Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich mit ihm eingeschlossen hat.
O, ihr! — sagte Wilibald, wärt ihr nur nicht sonst so gute Menschen, so sollte euch ein Verständiger wohl so abschildern können, daß ihr vielleicht in euch ginget, und ordentlicher und besser würdet. Dieser Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzückt ist, und den Tag für verloren hält, an welchem er nicht eine seiner verwirrten Begeisterungen erlebt hat, wie könnte er sein Talent und seine Kenntnisse brauchen, um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich nicht so unbedingt diesem schwelgenden Müssiggange ergäbe. Auch erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bösen Gewissen, wenn er von diesem oder jenem thätigen Freunde hört, wenn er ihre Fortschritte gewahr wird. Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so wirft er sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung, und beweist euch von oben herab, daß ihr andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der Weise und Thätige. Man soll seinem Freunde nichts Böses wünschen, aber so wie er sich nun, weiß Gott wegen welches raren Geheimnisses mit dem Manfred eingeschlossen hat, so wäre es mir doch vielleicht nicht ganz unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit benutzte, um ihm auf prosaische Weise etwas der überflüssigen Poesie auszuklopfen.
Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische Gesinnung? Ergieb dich der Billigkeit, Freund, oder du sollst so mit albernen Späßen und Wortspielen, welche dir verhaßt sind, gegeißelt werden, daß du den Werth der Humanität einsehn lernst. Nun schau auf, geht drüben nicht unser Anton einsam, sanft und stille,sein Gemüth und die schöne Natur betrachtend? Wie unrecht haben wir ihm so eben gethan.
Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir doch nicht, ob ihn die Weiber nicht so eben verlassen haben, denen er mit seinem sanften, lieben, zuvorkommenden Naturell stets nachschleicht, die ihm gern entgegen kommen, weil sie ihm anfühlen, daß er auch das Schwächste und Verwerflichste in ihnen ehrt und vertheidigt; denn nicht in ein Individuum, sondern in das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er hier nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und Augusten emsig den Hof? die übrigen lächeln ihn auch stets an, nur sollte er es doch fühlen, daß er der letztern zur Last fällt und sie in Ruhe lassen. Alle andere Menschen ändern sich doch von Zeit zu Zeit und legen ihre Albernheiten ab, ihn aber kannst du nach Jahren wieder antreffen, und er trägt dir noch dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, daß er vor geraumer Zeit die und jene Angewöhnung gehabt, oder jene Sinnesart geäußert, so dankt er dir so herzlich, als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder fändest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall er es vergessen haben sollte.
Dann muß dir aber doch der wandelbare und empfängliche Lothar ganz nach Wunsche sein, erwiederte Theodor.
Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner Kritik fort, denn eben seine zu große Empfänglichkeit hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe kommen zu lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung oder Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kannweder in einer guten noch schlechten Gesellschaft sein, daß ihn nicht die Lust anwandelt, Comödie zu spielen,ex temporeoder nach memorirten Rollen; es scheint fast, daß ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich ist, daß er lieber die eines jeden andern Narren über zieht, um seiner selbst nur los zu werden. Die heilige Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater, und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die Bretter öffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen Glorie umgeben. Gestern den ganzen Abend unterhielt er uns mit seiner ehemaligen Bekehrungssucht und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Sünder zum Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit hatte durchdringen wollen; er erzählte so launig, wie und auf welchen Wegen er nach so manchen komischen Verirrungen von dieser Schwachheit zurück gekommen sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm er den alten Landjunker von drüben in die Beichte und suchte ihm das Verständniß für den Hamlet aufzuschließen, der nur immer wieder darauf zurück kam, daß man beim Aufführen die Todtengräber-Scene nicht auslassen dürfe, weil sie die beste im ganzen Stücke sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus zu vertiefen, und ich glaube, daß durch das zu starre Hinschauen das Auge am Ende eben so geblendet werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem Gegenstande zum andern. Selbst bei Weibern, die Schmeicheleien von ihm erwarten, bricht er in Lobpreisungen des Lear und Macbeth aus, und die einfältigste kann ihm liebenswürdig und klug erscheinen, wenn sie nur Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhören.
Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen einwenden? fragte Theodor.
Er ist mir vielleicht der verdrießlichste von allen, fiel Wilibald ein; er, der alles besser weiß, besser würde gemacht haben, der schon seit Jahren gesehn hat, wohin alles kommen wird, der selten jemand aussprechen läßt, ihn zu verstehn sich aber niemals die Mühe giebt, weil er schon im voraus überzeugt ist, er müsse erst hinzufügen, was in der fremden Meinung etwa Sinn haben könne. Er ist der thätigste und zugleich der trägste aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will, alles will er lernen, keine Bibliothek ist ihm vollständig genug, kein Ort so entfernt, von dem er nicht Bücher verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie oder Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt; er lächelt nur, wenn andre sprechen, als wollt’ er sagen: laßt mich nur gewähren, laßt mich nur zur Rede kommen, so sollt ihr Wunder hören! Und wenn man nun wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert, daß er sein Licht leuchten lasse, so muß er wieder dieses Werk nachlesen, jene Reise erst machen, so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so vertröstet er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende Zukunft. Die übrigen ärgern mich nur, er aber macht mich böse; denn das ist das verdrüßlichste am Menschen, wenn er vor lauter Gründlichkeit auch nicht einmal an die Oberfläche der Dinge gelangen kann: es ist die Gründlichkeit der Danaiden, die auch immer hofften, der nächste Guß würde nun der rechte und letzte sein, und nicht gewahr wurden, daß es eben an Boden mangle.
Wollt ihr mir nun nicht auch von mir „ein liebes kräftig Wörtchen sagen?“ neckte ihn Theodor.
An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn so wie du mit jeder Feder eine andere Hand schreibst, klein, groß, ängstlich oder flüchtig, so bist du auch nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb, hast und treibst du mit ihm, und nur dein Leichtsinn ist es, welcher alles, auch das widersprechendste, in dir verbindet. Du bist hauptsächlich die Ursach, daß wir, so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem zweckmäßigen Leben haben kommen können, weil du dir nur in Unordnung und leerem Hinträumen wohlgefällst. Heute sind wir einmal recht vergnügt gewesen! pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die übrigen verleitest hast, recht viel dummes Zeug zu schwatzen; bei einer Albernheit geht dir das Herz auf, — doch ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du lachst auch hierüber.
Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus, o mein zorniger, mißmuthiger Camerad! du Ordentlicher, Bedächtlicher, der die ganze Welt nach seiner Taschenuhr stellen möchte, du, der in jede Gesellschaft eine Stunde zu früh kommt, um ja nicht eine halbe Viertelstunde zu spät anzulangen, du, der du wohl ins Theater gegangen bist, bevor die Casse noch eröffnet war, der auch dann im ledigen Hause beim schönsten Wetter sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz auszusuchen, mit dem er nachher im Verlauf des Stückes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es ja erlebt, daß du zu einem Balle fuhrst, und mich und meine Gesellschaft so über die Gebühr triebst, daßwir anlangten, als die Bedienten noch den Tanzsaal ausstäubten und kein einziges Licht angezündet war. Diese deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einführen, um nur alles eine Stunde früher als gewöhnlich zu thun, und gäbe man dir selbst diese Stunde nach, so würdest du wieder eine Stunde zuverlangen, so daß man, um mit dir ordentlich zu leben, immer im Zirkel um die vier und zwanzig Stunden des Tages mit Frühstück, Mittag- und Abendessen herum fahren müßte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt war, als die Suppe auf dem Tische stand, und jeder nach seiner Gelegenheit etwas später kam, darüber bist du noch heut verstimmt, du Heimtückischer, Nachtragender! noch mehr aber darüber, daß wir aus Scherz die geheime Abrede trafen, dich durchaus von Augustens Seite wegzuschieben, zu der du dich mit öffentlichem Geheimniß so geflissentlich drängst, und meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um deine feurigen Augen und wohlgesetzten verliebten Redensarten wahrzunehmen. Sieh, Freund, man kennt dich auch, und weiß auch deine empfindliche Seite zu treffen.
Wilibald zwang sich zu lachen und ging empfindlich fort; indem sah man Lothar und Ernst von der Straße des Berges, der über dem Garten und Hause lag, herunter reiten. Der einsame Anton gesellte sich zu Theodor und beide sprachen über Wilibald; es ist doch seltsam, sagte Anton, daß die Furcht vor der Affektation bei einem Menschen so weit gehen kann, daß er darüber in ein herbes widerspenstiges Wesen geräth, wie es unserm Freunde ergeht; er argwöhnt allenthalben Affektation und Unnatürlichkeit, er sieht sie allenthalbenund will sie jedem Freunde und Bekannten abgewöhnen, und damit man ihm nur nicht etwas Unnatürliches zutraue, fällt er lieber oft in eine gewisse rauhe Manier, die von der Liebenswürdigkeit ziemlich entfernt ist.
So will er die Weiber auch immer männlich machen, sagte Theodor, ging’ es nach ihm, so müßten sie gerade alles das ablegen, was sie so unbeschreiblich liebenswürdig macht.
Eine eigne Rubrik, fügte Anton hinzu, hält er, welche er Kindereien überschreibt, und in die er so ziemlich alles hinein trägt, was Sehnsucht, Liebe, Schwärmerei, ja Religion genannt werden muß. Wie die Welt wohl überhaupt aussähe, wenn sie nach seinem vernünftigen Plane formirt wäre?
Selbst Sonne und Mond, sagte Theodor, halten nicht einmal die gehörige Ordnung, des Uebrigen zu geschweigen. Die Abweichung der Magnetnadel muß nach ihm entweder Affektation oder Kinderei sein, und statt sich in den Euripus zu stürzen, weil er die vielfache Ebbe und Fluth nicht begreifen konnte, hätte er ruhig am Ufer gestanden, und bloß den Kopf ein wenig geschüttelt und gemurmelt: läppisch! läppisch!
Bis zum Abentheuerlichen unnatürlich sind die Cometen, versetzte Anton, ja alle Existenz hat wohl nur wie ein umgekehrter Handschuh die unrechte Seite herausgedreht, und ist dadurch existirend geworden.
Zweifelt ihr daran, ihr armen Sünder? rief Wilibald aus dem nächsten Laubengange heraus, in welchem er alles gehört hatte; könnt ihr euch euren doppelten unbefriedigten Zustand anders erklären? Habt ihr dies nicht schon oft im Ernst denken müssen, wenn ihr überhauptdarüber gedacht habt, was ihr jezt als Spaß aussprecht? Und wenn die Menschenseele sich selbst unvollendet und umgedreht empfindet, warum soll denn alles übrige Geschaffene richtiger und besser sein? Ihr hoffärtigen Erdenwürmer neigt euch in den Staub, und macht euch nicht über Leute lustig, die, wenn es die Noth erfordert, auch wohl über Milchstraßen und Trabanten und Sonnensysteme zu sprechen wissen.
Ernst und Lothar traten hinzu und erzählten viel von der anmuthigen Lage der merkwürdigen Ruine, und Ernst zürnte über den frevelnden Leichtsinn der Zeit, der schon so viel Herrliches zerstört habe und es allenthalben zu vernichten fortfahre. Wie tief, rief er aus, wird uns eine bessere Nachwelt verachten, und über unsern anmaßlichen Kunstsinn und die fast krankhafte Liebhaberei an Poesie und Wissenschaft lächeln, wenn sie hört, daß wir Denkmale aus gemeinem, fast thierischem Nichtachten, oder aus kläglichem Eigennutz abgetragen haben, die aus einer Heldenzeit zu uns herüber gekommen sind, an der wir unsern erlahmten Sinn für Vaterland und alles Große wieder aufrichten könnten. So braucht man herrliche Gebäude zu Wollspinnereien und schlägt dürftige Kammern in die Pracht alter Rittersäle hinein, als wenn es uns an Raum gebräche, um die Armseligkeit unsers Zustandes nur recht in die Augen zu rücken, der in Pallästen der Heroen seine traurige Thätigkeit ausspannt, und große Kirchen in Scheuern und Rumpelkammern verwandelt.
Ist ihnen doch die Vorzeit selbst nichts anders, sagte Lothar, und des Vaterlandes rührende Geschichte, eben so haben sie sich in diese mit ihren unersprießlichenZwecken hinein geklemmt, und verwundern sich lächelnd darüber, wie man ehemals nur das Bedürfniß solcher Größe haben mochte.
Jezt zeigte sich die übrige Gesellschaft. Manfred führte seine Schwiegermutter, Friedrich, welcher verweinte Augen hatte, die schöne Rosalie, Anton bot seinen Arm der freundlichen Clara, und Wilibald gesellte sich zu Augusten, indem er dem lächelnden Theodor einen triumphirenden Blick zuwarf. Man wandelte in den breiten Gängen, welche oben gegen den eindringenden Sonnenstrahl gewölbt und dicht verflochten waren, in heitern Gesprächen auf und nieder, und Lothar sagte nach einiger Zeit: wir sprachen eben von den Ruinen altdeutscher Baukunst, und bedauerten, daß viele Schlösser und Kirchen gänzlich verfallen, die mit geringen Kosten als Denkmale unsern Nachkommen könnten erhalten werden; aber indem ich den Schatten dieser Gänge genieße, erinnere ich mich der seltsamen Verirrung, daß man jezt vorsätzlich auch viele Gärten zerstört, die in dem sogenannten französischen Geschmack angelegt sind, um eine unerfreuliche Verwirrung von Bäumen und Gesträuchen an die Stelle zu setzen, die man nach dem Modeausdrucke Park benamt, und so bloß einer todten Formel fröhnt, indem man sich im Wahn befindet, etwas Schönes zu erschaffen.
Du erinnerst mich, sagte Ernst, an die Eremitage bei Baireuth und manchen andern Garten; wenn diese Einsiedelei auch manche aufgemauerte Kindereien zeigt, so war sie doch in ihrer alten Gestalt höchst erfreulich; ich verwunderte mich nicht wenig, sie vor einigen Jahren ganz verwildert wieder zu finden.
Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie die Natur sucht, eben der Sinn für Natur, denn nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem jetzigen Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, sondern auch wahrhaft romantische Wildnisse werden verfolgt, und zur Regel und Verfassung der neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die große wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne, frische, poetische und wilde Einsamkeit, die so schön mit den verfallenen Thürmen, den großen Höfen, und der herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie auf das Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht aus dem Mittelalter wirkte; ich war so entzückt über diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde, daß das grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, aber vor einiger Zeit fand ich auch hier eine Art von Park wieder, der zwar dem Wandelnden manchen schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt, der auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man vormals nur mit Gefahr erklettern konnte, der selbst erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen Räumen ruhig und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier aus der besten Absicht ist zerstört worden.
Hier wurde das Gespräch unterbrochen, indem der Bediente meldete, daß angerichtet sei.
———
Man ging durch die großen offenen Thüren des Speisesaales, der unmittelbar an den Garten stieß, und aus dem man den gegenüber liegenden Berg mit seinen vielfach grünenden Gebüschen und schönen Waldparthienvor sich hatte; zunächst war ein runder Wiesenplan des Gartens, welchen die lieblichsten Blumengruppen umdufteten, und als Krone des grünen Platzes glänzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen, der durch sein liebliches Getön gleich sehr zum Schweigen wie zum Sprechen einlud.
Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und Clara, neben dieser ließ Anton sich nieder, und ihm zunächst Emilie, zwischen ihr und Rosalien hatte Friedrich seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar schloß, und neben ihm saßen die übrigen Männer. Auf dem Tische prangten Blumen in geschmackvollen Gefäßen und in zierlichen Körben frische Kirschen. Wie kommt es, fing die ältere Emilie nach einer Pause an, daß es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still zugeht? Man ist nachdenkend und sieht vor sich nieder, auch erwartet Niemand ein lebhaftes Gespräch, denn es scheint, daß die Suppe eine gewisse ernste, ruhige Stimmung veranlaßt, die gewöhnlich sehr mit dem Beschluß der Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt.
Vieles erklärt der Hunger, sagte Wilibald, der sich meistentheils erst durch die Nähe der Speisen meldet, besonders, wenn man später zu Tische geht, als es festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann durstig, und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre Uebelkeit, fast Ohnmacht.
Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten das nur bedenken, die uns Frauen fast immer warten lassen, wenn sie eine Jagd, einen Spazierritt, oder ein sogenanntes Geschäft vorhaben.
Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sichwarten, erwiederte Wilibald, und wohl länger, wenn sie mit ihrem Anzug nicht einig oder fertig werden können? Da überdies die meisten niemals wissen, wie viel es an der Uhr ist, ja daß es überhaupt eine Zeitabtheilung giebt.
Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen Besuch in der Nachbarschaft machen, noch vorher eine Oper durchsingen, und ein wenig spazieren gehn, um dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen, dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und etwas früher essen als gewöhnlich, weil wir den Nachmittag einmal recht genießen wollten; als man aber, um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs, daß es gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur gewöhnlichen Tischzeit war, und die lieben Zeitlosen kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten.
Doch bitt’ ich mich auszunehmen, sagte Rosalie, tadelst du mich doch sonst immer, daß ich zu pünktlich, zu sehr nach der Stunde bin, sonst würde es auch mit den Einrichtungen der Wirthschaft übel aussehn.
Dich nehm’ ich aus, sagte Manfred, und einer Hausfrau steht auch nichts so liebenswürdig, als eine stille, unerschütterliche Ordnung: aber auch nur die stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen sind die für die Ordnung Wüthenden, in deren Häusern nichts als Einrichtung, Abrichten der Domestiken, Aufräumen und Staubabwischen zu finden ist; eine solche Frau haben, wäre eben so wie unter der großen Kirchenuhr und den Glocken wohnen, wo man nichts als den Perpendikel und das fürchterliche Schlagen der Stunden hört: auch eine männlich ordentliche und unternehmende Therese ist widerwärtig. Aberin aller liebenswürdigen weiblichen Unordnung schweift meine theure Schwester Auguste etwas zu sehr aus.
Das weiß Gott! fuhr Wilibald etwas übereilt heraus; denn wenn ein Spaziergang abgeredet ist, so muß man wohl anderthalb Stunden mit dem Stock in der Hand unten stehn und warten, und dann hat die liebenswürdige Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen, und besinnt sich erst darauf, wenn man einigemal hat erinnern lassen, oder sie kommt auch wohl endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und Sonnenschirm und Tuch gedacht; man geht zurück, man kramt, und fällt dabei nicht selten wieder in eine Beschäftigung, die den Spaziergang von neuem mit Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen Leiden soll unser eins nachher noch liebenswürdig sein!
Das ist ja eben die Liebenswürdigkeit, sagte Auguste, denn wenn euch alles entgegen getragen, allen euren Launen geschmeichelt wird, wenn man euch so schlicht hin für Herrscher erklärt, daß ihr dann zuweilen ein wenig liebenswürdig seid, ist doch warlich kein Verdienst.
Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt genossen ist, sagte Lothar, so rührt es wohl nicht so sehr von einem materiellen Bedürfniß her, daß man bei ihr wenig spricht, sondern mich dünkt, jedes Mahl und Fest ist einem Schauspiel, am besten einem Shakspearschen Lustspiel, zu vergleichen, und hat seine Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch unbewußt in den meisten Fällen aussprechen.
Wie könnte es wohl einem verständigen Menschen etwas anders sein? unterbrach ihn Wilibald mit Lachen;o wie oft ist doch unbewußt der Lustspieldichter selbst ein erfreulicher Gegenstand für ein Lustspiel!
Laß ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch die Mahlzeit nachher mit einer Schlacht, oder gar mit der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch muß unbedingte Gedanken- und Eßfreiheit herrschen.
Daß die abwechselnden Gerichte und Gänge, fuhr Lothar fort, sich mit Akten und Scenen sehr gut vergleichen lassen, fällt in die Augen; eben so ausgemacht ist es für den denkenden und höhern Esser (ich ignorire jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und etwa in materieller Dumpfheit meinen können, das Essen geschehe nur, um den Hunger zu vertreiben), daß eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen werden soll, der in der ganzen Composition der Tafel nichts widersprechen darf, sei es von Seiten der Speisen, der Weine, oder der Gespräche, denn aus allem soll sich eine romantische Composition entwickeln, die mich unterhält, befriedigt und ergötzt, ohne meine Neugier und Theilnahme zu heftig zu spannen, ohne mich zu täuschen, oder mir bittre Rückerinnrungen zu lassen. Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel, die manchmal zur Täuschung aufgetragen werden, sind gerade zu abgeschmackt zu nennen.
Im nördlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich einmal Zuckergebacknes als Torf aufsetzen, und es gefiel den Gästen sehr.
O ihr unkünstlich Speisenden! rief Lothar aus; warum laßt ihr euch den Marzipan nicht lieber als die Physiognomien eurer Gegner backen, und zerschneidet und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth? dürften die Rezensenten, oder sonst verhaßteMenschen, gleich so auf den Märkten zum Verkauf ausgeboten werden?
Von höchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara, habe ich einmal im Vasari gelesen, welche die Florentinischen Maler einander gaben, und die mich nur würden geängstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit vielleicht auf das äußerste. Nicht bloß, daß sie Palläste und Tempel von verschiedenen Speisen errichteten und verzehrten, sondern selbst die Hölle mit ihren Gespenstern mußte ihrem poetischen Uebermuthe dienen, und Kröten und Schlangen enthielten gut zubereitete Gerichte, und der Nachtisch von Zucker bestand aus Schädeln und Todtengebeinen.
Gern, sagte Manfred, hätt’ ich an diesen bizarren, phantastischen Dingen Theil genommen, ich habe jene Beschreibung nie ohne die größte Freude lesen können. Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst, Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser nächstes und alltäglichstes Leben hinein gespielt werden? Alles, auch das Seltsamste und Widersinnigste hat seine Zeit.
Freilich mußt du so sprechen, sagte Lothar, der du auch die Abentheuerlichkeiten des Höllen-Breughels liebst, und der du, wenn deine Laune dich anstößt, allen Geschmack gänzlich läugnest und aus der Reihe der Dinge ausstreichen willst.
Wüßten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese Sphinx sich aufhält, die alle wollen gesehen haben, und von der doch Niemand Rechenschaft zu geben weiß: bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an die Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl derSpaß an diesem Tagegeiste, daß er zugleich ist und nicht ist.
Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist die Erscheinung (die deinen Unglauben fast bestätigen könnte), daß Menschen, die von Jugend auf sich scheinbar mit dem Geiste des klassischen Alterthums genährt, die immer das Ideal von Kunst im Munde führen, und unbillig selbst das Schönste der Modernen verachten, sich doch plötzlich aus wunderlicher Leidenschaft so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt vergaffen können, daß ihr Zustand sehr nahe an Verrücktheit gränzt.
Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete Lothar, war ihre Liebe zur alten auch keine freie und gebildete, sondern nur Aberglaube, der die Form für den Geist nahm. Mir kam auch einmal ein scheinbar gebildeter junger Mann vor, der, nachdem er lange nur den Sophokles und Aeschylus angebetet hatte, ziemlich plötzlich und ohne scheinbaren Uebergang als ächter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue vergötterte.
Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: kein Mensch ist wohl seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens versichert, wenn er nicht die gegenüber liegende Reihe von Gedanken und Empfindungen schon in sich erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, als es beim ersten Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten Freigeister zu bekehren, weil von irgend einer Seite ihres Wesens sich gewiß die Glaubensfähigkeit erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten und Gedanken zertrümmert. Eben so wenigaber steht der Fromme, der nicht mit allen seinen Kräften schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, seine Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges Vertrauen sein, auf einem festen Grunde.
Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, die so oft im Menschen das zerstören, was vorher als sein eigenthümlichstes Wesen erscheinen konnte. Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange mit der stolzesten Ueberzeugung ihr verächtliches Leben führten, und endlich, schon an der Grenze des Alters, von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie fromm, demüthig und gläubig wurden, ihre verlorne Jugend beklagten, und endlich noch einigen Schimmer der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in besseren Tagen verspottet hatten.
Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen Menschen, welche in die Welt treten, und sich nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien beherrschen und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, wie arm und welche gebundene Sklaven jene sind, die gern alle ihre falschen Flitterschätze um ein Gefühl der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar der Liebe hingeben möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in ihren dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist der überhaupt in der Welt der Beneidete, der sich selber mitleidswürdig dünkt, und weit mehr Schlimmes geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser Neigung, ein mißverstandner Trieb der Nachahmung und Verehrung verlockt viel häufiger den Verirrten, als Neigung zum Laster.
Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte Ernst, eben so wenig in den Künsten und Neigungen das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor beiden gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer zusammen hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen weder den moralischen noch physischen Ekel in uns zu vernichten streben.
Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte Manfred ein. — Ein Weltumsegler unsers Innern wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer Seele entdecken, und daß man nothwendig auf denselben Punkt der Ausfahrt zurück kommen muß, wenn man sich gar zu weit davon entfernen will.
Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald anstieß, zur liebenswürdigen Billigkeit und Humanität.
Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte Spitze und den wahrhaften Schwindel mit einem gewissen Witze sucht, zu gar nichts. Theurer Lothar, laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch etwas weiter.
Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar fort, erklär’ ich also, daß bei einem Schauspiele die Einleitung eine der wichtigsten Parthien ist; sie kann hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, daß in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die einfachste und natürlichste Weise auseinander gesetzt wird, so wie in „den Irrungen,“ oder daß uns der Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß eröffnen, so wie im „Romeo“ und dem „Oldcastle,“die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf die dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte der Dinge führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie in „Was ihr wollt.“ Es ist keine Frage, daß die letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei, und daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, die nicht bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit mit einer kräftigen, aber milden, ruhig bedächtigen Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum Drama haben, und dunkeldie Ahnung in ihnen schläft, daß alles Drama sei, so hüten sie sich mit Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch nur zu gesprächig zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht.
Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar fuhr also fort: so wie sich in dem eben genannten Lustspiele nach der fast elegischen Einleitung die anmuthigen Personen des Junkers Tobias, der Maria und der Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt man zum Anbeginn der Mahlzeit Sardellen, oder Kaviar, oder irgend etwas Reizendes, welches noch nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so, um nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung und Reiz in angenehmen Schwingungen bis zum Nachtisch, der ganz launig, poetisch und muthwillig ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit dem allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang des liebenswürdigsten Narren beschließt, wie „Viel Lärmen um nichts,“ und „Wie es euch gefällt“ mit einem Tanze endigen, oder das „Wintermährchen“ mit der lebendigen Bildsäule.
Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben so gut in Schulen lernen, als die übrigen Wissenschaften.
Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen nichts so wenig, als ungeschickt zu essen, denn eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß unserer Natur ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten und anmuthige Heiterkeit verbreiten.
Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine schwankende Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher Verschwendung, wie man wohl mit vortrefflichem Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern Gerichten im Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein hinunter würgen muß. Dieses sind die wahren Tragikomödien, die jedes gesetzte Gemüth, das nach Harmonie strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch solcher Tafel zugleich lärmend und wild, so hat man noch lange nachher am Mißton der Festlichkeit zu leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle Gesellschaft niemals eintreten können.
Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken aus Ambition, oder wenn ein begeisterter Wirth im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt, indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien’ es, diese Flasche koste so viel und jene noch mehr, es komme ihm aber unter guten Freunden nicht darauf an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch mehr darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen im Hochmuth des Geldes nicht nur her, was dieses Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt, sondern sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches und Schrankes erfahren hat. Wenn sie Kunstwerkeoder Raritäten besitzen, sind sie gar unerträglich, und ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen, daß es ihm, gegen den Wirth gerechnet, eigentlich wohl an Gelde gebreche.
Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie in den Gefäßen und Speisen Harmonie sein muß, diese auch durch die herrschenden Gespräche nicht darf verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie schon gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit begleitet, nachher ist wohl gelinde Politik erlaubt, und kleine Geschichtchen, oder leichte philosophische Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes und Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn ja nicht zu früh, denn mit dem Confect und Obst und den feinen Weinen soll aller Ernst völlig verschwinden, nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres Lachen werden selbst die Damen dreister, die Liebe erklärt sich unverholner, die Eifersucht zeigt sich mit unverstecktern Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und scheut sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes sich hinzugeben, selbst eine und die andre ärgerliche Geschichte witzig vorgetragen darf umlaufen. Große Herren ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls sich ganz als Menschen, heiter froh und ausgelassen zu fühlen.
Jezt, sagte Theodor,bringt man um die Zeit die kleinen Kinder herein, wenn sie nicht schon alle in Reih’ und Glied bei Tische selber gesessen haben.
Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebtsich zum Rührenden über die hohen idealischen Tugenden der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe zu den Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern.
Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, so werden Thränen vergossen, als die letzte und kostbarste Flüssigkeit, die aufzubringen ist, und so beschließt sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen des Herzens.
Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man diese Unarten vermeiden muß, jede Tischunterhaltung sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf gehörige Art das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß mit ihm gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen Gesellschaften spreche ich gar nicht, die leider in unserm Vaterlande fast allgemeine Sitte geworden sind, wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde, Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte Gevatterinnen an einer langen Tafel nach dem Loose durch einander gesetzt werden; jene Mahlzeiten, für welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und läuft und von ihnen träumt, um alles mit großem Prunk und noch größerer Geschmacklosigkeit einzurichten, um nur endlich, endlich der Fete los zu werden, die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl zwölf und mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat, zu der sie nun zum Ueberfluß noch jeden einladet, dem sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein glaubt, und gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne auffängt, um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben; nein, ich rede nicht von jenen Tafeln, an welchen Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnenMinuten sich ein einzelner Privatspaß heraus wickeln kann, wo jedes Gespräch schon als todte Frucht zur Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß, wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht jene Gastgebote, bei denen der Wirth sich auf die Folter begeben muß, um den guten Wirth zu machen, zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken und frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder Damen niederlegen; kurz, schweigen wir von dieser Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller Geselligkeit und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden hat.
Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, fügte Wilibald hinzu, sind die noch größern Theegesellschaften und kalten Abendmahlzeiten, wo das Vergnügen erhöht wird, indem alles durch einander läuft, und wie in der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen und ungerufen, mit allen möglichen Erfrischungen balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene durch alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht was, und ein Ordnungsliebender gern am Ofen, oder an irgend einem Fenster Posto faßt, um in der allgemeinen Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen zu werden.
Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl unsers geselligen Lebens, Michel Angelo’s jüngstes Gericht gegen die Miniaturbilder alter Gastlichkeit und traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von der alle Propheten nur haben weissagen können.
Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die Festlichkeiten des Mittelalters, wo nicht selten Tausende vom Adel als Gäste versammelt waren; doch hatte jener freimüthige frohe Sinn nichts von der Zerstreutheit unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe, diese Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr scherzte, vereinigten alle Gemüther zu einem herrlichen Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind wohl noch niemals so öffentlich und in so schönem großen Sinne genossen worden.
Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung ein Gastmahl endigen? fragte Wilibald; was sollte denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn folgen können, um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche Leben einzulenken?
Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, und nach diesem, wie neulich schon ausgemacht wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da befinden wir uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an einen Traum zurück.
Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken, warf Clara ein, so wäre es eben eine herzliche Last, sich mit dem Leben überall einzulassen.
Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte Theodor, haben doch Elephanten gelernt auf dem Seile tanzen. Die meisten Menschen machen sich außerdem ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es doch ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn in den Kauf bekommen, so entschlössen sich viele, sich sterben zu lassen.
Ich sage ja nur, antwortete Lothar, daß unsdunkel dergleichen Vorstellung eines Drama vorschwebt, wie bei allen Dingen, in die wir uns bestreben, Sinn und Zusammenhang hinein zu bringen.
Da man sich schon dem Nachtische näherte, so ließ Manfred heißern Wein geben und ermunterte seine Freunde zum Trinken. Du wolltest, dünkt mich, noch über die Tischgespräche etwas sagen, so wandte er sich nach einiger Zeit an Lothar.
Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, daß nicht jedes Gespräch, auch wenn es an sich gut ist, an die Tafel paßt, oder wenigstens nicht in jede Gesellschaft. Beim stillen häuslichen Mahl darf unter wenigen Freunden oder in der Familie mehr Ernst, selbst Unterricht und Gründlichkeit herrschen, je mehr es sich aber dem Feste nähert, um so mehr müssen Geist und Frohsinn an die Stelle treten.
Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehörigen Diskurse führen? Bist du, dramatischer Lothar, in deinem Gewissen ganz beruhigt?
Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben alles, was wir geben können, auch hier muß jenes Glück unsichtbar hinzutreten und die letzte Hand anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor zu bringen.
Während dieser Gespräche, sagte Manfred, ist mir eingefallen, daß ich wohl unsre Schriftsteller und Dichter nach meinem Geschmack mit den verschiedenartigen Gerichten vergleichen könnte.
Zum Beispiel? fragte Auguste; das wäre eine Geschmackslehre, die mir sehr willkommen sein würde, und wonach ich mir alles am besten merken und eintheilen könnte.
Ein andermal, sagte Manfred, wenn du für dergleichen ernsthafte Dinge mehr gestimmt bist; jezt würdest du es wohl nur sehr frivol aufnehmen, und ich bin doch überzeugt, daß diese Vergleichungen sich eben auch so gründlich durchführen lassen, wie alle übrigen.
Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die Schriftsteller, die über die Poesie schrieben, niedrig und gemein finden wollten, das Geschmack zu nennen, was in Werken der Künste das Gute von dem Schlechten sondert.
Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte Theodor.
Wer noch nie über das Tiefe und Innige des Geschmacks, über seine chemischen Zersetzungen und universellen Urtheile nachgedacht hat, versetzte Ernst, der dürfte nur einiges über diesen Gegenstand in den Schriften mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verächter dieses Sinnes zu verachten.
Er dürfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und dann essen.
Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken, indem er selber bedächtig trank.
Am kürzesten ist es gewiß, antwortete Friedrich, indeß wie selten werden wir darauf geführt, das zu beobachten, und uns über dasjenige zu unterrichten, was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der Philosoph nur ein unvollkommener, der in diese Gegend seinen spähenden Geist noch niemals ausgesendet hat.
So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst fort, auch mit denen, die schon dem Gedanken verwandter scheinen, wie das Ohr und das noch hellere Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe alsbloße Farbe recht zu vertiefen? Wie kommt es denn, daß das helle ferne Blau des Himmels unsre Sehnsucht erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt, ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen kann, und woher nur dieses unermüdete Entzücken am frischen Grün, an dem sich der Durst des Auges nie satt trinken mag?
Auf heiliger Stätte stehen wir hier, sagte Friedrich, hier will der Traum in uns in noch süßeren, noch geheimnißvolleren Traum zerfließen, um keine Erklärung, wohl aber ein Verständniß, ein Sein im Befreundeten selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der Seher die göttlichen ewigen Kräfte ihm begegnend, und der Unheilige läßt sich an der nämlichen Schwelle zum Götzendienste verlocken.
Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse wohl unter ihren vielfarbigen Mantel genommen, um sie den Menschen sittsam und in fliehenden Augenblicken zu zeigen, dann hat sie sie über sich selbst vergessen, und phantasirt seitdem so oft in allen Tönen und Erinnerungen, um diese alten Töne und Erinnerungen wieder zu finden. Daher die wilde Verzweiflung in der Lust mancher bacchantischen Dichter; es reißen sich wohl Laute in schmerzhafter üppiger Freude, in der Angst keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten hervor, und verrathen, was der heiligere Wahnsinn verschweigt. So wollten wild schwärmende Corybanten und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, und alle Lust die über die Gränze schweift nippt von dem Kelch der Ambrosia, um Angst und Wuth mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch derDichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen und der wilden Sehnsucht mehr die Zunge lößt.
Schon glaub’ ich die Mänade zu hören, sagte Ernst, nur Paukenton und Cymbelnklang fehlt, um dreister die Worte tanzen zu lassen, und die Gedanken in wilderer Geberde.
Sein wir auch im Phantasiren mäßig, und auch im Aberwitz noch ein wenig witzig, bemerkte Wilibald.
Ja wohl, fügte Auguste hinzu, sonst könnte man vor dergleichen Reden eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten werden; das beste ist, daß keiner sich leicht dergleichen wahrhaft zu Gemüth zieht, sonst möchten sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun.
Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser Leichtsinn und diese Trägheit erhält den Menschen und giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem Guten, aber beide reißen ihn auch immerdar zurück von allem Guten und Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige Erde an.
Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhöflich, wie die Hunde, die, wenn auch noch so geschickt, nicht lange auf zwei Beinen dienen können, sondern immer bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinäre Hunde zurück fallen.
Laßt uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde zu sein, auf der Erde bleiben, denn gewiß ist alles gut, was nicht anders sein kann.
Wir sprachen ja von Künsten, fuhr Theodor fort, und ich erinnere mich dabei nur mit Verdruß, daß ein Mensch, der seine Hunde ihre mannichfaltigen Geschicklichkeiten öffentlich zeigen ließ, jeden seiner Scholarenmit der größten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Künstler nannte.
O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet sich jezt nach dem sanften Regen über unsern Garten! So ist wohl dem zu Muthe, der aus einem schweren Traum am heitern Morgen erwacht.
Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck vergessen, den mir dieser Garten mit seiner Umgebung machte, als ich ihn zuerst von der Höhe jenes Berges entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke, mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser Gegend erzählt, und ich stellte mir ziemlich unbestimmt eine Sammlung grüner Gebüsche vor, die man so häufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir den rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir die grünen Thäler mit ihren blitzenden Bächen lagen, so wie die zusammenschlagenden Blätter eines herrlichen alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne liebliche Verse entgegen äugeln, die uns auf das Ganze um so lüsterner machen: nun entdeckt’ ich in der grünenden Verwirrung das hellrothe Dach deines Hauses und die reinlich glänzenden Wände, ich sah in den viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten, den gerade Bäumgänge bildeten und verschlossene Lauben, die Wege so genau abgemessen, die Springbrunnen schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein helles Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern alter Vorzeit entgegen, und befangen von poetischen Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg noch mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich nun alles so lieblich und reizend gefunden habe. Ich gestehe gern, ich liebe die Gärten vor allen, die auchunsern Vorfahren so theuer waren, die nur eine grünende geräumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich die geraden Wände wieder antreffe, wo keine unvermuthete Beugung mich überrascht, wo mein Auge sich schon im voraus unter den Baumstämmen ergeht, wo ich im Freien die großen und breiden Blumenfelder finde, und vorzüglich die lebendigen spielenden Wasserkünste, die mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen erregen.
Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred, betrat ich zuerst diese Gegend, dieser Garten lockte mich sogleich freundlich an. Ich liebe es, im Freien gesellschaftlich wandeln zu können, im ungestörten Gespräch, die Blumen sehen mich an, die Bäume rauschen, oder ich höre halb auf das Geschwätz der Brunnen hin; belästigt die Sonne, so empfangen uns die dichtverflochtenen Buchengänge, in denen das Licht zum Smaragd verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen flattern und singen.
Mit Entzücken, so redete Ernst weiter, muß ich an die schönen Gärten bei Rom und in manchen Gegenden Italiens denken, und sie haben meine Phantasie so eingenommen, daß ich oft des Nachts im Traum zwischen ihren hohen Myrthen- und Lorbeergängen wandle, daß ich oftmals, wie die unvermuthete Stimme eines lange abwesenden Freundes, das liebliche Sprudeln ihrer Brunnen zu vernehmen wähne. Hat sich irgendwo ein edles Gemüth so ganz wie in einem vielseitigen Gedicht ausgesprochen, so ist es vor allen dasjenige, welches die Borghesische Villa angelegt und ausgeführt hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen, an hohen schönen Bäumen besitzt, allen Reiz großerund freier Räume, wo uns labend die Luft des heitern Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde, wo sich Epheu um alte Stämme im Dunkel schlingt, und in der süßen Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden Stralen klingend tropfen, und Turteltauben girren: der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen, Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den bedeutendsten Stellen, alles findet sich in diesem elysischen Garten, dessen Reize nie veralten, und der jezt eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner Einbildung schwebt.
Doch hab’ ich in vielen Büchern gelesen, wandte Emilie ein, daß die Gartenkunst der Italiäner noch in der Kindheit sei, und daß sie weit hinter den Deutschen zurückstehen.
In allen menschlichen Angelegenheiten, antwortete Ernst, herrscht die Mode, aus der sich, wenn sie erst weit um sich gegriffen hat, leicht Sektengeist erzeugt, welchen man oft genug als Fortschritt der Kunst oder Menschheit unter dem Namen des Geistes der Zeit muß preisen hören, und so gehören auch diese Aeußerungen und Glaubensmeinungen in das System so mancher andern, gegen die ich mich fast unbedingt erklären möchte. Wo sind denn in Deutschland die vortrefflichen Gärten im sogenannten Englischen Geschmack, gegen die der gebildete Sinn nicht sehr Vieles einzuwenden hätte?
Sprechen sie weiter! rief Clara lebhaft; schon einige empfindsame Reisende haben unsern muntern Garten als altfränkisch getadelt und meiner Mutter auf vielfache Weise gerathen, einen krummen, und wenn man den nächsten Hügel mit hinein zöge, auch auf- undabsteigenden Park mit allen möglichen Effekten, anzulegen, und meine gute Mutter hatte sich schon vor einigen Jahren nicht abgeneigt gezeigt, so daß ich schon für meine Blumenbeete und für die Wasserkünste, die selbst in der Stille der Nacht fortlachen, gezittert habe.
Wir dürfen nur, fuhr Ernst fort, auf das Bedürfniß zurück gehn, aus welchem unsre Gärten entstanden sind, um auf dem kürzesten Wege einzusehn, welche Anlagen im Allgemeinen die richtigeren sein mögen. Der Landmann hat neben seiner einfachen Wohnung seinen Baumgarten, der ihm vor seiner Thür Früchte und Küchengewächse liefert; gern läßt er das Gras zwischen den Bäumen wachsen, sowohl, weil er es ebenfalls nutzen kann, als auch weil es ihm Arbeit erspart, indem er es schont. Sehn wir in dieser wilden grünen Anstalt noch irgend ein Fleckchen den Gartenblumen besonders gewidmet und mit Liebe ausgespart, so hat diese natürlichste Anlage, im Gebirge wie im flachen Lande, einen gewissen Zauber, der uns still und rührend anspricht, ja in der Blüthenzeit kann ein solcher Raum mit seinen dicht gedrängten Bäumen entzückend sein. Diese sind unter den Gärten die wahren Idyllen, die kleinen Naturgedichte, die eben deswegen gefallen, weil sie von aller Kunst völlig ausgeschlossen sind.
Ein Mühlbach, der an solchem Garten vorüberrinnt, sagte Clara, und Lämmchen drinne hüpfend und blökend in der Frühlingszeit, und krausbebuschte Berge dahinter, aus denen ein Holzschlag in den Gesang der Waldvögel tönt, dies kann vorzüglich Abends, oder am frühsten Morgen so himmlische Eindrücke von Ruhe, Einsamkeit und lieblicher Befangenheit erregen, daßunser Gemüth in diesen Augenblicken sich nichts Höheres wünschen kann.
Die Gärten der alten Burgen und Schlösser waren auf ihren Höhen gewiß nur beschränkt, sagte Ernst, der jagdliebende Ritter lebte im Walde, und auf Reisen und Turnieren, oder in Fehden und Kriegen. Als die neueren Palläste entstanden und die fürstliche Architektur, als mit dem milderen Leben Kunst, Witz und heitere Geselligkeit in die Schlösser der Großen und Reichen zogen, wandte sich die architektonische Regel ebenfalls in die Gärten; in ihnen sollte dieselbe Reinlichkeit und Ordnung herrschen, wie in den Säulengängen und Sälen der Palläste, sie sollten der Geselligkeit den heitersten Raum gewähren, und so entstanden die regelmäßigen, weiten und vielfachen Baumgänge, so wurde der unordentliche Wuchs zu grünen Wänden erzogen, Hügel ordneten sich in Terrassen und bequemen breiten Treppen, die Blumen standen in Reihen und Beeten, und alles Wildscheinende, so wie alles, was an das Bedürfniß erinnert, wurde sorgfältigst entfernt; auf großen runden oder viereckten Plätzen suchte man gern die Frühlingssonne, die dichten Baumschatten waren zu Bögen gegen die Hitze gewölbt, verflochtene Laubengänge waren künstlich selbst mit unsichtbaren Käfigen umgeben, in denen Vögel aller Art in scheinbarer Freiheit schwärmten, die Springbrunnen, die die Stille unterbrachen und wie Naturmusik dazwischen redeten, und deren geordnete Stralen und Ströme in vielfachen Linien aus Muscheln, Seepferden und Statuen von Wassergöttern sich ebenfalls nach Regeln erhoben, dienten als phantastischer Schmuck dem wohlberechneten Ganzen. Der bunte grünendeRaum war Fortsetzung der Säle und Zimmer, für viele Gesellschaften geeignet, den mannichfaltigsten Sinnen zubereitet, dem Geräusch und Prunk anpassend, und auch in der Einsamkeit ein lieblicher Genuß; denn der Frohwandelnde, wie jener, der sich in stille Betrachtung senkt, fand nichts, was ihn störte und irrte, sondern die lebendige Natur umgab sie zauberisch in denselben Regeln, in denen der Mensch von Verstand und Vernunft, und der innern unsichtbaren Mathematik seines Wesens ewig umschlossen ist.
Siehst du, liebe Mutter, sagte Clara, welche philosophische Miene unser oft getadelte Garten anzunehmen weiß, wenn er nur seinen Sachwalter findet?
Alles, was ich sagen kann, fuhr Ernst fort, steht schon im Woldemar viel besser und gründlicher, als Zurechtweisung eines einseitigen und mißverstandenen Hanges zur Natur.
Finden Sie denn aber wirklich alle Gärten dieser Art schön? fragte Auguste.
So wenig, antwortete Ernst, daß ich im Gegentheil viele gesehen habe, die mir durch ihre vollendete Abgeschmacktheit eine Art von Grausen erregt haben. Es giebt vielleicht in der ganzen Natur keine traurigere Einsamkeit, als uns die erstorbene Formel dieser Gartenkunst in dem barocken übertriebenen holländischen Geschmack darbietet, wo es den Reiz ausmachen soll, die Bäume nicht als solche wieder zu erkennen, wo Muscheln, Porzellan und glänzende Glaskugeln um fürchterlich verzerrte Bildsäulen auf gefärbtem Sande leuchten, wo das springende Wasser selbst seine liebliche Natur eingebüßt hat, und zum Possenreißer geworden ist, und wo auch sogar der heiterste blaue Himmel nurwie ein ernstes mißbilligendes Auge über dem vollendeten Unfug steht: Mond und Sterne über diesen Fratzen leuchtend und schimmernd, sind furchtbar, wie die lichten Gedanken im Geschwätz eines Verrückten.
Vom Wasser, fiel Theodor ein, wird überhaupt oft ein kindischer Mißbrauch gemacht; diese Vexirkünste, um uns plötzlich naß zu machen, sind den abgeschmackten neumodischen Gespenstergeschichten mit natürlichen Erklärungen zu vergleichen; der Verdruß ist viel größer als der Schreck.
Da man nun so häufig, sprach Ernst weiter, diese Gespenster von Gärten sah, so erwachte zu derselben Zeit, als man in allen Künsten die Natürlichkeit forderte, auch in der Gartenkunst bei unsern Landsleuten ein gewisser Sinn für Natur. Wir hörten von den englischen Parks, von denen viele in der That in hoher Schönheit prangen, sehr viele aber auch die Wohnung trüber Melankolie sind, und so fing man denn in Deutschland ebenfalls an, mit Bäumen, Stauden und Felsen auf mannigfache Weise zu malen, lebendige Wasser und Wasserfälle mußten die springenden Brunnen verdrängen, so wie alle geraden Linien nebst allem Anschein von Kunst verschwanden, um der Natur und ihren Wirkungen auf unser Gemüth Raum zu gewähren. Weil man sich nun hier in einem unbeschränkten Felde bewegte, eigentlich keine Vorbilder zur Nachahmung hatte, und der Sinn, der auf diese Weise malen und zusammen setzen soll, vom feinsten Geschmack, vom zartesten Gefühl für das Romantische der Natur geleitet werden muß, ja, weil jede Lage, jede Umgebung einen eigenthümlichen Garten dieser Art erfordert, und jeder also nur einmal existiren kann, sokonnte es nicht fehlen, daß man, von jenem ächten Natursinn verlassen, in Verwirrung gerieth, und bald Gärten entstanden, die nicht weniger widerlich, als jene holländischen waren. Bald genügten die Effekte der Natur und der sinnigen Bäume und Pflanzen nicht mehr, dem bizarren Streben waren diese Wirkungen zu gelinde, man baute Felsenmassen, Labyrinthe, hängende Brücken, chinesische Thürmchen auf steilen Abhängen, gothische Burgen, Ruinen aller Art, und so waren diese verworrenen Räume am Ende mehr auf ein unangenehmes Erschrecken, oder unbehagliche Aengstlichkeit, als für einen stillen Genuß eingerichtet.
Und dabei doch alles kleinlich, fiel Manfred ein, nicht phantastisch, sondern nur arm sind diese Tempel der Nacht und der Sonne, mit ihren bunten affektirten Lichtern, und kommen nicht einmal unsern gewöhnlichsten Theater-Effekten gleich.
Für das Erschrecken reizbarer oder träumerischer Menschen ist oft hinlänglich gesorgt, sagte Anton, wenn unvermuthet ein Bergmann aus einem Schacht neben dem Wege heraus zu steigen scheint, oder im einsamen Dickicht eine andre widrige Puppe als Eremit vor einem Crucifixe kniet. Selbst Schädel und Beingerippe müssen dem Wandelnden zum Ergötzen dienen.
Ohne weiteren Schreck, sagte Wilibald, erregen schon die krummen, ewig sich verwickelnden Wege Angst genug. Man sieht Menschen in der Ferne und vermuthet einen Freund unter diesen; aber wie in aller Welt soll man es anstellen, sich ihnen zu nähern? Man nimmt die Richtung nach jenem Punkt, allein der Weg läßt sich nicht so gehn, wie du möchtest, bald bist du hinter deinem vorigen Standpunkte zurück, und so ist es auchwahrscheinlich jenem drüben ergangen; tagelang rennt man sich aus dem Wege, wenn man sich nicht in einer albernen Moschee, oder otahitischen Hütte, in die man gegen den Regen unterduckt, ganz unvermuthet findet.
Eben so wenig, fuhr Theodor fort, kannst du aber dem ausweichen, dem du nicht begegnen willst, und das ist oft noch schlimmer. Nichts alberneres, als zwei Menschen, die sich nicht leiden mögen, und die sich plötzlich in gezwungener Einsamkeit in einer dunkeln Grotte eng neben einander befinden, da brummt man was von schöner Natur und rennt aus einander, als müßte man die nächste Schönheit noch eilig ertappen, die sich sonst vielleicht auf flüchtigen Füßen davon machen möchte; und, siehe da, indem du dich bald nachher eine enge Felsentreppe hinauf quälst, kommt dir wieder die fatale Personage von oben herunter entgegen gestiegen, man muß sich sogar beim Vorbeidrängen körperlich berühren, eine nothgedrungene Freundlichkeit anlegen, und der lieben Humanität wegen recht entzückt sein über das herrlich romantische Wesen, um nur der leidigen Versuchung auszuweichen, jenen in den zauber- aber nicht wasserreichen Wasserfall hinab zu stoßen. Die Entdeckung und Anpflanzung der lombardischen Pappel, die weder Gestalt noch Farbe hat, ist den Verfertigern der schönen Natur sehr zu statten gekommen, ihrem Wirrwarr recht eilig auf die Beine helfen zu können. Das Zeug wächst fast zusehends, und nun haben unsre guten alten einheimischen Bäume das Nachsehn. Diese Pappeln sind mir in geraden und krummen Gängen gleich widerwärtig. Wie schön sind unsre alten Linden, die vormals so manche Landstraßezierten, wie erfreulich die ehrwürdigen Nußbäume der Bergstraße, und wie melankolisch sind die Pappelgassen, die sich um Carlsruh nach allen Seiten in das Land so finster hinaus strecken.
In gebirgigen Gegenden, sagte Friedrich, scheint mir ein Garten, wie dieser hier, nicht nur der angemessenste, sondern auch ohne Frage der schönste, denn nur in diesem kann man sich von den erhabenen Reizen und großen Eindrücken erholen, die die mächtigen Berge beim Durchwandeln in uns erregen. Jedes Bestreben, hier etwas Romantisches erschaffen, und Baum und Waldgegenden malen zu wollen, würde jenen Wäldern und Felsenschluften, den wundersamen Thälern, der majestätischen Einsamkeit gegenüber nur albern erscheinen. So aber liegt dieser Garten in stiller Demuth zu den Füßen jener Riesen, mit ihren Wäldern und Wasserbächen, und spielt mit seinen Blumen, Laubengängen und Brunnen wie ein Kind in einfältigen Phantasien. Dagegen ist mir in einer der traurigsten Gegenden Deutschlands ein Garten bekannt, der allen romantischen Zauber auf die sinnigste Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines schönen Gemüthes in Pflanzen und Bäumen äußerlich zu erschaffen vollendet wurde; in jener Gegend, wo der edle Herausgeber der Arethusa nach alter Weise im Kreise seiner liebenswürdigen Familie lebt; dieser grüne, herrliche Raum schmückt wahrhaft die dortige Erde, von ihm umfangen, vergißt man das unfreundliche Land, und wähnt in lieblichen Thälern und göttergeweihten Hainen des Alterthums zu wandeln; in jedem Freunde der Natur, der diese lieblichen Schatten besucht, müssensich dieselben heitern Gefühle erregen, mit denen der sinnvolle Pflanzer die anmuthigste Landschaft hier mit dem Schmuck der schönsten Bäume dichtete, die auf sanften Hügeln und in stillen Gründen mannichfaltig wechselt, und durch rührende Reize den Sinn des Gebildeten beruhigt und befriedigt. Denn ein wahres und vollkommenes Gedicht muß ein solcher Garten sein, ein schönes Individuum, das aus dem eigensten Gemüthe entsprungen ist, sonst wird ihm der Vorwurf jener oben gerügten Verwirrung und Unerfreulichkeit gewiß nicht entstehn können.
Die Damen machten schon Miene sich zu erheben, als Manfred rief: nur noch diese Flasche, meine Freunde, des lieblichen Constanzerweins, jedem ein volles Glas, und mit ihm trinke jeder eine Gesundheit recht von Herzen!
Ernst erhub das flüssige Gold, und sagte nicht ohne Feierlichkeit: Wohlauf, er lebe, der Vater und Befreier unsrer Kunst, der edle deutsche Mann, unser Göthe, auf den wir stolz sein dürfen, und um den uns andre Nationen beneiden werden!
Alle stießen an, und als Theodor an ein neuliches Gespräch erinnern wollte, rief Manfred: nein, Freunde, keine Kritiken jezt, alle Freude unsrer Jugend, alles was wir ihm zu danken haben, vereinigen wir in unserer Erinnrung in diesem Augenblick!
Wilibald sagte: du hast Recht, der Moment begeisterter Liebe kann nur Liebe sein, und darum laßt uns Schillers Andenken mit seinem Namen vereinigen, dessen ernster groß strebender Sinn wohl noch länger unter uns hätte verweilen sollen.
Ich trinke dieses Glas, sprach Anton bewegt, demedelsten und freundlichsten Gemüth, dem liebenswürdigsten Greise, dem es wohl gehn solle, dem Weisen, der nie Sektirer war, dem kindlichen Jacobi, den uns ein sanftes Schicksal noch viele Jahre gönnen möge!
Wir endigen unser Mahl feierlich, sagte Emilie, man kann sich der Rührung nicht erwehren, auf diese Weise an geliebte Abwesende zu denken.
Ergeben wir uns, rief Manfred lebhaft aus, dieser schönen Bewegung, und darum stoßt an, und feiert hoch das Andenken unsers phantasievollen, witzigen, ja wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst du ihn vergessen, du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm für seine Irrgärten und wundervollen Ersinnungen: möchte er in diesem Augenblick freundlich an uns denken, wie wir uns mit Rührung der Zeit erinnern, als er gern und mit schöner Herzlichkeit an unserm Kreise Theil nahm!
Nie sei vergessen, rief Theodor mit einem Ernst, der an ihm nicht gewöhnlich war, das brüderliche Gestirn deutscher Männer, unser Friedrich und Wilhelm Schlegel, die so viel Schönes befördert und geweckt haben: des einen Tiefsinn und Ernst, des andern Kunst und Liebe sei von dankbaren Deutschen durch alle Zeiten gefeiert!
So sei es denn erlaubt, sprach Lothar, einen Genius zu nennen, der schon lange von uns geschieden ist, der aber uns wohl umschweben mag, wenn alle Herzen mit innerlichster Sehnsucht und Verehrung ihn zu sich rufen: der große Britte, der ächte Mensch, der Erhabene, der immer Kind blieb, der einzige Shakspear sei von uns und unsern Nachkommen durch alle Zeitalter gepriesen, geliebt und verehrt!
Alle waren in stürmischer Bewegung und Friedrich stand auf und sagte: ja, meine Geliebten, wie wir hier nur beisammen sind in Freundschaft und Liebe und dadurch eins, so umgiebt uns auch aus der Ferne das Angedenken edler Freunde, und ihre Herzen sind vielleicht eben jezt hieher gewendet; aber auch den Abgeschiedenen zieht unser Glaube andächtig zu unsern Mahlen, Freuden und Scherzen, mit Sehnsucht, Liebe und Freudenthränen herbei, und so beschließt sich am würdigsten ein heitrer Genuß; der Tod ist keine Trennung, sein Antlitz ist nicht furchtbar: opfert diese letzten Tropfen dem vielgeliebten Novalis, dem Verkündiger der Religion, der Liebe und Unschuld, er ein ahndungsvolles Morgenroth besserer Zukunft.
Rosalie stieß stillschweigend und gerührt mit an: ihm sollen die Frauen danken, sprach sie leise und bewegt. Alle erhuben sich, die Freunde umarmten sich stürmisch und jedem standen Thränen in den Augen. Man ging schweigend in den Garten.
———
Die Gesellschaft saß um den größten Springbrunnen, der in der Mitte des Gartens spielte, horchte auf das liebliche Getön und fühlte in dieser Pause kein Bedürfniß, das Gespräch fort zu setzen; endlich sagte Clara: von allen Naturerscheinungen kommt mir das Wasser als die wunderbarste vor, denn es ist nicht anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns versteht und sich uns mittheilen möchte, so klar und lockend schaut es uns an; es lacht mit uns, wenn wir fröhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern,es schwatzt und plaudert kindisch und thöricht, wenn wir uns zum Schwatzen aufgelegt fühlen, kurz, es macht alles mit; auch tönt ein rauschender Bach in der Einsamkeit der Gebirge wohl wie ein Orakel, von dem wir die prophetischen, tiefsinnigen Worte gern verstehn lernen möchten. Warlich, kein Glaube ist dem Menschen so natürlich, als der an Nixen und Wassernymphen, und ich glaube auch, daß wir ihn nie ganz abgelegen.
Anton, der neben ihr saß, sah sie mit einem freundlichen, fast begeisterten Blicke an, weil dieses Wort die theuerste Gegend seines heimlichen Aberglaubens liebkosend besuchte; er wollte ihr etwas erwiedern, als Ernst das Wort nahm und sich so vernehmen ließ: nicht so willkührlich, wie es auf den ersten Anblick scheinen möchte, haben die ältesten Philosophen, so wie neuere Mystiker, dem Wasser schaffende Kräfte und ein geheimnißvolles Wesen zuschreiben wollen, denn ich kenne nichts, was unsre Seele so ganz unmittelbar mit sich nimmt, als der Anblick eines großen Stromes, oder gar des Meeres; ich weiß nichts, was unsern Geist und unser Bewußtsein so in sich reißt und verschlingt, wie das Schauspiel vom Sturz des Wassers, wie des Teverone zu Tivoli, oder der Anblick des Rheinfalls. Darum ermüdet und sättigt dieser wundervolle Genuß auch nicht, denn wir sind uns, möchte ich sagen, selbst verloren gegangen, unsre Seele mit allen ihren Kräften braust mit den großen Wogen eben so unermüdlich den Abgrund hinunter: das ist es auch, daß wir vergeblich nach Worten suchen, mit Vorstellungen ringen, um aus unsrer Brust die erhabene Erscheinung wieder auszutönen, um in Ausdrückender Sprache die gewaltige Leidenschaft, den furchtbaren Zorn, den Trieb zur Vernichtung, das heftige Toben im Schluchzen und Weinen, das harte gellende Lachen in der tiefsinnigen Klage, vermischt mit uralten Erinnerungen, verwirrt mit den Ahndungen seltsamer Zukunft zu bilden und auszumalen, und keiner Anstrengung kann dieses Bestreben auch jemals gelingen.
Da die Sprache schon so unzulänglich ist, sagte Lothar, so sollten es sich die Künstler doch endlich abgewöhnen, Wasserfälle malen zu wollen, denn ohne ihr sinnvolles, in tausendfachen Melodien abwechselndes Rauschen sehn auch die bessern in ihrer Stummheit nur albern aus. Dergleichen Erscheinungen, die keinen Moment des Stillstandes haben und nur in ewigem Wechsel existiren, lassen sich niemals auf der Leinwand darstellen.
Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bäche, Quellen, sanfte blaue Ströme, für den Landschafter so vortreffliche Gegenstände, und dienen ihm vorzüglich, jene sanfte Rührung und Sehnsucht hervor zu bringen, die wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers empfinden.
Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen, sagte Ernst, gehört zu den Wundern Roms, und sie tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser Stadt so lieblich zu machen. Entzückt uns in freier Landschaft oder in den Gärten das Spiel des Wassers, so ergreift uns neben Pallästen und Kirchen, im Geräusch der Straßen und Märkte, dieses tönende Rauschen und Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie in der stillen Nacht der Abreise mich diese Brunnen rührten, denn mir dünkte, daß sie alle Abschied vonmir nähmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich an alle Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so wehmüthig erinnerten; ich begriff in dieser Stunde nicht, wie ich mich vorher oft so innig nach Deutschland hatte sehnen können, denn schon bevor ich aus dem Thor gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurück, wie viel mehr nicht seitdem!
So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als Inkonsequenz und Widerspruch! So hat Lothar uns heut weitläuftig auseinandergesetzt, mit welcher Heiterkeit und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl beschließen müsse, und wir endigten es höchst unbedacht mit Rührung, was ganz gegen die Abrede war.
Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir waren auch in dieser Bewegung fröhlich. Ich verstehe überhaupt die Freude der meisten Menschen nicht. Scheint es doch, als müßten sie alle Erinnerungen des wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur in blinder Zerstreutheit auf kümmerliche Weise sich das anzueignen, was sie Ergötzung und Fröhlichkeit nennen. Die Fülle des Lebens, ein gesundes kräftiges Gefühl des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um die Lust desto inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit die Tragödie erfunden hat, und auch nur genießen kann. Je schwächer der Mensch, je lebensmüder er wird, um so mehr hat er nur noch Freude am Lachen, und an dem kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit. Geh dem aus dem Wege, der nur noch lachen mag und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer ist auch aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er ist bös, wenn er etwas mehr als Thor sein kann. Je höher wir unser Dasein in Lust und Liebe empfinden,je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen Minuten, die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal gönnt, um so freigebiger und reicher sollen wir uns auch in diesen Sekunden fühlen; warum also in diesen schönsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde und ihre Liebe von uns weisen? Hat der Tod sie denn zu unsern Feinden gemacht? Oder ist ihr Zustand nach unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, daß ihr Bild unsre Lust zerstören muß? In jenen seligen Stimmungen möchte ich ausrufen: laßt sie zu uns, in unsre Arme, in unsre Herzen kommen, daß unser Reichthum noch reicher werde! Könnt ihr euch aber mit dem Glauben vertragen, daß sie vielleicht hülflos, auf lange in Wüsten hinaus gestoßen sind, o so laßt ihnen einige Tropfen von der Ueberfülle eurer Lust zufließen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener, in diesen Empfindungen fühl’ ich mich zu dir in den Zustand deiner Ruhe und Freude hinüber, und du bist mehr der meine, als nur je in diesem irdischen Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehört dir nun auch mein höchster Schmerz um dich, jener namenlose, unbegreifliche, jenes angstvollste Ringen mit dem fürchterlichsten Zweifel, als ob ich dich auf ewig verloren hätte; da hat meine Liebe erst alle ihre Kräfte aufrufen und erkennen müssen, da hab’ ich dich erst im Triumph dem Tode abgewonnen, um dich nie mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne Wandel, ohne Krankheit, ohne Mißverständniß mein, und lächelst jedes Lächeln mit, und schwimmst in jeder Thräne: wo kann ich dich besser herbergen, als in diesem Herzen, wenn es der Freude geöffnet ist? Mit diesem Gaste sprech’ ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder:du bist toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart edler, milder und menschlicher.
Clara weinte, und Anton überließ sich seiner Wehmuth. Höre auf, rief dieser, ich fühle diese Wahrheit trotz ihrer Freundlichkeit zu schmerzlich, eben weil sie so ganz das Wesen meines Lebens ist.
Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder an, das uns in der Heiligkeit des Schmerzes oft wie im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und das uns, möcht’ ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens befällt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen Liebe, eines solchen Gefühls, das wir nicht nennen können, sondern daß wir nur gleich in Thränen untergehn und sterben möchten? So ist es mir oft gewesen, wenn ich im Plutarch von den großen Menschen las, wie sie unglücklich sind, und wie sie ihre Leiden und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein Glück und Schicksal trägt. Das Leben möchte brechen vor Lust und Schmerz, und wenn dann ein Fremder fragt: was fehlt dir? so möchte man antworten: „o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in Demuth als Seufzer nicht für den verwehen, den ich so innig verehren muß?“