Scherzen Sie nicht, sagte der Gelehrte, es ist noch nichtaller Tage Abend, und wir können nicht wissen, welche Aufgaben sich der Scharfsinn und die Combinations-Gabe unserer Tage noch setzen werden. Es ist sonderbar genug, daß die Säule Boaz noch niemals auf den vielbesprochenen Baffomet ist gedeutet worden.
Oder beide Säulen J und B, Jachin und Boaz, auf Jacob Böhme, der doch gewiß bei den Parazelsisten und Adepten der Brüderschaft eine große Rolle gespielt hat.
Vielleicht, sagte Schmaling, da ich noch nicht durch viele Grade gedrungen bin, erfahre ich künftig dies und noch mehr. Könnte aber ein wissender Meister nicht neue Deutungen in die Symbole legen?
Dergleichen, erwiederte der Rath, ist vielfach geschehen; und so sind durch Erklärungen Geheimnisse, und aus diesen wieder neue Erklärungen entstanden, um eine Sache zu verwirren, die nur in schlichter Einfalt wohlthätig und segensreich seyn konnte.
Wie kommt es nur, sagte Ferner, der Gelehrte, daß man noch niemals die Schulen der Magie und Zauberei, oder Nekromantik, Nekromancie, wie die Dichter des Mittelalters sie nennen, für Logen gehalten hat? Nach Toledo in Spanien, als dem Centrum und der wahren Universität oder großen Mutterloge, weisen alte Gedichte hin. Kunststücke, Zauberei, Verwandlung, Beherrschung der bösen und guten Geister wurde dort gelehrt. Auf dem Vatikan liegt ein Gedicht von den Heymonskindern und dem Zauberer Malegys. Dieser lernt aus den Büchern eines andern Magus, Balderus, die hohe Kunst, er besiegt nachher diesen und einen andern berühmten Künstler Iwert; und so hätten wir denn vielleicht hier wieder das I und B, was in der Maurerei eine so bedeutende Rolle spielt.
Halten Sie ein, Professor! rief Anton aus, sonst machenSie noch alle unsre reisenden Taschenspieler zu Meistern vom Stuhl, oder unbekannten Obern.
Doch ohne allen Scherz gesprochen, erwiederte Ferner, ich wundre mich, daß unter den vielen Maurern und Freunden der Maurerei, von denen doch so viele Bücher gelesen und für die Sache geschrieben sind, noch keiner sich die Mühe gegeben hat, ein höchst merkwürdiges Gedicht aus dem Mittel-Alter zu studiren, das, wenn irgend eins, eine Geheimlehre enthält, ein Christenthum, Mythe und Symbolik, die gewiß nicht mit den herkömmlichen und angenommenen der katholischen Kirche übereinstimmen. Dieses Gedicht heißt „die Pfleger des Graal,“ und besteht aus zwei Theilen, wovon der erste Parzifal, und der zweite Titurell genannt wird. Dieser heilige Graal ist ein Geheimniß, das nur Eingeweihten zugänglich und verständlich ist, eine Erfüllung aller Wünsche, eine Heiligung alles Menschlichen und Irdischen, er giebt Gesundheit, Leben, Freude und Glück. Durch Forschen, Fragen, wenn der Ritter zufällig in den Saal tritt und aufgenommen wird, macht er sich des Mysteriums würdig, und der junge Parzifal, weil er zu bescheiden ist, verscherzt in früher Jugend auf lange durch sein Stillschweigen diesen Besitz. Die Heidenschaft und der Calif der Muselmänner erscheinen nicht so feindlich und gehässig, wie in den übrigen Gedichten des Zeitalters. Eine kirchliche christliche Gemeinschaft der Frommen und Edlen, eine mystische Lehre wird vorgetragen, die selten mit dem allgemein Gültigen jener herrschenden Kirche überein zu stimmen scheint. Auch der Tempel und die Baukunst sind mystisch behandelt und sind dem Werke höchst wichtig, wenn gleich die heilige Masseney, die Tempelherren oder Tempeleise ganz in Art und Weise der Ritterwelt dargestellt sind. Auch der Priester Johannes spielt eine große Rolle, und Alles bezieht sich inverschiedenen Richtungen auf Johannes den Evangelisten. Wie sehr der Täufer bei den Maurern gilt und geehrt wird, ist bekannt, und, wenn sie wirklich älteren Ursprunges seyn sollten, so ist wohl noch zu untersuchen, ob nicht ursprünglich der Evangelist gemeint sei. Die Forschungen über dieses tiefsinnige Gedicht des Mittelalters sind auch in anderer Hinsicht noch lange nicht abgeschlossen, und der Maurer, der die Geschichte der Poesie kennt, dürfte hier auf manche Entdeckung gerathen, die seinem gläubigen Vorurtheil mehr und stärkere Waffen gäbe, als jener Sanct Albanus, der die Bauleute in England zuerst beschützte, oder der Prinz Edwin, oder die Culdeer, Wiklefiten, oder was man nur sonst in die Untersuchung gezogen hat.
Mir fällt eine Frage ein, sagte Anton: hat man noch nie den sinnigen Shakspeare zum Maurer gemacht? Viele seiner Sprüche, z. B. „es giebt viele Dinge im Himmel und auf Erden, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen läßt“ hat man oft genug gebraucht und gemißbraucht. Es ist aber bekannt, daß der edle Philipp Sidney ein Freund und Beschützer des berühmten und berüchtigten Jordanus Bruno war, den man nachher als Ketzer in Italien verbrannte. Wie, wenn diese beiden Männer ächte Maurer gewesen wären, und in jener merkwürdigen Zeit eine Loge gestiftet hätten, in welcher unser Shakspeare später wäre aufgenommen worden? In dem kleinen London und in einem kurzen Zeitraum von dreißig Jahren waren so viele große und herrliche Männer, wie sich nur selten auf Erden so enge zusammen drängen.
Jetzt stand Huber, der Arzt, auf und sagte: ich habe bis jetzt geschwiegen, weil ich nicht andern Meinungen voreilen wollte. Dieses Geheimniß eines Nicht-Geheimnisses, wie es unser Freund Seebach ausgeführt hat, will mir keineswegesgefallen. Es sei, daß die Maurerei Nichts gegen Staat und Religion unternehmen soll, und daß wir deshalb jene frühen englischen Logen tadeln mögen, von denen die Sage berichtet, daß sie unter Cromwell bedeutend zur Wiedereinsetzung der Stuarts mitgewirkt haben. Aber eben dadurch, daß der Maçon von Politik und Kirche sich zurückhält, um nicht zu stören, ist ihm ein so größerer und schönerer Wirkungskreis in der Natur eröffnet. Weisen wir die früheren Sagen von Adepten ab, so ist eben jener Elias Ashmole, der einer der frühesten authentischen Maurer der neuen Zeit ist, zugleich als ein Freund der Astrologie und der Verwandlungskunst bekannt genug. Beschäftigen sich also die Universitäten, um die Jugend nicht irre zu führen, mit der Naturwissenschaft in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes, so ist es um so erfreulicher, wenn ein Kreis erfahrner Männer, zum Geheimniß durch Wort und That verbunden, jenen Geist aufsucht und herbeiziehn will, jene Kraft, Wunder zu wirken, die wohl schon sonst auserwählten Sterblichen beigewohnt hat, kurz, sich in dem zu üben und zu vervollkommnen, was gemeinhin Magie genannt wird. Diese Wissenschaft, die Natur aufzuschließen und sie zu verwandeln, ist des Strebens der Edelsten nicht unwürdig. Es ist leichter, sie zu verlachen, als die Meister dieser Kunst und die Anschauungen, die uns entgegen kommen, abzuweisen und zu widerlegen; und namentlich die Kunst des Adepten, Gold zu machen, den Stein der Weisen hervor zu bringen. Die nüchterne Welt kennt nur einen Weg, indem sie die Erzählung von Flamel als Lüge verschreit, was Paracelsus erzählt und ein Mann wie Helmont betheuert, Mährchen nennt, den tiefsinnigsten der Philosophen, Jacob Böhme, nicht anhört und versteht, und Alles, was in unsern Tagen ein erleuchteter Saint Martin begeistert predigt, nur mit mitleidigemAchselzucken beantwortet. Aber ist es denn nun schon unwidersprechlich dargethan, daß uns Saint Germain belog und betrog? Die Kunst, Gold aus andern Metallen zu machen, scheint so nahe zu liegen, da wir so viele Verwandlungen hervor bringen können. Sie soll ja nur den Meister beurkunden, ihm seinen Meisterbrief schreiben, als einen Beweis, daß er die Natur bezwungen hat, und sie beherrscht. Die moralische Besserung und Vergeistigung des Menschen ist die höhere Kunst des Adepten. Aber Wunder zu glauben, in der Vorzeit, um Religionen und Heilige zu bekräftigen und ihrem Wirken Glauben zu verschaffen, und anzunehmen, daß diese Kraft erlöschen müsse, und in unsern Tagen und niemals wieder erweckt werden könne und dürfe, heißt, um mich gelinde auszudrücken, auf das Mindeste sehr inkonsequent glauben und lehren. Mein Freund Seebach kennt meine Ueberzeugung, die ich hiemit wiederhole. —
Jetzt nahm Sangerheim, der Reisende, wieder das Wort: Wie die Kunst der Verwandlung das eine Unterpfand des Maurers und Meisters ist, so ist die Macht über die Geister die zweite Beglaubigung, daß er Bahn gewonnen, und den Sieg im Laufe errungen hat. Diese Hoheit ist dem ächten Schüler der Weisheit seit uralten Zeiten überkommen, von alten Meistern und Obern, und jeder Lehrling, der sich in der Prüfung würdig erweiset, kann dies Siegel der Vollendung erringen. Wenn die Rosenkreuzer diesem hohen Berufe nachstreben, so ist es löblich, erringen sie ihn, dann ist ihre Kunst und ihr Weg der wahre. Er ist aber nicht der meinige. Doch werde ich den würdigsten Brüdern, die schon erfahren sind, gern, wenn sie Glauben und Vertrauen haben, die Weihe nach Graden der Prüfung zukommen lassen. Doch bin ich hierin ganz der entgegengesetzten Ueberzeugung des Herrn von Seebach. Ein einziger Gradist keiner; was diese Freimaurerei will und soll, kann Jeder am besten isolirt und ohne alle Verbindung erlangen.
Schmaling sah begeistert aus und drängte sich an den Fremden, auch der Arzt Huber gab ihm die Hand. Auf der Seite des Rathes blieben der Obrist, der Gelehrte und Anton. So war in dieser kleinen Gesellschaft ein Gegensatz von Meinungen, die sich auf keine Weise vermitteln ließen.
Man trennte sich, und beim Abschiednehmen bat der geheime Rath den Fremden, der so große Dinge ankündigte, noch etwas zu verweilen. Er trug ihm seine Verlegenheit vor in Ansehung des verlornen Dokumentes und schloß dann: Getrauen Sie sich wohl, durch Ihre übernatürliche Wissenschaft, deren Sie sich rühmen, mir diesen Bogen, an dem mir so viel gelegen ist, wieder zu verschaffen?
Sangerheim, der bisher in der Gesellschaft bescheiden in Wort und Haltung gewesen war, richtete sich jetzt stolz auf und sah den Rath mit einem kühnen Blick von oben herab mit seinen feurigen Augen an und sagte: Ist dies nur eine leere Erfindung, um mich zu prüfen, so dürfte es schlimm für Sie ausgehn, wenn ich jene Kräfte für diese Unwahrheit in Thätigkeit setzte; ist es Wahrheit, was Sie mir sagten, so verspreche ich Ihnen meine Hülfe.
Seebach erzählte ihm umständlicher die Sache, den Inhalt des Dokumentes, wie lange er es besessen, und daß es jetzt zur günstigen Entscheidung des Prozesses unentbehrlich sei. Ich glaube Ihnen, sagte Sangerheim, und spreche Sie morgen Nachmittag in der vierten Stunde.
———
Am folgenden Abend war der Rath im Kreise seiner Familie, kein Fremder war zugegen, auch Schmaling fehlte. Es war sichtbar, daß er nachdenkend war und an den Gesprächender Uebrigen nur wenigen Antheil nahm. Der Obrist sagte endlich, als er in die Fröhlichkeit der Uebrigen nicht einstimmte: Was ist Ihnen, Lieber? Wir fangen uns an zu ängstigen; theilen Sie uns Ihren Kummer oder Ihre Leiden mit.
Es ist nichts dergleichen, erwiederte der Vater, ich sinne nur darüber nach, wie man so nach und nach alt wird, und doch niemals ausgelernt hat. Ich glaubte über Alles, was man Wunderglauben nennt, hinaus zu seyn, und war selbst in meiner Jugend dieser Schwachheit nicht ausgesetzt: und nun berührt mich Etwas so stark, daß ich mich vor mir selber fürchte, wenn der Ausgang sich so ergeben sollte, wie er mir ist versprochen worden.
Die Mutter und Tochter sahen sich mit bedeutenden Blicken an, Anton war gespannt und der Obrist sagte: Nun, Werthester, was ist Ihnen versprochen? Dürfen Sie es uns mittheilen?
Es ist mir nicht verboten worden, erwiederte der Vater. Gestern, als wir uns trennten, erzählte ich dem Fremden von dem verlornen Dokument. Er schien erst unwillig, weil er die Sache für Erfindung hielt, ihn auf die Probe zu stellen. Wie er meinen Ernst sah, versprach er mir heut Nachmittag Antwort zu geben. Er erschien, und seine erste Frage war, ob ich nicht in der Stadt noch ein andres Haus besäße. Ich bejahte, wir gingen hin und er betrachtete die Zimmer und den Saal, welche leer stehen, da ich immer noch unentschlossen bin, ob wir hinüber ziehn. Er ließ sich ein drittes Zimmer aufschließen, eilte hinein, und indessen ich noch draußen verweilte, und die Gemälde betrachtete, hörte ich drinnen Geräusch, wie von verschiedenen Menschen, auch Stimmen durch einander. Ich eilte durch die offenstehende Thüre, und fand meinen Fremden allein in derMitte des Zimmers, tief sinnend. Er bemerkte mich erst nicht, dann sagte er: Gehn wir morgen in der Mittagsstunde, zwischen Zwölf und Eins, wieder hieher, und ich hoffe Ihnen etwas Bestimmteres sagen zu können. Wir verließen das Haus, und ich fragte ihn, ob er es erlaube, daß uns noch Jemand begleite. Sehr gern, erwiederte er, nur bitte ich, dem jungen Herrn Schmaling vorerst nicht die Sache mitzutheilen, oder ihn zum Begleiter zu wählen, er ist zu heftig, er schwärmt und würde mich stören; vielleicht geht Ihr zweifelnder Sohn mit uns. — Seht, Freunde, das ist mir heut begegnet, und Ihr müßt gestehn, daß, wenn dieser Mensch ein Betrüger ist, er einen neuen und originellen Weg erwählt.
Aber wie ein Betrüger? sagte der Obrist: wenn er Ihnen wohl morgen schon das Dokument schafft, oder Ihnen eine bestimmte Antwort giebt.
Das wird er eben nicht thun, antwortete der Rath, er wird morgen mit einer neuen Zweideutigkeit mich abfertigen, mich wieder auf einen andern Tag vertrösten, und, wenn er meine Leichtgläubigkeit, oder meinen Charakter bei dieser Spannung beobachtet und kennen gelernt hat, mich mit diesen oder jenen Mährchen abspeisen, von denen er glaubt, daß sie mir zusagen. Alles das sage ich mir und wiederhole es mir, und doch kann ich es mir nicht leugnen, daß ich ungeduldig die Stunde des Wiedersehens erwarte, daß ich mir jenes seltsame, unbegreifliche Geräusch in der Erinnerung wiederhole, und darüber sinne. Es war, wie von vielen Menschen, wie Zank und Streit, ja Thätlichkeit, verschiedene Stimmen antworteten sich heftig, so daß ich erstaunt die halb angelehnte Thür öffne, in der sonderbaren Erwartung, viele fremde, heftige Menschen in Gezänk in meinem verschlossenen Zimmer zu finden, und ihn doch nur allein still in derMitte des Raumes stehen fand. Es war Tag, nicht Mitternacht, keine Vorbereitung war vorangegangen, ich kenne das Haus und er nicht, — wie soll man darüber denken?
Lassen wir es, sagte Anton, bis morgen; die Stunde ist nicht so gar entfernt, und erlauben Sie mir, Sie zu begleiten.
Keine Kreise gezogen? fiel der Obrist ein: kein Zauber-Apparat? keine Citation? Sonderbar genug. Jenes habe ich auch einmal in meinem Leben gesehn und mitgemacht, und es wies sich nachher als Betrügerei aus, aber man hatte uns, die wir zugelassen wurden, durch Geheimniß, Rauchwerk, Gebet, Fasten und Kasteiung so exaltirt und betäubt, daß unsere Imagination dem Magus schon auf drei Viertheil seines Weges entgegen ging.
Als die Mutter in der Nacht mit der Tochter bei einer häuslichen Arbeit verweilte, sagte sie: Ich kann Dir nicht beschreiben, wie widerwärtig mir diese Geschichte ist, die sich da anspinnt. Wir waren einige Jahre so ruhig, und nun wird Dein Vater wieder in solche Verwicklungen und Gedanken hinein gezogen, die ich auf immer für abgethan hielt. Er meint, er hat Alles überwunden, und läßt sich immer wieder von Neuem anlocken. Was ist es nur im Menschen, das der Vernunft zum Trotz, auf die sich die Meisten doch so viel einbilden, immer Herz und Phantasie in das Seltsame und Unbegreifliche hinüberzieht. Ich habe noch keinen Menschen gekannt, der nicht abergläubig gewesen wäre.
Möchten sie es doch, antwortete Clara, denn ich bin es auch; und wie kann man sich gewissen Wahrnehmungen oder Eindrücken mancher Träume, den Vorahndungen und dergleichen entziehn; wenn sie nur nicht mit ihrer scheinbaren Philosophie so bedeutende Schlüsse aus Kindereien zögen, und so schwerfällige Systeme darauf erbauten. So Vielesim Leben hat nur dadurch einen Sinn, daß es eben mit nichts Anderm zusammenhängt, daß es Nichts bedeutet. Sie wären aber im Stande, in einem Seufzer oder Kuß das ganze Universum zu lesen, und die Ewigkeit der Höllenstrafen daraus zu beweisen. Nun, meinen Schmaling werden mir die Geisterseher schön zurichten. Wären die Menschen doch nur damit zufrieden, ihren eignen Geist kennen zu lernen. Weil es aber da eben hapert, so sind sie freilich gezwungen, so viele fremde herbei zu zitiren, um den eignen zu verstärken.
Am Morgen waren Alle beim Frühstück sehr einsylbig. Selbst Anton konnte sich nicht verbergen, daß er in einer Spannung sei, die seinem Wesen sonst ganz fremd war. Gegen zwölf Uhr erschien Sangerheim. Unterwegs sagte er: Ich bitte Sie, von dem, was Sie vielleicht sehn werden, nicht zu laut und gegen Jedermann zu sprechen. Was geht die Menge und das unwissende Volk unser Wesen an?
Das große Haus des Rathes lag in der Vorstadt. Es stand leer, weil die Familie Willens war, hieher zu ziehn. Dies hatte freilich sein Beschwerliches, wenn Seebach sein Amt nicht aufgab. So war es geschehn, daß man es in dieser schwankenden Unentschlossenheit seit Jahren nur selten besucht hatte. Der Rath öffnete und verschloß hinter sich die Thüren wieder. Im Saale angelangt, ging Sangerheim wieder in jenes Zimmer, in welchem er gestern schon gewesen war. Er ließ die Thüre hinter sich halb offen, Anton und der Vater blieben im Saal. Plötzlich hörten beide ein verwirrtes Getöse, wie Schlagen an den Tapeten und Degenklirren, dann Gespräch, Gezänk, Hin- und Widerreden verschiedener Stimmen; auf verschiedene Fragen, die der Magus that, hörte man ein bestimmtes: Nein! nein! Es geschieht nicht! näher und ferner ertönen. Endlich erfolgteein Knall, wie von einer Pistole; Beide stürzten in das Zimmer und der Magus stand in der Mitte, in heftiger Bewegung und erhitzt. Er faßte die Hand der Eintretenden und sagte: Nur bis heut Abend lassen Sie mir Zeit und ich sage Ihnen Gewißheit. Noch widerspricht man mir, man will nicht nachgeben, aber es wird sich ändern, wenn ich in meiner Wohnung noch eine Operation vorgenommen habe. Sie trennten sich und Anton wie der Rath kamen nachdenklich zu ihrer Familie zurück, die sie mit Aengstlichkeit erwartete.
Anton sagte: Der Mann ist ein recht künstlicher Taschenspieler, der einige neue Stücke gelernt hat, die die Uebrigen noch nicht wissen. Man schwört darauf, daß man verschiedene Menschen oder Geister vernimmt, man hört ein Rauschen und Schwirren, Rasseln und Prasseln, wie ein Handgemenge, endlich sogar einen bestimmten Pistolenschuß, aber es ist kein Dampf oder Geruch vom Pulver zu spüren. Das Unkluge bei dieser Geschicklichkeit scheint mir nur darin zu bestehn, daß er sich immer so kurze Termine setzt, so daß sich seine Vertröstungen schnell wiederholen und bald ermüden müssen. Mit den beiden Kunststücken von heut und gestern hätte er uns wenigstens einige Wochen hinhalten können.
Es kann nicht so seyn, wie Du es Dir denkst, sagte der Vater. Er muß auf Etwas fußen, das ihn so sicher macht. Wäre die Sache, wie Du sie schilderst, so müßte er übermorgen oder in einigen Tagen beschämt abziehn, denn ich habe mich wohl gehütet, irgend großes Erstaunen oder entgegenkommende Leichtgläubigkeit merken zu lassen. Gab er sich doch auch nicht einmal die Mühe, uns auszufragen, so beschäftigt war er mit sich selber. Ihm selbst ist es Ernst, und seine Aufmerksamkeit ist ganz auf die Sache, nicht auf uns hingerichtet.
Du bist schon bekehrt und gläubig, sagte die Mutter.
Unmöglich, Liebe, antwortete der Rath, denn ich glaube noch gar Nichts, auch giebt es noch Nichts zu glauben, sondern ich bin nur erstaunt, und kann in dieser verwirrenden Verwunderung meine Seelenkräfte noch gar nicht wiederfinden.
Das ist vielleicht, bemerkte Clara, die beste Stimmung, um Wunder zu glauben.
Kinder, sagte der Vater mit einiger Empfindlichkeit, tragt ihr nicht auch dazu bei, meine Unruhe zu vermehren. Mein ganzes Leben hindurch habe ich gegen den Aberglauben gekämpft, und es soll der Thorheit wenigstens mich zu besiegen nicht so leicht werden, als ihr es für möglich zu halten scheint. Gelingt es dem vorgeblichen Magus, uns diese große Summe zu retten, so sind wir ihm ohne Zweifel Dank schuldig: kann er es nicht möglich machen, was er, fast mit sicherm Versprechen, unternahm, so will ich denn auch nicht weiter grübeln, wie er die sonderbaren Stimmen und das seltsame Geräusch hervorbrachte.
Alle waren scheinbar beruhigt, als der Rath, indem sich eben jeder in sein Schlafzimmer begeben wollte, folgenden Brief noch in dieser nächtlichen Stunde erhielt, der der ganzen Familie Ermüdung und Ruhe nahm:
Da es nicht bloß eine Aufgabe fürwitziger Neugier war, was meine Kräfte und Kenntnisse in Anspruch genommen hat, da die Wohlfahrt einer hochachtungswürdigen Familie gewissermaßen an die Erfüllung meines etwas voreiligen Versprechens geknüpft ist, so hat der Widerspruch und Starrsinn Derer nachgelassen, von denen Sie heut, wenn Jene auch nicht sichtbar wurden, einige Kunde empfingen. Nicht unmittelbar, aber nach einigen kleineren Zimmern, die verschlossen blieben, muß sich in jenem Hause, zu dem Sie michheut führten, noch ein Kabinet befinden, dessen Fenster auf den Garten gehn. In diesem Kabinete ist ein Wandschrank, dem Auge nicht sichtbar, der sich durch den Druck einer Feder öffnet. Nimmt man hier einen gewöhnlichen Kasten heraus, so zeigt sich unten ein Schieber, unter welchem sich dieses Papier, nebst einigen andern Schriften, wohl finden wird.
Bei den letzten Worten, indem der Rath den Brief laut vorlas, schlug er sich mit der flachen Hand heftig vor den Kopf, ward glühend roth und plötzlich wieder todtenbleich, und rief mit lauter Stimme: O ich Dummkopf! Und daß ich es vergessen konnte! Und daß mir ein ganz fremder Mensch, von dem ich niemals in meinem Leben Etwas gehört habe, mir so auf meine Erinnerungen helfen muß.
Die Frauen, so wie Anton und der Obrist, waren um so mehr erstaunt und erschrocken, da sie niemals, obgleich sie das Kabinet kannten, von diesem heimlichen Wandschrank Etwas erfahren hatten. Vergebt mir dies Verschweigen, sagte der Vater, es ist mir eigen und eine Gewohnheit, die ich von Jugend auf hatte, auch vor meinen Nächsten und Vertrautesten noch Etwas geheim zu halten. So habe ich mir in jenem Hause diesen Versteck, um den kein Mensch wußte, angelegt. Er ist so künstlich gemacht, daß, wenn man die Sache nicht weiß, ich auch das schärfste Auge auffordern will, die Feder nur zu entdecken, die die Wand eröffnet und verschließt. Vor vier Jahren, wißt ihr, wohnten wir Alle drüben, weil dies Haus hier ausgebaut und anders eingerichtet wurde. Indem wir wieder herüber zogen, fiel jene Reise vor, die ich eiligst in Angelegenheit meines Fürsten machen mußte. Ich arbeitete die ganze Nacht, ohne fast Nahrung zu mir zu nehmen. Auch meine eigenen Sachen ordnete ich, und jenes Dokument war mir wichtig genug. Ich nahm es, so war ich fest überzeugt, mit mir hierherüber, verschloß es in das geheime Schubfach meines Schreibepultes, reisete ab, und kam erst nach drei verdrüßlichen, arbeitsreichen Monaten zurück. Ich fand, so glaubte ich, alle meine wichtigen Papiere in Ordnung, und, sei es die Reise, mag es von den Kränkungen herrühren, die ich erlitten hatte, ihr wißt, daß ich in ein tödtliches Nervenfieber verfiel, von dem ich nur schwer und langsam wieder genas. In dieser schlimmen Zeit hatte ich mein Gedächtniß ganz verloren. Als ich wieder zum Leben erwachte, war es mir die bestimmteste Ueberzeugung, daß ich das Dokument hier aufgehoben, und seit meiner Rückkehr schon mehr wie einmal gesehn hatte. Darum wurde ich eben ganz verwirrt, als es nun, nach Jahren, die wichtige Sache entscheiden sollte, und sich nirgend antreffen ließ. — Doch laßt schnell anspannen, so spät es ist, ich will noch in der Nacht jenen Wandschrank untersuchen.
Es wurde dem Kutscher eiligst der Befehl gegeben. — Wie kam es nur, fragte der Obrist, daß Sie, auch nur aus müßiger Neugier, jene Stelle drüben im Hause nicht untersuchten, und so zufällig das Papier fanden?
Sie wissen ja, antwortete der Rath, wie der Mensch ist. Hier diesen Schrank, die Zimmer des Hauses hier kehrte ich mehr als einmal um, ich suchte mit Heftigkeit an allen unmöglichen Orten, war aber so fest und unwidersprechlich überzeugt, daß ich das Heft von dort nach der Stadt genommen hatte, daß ich mich selbst über die Frage als wahnsinnig verlacht haben würde, ob der Schrank es noch bewahren könne. Und außerdem — — der Rath zögerte, und als der Obrist in ihn drang, fuhr er fort: Lieber Vater, jene Wand enthält außerdem alle Beweise und Erinnerungen meiner jugendlichen Schwärmereien und Thorheiten, viele Arbeiten, die ich als Schüler dieses und jenes geheimen Ordensentwarf, Abschriften aus seltenen Büchern, kabbalistische Rechnungen, Recepte zur Tinktur, und was weiß ich Alles. Eins jener tollen Blätter hatte sich zufällig hieher verirrt, das ich jetzt an eine andre Behörde geschickt habe, wo man es vielleicht mehr achten wird, als hier geschah. Diesen Wust habe ich seit Jahren nicht angesehn, weil mir davor graut. Denn, gestehe ich’s doch, ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, daß ich nicht hie und da lesen und wieder lesen sollte, wenn ich mich einmal der Truhe nähere. Und bezwingt mich auch das Material des verwirrenden Inhalts nicht, so ängstige ich mich doch mit Recht, mich wieder in alle jene Stimmungen und Zustände zu versetzen, in welchen ich jenes Zeug zusammengeschrieben habe.
Der Wagen fuhr vor, und der Rath, Anton und der Obrist stiegen ein. Als sie allein waren, warf sich Clara der Mutter, heftig weinend, an die Brust. Wie ist Dir, mein Kind? fragte die Mutter. Ach, Liebste! erwiederte Clara, Sie werden mich vielleicht schelten, daß ich bei diesen Sonderbarkeiten, bei diesen Dingen, die uns Alle so gewaltsam aufregen, etwas recht Albernes sage. Ich kann Alles das nicht leiden. Sie sehn, wie gemein es klingt, aber ich kann keinen andern Ausdruck finden, mag ich auch suchen, wie ich will. Wenn das Alles ist (und es ist ja vor unsern Augen da, wir können es nicht mehr ableugnen), so ist mir das Leben selbst widerwärtig. Mir entgeht alle Sicherheit, alle Lust zu denken und zu handeln, denn meine Freude war es eben, daß Alles so unbewußt sich bewegt und genießt, daß jedes Gefühl, jeder Gedanke um sein selbst willen da ist. Nun soll Alles Zusammenhang haben, sich geistig auf einander beziehn. Es ist mir unerträglich, so mit Gespenstern in innige Verbindung zu treten. Gespenst! Ist denn so was nicht der ächte Gegensatz, der völligste Widerspruchmit Geist? Sehn Sie, Liebste, das Alles handthiert nun so gewaltsam in meinem Innern, daß ich lieber gleich im Fieber selbst phantasiren möchte, als von diesen Sachen hören: und nun gar sie erleben müssen!
Tröste Dich, beruhige Dich, mein Kind, sagte die sorgende Mutter, Du sprichst schon, wie im Fieber. Ich glaube Dich zu verstehn, und doch scheinen mir Deine Ausdrücke zu herbe. Alles, was Du so schmähst, macht ja für viele verständige Männer den Reiz des Lebens aus. Wie Vieles würde mancher der Besten darum geben, wenn er sich durch dergleichen Wunder überzeugen könnte, die uns geboten worden, und die wir so wenig suchten, daß man sie uns aufdrängen muß.
Das ist es eben, sagte Clara: ich kann mir keine Vorstellung davon machen, wie steppendürre, wie öde es im Geist und Herzen solcher Menschen aussehen muß, die sich dergleichen wünschen, die ihm nachjagen können. Ein heitrer Blick aus dem lieben, unschuldigen Auge des Kindes, seine Kartenhäuserchen, die es mühsam erbaut und lachend wieder umwirft, jedes Geschäft des Hauses, Backen und Nähen und Stricken, der Handlanger, der mit dem Schweiß seiner Arbeit seine Familie ernährt, o nennen Sie, was Sie wollen, auch das Allergeringste, es ist ja ehrwürdiger und edler, als es diese Raritäten sind, die sich so vornehm anstellen. Möchten doch lieber diese zwanzigtausend Thaler verloren gegangen seyn, als daß sie wiederkommen, und uns dieses Irrsal mit in das Haus schleppen.
Ich kann Dir nicht ganz Recht geben, Tochter, sagte die Mutter: mir graut auch vor der Sache, aber dankbar müssen wir dem Manne doch seyn, wenn wir durch ihn um so viel reicher werden.
Nein! rief Clara, wenn ich es nur hindern könnte. Ichhabe immer über unsern Consistorialrath gelacht, zu dessen Christenthum der Teufel eigentlich die nothwendigste und unentbehrlichste Person ist, aber jetzt bin ich der Meinung des heftigen frommen Priesters. Nur der Satan bringt diese Künste hervor, und Jeder, der sich damit einläßt, ergiebt sich ihm. Die Langeweile plagt natürlich den alten verdammten bösen Geist, und da weiß er sich nun keinen bessern Zeitvertreib, als die Menschen durch allerhand Blendwerk dumm und konfus zu machen. Es wird schon so seyn. Diese fatalen Beschwörer glauben ihn zu beherrschen, er spielt mit ihnen, wie die Katze mit der Maus, und nachher sehen sie denn mit Entsetzen, daß sie immerdar in seinen Stricken und seine leibeignen Knechte waren. — Ach! und mein Schmaling! der ist nun auch so ein kleiner goldner Fisch, den sich die Unbarmherzigen mit ihren eisernen Haken herauf angeln und über sein Bluten nur lachen. Welch hartes, sonderbares Schicksal, daß mich eine Leidenschaft zu einem Manne ergriffen hat, den ich eigentlich nicht ganz achten kann. Ich liebe ihn und gebe ihm mein ganzes Herz, ich fühle es, ich kann ohne ihn nicht seyn und leben, — und doch widerstrebt mir so Vieles in seinem Wesen: Sie werden sehn, dieser Blutsauger, der Sangerheim, macht mir mein Liebchen, meinen Auserwählten noch ganz verrückt. — Ich muß wider Willen lachen. Vergeben Sie mir, Mutter.
Sie lachte laut, um nachher um so heftiger zu weinen. Die Mutter, die zwar die sonderbare Gemüthsart ihrer Tochter kannte, wurde doch besorgt, daß sie krank werden möchte, und wollte sie bereden, sich nieder zu legen: Clara wollte aber durchaus die Rückkunft des Vaters erwarten, und erfahren, wie das seltsame Abentheuer geendigt habe. —
Man war in der Vorstadt abgestiegen, um mit einer Laterne in das finstre Haus zu gehn. Die Stimmung derdrei Männer war feierlich und der Geheimerath Seebach zitterte, indem er die breiten und widerhallenden Stufen hinauf stieg. Im Saale standen sie still, ruhten und zündeten einige Kerzen an. Sie eröffneten die übrigen Zimmer, gingen hindurch und gelangten endlich vor jenes Kabinet. Ehe der Rath aufschloß, sagte er zu seinen Begleitern: Ich muß Euch bitten, Theure, wenn ich den Wandschrank eröffnet habe, und nach jenen Blättern suche, daß Ihr mich ganz allein gewähren lasset, weil ich nicht wünsche, daß Sie, lieber Vater, und noch weniger mein Sohn, Etwas in jenen Skripturen lesen mögen, die so Vieles enthalten, das ich jetzt selbst ganz vergessen habe. Der Rath schloß auf. In dem kleinen Zimmer, das, wie alle übrigen, lange nicht geöffnet war, war ein seltsamer Dunst. Der beklemmte Rath öffnete das Fenster, ein frischer Luftstrom zog herein, und man vernahm das Flüstern der Linde und das Rauschen des Holunderbaumes, die dicht vor dem Fenster standen. Ist es Euch so seltsam, wie mir, zu Muthe? fing der Rath wieder an. Mir dünkt, es kommt mir jetzt schon viel weniger darauf an, diesen bedeutenden Theil meines Vermögens zu retten, als nur die Wahrhaftigkeit jenes wunderbaren Mannes bestätigt zu finden: ob ich gleich von ihr schon überzeugt bin.
Er drückte an die ganz glatte Wand und sie eröffnete sich. Oben in der Mauer standen einige Geräthe und Gefäße, die auch eine magische Bedeutung haben mochten. Seebach bückte sich und holte einen schweren Kasten aus dem Behältniß, der Briefe, Bücher, Maurer-Symbole und dergleichen enthielt. Er ließ, indem er in den Verschlag trat, den Sohn hinein leuchten. Man sah Nichts, und nur der Vater konnte den künstlichen Schieber finden, der zurückgedrängt wieder eine andere geräumige Oeffnung entdeckte.Gleich oben lag das vermißte Dokument und ein großer Zettel daneben, auf welchem mit großen Buchstaben stand: Das Dokument über die zwanzigtausend Thaler findet sich in meinem geheimen Wandschrank, unten, im Hause der Vorstadt. — Es war auch hinzugefügt: Sollte ich auf der Reise sterben, so suche man — und hier war genau für den Fremden beschrieben, wo man die Feder und den Schieber entdecken könne.
Seht, Freunde, rief der Rath, dieses Blatt wollte ich aus Vorsorge in mein Schreibpult legen, um das Dokument ja nicht zu vergessen. Aber die eilige Arbeit, die Wichtigkeit der Geschäfte, die nahe Abreise machten, daß das Vergessen den Sieg, wie es so oft geschieht, über die Vorsicht davon trug. Für meine Familie, im Fall ich von der Reise nicht zurückkommen sollte, war noch diese genaue Bezeichnung hinzugefügt.
Er übergab das Dokument seinem Sohne, der es sorgfältig in die Brieftasche legte. Hierauf bückte sich der Vater wieder und nahm alle übrigen Papiere aus jenem tiefen Raume, die in mehreren verschlossenen Mappen und sorgfältig zugeschnürten großen Heften enthalten waren. — Was machen Sie da? fragte der Obrist. — Da das Geheimniß des Schrankes, sagte der Rath, jetzt ein öffentliches ist, so will ich alle diese Papiere mit mir nehmen, um sie in meinem Stadthause sicher zu verwahren. — Er trug sie selbst mit Anstrengung die Treppen hinunter und in den Wagen, und wollte sich weder vom Obristen, noch seinem Sohne helfen lassen.
Als sie wieder im Wagen saßen, fing der Rath an: Was soll man nun, meine Lieben, von dieser ganzen Sache denken? — Denken? erwiederte der Sohn, fürs Erste wohl gar Nichts, denn wir haben noch lange an unserm Erstaunenzu genießen. Dann wollen wir uns des Geldes und des gewonnenen Prozesses freuen, und Clara vorzüglich mag dem Magus danken, weil ohne ihn ihre Aussteuer wäre verkürzt worden. Mit dem Zauberer müssen wir auch Freundschaft halten, der unserm Hause geholfen hat. Mit allen diesen Dingen können wir uns eine Weile die Zeit so leidlich vertreiben, denn es scheint mir gefährlich und bedenklich, zu früh über diese Sache denken zu wollen. Haben wir doch genug daran zu thun, sie zu glauben. Und ableugnen läßt sie sich nun einmal nicht.
Ich begreife Deinen Leichtsinn nicht, erwiederte der Vater. Kannte dieser Sangerheim mich und meine Familie? und wenn dies war, konnte er von diesem Papiere wissen? und wenn er davon erfahren hätte, konnte er diesen geheimen Schrank entdecken? Setzen wir auch den noch wunderbarsten und seltensten Zufall, er habe nach mehr als zwanzig Jahren den Tischler gefunden, der ihm diesen Schlupfwinkel verrathen hätte: wie viel Unerklärliches bleibt noch zu erklären? Und wie viel Unnatürliches, Unmögliches muß man schon gewaltthätig zusammen raffen, um nur das Leugnen des Wunderbaren und Unbegreiflichen bis zu dieser Spitze zu treiben?
Darum eben, mein lieber Vater, antwortete Anton, ist diese Entfernung von allem Grübeln, sich aller Gedanken zu entschlagen, was Sie, um mir einen Vorwurf zu machen, Leichtsinn nennen, hier recht an der Stelle. Helfen wir uns doch mit nichts Besserm, als diesem Leichtsinn, der aber auch edler Natur seyn kann, bei den allerwichtigsten, heiligsten und höchsten Dingen, wenn wir uns nicht geradehin der Verzweiflung oder dem Wahnsinn ergeben wollen. Wenn unsre Gedanken vor dem Bilde der Ewigkeit scheu umkehren, oder an der Gottheit und Allmacht des Schöpfers ermattenmüssen: — was können wir anders thun, als uns in diesen Leichtsinn retten, der uns so kindlich, so tröstend entgegen kommt? Mag es nicht eben so Pflicht und Weisheit seyn, zu Zeiten gewissen Gedanken auszuweichen, wie es ein andermal unerläßlich ist, sie aufzusuchen, und bis in das Innerste hinein zu ergründen? Nicht jeder Stunde geziemt Alles.
Weisheit! sagte der Alte unwillig; wenn die Unerfahrenheit sie lehren will! — Sie waren angelangt und stiegen zum Wohnzimmer hinauf, in welchem Clara und die Mutter sie erwarteten. Man sprach, erzählte noch, und der Vater sorgte vorzüglich, seine Skripturen in Sicherheit zu bringen. — Der frühe Morgen überraschte sie noch im Gespräch, sie legten sich nieder, um noch einige Stunden zu schlafen, aber Keinem von Allen ward mehr als ein unruhiger Schlummer zu Theil, der sie nicht erquickte.
———
Diese Begebenheit, obgleich sich Alle vorgenommen hatten, nur zu den Vertrautesten von ihr zu sprechen, war bald in der Stadt bekannt, und machte großes Aufsehn. Und, wie es zu geschehen pflegt, erzählte man sich den seltsamen Vorfall bald mit den wunderlichsten Zusätzen, indem Jeder glaubte, am Besten von dem Wunder unterrichtet zu seyn. Sangerheim, der dieses gerade hatte vermeiden wollen, war hiedurch sehr verstimmt, und wurde es noch mehr, als er erfuhr, daß der regierende Fürst selbst sich von seinem Rathe Seebach die denkwürdige Sache hatte vortragen lassen. So kam es denn, daß Sangerheim nicht nur zu allen Versammlungen und Gesellschaften sehr gesucht wurde, sondern daß auch am Hofe Nachfrage nach ihm geschah. Alles dies schien ihm sehr gleichgültig, denn er bekannte selbst, nur einen Zweckim Auge zu haben, nehmlich die gewöhnliche Freimaurerei verächtlich zu machen und zu stürzen, zu welcher sich in dieser Provinz die angesehensten Männer bekannten, und die zugleich die größte Achtung genossen. Es gelang ihm auch, die Logen zu stören und verdächtig zu machen, und viele der eifrigsten Brüder zu sich hinüber zu ziehn.
Indem er mit diesen arbeitete, ihnen den Irrthum deutlich machte, in welchem sie bisher gewandelt waren, verschiedene Grade einrichtete und geheimnißvolle Weihungen vornahm, mysteriöse Zeichen, Amulete und Gehänge austheilte, deren Deutung er sich vorbehielt, saß der geheime Rath Seebach in seinem Zimmer und vertiefte sich in jenen Schriften, die ihm seine leidenschaftliche, sonderbare Jugend wieder vergegenwärtigten. Er hatte mit Recht die zauberhafte Wirkung dieser Papiere gefürchtet, denn er verlor sich so in Erinnerungen, daß die Gegenwart fast gar keine Gewalt über ihn ausübte. Vieles hatte er ganz vergessen, über Manches dachte er jetzt anders, aber doch erschien ihm Alles in einem andern Lichte, als er erwartet hatte, denn er fand zu seinem Leidwesen, daß die großen Fragen keinesweges so abgeschlossen waren, als er es neuerdings, ohne wiederholte Untersuchung, zu seiner Beruhigung angenommen hatte.
Diejenigen, die den alten Logen treu geblieben waren, sprachen über Sangerheim sehr erbittert, und behandelten ihn, ohne daß sie es beweisen konnten, wie einen Betrüger. Schmaling, so wie der Arzt Huber, die gleich seine eifrigsten Anhänger geworden waren, kämpften mit aufgeregter Leidenschaft diesen Verleumdern entgegen, und die ganze Stadt, die viele Jahre hindurch ruhig gewesen war, nahm heftig Parthei für und gegen den Fremden. Dieser und seine Freunde bemühten sich, den elenden Zustand der neueren Maurerei und das Unwesen der Logen in das grellsteLicht zu stellen. Man berechnete, wie viel die Lehrlinge, deren keiner abgewiesen wurde, jährlich einbrächten, wie die älteren Brüder nur dahin strebten, Vorsteher, Redner und Meister vom Stuhl zu werden, um durch diese und andre Würden freien Theil am Schmause zu erhalten. Man zeigte, wie verdächtig die Wohlthätigkeit dieser Maurer sei, und erzählte und wiederholte ärgerliche Geschichten, die allgemeinen Anstoß gaben. Man machte sich lustig darüber, wie sehnsüchtig sie irgend einem Geheimniß entgegen sähen, wenn sich nur irgendwo eins wolle auftreiben lassen; wie gern man es sich, behutsam verpackt, aus England oder Schottland verschreiben möchte, und keine Kosten spare, damit man den sehnsüchtigen Forschern doch nur irgend Etwas zu verheißen hätte. Jene Logen der strikten Observanz hatten aber auch Manches mitzutheilen, was der Wißbegierige und Schadenfrohe gerne anhörte. Man erzählte: dieser Sangerheim sei nichts anders als ein Spion, von einer großen Macht des südlichen Deutschlands ausgesendet, um in den nördlichen Provinzen Zwiespalt auszusäen, und Mißtrauen zwischen Volk und Regierung zu erregen. Der verhaßte Name der Jesuiten wurde nicht geschont, um ihn und seine Freunde zu bezeichnen und verdächtig zu machen. Man wollte in seiner Wohnung eine weiße Frau, oder vielmehr ein entsetzliches Gespenst gesehn haben, und der neuerungssüchtige Pöbel fügte hinzu, daß Kobolde und Teufel in seiner Wohnung freien Aus- und Eingang hätten. Man scheute sich nicht, zu behaupten, er stelle dem Leben des regierenden Herrn und seiner Familie nach, und es gab keine so abgeschmackte Lüge, die nicht in irgend einem Kreise einen Schwachkopf fand, der sie geglaubt hätte. So sehr diese ältern, aufgeklärten Logen den eindringenden Neuling aber auch haßten, so sehr beneideten sie seine Kenntnisse und Geheimnisse,und wären ihm gern freundlich entgegen gekommen, wenn er ihnen nicht so unverhohlen den Krieg angekündigt hätte.
So war die freundliche Stadt, die sich bis dahin einer schönen Geselligkeit erfreut hatte, von Zwiespalt zerrissen, der sogar viele Familien ergriffen, und die nächsten Freunde und Verwandte einander entfremdet hatte. Wie man stritt und verleumdete, bewies und zankte, die Meinungen hin und her schob, so merkte von Allem Derjenige, der eigentlich die Veranlassung dazu gegeben hatte, der geheime Rath Seebach, am wenigsten von dieser Verwirrung, weil er bei Tage wie in der Nacht fast immer über jenen Papieren sann und brütete, die er aus seinem Schranke gleichsam von Neuem erbeutet hatte. Alle Träume und Wünsche seiner Jugend wurden nun lebendig in ihm, er konnte nicht begreifen, wie er bis dahin alle diese Gedanken und Erfahrungen als Kindereien so unbedingt hatte abweisen können. Er war seitdem gegen seine Familie weit zurückhaltender, und ihn gereute selbst das Wenige, was er seinem Sohne vertraut hatte. Die Mutter klagte, die Tochter trauerte, und der Obrist war verdrüßlich, aber ohne Erfolg. Nur Anton blieb in seiner heitern Laune und sagte: Was wollt Ihr? Mein Vater verjüngt sich wieder; ist denn das nicht ein Glück, welches wir gern unsern Geliebten gönnen, und es ihnen immerdar wünschen? Warum sollen wir denn unsre Erfahrungen auch nicht einmal von rückwärts erneuern? Zum Kindischwerden hat es mit meinem lieben Alten noch Zeit, aber die Kindlichkeit ist ja fromme Tugend und ein Glück der Erde.
Er ging dem verdächtigen Sangerheim aus dem Wege, so oft er diesem begegnete. Und dazu fand er oft Gelegenheit, denn so wenig der Magier auch zur Familie gehörte, so besuchte er sie doch täglich, und oft kam er zweimal amTage, um den Herrn des Hauses zu sehn, und sich mit diesem einzuschließen. Sie arbeiteten dann, lasen, schrieben, und man wollte in der Familie sagen, daß sie gemeinschaftlich magische Operationen vorgenommen hätten.
Als unmittelbar nach jener Nacht der geheime Rath sich dem Unbekannten hatte dankbar erzeigen wollen, sagte dieser: Demüthigen Sie mich nicht, verehrter Bruder, durch ein solches Anerbieten. Ich habe, was ich brauche, und es wird mir nicht leicht fehlen. Sollten sich irgend einmal die Verhältnisse anders gestalten, so werde ich mich mit Vertrauen zuerst an Sie wenden, und Sie werden mir dann meine Bitte nicht abschlagen.
Als der Rath ihm von Neuem seine Dankbarkeit ausdrückte und zugleich den Wunsch aussprach, ihn näher kennen zu lernen, erwiederte der Fremde: Was ich von mir weiß, oder Ihnen sagen darf, will ich Ihnen, geliebter Bruder, gern mittheilen, denn wir verstehn den Freund um so besser, wenn wir seine äußere Geschichte, die Umrisse seines Lebens ebenfalls vor uns sehn. So wissen Sie also, daß ich im Jahr 1745 geboren bin, und zwar in Paris. Mein Vater war nichts Geringeres, als ein Prinz von königlichem Geblüt, aber meine Mutter war eine Bürgerliche, die sich durch schöne Worte, Versprechungen, vorzüglich aber durch die einnehmende Gestalt meines Vaters hatte täuschen lassen. Ich wurde gut erzogen, und der theuerste Lehrmeister für jede Kunst und Wissenschaft mir gehalten. Mein Vater hatte große Freude an mir, und verzog und verzärtelte mich. Das ist das größte Unglück, das einem Kinde meiner Art widerfahren kann, denn in spätern Jahren wird es doch wieder in die Bahn zurückgewiesen, in die es nach den Einrichtungen der Welt gehört. An einem sittenlosen Hofe war meine Abstammung eines jener öffentlichen Geheimnisse, dasalle Welt kennt und belacht, und eben so Jeder, wenn es ein ernstes Wort gilt, verleugnet. Ich hatte oft das Glück, den König zu sehn, der zuweilen so mit mir spielte, als wenn er selbst ein Kind gewesen wäre. So lange man als Kind hübsch und artig ist, wird man über die Gebühr von Weibern und Mädchen bewundert; treten die Jahre ein, in denen sich der Knabe streckt und auswächst, so wird er von verwöhnten Menschen um so mehr übersehn, wohl gar verfolgt, und das Beste im Kinde wird verhöhnt, wie früherhin das Gleichgültigste vergöttert ward. Auch diese Erfahrung mußte ich machen, so wie späterhin die noch schlimmere, daß mein Vater, der sich mit einer jungen tugendhaften Dame vermählte, nachdem er einige Jahre als Wittwer gelebt hatte, mich aus Engherzigkeit und mißverstandener Moral verleugnete. Damals bemächtigte sich eine tödtende Bitterkeit meines jungen Herzens. Nachher ging mein Haß in Verachtung über, und ich vermied, wie ich nur irgend konnte, den Anblick des Prinzen. Ich erhielt eine Stelle beim Regiment, ward Lieutenant, Hauptmann, Obrist, und man ersparte mir sogar den Dank für diese Wohlthaten und Auszeichnungen.
Die Maurerei war in Frankreich etwas so Gewöhnliches, daß jeder junge Mann von Welt und Erziehung zur Brüderschaft gehören mußte. Es war fast nicht mehr, als wie man eine Loge im Theater nimmt. Der Krieg brachte mich nach Deutschland und ich lernte hier einige ernstere Brüder und ein tieferes Forschen kennen. Als aber mein Wissenstrieb erwachte, konnte mir Keiner eigentlichen Bescheid geben. Jeder hoffte vom Andern das zu erfahren, was er so schmerzlich entbehrte, und was Jeder nur ungern, und endlich mit Scham gestand, nicht zu besitzen. Ich ging durch alle Grade, durch alle Sekten, hatte viele hochklingende Namen,vielerlei Kreuze und Kleidungen erworben und als aufmunternde Amulete erhalten, aber eigentlich Nichts erfahren. Das Sonderbarste war, wenn ich mich erforschte, daß ich eigentlich selbst nicht wußte, was ich denn nun wissen wollte. Jenes leere Ideal, jener nüchterne Cosmopolitismus, den Sie uns neulich schilderten, war mir freilich auch von Einigen gepredigt worden, aber er konnte meiner brennenden Wißbegier am wenigsten genügen. Wenn wir sehn, wie uns durch mechanische Kunst die Thiere gehorchen, wie der Wind das Segel schwellt und dem Schiffer dient, wie das Feuer uns die Berge und ihre Metalle zu leibeignen Vasallen macht, und eine arme Mischung von Kohlenstaub, Salpeter und Schwefel uns Mauern und Thürme niederwirft, so meinte ich, der so vorgeschrittne Mensch dürfe auch in das Geisterreich seine gebietende Hand hineinstrecken, und auch die Kräfte müßten ihm gehorchen, die man nur gemeinhin die unsichtbaren und unbekannten nennt, weil Keiner das Auge dreist erhebt.
Aber nirgend fand ich Rath und Hülfe. Auch in England nicht; gewissermaßen hier am wenigsten. Ich kam auf die Vermuthung, die sich mir späterhin als Wahrheit bestätigt hat, daß alle diese Menschen von Klügeren mit Spielwerk und nüchternen Reflexionen, oder Symbolen der ehemaligen Tempelherrn nur hingehalten werden, damit sie ja nicht erwachen und das wahre Licht erkennen. Nach dem Frieden verließ ich den Dienst und Soldatenstand, und nur meine Sehnsucht, so wie die Verehrung der Kunst trieb mich nach Italien.
Hier nun war es, vorzüglich in Florenz und Rom, wo mein Leben in eine so andre, bis dahin nie geahndete Bahn gerieth, daß ich Ihnen, geliebter Bruder, wenigstens für jetzt, von den Erfahrungen, die ich machte, von den Erkenntnissen,die mir mitgetheilt wurden, Nichts offenbaren darf. Aber die Zeit wird kommen, ich sehe sie schon vor mir dämmern, wo ich Ihnen Nichts mehr zu verschweigen brauche. Als ich nach Frankreich zurück kam, bemerkte ich, wie Saint Martin und seine Schüler Manches in der Ferne gesehn haben, wie Fludd und die deutschen Rosenkreuzer nicht zu verwerfen sind, und wie vorzüglich ihr großer Jacob Böhme oft fast unmittelbar an das Centrum des heiligen Geheimnisses geräth, von dem auch Paracelsus und der tiefsinnige van Helmont schon einen Anblick, wie durch einen fliehenden Nebel hatten. Diesen großen Männern fehlte Nichts, als Bekanntschaften in Italien, wie sie mir ein günstiger Zufall verschaffte, um schon in der Kunst die höchste Stufe zu ersteigen. Ich bin auch überzeugt, daß hie und da ein Deutscher, weil diese Nation vielleicht das größte Talent zum Tiefsinn besitzt, wohl das Mysterium gefunden hat. Es Unwürdigen mittheilen, ist die größte Sünde, und deshalb sind Prüfungen verschiedener Art und mancherlei Grade nothwendig.
Der Rath Seebach schien im Wesentlichen mit diesen Ansichten übereinzustimmen. Er theilte dem neugewonnenen Freunde viele jener jugendlichen Schriften, Auszüge und Bemerkungen mit, und Sangerheim sagte nach einigen Tagen: es ist, verehrter Bruder, wie ein Wunder, daß Sie in Ihrer Jugend schon so sicher auf dem richtigen Wege gingen, sich aber doch zu bald durch Schwierigkeiten und einige Blendwerke, die ihnen die Meister wohl absichtlich entgegen schickten, zurück schrecken ließen. Wer so früh so vorgearbeitet hat, dem muß es im reifen Alter ein Leichtes seyn, auch das Allerhöchste zu erringen.
Der Obrist, der sich zurückgesetzt fand, war mürrisch und verdrüßlich, und es gelang dem wunderbaren Gaste nurschwer, ihn wieder zu gewinnen. Als dies geschehn war, arbeitete der Greis, um auch Vorschritte zu machen, um so eifriger. Schmaling, der dem Magier ganz ergeben war, fühlte sich in Gegenwart seiner Geliebten nicht mehr so heiter und froh, als ehemals, und der Arzt Huber war glücklich, daß er endlich einen Bruder gefunden hatte, der Talent und Einsicht genug besaß, sein System, dessen Anhänger er schon lange war, dem Geheimenrathe gegenüber so geltend zu machen, daß dieser selbst sich dazu schon halb bekannte.
Der weibliche Theil der Familie war in tiefer Trauer, denn Clara’s scharfes Auge bemerkte sehr gut die Veränderung, die mit ihrem Geliebten vorgegangen war. Er sah sie selten, und wenn er in ihre Nähe kam, war er tiefsinnig oder zerstreut. Ihn ergötzte kein Spaziergang mehr, kein Gespräch konnte ihn aufheitern, so sehr war er seinen seltsamen Forschungen hingegeben. Die Gesellschaft Antons vermied er mit auffallender Aengstlichkeit, weil dessen Scherz ihn einigemal verwundet hatte. Welche reizbaren Geister, sagte dieser zur Schwester, müssen es seyn, die durchaus gar keinen Spaß verstehn? Könnte man sich dergleichen Unsterbliche wohl zu seinem Umgange wünschen? Ich wenigstens gewiß nicht. Aber unser Schmaling muß, ich weiß nicht welchem trübsinnigen Elfenkönig, den feierlichen Eid abgelegt haben, niemals wieder zu lachen. Und wenn der junge Mann doch nur einsehn wollte, wie schlecht ihm diese Feierlichkeit zu Gesichte steht. Er ist, wenn er lacht und heiter blickt, zehnmal so liebenswürdig. Fährt er aber so fort, so bekommt er Runzeln und Falten, wie ein Rhinozeros. Solche Stirnrunzel sieht aus, als wenn ein ganzer Acker fruchtbarer Erde aus dem Kopfe genommen wäre. Es sind die wahren Lückenbüßer, die andeuten, wie alle Gedanken entflogen sind. Die Stirn hat immer, so wie sie esmerkte, nachgeschnappt, um festzuhalten; so sind diese Gruben geworden.
Mir ist Dein Scherz zuwider, sagte Clara, denn ich sehe das Glück meines Lebens gestört. Dieser unglückliche Besuch hat Alles geändert und der aufgereizte Schmaling bedurfte nur einer solchen Veranlassung, um sein ganzes Wesen umzuwandeln.
Sei über ihn beruhigt, antwortete der Bruder, ich habe schon dafür gesorgt, daß er wieder curirt werden soll. Mir ist ein Mittel beigefallen, das ich für untrüglich halte.
Wenn es nur, erwiederte die Schwester, durch diese Cur nicht noch schlimmer wird, wie es wohl zuweilen der Fall ist. Wer kann überhaupt wissen, was noch aus Arzt und Kranken wird.
Um mich darfst Du unbesorgt seyn, sagte Anton, laut lachend, denn mein Wesen ist zu prosaisch, um sich umstimmen zu lassen.
Wir erleben, antwortete die Schwester, so Manches, was wir nicht erwarteten. Bist Du Deiner so gewiß?
———
Die Gegenwart Sangerheims hatte in allen Gemüthern Empfindungen, Ansichten und Neugier aufgeweckt, alte Erzählungen wieder neu in Umlauf gebracht, die man schon vergessen hatte, und es war kein Haus, in welchem nicht Meinungen behauptet und bestritten wurden. Die Maurer der vorigen Tage waren in das größte Gedränge gekommen und viele, und zum Theil die angesehensten, hatten den Fremden für ihren Meister anerkannt. Als der Gelehrte sah, mit welchem Eifer man für und wider kämpfte, vorzüglich aber als er bemerkte, wie die Familie seines alten Freundes in Verwirrung gerathe, nahm er sich vor, Etwaszu thun, um die vorige Ruhe und Behaglichkeit wieder her zu stellen. Man hatte ihm erzählt, wie sehr der Rath sich an den verdächtigen Fremden schließe, und wie dies nicht allein Frau und Tochter betrübe, sondern ihm vom Minister und dem Fürsten selber nicht gut ausgelegt werde. Ferner sagte eines Tages zu Anton: dieser Trieb in uns, ohne welchen wir kein Interesse an Wissenschaft und Geschichte nehmen könnten, muß sorgsam bewacht und gehütet werden, wenn er den Geist nicht in Gegenden verlocken soll, in denen aller ächte Trieb zum Wissen erlischt. Alle Kräfte in uns sollen im Gleichgewichte stehn und nur dann ist der Mensch gebildet und verständig; darum kann ihn, wie es so oft geschieht, ein überwiegendes Talent unglücklich machen. Die Lust am Geheimniß und Wunder darf auch nur verstärkt werden, wenn Witz und Scharfsinn, Vernunft und Verstand ebenfalls sich beleben. Diese Harmonie des Menschen fällt aber nicht ins Auge, und darum dünkt sie auch oft den Aufgeregten etwas Geringes und selbst Verächtliches.
Anton hatte dem Professor einen Plan mitgetheilt, um Schmaling, der sich am unbedingtesten der Schwärmerei ergab, auf gelinde Weise durch Beschämung wieder zur Vernunft zurück zu führen. Er hatte die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, und ihn auch in das Haus seines Freundes, des Professors, geführt, der sich in kurzer Zeit das ganze Vertrauen des Jünglings erworben hatte. Es schien in der That, als wenn dieser Freund, der sich Anderson nannte, Jeden gewinnen müsse, dem er sich nähere; so konnte er durch Scherz und Ernst, Witz und Tiefsinn, Laune und Munterkeit in das Wesen der verschiedensten Charaktere eingehn, indem er bald in jedem Menschen eine Seite auffand, für die er sich interessirte, und so im geistreichen Gespräch den Mitsprechenden klüger und einsichtsvoller machte, als diesersich sonst erschienen war. Wer dieses Talent besitzt, gewinnt die Menschen am sichersten. In den meisten ist irgend eine Gegend des Geistes fruchtbar, und bringt eigenthümliche Gewächse hervor. Die Natur hatte wohl die Absicht, daß von hieraus die Originalität des Wesens hervorgehn, und das Individuelle desselben sich geistreich ausbilden sollte. Aber unsre Erziehung, einförmige und conventionelle Cultur, Geschäfte und Vielwisserei ersticken bei den Meisten schon früh diesen Keim. Die meisten Gespräche werden nur geführt, damit Jeder sich selbst hört, und den Andern so wenig äußerlich wie innerlich zu Worte kommen läßt. Geräth aber ein Menschenkünstler, ein ächter Virtuos, über diese verwahrlosten Instrumente, so weiß er auch den baufälligsten wundersame Töne zu entlocken.
So war Jedermann in der Gesellschaft dieses Anderson klüger und witziger, als für sich selbst, oder im Umgang mit Andern. Er war daher in allen Gesellschaften gern gesehn, die er auch nicht vermied und allenthalben Unterhaltung fand. Sein Aeußeres war eben nicht sehr empfehlend, er war klein und stark, von breiten Schultern, und sein Kopf stand zwischen diesen etwas eingepreßt auf einem dicken Halse.
Durch Sangerheim waren alle früheren Nachrichten von dem großen Wunderthäter, dem Grafen Feliciano, neu belebt worden. Briefe bestätigten von Neuem seine unbegreiflichen und schnellen Heilungen der schwierigsten und tödtlichsten Krankheiten, die die größten Aerzte schon verzweifelnd aufgegeben hatten. Man erzählte sich, wie er in einer großen Stadt des Auslandes in einem Palaste ganz wie ein Fürst lebe, von glänzender Dienerschaft umringt. Kein Armer verlasse seine Schwelle, der nicht reichlich beschenkt würde. Geld achte er wie Spreu, er bedürfe der Gnade keines Königs, denn er habe jüngst einem Staate eine ungeheureSumme geschenkt, um den Fürsten aus einer Verlegenheit zu ziehn. Daß das Auflegen seiner Hand tödtliche Wunden schließe und die hartnäckigsten Krämpfe löse, war nur etwas Unbedeutendes: denn Todte sollte er schon geweckt haben, Abwesende aus fernen Ländern zitiren können, so daß sie den Freunden oder der Familie in sichtbarer Bildung erschienen, so wie er seinem eignen Geiste zuweilen gestatte, aus dem Körper zu wandern, um plötzlich in Asien oder Amerika einem Freunde, der ihn magisch gerufen habe, beizustehn. Daß alle Geister ihm zu Gebote ständen, die guten wie die bösen, bezweifelte Keiner, der mit Vertrauen und Glauben von ihm sprach. — Schmaling, der wenig in Gesellschaft kam, sondern ganz seinen sonderbaren Studien und seinem Meister lebte, war dem merkwürdigen Anderson niemals begegnet, und darum hatte diesem heitern und gefälligen Manne der übermüthige Anton den sonderbaren Vorschlag gemacht, daß er die Rolle des berühmten Feliciano spielen solle, um so Schmaling zu täuschen, und ihn so, indem er einsähe, wie leicht er hintergangen werden könne, in seiner Verehrung Sangerheims irre zu machen. Der muntre Anderson war auf diesen Plan eingegangen, und um so lieber, weil er oft tadelnd von diesem Sangerheim und dessen Arbeiten sprach. Im Hause des Professor Ferner wollte man eine geheimnißvolle Zusammenkunft veranstalten, von der aber der Magus Sangerheim nichts erfahren dürfe.
Ferner war lange diesem Projekt entgegen gewesen. Er sagte auch jetzt: ich bin kein Freund von dergleichen Mystificationen. Sie sind nach meinem Gefühl ganz und gar dem Wesen und dem Anstand einer gebildeten Gesellschaft entgegen. Der Hintergangene hat Ursach, es nachzutragen, und es ist ihm nicht zu verargen, wenn er niemals wiederVertrauen faßt. Indessen mag eine gute Absicht diesmal die Sache entschuldigen; nur fürchte ich, daß Sie sich mit unserm Schmaling völlig verrechnet haben.
Der Versuch wird immer das Uebel nicht ärger machen, antwortete Anton: auch ist es gerade in der Hinsicht ein glücklicher Zeitpunkt, weil die Freunde Feliciano’s melden, er habe jene Stadt wieder verlassen, um von Neuem eine Reise nach Aegypten zu machen, und aus den Pyramiden viele Mysterien hervor zu suchen.
Man traf noch eine nähere Abrede, und Anton ging, um jenen Anderson, zu welchem er eine große Zärtlichkeit gefaßt hatte, wieder aufzusuchen.
Der Rath Seebach stand oft in seinem Zimmer, vor seinen Papieren, die vor ihm ausgebreitet lagen, und dachte seinem Leben und den wechselnden Empfindungen nach, die ihn in den verschiedenen Perioden seiner Bildung bestürmt hatten. Wohin geht dieser Lauf? sagte er eines Morgens zu sich selbst; dasjenige, was ich als einen festen Besitz errungen zu haben glaubte, droht mir wieder wie Wasser zwischen den Fingern zu entrinnen. Bleibt es doch wahr, daß in jener Nüchternheit, die ich vormals rühmte, die sichre Grundlage des Lebens ruht. Meine Jugend, und alle jene wilden, ungezügelten Bestrebungen überströmen wieder alle Dämme und Ufer, schon beginnt mir der Anblick dessen, was ich so lange als das Schöne und Edle erkannte, Langeweile, Widerwillen und Ekel zu erregen, denn zu unbedeutend, unbestimmt und mittelmäßig dehnt es sich vor mir aus. Hingehalten durch Hoffnungen, eingewiegt mit Versprechungen, aufgeregt durch Winke, und betäubt durch Erscheinungen, die ich sehe, aber nicht begreife, die mich erschrecken, und an die ich doch nicht glauben kann, wird mein Dasein zum Traum. Welch sonderbares Band zieht mich zu diesem fremdenMann, und verknüpft mich ihm: ihm, dem ich mein ganzes Vertrauen schenken möchte, und der in diesen Momenten der Hingebung mich am meisten zurück stößt? Ich sehe, daß er geheime Kenntnisse besitzt, die er mir mitzutheilen verspricht, und mir dennoch vorenthält. Heut ist er ganz Offenheit, morgen lauter zurück haltende Förmlichkeit. In seiner Gegenwart fühle ich das Gelüste, gerade das zu glauben, was meinem Verstande am widersinnigsten erscheint, und wieder überschleicht mich eine Empfindung, daß ich im selben Augenblick ihn und mich verlachen möchte.
Sangerheim traf und störte ihn in diesen Betrachtungen. Sie übersehn, Theurer, sagte er beim Eintreten, indem er die Thür verschloß, wieder Ihre Studien und Erfahrungen. Es ist sonderbar, wie wir Menschen schon so oft in der Jugend das höhere Wort vernehmen, den Ton desselben fassen, und uns späterhin Aussprache und Bedeutung wieder entfliehen können. Doch kehren wir in reifen Jahren mit tieferem Sinn, mit stärkerer Innigkeit zu denselben Wahrheiten zurück, wie es Ihnen geschieht; unbewußt hat die Seele die Geheimnisse ausgearbeitet, und die Glaubensfähigkeit steht gewappnet an derselben Stelle, wo noch gestern Zweifel und Unglaube nackt und wehrlos zitterten.
Gestern, sagte der Rath, haben wir gerechnet und Figuren gezeichnet, die sonderbare Erscheinung, die Sie mir vorführten, überraschte mich; nachdem vernahm ich, indem Sie neben mir saßen, jene Stimme aus dem Zimmer dort, die mir die geheimnißvollen Worte zurief — Alles dieses, Lieber, sehe und erlebe ich; aber ich kann es mir nicht aneignen, es hat keine Bedeutung für mich, es fährt Alles wie leere Phantome, nur erschreckend, mir vorüber. Ich habe genug erfahren, um irre zu werden, aber dieses Räthsel meines Innern, welches sich immer mehr verschlingt, ringtmit allen Kräften meines Herzens zur Lösung hin. Weder in diesen wechselnden Schauern von Licht und Schatten, noch in stiller Resignation kann ich meine Befriedigung finden, und ich fange an, meine Zweifel wieder als die bessere Weisheit aufzusuchen.
Und doch waren wir übereingekommen, sagte Sangerheim mit feierlichem Ton, Sie hatten mit mir die Nothwendigkeit eingesehn, daß es Prüfungen, Grade geben müsse, daß die Geduld die unerläßlichste Tugend sei, um dem Geheimniß näher zu kommen.
Nur eine einzige Frage, und die beantworten Sie mir auf Ihr Gewissen, sagte der geheime Rath eben so feierlich: Können Sie mir bei Gott und allem Heiligen, das Sie glauben, schwören, daß Sie mir irgend einmal, wenn auch später, die Lösung mittheilen wollen, und daß Sie selbst von Ihrem Beruf überzeugt sind?
Ja! rief der Fremde, und erhob die Hand. — Gut denn, sagte der Rath, empfangen Sie dann diese Brieftasche, und in ihr, was Sie wünschten, ich will, ich muß Ihnen vertrauen.
Auch ich, sagte Sangerheim, will mich Ihnen verpfänden, mit dem Theuersten, was ich besitze, mit Allem, was ich Ihnen nur geben kann. Er zog ein Paket hervor, mit seltsamen Zeichen versiegelt und fest in einander geschnürt. Legen Sie, sagte er, hier auch Ihr Siegel an. In diesem kleinen Raum ist Alles, was ich weiß, enthalten; mein ganzes Dasein, Alles, was Sie erfahren wollen, umschließt diese Sammlung. Löse ich sie zu der festgesetzten Zeit nicht aus, sterbe ich vor diesem Zeitpunkt, so fällt Ihnen diese Erbschaft zu und Sie mögen damit schalten nach Ihrer Willkühr.
Der Rath nahm das Paket in die Hand, schlug es ein,überschrieb es mit einer Nachricht, daß dies das Eigenthum Sangerheims sei, versiegelte es und legte es in seinen Schrank. Sich besinnend nahm er es wieder und sagte: doch kommen meine Kinder zuweilen hieher, in jenem Pult ist eine geheime Schieblade. Er trug es hin und indem er es einzwängte, geschah ein Knall, und die Masse selbst erzitterte. Sehn Sie, sagte Sangerheim, Sie sind ohne Noth besorgt, es bewacht sich selbst.
Der Rath hatte sich entfärbt. Sangerheim sah ihn fest an und schien sich an der Verlegenheit des alten Mannes zu weiden, die dieser nicht verbergen konnte, so sehr er sich auch bemühte. Er sammelte seine zerstreuten Skripturen wieder, warf sie in den Schrank und sagte dann: also, Geduld, und bis dahin habe ich mich Ihnen unbedingt ergeben. Es ist wunderbar genug, wir entziehn uns gewissermaßen der Kirche und der Religion des Staates, wir nennen es unsre Weisheit, anders und weniger zu glauben, als der gemeine Mann, — und geben uns im Entfernen vom Hergebrachten und Autorisirten andern viel unglaublichern Dingen hin, und sind zufrieden, nur zu sehn und zu ahnden, ohne daß uns die Lösung gegeben wird, die wir doch in der Religion suchten und forderten.
Richtig bemerkt, erwiederte Sangerheim; ist denn aber dieser Widerspruch nicht vielleicht eine Vorbereitung zu einer ächtern Religiosität, zu einem wahren Glauben? Immerdar, wenn wir uns widersprechen, ist es nur Schein, wir suchen die Bindung, den unsichtbaren Mittelpunkt, der den Widerstreit aufhebt.
Das ist aber gegen die Abrede, erwiederte der Rath, daß ich wieder durch Gedanken und ihren wechselnden Kampf das Richtige und Wahre finden sollte, ich sollte es ja unmittelbarschauen, und es als einen wahren Besitz von dannen tragen.
Wenn Sie denn, fing Sangerheim zögernd an, sich nicht fügen können und wollen, so gäbe es in Ihrem frommen und erweckten Sinn allerdings ein Mittel, das rasch die Hemmung wegnehmen, und Sie ohne Umwege zum Ziele führen könnte.
Und dieses Mittel? fragte der Rath eifrig.
Auch ohne dieses können Sie zu einem glänzenden Ziele gelangen, antwortete Jener, aber langsamer, und niemals erreichten Sie die Würde, so viel Sie auch schauen werden, eines höchsten Obern.
Und dieses Mittel, fragte der Rath wieder, könnte mir diese Würde und die schnellere Einsicht in alle Geheimnisse verschaffen?
Ohne Zweifel. — Sehnen Sie sich heftig?
Unbeschreiblich! fing der Rath wieder an, und, da Sie so weit gegangen sind, so nennen Sie es auch, sonst sind Sie nicht mein Freund.
Was Sie immerdar hemmen wird, antwortete Sangerheim mit einer Thräne im Auge, ist, daß Sie nicht ein Mitglied meiner Kirche sind. —
Der Rath trat einen Schritt zurück und suchte noch mehr wie vorher die Bewegung seines Innern zu verbergen. Sangerheim sah ihn mit einem festen prüfenden Blicke an, als wenn er seine Augen durchbohren wollte, aber der Rath erwiederte diesen festen Blick, und nach einigen Augenblicken entfernte sich der Fremde.
Tief erschüttert ging der Alte im Saale auf und ab. — Das ist es also? sagte er endlich zu sich selber; also dorthin liegt das eigentliche und wahre Geheimniß? — Habe ich doch den Einreden so mancher vernünftigen und kaltblütigenFreunde nicht glauben wollen. Ich hielt es nur für Fabel, weil es einem Mährchen so ähnlich sieht; und ist also nun doch Wahrheit. — Sie bemächtigen sich einer Einrichtung, die im Beginn gut und edel war, die sich dann selbst vergaß, und in deren unbedeutenden Nüchternheit nun leicht die Sehnsucht zu Wundern und Seltsamkeiten Raum finden kann. — Wie verbreitet die Logen sind, so mögen sich diese, oder ähnliche Schwindler leicht jetzt oder in Zukunft der Menge bemeistern, um ihre Pläne, die sich noch nicht an das Licht wagen, durchzusetzen. — Diese Emissäre gehören also einer Propaganda an, und es läßt sich nun wohl begreifen, wer und was diese geheimen Obern sind, — Alles, was man von diesem Nachbarstaate erzählt, wo man auf verschiedene Art den Erbprinzen bearbeitet, hier und anderswo die Störung der Logen, das Eindringen und Vorschieben alter Meinungen. — Die Herren haben also doch ihre Herrschsucht und die alten Plane noch nicht aufgegeben! — Ja, ich bin durch dieses einzige Wort zum Licht hindurch gedrungen, aber sehr gegen deinen Willen, mein guter Magus. — Seine Kunststücke begreife ich freilich nicht; aber was gehen sie mich denn eigentlich an? Vor meinem guten verständigen Sohne muß ich mich jetzt schämen, der doch in seiner Art, wie er jenes Wunder betrachtete, sehr Recht hatte. — Zu schnell, zu plötzlich mag ich aber freilich auch nicht zurücktreten; ich will ihn noch beobachten: ich kann es jetzt wie ein Spiel treiben und genießen. —
Mit Beschämung dachte er nun der Summen, die er dem Magier ausgeliefert, noch der letzten großen, die er ihm heut gegeben hatte. Sangerheim hatte zwar Anfangs jeden Dank und Lohn ausgeschlagen, aber bald hatte er bei dem großmüthigen Freunde Hülfe gesucht, der nun um so lieber und reichlicher mittheilte, da der Wunderthäter sich erst uneigennütziggezeigt hatte. Zu den Beschwörungen und zum Geister-Apparat, so wie zu Einrichtung der Oefen und Herbeischaffung alles Geräthes, um den Stein der Weisen hervorzubringen, war wieder ein Kapital nöthig gewesen. Nachher zu geheimen Plänen, die Sangerheim noch nicht nennen durfte, auf Geheiß jener unbekannten Obern, war wieder eine bedeutende Summe in Anspruch genommen worden. Für die letzteren großen Auslagen hatte der Magier seinem gläubigen Schüler eben jene versiegelten und zauberhaft verschlossenen Schriften verpfändet, die er bald wieder, durch Erstattung jener Summe, auszulösen versprach.
Sangerheim machte einen großen Aufwand und lebte in der Stadt ganz als ein vornehmer Mann. Der feinen und neugierigen Welt war es ein Geheimniß, daß sie nicht ergründen konnte, wovon er seine Ausgaben bestritt. Der geheime Rath Seebach hätte darüber Bescheid ertheilen können, denn beschämt gestand er es sich nicht gern, daß ein großer Theil jener so wunderbar geretteten Summe schon wieder geschwunden sei, wenn der Zauberer nicht seine Schuld bezahle, woran der Gläubiger zu zweifeln anfing. — Mit Schmerz dachte er an den jungen Schmaling, seinen künftigen Schwiegersohn, so wie an seinen Hausfreund, den Arzt, denn er wußte, daß Beide eifrig mit Sangerheim laborirten.
Die Familie war erfreut, als der Vater nach langer Zeit wieder bei Tische heiter war. Clara besonders wollte daraus für ihr Schicksal etwas Glückliches lesen. Als sie mit dem Bruder über die Veränderung des Vaters sprach, sagte Anton: Dergleichen Verblendung, liebes Kind, kann niemals lange dauern. Hätte ich nicht andre Sorgen, so wollte ich mich anheischig machen, diesen Kummer mit etwas Geduld zu überwinden, oder mit Verstand und Zeit die Getäuschten zu heilen. Heut Abend wird nun unser Schmalinggründlich in die Lehre genommen werden, und ich möchte Vieles verwetten, daß ich ihn Dir schon morgen als einen andern Menschen vorführen kann. —
Sangerheim war, jenes Wortes wegen, das er hatte fallen lassen, mit sich selber sehr unzufrieden. Er hatte bemerkt, wie der Rath dadurch war überrascht worden. — Mag seyn, sprach er zu sich, daß es unbesonnen und zu früh ausgesprochen wurde, ich kann mit mir und dem Erfolg zufrieden seyn. Sie müssen meine Bemühungen erkennen, jene großen, jene mächtigen Männer. Und welches Glück, ihnen beigezählt zu werden! Welche Aussicht, daß Natur, Geisterreich und Welt mir dient, daß vor mir jedes Geheimniß die entstellende Hülle abwirft. — Und bin ich denn noch so weit von diesem glänzenden Ziele entfernt? Habe ich denn nicht die Zusage der Edelsten, daß mir bald, in weniger Frist Alles soll gewährt seyn? Wie sie mich durch Wissen, Kunst und Gold unterstützen, so werden sie mir auch die herrlichsten Güter nicht lange mehr verweigern.
So träumte Sangerheim, und verlor sich in sonderbare und weitaussehende Plane.
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Der Professor Ferner hatte dem jungen Schmaling unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraut, daß, wenn er es wünsche, er am Abend den weltberühmten Grafen Feliciano in seinem Hause sehn könne, welcher incognito angekommen sei, um schnell weiter zu reisen. Er machte es ihm aber zur Pflicht, seiner Schwester, wie seinen Eltern Nichts davon zu sagen, weil sie Beide sonst sich den Zorn des Grafen zuziehen würden. Schmaling war über diese Nachricht entzückt, und versprach, nicht auszubleiben, indem er zugleichversichern mußte, daß sein Herr und Meister, Sangerheim, auch Nichts davon erfahren solle.
Anton stellte sich früher bei Ferner ein, um mit Anderson einige Vorkehrungen zu treffen. Wenn es Effekt machen soll, sagte der heitre Anderson, so muß ich Euer Haus und die Einrichtung desselben etwas genauer kennen lernen. Aber sagt mir doch, von welcher Art ist denn jener Kunstjünger selbst, den wir heut unserm Genius und dessen Launen aufopfern wollen?
Anton nahm das Wort und sagte: Der junge Mann wird jetzt acht und zwanzig Jahre alt seyn und kann im Bau des Körpers, im Angesicht, Blick und Wesen fast für einen vollkommen schönen Jüngling gelten. Sein Wesen ist sanft und einschmeichelnd, sein Charakter ist weich und nachgiebig, und so fügte es sich, daß er meiner Schwester, die er schon seit lange verehrt hatte, gefiel. Er hat außerdem Viel gelernt, ist ein tüchtiger Geschäftsmann, und von seinen Vorgesetzten so geachtet, daß sie ihn, so jung er auch ist, schon zum Rath ernannt haben. Meine Schwester würde einer glücklichen Ehe entgegen sehn, wenn diese Geheimnißkrämerei, diese Sucht, sich die Weisheit der Rosenkreuzer und andrer Schwärmer anzueignen, nicht das schöne Verhältniß jetzt für eine Zeitlang völlig zerstört hätte. Ihr kennt ja, theurer Mann, die Begebenheit, die sich in unserm Hause zugetragen hat. Seitdem ist er diesem Sangerheim, aus dem wir Alle nicht klug werden können, wie mit Leib und Seele verschrieben. Könnt Ihr nun, indem Ihr den Leichtgläubigen in einer Maske täuscht, ihn dahin bringen, daß er von seiner Wundersucht nachläßt, so sind wir Euch den größten Dank schuldig.
Wir werden ja sehn, was wir ausrichten können, erwiederte Anderson. Er ging, um sich die Zimmer zu betrachten,indessen Ferner bemerkte: Wie seltsam ist es doch, daß wir uns zu einer solchen Maskerade vorsätzlich einrichten, indessen jener Sangerheim, der so Viele täuscht, doch auch kein wirklicher Charakter, sondern nur ein angenommener seyn kann. Man kann aber die Bemerkung machen, daß man auf jeder Redoute, sobald man die erste Betäubung überstanden hat, an alle die seltsamen Masken, die man sieht, glaubt, sich diese Wesen in ihren seltsamen Bedeutungen vergegenwärtigt, und selbst den vertrautesten Freund, wenn er sich nicht ganz hölzern beträgt, sich nicht in seinem wahren Charakter deutlich vorstellen kann. Diese sonderbare Eigenschaft unsrer Seele, die so gern freiwillig der Täuschung entgegen geht, erklärt es einigermaßen, warum die Betrüger in der wirklichen Welt in der Regel so leichtes Spiel haben.