»Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige Wirkung zu versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit und Wahrheit der Dichtung von so ausgezeichneter Größe,daß die Intendanz hiemit ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste eine Gratifikation von acht Louisdor verabfolgen zu lassen.«Unterzeichnet war: Iffland.
»Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige Wirkung zu versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit und Wahrheit der Dichtung von so ausgezeichneter Größe,daß die Intendanz hiemit ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste eine Gratifikation von acht Louisdor verabfolgen zu lassen.«
Unterzeichnet war: Iffland.
Allein Se. Exzellenz Freiherr von Dalberg konnten diesem Gutachten, das noch heute Iffland die größte Ehre bringt, ihren Beifall nicht schenken, sondern entließen den Dichter eben so leer in Börse und Hoffnung aus Mannheim, wie er vor zwei Monaten daselbst angekommen war.
Das nächste, das einzige und letzte, was nun zu tun war, unternahm Schiller sogleich, indem er zu Herrn Schwan ging und ihm Fiesco für den Druck anbot. Herr Schwan, der als Gelehrter und Buchhändler den Ruf eines vortrefflichen Mannes mit vollem Rechte genoß, übernahm dieses Stück mit großer Bereitwilligkeit und bedauerte nur, als er es durchlesen, daß er die vortreffliche Dichtung nicht höher als den gedruckten Bogen mit einem Louisdor honorieren könne, da ihm durch die überall lauernden Nachdrucker kein anderer Gewinn übrig bleibe, als den er von dem ersten Verkauf ziehe.
Was Schillern aber unter allen diesen Widerwärtigkeiten am schmerzlichsten fiel, war der Gedanke, daß er seinen Freund S. in sein böses Schicksal mit verflochten, indem dieser all das Geld, das er zu der vorgehabten Reise nach Hamburg hätte verwenden sollen, in der Hoffnung, daß der Dichter in Mannheim reichliche Unterstützung finden müsse, aufgeopfert hatte, und nun an keinen Ersatz zu denken war. Schon im August hätte S. nach Wien reisen sollen, wo ihn eine Aufnahme erwartete, die ihn zwar jeder Sorge für seine Bedürfnisse überhoben, aber in seiner Kunst nicht weiter gefördert hätte. Er zog es also vor, seine jungen Jahre nicht müßig zu vergeuden, sondern lieber nach Hamburg zu gehen, um, wenn es auch mit den größten Entbehrungen geschehen müßte, sich in der Musik so viel als möglich auszubilden; worinihm auch Schiller, dem er diese Sache schon früher vertraut hatte, vollkommen beistimmte. Nun konnte S. weder in den einen noch in den andern Ort gelangen, indem seine Mutter nicht wohlhabend genug war, um ihm sogleich wieder neue Hilfe zukommen zu lassen. Nach allen Meinungen schien es das beste zu sein, daß er vorderhand in Mannheim bleibe, weil noch mehrere Mitglieder der kurfürstlichen Kapelle daselbst wohnten, deren Unterricht oder Beispiel er benützen konnte, wozu die Herren Schwan, Meier und seine Freunde alles beizutragen versprachen. S. ergab sich in das, was vorläufig nicht zu ändern war, viel williger, als daß er jetzt schon in die Stadt ziehen und Schillern noch acht bis zehn Tage in Oggersheim allein lassen sollte. Allein es mußte sein. Beide hatten sich aufgezehrt; im Gasthof war es zu teuer, und ihre Not war schon so groß geworden, daß der Dichter seine Uhr verkaufen mußte, um nicht zu vieles schuldig zu bleiben. Die letzten vierzehn Tage mußte man aber dennoch auf Borg leben, wo man dann auf der schwarzen Wirtstafel recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen konnte, was die Herren Schmidt und Wolf täglich verbraucht hatten.
Der arme Dichter erhielt für Fiesco gerade so viel, um besagte Kreidenstriche auslöschen zu lassen, um einige unentbehrliche Sachen für den Winter anzuschaffen und um seine Reise bis Bauerbach ohne Furcht vor neuem Mangel bestreiten zu können. Der Antritt dieser Reise war auf den letzten November bestimmt. Da Schiller mit dem Postwagen über Frankfurt, Gelnhausen usw. nach Meiningen gehen, sich aber auf der Post in Mannheim nicht zeigen wollte, so kam Herr Meier mit ihm überein, ihn mit S. und einigen Freunden in Oggersheim abzuholen und von da nach Worms zu bringen, wo er dann den nächsten Tag mit dem Postwagen abfahren könne.
An dem bestimmten Tage fuhren die Freunde nach Oggersheim, wo sie Schiller gerade beschäftigt fanden, seine wenige Wäsche, seine Kleidungsstücke, einige Bücher undSchriften in einen großen Mantelsack zu packen. Bei einer Flasche Wein, die er reichen ließ, wurde alles besprochen, was ihn über die Zukunft beruhigen oder seine Munterkeit befördern könnte. Allein bei ihm war dies gar nicht so nötig, als wohl bei den meisten Menschen, denen ihre Hoffnungen fehlschlagen, der Fall ist. Nur die Erwartung, die Ungewißheit einer Sache hatte für sein Gemüt etwas Unangenehmes, Beunruhigendes. Sowie aber einmal die Entscheidung eingetreten war, zeigte er all den Mut, den ein wackerer Mann braucht, um Herr über sich zu bleiben. Er übte – was wenige Dichter tun – seine ausgesprochenen Grundsätze redlich aus und befolgte den Vorsatz des Karl Moor »die Qual erlahme an meinem Stolze« bei Umständen, in welchen jeden andern die Kraft verlassen hätte.
Von Oggersheim brach die Gesellschaft bei einer starken Kälte und tiefliegendem Schnee nach Worms auf, wo sie gerade noch zur rechten Zeit ankam, um in dem Posthause, wo sie abgestiegen waren, von einer wandernden Truppe Ariadne auf Naxos spielen zu sehen. Daß die Aufführung ebenso ärmlich als lächerlich sein mußte, ergibt sich schon daraus, daß an dem Schiffe, welches den Theseus abzuholen erschien, zwei Kanonen gemalt waren, und daß der Donner, durch welchen Ariadne vom Felsen geschleudert wird, mittels eines Sackes voll Kartoffeln, die man in einen großen Zuber ausschüttete, hervorgebracht wurde. Meier und seine Freunde fanden hier eine reiche Ernte für ihre Lust alles zu belachen und zu verspotten. Schiller aber sah mit ernstem, tiefem Blick und so ganz in sich verloren auf das Theater, als ob er nie etwas Ähnliches gesehen hätte oder es zum letztenmal sehen sollte. Auch nach beendigtem Melodram konnten die Bemerkungen der andern ihm kaum ein Lächeln entlocken; denn man sah es ihm an, daß er nicht gerne aus der Stimmung trete, die sich seiner bemächtigt hatte.
Das Nachtessen, bei dem auch Liebfrauenmilch nicht fehlte, machte ihn jedoch etwas heiterer, so daß man endlich ganzwohlgemut aufbrechen konnte, um nach Mannheim zurückzukehren und dem allen wert gewordenen Dichter das Lebewohl zu sagen. Meier und die andern schieden sehr unbefangen und redselig.
Allein was konnten Schiller und sein Freund sich sagen? – Kein Wort kam über ihre Lippen – keine Umarmung wurde gewechselt; aber ein starker, lang dauernder Händedruck war bedeutender als alles, was sie hätten aussprechen können!
Die zahlreich verflossenen Jahre konnten jedoch bei dem Freunde die wehmütige Erinnerung an diesen Abschied nicht auslöschen; und noch heute erfüllt es ihn mit Trauer, wenn er an den Augenblick zurückdenkt, in welchem er ein wahrhaft königliches Herz, Deutschland edelsten Dichter, allein und im Unglück hatte zurücklassen müssen!
Die außerordentlich strenge Kälte, welche in den ersten Tagen des Dezembers herrschte, ließ um so weniger für den Dichter eine angenehme Reise erwarten, da er ohne schützende Kleidung, nur mit einem leichten Überrocke versehen, einige Tage und Nächte auf dem Postwagen zubringen mußte, dessen (damaliger) Schneckengang selbst in einer bessern Jahreszeit die Stunden zu Tagen ausdehnte.
Seine Freunde beklagten ihn sehr, und ihre zu spät erwachte Gutmütigkeit erinnerte sich jetzt an manches Entbehrliche, womit ihm die rauhe Witterung weniger empfindlich hätte gemacht werden können; und je mehr die Mittel hierzu sich fanden, um so ernstlicher wurde bedauert, daß man nicht früher daran gedacht oder deshalb gemahnt worden.
Ebenso natürlich war es auch, daß dieselben Menschen, welchen die Versprechungen, die Schillern gemacht worden, bekannt waren, und die ihm die Hoffnung, daß sie erfüllt würden, ganz unbezweifelt darstellten, jetzt auch ihren scharfen Tadel über seine Flucht äußerten und solche für ebenso leichtsinnig als unbegreiflich erklärten.
Daß er, um dem bisher erlittenen, unerträglichen Zwange zu entgehen, das Äußerste gewagt – daß er durchaus nicht Arzt, sondern Dichter sein wollte – daß er, um sich dem so reizend scheinenden Stande mit ganzer Kraft widmen zu können, eine sehr kümmerliche Besoldung aufgeben konnte, schien ebenso unüberlegt, als es wenige Kenntnis der Welt und ihrer Verhältnisse anzeigte.
Man berechnete sorgfältig den Reichtum berühmter Ärzte und verglich damit die Einkünfte deutscher Dichter, die, wenn sie auch den größten Ruhm sich erworben, dennoch in einer Lage waren, welche man wahrhaft ärmlich nennen konnte.
Auch fürchtete man, daß die Erwartungen, die Schiller durch sein erstes Schauspiel erregt, viel zu groß wären, als daß er dieselben durch nachfolgende Werke befriedigen oder seine Kräfte in gleicher Höhe erhalten könnte.
Der einzige, aber auch sehr warme Verteidiger unseres Dichters war Iffland, der, den Beruf zum Schauspieler in sich fühlend, in noch jungen Jahren bloß mit etlichen Talern in der Tasche und nur mit den am Leibe tragenden Kleidungsstücken versehen, seinem wohlhabenden Vater entfloh, um sich zu Ekhof zu begeben und in dessen Schule zu bilden. Iffland allein wußte die Lage Schillers gehörig zu würdigen, indem er aus eigner Erfahrung beurteilen konnte, wie unerträglich es ist, ein hervorstechendes, angebornes Talent unterdrücken, die herrlichsten Gaben vermodern lassen zu müssen und nur das gemeine Alltägliche tun zu sollen, oder gar durch Zwang zu dessen Ausübung angehalten zu werden. Nicht nur gab er dem mutigen Entschlusse Schillers seinen völligen Beifall, sondern machte auch mit dem ihm reichlich zu Gebote stehenden Witze den Kleinmut derer lächerlich, die es für ein Unglück halten, einige Meilen zu Fuß reisen zu müssen oder zur gewohnten Stunde keinen wohlbesetzten Tisch zu finden. Seine treffenden Bemerkungen ließen die Verhältnisse des Dichters in einem mehr heiterenLichte erscheinen. Vorläufig konnte man sich insofern beruhigen, als er doch auf einige Zeit wenigstens gegen Mangel oder Verfolgungen gesichert war.
Nur wurde nicht mit Unrecht bezweifelt, ob seine dramatischen Arbeiten in gänzlicher Abgeschiedenheit gefördert werden könnten, oder ob sein Geist, von allem erheiternden Umgang abgeschnitten und bei Entbehrung der nötigen Bücher, nicht in kurzer Zeit abgestumpft würde. Sein tiefes Gefühl, seine frische, jugendliche Kraft ließen letzteres zwar nicht so bald befürchten; indessen vereinigten sich doch alle Wünsche dahin, daß ein glücklicher Zufall eintreten und für ihn die günstigsten Umstände herbeiführen möchte.
Seine Freunde waren auf die Nachrichten von seiner Ankunft sehr gespannt und wurden durch nachstehenden Brief an S. vollkommen beruhigt.
Bauerbach, den 8. Dezember 1782.Liebster Freund!Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, daß ich einmal am Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche; keine Bedürfnisse ängstigen mich mehr, kein Querstrich von außen soll meine dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen stören.Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und alle diese Sachen werden von den Leuten des Dorfes auf das vollkommenste und willigste besorgt. Ich kam abends hieher – Sie müssen wissen, daß es von Frankfurt aus 45 Stunden hieher war – zeigte meine Briefe auf und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt, wo man alles aufgeputzt, eingeheizt und schon Betten hergeschafft hatte. Gegenwärtig kann und will ich keine Bekanntschaften machen, weil ich entsetzlich viel zu arbeiten habe. Die Ostermesse mag sich Angst darauf sein lassen.Schreiben Sie mir doch, wo Sie gesonnen sind zu bleiben. Halten Sie sich, wenn Sie zu Mannheim bleiben, nur immer fleißig an Schwan, Meier und meine Freunde. Besser Sie bleiben aber nicht dort und verfolgen Ihren ersten Anschlag, der mir immer der vernünftigste schien.Was Sie tun, lieber Freund, behalten Sie diese praktische Wahrheit vor Augen, die Ihren unerfahrnen Freund nur zu viel gekostet hat: Wenn man die Menschen braucht, so muß man ein H...t werden oder sich ihnen unentbehrlich machen. Eines von beiden oder man sinkt unter.Wenn Sie Ursache hätten nicht nach Wien zu gehen, so könnte ich Ihnen allenfalls einen anderen Ausweg anraten, der mir von mehreren Seiten besehen, nicht gar verwerflich scheint. Sie sind jung, weit genug in Ihrer Kunst, um brauchbar zu sein, halten Sie sich an einen Meister in einer großen Stadt, von dem Sie wissen, daß er viele Geschäfte hat, lassen Sie sich auch zu dem Handwerksmäßigen Ihrer Kunst herab, machen Sie sich ihm nützlich, so finden Sie erstlich Gelegenheit den Mann zu studieren, finden Brot, und wenn Sie weggehen Empfehlung. Der große Titian war Raffaels Farbenreiber. Weit gefehlt, daß ihm das schimpflich wäre, macht es seinem Namen nur desto größere Ehre.Empfehlen Sie mich bei Schwan, Meier, Cranz, Gern, Derain, dem Steinschen Hause, auch auf dem Viehhof. Schreiben Sie mir, was sich von dem Offizier, der mich aufsuchte, bestätigt hat.Noch etwas: bei dem neulichen schnellen Aufbruche von Oggersheim haben wir beide vergessen, die Zeche im Viehhof zu bezahlen. Ich will nicht haben, daß Sie in Schaden dabei kommen. Sie werden also, weil das Geld zu wenig beträgt, um 65 Stunden geschickt zu werden, eine Anweisung dafür und für andere abgelegte Kleinigkeiten an Schwan bekommen, der mir, weil Fiesco gewiß mehr als 10 Bogen stark wird, noch Geld herauszahlen wird.Jetzt muß ich eilen, das ist bereits der fünfte Brief, und wenigstens noch soviel hab' ich zu schreiben.Leben Sie recht wohl, lieber Freund, vergessen Sie mich nicht und sein Sie vollkommen versichert, daß ich tätig an Sie denken werde, sobald sich meine Aussichten verschönern, welches, wie ich hoffe, nicht lange mehr anstehen soll. Noch einmal leben Sie recht wohl. Wenn Sie mir schreiben, legen Sie den Brief bei Schwan oder Meier nieder.Ohne Veränderung ihr aufrichtigsterSchiller.
Bauerbach, den 8. Dezember 1782.
Liebster Freund!
Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, daß ich einmal am Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche; keine Bedürfnisse ängstigen mich mehr, kein Querstrich von außen soll meine dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen stören.
Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und alle diese Sachen werden von den Leuten des Dorfes auf das vollkommenste und willigste besorgt. Ich kam abends hieher – Sie müssen wissen, daß es von Frankfurt aus 45 Stunden hieher war – zeigte meine Briefe auf und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt, wo man alles aufgeputzt, eingeheizt und schon Betten hergeschafft hatte. Gegenwärtig kann und will ich keine Bekanntschaften machen, weil ich entsetzlich viel zu arbeiten habe. Die Ostermesse mag sich Angst darauf sein lassen.
Schreiben Sie mir doch, wo Sie gesonnen sind zu bleiben. Halten Sie sich, wenn Sie zu Mannheim bleiben, nur immer fleißig an Schwan, Meier und meine Freunde. Besser Sie bleiben aber nicht dort und verfolgen Ihren ersten Anschlag, der mir immer der vernünftigste schien.
Was Sie tun, lieber Freund, behalten Sie diese praktische Wahrheit vor Augen, die Ihren unerfahrnen Freund nur zu viel gekostet hat: Wenn man die Menschen braucht, so muß man ein H...t werden oder sich ihnen unentbehrlich machen. Eines von beiden oder man sinkt unter.
Wenn Sie Ursache hätten nicht nach Wien zu gehen, so könnte ich Ihnen allenfalls einen anderen Ausweg anraten, der mir von mehreren Seiten besehen, nicht gar verwerflich scheint. Sie sind jung, weit genug in Ihrer Kunst, um brauchbar zu sein, halten Sie sich an einen Meister in einer großen Stadt, von dem Sie wissen, daß er viele Geschäfte hat, lassen Sie sich auch zu dem Handwerksmäßigen Ihrer Kunst herab, machen Sie sich ihm nützlich, so finden Sie erstlich Gelegenheit den Mann zu studieren, finden Brot, und wenn Sie weggehen Empfehlung. Der große Titian war Raffaels Farbenreiber. Weit gefehlt, daß ihm das schimpflich wäre, macht es seinem Namen nur desto größere Ehre.
Empfehlen Sie mich bei Schwan, Meier, Cranz, Gern, Derain, dem Steinschen Hause, auch auf dem Viehhof. Schreiben Sie mir, was sich von dem Offizier, der mich aufsuchte, bestätigt hat.
Noch etwas: bei dem neulichen schnellen Aufbruche von Oggersheim haben wir beide vergessen, die Zeche im Viehhof zu bezahlen. Ich will nicht haben, daß Sie in Schaden dabei kommen. Sie werden also, weil das Geld zu wenig beträgt, um 65 Stunden geschickt zu werden, eine Anweisung dafür und für andere abgelegte Kleinigkeiten an Schwan bekommen, der mir, weil Fiesco gewiß mehr als 10 Bogen stark wird, noch Geld herauszahlen wird.
Jetzt muß ich eilen, das ist bereits der fünfte Brief, und wenigstens noch soviel hab' ich zu schreiben.
Leben Sie recht wohl, lieber Freund, vergessen Sie mich nicht und sein Sie vollkommen versichert, daß ich tätig an Sie denken werde, sobald sich meine Aussichten verschönern, welches, wie ich hoffe, nicht lange mehr anstehen soll. Noch einmal leben Sie recht wohl. Wenn Sie mir schreiben, legen Sie den Brief bei Schwan oder Meier nieder.
Ohne Veränderung ihr aufrichtigster
Schiller.
Da wir jetzt unseren so lang in ängstlichen Sorgen und Ungewißheit lebenden Dichter geborgen wissen und, nach seinen eignen Äußerungen, mit seinen Lieblingsarbeiten und in einer Idyllenwelt lebend vermuten dürfen, so sei es erlaubt, die Personen, denen er empfohlen zu sein wünscht, dem Leser etwas näher bekannt zu machen und mit einer kurzen Erklärung vorzustellen. Die Herren Schwan und Meier sind schon früher erwähnt worden. Herr Cranz – damals auf Kosten des Herzogs von Weimar in Mannheim, um sich bei Fräntzel auf der Violine und bei Holzbauer in der Komposition auszubilden – war bei Herrn Meier Kostgänger, sah also Schiller sehr oft daselbst, der ihn auch wegen seines biederen, obwohl sehr trockenen Charakters wohl leiden mochte. Herr Gern, der ältere, war ein braver, überall brauchbarer Schauspieler sowie ein ausgezeichnet guter Baßsänger. Er betrat in Mannheim zuerst die Bühne, war täglich im Meierschen Hause und wurde dann später auf das Theater nach Berlin berufen.
In dem kleinen Oggersheim war Herr Derain der einzige Kaufmann, welcher sich aber weit mehr mit Politik, Literatur, besonders aber mit Aufklärung des Landvolkes als mit dem Vertrieb seiner Waren beschäftigte.
Seinen Eifer für das Wohl der Landleute, die bei ihm Zucker, Kaffee, Gewürz oder andere entbehrliche Sachen kaufenwollten, trieb er so weit, daß er ihnen oft recht dringend vorstellte, wie schädlich diese Dinge sowohl ihnen als ihren Kindern seien, und daß sie weit klüger handeln würden, sich an diejenigen Mittel zu halten, welche ihnen ihr Feld, Garten oder Viehstand liefern könne. Daß solche Ermahnungen die Käufer eher abschreckten als herbeizogen, war ganz natürlich. Aber Herr Derain, als lediger Mann zwischen 40 und 50 Jahren, der ein kleines Vermögen besaß, kümmerte sich um so weniger hierüber, je seltener er durch das Geklingel seiner Ladentür im Lesen oder in seinen Betrachtungen gestört wurde. Das Gemüt des Mannes war aber von der edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen Umgang äußerst angenehm. Er brachte auf eine sonderbare Art in Erfahrung, wer denn eigentlich die Herren Schmidt und Wolf seien, die in seiner Nähe wohnten, und deren Bekanntschaft er schon lange gewünscht hatte.
Es wurden nämlich bei der gänzlichen Abänderung des Fiesco die früher geschriebenen Szenen gar nicht mehr beachtet, sondern wie jedes unnütze Papier behandelt. Mit diesen sowie mit vielen Blättern, worauf die Entwürfe zu Luise Millerin verzeichnet waren, wurde nun nichts weniger als schonend verfahren, was dann die Gelegenheit gab, daß die Frau Wirtin – die mit einer sehr großen Neigung zum Lesen eben so viele Neugier für alles Geschriebene verband – diese Blätter, deren Sprache ihr ganz neu und ungewöhnlich schien, sammelte und solche zu Herrn Derain brachte, welchen sie öfters sprach, um ihm ihre häuslichen Leiden zu klagen oder durch ein geliehenes Buch sich Trost und Vergessenheit zu verschaffen. Dieser zeigte den Fund seinem Verwandten, Herrn Kaufmann Stein in Mannheim, der eine sehr reizende und in allen neueren Werken der Dichtkunst ganz einheimische Tochter hatte.
S. war von Stuttgart aus Herrn Stein empfohlen. Die Blätter seines Reisegefährten wurden ihm vorgezeigt, und dasjenige, was mit der größten Standhaftigkeit jedem Manneverleugnet worden wäre, wußte das schmeichelnde Mädchen allmählich herauszulocken. Herr Derain, dem unter Gelobung der tiefsten Verschwiegenheit dieses Geheimnis auch anvertraut wurde, unterließ bei dieser Gelegenheit nicht, seine hohe Achtung für ausgezeichnete Dichter oder Schriftsteller auf das herzlichste kund zu geben. Mit wahrem Eifer bat er um Erlaubnis, die Bekanntschaft eines noch so jungen und schon so berühmten Mannes machen zu dürfen, und erhielt solche um so williger, als für Schiller und seinen Freund eine zerstreuende Unterhaltung in den trüben, nebligen Novemberabenden eine wahre Erquickung war. Die Freundschaft und Achtung für Herrn Derain erhielt sich auch noch in den nächstfolgenden Jahren.
Der Offizier, dessen Erscheinung Schiller und seine Freunde in den größten Schrecken versetzte, war nach einem Schreiben von Schillers Vater an Herrn Schwan kein Verfolger, sondern ein akademischer Freund, der bei einer Reise ausdrücklich den Umweg über Mannheim machte, um den Dichter zu sprechen, welches aber, wie oben erwähnt, auf die sorgsamste Weise verhindert wurde.
Und hier ist auch der Ort, um den Leser zu versichern, daß der Herzog von Württemberg auf keinerlei Weise jemals die geringste Vorkehrung treffen ließ, um seinen entflohenen Zögling wieder in seine Gewalt zu bekommen und zu bestrafen. Er mochte sich wohl erinnern, daß er Schiller wider dessen Willen und fast zwangsweise in die Akademie aufgenommen – daß der Knabe sowie der Jüngling durch treffende, überraschende Antworten, durch untadelhafte Sitten seine wahrhaft väterliche Zuneigung sich erworben – daß ein schon im ersten Versuche sich so kühn aussprechendes Talent unmöglich durch einen militärischen Befehl unterdrückt werden könne. Oder war es Rücksicht gegen den ihm fast unentbehrlich gewordenen Vater; war es Anteil an dem Kummer der achtungswerten Familie? – Wollte er das mißbilligende Gefühl, das sich wegen der Gefangenhaltung Schubarts inganz Deutschland allgemein und laut äußerte, nicht noch weiter aufreizen? – War es natürliche Großmut? – – Genug, der Herzog gab dieser Sache nicht die geringste Folge und bewies dadurch ganz offenkundig, daß er die Flucht Schillers nur als einen Fehler, aber nicht als ein Verbrechen beurteilte.
Nicht nur diese Gewißheit ergab sich aus dem Briefe des Vaters, sondern auch die Hoffnung, daß er dem Sohne noch mit warmer Liebe zugetan sei, und ihm, wenn der äußerste Fall einträte, die nötige Unterstützung nicht versagen würde. Verglich man diesen Brief mit denen, welche Herr Schwan und S. aus Bauerbach erhalten, so konnten die Freunde des Dichters um so mehr unbesorgt sein, als dieser mit seinem Zustand im höchsten Grade zufrieden schien, und sich nun nach einem Jahre voller Sorgen und Unruhe solchen Beschäftigungen widmen konnte, die, außer dem Vergnügen, das sie ihm selbst machten, auch noch mit Ehre und Vorteil verbunden waren.
Ohne Zweifel teilt jeder Leser diese Meinungen, und glaubt vielleicht, das Schicksal, nachdem es seine alles beugende Gewalt habe empfinden lassen, werde dem Ermüdeten nach so manchen Stürmen endlich Ruhe vergönnen?
Der Verfasser bedauert innigst, daß er diese Hoffnungen nicht bestätigen kann, sondern genötigt ist, neue Schwierigkeiten zu melden, die sich in dem so friedlich scheinenden Zufluchtsorte ganz unerwartet erhoben; denn kaum vier Wochen nach dem ersten erhielt er nachstehenden zweiten Brief.
H., den 14. Jän. 1783.So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine Entwürfe sollen scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel wirft mich wie seinen Ball in dieser sublunarischen Welt herum.Hören Sie nur!Ich bin, wenn Sie den Brief haben, nicht mehr inBauerbach. Erschrecken Sie aber nicht. Ich bin vielleicht besser aufgehoben.Frau von Wolzogen ist wieder hier und hat ihren Bruder, den Oberhofmeister von Marschalk, der bei Bamberg eine Erbschaft von beinahe 200 000 Gulden getan, begleitet. Sie können sich vorstellen, mit welcher Ungeduld ich ihr entgegenflog – – – – Aber nun!Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr. Die Freundschaft der Menschen ist das Ding, das sich des Suchens nicht verlohnt. Wehe dem, den seine Umstände nötigen, auf fremde Hilfe zu bauen. Gottlob! das letztere war diesmal nicht.Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht hätte ein Werkzeug in dem Plane meines künftigen Glückes zu sein – aber – ich werde selbst so viel Einsicht haben, daß ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und diese müßten es unstreitig entgelten, wenn der Herzog von W. Wind bekäme; das war mir genug. So schrecklich es mir auch ist, mich wiederum in einem Menschen geirrt zu haben, so angenehm ist mir wieder dieser Zuwachs an Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund – und ein glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem Handel.Durch die Bemühung des Bibliothekars Reinwald, meines sehr erprobten Freundes, bin ich einem jungen Hrn. von Wrmb bekannt geworden, der meine Räuber auswendig kann und vielleicht eine Fortsetzung liefern wird. Er war beim ersten Anblick mein Busenfreund. Seine Seele schmolz in die meinige. Endlich hat er eine Schwester! – Hören Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr als ein Dichter vom ersten Range figuriere, so erscheine ich wenigstens als Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll mit meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im Thüringer Walde, dort ganz mir selbst und – der Freundschaft leben, und was das beste ist, schießen lernen, dennmein Freund hat dort hohe Jagd. Ich hoffe, daß das eine glückliche Revolution in meinem Kopf und Herzen machen soll.Schreiben Sie mir nicht, bis Sie neue Adressen haben. Den Verdruß mit der Wolzogen unterdrücken Sie. Ich sei nicht mehr in Bauerbach, das ist alles, was Sie sagen können. – – – – – –Tausend Empfehlungen an meinen lieben, guten Meier. Nächstens schreib ich ihm wieder. Auch an Cranz, Gern u. s. f. viele Komplimente. Mein neues Trauerspiel, Luise Millerin genannt, ist fertig. Beiliegendes übergeben Sie an Schwan, dem Sie mich vielmals empfehlen.Ohne VeränderungIhrSchiller.
H., den 14. Jän. 1783.
So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine Entwürfe sollen scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel wirft mich wie seinen Ball in dieser sublunarischen Welt herum.
Hören Sie nur!
Ich bin, wenn Sie den Brief haben, nicht mehr inBauerbach. Erschrecken Sie aber nicht. Ich bin vielleicht besser aufgehoben.
Frau von Wolzogen ist wieder hier und hat ihren Bruder, den Oberhofmeister von Marschalk, der bei Bamberg eine Erbschaft von beinahe 200 000 Gulden getan, begleitet. Sie können sich vorstellen, mit welcher Ungeduld ich ihr entgegenflog – – – – Aber nun!
Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr. Die Freundschaft der Menschen ist das Ding, das sich des Suchens nicht verlohnt. Wehe dem, den seine Umstände nötigen, auf fremde Hilfe zu bauen. Gottlob! das letztere war diesmal nicht.
Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht hätte ein Werkzeug in dem Plane meines künftigen Glückes zu sein – aber – ich werde selbst so viel Einsicht haben, daß ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und diese müßten es unstreitig entgelten, wenn der Herzog von W. Wind bekäme; das war mir genug. So schrecklich es mir auch ist, mich wiederum in einem Menschen geirrt zu haben, so angenehm ist mir wieder dieser Zuwachs an Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund – und ein glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem Handel.
Durch die Bemühung des Bibliothekars Reinwald, meines sehr erprobten Freundes, bin ich einem jungen Hrn. von Wrmb bekannt geworden, der meine Räuber auswendig kann und vielleicht eine Fortsetzung liefern wird. Er war beim ersten Anblick mein Busenfreund. Seine Seele schmolz in die meinige. Endlich hat er eine Schwester! – Hören Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr als ein Dichter vom ersten Range figuriere, so erscheine ich wenigstens als Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll mit meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im Thüringer Walde, dort ganz mir selbst und – der Freundschaft leben, und was das beste ist, schießen lernen, dennmein Freund hat dort hohe Jagd. Ich hoffe, daß das eine glückliche Revolution in meinem Kopf und Herzen machen soll.
Schreiben Sie mir nicht, bis Sie neue Adressen haben. Den Verdruß mit der Wolzogen unterdrücken Sie. Ich sei nicht mehr in Bauerbach, das ist alles, was Sie sagen können. – – – – – –
Tausend Empfehlungen an meinen lieben, guten Meier. Nächstens schreib ich ihm wieder. Auch an Cranz, Gern u. s. f. viele Komplimente. Mein neues Trauerspiel, Luise Millerin genannt, ist fertig. Beiliegendes übergeben Sie an Schwan, dem Sie mich vielmals empfehlen.
Ohne Veränderung
Ihr
Schiller.
So schien nun auch dieser Plan gescheitert, auf den nicht nur der Dichter selbst seine größte, letzte Hoffnung gesetzt hatte, sondern welcher auch als der sicherste von allen Freunden zur Befolgung angeraten war. Aufs neue war sein Schiff den veränderlichen Winden preisgegeben, indem die Freundschaft mit Hrn. von Wrmb viel zu schwärmerisch, mit viel zu großen Erwartungen geschlossen schien, als daß man auf einige Dauer hätte zählen können.
Größeres Vertrauen flößte die Bekanntschaft mit Hrn. Reinwald ein, der Hrn. Schwan als rechtlicher Mann, als Dichter und Schriftsteller bekannt war und sich gewiß um so inniger an Schiller anschloß, je genügsamer dieser in seinen Forderungen und anmutiger im Umgange sich gegen jeden zeigte.
Was die Äußerungen der Frau von Wolzogen betrifft, so waren diese ebenso verzeihlich als begreiflich; denn ihre Söhne, deren Bekanntschaft Schiller den Schutz zu danken hatte, der ihm jetzt gewährt wurde, waren noch in der Akademie, und erfuhr der Herzog, von wem sein flüchtiger Zögling verborgen gehalten werde, so konnte er leicht – vorausgesetzt,daß er sich zu einer Rache herablassen möge – seine Ungnade den Söhnen der Frau von Wolzogen auf eine Art empfinden lassen, die ihr Glück nicht nur für jetzt, sondern auch in der Zukunft bedeutend gestört haben würde.
Der Verfolg zeigte jedoch, daß die Besorgnisse der Beschützerin entweder nicht sehr ernsthafter Art gewesen oder daß Schiller seine Empfindlichkeit darüber zu besiegen wußte; denn er blieb nicht nur den ganzen Tag4in Bauerbach, sondern brachte auch die Hälfte des folgenden Sommers daselbst zu. Durch ähnliche Nachrichten wie die, welche er seinem Freunde nach Mannheim schrieb, versetzte er auch seine älteste Schwester in die größte Unruhe, und ein Brief, den sie deshalb an den Bruder schrieb, gab zufällig die Veranlassung zu ihrer Bekanntschaft mit Herrn Reinwald, die sich einige Jahre später in eine lebenslängliche Verbindung umwandelte. Aus dem Briefe des Herrn Reinwald an die Schwester von Schiller möge das Wichtigste, was sich hierauf bezieht (mit der damals gebräuchlichen Rechtschreibung) einen Platz finden.
Meiningen. 27ten Mai 1783.MademoiselleEin besonderer Zufall macht mich so frei, an die Schwester meines Freundes diese Zeilen zu schreiben. Unter etlichen Papieren, die Hr.D.S** nach einem Besuch bei mir liegen lassen, fand ich einen Brief von Ihnen. Es war wohl nicht Sorglosigkeit allein daran Schuld, sondern auch Vertrauen, denn ich glaube gänzlich, daß er mich liebt.Ich fand in diesem Briefe, den ich gelesen und nochmals gelesen und abgeschrieben habe, so viel reifes Denken und so viel herzliche, besorgte Wohlmeinung gegen Ihren Herrn Bruder, daß ich mich gefreut habe, und scheue mich nicht,jeden Gedanken, der mir zu seiner Ausbildung oder Glückseligkeit einfällt, mit Ihnen zu theilen.Vielleicht kann ich Ihnen oder Ihren lieben Eltern auch manche Unruhe benehmen, die Ihnen über die Situation Ihres Herrn Bruders aufsteigt, und ich werde gerade seyn und nicht schmeicheln etc. – – – – – – – – –Mir ist es selbst Räthsel, warum sie (Fr. v. W.) so sehr Verachtung fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von unseres Freundes Aufenthalt dringen soll; viele Umstände scheinen dem letzteren zu widersprechen, es müßte denn seyn, daß sie aus Beweggründen der Sparsamkeit handelte etc. etc. Alle Gefahren des Bekanntseyns wären gleich Anfangs vermieden gewesen, wenn man entweder niemanden auswärts geschrieben hätte, daß Ihr Herr Bruder da wäre, wo er ist, sondern nur Meiningen angegeben, oder wenn er wirklich in dem traurigsten Theile des Jahres hieher gezogen wäre. Hier residirt ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten deshalb züchtigen kann, wenn er jemand da wohnen läßt, dem der würtembergische Hof ungünstig ist. Welche Verantwortung kann da der Fr. v. W. auf den Hals fallen.Ihr Herr Bruder muß menschliche Charaktere viel kennen, weil er sie auf der Bühne schildern soll, item, er muß sich durch Gespräche über Natur und Kunst durch freundschaftliche, innige Unterhaltung aufheitern, wenn durch Denken und Niederschreiben das Mark seines Geistes vertrocknet ist. Die Gegend, wo er sich jetzt aufhält, und die nur im Sommer ein wenig von der Seite lächelt, gleicht mehr der Gegend, wo Ixions Rad sich immer auf einem Orte herumdreht, als einer Dichter-Insel, und einen zweiten Winter da zugebracht, wird Hrn.D.S. völlig hypochondrisch machen.Ich wünschte daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in einer großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, z. Ex. in Berlin verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter und rechtschaffener Männer, die ihn von der Ausgelassenheit bewahrten, die an diesem Orte herrscht.Wien (wo ich ehedem selbst eine Zeit lang war) hat zwar weniger verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der Fehler ist da, daß man mit dem Gelde gut umzugehen verlernt, denn man nimmt meist viel ein, und gibt noch mehr aus.Noch scheint es aber nicht, daß Ihr Herr Bruder zum Weggehen inclinirt, er scheint ganz an seine Wohlthäterin gefesselt, die ihn von der Seite seines guten und dankbaren Herzens eingenommen hat.Ich hatte die Idee ihn nach Pfingsten mit nach Gotha und Weimar zu nehmen, wo ich Freunde und Verwandte habe, zu denen ich eine Gesundheitsreise thun werde, ich wollte ihn den dasigen zum Theil wichtigen Gelehrten präsentiren, ich wollte ihn wieder an die offne Welt und an die Gesellschaft der Menschen gewöhnen, die er beinah scheut, und sich allerhand Unangenehmes von ihnen vorstellt. Aber so geneigt er im Anfang zu meinem Vorschlag war, so sehr scheint jetzt sein Geschmack davon entfernt. Ich werde also das Vergnügen dieser Reise nicht mit ihm theilen können.Wenn ich gleich unendlich dabei verliere, wenn Ihr Herr Bruder einst diese Gegend verlassen sollte, und keiner meiner bisherigen Freunde mir diesen Verlust ersetzen würde, so wollte ich doch lieber all mein Vergnügen der Ausbildung und Glückseligkeit eines so guten und künftig großen Mannes aufopfern etc. etc.Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl.Ihr gehorsamster Diener und VerehrerW. H. Reinwald.
Meiningen. 27ten Mai 1783.
Mademoiselle
Ein besonderer Zufall macht mich so frei, an die Schwester meines Freundes diese Zeilen zu schreiben. Unter etlichen Papieren, die Hr.D.S** nach einem Besuch bei mir liegen lassen, fand ich einen Brief von Ihnen. Es war wohl nicht Sorglosigkeit allein daran Schuld, sondern auch Vertrauen, denn ich glaube gänzlich, daß er mich liebt.
Ich fand in diesem Briefe, den ich gelesen und nochmals gelesen und abgeschrieben habe, so viel reifes Denken und so viel herzliche, besorgte Wohlmeinung gegen Ihren Herrn Bruder, daß ich mich gefreut habe, und scheue mich nicht,jeden Gedanken, der mir zu seiner Ausbildung oder Glückseligkeit einfällt, mit Ihnen zu theilen.
Vielleicht kann ich Ihnen oder Ihren lieben Eltern auch manche Unruhe benehmen, die Ihnen über die Situation Ihres Herrn Bruders aufsteigt, und ich werde gerade seyn und nicht schmeicheln etc. – – – – – – – – –
Mir ist es selbst Räthsel, warum sie (Fr. v. W.) so sehr Verachtung fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von unseres Freundes Aufenthalt dringen soll; viele Umstände scheinen dem letzteren zu widersprechen, es müßte denn seyn, daß sie aus Beweggründen der Sparsamkeit handelte etc. etc. Alle Gefahren des Bekanntseyns wären gleich Anfangs vermieden gewesen, wenn man entweder niemanden auswärts geschrieben hätte, daß Ihr Herr Bruder da wäre, wo er ist, sondern nur Meiningen angegeben, oder wenn er wirklich in dem traurigsten Theile des Jahres hieher gezogen wäre. Hier residirt ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten deshalb züchtigen kann, wenn er jemand da wohnen läßt, dem der würtembergische Hof ungünstig ist. Welche Verantwortung kann da der Fr. v. W. auf den Hals fallen.
Ihr Herr Bruder muß menschliche Charaktere viel kennen, weil er sie auf der Bühne schildern soll, item, er muß sich durch Gespräche über Natur und Kunst durch freundschaftliche, innige Unterhaltung aufheitern, wenn durch Denken und Niederschreiben das Mark seines Geistes vertrocknet ist. Die Gegend, wo er sich jetzt aufhält, und die nur im Sommer ein wenig von der Seite lächelt, gleicht mehr der Gegend, wo Ixions Rad sich immer auf einem Orte herumdreht, als einer Dichter-Insel, und einen zweiten Winter da zugebracht, wird Hrn.D.S. völlig hypochondrisch machen.
Ich wünschte daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in einer großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, z. Ex. in Berlin verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter und rechtschaffener Männer, die ihn von der Ausgelassenheit bewahrten, die an diesem Orte herrscht.
Wien (wo ich ehedem selbst eine Zeit lang war) hat zwar weniger verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der Fehler ist da, daß man mit dem Gelde gut umzugehen verlernt, denn man nimmt meist viel ein, und gibt noch mehr aus.
Noch scheint es aber nicht, daß Ihr Herr Bruder zum Weggehen inclinirt, er scheint ganz an seine Wohlthäterin gefesselt, die ihn von der Seite seines guten und dankbaren Herzens eingenommen hat.
Ich hatte die Idee ihn nach Pfingsten mit nach Gotha und Weimar zu nehmen, wo ich Freunde und Verwandte habe, zu denen ich eine Gesundheitsreise thun werde, ich wollte ihn den dasigen zum Theil wichtigen Gelehrten präsentiren, ich wollte ihn wieder an die offne Welt und an die Gesellschaft der Menschen gewöhnen, die er beinah scheut, und sich allerhand Unangenehmes von ihnen vorstellt. Aber so geneigt er im Anfang zu meinem Vorschlag war, so sehr scheint jetzt sein Geschmack davon entfernt. Ich werde also das Vergnügen dieser Reise nicht mit ihm theilen können.
Wenn ich gleich unendlich dabei verliere, wenn Ihr Herr Bruder einst diese Gegend verlassen sollte, und keiner meiner bisherigen Freunde mir diesen Verlust ersetzen würde, so wollte ich doch lieber all mein Vergnügen der Ausbildung und Glückseligkeit eines so guten und künftig großen Mannes aufopfern etc. etc.
Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl.
Ihr gehorsamster Diener und Verehrer
W. H. Reinwald.
Dieser Brief macht es wahrscheinlich, daß Schiller nicht, wie er im Januar willens war, mit Hrn. von Wrmb nach Thüringen reiste, sondern fortwährend in Bauerbach blieb. War dies der Rat seines Freundes Reinwald? Oder bedachte er es selbst, daß sein Aufenthalt bei Hrn. von Wrmbvon so zarter Beschaffenheit sein würde, daß ein Wörtchen, ja nur eine Gebärde ihn wieder entfernen und in die größte Verlegenheit setzen müßte?
Gewißheit kann der Verfasser hierüber nicht geben, indem er sich nicht erinnert, in der Folge mit Schillern darüber gesprochen zu haben, und er auch einige Briefe von diesem aus (jetzt freilich sehr bedauerter) Nachlässigkeit verloren. Übrigens müßte es auffallend scheinen, daß der gerechte, edle Stolz und Ehrgeiz des Dichters auch nur einen Augenblick es ertragen konnte, Frau v. W. einer Verlegenheit auszusetzen, wenn wir nach obigem Brief nicht annehmen dürften, daß es ihr mit dem Dringen auf seine Entfernung nicht sehr ernst gewesen wäre. Außer diesem mochte auch Schillern der Umstand nachgiebiger machen, daß er hier frei von allen Sorgen für die kleinlichen Bedürfnisse des Lebens, ohne die mindeste Störung gänzlich seiner Laune, seinen Träumen, Idealen und dichterischen Entwürfen leben konnte; wo ihm kein Befehl vorschrieb, wie er gekleidet sein müsse, oder die Minute bezeichnete, zu welcher er im Spital oder auf der Wachtparade erscheinen solle, und wo er nur seinen großartigen Gefühlen und der Freundschaft leben durfte.
Man muß den edlen Jüngling genau gekannt und in den Jahren 1781 und 82 mit ihm in (dem damals so zwangsvollen) Stuttgart gelebt haben, um gewiß zu sein, daß ein nur einigermaßen leidliches Gefängnis, in welchem sein Tun und Lassen nicht vorgeschrieben worden wäre, ihm gegen seinen damaligen Zustand gehalten, als eine wirkliche Wohltat erschienen sein würde. Weiter unten werden wir aus einem Briefe von ihm selbst erfahren, daß nur die zuletzt angeführten Gründe die einzigen sein konnten, welche ihm den Aufenthalt in Bauerbach so wert und unvergeßlich machten.
Die Lobsprüche, welche ihm Herr Reinwald in seinem Brief erteilt, beweisen, wie einnehmend seine Persönlichkeitgewesen und wie duldsam er jede Eigenheit an andern zu ertragen wußte, indem Hypochondrie und immerwährende Kränklichkeit Herrn Reinwald sehr reizbar und empfindlich machten und er auch von der höchsten Bedächtlichkeit war. Aber der Kern dieses Mannes, seine Kenntnisse sowie sein Herz waren vortrefflich, und wir werden sehen, wie hoch Schiller diesen Freund achtete.
Hätte Herr Reinwald den jungen Dichter dazu vermocht, mit ihm nach Weimar und Gotha zu reisen, so würde er in ersterem Orte Goethe und Wieland kennen gelernt haben, die ihm, aller Wahrscheinlichkeit nach, einen Lebensplan vorgezeichnet, ihn mit Rat und Empfehlungen unterstützt und in die nützlichsten Verbindungen gebracht hätten. Auch wären ihm dadurch zwei Jahre erspart worden, die er meistens in Verdruß zubrachte, und die von den nachteiligsten Folgen für seine Gesundheit waren.
Was Schiller aber von dieser Reise abhielt, war die Sirenenstimme, die sich von dem Theater zu Mannheim wieder vernehmen ließ und die seine Nerven so sehr in Schwingung versetzte, daß er ihren Lockungen nicht widerstehen konnte und alles andere von sich abwehrte. Denn schon im März 1783, also kaum drei Monate später, nachdem der Dichter sieben Wochen vergeblich in Oggersheim aufgehalten und auf eine äußerst harte Weise entlassen worden war, schrieb ihm Baron Dalberg wieder, um sich nach seinen theatralischen Arbeiten zu erkundigen, und zwar in solchen Ausdrücken, daß Schiller an Herrn Meier in Mannheim schrieb: »es müsse ein dramatische Unglück in Mannheim vorgegangen sein, weil er von Baron Dalberg einen Brief erhalten, dessen annähernde Ausdrücke ihn auf diese Vermutung brächten.«
Dieser Schluß war jedoch nur insofern richtig, als Baron Dalberg, der sich sehr gern mit Umänderungen von Theaterstücken beschäftigte, und damals gerade Lanassa und Julius Cäsar von Shakespeare unter der Schere hatte, wohl fühlenmochte, daß Schiller zu solchen Arbeiten nicht ganz ungeeignet sein dürfte. Auch geschah es oft, daß die Mitglieder des Theaterausschusses von Fiesco sowie von dem bürgerlichen Trauerspiele Luise Millerin sprachen, dessen ganzer Plan S. bekannt war und den dieser, da ihn kein Versprechen zur Geheimhaltung verpflichtete, so umständlich als lebhaft auseinandersetzte.
Am wahrscheinlichsten bleibt jedoch, daß sich Baron Dalberg der frühern Versprechungen und gegebenen Hoffnungen erinnerte, die er Schillern gemacht, und welche diesen zu seinem verzweifelten Schritte verleitet. Jetzt, nachdem der Herzog von Württemberg nicht die mindeste Vorkehrung zur Habhaftwerdung des Flüchtlings getroffen, konnte mit voller Sicherheit und ohne sich im mindesten bloß zu stellen, demselben Genugtuung gegeben, die öfters mahnenden Wünsche der Schauspieler erfüllt, sowie durch Anstellung eines solchen Dichters der Bühne ein Glanz erteilt werden, der sie über alle andern von Deutschland erhob, und von welcher der größte Teil ihres Ruhmes auf deren Intendanten zurückstrahlen mußte.
Möge nun dieser oder jener Beweggrund den Brief des Baron Dalberg an Schillern veranlaßt haben, so ist es, zur Rechtfertigung des letztern, von der größten Wichtigkeit zu zeigen, daß er auch jetzt wieder, wie im Jahre 1781 angelockt, ja gewissermaßen zur Veränderung seines Aufenthaltes aufgefordert worden, ohne daß er es gesucht oder sich deshalb beworben hätte. Der anteilnehmende Leser möge diesen Umstand um so weniger übersehen, weil es zur unparteiischen Beurteilung des Schicksals und Benehmens des Dichters unumgänglich notwendig ist zu wissen, durch wen und durch was er zu nachteiligen Schritten verleitet worden. Nachfolgendes ist die Antwort (S. Schillers Briefe an Freiherrn von Dalberg S. 80), welche auf die Anfrage erteilt wurde.
S.-Meiningen, den 3. April 1783.Euer Exzellenz verzeihen, daß Sie meine Antwort auf Ihre gnädige Zuschrift erst so spät erhalten – – – –– – – – – – – – – – – – – – – –Daß Euer Exzellenz mich auch in der Entfernung noch in gnädigem Andenken tragen, kann mir nicht anders als schmeichelhaft sein. Sie wünschen zu hören, wie ich lebe?Wenn Verbannung der Sorgen, Befriedigung der Lieblingsneigung, und einige Freunde von Geschmack einen Menschen glücklich machen können, so kann ich mich rühmen, es zu sein.E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen Versuchs, noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich wünschte nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen möchte, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einiges von dem Stück vorauszusagen.– – – – – – – – – – – – – – – –Wenn diese Fehler, die ich E. E. mit Absicht vorhersage, für die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß Sie mit dem übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber bei der Vorstellung zu sehr auf, so wird alles übrige, wenn es auch noch so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar sein und ich werde es besser zurückbehalten. – –Dr.Schiller.
S.-Meiningen, den 3. April 1783.
Euer Exzellenz verzeihen, daß Sie meine Antwort auf Ihre gnädige Zuschrift erst so spät erhalten – – – –
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Daß Euer Exzellenz mich auch in der Entfernung noch in gnädigem Andenken tragen, kann mir nicht anders als schmeichelhaft sein. Sie wünschen zu hören, wie ich lebe?
Wenn Verbannung der Sorgen, Befriedigung der Lieblingsneigung, und einige Freunde von Geschmack einen Menschen glücklich machen können, so kann ich mich rühmen, es zu sein.
E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen Versuchs, noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich wünschte nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen möchte, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einiges von dem Stück vorauszusagen.
– – – – – – – – – – – – – – – –
Wenn diese Fehler, die ich E. E. mit Absicht vorhersage, für die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß Sie mit dem übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber bei der Vorstellung zu sehr auf, so wird alles übrige, wenn es auch noch so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar sein und ich werde es besser zurückbehalten. – –
Dr.Schiller.
Wer diesen Brief gegen die früheren vergleicht, dem muß die kalte geschraubte Sprache desselben auffallen, indem darin durchaus nichts ist, woraus zu schließen wäre, Schiller bewerbe sich wieder um den Schutz des Baron Dalberg. Eher noch sind Vorwürfe gegen diesen nicht undeutlich ausgesprochen, denn die Schilderung der Unabhängigkeit und des Glücks, welches der Dichter jetzt genieße, scheint absichtlich als Gegensatz angeführt zu sein.
Ungeachtet alles dessen wurde der Briefwechsel fortgesetzt, und Schiller konnte der süßtönenden Stimme um so weniger widerstehen, als nach seinen Begriffen die Schaubühne sowie die Arbeiten für dieselbe einen Einfluß und eine Wichtigkeit hatten, die durch keine andere Kunst oder Wissenschaft bewirkt werden könne. Und bei der ersten Bühne Deutschlands sollte er nun Dichter, Lenker eines reinen, veredelten Geschmackes werden! Jetzt wäre der Zeitpunkt eingetreten, wo er seine Ideale, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft lebend, handelnd der gespannten Aufmerksamkeit einer Menge von Zuschauern vorführen könnte! Und diese so lang ersehnte Gelegenheit sollte er zurückweisen?
Zu viel wäre dieses gefordert! Er mußte dem Anerbieten entsprechen und traf auch in den ersten Tagen des Septembers 1783,5nur von Herrn Meier und dessen Frau erwartet, in Mannheim ein.
Seinem zurückgelassenen Freunde S. wurde absichtlich von der ganzen Unterhandlung nichts gesagt, weil er sich (da sein eignes Glück durch den unnützen Aufenthalt in Oggersheim gestört worden) schon zu oft gegen das Versprechen und Verlocken geäußert und das Verfahren gegen den unglücklich gemachten Dichter bei seinem wahren Namen benannt hatte.
Auch wurde ihm durch dieses Verheimlichen eine Überraschung bereitet, die vollkommen gelang. Denn als er zur gewöhnlichen Stunde bei Herrn Meier eintrat, konnte er kaum seinen Augen glauben, daß es der in weiter Entfernung vermeinte Schiller sei, welcher mit der heitersten Miene und dem blühendsten Aussehen ihm entgegentrat.
Nach den herzlichsten Umarmungen und nachdem die eiligsten Fragen beantwortet waren, kündigte Schiller seinem Freund an, daß er von Baron Dalberg als Theaterdichternach Mannheim berufen worden und als solcher mit einer Besoldung von 300, sage: dreihundert, Gulden Reichswährung nächstens sein Amt antreten werde. Seine Zufriedenheit über diese Anstellung sprach aus jedem Wort, aus jedem Blick, und er mochte sich wohl denselben Himmel in der Wirklichkeit dabei denken, der auf dem Theater oft so täuschend dargestellt wird.6
Unter dem ruhigen Genuß seiner Freunde und der Schaubühne – unter einer Menge von Plänen und Besprechungen über seine künftigen Arbeiten vergingen mehrere Wochen, und ehe er noch an den Abänderungen des Fiesco oder der Luise Millerin etwas angefangen hatte, überfiel ihn das kalte Fieber, welches ihn anfänglich zu allem untüchtig machte.
Der Sommer dieses Jahres 1783 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Hitze aus, durch welche aus dem mit Morast und stehendem Wasser gefüllten Festungsgraben eine so faule, verdorbene Luft entwickelt wurde, daß kaum die Hälfte der Einwohner von diesem Übel verschont blieb. Auch verursachte die dumpfe Luft in dieser Festung, deren hohe Wälle jeden Zug, jede Strömung eines Windes verhinderten, bei allen Krankheiten gefährlichere Folgen als sonst, und der Tod beraubte in der Mitte des Oktobers Schiller eines Freundes, der ihm um so werter geworden, je mehr er Gelegenheit gehabt hatte, dessen edles, offenes Gemüt kennen zu lernen. Der Theaterregisseur, Herr Meier, dessen schon so oft erwähnt worden, starb an einer anfangs unbedeutend scheinenden Krankheit, wodurch nicht nur seiner Frau und seinen Freunden, sondern auch seinen Kunstgenossen sowie der Schaubühne selbst ein sehr lang gefühlter Verlust verursacht wurde. Denn nicht allein war er als Mensch höchst achtungswert, er war auch ein in Ekhofs Schule gebildeter,sehr bedeutender Künstler, der in den meisten, vorzüglich aber in sanften Rollen nichts zu wünschen übrig ließ. Zur Rechtfertigung der ärztlichen Kenntnisse Schillers darf hier versichert werden, daß er die schlimmen Folgen der Mittel, welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraussagte.
Wenn schon das Wechselfieber den tätigen, kühnen Geist des Dichters lähmte, so waren die Einwendungen, welche man gegen sein zweites Trauerspiel machte und die er beseitigen sollte, noch weniger geeignet, seine Einbildungskraft aufzuregen.
Die Bahn, die er sich in seinen Arbeiten für die Bühne vorgezeichnet hatte, war ganz neu und ungewöhnlich, daher es den Schauspielern, die meistens nur bürgerliche oder sogenannte Konversationsstücke aufzuführen gewohnt waren, sehr schwer und mühsam wurde, die Ausdrücke des Dichters so zu geben, wie er sie schrieb, und in welche sich, ohne deren Sinn zu stören oder ins Gemeine herabzuziehen, durchaus nichts aus der Umgangssprache einflicken ließ. Daß bei den Räubern derlei Einwendungen weniger gemacht wurden, davon war der überwältigende Stoff sowie die ergreifende Wirkung, welche die meisten Szenen hervorbrachten, die Ursache. Besonders eiferte letzteres jeden Mitwirkenden an, alle Kräfte beisammen zu halten, um auch in den unbedeutend scheinenden Teilen keine Störung zu verursachen, damit das Werk so, wie es aus der dichterischen Kraft entsprungen, ein erstaunungswürdiges Ganzes bliebe.
Bei Fiesco war der Inhalt schon an sich selbst kälter. Die schlauen Verwicklungen erwärmten nicht; die langen Monologe, so meisterhaft sie auch waren, konnten nicht mit Begeisterung aufgefaßt und gesprochen werden, indem sich größtenteils nur der Ehrgeiz darin malte und zu fürchten war, daß die Zuschauer ohne Teilnahme bleiben würden. Man gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers mit dem zu erwartenden Beifall nicht im Verhältnis stehen möchte, weil erstere zu groß und letzterer zu gering sein würde.
Am meisten wurde gegen den Schluß eingewendet, weil er weder den ersten Schauspielern noch dem Publikum Genüge leisten könne und eine Empfindung zurücklassen müsse, welche den Anteil, den man an dem Vorhergehenden des Stückes genommen, bedeutend schwächen würde.
Wenn man bedenkt, daß der tiefe, umfassende Geist Schillers sich auch in späterer Zeit nie bequemen konnte, ein Stück so zu entwerfen und zu schreiben, daß es den Forderungen oder, eigentlicher zu reden – da vorzüglich die unterhaltenden Künste den geringern Kräften der Menge angepaßt werden müssen – dem Handwerksmäßigen des Theaters in allen seinen Teilen angemessen hätte sein können; so kann man sich vorstellen, mit welchem Widerwillen er sich an Abänderungen (worunter nicht Abkürzungen verstanden sind) überhaupt, besonders aber wie bei Fiesco der Fall war, an solche sich machte, wo dem Verstand und der Wahrheit zugleich der stärkste Schlag versetzt werden müßte. War auch sein Kopf gewandt genug, um jede Begebenheit als möglich darzustellen, so mußte doch an die Stelle des Zerstörten etwas Neues geschaffen werden, das – wie jeder, dem Geistes- oder Kunstarbeiten bekannt sind, gestehen muß – entweder nicht so gut gerät oder doch viel schwieriger als ersteres ist.
Indessen mußte er diese Einwürfe berücksichtigen, und ungeachtet der Unterbrechungen durch seine Krankheit und die dadurch gestörte gute Laune wurde er dennoch in der zweiten Hälfte des Novembers mit Umarbeitung des Fiesco fertig.
Nun mußte aber das ganze Stück ins Reine und in der genauen Folge geschrieben werden, wozu, da man diese beschwerliche Arbeit nicht von ihm verlangen konnte, ein Regiments-Furier vorgeschlagen wurde, der eine sehr deutliche und hübsche Handschrift hatte. Da so vieles aus der ersten Bearbeitung gestrichen, zwischen hinein abgeändert oder ganz neu eingelegt war, so durfte die Anordnung dem Abschreibernicht überlassen bleiben, sondern mußte ihm in die Feder gesagt werden.
In den ersten Stunden fühlte sich der Verfasser sehr behaglich, indem er nach Bequemlichkeit bald sitzend, bald auf und nieder gehend vorsagen konnte. Als aber der Mann weggegangen war, wie entsetzte sich Schiller, als er seinen ihm so wert gewordenen Helden Fiesco in Viesgo, die liebliche Leonore in Leohnohre, Calcagna in Kallkahnia verwandelt und in den übrigen Eigennamen falsche Buchstaben, sowie die meisten Worte der gewohnten Rechtschreibung entgegen fand.
Seine Klagen hierüber waren ebenso bitter als auf eine Art ausgesprochen, die zum Lachen reizte, indem er gar nicht begreifen konnte, daß jemand, der so schöne Buchstaben mache, nicht auch jedes Wort richtig sollte schreiben können.
Noch einmal, nachdem er den Mann vorher alle Namen ordentlich hatte aufzeichnen lassen, versuchte er es wieder vorzusagen. Als er aber dennoch fand, daß Fiesco jetzt mit einem F, und später mit einem V anfing, da verlor er die Geduld so gänzlich, daß er, um diese Augenmarter nicht länger aushalten zu müssen, sich entschloß, selbst das ganze Stück ins reine zu schreiben. Er war so fleißig dabei, daß solches in der Mitte Dezembers dem Baron Dalberg überreicht werden konnte. Zufrieden mit seiner in den verflossenen zwei Monaten bewiesenen Tätigkeit konnte der kranke Dichter allerdings sein, obwohl diese, da er nur die vom Fieber freien Tage und die Nächte benützen konnte, seine Kräfte sehr abspannte und sein sonst immer heiteres Gemüt sich öfters verdüsterte. Aber nicht allein eine solche Anstrengung war geeignet, jede muntere Laune zu verscheuchen, auch sein übriges Verhältnis, das in Beziehung des Einkommens im grellsten Widerspruch mit seinen früheren Erwartungen stand, mußte ihn schon darum zum Mißvergnügen reizen, weil ihm dieses in den Briefen von seiner Familie sehr bemerklich gemacht wurde. Besonders war der Vater sehrunzufrieden, seinen Sohn in einem so ungewissen, nichts dauernd zeigenden Zustand zu wissen, und er glaubte ihn nur dann für die Zukunft geborgen, wenn er wieder Arzt und unter dem Schutze des Herzogs wäre. Das Herz der Mutter, konnte es ruhig schlagen, wenn sie ihren Liebling in seiner Gesundheit, in seinem häuslichen Wesen, in seinen Sitten – die sie bei dem Theater sich zügellos denken mochte – im höchsten Grade gefährdet glaubte? Auch die älteste Schwester vereinigte ihre Wünsche mit denen der Eltern und veranlaßte folgende Erwiderung des Bruders.