Chapter 6

»Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das Studium, zu dem er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals habe treiben dürfen oder können, und er sich nur aus Gehorsam gegen den fürstlichen Willen, zuerst der Rechtswissenschaft und dann der Arzneikunde gewidmet habe. Er erinnerte den Herzog an die vielen und großen Gnaden, welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren, daß er ewig stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein Fürst habe ihn in seinem Herzen getragen. Dann setzte er erstens die Unmöglichkeit auseinander, mit seiner geringen Besoldung leben oder durch seinen Beruf als Arzt sich ein besseres Auskommen verschaffen zu können, indem die Anzahl der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein Anfängerzu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen, er auch von Haus nichts zuzusetzen habe.»Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine andern als medizinische Schriften drucken zu lassen, indem die Bekanntmachung seiner dichterischen Arbeiten allein imstande sei, seine Einnahme zu verbessern.»Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf kurze Zeit, eine Reise in das Ausland zu machen.»Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, wenn ihm das fürstliche Wort gegeben würde, daß seine eigenmächtige Entfernung verziehen sei und er keine Strafe dafür zu befürchten habe.«

»Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das Studium, zu dem er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals habe treiben dürfen oder können, und er sich nur aus Gehorsam gegen den fürstlichen Willen, zuerst der Rechtswissenschaft und dann der Arzneikunde gewidmet habe. Er erinnerte den Herzog an die vielen und großen Gnaden, welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren, daß er ewig stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein Fürst habe ihn in seinem Herzen getragen. Dann setzte er erstens die Unmöglichkeit auseinander, mit seiner geringen Besoldung leben oder durch seinen Beruf als Arzt sich ein besseres Auskommen verschaffen zu können, indem die Anzahl der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein Anfängerzu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen, er auch von Haus nichts zuzusetzen habe.

»Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine andern als medizinische Schriften drucken zu lassen, indem die Bekanntmachung seiner dichterischen Arbeiten allein imstande sei, seine Einnahme zu verbessern.

»Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf kurze Zeit, eine Reise in das Ausland zu machen.

»Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, wenn ihm das fürstliche Wort gegeben würde, daß seine eigenmächtige Entfernung verziehen sei und er keine Strafe dafür zu befürchten habe.«

Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, den General Augé, beigeschlossen und dieser ersucht, die vorgelegten Bitten nach seinen besten Kräften sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog unterstützen zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so wenig befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm seine Antwort durch die Adresse des Herrn Meier zukommen zu lassen. Obwohl letzterer über das wahrscheinliche Verfahren des Herzogs nicht so ruhig sein konnte als derjenige, den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit zugestehen, daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch aus Rücksicht gegen dessen Eltern vielleicht bewogen werden könne, von den gewöhnlichen Verfügungen für diesmal abzugehen und wenigstem einen Teil der Bitten zu bewilligen.

Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart wieder zu Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am 18. vormittags Schillers Verschwinden erfahren, daß jedermann davon spreche und allgemein vermutet werde, man würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung verlangen. Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogsdurch zu viele Proben habe kennen lernen, als daß er nur die geringste Gefahr befürchte, so lang' er den Willen zeige, wieder zurückzukommen.

Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht anklagen; eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man ihn auch nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei freiwilligem Abschiednehmen nachgesetzt wird.

Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich nirgends öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine Wohnung und das Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb. Für die Reisenden war es sehr angenehm, in der Hausfrau eine teilnehmende Landsmännin und sehr gebildete Freundin zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges oder künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen erklären.

Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in der Folge blieben diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste, wahrste Freunde, und Madame Meier bewies sich besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam und tätig wie eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat.

Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn Meier über das neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco gesprochen und desselben als einer Arbeit erwähnt, die den Räubern aus vielen Rücksichten vorzuziehen sei. Es ergab sich nun von selbst, daß der Dichter darum angegangen wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des Manuskriptes zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern gegenwärtig sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl unter allen Schauspielern sich keiner befand, der nicht im höchsten Grad auf die zweite Arbeit eines Jünglings begierig gewesen wäre, welcher sich schon durch seine erste auf eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendstenKünstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der Vorlesung des neuen Stücks beizuwohnen.

Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort von General Augé an Schiller ein, welche folgendes enthielt: »Der General habe den Wünschen Schillers entsprochen und sein Schreiben dem Herzog nicht nur vorgelegt, sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen zu lassen: da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.«

Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste erwähnte, um was Schiller zur Erleichterung seines Schicksals so dringend gebeten hatte, so schrieb er dem General augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung Sr. Durchlaucht unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift zu beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden, um den Herzog zur Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen.

Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt, was er zu hoffen oder zu fürchten habe, schrieb Schiller – was er schon am zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern getan – sogleich an einige Freunde, damit, wenn sie etwas erführen, was ihm schaden könnte, sie ihm doch alsobald Nachricht geben möchten, und sah den Antworten mit ebensoviel Unruhe als Neugierde entgegen.

Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels bestimmt, wozu sich gegen vier Uhr außer Iffland, Beil, Beck noch mehrere Schauspieler einfanden, die nicht Worte genug finden konnten, um ihre tiefe Verehrung gegen den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken, die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes hätten. Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch gesetzt hatten, schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählungder wirklichen Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden Personen voraus, worauf er dann zu lesen anfing.

Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler wie Iffland, Meier, Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches sagte, um so mehr neu und willkommen, als er noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang gehabt hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die vielen schönen Stellen sein würden, die schon in den ersten Szenen, sowie in den folgenden noch häufiger vorkommen, und sah nicht den Vorleser, sondern nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken, welche die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden.

Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch ohne das geringste Zeichen des Beifalls abgelesen, und er war kaum zu Ende, als Herr Beil sich entfernte und die übrigen sich von der Geschichte Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten unterhielten.

Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso aufmerksam wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen von Lob oder Beifall angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen von Obst, Trauben etc. herumgegeben wurden. Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug ein Bolzschießen vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien. Allein nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen, und außer den zum Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben, der sich erst um acht Uhr nachts entfernte.

Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich S. diese Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so vortreffliche Dichtung von denen am allerwenigsten erklären, die kaum vor einer Stunde die größte Bewunderung und Verehrung für Schiller ihm selbst bezeugt hatten, und es empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von Neid und Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß seinFreund jemals zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal bei solchen Leuten sehr beklagenswert sein müßte.

Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit gesetzt werden; denn als er eben im Begriff war, sich über die ungewöhnliche und beinahe verächtliche Behandlung Schillers bei Herrn Meier zu beklagen, zog ihn dieser in das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber geschrieben?«

Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln?

»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück geschrieben und er es nur unter seinem Namen herausgegeben? Oder hat ihm jemand anderer daran geholfen?«

Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will mit meinem Leben dafür bürgen, daß er die Räuber ganz allein geschrieben und ebenso auch für das Theater abgeändert hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles?

»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«

S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen, daß Fiesco weit regelmäßiger für die Bühne und darin alles vermieden sei, was an den Räubern mit Recht so scharf getadelt worden. Er müsse das neue Stück nur öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es gewiß ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen. Allein alle diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte um so mehr auf seiner Meinung, weil es ihm als einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse, aus einigen Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können, und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesco geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft und kann nun nichts mehrals lauter erbärmliches, schwülstiges, unsinniges Zeug hervorbringen.«

Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man nicht nur als einen vollgültigen Richter, sondern auch als einen solchen Freund Schillers ansehen durfte, dem an der guten Aufnahme des Stückes beinahe ebensoviel als dem Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so betäubenden Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick den Dienst versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm sprach? Hatte er auch recht gehört? Sollte er die Erwartungen Meiers zu hoch gespannt haben? Wäre es möglich, daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich gefunden, was andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun als schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit den andern verschworen, zum Untergang des Stücks und seines Verfassers mitzuwirken? Diese Fragen, durch das Unbegreifliche des Vorganges und der Äußerungen Meiers hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand sie um so quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte. Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter Verlegenheit zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand mehr eine Silbe. Schiller selbst war äußerst verstimmt und nahm mit seinem Gefährten zeitlich Abschied. Bei dem Weggehen ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das Manuskript da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme. Schiller bewilligte diese Bitte sehr gern.

Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die willkommenste Aufnahme erwartet hatte, wurde zu Hause nichts, und überhaupt sehr lange wenig gesprochen, bis sich Schiller endlich Luft machte und über den Neid, die Kabale, den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn er hier nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel nicht angenommen werde, er selbst als Schauspielerauftreten wolle, indem eigentlich doch niemand so deklamieren könne wie er. S. wollte dem mißlaunigen Freunde nicht geradezu widersprechen, gab ihm aber doch zu bedenken, in welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester, besonders aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten, daß er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei, da er selbst sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner Reise versprochen. Er erinnerte ihn an das Vorurteil, das man in Stuttgart gegen diesen Stand hege, wo man zwar dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich aber doch jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch mit Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim eintreffe, von dem allein die günstige Wendung seines Schicksals zu hoffen sei.

Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das über Fiesco und seinen Verfasser gefällt werden sollte, begab sich S. den andern Morgen ziemlich früh zu Herrn Meier, der ihn kaum ansichtig wurde, als er ausrief: »Sie haben recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück und weit besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert! Er sagt alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt: Er macht die Türe zu, oder ob es eine Hauptstelle seines Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!«

Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die Niedergeschlagenheit von S. in eine solche Freude, daß er, ohne Schillern zu entschuldigen oder die herabsetzende Meinung von dessen Ansprache und Deklamationsgabe widerlegen zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte, um dem Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht zu hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigenGestalten vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart, seine heftige Aussprache den schlechten Erfolg von gestern hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig verschwiegen, um sein ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen.

Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé auf das zweite Schreiben Schillers ein, welche aber von ganz gleichem Inhalt wie die erste war, nämlich: »Da Se. herzogliche Durchlaucht jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.« Allein Schiller konnte in keinem Fall wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit zugesichert, noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig Glänzendes sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von der Zukunft hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem ungewissen Schicksal entgegen zu gehen, als sich das frühere Joch wieder auflegen zu lassen, das ihm ohnehin schon den Nacken wund gerieben und in der Folge zuverlässig auf das Mark des Lebens eingedrungen sein würde.

Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß entschieden, daß er nicht mehr an seinen General schrieb, sondern dem Rate seiner Freunde folgte, sich auf einige Wochen zu entfernen, indem es doch möglich wäre, daß seine Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt würde, weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen worden und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen zum Militärstande gerechnet werden könne. Geschähe in einigen Wochen nichts gegen ihn, so wäre man beinahe versichert, seine Entweichung sei vergessen oder der Herzog werde seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm fragen.

Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte und seine Rückkehr ungewiß blieb, folglich für die Bestimmung Schillers nichts getan werden konnte, so wurde nach einem Aufenthalt von sechs oder sieben Tagen die Reise über Darmstadt nach Frankfurt am Main beschlossen, woauch die weiteren Nachrichten von Haus oder von Mannheim abgewartet werden konnten.

Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn das kleine Kapital, das jeder von Stuttgart mit sich nehmen konnte, war durch die Herreise, durch das Verweilen in Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der größten Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte. Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern um Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er nicht schreiben, um ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und seiner Mutter wollte er nicht den Kummer machen, sie wissen zu lassen, daß er jetzt schon Mangel leide, da sie gewiß geglaubt, er würde einem sehr behaglichen Zustand entgegengehen. Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig, aber so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen nach Frankfurt zu schicken, weil Schiller in Mannheim nichts bezogen habe, beide nur noch auf einige Tage mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen Umständen unmöglich verlassen könne.

Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame Meier und nur mit dem Unentbehrlichsten in den Taschen gingen die Reisenden nach Tisch über die Neckarbrücke von Mannheim ab, schlugen den Weg nach Sandhofen ein, blieben in einem Dorf über Nacht und gingen den andern Tag durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen. Sehr ermüdet von dem ungewohnten, zwölfstündigen Marsch begaben sie sich in einen Gasthof und waren sehr froh, nach einem guten Abendessen in reinlichen Betten ausruhen und sich durch Schlaf erholen zu können. Letzteres sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches Trommeln aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein sehr heftiges Feuer ausgebrochen. Sie horchten, als das schreckliche Getöse sich entfernt hatte, ob man nicht reiten,fahren oder schreien höre; sie öffneten die Fenster, ob sich keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb ruhig, und wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen. Am Morgen erkundigten sie sich bei dem Wirt, was das außerordentlich starke Trommeln in der Stadt zu bedeuten gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die Reveille!

Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand aber doch darauf, den sechs Stunden langen Weg nach Frankfurt noch heute zu gehen, damit er alsogleich nach Mannheim schreiben und sich die indessen an ihn eingelaufenen Briefe schicken lassen könne.

Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden ihre ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen versuchten und den Weg antraten. Langsam schritten sie vorwärts, rasteten aber schon nach einer Stunde, um sich in einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser geschüttet, abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr müde war, sich etwas ausruhen könne. Allein es war in dem Wirtshause zu lärmend, die Leute zu roh, als daß es über eine halbe Stunde auszuhalten gewesen wäre. Man machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in einigen Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit jeder Minute vermehrte sich seine Blässe, und als man in ein Wäldchen gelangte, in welchem seitwärts eine Stelle ausgehauen war, erklärte er, außerstande zu sein noch weiter zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich nach einigen Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges Gebüsch ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich auf den abgehauenen Stamm eines Baumes, ängstlich undbange nach dem armen Freund hinschauend, der nun doppelt unglücklich war.

In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit zugebracht, während der Kranke schlief, kann nur derjenige allein fühlen, der die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch gegenseitiger Gefälligkeiten, sondern auch durch das wirkliche mit Leiden und mit Tragen aller Widerwärtigkeiten kennt. Und hier mußte die innigste Teilnahme um so größer sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem das reinste Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all das Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er später so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten, düstern Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen, mit dem er gegen ein hartes, unverdientes Schicksal zu kämpfen suchte, und die wechselnde Gesichtsfarbe verriet, was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige. Das Ruheplätzchen lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links ein Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von niemand betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte sich plötzlich ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben Aufschlägen, dessen überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht man sich aus!« einen der in Frankfurt liegenden Werber vermuten ließ. Er näherte sich mit der Frage: »Wer sind die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch antwortete: »Reisende.«

Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den Fremden mit scharfem, verwundertem Blick, der sich nun auch, da er wohl merken mochte, daß hier für ihn nichts zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu sprechen, entfernte.

Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen? erfolgte zu seiner großen Beruhigung die Antwort: »Mir ist etwas besser, ich glaube, daß wir unsern Marsch wieder antreten können.« Er stand auf, durch den Schlaf soweit gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber doch ohne Beschwerde fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens trafman auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt noch auf eine kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte den Mut, es wurde etwas schneller gegangen, und ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich gebaute, merkwürdige Frankfurt, in welches man auch noch vor der Dämmerung eintrat.

Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen geschehen sollten, um so leichter verborgen zu sein, wurde die Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen bei einem Wirte der Mainbrücke gegenüber gewählt und mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und Verköstigung auf den Tag bedungen, damit man genau wisse, wie lange der geringe Geldvorrat noch ausreichen würde.

Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die vergönnte Ruhe und ein erquickender Schlaf gaben Schillern die nötigen Kräfte, daß er des andern Tages einige Briefe nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen befand sich auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser dieses dem Leser einen kleinen Schmerz ersparen, aber er muß es wissen, und bei diesem außerordentlichen, jetzt beinahe vergötterten Dichter, wiederholt bestätigt sehen, daß in Deutschland keinem großen Mann in seiner Jugend auf Rosen gebettet wird; daß – ist er nicht schon durch die Eltern mit Glücksgütern gesegnet – er die rauhesten, mit verwundenden Dornen belegten Wege betreten muß, und selten, leider äußerst selten, eine freundliche Hand sich findet, um ihm die Bahn gangbarer, um seiner Brust das Atmen leichter zu machen. Man überschlage den Brief nicht; denn er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen Augen geschrieben.

»Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim meine Lage bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte, erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht, sobald hab' ich mein ganzesSchicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten. Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E. unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei, sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.2»Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E. E. meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war, weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich jetzt vielleicht mehr alssonst durch mein ganzes Leben dessen benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.»Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein. Noch ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich habe also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen. Wenn E. E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl. vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, oder mit mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert meines Schauspiels bestimmen würde. In beiden Fällen würde es mir ein leichtes sein (wenn meine jetzige Bitte die alsdann erwachsende Summe überstiege) beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu applanieren. Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige Bitte sein darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.»Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug wird, so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden Vormalung meiner Not zu quälen.»Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu schreiben zu überheben.Mit entschiedener Achtung nenne ich michEuer Exzellenzwahrster VerehrerFriedr. Schiller.«

»Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim meine Lage bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte, erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht, sobald hab' ich mein ganzesSchicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten. Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E. unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei, sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.2

»Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E. E. meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war, weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich jetzt vielleicht mehr alssonst durch mein ganzes Leben dessen benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.

»Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein. Noch ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich habe also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen. Wenn E. E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl. vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, oder mit mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert meines Schauspiels bestimmen würde. In beiden Fällen würde es mir ein leichtes sein (wenn meine jetzige Bitte die alsdann erwachsende Summe überstiege) beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu applanieren. Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige Bitte sein darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.

»Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug wird, so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden Vormalung meiner Not zu quälen.

»Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu schreiben zu überheben.

Mit entschiedener Achtung nenne ich mich

Euer Exzellenz

wahrster Verehrer

Friedr. Schiller.«

Vorstehender am 29. oder 30. September3geschriebener Brief wurde an Herrn Meier überschickt und dieser in einer Beilage, nachdem ihm der Inhalt desselben bekannt gemacht worden, ersucht, sowohl die Antwort des Baron Dalberg entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu senden, wo man sie von der Post abholen wolle.

Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen, stolzen Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe ansprechen muß, die das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm dem Gemeinen, Niedrigen gleichstellt und für die der Reiche selten seine Hand öffnet. Aber die Bezahlung der 200 fl. nach Stuttgart war so dringend, daß der Ausdruck in seinem Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll – Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. Um die Pein, welche diese – wohl manchem sehr unbedeutend scheinende – Summe von 200 fl. dem edelmütigen Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur Warnung für angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze Auseinandersetzung erlaubt.

Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber auf seine Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen mußte. Dieses Borgen konnte aber nicht bei dem Darleiher selbst geschehen, sondern es verwendete sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine dritte Person dabei, welche die Bezahlung verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie mußte nachbezahlt werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen Zinsen eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, sich auf 200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, konnte er leicht den Rückzahlungstermin verlängern, da man an seinen Eltern, obwohl sie nicht reich waren, doch imschlimmsten Fall einige Sicherheit vermutete. Da jedoch durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben dichterischer Werke Schillern auf das strengste verboten war und er sich nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen 180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine solche Verlegenheit zu dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, viel beitragen, und er hatte auch in diesem Sinne vollkommen recht, wo er anführt: »Die Räuber kosteten mich Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und diese, da sie zur Zahlung unvermögend war, konnte in den Fall geraten, verhaftet zu werden, was dann demjenigen, der die Ursache davon war, das Herz zernagen mußte. Seine ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg gerichtet, und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen seiner Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe in dem Manuskripte von Fiesco schon in Händen hatte, konnte nicht im mindesten bezweifelt werden. Überdies war Baron Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte auch wegen des häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern durch die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen Herren für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines wahren Gönners und Beschützers der schönen Wissenschaften und Künste sich erworben.

Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last von seinem Herzen abgewälzt hatte, gewann er zum Teil auch seine frühere Heiterkeit wieder. Sein Auge wurde feuriger, seine Gespräche belebter, seine Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht wurde, um die Briefe nach Mannheim abzugeben, zerstreute ihn, da er das kaufmännische Gewühl, die ineinander greifende Tätigkeit so vieler hier zum erstenmal sah.Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke das tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- und auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, Sachsenhausen, sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen Oberfläche sich der heiterste Abendhimmel spiegelte. Lauter Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben und Bemerkungen hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand Bedeutung gab und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen wußte. Diese Zerstreuung hatte auf die Gesundheit Schillers so wohltätig eingewirkt, daß er wieder einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei Tagen gänzlich fehlte, und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische Pläne unterhalten konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein Körperliches dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen umschwebt schien. Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen geendet, als sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, daß sein Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage als mit einem neuen Entwurfe beschäftigt sei; denn er war so sehr in sich verloren, daß ihn selbst in der mit Recht so berühmten Bergstraße sein Reisegefährte auf jede reizende Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, als diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und er ungestört sich bewegen oder ruhen konnte. In solchen Stunden war er wie durch einen Krampf ganz in sich zurückgezogen und für die Außenwelt gar nicht vorhanden; daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern mit einer Art heiliger Scheu sich so still als möglich verhielt. Der nächste Vormittag wurde dazu verwendet, um die in der Geschichte Deutschlands so merkwürdige Stadtetwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte, zu besehen und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten derselben erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber urteile? Die Nachricht über das erste fiel so günstig aus und die Meinung der großen Welt wurde so außerordentlich schmeichelhaft geschildert, daß der Autor sich überraschen ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter vorgestellt worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er, der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, der Verfasser davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter messenden Blicken des Mannes ließ sich leicht abnehmen, wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß der so sanft und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er durch mancherlei Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, welches man so ziemlich als das allgemeine annehmen konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch dieser Auftritt sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie er damals war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so angenehmen Eindruck haben als die Anerkennung seines Talentes und die Gewißheit der Wirkung, von der alle seine Leser ergriffen worden.

Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag und Abend im Auf- und Niedergehen oder im Schreiben einiger Zeilen hin. Zum Sprechen gelangte er erst nach dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten erklärte, was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige.

Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und an das Lichtbringen der Geisteskinder gute oder schlimme Umstände ebenso vielen Einfluß wie bei den leiblichen äußern, so sei dem Leser schon jetzt vertraut, daß Schiller seit der Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein bürgerliches Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plandesselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und bestimmt vor seinem Geiste standen.

Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen Kabale und Liebe kennen, welches aber ursprünglich Luise Millerin hätte benannt werden sollen, wollte er mehr als einen Versuch unternehmen, ob er sich auch in die bürgerliche Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters oder gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er dachte so eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn Tagen schon ein bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben war.

Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post nach, ob keine Briefe für sie angelangt wären? Aber der Gang war fruchtlos, und da die Witterung trübe und regnerisch war, so mußte die Zuflucht wieder zur Stube genommen werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch einmal angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe.

Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes Zeichen, indem der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel oder durch den Postwagen übermacht werden müsse, was dann notwendig einige Tage mehr erfordern könne als ein bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er Schillern ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe von Baron Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle, ihm außer dem, was er jetzt schon besitze, noch mehr zu senden, damit er von hier aus die Reise nach Hamburg fortsetzen könne. Schiller sagte dieses sehr gern zu und versprach noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem ein junger Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben könne. Diese Hoffnungen, die von beiden Seiten noch durch viele Zutaten verschönert wurden, erheiterten den durch eine bessere Witterung begünstigten Spaziergang und störten auch abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er sich derselben,im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden ganz ruhig überließ.

Den nächsten Morgen gingen die Reisenden schon um neun Uhr aus, um die vielleicht in der Nacht an sie eingelaufenen Briefe abzuholen, die auch zu ihrer großen Freude wirklich eingetroffen waren. Sie eilten so schnell als möglich nach Haus, um den Inhalt derselben ungestört besprechen zu können, und waren kaum an der Tür ihrer Wohnung, als Schiller schon das anDr.Ritter überschriebene Paket erbrochen hatte. Er fand mehrere Briefe von seinen Freunden in Stuttgart, die sehr vieles über das außerordentliche Aufsehen meldeten, das sein Verschwinden veranlaßt habe, ihm die größte Vorsicht wegen seines Aufenthalts anrieten, aber doch nicht das mindeste aussprachen, woraus sich auf feindselige Absichten des Herzogs hätte schließen lassen. Alle diese Briefe wurden gemeinschaftlich gelesen, weil ihr Inhalt beide betraf und allerdings geeignet war, sie einzuschüchtern. Allein da sie in Sachsenhausen geborgen waren, so beruhigten sie sich um so leichter, da sie in dem Schreiben des Herrn Meier der angenehmsten Nachricht entgegen sahen. Schiller las dieses für sich allein und blickte dann gedankenvoll durch das Fenster, welches die Aussicht auf die Mainbrücke hatte. Er sprach lange kein Wort, und es ließ sich nur aus seinen verdüsterten Augen, aus der veränderten Gesichtsfarbe schließen, daß Herr Meier nichts Erfreuliches gemeldet habe. Nur nach und nach kam es zur Sprache, daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesco in dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei; daß die Umarbeitung erst geschehen sein müsse, bevor er sich weiter erklären könne.

Diese niederschlagende Nachricht mußte dem edlen Jüngling um so unerwarteter sein, je mehr er durch die ihm von Baron Dalberg bezeugte Teilnahme zu seiner Bitte und zur Hoffnung, daß sie erfüllt würde, berechtigt war. Am meisten mußte aber sein Ehrgeiz dadurch beleidigt sein, daß erseine traurige Lage ganz unnützerweise enthüllt und sich durch deren Darstellung der Willkür desjenigen preisgegeben, von dem er mit Recht Unterstützung erwartete.

Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen mit Mäßigkeit und Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen haben. Schiller aber bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüt; denn er ließ nicht die geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine Lippen, ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort, so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde hätte scheuen dürfen, seinen Unmut auszulassen. Er sann alsobald nur darauf, wie er dennoch zu seinem Zweck gelangen könne, oder was zuerst getan werden müsse. Da die Hoffnung geblieben war, daß, wenn Fiesco für das Theater brauchbar eingerichtet sei, derselbe angenommen und bezahlt würde, oder, wenn dieses auch nicht der Fall wäre, doch das Stück in Druck gegeben und dafür etwas eingenommen werden könne, so beschloß er in die Gegend von Mannheim zu gehen, weil es dort wohlfeiler als in Frankfurt zu leben sei, und auch um den Herren Schwan und Meier nahe zu sein, damit, wenn es auf die tiefste Stufe des Mangels kommen sollte, von diesen einige Hilfe erwartet werden könne. Er wäre sogleich dahin aufgebrochen, allein man war noch an Frankfurt gebannt, denn bei jedem Griff in den Beutel war schon sein Boden erreicht, und die durch S. von seiner Mutter erbetene Beihilfe war noch nicht angelangt. Bis diese eintreffe, mußte man hier aushalten, und um gegen die Möglichkeit, daß sie spät ankäme, oder vielleicht gar ausbliebe, doch einigermaßen gedeckt zu sein, entschloß sich Schiller ein ziemlich langes Gedicht, Teufel Amor betitelt, an einen Buchhändler zu verkaufen.

Dieses Gedicht, von dem sich der Verfasser dieses nur noch folgender zwei Verse:

»Süßer Amor, verweileIm melodischen Flug«

»Süßer Amor, verweileIm melodischen Flug«

mit Zuverlässigkeit erinnert, war eines der vollkommensten, die Schiller bisher gemacht und an schönen Bildern, Ausdruck und Harmonie der Sprache so hinreißend, daß er selbst – was bei seinen anderen Arbeiten nicht oft eintraf – ganz damit zufrieden schien und seinen jungen Freund mehrmals durch dessen Vorlesung erfreute. Leider ging es in den nächsten vier Wochen (wie der Leser später erfahren wird) mit noch andern Sachen, wahrscheinlich durch die Zerstreuung des Dichters selbst, in Verlust, indem sich in der von ihm herausgegebenen Sammlung seiner Gedichte keine Spur davon findet und das meiste davon der Bekanntmachung fast würdiger gewesen wäre als einige Stücke aus seiner frühern Zeit.

Von dem Buchhändler kam Schiller aber ganz mißmutig wieder zurück, indem er fünfundzwanzig Gulden dafür verlangte, jener jedoch nur achtzehn geben wollte. So benötigt er aber auch dieser kleinen Summe war, konnte er es doch nicht über sich gewinnen, diese Arbeit unter dem einmal ausgesprochenen Preise wegzugeben, und zwar sowohl aus herzlicher Verachtung gegen alle Knickerei als auch, weil er den Wert des Gedichtes selbst nicht gering achtete. Endlich, nachdem der Reichtum der geängstigten Freunde schon in kleine Scheidemünze sich umgewandelt hatte, kamen den nächsten Tag auf dem Postwagen die bescheidenen dreißig Gulden für S. an, der auch ohne das geringste Bedenken für jetzt seinen Plan nach Hamburg aufgab und bei Schillern blieb, um ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte zu begleiten. Dieser schrieb noch am nämlichen Abend an Herrn Meier, daß er den nächsten Vormittag nach Mainz abgehen, am folgenden Abend in Worms eintreffen werde, wo er auf der Post Nachricht erwarte, wohin er sich zu begeben habe, um ihn zu sprechen und den Ort zu bestimmen, in welchem er sein Trauerspiel ruhig umarbeiten könne. Gleich den andern Morgen begaben sich die Reisenden auf das von Frankfurt nach Mainz täglich abgehende Marktschiff, mit welchem siedes Nachmittags bei guter Zeit in letztbenannter Stadt anlangten, dort sogleich in einem Gasthofe das Wenige, was sie bei sich hatten, ablegten und noch ausgingen, um den Dom und die Stadt zu besichtigen.

Am nächsten Tage verließen sie Mainz sehr früh, wo sie, die Favorite vorbei, den herrlichen Anblick des Zusammentreffens vom Rhein- und Mainstrome bei der schönsten Morgenbeleuchtung genossen und den echt deutschen Eigensinn bewunderten, mit welchem beide Gewässer ihre Abneigung zur Vereinigung durch den scharfen Abschnitt ihrer bläulichen und gelben Farben bezeichneten.

Da man auf den Abend in Worms eintreffen wollte, so mußten die Wanderer als ungeübte Fußgänger sich ziemlich anstrengen, um den neun Stunden langen Weg zurückzulegen. Als noch am Vormittag Nierenstein erreicht wurde, konnten beide der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem in der Gegend wachsenden Wein, den sie nur aus den Lobeserhebungen der Dichter kannten, zu stärken, welches besonders Schiller, der von Mainz bis hierher nur wenige Worte gesprochen, sehr zu bedürfen schien. Sie traten in das zunächst am Rhein gelegene Wirtshaus und erhielten dort durch Bitten und Vorstellungen einen Schoppen oder ein Viertelmaß von dem besten ältesten Weine, der sich im Keller fand und der mit einem kleinen Taler bezahlt werden mußte.

Als Nichtkenner edler Weine schien es ihnen, daß bei diesem Getränk wie bei vielen berühmten Gegenständen der Ruf größer sei, als die Sache verdiene. Aber als sie ins Freie gelangten, als die Füße sich leichter hoben, der Sinn munterer wurde, die Zukunft ihre düstere Hülle etwas lüftete und man ihr mit mehr Mut als bisher entgegenzutreten wagte, glaubten sie einen wahren Herzenströster in ihm entdeckt zu haben, und ließen dem edlen Weine volle Gerechtigkeit angedeihen. Dieser angenehme Zustand erstreckte sich aber kaum über drei Stunden; denn so fest auch der Wille war, so sehr die Notwendigkeit zur Eile antrieb, so konnte Schillerdoch das anstrengende Gehen kaum bis in die Mitte des Nachmittags aushalten; was aber vorzüglich daher kommen mochte, weil er immer in Gedanken verloren war, und nichts so sehr ermüdet als tiefes Nachdenken, wenn der Körper in Bewegung ist. Man entschloß sich daher eine Station weit zu fahren, wodurch es allein möglich war, daß Worms um neun Uhr nachts erreicht wurde.

Am andern Morgen fand Schiller auf der Post einen Brief des Herrn Meier, worin dieser die Nachricht gab, daß er diesen Nachmittag mit seiner Frau in Oggersheim in dem Gasthause, zum Viehhof genannt, eintreffen wolle, wo er ihn zu sehen hoffe, um weitere Abrede mit ihm nehmen zu können. Die Reisenden begaben sich um so ruhiger auf den Weg, als sie hoffen durften, daß endlich aller Ungewißheit ein Ende sein würde, und trafen zur gesetzten Zeit in Oggersheim ein, wo sie auch schon Herrn und Madame Meier nebst zwei Verehrern des Dichters vorfanden.

Für Herrn Meier war es eine unangenehme, lästige Aufgabe, dem jungen Manne, den er als Dichter und Menschen gleich hoch achtete, die Ansichten des Baron Dalberg über Fiesco und warum er sich in keinen Vorschuß einlassen könne, auseinander zu setzen. Er wußte jedoch seinen Ausdrücken eine solche Wendung zu geben, daß sie keinen der beiden Gegenstände hart berührten, sondern alles so gelind als natürlich darstellten. Auch gab er die Versicherung, daß Fiesco unbezweifelt angenommen werde, sobald er um mehrere Szenen abgekürzt und der fünfte Akt ganz beendigt sei. Schiller benahm sich auch bei dieser Gelegenheit wahrhaft edel und weit über das Gewöhnliche erhaben; denn so sehr ihm aus oben berührten Rücksichten daran gelegen sein mußte, den Preis seines Stückes schon jetzt zu haben, so sehr er auch sein in den Baron Dalberg gesetztes Vertrauen nur durch Ausflüchte erwidert fand, so sprach er doch kein Wort, das irgend eine Art von Empfindlichkeit über die vereitelte Hoffnung hätte erraten lassen oder als Widerlegung derüber Fiesco gemachten Bemerkungen hätte ausgelegt werden können. Mit der freundlichen, männlichen Art, die im Umgang ihm ganz gewöhnlich war, leitete er das Gespräch darauf hin, den Ort zu bestimmen, wo er sich einige Wochen, als solange die Umarbeitung wohl dauern werde, ruhig und ohne Gefahr aufhalten könne. Aus vielen Ursachen wurde es am besten befunden, wenn er hier in Oggersheim bleibe. Dieses sei nur eine kleine Stunde von Mannheim entfernt, er könne, so oft er es nötig finde, des Abends in die Stadt kommen und wäre in der Nähe seiner Bekannten und Freunde wenigstens nicht ganz ohne Hilfe, wenn sich etwas Widriges ereignen sollte.

Da die von Madame Meier den Reisenden eingehändigten Briefe aus Stuttgart noch immer von Gefahr der Auslieferung sprachen und die möglichste Verborgenheit empfahlen, so wurde der Name Ritter, den Schiller bisher geführt, in Doktor Schmidt umgewandelt und er von den Anwesenden in Gegenwart des herbeigerufenen Wirtes also gleich mit diesem Titel angeredet. Auch hier wurde der Betrag für Kost und Wohnung auf den Tag bedungen und Madame Meier ersucht, die in Mannheim gebliebenen Koffer und das Klavier den Reisenden übermachen zu wollen. Der eintretende Abend schied die Gesellschaft. Die Freunde, nun wieder ganz auf sich eingeschränkt, begaben sich auf das ihnen angewiesene Zimmer, wo sie aber nur ein einziges Bett vorfanden, mit dem sie sich begnügen mußten.

Da man die täglichen Kosten des Aufenthaltes wußte, so ließ sich leicht berechnen, daß die Barschaft auf höchstens drei Wochen ausreichen könne, in welcher Zeit Schiller seine Arbeit zu beendigen hoffte. Allein es ließ sich leicht voraussehen, daß dieses nicht der Fall sein würde, indem er viel zu sehr mit seinem neuen Trauerspiel beschäftigt war und schon am ersten Abend in Oggersheim den Plan desselben aufzuzeichnen anfing. Gleich bei dem Entwurf desselben hatte er sich vorgenommen, die vorkommenden Charaktereden eigensten Persönlichkeiten der Mitglieder von der Mannheimer Bühne so anzupassen, daß jedes nicht nur in seinem gewöhnlichen Rollenfache sich bewegen, sondern auch ganz so wie im wirklichen Leben zeigen könne. Im voraus schon ergötzte er sich oft daran, wie Herr Beil den Musikus Miller so recht naiv-drollig darstellen werde und welche Wirkung solche komische Auftritte gegen die darauffolgenden tragischen auf die Zuschauer machen müßten. Da er die Werke Shakespeares nur gelesen, aber keines seiner Stücke hatte aufführen sehen, so konnte er auch noch nicht aus der Erfahrung wissen, wie viele Kunst von seiten des Darstellers dazu gehöre, um solchen Kontrasten das Scharfe, das Grelle zu benehmen, und wie klein die Anzahl derer im Publikum ist, welche die große Einsicht des Dichters oder die Selbstverleugnung des Schauspielers zu würdigen verstehen.

Er war so eifrig beschäftigt, alles das niederzuschreiben, was er bis jetzt darüber in Gedanken entworfen hatte, daß er während ganzer acht Tage nur auf Minuten das Zimmer verließ. Die langen Herbstabende wußte er für sein Nachdenken auf eine Art zu benützen, die demselben eben so förderlich als für ihn angenehm war. Denn schon in Stuttgart ließ sich immer wahrnehmen, daß er durch Anhören trauriger oder lebhafter Musik außer sich selbst versetzt wurde, und daß es nichts weniger als viele Kunst erforderte, durch passendes Spiel auf dem Klavier alle Affekte in ihm aufzureizen. Nun mit einer Arbeit beschäftigt, welche das Gefühl auf die schmerzhafteste Art erschüttern sollte, konnte ihm nichts erwünschter sein, als in seiner Wohnung das Mittel zu besitzen, das seine Begeisterung unterhalten oder das Zuströmen von Gedanken erleichtern könne.

Er machte daher meistens schon bei dem Mittagtische mit der bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an S.: »Werden Sie nicht heute abend wieder Klavier spielen?« – Wenn nun die Dämmerung eintrat, wurde sein Wunsch erfüllt, während dem er im Zimmer, das oft bloß durchdas Mondlicht beleuchtet war, mehrere Stunden auf und ab ging und nicht selten in unvernehmliche, begeisterte Laute ausbrach.

Auf diese Art verflossen einige Wochen, bis er dazu gelangte, über die bei Fiesco zu treffenden Veränderungen mit einigem Ernste nachzudenken; denn so lang er sich von den Hauptsachen seiner neuen Arbeit nicht loswinden konnte, so lange diese nicht entschieden vor ihm lagen, so lang er die Anzahl der vorkommenden Personen und wie sie verwendet werden sollten, nicht bestimmt hatte, war auch keine innere Ruhe möglich.

Erst nachdem er hierüber in Gewißheit war, konnte er die Anordnungen in dem frühern Trauerspiel beginnen, wobei er aber dennoch den Ausgang desselben vorläufig unentschieden lassen mußte. Daß dieser Ausgang nicht so sein dürfe, wie er durch die Geschichte angegeben wird, wo ihn ein unglücklicher Zufall herbeiführt, blieb für immer ausgemacht. Daß er tragisch, daß er der Würde des Ganzen angemessen sein müsse, war ebenso unzweifelhaft. Nur blieb die schwierige Frage zu lösen, wie, durch wen oder auf welche Art das Ende herbeizuführen sei? Schiller konnte hierüber so wenig mit sich einig werden, daß er sich vornahm, alles Frühere vorher auszuarbeiten, die Katastrophe durch nichts erraten zu lassen und obige Zweifel erst, wenn das übrige fertig wäre, zuletzt zu entscheiden.

Beinahe ein Monat war verflossen, und Fiesco noch immer nicht vollendet; ja wäre der Dichter nicht gezwungen gewesen, alles zu versuchen, um sich aus seiner Verlegenheit zu retten, so wäre dieses Stück sicher erst dann umgearbeitet worden, wenn er das bürgerliche Trauerspiel ganz fertig vor sich gesehen hätte.

Nur diejenigen, welche nicht selbst Fähigkeit zu Arbeiten haben, wobei Begeisterung und Einbildungskraft beinahe ausschließend tätig sein müssen, können diese Unentschlossenheit, diese Zögerungen Schillers eines Tadels würdig finden.Zu Werken des ruhigen Verstandes, der kalten Überlegung läßt sich der Geist leichter beherrschen, sogar öfters nötigen; da im Gegenteil Dichter oder Künstler auf den Augenblick warten müssen, wo ihnen die Muse erscheint, und diese, so freigebig sie auch gegen ihre Lieblinge ist, sich doch alsobald mit Sprödigkeit wegwendet, wenn die dargebotenen Gaben nicht augenblicklich erhascht werden. Aus diesen Gründen lassen sich bei einem Jüngling, dessen Trieb zur Dichtung so vorherrschend ist, daß alle übrigen Eigenschaften bloß diesem zu dienen bestimmt sind, Ideen, die sein Inneres aufgeregt haben, so wenig abwehren, daß, wenn er es auch versuchen wollte, sie doch immerdar den Hintergrund seiner Gedanken bilden würden und er nicht früher zur Ruhe gelangen könnte, bis er nicht wenigstens die Zeichnung entworfen hätte.

Daß Schiller unter diesen Hochbegünstigten Apollos einer der vorzüglichsten war, dafür spricht jede Zeile, die er niederschrieb. Aber auch ungerechnet die Verhinderungen, welche ihm sein eignes Talent in den Weg brachten, konnte die Ursache, wegen welcher er den Fiesco gerade jetzt beendigen mußte, für ihn nichts weniger als erfreulich sein. Denn so hoch er die Gaben des Himmels achtete, so gleichgültig war er gegen diejenigen, welche die Erde bietet, und es war gewiß nicht ermunternd, zur Erwerbung der letzteren sich gezwungen zu wissen. Der Aufenthalt in Oggersheim war in dem feuchten, trüben Oktobermonat gleichfalls nicht erheiternd.

Mochten auch die nach Mannheim und Frankenthal führenden Pappelalleen anfangs recht hübsch aussehen, so fand man doch bald, daß sie nur darum angepflanzt seien, um die flache, kahle, sandige Gegend zu verbergen; daher waren die Reisenden um so früher an der mageren Aussicht gesättigt, als sie von zarter Jugend an an die üppigen Umgebungen von Ludwigsburg und Stuttgart gewöhnt waren, wo, besonders bei letzterer Stadt, überall Gebirge das Augeerfreuen oder schon die ersten Schritte aus den Stadttoren in Gärten oder gut gepflegte Weinberge führen.

Im Hause selbst war der Wirt von rauher, harter Gemütsart, welche seine Frau und Tochter, die sehr sanft und freundlich waren, öfters auf die heftigste Art empfinden mußten. Nur der Kaufmann des Orts war ein Mann, mit dem sich über mancherlei Gegenstände sprechen ließ, da er ein sehr großer Freund von Büchern und, zu seinem nicht geringen Nachteil, ein wahrhaft ausübender Philosoph war. Wollte Schiller mit Meier oder Herrn Schwan sich unterreden, so konnte er nur um die Zeit der Dämmerung in die Stadt gehen, wo er dann über Nacht bleiben mußte und erst bei Anbruch des Tages zurückkehren konnte. S. war, was diesen Umstand betraf, viel freier, weil er für sich keine Gefahr befürchten zu dürfen glaubte. Er war manchen halben Tag daselbst, um Bekanntschaften anzuknüpfen, die ihm in der Folge sehr nützlich wurden.

Der Oktober nahte sich seinem Ende und mit diesem auch die Barschaft, welche beide mit hieher gebracht hatten. Es blieb kein anderes Mittel, als daß S. noch einmal nach Hause schrieb und seine Mutter bat, ihm den Rest des ihm nach Hamburg bestimmten Reisegeldes hieher zu schicken, indem er wahrscheinlich genötigt sein werde, in Mannheim zu bleiben, wenn sich das Schicksal Schillers nicht so vollständig verbessere, als beide erwarteten.

Endlich war in den ersten Tagen des Novembers das Trauerspiel Fiesco für das Theater umgearbeitet und ihm der Schluß gegeben worden, welcher der Geschichte, der Wahrscheinlichkeit am angemessensten schien. Man darf glauben, daß die letzten Szenen dem Dichter weit mehr Nachdenken kosteten als das ganze übrige Stück, und daß er den begangenen Fehler, die Art des Schlusses nicht genau vorher bestimmt zu haben, mit großer Mühe gut zu machen suchen mußte. Aber in welchen unruhigen Umständen befand sich der unglückliche Jüngling, als er dieses Trauerspiel entwarf!Und wie war die jetzige Zeit beschaffen, in welcher er ein Werk ausführen sollte, zu dem die ruhigste, heiterste Stimmung erfordert wird, die durch keine Bedrückung des täglichen Lebens, keine Beängstigung wegen der Zukunft gestört werden darf, wenn die Arbeit zur Vollkommenheit gebracht werden soll! Seine lebhafte, kühne Phantasie, sonst immer gewöhnt sich mit den Schwingen des Adlers in den höchsten Regionen zu wiegen, wie stark war diese von der traurigen Gegenwart niedergehalten! Mit welchen schweren bleiernen Gewichten zu dem Gemeinen, Niedrigen des Lebens herabgezogen! – In den verflossenen neun Jahren durfte er seinem leidenschaftlichen Hang zur Dichtkunst nur verstohlenerweise einige Minuten, höchstens Stunden opfern; denn er mußte Studien treiben und Geschäfte verrichten, die mit seinen Neigungen, seinem mit poetischen Bildern überfüllten Geist in dem härtesten Widerspruch standen; und es gehörten so reiche Anlagen wie er besaß dazu, um über die vielen stets sich erneuernden Kämpfe nicht in Wahnsinn zu verfallen, sowie sein weiches, zartes Gemüt, um sich allen Anforderungen zu fügen. Ohne eigne Erfahrung hätte er in späterer Zeit seinen poetischen Lebenslauf in der herrlichen Dichtung »Pegasus im Joche« unmöglich so getreu darstellen, so natürlich zeichnen können, daß derjenige, der mit seinen Verhältnissen vertraut war, recht wohl die Vorfälle deuten kann, auf die es sich bezieht. Laßt uns den Dichter wegen der Mängel, die sich in Fiesco, in Kabale und Liebe finden, nicht tadeln; vielmehr verdient es die höchste Bewunderung, daß er bei den ungünstigsten äußern Umständen die Kräfte seines Talentes noch so weit bemeistern konnte, um zwei Werke zu liefern, denen, um ihrer vielen und großen Schönheiten willen, die späte Nachwelt noch ihre Achtung nicht versagen wird.

Mit weit mehr Ruhe und Zufriedenheit als früher begab sich Schiller nach der Stadt, um Herrn Meier das fertige und ins Reine geschriebene Manuskript einzuhändigen.Da er alles geleistet, was der Gegenstand zuließ, oder von dem er hoffen konnte, daß es den Wünschen des Baron Dalberg sowie zugleich den Forderungen der Bühne angemessen sei, so glaubte er auch, daß seine Bedrängnisse bald beendigt sein würden und er das Leben auf einige Zeit mit frohem Mute werde genießen können. Es verging jedoch eine ganze Woche, ohne daß der Dichter eine Antwort erhielt, die ihm doch auf die nächsten Tage zugesagt worden. Um der Ungewißheit ein Ende zu machen, entschloß er sich an Baron Dalberg zu schreiben und sich noch einmal zu Herrn Meier zu begeben, um eine Auskunft über das, was er erwarten könne, zu erhalten.

Es war gegen die Mitte Novembers, als Schiller und S. des Abends bei Herrn Meier eintraten und diesen nebst seiner Gattin in größter Bestürzung fanden, weil kaum vor einer Stunde ein württembergischer Offizier bei ihnengewesensei, der sich angelegentlich nach Schillern erkundigt habe. Herr Meier hatte nichts gewisser vermutet, als daß dieser Offizier den Auftrag habe, Schillern zu verhaften, und demzufolge beteuert, daß er nicht wisse, wo dieser sich gegenwärtig befinde. Während dieser Erklärung klingelte die Haustür und man wußte in der Eile nichts Besseres zu tun, als Schiller mit S. in einem Kabinett, das eine Tapetentür hatte, zu verbergen. Der Eintretende war ein Bekannter vom Hause, der gleichfalls voll Bestürzung aussagte: er habe den Offizier auf dem Kaffeehause gesprochen, der nicht nur bei ihm, sondern auch bei mehreren Anwesenden sehr sorgfältig nach Schillern gefragt habe; allein er seinerseits hätte versichert, daß der Aufenthalt desselben jetzt ganz unbekannt wäre, indem er schon vor zwei Monaten nach Sachsen abgereist sei. Die Geflüchteten kamen aus ihrem Versteck hervor, um die Uniformsaufschläge und das Persönliche des Offiziers zu erforschen, weil es vielleicht auch einer von den Bekannten Schillers sein konnte; allein die Angaben über alles waren so abweichend, daß man unmöglich auf eine bestimmte Personraten konnte. Noch einigemal wiederholte sich dieselbe Szene durch neu Ankommende, die mit den andern voller Ängstlichkeit um die beiden Freunde waren, weil diese mit Sicherheit weder in der Stadt übernachten, noch auch nach Oggersheim zurückgehen konnten.

Wie aber der feine, gewandte Sinn des zarteren Geschlechtes allezeit noch Auswege findet, um Verlegenheiten zu entwirren, wenn die Männer – immer gewohnt nur starke Mittel anzuwenden – nicht mehr Rat zu schaffen wissen, so wurde auch jetzt von einem schönen Munde ganz unerwartet das Mittel zur Rettung ausgesprochen. Madame Curioni (mit Dank sei heute noch ihr Name genannt) erbot sich, Schillern und S. in dem Palais des Prinzen von Baden, über welches sie Aufsicht und Vollmacht hatte, nicht nur für heute, sondern solange zu verbergen, als noch eine Verfolgung zu befürchten wäre. Dieses mit der anmutigsten Güte gemachte Anerbieten wurde mit um so lebhafterer Erkenntlichkeit aufgenommen, da man daselbst am leichtesten unerkannt sein konnte und sich auch niemand in der Absicht, um jemand zu verhaften, in dieses Palais hätte wagen dürfen. Auf der Stelle wurden die nötigen Anstalten zur Aufnahme der verfolgt Geglaubten getroffen und sie dann sogleich dahin geleitet. Herr Meier hatte versprochen, am nächsten Morgen zum ersten Sekretär des Ministers Grafen von Oberndorf zu gehen, um diesen, da er ihn sehr gut kenne, zu fragen, ob der Offizier in Aufträgen an das Gouvernement hier gewesen sei?

Das Zimmer, welches den beiden Freunden als Zuflucht angewiesen worden, war sehr schön und geschmackvoll, mit Notwendigem sowie Überflüssigem ausgestattet. Unter den zahlreichen Kupferstichen, mit denen die Wände behangen waren, befanden sich auch die zwölf Schlachten Alexanders, von Lebrun, welche den Betrachtenden bis spät in die Nacht die angenehmste Unterhaltung gewährten. Gegen zehn Uhr des andern Morgens wagte sich S. aus dem Palais, umsich zu Herrn Meier zu begeben und zu vernehmen, ob etwas zu befürchten sei? Diesen aber hatten seine eignen Sorgen schon in aller Frühe zu dem Sekretär des Ministers getrieben, von dem er die Versicherung erhielt, daß der Offizier keine Aufträge an Graf Oberndorf gehabt und sich auch aus dem Meldezettel des Gastwirt ergebe, daß er schon gestern abend um sieben Uhr abgereist sei. Nach einigen kurzen Besuchen begab sich S. sogleich zu Schillern, um ihm diese beruhigende Kunde zu überbringen und ihn aus seinem schönen Gefängnis zu befreien, welches er auch sogleich verließ, um sich zu Herrn Meier zu verfügen.

Hier wurde nun die unsichere Lage des Dichters umständlich besprochen, welche der unnützen Angst von gestern ungeachtet, ebenso gefährlich für ihn selbst als für jeden, der Anteil an ihm nahm, beunruhigend schien. Schiller mußte zugeben, daß er für jetzt nicht in Mannheim verweilen könne, so willkommen es ihm auch gewesen wäre, für das Theater wirksam zu sein und zugleich durch Anschauung der aufgeführten Stücke seine Einsicht in das Mechanische der Bühne zu erweitern. Daher wurde mit allgemeiner Zustimmung seiner Freunde von ihm beschlossen, daß, sobald die Annahme seines Fiesco entschieden sei, er sich sogleich nach Sachsen begeben wolle. Daß er, aller etwa anzustellenden Nachforschungen ungeachtet, daselbst einen sichern, von allen Sorgen befreiten Aufenthalt finden könne, dafür hatte er glücklicherweise schon in Stuttgart Anstalten getroffen. Frau von Wolzogen, die ihn sehr hoch achtete, und deren Söhne mit ihm zugleich in der Akademie erzogen worden, hatte ihm, als er ihr nach seinem Arrest den Vorsatz, von Stuttgart entfliehen zu wollen, vertraute, feierlich zugesagt, ihn auf ihrem in der Nähe von Meiningen liegenden Gute – Bauerbach – solange wohnen und mit allem Nötigen versehen zu lassen, als er von dem Herzog eine Verfolgung zu befürchten habe. Dieses in einer guten Stunde erhaltene Versprechen wollte jetzt Schiller benützen und schrieb sogleich an diese Dame nachStuttgart, wo sie sich aufhielt, um die nötigen Vollmachten, damit er in Bauerbach aufgenommen werde.

Gegen Ende Novembers erfolgte endlich die Entscheidung des Baron Dalberg über Fiesco, welche ganz kurz besagte: »Daß dieses Trauerspiel auch in der vorliegenden Umarbeitung nicht brauchbar sei, folglich dasselbe auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne.«

So zerschmetternd für Schiller ein Ausspruch sein mußte, der die Hoffnung, das quälende, seine schönsten Augenblicke verpestende Gespenst einer kaum des Namens werten Schuld von sich zu entfernen, auf lange Zeit zerriß – so sehr er es auch bereute, daß er sich durch täuschende Versprechungen, durch schmeichelnde, leere, glatte, hohle Worte hatte aufreizen lassen, von Stuttgart zu entfliehen – so ungewöhnlich es ihm scheinen mochte, daß man ihn zur Umarbeitung seines Stückes verleitet, die ihm nahe an zwei Monate Zeit gekostet, all sein Geld aufzehrte und ihn noch in neue Schulden versetzte, ohne ihn auf eine entsprechende Art dafür zu entschädigen oder auch nur anzugeben, worin denn die Unbrauchbarkeit dieses Trauerspiels bestehe – so sehr dieses alles sein großmütiges Herz zernagte, so war er dennoch viel zu edel, viel zu stolz, als daß er sein Gefühl für eine solche Behandlung hätte erraten lassen. Er begnügte sich gegen Herrn Meier, der ihm diese abweisende Entscheidung einhändigen mußte, zu äußern: er habe es sehr zu bedauern, daß er nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist sei.

Um jedoch den Leser zu versichern, daß die Mitglieder des Theaterausschusses, denen Fiesco zur Prüfung vorgelegt worden, die Meinung ihres Chefs nicht völlig teilten, werde schon jetzt das Votum eines derselben, das Schiller ein Jahr später in dem Protokoll des Theaters fand, angeführt.


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