Vor Hochmuth ist er übergeschnappt, rief der Pfarrer; allons! fort mit ihm! — Fort mit ihm, schrie der ganze Haufe. Die Reiter hatten schon ein drittes, lediges Pferd herbei geschafft; Walther ward hinauf gepackt, und ehe er noch sagen konnte, daß sein Wagen vor dem Dorfe halte, trabten seine Begleiter mit ihm fort: denn das Singen und Schreien der Menge, die betäubende Musik, und die Glocken, welche die Ceremonie einläuteten, machten für jetzt jede Erörterung unmöglich. Walther mußte gezwungen den Weg zur neuen Behausung seines Freundes antreten; der Pfarrer aber schleppte als Sieger seinen mühsam errungenen Schwiegersohn in die Kirche, mit dem Vorsatz, sich späterhin lieber jeder Verantwortung zu unterziehn, als das Horoskop Lügen zu strafen!
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Der neue Director Anselm hatte sich indessen um seinen kranken Collegen bemüht, und es war ihm auch gelungen, den alten Mann wieder ziemlich zu beruhigen. Dieser sah seinen Zustand ein, und fühlte sich beschämt, daß er so leicht jenem Gelüste nachgegeben, welches ihm noch kürzlich der Prediger als so gefährlich geschildert hatte. Er besaß in der Nähe ein Landhaus, auf welches er sich verfügte, und Anselm sah ihn gern abreisen, weil er überzeugt war, daß die schnell erzeugte Unpäßlichkeit in einigen Tagen auf immer verschwinden müßte.
Jetzt ward eine Gesellschaft von Reisenden gemeldet, die das Haus besehn wollten. Anselm ging ihnen entgegen, sie zu bewillkommen, und zugleich zu entschuldigen, daß ihre Neugier sich diesmal mit einem einzigen Vernünftigen begnügen müsse. Voran in den Saal trat ein langer alter Herr, dem die Uebrigen große Verehrung bezeigten; er führte an seinem Arm ein phantastisch geschmücktes Frauenzimmer, die dem Arzte bekannt schien, obwohl er sich ihrer nicht gleich erinnern konnte. Ein breitschultriger junger Mann folgte, und als letzte Begleiterin schlich ein blasses, krankes Mädchen nach, die Strickkorb und Tuch ihrer lachenden und übermüthigen Gebieterin demüthig trug.
Wir kommen, sagte der angesehene Mann, Ihre Anstalt zu betrachten; meine junge Gemahlin hat dergleichen noch niemals gesehn, und der Bruder meiner Frau hat noch andere philosophische und künstlerische Absichten bei dieser Reise.
Sind die Narren aber auch nicht fürchterlich? fragte die junge Dame; ist man nicht auch in Gefahr angesteckt zu werden?
Anselm erzählte ihnen die unglückliche und doch lächerlicheBegebenheit, worauf der alte Herr sehr betreten und erblaßt zurück fuhr und ausrief: wie? Alle entlaufen? Schrecklich! Und auch ein gewisser Baron Linden unter den Geflüchteten?
Ja wohl; leider, sagte der Arzt, indem er den Sprechenden näher ins Auge faßte.
Das ist ein Jammer, rief der robuste junge Mensch aus; so bin ich denn vergebens hieher gereiset? Mir fallen jetzt bei unserm Theater die wichtigen Rollen des Macbeth und Lear zu, und für diese möchte ich so gern hier meine Studien machen; denn seit unser Großprahler, der Adlerfels, so ganz verschollen ist, und man nirgend von ihm hört (Schade um den übrigens guten Künstler!), so muß ich doch nothwendig die Lücke ausfüllen, die mit seinem Verlust bei uns entstanden ist.
Du solltest ihn nicht nennen,mon frère, sagte die Dame: sieh nur, wie Fanny wieder von Erinnerung ergriffen wird.
Auf den großen Mann, sagte der Bruder, hätte sich das Köpfchen ja doch niemals Rechnung machen dürfen.
Friedrich, der auch zugegen war, sagte: es ist außer mir Niemand im Hause, als der berüchtigte Graf Birken; den haben sie vor Kurzem mit Gewalt wieder zurück geschleppt.
Graf Birken? rief der Arzt höchst erfreut aus; o diesen führe sogleich zu mir, guter Mann. Zugleich winkte er den Baron in ein Fenster, um im Geheimen mit ihm zu sprechen: ich habe die Ehre, fing er an, den Herrn Baron Eberhard vor mir zu sehn. Jener verbeugte sich. Wenn Ihr Neffe, fuhr der Arzt fort, jetzt sich wieder fände, würden Sie gewiß seiner Verbindung mit Fräulein Blanka nichts mehr in den Weg legen. — Wenn ernoch lebte, der liebe Jüngling, sagte jener süßlich, und sie den Verstand wieder gefunden hätte, — doch scheinen das unmögliche Dinge zu seyn! — „Doch nicht viel unmöglicher, sagte Anselm, als daß dieser nämliche Neffe lange als Baron Linden hier im Hause gelebt hat.“ — „„Ei! was Sie mir sagen!““ — „Sie mußten es doch wohl wissen, da Sie sich gleich so angelegentlich nach dem jungen Linden erkundigten.“ — „„Ich? Ja, sehn Sie einmal, — daß ich nicht wüßte,““ — stotterte jener.
Sie sind ein so berühmter Christ, fuhr Anselm fort, Ihre Frömmigkeit und Menschenliebe sind so exemplarisch, daß Sie ganz gewiß in alle meine Bitten und Vorschläge willigen werden, da ich es gleich gut mit Ihnen, wie mit Ihrem Neffen meine.
Je, du mein Himmel, ächzte der Baron, wir sind ja alle gute Menschen. Wann ich nur erst wüßte, wodurch ich die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu seyn.
Die arge Welt könnte glauben, fuhr Anselm leise im sanftmüthigsten Tone fort, Sie hätten es auf das Vermögen Ihres lieben Neffen angesehn, besonders weil ein alter Schuft sich nicht entblödet, auszusagen, ein gewisser Pankraz —
O der Galgenschwengel! rief der Baron: was sagt er aus? der soll mir Alles bezahlen!
Sehn Sie einmal, indem Anselm die Bogen aus einander faltete, diese weitläuftige Anklage, vor Zeugen ausgesagt und unterschrieben. Es ist entsetzlich! Was gewinnt aber ein frommes Herz, wie das Ihrige, dabei, einen solchen Menschen zu bestrafen? Nein; sammeln Sie feurige Kohlen auf sein Haupt; belohnen Sie ihn großmüthig und übermäßig, daß er in sich geht, und an Ihrem Edelmuth hinauf staunend, an Tugend glauben lernt.Sie könnten ihm wohl ein Häuschen, ein kleines Capital, eine mäßige Wiese und einige Aecker schenken, wie ihm ein sonderbarer Mann, der seit gestern Gerichtspräsident hier drüben in der Stadt ist, etwas voreilig in Ihrem Namen schon versprochen hat: ein gewisser Walther, er hat auch die Ehre, mit Ihnen verwandt zu seyn, und denkt Ihnen auch die Mühe abzunehmen, künftig noch des Vermögens wegen, das Ihrem Neffen zusteht, Sorge zu tragen.
Je du mein Gott, ja, — Alles herzlich gern! seufzte der Alte kaum hörbar.
Wie wäre es denn nun noch zuletzt, theuerster Mann, den ich immer mehr verehren muß, wenn Sie auch Ihren armen Sohn, den Theophil, legitimirten, und ihm ein anständiges Auskommen gewährten. Würde Ihr Herz darüber nicht eine unbeschreibliche Freude empfinden?
Ach ja, sagte jener, eine unbeschreibliche Freude, und da Sie es wünschen — und Sie eine gewisse Art zu bitten, — und zum Herzen zu sprechen haben, — o Himmel! die Thränen stehn mir in den Augen, daß ich eine solche Bekanntschaft gemacht habe.
Ich bin im Innersten gerührt, erwiederte Anselm. Sie umarmten sich herzlich, und der Baron wischte sich die Tropfen des kalten Angstschweißes von der Stirn; lange bin ich nicht so bewegt gewesen, seufzte er, und blickte zum Himmel. Und ich, erwiederte Anselm, habe auch, so lange ich lebe, an keinem so großen Herzen gelegen.
Der Baron trat zur schäkernden Gattin. Sie werden, sagte er fromm, in diesen Tagen einen Sohn von mir kennen lernen: auch ist mein Neffe wieder gefunden, und ein alter Diener Pankraz wird das kleine GütchenLiebendorf erhalten, welches Sie dem Pachter verkaufen wollten.
Das ist ja viel in einer kleinen Viertelstunde, sagte sie, und maaß den Director mit großen Augen.
Es geht fast zu, wie im Lustspiel, sagte dieser.
Ja, sagte der Baron, der Herr Director haben mir Eröffnungen gemacht, und auf eine Art —
Hier kommt Graf Birken, schrie Friedrich; er wollte sich erst gar nicht dazu bequemen.
Wolfsberg trat herein; der Arzt ging ihm entgegen, aber beide fuhren in demselben Augenblicke vor einander zurück. Sie, Herr von Wolfsberg hier? unter diesem Namen? Und so verwandelt? so abgefallen? So drückte mit wiederholten Ausrufungen der Arzt sein Erstaunen aus. Die Uebrigen im Saale waren nicht ruhiger. Fanny lag in Ohnmacht, und Wolfsberg, der jetzt erst die Gruppe sah, machte sich aus den Armen des umhalsenden jungen Mannes, der einmal über das andre: mein Adlerfels! rief, los und eilte der Niedergesunkenen zu Hülfe. Er kniete zu ihr nieder, er legte ihr Köpfchen auf seinen Schooß: o meine geliebte, meine theuerste, meine einzige Franziska! rief er in den zärtlichsten Tönen; entziehe Dich mir jetzt nicht wegen meiner Missethat, entfliehe mir nicht, denn ich bin kein Herzloser mehr: ich kehre zu Dir zurück, wenn Du mich noch würdigest, mich Dein zu nennen! Ich bin ja aus meinem tiefen Elende zu mir selber erwacht; o so erwache denn auch Du zu diesem Leben wieder!
Franziska schlug die ermatteten, aber schönen Augen auf. Sie konnte an ihr Glück nicht glauben, daß sie in dessen Armen lag, der sie mit so grausamem Hochmuthe von sich gestoßen hatte. Du mein? stammelte sie; gewiß?
Ja, mein süßes Herz, erwiederte Wolfsberg, der sich nun als Adlerfels ausgewiesen hatte; ja ich kehre mit Dir zurück, Du wirst meine Gattin, und alle Schmerzen, allen Hohn, den Du um meinetwillen ertragen hast, will ich Dir vergüten, wenn ich es vermag. Und unser Kind, das arme Würmchen, lebt es denn noch?
Die liebe Bertha, sagte die Entzückte, ist zu Hause, bei meiner Schwester. Gott! wie wird sich Alles freuen!
Ich gratulire, Fanny, sagte die gnädige Frau: nun gieb mir nur Strickkorb und Shawl her, daß ich es selber trage.
Bruder, rief der andre Schauspieler, wie wird das Publikum sich freuen, Dich in Deinen Effect-Rollen wieder auftreten zu sehn.
So eben, rief Friedrich herein springend, haben sie noch einen ganz neuen Narren eingefangen. Das geht scharf her.
Walther trat lachend ein und man verständigte sich sogleich. Anselm stellte ihn dem Baron vor und sagte ihm kurz, daß das edle Herz des frommen alten Herrn in Alles gewilligt habe, was er nur irgend als Mensch oder Rechtsgelehrter von ihm fordern könne. So laßt uns denn, rief Walther, nach dem Dorfe zurück kehren, von dem ich eben herkomme, denn wenn meine Augen nicht ganz zu Lügnern geworden sind, so haben sie dort meinen geliebten Raimund erblickt.
Wirklich war es Raimund gewesen, den Walther erst erspäht hatte. Stumm und in sich gekehrt hatte der Jüngling das Haus verlassen. Er begriff nicht, was ihm geschah; er wußte auch nicht, wo er hin wollte. So ging er dem Fußsteige nach, der ihn bald in den Wald führte. Er sann seinem verschwundenen Leben nach, und ihmward fromm und heilig zu Sinne. War es doch, als fielen verhüllende Schleier von seinem Gemüthe und Herzen herunter. Er kam an einen grünen runden Platz im Walde, wo er sich unendlich bewegt fühlte. Er sah sich um, um sich zu erkennen, und eine alte Birke, in welcher noch die Namenszüge, die er einst eingegraben, fast unkenntlich verwachsen waren, erinnerte ihn an Alles. Er war noch ein Kind gewesen, als er hier einmal von seiner theuren Mutter Abschied genommen hatte; bis hieher hatte er sie begleiten dürfen, und von dieser Stelle kehrte er mit seinem Vater wieder nach dem Schlosse zurück. Er ahndete damals nicht, daß er nach einem Jahre schon beide Aeltern beweinen sollte. Das Gut wurde nachher vom Oheime vortheilhaft verkauft, und Raimund hatte seit seiner Kindheit diese Gegend nicht wieder gesehn. So wie er jetzt zu diesen Erinnerungen immer deutlicher erwachte, wie die Sehnsucht nach den Scenen seiner Kindheit, nach dem Kirchhofe, wo seine Aeltern ruhten, in ihm wuchs; so empfand er es, wie jene dumpfe Angst immer mehr verschwand, die bis dahin seinen Geist wie in einem finstern Kerker eingefangen hielt. Er verließ den Wald, da lag der kleine Fluß vor ihm, der vom Wohnsitze seiner Kindheit herströmte. Alle Wogen schienen ihn zu grüßen, jede Blume am Ufer ihm einen kindlichen Gruß zuzunicken. Da fand er schon die Mühle im engen Thal, die ihm als Knaben mit ihren rauschenden Rädern so wunderbar erschienen war. Sie ist ja jetzt nicht weniger wundervoll, sagte er zu sich, wenn ich gleich weiß, was und wozu sie da ist. Er ging vorüber, und wollüstige erleichternde Thränen strömten aus seinen Augen. Da war der Bergschacht, der ihm so entsetzlich vorgekommen war; er ging dicht hinan, und erinnerte sich der grauenvollen Sagen,die von ihm im Lande umgingen. Nun sah er schon den wohlbekannten Berg seines Geburtsortes, die rothe hohe Felswand und die von oben herabhangenden Bäume. Da schimmerte auch schon das Dach des Schlosses herüber. Es schmerzte ihn, daß er nicht in das Thor vertraut eintreten dürfe, daß fremde Menschen, die er nur wenig kannte, in den Zimmern wohnten, wo seine Wiege gestanden, wo sein Vater ihm vorgelesen, wo seine Mutter ihn in einer Krankheit auf ihrem Schooße eingesungen hatte. Auf dem Kirchhofe kniete er mit Andacht an der Gruft. Er nahm sich nun fest vor, seine Freunde wieder aufzusuchen, und nachzuforschen, wer ihm das Schicksal bereitet haben könne, das ihm erst jetzt seltsam erschien. Doch mußte er, ehe er weiter ging, die einsame Wiese hinter des Pfarrers Garten besuchen, den Spielplatz seiner Kindheit, wo er unter der hohen Linde so manchmal im grünen Grase halb eingeschlummert war, auf das Säuseln der Blätter, das Summen der Bienen, und das Plätschern des nahen Baches horchend, wo Alles wie süßer Geistergesang ihn anredete, und er noch lieblicher aus seinen Träumen Antwort gab. Nun stand er wieder unter dem Baume, und eine himmlische Müdigkeit ergriff ihn, wie damals; er tauchte die brennenden, thränennassen, jetzt so bleichen Wangen in das kühle grüne Gras, und die Bienen schwärmten im Baum, die Blätter schwatzten mit ihnen, das Flüßchen erzählte sich selbst eine alte Geschichte, und er entschlief wieder, wie in der Kindheit. — —
Ein Wagen hielt am Dorfe. „Willst du ruhen, mein Kind?“ — fragte die Mutter. — „„Ja, aber im Freien.““ — „Bist du auch wohl genug?“ — „„O Sie sorgsame, treue, mütterliche Pflegerin, antwortete die Tochter, Sie sehn ja, wie es mit meiner Gesundheit mit jedemTage besser wird. Vertrauen Sie mir nur mehr, damit ich mir auch selber wieder vertraue. Nein, Geliebteste, jene trübe Zeit wird niemals wieder kehren; aber ich fühle es, durch diesen fürchterlichen Zustand mußte sich meine Krankheit arbeiten, damit ich wieder genesen konnte.““ — Bist du dessen so gewiß, meine Tochter? Dann möchte ich Gott mit Thränen für die Verzweiflung danken, durch welche er mich damals geprüft hat.
Gewiß, liebe Mutter, sagte die reizende Tochter. Kenne ich doch nun mein ganzes Unglück; es ist mir kein düstres Geheimniß mehr. Wenn ich an die Ewigkeit der Liebe glaube, warum sollte ich denn jemals verzweifeln? Hier ist er geboren! O hätte ich ihn doch als Kind gekannt! Eine Welt voll Glück wäre mehr in meinem Besitz! Hier ist er auch wohl gewandelt; alle diese Gegenstände hat sein frisches Auge, wie oft, begrüßt. Nur über die Wiese will ich gehn, ein Viertelstündchen am Bache ruhn, so recht an ihn denken; dann komm’ ich zurück und wir reisen weiter. Aber allein müssen Sie mich lassen! — Sie umarmte die Mutter, und schritt über die kleine hölzerne Brücke. — —
Raimund träumte indessen einen seltsamen Traum. Der Wahnsinn war die Wahrheit, und was die Menschen Vernunft nannten, nur ein dämmernder Schimmer. Auch kein Raum war da, und keine Zeit. So wie auf den alten Stammbäumen es abgebildet ist, sah er sich aus dem Herzen eine hohe Blume wachsen; sie wurde von seinem Herzblut getränkt, und ihr rother Glanz ward immer mehr zum goldnen Purpur. Da sang es im wiegenden Kelch, er that sich süßflötend auf, und Blanka schaukelte sich drin hin und wieder, wie in einem durchsichtigen Kahn. Da blickte er über sich, und ihr blaues Auge ging in das seine;da zitterte sein Herz und mit ihm die Blume. Warte, rief sie, jetzt stirbt mein Blumenhaus ab, ich komme draußen in der Wirklichkeit zu dir! Sie schlüpfte auf den Rasen und stellte sich unter die Linde. — Gott im Himmel, hörte er sagen, das ist Raimund! Er schlug die Augen auf, und Blanka’s blaues Auge ging in das seine. Er kannte sie gleich. Sie umschlossen sich, als wenn die Arme sich nie wieder los lassen wollten. Auf den lauten Freudenschrei eilte die Mutter herbei, und fand das unvermuthete Glück, das sie noch nicht begriff. Auch Walther und Anselm kamen. Walther war so entzückt und berauscht, als wenn er selbst der Bräutigam wäre.
———
Im Hause des Pfarrers tobte indessen ein lautes Getümmel. Die Hochzeitgäste waren so lustig, daß es die Glücklichen endlich auch auf der Wiese hörten. Der alte Baron hatte indessen schon seinen Sohn Theophilus heraus gesucht und ihm unter Umarmungen seine Vaterschaft erklärt. Ich habe nun auch einen Vater! rief Theophilus im Hause lärmend umher, und schlug laut lachend mit den Beinen aus, als der Pfarrer ihm dazu vernünftig Glück wünschen wollte. Wolfsberg machte es mit dem Pfarrer ab, daß er ihn in den nächsten Tagen mit seiner überglücklichen Franziska verbinden sollte. Der Gerichtspräsident Walther konnte in der Leidenschaft des Glücks nicht so mit dem Geistlichen sprechen, wie dieser es wohl verdient hätte; auch wurden alle Unterhandlungen durch ein laut schmetterndes Posthorn unterbrochen. Eine glänzende Equipage hielt, viele zierlich gekleidete Diener beeiferten sich, einen ansehnlichen Mann, der auf demRocke einen großen Stern trug, aus dem Wagen zu heben. Die Dorfleute befiel ein stilles Grauen, und als Anselm ausrief: der alte Graf Birken! so fing der Pfarrer an zu zittern.
Wo ist mein ungerathener Sohn? schrie der alte Graf, als er in das mit Menschen überfüllte Zimmer trat. Die Braut heulte laut, und die anwesenden Weiber aus dem Dorfe stimmten in denselben Ton ein. Wo ist Caspar Birken? schrie der Alte noch einmal. Hier, winselte der junge Graf, der sich hinter einen großen eichenen Tisch verschanzt hatte. — Und wo ist der unverschämte Pfaff, der es gewagt hat, den dummen Laffen mit seiner Tochter zu verkuppeln? — Hier! rief der Pfarrer, der sich indessen wieder gesammelt hatte; aber keine Verkuppelung, sondern eine ächte christliche Ehe, wie unsre Kirche sie vorschreibt. — „Die wird wieder geschieden!“ — „„Die wird nicht geschieden!““ — „Sie ist nicht gültig, so gewiß da oben auf den Ebreschenbäumen keine Aprikosen wachsen.“ — „„Sie bleibt so lange gültig, bis da oben die rothe Felsenwand ein Mensch hinauf klettern kann, und von den nämlichen Ebreschenbäumen sein Veto in das Thal zu uns herunter schreit.““ — „Und wenn ich Blut und Leben, wenn ich mein Vermögen lassen muß, und wenn ich der Mörder meines eigenen Sohnes werden sollte, so gebe ich zu dem Unsinn nie meine Einwilligung.“ — „„Und wenn ich, schrie der Pfarrer entgegen, prozessiren müßte, bis ich keinen Groschen mehr hätte, und wenn ich zur Fortsetzung des Prozesses von dem Junker Görge, oder einem noch Einfältigern, das Geld betteln müßte, so lasse ich die Sache nicht ruhn. Mein Kind muß glücklich und Gemahlin des Grafen, Ihres Sohnes, bleiben. Wissen Sie, was ein Horoskop ist?““ — „Nein.“ „„Nun, dannkönnen Sie auch gar nicht mit sprechen. Sehn Sie dies Papier; in der Geburtsstunde meiner Tochter habe ich alle ihre Sterne beobachtet, und schon damals mit Gewißheit prophezeiht, daß sie eine Gräfin werden müsse. Was können Sie gegen alle Sterne ausrichten? He?““
Der Graf sah das Papier eine Weile mit staunenden Blicken an. He! Caspar! schrie er von Neuem. Heraus aus Deinem Winkel, Du Satansbrut! Komm her, Spitzbube, ich will Dir ja meinen väterlichen Segen geben, weil es denn also doch einmal nicht anders seyn kann.
Der junge Birken hüpfte herbei, er legte die Hand des Sohnes in die seiner Braut und küßte das kleine dicke Mädchen dann recht herzlich auf den Mund. Nun, Spaß bei Seite, sagte hierauf der alte Herr bedächtlich, im Grunde ist es mir ganz lieb, daß die Sache so gekommen ist, denn der Junge hätte einmal noch ärger anlaufen können; er kommt somit in eine ziemlich reputirliche Familie; der Mosje Caspar muß nun aber seine dummen Teufeleien lassen, die ihm einmal den Hals hätten kosten mögen; der Schwiegerpapa ist ein resoluter Kerl, der wird ihm wohl den Daumen aufs Auge halten. Aber nun kriegt Dein jüngerer Bruder die großen Güter, und Du, Hasenfuß, trittst in seine Rechte, wie es auch eigentlich viel vernünftiger ist.
Alles war zufrieden und glücklich. Walther und Raimund waren indeß mit der geliebten Blanka zum Hause des Edelmanns gewallfahrtet. Es war vorläufig davon die Rede gewesen, den Jugendwohnsitz Raimunds wieder zu kaufen; auch zeigte sich die Möglichkeit einer Verbindung zwischen der empfindsamen Baronesse und Theophilus, da dieser jetzt von seinem Vater anerkannt wurde.
Alle gingen selig, in Gefühlen und Hoffnungen schwelgend, sprechend und scherzend die grüne Wiese hinunter. Kilian unterhielt sich mit Sokrates. Gnädige Frau, sagte er nachher zu Görges Mutter; der Mann kann Ihrem Sohne auf die Beine helfen; ich habe ihm auf den Zahn gefühlt, ich habe mit ihm disputirt, einen solchen Gelehrten bekommen Sie niemals wieder. Indem man noch sprach, hörte man von oben, die Felswand herunter ein lautes Veto! rufen. Alle sahen hinauf und schwindelten, denn von der steilsten Höhe hing der alte Graf Birken reitend auf einem Ebreschenbaum. Veto! rief er noch einmal; aber nun kommt schnell zu Hülfe, oder ich breche den Hals! Widerrufen Sie erst Ihr Veto! schrie der Pfarrer hinauf. Ich widerrufe, tönte es herab, aber ich werde doch den Hals brechen. Die Bedienten liefen: die Leute aus dem Dorfe holten Stangen, Leitern und Stricke. Plötzlich brach der Baum, und der Graf stürzte herab; er kam aber noch ziemlich glücklich auf dem Boden, zur Freude Aller, an. — Wie ist er nur auf die steile Wand gekommen? rief der Pfarrer. Ja, Schwiegervater, antwortete der junge Graf Birken, Sie sehen, mein Papa ist noch toller, als ich!
Die Sonne sank und beschloß den seligsten Tag, den Walther, Blanka und Raimund noch erlebt hatten. Franziska schloß sich diesen an, und im gebesserten Herzen fühlte sich Adlerfels als den glücklichsten Menschen.
Zwei Freunde stiegen vor der Stadt vom Wagen, um zu Fuß durch die Gassen zu wandeln und den Fragen am Thor auszuweichen. Es war noch ganz früh am Morgen und ein Herbstnebel verdeckte die Landschaft. Etwas entfernt vom Wege bemerkten sie ein kleines Häuschen, aus welchem schon früh vor Tage eine herrliche Frauenstimme erklang. Sie gingen näher, erstaunt über den unvergleichlichen Diskant, wie über die ungewöhnliche Stunde. Einige Träger brachten Lauten und viele Notenbücher, die kleine Thüre öffnete sich, und neugierig gemacht, fragte der ältere Reisende einen von den Tagelöhnern: hier, mein Freund! wohnt wohl ein Musikus und eine Sängerin? Der Teufel und seine Großmutter wohnt hier! erscholl eine krächzende Stimme von oben aus dem offnen Fenster, und zugleich fiel ein Lauten-Futteral dem Fragenden auf den Kopf. In diesem Augenblick hörte der Gesang auf, und der Frager sah im Fenster ein kleines greises Männchen stehn, welches die zornigsten Geberden machte, und dessen funkelnde schwarze Augen aus tausend Runzeln hervor grimmige Blicke herunter schossen. Der Reisende wußte nicht, ob er lachen oder schelten sollte, doch sprach ihm aus dem greisen Kopfe etwas so Wunderlichesan, daß er in Verlegenheit den Hut zog, und sich mit einer höflichen Verbeugung stumm entfernte.
Was war das, Herr Kapellmeister? sagte der jüngere Reisende, als sie das kleine Häuschen schon im Rücken hatten. Ich weiß nicht, erwiederte jener, vielleicht ein wahnsinniger alter Mann, vielleicht gar dort in der Einsamkeit, in der Nähe des Tannenwäldchens, eine Spukgestalt.
Sie scherzen, sagte der Sänger; ich begreife jetzt selber nicht, wie wir so gelassen seyn konnten, dem Alten auf seine Grobheit nichts zu erwiedern.
Lassen wir es gut seyn, sagte der Kapellmeister, indem sie schon die noch ruhige Straße der Residenz hinunter gingen: in dem Ton der Sängerin war etwas so Wunderbares, daß es mich tief ergriffen hat; ich war wie im Traum, und darum konnte mir auch der alte Thor keinen Zorn abgewinnen.
Wieder die alte Schwärmerei und Güte! rief der Sänger lachend aus; denn erstens haben wir so gut wie nichts gehört, und zweitens war in dem Wenigen noch weniger Besonderes zu vernehmen, es war weder Methode noch Schule in dem traurigen Gesange.
Als sie jetzt um die Ecke nach dem Gasthofe zu bogen, hörten sie aus einem obern Stock ein Lied pfeifen; ein rundes, junges Gesicht kuckte mit der Schlafmütze aus dem Fenster, und so wie er die Fußgänger gewahr wurde, schrie er: Haltet, Freunde! einen Augenblick! ich bin gleich unten! Gott im Himmel! das ist eine Erscheinung! Er zog den Kopf so schnell zurück, daß er ihn heftig an das niedere Fenster stieß und die Bekleidung des Hauptes langsam schwebend zu den Füßen des Kapellmeisters nieder sank.
Wunderbar! rief dieser, indem er die Zipfelmütze aufhob; sagen diese sonderbaren Vorbedeutungen uns etwas Gutes oder Schlimmes voraus?
Es ist unser Enthusiast Kellermann, erwiederte der Sänger: hören Sie, er rasselt schon mit dem Hausschlüssel.
In diesem Augenblick stürzte der Bewunderer im Schlafrock heraus und umarmte die beiden Künstler mit theatralischer Herzlichkeit; er wurde es nicht müde, jedem wieder von Neuem an die Brust zu stürzen, ihn zu drücken und dann die Arme verwundernd in die Höhe zu strecken, bis der Sänger endlich sagte: Laßt es nun gut seyn, Hasenfuß! Ihr habt das Ding jetzt hinlänglich getrieben. Ein Glück, daß noch kein Mensch auf der Straße ist, sonst würden Eure Bockssprünge in dem saffrangelben Schlafrock alle Gassenjungen aufregen.
Also Ihr seid nun wirklich da, Ihr goldnen Menschenkinder? rief der Enthusiast aus; was würde es mich kümmern, wenn der vollständige Magistratus an meinem Entzücken Aergerniß oder Theil nehmen wollte? Habe ich doch seit drei Monaten nicht begreifen können, wozu diese Gasse eigentlich gebaut sei, noch weniger, warum sie so viele Fenster zum Auf- und Zuschieben habe, bis nun endlich ihre Bestimmung erfüllt ist; Ihr kommt durch dieselbe hergegangen, und ich kucke da oben mit meiner verlornen Mütze heraus, um Euch im Namen der Nachwelt zu begrüßen. Also nun wird Eure Oper doch gegeben werden, ausbündigster Mann?
Sind denn Sänger und Sängerinnen auch noch alle gesund? fragte der lebhafte Kapellmeister.
So, so, erwiederte jener, wie es die Laune mit sich bringt; genau genommen, existirt das Volk gar nicht, sondernlebt nur wie im Traum; die Zugabe, die an die Kehle mit Arm und Bein gewachsen ist, macht es oft schwer, sie nur zu ertragen, der unnatürliche Geschwulst aber oben, den sie Kopf tituliren, ist wie ein Dampfkolben, um in diesem Recipienten die unbegreiflichsten Verrücktheiten aufzunehmen. In so weit sind sie alle gesund, als es ihnen bis jetzt so gefällt, ist aber die und jene Arie ihnen nicht recht, hat der eine zu viel, die andre zu wenig zu singen, geht die Arie aus As moll, wenn sie Gis seyn sollte, so fallen sie vielleicht binnen drei Tagen wie die Fliegen hin.
Zieht Euch an, sagte der Sänger, und kommt zu uns in den Gasthof hier drüben, so können wir mehr sprechen, auch sollt Ihr uns auf den Besuchen begleiten.
Ohne Antwort sprang Kellermann in sein Haus, und die Reisenden begaben sich in das Hotel, wo sie ihren Wagen schon fanden.
———
Im Hause des Barons Fernow war am Abend große Gesellschaft versammelt. Der Ruf, daß der beliebte Kapellmeister und sein erster Tenorist endlich angekommen seien, hatte in die Wohnung des Musikfreundes alles getrieben, was sich für die neue Oper interessirte. Man hoffte, einige der vorzüglichsten Partien vorgetragen zu hören, und viele drängten sich hinzu, um wenigstens nachher in andern Gesellschaften darüber sprechen zu können.
In diesem Getümmel, welches der Hausherr, seine Frau und eine Tochter mit Klugheit beherrschten, schwamm der behende Enthusiast wie in einem Strome herum, um Jedem von der Herrlichkeit der neuen Composition begeisterteWorte, über die große Manier, die lieblichen Melodieen und den vortrefflichen Ausdruck in das Ohr zu raunen, obgleich er selbst noch keine Note davon gehört hatte. Sein rundes geröthetes Gesicht schob sich wie eine Kugel von einem zuhörenden Kopf zum andern, und die meisten Gesichter zogen jene nichtssagende Miene, die in Gesellschaften geistreiche Aufmerksamkeit bedeuten muß. Jetzt wurde ein Theil der Versammlung auf einen andern Gegenstand hingerichtet, denn in einfacher, höchstsauberer Kleidung trat ein junges Mädchen herein, von so glänzender Schönheit, daß man ihren unbedeutenden Anzug über den edlen und ausdrucksvollen Kopf, über die vornehme Geberde, den feinen Anstand gänzlich vergaß, und die Nahestehenden sie mit Ehrfurcht begrüßten. Die Tochter des Hauses eilte auf sie zu, indem sie ausrief: o meine theuerste Julie! wie glücklich machen Sie mich, daß Sie meinen Bitten doch noch nachgegeben haben! Aber Ihr Vater? — Sie wissen ja, erwiederte die Schöne, wie menschenscheu er ist, wie wenig er mit seiner Melancholie und Kränklichkeit in die Gesellschaft paßt; und ich gestehe, ich würde auch nicht gekommen seyn, wenn ich einen so großen Cirkel hätte vermuthen können.
Die Umgebung sprach über die außerordentliche Schönheit dieses Wesens, und man erfuhr, daß sie die Tochter eines armen Musikers sei, die aus einer entfernten Stadt dem Fräulein des Hauses einen Brief einer Freundin überbracht hatte. Immer noch hatte der Kapellmeister mit seinen Sängern keines der Stücke vorgetragen, weil der Wirth noch einen jungen Grafen erwartete, der einer der größten Enthusiasten für Musik seyn sollte. Denken Sie sich, sagte der Baron zum Kapellmeister, den sonderbarsten, unruhigsten aller Menschen, nichts interessirt ihn als Musik,er läuft von einem Concert in’s andre, er reis’t von einer Stadt zur andern, um Sänger und Compositionen zu hören, er vermeidet allen andern Umgang, er spricht und denkt nur über diese Kunst, und selten ist er doch ruhig genug, ein Musikstück ganz und mit völliger Aufmerksamkeit anzuhören, denn er ist eben so zerstreut als überspannt. Dazu scheint er den eigensinnigsten und eingeschränktesten Geschmack zu haben, so daß ihm selten ein Kunstwerk zusagt, eben so wenig ist er mit dem Vortrag zufrieden, und dennoch bleibt er Enthusiast. Er ist von großer Familie und reich, war eine Zeit lang in diplomatischen Geschäften an einem angesehenen Hofe, hat aber Alles der Musik wegen, die er doch oft nach seinen Reden zu verabscheuen scheint, aufgegeben.
Die nähern Freunde des Barons waren nach dieser Schilderung sehr begierig, einen Mann zu sehen, der wie von bösen und guten Geistern geplagt und verfolgt wurde. Als daher Graf Alten eintrat, sahen ihm alle mit großer Neugier entgegen. Er begrüßte die Gesellschaft hastig und sein dunkles Auge durchlief sie eilig; dann senkte er den Blick und setzte sein Gespräch mit einem alten, hagern und eingeschrumpften Italiener fort, welcher mit ihm gekommen war. Doch plötzlich brach er ab und rief halb vernehmlich: Himmel! was ist das? Er stand unmittelbar hinter Julien. Jetzt sang der Tenorist eine Arie der neuen Oper, und Alles schien begeistert, der Graf war in tiefen Gedanken. Nun, Eccellenza, fragte der Italiener am Schlusse, sein Sie contentirt? Ich habe keinen Ton gehört, antwortete der Graf, indem er den Kopf erhob und die schwarzen Locken aus der denkenden melancholischen Stirne strich.
Er benutzte die Pause, in welcher sich Alles lobendund bewundernd um den Kapellmeister drängte, vorzutreten und sich neben Julien zu setzen. Er wollte sie anreden, aber indem sie höflich das Antlitz zu ihm wandte, fuhr er wie erschreckt zurück. Nein, wahrlich, dergleichen hatte ich nicht erwartet! sagte er für sich. Das junge Mädchen war erstaunt und verlegen. Verzeihen Sie, redete der Graf sie heiterer an, Sie werden mich sonderbar finden; als ich vorher hinter Ihnen stand, mußte ich glauben, eine ehemalige Bekanntschaft zu erneuen, und jetzt bin ich von Ihrer mehr als wunderbaren Schönheit so geblendet worden, daß ich Zeit haben muß, um mich zu fassen. Die wahre ächte Schönheit kann wohl erschrecken, denn etwas Uebermenschliches kündigt sich unsern Sinnen und dem Gemüthe an. Himmel! wie müssen Sie singen!
Ich singe gar nicht, Herr Graf, und habe weder Stimme noch Kenntniß der Musik, erwiederte sie mit angenehmem Ton.
Der Graf sah sie prüfend an, schüttelte dann zweifelnd den Kopf und murrete unverständliche Worte verdrossen vor sich hin. Jetzt wurde ein Duett vorgetragen, und Alles war aufmerksam, nur der Graf betrachtete unverwandt seine Nachbarin. Das Duett war schwierig und die erste Sängerin äußerte ihren Verdruß, der Kapellmeister wurde empfindlich, wies zurecht, half nach, Alles vergebens; man mußte abbrechen, indem die Virtuosin behauptete, die Passage müsse geändert werden, weil sie ihrer Stimme ganz entgegen sei; der Componist meinte, er dürfe Ausdruck und Kraft nicht dem Eigenwillen aufopfern, denn die vortreffliche Künstlerin könne dies und noch schwierigere Sachen leisten, wenn sie sich nur bemühen wolle. Darüber aber wurde der Gesang völlig unterbrochen, und indem der Kapellmeister ein anderes Musikstückanordnen wollte, sagte der Graf zu Julien: ich wette, Sie können diese schwierige Stelle ohne Anstoß vom Blatte singen, wenn Sie nur wollen. Als Julie zu leugnen fortfuhr, sagte jener: Ihre Röthe, Ihr Auge widerspricht! Wie? dieser gewölbte Mund sollte in der Mitte der Lippen diese sanfte, seelenvolle Erhöhung von selbst haben, und nicht von den reinen vollen Tönen, die so oft über diesen Hügel schwebten? Denn nur der Ton, wenn er stark und lieblich die rothe Straße befährt, darüber klingend weht, bildet diese ausdrucksvolle Erhebung; ganz im Gegensatz jener gefurchten Mundwinkel, die jene berühmte Sängerin dort hat, die mit breitgedrückten und in die Länge gequetschten Lippen den armen kreischenden Ton hervor preßt. Sie versündigen sich, meine Schöne, daß Sie Ihr großes Talent verleugnen wollen.
Sie sind zu scharfsichtig, erwiederte Julie; um so trauriger, daß Sie dennoch irren.
Sie sprechen auch ganz wie eine Sängerin, fuhr jener fort, es ist ein lieblicher aber unterdrückter Ton in der Rede, der seine Fittige nicht auszufalten wagt. Wenn Sie doch nur wenigstens einen einzigen Ton anschlagen wollten! das Glück meines Lebens hängt davon ab, daß Sie singen können.
Sie quälen mich, Herr Graf, antwortete die Verlegne empfindlich; ich versichere Sie auf das Theuerste, ich werde nicht singen, weil mir diese herrliche Gabe von der Natur versagt wurde.
Gnaden, sagte der braune kleine Italiener, sollen Alles zu Virtuosen haben: kann aber nicht Alles singen, was hübsch und feinen Mund hat. Conträr! haben oft göttliche Prima Donna vor pur himmlisch Gesang und forzirtSchreien eine Schnautz wie Signor Cerberus, der die Talent hat, dreistimmige Sach solo durchzuführen.
Der frohe leichte Geist der Musiker war gestört, der Kapellmeister verstimmt, und die erste Sängerin mehr als verdrießlich. Der Enthusiast war in der Klemme, weil er es mit keinem verderben und doch keinen stummen gleichgültigen Zuschauer abgeben wollte. Da man sah, daß für diesen Abend nichts Bedeutendes mehr geschehen würde, so entfernten sich nach und nach die Fremden, auch die Musiker gingen, und nur der Kapellmeister blieb, dem sich der Enthusiast, ohne eine nähere Einladung abzuwarten, anschloß; der gedankenvolle Graf und sein Italiener verweilten ebenfalls, um mit der Familie des Barons beim Glase Wein und einem leichten Abendessen sich zu erheitern.
So ist es nun wieder wie fast immer ergangen, fing der Kapellmeister an, als sie um den runden Tisch saßen; man arbeitet sich ab, man studirt, man quält, und endlich freut man sich auch, wenn das Werk vollendet ist und gelungen scheint, und dann muß es diesen elenden, verdorbenen Handwerkern übergeben werden, die nichts gelernt haben, und mit dem Wenigen, was sie wissen, noch wie mit Wunderwerken hinter dem Berge halten wollen. Kann es einen traurigern Beruf, als den eines musikalischen Componisten geben? Denn endlich nun, wenn auch dieser Jammer durch Bitten, Drohen, Scherzen, Vergötterung, Lüge und Falschheit, durch kleine Aenderungen, Zusätze und Wegnahme überwunden ist, wird das gemarterte Werk der Laune des Publikums, und dem blinden Zufall, seinem allmächtigen Beherrscher übergeben. Nun muß es aber weder zu heiß, noch zu kalt, das Haus muß weder zu voll noch zu leer seyn, keine große politischeNeuigkeit darf sich eben haben hören, ja keine Seiltänzer und Springer anmelden lassen, um das so nothwendige Klatschen und mit diesem armen Beifall einigen Enthusiasmus zu erregen. Und doch kann man es nicht lassen, sich wieder in der Vorstellung zu erhitzen, um eine neue undankbare Arbeit zu beginnen.
Wo ist die Dame geblieben? fuhr der Graf plötzlich auf.
Neben der Sie lange saßen? fragte die Tochter. Diese ist längst fort und von einer Magd abgeholt worden, denn sie wohnt entlegen, in einer fernen, unbekannten Gasse.
Die sollte ihre treffliche Arbeit singen, sagte der Graf, da würden wir etwas anders hören.
Sie irren, berichtigte die Tochter, ich weiß, daß das junge Frauenzimmer durchaus nicht musikalisch ist. Sie ist aber sonst in weiblichen Arbeiten sehr geschickt, auch hat ihr Vater, ein alter, verarmter Musikus, sie etwas zeichnen lernen lassen.
O du alter Sünder! rief der junge Graf im höchsten Verdruß: und keinen Gesang diesen Lippen, keinen Ton diesem schwellenden Munde! Ist es nicht, als wenn man der Rose den Duft rauben wollte, den die Natur ihr gleich im Erblühen mitgegeben hat?
Die Tochter war etwas empfindlich, denn sie glaubte auch eine Sängerin zu seyn, da aber der Kapellmeister in seiner Klage fortfuhr, so blieb ihre gespitzte Antwort unbeantwortet. Abgesehn aber, fuhr der Kapellmeister fort, von diesen armseligen Zufälligkeiten, so verkündigen sich auch erst am Kunstwerke selbst bei der öffentlichen Darstellung Mängel, welche sich der Componist vorher auf seinem Zimmer nicht hat träumen lassen. Denn mögenwir ein Werk noch so oft durchsingen, genau kennen, von allen Seiten prüfen, das Urtheil aller Freunde und Kenner vernehmen, so bleibt Manches, und oft das Beste, zurück und das Schlimmste zeigt sich bei der Aufführung erst. Und überhaupt — die Bestimmung des Künstlers! Ist sie nicht eine traurige? Ich setze mich zu keinem neuen Werke nieder, ohne innig überzeugt zu seyn, daß ich nun etwas ganz und durchaus Treffliches, Vollendetes erschaffen werde, das meine großen Vorgänger erreicht, und sie selbst hie und da übertreffen möchte. Diese himmlische Ruhe und Sicherheit verschwindet aber bald während der Arbeit; mein Entzücken an meiner Hervorbringung wechselt mit den bittersten Zweifeln. Dann fühl’ ich oft recht innig, daß ganz, ganz nahe an dem, was ich schreibe, das Wahre und Himmlische liegt, daß meine Noten anklopfen und den Wandnachbar, den unbekannten, begrüßen: mir ist, ich dürfte nur den Kopf so oder so wenden, so müßte mir der Genius sichtbarlich entgegen treten, — und immer, immer wieder erscheint er nicht! Mein Geist quält sich, um außen, weit ab, die Bahn anzutreffen — und so im Jammer, im Resigniren, arbeite ich weiter. Es gemuthet mir wie der Affe mit seiner traurigen Unruhe und dem fatalen Gesichterschneiden: vielleicht hat er jeden Moment dunkler oder deutlicher eine Ahndung von der Vernunft, will sie nun, die nah Erreichbare, und nun wieder haschen und sich dann besinnen, und findet sich immer wieder in seinem widerwärtigen Zustand eingeriegelt.
Jetzt trat noch ein Mann reifen Alters zur Gesellschaft, ein Gelehrter und Hausfreund des Barons, der sich fast täglich einfand, aber gern die größeren Versammlungen vermied. Sie haben wieder, redete ihn der Wirthan, unser Concert, wie Sie es gewöhnlich machen, nicht mit anhören wollen. Ich bin zu sehr Laie, erwiederte der Freund, und darum mag ich mich nicht unter die Kenner drängen; soll der Unmusikalische den Gebildeten durch seine trockne Gegenwart ihren Genuß verkümmern?
Wir kennen diesen Schalk schon, rief ihm der Kapellmeister zu, indem er den alten Bekannten begrüßte. Sie haben recht gethan, denn unsre Sängerinnen haben wieder den alten Spuk getrieben, schlecht gesungen, sich zu vornehm gedünkt, die Musik kritisirt, und endlich damit beschlossen, alle Musik in Verstimmung und Eigensinn zu beerdigen.
Sie sind also wirklich unmusikalisch? fragte der Enthusiast; und Sie machen auch kein Hehl daraus?
Warum sollte ich es? antwortete der Laie; kein Mensch kann alle Talente in sich vereinigen, oder alle seine schlummernden Anlagen erwecken und ausbilden.
Viel Charakter, es so dreist zu bekennen, erwiederte der junge Mann, der durch vieles Schwatzen während der Musik und dem hastigen Genuß des starken Weines in eine Laune erhitzt gerathen war, deren Sonderbarkeit er selber nicht zu bemerken schien: sehn Sie, fuhr er fort, daraus ist schon viel Unheil für mich entstanden, daß ich mich zu solchem Muthe nicht habe entschließen können. Ich war anfangs (und wie es schien, von Natur so geschaffen) gar kein Musikfreund, ich hatte kein Ohr, ich konnte keine Melodie behalten; darum vermied ich auch Concerte und Opern, und in Gesellschaften, wenn Lieder gesungen, wenn Cantaten aufgeführt wurden, sprach ich entweder, oder suchte eines Buches habhaft zu werden. Denn gewiß, nichts verschließt unser Ohr so sicher vor all den herein und durch einander fahrenden Tönen, alsein tüchtiges und vorhaltendes Gespräch über Stadtneuigkeiten oder einige interessante Verleumdungen. Sehe man nur den Stock! ertönte es nun von allen Seiten: hat die dicke Figur wohl eine menschliche Seele in seinen weitläufigen Fleischanlagen sitzen? Von der Musik, der göttlichsten aller Künste, nichts zu verstehn! Ist wohl ein Block, ein Stein, der nicht gewissermaßen von der himmlischen Harmonie gerührt werden müßte? — Nun gefiel mir dazumal auf mehr als gewöhnliche Weise ein gewisses Frauenzimmer: diese pflegte, so wie gesungen wurde, vor übermäßiger Empfindung herzlich zu weinen. Dieser nun war ich mit meinem kalten Herzen gradezu ein Abscheu. Wie? sagte sie, lieben wollen Sie, der Sie nicht einmal eine Ahndung jener Wonne haben, die aus dem Himmel stammt, und mit der Liebe so nah verwandt ist? — Da, Freunde! faßte ich nun den großen Entschluß, umzusatteln, und von der Musik gehörig begeistert zu werden. Alle meine Freunde und Bekannten erstaunten, als ihnen meine neugeprägte blanke Entzückung in die Augen strahlte. Da war nun auch gar kein Halten mehr, ich übertraf Alles in der Begeisterung, was ich nur je in den Gesellschaften hatte beobachten können; Alles zappelte an mir vor Freude, so wie nur das Clavier angeschlagen wurde, die Beine trommelten, die Arme schlenkerten, die Augen wackelten, ja ich nahm die Zunge zu Hülfe, und leckte mir zuweilen die vor Erstaunen weitgeöffneten Lippen. Dann mußten die Hände klatschen, die Augen, wenn es irgend möglich zu machen war, weinen, die ausgestreckten Arme Bekannt und Unbekannt an dies stürmische Herz schließen, das mit mächtigen Schlägen im wildesten Enthusiasmus klopfte. Ja, wenn ich nachher in mein einsames Zimmer trat, war ich somüde und matt, so mürbe und zerschlagen, daß ich zuweilen Kunst und Künstler, Liebe und Harmonie, so wie alle die bezaubernden Gefühle zum Satan wünschte.
Aber empfanden Sie nun wirklich recht viel? fragte der Laie lachend.
Das ist eine bedenkliche Frage, erwiederte der Enthusiast; was der Mensch so stürmisch will, davon muß wohl etwas auch wirklich in sein Wesen übergehn; es wäre unbegreiflich, wenn durch das vorsätzliche Nachspielen nicht hie und da ein Gefühl in unsrer Brust wiederklingen sollte. Aber um doch ganz aufrichtig zu seyn, so war mir bei all diesem Bewundrungsbemühen oft unerträglich nüchtern zu Muthe, so recht, was der Haufe langweilig nennt, und wenn ich nicht so stark mit Händen und Füßen gearbeitet hätte, so wäre mir wohl oft ein herzliches Gähnen angekommen. Das Schlimmste aber ist, ich habe doch nichts dabei gewonnen; denn meine boshaften Freunde meinten, ich hätte den Ansatz zu hoch genommen, und sei von der andern Seite vom Pferde wieder hinunter gefallen. Sei ich erst wie ein verstocktes dumpfes Thier gewesen, so erscheine ich jetzt wie ein verwilderter Hasenfuß, mein Enthusiasmus träte als ein verzerrender Krampf auf, man müsse fast glauben, mein Arzt habe mir diese übertriebene Motion nur empfohlen, um sie gegen mein Fettwerden zu gebrauchen. Ach! und die Musiker! Von denen habe ich das Meiste gelitten. Vor acht Monaten war es, als hier im Saal die beiden berühmten Compositeurs ihre Sachen aufführten. Wie der erste geendigt hatte, konnte ich ihm richtig mit fließenden Thränen an seinen Hals fallen, und der Mann klopfte mir selber über mein Entzücken gerührt mit aller Freundschaft auf den Rücken, wir drückten uns rechtherzlich zusammen, und er sagte ganz laut, er habe noch keinen so gründlichen Kenner in allen Reichen der musikalischen Welt angetroffen. Nun brannte der andere Mann aber auch sein Kunststück los. Thränen hatte ich nicht mehr, es meldete sich aber ein großartiges Schluchzen, was noch höher lag als die Thräne, — und ein ganz stummer Druck, ein Vergehen, Aufgelöstseyn, fast sterbend in die Arme des zweiten Hinfallen, ja ein reelles Abstehn mußte diesen großen Meister belohnen. Der grobe Schelm ließ mich aber geradezu auf das Parket hinschlagen, ohne mir seine dankbare Brust unterzustemmen, und sagte, wie ich in der Kunstohnmacht lag, höhnisch zu mir: bleiben Sie in des Himmels Namen liegen, denn wer über die Stümperei jenes Menschen dort weinen kann, verdient gar nicht, einen Ton von mir mit seinen Ohren aufzufassen. So erhob ich mich, um Trost bei meinem großen Freunde zu suchen, dessen allergrößter Kenner ich war. Er sprang aber auch vor meinem Ausruf weg, so daß ich mit der Nase fast an die Wand stieß, unter dem nichtigen Vorwande, daß wer so wenig ächtes Gefühl besitze, daß er das Armselige wie das Edle so übermäßig bewundern könne, für die Kunst ein mißgeschaffenes Ungeheuer sei. Wie ich nun bei meiner Geliebten Hülfe suchen wollte, war sie ebenfalls gegen mich empört, denn ich hatte bei ganz unrechten Stellen geweint und da am lebhaftesten empfunden, wo grade die wenigste Empfindung hingehörte. O Theuerste, Verehrteste, möchte man nicht fast veranlaßt seyn, den Schwur zu thun, daß man bei Arioso und Cavatine, Finale und Ouvertüre, Adagio und Presto nur mit ruhig gekretschten Beinen dasitzen und höchstens zuweilen den Tact schlagen wolle; denn wenn all dies Hämmern und Puffen, dies Abarbeitenunsers irdischen entzückten Herzens, diese weissagende rinnende Thräne, die den Wiederschein der Unsichtbarkeit abspiegelt; wenn alles dies nichts fruchtet, sag’ ich noch einmal, und statt paradiesischer Sympathie nur die infernalische Antipathie erregt, so wünschte man ja lieber Balgentreter oder Schmiedegesell, als ächter Enthusiast zu werden. Darum wundert Euch nicht, wenn ich der undankbaren Kunst wieder einmal den Rücken wende.
Als man über diese Geständnisse lachte, sagte der Laie im frohen Muth: in meinem Leben gehören die Leiden der Musik auch zu den empfindlichsten. Nicht der zu starke Enthusiasmus hat mir geschadet, wohl aber sind meine Kinder- und frühen Jugendjahre mir durch Musik verbittert worden. Lächerlichkeiten, an die ich noch jetzt mit einigem Schrecken denken muß.
Sprechen Sie, alter Freund, rief der Kapellmeister, habe ich doch auch schon erst mein Leiden geklagt, was Sie freilich nicht mit angehört haben.
Ich mochte zwölf Jahr alt seyn, fing der Laie an, es ging mir gut, in der Schule rückte ich schnell hinauf, meine Lehrer so wie meine Aeltern waren mit mir zufrieden, als ein böser Geist, dieser Behaglichkeit und Harmonie zürnend, sein Unkraut unter den aufwachsenden Waizen säete. Mein Vater, ein strenger, aber heiterer Mann, ließ mir frei, meine Bestimmung zu wählen, er war ein Freund der Musik, aber ohne alles Talent. An einem Nachmittag fragt er mich, ob ich vielleicht Lust hätte, ein Instrument zu spielen. Mir war der Gedanke noch niemals gekommen; ich solle es mir überlegen, er verlange es nicht, aber wenn ich mich entschließe, müsse ich auch Ernst machen. Darauf kannte ich ihn, ich wußte, daß er sich nicht wundern würde, im Fall ich keine Musiktriebe, aber einmal angefangen, durfte ich die Sache niemals wieder fallen lassen. Mir war, weil mein Ohr noch schlief, bis dahin alle Musik höchst gleichgültig und langweilig vorgekommen. Die Opern haßte ich geradezu, weil bei den Arien und Duetten, von denen ich nichts vernahm, die Handlung, die mich einzig interessirte, stehen blieb. Nie war in unserm Hausbedarf von Musik etwas vorgekommen, außer in den Stunden bei dem Tanzmeister, zu dessen vorzüglichsten Scholaren ich gehörte, der es mir aber nie hatte deutlich machen können, daß die Musik seiner Geige mit zum Tanz gehöre. Traf ich daher gleich anfangs den Tact, so tanzte ich meine Menuet, Cosak, oder was es war, trefflich hindurch. Fehlte es mir aber, so half kein Aufkratzen, Anhalten, Beschleunigen, mich wieder in den verlornen Tact zu werfen. Ich hielt es auch geradezu für Aberglauben, daß man herkömmlich zum Tanzen aufspiele. Konnte mich schon hier die Musik ängstigen, so brachte sie mich in der Kirche, die mir schon nicht erfreulich war, fast zur Verzweiflung. Meine Nerven waren schwach, und die losbrausende Orgel mit ihren schmetternden Tremulanten verwirrte mein Gehirn und unerträglich fiel mir der unisone kreischende Gesang der Gemeine. Mit beiden habe ich mich auch noch nicht vertragen lernen: die Orgel, sei sie eine erhabene Erfindung, erschreckt und ängstigt sie mich in der Nähe, und dieser Choralgesang, der sich so demüthig, wie gefesselte reuige Verbrecher, auf dem Boden hinschleppt, nimmt mir, so oft ich ihn auch gut vorgetragen höre, allen Muth, alle Poesie und Musik erlischt bis auf das letzte Fünkchen in meinem Gemüth, und ein nüchterner Lebensüberdruß bemächtigt sich meines Geistes.
Darüber ließe sich viel sagen, meinte der Kapellmeister,doch komme auch wohl eine seltne Eigenthümlichkeit des Laien hinzu.
So fern, begann dieser wieder, war ich aller Musik, und keine Spur eines Talents hatte sich gezeigt, als der böse Geist es mir in den Kopf setzte, in mir sei vielleicht ein großer Violinspieler verborgen. Die Geige wurde angeschafft, ein Lehrer angenommen. Es hatten sich aber nun der seltsamste Scholar und der wunderlichste Meister zusammen gefunden, denn dieser unterrichtete mich eigentlich so, als wenn ich schon seit Jahren ein nicht unwissender Violinspieler gewesen wäre. In der ersten Stunde ließ er mich nur die Geige anstreichen, was mir bei meinen zarten Nerven keine Freude verursachte. Zur folgenden hatte er mir schon ein Buch gemacht, und einige leichte Lieder hinein geschrieben. Dies Stück, sagte er, geht ausD dur; es war: Blühe, liebes Veilchen. Ich bekümmerte mich nicht weiter darum, was die beiden Kreuze oderD durzu bedeuten hatten, ob es eine oder mehrere Tonarten gäbe, was die Tactabtheilung, oder die Striche an den Noten bedeuteten, sondern wir spielten nun wohlgemuth das Lied durch, und ich ihm nach, Fingersetzung und Alles aus dem Gedächtniß. So ging es beim zweiten und dritten Liede, welches ausC durging. Ich sah wohl, daß nun die Kreuze fehlten, und er nannte jedesmal die Tonart, wenn ich falsch griff, fand es aber gar nicht nothwendig, weitere Erklärung hierüber, oder über die Dauer der Noten hinzu zu fügen. Es klingt märchenhaft, aber eben so wahr ist es, daß ich in dieser Manier sechs bis sieben Jahr die Geige gestrichen habe, ohne daß der Trieb in mir erwachte, der Sache näher auf den Grund zu kommen, oder daß er es nothwendig geachtet hätte, unsrer practischen Kunst einige Theorie anzuhängen.Uebrigens kann man sich vorstellen, wie es lautete. Da ich Länge und Kürze der Töne, ihre Abweichung in Moll und Alles, was die Musik ausmacht, ohne jedes Verständniß, nur aus dem Gedächtniß spielte, (denn ich kannte nur die Note an sich selbst, so wie sie auf der Linie stand, und nichts weiter) da ich überdieß gar kein Gehör hatte, den Bogen schlecht führte, und in der Fingersetzung häufig irrte, so begreift sich’s, was ich für ein Charivari hervor brachte. Mein Meister, der wirklich geschickt im Spiel war, klagte in jeder Stunde über seine Ohren. Ich selbst litt, so oft ich die Violine unters Kinn nahm, wahre Höllenpein. Dies Schnarren, Pfeifen, Mauzen und Girren war mir unerträglich: selbst der beste Geiger hat, wenn man ihn zu nahe hört, einen Nebenton, die stark angestrichene Saite, besonders in der Applicatur, überschreit sich zuweilen, aber bei mir thaten sich fast nur die abscheulichsten Mißtöne hervor. Da meine Nerven so stark afficirt wurden, so zeigte sich mein Widerwille gegen das Geheul und Schnarzen, welches meine Finger so dicht vor meiner Nase erregten, auch deutlich in meinen Gesichtsmuskeln, der Mund und die Wangen begleiteten mit widerlichen Verzerrungen die hohen und tiefen Töne, die Augen klemmten sich zu und rissen sich auf, und ich fühlte deutlich, daß manche neue Falten und Lineamente sich formirten, die ursprünglich nicht für ein gewöhnliches Menschengesicht berechnet waren. Mein tiefsinniger Meister schüttelte oft sein Haupt, und meinte, so wenig Talent als ich habe keiner seiner Scholaren. Mir begegneten aber auch in der That mehr Unglücksfälle, als ich sonst bei ausübenden Künstlern wahrgenommen hatte. Kamen wir so recht in Eifer und lieferten, nachdem ich schon länger studirt hatte, die raschenmuthigen Passagen: so rutschte im Allegro mein Bogen über den Steg, und im Entsetzen ließ mein Lehrer die Geige sinken, denn welcher Ton alsdann im heftigen Streichen aufquikt, weiß nur der, dem dieses Abenteuer begegnet ist. Mehr wie einmal fiel der Steg selber um, wie aus Mitgefühl, und ein heftiger Knall endigte mit Macht ein schmachtendes Largho mitten in der Note. Einmal sogar, und ich dachte der Tod ergriffe mich, brach der Knopf ab, der unten das Saitenbrett festhält, und sprang unbarmherzig gegen meine Nase. Für diese Stunde war denn unsre Harmonie zu Ende, und das Instrument mußte erst wieder hergestellt werden. Nach einem Zeitraum war denn auch mein Vater so neugierig zu hören, wie ich mich applicire. Ich trug ihm einige der Lieder vor, die ich am besten inne zu haben glaubte. Er erschrak über das, was er hörte, und erstaunte noch mehr über das, was er sah. Er meinte nämlich, in der Kunst, Gesichter zu schneiden, sei ich unbegreiflich weit vorgeschritten, und meine Musik könne doch von Nutzen seyn, Ratten und Mäuse zu vertreiben; er warnte mich nur zum Beschluß, den Ausdruck meiner musikalischen Physiognomie doch etwas zu beschränken, weil ich außerdem auf dem graden Wege zum Affen sei. Das war mein Lohn dafür, daß ich das damals populäre rührende Lied: Hier schlummern meine Kinder &c. ihm nicht ganz ohne Glück vorgetragen hatte, denn dies war gradezu meine Lieblings-Arie, in der ich firm zu seyn glaubte, die auch in den Mitteltönen mit melancholischer Gesetztheit verweilte, und nicht in den Discant oder gar in die Applicatur hinauf stieg, die ich ein- für allemal verabscheute.
Hatten Sie denn aber gar keinen Ersatz für diese mannigfaltigen Leiden? fragte der Kapellmeister launig.
Wenig, erwiederte der Laie: als mein Lehrer es nöthig fand, wegen des Ausdrucks für mich ein Sordin zu kaufen, den ich mit Freuden aufsteckte, weil es doch einmal einen andern Ton gab, die Dämpfung auch wie ein spanischer Reiter es dem reißenden Bogen unmöglich machte, wieder jenseit dem Steg zu springen. Auch machte es mir innige Freude, als wir erst weiter vorgerückt waren, in den Ouvertüren die Vierundsechszigtel als eine und dieselbe Note dreißigmal abzuspielen, welche meistentheils gegen Ende des Stücks, kurz vor dem Aufzug der Gardine, vorkommen. Diese wiederholte ich gern in der Einsamkeit, weil in diesen Passagen keine große Schwierigkeit ist, mir auch der so oft wiederholte Ton die Empfindung gab, als wenn ich in meinem geliebten Theater säße.
Aber damals, fragte der Kapellmeister, hatten Sie doch wohl einige klare Begriffe von der Musik?
So wenige, antwortete der Laie, wie in der allerersten Stunde; Tact, Vorzeichnung, Tonart, nichts von alle dem begriff ich, sondern spielte Sonaten und Symphonieen so pur aus dem Gedächtniß hin, wie ich es von meinem Lehrer hörte! auch vernahm ich keine Melodie, keinen musikalischen Gedanken; hie und da führten mir wohl ein paar Tacte eine Art von Verständniß herbei, das ich aber nie weiter verfolgen konnte. So fern war ich allem Begreifen, daß ich mir einmal einbildete, weilg,h,aundbvorkommen, daß das ganze Alphabet wohl in den Noten enthalten sei, und daß man bei der Composition eines Liedes nichts zu thun habe, als die Noten zu nehmen, die die Buchstaben eines Wortes bezeichneten, und sie dann schneller oder langsamer abzuspielen. Wie ich nun meinen Lehrer fragte, wo denn dasm,roderpstecke, wurde ich zwar von diesem sehr verlacht, aber doch nicht besser belehrt, denn er erstaunte nur immer von Neuem über meine ungeheure Einfalt, daß ich das alles nicht wisse, was sich doch von selbst verstehe. Eben da mir alle Musik nur wie ein Charivari vorkam, so ließ ich mir beigehn, auch selbst einmal zu componiren. Der Tact schien mir gleich ein Vorurtheil, eine Tonart brauchte ich noch weniger, und nie werde ich die Freude vergessen, die ich meinem Meister machte, als ich meine wild zusammen gewürfelten Noten ihm als meinen ersten dichtenden Versuch überbrachte. Er wollte sich ausschütten vor Lachen, und konnte nicht müde werden, sich unter Lust und Freude meine Phantasie vorzuspielen. Mir klang sie wie jede andere Musik.
Der braune alte Italiener erfreute sich sehr über diese Erzählung, und selbst der finstere Graf lächelte. Es ist unbegreiflich, sagte der Baron, daß Sie so lange ausgehalten haben. Ich mußte wohl, erwiederte der Erzähler, meines strengen Vaters wegen, da ich das Ungethüm einmal begonnen hatte. Sonst bekümmerte er sich nicht weiter um meine Kunst, weil er einigemal, da ich ihm Sonntags Nachmittags einen Zeitvertreib machen sollte, von meinem Spiel, wie er behauptete, Zahnschmerzen bekommen hatte. Einmal widerfuhr mir als ausübenden Künstler eine ausgezeichnete Demüthigung. Die Besitzerin des Hauses, in welchem wir wohnten, hatte zum Geburtstage ihrer erwachsenen Tochter eine große Anzahl hübscher Mädchen gebeten. Um das Fest unerwartet fröhlich zu machen, hatte die gute Dame mit meiner Mutter die Abrede getroffen, ich sollte heimlich mit meiner Geige hinauf kommen, im Nebenzimmer plötzlich stimmen, und den überraschten schönen Kindern dann einigeenglische Tänze aufspielen, damit sie einmal im Saale recht wohlgemuth herumspringen könnten. Ich wurde in das Nebenzimmer mit allem Geheimniß geführt: ich sah durch den Vorhang in die allerliebste Versammlung hinein, — aber nun, — die Geigestimmen! Wie gemein! Ich hatte es auch in meinem Leben nie versucht, weil mein Meister das besorgte, ich hörte auch niemals einen Unterschied, wenn sie nach seiner Meinung im Stande war, und wenn sie nicht jetzt schon richtig stimmte, so konnte ich auf jeden Fall nur Uebel ärger machen. Es schien mir edler sowohl wie vorsichtiger, mit meiner Lieblings-Arie mich anzukündigen, und so ließ ich dann plötzlich das: „Hier schlummern meine Kinder“ anmuthig ertönen. Die Freude dieser Nicht-Schlummernden war unbeschreiblich, mit Jubel ward ich in den Saal gezogen, wo ich wie geblendet stand, da ich noch niemals so viele reizende Wesen beisammen gesehen hatte. Das war ein Fragen und ein Bestellen; ich zeigte ihnen die englischen Tänze, die mir mein guter Meister in mein Notenbuch geschrieben hatte, ich spielte einen auf, aber er wollte nicht passen. Sie fragten nach der Anzahl der Touren und dergleichen, was mir alles unverständlich war. Ich sollte ihnen den Tanz und die Musik dazu arrangiren. Ich versuchte noch eine Anglaise und eben so die dritte, nun war meine Kunst zu Ende, und da auch diese nicht paßten und wir uns gar nicht verständigen konnten, so mußte ich, den sie im Triumph eingeholt hatten, mit der größten Beschämung wieder abziehen, und sie endigten ihren Nachmittag in Verdruß, der ihnen ohne die plötzliche unerwartete Freude heiter verflossen wäre. Meiner Mutter, die mich ausfragte, erzählte ich, die Mädchen hätten eigentlich gar nicht tanzen können; und so kam es mirauch vor, da sie sich aus meinem Spiel nicht zu vernehmen wußten. — Mein Meister wurde endlich zu einer auswärtigen Kapelle verschrieben, und nun glaubte ich, meiner Qual los zu seyn: mein consequenter Vater aber hatte schon wieder einen neuen Lehrmeister bei der Hand, der, als ich ihm meine Künste vorgespielt hatte, die Sache gründlich wieder von vorne anfing. Ich, der ich schon Symphonieen und die schwierigsten Sachen vorgetragen hatte, mußte jetzt jene mir verhaßten Choräle und Kirchenmelodieen einlernen, lauter Noten aus halben oder ganzen Tacten, weil mein neuer Meister behauptete, ich hätte weder Strich noch Fingersetzung. Dieser hatte ein so delikates Ohr, daß er bei meinen Mißtönen fast ärgere Gesichter schnitt, als ich selber, er lachte auch niemals über meine Ungeschicklichkeit und Mangel an Talent, wie der erste, sondern nahm sich die Sache sehr empfindsam zu Herzen, und war manchmal fast dem Weinen nahe. Zum Glück dauerte diese neue Schererei etwa nur ein halbes Jahr, worauf ich zur Universität abging, und seitdem kein Instrument wieder angerührt habe. Diese Bekenntnisse, meine Herren, schildern nur kurz den geringsten Theil meiner musikalischen Leiden, denn wenn ich sie ganz hätte darstellen wollen, würde mir Zeit und Ihnen die Geduld ermangeln.
Jetzt ist die Reihe an Ihnen, sagte der Baron Fernow, indem er sich zum alten Italiener wandte, Sie haben bei diesen Erzählungen eine besondere Freude gezeigt, und es ist wohl billig, daß Sie uns auch einige Ihrer Leiden mittheilen, die Ihnen wohl, als einem alten Virtuosen, nicht gefehlt haben können.
Ach! meine Herren, sagte der Alte mit einem sonderbaren Gesicht, meine Leiden seyn zu tragisch, um Plaisirzu machen, auch kann meine welsche Zunge nicht in die Landstraße von der deutsch Idiom recht fortkommen, muß daher um Nachsicht anfleh, wenn meine Confession etwas mit Confusion verschwägert seyn sollte. Ich war von Jugend auf geübt im Sang, fertig im Clavierspiel und guter Tenor, frisch auf Theatern mit Glück in Napoli gesungen, und brav beklatscht unde viva!mich zugerufen. Ging nach Rom, gefiel nicht so ausnehmend, denn die HerrenRomaniseyn kritischer Natur, bilden sich ein, die feinste Ohreinrichtung in den ganzen Italia zu haben. Ach! aber hier sah ich im Carneval eine junge Demoiselle, die Stunde bei mich nahm, um nachher in Firenza zu singen, auch auf das Theater. Ach! welcher Ton! welche Talente! welche Augen! Nun das war eincara mia,amorundmio cour, bis wir, eh’ wir uns das Ding versahn, mitsammen davon gelaufen waren, und singen nun in Firenza auf Theater aus Leibesmacht als Mann und Frau. Hatten viel Zärtlichkeit in der Eh, aber auch manchen Verdruß, denncara miawar der Jalousie ergeben, und meine Wenigkeit war dazumal ein gar hübscherGiovineund die Frauenzimmer rührten leicht mein Herz. Doch Alles ging gut, bis wir in eine deutsche Residenz engagirt wurden. Da lebte ein Compositeur, ein Maestro, so recht ein Theoretiko, voll Prätension, aber gescheidt, dabei ein hübsch wohlgewachsen Männel. Der Hortensio gefiel meiner Cara, und sie wollte nun seine Schülerin vorstellen, in edel große Manier singen, mit Seele, wie Hortensio sagte, nicht mehr aus Hals und Kehle, sondern so wie die Deutsche meinen, aus das Gemüth heraus. Gemüth! eine extra deutsche Erfindung, die alle andern Natione gar nicht kennen. Bis dahin hatte die Gute ihren schönen Ton gehabt, grausame Höhehell wie Glas, spitz, laut, mochte Compositeur componiren wie er wollte, brachte er seinen hohen Ton, flugs hatten wir ihn weg, richtig mußte er in seine Passage und Cadenz hinein, hinaufgeschroben, höher und immer höher, da oben dann umgeschwenkt, und wieder hinab gegurgelt, undbrava! brava! bravissima!aus den Logen heraus geschrieen, mit Fächern und Händchen geklopft,mia carasich verneigt, Arme kreuzweis vor der Brust, und keinem Menschen wars eingefallen, daßmonsieur Compositeurda hatte Gedanken, aparte Fühlungen hinein drechseln wollen. Aber Hortensio! Hortensio!bestia maladetta!denk’ ich, der Schlag soll mich rühren, wie ich zum ersten Mal die seelische Manier in mein Ohr hinein hör! Keine Passage, keine Uebergänge, keine Triller, singt daher wie ein Kalb, das geschlacht werden soll, pur ohne Manier und Methode. Ich war derprimo nomo, konnte aber nicht lassen, meineprima donnaim Liebesduett rechtschaffen in den runden Arm zu zwicken. Schreit sie auf gefährlich: meinen die Leut, das soll auch große neue Manier seyn, und fangen an zu lachen. Von dem Tage Zwietracht unter uns, kein Beifall vom Publikum mehr. Hortensio war großer Theoretiker und Enthusiast, wollte aber keinen Amanten abgeben, war verheirathet an eine gute Frau, die nach deutscher Manier ganz Seele war. Nun steigt in meiner zarten Isabelle die Bosheit immer höher. Sie will retour in alte brillante Manier, verflucht Seele und Gemüth, aber war nicht anders, als wenn die Töne wie Besessene durch einander schrieen, kochte und zwirbelte oft in der Gurgel, murrte und pfiff, als wenn Satansbrut in dem kleinen Hals mit einander auf Gabel und Besenstiel wie zum Schornstein hinaus auf die liebe Blocksberg fahren und rutschen wollten.So war das Elend komplett, fehlte nur noch, daß sie mir alle Schuld gab, und das that sie denn auch redlich: ich sänge so schlecht, wäre rückwärts gegangen:enfin, wir kriegten beide unsern Abschied mit kleine Pension. Zogen durch alle Provinz, den wohlfeilsten Ort anzutreffen und fanden immer die allertheuersten, gaben Concert, ich Privatstund im Singen. DiecaraIsabella konnte aber Musik nicht aufgeben, und je ärger es wurde, je lieber sie sang, als kein Mensch mehr zuhören wollte, trieben wir das Spektakelprivatissimeauf unserer Stube. Ja, da mußte ich ganzer Mann seyn, um mit meine Heroismus das Schlachtgeschrei auszuhalten, und oftmals dachte ich, es müßte gesterben werden. Wir hatten großen mächtigen Kater, der lag immer auf das Clavier: sehn Sie, das Kerl fürchtete sich weder vor Ratz noch Maus, lief vor keine noch so große Hund, und hatte sich mal mit einem allmächtigen Bullenbeißer gekratzt: aber so wie meine Gemalin nur den Deckel aufmachte, um die Harmonie loszulassen, so lief das Katz was es konnte bis auf den allerobersten Boden. Wir tobten so gewaltig, daß uns kein Wirth mehr zum Miethsmann einnehmen wollte. Natürlich mochte nun kein Mensch mehr unser Concert hören, denn die menschliche Ohr seyn meistentheils etwas zart construirt und sehr viel Menschen haben fast natürlichen Widerwillen gegen Detoniren und widerwärtigen Gesang.
An einem Tage sagte mir die Gattin, ich solle meine beste Kleid anziehn, es sei große reputirliche Gesellschaft von Zuhörer gebeten. Wir sangen und tobten, es war aber kein Mensch da. Wie ich in der Nacht darüber mit ihr redte, sagte sie, die gewöhnliche Menschheit sei zu platt und grob organisirt, ihre Kunst zu fassen, darumhabe sie Ueberirdische invitirt, die klagten niemals über Dissonanz, ich aber sei ein Gesell, zu plump, um die feinen Creaturen mit meine dumme Augen zu sehn. Nun gings immer so fort mit die Engelssocietäten, und sie erzählte mich viel von dem großen Beifall, den ihr Vortrag bei die Kenner fände. Am andern Abend, als wieder große Geisterassamblée bei uns war, und wir beide gnug schrieen, sagte sie zu mir plötzlich, ich sänge entsetzlich falsch, es sei nicht auszuhalten, und König David, der gewiß ein Kenner in Musiken sei, wolle gar nicht wieder kommen, wenn ich nicht richtiger und mit mehr Respect sänge. Ich sollte gleich hin, undMajestéum Verzeihung bitten. Wo sitzt er denn? Da, nahe am Ofen, denn der alte Herr hätte etwas kalt. Ich trug meine submisse Devotion in höfliche Redensart vor und wurde pardonirt.
Armer Mensch! sagte der Kapellmeister gerührt, und wie lange lebte die Wahnsinnige noch?
Bitte sehr um Verzeihung, erwiederte der Italiener, meine selige Gattin nicht zu lästern, war nichts weniger wie etwa toll im Kopf, dachte es auch erst, sah aber bald meinen Irrthum. Denn als es noch kälter wurde, die Tage immer kürzer, die Selige mich auch tüchtig tribulirt hatte und ich mir fast den Hals entzwei gesungen, weil diesmal alle Maccabäer uns die Ehre erzeigten, da sah ich, wie ich Licht hereinbrachte, die ganze Stube voll unsichtbarer Menschen, will sagen, verstorbene Geister. Seitdem mir nun die Binde von meine Augen herunter gefallen war, habe ich manche interessante Bekanntschaft unter die Abgeschiedenen gemacht, und hatte nun gar nicht mehr nöthig, viel mit die sterbliche Menschen umzugehn.
Das glaub’ ich, sagte der Baron, indem er den Erzählendenmit einem prüfenden Blicke anstarrte; die Tochter rückte etwas weiter von ihm weg, der Enthusiast war erstaunt, der Laie lachte, und nur der Graf, welcher ihn schon kannte, blieb ruhig. Wir sahen ein, fuhr der Alte fort, daß die zu weit ausgebreitete Bekanntschaft mit die ganzen Vorzeit etwas lästig werden könnte, und beschränkten uns nachher fast nur auf die berühmte Musiker. Ja, meine Herren, da habe ich nachher erst Dinge über Contrapunct, Wirkung, Ausbeugung und über Charakter von die Tonarten erfahren, die in keinem Buche stehen. Aber meine liebe Frau starb bald, und seitdem habe ich den Umgang auch nicht fortsetzen können, denn alle die Herren haben sich mich allein, daCara mianicht zugegen, seitdem mir nicht wieder gezeigt.
Der Baron fragte den Grafen nach einer Pause, ob er nicht auch vielleicht einige musikalische Leiden vorzutragen habe, und dieser, der bis jetzt geschwiegen hatte, fing so an: Ihre Klagen, meine Herren, waren zum Theil darüber, daß sie mit der Musik in Verbindung kamen, ohne eigentliche Lust oder scharfen Sinn für diese Kunst zu besitzen. Mein Elend kommt von der entgegengesetzten Seite. Von frühester Jugend war meine Freude an Musik, mein Trieb zu ihr überreizt zu nennen, auch machte er meinen Eltern und Erziehern gnug zu schaffen. Ich wollte nichts anders lernen, und verwünschte oft meinen Stand, der mich hinderte, ein ausübender Künstler zu werden. Wo nur ein Ton erklang, wo nur Gesang sich hören ließ, da war ich gleich mit ganzer Seele, und vergaß alle meine Geschäfte. Mein Vater, ein ernster, heftiger Mann, zürnte über meinen Enthusiasmus, der allen seinen Absichten feindlich zu werden drohte. Da ich auch zu leidenschaftlich war, und im jugendlichen Eifer wähnte, ich könntemeine Kunst nicht fanatisch gnug vertheidigen, so verletzte und kränkte ich oft meinen Vater auf ungeziemende Weise, und dieser Kampf, diese Reue und Zerknirschung über meine Hitze, Verstimmung gegen die Welt und mich, dies traurige, zerrissene Wesen verdarb mir völlig die Heiterkeit meiner Jugend, denn der gewaltsam errungene Genuß meiner Kunst war doch nicht im Stande, mir alles das zu ersetzen, was ich einbüßen mußte. Ja, sei es nun, daß meine Erwartungen zu hoch gespannt waren, daß meine Ahndung für das Höchste zu sehr meine Forderungen stimmte, genug, es wurden mir auch die Werke der Kunst selbst, so gut wie ihr Vortrag, oft allzusehr verkümmert. Denn ich glaubte nicht selten wahrzunehmen, daß man so vieles in die Musik aufgenommen habe, was dieser Kunst ganz fremd bleiben müsse, daß sie meistentheils zu sehr zum Zeitvertreibe herab gesunken sei, daß sie um Effecte buhle, die ihrer unwürdig sind, und daß die wenigsten Sänger nur wissen, was Vortrag und Gefühl zu bedeuten habe. Eine tiefe Schwermuth konnte sich meiner bemeistern, daß fast nirgend in der Welt die Stimmung angetroffen werde, die ich für nothwendig hielt, wenn diese hohe Kunst ihr Element finden sollte. Ich mußte denn endlich meinem Vater doch nachgeben und an den Geschäften Theil nehmen. Die Arbeit wurde mir leichter als ich mir vorgestellt hatte, und mein Vater, der mich wegen meiner Kunstliebe für fast blödsinnig gehalten, war so mit mir zufrieden, daß seine ehemalige Zärtlichkeit gegen mich erwachte. Nach einigen Jahren ward ich in diplomatischen bedeutenden Geschäften an einen großen Hof gesendet. Seit lange hatte ich die neuen Sänger und Sängerinnen beobachtet, und war fast mit allen unzufrieden. Wenn die Stimme das Gefühl, denEnthusiasmus der Leidenschaft ausdrücken soll, so muß sie sich großartig erheben, mächtig anschwellen, und die Höhe nur deswegen suchen, um die stärkste Lichtregion und Kraft zu gewinnen. In dieser Gegend ist es, wo Componist und Sängerin das Uebermenschliche der Liebe, der Klage, der Andacht und jeder Regung der Seele ausdrücken können: und doch fand ich fast immer, daß der Wohllaut, die Wollust dieser Klänge nur gebraucht wurden, um eine kleine Künstlichkeit, eine Art Springerei anzubringen, eine Virtuosität, die wohl ganz nahe an die Seiltänzer grenzt, und von der ächten Kunst ganz ausgeschlossen seyn sollte. Noch schlimmer fast erschienen mir diejenigen, die nach einer ziemlich verbreiteten neuen Manier den Ausdruck anbringen wollten. KeinCrescendo, kein Portament der Stimme, sondern ein plötzlicher Aufschrei, wie ein Angst- oder Hülferuf, dann ein eben so plötzliches Verhauchen, ein unmotivirtes Sinkenlassen des Gesanges, ein dumpfer Seufzer statt des Tons, und so fort in diesem schroffen eckigen Wechsel, so daß ich jetzt nichts hörte, und jetzt wieder von grellen Tönen erschreckt wurde, ein Unfug, den oft ein ganzes Publikum bewunderte, und der mir noch jenseit dem Anfange der Schule zu liegen schien, oder mir vielmehr wie der rohe unmusikalische Gegensatz alles Gesanges vorkam. Von dem neuesten Geschmack der Opern will ich schweigen, denn hier fände ich meinen Klageliedern kein Ende.