Chapter 3

Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das Evangelium lesen kann, der sollte es nie lesen wollen, denn was kann er anders dort finden, als die höchste Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten Gegenstande unsrer Verehrung, ist das Höchste in uns; es ruft aus uns über Jahrtausende hinüber: fühlst du mich denn auch? Siehe, du hast nicht umsonst gelebt, ich weiß von dir, nur ein Herold der Menschheit binich, nur ein Laut aus der unzählbaren Schaar! — Sollte ein solches Gefühl nicht unmittelbare Gemeinschaft mit dem geliebten Wesen erzeugen können?

Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort, wenn wir dieser Welt nur würdig sind! Aber leider sind wir meist zu träge und todt, um die zu bewundern, deren Leben ein Wunder war; denn nicht was unser leeres Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen, sollten wir so nennen, sondern die Kraft jener Weltüberwinder, die über Schicksal und Tod siegten, diese Helden sollten wir als Wunderthäter verehren; unser äußerer Mensch versteht und faßt sie auch nicht, aber der innere fühlt sie, und in Andacht und Liebe sind sie ihm vertraut und mehr als verständlich.

Alles, was wir wachend von Schmerz und Rührung wissen, sagte Anton, ist doch nur kalt zu nennen gegen jene Thränen, die wir in Träumen vergießen, gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden. Dann ist die letzte Härte unsers Wesens zerschmolzen, und die ganze Seele fluthet in den Wogen des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer noch einige Felsenklippen übrig, an denen die Fluth sich bricht.

Gewiß, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustände des Wachens und Schlafens mehr als Geschwister behandeln, wir würden dann klarer wachen und leichter träumen. Suchen wir doch am Tage mit der Phantasie auf diesem Fuße zu leben, und wie viel könnten wir von ihr als Nachtwandlerin lernen, wenn wir sie als solche mehr achteten und beachteten. So finden wir auch in der alten Welt die Träume nicht so vernachläßigt, sondern aus ihren Ahndungen gingoft durch den Glauben der Menschen eine glänzende Wirklichkeit hervor.

Wir träumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst, und möchten diesen Traum ausdeuten; auf dieselbe Weise entfernt und nahe ist uns die Schönheit, und so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers Innern, wie aus einer Welt des Traumes heraus.

So könnte man denn wohl, unterbrach Theodor, aus witziger Willkühr mit der Wirklichkeit wie mit Träumen spielen, und die Geburten der Dunkelheit als das Rechte und Wahre anerkennen wollen.

Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte Wilibald.

Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst mit neuer Frage.

Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in das Gebiet der Räthsel und Wunder. Doch führt uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu wollen, am Ende selbst wieder in das Gewöhnliche zurück.

Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein, so bleiben nach meinem Gefühl Witz und Scherz immer etwas sehr Nüchternes, wenn sie nicht unter ihrer Verhüllung eine Wahrheit aussprechen können, so wie ich auch glaube, daß es keine Wahrheit giebt, der Witz und Scherz nicht das Lächerliche abgewinnen mögen. Lachen wir doch auch nur recht herzlich und gemüthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, über unsre Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich noch nicht seinem Freunde zum Scherze gern hingegeben hat, hat noch keinen Freund recht von ganzer Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende selbst dem Spotte nach, und enthüllt freiwilligdas Lächerliche in sich, um sich gleichsam dem Freunde zu vernichten; denn, um es heraus zu sagen, das Lachen ist den Thränen wohl näher verwandt, als die meisten glauben, endigt es doch auch, wie die Rührung, mit diesen.

Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben wiederholen hören: daß die Menschen die Lächerlichkeit fürchten, und daß deshalb der komische Dichter, oder Satiriker, oder wie sie ihn nennen mögen, diese allgemeine höchste Reizbarkeit der Menschen benutzen müsse, um sie zu bessern; dieser Satz ist gewiß in der Anwendung falsch, und an sich selbst nur einseitig wahr. Das Lächerliche, welches sich mit dem Verächtlichen verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung, und wo möglich Vernichtung, dieser oder jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung, oder Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so gehässig und bitter, daß wohl zu keiner Zeit ein edler Mensch sich diesem Lächerlichen hat bloß stellen mögen, denn ein feindliches Wesen, das irgend ein Leben zu vernichten strebte, kämpfte in diesem wilden, anmaßlichen Lachen; auch gestehe ich gern, daß ich diesen sogenannten Satirikern, besonders der neuern Zeiten, niemals Freude und Lust habe abgewinnen können, ich weiß auch nicht, ob ich eben bei ihren Darstellungen gelacht habe. Eben so wenig mögen wir uns an der Stelle des Narren befinden, der seine Menschheit wegwirft und sich unter den Affen erniedrigt, um seinem rohen Herrn ein Schauspiel des Ergötzens darzubieten, von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet. Es gehört schon ein höherer, ein wahrhaft menschlicher Sinn dazu, um auf die rechte Art und bei denrichtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn die Thräne dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen eines Menschen schwerlich über das Niedrige oder Edle seiner Gesinnung täuschen. Wie unterschieden ist aber von jener hassenden Bitterkeit und traurigen Verächtlichkeit die Lust der Freude, das Entzücken unsrer ganzen Seele, (in der sich wohl, wie Manfred wähnt, alle Urkraft des Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen mag) wenn alle unsere Anschauungen und Erinnerungen in jenem wundersamen Strudel der Wonne auf eine Zeit untergehn, welcher die Töne des Gelächters aus der Verborgenheit herauf erschallen läßt. Erregt ein wahrer Schauspieler diesen Zustand in uns, so ist er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so wenig gesellt sich ein Gefühl der Verachtung zu unserer Freude, daß wir im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten in unser innerstes Herz schließen; der Dichter, der diesen Strom der Lust in der Wüste aus dem Felsen schlägt, erscheint uns wunderthätig. Ja, ich behaupte, daß unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft lieben soll, an diesem irgend einen Schein des Lächerlichen finden muß, weil sie ihn dadurch gleichsam erst besitzt; auch daß wir keinen Freund oder keine Geliebte haben möchten, über die wir in keinem Augenblick ihres Daseins lachen oder lächeln könnten; der Held eines Gedichts ist erst dann unsers Herzens gewiß, wenn er uns einigemal ein stilles Lächeln abgenöthigt hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers und der Nibelungen Helden. Sogar (und ich sage wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese Meinung ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenständen ist dieses Gefühl so wie das des Mitleidensnicht nachtheilig und feindlich, oder hebt unsere Liebe und hohe Rührung auf, sondern wir können den heiligen Wahnsinn der großen Religionshelden bewundernd beweinen, und doch kann ein geheimes Lächeln über der Verehrung schweben, denn diese seltsame Regung erhebt sich zugleich mit allen Kräften aus den Tiefen der Seele; wir fühlen, wie so vielen Gemüthern das, was wir anbeten, nur belachenswerth sein dürfte, und weil diese vor den Augen unsers äußern Verstandes nicht Unrecht haben, und sich für diesen Zweifel auch eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung und unserem Mitleid hülfreich und rettend hinzu, um in angstvoller Liebe an dem Gegenstande unserer Bewunderung ein höheres Recht auszuüben. Der alte Ausdruck von den Helden der Religion: „sie haben sich zu Thoren gemacht vor der Welt,“ ist vortrefflich.

Gewiß, sagte Manfred, ist das Lächerliche in seiner Tiefe noch niemals angeschaut und die wunderbare Natur des Witzes auch nur einigermaßen erklärt; wer wird uns denn noch einmal etwas deutlicheres darüber sagen können, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst ist den meisten Menschen nur eine leichte Sache, aber woher es kommt und wohin es geht, ist noch schwerer als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und gerade hier habe ich nur so wenig von ihm gefunden.

Dieses Gespräch, sagte Theodor, erinnert mich an jene Unschuld des Komischen, welches ich immer allen andern bedeutenderen Arten des Lächerlichen vorgezogen habe. Ich meine jenes leichte Berühren aller Gegenstände, jenes gemüthliche Spiel mit allen Wesen undihren Gedanken und Empfindungen, welches neben seiner kraftvollen kecken Darstellung einer der herrlichsten Vorzüge Shakspears ist, den man nicht leicht demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur eine Charade oder ein sinnreiches Räthsel sucht, der aus der Anwendung und dem Treffenden nach Außen erst rückwärts das Komische verstehn kann, und dem es leere Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische Bedeutung auftreten will.

Von hier aus, meinte Wilibald, müsse es eine vortreffliche Ausbeugung in das wahre Gebiet der Albernheit und in die Gründe ihrer Rechtfertigung geben, denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, daß sie selbst ohne alles Leben und also vielleicht am meisten poetisch lebendig sei; doch Lothar, ohne auf diesen Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken, bemeisterte sich des Gespräches und fuhr so fort: Da unser ganzes Leben aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in uns zu vertiefen, und uns selbst zu vergessen und aus uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den Reiz unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, daß die geistigste und witzigste Entwickelung unserer Kräfte und unsers Individuums diejenige sei, uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein verloren zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer geistigen Stimmung darzustellen suchen: mit einem Wort, wenn wir in einem guten Schauspiel eine Rolle übernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des Einzelnen wie des Ganzen mit der höchsten Wahrheit und in der vollkommensten Harmonie hervor zu bringen. Es giebt wohl auch nur wenige Menschen, die dem Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn können,und wenn das Talent des Schauspielers auch selten sein mag, so ist die Lust zur Mimik doch fast in allen Menschen thätig.

Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewiß unendlich viel zu danken, unser innerlicher Mensch ahmt oft lange einen Gedanken, oder die Vortrefflichkeit einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur mimisch nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen, uns die Sache selbst durch Wiederholung und Angewöhnung zu eigen machen können.

Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrüßlich, daß aus demselben Triebe auch alle Affektation, Ziererei, Unnatürlichkeit, kurz, alles äffische Wesen im Menschen entspringt, so daß diese Sucht wenigstens eben so schädlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen kann, wohlthätig sein mag.

Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr Lothar ungestört fort, da wir sie jezt doch nicht erschöpfen können; ich wollte nur auf die Bemerkung einlenken, wie es zu verwundern sei, daß es noch keinem von uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen und ohne Zweifel talentvollen Gesellschaft irgend ein dramatisches Werk, am liebsten eins von Shakspear, darzustellen. Welchen Genuß würde jedem von uns dieser Dichter gewähren, wenn wir eins seiner Lustspiele, zum Beispiel „Was ihr wollt,“ bis ins Innerste studirten, und neben dem Vergnügen, welches das Ganze gewährt, auf das vertrauteste mit jeder einzelnen Schönheit und ihrer Beziehung und Nothwendigkeit zum Ganzen bekannt würden, und so mit vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch äußerlich vor uns hinzustellen suchten.

Du hast ja diesen Einfall und Verstand für uns alle gehabt, versetzte Wilibald, auch kannst du zur Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen übernehmen. Schade nur, daß kein romantisch brüllender Löwe in diesem Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu entwickeln.

Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar, habe ich schon ziemlich übersehn: den Malvolio würdest du selbst unvergleichlich darstellen, unser Manfred übernähme den Tobias und ich den Junker Christoph; den liebenswürdigen Narren Theodor, und Friedrich den Sebastian, Ernst den Antonio, Anton den Herzog; Auguste würde zierlich und witzig die Marie geben, Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara höchst anmuthig die Olivia; alles übrige findet sich von selbst.

Wie kommt es nur, sagte Theodor, daß eine geistreiche Gesellschaft, ohne Rollen auswendig zu lernen, niemals auf den Gedanken verfällt, aus sich selbst unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken ein poetisches Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver- und Entwickelung auszuführen? Der eine wäre der mürrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber, der andere der Eifersüchtige, jener der leichtsinnig Flatterhafte, dieser der Melankolische; die Damen theilten sich in witzige und zärtliche Charaktere, und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und zu befördern. Warum streben wir in unsern Gesellschaften immer das eine ermüdende Bild eines negativen wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in hergebrachter Liebenswürdigkeit abzuquälen?

Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schonunbewußt das, was du verlangst, und verwechselt auch mit Leichtigkeit die verschiedenen Rollen. Sonst erinnert deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen Beinamen ihrer Mitglieder.

Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie, möchte für uns Frauen beschwerlich, wo nicht unmöglich sein, aber ich war schon gestern auf dem Wege, Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich weiß, daß Sie alle Dichter sind, und höre von Manfred, daß Sie glücklicherweise manche Ihrer Arbeiten mitgebracht haben; wie wäre es also, wenn Sie uns diese nach Lust und Laune mittheilten, und so manche Stunde angenehm ausfüllten, die uns die Musik, oder die Besuche und Spaziergänge übrig lassen?

O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen wir Mädchen und Frauen nach der Lektüre die Rezensenten spielen, und uns über alles lustig machen, was wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat.

Rosalie fügte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter, auch Auguste vereinigte sich mit beiden, und als Lothar die Freunde stillschweigend ein Weilchen angesehn hatte, schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen und rief: o ich bitte euch so inbrünstig, als man nur bitten kann, schlagt uns diesen bittenden Vorschlag nicht ab, denn schon längst habe ich Lust gehabt, einige meiner Thorheiten euch und diesen guten wißbegierigen Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden; o ihr Edlen, wenn ihr eine Ahndung davon habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript in der Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt, so laut man es auch rascheln hört, wenn ihrselbst jemals gerne vorgelesen habt, o so seid nicht so grausam, mir diesen Genuß zu rauben, und mein poetisch beladenes Herz auszuschütten. Aber vielleicht sind einige von Euch in derselben Verfassung.

Lothar lachte und sagte: der Dichter theilt sich gern mit, vorzüglich in einem Kreise, wie der gegenwärtige ist. Wir führen wirklich einige Jugendversuche mit uns, die wir zum Theil vor kurzem vollendet und übergearbeitet haben, und wenn unsre Rezensenten nicht zu strenge sein wollen, so überwinden wir vielleicht die Furcht, diese Bildungen nach so manchem Jahre wieder auftreten zu lassen.

Als die Frauen eifrig darauf antrugen, sogleich mit irgend einer Erzählung den Anfang zu machen, rief Wilibald aus: halt! ich protestire mit aller Macht gegen diese Uebereilung und Anarchie! denn wie könnte ein wahrer Genuß entstehn, wenn wir es dem Zufall so ganz überließen, in welcher Folge unsre Versuche auftreten sollten? In allen Dingen ist die Ordnung zu loben, und so laßt uns nachdenken, auf welche Art und Weise wir dieser Unterhaltung durch eine gewisse Einrichtung etwas mehr Würze geben können.

So möge denn auch hier, sagte Lothar, eine Art von dramatischer Einrichtung statt finden. Sei jeder von uns nach der Reihe Anführer und Herrscher, und bestimme und gebiete, welcherlei Poesien vorgetragen werden sollen, so steht zu hoffen, daß solche sich vereinigen werden, die durch eine gewisse Aehnlichkeit freundschaftlich zusammen gehören.

Diese Einrichtung, wandte Manfred ein, ist vielleicht zu gefährlich, weil sie an den Boccaccio erinnern dürfte.

Sie erinnert, sagte Ernst, fast an alle italiänischen Novellisten, die mit minder oder mehr Glück von dieser Erfindung Gebrauch gemacht haben.

Doch werden Sie, sagte Emilie, uns in andrer Hinsicht nicht an diesen berühmten Autor erinnern wollen, denn gewiß verschonen Sie uns mit dergleichen ärgerlichen und anstößigen Geschichtchen, deren er nur zu viele erzählt.

Wir können dergleichen wohl nicht so ganz unbedingt versprechen, antwortete Manfred, wenn wir uns nicht darüber erst etwas verständigt haben, was wir ärgerlich oder anstößig nennen wollen. Davor, daß wir keine Erzählungen, die ihm ähnlich oder nachgeahmt sind, vortragen werden, sind Sie hinlänglich gesichert, denn es erfordert das glänzende Talent seiner gediegenen, scharfen und bestimmten Darstellung, welche nie zu viel oder zu wenig sagt, die nichts verhüllt und doch immer von den Grazien gelenkt wird, um dergleichen allerliebste Seltsamkeiten vorzutragen: alle seine Nachahmer, selbst den Bandello nicht ausgenommen — gar des ganz verunglückten französischen La Fontaine oder des neueren Casti zu geschweigen — bleiben weit hinter ihm zurück, sei nun von Styl, Erfindung oder Schmuck des Gegenstandes die Rede. Doch abgesehn davon, muß ich bezweifeln, daß der Dekameron gebildeten und freundlichen Gemüthern wirklich anstößig sein könnte.

Diesen Zweifel verstehe ich nicht, sagte Anton, da er das zartere Gemüth und die höhere Stimmung doch nur zu oft verletzt.

Wie man es eben nimmt, antwortete Manfred. Wir stehn hier auf der Stelle, auf welcher sich der Dualismus unserer Natur und Empfindung am wunderbarsten,reichhaltigsten und grellsten offenbart. Sich den Witz und die Schalkheit der Natur im Heiligsten und Lieblichsten verschweigen wollen, ist vielleicht nur möglich, wenn man geradezu Karthäuser wird, und vom Schweigen und Verschweigen Profession macht. Wenn der Frühling sich mit allen seinen Schätzen aufthut, und die Blumen gedrängt um dich lachen, so kannst du dich in deiner rührenden Freude nicht erwehren, ihre Gestalten zu beobachten und manche Erinnerungen an diese zu knüpfen, ja selbst die holdselige Rose ruft dir erröthend die räthselhaften Reime alter Dichter entgegen, und sie wird dir darum nicht unlieber; so fallen dir wohl gar bei andern farbigen Kindern der Sonne die unbescheidenen Namen ein, welche die Königin im Hamlet verschweigt, —

— crow — flowers, nettles, daisies, and long purples,That liberal shepherds give a grosser name,But our cold maids do dead men’s fingers call them.

— crow — flowers, nettles, daisies, and long purples,

That liberal shepherds give a grosser name,

But our cold maids do dead men’s fingers call them.

Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht hätte auslassen sollen. Doch dies nur im Vorbeigehn: fahre fort.

So wunderbar und noch mehr, begann Manfred wieder, ist es mit der Liebe. Es giebt eine solche Heiligkeit dieses Gefühls, eine so wundersame paradisische Unschuld, daß im Unbewußtsein, in der Unkenntniß der gegenseitigen Liebe wohl oft die höchste Seligkeit ruht; der erste erwachende, sich begegnende Blick hat diesen Frühling entlaubt, und das erste Wort des Geständnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein. Nirgend fühlt der Mensch so sehr, wie er verlieren muß, um zu gewinnen, wie jedes Glück ein Geheimnißist, welches angerührt und ausgesprochen seine Blüte abwirft.

Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren Gedanken ergriffen; man sah ihn im Buchengange auf und nieder wandeln, indem er sich öfter die Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie es wohl Menschen mag gegeben haben, die schon mit diesem ersten Seufzer die Blume ihres Lebens verloren, so ist es doch natürlicher und wahrer, sich auch in dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen Dingen mit einem gewissen Heroismus zu waffnen, und früh zu erfahren, daß wir alles, was wir besitzen, nur durch den Glauben besitzen, und daß am wenigsten die Liebe eine bloße Begebenheit in uns sei, sondern daß sie, wie alles Gute, von unserm Willen abhängt; denn von ihm geht sie aus, nachher wird er zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber späterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und bestehn. Ein solcher Sinn und kräftiger aber frommer Wille verliert des Herzens Unschuld nie, der Scherz ist ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit dem zu tändeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist, denn wahrlich dem Reinen ist alles rein.

Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die gesunde Zeit unsers deutschen Mittelalters, als neben den Nibelungen und dem Titurell der süße Tristan seinen Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen großen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte Erzählungen. Die später auftretende übersinnliche, oder außersinnliche Liebe, war noch nicht von der sinnlichen getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele verbunden,in der höchsten Vergeistigung gesund, in dem freiesten Scherze unschuldig.

Warum, fuhr Manfred fort, würde denn die Liebe allmächtig genannt? Sie wäre ja ohnmächtig, wenn sie nicht die scheinbar äußersten Enden freundlich verknüpfen könnte. Könnte sie den unendlich mannichfaltigen Zauber denn wohl ausüben, wenn sie nicht Alles besäße, und sich nicht, eben wie die Geliebte, mit allen Reizen dem sehnsüchtigen Herzen ergäbe? Der verdorbene Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der Liebe und ihren Dichter verstehn, er faßt nicht das holde Wesen, welches sich dem Höchsten und Geistigsten zum scheinbaren Kampfe gegenüber stellt, so sehr er auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte Dichter damit trieben, und der Liebende kennt freilich nichts Verhaßteres als diese Menschen und ihre Gesinnungen, die im Herzen seines Lebens mit ihm zusammen zu treffen scheinen.

Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott dieser niedrigen Menschen über die Hochgestimmten und ihre Liebe, daher die scheinbare Waffenlosigkeit dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre unbeholfene Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten lästern die Liebe und alles Göttliche, und sind von allem Scherz und Spiel, auch wenn sie witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in Kampf und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen. Um nun auf das Vorige einzulenken, so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener heroischen Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich aus der Tragödie und dem großen Epos mehr nach dem Lustspiel und der Parodie sehnte, als die Trennungdes Gemüthes sich schon schärfer gegenüber stand, und eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz und die stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde verdunkelte. Sein Dekameron ward deshalb nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller Nationen, und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der Liebe ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt, ihr holdes Wesen schien immer tiefer zu entarten, und immer mehr den Menschen dem Thiere näher zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon die ganz reine, überirdische Idee der Liebe, oft bis zum Götzendienste entstellt, sich auszubilden suchte) bis wir in Peter Aretins und Brantome’s Schriften endlich die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie auftreten sehn. Doch kann diese Beschuldigung nicht den Boccaz und seine freien Scherze treffen, denn in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber nicht ohne Schaam ist, der wie Ariost immer die Schönheit fühlt und singt, und der nur jene frecheren Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern sie im Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr symbolischer Sinn unverholen in die Augen fällt. Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht verletzen; aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen und Bücher voran gegangen sind, und edlere Menschen die Verwerflichkeit mancher schaamlosen Produkte eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn, um nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den Schein einer gewissen Prüderie beibehalten, die das Zeitalter einmal zum Kennzeichen der Sitte gestempelt hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheitnoch lange das Ansehn eines Kranken, und muß auf einige Zeit noch etwas von dessen Diät beibehalten. Eben so verbreitete sich in England nach einem Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner aus, eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit der Sitte, die seitdem noch immer das Wort führt, so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige Frau von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern sehr verschiedene Wesen sein mögen. Die Reformation hatte in Deutschland schon früher eine ähnliche Stimmung hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur Schau zu tragen, um von dieser Seite die Vorwürfe ihrer Gegner zu entkräften. Fast allenthalben aber werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr, denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen sie sich um so lebhafter an der rohesten und unsittlichsten Frechheit, und weil der öffentliche Scherz und die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen sind, so sind sie nun in ihrer Einsamkeit um so niedriger und verächtlicher geworden, am schlimmsten, wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und Krötenschmause beiwohnen zu müssen, den sich eine solche tugendhafte Gesellschaft giebt, die darauf ausgeht, recht vollständig ihren Haß gegen die Untugend an den Tag zu legen.

Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger Geist in der Poesie zu herrschen anfing, und Cervantes die frühere Celestina als zu frei tadelte, als man in Frankreich und Italien die schaamlosestenWerke las und schrieb, und in Deutschland sich kaum noch Spuren von Witz oder Unwitz antreffen ließen, erhob der edle Shakspear, das, was so viele hatten verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen Witz und zur Menschenwürde, und dichtete seine schalkhaften Rosalinden und Beatricen, die freilich unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls anstößig findet.

Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja als Menschen unerträglich sein soll? rief Friedrich, der wieder zur Gesellschaft getreten war, im edlen Unwillen aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste Witz, denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige Zeichnung der thierischen Natur im Menschen und ihrer Verirrung, denn nur als solche gegeben, spricht sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung aus uns sprechen, wenn ein Sophist uns sagen will, und in jeder Dichtung beweisen, daß gegen die Sinnenlust keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung bestehen könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender ist der jüngere Crebillon, und nicht ist jener Deutsche, der ihn so vielfältig nachgeahmt und die edlere Natur des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens frei zu sprechen: für schwache Wesen, (aber auch nur für solche) können diese beiden Schriftsteller allerdings gefährlich werden, so sehr sich auch der letzte gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, denn nicht darin besteht das Verderbliche, daß man das Thier im Menschen als Thier darstellt, sondern darin, daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet, undmit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das Edelste im Menschen zum Wahn macht, und Thierheit und Menschheit für gleichbedeutend ausgiebt.

Seine Bücher, sagte Emilie, haben mich immer zurück geschreckt, und ich habe früher meinen Töchtern lieber manche andre erlaubt, die nicht in so gutem Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe ich für schädlich gehalten. Ich hoffe, jezt können sie auch diese ohne allen Nachtheil lesen, da ihr Geist gestärkt ist, und ihr Sinn das Edlere erstrebt.

Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul Thümmeln den Vorwurf, daß er zu unsauber sei (denn dessen Reisen gehören recht zu jenen eben gerügten Werken, und die Bekehrung des lockern Passagiers in den letzten Bänden ist noch die schlimmste Sünde des Autors); ich aber möchte unserm witzigen Jean Paul mit demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, daß er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prüde sei. Ein Autor, der so das Gesammte der Menschennatur, das Seltsamste, Wildeste und Tollste in seinen humoristischen Ergießungen aussprechen will, darf in diesen Regionen des Witzes und der Laune kein Fremdling sein, oder aus mißverstandner Moral mit der Unzucht und Unsitte auch die Schalkheit verachten wollen. Noch seltsamer aber, daß er die medizinischen und wahrhaft ekelhaften Späße liebt, die kaum Witz zulassen und meist nur Widerwillen erregen, wenn man nicht die Feder des Rabelais besitzt, der freilich wohl sein Kapital von derGaya Cienciaschreiben durfte. Aber, theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf das zurück zu kommen, wovon wir ausgingen, so mag freilich wohl hie und da in unsern Dichtungen(vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das Hausrecht brauchen und den Wirth spielen möchte) etwas vorkommen, was die übertriebene Delikatesse kränkelnder Menschen (ich meine dich, Anton, nicht hiemit) anstößig finden möchte, was aber, hoffe ich, nach dem in unserm Gespräch angegebenen Unterschied keinem gebildeten und heitern Menschen ärgerlich werden kann. Wir wollen aber weder zu viel versprechen noch drohen, sondern laßt uns vielmehr beginnen, und wählt also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der Anführer und Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele und Wettkämpfe sein soll.

Clara gab ihren Blumenstrauß dem neben ihr sitzenden Anton und sagte: Sie haben fast immer geschwiegen, sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich und heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir denn, sagte er, mit Mährchen der einfachsten Composition beginnen, und jeder bringe morgen das seinige vor unsre Richter.

Mit Mährchen, sagte Clara, fängt das Leben an; in ihnen entwickelt sich das Gefühl der Kinder zuerst, und ihre Spiele und Puppen, ihre Lehrstunden und Spaziergänge werden von ihrer Phantasie zu Mährchen, die ich noch immer ganz vorzüglich liebe, das heißt, wenn sie so sind, wie ich sie liebe.

So gebe die Muse, daß Ihnen die unsrigen wohl gefallen, sagte Anton.

Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nächsten Hügel den schönen Untergang der Sonne zu genießen. Auch ein Mährchen, sagte Rosalie, indem sie die Hand vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine nachsah; so wie der Frühling und die Pracht der Blumen,es blüht auf in aller Fülle und Herrlichkeit, der Schatten faßt den Glanz und zieht ihn hinab, und wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach.

So wie dem Mährchen-Gedicht der Schönheit, sagte Anton; und Friedrich fügte hinzu: doch bleibt unser Herz und seine Liebe die unwandelbare Sonne. —

———

Ein glänzender Sternenhimmel stand über der Landschaft, das Rauschen der Wasserfälle und Wälder tönte in die ruhige Einsamkeit des Gartens herüber, in welchem Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten goldnen Streifen des Horizontes in den springenden Quellen hervorbrachten. Jezt ertönte Manfreds Waldhorn aus dessen Zimmer und die melankolischen durchdringlichen Töne zitterten vom Gebirge zurück, als Ernst, der von den Hügeln herunter kam, durch das Thor des Gartens trat, und sich zu dem einsamen Theodor gesellte. Wie schön, fing er an, schließt diese heitre Nacht die Genüsse des Tages; die Sonne und unsre Geliebten sind zur Ruhe, Wälder und Wasser rauschen fort, die Erde träumt, und unser Freund gießt noch einen herzlichen Abschied über die entschlummerte Natur hin.

Anton, sagte Theodor, schläft auch noch nicht, er sitzt im Gartensaale und schreibt ein Gedicht, welches unsern Vorlesungen als Einleitung oder Vorrede dienen soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden.

Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen; ich hege das schöne Vertrauen, daß unser aller Freundschaft sich hier noch fester knüpfen und für die Ewigkeithärten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern in lauer Luft dieser vergänglichen flüchtigen Leben, die wie Diamanten durch das dunkle Grün der Gebüsche zucken, und bald in zitternden Wolken, bald einzeln schimmernd, wie sanfte Töne, unsre Rührung wecken, — und über uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht nicht der Himmel über der stillen dunkeln Erde wie ein Freund, aus dessen Augen Liebe und Zuversicht leuchten, dem man so recht mit ganzem Herzen in allen Lebensgefahren und allem Wandel vertrauen möchte? Diese heilige ernste Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen, die zu stillen Freuden werden, und so schaut mich jezt groß und milde mit seinem menschlichen Blick der edle Novalis an, und erinnert mich jener Nacht, als ich nach einem fröhlichen Feste in schöner Gegend mit ihm durch Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung ahndend, von der Natur und ihrer Schönheit und dem Göttlichen der Freundschaft sprachen. Vielleicht da ich so innig seiner gedenke, umfängt mich sein Herz so liebend, wie dieser glühende Sternenhimmel. Ruhe sanft, ich will mich auf mein Lager werfen, um ihm im Traum zu begegnen.

Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall ihr klagendes Lied aus voller Brust, und zündete, wie eine Feuerflamme, rings in den Gebüschen die Töne andrer Sängerinnen an; aus einer Jasminlaube erklangen die Laute einer Guitarre, und der glückliche Friedrich wollte sein Leid, diese Phantasie singend, besänftigen:

Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren,Und im Sehnen Thränen uns verklären,Geister: Hülfe! rufen tief im Innern,Und wie Morgenroth ein seliges ErinnernAufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht,Alle rothen Küsse mitgebracht,Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht,O dann saugt mit ihrem PurpurmundeHimmels-Wollust unsre Wunde,Sie entsaugt das Gift,Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft.Wie die kleinen fleißgen BienenGehn, um Blumenlippen zu benagen,Wie sich Schmetterlinge jagen,Wie die Vögel in dem grünen DunkelnSpringen, und die Lieder tönen,Also gaukeln, flattern, funkelnAlle Worte, alle Blicke, süße MienenVon der schönsten einzgen Schönen,Und in tiefer WinternachtLacht und wacht um mich des Frühlings Pracht,Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren,Und im Weinen scheinen mild sich zu verklärenLeiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram,Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam,Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehenUnd schweben nach der Liebe süßen Harmonien.

Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren,

Und im Sehnen Thränen uns verklären,

Geister: Hülfe! rufen tief im Innern,

Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern

Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht,

Alle rothen Küsse mitgebracht,

Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht,

O dann saugt mit ihrem Purpurmunde

Himmels-Wollust unsre Wunde,

Sie entsaugt das Gift,

Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft.

Wie die kleinen fleißgen Bienen

Gehn, um Blumenlippen zu benagen,

Wie sich Schmetterlinge jagen,

Wie die Vögel in dem grünen Dunkeln

Springen, und die Lieder tönen,

Also gaukeln, flattern, funkeln

Alle Worte, alle Blicke, süße Mienen

Von der schönsten einzgen Schönen,

Und in tiefer Winternacht

Lacht und wacht um mich des Frühlings Pracht,

Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren,

Und im Weinen scheinen mild sich zu verklären

Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram,

Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam,

Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehen

Und schweben nach der Liebe süßen Harmonien.

Erste Abtheilung.1811.

Die Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in den Garten, um die Luft zu genießen, welche am Morgen ein Gewitter lieblich abgekühlt hatte. Nun, sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk gewesen? Wo sind die Mährchen?

Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weißt du doch nicht, ob sie dir wirklich Freude machen werden.

Sie müssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht auf die Autoren sehr ungehalten werden soll.

Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin denn ein Mährchen eigentlich bestehen und welchen Ton es halten soll. Wir wissen nicht, was es ist, und können auch nur wenige Rechenschaft darüber geben, wie es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder bearbeitet es auf eigne Weise und denkt sich etwas anderes dabei, und doch kommen fast alle in gewissen Dingen überein, selbst die witzigen nicht ausgenommen, die jenes Colorit nicht ganz entbehren können, jenen wundersamen Ton, der in uns anschlägt, wenn wir nur das Wort Mährchen nennen hören.

Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhaßt gewesen. So habe ich den Hamiltonschen nie viel Geschmack abgewinnen können, so berühmt sie auch sind; die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren an, um mich nachher desto gründlicher zu ermüden und zurück zu stoßen, und unserm Musäus bin ich oftrecht böse gewesen, daß er mit seinem spaßhaften Ton, mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm queer in seine Empfindung und Täuschung hineinzufallen, oft die schönsten Erfindungen und Sagen nur entstellt und fast verdorben hat. Dagegen finde ich die arabischen Mährchen, auch die lustigen, äußerst ergötzlich.

Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still fortschreitenden Ton der Erzählung, eine gewisse Unschuld der Darstellung in diesen Gedichten, die wie sanft phantasirende Musik ohne Lärm und Geräusch die Seele fesselt, und ich glaube, daß ich mit Ihnen derselben Meinung bin. Darum ist das Göthische Mährchen ein Meisterstück zu nennen.

Gewiß, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem Gedicht zufrieden sein können, das keinen Inhalt hat. Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen bittern Nachgeschmack zurück lassen, aber doch ein Nachgenießen und Nachtönen; dieses verfliegt und zersplittert aber noch mehr als ein Traum, und ich habe deshalb das herrliche Mährchen von Novalis, so weit ich es verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch alle Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rührt und begeistert und den lieblichsten Wohllaut in der Seele noch lange nachtönen läßt.

Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die große Mährchenwelt des Ariost getadelt, dem es auch an einem Mittelpunkte und wahrem Zusammenhange gebricht. Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon vollendet ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie fern die Seele dann bei einer so vielseitigen Composition jene Foderung eines innigeren Zusammenhanges vergessen kann.

Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt finden, denn diese Theile sind ja nur durch das organische Ganze Theile zu nennen, können aber ohne dieses im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu Gedichten heißen und als solche geliebt werden. Bei aller dieser scheinbaren Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende ordnende Seele, die der flüchtigen Schönheit den ewigen Reiz geben muß. Der Dichter will

Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen,Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,Die reizend unterhalten und zuletztWie lose Worte nur verklingend täuschen.

Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen,

Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,

Die reizend unterhalten und zuletzt

Wie lose Worte nur verklingend täuschen.

Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, als Rigoristen und Ketzermacher, aber ich und Theodor werden euch zu gefallen den Ariost nicht anders wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach dem Monde und den Evangelisten Johannes ausgenommen, denn beide sind für diese so kühne Fiktion etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, sagte Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen, der sich nur schwer beilegen ließe; sein Werk besteht, strenge genommen, nur aus Novellen, von denen er die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer Kunst durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, ist ein gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts; ich möchte also ebenfalls behaupten, daß sein Gedicht eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende hat, so wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige Verehrer, selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu Ende durchgelesen haben, so sehr auch alle mit den einzelnen berühmten und anlockenden Stellen vertraut sind.

Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie,welche ich, ohne damit ihrer Vortrefflichkeit zu nahe treten zu wollen, die bequeme oder erfreuliche nennen möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an. Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten blauen Himmel über uns, so erschreckt und ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick; doch wenn Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen Kristalle schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und unten am Horizont wie über uns die lebendigen Düfte in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt ein liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die große Wiese mit Gebüschen und Bäumen unterbrochen sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir in unsrer nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten das Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen leeren Wände unsrer Zimmer und Säle sind uns unleidlich, Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte umgeben uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen Linien und Flächen mit mancherlei Gestalt, und selbst der Fußboden muß sich zum Schmuck und zur anständigen Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern Sinn erregen und dadurch auch den innerlichen beschäftigen, und Rafaels Wandgemälde im Vatikan sind für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also als immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses durchaus edle Kunstbedürfniß des gebildeten Menschen erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund als Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir über die vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese Fülle der Gestalten, über diesen zarten blumenartigen Witz, über diese ernste und milde Weisheit eines heitern Sinnes die Zusammensetzung vergessen.

Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß diese gesellige Kunst auch in der Poesie sich zeigen dürfe, und hier finde ich Gelegenheit, an unser gestriges Gespräch über die Gärten zu erinnern, welches nach meiner Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe Empfindung, welche uns der Anblick der Natur gewährt, sei es das Gefühl des Waldes, des Meeres oder Gebirges, läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese Gefühle sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen, welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, oder das Erhaben-Majestätische erregen wollten, haben sich im größten Irrthume befunden, und es war natürlich, daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten. Das Schöne und Rührende ist es, welches Hügel, Baumgruppen, kleine Flüsse, Wasserfälle und Seen erregen können, ein schwärmendes musikalisches Gefühl, welches ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen eben so wiedertönt. Dieser Gärtner wird also wohl die Natur, aber nicht das Natürliche ausschließen, und darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder in seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung von der beschränkten Beschäftigung der Landwirthschaft zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt sich wohl auch, als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen. Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, so kann ich sie doch hier so wenig, wie im Gedicht oder in der Malerei unmittelbar empfinden, sondern ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen. Wenden wir uns nun zu der sogenannten französischen Gartenkunst, so finden wir hier eine dieser natürlichen völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus ihrenGränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche; denn so wenig Getreide und Obst ihren Platz hier finden, eben so wenig Baum-Parthien, die die Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende Gebüsche, und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung verschlungener Haine und malerischer Ansichten. Alles dient hier einer Empfindung, die ich am liebsten im Gegensatz jener musikalisch schwärmerischen Gefühle eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles erhebt die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren; gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe ich den Plan des Ganzen, und aus jedem Punkte finde ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der großartigen Composition zurück. Dazu dienen die großen freien Plätze, die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen Lauben. Statuen und Wasserkünste verhalten sich zu diesem Garten so, wie gegenüber Saatfelder und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete aussprechen und darstellen, und wie man den Park mit Unrecht die Nachahmung einer gemalten Landschaft nennen würde, da der Gärtner und Maler vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle schöpfen, so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, ihn aus der Architektur abzuleiten, da auch der Architekt nur aus jener mathematischen Poesie des Gemüthes seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es mir auch geradezu unmöglich, in Bergen einen Park anzulegen, weil die Natur, die unmittelbar hinein blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt sich gewiß jeder aus beiderlei Gärten vielmals hinaus und Niemand kann sie entbehren. Der regelmäßigeGarten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten mit einem parkähnlichen, so wie der englische am schicklichsten nahe am Hause freie Räume und eine gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt sich auch von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, zweckmäßig nachgeahmt werden kann, daß aber der Park sich nicht leicht wiederholen läßt, sondern in jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten muß. Es ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet nur wenige Hauptformen giebt, unter welche alle Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und trotz der anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen können. Ist es erlaubt ein Ding durch ein vergleichendes Bild deutlich zu machen, so möchte ich am liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den regelmäßigen Garten mit einem Calderonschen Lustspiel vergleichen. Scheinbare Willkühr in jenem, von einem unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit, in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen auf phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit wechselnd, Erinnerung an das Leben und seine Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft, welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten und Gedicht Regel und Richtschnur, Ehre, Liebe, Eifersucht in großen Massen und scharfen Antithesen, eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder bizarre Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern und Worten wiederholt, Künstlichkeit und Erhabenheit der Sprache, Entfernung alles dessen, was unmittelbar an Natur erinnert, das Ganze endlich verbundendurch einen begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, aber nicht berauscht erscheint. Ich lasse das Gegenbild des Gartens unausgemalt, aber man könnte selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen Versmaßen (die sich gewiß ganz von dem, was die Naturalisten Natur nennen wollen, entfernen) mit den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen wollte.

Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten nicht fehlen, auch vertragen diese Baumarten die Scheere am besten, da ihr festes glänzendes Laub nur langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt weit mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne Buchen darein fügen. Doch glaub’ ich, können geschnitzte Piramiden und ähnliche Figuren füglich aus jedem Garten ausgeschlossen werden.

Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun hoffentlich auf alle Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht zu erwarten, daß man in der Zukunft manche der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche Anlagen umarbeiten möchte. — — Nicht wahr, mein Freund, (so wandte sie sich gegen Anton) es ist überhaupt wohl schwer zu sagen, was denn Natur oder natürlich sei?

Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft mit diesen Worten getrieben, am meisten in jener Zeit, als man sich von einem steifen Ceremoniel zu befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte, und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns unter allen Bedingungen das Richtige und die Wahrheit geben sollte. Kunst und Natur sind aber beide,richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten, nur ein und dasselbe.

Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht der Naturjäger vorgekommen, welches noch nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren aber noch mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf Wasserfälle und Naturphänomene wahrhaft Jagd machen, und sich und andern manchen Morgen verderben, um einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und den sie nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln die Natur gerade so, wie sie mit den merkwürdigen Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an der bekannten und oftmals besprochenen Stelle, und wenn in ihrer Seele nun gar nichts vorgeht, so sind sie nachher wenigstens doch dort gewesen.

Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in jeder Stunde jedweden vorwitzigen Besuch an, oder vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre Heiligkeit zu fühlen. In uns selbst muß die Harmonie schon sein, um sie außer uns zu finden, sonst behelfen wir uns freilich nur mit leeren Phrasen, ohne die Schönheit zu genießen: oder es kann auch wohl ein unvermuthetes Entzücken vom Himmel herab in unser Herz fallen, und uns die höchste Begeisterung aufschließen: dazu aber können wir nichts thun, wir können dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung begiebt sich in uns nur. So viel ist gewiß, daß jeder Mensch wohl nur zwei- oder dreimal in seinem Leben das Glück haben kann, wahrhaft einen Sonnen-Aufgang zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht,wie Sommerwolken, unserm Gemüth vorüber, sondern es macht Epoche in unserm Leben, wir brauchen lange Zeit, um uns von solcher Entzückung wieder zu erholen, und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen Minuten. Aber nur Stille und Einsamkeit vergönnen diese Gaben; eine Gesellschaft, die sich zu dergleichen auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem Theater, und bringt auch gewöhnlich dieselbe alberne Freude und leere Kritik wie dort mit herunter.

Noch seltsamer, sagte Ernst, daß so wenige Menschen den wundervollen Schauer, die Beängstigung empfinden, oder sich gestehn, die in manchen Stunden die Natur unserm Herzen erregt. Nicht bloß auf den ausgestorbenen Höhen des Gotthard erregt sich unser Gemüth zum Grauen, nicht bloß


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