Johann Kaspar Schiller, geboren 1723, war der Vater unseres Dichters und ein Mann von sehr vielen Fähigkeiten, die er auf die beste, würdigste Weise verwendete, und die sowohl von seiner Umgebung als auch von seinem Fürsten auf das vollständigste anerkannt wurden.
In seiner Jugend wählte er zum Beruf die Wundarzneikunde und ging, nachdem er sich hierin ausgebildet, in seinem zweiundzwanzigsten Jahre mit einem bayrischen Husarenregiment nach den Niederlanden, von wo er, nach geschlossenem Frieden, in sein Vaterland Württemberg zurückkehrte und sich 1749 zu Marbach, dem Geburtsorte seiner Gattin, verheiratete. Dem höher strebenden und mehr als zu seinem Fache damals nötig war, ausgebildeten Geiste dieses Mannes konnte aber der kleine, enge Kreis, in dem er sich jetzt bewegen mußte, um so weniger zusagen, als er durchaus nichts Erfreuliches für die Zukunft erwarten ließ, und er auch bei früheren Gelegenheiten, wo er gegen den Feind als Anführer in den Vorpostengefechten diente, Kräfte in sich hatte kennen lernen, deren Gebrauch ihm edler sowie für sich und seine Familie nützlicher schien als dasjenige, was er bisher zu seinem Geschäft gemacht hatte. Er verließ daher bei dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, an welchem der Herzog gegen Preußen teilnahm, die Wundarzneikundegänzlich, suchte eine militärische Anstellung und erhielt solche 1757 als Fähnrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis um so leichter, da er schon früher den Ruhm eines tapfern Soldaten und umsichtigen Anführers sich erworben hatte.
So lange als das württembergische Korps im Felde stand, machte er diesen Krieg mit, benutzte aber die Zeit der Winterquartiere, um mit Urlaub nach Hause zu kehren, und war im November 1759 bei der Geburt seines Sohnes, der auch der einzige blieb, gegenwärtig. Nach geschlossenem Frieden wurde er in dem schwäbischen Grenzstädtchen Lorch als Werboffizier mit Hauptmannsrang angestellt, bekam aber, sowie die zwei Unteroffiziere, die ihm beigegeben waren, während drei ganzer Jahre nicht den mindesten Sold, sondern mußte diese ganze Zeit über sein Vermögen im Dienste seines Fürsten zusetzen. Erst als er dem Herzog eine nachdrückliche Vorstellung einreichte, daß er auf diese Art unmöglich länger als ehrlicher Mann bestehen oder auf seinem Posten bleiben könne, wurde er abgerufen und in der Garnison von Ludwigsburg angestellt, wo er dann später seinen rückständigen Sold in Terminen nach und nach erhielt. Sowohl während der langen Dauer des Krieges als auch in seinem ruhigen Aufenthalte zu Lorch war sein lebhafter, beobachtender Geist immer beschäftigt, neue Kenntnisse zu erwerben und diejenigen, welche ihn besonders anzogen, zu erweitern. Den Blick unausgesetzt auf das Nützliche, Zweckmäßige gerichtet, war ihm schon darum Botanik am liebsten, weil ihre richtige Anwendung dem Einzelnen, sowie ganzen Staaten Vorteile verschafft, die nicht hoch genug gewürdigt werden können. Da zu damaliger Zeit die Baumzucht kaum die ersten Grade ihrer jetzigen, hohen Kultur erreicht hatte, so verwendete er auf diese seine besondere Aufmerksamkeit und legte in Ludwigsburg eine Baumschule an, welche so guten Erfolg hatte, daß der Herzog – gerade damals mit dem Bau eines Lustschlosses beschäftigt – ihm 1775 die Oberaufsicht überalle herzustellenden Gartenanlagen und Baumpflanzungen übertrug.
Hier hatte er nun Gelegenheit nicht nur alles, was er wußte und versuchen wollte, im großen anzuwenden, sondern auch seine Ordnungsliebe und Menschenfreundlichkeit auf das wirksamste zu beweisen. Um seine Erfahrungen in der Baumzucht, welche nach der Absicht seines Fürsten für ganz Württemberg als Regel dienen sollten, auch dem Auslande nutzbringend zu machen, sammelte er solche in einem kleinen Werke: Die Baumzucht im großen, wovon die erste Auflage zu Neustrelitz 1795 und die zweite 1806 zu Gießen erschien.
Auch außer seinem Berufe war die Tätigkeit dieses seltenen Mannes ganz außerordentlich. Sein Geist rastete nie, stand nie still, sondern suchte immer vorwärts zu schreiten. Er schrieb Aufsätze über ganz verschiedene Gegenstände und beschäftigte sich sehr gern mit der Dichtkunst – zu welcher er eine natürliche Anlage hatte.
Es ist nicht wenig zu bedauern, daß von seinen vielen Schriften und Gedichten weiter nichts als obiges Werkchen unter die Augen der Welt kam; wäre es auch nur, um einigermaßen beurteilen zu können, wie viel der Sohn im Talent zum Dichter und Schriftsteller vom Vater als Erbteil erhalten habe. Der Herzog, der ihm endlich den Rang als Major erteilte, schätzte ihn sehr hoch; seine Untergebenen, die in großer Anzahl aus den verschiedensten Menschen bestanden, liebten ihn ebenso wegen seiner Unparteilichkeit, als sie seine strenge Handhabung der Ordnung fürchteten; Gattin und Kinder bewiesen durch Hochachtung und herzlichste Zuneigung, wie sehr sie ihn verehrten.
Von Person war er nicht groß. Der Körper war untersetzt, aber sehr gut geformt. Besonders schön war seine hohe, gewölbte Stirn, die durch sehr lebhafte Augen beseelt, den klugen, gewandten, umsichtigen Mann erraten ließ. Nachdem er seine heißesten Wünsche für das Glück und den Ruhmseines einzigen Sohnes erfüllt gesehen und den ersten Enkel seines Namens auf den Armen gewiegt hatte, starb er 1796 im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines vernachlässigten Katarrhs nach achtmonatlichen Leiden in den Armen seiner Gattin und der ältesten Tochter, die von Meiningen herbeigeeilt war, um mit der Mutter die Pflege des Vaters zu teilen, zugleich auch die schwere Zeit des damaligen Krieges und ansteckender Krankheiten ihnen übertragen zu helfen.
Die Mutter des Dichters, Elisabetha Dorothea Kodweiß, war aus einem alt-adligen Geschlecht entsprossen, das sich von Kattwitz nannte und durch unglückliche Zeitumstände Ansehen und Reichtum verloren hatte. Ihr Vater, der schon den Namen Kodweiß angenommen, war Holzinspektor zu Marbach. Eine fürchterliche Überschwemmung beraubte ihn dort seines ganzen Vermögens. Aus Not griff er nun, um seine Familie nicht darben zu lassen, zu gewerblichen Mitteln, bei welchen er jedoch nichts vernachlässigte, was die Bildung des Herzens und Geistes seiner Kinder befördern konnte.
Diese edle Frau war groß, schlank und wohlgebaut; ihre Haare waren sehr blond, beinahe rot; die Augen etwas kränklich. Ihr Gesicht war von Wohlwollen, Sanftmut und tiefer Empfindung belebt, die breite Stirne kündigte eine kluge, denkende Frau an. Sie war eine vortreffliche Gattin und Mutter, die ihre Kinder auf das zärtlichste liebte, sie mit größter Sorgfalt erzog, besonders aber auf ihre religiöse Bildung, so früh als es rätlich war, durch Vorlesen und Erklären des Neuen Testaments einzuwirken suchte.
Gute Bücher liebte sie leidenschaftlich, zog aber – was jede Mutter tun sollte – Naturgeschichte, Lebensbeschreibungen berühmter Männer, passende Gedichte sowie geistliche Lieder allen andern vor. Auf den Spaziergängen leitete sie die Aufmerksamkeit der zarten Gemüter auf die Wunder der Schöpfung, die Größe, Güte und Allmacht ihres Urhebers. Dabei wußte sie ihren Reden so viel Überzeugendes, so viel Gehalt und Würde einzuflechten, daß es ihnen inspäten Jahren noch unvergeßlich blieb. Ihre häusliche Lage war bei dem geringen Einkommen ihres Gatten sehr beschränkt, und es erforderte die aufmerksamste Sparsamkeit, sechs Kinder standesgemäß zu erhalten und sie in allem Notwendigen unterrichten zu lassen.
Die allgemeine Lebensart und Sitte, welche damals in Württemberg herrschte, erleichterte jedoch eine gute Erziehung um so mehr, als eine Abweichung von Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Rechtschaffenheit sowie der aufrichtigsten Verehrung Gottes als ein großer Fehler angesehen und scharf getadelt worden wäre. Die Begriffe von Redlichkeit, Aufopferung, Uneigennützigkeit suchte man damals jedem Kinde in das Herz zu prägen. In der Schule wie zu Hause wurde auf die Ausübung dieser Tugenden ein wachsames Auge gehalten. Die Vorbereitungen zur Ablegung des Glaubensbekenntnisses waren größtenteils Prüfungen des vergangenen Lebens sowie eindringende Ermahnungen, daß alles Tun und Lassen Gott und den Menschen gefällig einzurichten sei.
Ein nicht unbedeutender Teil der Bewohner Württembergs, zu welchem sich aus allen Ständen Mitglieder gesellten, konnte sich aber an derjenigen Religionsübung, welche in der Kirche gehalten wurde, nicht begnügen, sondern schloß noch besondere Vereinigungen, um die innerliche, geistige Ausbildung zu befördern, und den äußern Menschen der Stimme des Gewissens ganz untertänig zu machen, damit dadurch hier schon die höchste Ruhe des Gemüts und ein Vorgeschmack dessen erlangt würde, was das Neue Testament seinen mutigen Bekennern im künftigen Leben verspricht. Aber es war keine müßige, innere Anschauung, welcher diese Frommen sich hingaben, sondern sie suchten auch ihre Reden und Handlungen ebenso tadellos zu zeigen, als es ihre Gedanken und Empfindungen waren.
Konnten auch die weltlicher Gesinnten einer so strengen Übung der Religion und Selbstbeherrschung sich nicht unterwerfen, so hatten sie doch nachahmungswürdige Vorbilderunter Augen, vor welchen sie sich scheuen mußten, die rohe Natur vorwalten zu lassen oder etwas zu tun, was einen zu scharfen Abstand gegen das Sein und Handeln der Frömmern gemacht hätte. Für das Allgemeine hatten diese abgeschlossenen, stillen Gesellschaften die gute Folge, daß der württembergische Volkscharakter als ein Muster von Treue, Redlichkeit, Fleiß und deutscher Offenheit gepriesen wurde, und Ausnahmen davon unter die Seltenheiten gezählt werden durften.
In diesem Lande, unter solchen Menschen lebten die Eltern unseres Dichters, und nach solchen frommen Grundsätzen erzogen sie auch ihre Kinder. Die Eindrücke dieser tief wirkenden Leitung konnten nie erlöschen; sie begleiteten die Kinder durch das ganze Leben, ermutigten in den schwersten Prüfungen die Töchter und sprechen sich mit der höchsten Wärme in den meisten Werken des Sohnes aus.
Auch diese gute, geliebte Mutter erlebte noch den ersehnten Augenblick, ihren einzigen Sohn und Liebling als glücklichen Gatten und Vater, mit errungenem Ruhm gekrönt, im Vaterlande selbst umarmen zu können.
Ein sanfter Tod entriß sie den Ihrigen im Jahr 1802. Ihre Ehe, die ersten acht Jahre unfruchtbar, ward endlich durch sechs Kinder beglückt, von denen gegenwärtig nur noch Dorothea Luise Schiller, geboren 1766, an den Stadtpfarrer Frankh zu Möckmühl im Württembergischen verheiratet, und Elisabetha Christophina Friederika Schiller, geboren 1757, Witwe des verstorbenen Bibliothekars und Hofrats Reinwald zu Meiningen, am Leben sind. Die jüngste Schwester, Nannette, geboren 1777, verschied infolge eines ansteckenden Nervenfiebers, das durch ein auf der Solitüde anwesendes Feldlazarett verbreitet wurde, in ihrer schönsten Blüte schon im achtzehnten Jahre. Zwei andere Kinder starben bald nach der Geburt.
Dem Bruder an Gestalt, Geist und Gemüt am ähnlichsten ist die edle Reinwald, zu welchen Eigenschaften sich nocheine Handschrift gesellt, welche der des Dichters so ähnlich ist, daß man sie davon kaum unterscheiden kann.
Den frommen Gefühlen der Jugend getreu, konnte sie, auch als kinderlose Witwe, am 16. September 1826 dem Verfasser schreiben: »Aber ich stehe doch nicht allein, überall umgibt mein Alter der Freundschaft und Liebe sanftes Band, und Gott schenkt mir in meinem neunundsechzigsten Lebensjahr noch den völligen Gebrauch meiner Sinne und eine Heiterkeit der Seele, die gewöhnlich nur die Jugend beglückt. So sehe ich mit Zufriedenheit meinem Ziel entgegen, das mich in einer bessern Welt mit den Geliebten, die vorangingen, wieder vereinigt.«
Unser Dichter, Johann Christoph Friedrich Schiller, wurde am 10. November 1759 zu Marbach, einem württembergischen Städtchen am Neckar, geboren. Obwohl Marbach damals nicht der Wohnort seiner Eltern war, so hatte sich dennoch seine Mutter dahin begeben, um in ihrem Geburtsort, in der Mitte von Verwandten und Freunden das Wochenbett zu halten.
Über die ersten Kinderjahre Schillers läßt sich mit Zuverlässigkeit nichts weiter angeben, als daß seine Erziehung mit größter Liebe und Aufmerksamkeit besorgt wurde, indem er sehr zart und schwächlich schien.
Erst von dem Jahr 1765 an werden die Nachrichten bestimmter und verbürgen, daß der Knabe seinen ersten Unterricht im Lesen, Schreiben, Lateinischen und Griechischen von dem Pastor Moser mit dessen Söhnen zugleich in Lorch, einem schwäbischen Grenzstädtchen, erhielt, wohin sein Vater, wie oben erwähnt, als Werboffizier versetzt ward.
Damals schon, im Alter von sechs bis sieben Jahren, hatte er ein sehr tiefes religiöses Gefühl sowie eine sich täglich aussprechende Neigung zum geistlichen Stande. Sowie ihn eine ernste Vorstellung, ein frommer Gedanke ergriff, versammelte er seine Geschwister und Gespielen umsich her, legte eine schwarze Schürze als Kirchenrock um, stieg auf einen Stuhl und hielt eine Predigt, deren Inhalt eine Begebenheit, die sich zugetragen, ein geistliches Lied oder ein Spruch war, worüber er eine Auslegung machte. Alle mußten mit größter Ruhe und Stille zuhören; denn wie er den geringsten Mangel an Aufmerksamkeit oder Andacht bei der kleinen Gemeinde wahrnahm, wurde er sehr heftig und verwandelte sein anfängliches Thema in eine Strafpredigt.
So voll Begeisterung, Kraft und Mut diese Reden auch waren, so zeigte in den häuslichen Verhältnissen sein Charakter dennoch nichts von jener Heftigkeit, Eigensinn oder Begehrlichkeit, welche die meisten talentvollen Knaben so lästig machen, sondern war lauter Freundschaft, Sanftmut und Güte.
Gegen seine Mutter bewies er die reinste Anhänglichkeit sowie gegen die Schwestern die wohlwollendste Verträglichkeit und Liebe, welche von allen auf das herzlichste, besonders tätig aber von der ältesten (der noch lebenden Fr. Hofr. Reinwald) erwidert wurde, die öfters, obwohl sie unschuldig war, die harten Strafen des Vaters mit dem Bruder teilte.
Obwohl ihn der Vater sehr liebte, so war er doch wegen eines Fehlers, durch den die sparsamen Eltern oft nicht wenig in Verlegenheit gesetzt wurden, hart und strenge gegen ihn. Der Sohn hatte nämlich denselben unwiderstehlichen Hang, hilfreich zu sein, welchen er später in Wilhelm Tell mit den wenigen Worten: »Ich hab' getan, was ich nicht lassen konnte,« so treffend schildert.
Nicht nur verschenkte er an seine Kameraden dasjenige, über was er frei verfügen konnte, sondern er gab auch den ärmeren Bücher, Kleidungsstücke, ja sogar von seinem Bette.
Hierin war die älteste Schwester, die gleichen Hang hatte, seine Vertraute, und über diese, da sie, um den jüngernBruder zu schützen, sich als Mitschuldige bekannte, ergingen nun gleichfalls Strafworte und sehr fühlbare Züchtigungen.
Da die Mutter sehr sanft war, so ersannen die beiden Geschwister ein Mittel, der Strenge des Vaters zu entgehen. Hatten sie so gefehlt, daß sie Schläge befürchten mußten, so gingen sie zur Mutter, bekannten ihr Vergehen und baten, daß sie die Strafe an ihnen vollziehe, damit der Vater im Zorne nicht zu hart mit ihnen verfahren möchte.
So scharf aber auch öfters die zu große Freigebigkeit des Sohnes von dem Vater geahndet wurde, so wenig verkannte dieser dennoch die übrigen seltenen Eigenschaften des Knaben. Er liebte ihn nicht nur wegen seiner Begierde, etwas zu lernen, und wegen der Fähigkeit, das Erlernte zu behalten, sondern besonders auch wegen seines biegsamen, zartfühlenden Gemütes.
Da sich bei dem Sohne die Neigung zum geistlichen Stande so auffallend und anhaltend aussprach, so war ihm der Vater um so weniger hierin entgegen, da dieser Stand in Württemberg sehr hoch geschätzt wurde, auch viele seiner Stellen ebenso ehrenvoll als einträglich waren.
Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg ziehen mußte, wurde der junge Schiller sogleich in die Vorbereitungsschulen geschickt, wo er neben dem Lateinischen und Griechischen auch Hebräisch – als zu dem gewählten Beruf unerläßlich – erlernen mußte.
In den Jahren 1769–72 war er viermal in Stuttgart, um sich in den vorläufigen Kenntnissen zur Theologie prüfen zu lassen, und bestand jederzeit sehr gut. Sein Fleiß konnte nur wenige Zeit durch körperliche Schwäche, welche durch das schnelle Wachsen veranlaßt wurde, unterbrochen werden; denn wie seine Gesundheit kräftiger wurde, brachte er das Versäumte mit solchem Eifer ein und lag so anhaltend über seinen Büchern, daß ihm der Lehrer befehlenmußte, hierin Maß zu halten, indem er sonst an Geist und Körper Schaden leiden würde. Teilnehmend, wohlwollend und gefällig für die Wünsche seiner Mitschüler, konnte er sich den jugendlichen Spielen leicht hingeben und in Gesellschaft das mitmachen, was er allein wohl unterlassen hätte. Bei einer solchen Gelegenheit, kurz vor dem Zeitpunkt, wo er in der Kirche sein Glaubensbekenntnis öffentlich ablegen sollte, sah ihn einst die fromme Mutter, und ihre Vorwürfe über seinen Mutwillen machten so vielen Eindruck auf ihn, daß er noch vor der Konfirmation seine Empfindungen zum erstenmal in Gedichten aussprach, die religiösen Inhalts waren.
Je näher die Zeit heranrückte, in welcher er in eines der Vorbereitungsinstitute aufgenommen werden sollte, welche Jünglingen, noch ehe sie die Universität beziehen konnten, gewidmet waren, mit um so größerm Eifer ergab er sich nun seinen Studien.
Ohne Zweifel würde die Welt an Schillern einen Theologen erhalten haben, der durch bilderreiche Beredsamkeit, eingreifende Sprache, Tiefe der Philosophie und deren richtige Anwendung auf die Religion Epoche gemacht und alles Bisherige übertroffen haben würde, wenn nicht seine Laufbahn gewaltsam unterbrochen und er zum Erlernen von Wissenschaften genötigt worden wäre, für die er entweder gar keinen Sinn hatte oder denen er nur durch die höchste Selbstüberwindung einigen Geschmack abgewinnen konnte.
Der Herzog von Württemberg hatte nämlich schon im Jahr 1770 auf seinem Lustschlosse Solitüde eine militärische Pflanzschule errichtet, die so guten Fortgang hatte, daß die Lehrgegenstände, welche anfänglich nur auf die schönen Künste beschränkt waren, bei anwachsender Zahl der Zöglinge auch auf die Wissenschaften ausgedehnt wurden.
Um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, wurde von Zeit zu Zeit bei den Lehrern Nachfrage gehalten, unddiese empfahlen 1772 unter andern guten Schülern auch den Sohn des Hauptmanns Schiller als den vorzüglichsten von allen. Sogleich machte der Herzog dem Vater den Antrag, seinen Sohn in die Pflanzschule aufzunehmen, auf fürstliche Kosten unterrichten und in allem freihalten lassen zu wollen.
Dieses großmütige Anerbieten, das manchem so willkommen war, verursachte aber in der ganzen Schillerschen Familie die größte Bestürzung, indem es nicht nur den so oft besprochenen Plan aller vereitelte, sondern auch dem Sohn jede Hoffnung raubte, sich als Redner, als Schriftsteller und geistlicher Dichter einst auszeichnen zu können.
Weil jedoch damals für die Theologie in dieser Anstalt noch kein Lehrstuhl war, auch der junge Schiller schon alle Vorbereitungsstudien für diesen Stand gemacht hatte, so versuchte der Vater diese Gnade durch eine freimütige Vorstellung abzuwenden, die auch so guten Erfolg hatte, daß der Herzog selbst erklärte, auf diese Art könne er in der Akademie ihn nicht versorgen. Einige Zeitlang schien der Fürst den jungen Schiller vergessen zu haben. Aber ganz unvermutet stellte er noch zweimal an den Vater das Begehren, seinen Sohn in die Akademie zu geben, wo ihm die Wahl des Studiums freigelassen würde und er ihn bei seinem Austritt besser versorgen wolle, als es im geistlichen Stande möglich wäre.
Die Freunde der Familie sowie diese selbst sahen nur zu gut, was zu befürchten wäre, wenn dem dreimaligen Verlangen des Herzogs, das man nun als einen Befehl annehmen mußte, nicht Folge geleistet würde, und mit zerrissenem Gemüt fügte sich endlich auch der Sohn, um seine Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die Stelle des Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen.
Man mußte also den Ausspruch des Gebieters erfüllen und konnte sich für das Aufgeben so lange genährter Wünsche nur dadurch einigermaßen für entschädigt halten, daß dieweitere Erziehung des Jünglings keine großen Unkosten verursachen und eine besonders gute Anstellung in herzoglichen Diensten ihm einst gewiß sein würde.
Was noch weiter zur Beruhigung der Mutter und Schwestern beitrug, war die Nähe des Institutes; die Gewißheit, den Sohn und Bruder jeden Sonntag sprechen zu können; dann die große Sorgfalt, welche man für die Gesundheit der Zöglinge anwendete, und die vertrauliche, sehr oft väterliche Herablassung des Herzogs gegen dieselben, durch welche die strenge Disziplin um vieles gemildert wurde.
Mißmutigen Herzens verließ der vierzehnjährige Schiller 1773 das väterliche Haus, um in die Pflanzschule aufgenommen zu werden, und wählte zu seinem Hauptstudium die Rechtswissenschaft, weil von dieser allein eine den Wünschen seiner Eltern entsprechende Versorgung einst zu hoffen war. Aber sein feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem Fache so wenig Befriedigung, daß er es sich nicht verwehren konnte, dem Bekenntnis, welches jeder Zögling über seinen Charakter, seine Tugenden und Fehler jährlich aufsetzen mußte, schon das erste Mal die Erklärung beizufügen: »Er würde sich weit glücklicher schätzen, wenn er seinem Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.«
Auf diesen ebenso schön als bescheiden ausgesprochenen Wunsch wurde jedoch keine Rücksicht genommen. Das Studium der Rechtswissenschaft mußte fortgesetzt werden und wurde auch mit allem Fleiß und Eifer von ihm betrieben. Aber nach Verlauf eines Jahres beschied der Herzog den Vater Schillers wieder zu sich, um ihm zu sagen: »daß, weil gar zu viele junge Leute in der Akademie Jura studierten, seinem Sohne eine so gute Anstellung bei seinem Austritt nicht werden könne, wie er selbst gewünscht hätte. Der junge Mensch müsse Medizin studieren, wo er ihn dann mit der Zeit sehr vorteilhaft versorgen wolle.«
Ein neuer Kampf für den Jüngling! Neue Unruhe für seine Eltern und Geschwister! Schon einmal hatte der zartfühlendeSohn aus Rücksicht für seine Angehörigen die Neigung zu einem Stande aufgeopfert, den ihm die Vorsehung ganz eigentlich bestimmt zu haben schien. Jetzt sollte er ein zweites Opfer bringen. Er sollte, nachdem er ein volles Jahr der Rechtswissenschaft gewidmet, ein anderes Fach ergreifen, gegen das er die gleiche Abneigung wie gegen das zuerst erwählte an den Tag legte. Jedoch der beugsame, kindliche Sinn, der ihn auch später in allen Vorfällen seines Lebens nie verließ, machte ihm diesen schweren Schritt möglich, und er unterwarf sich dem, was man über ihn bestimmt hatte.
Für den Vater war es zugleich nicht wenig lästig, daß er die zahlreichen, zum Rechtsstudium erforderlichen Werke ganz unnützerweise angeschafft hatte und nun für das neue Fach noch viel größere Ausgaben machen mußte, indem nur den gänzlich Unvermögenden die nötigen Bücher von der Akademie verabfolgt wurden.
Als der junge Schiller in die Klasse der Mediziner übertreten mußte, war er in seinem sechzehnten Jahre, und so ungern er auch die neue Wissenschaft ergriff, indem er nicht hoffen konnte, sich jemals recht innig mit ihr zu befreunden, so fand er sie doch nach kurzer Zeit um vieles anziehender, als er sich vorgestellt hatte; denn die verschiedenen Teile derselben, so trocken auch ihre Einleitung sein mochte, behandelten doch alle ohne Ausnahme die lebendige Natur und versprachen ihm einst bei dem Menschen neue Aufschlüsse über die Wechselwirkung des Körperlichen und des Geistigen aufeinander. Sein schon von Jugend auf sehr starker Hang zum Forschen, zum tiefen Nachdenken, wurde durch die Hoffnung angefeuert, hier einst Entdeckungen machen zu können, die seinen Vorgängern entschlüpft wären, oder daß es ihm vielleicht gelingen würde, die in so großer Menge zerstreuten Einzelheiten auf wenige allgemeine Resultate zurückzuführen. Aber bei allen diesen reizenden Vorahnungen und ungeachtet der vorgeschriebenen Ordnung, die auch sehr strenggehalten werden mußte, benutzte er doch jede freie Minute, um sich mit der Geschichte, der Dichtkunst oder den Schriften zu beschäftigen, welche den Geist, das Gemüt oder den Witz anregen, und vermied solche, bei denen der kalte, überlegende Verstand ganz allein in Anspruch genommen wird. Unter den Dichtern war es Klopstock, der sein Gefühl, das noch immer am liebsten bei den ernsten, erhabenen Gegenständen der Religion verweilte, am meisten befriedigte. Seinen eignen Genuß an diesen Werken suchte er auch seiner ältesten Schwester wenigstens in dem Maße zu verschaffen, als es durch briefliche Mitteilung in Erklärung der schönsten und schwersten Stellen möglich war. In seiner jugendlichen Unschuld, den hohen Stand noch gar nicht ahnend, zu dem ihn die Vorsehung erwählt und mit allen ihren göttlichen Gaben so überschwenglich reich beteilt hatte, konnte er wohl öfters die entschiedene Neigung für dichterische oder andere Geisteswerke als eine bloße Belustigung für seine Phantasie betrachten und sich Vorwürfe darüber machen, wenn dadurch so manche Stunde seinem Berufsstudium entzogen wurde. Aber eine innere, beruhigende Stimme rief ihm dann zu: ist der große Arzt, der große Naturforscher Haller nicht auch zugleich ein großer Dichter? Wer besang die Wunder der Schöpfung schöner und herrlicher als Haller?
»Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt,Und seinen Knochenberg beseelt,«
»Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt,Und seinen Knochenberg beseelt,«
war ein Ausdruck, den Schiller nebst so vielen andern dieses Dichters nicht nur damals, sondern auch dann noch mit Bewunderung anführte, als seine erste Jugendzeit längst verflogen war.
Jedoch nicht nur das Beispiel Hallers erleichterte ihm die Selbstentschuldigung wegen seines Hangs für die Dichtkunst, sondern es waren in der Abteilung, in welche er jetzt versetzt war, noch mehrere Zöglinge, die eine gleiche Leidenschaft für Genüsse des Geistes und Gemütes hatten, unterdenen sich Petersen Hoven, Massenbach und andere als Dichter oder Schriftsteller später bekannt gemacht haben. Je erkünstelter der Fleiß war, mit dem diese jungen Leute ihr Hauptstudium trieben, je gieriger suchten sie Erholung in dichterischen Werken, von denen endlich die von Goethe und Wieland ihnen die liebsten waren. Ihre natürlichen Anlagen verleiteten sie, bei dem bloßen Lesen und Genießen nicht stehen zu bleiben, sondern ihre Kräfte auch an eignen Aufsätzen oder poetischen Darstellungen zu versuchen. Und daß keiner seine Arbeit den anderen verheimlichte; daß jeder mit größter Offenheit getadelt oder gelobt wurde; daß diese Jünglinge sich in ungewöhnlichen oder verwegenen Dichtungen zu überbieten suchten, war eine natürliche Folge ihrer Jahre und des Zwanges, dem sie unterworfen waren. Die gleiche Lieblingsneigung, die sie nur verstohlenerweise befriedigen durften, die gleiche Subordination, unter die sie ihren Willen beugen mußten, ketteten sie so fest aneinander, daß sie in der Folge sich nie trafen, ohne ihre Freude durch die fröhlichste Laune, oft durch wahren Jubel zu bezeugen.
Unter allen diesen Schriften aber machten diejenigen, die für das Theater geschrieben waren, den meisten Eindruck auf den jungen Schiller. Jede Handlung im ganzen, jede Szene im einzelnen weckte in ihm eine der schlummernden Kräfte, deren die Natur für diese Dichtungsart so viele in ihn gelegt hatte, und die so reizbar waren, daß er mit einem dramatischen Gedanken nur angehaucht zu werden brauchte, um sogleich in Flammen der Begeisterung aufzulodern. In seinem zehnten Jahre hatte er zwar schon in Ludwigsburg Opern gesehen, die der Herzog mit allem Pomp, mit aller Kunst damaliger Zeit aufführen ließ. So neu und wundervoll dem empfänglichen Knaben der schnelle Wechsel prachtvoller Dekorationen, das Anschauen künstlicher Elefanten, Löwen etc., die Aufzüge mit Pferden, das Anhören großer Sänger, von einem trefflichen Orchester begleitet, der Anblick von Balletten, die von Noverre eingerichtet, von Vestris getanztwurden – so sehr dieses alles, vereinigt, ihn auch außer sich versetzen mußte, so hatte es doch nur die äußern Sinne des Auges, des Ohres berührt, aber Gefühl und Gemüt weder angesprochen noch befriedigt. Dagegen waren Julius von Tarent, Ugolino, Götz von Berlichingen und, einige Jahre vor seinem Austritt, alle Stücke von Shakespeare diejenigen Werke, welche mit allen seinen Gedanken und Empfindungen so übereinstimmten, seines Geistes sich dergestalt bemeisterten, daß er schon in seinem siebzehnten Jahre sich an dramatische Versuche wagte und das später so berühmte Trauerspiel, die Räuber, zu entwerfen anfing. Gaben die genannten Schriften seiner Vorliebe für dramatische Poesie schon überflüssige Nahrung, so wurde seine Neigung, sowie für schöne Kunst überhaupt, schon dadurch unterhalten und bestärkt, daß er mit jenen Zöglingen, die sich für die Bühne, die Tonkunst oder Malerei bestimmt hatten, im genauen Umgange stand. Denn so streng auch in dieser Akademie darauf gehalten wurde, daß jeder die Gegenstände seines künftigen Berufes auf das gründlichste erlerne, so war, wenn diesen Forderungen Genüge geleistet wurde, der Umgang der Zöglinge untereinander gar nicht so beschränkt, daß sie ihre freien Stunden nicht hätten nach ihrem Willen benützen dürfen, wenn dieser die allgemeine Ordnung nicht störte. Auch war es denjenigen unter ihnen, die Gefallen daran fanden, alle Jahre einigemal erlaubt, Theaterstücke in einem akademischen Saale aufzuführen, bei denen aber die weiblichen Rollen gleichfalls von Jünglingen besetzt werden mußten. Schiller konnte dem Drange nicht widerstehen, sich auch als Schauspieler zu versuchen, und übernahm im Clavigo eine Rolle, die er aber so darstellte, daß sein Spiel noch lange nachher sowohl ihm als seinen Freunden reichen Stoff zum Lachen und zur Satire verschaffte.
Es konnte jedoch nicht anders kommen, als daß diese dichterischen Zerstreuungen nur zum Nachteil seiner medizinischen Studien genossen wurden, und daß er manchenVerdruß mit seinem Hauptmann sowie öfters Vorwürfe von seinen Professoren sich zuzog, wenn er das aufgegebene Pensum nicht gehörig abgearbeitet hatte.
Und dennoch, sowohl aus Liebe zu seinen Eltern, denen er Freude zu machen wünschte, als aus Ehrgeiz und edlem Stolze, war sein Fleiß aufrichtiger und größer als der seiner Mitschüler. Aber geschah es denn mit seinem Willen, daß ihn mitten im eifrigsten Lernen Bilder überraschten, die mit denen, die das Buch darbot, nicht die mindeste Ähnlichkeit hatten! – War es seine Schuld, daß er anatomische Zeichnungen, Präparate, fast unmöglich in ihrer eingeschränkten Beziehung betrachten konnte, sondern seine Phantasie sogleich in dem Großen, Allgemeinen der ganzen Natur umherschweifte? Oder konnte er es seiner ihm so treu anhänglichen Muse verwehren, daß sie selbst in den Kollegien, wenn er mit tiefsinnigem Blick auf den Professor horchte, ihm etwas zuflüsterte, was seine Ideen von dem Vortrage wegriß und seinen Geist auch den ernstlichsten Vorsätzen entgegen in dichterische Gefilde leitete? – Nichts von allem diesem. Ganz unfreiwillig mußte er sich diesen Störungen unterwerfen. Wie durch eine zauberische Gewalt herbeigeführt, gärten in seinem Innern Bilder und Entwürfe, die immer stärker andrängten, je mehr der Mann sich in ihm entwickelte und seine Vorstellungen sich bereicherten.
Er selbst sah sehr gut ein, daß er bei diesem nicht ungeteilten Treiben seiner Berufswissenschaft sehr spät das Ziel erreichen würde, welches er sich vorgesetzt hatte, und ob auch seine Lehrer die treffenden Bemerkungen und Antworten von ihm weit höher als den mechanischen Fleiß der andern achteten, so stellte er doch zu große Forderungen an sich selbst, als daß ihm seine bisherigen Fortschritte hätten genügen können. Er beschloß daher in seinem achtzehnten Jahre, so lange nichts anderes, als was die Medizin betreffe, zu lesen, zu schreiben oder auch nur zu denken, bis er sichdas Wissenschaftliche davon ganz zu eigen gemacht hätte. Der ungeheuern Überwindung, die es ihn anfangs kostete, ungeachtet, verfolgte er diesen Vorsatz mit solcher Festigkeit und studierte die ärztlichen Werke von Haller mit so viel unausgesetztem Eifer, daß er schon nach Verlauf von kaum drei Monaten eine Prüfung darüber bestehen konnte, von welcher er die größten Lobsprüche einerntete. Diese außerordentliche Anstrengung, bei welcher er sich auch den kleinsten Genuß, selbst ein aufmunterndes Gespräch versagte, hatte zwar etwas nachteilig auf seinen Körper gewirkt, dagegen aber ihn mit der Wissenschaft dergestalt vertraut gemacht, daß er nun mit größter Leichtigkeit auf die Anwendung derselben sowohl in ihren verschiedenen Fächern als in der Heilkunde selbst übergehen konnte.
Das höchste Opfer, welches er seinem künftigen Berufe bringen mußte, war eine so lange dauernde Entsagung der Dichtkunst, die bei ihm schon zur Leidenschaft geworden war. Aber er hatte sich von der Geliebten ja nur entfernt! Untreu konnte er ihr niemals werden; denn so wie er den Grad des Wissens, der ihn zum Meister der Arzneikunde machen sollte, einmal erobert hatte, kehrte er mit allem Feuer ungestillter Sehnsucht in die Arme der Göttin zurück und benutzte jeden freien Augenblick zur Ausarbeitung seines angefangenen Trauerspiels. Auch dichtete er außer vielen andern Sachen in diesem Zeitpunkt eine Oper, Semele, die so großartig gedacht war, daß, wenn sie hätte aufgeführt werden sollen, alle mechanische Kunst des Theaters damaliger Zeit (und man darf sagen, auch der jetzigen) nicht ausgereicht haben würde, um sie gehörig darzustellen.
Das Praktische der Medizin kostete ihn nun weit weniger Mühe, als ihm das Theoretische verursacht hatte. Die Anwendung der vorgeschriebenen Regeln erhöhten sein Interesse schon darum, weil er ihre Wirkung beobachten und Bemerkungen darüber äußern konnte, die von seinen Professoren oft bewundert wurden. Die günstigen Zeugnisse, die sieihm erteilten, hatten für ihn die angenehme Folge, daß er mit dem Antritt seines zweiundzwanzigsten Jahres über eine von ihm selbst geschriebene Abhandlung öffentlich disputieren durfte und für fähig gehalten ward, nicht nur aus der Akademie treten, sondern auch eine ärztliche Anstellung in herzoglichen Diensten bekleiden zu können. Er erhielt zu Ende des Jahres 1780 bei dem in Stuttgart liegenden Grenadierregiment Augé die Stelle eines Arztes mit monatlicher Besoldung von achtzehn Gulden Reichswährung oder fünfzehn Gulden im Zwanzig-Gulden-Fuß.
Obwohl die Berufsfähigkeiten Schillers eine würdigere Auszeichnung verdient hätten und auch die Stelle nebst ihrem kleinen Sold sehr tief unter der Erwartung der Eltern war, die dem gegebenen Versprechen des Herzogs gemäß auf eine weit bessere Versorgung gezählt hatten, so durfte doch von keiner Seite ein Widerspruch erhoben oder eine Einwendung dagegen gemacht werden.
Und derjenige, der die größte Ursache zu klagen gehabt hätte, war am besten mit dieser Entscheidung zufrieden, weil nun seine Tätigkeit freien Raum hatte und weil ihm der ungehinderte Gebrauch seiner Dichtergabe gestattet schien, die sich von Tag zu Tag stärker entwickelte; denn je mehr ihm der Zwang und die unabänderliche Regelmäßigkeit mißfiel, in welcher er sieben Jahre seiner schönsten Jugendzeit zubringen mußte, um so öfter und leidenschaftlicher beschäftigte er sich mit Entwürfen, wie er einst seine Freiheit genießen wolle; und als endlich die Hoffnung zur Selbständigkeit, sowohl ihm als seinen jungen Freunden in Gewißheit überzugehen anfing, war es ihre einzige, angenehmste Unterhaltung, sich ihre Wünsche und Vorsätze hierüber mitzuteilen. Die letzteren betrafen jedoch hauptsächlich literarische Gegenstände, die so tätig ins Werk gesetzt wurden, daß Schiller sogleich nach dem Antritt seines Amtes das Schauspiel, die Räuber, das er in den vier letzten Jahren seines akademischen Aufenthaltes schrieb, gänzlich in Ordnung brachteund solches zu Anfang des Sommers 1781 im Druck herausgab.
Es wäre vergeblich, den Eindruck schildern zu wollen, den diese Erstgeburt eines Zöglings der hohen Karlsschule und, wie man wußte, eines Lieblings des Herzogs in dem ruhigen, harmlosen Stuttgart hervorbrachte, wo man nur mit den frommen, sanften Schriften eines Gellert, Hagedorn, Ramler, Rabener, Utz, Kramer, Schlegel, Cronegk, Haller, Klopstock, Stollberg und ähnlicher den Geist nährte; wo man die Gedichte von Bürger, die Erzählungen von Wieland als das Äußerste anerkannte, was die Poesie in sittlichen Schilderungen sich erlauben darf – wo man Ugolino für das schauderhafteste und Götz von Berlichingen für das ausschweifendste Produkt erklärte; – wo Shakespeare kaum einigen Personen bekannt war und wo gerade die Leiden Siegwarts, Karl von Burgheim und Sophiens Reise von Memel nach Sachsen das höchste Interesse der Leseliebhaber erregt hatten. Nur derjenige, der die genannten Schriften kennt, sich den ruhigen, stillen Eindruck, den sie einst auf ihn machten, zurückruft und dann einige Auftritte aus den Räubern liest; nur der allein kann sich die Wirkung lebhaft genug vorstellen, welche diese – in Rücksicht ihrer Fehler sowohl als ihrer Schönheiten – außerordentliche Dichtung hervorbrachte. Die jüngere Welt besonders wurde durch die blendende Darstellung, durch die natürliche, ergreifende Schilderung der Leidenschaften in die höchste Begeisterung versetzt, welche sich unverhohlen auf das lebhafteste äußerte.
Der Ruhm des Dichters blieb aber nicht auf sein Vaterland beschränkt. Ganz Deutschland ertönte von Bewunderung und Erstaunen, daß ein Jüngling seine Laufbahn mit einem Werk eröffne, womit andere sich glücklich preisen würden, die ihrige beschließen zu können.
Diese Lobeserhebungen, so schmeichelhaft sie auch seinem Ehrgeize waren, konnten ihn jedoch nicht in dem Gradeberauschen, daß er geglaubt hätte, schon vieles oder gar alles erreicht zu haben, sondern waren eher ein Sporn für ihn, noch Größeres zu leisten.
Er veranstaltete im nämlichen Jahre noch die Herausgabe einer Sammlung Gedichte, die teils von ihm selbst, teils von seinen Freunden schon in der Akademie bearbeitet worden waren, und ließ solche unter dem Titel Anthologie 1782 erscheinen. Da auch das von dem Professor Balthasar Haug seit einigen Jahren herausgegebene Schwäbische Magazin sich seinem Ende nahte, so beschloß er, in Gemeinschaft mit seinen Freunden die erlöschende Monatschrift als ein Repertorium für Literatur fortzusetzen; was um so leichter zustande kam, je größer der Vorrat war, den sie schon früher gesammelt hatten. Mit wahrhaft jugendlichem Übermut verfaßte er für diese Schrift in der Folge eine Rezension seiner Räuber, welche so hart und beißend war, daß man nicht begreifen konnte, wie jemand es wagen mochte, eine Arbeit so streng zu tadeln, deren Glanz die meisten Leser verblendet und auch den größten Kennern Achtung abgenötigt hatte. Der über diese Beurteilung häufig geäußerte Tadel gewährte aber ihm desto mehr Belustigung, je weniger jemand – außer einigen Freunden, die darum wußten – vermutete, daß der Verfasser selbst diese scharfe Geißel über sich geschwungen.
Diese literarischen Beschäftigungen, welche eine lang gehegte Sehnsucht befriedigten, und bei welchen sich Schiller ganz in seinem Element befand, hätten ihm wenig zu wünschen übrig gelassen, wenn dadurch seine körperlichen Bedürfnisse ebenso wie seine geistigen gehoben gewesen wären. Allein dies konnte um so weniger der Fall sein, je kleiner in Stuttgart die Anzahl der Buchhändler oder derjenigen Leute war, die nicht nur lesen, sondern auch kaufen wollten. Es ließ sich schon für die Räuber kein Verleger finden, der die Ausgabe auf seine Kosten wagen, noch minder aber etwas dafür honorieren wollte, daher der Dichter genötigtwar, sie auf eigne Kosten drucken zu lassen und, da seine Geldkräfte bei weitem nicht hinreichten, den Betrag zu borgen.
Um zu versuchen, ob er nicht zu einigem Ersatz seiner Auslagen gelangen könne, und um sein Werk auch im Ausland bekannt zu machen, schrieb er, noch ehe der Druck ganz beendigt war, an Herrn Hofkammerrat und Buchhändler Schwan zu Mannheim, der durch den vorteilhaftesten Ruf bekannt war, und schickte ihm die fertigen Bogen zu, welche er, mit Bemerkungen begleitet, wieder zurückerhielt.
Ob allein die Ansichten des Herrn Schwan den Verfasser aufmerksam machten, oder ob er selbst darüber erschrak, wie grell und widerlich sich manches dem Auge darstelle, nachdem es nun gedruckt vor ihm lag – genug, in den letzten Bogen wurde einiges geändert, die von der Presse schon ganz fertig gelieferte Vorrede unterdrückt und eine neue mit gemilderten Ausdrücken an deren Stelle gesetzt.
Wer es weiß, wie einseitig ein Dichter oder Künstler wird, wenn er nicht mit andern seines Faches, die höher als er, oder doch mit ihm auf gleicher Stufe stehen, Umgang haben und seine Ideen austauschen kann; wer zugibt, daß bei einem reichen, feurigen Talent, in den ersten Jünglingsjahren nur Begeisterung und Einbildungskraft herrschen, Verstand und Geschmack aber von diesen übertäubt werden; der wird die stärksten Auswüchse in den Räubern um so eher entschuldigen, als der Dichter nicht in der Lage war, einen in der Literatur bedeutenden Mann zum Vertrauten zu haben, und auch schon sein zweites Werk hinlänglich bezeugte, mit welcher Umsicht er die Fehler des ersten zu vermeiden gesucht.
So sehr Herr Schwan als Buchhändler Schillern nützlich zu werden suchte, so eifrig verwendete er sich bei dem damaligen Intendanten des Mannheimer Theaters, Baron von Dalberg, damit dieses Stück für die Bühne brauchbargemacht und aufgeführt werden könne. Demzufolge forderte Baron von Dalberg den Dichter auf, nicht nur dieses Trauerspiel abzuändern, sondern auch seine künftigen Arbeiten für die Schauspielergesellschaft in Mannheim einzurichten. Schiller willigte um so lieber in diesen Vorschlag, je entfernter der Zeitpunkt war, in welchem eine seiner Dichtungen auf dem Theater in Stuttgart hätte aufgeführt werden können, indem die Leistungen desselben bloß als Versuche von Anfängern gelten konnten.
Vor dem Jahre 1780 war nie ein stehendes deutsches Theater in der Hauptstadt Württembergs. Was man daselbst vom Schauspiel kannte, waren die Opern und Ballette, welche früher, ganz auf herzogliche Kosten, von Italienern und Franzosen, und nachdem diese verabschiedet waren, von den männlichen und weiblichen Zöglingen der Akademie, gleichfalls in italienischer und französischer Sprache gegeben wurden. In Mitte der siebziger Jahre kam Schikaneder nach Stuttgart; durfte aber keine Vorstellung im Opernhause geben, sondern mußte seine Operetten, Lust- und Trauerspiele im Ballhause aufführen. Erst als die Zöglinge der Akademie mehr herangewachsen, und man sie – da sie doch einmal für das Schauspiel bestimmt waren – in Übung erhalten wollte, gaben sie so lange, bis ein neues Theater gebaut wurde, die Woche einige deutsche Operetten in dem Opernhause, für deren Genuß das Publikum ein sehr mäßiges Eintrittsgeld bezahlte. Auch als das kleinere Theater fertig stand, wurden anfänglich nichts als kleine, deutsche Opern aufgeführt; was um so natürlicher war, da sich unter allen, welche sich dem Theater gewidmet hatten, nur eine einzige Person fand, welche wahrhaft großes Talent sowohl für komische als ernsthafte Darstellungen zeigte.
Diese war – Herr Haller, ein wahrer Sohn der Natur. Wäre ihm damals das Glück geworden in einer andern Umgebung zu sein, gute Vorbilder und Beispiele zu sehen, so hätte er einer der besten Schauspieler Deutschlands werdenkönnen, und sein Name wäre mit den Vorzüglichsten dieser Kunst zugleich genannt worden.
Je tiefer nun diese vaterländische Schaubühne unter dem Ideale stand, das Schillern von einem guten, besonders aber tragischen Schauspiel vorschwebte, um so lebhafter ergriff er den Vorschlag, sein Stück für eine Bühne zu bearbeiten, die nicht nur einen sehr großen Ruf hatte, sondern sich auch um so mehr als die erste in Deutschland achten durfte, da fast alle ihre Mitglieder in der Schule von Ekhof gebildet waren. Mit all dem Eifer, den Jugend und Begeisterung zur Erreichung eines Zweckes, der für ihn das höchste seiner Wünsche war, nur immer hervorbringen können, ging Schiller an die Umarbeitung seines Trauerspiels, die er sich weniger schwer dachte, als er in der Folge fand. Denn wäre es ihm auch leicht geworden, seinen hohen, dichterischen Flug den Schranken der Bühne und den Forderungen des Publikums gemäß einzurichten; oder hätte er auch ohne Bedauern manche Szenen und Stellen aufgeopfert, die er und seine Freunde sehr hoch geschätzt hatten, so raubten ihm seine Berufsgeschäfte den ungehinderten Gebrauch der Zeit sowie die nötige Stimmung, die eine solche Arbeit erfordert. Seinem ganzen Wesen, das nicht den mindesten Zwang ertragen konnte, war das immerwährende Einerlei der Lazarettbesuche und ebenso das tägliche und genaue Erscheinen auf der Wachtparade, um seinem General den Rapport über die Kranken abzustatten, im höchsten Grad zuwider. Die unpoetische Uniform, aus einem blauen Rock mit schwarzem Samtkragen, weißen Beinkleidern, steifem Hut und einem Degen ohne Quaste bestehend, sah er als ein Abzeichen an, das ihn unablässig an die Subordination erinnern solle. Am härtesten fiel ihm jedoch, daß er ohne ausdrückliche Erlaubnis seines Generals sich nicht aus der Stadt entfernen und seine nur eine Stunde von Stuttgart wohnenden Eltern und Geschwister besuchen durfte. In seiner schönsten Jugendzeit mußte er diesen Umgang meistens nur auf schriftlicheUnterhaltung beschränken, und jetzt, da er sich frei glauben durfte, war es ihm um so schmerzlicher, den Besuch seiner nächsten Angehörigen von der Laune seines Chefs erbitten zu müssen.
Die ganze Familie fand sich durch seine Anstellung als Regimentsarzt getäuscht, indem sie, als der Sohn seiner Neigung zur Theologie entsagen mußte, auf das von dem Herzog gegebene Versprechen fest baute, daß er ihn für die gemachte Aufopferung auf die vorteilhafteste Art schadlos halten würde.
Jedoch mußten alle sich fügen, und dem Sohne blieb nur der Trost, den er in seinen dichterischen Beschäftigungen fand, und nebenbei die Aussicht, sich dadurch im Auslande bekannt und seinen Wirkungskreis bedeutender zu machen. Er schrieb daher auch an Wieland, den er nicht allein wegen seiner Vielseitigkeit, sondern vorzüglich wegen der hohen Vollendung seiner Dichtungen außerordentlich hochschätzte, und war überglücklich, als er von diesem großen Mann eine Antwort erhielt, die nicht nur das Ungewöhnliche und Seltene der frühzeitigen Leistungen Schillers in vollem Maß anerkannte, sondern auch überhaupt sehr geistreich und schmeichelhaft war. Für die Freunde von Schiller, die an allem, was ihn betraf, mit dem wärmsten Eifer Anteil nahmen, war es eine Art von Fest, diesen Brief zu lesen; sowohl die schöne, reine Schrift als die fließende Schreibart zu bewundern und sich über dessen Inhalt zu besprechen. Mit Stolz hoben sie es heraus, daß der Sänger der Musarion auch ein Schwabe sei und von diesem Schwaben die Sprache der Grazien der feinsten, gebildetsten Welt vorgetragen werde.
Ähnliche Ermunterungen vom Auslande nebst dem Drange, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft verwirklicht zu sehen, stärkten den Mut des jungen Dichters und erhoben ihn über die Widerwärtigkeiten, welche ihm seine Lage täglich verursachte. Außer den vielen Unterbrechungen aber,die ihm sein Stand zur Pflicht machte, waren auch die Einwürfe des Baron Dalberg nichts weniger als dazu geeignet, ihn bei guter Laune für seine Arbeit zu erhalten, und man darf sich daher auch nicht wundern, daß er zur Umschmelzung seines Schauspiels so viele Monate brauchte, als es bei minderer Störung Wochen bedurft hätte.
Er besiegte jedoch alle Schwierigkeiten, so sehr sich auch sein ganzes Wesen anfangs dagegen sträubte, und fühlte sich wie von der schwersten Last erleichtert, als er sein Manuskript für fertig halten und nach Mannheim absenden konnte. Um aber dem Leser das Gesagte anschaulicher zu machen, sei es erlaubt einen Teil des Schreibens, welches die Umarbeitung begleitete, aus den, bei D. R. Marx in Karlsruhe erschienenen Briefen Schillers an Baron Dalberg hier einzurücken, indem es zur Bestätigung des Obigen dient, und zugleich den Beweis liefert, wie streng und mit wie wenig Schonung er bei der Abänderung verfuhr. Selten wird wohl ein Dichter bei seinem ersten Werke schon alles für so wichtig angesehen oder so scharf beurteilt haben, als es hier von einem zweiundzwanzigjährigen Jüngling geschehen ist.