Die Verlobung.Novelle.

So hatte meine Ahnung ja doch Recht, rief Dietrich begeistert aus: dieser ist denn im Weinreich, was der alte Eyck oder Hemling, vielleicht auch der Bruder Johann von Fiesole unter den Malern sind. So schmeckt ja auch diese lieblich rührende und tiefe Farbe, die ohne Schatten doch so wahr, ohne Weiße so blendend und überzeugend ist. So sättigt und berauscht der Purpur des Gewandes, und so mildert und sänftigt das Feuer das milde Blau, das schwärmende Violett. Alles ist Eins, und klingt in unsermGeiste zusammen!

Ausgenommen Eulenböcks Nase, rief der ganz trunkene Bibliothekar aus: die hat keinen Scharlach mehr, keine Uebergänge in den Tönen, um sie mit dem Gesicht in Verbindung zu setzen, sondern jenes violette Dunkelroth bratet in ihrer Zauberküche, wie unterirdisch in den Reichen der feuchten Nacht die rothe Rübe gerinnt, aller Sonne abgewandt. Soll dies Gewächs wohl dem Leben angehören? Soll der Weingott es so aufgefüttert haben? Nimmermehr! Es ist ein ungeschlachtes Gehäuse, ein widerwärtiges Etui für Bosheit und Lüge.

Leerer Schwulst, rief der Buchhalter, morscher Glanz, hinfällige Sterblichkeit! Und krumm, baufällig steht sie auch noch in dem unterminirten Gesicht, so daß sie mit ihrer Wucht bald den ganzen Mann in Trümmer drücken kann. Kerl! wo hast Du die unverschämt schiefe Nase her?

Ruhig, Krokodill! schrie Eulenböck, indem er heftig auf den Tisch schlug: will das Geziefer die Welt reformiren? Jede Nase hat ihre Geschichte, ihr Naseweise. Meint das dumme Volk denn, daß nicht auch das Kleinste sich als Ring an die Nothwendigkeit ewiger Gesetze fügt? Meine Nase, wie sie da ist, habe ich meinem Barbier zu verdanken.

Erzähle, Alter! riefen die jungen Leute.

Geduld! sprach der Maler. Die Physiognomik wird immer eine trügliche Wissenschaft bleiben, eben weil sie auf Barbiere, Weinschenken und sonstige historische Umstände zu wenig Rücksicht nimmt. Freilich ist das Gesicht der Ausdruck des Geistes; aber es leidet unter der Art, wie man damit handthiert, auffallend. Die Stirn hat es ihrer Festigkeit nach am besten, wenn sich der Mensch nicht gewöhnt, alle kleine Leidenschaften, Verdrußund Mißbehagen durch Faltenziehen darauf zu malen. Seht, wie edel ist die unsers Eduard, und wie viel schöner würde sie noch seyn, wenn der junge Bursche mehr gedacht und sich beschäftigt hätte! Die Augen, ihrer Beweglichkeit nach, hin und her rennend, conserviren sich in ihrem Spiel auch noch leidlich, man müßte sie denn ausweinen, wie unser krokodilischer Freund dort. Schlimmer ist es schon mit dem Munde; der schleift sich bald durch Schwatzen und fades Lächeln ab, wie bei unserm werthen Bibliothekar; wischt Einer nun gar nach Essen und Trinken übermäßig daran, so wird er bald unkenntlich, besonders, wenn man aus falscher Schaam etwa die Lippen immer nach innen kneipt, wie unser trefflicher Pietist, der die Röthe derselben wohl für Lüge und unnützen Schwulst, erklärt. Aber die Nase, die arme, die von allen Theilen am meisten sich hervor arbeitet, uns Unglückliche von allen Thieren unterscheidet, bei denen Maul und Schnauze so freundlich eins werden, und die beim Menschen als Höcker und Blocksberg der Tummelplatz aller Hexen und bösen Geister wird: wird sie nicht schon der kalten Luft und des Schnupfens wegen bei den meisten Menschen zum Sausewind und zur klingenden Trompete und Schlachtposaune ausgereckt, gezogen, gedehnt und gehudelt? Wird ihre Nachgiebigkeit, ihre Entwickelungs-Fähigkeit nicht gemißbraucht, um fast Elephantenrüssel und Truthahnsschnäbel heraus zu arbeiten? Frommere Seelen drücken sie wieder nieder und plätschen den Hochmuth in jammervolle Unformen zusammen. Alles dieses sah ich früh, schonte meine Nase, und konnte meinem Schicksal doch nicht entgehn. Ich bin mit meinem Barbier, einem meiner innigsten Freunde, aufgewachsen und alt geworden. Dieser Künstler, indem er sich von einer Seite meinesAntlitzes zur andern wandte, pflegte bei diesem Wechsel, um einen Stützpunkt zu haben, mir die Schneide des Messers unten an die Kehle zu setzen, und darauf drückend und sich lehnend schnell die andre Seite zu gewinnen. Dies schien mir bedenklich. Er durfte ausgleiten, sich stoßen, so schnitt er höchst wahrscheinlich mit dem Gestützten in das Stützende, und mein Angesicht lag unrasirt zu seinen Füßen. Dem mußte abgeholfen werden. Er dachte nach, und als wahres Genie war es ihm nicht so gar schwer, sein System und seine Manier zu ändern. Er packte nämlich mit seinen Fingern meine Nase, was ihm den Vortheil gewährte, sich stützen und viel länger auf sie lehnen zu können, und zog sie gewaltsam in die Höhe, vorzüglich, indem er die Oberlippe barbirte, und so beschauten wir uns Auge in Auge, ein Herz dem andern nahe, und das Scheermesser arbeitete in besonnener und sicherer Thätigkeit. Es traf sich aber, daß mein Freund von je her eins der auffallendsten Gesichter an sich trug, die der gemeine Haufe abscheulich, verzerrt und garstig zu nennen pflegt; dabei hatte er die Gewohnheit, zu grimmassiren, und liebäugelte mir so herzlich entgegen, daß ich es in jeder Sitzung ihm erwiedern, und in dieser Nähe auch seine übrigen Fratzen unwillkührlich nachahmen mußte. Riß er die Nase unbillig hinauf, so zerrte er dafür, um mit seiner Kunst in die Mundwinkel zu gelangen, die Lippen und den Mund zu gewaltsam in die Breite. Hatte er auf diese mechanische Weise in meinem Antlitz ein scheinbares Lächeln erzwungen, so kam mir sein Lachen so liebreich, freundlich, herzinnig und rührend entgegen, daß mir oft aus schmerzlicher Theilnahme, und um nur ein boshaftes Lachen zu verbeißen, die Thränen in die Augen traten. Mensch! barbirender Freund! rief ich aus: stelle Dein menschenfreundlichesAnlachen ein, ich lächle ja gar nicht, Du ziehst mir ja nur die Mundwinkel wie einen Schwamm aus einander. Thut nichts, antwortete die redliche Seele, Dein Liebreiz in diesem Lächeln zwingt mich zur Erwiederung. Seht, so grinsten wir uns denn wie die Affen minutenlang an. Ich bemerkte nach zwölf Wochen etwa eine auffallende Veränderung in meiner Physiognomie. Die Nase stieg und bäumte sich so auffallend nach oben, als wenn sie den Augen und der Stirn den Krieg ankündigen wollte, die wirklich häßlichen Verzerrungen der Wangen und Lippen ungerechnet, die ich aber schon nicht mehr lassen konnte, weil ich sie wie ein Andenken von meinem Freunde empfangen hatte. Ich drückte die aufstrebende Nase wieder nieder und trug dem Edeln meine Wünsche noch einmal vor. Nun schien aber guter Rath theuer, und eine Auskunft kaum möglich. Doch entschloß er sich, ein zweiter Rafael, eine dritte, untadelige Manier anzunehmen, und nach einigen Kämpfen gelang es ihm, indem er vorher bedächtig auskundschaftete, nach welcher Seite es am vortheilhaftesten sei, mir die Nase beim Auflehnen hin zu drehen: und dabei sind wir denn auch stehen geblieben, und diese Nothwendigkeit hat sie mir gebogen; das wahre Gesicht, nach dem ich mich instinktartig bilden mußte, hat mir diese Falten eingegraben, und tiefes Forschen und Denken, flammende Begeisterung und glühende Liebe zum Guten und Besten haben endlich diesen rothen Teppich über das Ganze gewoben.

Lautes Lachen hatte diese Erzählung begleitet; jetzt forderte der Bibliothekar ungestüm Champagner, und der Buchhalter schrie nach Punsch. Eulenböck aber rief: o ihr gemeinen Seelen! Nach dieser Himmelsleiter, die ich Euch habe hinauf klettern lassen, um in das Paradies zu schauen, kann auch ein so unedler, manierirter, moderner und witzloserGeist, wie dieser sogenannte Punsch, auch nur in den fernsten Winkel Eures Gedächtnisses kommen? Dies elende Gebräu aus heißem Wasser, schlechtem Branntwein und Zitronensäure? Und was soll dieses diplomatische, nüchterne Getränk, der Champagner, in unserm Kreise? Der nicht Herz und Geist aufschließt, und nach dem halben Rausche höchstens dazu dienen kann, wieder nüchtern zu machen? O Ihr Profanen!

Er schlug auf den Tisch; aber die Uebrigen, Eduard ausgenommen, erwiederten diese Geberde so heftig, daß von der Erschütterung die Flaschen tanzten, und mehrere Gläser zerschmetternd auf den Boden stürzten. Hierüber ward Gelächter und Tumult noch lauter, man sprang auf, andere Gläser zu holen, und Dietrich rief: es ist so kalt, eiskalt hier geworden, und dagegen würde der Punsch helfen.

Es war tief in der Nacht, die Diener hatten sich entfernt, man wußte nicht, wie man den Ofen wieder heizen sollte; auch gestand Eduard, daß sein Holzvorrath völlig zu Ende sei, und er morgen mit der Frühe erst neuen wieder herbei fahren lasse. Was meint Ihr? rief der ganz berauschte Dietrich, unser Wirth hat doch beschlossen, dies Zimmer auf neue Art einzurichten: wenn wir diese unnütze Vertäfelung, diese Bretter, welche die Fenster bedecken, heraus brächen, und in dem großen altfränkischen Camin hier ein herrliches deutsches Feuer anzündeten? Dieser tolle Vorschlag fand bei den verwilderten Gästen sogleich Gehör und lauten Beifall, und Eduard, der den ganzen Abend in einer Art von Betäubung gewesen war, widersetzte sich nicht. Man hob den Schirm vom Camin hinweg, und lief dann mit Kerzen nach der Küche, um Beile, Stangen und andere Instrumente herbei zu holen. Im Vorsaal fand Eulenböck ein altes verdorbenes Waldhorn, und darauf blasend, marschirten sie wie Soldaten unterSchreien und abscheulicher Musik in den Saal zurück. Der Tisch, welcher im Wege stand, ward umgeworfen, und sogleich begann ein Hauen, Brechen und Hämmern gegen die hohle Wand. Jeder suchte den Andern in Aemsigkeit zu übertreffen; um die Arbeitenden zu ermuntern, stimmte der Maler den Schlachtruf auf dem Horne wieder an, und beim Gepolter riefen Alle wie besessen: Holz! Holz! Feuer! Feuer! so daß dies Geschrei, die Musik, das Schlagen der Aexte, das Krachen der brechenden und ausspringenden Bretter den Wirth des Hauses in eine so dumpfe Betäubung warf, daß er sich stumm in eine Ecke des Zimmers zurück zog.

Plötzlich wurde die Gesellschaft noch auf eine eben so unerwartete als unangenehme Art vermehrt. Die Nachbarschaft war unruhig geworden, und die Wache, welche ebenfalls das ungeheure Getümmel vernommen hatte, trat jetzt, einen Offizier an ihrer Spitze, herein, da sie das Haus unverschlossen gefunden hatten. Sie forschten nach der Ursache des Getöses, und weshalb man Feuer geschrieen habe. Eduard, der ziemlich nüchtern geblieben war, suchte ihnen Alles zu erklären, um seine Freunde zu entschuldigen. Diese aber, aufgeregt und keines vernünftigen Gedankens mehr fähig, behandelten diesen Besuch als einen gewaltsamen Einbruch in ihre unveräußerlichsten Rechte; jeder schrie auf den Offizier ein, Eulenböck drohte, der Buchhalter fluchte und weinte, der Bibliothekar holte mit der Brechstange aus, und Dietrich, welcher am meisten begeistert war, wollte sich mit dem Beile über den Lieutenant hermachen. Dieser, ebenfalls ein junger hitziger Mann, nahm es von der ernsthaften Seite und fand seine Ehre verletzt, und so war das Ende der Scene, daß Jene unter Geschrei und Lärmen, Drohungen und Freiheits-Declamationen nach der Hauptwache abgeführt wurden. So endigte das Fest, und Eduard, der allein im Saalzurück geblieben war, ging völlig verstimmt auf und nieder, und betrachtete die Verwüstung, welche seine begeisterten Freunde angerichtet hatten. Unter dem umgeworfenen Tische lagen zertrümmerte Flaschen, Gläser, Teller und Schüsseln, nebst Allem, was von den Leckerbissen übrig geblieben war; der kostbarste Wein floß über den Boden; die Leuchter waren zerschlagen; von denen, welche stehen geblieben waren, waren alle Lichter, bis auf eine Wachskerze, nieder gebrannt und ausgelöscht. Er nahm das Licht und betrachtete die Wand, von der die Tapete abgerissen, und einige starke Bretter heraus gebrochen waren; ein Balken stand davor, der den Zutritt in die Nische hemmte. Ein sonderbares Gelüst befiel den Jüngling, noch in der Nacht das angefangene Werk seiner wilden Gesellen fortzusetzen; um aber kein übermäßiges Geräusch zu erregen, und doch noch vielleicht ihr Schicksal zu theilen, nahm er eine feine Säge, und durchschnitt oben vorsichtig den Balken; er wiederholte dies unten, und nahm dann den Kloben heraus. Hierauf war es nicht so gar schwer, noch eine innere leichte Vertäfelung wegzubrechen; das dünne Bret fiel nieder, und Eduard leuchtete in die Nische hinein. Er konnte aber kaum den breiten Raum übersehen, und etwas, das ihm wie Gold entgegen glänzte, wahrnehmen, als Alles plötzlich verschwand; denn er hatte mit dem Lichte oben angestoßen und es ausgelöscht. Erschreckt und in der größten Bewegung tappte er durch den finstern Saal, aus der Thüre, über einen langen Gang, dann über den Hof nach einem kleinen Hintergebäude. Wie zürnte er über sich selbst, daß er keine Anstalt in der Nähe habe, Feuer zu machen. Aus festem Schlafe ermunterte er den eisgrauen Thürhüter, der sich lange nicht besinnen konnte, ließ sich von ihm, nach vielen vergeblichen Versuchen, sein Licht wieder anzünden, und kehrte dann mit behutsam vorgehaltner Hand, an allen Gliedernzitternd und mit klopfendem Herzen über die Gänge nach dem Zimmer zurück. Er wußte nicht, was er gesehen hatte, er wollte noch nicht glauben, was er ahndete. Im Saale setzte er sich erst in den Lehnstuhl, um sich zu sammeln, dann zündete er noch einige Kerzen an, und begab sich nun gebückt in die Nische. Der weite Raum der Fenster erglänzte von oben bis unten wie in goldnem Brand; denn Rahmen drängte sich an Rahmen, einer kostbarer als der andere, und in ihnen alle jene verloren gewähnten Gemälde seines Vaters, um die der alte Walther und Erich so oft gejammert hatten. Der ErlöserGuido’s, der Johannes von Domenichino, sie alle schauten ihn an, und er fühlte sich selbst gerührt, andächtig, erstaunt, wie in einer bezauberten Welt. Als er sich besann, flossen seine Thränen, und er blieb dort, die Kälte nicht achtend, unter seinen neugefundenen Schätzen sitzen, bis der Morgen herauf dämmerte.

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Walther war eben vom Tisch aufgestanden, als Erich eilig zu ihm in den Gemäldesaal trat. Was ist Dir, mein Freund? rief der Rath aus: hast Du Geister gesehn? Wie Du es nimmst, erwiederte Erich: mache Dich auf eine außerordentliche Nachricht gefaßt. — Nun? — Was gäbest Du wohl, was thätest Du wohl dafür, wenn alle die verlorenen Malereien Deines seligen Freundes, jene unschätzbaren Kostbarkeiten wieder da wären und Dein werden könnten?

Himmel! rief der Rath aus und verfärbte sich: ich habe keinen Athem. Was sagst Du? — Sie sind da, rief jener, und können Dein Eigenthum werden. — Ich habe kein Vermögen, sie zu kaufen, sagte der Rath: aber Alles, Alles würde ich geben, sie zu erhalten, meine Gallerie und Vermögen, aber ich bin zu arm dazu. — Wenn man sie Dir nun überlassen wollte, sagte Erich, und der Eigenthümerforderte bloß die Gunst dafür, Dein Schwiegersohn zu werden?

Ohne Antwort rannte der Alte hinaus und zur Tochter hinüber. Im Streit mit dieser kam er zurück. Du mußt mein Glück machen, geliebtes Kind, rief er aus, indem er mit ihr herein trat: von Dir hängt nun die Seligkeit meines Lebens ab. Die erschrockene Tochter wollte immer noch widersprechen, aber auf einen heimlichen Wink Erichs, den sie zu verstehen glaubte, schien sie endlich nachzugeben. Sie ging fort, sich umzukleiden; denn bei Erich warteten, wie dieser erklärte, die Bilder und der Freiwerber auf sie. Unter welchen sonderbaren Gedanken und Erwartungen suchte sie ihren besten Schmuck hervor; konnte sie sich in Erich nicht irren? Hatte er denn auch sie verstanden? hatte sie ihn richtig gedeutet? Walther war ungeduldig und zählte die Augenblicke; endlich kam Sophie zurück.

In Erichs Hause waren alle jene Gemälde im besten Lichte aufgehangen, und es wäre vergeblich, des Vaters Erstaunen, Freude und Entzücken beschreiben zu wollen. Die Bilder waren, so behauptete er, bei weitem schöner, als er sie in seiner Erinnerung gesehen hatte. Du sagst, der Liebhaber meiner Tochter sei jung, wohlerzogen, von gutem Stande, Du giebst mir Dein Wort darauf, daß er ein ordentlicher Mann seyn wird, und niemals nach meinem Tode diese Bilder wieder veräußern? Wenn dies alles so ist, so braucht er kein anderes Vermögen zu besitzen, als diese Bilder, denn er ist überreich. Aber wo ist er?

Eine Seitenthüre öffnete sich, und Eduard trat ungefähr so gekleidet herein, wie der ihm ähnliche Schäfer auf dem alten Gemälde von Quintin Messys stand. — Dieser? schrie Walther: woher haben Sie die Gemälde? Als ihm Eduard den sonderbaren Vorfall erzählt hatte, nahm der Alte dieHand der Tochter und legte sie in die des Jünglings, indem er sagte: Sophie wagt viel, aber sie thut es aus Liebe zu ihrem Vater; ich denke, mein Sohn, Du wirst nun klug und gut geworden seyn. Doch, eine Bedingung: Ihr wohnt bei mir, und Eulenböck kommt nie über meine Schwelle, auch siehst Du ihn mit keinem Auge wieder. Gewiß nicht, antwortete Eduard: überdies reiset er mit dem fremden Prinzen von hier fort.

Man ging nach dem Hause des Vaters. Dieser führte den Jüngling in seine Bibliothek: hier, junger Mensch, sagte er, findest Du auch Deine Seltenheiten wieder, die Dein luftiger Bibliothekar mir für ein Spottgeld verkauft hat. Du wirst diese Schätze Deines Vaters künftig heiliger halten.

Die Liebenden waren glücklich. Als sie allein waren, schloß Sophie den Jüngling herzlich in die Arme. Ich liebe Dich innigst, mein Freund, flüsterte sie ihm zu, aber ich mußte neulich dem Eigensinne meines Vaters nachgeben, und mich damals und heute stellen, als gehorchte ich ihm unbedingt, um erst nicht alle Hoffnung aufzugeben, und heute ohne Widerspruch Dein zu seyn; denn hätte er meine Liebe gemerkt, so hätte er nimmermehr so schnell eingewilligt.

Nach wenigen Wochen waren sie vermählt. Es ward dem Jünglinge nun nicht schwer, ein ordentlicher und glücklicher Mann zu werden; an seine wilde Jugend dachte er im Arme seiner Frau und im Kreise seiner Kinder nur wie an einen schweren Traum zurück. Eulenböck hatte mit dem Prinzen die Stadt verlassen, und mit ihm zugleich der sogenannte Bibliothekar, der jene Stelle als Secretär beim Prinzen erhielt, um welche Eduard sich bemüht hatte, und nach einigen Jahren die lockre Schöne heirathete, die unserm jungen Freunde einen so übeln Ruf in seiner Vaterstadt verursachte, und fast die Veranlassung seines Unglücks geworden war.

„Ich habe lange auf Dich gewartet,“ rief der junge Ferdinand seinem Freunde entgegen.

„Du weißt ja,“ erwiederte jener, „daß es unmöglich ist, sich schnell von dem wohlbeleibten Barone loszureißen, wenn er Fragmente aus seiner Lebensgeschichte vorträgt.“

„Wärst Du Offizier, wie ich,“ antwortete Ferdinand, „so würdest Du es dennoch möglich gefunden haben, pünktlich zu seyn; dies wenigstens lernt man im Dienst. Sie sind alle schon auf dem Spaziergange dort versammelt, laß uns eilen, daß ich Dich der verehrten Familie vorstellen kann.“

Die jungen Freunde bogen um die Felsenecke, und erfreuten sich des klaren Anblickes am rauschenden Strome, der Wäldern und Bergen leuchtend vorüber zog. Der Frühling war in diesem Jahre vorzüglich üppig erschienen. „Wie wohl wird es dem Arbeiter,“ sagte Alfred, „an einem solchen Tage die Stadt und die geistlosen Geschäfte hinter sich zu haben, um nach langer Anstrengung und Entbehrung diesen Segen der Natur zu fühlen und ihre heilige Stimme zu vernehmen! Und wie dankbar bin ich Dir, mein theurer Freund, daß Du mich in den Kreis der besten, der edelsten Menschen einführen willst.Denn wie wir uns auch zu bilden streben, wie ernsthaft wir studiren, einsammeln, und unser Herz und Gemüth erweitern wollen, so ist es doch der Umgang mit echten Menschen, der alles dies todte Wirken und unbeholfene Kämpfen erst belebt, und den Besitz in ein wahrhaftes Gut verwandelt. Den zarten Frauen ist es aber vorbehalten, dem Manne die Bildung zu geben, deren er nach seinen Kräften und Gaben fähig ist.“

Der junge Offizier sah seinen Freund kopfschüttelnd an, stand einen Augenblick still, und sagte dann, indem sie weiter schritten: „O wie kann ich in diese Phrasen, die man schon tausendmal hat hören müssen, so gar nicht einstimmen! Somit wäre es ja die große Welt, oder die sogenannte gute Gesellschaft, die man aufsuchen müßte, um in schlechtem Witz, Coquetterie, Lügen und Geschwätz die Reife zu erlangen, die uns die Einsamkeit nicht gewähren könnte. Bin ich auch in den meisten Dingen Deiner Meinung, so muß ich Dir doch hierin geradezu Unrecht geben. Die Weiber! sie sind es ja eben, die recht eigentlich von einem boshaften Schicksal dazu hingestellt zu seyn scheinen, sich des Mannes, wenn er schwach genug ist, zu bemächtigen, alles Menschliche, Edle, Kraftvolle und Wahre von ihm abzustreifen, und ihn, so viel es nur möglich ist, in sein Gegentheil zu verwandeln, damit er ihnen nur zu einem unwürdigen Spielzeuge gut genug sei. Das, was Du eben äußertest, ist auch schon mehr die Denkweise einer jetzt fast verschwundenen Zeit, einer Zeit, die der Wahrheit, vorzüglich aber aller religiösen Gesinnung, feindlich gegenüber stand. Auch muß ich Dir sagen, daß Du jenes Wesen, wodurch sich vormals unsre jungen Herren zu bilden glaubten, in der Gesellschaft dieser Frauen nicht finden wirst, weil beiihnen alles heilige Wahrheit, Unschuld und echte Frömmigkeit ist.“

Der Freund suchte seine Meinung und sich selbst zu rechtfertigen, indem sie unter lebhaften Gesprächen ihren Weg eilig fortgesetzt hatten. Sie sahen jetzt schon den Garten vor sich liegen, in dessen kühlen Gängen die Baronin mit ihrer Familie und einigen auserwählten Freunden die Ankommenden erwartete. Alle fühlten sich in der grünen Umgebung wohl und behaglich.

Nur dem jungen Rathe Alfred ward es Anfangs schwer, sich in die Stimmung und Unterhaltung zu fügen. Wie es wohl zu geschehen pflegt, war er zu gespannt, um sich dem Gespräche leicht hinzugeben; auch hatte er zu Vieles auf dem Herzen, was er mit einer gewissen Bangigkeit an den Mann zu bringen strebte, wodurch er oft an sich und den Andern irre werden mußte; denn wenn er Gedanken zu einer Rede verarbeitet hatte, so war indessen der schickliche Moment verschwunden, um diese einzufügen, und unter den neuen Gegenständen der Unterhaltung kam wieder so Manches vor, das ihm unverständlich schien, und worüber er sich nähere Belehrung auszubitten doch zu verschämt war. Dazu kam, daß er von dem Reiz der Frauengestalten wie geblendet war; die vermählte Tochter Kunigunde war eine glänzende Schönheit; noch üppiger strahlte die jüngere Clementine, gegen welche die blonde kindliche Physiognomie der jüngsten, Fräulein Clara, rührend kontrastirte; selbst die Mutter durfte noch Ansprüche auf Anmuth machen, und man sah, daß sie in ihrer Jugend eine schöne Frau gewesen war. Dorothea, das älteste Fräulein, fiel in dieser Umgebung am wenigsten auf, so schön auch ihr Auge, so fein ihr Wuchs war; auch zog sie sich zurück und blieb still undblöde; sie schien selbst an der lebhaften Unterhaltung der Geschwister nur geringen Antheil zu nehmen, und es fiel auf, daß keine Rede oder Frage an sie gerichtet wurde, so sehr die anwesenden Männer sich auch mit Lebhaftigkeit um die übrigen Töchter oder die Mutter bemühten.

Unter den Männern zeichnete sich ein ältlicher aus, der am meisten das Wort führte, der Alle belehrte und alle streitigen oder zweifelhaften Fälle entschied. Auch der Offizier behandelte ihn mit ergebener Demuth, und dieser Familienfreund wandte sich mit Güte und Herablassung an Alle, sie fragend, zurecht weisend, aufmunternd und sich auf seine Weise bestrebend, Jeden zu ermuthigen oder aufzuklären. Ihm gelang es auch endlich, den verlegenen Alfred in das Gespräch zu ziehen, und dessen Dankbarkeit äußerte sich in einer feurigen Rede, die er jetzt anzubringen Gelegenheit fand, und in welcher er seinen Wunsch nach Bildung, seine Verehrung des Familienglücks, seine Hoffnung, daß die echte religiöse Stimmung und wahre Frömmigkeit sich durch ganz Deutschland ausbreiten würden, mit allgemeinem Beifall und zu seiner eignen Zufriedenheit entwickelte.

Mehr noch als die Uebrigen war die schöne Kunigunde aufmerksam gewesen, und sie war es auch jetzt, die am lautesten ihren Beifall aussprach. „Wie glücklich sind wir,“ beschloß sie endlich, „daß in unserm theuern Kreise sich immer mehr Gemüther versammeln, die das Gute und Edle wollen, die das Ueberirdische erkennen, und denen die Welt mit allen ihren anlockenden Schätzen nur nichtig erscheint. Aber das ist die Eigenschaft der Wahrheit und Güte, daß sie das Bessere sich näher zieht, daß sie das Schwache in etwas Höheres verwandelt. Wirkt der gesellige Umgang so glücklich in einem weitern Umfang,so ist es im beschränkten Hause der Segen der Ehe, der noch inniger die Vermählten anregt, sich für das Göttliche zu begeistern, der hier noch kräftiger das schwächere Gemüth zur Liebe des Unendlichen erhebt.“

„Ja wohl,“ sagte ein junger Mann, der neben dem ältern saß, „dies ist es, was ich mit jedem Tage inniger und dankbarer empfinde.“ Er seufzte und sah an die Wolken, und der Rath erfuhr auf seine Erkundigung, daß dieser der Gemahl der schönen und frommen Kunigunde sei.

Die Mutter nahm das Wort und sagte nicht ohne Bewegung: „Wie beglückt muß ich mich fühlen, daß ich so im Kreise meiner Kinder das Höchste gefunden und es ihnen selbst möglich gemacht habe, den edelsten Besitz dieser Erde zu erreichen. Wie kann ich doch so gar nicht an den Bestrebungen der meisten Menschen Antheil nehmen, ja wie erregt mir ihr mannigfaltiger Enthusiasmus eher Mitleid, als daß ich in ihren vielfachen Anstrengungen, ein sogenanntes Gut zu ergreifen, etwas finden könnte, das unsere Achtung aufruft. So rennen sie nach Kunst, oder Philosophie, meinen, im Wissen oder in Farben und Ton solle ihnen das ewige Licht aufgehen, quälen sich in Geschichte und den verworrenen Händeln des Lebens ab, und versäumen darüber das Eine, das Noth ist, und welches Alles ergänzt und ersetzt. Seit ich diesen Quell gefunden habe, der jeden Durst der Seele so lieblich stillt, ist jenes bunte Mannigfaltige für mich gar nicht mehr da, dem ich in der Jugend auch wohl manchen sehnsüchtigen Blick zuwendete.“

„Wie muß ich Sie bewundern!“ rief der Rath aus: „mit welcher Sehnsucht habe ich das Leben gesucht, und immer nur leere Schatten gehascht! und wie leicht ist esdoch, die Wahrheit zu finden, die uns niemals täuscht, die nie entschlüpft, die dem Herzen Alles gewährt, in der wir nur leben und seyn können.“

„Ich verstehe Sie,“ antwortete die Baronesse, „Sie gehören zu unserm Kreise; es ist ein seliges Gefühl, daß sich die Gemeinschaft frommer und begeisterter Gemüther immerdar vermehrt.“

„Den herrlichsten Zeiten gehen wir entgegen!“ rief der junge Offizier in Begeisterung aus. „Und wie selig müssen wir uns fühlen, da Dasjenige, was uns über das nüchterne Leben erhebt, die ewige Wahrheit selber ist, da diese uns beherrscht, und wir, von ihr regiert, nicht fehlen, niemals irren können; denn wir geben uns der Liebe hin, daß sie in uns wirke und ihre Geheimnisse unserm Herzen offenbare.“

„Nicht anders,“ beschloß der ältere würdige Mann; „dies ist es, was uns die Sicherheit geben muß, die uns von gewöhnlichen Enthusiasten oder Schwärmern unterscheidet. Sie haben ein großes Wort gesprochen, theurer Ferdinand, und darum sind Sie mir so werth, weil Keiner, so wie Sie, auf dem kürzesten Wege das Rechte findet, weil Niemand es alsdann so klar und einfach auszusprechen weiß.“ Er umarmte den Jüngling, sah gen Himmel, und eine große Thräne glänzte ihm im schönen dunkeln Auge. Die Baronesse erhob sich und schloß sich an die Gruppe; alle waren bewegt, nur Fräulein Dorothea wandte sich ab, und schien im Busche etwas Verlornes zu suchen.

Dem aufmerksamen Alfred entging es nicht, daß die Mutter mit einem Ausdrucke des Schmerzes zu ihrem ältesten Kinde hinsah, das auf seltsame Weise von diesem Kreise der Rührung und Liebe ausgeschlossen schien. DerBaron Wallen, so hieß der ältere Hausfreund, näherte sich mit dem Ausdruck einer rührenden Milde dem Fräulein, die scheu vor sich nieder sah, und in diesem Augenblick hochroth erglühte. Er sprach heimlich und mit vieler Bewegung zu ihr, sie schien aber in ihrer Verlegenheit auf seine Worte nicht sonderlich zu achten; denn als jetzt eine Dame in der Allee zur Gesellschaft herschritt, ging sie dieser in großer Eile entgegen, und schloß sie mit der größten Herzlichkeit und Freude in die Arme.

Die Mutter schüttelte fast unmerklich mit dem Kopfe, und sah den Baron Wallen mit prüfendem Auge an; dieser lächelte, und die Unterredung der Gesellschaft gerieth nun auf ganz andere und gleichgültige Gegenstände; denn die Frau von Halden, welche jetzt lautschwatzend, lachend und Neuigkeiten erzählend, herzu trat, machte jeden Aufschwung, jede innigere Mittheilung völlig unmöglich, so daß auch alle, bis auf Fräulein Dorothea, etwas verstimmt wurden, die wie erquickt und getröstet mit ihren Blicken am Munde der Redenden hing, und jetzt an der übrigen Gesellschaft noch weniger Antheil nahm.

„Wer ist denn diese Neuigkeits-Krämerin?“ fragte Alfred unwillig, „die wie ein wilder Vogel in unsern stillen Kreis herein fliegt, und alle zarteren Gefühle verschüchtert?“

„Eine Nachbarin unserer verehrlichen Baronesse,“ antwortete der Herr von Wallen: „sie hat sich auf eine unbegreifliche Weise des Gemüthes der Fräulein Dorothea bemeistert, was wir alle nur beklagen können. Schon in der Jugend hat es die treffliche Erzieherin, die Fräulein von Erhard, eine Verwandte der Familie, verhindern wollen, daß dieser Umgang nicht die bessern Fähigkeitendes schönen Mädchens unterdrücke; aber von jeher sind alle ihre Bemühungen vergeblich gewesen.“

Diese Erzieherin, welche bisher wenig bemerkt worden war, näherte sich jetzt, da sie sah, daß von ihr die Rede sei, und mischte sich in das Gespräch. Sie erzählte, daß in dieser so liebenden und hochgestimmten Familie Dorothea von früher Jugend ein abgesondertes Leben geführt habe, und unter so vielen Geschwistern gewissermaßen ganz einsam gewesen sei. Fräulein Charlotte von Erhard erzählte dies mit einer rauhen und heisern Stimme, wurde aber so bewegt, daß sie sich der Thränen nicht enthalten konnte. Alfred, der schon gerührt war, fand in seiner erhobenen Stimmung die geälterte und fast häßliche Dame liebenswürdig und schön, und ein herzlicher Unwille, eine lebhafte Geringschätzung wandte sich gegen die arme Dorothea, die jetzt von der redseligen Freundin Abschied nahm und zur übrigen Gesellschaft zurück kehrte. Sie war sichtlich erheitert, aber man sah, welche Ueberwindung es ihr koste, wieder an den ernsteren Gesprächen Theil zu nehmen. Sie erzählte, wie die Frau von Halden in Unterhandlungen stehe, und wahrscheinlich ihr Gut verkaufen werde.

„Verkaufen?“ fragte die Mutter erstaunt, „und sie konnte dennoch so heiter, ja ausgelassen seyn?“

„Sie meint,“ erwiederte Dorothea, „einen so vortheilhaften Kauf ihrer noch unmündigen Kinder wegen nicht abweisen zu dürfen.“

„Giebt es einen Vortheil,“ sagte die Mutter, „welcher den Kindern das Glück der Heimath aufwiegen kann? Und sie selbst, Deine Freundin, die hier auf ihrem Gute aufgewachsen ist, die hier mit Eltern und Geschwistern, nachher mit einem geliebten Manne lebte, wie kann siesich selber so verstoßen und diesen Bäumen den Rücken wenden, sich von den Zimmern verbannen, die sie als Kind geliebt und gekannt hat? Immer wieder muß es mir auffallen, wie ich das Leben und Treiben der allermeisten Menschen so gar nicht verstehe. — Und wer ist denn der Käufer?“

„Die Sache ist wunderlich genug,“ erwiederte Dorothea, „der Käufer will noch gar nicht genannt seyn; aber ein gewisser Graf Brandenstein führt die Unterhandlung. Meine Freundin ist eilig und bestimmt, denn der Fremde aus Amerika kauft noch manches andere Gut, so daß sie es für eine Gunst hält, da er nicht ängstlich auf den Preis sieht, wenn sie das ihrige dem Unbekannten zuwenden kann.“

Bei dem Namen „Brandenstein“ wurde die Mutter blaß. Sie suchte sich aber schnell zu fassen, und sagte nach einer kleinen Pause: „Ja, der Name war es, der mir schon seit einer Woche schwer auf dem Herzen lag. Ich weiß es schon, daß dieser Mann hier ist, der nun auf eine Zeitlang unsre stille Freude verderben, und die Harmonie unsers Kreises stören wird. Und ich kann es nicht vermeiden, ihn zu sehn, denn er ist ein alter Bekannter unsers Hauses, und die Sitte der Welt zwingt uns ja, selbst mit denjenigen freundlich umzugehen, die uns im innersten Herzen zuwider sind, ja, die wir, wenn wir noch so billig denken, für schlechte und ruchlose Menschen anerkennen müssen.“

Dorothea meinte, wo eine so bestimmte Empfindung vorherrsche, solle sich der Mensch keinen Zwang anthun; und besonders auf dem Lande, wo sie lebten, wäre es noch leichter, als in der Stadt, so widrigen Erscheinungen auszuweichen. Die Mutter aber sagte: „Du verstehstdies nicht, mein Kind; könnte ein gewissenloser Mensch ohne Grundsätze uns nicht auf die empfindlichste Art schaden oder kränken, hätte er es durch Witz und Frivolität nicht in seiner Gewalt, unser ganzes Leben zu verderben, so würde ich ihn kalt abweisen, und mit meiner Wahrheitsliebe ihm ohne Umschweif sagen, daß ich mit ihm nicht umgehen wolle; da aber dies nicht möglich ist, so muß ich ihm höflich entgegen kommen, mit Feinheit und Wohlwollen den bösen Geist in ihm zu beschwichtigen suchen, und mich späterhin so unmerklich, als es seyn kann, von seinem verderblichen Kreise zurück ziehn.“

Die übrigen Töchter drängten sich um die Mutter, und umarmten sie wie tröstend. „Wenn ich Euch nicht hätte!“ seufzte die Baronesse: „wenn ich nicht auf die Hülfe unsers edlen Hausfreundes rechnen dürfte, so würde mich der Besuch dieses gottlosen Menschen noch mehr ängstigen.“

„Wer ist er eigentlich?“ fragte der Baron.

„Ein Mann,“ antwortete die Mutter, „der sich schon früh in der Welt und ihren Verstrickungen herum getrieben hat, der, von seinem eignen Herzen belehrt, alles, was Liebe, Demuth, Frömmigkeit heißt, arg verspottet und verfolgt, ein grober Egoist, der Niemand lieben kann, und den das Heilige, Ueberirdische, wo er es wahrnimmt, wo er es nur ahndet, in einen widrigen Zorn versetzt, der ihn dann zu jenem frivolen Witze begeistert, den wir Alle so tief verachten. Es war das Unglück meines Lebens, daß er die Bekanntschaft meines guten seligen Mannes machte, daß dieser ihn lieb gewann, und sich in manchen trüben Stunden seiner Gesellschaft und traurigen Philosophie hingab.“

„Sie schildern, verehrte Frau,“ sagte der Offizier, „einen von jenen Charakteren, die, dem Himmel sei Dank! jetzt schon seltener geworden sind.“

„Eine Verruchtheit,“ sagte der Baron, „die das Unsichtbare lästert, weil sie auf Selbstverachtung gegründet ist. Sie sind aber, wie wir Alle, über diesem Jammer erhaben.“

„Sein mittelmäßiges Vermögen,“ fuhr die Mutter fort, „war bald ausgegeben; nun verließ er Europa, trieb sich, wer weiß, unter welchen wilden Völkern um, und ist nun zurück gekehrt, wie ich höre, als Geschäftsträger eines unermeßlich reichen Amerikaners, der ihm in Jahresfrist nachfolgen will, und der die Grille gefaßt hat, in unserer Nachbarschaft viele Güter zu einer großen Herrschaft zusammen zu kaufen.“

Fräulein Dorothea blieb dabei, daß man einem so bösen Menschen ausweichen könne und müsse, und daß sie ihm schon das Haus zu betreten unmöglich machen wolle, wenn die Mutter ihr dazu die gehörige Vollmacht gebe; doch diese ward unwillig, und gebot, für heute den Namen des Störenfried nicht mehr zu nennen. Jetzt sah man die Wagen vorfahren, weil mit der Abendkühle die Familie sich wieder auf ihr nahes Landgut begeben wollte, als sich in diesem Augenblick eine sonderbare Scene entwickelte. Der alte Baron hatte sich schon einigemal Dorotheen genähert; sie war ihm aber ausgewichen, doch benutzte er den Moment, als er ihr in den Wagen half, ihr einige freundliche Worte zuzuraunen; sie sprang zurück, indem sie hastig der Kutsche enteilte und in den Baumgang lief. Der Baron konnte sie nicht einholen, so sehr er sich bestrebte; als er schon tief im Garten war, kam sie athemlos zurück, warf den Schleier über das erhitzte Angesicht,und weinte heftig, indem sie dem fragenden und strafenden Blicke der mehr als erstaunten Mutter ängstlich auswich. Der Wagen fuhr rasch davon, und der Baron, nachdem er verwirrt und beschämt von den jüngern Freunden Abschied genommen hatte, bestieg den seinigen, schwer gekränkt, wie man ihm anmerken konnte, so sehr er auch seiner Fassung Gewalt zu thun suchte.

Als der junge Rath und der Offizier ihren Rückweg zur Stadt antraten, sagte der erste nach einer Pause: „Was war das? Immer noch kann ich nicht von meiner Verwunderung zurück kommen, daß unter so gebildeten und feinen Menschen eine solche unschickliche Scene hat vorfallen können! Ueberhaupt, wie kommt dieses Fräulein, dieser sonderbare, ja widerwärtige Charakter in eine Familie, die ich fast eine geheiligte nennen möchte? Irgend eine tiefe Verschuldung muß sie drücken, da sie sich immer scheu zurück zieht, niemals an der Unterhaltung Theil nimmt, und auch von allen Uebrigen mit einem herablassenden, fast geringschätzenden Mitleide behandelt wird, das einem Fremden sehr auffallen muß. Man kommt auf ärgerliche Vermuthungen, wenn man auch eben nicht zum Argwohn geneigt ist.“

„Du würdest aber irren,“ sagte der militärische Freund, „denn keine Schuld, kein Vergehn drückt dieses Wesen nieder. Unter so hochgestimmten Menschen, wie alle diese sind, würde sich dergleichen vielleicht ohne große Kämpfe wieder herstellen, wenn diese Schwester nur sonst in einer geistigen Harmonie mit den übrigen stände. Schlimmer aber als alles ist, daß sie schon mit einem niedrigern, unedlern Geiste geboren wurde, daß sie das Bestreben aller Uebrigen nicht versteht, und sich doch sagen muß, es sei ein Hohes und Edles, nur für sie Unerreichbares.Dies Gefühl der Unwürdigkeit drückt sie mehr nieder, als das Bewußtsein einer Schuld es thun könnte. Sie fühlt sich fremd unter den Nächsten, unheimisch in ihrem Hause; sie erquickt sich an den unwürdigen Bekanntschaften, wie mit jener dicken und geschwätzigen Nachbarin, und entflieht besonders dem Baron, den wir Alle so hoch verehren, und der sich zu sehr, fast mit Leidenschaft herabläßt, ihren Sinn für ein höheres Leben aufzuschließen.“

Sie bogen jetzt um die Felsenecke, und sahen die Stadt schon vor sich liegen. Aber zu ihrem Entsetzen bemerkten sie auch zugleich jenen wohlbeleibten Baron von Wilden, von dem sich Nachmittags der junge Rath nur schwer hatte losmachen können. „Nun,“ rief dieser ihnen entgegen, „kommt Ihr schon aus dem Himmel zurück? Hat’s brav viel ambrosische Redensarten abgesetzt? Sind die nektarischen Gesinnungen gut eingeschlagen? Hoffentlich war doch kein Mißwachs an überirdischen Gefühlen?“

Die Freunde, die in der schönen Natur und dem lieblichen Abende gern noch ihre Gefühle hätten harmonisch nachklingen lassen, suchten sich von ihm loszuwickeln; da sie aber denselben Weg zur Stadt zurück gingen, war dies unmöglich. „Nichts da!“ rief er mit herrschender Stimme aus: „wir bleiben treu beisammen, und dort unten beim Brunnen treffen wir noch einen armen Sünder, der auf mich wartet.“

Die beiden jungen Leute sahen sich gezwungen, aus der Noth eine Tugend zu machen, besonders weil der unempfindliche Baron mit kreischendem Tone fortfuhr: „Ich merke wohl, Ihr wäret hier in der Gegend gern noch empfindsam, besonders weil der Mond bald hervor kommenwird; aber dergleichen Unfug wird in meiner prosaischen Gesellschaft nicht geduldet. Glaubt mir doch, junge Menschen, all’ das Aetherisiren und Frommsüßlichen dort geschieht ja doch nur, daß Ihr an diesem lockenden Hamen als Eheleute anbeißen sollt, wenn Ihr nämlich selbst Amt und Vermögen besitzt. Es sind so viele Töchter dort, und nur die älteste, verwilderte, ist so toll, alle Partieen abzuweisen. Ja die liebe, gute, so hocherwünschte Ehe, das Freiwerben, wonach mit allen Fernröhren hinaus geschaut wird, wenn so herrliche edle Töchter in dem Familiensaal dasitzen, rund und fett, roth und weiß, züchtig und tüchtig, auferwachsen und vollständig! Und in der Mitte die verständige Mutter, achtsam, lauernd und spekulirend, die Augen nach allen Seiten, jeden anfühlend, der nur eintritt, ob der feine Rock auch bezahlt ist, ob derselbe, wenn er von Reisen und Bällen erzählt, auch wohl im Stande sei, ein Ehefrauchen standesmäßig zu ernähren. Da gehn der guten Matrone dann so fromme, weiche und gar unbefangene Redensarten aus dem zarten Munde, die Blicke leuchten zum Himmel und rechts und links, und alle Worte und alle Blicke schwimmen wie hundert Angeln im Strom der faden Unterhaltung, und die jungen Bursche schießen bald nach dieser, bald nach jener Schnur wedelnd und spielend hin, bis denn, wenn auch nach Wochen, einer und der andere fest sitzt. So haben sie für die Kunigunde den zarten Weißfisch erschnappt, und ihm gleich darauf eingebildet, das runde Mädchen sei für ihn viel zu gut, so daß er wie ein reuiger Sünder am Wagen des Ehestandes zieht, und sich geehrt fühlen muß, daß die Hohe sich zu ihm erniedrigt hat; nun müssen Clara, Clementine und die irdische Dorothea noch versorgt werden, ja ich stehe nicht dafür,daß die bejahrte Bekehrerin nicht selbst noch einmal aus einem frommen Knaben einen Bräutigam für sich drechselt, und ihm statt des Katechismus einen Ehekontrakt in die Hände schiebt. Ja wohl Ehestand, Wehestand! Wie rennt nur alles so blind und taub in das traurige Joch, und opfert Freiheit und Laune dem bösen Geiste, der den Mann fast immer unter den Sklaven erniedrigt.“

„Sie sind ein arger Frevler,“ sagte der Offizier: „aus launenhafter Verruchtheit hassen Sie die Ehe, und verlangen nun, alle Menschen sollen als sündliche freigeisternde Hagestolze leben, und weil Ihr Sinn nicht in jene Umgebung paßt, so lästern Sie diese Menschen, die jeder Verläumdung zu erhaben sind.“

„Ganz martialisch!“ rief der Baron aus. „Und doch werde ich Recht behalten, und vielleicht seufzen Sie selbst einmal, wenn Sie an der Kette wie ein Eichhorn immer wieder dieselben rechtgläubigen Sprünge machen müssen, um die Nüsse zu knappern, die die Gemahlin Ihnen zukommen läßt: ach! wenn ich doch dem resoluten Wilden hätte glauben wollen!“

„Nein, mein Herr,“ sagte der Rath sich ereifernd, „Ihre Ansicht geht nur aus der Verzweiflung hervor, ja, Sie glauben sich selber nicht.“

„Meinethalben,“ rief jener aus, „kann seyn, daß eine ganz andere Kreatur, als ich selber, aus mir heraus redet; denn das ist im Leben oft der Fall, und bei jenen Apostolischen guckt auch oft was, wie ein Affe, aus den verbrämten und aufgesteiften Gewändern hervor. Nicht wahr, besonders aus dem ältlichen, zu wenig weltlichen Fräulein Erhard, der unvergleichlichen Erziehungskünstlerin? Diese hat das Haubenmuster der inwendigen Gesinnung für die ganze Familie zurecht gesteckt, sich selbstaber die krauseste Religions-Frisur zurecht gezimmert. Ihr meint, wenn diese ihr Orakel kräht und die kleinen Augen verdreht, so müssen wir Ungläubige gleich unterducken. Ihr bin ich am meisten aufsässig, denn sie ist es eigentlich, die die ganze Familie in Grund und Boden verdorben hat.“

Jetzt standen sie am Brunnen. Die Sonne war längst untergegangen, und aus der Finsterniß drehte sich ein Mensch hinter dem Weidenbusche hervor. „Ach! der Michel!“ rief der Baron: „können Sie, meine Herren, einen ehrlichen Bedienten brauchen?“

„Warum,“ fragte der Offizier, „habt Ihr die Dienste der trefflichen Baronesse verlassen, die so mütterlich für ihre Leute sorgt?“

„Ach! gnädiger Herr,“ sagte der Diener, „weil ich neulich so ein bischen unschuldig gelogen habe, bin ich gleich fortgeschickt worden.“

„Das ist recht!“ rief der Offizier, „daran erkenn’ ich die edle Frau.“

„Alles ist nur ein Anstiften,“ fuhr Michel fort, von dem neidischen Fräulein Erhard: „die kann’s nicht leiden, wenn Mann und Weibsen sich gut sind, weil keiner sie aus dem ledigen Stande erlösen will, und seit sie vor vier Wochen sah, wie ich dem Hausmädchen einen Kuß gab, hat sie mir’s nachgetragen.“

„Wie gemein!“ rief Alfred aus.

„Ja, mein gnädiger Herr,“ sagte der Diener, „sie ist nicht vornehm, aber hübsch, und Kuß bleibt Kuß. Nun hatt’ ich eines Tags, auch wegen des Mädchens, ein neues Buch von der Stadt zu holen vergessen, es sollte so ein recht superkluges, andächtiges seyn, da sagt’ ich in der Angst, das Buch sei schon verliehen, das kamheraus, daß ich gar nicht weggegangen war, und da wurde ich nun um das bischen Lügen gleich aus dem Dienst geschickt.“

„Können Sie ihn brauchen?“ fragte der Baron die beiden jungen Leute; diese versicherten aber: sie würden sich nie mit einem Menschen zu thun machen, der in der edelsten und nachsichtigsten Familie nicht einmal hätte geduldet werden können. „Nun so bleib indessen bei mir,“ schloß der Baron, „aber lüge so wenig als möglich.“

„Gewiß, gnädigster Baron,“ rief der Mensch aus, „vorsätzlich niemals; es kommt einem manchmal in der Angst eine sogenannte Nothlüge in den Hals, die, meinte selbst mein alter Priester da hinten in meinem Dorfe, sei wohl noch zu vergeben; aber meine gnäd’ge Herrschaft legt alles auf die Goldwage, und in einem Hause, wo dann so die allerausgesuchteste Frömmigkeit und aufgeputzteste Tugend herrscht, da kommt ein armer, ordinärer Domestik durchaus gar nicht fort; wir sind zu irdisch, beste Herren, die vornehmen Leute haben es leichter, das schleift und schleift immer am Herzen und der Seele, dazu haben wir nicht Zeit vor Messerputzen und andern Verrichtungen. Fräulein Dorchen wollte mich auch entschuldigen und sagen, es wäre nicht so wichtig, die kam aber übel an, auf die schrieen sie alle zusammen noch mehr los, als auf mich. Die verachten sie alle, und sie ist doch die beste im Hause, weil sie nicht so hoch hinaus will, denn der Mensch ist doch einmal aus einem Erdenklos formirt, und da rührt sich von Zeit zu Zeit der alte Lehm und Thon in ihm.“

„Sie passen gut zusammen, Sie und Michel,“ sagte lachend der Offizier.

„Aber halt!“ rief der Baron, „ich habe Dich nun in meine Dienste genommen, und ganz vergessen, daß morgen die Fräulein Ehrhard auf einige Zeit in mein Haus kommt. Ja, meine Freunde, ich kann diese Person gar nicht leiden, aber da ich mit meiner jungen Schwester lebe, die nun ganz aufgewachsen ist, mancher Mensch bei mir aus- und eingeht, ich auch oft außer dem Hause bin, so muß sie doch, da ich nicht zu heirathen Willens bin, eine Gesellschaft und Aufsicht haben. Da hat sich das verdrehte Weibsen entschlossen, es bei mir zu versuchen, denn sie weiß wohl, daß es bei mir gut hergeht, nicht so arm, wie dort in der Familie; ich sehe auch oft Gesellschaft, vielleicht denkt sie leichter einen Herzenskumpan bei mir zu finden, als dort in der Einsamkeit. So versuchen wir es denn auf einen Monat, oder so mit einander.“

„Alles recht fein gemein konstruirt!“ sagte der Rath: „wenn Sie nur geringe Motive finden, so begreifen Sie die Sachen.“

„Kann nicht anders,“ sagte der Baron. Sie schieden, da sie schon das Stadtthor erreicht hatten.

———

Am andern Morgen war im Hause der Baronesse schon früh viel Unruhe. Im großen Saale, der unmittelbar in den Garten führte, war die ganze Familie mit Sonnenaufgang versammelt. Man zog Blumenkränze an den Wänden auf, ein geschmückter Tisch stand unter einer Thüre, mit Kleidern, Büchern und mannigfaltigen Angedenken bedeckt, und man erwartete nun die älteste Tochter Dorothea, die täglich den Garten am frühesten Morgen zu besuchen pflegte, um sie mit diesen Geschenken unddieser Festlichkeit erfreulich zu überraschen. Es war ihr Geburtstag, und Mutter und Töchter hatten alles anordnen können, ohne daß sie es bemerkte, weil sie sich niemals um den Kalender sonderlich bekümmerte. Jetzt kam sie den Garten herunter, und sah schon aus der Ferne die versammelten Geschwister. Als sie erstaunt in den Saal trat, und Alle sie freundlich umringten, die verschiedenen Gaben darboten, und Schwestern und Mutter sich so ungewöhnlich liebevoll bezeigten, war sie tief gerührt und um so heftiger erschüttert, je weniger sie diese Feier der Liebe erwartet hatte.

„Wie neu ist mir dies!“ rief sie aus: „ach! wie wenig habe ich das um Euch verdienen können! Liebt Ihr mich denn wirklich so? Alle diese Geschenke, dieser Glanz, diese freundliche Aufmerksamkeit, wie kann ich es Euch vergelten? Ich bin so überrascht, daß Ihr alle so an mich Arme denken mochtet, daß ich Euch noch gar nicht einmal danken kann.“

„Liebe uns nur recht innig,“ sagte die Mutter, sie herzlich umarmend, „sondere Dich nicht so ab, komm uns allen mehr entgegen; erkenne, wie wir es meinen, und bemühe Dich, in unsere Gefühle und Ansichten einzugehen; denn wir suchen ja nur das Gute, wir wollen ja nur das Rechte. Diese Deine Launen, mein geliebtes Kind, Dein störriger Sinn, der Dich den Freunden und Geschwistern entfremdet, der Dich geringeren Menschen entgegen führt, ist eine Unart und Verwöhnung Deines Geistes. Du wirst und kannst die Wahrheit erkennen, sobald es nur Dein ernstlicher Wille ist.“

„Ich will besser werden,“ sagte die weinende Tochter, „ich verspreche es Ihnen in dieser Stunde, die mich so unendlich bewegt.“

Alle herzten und küßten sie, und Dorothea, die schon seit lange als ein Fremdling in ihrer Familie stand, fühlte sich wie in einem neuen Leben. Sie sah Alle prüfend an, sie liebkoste Jeden, sie ließ sich die Geschenke zeigen und erklären; es war, als wäre sie von einer langen und weiten Reise zurück gekommen, und begrüße jetzt die Ihrigen nach schmerzlicher Trennung. „Wenn ich nur auch für Euch alle etwas thun könnte!“ rief sie aus.

„Wenn Du es ernstlich willst,“ antwortete die Mutter, „so kannst Du uns heut Alle, vor allen aber mich, unbeschreiblich glücklich machen.“

„Nennen Sie,“ rief Dorothea, „sagen Sie, was ich thun soll.“

„Wenn Du heut an diesem feierlichen Tage,“ fuhr die Baronesse fort, „endlich Deine so lange verweigerte Einwilligung geben, wenn Du unsern Freund Wallen heut mit Deinem Worte beglücken wolltest, den Du gestern so unziemlich gekränkt hast.“

Dorothea wurde blaß und trat erschreckend zurück. „Dies fordern Sie?“ sagte sie stotternd: „ich dachte, ich hätte darüber ein für allemal meine Erklärung gegeben.“

„Deine Leidenschaftlichkeit,“ sagte die Mutter, „kann für keinen vernünftigen Entschluß gelten. Du liebst keinen Mann, wie Du oft gesagt hast, Du kennst kaum einen, den Du achten möchtest; dieser edle Freund ist Dir mit der schönsten Herzlichkeit ergeben, er bietet Dir ein Glück an, das Dir so schön nicht wieder entgegen kommt, wenn Du es jetzt von Dir weisest; Du kennst die Lage Deiner Familie, wie mißlich es mit unserm Vermögen steht; Du kannst die Wohlthäterin Deiner Mutter, die Versorgerin Deiner Schwestern werden. Hast Du wohl schon bedacht, mein liebes Kind, wie trostlos Deine eigneZukunft seyn muß, wenn Du auf Deinem Eigensinn beharrst? Von Männern und Frauen verlassen, den Deinigen empört und gehässig, einsam und ganz verloren in einer kalten, höhnenden Welt, arm und ohne Hülfe! Wirst Du Dich alsdann nicht in Deine Jugend zurück sehnen, und in bitterm Schmerz bereuen, daß Du jetzt alles Glück für Dich und die Deinigen so muthwillig, so unbedacht von Dir gestoßen hast? Fordert dieser edle Mann denn Liebe und Leidenschaft von Dir, wie sie wohl in unsern verkehrten Büchern geschildert werden? Will er mehr als Freundschaft und Achtung? Und kannst Du ihm diese versagen? Er ist zu allen Aufopferungen bereit, die unsere drückende Lage fordert, und die sein großer Reichthum möglich macht; aber wenn Du ihn so spröde verhöhnst, und er tritt beleidigt und beschimpft zurück — wer weiß, wo Deine Geschwister oder Deine Mutter und Du selbst noch einmal im Alter ein schnödes Almosen erbetteln müssen, wo ich noch krank und hülflos liege, und Dein weinendes Auge dann umsonst in diese Tage sehnsüchtig zurück blickt, die dann auf ewig verschwunden sind.“

„Hören Sie auf, meine geliebteste Mutter!“ rief Dorothea im größten Schmerze aus. „O leider, leider ist das Recht ganz auf Ihrer, und das Unrecht durchaus auf meiner Seite. Nein, ich habe noch nie geliebt, und werde es nie, mein Herz ist für dieses Gefühl verschlossen; die Männer, die ich gekannt habe, flößen mir alle ein Gefühl des Widerwillens ein, viele des Mitleids, um nicht Verachtung zu sagen; ich sehe ja ein, daß eine Ehe, die auf Vernunft sich gründet, die uns in Wohlstand und Sorglosigkeit versetzt, etwas Wünschenswerthes seyn muß; daß ich durch ein einziges Wort Sie und unsalle beglücken kann, daß es wohl edel ist, wenn ich es ausspreche, daß es die Nothwendigkeit vielleicht von mir erzwingt, und Kindespflicht und die edelsten Rücksichten — und doch — warum schaudert mein Gefühl davor zurück? — Ach, liebe Mutter, wenn nur eins nicht wäre, — darf ich es sagen? werden Sie mich nicht ganz mißverstehn? O gewiß! denn ich verstehe mich ja selber nicht.“

„Sprich, mein geliebtes Kind,“ sagte die Mutter im freundlichsten Tone, „ich werde Dein Herz fühlen, wenn ich auch nicht ganz Deine Worte fasse.“

Dorothea zögerte, sah sie bittend an, und sagte endlich verlegen und mit bittender Stimme: „Oft habe ich mir selbst die Frage vorgelegt, ich habe mich in einsamen Stunden ernst geprüft, und mir schien dann wohl, als könnte ich meine Hand in die des würdigen Mannes fügen, den Sie alle, den die ganze Welt verehrt, wenn er nur nicht —“

„Nun?“ rief die Mutter.

„Wenn er nur nicht fromm wäre,“ sagte die Tochter hastig.

Eine lange Pause der Verlegenheit entstand. Dorothea war glühend roth geworden, die Schwestern traten scheu zurück, die Mutter schlug den Blick nieder, und wandte ihn dann um so schärfer prüfend auf die Arme, die Allen und sich selbst fast eine Entartete schien. Endlich sagte die Mutter: „Nun, wahrlich, das muß mich überraschen, und wenn ich dies in Dir verstehe, so möchte es mich auch mit Schauder erfüllen. Also Du bekennst nun öffentlich Deinen Abfall von Gott? Du bist also darüber mit Dir einig, daß das Heilige Dir ein Anstoß und Greuel ist? Du kannst das nicht lieben, was dieLiebe selber ist? So geh denn und verläugne das Göttliche, lebe ruchlos und stirb vom Himmel verlassen.“

„Sie verstehn mich nicht,“ rief Dorothea mit einem hohen Unwillen: „das ist ja das Unglück meines Lebens, daß Alles an mir mißdeutet wird, wenn ich es noch so gut meine. Vielleicht würde mir Herr von Wallen ganz recht seyn, wenn ich nur nicht wüßte, daß er so fromm ist, ja vielleicht würde ich ihn alsdann für fromm halten.“

„Trefflich!“ sagte die Mutter in schmerzlicher Entrüstung: „wenn wir selber verderbt sind, so ist es freilich am bequemsten, an den Würdigen ihre Tugend zu bezweifeln. Damit sprichst Du auch zugleich aus, wie Du von mir denkst, und was ich überhaupt von Deiner Kindesliebe zu erwarten habe.“

„Sie sollen, Sie werden sich irren!“ rief Dorothea fast im Zorne aus: „ich will mehr thun aus Liebe für Sie, als ich vor mir selbst verantworten kann, ich will mich heute Abend, darauf gebe ich Ihnen jetzt mein Wort, mit dem Herrn von Wallen verloben.“

Ein allgemeiner Ausruf der Freude, Thränen, Umarmungen, Schluchzen unterbrachen und ersetzten jedes Gespräch. Der Wortwechsel verwandelte sich in das lauteste und fröhlichste Getümmel, Alle hatten die Fassung verloren, und drückten Liebe und Entzücken heftig und übertrieben aus. Nur Dorothea war nach ihren letzten Worten plötzlich wieder ganz kalt geworden, und gab sich ohne alle Erwiederung still den Liebkosungen hin.

„O Du mein geliebtes Kind!“ sagte die Mutter endlich wieder gefaßt, „ja, ich habe Dich mißverstanden, und Du wirst mir verzeihen; macht ja diese unerwartete freiwillige Erklärung Alles wieder gut. Und jetzt darf ich Dir auch noch das schönste und kostbarste Geschenk zujenen Gaben der Liebe hinzufügen, diesen Schmuck, den Dir der Baron sendet; ich habe ihn zurück gehalten, weil ich wirklich an Deinem schönen Gefühle zweifelte.“

Die Tochter sah die Mutter mit großen Augen an, dann warf sie einen kalten Blick auf die kostbaren Steine, und legte sie ruhig zu den Blumen auf den Tisch. Das Frühstück ward gebracht, und man war nach der lauten Scene um so ruhiger, kein Gespräch wollte in den Gang kommen. Es läutete zur Kirche, die Bedienten brachten Mäntel und Bücher. Dorothea legte ihr Andachtsbuch aus der Hand und sagte: „Sie verzeihen wohl, liebe Mutter, wenn ich Sie heut nicht zur Kirche begleite, ich bin zu gespannt, ich will mich hier in der Einsamkeit indeß zu sammeln suchen und auf unsere Mittagsgesellschaft vorbereiten, noch mehr auf den Abend.“

„Wie Du willst, mein holdes Kind,“ antwortete die Baronesse: „zwar wäre die Kirche und die Rede unsers frommen Seelsorgers wohl der natürlichste Ort und Anlaß, Deine Gedanken zu sammeln, indessen hast Du einmal Deine Art und Weise, sie bleibe Dir ganz unbekrittelt. Es ist augenscheinlich der Himmel selbst, der Dich, Geliebte, die Du es am meisten bedarfst, unserm geliebten Wallen zuführt; an seinem Arm wirst Du anders denken lernen, und vielleicht erlebe ich es noch, daß Du uns alle beschämst und in höherem Glanze voran leuchtest.“

Als sich Dorothea allein sah, musterte sie, fast gedankenlos, die Geschenke. Die schimmernden, kostbar gebundenen Bücher waren von jenen neuen religiösen, denen sie nie ein Interesse hatte abgewinnen können. Was macht es? sagte sie zu sich: ist denn die Erde selbst, das ganze Leben so sehr der Rede werth? Warum will ich mit sogroßem Widerwillen die Rolle durchführen, die mir einmal aufgegeben ist? Was ich mir früher dachte und vorsetzte, ist ja doch nur Traum und leere Einbildung! Ich sehe ja, wie alle, alle Menschen nur spielen und Erhebung heucheln, dann gern und beruhigt in die Gemeinheit sinken. Ist es das allgemeine Schicksal, warum will ich mich so heftig dagegen sträuben? Entsetzlich ist es! aber endlich, früh oder spät, löst ja doch der Tod das verwickelte Netz dieses Lebens, und jenseits wird es ja doch wohl Freiheit geben.

Mit ihrer Stimmung wurde auch der Himmel finsterer. Dunkle schwere Wolken zogen näher, und schienen ein Gewitter herbei zu führen. Ein schlanker Mann kam den Garten herauf und näherte sich dem Saal. Als er eintreten wollte, ging sie dem Fremden, der ein Mann von Stande zu seyn schien, entgegen. Sie begrüßten sich, und der Unbekannte bat um die Erlaubniß, verweilen zu dürfen, er habe in der Lindenallee sein Pferd dem Diener übergeben, und sei dann in den offenen Garten gerathen; er bedauerte, die übrige Familie nicht zu finden, worauf ihn Dorothea einlud, im Saale das Gewitter abzuwarten und zu verweilen, bis Mutter und Schwestern aus der Kirche zurück kehren würden.

„Sie scheinen beim Gewitter nicht ängstlich zu seyn,“ bemerkte der Fremde.

„Doch,“ erwiederte Dorothea, „wenn es allzunahe kommt, und Feuer und Schlag eins und dasselbe werden; ich glaube auch, daß sich alsdann wohl alle Menschen mehr oder minder fürchten; denn wo es keinen Widerstand giebt, wo ein plötzlicher unversehener Augenblick mich wegraffen dürfte, da ängstet es mich gerade, daß ich nicht auf meiner Hut seyn kann. In diesenAugenblicken beruhigt nur der Glaube an ein nothwendiges Fatum und die Betrachtung, daß ich nichts Besseres bin, als die Tausende meiner Mitmenschen, die demselben Schrecken ausgesetzt sind.“

„Diese Gesinnung,“ sagte der Unbekannte, „muß ich eine tapfere nennen, im Gegensatz jener schwachen, die bei den Damen gar nicht selten ist, wenn sie beinahe in Furcht vergehn, alle Fassung verlieren und in Thränen jammern, indem nur noch das fernste Wetterleuchten herüber schimmert.“

„Wohl,“ sagte Dorothea, „und ich sorge schon um Mutter und Schwestern, die nur gar zu reizbar sind. Ich mag es nicht tadeln, weil es wohl, wie so viele krampfhafte Furcht, Krankheit des Körpers seyn mag.“

„Es ist nicht so leicht zu entscheiden,“ bemerkte der fremde Mann, „weil wir erst ernsthaft versuchen müßten, was der starke Wille denn wohl vermag, und ob, wenn die Seele sich zwingt, nicht auch der Körper wenigstens einige Schritte mitgeht, und von selbst da Gesundheit entsteht, wo die eigenwillige Stimmung die Kränklichkeit erzeugt hat.“

„Das führt auf die Frage,“ sagte Dorothea, „in wie fern wir frei sind, und was wir im Geist und Körper durch Vorsatz vermögen.“

„Gewiß,“ erwiederte jener, „und nicht blos diese, alle ernsten Betrachtungen führen zu der großen Frage. Ohne diese uns beantwortet zu haben, können wir auch für nichts Interesse fassen, und weder an uns, noch an andere glauben.“

„Freiheit!“ seufzte Dorothea, wie vor sich hin phantasirend: „Sie glauben also daran? Ich auch ehemals, als ich jünger war.“ —

„Jünger, mein Fräulein? das klingt von Ihren schönen Lippen sonderbar. Ich zweifelte als Jüngling, und habe erst später diese Ueberzeugung fassen lernen.“

„Vergeben Sie,“ rief Dorothea beschämt, „daß ich mich mit Ihnen in dergleichen Worte verliere, da ich“ —

Der Fremde unterbrach sie: „Behandeln Sie mich nicht wie einen unbekannten jungen Menschen, der nur da seyn darf, um Ihnen etwas Verbindliches zu sagen. Sie sind mir mit einem schönen und ernsten Vertrauen entgegen gekommen, und ich weiß, daß ich dessen nicht unwerth bin.“

Und wirklich schien es, als spräche Dorothea mit einem alten Bekannten oder Bruder, so wenig war dieser Mann — nach dessen Namen sie selbst zu fragen vergaß — ihr fremd. Seit lange hatte sie nicht dieses Gefühl gehabt, ihre Gedanken, ohne Furcht, mißverstanden zu werden, aussprechen zu dürfen; dies gab ihr eine Behaglichkeit, daß sie auf das heranrückende Gewitter nur wenig achtete, und selbst den Abend vergaß, an welchen sie so eben noch nur mit Entsetzen hatte denken können. Im Verlauf des Gesprächs erzählte der Fremde von seinen Reisen, Manches von seinen Schicksalen; er erinnerte sich seiner Jugend, und bekannte endlich, daß er dies Haus, und vorzüglich den vor Jahren verstorbenen Vater des Fräuleins oft gesehn habe. „Sie sehen Ihrem Vater wunderbar ähnlich,“ beschloß er, „und ich habe gleich Anfangs diese freundlichen Lineamente nicht ohne Rührung betrachten können.“

Dorothea war überrascht, als sie die Familie schon aus der Kirche zurück kommen sah. Man begrüßte den Fremden, die Mutter trat fast erschrocken zurück, und Dorothea erblaßte, als sie ihn Graf Brandenstein nennenhörte. Er ward höflich zu Tische geladen, und der alte Baron Wallen erschien ebenfalls, so wie der Rath Alfred und der junge Offizier; beide waren aus der Stadt herüber geritten. Die Familie kleidete sich um, und Dorothea war in ihrem einsamen Zimmer in tiefen Gedanken verloren. Die Welt lag sonderbarer als je vor ihrem Geiste da, sie konnte sich kaum zurecht finden, um ihren bescheidenen Putz zu ordnen, und als sie nachher wie träumend zur Gesellschaft zurückkehrte, erschienen ihr alle Gesichter wie hart und gespannt, ja, als fremd, besonders aber die weiche, gesalbte Miene des Barons wie zum Erschrecken verzerrt, und ein Gefühl, als wenn sie lachen solle, bemeisterte sich wie ein Frost ihres ganzen Wesens, indem sie sich erinnerte, daß sie diesen Mann noch heut Abend für ihren Bräutigam erklären müsse. Wie widrig ihr der junge Offizier und Rath auffielen, so bekannt, vertrauensvoll und milde leuchteten ihr die Blicke des Grafen entgegen, den sie als einen bösen und gefährlichen Menschen noch gestern hatte schildern hören.

Er schien allein unbefangen am Tische. Mit Behaglichkeit erzählte er von seinen Geschäften, die er für seinen amerikanischen Freund betrieb; er nannte die Güter, die er schon gekauft hatte, oder um welche er noch in Unterhandlungen stand, und man verwunderte sich über den Reichthum des unbekannten Mannes, der die schönsten Besitzungen zu einer großen Herrschaft vereinigen konnte. Durch die Gewandtheit des Grafen ward die Unterhaltung bald freier, und der Baron, welcher dem Gefühle, das ihn bedrängte, wie mit Gewalt widerstand, suchte das Gespräch an sich zu reißen und zu beherrschen, vorzüglich wohl, damit die Jugend und die Frau des Hauses nicht in der gewohnten Verehrung nachlassen möchten.

Wie es aber zu geschehen pflegt, daß ein Gespräch, wenn es nicht mit leichter Unbefangenheit und feinem Sinne geführt wird, wohl in Anmaßung und Spannung eine polemische Natur annimmt, so war es auch hier; denn die Reden und Aeußerungen des Barons waren alle verhüllte Angriffe gegen den Grafen und dessen Meinungen, wie er sich diese nach der Schilderung desselben dachte. Der Graf achtete diese Demonstrationen Anfangs wenig; er unterhielt sich hauptsächlich mit Dorotheen, die neben ihm saß, sprach von seinen Geschäften, und sagte endlich auch, wie im Scherz, er habe zugleich von seinem amerikanischen Freunde den Auftrag erhalten, ihm eine Gemahlin zu suchen.

„Das kann wohl von Ihnen beiden nicht ernsthaft gemeint seyn,“ sagte die Baronesse.

„Und warum nicht?“ erwiederte der Graf in heitrer Laune, „mein Freund ahmt ja hierin nur den regierenden Fürsten nach, durch Anwalde und nach politischen Rücksichten zu unterhandeln. Er ist nicht mehr jung und kann nicht erwarten, Leidenschaft zu erregen; er hat in der Jugend traurige Erfahrungen gemacht, und an seinem eignen Unglück, so wie an manchem Freunde erlebt, daß dasjenige, was die Menschen Liebe nennen, nur weichliche Sehnsucht, oft Eitelkeit, zuweilen sogar Verblendung sei, und die meisten Ehen, die in scheinbarer Leidenschaft geschlossen werden, nur ein dürftiges, ganz kümmerliches Leben, oft Elend herbei führen. Ich bin sein ganz vertrauter Freund, und er rechnet auf meine Menschenkenntniß, daß ich ihm ein Loos ziehen werde, welches ihm geziemt.“

Der Baron erwiederte, daß ihm ein solches Unternehmen immer noch mißlich scheine, und daß der Unbekanntedabei doch das Glück seines Lebens auf das Spiel setze.

„Glück?“ nahm der Graf das Wort auf: „gewiß, wenn er sich jenes Unbedingte, Unendliche und Unaussprechliche dabei dächte, was die Jugend gewöhnlich mit diesem Worte verbindet. Wo finden wir dies? Wer sich nicht zu beschränken versteht, wird nichts erlangen, am wenigsten, was jenseit aller Schranken liegt. Die Resignation mag Anfangs bitter scheinen, aber ohne sie ist kein Zustand des Lebens zu ertragen; denn wenn wir mit uns nur wahr umgehen, so müssen ja doch auch alle Entzückungen unmittelbar der Wehmuth Platz machen, ja sie sind eins mit dieser, und Schönheit, Kunst, Begeisterung, Alles ist für uns irdische, vergängliche Menschen nur da, indem es vergänglich ist, obgleich die Wurzel alles Göttlichen in der Ewigkeit ruht.“

„Sonderbar!“ sagte der Baron: „somit wäre auch die Andacht und die Frömmigkeit, das Erkennen des Himmlischen diesem Wandel unterworfen?“

„Ich glaube,“ sagte der Graf, „wer nicht irdisch seyn mag, kann auch nicht überirdisch seyn; Nacht und Tag, Schlaf und Wachen, Erhebung und Gleichgültigkeit müssen sich ablösen. Wir beklagen mit Recht, daß es so ist und seyn muß, aber es kann nicht anders; wer aber die Erleuchtungen der Andacht, die Entzückungen einer himmlischen Liebe zu einem stehenden Artikel in seinem Herzen machen wollte, der dürfte sich wohl auf dem allergefährlichsten Standpunkte befinden, auf den der Mensch sich nur wagen kann.“

„Sie sind einmal als Freigeist bekannt,“ antwortete die Mutter, „und es wird Ihnen bei uns nicht gelingen, unsere klare Ueberzeugung zu trüben.“

Kunigunde sagte mit einem schmelzenden Tone: „Sie meinen also, es sei gefährlich, den Herrn zu lieben?“

Brandenstein mußte lächeln: „Gefährlich, wie alle Liebe, schöne Frau,“ erwiederte er leicht, „besonders, wenn man den Gegenstand, den man zu lieben unternimmt, nicht kennt, oder sich eine ganz unrichtige Vorstellung von ihm macht; noch schlimmer, wenn wir ein Phantom aus ihm bilden, das alle unsre Vorurtheile bestärken, uns in unsern Schwächen Recht geben, unsere Fehler und Irrthümer autorisiren soll. Da dürften wir unser thörichtes Herz leicht an ein Gespenst verschenken, wie einige alte Mährchen etwas Aehnliches erzählen, und uns entsetzen, wenn uns die wahre Gestalt des Göttlichen einmal in einer erleuchteten Minute erschiene.“

Dorothea hörte aufmerksam zu, und der Baron sagte nicht ohne Verdruß: „Die Liebe kann nicht irren. Wo sonst einen Wegweiser auf unserm Pfade suchen?“

„Wenn sie die wahre ist, nicht,“ erwiederte der Graf: „aber über diese täuschen wir uns selber nur gar zu leicht; denn wenn unsere Leidenschaften nicht Sophisten wären, so wären sie eben auch keine Leidenschaften.“

„So ist denn der Zweifel,“ sagte der Baron zürnend, „das Einzige, was wir gewinnen können.“

„Er sei unser Diener,“ antwortete der Graf, „der die Wege untersucht, unser Thor, der mit nüchternem Spaß uns vor dem Allzuviel oder vor Uebereilung warne. Kinder und Narren reden aber, wie das Volkssprichwort sagt, die Wahrheit: zuweilen wenigstens, wenn nicht oft und immer.“

„Eine Mutter,“ sagte die Baronesse, „weiß, was Liebe ist; der Mann behält vielleicht immer eine dunkle, zweifelnde Vorstellung von dieser Kraft. Auch ist dieThat immer mehr als das Wort, und so habe ich meine Kinder erzogen und mit ihnen gelebt, ganz in Liebe, keinen blinden Gehorsam, nie etwas Unvernünftiges von ihnen fordernd, immer habe ich mich ihnen geopfert; aber sie haben schon lallend meine Liebe erkannt und erwiedert, auch sie haben nur ihren Herzen folgen dürfen, und Strenge, Furcht und dergleichen ist ihnen völlig unbekannt geblieben.“

Die Töchter sahen die Mutter zärtlich an, die Mutter hatte Thränen im Auge, nur Dorothea blickte scheu vor sich nieder, und der Baron sagte begeistert: „Man kennt und verehrt diese musterhafte Erziehung, und wer an Liebe zweifelt, komme und sehe diesen Familienkreis.“

„Fern sei es von mir,“ sagte Brandenstein, zu Dorotheen gewendet, „mit rohem Gefühl diese zarte Liebe nicht anerkennen zu wollen; nur meine ich, wenn ich mich meiner glücklichen Kindheit erinnere, daß die Liebe zu den Aeltern, und eine gewisse religiöse und edle Furcht vor ihnen ein und dasselbe seyn müßte; denn durch die letztere scheint mir meine Kindesliebe erst ihre wahre Kraft und Innigkeit erlangt zu haben, auch soll ja diese heilige Scheu vor etwas Unbegreiflichem in den Aeltern jenen blinden, unbedingten Gehorsam erzeugen, in welchem sich das Kind eben so glücklich fühlt; denn ohne diesen Gehorsam findet, scheint es mir, weder Erziehung noch Liebe statt.“

Die Mutter sah die älteste Tochter, welche derselben Meinung zu seyn schien, bedenklich an, und sagte dann mit etwas gespitztem Tone: „Ich habe es vorgezogen, meine Kinder früh zu überzeugen, und wo das nicht möglich war, stimmte ich sie so, daß sie aus Liebe zu mir das thaten, was sie nicht einsehen konnten.“

„Ich verehre Ihre Erziehung,“ sagte der Graf, „dennwer möchte in dieser schönen Umgebung dagegen streiten? Doch dürften diese Auswege vielleicht etwas zu kostspielige Surrogate für den einfachen und wohlfeilen Gehorsam seyn.“

Der Baron wandte sich verstimmt an den Rath Alfred, und das Gespräch nahm eine andere Wendung. Der junge Offizier erzählte mit Selbstgenügsamkeit, daß er neulich die Gesellschaft, zu der ihn eine Dame eingeladen hatte, ohne alle Entschuldigung vermieden habe, da es ihm sündlich scheine, eine Unpäßlichkeit oder ein Geschäft vorzuschützen. Man lobte diesen Wahrheitstrieb und meinte, diese Art und Weise müßte in der Gesellschaft die allgemeine werden, wenn sie sich vor der leeren Affectation, Heuchelei und fortwährenden kleinen Lüge retten wolle. Auch die Mutter stimmte zögernd in diese Behauptungen ein, ob sie gleich befürchtete, daß dergleichen nur schwer möglich zu machen sei, ohne zugleich die feinen Bande der Geselligkeit völlig zu lösen; doch sei eben darum die Tugend des Einzelnen, der den Muth habe, sich über diese Rücksichten hinweg zu setzen, um so mehr zu preisen. „Nichts,“ fuhr sie fort, „habe ich bei meinen Kindern so sehr zu erwecken und zu beleben gesucht, als den heiligen Wahrheitstrieb; ich habe sie bewacht, daß sie sich nie auch nur die kleinste Unwahrheit, ja selbst im Scherze nicht, erlauben durften. Immer auch habe ich mich bestrebt, alle Fragen wahr zu beantworten, aus dem Unterricht alles zu entfernen, was nicht klar und deutlich gemacht werden konnte; am meisten aber vermied ich jene unsinnigen Mährchen und lügenhaften Geschichten, die Furcht und Aberglauben nähren, und das Gemüth der Kinder wohl am allermeisten der Wahrheit entfremden.“


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