folgende Ideen dienen.

1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner bei uns so sehr übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durchErledigung einer Stelle Platz für einen andern gemacht wird; so kommt es mehr darauf an, wie man dem Herzog, der sich nicht trotzen lassen will, mit guter Art den Schein gibt, als geschehe es ganz durch seine willkürliche Gewalt, als wäre es sein eignes Werk und gereiche ihm zur Ehre. Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein kitzeln, wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben, einfließen ließen, daß – Sie mich für eine Geburt von ihm, für einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie Erzogenen halten, und daß also durch diese Vokation seiner Erziehungsanstalt quasi das Hauptkompliment gemacht würde, als würden ihre Produkte von entschiedenen Kennern geschätzt und gesucht. Dieses ist der Passepartout beim Herzog.

2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie meinen Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf einen gewissen beliebigen Termin festsetzen (der dann nach Ihrem Befehl verlängert werden kann), nach dessen Verfluß ich wieder meinem Herzog gehörte. So sieht es mehr einer Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn ich das Wort brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht auf. Wenn ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich selbst nicht mehr anmahne.

3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß mir Mittel gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren und meine medizinischen Übungen da fortzusetzen. Dieser Artikel ist vorzüglich nötig, damit man mich nicht, unter dem Vorwand für mein Wohl zu sorgen, kujoniere und weniger fortlasse.«

Alles, was auch ein Augen- oder Ohrenzeuge erzählen könnte, wäre nicht imstande, die traurigen Empfindungen des armen Jünglings über seine beklemmende Lage stärker und wahrer zu schildern, als er es selbst in diesem Briefe getan.

Daß er die Bitte nicht aufs Geratewohl, sondern durch Aufmunterung von Leuten getan, die ihre Gewährung für sehr leicht und unfehlbar hielten, erhellt aus der Stelle: »ich weiß, wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer ist, sie zu vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt etc. etc.« und die folgende: »E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch besiegelte, ewig fühlen etc.« beweist auf das deutlichste, daß Baron Dalberg selbst ihm das Wort gab, sich für ihn bei seinem Fürsten zu verwenden.

Die drei Vorschläge, welche in der Beilage enthalten sind, waren ganz auf die genaue Kenntnis vom Charakter des Herzogs berechnet, indem er einen sehr verzeihlichen Stolz darein setzte, daß durch seine Fürsorge und Leitung schon so viele talentvolle Jünglinge aus seiner Akademie hervorgegangen, und er auch ein sehr großer Liebhaber des Theaters, so wie einer der feinsten Kenner seiner Zeit war, der es schon darum nicht ungern sehen konnte, wenn sich unter seinen Zöglingen gute Dichter fanden, weil alle Jahre am Geburtsfeste der Gräfin von Hohenheim (später Gemahlin des Herzogs) Gelegenheitsstücke mit großer Feierlichkeit und dem größten Aufwande gegeben wurden, bei welchen sowohl das Gedicht als auch die Musik von Eleven verfaßt waren.

Der dritte Punkt beweist weit mehr für die wahrhaft väterliche Sorge, welche der Herzog für das Wohl derer hatte, die er erziehen ließ, als alles, was man dafür anführen könnte, und es läßt sich nicht im geringsten zweifeln, daß wenn Baron Dalberg unter den ihm angezeigten Bedingungen versucht hätte, den jungen Dichter von Stuttgart nach Mannheim zu ziehen, sein Fürst ohne Anstand – gewiß aber mit der Anempfehlung, für Schiller alle Sorge zu tragen – das Gesuch bewilligt haben würde.

Schiller nährte anfangs die besten Hoffnungen, daß ernun bald aus seiner verdrießlichen Lage befreit sein würde. Als aber nach Verlauf mehrerer Wochen nichts geschah, war es ihm um so schmerzlicher, seine dringende, flehende Bitte umsonst getan zu haben und sich ohne alle äußere Hilfe zu sehen. Allein, er ließ dessenungeachtet den Mut nicht sinken, sondern arbeitete nur um so eifriger an seinem Fiesco, was allein imstande war, ihn wenigstens zeitweise seinen Zustand vergessen zu machen. Aber die Freundinnen des Dichters hatten nicht vergessen, daß sie in seiner Gesellschaft zu Mannheim die Räuber hatten aufführen sehen, und konnten dem Drange nicht widerstehen, die Wirkung dieses Trauerspiels sowie das Verdienst der dortigen Schauspieler auch andern nach Würden zu schildern. Unter dem Siegel des Geheimnisses erfuhr es die halbe Stadt, erfuhr es auch der General Augé und endlich – der Herzog selbst. Dieser wurde im höchsten Grad über die Vermessenheit seines ehemaligen Lieblings aufgebracht, daß er sich, ohne Urlaub zu nehmen, mehrere Tage entfernt und seinen Lazarettdienst vernachlässigt habe. Er ließ ihn vor sich kommen, gab ihm die strengsten Verweise darüber, daß er sich dem ausdrücklichen Verbote zuwider aufs neue mit dem Auslande eingelassen und befahl ihm, augenblicklich auf die Hauptwache zu gehen, seinen Degen abzugeben und dort vierzehn Tage im Arrest zu bleiben.

Obwohl die verhängte Strafe für die Übertretung des herzoglichen Befehls ganz der militärischen Ordnung gemäß und nichts weniger als zu streng war, so wurde Schiller davon dennoch in seinem Innersten verwundet, und zwar nicht darum, weil ihm solche zu hart schien, sondern weil er jetzt überzeugt sein mußte, daß jede Aussicht in eine bessere Zukunft für ihn verloren und er nun eigentlich nichts anderes als ein Gefangener sei, der seine vorgeschriebene Arbeit verrichten müsse.

In der Tat konnte sein Verhältnis von seinen Freunden nicht anders als im höchste Grade traurig und verzweifeltbeurteilt werden, weil an eine Milderung oder Zurücknahme der Befehle des Herzogs um so weniger zu denken war, je mehr man ihn als Selbstherrscher kannte und je seltener die Fälle waren, wo er von seinem ausgesprochenen Willen hätte abgelenkt werden können. Was man auch raten oder erfinden mochte, war unbrauchbar, untunlich, weil der fürstliche Machtspruch allem ein unübersteigliches Hindernis entgegensetzte.

Wäre es aber auch Schillern möglich gewesen, seinen außerordentlichen Hang zur Dichtung zu bekämpfen und sich ganz der Arzneikunde zu widmen, so hätte es mehrere Jahre bedurft, um sich einen Ruf zu erwerben, der ihn von dem Gemeinen, Alltäglichen unterschieden hätte. Auch fühlte er es so sehr, wie unnütz die ernstlichsten Vorsätze, sein angebornes Talent zu unterdrücken, sein würden, daß er lieber alle Entbehrungen, alle Strafen sich hätte gefallen lassen, wenn ihm nur die Erlaubnis geblieben wäre, den Reichtum seines Geistes in der Welt auszubreiten, und sich denjenigen anzureihen, deren Name von der Mit- und Nachwelt nur in Bewunderung und Verehrung genannt wird.

So wenig Vorteil Gold, Perlen und Diamanten in einer menschenleeren Wüste bringen, so wenig konnte ihm die köstlichste Gabe des Himmels nützen, wenn er sie nicht gebrauchen durfte, wenn er bei ihrer Anwendung Strafe befürchten mußte. Ja diese Göttergabe konnte ihm nur zur Qual, zur wirklichen Marter werden, weil alles was er dachte, was er empfand, nur darauf Bezug hatte und es ihm die schmerzlichste Überwindung gekostet haben würde, Ideen dieser Art abzuwehren.

Der Weihrauch, den man in öffentlichen Blättern ihm über sein erstes Schauspiel, über seine ersten Gedichte gestreut, die schmeichelhaften Zuschriften eines Wielands und anderer, die Lobeserhebungen derjenigen, von deren gesundem Urteil er überzeugt war, besonders aber sein eignes Bewußtsein hatten ihn seinen Wert schätzen gelehrt, under hätte lieber sein Leben verloren als dasjenige, was sein eigentliches ganzes Wesen ausmachte, brach liegen zu lassen, oder den Lorbeerkranz des Dichters den Beschäftigungen des Arztes aufzuopfern.

Am empfindlichsten hielt er sich aber dadurch gekränkt, daß ihm durch dieses Machtgebot das Recht des allergeringsten Untertans – von seinen Naturgaben freien Gebrauch machen zu können, wenn er sie nicht zum Nachteil des Staates oder der Gesetze desselben anwende – jetzt gänzlich benommen war, ohne daß ihm bewiesen worden wäre, dieses Recht aus Mißbrauch verwirkt zu haben.

Die Übertretung der Militärdisziplin hatte er durch strengen Verhaft gebüßt; was über diesen noch gegen ihn verhängt worden, hielt er für eine zu harte Strafe.

Auf der Stelle würde er seinen Abschied gefordert haben, wenn nicht sein Vater in herzoglichen Diensten gestanden, er selbst nicht auf Kosten des Fürsten in der Akademie nicht nur erzogen, sondern auch mit vorzüglicher Güte und Auszeichnung behandelt worden wäre, so daß voraus zu schließen war, es würde statt einer Entlassung nur der Vorwurf der größten Undankbarkeit und eine noch zwangvollere Aufsicht erfolgen. Um jedoch nichts unversucht zu lassen, was seine Entfernung von Stuttgart auf dem der Ordnung gemäßen Wege bewirken könnte, schrieb er noch einmal an Baron Dalberg und bat ihn aufs neue um seine Verwendung bei dem Herzog. Er sagt in seinem Brief: »Dieses einzige kann ich Ihnen für ganz gewiß sagen, daß in etlichen Monaten, wenn ich in dieser Zeit nicht das Glück habe zu Ihnen zu kommen, keine Aussicht mehr da ist, daß ich jemals bei Ihnen leben kann. Ich werde alsdann gezwungen sein einen Schritt zu tun, der mir unmöglich machen würde in Mannheim zu bleiben.«

Schiller glaubte nicht mit Unrecht, daß Baron Dalberg um so leichter für ihn einschreiten könnte, als der pfälzische und württembergische Hof im besten Vernehmen standen,auch der Herzog schon einigemal den italienischen Hofpoeten von Mannheim hatte kommen lassen, um bei Aufführung der für das Stuttgarter Hoftheater von ihm gedichteten Opern gegenwärtig zu sein. Ebenso konnte man auch vermuten, daß das Verbot, welches Schillern wegen der Verbindung mit dem Ausland betraf, größtenteils daher kam, weil bei Aufführung der Räuber das deutsche Theater in Stuttgart übergangen und dieses Stück ohne Vorwissen, ohne Anfrage bei dem Fürsten auf der Mannheimer Bühne zuerst gegeben worden war.

Aus diesem sowie aus den angegebenen Gründen konnte der bedrängte Dichter um so zuverlässiger einen günstigen Erfolg seiner Bitten erwarten, indem der Rang den Baron Dalberg als Geheimrat, Ober-Silberkämmerling, Vize-Kammerpräsident und Theaterintendant Sr. kurfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern bekleidete, dem Herzog Rücksichten auferlegt hätte, die bei jedem andern, der sich in Stuttgart für diese Sache hätte verwenden wollen, nicht stattfinden konnten.

Noch einige Zeit gab sich Schiller den besten Hoffnungen hin, indem er glaubte, daß Baron Dalberg um so gewisser das gegebene Versprechen erfüllen würde, je deutlicher ihm zu verstehen gegeben worden, daß das Äußerste werde geschehen müssen, wenn keine Vermittlung eintrete. Als aber nach Verfluß von vierzehn Tagen nichts für ihn geschah und er nun überzeugt war, daß von daher, wo die Hilfe am leichtesten, der gute Erfolg am gewissesten schien, kein Beistand zu erwarten sei, verwandelte sich sein sonst so heiterer Sinn in finstere, trübe Laune; was ihn sonst auf das lebhafteste aufregte, ließ ihn kalt und gleichgültig; selbst seine Jugendfreunde, die sonst immer auf den herzlichsten Willkomm rechnen durften, wurden ihm mit Ausnahme sehr weniger beinahe zuwider.

Sein Fiesco konnte bei dieser Stimmung nur sehr langsam weiter rücken. Auch war es leicht vorauszusehen, daß,wenn dieser Zustand noch lange oder gar für immer hätte dauern sollen, er nicht nur für jede Geistesbeschäftigung verloren sein, sondern auch seine Gesundheit, die ohnedies nicht sehr fest war, ganz zugrunde gehen würde. Er selbst hielt sich für den unglücklichsten aller Menschen und glaubte seiner Selbsterhaltung schuldig zu sein, etwas zu wagen, was seinen Zustand in Stuttgart auf eine vorteilhafte Art verändern oder aber sein Schicksal ganz durchreißen und ihm eine andere, bessere Gestalt geben müsse. Da er es nicht wagen durfte, seinem Landesherrn Vorstellungen gegen den erlassenen Befehl zu machen, ohne neue Verweise oder gar Strafen befürchten zu müssen, so hielt er für das beste, noch einmal heimlich nach Mannheim zu reisen, von dort aus an den Herzog zu schreiben, ihm darzulegen, daß durch das ergangene Verbot seine ganze Existenz zernichtet sei und ihn um die Bewilligung einiger Punkte untertänigst zu bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich glaubte. Wurden ihm diese Bitten nicht gewährt, so konnte er auch nicht mehr nach Stuttgart zurückkehren, und er hegte die Hoffnung, daß er dann um so leichter in Mannheim als Theaterdichter angestellt werden könnte, je zuversichtlicher ihm dort von vielen versichert worden, daß ein solcher Dichter wie er, ihre Bühne auf die höchste Stufe des Ruhmes heben würde.

Um diesen Plan nicht lächerlich oder ganz widersinnig zu finden, ist es nötig, auf das ganz besondere Verhältnis aufmerksam zu machen, in welchem Schiller zu seinem Fürsten stand.

Der Vater von Schiller, dem als Gouverneur der Solitüde alles, was die vielfachen Bauten, Gartenanlagen und Baumzucht betraf, untergeben war, führte dies so sehr zur Zufriedenheit des Herzogs aus, und wußte dessen Willen, noch ehe er ausgesprochen war, so Genüge zu leisten, daß er seine ganze Zufriedenheit sowie wegen der Rechtlichkeit und Strenge, mit welchen er seinen Dienst ausübte, auch seineHochachtung erwarb. Es war zum Teil eine Folge dieser Achtung, daß der Sohn in der Akademie mit besonderer Sorgfalt und Güte behandelt wurde; zum Teil waren es aber auch die überraschenden Antworten und Bemerkungen, welche der junge Zögling im Gespräch mit seinem erhabenen Erzieher aussprach, die ihm eine besondere Auszeichnung und Zuneigung erwarben. Es war diesem geistvollen Fürsten, der Scharfsinn und das Talent, was er im hohen Grad selbst besaß, auch an andern vorzüglich schätzte, weit weniger darum zu tun, an seiner Akademie eine militärische Prunkanstalt zu haben, als bei den jungen Leuten alles das heraus zu bilden, was ihre Anlagen zu entwickeln vermochte. Er ließ sich daher mit ihnen in Einzelheiten ein, die einem gewöhnlichen Erzieher zu kleinlich oder überflüssig scheinen würden, und erwarb sich dadurch, weit mehr als durch sein Ehrfurcht gebietendes Ansehen, ein solches Zutrauen, daß die Zöglinge weit lieber mit ihm sprachen oder ihm – dem Herzog – ihre Fehler bekannten als den vorgesetzten Offizieren.

Als die Anstalt noch auf der Solitüde sich befand, verging nie ein Tag, an welchem er nicht die Lehrstunden besuchte, um sich von dem Fleiße der Lehrer und den Fortschritten der Schüler zu überzeugen. Und als die Akademie nach Stuttgart verlegt wurde, waren es nur die alljährlichen Reisen, die ihn auf Wochen oder Tage von derselben entfernt halten konnten. Auch das freundliche Benehmen der Gräfin von Hohenheim, welche sich an der Unbefangenheit der jüngsten Zöglinge ergötzte und sie mit kleinen Geschenken beteilte, trug nicht wenig dazu bei, das streng scheinende Verhältnis zu mildern. Wie oft wurden Strafen bloß darum in ihrer Gegenwart ausgesprochen, um durch bittende Blicke oder Worte dieser wohlwollenden, nichts als Güte und Teilnahme atmenden Frau, entweder ganz erlassen, oder doch gemindert werden zu können.

Unter den Augen des Fürsten von Kindern zu Knaben,von Knaben zu Jünglingen herangewachsen, von seinen durchdringenden Augen oft getadelt oder mit Beifall belohnt, konnten sich die jungen Leute, nachdem sie der akademischen Aufsicht entlassen waren, ihr Dienstverhältnis unmöglich so scharf denken als andere, die mit der Person des Herzogs gar nicht oder nur als ihrem Souverän bekannt waren.

Diese Verhältnisse allein können es begreiflich machen, wie Schiller auf die so oft bezeigte Gnade und Zufriedenheit seines Fürsten so fest sich verlassen konnte, daß er zu dem Glauben verleitet ward, der Herzog werde ihm seine Bitten bewilligen, wenn er ihn an seine frühere Huld erinnere und unwiderleglich dartue, daß er durch die gegen ihn erlassenen Verbote zur Verzweiflung gebracht sei.

Nachdem diese Meinung ihn so beherrschte, daß sie sich in einen unwiderruflichen Entschluß umwandelte, entstand nur noch die Frage, auf welche Art und in welcher Zeit die heimliche Reise am besten auszuführen sein würde; denn die harten Verweise des Herzogs, der darauf folgende strenge Arrest hatten ihn so eingeschüchtert, daß er sich in allen seinen Handlungen beobachtet halten konnte und die schärfste Ahndung befürchten mußte, wenn er irgend einen Verdacht gegen sich erregte. So wenig er seinen Vorsatz allein ausführen konnte, so wenig konnte er sich seinen Schulfreunden anvertrauen, weil es eben so unnütz als gefährlich gewesen wäre, sie um Beistand anzusprechen, indem keiner von ihnen – was die Hauptsache, die Anstalten zur heimlichen Reise, betraf – die geringste Hilfe leisten oder auf sonst eine Art seine Pläne befördern konnte.

In diesem Zustande konnte er sein Herz mit voller Sicherheit nur einem einzigen Freund eröffnen, der zwar nicht mit ihm in der Akademie erzogen worden und auch zwei Jahre weniger als er zählte; durch dessen Bekanntschaft er aber seit achtzehn Monaten die Überzeugung erlangt hatte, daß er hier auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne, diean Schwärmerei grenzten und die nur von den wenigen Edlen erzeugt wird, deren Gemüt und Geist eben so viele Liebe und Freundschaft als Verehrung und Hochachtung verdienen.

Der Leser möge erlauben, daß von diesem jungen Freunde, den wir mit S. bezeichnen wollen, sowie von der Art, wie er zu dem genauen Umgang mit dem herrlichen Jüngling gelangte, so viel erwähnt werde, als des Folgenden wegen unumgänglich nötig ist.

Es war im Jahr 1780 in einer der öffentlichen Prüfungen, die – wie eingangs erwähnt worden – alljährlich in der Akademie in Gegenwart des Herzogs daselbst gehalten wurden und welche S. als ein angehender Tonkünstler um so eifriger besuchte, da meistens über den andern Tag eine vollstimmige, von den Zöglingen aufgeführte Musik die Prüfung beschloß, als er Schillern das erste Mal sah. Dieser war bei einer medizinischen, in lateinischer Sprache gehaltenen Disputation gegen einen Professor Opponent, und obwohl S. dessen Namen so wenig als seine übrigen Eigenschaften kannte, so machten doch die rötlichen Haare – die gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der Augen, wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während dem Sprechen, besonders aber die schön geformte Nase und der tiefe, kühne Adlerblick, der unter einer sehr vollen, breitgewölbten Stirne hervorleuchtete, einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. S. hatte den Jüngling unverwandt ins Auge gefaßt. Das ganze Sein und Wesen desselben zogen ihn dergestalt an und prägten den ganzen Auftritt ihm so tief ein, daß, wenn er Zeichner wäre, er noch heute – nach achtundvierzig Jahren – diese ganze Szene auf das lebendigste darstellen könnte.

Als S. nach der Prüfung den Zöglingen in den Speisesaal folgte, um Zuschauer ihrer Abendtafel zu sein, war es wieder derselbe Jüngling, mit welchem der Herzog auf das gnädigste sich unterhielt, den Arm auf dessen Stuhl lehnteund in dieser Stellung sehr lange mit ihm sprach. Schiller behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln, dasselbe Augenblinzeln wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde opponierte.

Als im Frühjahr 1781 die Räuber im Druck erschienen waren und besonders auf die junge Welt einen ungewöhnlichen Eindruck machten, ersuchte S. einen musikalischen, in der Akademie erzogenen Freund, ihn mit dem Verfasser bekannt zu machen. Sein Wunsch wurde gewährt, und S. hatte die Überraschung, in dem Dichter dieses Schauspiels denselben Jüngling zu erkennen, dessen erstes Erscheinen einen so tiefen Eindruck bei ihm zurückgelassen hatte.

Wie jeder Leser eines Buches sich von dem Autor desselben ein Bild seiner Person, Haltung, Stimme, seiner Sprache vormalt, so konnte es wohl nicht anders sein, als daß man sich in dem Verfasser der Räuber einen heftigen jungen Mann dachte, dessen Äußeres zwar schon den tiefempfindenden Dichter ankündige, bei welchem aber die Fülle der Gedanken, das Feuer seiner Ausdrücke sowie seine Ansichten der Weltverhältnisse alle Augenblicke in Ungebundenheit ausschweifen müsse.

Aber wie angenehm wurde diese vorgefaßte Meinung zerstreut!

Das seelenvollste, anspruchloseste Gesicht lächelte dem Kommenden freundlich entgegen. Die schmeichelhafte Anrede wurde nur ablehnend, mit der einnehmendsten Bescheidenheit erwidert. Im Gespräche nicht ein Wort, welches das zarteste Gefühl hätte beleidigen können.

Die Ansichten über alles, besonders aber Musik und Dichtkunst betreffend, ganz neu, ungewöhnlich, überzeugend und doch im höchsten Grade natürlich.

Die Äußerungen über die Werke anderer sehr treffend, aber dennoch voll Schonung und nie ohne Beweise.

Den Jahren nach Jüngling, dem Geiste nach reifer Mann, mußte man seinem Maßstabe beistimmen, den er an alleslegte und vor dem vieles, was bisher so groß schien, ins Kleine zusammenschrumpfte und manches, was als gewöhnlich beurteilt war, nun bedeutend wurde.

Das anfängliche blasse Aussehen, das im Verfolg des Gespräches in hohe Röte überging – die kranken Augen – die kunstlos zurückgelegten Haare, der blendend weiße, entblößte Hals gaben dem Dichter eine Bedeutung, die ebenso vorteilhaft gegen die Zierlichkeit der Gesellschaft abstach, als seine Aussprüche über ihre Reden erhaben waren.

Eine besondere Kunst lag jedoch in der Art, wie er die verschiedenen Materien aneinander zu knüpfen, sie so zu reihen wußte, daß eine aus der andern sich zu entwickeln schien, und trug wohl am meisten dazu bei, daß man den Zeiger der Uhr der Eile beschuldigte und die Möglichkeit des schnellen Verlaufes der Zeit nicht begreifen konnte.

Diese so äußerst reizende und anziehende Persönlichkeit, die nirgends etwas Scharfes oder Abstoßendes blicken ließ – Gespräche, welche den Zuhörer zu dem Dichter emporhoben, die jede Empfindung veredelten, jeden Gedanken verschönerten – Gesinnungen, die nichts als die reinste Güte ohne alle Schwäche verrieten – mußten von einem jungen Künstler, der mit einer lebhaften Empfänglichkeit begabt war, die ganze Seele gewinnen und der Bewunderung, die er schon früher für den Dichter hatte, noch die wärmste Anhänglichkeit für den Menschen beigesellen.

Auch Schiller schien mit seinem neuen Bekannten nicht unzufrieden; denn freiwillig lud er ihn ein, so oft zu ihm zu kommen, als er nur immer wolle. Diese Einladung wurde von S. so emsig benützt, daß während eines Jahres selten ein Tag verging, an dem er Schillern nicht gesehen oder auf kurze Zeit gesprochen hätte. Ein Vertrauen setzte sich zwischen beiden fest, das keinen Rückhalt kannte, und von dem die natürliche Folge war, daß die Verhältnisse Schillers sowie seine wahrhaft unglückliche Lage der unerschöpfliche Gegenstand ihrer Gespräche wurden. Auch schienbeiden der Plan, dem Herzog auf neutralem Boden zu schreiben, um so weniger des Tadels würdig, als Schiller durchaus nichts begangen, was ihm den Vorwurf eines schlechten Dieners seines Fürsten hätte zuziehen können, und er die zwei unerlaubten Ausflüge durch den ausgestandenen Arrest schon genug gebüßt zu haben glaubte. Außer S. machte Schiller auch seine älteste Schwester mit seinem Vorsatze bekannt, und anstatt, wie er befürchtete, von ihr Abmahnungen zu hören, glaubte sie, daß, weil ihm das gegebene Versprechen nicht erfüllt worden, jeder Schritt entschuldigt werden könne, den er, um sich von gänzlichem Verderben zu retten, unternehmen werde.

Ein Gefährte, mit dem die heimliche Reise zu unternehmen wäre und der die nötigen Anstalten dazu erleichtern könne, war schon in seinem Freunde S. vorhanden, der im Frühjahr 1783 eine Reise nach Hamburg antreten wollte, um daselbst bei dem berühmten Bach die Musik zu studieren, wozu ihm dort wohnende Anverwandte die beste Unterstützung versprochen hatten, und der es nun bei seiner Mutter dahin zu bringen wußte, diese Reise jetzt schon machen zu dürfen.

Dem Vater Schillers mußte die ganze Sache ein tiefes Geheimnis bleiben, damit er im schlimmsten Fall als Offizier sein Ehrenwort geben könne, von dem Vorhaben des Sohnes nichts gewußt zu haben. Was aber am meisten zur Beruhigung der Teilnehmenden beitrug, war der schöne Grundsatz des Herzogs, die Kinder nie wegen der Fehler der Eltern oder die Eltern wegen Vergehen der Kinder etwas entgelten zu lassen. Man hatte schon zu viele Beweise von dieser wahrhaft fürstlichen Großmut, als daß man in dem gegenwärtigen Falle nicht auch darauf hätte rechnen können. Nachdem alles zur Sache Gehörige zwischen beiden Freunden mit der Selbsttäuschung, die dem Jünglingsalter so ganz natürlich ist, überlegt war, als für mögliche, künftige Hindernisse, ihre Einbildungskraft sogleich Mittel wußte,um sie zu überwinden oder zu beseitigen, blieb der Entschluß Schillers unwiderruflich fest, indem er nur durch die Ausführung desselben hoffen konnte, seine Umstände in allen Teilen zu verbessern und eine Selbständigkeit zu erlangen, die er bis jetzt nur dem Namen nach kannte. Nun aber mußte er sich mit Anspannung aller Kräfte der Dichtung seines Fiesco widmen, indem die Reise nicht eher ausgeführt werden konnte, als bis dieser vollendet war, und er bisher – da er in seinem Innern zu keiner Ruhe gelangen konnte – außer dem Plan kaum die Hälfte von dem Stücke niedergeschrieben hatte. Die Gewißheit, was er tun wolle und, damit er dem Labyrinth entkomme, tun müsse, belebte seinen Mut wieder; seine gewöhnliche Heiterkeit kehrte zurück, und er gewann es über sich, alle Sorgen, alle Gedanken, die nicht seiner neuen Arbeit gewidmet waren, zu unterdrücken, indem er bloß für die Zukunft lebte, die Gegenwart aber nur insofern beachtete, als er ihr nicht ausweichen durfte.

Welch ein Vergnügen war es während dieser Beschäftigung für ihn, seinem jungen Freund einen Monolog oder einige Szenen, die er in der vorigen Nacht ausgearbeitet, vorlesen und sich über Abänderungen oder die weitere Ausführung besprechen zu können! Wie erheiterten sich seine von Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er erzählte, um wie viel er schon weiter gerückt sei, und wie er hoffen dürfe, sein Trauerspiel weit früher als er anfangs dachte, beendigt zu haben. Je geräuschvoller die Außenwelt war, um so mehr zog er sich in sein Inneres zurück, indem er an allem dem, was damals der Seltenheit wegen jedermann beschäftigte, nicht den geringsten Anteil nahm. Denn schon zu Anfang des Monats August wurden nicht nur in Stuttgart, Hohenheim, Ludwigsburg, auf der Solitüde etc., sondern auch in der ganzen Umgegend die größten Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten von Rußland (nachmaligen Kaisers Paul) und seiner Gemahlingemacht. Die Einwohner Württembergs waren stolz darauf, in der künftigen Kaiserin aller Reußen eine Nichte ihres Herzogs bewillkommnen zu können, die sie um so mehr liebten, als ihre Erscheinung Erinnerungen an ihre erhabenen Eltern hervorrief, die jedem württembergischen Herzen um so tiefer eingegraben blieben, als sie solche aus Scheu vor ihrem Regenten nicht zu zeigen wagen durften, und auch bei der verehrten Tochter die Gerüchte es zweifelhaft ließen, ob ihre Güte des Herzens, die Eigenschaften ihres Geistes oder ihre einnehmende Schönheit den Vorzug verdiene.

In der ersten Hälfte des Septembers trafen die hohen Reisenden zu Stuttgart ein, denen schon einige Tage früher die meisten benachbarten Fürsten und eine außerordentliche Menge Fremder vorausgeeilt waren, um den Festlichkeiten, welche für die allerhöchsten Gäste bereitet wurden, beiwohnen und die Prachtliebe des Herzogs wie nicht minder den Geschmack, mit dem er alles anzuordnen wußte, bewundern zu können. Die mit den schönsten, seltensten Pferden angefüllten Marställe sowie die dazu gehörigen Equipagen, boten Gelegenheit zu Auffahrten, die man damals wohl schwerlich irgendwo anders mit so großem Aufwand und so vielem Glanze sehen konnte. Aber wirklich ungeheuer groß waren die Anstalten, vermöge welcher man aus den vielen Jagdrevieren des Landes eine Anzahl von beinahe sechstausend Hirschen in einen nahe bei der Solitüde liegenden Wald zusammengetrieben hatte, die von einer Menge Bauern am Durchbrechen verhindert wurden, und zu welchem Zweck auch in der Nacht der ganze Umkreis des Waldes durch eine enge Kette von Wachtfeuern erleuchtet war. Nicht leicht konnte dem Großfürsten in einem andern Staat eine solche Anzahl von Wild beisammen gezeigt werden, und um das Vergnügen der Jagd zu erhöhen, waren die edlen Tiere bestimmt, eine steile Anhöhe hinaufgejagt und gezwungen zu werden, sich in einen See zu stürzen, in welchem sie, auseinem eigens dazu erbauten Lusthause, nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten.

In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen bei den Städtern immer hervorbringen, blieb unser Dichter ganz auf sich eingeschränkt und hatte zu Anfang des Septembers sein Trauerspiel so weit gebracht, daß er es beinahe für vollendet halten durfte, indem er die Auslassungen, die Abänderungen, welche etwa die Aufführung erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um so eher in wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte, als er schon während der Arbeit an das Nötige hierüber gedacht.

Unter den angekommenen Fremden befand sich auch Baron Dalberg, der einige Tage früher, als die Festlichkeiten ihren Anfang nahmen, eintraf, sowie die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater, die aus Stuttgart gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu erwähnen. Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame Meier, die er öfter sah. Die Ursachen dieses Schweigens waren keine anderen, als weil der Vorsatz, etwas zu wagen, viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen Erfolg – wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse – viel zu groß bei ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen Empfindung hätte aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt oder durch Beweise eines ungewissen Erfolges widerlegt zu werden.

Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so vermutete Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen ungeachtet nur darum keine Verwendung für ihn geschehen, weil er noch in herzoglichen Diensten stehe. Käme aber das Schlimmste, daß er diese Dienste verlassen müßte, so wäre es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den vielen Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größtenBereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe und Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er die gewisse Hoffnung, daß er dann als Theaterdichter in Mannheim angestellt und somit ein Ziel erreichen würde, welches er als das glücklichste und für ihn passendste anerkannte.

Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin hätte zwar die Äußerungen der Schmeichelei, der Güte, des Wohlwollens, womit Schiller bei seiner letzten Anwesenheit in Mannheim überschüttet worden, sehr leicht in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden, auflösen können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die sehnlichsten Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder an die Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen drohte. Das Beharren in dem jetzigen Zustande ließ allerdings den Regimentsdoktor, wie er vorher war, zernichtete aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens eröffnete Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten ließen.

Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch übrig, welche so geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß man unbemerkt eine Reise hätte antreten können. Schiller ging mit seinem Freund und Mad. Meier auf die Solitüde, um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen, besonders aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das genaueste unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu beruhigen. Der in der lachendsten Gegend fortlaufende Weg dahin wurde zu Fuß gemacht, welches die Gelegenheit bieten sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles erfahren zu können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder die Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere Fragen aus Furcht, erraten zu werden, nicht wohl gestellt werden konnten, so blieb die Zukunft in derselben Dämmerungwie bisher, und es war nichts übrig, als sich auf das Glück zu verlassen.

Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern befand sich nur die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. So freundlich auch die Hausfrau die Fremden empfing, so war es ihr doch nicht möglich, sich so zu bemeistern, daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre, mit der sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater Schillers ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche auf der Solitüde gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit so ganz an sich zog, daß sich der Sohn unvermerkt mit der Mutter entfernen und seine Freunde der Unterhaltung mit dem Vater überlassen konnte.

Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten Mann außer einer sehr schönen, großen Stirne wenig Ähnlichkeit mit seinen Sohne wahrnehmen zu können und auch in der klaren, bestimmten, durchaus scharfverständigen Sprache den Schwung und die milde Wärme zu vermissen, womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.

Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, aber – ohne seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! Konnte und durfte sie auch den vorhabenden Schritt als eine Notwehr ansehen, durch die er sein Dichtertalent, sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer unverschuldeten Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch das Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren zu müssen, und zwar aus Ursachen, die so unbedeutend waren, daß sie nach den damaligen Ansichten in jedem andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären. Und dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte, der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, die milde Denkweise eingesogen zu haben schien – er hatte ihr von jeher nichts als Freude gewährt; sie sahihn mit all den Eigenschaften begabt, die sie so oft, so inbrünstig von der Gottheit für ihn erfleht hatte! Und nun! – – – – – – – – – Wie schmerzhaft das Lebewohl von beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah man an den Gesichtszügen des Sohnes, sowie an seinen feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese einem gewöhnlichen, ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden Gespräche der Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.

Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September die große Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, prächtige Beleuchtung stattfinden solle. Zu Hause angelangt, wurde zwischen Schiller und S. alles, was ihre Reise betraf, noch um so eifriger besprochen, als keine Zeit mehr zu verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende sein würden. Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter den Stadttoren Soldaten treffen werde, denen er nicht so genau wie seinen alten Grenadieren bekannt sei, so wurde die Abreise auf den 17. September abends um neun Uhr festgesetzt.1

Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen lassen, seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., noch einige andere Dichter wurden nach und nach von S. weggebracht, so daß für die spätern Stunden nur wenig mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag sollte nach der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute ein. Allein er fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um acht Uhr in der Frühe von seinem letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause gekehrt war, fielen ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden vonKlopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich – jetzt in einem so entscheidenden Augenblick! – ein Gegenstück dichtete. Ungeachtet alles Drängens, alles Antreibens zur Eile mußte S. dennoch zuerst die Ode und dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem – gewiß weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund – der Schönheit der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, S. einen entschiedenen Vorzug gab. Eine geraume Zeit verging, ehe der Dichter von seinem Gegenstand abgelenkt, wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu der fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges Erinnern, daß nichts zurückgelassen werde. Erst am Nachmittag aber konnte alles in Ordnung gebracht werden, und abends neun Uhr kam Schiller in die Wohnung von S. mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.

Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte, wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit zerbrochenem Schloß, in den Wagen getan. Daß aber beide nur mit frommen Wünschen für Sicherheit und glückliches Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst. Der Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als bedeutend; denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke und anderer Sachen, die für unentbehrlich gehalten wurden, blieben Schillern noch dreiundzwanzig und S. noch achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber von der Hoffnung und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert wurden.

Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die nötige Summe bis Hamburg in Händen gehabt haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings, eine Entscheidung herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen, weil er fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommenungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr Schwierigkeit bei dem Herzog für die Gewährung seiner Bitten zu finden. Bis Mannheim wie auch für einige Tage Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen ausreichen, und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt werden.

Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt war, kam der schwere Kampf, den Schiller vor einigen Tagen bestanden, nun auch an S. – von seiner guten, frommen Mutter Abschied zu nehmen. Auch er war der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen ließen sich nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die unveränderlichste Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern auch die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen wieder zurück eintreffen und von der glücklich vollbrachten Reise Bericht geben zu wollen. Von Segenswünschen und Tränen begleitet, konnten die Freunde endlich um zehn Uhr nachts in den Wagen steigen und abfahren.

Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, weil dieses das dunkelste war und einer der bewährtesten Freunde Schillers – möchte ihm das Vergnügen gegönnt sein, diese Zeilen noch zu lesen – als Leutnant die Wache hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit ergäbe, diese durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden könne.

Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen Reisenden ein Paß abgefordert wurde. Nur S. hatte sich einen nach Hamburg geben lassen, welches aber nur der überflüssig scheinenden Vorsicht wegen geschah.

So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und so wenig sie eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch der Anruf der Schildwache – Halt! – Wer da! – Unteroffizier heraus! – einen unheimlichen Eindruck auf sie. Nach den Fragen: Wer sind die Herren? Wo wollen Sie hin? wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, undder seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen reisend, angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde nun geöffnet, die Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden Blicken in die Wachtstube des Offiziers, in der sie zwar kein Licht, aber beide Fenster weit offen sahen. Als sie außer dem Tore waren, glaubten sie einer großen Gefahr entronnen zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren könnte, wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um die Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige Worte unter ihnen gewechselt. Wie aber einmal die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten Ruhe und Unbefangenheit zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog sich nicht allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf die bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links von Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, und als der Wagen in die Linie der Solitüde kam, zeigte das daselbst auf einer bedeutenden Erhöhung liegende Schloß mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden sich in einem Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere Luft ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem Gefährten den Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald, wie von einem sympathetischen Strahl berührt, mit einem unterdrückten Seufzer ausrief: »Meine Mutter!«

Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, welche vor einigen Stunden auf das Ungewisse hin abgerissen wurden, nicht anders als wehmütig sein konnte. Andererseits war es aber wieder beruhigend, als gewiß voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von Festen außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden denke, folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht werden könne.

Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station Entzweihingen erreicht, wo gerastet werden mußte. Als derAuftrag für etwas Kaffee erteilt war, zog Schiller sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches Schubart in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch auf der Festung, wo er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchem dieser Gedichte fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren, und die keine nahe Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.

Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viele Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal auf dem Asperg besucht.

Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, und nach acht Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine kleine Pyramide angedeutete Grenze erreicht, die mit einer Freude betreten wurde, als ob rückwärts alles Lästige geblieben wäre und das ersehnte Eldorado bald erreicht sein würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt zu sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie mehr zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt Schillers zur gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme Gegend, das muntere Wesen und Treiben der rüstigen Einwohner wohl auch das ihrige beitrugen. »Sehen Sie,« rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!«

Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt wurde, verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum möglich schien, um zehn Uhr schon in Bretten angekommen zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister Pallavicini abgestiegen, etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen und über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren,allwo die Ankunft nach neun Uhr abends erfolgte. Da in Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit Eintritt der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und eine schlaflose Nacht um so erwünschter war.

Am 19. September waren die Reisenden des Morgens sehr früh geschäftig, um sich zu dem Eintritt in Mannheim vorzubereiten. Das Beste, was die Koffer faßten, wurde hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand sich eine Achtung zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine kranke Börse in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen beleben zu können, war keine Selbsttäuschung; denn wer hätte daran zweifeln mögen, daß eine Theaterdirektion, die schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus den Räubern gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des Dichters – das nicht nur für das große Publikum, sondern auch für den gebildeten Teil desselben berechnet war – gleichfalls aufzunehmen? Es ließ sich für gewiß erwarten – die Entscheidung des Herzogs möge nun gewährend oder verneinend ausfallen – daß noch in diesem Jahre Fiesco aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine freie Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange geborgen, daß er sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. Mit der Zuversicht, daß die nächsten vierzehn Tage schon diese Vermutungen in volle Gewißheit umwandeln müßten, wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und nach Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend eine Frage oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht war.

Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen wurde, war sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei sich zu sehen, wo er ihn in lauter Feste und Zerstreuungen versunken glaubte; aber seine Überraschung ging in Erstaunen über, als er vernahm, daß der junge Mann, dener so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe. Obwohl Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers in Mannheim von diesem selbst über sein mißbehagliches Leben und Treiben in Stuttgart unterrichtet war, so hatte er doch nicht geglaubt, daß diese Verhältnisse auf eine so gewagte und plötzliche Art abgerissen werden sollten. Als gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern Erklärungen Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte ihn nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog einzusenden und durch seine Bitte eine Aussöhnung bewirken zu wollen. Die Reisenden wurden von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte auch die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung, die in dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben war, aufnehmen zu lassen, wohin sogleich das Reisegeräte geschafft wurde.

Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer, um daselbst an seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen Stunden fertig war, las er den vorher nicht aufgesetzten, aber vortrefflich geschriebenen Brief den wartenden Freunden vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war:


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