Chapter 2

Ja, mein Freund, sagte der Vater: und wie ist es mit Dir? Hast Du selbst meinen Worten nachgedacht?

Viel und oft, erwiederte Erich: aber, lieber Grillenfänger, wenn es auch glückliche Ehen ohne Leidenschaft geben kann, so muß doch eine Art von Neigung da seyn; die finde ich aber nicht, und ich kann es Deiner Tochter nicht verdenken, — wir sind uns zu ungleich. Schade wär’ es auch, wenn das liebe Wesen mit seinen lebhaften Empfindungen nicht glücklich werden sollte.

Durch wen? rief der Vater, es findet sich ja Niemand, den sie mag, und der sich für sie paßt; Du trittst völlig zurück, der fremde hochmüthige Gast hat mich heut mit seiner vornehmen Art recht empfindlich geärgert; ausdem jungen Herrn Dietrich würde nie ein gescheidter Ehemann werden, da er sich gar nicht in die Welt zu schicken weiß, wie ich gesehen habe, und vom jungen Eisenschlicht darf ich ihr gar nicht einmal sprechen. Dazu ist mir auf’s Neue der Verlust der herrlichen Bilder auf das Herz gefallen. Wo der Satan sie nur hingeführt hat! Sieh, meinem ärgsten Feinde möchte ich sie gönnen, wenn sie nur da wären! — Und dann — hab’ ich nicht auch noch eine Verschuldung gegen Eduard? Du weißt, zu welchen billigen Preisen ich nach und nach von ihm kaufte, was er noch im Nachlasse seines Vaters fand. Er kannte, er achtete die Sachen nicht; ich habe ihm nie abgedrungen, ich habe ihn nie angelockt, — aber doch — wenn der junge Mensch ordentlich werden wollte, wenn er den bessern Weg einschlüge, — wüßte ich nur, daß es ihn nicht wieder schlecht machte, daß er es nicht vergeudete, ich wollte ihm noch einen beträchtlichen Nachschuß gerne zahlen.

Brav! rief Erich und gab ihm die Hand. Ich habe den jungen Menschen nicht aus den Augen gelassen; er ist nicht ganz so schlimm, als die Stadt von ihm spricht, er kann noch einmal ein rechter Mann werden. Wenn wir Besserung sehen und Du Dich ihm gewogen fühlst, vielleicht daß Deine Tochter einmal auch gut von ihm dächte, kann seyn, daß sie ihm gefiele; — wie wär’s alsdann, wenn Du durch Dein Vermögen Beiden ein glückliches Schicksal bereitetest, Enkel auf Deinen Knieen schaukeltest, ihnen die ersten Begriffe der Kunstgeschichte beibrächtest, daß sie hier in Deinem Saale die berühmten Namen stammelten.

Nimmermehr! rief der Alte und stampfte mit dem Fuße. Wie? einem solchen verderbten Taugenichts meineinziges Kind? Ihm diese Sammlung hier, daß er sie verprassen und für ein Spottgeld verkaufen könnte? Das räth mir kein Freund.

Doch, sagte Erich: sei nur gelassen, überdenke den Vorschlag ohne Leidenschaft, und suche Deine Tochter zu prüfen.

Nein, nein! wiederholte Walther laut, es kann, es darf nicht seyn! Ja, könnte er noch ein einziges von jenen kostbaren, unvergleichlichen Bildern aufweisen, die aber nun auf ewig verloren sind, so ließe sich noch eher darüber sprechen. Aber so verschone mich in alle Zukunft mit dergleichen Vorschlägen. — Und der verdammte Breughel hier! Da oben, hoch, wo ich ihn nie wieder sehe, will ich ihn mit der Galgen-Physiognomie des alten Sünders und allen seinen Teufeln hinauf hängen!

Er sah empor, und wieder schaute aus dem offnen Fenster Sophie, lauschend auf ihr Gespräch, herab. Sie erröthete, entfloh, ohne das Fenster zu schließen, und der Alte rief: das fehlte noch! Nun hat die eigensinnige Dirne Alles mit angehört, und setzt sich wohl gar dergleichen in den kleinen trotzigen Kopf!

Die alten Freunde trennten sich, Walther mit sich und aller Welt unzufrieden.

———

Tief in der Nacht saß Eduard in seinem einsamen Zimmer, mit vielfachen Gedanken beschäftigt. Um ihn lagen unbezahlte Rechnungen, und er häufte die Summen daneben auf, um sie am folgenden Morgen zu tilgen. Es war ihm gelungen, unter billigen Bedingungen ein Capital auf sein Haus aufzunehmen, und so arm er sicherschien, so war er doch schon in dem Gefühl zufrieden, welches ihm sein fester Vorsatz gab, künftig auf andre Weise zu leben. Er sah sich in Gedanken schon thätig, er machte Plane, wie er von einem kleinen Amte zu einem wichtigern emporsteigen, und sich in diesem zu einem noch ansehnlichern vorbereiten wolle. Die Gewohnheit, sagte er, wird ja zu unserer Natur, so im Guten, wie im Schlimmen, und wie mir Müssiggang bisher nothwendig gewesen ist, um mich wohl zu befinden, so wird es in Zukunft die Arbeit nicht weniger seyn. — Aber wann, wann wird denn dies erwünschte goldne Zeitalter meines edlern Bewußtseins wirklich und wahrhaft in mir seyn, daß ich mit Befriedigung und Wohlbehagen die Gegenstände vor mir und mich selbst werde betrachten können? Jetzt sind es doch nur noch Vorsätze und liebliche Hoffnungen, die blühen und locken; und, ach! werde ich nicht auf halbem Wege, vielleicht schon auf dem Anfange meiner Bahn ermatten?

Er sah die Rose zärtlich an, die im Wasserglase ihm glühend entgegen lachte. Er nahm sie und drückte mit zarter Berührung einen leisen Kuß in ihre Blätter, und hauchte einen Seufzer in den Kelch. Dann stellte er sie behutsam in das nährende Element zurück. Er hatte sie neulich, schon verwelkt, in seinem Busen wieder gefunden; seit der Stunde, daß sie im Fluge sein Gesicht berührt hatte, war er ein andrer Mensch geworden, ohne daß er es sich selber gestehen wollte. Man ist nie so abergläubisch und merkt so gern auf Vorbedeutungen, als wenn das Herz recht erschüttert ist, und aus dem Sturm der Gefühle ein neues Leben sich erzeugen will. Eduard merkte selbst nicht, wie sehr ihm die kleine Blume Sophien selbst gegenwärtig machte, und da er Alles undsich selbst beinah verloren hatte, so sollte die welke Pflanze sein Orakel seyn, ob sie sich wieder erfrische und auch ihm ein neues Glück verkündigen wolle. Da sie aber nach einigen Stunden sich im Wasser nicht entfaltete, so half er ihr und der weissagenden Kraft durch die gewöhnliche Kunst, den Stengel zu beschneiden, diesen dann einige Augenblicke in die Flamme des Lichtes zu halten und die Blume nachher in das kalte Element zurück zu setzen. Fast sichtlich erfrischte sie sich nach dieser gewaltsamen Nachhülfe, und blühte so schnell und mächtig auf, daß Eduard fürchten mußte, sie würde binnen Kurzem alle ihre Blätter verstreuen. Doch war er seitdem getröstet, und traute seinen Sternen wieder.

Er blätterte in alten Papieren seines Vaters, schlug Briefe auseinander, und fand so manche Erinnerungen aus seiner Kindheit, so wie aus der Jugend des Erzeugers. Er hatte den Inhalt eines Schrankes vor sich ausgepackt, der Rechnungen, Nachweisungen, Prozeß-Acten und Vieles ähnlicher Art enthielt. Indem rollte sich ein Blatt auf, welches das Verzeichniß der ehemaligen Gallerie enthielt, die Geschichte der Bilder, ihre Preise, und was dem Besitzer bei jedem Stücke merkwürdig gewesen war. Eduard, der von einer Reise zurück kam, als sein Vater auf dem Sterbebette lag, hatte nach dem Begräbnisse vielfach nach jenen verlorenen Bildern gesucht, und manche vergebliche Nachforschung angestellt. Er konnte mit Recht erwarten, daß auch von jenen vermißten sich hier ein Wort finden möchte, und wirklich erschien ihm in einem andern Packet, zwischen Papieren versteckt, ein Blatt, welches genau jene Stücke nannte, die Namen der Meister, so wie die vorigen Eigenthümer. Die Schrift war augenscheinlich aus den letzten Tagen seines Vaters,und unten fanden sich die Worte: diese Stücke sind jetzt — —, weiter hatte die Hand nicht geschrieben, und selbst diese Zeile war wieder ausgestrichen worden.

Nun suchte Eduard noch eifriger, aber keine Spur. Das Licht war niedergebrannt, sein Blut war erhitzt; er warf die Bogen eilig im Zimmer umher, aber es zeigte sich nichts. Als er ein altes vergelbtes Papier auseinander schlug, sah er zu seinem Erstaunen einen Schein, der vor vielen Jahren ausgestellt war, in welchem sich sein Vater als den Schuldner Walthers mit einer namhaften Summe bekannte. Er war nicht quittirt, aber doch nicht in den Händen des Gläubigers. Wie war dieser Umstand zu erklären? —

Er steckte ihn zu sich und rechnete aus, daß, wenn das Blatt gültig wäre, er von seinem Hause kaum noch etwas übrig behalten würde. Er betrachtete einen Beutel, den er in eine Ecke gestellt, und der dazu bestimmt war, ein für allemal noch den Familien, die er bisher im Stillen unterstützt hatte, eine ansehnliche Hülfe zu geben. — Denn wie er im Verschwenden leichtsinnig war, so war er es auch in seinen Wohlthaten; man hätte sie auch, wenn man strenge seyn wollte, Verschwendung nennen können. — Wenn ich nur diese Summe nicht anrühren darf, damit die Elenden sich noch einmal freuen, so ist es nachher auch eben so gut, ganz von vorn anzufangen und nur meinen Kräften zu vertrauen. Dies war vor dem Einschlafen sein letzter Gedanke.

———

Eduard war vom Geheimenrath Walther eingeladen worden; es war lange nicht geschehen, und ob der Jünglinggleich nicht begriff, wie der alte Freund zu diesem erneuten Wohlwollen komme, so ging er doch mit frischem Muthe hin, hauptsächlich in der frohen Erwartung, mit Sophien die ehemalige Bekanntschaft wieder anzuknüpfen. Er nahm das aufgefundene Papier mit.

Es war ihm sehr verdrüßlich, dort den alten und den jungen Herrn von Eisenschlicht zu finden; indessen, da er bei Tische Sophien gegenüber saß, so richtete er das Gespräch hauptsächlich an diese, und bestrebte sich, heiter zu erscheinen, obgleich sein Gemüth auf vielfache Weise gereizt war; denn es entging ihm nicht, wie der alte Walther dem jungen Eisenschlicht mit aller Artigkeit entgegen kam, und ihn beinahe vernachläßigte; auch war es in der Stadt bekannt, daß sich der Rath den jungen reichen Mann zum Schwiegersohne wünsche. Dieser ließ sich die Freundlichkeit des Wirthes gefallen mit einer Art, als wenn es nicht anders seyn könne, und Erich, der es gut mit dem jungen Eduard meinte, suchte nur zu verhindern, daß der gereizte Jüngling nicht in Heftigkeit ausbräche. Sophie war die Munterkeit selbst; sie hatte sich mehr geschmückt als gewöhnlich, und der Vater mußte sie oft prüfend betrachten, denn ihr Anzug wich in einigen Stücken von dem gebräuchlichen ab, und erinnerte ihn heute lebhafter als je an jenes verlorene Bild vonMessys, welches die beiden jungen Leute in einer gewissen Aehnlichkeit als Schäfer darstellte.

Man versammelte sich nach Tische im Bildersaal, und Erich mußte lächeln, als er bemerkte, daß sein Freund wirklich den falschen Höllenbreughel hoch in einen Winkel hinauf gehangen hatte, wo man ihn kaum noch bemerken konnte. Der junge Eisenschlicht setzte sich neben Sophien, und schien sehr angelegentlich mit ihr zu sprechen. Eduardging unruhig hin und her, und betrachtete die Bilder; Erich unterhielt sich mit dem Vater des jungen Freiwerbers, und Walther hatte ein prüfendes Auge auf Alle gerichtet.

Warum aber, sagte Erich zu seinem Nachbar, ist Ihnen hier das Meiste aus der niederländischen Schule zuwider?

Weil sie so viel Lumpenvolk und Bettler darstellt, antwortete der reiche Mann. Mein Widerwille trifft auch nicht diese Niederländer allein, sondern vorzüglich ist mir deshalb der SpanierMurilloverhaßt, und auch so manche Italiener. Es ist schon traurig genug, daß man sich auf Markt und Straße, ja in den Häusern selbst, nicht vor diesem Geschmeiße zu retten weiß; wenn aber ein Künstler verlangt, ich soll mich gar noch auf bunter Leinwand an dem lästigen Volke ergötzen, so heißt das, meiner Geduld etwas zu viel anmuthen.

Da würde Ihnen vielleicht, sagte Eduard, derQuintin Messysrecht seyn, der so häufig Wechsler an ihrem Tische, mit Münzen und Rechnungsbüchern so treu und kräftig vor uns hinstellt.

Auch nicht, junger Herr, sagte der alte Mann: das können wir leicht und ohne Anstrengung in der Wirklichkeit sehn. Soll ich mich einmal an Malerei erfreuen, so verlange ich große königliche Aufzüge, viele schwere Seidenzeuge, Kronen und Purpurmäntel, Pagen und Mohren; das, vereinigt mit einem Anblick auf Paläste, große Plätze und in weite gerade Straßen hinein, erhebt die Seele, das macht mich oft auf lange munter, und ich werde nicht müde, es immer wieder von Neuem zu beschauen.

Gewiß, sagte Erich, hatPaul Veroneseund manche andere Italiener auch darin viel Vorzügliches geleistet.

Was sagen Sie denn zu einer Hochzeit von Cana in dieser Manier? fragte Eduard.

Alles Essen, erwiederte der alte Herr, wird auf Bildern langweilig, weil es doch nie von der Stelle rückt, und die gebratenen Pfauen und hoch aufgehobenen Pasteten, so wie die halb umgedrehten Mundschenken, sind auf allen solchen Darstellungen lästige Creaturen. Aber ein Anderes ist es, wenn sie den kleinen Moses aus dem Wasser ziehn, und dabei steht die Prinzeß in ihrem reichsten Schmuck, und umher die geputzten Damen, die auch für Fürstinnen gelten könnten, Männer mit Hellebarden und Rüstungen, selbst Zwerge und Hunde; ich kann nicht sagen, wie es mich erfreut, wenn ich eine solche Geschichte, die ich in meiner frühen Jugend oft unter Beklemmungen in einer dunkeln Schulstube lesen mußte, so herrlich ausgeschmückt wieder antreffe. Von dergleichen Sachen aber, lieber Herr Walther, haben Sie zu wenig. Ihre meisten Bilder sind für die Empfindung, und ich will niemals, am wenigsten von Kunstwerken, gerührt seyn. Ich werde es auch nicht, sondern ich ärgre mich nur.

Noch schlimmer, fing der junge Eisenschlicht an, ist es aber in unsern Comödien. Wenn wir aus einer angenehmen Gesellschaft und von einem glänzenden Diner in den erleuchteten Saal treten: wie kann man nur verlangen, daß wir uns für das mannigfaltige Elend und den kümmerlichen Mangel interessiren sollen, der uns hier aufgetischt wird? Könnte man nicht dieselbe polizeiliche Einrichtung treffen, die schon in den meisten Städtenlöblicherweise angeordnet ist, daß ich ein für allemal für die Armuth etwas einlege, und mich dann nicht weiter von den einzelnen Zerlumpten und Hungernden incommodiren lasse?

Bequem wäre es ohne Zweifel, sagte Eduard: ob aber durchaus zu loben, sei es als Polizei- oder Kunsteinrichtung, weiß ich noch nicht zu sagen. Ich kann mich wenigstens des Mitleids gegen den Einzelnen nicht erwehren, und mag es auch nicht, wenn man freilich oft zur Unzeit gestört, unverschämt bedrängt, und zuweilen auch wohl arg betrogen wird.

Ich bin Ihrer Meinung, rief Sophie aus: ich kann die stummen, blinden Bücher nicht leiden, in die man sich einschreiben soll, um sich ruhig auf eine unsichtbare Verwaltung verlassen zu können, die dem Elende, so viel als möglich, abhelfen werde. In manchen Gegenden verlangt man sogar, man soll sich verpflichten, dem Einzelnen nichts zu geben. Aber wie kann man nur dem Jammer widerstehn? Wenn ich dem gebe, der mir seine Noth klagt, so sehe ich doch wenigstens seine augenblickliche Freude, und kann hoffen, ihn getröstet zu haben.

Das ist es eben, sagte der alte Kaufmann, was in allen Ländern den Bettelstand erhält, daß wir uns nicht von dem kleinlichen Gefühl einer weichlichen Eitelkeit und eines süßlichen Wohlthuns frei machen können und wollen. Dies ist es zugleich, was die besseren Maßregeln der Staaten vereitelt und unmöglich macht.

Sie denken anders, als jene Schweizer, sagte Eduard. Es war in einer katholischen Gegend, wo ein alter Bettler seit lange sein Almosen an gewissen Tagen einkassirte, und in jedem Hause fast, da die ländliche Einsamkeit nicht viel Gewerbe und Umtrieb gestattete, mit zur Familie gerechnetwurde. Indessen traf es sich doch, daß man ihn in einer Hütte, als er zusprach, da man gerade mit einer Wöchnerin sehr beschäftigt war, in der Verwirrung und Besorgniß für die Kranke abwies. Als er wirklich nach wiederholter Forderung nichts erhielt, wandte er sich zornig und rief im Scheiden: Nun, wahrlich, ihr sollt sehn, daß ich gar nicht wiederkomme, und so mögt ihr dann sehen, wo ihr wieder einen Bettler herkriegt!

Alle lachten, nur Sophie nicht, welche diesen Ausspruch ganz vernünftig finden wollte, und mit diesen Worten schloß: gewiß, wenn es uns unmöglich gemacht werden könnte, Wohlthaten zu erzeigen, so möchte unser Leben selber arm genug werden. Könnte der Trieb des Mitleids in uns ersterben, so möchte es auch wohl um Lust und Freude traurig aussehen. Derjenige, der glücklich genug ist, mittheilen zu können, empfängt mehr, als der arme Nehmende. Ach! das ist ja noch das Einzige, fügte sie mit großer Bewegung hinzu, was das starre Eigenthum, die Grausamkeit des Besitzes etwas entschuldigen und mildern kann, daß auf die Schmachtenden unten etwas von dem unbillig Aufgehäuften herabgeschüttet wird, damit es nicht ganz in Vergessenheit komme, daß wir alle Brüder sind.

Der Vater sah sie mißbilligend an, und wollte eben etwas sagen, als Eduard heftig einfiel, indem er seine feurigen Augen auf die feuchten des Mädchens heftete: dächte die Mehrzahl der Menschen so, so lebten wir in einer andern und bessern Welt. Wir entsetzen uns, wenn wir von dem Drangsal lesen, das in Wüsten und Einöden fremder Himmelsstriche dem harmlosen Wanderer auflauert, oder von jenen Schrecknissen, die auf der unwirthbaren See das Schiffsvolk fürchterlich verzehren, wennim höchsten Mangel kein Fahrzeug oder keine Küste sich auf der unermeßlichen Fläche zeigen will; wir entsetzen uns, wenn Ungeheuer der Tiefe den Verunglückten zerfleischen, — und doch — leben wir nicht in den großen Städten, wie auf einem Vorgebirge, wo unmittelbar zu unsern Füßen aller dieser Jammer, dasselbe gräuliche Schauspiel sich entwickelt, nur langsamer und desto grausamer? Aber wir sehen aus unsern Concerten und Festen, und aus dem sichern Gewahrsam des Wohlstandes nicht in diesen Abgrund hinein, wo die Gestalten des Elends sich in tausend fürchterlichen Gruppen, wie in Dante’s Gebilden, zermartern und verzehren, und gar nicht einmal mehr zu uns empor zu schauen wagen, weil sie schon wissen, welchem kalten Blick sie begegnen, wenn ihr Geschrei uns zu Zeiten aus den Betäubungen unsrer kalten Ruhe weckt.

Diese Uebertreibungen, sagte der alte Eisenschlicht, sind jugendlich. Ich behaupte immer noch, der wirklich gute Bürger, der echte Patriot soll sich von augenblicklicher Rührung nicht hinreißen lassen, die Bettelei zu unterstützen. Er theile jenen wohlthätigen Anstalten mit, so viel er mit Bequemlichkeit entbehren kann; aber vergeude nicht seine geringen Mittel, die auch hierin der Aufsicht des Staates zu Gute kommen sollen. Denn was thut er im entgegengesetzten Fall? Er befördert durch seine Weichlichkeit, ja ich möchte es fast wollüstigen Kitzel des Herzens nennen, Betrug, Faulheit, Unverschämtheit, und entzieht das Wenige der wahren Armuth, die er doch nicht immer antreffen oder erkennen kann. Wenn wir aber auch jene übertriebene Schilderung des Elendes als richtig anerkennen wollten, was kann der Einzelne auch selbst in diesem Falle Gutes stiften? Ist er denn imStande, die Lage des Verzweifelnden zu verbessern? Was hilft es, doch immer nur wieder einen Tag oder eine Stunde zu erleichtern? Der Unglückliche wird seine Schmach nur um so tiefer empfinden, wenn er nicht seinen Zustand in einen glücklichen verwandeln kann; er wird noch unzufriedener, noch elender werden, und ich schade ihm, anstatt ihm zu nützen.

O, sagen Sie das nicht, rief Eduard aus, wenn ich Sie nicht verkennen soll; denn es erscheint mir wie Lästerung! Was der Arme in einem solchen Augenblick des Sonnenscheins gewinnt? O mein Herr! er, der schon daran gewöhnt ist, von der Gesellschaft der Menschen ausgestoßen zu seyn; er, für den es kein Fest, keinen Markt, keine Gesellschaft, und kaum eine Kirche giebt; für den Ceremonie, Höflichkeit und alle die Rücksichten ausgestorben sind, die sonst jeder Mensch dem andern leistet; dieser Elende, dem auf Spaziergängen und in der Frühlingsnatur nur Verachtung grünt und blüht, er wendet oft das dürre Auge nach Himmel und Sternen über sich, und sieht auch dort nur Leere und Zweifel; aber in solcher Stunde, die ihm unverhofft eine reichlichere Gabe spendet, daß er mit mehr als augenblicklichem Trost zu den verschmachteten Seinigen in die dunkle Hütte kehren kann, geht ihm plötzlich im Herzen wieder der Glaube an Gott, an seinen Vater auf; er wird wieder Mensch, er fühlt wieder die Nähe eines Bruders, und darf diesen und sich wieder lieben. — Wohl dem Reichen, der diesen Glauben fördern, der mit der sichtbaren Gabedas Unsichtbare schenken kann; und wehe dem Verschwender, der sich durch frevelnden Leichtsinn dieser Mittel beraubt, ein Mensch unter den Menschen zu seyn; denn das Gefühl wird ihn am härtesten strafen, daß erals herzloser Barbar in Strömen das Labsal in die Wüste geschüttet hat, wovon ein jeder Tropfen seine Brüder, unter der Last des mühseligen Lebens erliegend, erquicken könnte.

Er konnte das Letzte nur mit Thränen sagen, er verhüllte sein Angesicht und bemerkte nicht, daß die Fremden, auch Erich, vom Wirthe Abschied nahmen. Auch Sophie weinte; doch ermunterte sie sich zur Heiterkeit, als der Vater zurück kam.

Als sich in andern Gesprächen die Gefühle wieder beruhigt hatten, zog Eduard das Papier aus der Tasche, und trug dem Rathe die zweifelhafte Sache vor, und wie sehr er besorge, noch mit einer ansehnlichen Summe sein Schuldner zu seyn, die er ihm durch ein Capital abzutragen denke, welches er auf sein Haus zu bekommen suchen wolle.

Der Alte sah abwechselnd ihn und das vergelbte Papier mit großen Augen an, endlich faßte er die Hand des Jünglings und sagte mit gerührter Stimme: mein junger Freund, Sie sind viel besser, als ich und auch die Welt von Ihnen gedacht haben; Ihr Gefühl entzückt mich, und wenn Sie auch mit dem Herrn von Eisenschlicht nicht so heftig hätten sprechen sollen, so war ich doch bewegt; denn, wahrlich! ich denke wie Sie über diesen Punkt. Was dies Papier betrifft, so kann ich Ihnen darüber schwerlich eine entscheidende Antwort geben, ob es gültig sei oder nicht. Es rührt aus einer frühen Zeit her, in der ich mit Ihrem wackern Vater mancherlei, und zuweilen verwickelte Geldgeschäfte hatte; wir halfen einander bei unsern Speculationen und Reisen aus, und der alte Herr war dazumal in früher Jugend freilich zuweilen etwas locker und wild. Er bekennt hier, mireine ansehnliche Summe schuldig zu seyn; das Blatt muß sich unter seinen Papieren verloren haben; ich weiß nichts mehr davon, weil wir sehr viel mit einander zu berechnen hatten, und ich war denn damals auch nicht so ordentlich, wie jetzt. Indeß — (und mit diesen Worten zerriß er das Blatt) sei diese anscheinende Forderung zernichtet; denn auf keinen Fall, auch wenn die Schuld klar wäre, könnte ich von Dir, mein Sohn, diese Summe annehmen; wenigstens sollte ich Dir so viel nachzahlen für jene Gemälde, die Du mir viel zu wohlfeil verkauft hast. Kann ich Dir überhaupt helfen, mein gutes Kind, so rechne auf mich, und Alles kann vielleicht noch gut werden.

Eduard beugte sich über seine Hand und rief: ja sei’n Sie mir Vater, ersetzen Sie mir den, den ich zu früh verloren habe! Ich verspreche es Ihnen, es ist mein fester Vorsatz, ich will ein andrer Mensch werden, ich will meine versäumte Zeit wieder einbringen; ich hoffe, der menschlichen Gesellschaft noch einmal nützlich zu werden. Aber väterlicher Rath, wohlwollende Aufmunterung muß mich leiten, damit ich wieder Vertrauen zu mir fasse.

So gut, sagte der Alte, hätte es uns schon seit manchem Jahre werden können, aber Du hast es dazumal verschmäht. Worin ich Dir nur irgend helfen kann, darfst Du sicher auf mich rechnen. Jetzt aber will ich doch, Neugierde halber, noch einmal meine Papiere ansehen, ob ich denn doch von dieser Schuld gar keine Nachricht finden sollte.

Er ließ die beiden jungen Leute allein, die sich erst eine Weile stillschweigend ansahen, und sich dann in die Arme flogen. Sie hielten sich lange umschlossen, dann machte sich Sophie gelinde los, entfernte den Jünglingund sagte, indem sie ihm mit Munterkeit in’s Auge sah: wie widerfährt mir denn das? Eduard, was soll uns denn das bedeuten?

Liebe, rief Eduard, Glück und ewige Treue! Sieh, liebstes Kind, ich fühle mich, wie von einem schweren Traum erwacht. Das Glück, das mir so nahe vor den Füßen lag, das mir mein redlicher Vater schon an Deiner Wiege zugedacht hatte, stieß ich wie ein ungezogener Knabe von mir, um mich der Welt und mir selbst verächtlich zu machen. Hast Du mir denn vergeben, holdseliges Wesen? Kannst Du mich denn lieben?

Ich bin Dir recht von Herzen gut, Du mein alter Spielkamerad, sagte Sophie: aber glücklich sind wir darum noch nicht.

Was kann uns noch im Wege seyn! rief Eduard aus. O wie tief beschämt es mich, daß ich Deinen edeln Vater so sehr habe verkennen mögen! Wie gütig er mir entgegen kommt! Wie herzlich er mich als Sohn an seine Brust drückt!

Ja, Du wunderlicher Kauz, lachte Sophie auf, das ist ja aber nichtsogemeint. Aber der bleibt zeitlebens unbesonnen, und hat gleich die Rechnung ohne den Wirth gemacht! Davon wird der Papa, so gut er auch seyn mag, nicht eine Sylbe hören wollen. Auch müssen wir beide uns ja erst näher kennen lernen. Freund, das sind Sachen, die sich noch in die Jahre hinaus verziehen können. Und während der Zeit sattelst Du auch vielleicht wieder um, und lachst dann in Deiner lustigen Gesellschaft über meinen Gram und meine Thränen.

Nein! rief Eduard und warf sich vor ihr nieder: verkenne mich nicht, sei so gut und lieb, wie Dein Auge verspricht! Und ich fühle es, Dein Vater wird sich unsersGlückes freuen, er wird unsern Bund segnen! Er umfaßte sie heftig, ohne zu bemerken, daß der Vater schon wieder hinter ihm stand. Was ist das, junger Herr? rief der Alte erzürnt aus: den Bund segnen? Nein, vertreiben, aus seinem Hause verbannen wird er den lockern Zeisig, der so sein Vertrauen und seine Neigung zu ihm mißbrauchen will.

Eduard war aufgestanden und sah ihm ernst in’s Auge. Sie sind nicht gesonnen, mir Ihre Tochter zur Frau zu geben? fragte er mit ruhigem Tone.

Was! rief der Alte mit der größten Ungeduld, seid Ihr rasend, Patron? Einem Menschen, der den Nachlaß seines Vaters, die kostbarsten Bilder verkauft und verschleudert hat? Und wenn Ihr ein Millionär wäret, ein so gefühlloser Mensch erhielte sie niemals! Ei, da würde es nach meinem Tode, vielleicht schon während meinen letzten Tagen, an ein herrliches Ausbieten meiner Schätze gehen, da würden die Bilder in alle vier Ecken der Welt fliegen, daß ich keine Ruhe in meinem Grabe hätte. Klug ist er aber, der saubre Herr. Macht mich erst recht treuherzig, bringt mir mit herrlicher Großmuth ein altes Schuldblatt seines Vaters, das er mir noch bezahlen will, kirrt mich in die Rührung hinein, damit ich nur noch großmüthiger, noch edler und heroischer werden, und ihm meine Tochter an den Hals werfen soll. Nein nein, mein junger Herr, so leicht hat er das Spiel bei mir nicht gewonnen. Die Schuld ist kassirt, ich finde keine Spur davon in meinen Büchern, und selbst, wie ich schon sagte, wenn es wäre. Auch will ich Ihm helfen, wie ich versprach, mit Rath und That, mit Freundschaft und Geld, so viel Er nur billigerweise verlangen kann. Aber mein Kind laß Er mir aus dem Spiele, und darum verbitt’ ichmir in Zukunft Seine Gegenwart in meinem Hause. Auch mag sie Ihn gar nicht, so wie ich sie kenne. Sprich, Sophie, wärst Du wohl im Stande, Dich mit einem solchen Thunichtgut einzulassen?

Ich mag gar noch nicht heirathen, sagte Sophie, und diesen wohl am wenigsten, der zu allen Dingen in der Welt besser, als zu einem Ehemann paßt. Halb schmerzhaft und doch lächelnd warf sie dem Jüngling einen scheidenden Blick zu und verließ den Saal. Sophie! rief Eduard aus und wollte ihr nacheilen: wie kannst Du diese Worte sprechen? Der Alte hielt ihn am Kleide fest und machte Miene, ihm noch eine lange Ermahnung zu halten; doch Eduard, der nun die Geduld völlig verloren hatte, nahm seinen Hut, stellte sich vor den Vater und sagte mit einer Stimme, die von Zorn und Schluchzen unterdrückt war: ich gehe, alter Herr, und komme nicht, merken Sie sich das! in Ihr Haus zurück, bis Sie mich rufen lassen! bis Sie mich selber wieder hieher zurück rufen! Ja, bis Sie mich inständig bitten, Ihre Wohnung nicht zu verschmähen! Es kann mir nicht fehlen; Talente, gute Aufführung, Kenntnisse, sie bahnen mir den Weg zu den höchsten Ehrenstellen. Dem Prinzen bin ich schon empfohlen. Das ist aber nur die erste und kleinste Staffel meines Glücks! Ganz andre Wege müssen sich mir eröffnen. Und wenn dann die Stadt es sich zur Ehre rechnet, mich geboren zu haben, wenn ich diese jetzige Stunde ganz vergessen habe, dann sende ich irgend einen Vertrauten von Ansehn zu Ihnen, und lasse unter der Hand anfragen, wie es um Ihre Tochter steht: dann fallen Sie aus den Wolken, daß ich noch an Sie denke, Sie falten andächtig die Hände, daß sich Ihnen die Möglichkeit zeigt, einen solchen Schwiegersohn zu erhalten,— und so, gerade so wird es kommen, und auf diese Weise werde ich Sie zwingen, mir Ihre Tochter zu geben.

Er stürzte fort, und der Vater sah ihm mit zweifelndem Blicke nach und murmelte: nun ist er gar verrückt geworden.

———

Im Freien, als dem jungen Manne ein heftiges Schneegestöber entgegenschlug, verkühlte sich seine sonderbare Hitze; er mußte über seine Heftigkeit und jene unsinnigen Reden erst lächeln, dann laut lachen, und als er sich in seiner Wohnung befand, kam er beim Umkleiden völlig zur Besinnung. Dieser Tag war für ihn von der höchsten Wichtigkeit, denn die Stunde war jetzt da, in welcher er sich dem Prinzen, der unterdessen, wie man ihm gesagt hatte, angelangt war, vorstellen sollte. Die Kleider, welche er jetzt anlegte, hatte er lange nicht getragen, mit solcher Aufmerksamkeit hatte er sich noch nie im Spiegel betrachtet. Er musterte seine Gestalt, und konnte sich nicht verhehlen, daß er gut gewachsen, daß sein Auge feurig, sein Gesicht anmuthig und die Stirne edel sei. Mein erster Anblick, sagte er zu sich selbst, wird ihm wenigstens nicht mißfallen. Alle Menschen, selbst diejenigen, die mich nicht leiden können, loben mein gewandtes und feines Betragen; ich habe manche Talente und Kenntnisse, und was mir mangelt, kann ich bei meiner Jugend, bei meinem trefflichen Gedächtnisse leicht nachholen. Er wird mich lieb gewinnen, und bald werde ich ihm unentbehrlich seyn. Der Umgang mit der großen Welt wird nach und nach alles das wegschleifen, was mir noch von schlechten Gesellschaften anhängen mag.Reise ich nun auch mit ihm, und muß mich etwa ein Jahr, oder selbst noch länger, von hiesiger Gegend entfernen, so dient dies auch in fremden Ländern nur um so mehr dazu, mich in seiner Gunst recht fest zu setzen. Wir kommen dann zurück; meiner Bildung, meinen Ansprüchen kommen durch seine Protection die ansehnlichsten Stellen hier, oder auch im Auslande entgegen, und ich werde gewiß alsdann nicht vergessen haben, daß es doch Sophie eigentlich war, die mein besseres Selbst zuerst aus seinem Schlaf erweckte.

Er war nun angekleidet und so trunken von seinen Hoffnungen, daß er es nicht merkte, wie er wieder die nämlichen Worte vor sich selber aussprach, über welche er sich vorhin verlacht hatte. Er nahm die ganz erblühte Monatsrose aus dem Glase, und drückte sie, um sich zu seinem Gange zu stärken, an den Mund, aber zugleich fielen ihm alle ihre Blätter vor die Füße. Eine üble Vorbedeutung! seufzte er und ging aus dem Hause, um in den Wagen zu steigen.

Als er im Palast angelangt war, gab er dem Bedienten den Brief, welcher ihn dem Prinzen empfehlen sollte. Indem er den Spiegelwänden vorüber spazierte, kam zu seiner Verwunderung der junge Dietrich aus einem Seitenzimmer in verstörter Eile, und bemerkte anfangs seinen Befreundeten nicht. Wie kommen Sie hieher? fragte Eduard hastig. Kennen Sie den Prinzen? — Ja, — nein, — stotterte Dietrich, — es ist eine sonderbare Sache, die wohl, — ich will es Ihnen erzählen, aber freilich wird hier keine Zeit dazu seyn.

Dies war in der That der Fall, denn eine geschmückte, in Juwelen prangende Dame schritt mit vornehmem Anstande herein, und vertrieb den jungen Maler, der sichmit ungeschickten Verbeugungen entfernte. Eduard stand still, als die glänzende Erscheinung ihm näher kam; er wollte sich verneigen, aber sein Erstaunen lähmte seine Bewegung, als er in ihr jene Schöne plötzlich erkannte, die zum Nachtheil seines Rufes so lange in seinem Hause gewohnt, und mehr als alle seine Verirrungen sein Vermögen verringert hatte. Wie! rief er aus, — Du selbst — Sie, hier in diesen Zimmern?

Und warum nicht? sagte sie lachend. Es wohnt sich gut hier. Du merkst doch wohl, mein Freund, daß ich, wie einst Deine Freundin, so jetzt die Freundin des Fürsten bin, und wenn Du etwas bei ihm suchst, so kann ich Dir Ungetreuem vielleicht beförderlich seyn, denn er hat mehr Gemüth, als Du, und auf seine fortdauernde Gunst kann ich sicherer zählen, als es mir mit Deinem Flattersinn gelingen wollte.

Eduard mochte die freundliche Schöne in dieser Stunde nicht daran erinnern, daß sie sich zuerst von ihm entfernt hatte, als sie gesehen, daß sein Vermögen verschwendet war; er entdeckte ihr seine Lage und seine Hoffnungen, und sie versprach, sich mit dem besten Eifer für ihn zu verwenden. Sei nur ruhig, mein Freund, so beschloß sie ihre Versicherungen, es kann und soll Dir nicht fehlen, und dann wird es sich ja zeigen, ob Du noch ein Fünkchen Liebe in Deinem kalten Herzen für mich aufbewahrt hast. Nur mußt Du vorsichtig seyn und in seiner Gegenwart fremd gegen mich thun, damit er nie erfährt oder merkt, daß wir uns schon sonst gekannt haben.

Mit einem flüchtigen Kuß, wobei die geschminkte Wange ihm einen lebhaften Widerwillen erregte, verließ sie ihn, und Eduard ging mit dem größten Mißbehagen im Saale auf und ab, da sich Alles so ganz anders gestaltete,als er es sich vorgebildet hatte. Dieses Wesen, welches er hassen mußte, in seiner neuen Umgebung zu finden, schlug alle seine Hoffnungen nieder, und er nahm sich fest vor, ihren Netzen und Lockungen zu entgehen, und wenn diese seine Tugend ihm auch die größten Nachtheile bringen sollte.

Indem öffnete sich die Thüre, und jener ihm so widerwärtige Unbekannte trat mit seinem hoffärtigen Gange und stolzer Geberde herein.

Eduard ging ihm entgegen und sagte: vielleicht gehören Sie zum Gefolge Seiner Durchlaucht, und können mir melden, ob ich jetzt die Ehre haben kann, ihm meine Aufwartung zu machen.

Der Fremde stand still, sah ihn an, und nach einer Pause antwortete er in kaltem Tone: das kann ich Ihnen freilich sagen; keiner besser als ich. — Eduard erschrack, da er den Empfehlungsbrief in seinen Händen bemerkte. Will mich der Prinz nicht sprechen? fragte er bestürzt. Er spricht mit Ihnen, antwortete jener, und mit so höhnendem und wegwerfendem Tone, daß der junge Mann alle Fassung verlor. Ich halte mich schon seit einiger Zeit in dieser Stadt auf, fuhr der vornehme Fremde fort, und habe Gelegenheit gefunden, Menschen und Verhältnisse durch mein Incognito kennen zu lernen. Wir sind uns auf eine etwas sonderbare Art nahe gekommen, und wenn ich auch jenen Schritt, von dem Sie wohl selbst wissen, daß er kein ganz unschuldiger war, entschuldigen könnte, so hat er mir doch ein gerechtes Mißtrauen gegen Ihren Charakter eingeflößt, so daß ich unmöglich Ihnen eine Stelle einräumen kann, die uns in eine vertrauliche Nähe rücken würde. Ich gebe Ihnen also diesen Brief zurück, den ich, trotz seiner warmen Empfehlung, undobwohl er aus höchst achtungswürdigen Händen kommt, nicht berücksichtigen kann. Insofern Sie mich persönlich beleidigt haben, ist Ihnen, da Sie mich nicht kannten, völlig vergeben, und Ihre jetzige Beschämung und Verwirrung ist mehr als hinlängliche Strafe. Ein junger Mann verließ mich eben, von dem ich ein ziemlich wohlgerathenes Bild gekauft habe, und welchem ich auch einige Warnungen und gute Lehren für seine Zukunft mitgegeben habe. — Ich sehe, daß unser Zusammentreffen Sie etwas zu sehr erschüttert, und da Sie vielleicht auf jene Stelle schon mit zu großer Sicherheit gerechnet hatten, und wohl in augenblicklicher dringender Verlegenheit sind, so empfangen Sie diesen Ring zu meinem Andenken und zum Zeichen, daß ich ohne allen Groll von Ihnen scheide.

Eduard, welcher indeß Zeit gehabt hatte, sich wieder zu sammeln, trat mit Bescheidenheit einen Schritt zurück, indem er sagte: rechnen Sie es mir, Durchlauchtiger Prinz, nicht als Stolz und Uebermuth an, wenn ich dieses Geschenk, welches mir unter andern Umständen höchst ehrenvoll seyn würde, in dieser Stunde ausschlage. Ich kann Ihre Art nicht mißbilligen, und Sie erlauben mir gewiß, ebenfalls meinem Gefühle zu folgen.

Junger Mann, sagte der Prinz, ich will Sie nicht verletzen, und da Sie mir Achtung abzwingen, so muß ich Ihnen auch noch sagen, daß wir uns, ungeachtet der sonderbaren Art, unsre Bekanntschaft zu machen, vereinigt hätten, wenn nicht eine Person, die ich achten und der ich glauben muß, und welche Sie vorhin in diesem Saale traf, mir so viel Nachtheiliges von Ihnen gesagt, und mich dringend ersucht hätte, auf den Brief keine Rücksicht zu nehmen.

Ich werde, sagte Eduard wieder ganz heiter, dem Beispiele dieser Dame nicht folgen, und sie wieder anklagen, noch mich über sie beklagen, da sie gewiß nur ihrer Ueberzeugung gemäß gesprochen hat. Wenn mir aber Ihre Durchlaucht die Gnade erzeigen wollen, das Bild des jungen Dietrich, so wie einige Ihrer andern Gemälde zu zeigen, so werde ich mit der größten Dankbarkeit von Ihnen scheiden.

Es freut mich, antwortete der Prinz, wenn Sie Interesse an der Kunst nehmen; ich habe zwar nur Weniges hier, aber ein Bild, das ich vor einigen Tagen so glücklich war, zu dem meinigen zu machen, wiegt allein eine gewöhnliche Sammlung auf.

Sie traten in ein reich verziertes Kabinet, wo an den Wänden und auf einigen Staffeleien ältere und neuere Bilder sich zeigten. Hier ist der Versuch des jungen Mannes, sagte der Prinz, welcher allerdings etwas verspricht, und ob ich gleich dem Gegenstande keinen Geschmack abgewinnen kann, so ist doch die Behandlung desselben zu loben. Die Färbung ist gut, wenn auch etwas grell, die Zeichnung ist sicher und der Ausdruck rührend. Nur sollte man die Marien mit dem Kinde endlich zu malen aufhören.

Der Prinz zog einen Vorhang auf, stellte Eduard in das rechte Licht und rief: sehn Sie aber hier dies gelungene, herrliche Werk meines Lieblings, desJulio Romano, und erstaunen Sie, und entzücken Sie sich!

Mit einem lauten Ausrufe, und mit einem höchst freudigen, ja lachenden Gesicht mußte Eduard in der That dieß große Bild begrüßen; denn es war das wohlbekannte Machwerk seines alten Freundes, an welchem dieser schon seit einem Jahre gearbeitet hatte. Es warPsyche und der schlafende Amor. Der Prinz stellte sich zu ihm und rief: daß ich diesen Fund gethan habe, bezahlt mir allein schon die Reise hieher! Und bei jenem alten, unscheinbaren Manne habe ich dieses Kleinod angetroffen! Ein Mann, welcher selbst als Künstler keine unbedeutende Rolle spielt, aber doch bei weitem nicht so erkannt wird, wie er sollte. Er besaß das Gemälde schon lange und wußte, daß es vomJuliosei; indessen da er nicht Alles gesehen hat, so waren ihm immer noch einige Zweifel geblieben, und er war erfreut, von mir so viele nähere Umstände von diesem Meister und seinen Werken zu erfahren. Denn freilich hat er Sinn, der Alte, und weiß wohl ein solches Juwel zu würdigen; aber er ist nicht in alle Trefflichkeiten des Malers eingedrungen. Ich würde mich geschämt haben, seine Unkenntniß zu benutzen, denn er foderte für diese herrliche Arbeit, zu der er auf sonderbare Weise gekommen ist, einen zu mäßigen Preis; ich habe diesen erhöht, um die Zierde meiner Gallerie auch auf eine würdige Art bezahlt zu haben.

Er ist glücklich, sagte Eduard, der verkannte alte Mann, einen solchen Kenner und edlen Beschützer zum Freunde gewonnen zu haben; vielleicht ist er im Stande, die Gallerie Eurer Durchlaucht noch mit einigen Seltenheiten zu vermehren, denn er besitzt in seiner dunkeln Wohnung Manches, was er selbst nicht kennt oder würdigt, und ist eigensinnig genug, seine eignen Arbeiten oft allen ältern vorzuziehn.

Eduard empfahl sich, ging aber nicht sogleich nach Hause, sondern eilte, so leicht bekleidet er auch war, nach dem Park, rannte lustig durch die abgelegenen, mit Schnee bedeckten Gänge, lachte laut und rief: o Welt! Welt! Lauter Fratzen und Albernheiten! O Thorheit, du buntes,wunderliches Kind, wie führst du deine Lieblinge so zierlich an deinem glänzenden Gängelbande! Lange lebe der große Eulenböck, er, der trefflicher, als Julio Romano oder Rafael ist! Habe ich doch nun auch einmal einen Kenner kennen gelernt.

———

Eduard hatte nun Anstalten zu dem lustigen Abend gemacht, welchen er mit Eulenböck verabredet hatte. Vor Kurzem war ihm dieser Tag als ein lästiger erschienen, den er nur bald hinter sich zu haben wünschte; jetzt aber war seine Stimmung so, daß er sich auf diese Stunden der Betäubung freute, weil er meinte, daß sie für lange Zeit seine letzten vergnügten seyn würden. Gegen Abend erschien der Alte, und schleppte mit einem Diener zwei Körbe mit Wein herbei. Was soll das? fragte Eduard: ist es denn nicht ausgemacht, daß ich Euch bewirthen soll? Das sollst Du auch, sagte der Alte, nur bringe ich einigen Vorrath zum Succurs, weil Du die Sache doch eigentlich nicht verstehst, und weil ich auch an diesem Abend recht ausgelassen seyn will.

Ein trauriger Vorsatz, erwiederte Eduard, lustig seyn zu wollen, und dennoch habe ich ihn auch gefaßt, mir und meinem Schicksal zum Trotz.

Sieh da, sagte Eulenböck lachend, hast Du auch ein Schicksal? Das hab’ ich gar nicht einmal gewußt, junger Bursche; mir schien das Wesen sich immer höchstens zum Verhängniß hin zu neigen. Aber vornehmer ist das andere ohne Zweifel, und vielleicht wird es noch zum Geschick, wenn Du erst etwas klüger geworden bist. Ja, ja, Freund, Geschick, das ist es, was den meisten Menschen fehlt, Verstand, Umstände zu nutzen, oder sie hervorzu bringen, und darüber gerathen sie in’s Schicksal, oder gar in das noch fatalere Verhängniß, wo sich dann nicht immer eine christliche Hand findet, sie wieder los zu schneiden.

Du bist unverschämt, rief Eduard aus, und glaubst witzig zu seyn; oder Du hast Dir gar schon einen Rausch getrunken.

Kann seyn, mein Kind, schmunzelte jener, und wir wollen bald die Anstalten treffen, mich wieder nüchtern zu machen. Unser gutes Prinzchen hat mich in eine Art von Wohlstand versetzt, der, wenn ich Vernunft habe, ein dauernder seyn kann; denn er protegirt mich trefflich, wird mir noch mehr abkaufen, und auch Sachen von meinem eignen Pinsel malen lassen. Er meint, ich wäre hier in dieser Stadt nicht an meiner Stelle, man erkenne mich nicht genug an, und es mangle mir an Aufmunterung. Vielleicht nimmt er mich mit, und bildet mich noch zum ächten Künstler aus, denn er hat den besten Willen dazu, und ich gerade Sinn und Talent genug, um ihn zu verstehn und mir von ihm rathen zu lassen.

Schelm der Du bist! sagte sein junger Freund: ich habe lachen müssen, daß Du Deinen Julio Romano so vortheilhaft verkauft hast; aber ich möchte denn doch nicht an Deiner Stelle seyn.

Der Alte ging auf ihn zu, sah ihn starr an und sagte: Und warum nicht, Kleiner? Wenn Du nur die Gabe dazu hättest! Jeder Mensch malt und pinselt an sich herum, um sich für besser auszugeben, als er in der That ist, und für ein wunderbares köstliches Original zu gelten, da die meisten doch nur geschmierte Copieen von Copieen sind. Hättest Du meinen Gönner das Bild nur analysiren hören, da hättest Du etwas lernen können!Nun verstehe ich erst alle die Kunst-Absichten des Julio Romano; Du glaubst nicht, wie viel Treffliches ich an dem Bilde übersehen hatte, wie viele Stellen seines markigen Pinsels. Ja, es ist eine Freude, einen solchen Künstler so recht zu durchdringen, und wenn man ihn ganz und in allen seinen Theilen zugleich faßt, so überschleicht uns im vollständigen Gefühl seines hohen Werthes eine wohlthätige Empfindung, als hätten wir auch an seiner Herrlichkeit einigen Antheil; denn ein Kunstwerk ganz verstehen, heißt, es gewissermaßen erschaffen. Wie großen Dank bin ich meinem erlauchten Gönner und Kenner schuldig, daß er mir auch außer dem Gelde noch eine solche Fülle von Künstlerweihe zufließen läßt.

Wenn ich ihn nicht an der Tafel hätte malen sehen, rief Eduard lächelnd aus, so könnte er mich glauben machen, das Bild sei ein ächtes!

Was hast Du gesehen? antwortete im Eifer der Alte: was verstehst Du von der Magie der Kunst und jenen unsichtbaren Geistern, die sich durch die Farbe und Zeichnung herbei ziehn und verkörpern lassen? Das sind eben Geheimnisse für den Laien. Glaubst Du denn, man malt nur, um zu malen, und daß es mit Pallette, Pinsel und dem guten Vorsatze genug sei? O theurer Gelbschnabel, da müssen noch gar wunderbare Conjuncturen, astralische Einflüsse und Wohlwollen mannigfaltiger Geister zusammen treffen, um etwas Rechtschaffenes zu Stande zu bringen! Hast Du es noch niemals erlebt, daß ein feinsinniger, tiefdenkender Künstler sein Tuch und Netz ausspannt, und seine Pinsel in die besten Farben taucht, um das schönste Ideal in sein Netz zu locken und hinein zu kitzeln? Er hat sich redlich vorgenommen, einen Apollo zu malen, er streicht und tuscht, und wischtund bürstet, und lächelt verliebt und mit süßester Freundlichkeit die Creatur an, die aus dem Nichts und Nebel hervor gehen soll; und wenn es nun fertig ist, siehe da, so hat sich in alle die künstlichen Netze ein wahrer Lümmel eingefangen, der aus der arkadischen Landschaft uns zähnefletschend entgegen grinzt! Nun kommen die Unverständigen und schreien und toben: der Malerkerl hat kein Talent, er hat die Antike nicht gehörig verstanden, er hat statt eines Ideals ein Schmierial hervorgebracht! und was dergleichen unverdaute Urtheile mehr ausgestoßen werden. So wird alsdann das gerührte Herz des Künstlers verkannt, dem sich ein wahrer Teufel, eine Höllenbrut statt eines Himmelsengels in seiner künstlichen Krebsreuse gefangen hat. Denn auch diese Geister streifen herum, und lauern nur darauf, wo sie sich verkörpern können. Bildwerke, die etwa untergehn, treiben sich oft lange geängstigt im leeren Raume um, bis ein freundlicher und der Sache gewachsener Mann ihnen wieder Gelegenheit verschafft, sichtlich herab zu steigen. Es hat mich Mühe genug gekostet, dieses Gedichts des trefflichen römischen Malers wieder habhaft zu werden; es erfodert mehr Studium, als Du daran wandtest, wenn Du in der Jugend dem Nachbar seine Tauben wegfingst. Wenn Du der Meinung bist, daß der Mensch, um eine heilige Geschichte zu malen, nicht seine ganze Andacht dem Gegenstande entgegen bringen muß, so bist Du sehr im Irrthum, aus dem Dich unser junger Freund, der talentvolle Dietrich, am ersten reißen könnte.

Dietrich, welcher eingetreten war und nur die letzte Aeußerung gehört hatte, nahm sogleich Gelegenheit, diesen letzten Satz weitläufiger auszuführen. Indessen ließ Eulenböck decken, und stellte die Weine in die Ordnung,nach welcher sie genossen werden sollten; nachher wandte er sich mit der Frage an Eduard: und was denkst Du nun in Zukunft anzufangen?

Für’s Erste nicht viel, antwortete dieser: indessen will ich meine vernachlässigten Studien wieder anknüpfen und fortsetzen, und mich vorzüglich mit Geschichte und den neuern Sprachen beschäftigen. Ich schränke mich ein, vermiethe die übrigen Theile meines Hauses, welches mir doch ohne Nutzen leer steht, und behalte nur diesen kleinen Saal und die angränzenden Zimmer. So hoffe ich, ohne Sorgen, bei einer vernünftigen Lebensart, über die ersten Jahre hinüber zu kommen, und mich indeß zu irgend einem Amte tauglich gemacht zu haben.

Hier also wird Dein Museum seyn? sagte Eulenböck, indem er mit dem Kopfe schüttelte. Diese Einrichtung will mir gar nicht gefallen, denn ich glaube nicht, daß diese Wände dazu geeignet sind, um hier gehörig studiren zu lassen, denn sie haben nicht die gehörige Resonnanz, das Zimmer selbst hat nicht die wahre Quadratur, die Gedanken schlagen zu heftig zurück und verschwirren, und wenn Du einmal eine rechte Fuge denken willst, so klappert gewiß Alles durch einander. Dein seliger Papa war auch darin wunderlich, noch in seinen letzten Jahren diesen schönen Saal durch seinen Eigensinn so zu verderben. Sonst sah man die Straße auf der einen Seite, und hier auf der andern über den Garten und den Park hinweg in die Hügel und fernen Berge hinein. Diese schöne Aussicht hat er nicht nur zumauern lassen, sondern auch noch die Fensteröffnungen mit Bohlen und Täfelung weit herein verbaut, und so das Ebenmaaß des Zimmers gestört. An Deiner Stelle riss’ ich das Wesen, Tapeten und Vertäfelung wieder auf, und ließe, wenndoch einmal Fenster fehlen sollen, jene nach der Straße vermauern.

Es war kein Eigensinn, sagte Eduard, es geschah, da er hier am liebsten wohnte, seiner Gesundheit wegen; der Morgenwind von hier schadete ihm, und erregte ihm Gichtschmerzen. Konnte er doch in den andern Zimmern die grüne Aussicht genießen.

Wäre nur der alte Walther kein Narr, fuhr Eulenböck fort, so wäre Dir leicht geholfen. Er könnte Dir das Mädchen geben, die ja doch versorgt werden muß, und Alles wäre wieder in Ordnung!

Schweig! rief Eduard mit der größten Heftigkeit aus: nur heute laß mich vergessen, was ich hoffte und träumte. Ich mag nicht mehr an sie denken, seit ich zu meinem Entsetzen fühlte, daß ich sie liebe. Ich will es mir nicht wiederholen, wie albern und thöricht ich mich gegen den Vater betrug; nichts soll mir heut einfallen, auch ihre unbegreifliche Aufführung nicht. Nein, es gab ein herrliches Glück für mich, ich habe es zu spät erkannt; das ist die Strafe meines Leichtsinns, daß ich auf ewig darauf verzichten muß! Wie ich aber ohne sie leben soll, muß ich erst von der Zukunft lernen.

Indem trat der junge Mensch herein, der bis jetzt Eduards Bibliothekar vorgestellt hatte. Hier ist der Catalog, welchen Sie befohlen hatten, sagte er, indem er dem beschämten Jünglinge einige Blätter überreichte. Wie? rief dieser aus, nicht mehr als nur etwa sechshundert Bände sind noch von der schönen Sammlung übrig? Und unter diesen nur die gewöhnlichsten Werke? Der Bibliothekar zuckte mit den Achseln. Da Sie mir gleich vom Anbeginn, erwiederte er, meinen Gehalt in Büchern ausgezahlt haben, so mußte ich diejenigen nehmen, dieam ersten Käufer fanden; auch bin ich nicht genug Kenner von Seltenheiten, und habe diese wohl nicht genug gewürdiget; außerdem haben Bücher, vorzüglich Raritäten, zu verschiedenen Zeiten einen ungleichen Werth, und ist der Verkäufer gedrängt, um eine Summe zu erhalten, so muß er fast nehmen, was ihm geboten wird.

So hätt’ ich also, sagte Eduard halb in Wehmuth, halb mit Lachen, gewiß besser gethan, gar keinen Bibliothekar anzunehmen, oder die Sammlung gleich anfangs zu verkaufen, dann hätte ich Geld dafür gehabt, oder die Bücher behalten. Und welche Sammlung! Mit welcher Liebe hat sie mein Vater gehegt! Welche Freude war es ihm, als er den seltnen Petrark, die erste Ausgabe des Dante und Boccaz erhielt! Wie konnt’ ich es vergessen, daß sich in den meisten Büchern Nachweisungen von seiner Hand finden! Wie wollt’ ich diese Werke ehren, wenn ich sie noch besäße! Uebrigens, da ich keine Bibliothek mehr habe, werden Sie ermessen, wie ich Ihnen auch schon neulich meldete, daß ich keines Bibliothekars mehr bedarf. Indessen wollen wir heut noch mit einander fröhlich seyn.

Jetzt trat auch der Mann herein, der oft an den wilden Gelagen Theil genommen hatte, und den sie wegen seiner Gesinnungen immer nur den Pietisten nannten. Sie hatten ihm diesen Namen beigelegt, weil er nie in die heitern Scherze oder ausgelassene Fröhlichkeit der Andern stimmte, sondern unter Murren und moralischen Betrachtungen seinen Antheil am Mahle verzehrte. Nun fehlt nur noch das Krokodill, rief Eulenböck aus, so sind wir beisammen. Dies war ein kleiner hypochondrischer Buchhalter, blaß und eingeschrumpft, aber einer der größten Trinker. Den sonderbaren Namen hatten sie ihmbeigelegt, weil er alsbald, so wie ihn der kleinste Rausch anwandelte, in Thränen ausbrach, und diese um so reichlicher vergoß, je länger das Gelag dauerte, und je ausgelassener die Uebrigen waren. Die Thüre öffnete sich, und die Jammergestalt machte den wunderlichen Kreis der Gäste vollständig.

Die Tafel war mit Trüffelpasteten, Austern und andern Leckerbissen bedeckt; man setzte sich, und Eulenböck, dessen purpurrothes Gesicht zwischen den Kerzen einen ehrwürdigen Schein von sich gab, begann auf feierliche Weise also: Meine versammelten Freunde! Ein Unwissender, der plötzlich in diesen Saal träte, könnte von diesen Anstalten, die den Schein eines Festes haben, verleitet werden, im Fall er die Mitglieder dieser Gesellschaft nicht näher kennen sollte, die Meinung zu fassen, es sei hier auf Schwelgerei, Trinken, Tumult und ausgelassene Lustigkeit, die nur der rohen Menge ziemt, angelegt worden. Selbst ein junger Künstler, Dietrich mit Namen, der zum ersten Mal unter uns an diesem Tische sitzt, läßt verwundernde Blicke auf die Menge dieser Flaschen und Gerichte, auf diese Gansleberpastete, auf diese Austern und Muscheln, und auf den ganzen Apparat einer Feierlichkeit schießen, der ihm hier einen übertriebenen sinnlichen Genuß zu versprechen scheint, und auch er wird sich wundern, wenn er erfährt, wie alles dies so ganz anders und im entgegengesetzten Sinne gemeint sei. Meine Herren, ich bitte, Acht zu geben, und meine Worte nicht zu leicht in das Ohr fallen zu lassen. Wenn Länder die Geburt eines Prinzen feierlich begehn, wenn in Arabien ein ganzer Stamm sich festlich freut, indem sich ein Dichter in ihm gezeigt und hervor gethan hat, wenn die Installation des Lord-Mayor mit einem Schmause verherrlichtwird, ja wenn man die Geburtsstunde der Pferde von echter Race nicht unbillig auf nachdenkliche Weise auszeichnet: so liegt es uns ja wohl noch näher (um nicht mit einem Antiklimax zu schließen) aufzuschauen, gerührt zu seyn und etwa mit Gläsern anzustoßen, wenn das Unsterbliche sich uns zeigt, wenn die Tugend uns würdigt, körperlich vor uns zu erscheinen. Ja, meine Freunde, gerührten Herzens spreche ich es aus, ein junger angehender Tugendhafter ist unter uns, der noch heut Abend sich als eingepuppter Schmetterling durchbeißen, und seine Schwingen im neuen Leben entfalten wird. Es ist Niemand anders, als unser edler Wirth, der uns so manchen Schmaus gegönnt, so manches Glas eingeschenkt hat. Aber ein feuriger Vorsatz, abgerechnet, daß er selbst auf dem Trocknen sitzt, jener Impetus der Begeisterung, von dem schon die Alten sangen, reißt ihn nun von uns in lichte Höhen hinauf, und wir, von diesem Tisch und Flaschen und Schüsseln, seiner irdischen Grabesstätte, schauen ihm schwindelnd nach, staunend, welchen fremden Regionen er nun zusteuern wird. Ich sage Euch, Theuerste, er wälzt unendlich viele und treffliche Entschlüsse in seinem Busen: und was kann der Mensch, selbst der schwächste und unansehnlichste, nicht entschließen! Habt Ihr es wohl je schon erwogen (aber in Euerm Leichtsinn denkt Ihr nicht an dergleichen), daß in einer unscheinbaren Mappe, wenn sie nur etwa hundert gezeichnete Landschaften enthält, sich eine Strecke von tausend Meilen verbergen kann, und daß sie selbst doch nicht mehr Raum einnimmt, als ein mäßiger Foliant? Denn Perspektive liegt dort neben Perspektive, und Berg und Thal und Fluß und weite, unendliche Aussichten. So mit den Vorsätzen! so schwächlich unser Pietist, oderHerr Dietrich aussieht, so können sie doch gewiß an guten Entschlüssen mehr als zehn Elephanten, oder zwanzig Kameele tragen. Wie schwach ich selbst in dieser Tugend bin, weiß ich am besten, und daher meine Verehrung vor denen, an welchen ich diese Kräfte wahrnehme.

Da wir nun nicht alle der Begeisterung fähig sind, so sitzen wir hier an diesem Tische, wie an einem Kreuzwege, an welchem sich viele Straßen in mannigfaltigen und entgegengesetzten Richtungen scheiden. Auf dergleichen Hauptstationen pflegen auf pyramidalischer Säule die Entfernungen der Städte nach allen vier Weltgegenden verzeichnet zu stehn. So mag es auch hier, in einem nicht unerfreulichen Bilde, gelten. Diese Austern führen, übermäßig genossen, zur Krankheit, dieser Burgunder nach einigen Stationen zu rothen Nasen, diese Trüffeln und was ihnen anhängt, zu Wassersucht, Magenkrampf und ähnlichen Uebeln. Unser Eduard aber, alles dies verschmähend, wandelt zur Tugend. So fahre denn wohl auf Deinem einsamen Pfade, und wir, die wir entzündete Gesichter, dicke Bäuche und kurzen Athem nicht so sehr scheuen, gehn unsre Straße fort. Aber auch ich werde Euch bald verlassen, Theuerste; ein edler Unbekannter, den ich Euch noch nicht nennen darf, wird mein Kunstgenie zu den höchsten Leistungen begeistern, er wird mich in fernen Regionen einer idealischen Weihe empfänglich machen, und so zu sagen, vergeistigen. Unser frommer, gemüthlicher Dietrich, den wir kaum kennen lernten, wandelt den Kunstdom entlang, und schmückt die vaterländischen Altäre. Was soll ich von Dir sagen, Bibliothekar, der Du vor den leeren Bücherschränken stehst, und die Werke nicht blos gelesen, sondern buchstäblich verschlungen hast? O Du verlesener Mensch, Du von derSecte des muselmännischen Omar, Kienraupe der Bibliotheken, Verwüster der Schriften, der Du eine neue alexandrinische Sammlung blos durch die treffliche neue Erfindung, Dein Salar nicht geistig, sondern wirklich aus den Schriften zu ziehn, vernichten könntest. Alle Buchhändler des römischen Reiches sollten Dich umher senden, um mit Deiner zerstörenden Kraft die Sammlungen zu zerstieben und neue Werke nothwendig zu machen. Du, mehr als Recensent und schlimmer als Saturnus, der doch nur verzehrte, was er selbst erzeugt: Wo sind sie, Deine Untergebenen, Deine Mündel, die mit goldnem Rücken und Schnitt Dich so freundlich anlachten? Versilbert hast Du sie alle, und schon nach wenigen Jahren Deine silberne Hochzeit mit ihnen gefeiert. Lebe denn wohl, auch Du, Pietist, redlichster unter den Sterblichen, Du Hasser aller Poesie und Lüge! Reich mir die Hand zum Abschied, armes Krokodill, das schon in Thränen schwimmt; im Sumpf einer Taverne mußt Du künftig heulen. In einem bessern Leben sehn wir uns alle wieder.

Da Eduard nachdenkend war, und Dietrich in der Gesellschaft noch fremd, der Bibliothekar und Pietist keine Miene verzogen, so herrschte während und nach der Rede ein tiefes Stillschweigen, welches dadurch noch feierlicher wurde, daß der Buchhalter, der schon manches Glas geleert hatte, schluchzte und jammerte.

Heut ist der Abend der heiligen Drei-Könige, sagte Eduard, und wie es noch in manchen Gegenden Sitte ist, sich an diesem Tage zu beschenken, so wünsche ich, daß meine bisherigen Genossen und Freunde auch diese Nacht in froher Geselligkeit mit mir verbringen.

An diesem Abend, fuhr Eulenböck fort, ist es nicht unschicklich, einmal anders, als gewöhnlich zu leben;daher waren sonst Glücksspiele gebräuchlich, wenn sie auch übrigens verboten waren. Und wie gut wäre es für Dich, Freund Eduard, wenn heute auch Dein Glücksstern von Neuem erwachte, daß dem verarmten Verschwender ein neues Vermögen bescheert würde. Man hat wunderliche Erzählungen, wie verzweifelte Jünglinge sich in der Armuth haben in ihrem väterlichen Hause erhängen wollen, und siehe da, der Nagel fällt mit dem Balken der Decke herab, und mit beidem zugleich viele tausend Goldstücke, die der vorsorgende Vater dorthin versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der Vater denn wissen, daß der Sohn für das Hängen eine besondere Vorliebe haben würde? Konnte er wohl berechnen, daß der Körper des Desperaten noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht aufzudecken und herab zu ziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon früher einen Kronenleuchter dort anbringen wollen, und das Geld finden? Kurz, tausend gegründete Einwürfe kann die vernünftige Kritik diesem schlecht erfundenen Mährchen machen.

Ohne daß Du immer wieder auf diesen Vorwurf zurück kommst, sagte Eduard empfindlich, schilt mein eignes Gewissen, meinen Leichtsinn und thörichte Verschwendung. Wären die Leidenschaften nicht unbändig, die ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhöhnen, so hätten die Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die armen Menschen glauben, von bösen Geistern besessen zu seyn. Denn wie soll man es erklären, daß man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere einsieht, ja daß wir oft zum Letztern selbst in unsern wildesten Stunden mehr Trieb, als zum Unrecht empfinden, und dennoch, uns selbst zum Trotz, jeder Einsichtden Rücken kehren, und schon vor der begangenen That von unserm Gewissen gequält werden? Es muß eine tiefgewurzelte Verderbniß in der menschlichen Natur seyn, die sich auch nie ganz zum Edeln erziehn, oder durch Pfropfreiser der Tugend umwandeln läßt.

So ist es, sagte der Pietist: der Mensch an sich taugt nichts, er ist gleich in der Schöpfung mißrathen. Er kann nur geflickt werden, und die Lappen bleiben immer auf dem alten schäbigen Tuche sichtbar.

Ja wohl, seufzte das Krokodill, es ist zu bejammern, und immer wieder zu bejammern. Die Thränen flossen ihm dicht aus den weinglühenden Augen.

Als Du mich zum ersten Mal in jene Weinschenke führtest, fuhr Eduard zum alten Maler gewendet fort, machte es mir denn Freude, mich in dem Kreise dieser rohen und langweiligen Menschen zu sehn? Ich war beschämt, als der Herr der Schenke mir mit einer Ehrfurcht entgegen kam, als sei ich einer der Götter, vom Olymp herabgestiegen. Dergleichen Ehre war seinem Hause noch niemals widerfahren. Bald gewöhnte man sich an die Gegenwart meiner Herrlichkeit, und immer zog es mich wider meinen Willen in den Weinduft des Zimmers, in das schreiende Gespräch und an meine Wand hin, wie ein Zauber, der auch nicht riß, als die Gesichter des Wirthes und seiner Leute kälter, ja verdrossen wurden, als man mein Wort nicht mehr beachtete, und geringere Gäste anständiger behandelte; denn durch meine Nachlässigkeit war ich schon in eine bedeutende Schuld gerathen, um welche man mich mit grober Zudringlichkeit mahnte. Noch schlimmer ging es einem armen Lumpen, einem täglichen Gast, auf den man fast nie hörte, der oft verdorbenen Essig erhielt, und sich doch nicht beschwerendurfte; er war die Zielscheibe des witzigen Gesindes, der Gegenstand des Hohns und Mitleids der übrigen Fremden, so wie seiner eignen furchtsamen Verachtung. Und so schlecht man ihn behandelte, mußte er doch theurer als Alle bezahlen, und ward betrogen, ohne klagen zu dürfen, indeß sein Gewerbe versäumt ward, und Frau und Kinder zu Hause schmachteten. In diesem Spiegel sah ich nun mein eignes Elend, und als einmal ein redlicher Handwerker von unbescholtenem Wandel dort zufällig einkehrte, und von Allen als eine seltene Erscheinung mit Hochachtung begrüßt wurde, erwachte ich endlich aus dem Schlummer meiner Ohnmacht, bezahlte, was nur meine Trägheit versäumt hatte, und suchte auch jenen Elenden zu retten, daß er nicht ganz versank. Aber so ist es, daß selbst diejenigen, die sich vom Leichtsinnigen und Taugenichts bereichern, diesen verachten, und dem Würdigen, der ihnen aus dem Wege geht, ihre Ehrfurcht nicht versagen können. So habe ich meine Zeit und mein Vermögen unwürdig verschleudert, um Verachtung einzukaufen.

Sei still, Sohn, rief Eulenböck, Du hast auch mancher armen Familie Gutes gethan.

Laß uns davon schweigen, antwortete Eduard in Unmuth: auch das geschah ohne Sinn, so wie ich ohne Sinn Aufwand machte, ohne Sinn reisete, spielte und Wein trank, und weder mir noch Andern eine gute Stunde zuzubereiten verstand.

Das ist freilich schlimm, sagte der Alte, und was den lieblichen Wein betrifft, eine Sünde. Aber seid munter und trinkt, ihr wackern Gehülfen, damit auch der Wirth in die Stimmung komme, die ihm geziemt.

Es bedurfte aber dieser Aufmunterung nicht, denn die Tischgesellschaft war unermüdet. Selbst der junge Dietrich trank fleißig, und Eulenböck ordnete an, wie die Weine auf einander folgen sollten. Heute gilt es! rief er aus, die Schlacht muß gewonnen werden, und der Sieger erzeigt den Besiegten keine Gnade. Seht in mein kriegerisches Antlitz, Ihr jüngern Helden, hier hab’ ich die rothe Blutfahne dräuend ausgehängt, zum Zeichen, daß kein Erbarmen statt finden soll! Nichts in der Welt wird so mißverstanden, Freunde, als der scheinbar einfache Actus, den die Menschen so obenhin trinken nennen, undkeine Gabe wird so verkannt, so wenig gewürdiget, als der Wein. Könnt’ ich wünschen, der Welt einmal nützlich zu werden, so möcht’ ich eine aufgeklärte Regierung dahin bewegen, einen eignen Lehrstuhl zu errichten, von wo herab ich die unwissende Menschheit über die trefflichen Eigenschaften des Weines unterrichtete. Wer trinkt nicht gern? Es giebt nur wenige Unglückselige, die das mit Wahrheit von sich versichern können. Aber es ist ein Erbarmen, anzusehn, wie sie trinken, ohne alle Application, ohne Styl, Schatten und Licht, so daß sich kaum die Spur einer Schule findet; höchstens Colorit, was die Uebermüthigen dann auch gleich sich und der Welt auf die Nase binden und zur Schau aushängen.

Und wie muß man es eigentlich anfangen? fragte Dietrich.

Anfangs, erwiederte der Alte, muß man durch stille Demuth und einfachen Glauben, wie in allen Künsten, den Grund legen. Nur ja keine vorzeitige Kritik, kein spürendes, naseweises Schnüffeln, sondern ein edles, vertrauenvolles Dahingeben. Kommt der Schüler weiter, nun so mag er auch unterscheiden; und trifft der Wein nur Lehrbegierund Sitteneinfalt, so unterrichtet auch sein Geist von innen heraus, und weckt mit dem Enthusiasmus zugleich das Verständniß. Nur nicht die Uebung, als das Hauptsächlichste, hintangesetzt, keine leere Schwärmerei; denn nur die That macht den Meister.

O wie wahr! seufzte der Buchhalter, indem er seinen Thränen keinen Einhalt that. Worte, sagte der Pietist, die der gemeine Haufe goldne nennen würde.

Wäre das Trinken, fuhr Eulenböck fort, keine Kunst und Wissenschaft, so dürfte es auch nur einerlei Getränk auf Erden geben, so wie das unschuldige Wasser schon diese Rolle spielt. Aber der Geist der Natur versenkt sich auf lieblich anmuthige Weise wechselnd und spielend hier und dort in die Rebe, und läßt sich im wundersamen Ringen keltern und verklären, um über den magischen Weg der Zunge in unser Inneres zu steigen, und dort aus altem Chaos alle glänzende Kräfte aus Betäubung und Schlummer aufzuwecken. Seht, da geht der Säufer! O meine Freunde, so schalten und spotteten auch diejenigen, die die Eleusinische Weihe nicht empfangen hatten. Mit dieser goldnen und purpurnen Fluth ergießt sich und breitet sich in uns ein Meer von Wohllaut aus, und dem aufgehenden Morgenroth erklingt das alte Memnons-Bild, das bis dahin stumm in dunkler Nacht gestanden hatte. Durch Blut und Gehirn rinnt und eilt frohlockend der holde Ruf: der Frühling ist da! Da fühlen alle die Geisterchen die süßen Wogen, und kriechen mit lachenden Augen aus ihren finstern Winkeln hervor; sie dehnen die feinen kristallnen Gliederchen, und stürzen sich zum Bade in die Weinfluth, und plätschern und ringen, und steigen schwebend wieder heraus, und schütteln die bunten Geisterschwingen, daß mit Gesäusel die klarenTropfen von den Federchen fallen. Sie rennen umher und begegnen einander, und küssen frohes Leben einer von des andern Lippe. Immer dichter, immer leuchtender wird die Schaar, immer wohllautender ihr Gestammel: da führen sie gekränzt und hoch triumphirend den Genius herbei, der kaum mit den dunkeln Augen aus vollen Blumengewinden hervor schauen kann. Nun fühlt der Mensch die Unendlichkeit, die Unsterblichkeit; er sieht und fühlt die Millionen von Geistern in sich, und ergötzt sich an ihren Spielen. Was soll man dann von den gemeinen Seelen sagen, die einem nachrufen: seht! der Kerl ist besoffen. Was meinst Du, redliches Krokodill?

Der blasse Weinende reichte ihm die Hand und sagte: ach! Lieber, die Leute haben Recht, und Ihr habt Recht, und die ganze Welt hat Recht. Was Ihr so prophetisch daher gekugelt habt, geht über mein Verständniß, aber ich bin selig in meiner tiefen Rührung. Wenn Leute in die Komödie gehn, um für ihr Geld zu weinen, so kommt mir das ganz abgeschmackt vor; mag es Andern vergönnt seyn, sich an hohen Gesinnungen und Thaten zu erheben und darüber Thränen zu vergießen, aber ich verstehe es nicht; doch, wenn solch guter Wein in mich hinein geht, so wirkt er wundersam, daß mir dann Alles, Alles, mag man sprechen was man will, mag man schweigen oder lachen, in der schönsten Rührung aufgeht. Seht, mein Herz möchte vor Wonne brechen, ich könnte Alles, und wär’ es Euer lahmer Pudel, in die Arme schließen. Aber meine Augen leiden darunter, und der Doctor hat mir deshalb das Trinken ganz verbieten wollen. Aber dieser Gedanke ist mir eben die rührendste von allen Vorstellungen, darüber könnte ich Tage lang weinen, und deshalb hat er auch diese Verordnung wieder zurück nehmen müssen.

Je mehr ich trinke, sagte der Pietist, je mehr hasse ich das, was Ihr, Eulenböck, da schwadronirt habt, je unvernünftiger kommt es mir vor. Lug und Trug! Es ist beinah eben so dumm, als beim Trinken die Lieder zu singen, die dazu gemacht sind. Jedes Wort darin ist gelogen. Wenn der Mensch nur einen Gegenstand mit dem andern vergleicht, so lügt er schon. „Das Morgenroth streut Rosen.“ Giebt es etwas Dümmeres? „Die Sonne taucht sich in das Meer.“ Fratzen! „Der Wein glüht purpurn.“ Narrenspossen! „Der Morgen erwacht.“ Es giebt keinen Morgen; wie kann er schlafen? Es ist ja nichts, als die Stunde, wenn die Sonne aufgeht. Verflucht! Die Sonne geht ja nicht auf; auch das ist ja schon Unsinn und Poesie. O dürft’ ich nur einmal über die Sprache her, und sie so recht säubern und ausfegen! O verdammt! Ausfegen! Man kann in dieser lügenden Welt es nicht lassen, Unsinn zu sprechen!

Laßt’s Euch nicht irren, ehrlicher Mann, sagte Eulenböck, Eure Tugend meint es gut, und wenn Ihr die Sache anders anseht, als ich, so trinkt Ihr wenigstens denselben Wein, und fast eben so viel, als ich selber. Die That vereinigt uns, wenn uns das System aus einander führt. Wer versteht sich heut zu Tage? Davon ist auch gar nicht die Rede mehr. Ich wollte nur noch bemerken, wenn es auch mit dem Vorigen gar nicht zusammen hängt, daß mir die Art, wie Menschen und Aerzte den Nahrungsprozeß und die sogenannte Assimilation ansehen, höchst einfältig vorkommt. Der Eichenbaum wird aus seinem Saamenkorne eine Eiche, und die Feige bringt den Feigenbaum hervor, und wenn sie auch Luft, Wasser und Erde bedürfen, so sind es doch diese Elemente nicht eigentlich, aus denen sie erwachsen. Soerweckt die Nahrung in uns nur die Kräfte und den Wachsthum, bringt sie aber nicht hervor; sie giebt die Möglichkeit, aber nicht die Sache, und aus sich selbst quillt der Mensch wie eine Pflanze hervor. Es ist eine platte Ansicht, zu glauben, daß der Wein unmittelbar, an sich selbst, alle die Wirkungen hervor bringt, die wir ihm zuschreiben; nein, wie ich sagte, sein Duft und Haucherwecktnur die Qualitäten, die in uns ruhn. Nun stürzen sich die Kräfte, Gefühle und Entzückungen hervor, wenn sie von diesen Wellen getränkt werden. Meint man denn, daß es in aller Kunst und Wissenschaft anders sei? Ich brauche doch wohl die alte Platonische Idee nicht von Neuem vorzutragen. Rafael und Correggio und Titian regen nur mein eignes Selbst an, das in Vergessenheit schlummert, und das größte Genie, der tiefste Kunstsinn können sich die Gebilde mit aller Imagination nicht erfinden, die ihnen von den großen Meistern vorgehalten werden; und doch wecken diese Werke selbst nur die alten Erinnerungen auf. Daher auch die Sucht nach neuen geistigen Genüssen, die sonst nicht löblich seyn würden; daher der Wunsch, Unbekanntes aufzufinden, Originelles hervor zu bringen, der außerdem nur Unsinn wäre. Denn wir ahnen die Unendlichkeit der Erkenntniß in uns, diesen weissagenden Spiegel der Ewigkeit, und was diese uns werden kann, ein unaufhörlich neues Erkennen, das sich im Mittelpunkt einer himmlischen Ruhe sammelt, und von hier aus weiter nach neuen Regionen ausbreitet. Und darum eben, meine lieben Saufbrüder, muß es auch viele und mancherlei Weine geben.

Und welchen ziehen Sie vor? fragte Dietrich. Giebt es hier nicht auch das Classische und Vollendete, das Moderne und Triviale, das Manierirte und Gesuchte, dasLieblich-Alte und Fromm-Schlichte, das Gemüthliche und leer Renommirende?

Jüngling, sagte der Alte, diese Frage ist zu verwickelt, setzt unendliche Erfahrung, historischen Ueberblick, abgelegtes Vorurtheil, und einen nach allen Richtungen ausgebildeten Geschmack voraus, den nur viele Jahre, fortgesetzte Arbeit und unermüdliches Studium, so wie die Mittel dazu, die nicht in Jedermanns Händen sind, fassen und lösen können. Einiges Encyklopädische wird Dir hinreichen. Fast jeder Wein hat sein Gutes, fast alle verdienen gekannt zu werden. Ist in unserm Vaterlande der Neckar fast nur, den Durst zu löschen, da, so erhebt sich der Würzburger schon zum Edeln, und die vielfachen hohen Sorten des Rheinweins lassen sich nicht in der Eile charakterisiren. Ihr habt sie hier vor Euch stehn gehabt und genossen. Diese trefflichen Wogen, vom leichten Laubenheimer bis zum starken Nierensteiner, gewaltigen Rüdesheimer und tiefsinnigen Hochheimer, mit allen ihren verwandten Fluthen gehörig zu preisen, dazu gehört mehr als die Zunge eines Redi, der in seinem toskanischen Dithyrambus doch nur mittelmäßig gefaselt hat. Diese Geister gehn rein und klar, kühlend und den Sinn erläuternd den Gaumen hinunter. Soll ich es vergleichen, so ist es die ruhige Gediegenheit trefflicher Schriftsteller, Gemüth und Fülle ohne Phantasterei oder schwärmerische Allegorie. Was ist nun der heißere Burgunder demjenigen, der ihn vertragen kann! Wie die unmittelbare Begeisterung fällt er in uns hinab, schwer, blutig, heftig erweckt er unsre Geister. Die Rebe von Bourdeaux dagegen ist heiter, geschwätzig, ermuntert, aber begeistert nicht. Doch schon voller und wunderlicher dichtet die Provence und das poetische Languedoc. Dann das heißeSpanien im Xerez und ächten Malaga, und den glühenden Weinen von Valencia. Hier verwandelt sich der Weinstrom, indem wir ihn genießen, schon an unserm Gaumen in Kugelgestalt, die sich weit und weiter ausbreitet, und uns im Tokayer und St. Georgen-Ausbruch noch weit inniger und sinniger so erscheint. Wie erfüllt Mund und Gaumen und den ganzen Sinn des Gefälls nur ein Tropfen des edelsten Cap-Weins. Diese Weine muß der Kenner nippen und züngeln, und nicht mehr trinken wie unsern braven Rhein. Was sag’ ich von euch, ihr lieblichsten Gewächse Italiens, und namentlich Toskana’s, du geistreichster Monte-Fiascone, du wahrhaft rührender Monte-Pulciano? Nun so kostet denn, Freunde, und versteht mich! Aber nicht konnt’ ich dich aufsetzen, dich König aller Weine, dich rosenröthlicher Aleatico, Blume und Ausbund alles Weingeistes, Milch und Wein, Blume und Süße, Feuer und Milde zugleich! Diesen Wundergesellen trinkt, kostet, nippt und züngelt man nicht; sondern dem Beseligten erschließt sich ein neues Organ, das sich dem Unkundigen und Nüchternen nicht beschreiben läßt. — Hier brach er gerührt ab, und trocknete die Augen.


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