Die Reisenden.Novelle.

Der Baron führte diese Sätze noch mehr aus, undalle Uebrigen stimmten ein, außer dem Grafen, welcher äußerte, daß es eine der schwierigsten Antworten seyn möchte, zu sagen, was denn Wahrheit, die eigentliche Wahrheit sei. „Die Menschen,“ meinte er, „suchen sie in allen Richtungen schon seit Jahrtausenden, und auch hier muß, wie fast immer, der gute Wille, wahr seyn zu wollen, nur zu oft die Sache selbst vertreten. Will ich gegen Kinder oder Schwache immerdar auf alle Fragen die Wahrheit sagen, so komme ich in die Gefahr, gar nicht mehr wahrhaft seyn zu können; denn das Letzte beruht ja doch auf einem Geheimniß, das ich eben so wenig läugnen darf, als ich es erklären kann. Und zu diesem Unsichtbaren hin drängen uns Phantasie und Gefühl schon sehr früh, und der Lehrer, der die junge Ungeduld hiervon entfernen will, muß nur wieder zu einer andern Lüge seine Zuflucht nehmen, die vielleicht in falscher Aufklärung eben so schlimm, als die des Abergläubigen ist. So scheint es mir auch nicht gut gethan, die Phantasie der Kinder nicht bilden zu wollen, auch in der sonderbaren Kraft, die das Grauen sucht, und blinde, wilde Schrecknisse ersinnt. Dieser Trieb ist in uns, er regt sich früh; und soll er unterdrückt werden, strebt man ihn zu vernichten, was nicht möglich ist, so wächst er in der finstern Tiefe fort und gewinnt an Macht, was er an Gestaltung verliert. Ich habe weibliche Wesen gekannt, die man aus übertriebener Aufklärung selbst vor dem unschuldigsten Mährchen bewahrte, und die in reifen Jahren es nicht über sich vermochten, am Abend auch nur durch das benachbarte Zimmer zu gehen, so bezwang sie ein namenloses, ganz kindisches Grauen, so daß sie vor jedem Laut, vor jedem Schatten ohnmächtig erzitterten. Wird dagegen in der Kinder-Phantasie auch das Seltsam-Aengstigendein Gestalt gebracht, wird es in Mährchen und Erzählungen gesänftiget, so vermischt sich diese Schattenwelt sogar mit Laune und Scherz, und sie selbst, die verworrenste unsers Geistes, kann ein Wunderspiegel der Wahrheit werden. Durch diese Krystallseherei können wir weitentfernte und doch befreundete Geister wahrnehmen, die uns in sichtlicher Nähe nur höchst selten vorüber schweben.“

„Daß Sie ein solcher Freund des Aberglaubens sind,“ erwiederte die Baronesse, „muß ich erst jetzt von Ihnen erfahren.“

Dorothea schien kein Wort dieser sonderbaren Unterredung zu verlieren; sie sah Kunigunden an, auf welche jene Schilderung einer unvernünftigen Angst, die sie oft sogar am Tage befiel, buchstäblich paßte; auch waren die andern Schwestern zuweilen kindisch genug, und scheuten am Abend jeden Gang. Kunigunde war empfindlich, sie glaubte, der fremde Gast kenne diese ihre Schwäche, und habe sie nur schildern wollen. Die Mutter konnte ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen.

„Der Gesellschaft,“ fuhr Brandenstein fort, „kann ich mich nicht immer mit der nackten Wahrheit nahen, denn sie fordert und erwartet sie nicht von mir. Ich darf die Tugenden der Einsamkeit nicht in sie werfen, wenn ich nicht den Zauber, durch welchen sie für den gebildeten Menschen so reizend wird, zerstören will. Man findet allenthalben schlechte Gesellschaft, die ich wahrlich nicht preisen will; aber daß man das feine Leben, die zarteren Bande der gebildetern Welt, das anmuthige Verhältniß der Geschlechter, die Formen, welche Witz und Lebensart erfanden, so oft schmähend mit den Gesetzen und Bedingnissen eines sinnreichen Kartenspiels verglichen hat, ist mir zwar nichtunpassend, aber sonderbar vorgekommen, und unbegreiflich, daß man nicht die Mannigfaltigkeit des Lebens und dessen nothwendige Figuren hat anerkennen wollen. Man muß nur eine Zeitlang mit bäuerischen Menschen gelebt haben, die ihre rohe Zutäppigkeit für biedere Tugend so oft verkaufen wollen, die alles verletzen, die kein Geheimniß, kein zartes Verhältniß anerkennen, sondern alles Geistigere Affectation und Heuchelei taufen; man muß Wochen lang diesem rohen Betasten und Anpacken, und der drückenden Langeweile ausgesetzt gewesen seyn, um den Adel eines feinen, geistreichen Umgangs wieder schätzen zu lernen. Hier gilt denn freilich nicht immer das blanke Ja und Nein; und mit der sogenannten Wahrheit die gegebenen Formen, durch welche diese Erscheinung sich nur darstellen läßt, umstoßen wollen, ist eben so unbillig, als wenn ich die Gesetze eines künstlichen Schachspiels Lüge nenne, mit meinen Bauern gleich in das letzte Feld des Gegners rücke und mein Spiel für gewonnen erkläre.“

„Sie sind ein ziemlicher Sophist,“ sagte der Baron. „Es fehlte noch, daß die Verläumdung, Klatscherei, Neid und Verfolgung der großen Gesellschaften einen Lobredner fanden; es bleibt dann nur noch übrig, die stille Tugend, die schöne Bürgerlichkeit, die kindliche Unschuld und edle Einfalt der nichtvornehmen Welt zu schmähen.“

„Sie können mich unmöglich so mißverstanden haben,“ sagte der Graf: „ich meine nur, man soll Bedingnisse, die jedes Spiel und Kunstwerk nothwendig macht (und die gute und feine Gesellschaft sollte wohl von beidem etwas haben), nicht mit Unwahrheiten verwechseln; denn auch im Tanz ist keine Wahrheit, wenn anders der gerade eilige Geschäftsschritt so zu nennen ist, und es dürften sich von dieser Ansicht her selbst gegen den Spaziergangnicht unerhebliche tugendhafte Zweifel aufwerfen lassen.“

„Immer ärger!“ rief der Baron: „zum Glück, mein scharfsinniger Graf, sprechen Sie alles dies in einer Gesellschaft, auf die es nicht schädlich einwirken kann.“

„Sie haben mich einmal hinein gezogen,“ erwiederte Brandenstein, „und so mögen Sie denn auch mein ganzes Glaubensbekenntniß hören. Ich denke, es hat noch keinen Menschen gegeben (und keiner wird kommen), der nicht irgend einmal in seinem Leben mit Bewußtsein gelogen hätte. Sei es nun Nothlüge oder Schwäche, Furcht, Eigennutz oder Eitelkeit, und wie sie alle heißen mögen, diese Flecken unsrer Natur; vielleicht auch, um nur einmal diesem Geiste zu folgen, der uns doch gar zu reizend verlockt. Und dürfen wir doch nur auf die erhabenen Apostel sehen, um zu lernen, daß sie ihrem Vorbilde, der ewigen göttlichen Wahrheit, nicht immer getreu zu seyn stark genug waren. Vieles dieser Art möchte ich die unschuldigen Lügen nennen, denen der bessere Mensch, eben weil sie so resolut sind, bald aus dem Wege gehn kann. Aber wie steht es denn mit jener gleissenden Eigenliebe, mit jenem prunkenden Egoismus, mit der ausgebildeten Heuchelei, die aus dem ganzen langen Leben mancher Menschen nur eine einzige Lüge bilden? Ich habe wenigstens einige gekannt, die so im Lügengeiste untergesunken waren, daß es für sie gar keine Wahrheit mehr gab. Und diese Menschen galten für tugendhaft, sie hielten sich selbst für Auserlesene, es war ihnen möglich, selbst auf dem Sterbebette die Rolle der Heuchelei fortzuspielen.“

„Dergleichen ist nicht möglich!“ rief der Baron, und Alle stimmten ihm bei; nur Alfred äußerte, es könne doch wohl dergleichen Verkehrtheit geben, worauf ihn Dorotheaverwundert mit großen Augen ansah. „Sie sprechen überhaupt,“ fuhr der Baron fort, „von einer vorigen Welt; seit Ihrer Abwesenheit hat sich bei uns Alles so geändert, daß Sie, wenn Sie unser Vaterland erst wieder kennen lernen, kaum mehr eine Spur vom vorigen finden werden. Die alte Irreligiosität, jene leere Freigeisterei, die sich Aufklärung nannte, ist, dem Himmel sei Dank! ziemlich verschwunden; immer schöner entwickeln sich die Keime einer ächten Religiosität, man schämt sich nicht mehr, Christ zu seyn, an den Herrn zu glauben und sich im brünstigen Gebet zu ihm zu erheben. Die Kirchen sind wieder gefüllt, die höhern Stände verschmähen nicht mehr die Gemeinschaft ihres Nebenchristen, andächtige Bücher haben die frivolen von den Tischen unserer Weiber und Mädchen verdrängt, geläuterte Seelen unterhalten sich, statt mit Theatergeschwätz, über die Bibel, ermuntern sich zur Buße und Andacht, theilen sich die Erfahrungen mit, die sie an ihrem Herzen machen, stärken sich gegenseitig, und immer deutlicher spricht aus diesen erhobenen Gemüthern der Geist des Herrn. Alles dies, mein zweifelnder Freund, werden Sie wenigstens gelten und stehn lassen müssen, denn hier ist Wahrheit und Liebe, hier ist kein Irren möglich.“

Er hatte alles dieses mit großer Salbung gesprochen. Der Graf schwieg einen Augenblick, ehe er sagte: „Unser Tischgespräch hat eine so ernsthafte Wendung und einen so feierlichen Inhalt gefunden, daß es wohl passender wäre, abzubrechen, entweder auf eine stillere Stunde diese Eröffnungen zu versparen, oder ganz zu schweigen, weil man sich über diese wichtigen Gegenstände am leichtesten mißversteht.“

„Weil Sie sich jetzt völlig geschlagen fühlen,“ sagteder Baron, „so wollen Sie sich wenigstens einen sichern Rückzug vorbehalten. Ich dächte, es wäre jetzt Ihre Pflicht, offen zu gestehen, daß Sie über diesen Punkt nichts zu sagen wissen, wenn Sie nicht unverholen bekennen wollen, daß Ihnen jene fast vergessene Freigeisterei lieber als unsere heilige Religion sei.“

„O sprechen Sie!“ rief Dorothea, sich selbst vergessend.

„Sie sehen, wie dringend Sie aufgefordert werden,“ sagte die Mutter, indem sie einen langen und drohenden Blick zu Dorotheen hinüber warf; auch Alfred bat, daß der Graf sich erklären möchte, in wiefern er in diesem Punkt mit dem Zeitalter einverstanden sei.

„Da ich es nicht ganz umgehen kann,“ sagte dieser: „so will ich kurz andeuten, was ich habe beobachten können; denn da ich schon seit einem Jahre wieder in Deutschland bin, so ist mir nicht alles so fremd, wie Sie glauben, ob ich gleich erst seit kurzer Zeit meine Geburtsgegend hier wieder besucht habe. Könnte ich Ihnen allen nur das Vorurtheil benehmen, daß Sie mich, wie ich merke, für einen gottlosen Unchristen halten. Nein, ein solcher bin ich wahrlich nicht, aber ich muß mir nur das unbestreitbare Recht vorbehalten, auf meine Weise ein Christ seyn zu dürfen. Daß es jetzt, wie zu allen Zeiten, wahrhaft fromme und erleuchtete Gemüther giebt, und daß man diese verehren solle, wer möchte daran zweifeln? Das Bedürfniß des Glaubens hat sich wieder gemeldet, der Geist hat fast an alle Herzen geklopft, und Anmahnungen mancher Art und aus allen Gegenden haben sich vernehmen lassen. Ein klarer frischer Strom hat sich wieder durch die lechzende Ebene von den ewigen Gebirgen her ergossen, und der Kraft seiner Wogen folgen dieDinge und Wesen, welche er ergreift; unwiderstehlich fühlt sich Alles fortgezogen, und Groß und Klein, Stark und Schwach muß nothgedrungen mit hinunter fließen. Wie ächte Begeisterung dies veranlaßt hat, so ist es denn doch auch hier, wie in allen geschichtlichen Ereignissen, ergangen, die Menge, die Eitelkeit, die menschliche Schwäche trübt auch diese Erscheinung, und als es einmal Mode war, frei zu denken und den starken Geist zu spielen, wenn Viele auch schwach und abergläubig waren, so ist es jetzt Sitte geworden, religiös zu scheinen, wenn es Manchem auch frivol und unerleuchtet genug zu Muthe seyn mag.“

„Desinit in atrum piscem,“ sagte der Baron ereifert, „der Anfang Ihrer Rede ließ etwas Besseres vermuthen.“

„Wie Viele,“ fuhr Brandenstein ruhig fort: „sind mir aufgestoßen, die mir fast beim Begrüßen entgegen warfen, daß sie außerordentliche Christen seien. Andere sprechen beim dritten Worte und bei den gleichgültigsten Gegenständen vom Heiland; bei jeder Veranlassung, sei sie noch so geringe, beten sie, und erzählen uns dies; ja ich habe Romane gelesen, in denen der Verfasser in der Vorrede sagte, er schreibe niemals, ohne vorher zu beten, und alles Gute, was im Buche stehe, sei unmittelbare Eingebung; das kürzeste Mittel, jede Kritik zurück zu schlagen, und die Romanze dicht an die geoffenbarte Schrift zu schieben. In Gesellschaften ergreift man jede Veranlassung, von Reue, Buße, Andacht und Erlösung zu sprechen, und entweiht, nach meinem Gefühl, das Heilige, vergißt, daß es eine Aehnlichkeit mit der Liebe hat, deren Gefühle und Geständnisse der wahre Liebende auch nicht jedem fremden Ohre Preis geben wird.“

„Was schadet es aber,“ sagte der Baron, „wenn die frommen Gemüther vielleicht auch zu oft von dem Gegenstande ihrer Liebe sprechen?“

„Es kann nicht die Liebe seyn,“ erwiederte Brandenstein: „es ist Eitelkeit, Hochmuth, der besser seyn will, als andere Menschen. Gerade wie zu der Zeit der Empfindsamkeit oder der Aufklärung, ist es ein krankes Bedürfniß, das allenthalben Nahrung sucht, das sich schmeichelt und zu immer tieferer Krankheit verzieht, das unduldsam und verachtend auf Nebenmenschen, die oft besser und frömmer sind, hinblickt, weil diese nicht gerade in den angegebenen Ton auch einstimmen wollen.“

„Sie schildern die Ausartung,“ stammelte die Baronesse in einer Art von Angst.

„Nichts anderes, verehrte Frau,“ antwortete der Graf: „nur daß mir diese häufig in die Augen gefallen ist. Auch habe ich Erbauungsbücher gesehn, die sehr in der Mode zu seyn scheinen, Altes und Neues, die wahrlich nur dazu dienen können, mittelmäßige Menschen, die schon von der Eitelkeit ergriffen sind, ganz zu verwirren, in denen der Schöpfer, die reine Liebe, gleich einem launigen wunderlichen Alten dasteht, der sich aus Langeweile gelüsten läßt, die krausesten Schicksale zu flechten, und Diesen und Jenen, wenn auch Viele dabei untergehn, auf feine und seltsame Art aus seinem Elende wieder heraus zu führen. Andere verwandeln Religion in Magie und Zauberei; oder verhärten die Herzen der Weiber, daß sie sich unendlich über ihre Männer erhaben fühlen, diese, wenn sie nicht ganz auf ihre Weise frömmeln, in einem Zustande der Zerknirschung erhalten, und in dem Gefühl, wie tief sie sich herablassen, die geheiligten Gattinnen so ordinärer Sünder zu seyn. Ich kannte ein armes, mittelmäßigesMädchen, die sich glücklich schätzte, an einen jungen wohlhabenden Mann verheirathet zu werden, die aber nach einem halben Jahre auch zur Heiligen wurde, und sich nun vorlügt, ihre christliche Tugend bestehe darin, den Mann zu dulden; übermenschlich erscheint sie sich, wenn sie ihn nicht ganz verachtet, aber doch sagt sie sich dies täglich und ihren religiösen Gespielinnen, die sie auch in dieser Frömmigkeit bestärken. Ist nun dies nicht Sünde?“

„Ja wohl!“ seufzte plötzlich Kunigundens Gatte auf, und die Mutter, welche den Halt ihrer Familie fast sichtlich zusammenbrechen sah, bereuete es, dies Gespräch begonnen zu haben, und zürnte ihrem würdigen Hausfreunde, dem Baron, daß es durch ihn so angefeuert wurde. Brandenstein aber, der nun einmal im Zuge war, konnte ebenfalls in seinem geistlichen Eifer nicht ruhen, bis er seine ganze Catilinarische Rede an den Mann gebracht hatte. „Wie erhebend kann es seyn,“ fuhr er lauter fort: „wenn wir fromme Männer, um sich ganz dem Heiligen zu ergeben, der Welt und allen ihren Schätzen den Rücken kehren sehen, um in stiller Abgeschiedenheit nur Einem großen Gefühle zu leben. Ich will einzelne Brüderschaften nicht tadeln, wenn sie sich in einem ähnlichen Sinne verschließen, und von Kunst und Geschichte, Philosophie und Welt nichts wissen wollen. Aber wenn diese einseitigen Frommen, die in der Welt stehen bleiben, die Erziehung der Uebrigen genossen haben und sich selbst für gebildet ausgeben, uns immer und immer wieder zurufen, nur Eins sei, was Noth thue, Malerei, Musik und Dichtkunst seien nicht nur überflüssig, sondern sogar sündhaft, und nur Gebet, Erleuchtung, Buße sei alles, was den Menschen in Anspruch nehmen solle, — so möchte ich doch wohl Diese fragen: von welchem engen Gefühle ihresogenannte Religion sei, daß sie Liebe, Wahrheit, Vernunft und die lieblichen Erscheinungen der Phantasie gar nicht zulassen könne und dürfe? Also wäre den Reinen heut nicht mehr alles rein? Der Mensch ist schon als todt zu betrachten, dem in der Natur und Geschichte nicht Gott mehr erscheint; der ist verloren, der in der Kraft der Vernunft seine hohe Gegenwart nicht mehr sieht. Auch der ist fromm, dem aus dem Gemälde eine Entzückung anstrahlt, und der sich, so lange er Shakspeares Sommernacht liest, selig und im Himmel fühlt. Denn auch Scherz, Lust und Witz sind göttlicher Abkunft, und wir werden um so reiner und geläuterter, je mehr wir den göttlichen Strahl in diesen zarten Spielen erkennen lernen.“

„Ja wohl,“ sagte der Baron, welcher das auffallende Mißvergnügen der Baronesse bemerkt hatte, „können wir heut dies interessante Gespräch nicht zu Ende führen.“

„Unmöglich,“ antwortete der Graf, welcher selber über seinen Eifer zu erstaunen schien, „denn sonst möchte ich wohl noch darüber belehrt seyn, warum diese frommen Gemüther sich nicht mit mehr Demuth der Kirche anschließen? Warum sie verlangen, daß alle Menschen auf ihre Weise die Dinge sehen sollen? Warum nicht Zweifel auch sie anwandeln und es ihnen begreiflich machen, daß sie doch auch wohl irren könnten? Ob es nicht christlicher sei, mehr nach dem Evangelium bei verschlossenen Thüren zu beten, als pharisäisch ihr vieles Beten weltkundig zu machen? Ich könnte denn wohl noch bemerken, daß dieser geistliche Schwindel sich auffallend genug mit einem politischen verbindet, und daß diese kranke Stimmung, die sich über ganz Deutschland verbreitet, es einem überaus verwirrten und schwachen Buche möglichgemacht hat, den Beifallsruf einer Menge zu erwerben, die nun erst beurkundet, wie wenig sie je unsern großen Dichter faßte, als sie ihm zujauchzte. Es kann als ein Frevel gegen diesen großen Mann erscheinen, wenn man es nicht lieber lächerlich finden will, daß man ihm so schulmeisternd mit Glaubensfragen nahe rückt, daß man Immoralität und Mangel an Idee seinen Werken vorwirft, weil er sich nie zu den armen Bedürfnissen dieses Wortführers herabgelassen hat. Daß alles dies möglich gewesen ist, hat mir gezeigt, wie wenig wahre Bildung bei uns noch Wurzel gefaßt hat, und wie leicht es daher Schwindlern wird, mit halbwahren Begriffen die schreiende Menge zu verwirren.“

„Sie meinenGöthe,“ sagte der Baron, „und die sogenannten unächten Wanderjahre. Nun, da sind wir ja schon so ziemlich weit von unserm ersten Diskurse abgekommen.“

Es trat eine Pause ein, Alle schienen verstimmt, Dorothea war tief bewegt. Indem der Bediente jetzt den Braten brachte, rief die Baronesse: „Ach! wie konnte ich nur die arme kranke Wittwe vergessen? Johann, tragt dies Gericht sogleich zu der Unglücklichen, mit meinen herzlichen Wünschen. Sie leidet, wie ich heut gehört habe, unglaublich, dabei ist sie arm, und ihre Kinder können ihr nur wenige Hülfe geben.“ „Ja, die Armuth, die Krankheit!“ seufzte der Baron. „O Himmel, was würde aus der finstern Erde werden, wenn nicht immer noch weiche, edle Gemüther das ungeheure Elend zu mildern trachteten.“

„Die bedauernswürdige Frau,“ fügte Kunigunde hinzu: „soll auch mit ihrem verstorbenen Manne gar nicht glücklich gewesen seyn, er war hart und rauh, undbehandelte sie oft übermüthig.“ Sie warf dabei ihrem Gatten, der am andern Ende des Tisches saß, einen sonderbaren Blick zu, der gar Vieles bedeuten konnte. Der junge Mann, vom Tischgespräch aufgeregt, war so unerhört dreist, zu erwiedern, daß es auch oft der Weiber eigne Schuld sei, wenn sie in der Ehe nicht glücklich wären. Der Graf, um nähere Erörterung zu verhindern, bemerkte, daß es vielleicht, da man die Krankheit der Frau nicht genau kenne, schädliche Wirkung thun möchte, wenn sie von der Fleischspeise unvorsichtig genösse. Der Baron aber, der einen neuen kriegerischen Angriff vermuthete, sprach gerührt über die große Wohlthätigkeit der Baronesse, wie sie den Armen eine Mutter sei, und begriff nicht, wie es noch so harte Menschen geben könne, die von dem Elende ihrer Nebengeschöpfe so ungerührt blieben.

Jetzt kam Johann mit dem Braten zurück und meldete, daß die Wittwe sich gehorsamst bedanke; es sei ihr aber vom Arzte im Fieber Fleischspeise bis jetzt noch untersagt, auch empfange sie seit drei Wochen alles vom Schlosse, was sie gebrauche, worüber sie ihre Rührung nicht genug ausdrücken könne. „Ein Arzt?“ sagte die Baronesse, „sie bekömmt schon? und wie?“ — „Ach, gnädige Frau,“ sagte der alte Diener verlegen und mit Bewegung: „Fräulein Dorothea sendet ihr schon seit lange Alles, sie hat auch den Doktor kommen lassen, und besucht die Kranke selbst alle Morgen und Abende.“ — „So?“ sagte die Baronesse mit einem gedehnten, zitternden Tone, und ein durchdringender Blick fiel auf die Tochter, die in der Beschämung nichts erwiedern konnte; „und warum, mein Kind, geschieht denn diese Ausübung der Wohlthätigkeit, diese Tugend, die mir an Dir neu ist, soheimlich? Warum gönnst Du Deiner Mutter denn nicht auch einen Antheil an dem Verdienste, da sich Dein Herz nun endlich auf dergleichen christliche Liebesdienste hinlenkt? Mein Rath würde die Wohlthat erst zu einer ächten machen können. Aber so sieht es aus, als wenn eher Eigensinn, als Mitleid, Deine Handlungen lenke.“

„Liebe Mutter,“ flehte Dorothea, „schonen Sie mich.“

„Es ist zu beklagen,“ fuhr diese fort, „wenn selbst das, was an sich Tugend ist, durch die Art, wie man es ausübt, sich zum tadelnswürdigen Fehler umgestaltet. Vorzüglich sehe ich Stolz und Anmaßung in dieser Art zu handeln, daß Du es übernimmst, ohne mich klug und weise seyn zu wollen, da Du doch nicht wissen kannst, ob Du nicht dadurch mehr Schaden als Nutzen stiftest.“

„Es ist zu viel!“ rief Dorothea laut weinend aus, stand schnell auf und verließ mit verhülltem Angesicht das Zimmer.

Alle sahen auf, der Graf aber schien am meisten überrascht, er sagte mit bewegter Stimme: „Geschieht aber dem Fräulein auch nicht zu viel? Sie hat es wahrscheinlich gut gemeint; und mir scheint es auch nicht strafbar, daß sie ihre Wohlthaten heimlich erzeigt, daß sie vielleicht etwas zu verschwiegen ist, um sich nicht dem Schein des Prunkens auszusetzen.“

„Gewiß, gnädigste Frau,“ sagte der greise Diener, „das Fräulein ist ein Engel, alle Leute im Dorfe sehn sie auch so an; was sie nur von ihrem Taschengelde sich absparen kann, was sie an Kleidern irgend entbehrlich findet, wendet sie auf die Armuth, aber das Schönste dabei ist die freundliche, stille Art, und wie sie die Leute beruhigt, und die Kranken tröstet, und die Kinder zum Gehorsam gegen die Aeltern ermahnt, die oft unwirschsind: — ja, wir sollen schweigen, denn das hat sie uns strenge befohlen, wir haben es auch Jahre lang gethan, aber einmal verschnappt man sich denn doch. Verzeihung, gnädige Frau.“

Diese Reden fielen vor, indem man aufstand; die Baronesse zitterte; der Baron suchte mit feierlichem Gesicht und Anstand, indem er der Mutter die Hand küßte, die Sache gut zu machen; der Graf empfahl sich mit wenigen Worten, und Alfred begleitete ihn; die übrige Gesellschaft ging in den Gartensaal.

„Es thut nicht gut,“ sagte die Mutter, „wenn böse Menschen über unsere Schwelle treten.“

„Ihnen folgt kein Segen des Himmels,“ fügte der Baron hinzu.

„Welch ein Mittag!“ rief die Baronesse, „ich werde ihn lange nicht vergessen! Solche Menschen fehlen uns noch in unsrer Nähe, um mein armes abtrünniges Kind ganz unglücklich zu machen. Aber auch Sie, Herr Sohn, nahmen an dem gottlosen Menschen mehr Antheil, als ich oder die fromme Kunigunde wünschen können.“

„Mich dünkt aber,“ sagte Kunigundens Gatte, „daß er manches ganz Vernünftige sprach; ich glaube auch, daß die Frömmigkeit zu weit gehe, und daß manche Frauen sich zu viel einbilden können.“

Da sah ihn der Baron mit einem langen strafenden Blicke an, den der Arme nicht aushalten konnte, und als jetzt Kunigunde laut zu weinen anfing, die Mutter ebenfalls weinend diese in die Arme nahm, um sie zu trösten, konnte er gerührt die bereuenden Thränen nicht länger zurück halten; er stürzte sich auch an den Busen seiner Gattin, schluchzend und um Verzeihung bittend. „Sein Sie alle beruhigt,“ tröstete feierlich der Baron, indem erden Blick zum Himmel erhob: „der Herr wird Alles gut machen, denn heut Abend, wie Sie mir gesagt haben, verlobt sich mir jenes verhärtete, uns dennoch theure Herz, durch meine schwache Hülfe wird der Geist sie dann erleuchten, und wir alle werden Ein Herz und Eine Liebe seyn.“

———

Weinend hatte sich Dorothea in ihr Zimmer geschlossen. So zerstört, unzufrieden mit sich und der Welt, so ganz verloren und elend hatte sie sich noch nie gefühlt. Sie war tief beschämt, daß die einfache Art, sich der Armen anzunehmen, die ihr die natürlichste dünkte, plötzlich durch die Einfalt des Dieners war bekannt worden; aber es schien ihr auch zu hart, wie die eigne Mutter sie deshalb vor allen Gästen behandelt hatte, am schmerzhaftesten aber war es ihr, daß es in Gegenwart des Mannes geschah, den sie verehren mußte, der ihr Vertrauen gewonnen hatte, und dessen Achtung sie sich ebenfalls wünschte.

Es war finster geworden, ohne daß sie es bemerkte, als der Diener klopfte, und sie zur Mutter und der Gesellschaft herab zu kommen bat. „Mutter!“ sagte sie vor sich hin: „Mutter! welch schönes Wort! Warum habe ich keine kennen gelernt?“

Sie ging hinab, im Saale saß die Familie versammelt, auch der junge Offizier war gegenwärtig. Indem Dorothea herein trat, fiel ihr erst wieder ein, weswegen sie gerufen werde. Ein Fieberfrost überfiel sie. Alle begrüßten sie als die Braut des Barons, die Mutter sagte freundlich, sie wolle ihr jetzt das Betragen des heutigen Tages verzeihn, die Schwestern wünschten der Betrübten Glück, und der Baron bedeckte ihre zitternde Hand mit zärtlichenKüssen. „Sein Sie ruhig, sein Sie glücklich,“ sagte er mit sanftem Tone, „von heut an werden Sie, Geliebte, ganz zu uns gehören, und dieser Mensch wird das Haus nicht mehr betreten; wohl hatten Sie Recht, und der Himmel sprach aus Ihnen, daß ein solcher Elender nicht wandeln darf, wo wir unsre Schritte setzen.“

„Elender?“ rief Dorothea, und riß ihre Hand so gewaltsam weg, daß der Baron zurück taumelte. „Sie sind ein frecher Mensch, daß Sie einen solchen Mann so zu lästern wagen!“

„Himmel!“ schrie die Mutter, „sie hat den Verstand verloren! Ein böser Geist spricht aus ihr.“

Dorothea besann sich wieder, sie sah das Erstaunen der Umgebenden und suchte sich zu sammeln. „Ich bin so erschüttert,“ fing sie an, „ich fühle mich so bewegt, vielleicht daß eine Krankheit — nur einen Augenblick will ich mich im Freien abkühlen.“

„In diesem Wetter?“ sagte die Mutter, „in diesem Sturm und Regen, so ohne Tuch, in Deiner dünnen Bekleidung?“

„Es muß seyn! es muß!“ rief sie aus, und hatte schon, ohne auf die Uebrigen zu hören, die Saalthüre geöffnet, und stand im finstern kalten Garten. Da der Regen ihr entgegen schlug, so wandte sie sich in den bedeckten, dicht verflochtenen Gang, und ging hastig auf und nieder. „Ihm, dem Widerwärtigen,“ sagte sie zu sich selbst, „auf immer verbunden? So tief, so tief herabgewürdigt? Und für wen? Für Jene, die es mir niemals danken werden, die dann wieder thun, als sei mir dadurch die größte Wohlthat erwiesen worden? Meine Seele retten? Verloren geht sie hier, vernichtet wird sie!“

Ein dunkler Schatten kam auf sie zu, und an derlispelnden, sanften Stimme erkannte sie sogleich den Baron. „Meine Gute,“ fing er an, „Ihre liebe Mutter und wir alle erwarten Sie drinnen mit banger Besorgniß; mein Herz fließt in Zärtlichkeit über, da ich Sie schon als meine Gattin, und die Mutter meiner frommen Kinder betrachte.“

„Himmel!“ rief sie aus, „das bedachte ich nicht einmal, daß mein Elend sich auch so weit erstrecken kann, Heuchler und böse Egoisten aus meinem Blute entsprießen zu sehen. Aber wenn mir auch dies Unglück nicht würde, so kann ich doch nie die Ihrige werden.“

„Wie?“ rief der Baron, „und das feierliche Versprechen, welches Sie heut Morgen in die Hände Ihrer Mutter legten?“

„Und wenn ich es einem Engel vom Himmel gethan hätte,“ sagte Dorothea, „so kann ich es nicht halten! Ja, wenn schon die Trauung geschehen wäre, so müßte man uns doch wieder trennen!“

„Seltsam, mein Fräulein! Bedenken Sie auch die Folgen?“

„Welche können es seyn? Alles ist zu tragen gegen das unabsehbare Elend, das meiner wartet.“

„Wissen Sie auch, daß es Ihre Mutter fordern kann? Wissen Sie, daß diese mir verpflichtet ist, was ich bis jetzt mit der Geduld der Liebe trug und verschwieg, in der Hoffnung, Ihrer Familie anzugehören? Fragen Sie sich, ob Sie unter diesen Umständen die Verpflichtungen Ihrer Mutter nicht lösen müssen, wenn Sie für eine gute Tochter gelten wollen?“

„Nein!“ rief das Mädchen in der allergrößten Anstrengung, „lieber mit ihr darben, für sie arbeiten, ja, für sie sterben!“

„Es giebt aber doch noch Mittel,“ sagte der Baron halb lachend, „solchen Starrsinn zu beugen; die Rechte der Aeltern sind groß, und offenbar sind Sie jetzt Ihrer Sinne nicht ganz mächtig; etwas Bitte, etwas Gewalt wird schon den kindischen Willen brechen.“

Er hatte heftig ihren Arm gefaßt, und war bestrebt, sie nach dem Hause zu ziehen; aber das starke Mädchen riß sich behende los, und floh durch den Gang, der Baron ihr nach, sie aber, die leichter war und die Verschlingungen des Gartens besser kannte, war ihm bald weit voraus; jetzt war sie an der offenen Grenze des Parks, sie überschritt auch diese, und rannte nun über das Blachfeld wie ein gejagtes Reh, indem abwechselnd Regen sie durchnäßte, und Sturm ihre zarten Glieder erstarren machte.

———

Die Frau von Halden saß behaglich in ihrem Stübchen, indem die Bäume draußen der Sturm schüttelte, und der Regen rasselnd gegen die Fenster schlug. Sie war recht von Herzen zufrieden; denn für einen unerwartet hohen Preis hatte sie ihr Gut verkauft, Alles war abgeschlossen, und Graf Brandenstein hatte mit dem Rathe Alfred noch diesen Abend Alles in Richtigkeit gebracht. Beide schliefen schon in den obern Zimmern des Hauses, denn es war nahe an Mitternacht, und sie wollte sich auch eben in ihr Schlafzimmer begeben, als ein heftiges, lautes Pochen an das Hausthor, und eine klägliche, bittende Stimme sie erschreckten. Sie klingelte, der Diener ward gesandt, um zu öffnen, und mit triefenden Kleidern, zitternd und todtenblaß stürzte Dorothea herein, warf sichihr sogleich stürmisch an die Brust und rief mit heiserer Stimme: „Rette mich! rette mich!“

„Um Gotteswillen!“ sagte die Freundin im höchsten Schreck, „Du bist es, geliebtes Kind? und so, in diesem Zustande? Ich traue meinen Augen noch nicht.“

So sehr sie erschrocken war, so schaffte sie doch sogleich mit der größten Freundlichkeit Wäsche und Kleider herbei, half der Erkälteten beim Umziehen, tröstete sie lachend und freundlich, und nöthigte sie dann, Glühwein zu genießen, den sie eiligst besorgt hatte, um den bösen Folgen der Erkältung vorzubeugen. Dabei umarmte sie sie so herzlich, trocknete ihr die Thränen vom Auge, küßte die Wangen, die sich schon wieder rötheten, daß Dorothea sich fast so glücklich wie in den Armen einer Mutter fühlte. Nach vielen tröstenden und scherzenden Worten sagte die Frau von Halden endlich: „Nun erzähle mir kurz, wie Du zu diesem tollen Entschluß gekommen bist, und dann geh zu Bett und verschlafe Alles.“

„Du mußt mich schützen,“ sagte Dorothea: „Du mußt mir ein Obdach nicht versagen, sonst muß ich verzweifelnd in die weite Welt rennen, oder die Raserei stürzt mich in die Wogen eines Mühlteichs.“

„Beruhige Dich, mein Kind,“ tröstete jene, „Du mußt ja doch wieder nach Hause. Aber erzähle: was ist Dir denn so plötzlich gekommen?“

„Nur lache nicht,“ rief Dorothea, „bleibe ernsthaft, meine gute liebe Freundin, denn ich bin in Verzweiflung. Heut Morgen ließ ich mich bereden, aus Schwäche, aus Rührung, man hatte so unerwartet meinen Geburtstag gefeiert, daß ich versprach, mich heute Abend mit dem Baron von Wallen zu verloben. Das sollte nun geschehen, und darum bin ich weggerannt, weil ich ihn verabscheue,weil ich in meinem väterlichen Hause mit meinen Geschwistern, mit meiner Mutter nicht mehr leben kann.“

„Ich weiß wohl,“ erwiederte die Freundin, „daß Du den Baron nie lieben kannst, daß Dir in der Familie oftmals Unrecht geschah; aber dieser Ausdruck des Entsetzens in Dir, da Du Alles so gewohnt schienst, bleibt mir doch unbegreiflich.“

„Immer noch fasse ich es selbst nicht,“ antwortete Dorothea: „ich weiß nicht, wie ich es Dir erzählen soll. Daß ich nicht glücklich war, mußt Du wohl gesehn haben, wenn ich Dir auch niemals ein Wort darüber sagte. Ach, das schreibt sich ja schon seit dem Tode meines geliebten Vaters her. Du weißt, ich war kaum dreizehn Jahre, als er starb. O Himmel, welch ein Mann! ich konnte damals seinen Werth nicht ermessen; aber je älter ich wurde, je mehr blühte er in meiner Erinnerung zum verklärten Gegenstande meiner Liebe auf. Dieser milde, freundliche Sinn, diese Heiterkeit, Menschenliebe, stille Frömmigkeit, diese Freude an Natur und Kunst, dieser rege, herrliche Geist — ach! und er war auch nicht glücklich! Ich sah, ich bemerkte es wohl, als ich etwas zu Verstande kam, er war in der Ehe nicht glücklich, er und meine Mutter waren sich zu ungleich, sie stritten oft mit einander. Dann war er zu Zeiten recht tiefbetrübt, aus seinen schönen braunen Augen konnte ein unendlicher Kummer sprechen, wenn er sie so still vor sich nieder senkte. Dann war ich seine Freude, ich fühle es, wie ich ihn trösten konnte. Und nun war er plötzlich dahin gegangen! Er muß es jenseits erfahren und gefühlt haben, wie meine Herzensliebe ihm gefolgt ist. O meine Freundin, es giebt Momente des Schmerzes, wo nur die kalte, taube Dumpfheit, in die endlich unser Wesen versinkt,uns von Wahnsinn und Raserei errettet. So war ich nun in Schmerz und Sehnsucht erwachsen, die Keiner theilte, Keiner verstand. Und wie veränderte sich das Leben unsers Hauses! Statt der heitern Mittheilungen, statt der frohen Gesellschaften ein ernstes, feierliches Prunken. Meine jüngern Geschwister wurden in einem ganz entgegengesetzten Sinne erzogen, als es mein Vater gewünscht hatte. Betstunden, Andachtbücher, religiöse Gespräche füllten die Zeiten des Tages; und mein Herz wurde immer leerer, ich konnte die Andacht nicht mitfühlen, ja, nicht einmal an ihr Dasein glauben. Alle meine Bücher, noch Geschenke meines Vaters, durfte ich nicht mehr zeigen, Alles war weltlich, anstößig; ich erschrak über die Deutungen, die man den Stellen gab, die mir die liebsten waren, die ich auswendig wußte. Göthe’s himmlische Natur selbst, seine edle Hoheit war Verführung, Sinnenlust, und eine raffinirte Prüderie, die mir höchst anstößig schien, mußte Tugend heißen. Meine Geschwister, so wie sie zur Besinnung kamen, betrachteten mich als eine Ausgeartete, die für’s Gute nicht empfänglich sei; sie hörten das ja in allen Stunden, sie mußten es wohl glauben. Zwischen ihnen und der Mutter entspann sich ein Verhältniß, welches mich gleich sehr von beiden entfernte, und um welches ich sie doch nicht beneiden konnte. Eine übertriebene Liebe, eine zarte Weichheit, ein Schonen und Liebkosen, das mir oft durch’s Herz schnitt; ja die Mutter ging so weit, diese jüngern Töchter zu vergöttern, sie anzubeten und es ihnen zu sagen, daß sie es thue. Die Schwestern behandelten die Mutter, wie man etwa mit einer abgeschiedenen Heiligen umgehen würde, wenn sie zu uns zurück kehrte; doch könnte ich es auch wohl nur einen Tag so treiben, und müßte dannheiterer mit ihr bekannt werden, oder sie wieder ganz vermeiden. Ich erinnerte mich noch wohl, wie oft mein Vater gesagt hatte, in früher Jugend müßten die Kinder blind gehorchen lernen, damit sie, erwachsen, der Freiheit fähig wären. Diese Freiheit des Geistes und des Gemüthes, die den Menschen erst zum bestehenden Wesen, die die Liebe, ein freies Hingeben, erst möglich macht, fand aber unter diesen so eng Verbundenen doch nicht statt, ja sie wurde, wenn sie sich einmal zeigen wollte, als die ärgste Sünde behandelt. Die kleinste Schwäche, das geringste Vorurtheil der Mutter durfte nicht berührt werden, auch in Kleinigkeiten, über ein gleichgültiges Buch, über einen Menschen, ja über die Farbe eines Bandes, durfte keins eine andere Meinung hegen, als sie. War nur von einem Spaziergange die Rede, nur zum nächsten Gut, ja, durch den Garten, so verbot sie diesen, wenn sie nicht daran Theil nehmen konnte oder wollte, nicht geradezu, sondern sie sagte: „Geht, wenn Ihr ohne mich seyn könnt; ich kann zwar ohne Euch nicht leben, aber könnt Ihr es, so will ich Euch nicht stören; bin ich doch daran gewöhnt, Euch alle Opfer zu bringen.“ Natürlich geschah nichts, und die Schwestern gaben dann ihrem Verdruß den Anstrich der Andacht, und ich, die ich zum Bündniß nicht gehörte, mußte ihre Launen entgelten. Mein Muth entwich. Ich ertrug es, auch von der jüngsten Schwester gehofmeistert zu werden. O meine Freundin! wenn ich dies alles so, was mir verkehrt und unrecht schien, bemerkte, so ging ich dann wohl in den einsamsten Theil des Gartens, und ließ meinen heißen Thränen ihren Lauf, weil ich mir schlecht und gottlos erschien, daß ich mir alles dies gestand, und meinen Wahrheitssinn, der von meinem Vater erweckt und gebildet worden war, doch nichtunterdrücken konnte. Oft war ich so unaussprechlich elend, daß ich Gott um meinen Tod bat. Es kamen dann auch Zeiten, da ich doch sehn mußte, wie alle Menschen, die in unser Haus kamen, meine Schwestern verehrten, ihnen huldigten und mich vermieden, in denen ich mir selbst schlecht und verächtlich schien. Wenn ich aber rang, so wie die Andern zu seyn, so brachen mir alle Kräfte zusammen, und die Arme fielen mir gelähmt am Leibe nieder. — Aber, hörtest Du nicht Geräusch im Nebenzimmer?“

„Nein, mein gutes Kind,“ sagte Frau von Halden: „Alles schläft, es kann höchstens eine Katze seyn.“

„Kunigunde heirathete,“ fuhr Dorothea fort: „die Männer, die sich um mich bewarben, ängstigten mich nur durch ihr läppisches Wesen, andere stießen mich durch ihre Rohheit zurück. Ich konnte nicht fassen, daß mich einer lieben könne, ohne daß ich ihn auch innigst liebte, und darum erschienen mir ihre affectirten, übertriebenen Redensarten so nüchtern, und es war mir unmöglich, an ihre Leidenschaft zu glauben. Alles aber war noch erträglich, bis der Baron Wallen in unser Haus kam; er bemächtigte sich bald des Gemüthes meiner Mutter, die Sclaverei wurde nun ganz unleidlich. Nun wurde erst recht im Großen mit der Liebe geprunkt, die meine Geschwister zu einander und zur Mutter trugen; in der ganzen Provinz sprach man davon; wenn Fremde kamen, war es wie ein Schauspiel, in dem sich alle Tugenden entwickelten. O vergieb mir, Du und die einsame Nacht werden meine Reden nicht weiter tragen; auch hast Du ja selbst die Art oft gesehen, und der Himmel mag meine Empfindungen ändern, oder sie verzeihn. Recht ängstlich aber war es, daß in diesem gleißenden Baron ein wahrer Faununter der priesterlichen Decke wandelt. Clara gefiel ihm, auch Clementine; aber die Kinder, so sehr sie ihn auch verehren mußten, erschraken doch vor dem Gedanken, ihn als Ehemann anbeten zu müssen. Sie wurden aber bald befreit; denn die Bestimmung, für die sie sich zu gut fühlten, wurde mir unvermerkt und künstlich zugeschoben. Nun hörte ich immerdar, wie edel, ja wie nothwendig es sei, sich zu opfern, wie armselig die eigentliche Leidenschaft der Liebe erscheine, wie eine vernünftige Ehe jedes andere Glück der Erde übertreffe. Glaube mir, ich hätte mich fallen lassen, mein Leben war völlig abgeblüht, ich wäre das Opfer und ganz elend geworden, wenn — —“

Dorothea zögerte. „Nun, mein Kind?“ fragte die Freundin gespannt.

„Wenn nicht heut,“ fuhr jene im melodischen Tone fort, „heut an diesem Tage, an dem ich geboren ward, und an welchem ich auch wieder zu leben anfing, ein Mann erschienen wäre, der unserer Familie ein Abscheu war, und auf den ich, nach den Beschreibungen, heftig zürnte, ein Mann, der mein ganzes Herz umgewendet, ja neu geschaffen hat, und dessen bloßer Anblick, wenn er auch nicht gesprochen hätte, es mir unmöglich macht, den Baron, ja irgend einen Mann zu heirathen.“

„Wunderbar!“ rief die Frau von Halden.

„Nenn’ es so,“ sagte das Mädchen: „es ist auch so, ach, und doch wieder so natürlich, so nothwendig. In ihm, in seinem milden Blick, der Vertrauen einflößt (glaube mir, ich hatte wirklich ganz vergessen, daß es noch Augen giebt), in seiner verständigen Rede, in jeder seiner Geberden erschien mir die Wahrheit wieder, die mir schon zur Fabel geworden war, meine Jugendzeit, der Segen meines Vaters. Nie habe ich begreifen können,was die Menschen Liebe nennen, in den Dichtern habe ich es wohl geahndet; ich glaubte aber immer, dies himmlische Gefühl sei für mich armes, verstoßenes Wesen nicht geschaffen; aber jetzt weiß ich, daß es das seyn müsse, was ich für diesen trefflichen Mann empfinde, denn ich konnte mir nicht einbilden, daß auf Erden wirklich eine solche Erscheinung wandle.“

„Armes Kind!“ sagte die Freundin: „er ist ein ruinirter Mann, ohne Vermögen, und wer weiß auch, ob er so für Dich empfände, denn er ist nicht mehr jung. Jetzt geh nur zu Bett, morgen früh wollen wir mit Verstand darüber nachdenken, wie der Baron zu besänftigen sei, und daß der Baron Dir Ruhe läßt.“

„Nie gehe ich zurück!“ rief Dorothea mit erneuter Heftigkeit: „ich will lieber in einem fernen Lande als Magd dienen.“

Jetzt hörte man deutlicher im Nebenzimmer Geräusch, die Frauen stutzten, die Thüre öffnete sich, ein Lichtstrahl drang heraus und Graf Brandenstein trat ihnen entgegen.

„O mein Gott!“ rief Dorothea: „der Graf selbst!“

„Ich war nicht schlafen gegangen,“ antwortete dieser: „sondern arbeitete noch, als dieser unerwartete Besuch —“

„O Sie Heimtückischer!“ rief die Frau von Halden: „und so haben Sie auch gewiß alles gehört, was meine Freundin erzählt hat?“

„Ich kann es nicht leugnen,“ sagte der Graf: „die Wand und Thüre sind so dünn, daß mir kein Wort verloren ging. (Dorothea zitterte heftig.) Sie würden mich also, mein schönes, edles und mir unbeschreiblich theures Fräulein, nicht verschmähen, wenn ich ein Vermögen zu Ihren Füßen legen könnte?“

„O wie beschämen Sie mich!“ sagte das Fräulein —: „soll ich noch mehr sagen?“

„Nehmen Sie dieses Blatt,“ fuhr der Graf fort: „diese wenigen Zeilen werden Ihnen in Ihrem Hause vollkommene Sicherheit gewähren.“

Er sah Dorotheen durchdringend an, und entfernte sich zögernd. Sie war so bewegt und erschüttert, daß ein unruhiger Schlummer sie nur wenig erquicken konnte.

———

Im Hause des Baron Wilden waren einige Freunde zu einem kleinen Balle versammelt. Auch Alfred und der Offizier waren zugegen, und die junge Schwester, ein liebenswürdiges Kind, schien äußerst vergnügt; auch zeigte sich das Fräulein Ehrhard sehr munter, und Michel, der Zuschauer war, begriff kaum, wie sie sich so schnell im schottischen Tanze bewegen konnte. Jetzt war der Tanz geendigt, und der korpulente Wirth taumelte erschöpft auf ein Sopha nieder. „Wird man nicht ordentlich wieder jung,“ rief er aus: „so sauer es einem auch ankommt. Daß dich, mein werthes Fräulein Erhard, was Sie springen können! Niemals hätte ich mir bei Ihrer Gottesfurcht so viele Elasticität vermuthet. So gefällt’s mir, wenn man das überirdische Wesen mit dem weltlichen vereinigen kann, denn wahrhaftig, das Herz stirbt in der Demuth und dem weichen Wesen ab, wenn es nicht wieder einmal in Lust und Freude recht aufzappeln kann. Wie ein ganz neues Geschöpf, Fräulein Erhard, kommen Sie mir in meinem Hause hier vor, ich hätte Sie gar nicht wieder erkannt, wenn ich es nicht sonst wüßte, daß Sie es wären.“

Das muntere Fräulein setzte sich zu ihm, und beide betrachteten die tanzenden Paare. Der Rath Alfred bemühtesich sehr um Sophien, die Schwester des Barons, welches dieser nicht ohne Wohlgefallen bemerkte. Die Schenktische waren reichlich mit Erfrischungen versehen, und Diener in reichen Livreen servirten auf silbernem Geschirr. „Nicht wahr,“ schmunzelte Herr von Wilden, der die wohlgefälligen Blicke des Fräuleins wahrnahm: „hier geht es nicht so zu wie drüben, wo sie meistentheils alle beisammen sitzen, wie Adam und Eva vor dem Sündenfalle? Hochherzige Redensarten, apokalyptische Seufzer und eine Wundertinktur von ambrosianischer Wehmuth. Tugend und Andacht zum Zeuche, frommes Gemüth zum Unterfutter, und dann noch mit Reue und Buße aufgeschlagen. Nein, man muß ein bischen sündigen, um sich dann wieder bekehren zu können; nicht wahr, mein hochgeschätztes Fräulein? Die Beine thun Ihnen doch nicht weh? Sie zwinkeln so mit dem Munde.“

„Nein,“ sagte diese, „ich wollte mir nur das Lachen über Ihre sonderbaren Ausdrücke verhalten, denn Sie sind in der That ein arger Sünder; indessen, hoffe ich, werden Sie noch Buße thun.“

„Kommt Zeit, kommt Rath,“ sagte der Baron: „sehn Sie, ich habe mich klug eingerichtet, ich habe in meiner Jugend eine Menge Sünden im voraus begangen, damit ich in meinem Alter hübsch was zu bereuen hätte, um mir nicht, wie mancher Pietist, die Verbrechen aus den Fingern zu saugen, und um nichts und wider nichts Gewissensscrupel zu machen. O, davon kann ich Ihnen noch einmal in manchem Nachmittagsstündchen erzählen, daß Sie Ihr blaues Wunder daran haben sollen.“

„Aber auch dergleichen Reden sind wieder Sünde,“ antwortete das Fräulein.

„Nein,“ rief Herr von Wilden, „durch das Mikroskopmüssen Sie meine Tugend nicht betrachten, sonst werden wir nicht mit einander fertig; denn bei mir geht Alles etwas ins Große, verfeinert sind meine Verdienste so wenig, wie meine Laster. Aber sehn Sie, wie unter allen meinen Gästen der Herr von Böhmer so einsam am Ofen steht, und mitten in der Musik seine Kalender macht! Herr Lieutenant, kommen Sie doch, und tanzen Sie einmal mit einer von diesen Damen.“

„Ich tanze niemals,“ sagte der junge Offizier, indem er näher trat: „auch würde ich nicht hergekommen seyn, wenn mich nicht Fräulein Erhard eingeladen hätte, von der es mir wohl nicht einfallen konnte, daß sie es auf einen tobenden Ball abgesehen hatte.“

„Sollte dem Reinen nicht alles rein seyn?“ fragte das Fräulein mit vieler Salbung.

Alfred, der hinzu getreten war, antwortete: „Gewiß ist dies die richtige Ansicht, und es wäre lustig genug, wenn Herr von Wilden durch das Fräulein, und dieses durch unsern fröhlichen Baron bekehrt würde. Aber Du, Ferdinand (indem er sich an den Offizier wandte), trägst auch nicht eine einzige festliche Miene auf Deinem finstern Angesicht.“

„Ich gehe von hier,“ antwortete dieser, „zur Baronesse hinüber, wirst Du mich begleiten?“

„Nein, mein Freund,“ antwortete dieser, „und ich gedenke auch, diesem Kreise nie mehr zur Last zu fallen; denn diese prunkende Gleißnerei ist mir neulich deutlich genug geworden. Wie danke ich es dem wackern Manne, der mir diese Binde vom Auge schüttelte.“

„Du meinst den Graf Brandenstein?“ sagte jener: „Du nimmst also die Partei des Bösen gegen den Frommen, der Sünde gegen die Tugend?“

„Lassen wir jetzt diese Reden,“ antwortete Alfred, „ich fühle mich, seit ich diesen Mann kennen gelernt habe, mündiger.“

„Wissen Sie denn,“ fiel der Baron ein: „etwas von der Geschichte? Der Wilde, der Amerikaner, soll ja nun angekommen seyn, ein gefleckter, kupfriger Mensch, mit Haaren wie Schuppen oder Stacheln. Auch sagen die Leute, dies unbändige Thier würde die störrige Dorothea heirathen.“

„Man weiß nichts Gewisses,“ sagte Alfred: „der Amerikaner wird übrigens wohl ein Mensch wie alle seyn, und folglich ist sie mit ihm wohl glücklicher, als mit dem Baron Wallen.“

„Den Du nicht zu schätzen verstehst,“ rief der Offizier, indem er sich nach einer kleinen Verbeugung entfernte.

„Sie meinen,“ fuhr der Baron fort: „ein wohlerzogenes Mädchen könnte mit einem solchen See-Ungeheuer glücklich leben? Aber freilich müssen im Leben wohl vielerlei Arten von Glück verbraucht werden, damit Jeder etwas bekommt, was für ihn paßt; und wie ich höre, ist ja die hübsche Dorothea so gottlos, daß vielleicht der gottloseste Menschenfresser für sie nicht zu schlimm ist.“

„Sie sind unrecht berichtet,“ antwortete Alfred, und wollte eine Erzählung anfangen, als die freundliche Sophie herbei hüpfte, um ihn zu erinnern, daß er mit ihr zur Quadrille versprochen sei. Der Baron trank indessen, und versprach dem Fräulein Erhard die nächste Polonaise, auf jeden Fall aber den fröhlichen Kehraus mit ihr zu tanzen.

———

Als man in jener Nacht Dorotheen vermißte, und der Baron die Geschichte seiner unglücklichen Werbung mitgetheilt, gerieth das ganze Haus in die größte Verwirrung.Man sendete Boten mit Lichtern aus, aber alle kamen in der stürmischen Nacht ohne Nachricht wieder. Die Mutter war sehr unruhig, und schien sich Vorwürfe zu machen, daß sie ein heftiges Gemüth, das sie an ihrer ältern Tochter kannte, zu weit getrieben habe. Sie schlief nicht, sondern irrte im Hause umher, und die beiden jüngern Töchter suchten sie zu trösten. Am Morgen erschien ein Bote von der Frau von Halden, der der Baronesse ein Billet übergab, und bald darauf fuhr eine Kutsche vor, aus welcher Dorothea stieg, welche die Mutter mit gezwungener Fassung aufnahm. Man sprach nur wenig, aber kein Wort des Vorwurfes ließ sich vernehmen, eben so wenig konnte die Tochter eine Entschuldigung vorbringen.

Der Baron, welcher Alles ängstlich und verwirrt beobachtet hatte, sagte endlich, als er sich mit der Baronesse allein sah: „Dies Blatt hat ja Wunder gethan! Von allem, was Sie sich gegen das ungerathene Kind vornahmen, ist nicht das Mindeste geschehen, Sie sind im Gegentheil gütiger als jemals gegen sie. Darf ich nicht wissen, von wem es kommt, und was es enthält?“

Die Baronesse erröthete. „Es kommt von dem Brandenstein,“ sagte sie mit ungewisser Stimme: „doch enthält der Schluß die gröbste Verläumdung.“

Der Baron las: „Im Fall Sie, wie ich gewiß hoffe, Ihre edle, trauernde Tochter freundlich aufnehmen, sie unter keinem Vorwande quälen, an die Ehe mit dem Baron Wallen nicht mehr denken, so verspreche ich Ihnen das Capital, welches der Baron an Sie zu fordern hat, und außerdem ein bedeutendes Darlehn, beide ohne Zinsen, auf unbestimmte Zeit. Zwingen Sie mich nicht, gegen Sie aufzutreten, es möchte sonst manches bekanntwerden, was sich nicht zu dem Tugendbilde eignet, das die Welt in Ihnen bewundert. Gewiß darf ich mich unterschreiben

Ihren FreundG. Brandenstein.“

„Dieser Zettel besagt,“ schmunzelte der Baron: „daß unser heroischer Graf über ansehnliche Summen zu disponiren hat, und daß sein amerikanischer Freund oder Schützling, dessen Hofmeister und Verwalter er spielt, so ziemlich blödsinnig seyn mag, ganz so, wie ich mir vom Anfange die Sache gedacht habe. Der edle Mann wird nach Umständen seine Hand tief in den Beutel des fremden Wunderthieres tauchen, und so verschwindet denn bei näherer Prüfung bei jedem aufgedunsenen Cato die falsche Vergoldung, und setzt sich in Kupfer um.“

Die Sache bekam aber doch einen andern Schein, als am folgenden Tage ein Brief des Grafen anlangte, in welchem er für seinen reichen Amerikaner um die Hand Dorotheens anhielt. Er hätte sich überzeugt, so schrieb er, daß sein Freund, da er ihn genau kenne, nur mit diesem Wesen glücklich seyn könne.

Dorothea, die ganz in ihren Gedanken und Empfindungen verloren war, erschrak über diesen Antrag; sie lehnte ihn heftig ab, ihr Herz verzweifelte, daß der Graf, der ihre ganze Seele gesehn hatte, diesen Vorschlag thun konnte. Also kein Gefühl, seufzte sie im Stillen, nicht das kleinste für mich, die ich ihn nur denke und träume.

Auf die abschlägige Antwort der Mutter erfolgte ein noch freundlicherer Brief des Grafen, er bat für seinen Unbekannten, der binnen Kurzem erscheinen würde, nur um die Erlaubniß, sich zeigen zu dürfen, daß FräuleinDorothea ihn so viel würdigen möge, ihn und seine Gesinnungen kennen zu lernen.

Auf diesen Antrag hatte Dorothea nichts erwiedert. Im stummen Schmerz beachtete sie die Zeit nicht, und ihre Angehörigen mußten ihr anzeigen, es sei nun Tag und Stunde da, in welcher der sonderbare Freiwerber auftreten würde. Frau von Halden war als Freundin zugegen. Ein Postzug englischer Pferde sprang vor, ein kostbarer Wagen und Domestiken erschienen. Dorothea war im Gartensaal einer Ohnmacht nahe. Brandenstein trat hochzeitlich geschmückt in der Schönheit des Mannes herein. „Und ihr Freund?“ fragte die Mutter. „Nur die theure, geliebte Dorothea ist es,“ antwortete er, auf diese zueilend: „von welcher mein Scherz Verzeihung erflehen muß, ich bin der Amerikaner selbst, jene Herrschaft ist nun endlich mein, und meinem Glücke fehlt nur noch ein Wort von diesem holdseligen Munde.“

Dorothea blühte auf, sah ihn mit einer Thräne im glänzenden Auge an und reichte ihm ihre Hand. „Wir fahren sogleich, meine Theuern,“ indem er Alle begrüßte: „auf das nächste Gut, welches bisher der Frau von Halden zugehörte: ich habe die Erlaubniß zur Trauung, das Haus ist geschmückt, der Geistliche wartet.“

Nur der Brautkranz ward dem Mädchen in das Haar geheftet, dann stiegen Alle in den Wagen. Der Graf umarmte seine Braut, und drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen. „Durfte ich diese Seligkeit hoffen?“ sagte er mit Thränen: „mußte mir die Liebe dieser reinen Seele begegnen? Dasselbe Kind wird die Freude meines Lebens, welches ich vor Jahren, neben Deinem theuren Vater sitzend, auf den Knieen wiegte? Sieh, hier bist Du in jener Sturmnacht verzweifelnd gewandelt.In demselben Zimmer erwartet uns der Geistliche, in welchem Du damals der Freundin das Bekenntniß ablegtest, das mich wie Blitze durchdrang.“

Dorothea war so glücklich, so vom Schmerz zur Wonne erwacht, daß sie nur wenig sprechen konnte. — Die ganze Provinz ertönte von dem Reichthum des Grafen, von dem wunderbaren Glück des Fräuleins, und alle Nachbarn waren Zeugen dieser glücklichen Ehe.

Als Alfred sich mit Sophien verlobte, meldete auch der Baron Wilden seine Verbindung mit dem Fräulein Erhard. Den Freunden, die sich darüber wunderten, antwortete er: „Seht, besten Leute, Einsamkeit und Langeweile machen viele Dinge möglich; dazu hat meine Braut viele gute Eigenschaften, und ist viel lustiger geworden, als sie ehemals war. Auch bemüht sie sich außerordentlich um meine Bekehrung, und das ist nichts Leichtes, da in meinem fetten Körper meine Seele so viel tiefer liegt, als bei andern Menschen. Ich bin nun auch bald auf meine Weise fromm, sorgt nur dafür, daß die Sache hübsch in der Mode bleibt, damit ich nicht wieder einmal, wie ein Krebs, rückwärts gehn muß.“

Nach einiger Zeit fanden der Baron Wallen und die Baronesse es auch besser, sich durch die Ehe zu verbinden, da er keine der Töchter erhalten konnte, und ihm der Umgang dieser Familie doch unentbehrlich geworden war.

Alfred lebte nachher viel im Hause des Grafen, dessen Geschäftsträger er war, und noch oft erinnerte sich Brandenstein mit Entzücken, daß das Schicksal es ihm gegönnt habe, in seiner Gattin die edle Perle zu finden, die von ihrer ganzen Umgebung und von den nächsten Blutsverwandten so gänzlich verkannt wurde.

Es war an einem schönen Sommernachmittage, als drei junge Männer in lebhaften Gesprächen im schattigen Lindengange auf- und niederwandelten. Keiner kannte den Andern genau; noch weniger waren sie Freunde: und daher betraf ihre Unterhaltung auch nur unbedeutende Gegenstände. Doch wurde laut und sogar heftig gesprochen, weil der jüngste der Redenden es seinem Charakter und ausgezeichnetem Verstande angemessen hielt, seine Gedanken und Meinungen nicht ruhig, sondern in einem gewissen zänkischen und anmaßenden Tone vorzutragen, durch welchen er vielleicht seine Gegner eher zum Schweigen zu bringen, wenn auch nicht zu überzeugen glaubte. Sie sind, wie Sie mir gesagt haben, Arzt (so rief er eben jetzt aus), und als ein solcher haben Sie sich seit Jahren gewöhnt, das ganze Menschengeschlecht aus dem Gesichtspunkte der Kränklichkeit anzusehen. Wir Gesunden aber werden uns gewiß nicht so leicht, Ihrem Metier zu Gefallen, unsre feste Ueberzeugung nehmen lassen.

Mein Herr von Wolfsberg, erwiederte der Arzt, von meinem Metier, wie Sie es zu nennen belieben, kann hier gar nicht die Rede seyn.

Ja wohl, sagte der dritte Sprechende, welcher der Ruhigste schien. Wie kommen wir denn überhaupt dazu,zu streiten? Wir reden ja nur über allgemeine Gegenstände, die unmöglich einen von uns persönlich aufreizen können.

Warum nicht, mein ruhiger Herr Justizrath? rief der Baron noch lebhafter aus; denn gewiß können wir über die Leidenschaften nur dann etwas Bedeutendes aussprechen, wenn wir sie im eignen Herzen erfahren haben, und es scheint wohl, daß Sie alle Ihre klügelnden Beobachtungen nur aus mittelmäßigen Büchern schöpften.

Wenn Sie die Sache schon vorher abgemacht haben, antwortete der ruhige Mann, so thäten wir wohl besser, das ganze Gespräch zu schließen.

Es wandelt sich in der anmuthigen Kühle gut, sagte der Arzt; ereifern wir uns nicht, gönnen aber dem HerrnBarondiese Motion, die ihm nach dem Mittagsmahle wohl zuträglich seyn mag, da lebhaftere Geister und Temperamente auch im Verlauf des Tages mehr Lebenskraft verbrauchen, als wir übrigen.

So ist es, erwiederte der Baron mit vieler Selbstgenügsamkeit. Und ist es denn wohl anders mit der Liebe, über welche sich unser Streit anhob? Will ich es denn den sanften, stillen Gemüthern zum Vorwurf machen, wenn sie meinen und behaupten, ein einziger Gegenstand könne ihre Seele für die ganze Lebenszeit ausfüllen? Giebt es doch auch Menschen, die nur wenige Gedanken brauchen, noch weniger Bücher; die einen Monat lang sich an einer Flasche Wein vergnügen; die bei einem Schmause anderthalb Austern verzehren, und wenn sie in jedem Frühling einen Spaziergang mit der ganzen auferbauten Familie gemacht haben, die Natur dann wieder, wie eine Bude, bis zum künftigen Jahre verschließen. Lassen wir diese genügsamen Lämmerseelen in ihrer stillenFriedfertigkeit; nur stelle man sie uns nicht als Muster hin, wenn sie sich in grünen Tagen in eine verblaßte Amarillis vergaffen, und nachher mit erkaltetem Herzen in alberner Treue ihr Leben verwinseln, stolz sind auf diese felsenfeste Tugend, und auf feurige Gemüther, auf Herzen, die der Fülle und des jugendlichen Wechsels bedürfen, mit moralischer Verachtung hinab blicken wollen.

Nach einigen Erwiederungen ließ man dies Gespräch fallen, weil es deutlich wurde, daß der Edelmann nur sich selbst und seinen Leidenschaften das Wort reden wollte. Wohin gedenken Sie von hier zu reisen? fragte endlich der Arzt.

Ich weiß es selbst noch so eigentlich nicht, antwortete der Baron: und wenn ich es auch wüßte, so würde ich es Ihnen nicht sagen.

Warum das?

Weil das eben, fuhr jener fort, auch zu meinen Eigenthümlichkeiten gehört, weßhalb mich so viele bürgerliche Menschen mit dem Namen Genie verlästern wollen. Wenn ich so recht eigentlich zur Lust reise, so halte ich mir die ganze Welt mit ihren erfreulichen Zufällen offen; ohne Paß, ohne Briefe, ohne Bedienten oder Kutscher, ohne alle die Zugaben, die unser Leben nur belästigen, tauche ich, wie die Schwalbe in die blaue Luft, in die Schönheit der Natur hinein, und hinter mir muß jede Spur, so wie die der Welle im Strome, verschwinden. An einige Häuser ist schon im voraus geschrieben, wo ich Gelder finde, wenn ich sie brauche, doch führe ich so viel mit mir, als ich nöthig zu haben glaube. Dient es mir, so wechsle ich auch mit meinem Namen; und so wissen Sie von mir nur so viel, als ich für gut befunden habe, Ihnen mitzutheilen, und können nicht darauf wetten,daß der Name, den ich Ihnen genannt habe, mein wirklicher sei.

Sie können, sagte der Justizrath, auf diese Weise aber neben manchen angenehmen Zufällen auch auf sehr widerwärtige stoßen.

Jede Verwicklung wird sich doch nur lustig lösen, und wer die Menschen will kennen lernen, sollte durchaus nur in meiner Manier reisen.

Der Arzt konnte sich nicht entbrechen, die Frage zu thun: Was nennen Sie Menschenkenntniß? Da Sie die meisten Menschen schon vor der Untersuchung fürNarrenhalten, so lohnt es sich schwerlich der Mühe, sie noch zu beobachten.

Zugegeben, rief jener, Sie thäten mir nicht so ganz Unrecht; ist denn nicht noch immer an den verschiedenen Modificationen eines und desselben Stoffes zu lernen? Ist es denn nicht auch erhebend und beruhigend, sich selbst an diesem und jenem zu messen? Das scheint mir eben die ächte Humanität, keinen zu verschmähen, und aufzumerken, welche Thorheit wir schon abgelegt haben, welche wohl noch unentwickelt in uns ruht, zu welcher wir keine Anlage spüren, warumwiruns für besser als andere halten dürfen, um so in uns hochfahrenden Stolz und kleinmüthige Bescheidenheit in das gehörige Gleichgewicht zu setzen.

Dann thäten Sie aber vielleicht besser, erwiederte der Arzt mit übertriebener Höflichkeit, sich gleich an die wahre Quelle zu begeben, und sich die mühseligen Umwege zu ersparen.

Und wo flösse diese?

Wie die Engländer, fuhr der Arzt fort, sich in Deutschland gern in Pension geben, um unsere Sprachezu lernen, so sollte ein Kosmopolit, der sich so für das, was man Narrheit nennt, begeistern kann, geradezu vor die rechte Schmiede gehn, und sich ein Jahr lang in einem gut versehenen Narrenhause als Kostgänger verpflegen lassen.

Sie sind ein Arzt! rief der Baron in der größten Erbitterung: man sagt mir, Ihre Reise sei auf diese Anstalten gerichtet, vielleicht um die zu finden, die Ihnen am meisten behagt, und sich dort niederzulassen. — Er warf noch einen grimmigen Blick, dann eilte er schnell den Lindengang hinunter.

Sie haben unsern edeln Unbekannten überrascht, sagte der Justizrath: wir werden seine theuere Gesellschaft darüber verlieren.

Er ist unerträglich, rief der Arzt aus. Sie haben es selber gehört, welche Geschichten er von sich an der Wirthstafel erzählt, wie alle Weiber ihm entgegen kommen, mit welcher Leichtigkeit er Liebschaften anknüpft und wieder löst. Gestern vertraute er mir, daß er seine Heimath plötzlich verlassen habe, weil ein unglückliches Mädchen gegründete Ansprüche an ihn mache. Die Arme wird nun vielleicht mit einem Kinde ihres Jammers nach ihm aussehn, indessen er sich mit seiner feigen Gewissenlosigkeit wie mit einer Tugend brüstet, und nach neuen Schlachtopfern seines verderbten Herzens sucht.

Der Justizrath meinte, er sei vielleicht nicht ganz so schlimm, sondern möge wohl zu jener armseligsten Gattung von Prahlern gehören, die sich mit einer Verworfenheit brüsten, zu der ihnen doch der Muth ermangle.

———

Der junge Baron war indessen zornig ins Feld gelaufen. Er mußte sich seine Verdienste in den glänzendsten Farben dicht vor das Auge rücken, um seinen Verdruß zu überwinden. Indessen stellte sich bald seine gute Laune wieder ein, besonders durch Aussicht auf ein nahes und freundliches Abenteuer, das seiner Eitelkeit schon im voraus schmeichelte. Auf dem Walle, welchen große Linden schmückten, hatte er hinter einem Gitterfenster ein schönes blondes Köpfchen, einen blendenden Hals und Nacken bemerkt; schöne Augen hatten ihm nachgesehn, ein freundlicher Mund hatte ihn angelächelt, und ein dreister Gruß war ihm endlich bei seinem dritten Vorüberwandeln entgegen gekommen. Er hatte die Schöne auch in der Ferne nicht ganz aus dem Gesichte verloren: er wollte nur die zunehmende Dämmerung und die größere Einsamkeit der Gegend abwarten, um sich ihr zu nähern, Bekanntschaft zu machen, und sie, wenn die Umstände sich günstig erwiesen, zu besuchen. Er betrachtete sich selber wohlgefällig und ging mit Behaglichkeit die Scenen seines bunten Lebens durch, indem er sich vornahm, daß diese phantastische Reise ihm noch angenehmere Abenteuer zuführen solle.

Wieder schaute das Lockenköpfchen durch das Gitter, lächelte, winkte und zeigte sich sehr erfreut, als es den geputzten, schlanken Spaziergänger von Neuem vorbei gaukeln sah. Der Abend nahte schon, die Sonne ging unter. Er benutzte die Einsamkeit, um zu grüßen, stehn zu bleiben, und mit fragender Geberde auf die Thür zu deuten. Sie nickte und entfernte sich schnell. Er öffnete die Thür und stieg die Treppe hinauf. Sie empfing ihn oben; „nur leise, leise!“ flüsterte sie, indem sie ihn in ihr Zimmer führte. So viel er in der Dunkelheit unterscheidenkonnte, fand er das Gemach zierlich ausgeschmückt; er bemerkte, daß seine Führerin in Atlas gekleidet war. „Liebchen!“ sagte sie mit leiser Stimme, „gedulde dich hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei dir; ich will mich nur putzen und Licht bringen. Aber rühre dich nicht, daß meine Feinde dich nicht gewahr werden!“

Mit diesen Worten ging sie in ein Nebenzimmer. Dem Abenteurer fing an, unheimlich zu Muthe zu werden. Da schlich man leise die Treppe herauf. Er besorgte einen Ueberfall und wußte nicht, welchen Entschluß er fassen sollte; doch trat Niemand ein, aber er wurde zu seinem Erstaunen gewahr, daß man von außen die Thür verschloß. Als er jetzt von unten eine männliche Stimme zu einem andern sagen hörte: er ist drinnen; er kann uns nicht entwischen! so sträubten sich ihm die Haare vor Entsetzen. Sein Schauder wurde aber noch vermehrt, als jetzt die Schöne mit einer brennenden Wachskerze wieder in das Zimmer trat. Hals und Busen waren fast ganz entblößt und schimmerten wie Marmor; ihr Auge strahlte in seltsamem Glanze, ein Diadem von Goldpapier stand auf dem Haupte, große Glasperlen hingen auf den weißen Schultern, Stroh und Blumen rankten sich um den Leib. So schritt sie mit Lachen und wilder Geberde auf den Geängsteten zu, der seine Gedanken noch nicht ordnen konnte, als die andere Thür wieder aufgeschlossen wurde, die räthselhafte Schöne mit einem lauten Schrei das Licht fallen ließ, und zwei starke Männer den Verwirrten in der Dunkelheit faßten, ihn die Treppe mehr hinunter trugen als führten, und ihn unten schnell in einen offen stehenden Wagen warfen. Ehe er noch fragen, sprechen, sich besinnen konnte, war die Thür des Wagens zugeschlagen, und im schnellstenTrabe fuhr dieser mit ihm durch die finstre Nacht über das Feld davon.

———

Am andern Morgen kam der Arzt in Eile und großer Bewegung zum Rathe. Was ist Ihnen? fragte dieser: es muß etwas Außerordentliches begegnet seyn. Theuerster Walther, rief der Arzt aus, unser Beisammensein, mein Aufenthalt wird plötzlich auf die unangenehmste Weise gestört und unmöglich gemacht. Sie haben ja zuweilen einen jungen Menschen in meiner Gesellschaft gesehen, der uns oft genug lästig fiel. Dieses Original, schon einfältig, stumpf und zugleich leidenschaftlich von Natur, durch eine verwahrlosete Erziehung aber völlig zum Thoren gemacht, ist mir von seinem Vater, einem reichen Grafen in Schwaben, in der Hoffnung anvertraut worden, daß eine Reise unter meiner Aufsicht ihn vielleicht bessern und von seinem verwirrten Zustande befreien könnte. Ich nahm damals diesen mißlichen Auftrag sehr ungern über mich, und würde mich gar nicht darauf eingelassen haben, hätte ich die unzähligen Verdrießlichkeiten vorher sehn können, die mit demselben verknüpft sind. Das hätte ich aber niemals vermuthet, daß dieses drückende Verhältniß mich von Ihnen trennen und meine Freiheit völlig aufheben würde.

Aber wie ist dies möglich geworden? fragte der Rath.

Sie sollen es gleich hören, war die Antwort. Nachdem dieser junge Mensch schon tausend Händel angezettelt, die ich wieder habe schlichten müssen, oft durch Geld, zuweilen mit guten Worten, immer aber auf Unkosten meiner Zeit und guten Laune, hat er es seit gestern Abend für gut gefunden, sich unsichtbar zu machen. Ich habeschon zu allen Bekannten geschickt, auf der Post Erkundigung eingezogen, in allen Wirthshäusern nachgefragt: aber man will nirgend von ihm wissen. Es würde mir keine große Sorge machen, wenn er nicht Mittel gefunden hätte, Schrank und Schatulle zu öffnen, und hundert Goldstücke, so wie bedeutende Wechsel mitzunehmen; dies überzeugt mich, daß er gesonnen ist, seine Bekanntschaft mit mir nicht zu erneuern, so lange diese Summen vorhalten. Ich darf den Thörichten nicht seinem Schicksal überlassen, sondern muß ihn wieder zu finden suchen; dies ändert mein Reiseprojekt. Ungern nur würde ich ihn in öffentlichen Blättern auffordern und kenntlich machen.

Und Sie glauben nicht, fragte der Freund, daß er mit diesem Gelde in seine Heimath zurückgekehrt sei?

Auf keinen Fall, erwiederte der Arzt; es liegt ihm zu viel daran, frei und ungehindert in der Welt umher zu schwärmen. Seine Leidenschaft ist, allenthalben Händel anzufangen und in gemeinen Trinkstuben Zank zu erregen; er freut sich dann, einige Stunden auf der Wache zu sitzen, um nachher als Graf Birken ausgelöst zu werden. Am schlimmsten aber ist es, daß er mit Kammermädchen und Aufwärterinnen Liebeshändel anspinnt und ihnen die Ehe verspricht; und ich muß am meisten fürchten, ihn auf diese Weise verheirathet wieder zu finden.

Und was denken Sie nun zu thun?

Ich muß ihn aufsuchen, und wenn ich ihn in einigen Wochen nicht wieder antreffen sollte, die ganze Sache seinem Vater melden.

Ein Diener trat eilig herein, gab dem Rathe einen Brief und entfernte sich wieder. Walther las und wurde nachdenkend. Verweilen Sie noch zwei Tage hier, sagte er endlich, und ich reise vielleicht mit Ihnen. Ich sucheebenfalls einen Verlornen, der mir und seinen Freunden schon seit Jahr und Tag aus dem Gesichte gekommen ist, einen jungen Mann, der Ihrem Entflohenen freilich auch nicht auf das Entfernteste gleicht. Ich glaube jetzt auf seiner Spur zu seyn, und wenn Sie unterdessen den Entsprungenen nicht wieder kommen sehen, oder keine bestimmte Nachricht über seinen Aufenthalt empfangen, so könnten wir die Reise, die wir uns vorgesetzt hatten, immer noch in Gesellschaft unternehmen.

Der Arzt war derselben Meinung, und man versprach sich, am andern Tage eine nähere Abrede zu treffen.

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Der verschlossene Wagen fuhr mit dem jungen Baron die ganze Nacht hindurch fort. Allenthalben waren schon Pferde in Bereitschaft, und da der Mond sehr hell schien, konnte man so schnell, wie bei Tage reisen. In den dicht verhängten Wagen fielen nur wenige Strahlen hinein; doch bemerkte der Entführte, daß ein Mann an seiner Seite, und ein anderer ihm gegenüber saß. Als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, wollte er seinen Gesellschaftern Rede abgewinnen; aber sie beantworteten keine seiner Fragen oder Bemerkungen. Wohin führt man mich? rief er endlich in der größten Ungeduld. Ruhe! antwortete der starke Mann, Alles wird sich aufklären. — „Man verkennt mich, man verwechselt mich mit jemand anderm!“ — „„Nichts weniger.““ — „Was hat man mit mir vor?“ — „„Morgen am Ort Ihrer Bestimmung werden Sie Alles erfahren.““


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