Anderson trat wieder zu ihnen und sagte: Um meiner Sache gewisser zu werden, fange ich nun schon an, den Feliciano zu spielen, den Grafen, den Menschenfreund, den Heilkünstler und Geisterseher. Mein Bedienter ist auch draußen, und wird mit bei Tische aufwarten, um der Gesellschaft mehr Ansehn zu geben.
Schmaling trat schon, früher als man vermuthet hatte, vor Freude zitternd herein. Man begrüßte sich und der nachgeahmte Feliciano behandelte ihn, so wie den Professor und Anton kalt, und mit ruhigem, herablassendem Stolz. Man sprach nur wenig und setzte sich bald an den Tisch zu einem leckern Abendessen nieder. Die feinen Weine waren nicht gespart.
Es wollte lange kein lebhaftes Gespräch in den Gang kommen, denn Schmaling war zu sehr vonEhrfurcht durchdrungen, und der Professor so wie Anton wußten nicht recht, wie sie sich nehmen sollten, um nicht zu Viel zu thun, undAnderson selbst schien es darauf angelegt zu haben, diese beiden Freunde etwas zu quälen, denn es war nicht zu verkennen, daß ihre Verlegenheit ihn unterhielt. Endlich, um diese drückende Schwüle aufzulösen, fing er an, von seinen Reisen zu erzählen, und der Professor erstaunte, mit welcher Sicherheit er alle Gegenden bezeichnete, wie richtig er über Werke der Malerei und Baukunst urtheilte. Als Feliciano nun von Aegypten sprach, von den Wüsten Arabiens, von Palästina, Syrien und Persien, und alle Gegenstände mit der ruhigen Kunde eines Augenzeugen beschrieb, dachte Ferner leise erröthend an seine vorige Bemerkung, denn er hatte wirklich während der Rede vergessen, daß dieser Feliciano eigentlich Anderson sei.
Jetzt war auch der glückliche Schmaling dreister geworden, und er wagte es, auf den Gegenstand seiner Forschungen und Wißbegier einzulenken. Er war sehr freudig überrascht, daß der Wunderthäter auch hierüber frei und offen sprach, daß er jene seltsamen Kuren nicht leugnete, und selbst andeutete, wie der Stein der Weisen kein Mährchen sei, wie ihn Viele schon besessen hätten, und Mancher lebe, der Kenntniß von ihm habe.
So halten Sie, fragte Schmaling wieder schüchtern, die wunderbare Erzählung vom Flamel für keine Fabel?
Wie sollte ich es, antwortete Feliciano, da ich den guten Mann selbst noch hundert Jahre früher, als Paul Lucas Kunde von ihm bekam, in Indien gesprochen habe?
Anton fuhr zurück, denn diese Aeußerung schien ihm zu stark und den Fremden bloß zu geben, doch Schmaling war von seinem Glück schon so berauscht, daß dieser gewagte Ausspruch seinen Taumel nur vermehrte.
Es ist sonderbar, fuhr Feliciano fort, wenigstens erscheint es uns Kundigen so, deren Leben nicht wie Spreuverweht, wenn die Menschen Dinge wunderbar, seltsam und unbegreiflich nennen, die eigentlich die einfachsten und natürlichsten sind. Ist denn der Mensch ursprünglich dazu geschaffen, um den Thau aus der Blume, wie der Schmetterling, zu saugen, und wie dieser Augenblicks wieder zu vergehn? Sagt nicht die Schrift das Gegentheil? Wenn nun Weisheit und Kenntniß der Patriarchen und andrer Heiligen, sorgsam aufbewahrt von Geschlecht zu Geschlecht, dem Auserwählten, der sich dessen würdig macht, mitgetheilt wird, — wo ist das Unbegreifliche, oder nur Seltsame? Die Erzväter lebten Jahrhunderte, und wer ihrer nicht unwürdig ist, mag auch noch jetzt ihnen darin ähnlich werden. Wir haben vielleicht noch den Vorzug vor ihnen, daß wir Wissenschaft und Kunst späterer Zeit mit jenen uralten der früheren Tage, die für die meisten Menschen schon längst verloren gegangen sind, vereinigen können.
Anton winkte dem Gelehrten, als freue er sich, daß Anderson so geschickt seine vorige Uebertreibung verbessert habe. Feliciano fuhr fort: Und so mag ich Ihnen sagen, und Sie werden sich hoffentlich nicht mehr darüber verwundern, daß ich noch frühere Personen gesehn und gekannt habe. Es war mir vergönnt, ein Freund des großen und heiligen Dante zu seyn. Viele Verwirrungen der Welt, viele große Entwicklungen der Geschichte habe ich gesehn, und immer wieder, wenn mein Gemüth durch dieses weltliche Treiben zu sehr gestört wurde, zog ich mich in die Wüsten Aegyptens oder Arabiens zurück, oder begab mich in meine Lieblingslandschaften an dem Ganges, wo ich denn wieder mit Flamel und manchem andern Adepten lebte. Ich habe bemerkt, daß seit drei Jahrhunderten die Kunst sehr gesunken ist, denn so lange wird es jetzt seyn, daß ich keinen neuen Ankömmling in unserm Kreise gesehn habe.
Schmaling sagte verlegen: und möglich wäre es, sich diesen hohen Sterblichen, die man fast Unsterbliche nennen möchte, anzuschließen? Ist es zu hoffen, daß diese großen Geister den Schüler, der ihnen gegenüber immerdar unwürdig erscheinen muß, nicht zurückweisen werden?
Alles hängt davon ab, antwortete Feliciano, welche Bahn dieser Lehrling wandelt, ob er sich zu der rechten gesellt, und ob seine Lehrer ihn nicht vielleicht der Weihe unfähig machen.
Und woran soll man das Wahre oder Falsche erkennen? fragte Schmaling.
Auf vielfache Weise, erwiederte der Magus: ich dürfte nur geradezu sagen, ich selbst kann Euch aus meinem Munde den besten und sichersten Bescheid ertheilen. Indessen — ist ein Kind hier im Hause? fragte er, gegen den Professor gewendet.
Ich habe zwei Knaben, antwortete dieser in der höchsten Verlegenheit, denn dies war gegen die Abrede, und Ferner begriff nicht, wohin dies führen sollte.
Wie alt? fragte Feliciano.
Der Eine zwölf, der Jüngere neun Jahr.
So laßt mir den Jüngeren kommen, Freund, war die Antwort, und daß uns dann die Dienerschaft nicht störe.
Ferner ging, verwirrt und in sich selber ungewiß. Er kam mit dem heitern, blondlockigen Knaben zurück, der hell und klar aus seinen großen freundlichen Augen schaute.
Der Zauberer ließ das Kind zu sich kommen, beschaute es ernst, hieß die Hände zeigen, betastete den Kopf des Kindes, und indem er mit feierlichem Anstande die rechte Hand auf dem Haupte des Knaben ruhen ließ, fragte er ihn: Wie ist Dir jetzt? Empfindest Du Etwas?
Ach! rief das Kind: mir wird so wohl, so hell, mir ist,als könnt’ ich singen, so leicht als möcht’ ich fliegen, das Auge so licht, als könnt’ ich durch die Wände sehn.
Bleibe so stehn, mein Sohn, sagte Feliciano sehr ernst, und, da nichts Anders zugegen ist, das uns dienen könnte, so hefte Deine Augen auf den klaren Kristall dieser Wasserflasche, und sage mir, was Du siehst.
Anton wie Ferner waren im höchsten Erstaunen, was sich aus dieser Anstalt, von der sie nicht die kleinste Ahndung gehabt hatten, ergeben solle. Schmaling war in Bewunderung aufgelöst. Die größte Stille herrschte.
Ich sehe, fing das Kind an, einen jungen Herrn, einen schönen jungen Herrn, hübsch in Kleidern, schlank gewachsen: mir ist, ich kenne den Herrn. Ich glaube, es ist der Mann hier in der Stube. Er steht aber in einem fremden Zimmer: ganz fremd. Da kommt ein andrer Herr: auch der ist noch nicht alt; etwas größer. Sie sprechen. Dreiecke, Vierecke sind aufgestellt: Sonnen, Monde. Sie sprechen. Ach! — mit lautem Ruf sagte der Kleine — da schwebt so klar, ganz hell, glänzend, ein schönes Frauenbild zwischen ihnen herab. Es küßt den hübschen Herrn auf die Stirn.
Genug, sagte der Magus, und zog die Hand zurück. — Siehst Du noch Etwas?
Unsre Wasserflasche, sagte der Kleine, und ich bin ganz müde.
Jüngling, sagte der Magus hierauf zu Schmaling, Du bist dermalen auf dem richtigen Wege, verfolge ihn mit Muth und Standhaftigkeit, und das Ziel wird Dir nicht entgehn. Dein Führer, dem Du Dich anvertraut hast, ist der wahre, sonst wäre die göttliche Sophia nicht niedergeschwebt, und hätte, dem Kinde sichtbar, Deine Stirn mit einem Himmelskusse berührt. — Er reichte dem Jüngling die Hand, und dieser küßte sie mit inbrünstiger Ehrfurcht.
Anton war höchst betreten, überrascht, und konnte in leidenschaftlicher Verwirrung nicht seine Begriffe ordnen und sammeln. Dies Alles war so sehr gegen die Abrede, Anderson erschien ihm so fremd, in einer so neuen Gestalt, daß ihm das Wort auf der Zunge versagte, als er ihn anreden wollte, denn der Magus sah ihn mit einem so feurigen, durchdringenden Blicke an, daß er verlegen die Augen niederschlug. Der Gelehrte war eben so verwirrt, denn die Scene hatte sich so völlig umgestaltet, daß er sich im eignen Wohnzimmer als ein Fremder fühlte.
Du glaubtest, mein Anton, fing der Zauberer an, durch einen fremden Mann diesem Jüngling einen Scherz und Trug zu bereiten, und Du, Kurzsichtiger, bist der Getäuschte. Ja, wisse denn, ich bin wirklich und in der That jener weit bekannte Feliciano, den die Welt früher schon mit andern Namen nannte. Du staunst? Du zweifelst noch? Er faßte das Kind, stellte es wieder vor den Tisch, murmelte einige Worte, blickte starr eine geraume Zeit empor, indem er die Lippen bewegte, und legte dann seine rechte Hand wieder auf den Kopf des Kindes. Was siehst Du für ein Schicksal? fragte er dann mit schneidendem Ton.
Ei! ei! rief der Kleine; ach! grüne Bäume, ein Dorf: ein kleines, liebes Haus da, auch eine Wiese, ein klares Wässerchen, und eine Mühle nicht weit davon. Ein junger Herr spaziert da, ich kenne ihn auch, er kommt oft zu uns, ja er ist jetzt bei uns. Schau, da tritt ein hübsches Bauernmädchen zu ihm, und sie gehn in das kleine Haus.
Anton war blaß. Er hatte sich erhoben, konnte sich aber zitternd nicht mehr aufrechthalten und setzte sich nieder.
Der Knabe fuhr fort, in das Glas schauend: sie streiten heftig im Zimmer, sie nimmt ein Bild aus ihrem Busen und tritt es mit Füßen. Er geht und droht. Sie reißt ihreMütze vom Kopf, die Haare fliegen. Sie rennt nach dem Tische und zieht ein großes Messer hervor. Dann sieht sie nach dem Bach und dem Wasser. Sie schwört, sie macht schreckliche Geberden.
Der Magus ließ die Hand vom Kopf des Kleinen und ein gelber Blitz zuckte blendend durch das Zimmer, ein lauter Donnerschlag erschütterte das Haus. Wie ein Rauch stand plötzlich ein blasses Frauenbild da, drohend die Hand gegen Anton erhoben. Dieser stürzte entsetzt vom Sessel auf den Boden. Alles verschwand und die Lichter brannten wieder hell.
Nun, wendete sich der Zauberer zum Gelehrten, soll ich Dir auch noch beweisen, daß ich der wahre Feliciano und kein Trugbild sei? Soll ich Dir Deine geheimsten Gedanken und Absichten oder Deine Zukunft sagen?
Ferner erwiederte bleich und geängstigt nur Weniges. Du glaubtest, fuhr Feliciano fort, indem er den zerstörten Anton vom Boden erhob, kein Mensch in der Stadt kenne Dein Verhältniß zu jenem unglücklichen Mädchen, die Du Deinem Ehrgeiz aufopferst. Noch ist die letzte Zeit, noch kannst Du sie retten.
Es war schon spät, aber Anton stürzte fort und eilte zu Pferde noch in der Nacht zu seiner Geliebten hinaus. Der Magus hatte sich entfernt, aber Niemand hatte ihn zur Thür hinaus gehn sehn.
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So hatte diese Zusammenkunft ganz anders geendet, als es die Freunde und Clara erwartet hatten. Diese sah ihren Bruder am Abend nicht und auch nicht am folgenden Morgen. Man war im Hause um ihn besorgt. Der Vater,der einen kurzen, leidenschaftlichen Brief von Anton erhalten hatte, lösete mit kummervollem Antlitz das Räthsel.
Der Sohn war in der Nacht angekommen. Er vernahm, daß um die Zeit, als das unglückliche verführte Mädchen ihm im Zimmer seines Freundes erschienen war, sie in einem Todtenschlafe, so daß sie nicht zu erwecken war, gelegen hatte. Als sie sich wieder besonnen und mit den tief bekümmerten Eltern gesprochen hatte, legten sich diese, nach einem kurzen Abendessen, zur Ruhe. Als im Hause Alles still war, hatte sie noch einen Brief an ihren Ungetreuen geschrieben, der sich ihrer schämte, und ihre Dürftigkeit und ihren Stand verachtete. Als sie mühsam und unter vielen Thränen den Brief geendigt hatte, ging sie noch lange auf und ab, um ihr Elend ganz zu fühlen und ihren schrecklichen Entschluß in sich reif werden zu lassen. Sie hatte nicht den Muth, sich ihren Eltern zu vertrauen, weil sie den Zorn des heftigen Vaters fürchtete. Sie fühlte, wie nahe sie ihrer Niederkunft sei, und hatte keinen Vertrauten, wußte keine Hülfe zu ersinnen. Anton hatte sie in der Stadt als eine Unbekannte unterbringen, und für sie sorgen wollen, sie aber hatte mit Abscheu alle seine Vorschläge abgewiesen, da er nicht mehr für sie zu thun gesonnen war, so dringend sie ihn auch an seine früheren Versprechungen und Eide erinnerte. Er wollte aufschieben und Zeit gewinnen: er fürchtete ebenfalls seinen Vater, seine Vorgesetzten, auch war die frühere Liebe wohl erkaltet. Sie sah keinen Ausweg und ging jetzt in der finstern Nacht den Bach entlang, um in den brausenden Mühlsturz sich und ihr ungebornes Kind und alle ihre Sorgen zu begraben.
Indem sie nach der Mühle zulenkte, hörte sie auf der Landstraße ein brausendes, jagendes Pferd. Es war Anton. Seine Todesangst erkannte schon aus der Ferne ihren Schatten.
Der geheime Rath Seebach meldete seiner Familie, daß sich sein Sohn am frühen Morgen mit einem Bauermädchen verheirathet habe. Was der kurze, heftige Brief nicht sagte, ergänzte seine Ahndung. Die Mutter, aus einer alten adeligen Familie, einem angesehenen Edelmanne vermählt, war außer sich, weil dieser Sohn ihr Stolz und ihre größte Hoffnung gewesen war. Clara war mehr verwundert als betrübt, und zürnte dem Bruder, daß er ihr und den Eltern aus diesem Verhältniß ein Geheimniß gemacht hatte.
Traurig ist es, sagte der Vater, denn er hat sich durch den raschen Schritt, durch diese Unbesonnenheit die Thüre zu allen höheren Stellen verschlossen. Es ist aber so, mag es auch kommen, wie es will, besser, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Wir werden uns an die Tochter gewöhnen, und wenn mein Sohn Ehrenstellen einbüßt, so hält er doch sein Wort und bleibt ein Mann von Ehre. Wo das Schicksal so ernst in die Verhältnisse des Lebens tritt, da soll man nicht mehr klügeln, sondern in Demuth den hohen Willen anerkennen. Ich weiß, daß die Liebe seiner Eltern nicht dadurch wird vermindert werden.
Die Mutter weinte heftig, so sehr sie auch der Vater und Clara zu beruhigen suchten. Der Vater schrieb dem Sohne mit dem rückgehenden Boten einen herzlichen Brief, in welchem er ihm Alles vergab und ihn ermunterte, sein Leben nun tüchtig und stark anzufassen. Die Stadt war bald von dieser sonderbaren Begebenheit angefüllt, über welche Jeder nach seinem Standpunkt und seinen Vorurtheilen sprach.
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So war nun in allen Verhältnissen der Familie eine große Veränderung eingetreten. Der Sohn kam vor derNiederkunft seiner Frau nicht zur Stadt. Nachher zeigte er sich den Eltern, getröstet, aber nicht froh, und späterhin führte er Agnes, die Bäuerin, bei ihnen ein, mit der er ein eignes kleines Haus in der Vorstadt bezog. Nichts wollte sich fügen und in einander schicken, und Jeder gestand sich, daß, wenn die Sache unabänderlich war, diese Frau, durch welche die Laufbahn des Sohnes gehemmt war, in den Kreis der Familie doch nicht passe. Es war schon die Rede davon, daß er das Gut des Vaters bewirthschaften solle; indessen schien auch dieses bedenklich, da Anton sich niemals um die Landwirthschaft gekümmert hatte. Was den Vater aber mehr, als diese Stellung seines Sohnes kümmerte, war, daß er ein schwärmerischer Anhänger dieses Feliciano geworden, von dessen Seite er kaum mehr wich, und so erlebte er nun, daß Sohn und Schwiegersohn sich diesem Schwindel ergaben, von dem er selbst wieder geheilt schien. Er erstaunte, daß auch sein ruhiger Freund, der Gelehrte, der ihm immer ein Muster in der ruhigen Haltung erschienen war, ebenfalls nach jener Begebenheit sich als einen fanatischen Anhänger des Feliciano erklärte. Auch der alte Obrist neigte zu dieser Schwärmerei hinüber, und nicht bloß im Hause des geheimen Rathes, sondern in den meisten Häusern der Stadt, wurde Feliciano der erste und wunderbarste aller Menschen genannt.
Ein Taumel bemächtigte sich, als es erst bekannt worden war, daß der berühmte Feliciano zugegen sei, der ganzen Stadt. Jedermann wollte ihn kennen lernen, jede Gesellschaft wollte ihn in ihrer Mitte sehn. Er gewann in kurzer Zeit viele Anhänger und Freunde, und die angesehensten Männer, die höchsten vom Adel bewarben sich um seine Gunst. Er erklärte, daß er nur kurze Zeit verweilen könne, weil er in großen und wichtigen Geschäften nach demNorden gehn müsse, auch erlaubten ihm seine geheimnißvollen Arbeiten nicht, sich zu sehr in der Welt zu verbreiten. Die wichtigsten Männer versammelte er um sich in seiner Loge. Man sprach von den seltsamsten Wundern, die hier in geheimen Zusammenkünften vorgefallen waren. Der Professor, so schien es, hatte seinen jüngsten Knaben ganz dem Wunderthäter überlassen, denn das Kind weissagte oft aus dem Kristall, den Feliciano künstlicher, als es an jenem Abend geschehen war, in seinen Gesellschaften aufstellte. Der Arzt Huber arbeitete indessen mit Sangerheim und Schmaling, Jeder bestrebte sich, von allen diesen geheimen Künsten Zeuge zu seyn, oder durch Freunde wenigstens Etwas von ihnen zu vernehmen, und selbst die Frauen und Mädchen wünschten an diesen Wunderwerken Theil zu nehmen, oder auch in irgend eine mysteriöse Verbindung zu treten. Feliciano hatte sie eigentlich selbst zuerst auf diesen Wunsch geführt, und er stiftete auch bald darauf eine Loge für Damen, die nun auch mit mystischen Abzeichen prangten, sich gegenseitig an Gruß und Handdruck erkannten, und von Fortschritten in Weisheit und Wissenschaft träumten. Auch die Mutter Clara’s hatte sich in diesen Orden aufnehmen lassen.
So war die arme Clara von Jedermann verlassen, denn beim Vater, der über alle diese Sachen verstimmt war, konnte sie nur wenig Trost finden. Der Graf Feliciano hatte alle Künste der Ueberredung angewendet, das schöne Mädchen auch zu dem Uebertritt in seinen neugestifteten Orden zu überreden, in welchem seine Gemahlin, die seitdem auch aus dem Inkognito hervor getreten war, den Vorsitz führte. Es gelang ihm aber so wenig, daß im Gegentheil der Widerwille Clara’s gegen alle diese Dinge immer mehr gesteigert wurde. Wie kann der Mensch, sagte sie einmal in einer aufgeregten Stimmung zu ihrem Vater, nur so verkehrt seyn,in der Umkehrung des Natürlichen sein Heil zu suchen? Man fühlt sich ja als Mensch nur wohl, wenn Alles in der gewöhnlichen Bahn fortschreitet, wenn das, was sich als nothwendig ankündigt, ganz einfach und schlicht geschieht. Entwickelt sich in diesem Lebensgange eine große That, eine schöne Aufopferung, so freut es uns um so mehr, daß uns das Göttliche aus den Elementen gewebt ist, die uns zunächst umgeben, daß wir fühlen, auch uns könnte in einer geweihten Stunde dasselbe begegnen, oder unsre Seele könnte auch dieselbe Höhe erstreben. Ziehn wir uns doch mit Widerwillen von der Nahrung zurück, die uns zu fremdartig dünkt, deren Zurichtung unserm Gaumen widersteht: aber schlimmer als überreifes Wild, oder der verpestetehaut goûtder Assa fötida, und der Vogelnester und ähnlicher abscheulicher Dinge ist es, diese Knoblauch-Tinktur von Wunderglauben, tollen Fabeln und aberwitzigen Bestrebungen in seine Seele aufzunehmen.
Der Vater erwiederte: Du bist zu zornig, liebes Kind. Laß die Menschen gewähren, der Krankheitsstoff muß austoben. Alles Sprechen dagegen nutzt nicht, unfruchtbar ist das Moralisiren; der Dämon, der die Menschen besitzt und treibt, wird endlich seines Spieles selbst müde. Deine kühne Vergleichung paßt auch nicht ganz; man könnte eben so gut die entgegengesetzten Bilder brauchen. Wen versucht nicht der reife, köstliche Pfirsich? die duftende Ananas? die lockende, rothe Kirsche, vorzüglich in der Jugend? Und was wäre unser Leben, wenn Alles so plan verständlich wäre? Alle Tage unausgesetzt die nahrhafte Hausmannskost des redlichen Treibens, der guten Gedanken? Aus Natur und Kunst, aus Liebe und Scherz, aus Religion und Gemüth winkt uns ein Geheimniß an, dem wir näher kommen möchten: es zieht uns nach durch Gefild und Wald. Jetzt glauben wir es zuerblicken, dann ist es wieder entschwunden. Von dieser Sehnsucht, die ohne Gegenstand scheint, werden die besten Kräfte unsrer Seele getränkt, und wenn sie erlöschen könnte, würden wir in uns selbst verschmachten. Alle schönen Triebe der Freundschaft, des Wohlwollens, der Menschenliebe, aller Enthusiasmus für das Gute und Schöne quillt ebenfalls aus dieser geheimnißvollen Gegend unsrer Seele.
Mag es seyn, antwortete die Tochter, aber ich sehe und erlebe es doch, daß, wenn diese Sucht, oder der Trieb auch innigst mit dem Schönen eins ist, sie doch auf ihrem fortgesetzten Wege sich in das gespenstig Aberwitzige verwandeln können. Der Mensch muß ja doch mit festem Charakter und unbezwinglichem Willen in der Mitte stehen bleiben, daß Glauben sich nicht in Aberglauben, Sinn in Thorheit, Tugend nicht in Laster verwandle. Ist jene Sehnsucht überirdischer Natur, so ist dieser einfache starke Wille wohl auch göttlicher Abkunft, der wie ein unüberwindlicher Riese den Schatz der Vernunft und des Guten bewachen soll, welcher dem Menschen von Gott ist anvertraut worden. Mir dünkt, gegen tausend wunderliche Dinge, die auf uns eindringen, gegen unzählige Gelüste, die uns überreden möchten, giebt es keine andre Waffe, als daß ich sage und immer wieder sage: es soll nicht seyn! Lasse ich dieses Schwert im Schlummer einmal fallen, so kann ich gar nicht mehr wissen, wohin mich alle jene Sophistereien führen könnten.
Diese starre Vernunft, sagte der Vater, reicht aber auch nicht aus: sie kann Tugend seyn, widersteht aber eben so oft der Liebe als dem Unrecht, läßt auch die Wahrheit, indem sich die Liebe abkämpft, nicht auf sich eindringen.
Wahrheit! das große Wort! rief sie aus, das eben so wohl Alles wie Nichts bedeutet. Wer hat es nicht schon gemißbraucht? Je demüthiger wir uns dem unterwerfen,was das Leben von uns verlangt, je sanfter und stiller wir dem folgen, was uns zu unserm Heil offenbart ist, je weniger wir grübeln und klügeln, und die Anmaßung von uns fern halten, über dem Begreifen zu stehen, es zu meistern und nach Gutdünken zu handhaben, um so mehr wir dem Vorwitz Einhalt thun, da nicht hinschauen zu wollen, wo sich in der Leere unserm irdischen Blick nur Gespenster erschaffen, um so mehr, glaube ich, bleiben wir der Wahrheit getreu.
Wohl mein Kind, sagte der Rath: denn wie ich schon sonst behauptete, wenn das Böse auch ein Nichts ist, so erwecken wir es doch wohl und theilen ihm unsre Kräfte mit, indem wir es glauben und uns dem Nichtigen ergeben. Hat es erst von uns diese Stärke empfangen, so wird es wohl oft so gewaltig, daß es uns und jeden Widerstand besiegt, der nicht die göttliche Wahrheit selbst zu Hülfe ruft. In diesem Bilde kann man sich die Erscheinung der bösen Geister denken, die der Magier aufruft. — Und so möchte man freilich glauben, Wahrheit sei in allen Dingen zu finden, sie liege auch dem Irrthum zum Grunde, nur hüte sich der Mensch, einer Regung, einer Aufwallung, oder einem Gedanken unbedingt und zu dreist zu folgen, denn rechts und links liegt die Unwahrheit und Täuschung, und er wandelt nur recht auf einer schmalen Linie.
Wenn es so ist, erwiederte Clara, so ist es eben das Sicherste, dem Alltäglichen getreu zu bleiben, was vielen beflügelten Geistern als das Gemeine erscheint. Will sich der Mensch erheben, wird er, wie der fliegende Schmetterling, von Schwalben und Sperlingen weggehascht, und bleibt er unten am Boden, so wohnt er beim Gewürm, aber nährt sich auch vom Thau, der in den Rosen und Lilien glänzt. —
Nicht nur die Familie des Rathes war in Verwirrunggerathen, sondern man konnte dies von der ganzen Stadt behaupten. Dem alten Seebach war es aber verdrüßlich, daß von den Vernünftigen, die sich nicht hinreißen ließen, Alles was geschah, mit ihm und seinem Sohn, so wie mit jener Entdeckung Sangerheims in Verbindung gebracht wurde. Es ließ sich nicht leugnen, daß jener Vorfall, der viel Aufsehn erregt hatte, zu allen spätern Wunderlichkeiten gleichsam das Signal gegeben hatte. Die sonderbare Verheirathung des Sohnes, die Schwärmerei Schmalings, die Operationen des Grafen so wie Sangerheims, die weibliche Loge, in die sich seine Gattin sehr gegen seinen Willen hatte aufnehmen lassen, die Seltsamkeiten, die sowohl der Arzt Huber, wie der Professor Ferner, vernehmen ließen, die Ausschweifungen mancher Reichen, die sich ganz der Hoffnung ergaben, die Kunst des Goldmachens zu entdecken, und in dieser Aussicht ihr Vermögen verschwendeten, Geister-Erscheinungen, durch welche man in mächtigen Familien dieses und jenes hatte durchsetzen wollen, alles Dies, vergrößert, mit Erfindungen ausgeschmückt, Alles wurde hauptsächlich auf Rechnung des alten erfahrnen Seebach geschrieben, um so mehr, weil man wußte, daß er auf eine Zeitlang sich diesen seltsamen Künsten ergeben hatte. Es half ihm Nichts, daß er sich wieder zurückgezogen hatte, daß er den Umgang Sangerheims und noch mehr des Grafen vermied, die meisten Menschen, auch seine Collegen und selbst seine Freunde hielten ihn für den Stifter aller dieser Irrungen. So bedrängte ihn, außer den häuslichen Kränkungen, noch das Gefühl, daß er so vielen wackern und einflußreichen Leuten für einen zweideutigen und gefährlichen Mann galt. Vieles von diesem geheimnißvollen Umtreiben kam auch vor das Ohr des Fürsten, der, da die Sache laut und weltkundig wurde, ein großes Mißfallen bezeigte, und dem Rathe, der sich gar nicht mehr mitdiesen Dingen befassen mochte, andeuten ließ, sich zu mäßigen. Am schlimmsten aber waren dem gekränkten Seebach die Maurer von der alten Ordnung aufsässig, die in Allem nur die Absicht sahen, daß sie gestürzt werden sollten, — welches die mystischen Logen auch laut genug aussprachen, — und nun empört den Rath als einen abtrünnigen Bruder behandelten, der aus weit ausgreifenden Absichten sich diesen Rebellen verbunden habe, um als das Haupt dieser geheimnißvollen Gesellschaft Verderbliches zu wirken.
Meine Tochter hat Recht, sagte der Rath zu sich selber, wie hart werde ich für meine Neugier oder Wißbegier gestraft, die Anfangs so löblich oder unschuldig aussah. Hielt ich mich doch für so kühl und weise, um allen Versuchungen Widerstand leisten zu können. Aber ein Glied reiht sich an das andre, und unvermerkt ist die Kette fertig.
Es schien aber, als wenn zwei Wunderthäter für Eine Stadt, wenn sie auch groß war, zu viel seien. Der Graf hatte sogleich abreisen wollen, verlängerte aber seinen Aufenthalt von einem Tag zum andern. Sein Wirkungskreis schien sich auszubreiten, so wie der Sangerheims abnahm, da viele von dessen Jüngern zum größern Meister abfielen. Darum führte Sangerheim den Vorsatz aus, zu welchem er schon seit einiger Zeit Alles vorbereitet hatte, sich nach einer andern reichen und angesehenen Stadt zu begeben, wo er, da sein Ruf ihm schon vorangegangen war, gleich mit dem größten Glanze auftrat, die ältern Maurer beschimpfte, ihnen ihre Lehrlinge entzog, und Zeichen und Wunder aller Art verrichtete. Der Geheimrath erlebte die neue Kränkung, daß Schmaling, unter dem Vorwande einer Krankheit, von seinem Minister einen unbestimmten Urlaub nahm, und dem Abentheurer nach jener Stadt hin folgte, um in seiner Nähe und nach seiner Anweisung seine geheimnißvollen Arbeitenfortzusetzen. Schmalings Abschied von Clara war kalt, und sie war so erzürnt, daß nur Wenig fehlte, so hätten Beide ihre Trennung für immer ausgesprochen. Aber da Beide sich noch mäßigten, so blieb es bei unbestimmten Ausdrücken, die Jeder nach Gefallen deuten konnte.
Seinen Sohn sah der Rath nur selten, weil er ganz dem Grafen und dessen Befehlen und Operationen lebte. Die Gattin war in der weiblichen Loge sehr thätig, und jetzt mit der niedrig gebornen Frau ihres Sohnes ganz ausgesöhnt, weil auch diese, die allen Glanz ihrer Jugend wieder erhalten hatte, vom Grafen zur Bundesschwester war geweiht worden. Huber war ebenfalls dem Adepten Sangerheim nachgereiset, um in seiner Kunst vollkommener zu werden.
Clara war im Schmerz außer sich, als der Vater nach einiger Zeit von Schmaling einen sonderbaren Brief erhielt, den er der Tochter mittheilen mußte. Der künftige Schwiegersohn schrieb nehmlich Folgendes:
Im Begriff, einen sehr wichtigen und entscheidenden Schritt in meinem Leben zu thun, halte ich es für meine Pflicht, Sie, Verehrter, und meine geliebte Clara in Kenntniß zu setzen, was ich zu thun gesonnen bin, was ich nicht unterlassen kann und darf. Daß mein Gemüth sich seit lange dem Reiche der Geheimnisse zugewendet hat, wissen Sie schon, daß mein Herz nur Ruhe finden kann, wenn diese Sehnsucht gestillt wird, werden Sie begreifen. Aber wie kann, wie soll es geschehn? Ich habe manche Grade erhalten, ich bin Zeuge von vielen Wundern gewesen, seltne Kenntnisse sind mir geworden, große, heilige Schauungen haben meine Seele erst erschüttert, und sind mir dann einheimisch geblieben. Daß ich niemals zu jenen Verächtern unserer Religion gehört habe, die in unsern Tagen den Ton angeben, wissen Sie ebenfalls. Ich habe geforscht, die heiligenSchriften sind mir vertraut und ehrwürdig, aber was die Kirche und ihre Priester mir gaben, konnte meinem brünstigen Geiste nicht genügen. Auch hier hat mir der begeisterte Sangerheim neue Wege gewiesen. Die Tradition, die Wunder der ältern katholischen Kirche, ihre heilige Messe, die himmlischen Legenden, die Gegenwart, die unmittelbare, Christi in der Hostie, die Liebe der Mutter Gottes, die Bilder und die Musik, — warum sollen wir unser reiches Herz allen diesen Gaben verschließen? Warum nicht nehmen, was uns so liebreich geboten wird? Um ganz der Einweihung in die Mysterien würdig zu werden, um die Grade empfangen zu können, und die Strahlen des Lichtes, nach denen ich mich sehne, ist es nothwendig, wie mir mein Lehrer sagt, daß ich meinen jetzigen Standpunkt in der Kirche aufgebe, die Ueberzeugung, die mir ja niemals eine war, weil sie mein brennendes Herz so leer ließ, daß ich zur ältern, eigentlichen christlichen Kirche zurückkehre, die mütterlich jedem Verirrten die Arme entgegenbreitet. Ist dieser nothwendige Schritt geschehn, so sind mir alle Geheimnisse des Ordens zugänglich und offen, die Vereinigung mit jenen ehrwürdigen Männern, den unbekannten Obern, ist mir dann möglich, mit jenen erhabnen Geistern, denen die Verwahrung aller Geheimnisse anvertraut ist. Diese nahe Weihe, diese Nothwendigkeit der Veränderung hat der Meister mir nur allein, als seinem Lieblinge, entdeckt, die andern Schüler sind dieser Erklärung noch nicht fähig und würdig. — Von Ihnen, verehrter Mann, bin ich nun keiner Einreden und keiner Mißbilligung gewärtig, da ich weiß, wie billig Sie sind, wie aufgeklärt Sie denken. Es kann bei Ihnen unmöglich in Anschlag kommen, daß ich meine jetzige Stelle und jeden künftigen Staatsdienst aufgeben muß, denn den höheren Pflichten müssen die niedrigern weichen. Es ist janichts Weltliches, Ehre oder Reichthum, was ich durch diese Rückkehr in die Mutterkirche erstrebe: sondern das Unsterbliche, die Erleuchtung, das Verständniß selbst. Wie aber wird Clara es aufnehmen, wenn sie meinen Entschluß erfährt? Sie klebt, fürchte ich, allzusehr am Irdischen, um sich in die freiere Region des Geistes erheben zu können. Ich hatte immer gehofft, ihr Sinn würde sich in der Liebe poetischer bilden, daß sie es wenigstens fühlte, wenn auch nicht einsähe, wie arm jenes Leben ist, dem sie sich ergeben hat. Suchen Sie sie zu stimmen, verehrter Vater, daß sie mich nicht mißversteht, Sie, der Sie ja auch der Wissenschaft manches Opfer brachten. Und was ist es denn auch mit dem Weltlichen und Irdischen? Besitze ich nicht eignes Vermögen? Auch Clara ist nicht arm, und braucht sich also niemals von mir ganz abhängig zu empfinden. Und soll einmal dergleichen in Anspruch kommen, so darf ich wohl die Aussicht, daß mir in Zukunft, vielleicht bald, Alles zu Gebote steht, was ich nur wünsche, keine Fata Morgana nennen. Welche Kraft und Gewalt mir anvertraut mag werden, um da zu herrschen, wo unsere Ahndung sonst nur hinstrebt, mag ich nicht weiter andeuten und aussprechen. Ist sie aber mit mir einverstanden, so bin ich der Glücklichste der Menschen. —
Nein, wahrlich nicht! rief Clara im höchsten Unwillen aus, nun und nimmermehr! Welchen Gimpel haben sie schon jetzt aus dem allerliebsten Menschen gemacht, und was muß nicht erst aus ihm werden, wenn sie ihm noch mehr Grade und Geheimnisse aufhalsen! O wahrlich, er wird ihnen in den Strängen geduldiger als ein Maulthier ziehn, und allen frommen Gläubigen zum Exempel und Vorbild dienen. Mich mit ihm verbinden? Vielleicht haben sie noch einen andern geheimen Grad irgendwo im Winkel liegen, und um den zuergattern, muß er wohl auch noch sein Vermögen dran geben, und dann, um die letzte und beste Niete zu ziehn, Capuziner werden. Nein, ehe er seinen Verstand nicht aus dem Monde wieder herunter geholt hat, mag ich Nichts von ihm wissen. Wie er der jüngern Kirche entsagt hat, um die ältere lieben zu können, so giebt es auch vielleicht hinter dem Vorhang eine ältere mütterliche Braut, die zu ehlichen seine unsterbliche Pflicht ist, denn ich merke, diese Wunderthäter können Alles möglich machen. Ich hörte sonst wohl, die katholische Kirche habe die Freimaurerei in schweren Bann gethan, ich sehe aber wohl, es gibt Ausnahmen für Alles. Sonst wurden viele junge Menschen Maurer, um auf Reisen eine gute Aufnahme und gastfreie Brüder zu finden, eine unschuldige Ursache, sich einweihen zu lassen. Jetzt aber, — wie Kunstreiter auf ihre Geschicklichkeit, Taschenspieler auf ihre schnellen Hände, so reiset dieser Sangerheim auf die Kunst herum, allenthalben die bestehenden Logen zu stürzen. Wenn er denn Geister zitiren kann, so mag er dem armen Schmaling den seinigen wiederschaffen. Vielleicht ist der aber schon in der Loge verbaut, oder als Winkelmaß eingerichtet. Also nach Rom hin sieht denn dieser Orient? Schmaling wird gewiß einmal diese Herren segnen, die ihn jetzt so reich und groß machen, wenn er erst sein ganzes Elend kennt, und ihm sein verarmtes Herz zerbricht.
Sie überließ sich der Trostlosigkeit und weinte heftig. Der Vater wußte ihr Nichts zu sagen, er beschwor sie, nur nicht in der ersten Entrüstung den Brief zu beantworten. Er selbst schrieb an Schmaling, um ihn mit allen Gründen, die er aufführen konnte, von dem Schritte abzuhalten, den er zu thun im Begriff war.
———
Endlich bestimmte sich auch der Graf Feliciano, seine große Reise fortzusetzen. So sehr der Rath seinem Sohn Anton Alles vorhielt, was Vernunft und Gefühl ihm nur eingeben konnte, so ließ sich Anton dennoch durch Nichts abhalten, mit seiner jungen Frau, deren Kind bald nach der Geburt gestorben war, dem Grafen zu folgen. Auch der Professor gab seinen Knaben, wenigstens für einige Zeit, dem berühmten Feliciano mit auf die Reise, weil der Magier gefunden hatte, daß dieses Kind vorzüglich begabt sei, die Visionen zu sehn. Die Mutter hatte sich indessen von der Loge wieder zurückgezogen, denn es war ihr zu empfindlich gewesen, daß das Bauermädchen eines größeren Ansehns, als sie selber, genoß; man hatte sogar in Vorschlag gebracht, daß die Unerzogene nach der Abreise des Grafen und seiner Gemahlin Vorsteherin derselben werden sollte; da sie aber die Wunderthäter begleitete, um noch höhere Grade zu empfangen, und der höchsten Geheimnisse theilhaftig zu werden, so war der Räthin die Würde angetragen worden, die sie nach diesen Vorfällen mit Verachtung ausgeschlagen hatte.
Wenn also der Rath um seinen Sohn und dessen Schicksal bekümmert seyn mußte, so hatte er wenigstens die Beruhigung, daß seine Gattin mit ihm und der Tochter wieder einverstanden war. Die Frau, die nicht ohne Charakter und Verstand war, bereute jetzt ihre kurze Verblendung um so mehr, als sie jetzt, kühler geworden, einzusehn glaubte, wohin das Gaukelspiel ziele. Durch die Loge hatten sich mehrere Liebschaften und Verbindungen, und zwar nicht von den anständigsten, angeknüpft; auch Scheidungen fielen vor, und man hielt es bald für verdächtig, dieser Gesellschaft anzugehören, so daß die Frauen selbst nach kurzer Zeit dieses Logenspiel wieder aufgaben, und um so leichter, da man nur Wenigen Geheimnisse mitgetheilt hatte. Diese Wenigen warennachher von Allen vermieden, die ein strengeres Leben führen wollten.
In jener großen Stadt hatte sich Sangerheim indessen eingerichtet und einen viel größern Anhang, als in der Residenz gefunden. Die dortigen Freimaurer waren durch ihn gewissermaßen aufgelöst worden, viele derselben in seine Loge getreten, und man sprach fast nur von dieser neugebildeten Brüderschaft, die sich großer Geheimnisse rühme. Es fehlte nicht an seltsamen Berichten. Man wollte Geister gesehn, die größten Dinge prophezeit haben, man war auf dem Wege, den Stein der Weisen zu entdecken, oder der Meister war vielmehr im Besitz desselben, und die liebsten Jünger durften hoffen, desselben bald auch theilhaftig zu werden.
Auf seinem Zuge berührte der Graf Feliciano auch diese Stadt, und beschloß, mindestens einige Tage hier zu verweilen. In dieser Zeit gewann er den enthusiastischen Schmaling sehr lieb, und hatte ihn fast immer um sich, mit ihm über seine Bestimmung, das Geheimniß und das Licht zu sprechen. Dieser junge Mann und Anton, die sich früher in allen Dingen widersprochen hatten, waren jetzt in allen Ueberzeugungen miteinander einverstanden. Der Arzt Huber, welcher auch schon, um Sangerheims Umgang zu genießen, nach dieser Stadt gekommen war, vereinte sich mit ihnen. Sie erfreuten sich jetzt an Antons Weisheit, der fast der Heftigste von ihnen war, und lernten dankbar und demüthig von dem, der ihnen vor weniger Zeit noch als ein unbedeutender Freigeist erschienen war.
Eine Versammlung der vertrautesten Brüder war zu einer Abendmahlzeit bei Sangerheim vereinigt. Huber und Schmaling fanden sich ein, und der Graf beehrte mit Anton durch seine Gegenwart die Gesellschaft, die zahlreich war, weil noch Manche in der Stadt, die Sangerheims Vertrauengenossen und die begierig waren, den fremden Wunderthäter kennen zu lernen, sich mit Bitten hinzugedrängt hatten.
Der Graf wußte seine Person geltend zu machen und wurde von allen Anwesenden wie ein überirdisches Wesen verehrt. Er war im Anfange zurückhaltend und karg mit seinen Worten, nach und nach aber ward er gesprächig, heiter und mittheilend. Er suchte, so schien es, die Gesinnung und das Wesen Sangerheims ausforschen zu wollen, ohne ihm selbst näher zu treten.
Sangerheim, der sich vor seinen Schülern und Anhängern keine Verlegenheit wollte zu Schulden kommen lassen, erörterte viele Punkte, die er sonst lieber vermieden hätte, zu denen ihn aber der forschende Graf in künstlichenWendungen hindrängte. Dadurch gewann der Klügere so sehr die Oberhand, daß Sangerheim dem Grafen gegenüber selbst als Schüler und Lehrling erschien. Am meisten fiel dies dem wißbegierigen Schmaling auf, der bis dahin seinen Meister für den ersten Menschen der Welt gehalten hatte. Wie sonderbar, sagte er zu sich selbst, daß mein Meister, die große, edle Gestalt mit dem Feuerauge und der hohen Stirn, mit diesem kräftigen und vollen Ton, diesem untersetzten Manne, mit den hohen Schultern, dem matten Auge und der schwachen krähenden Stimme gegenüber klein erscheinen kann. Erkennt er denn vielleicht in ihm ein höheres Wesen? Ist dieser Fremde wohl einer der unbekannten Obern, von denen ich immer so viel sprechen höre?
Auch Huber und manche der Gegenwärtigen mochten etwas Aehnliches denken. Da bei dem leckern Mahle die feinen Weine nicht gespart waren, so belebte sich das Gespräch immer mehr. Jeder der Anwesenden wollte sich vor dem großen Fremden mit seinen Gedanken und Kenntnissen zeigen, oder Etwas von ihm lernen, und wenn auf vieleFragen die Antworten des Grafen auch nicht klar und glänzend ausfielen, so gab die Dunkelheit oder das Zweideutige derselben doch immer Vieles zu denken.
Schmaling lenkte endlich das Gespräch auf die Religion, und Sangerheim sah sich genöthigt, den Wink, den er Manchen im Geheim gegeben hatte, jetzt als eine Lehre laut auszusprechen, daß nur Derjenige, der zur katholischen Kirche gehöre oder überträte, der höchsten Grade und der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig werden könne.
Feliciano sah ihn lange mit einem großen fragenden Blicke an und sagte nach einer Pause, die alle Anwesenden in der größten Spannung erhielt: Ist das Euer Ernst, großer Meister?
Wie anders? fuhr Sangerheim fort, da die übrigen Partheien, die sich ebenfalls Christen nennen, immerdar ein geistiges Geheimniß verletzen und sich der Wundergabe, der Inspiration, der Anschauung der Mysterien entziehn? Sie können Vieles sehn und erforschen, aber der Anblick des Allerheiligsten ist ihnen nicht vergönnt; sie können nur von den sieben höheren Graden fünfe erringen. Ihre Sekte an sich selbst schließt sie nicht aus, wohl aber ihre Glaubensunfähigkeit: überwinden sie aber diese in der Rührung ihres Herzens, so treibt sie der eigne Geist von selbst, sich der älteren Kirche wieder anzuschließen.
Der älteren? nahm Feliciano mit großem Ernste das Wort auf; welche ist diese? Kennt Ihr sie? War vor dieser ältern nicht wohl eine noch ältere und ächtere? Wozu Eure vielen Grade, wenn Euch dieses wichtigste Mysterium mangelt?
Hindert Euch Nichts, großer Mann, fiel Schmaling ein, dieses etwas deutlicher auszusagen?
Wir sind nur von Brüdern umringt, antwortete derGraf, die früher oder später von selbst das finden werden, was ich ihnen andeuten kann, und darum brauche ich in dieser edlen Gesellschaft, die keine weltliche ist, meine Worte nicht ängstlich abzumessen. — Was die Christenheit spaltet, ist neu und zeitlich, Priesterwort und willkührliche Satzung ist schwer vom ächten Fundament desselben zu unterscheiden, und so kommt es, daß in den protestantischen Kirchen vieles ächter und wahrer ist, als was die Katholiken in ihrer Lehre vortragen, die Alles, was Luther predigte, nur Neuerung nennen. Aus beiden Kirchen ist zu lernen, aber nur dem ist es möglich, dem der Sinn frei geblieben ist. Gab es denn nicht, längst vor Entstehung des Christenthums, die ächte, völlig ausgebildete Maurerei? Diese war denn doch wohl noch älter, als die alte Kirche. Und was bedarf sie denn also dieser, um der Wunder, des Wissens, der Geheimnisse theilhaftig zu werden? Sie genügt sich selbst, und sie wäre nicht das Höchste und Beste, was der Mensch erringen kann, wenn sie in irgend einer Religion eine Stütze oder Bestätigung finden könnte.
Sangerheim schien erstaunt, aber Feliciano fuhr fort: gedenkt nur an den großen, weisen Salomo und seinen Tempelbau, an Hiram, und an alle Legenden und Symbole, die auf unsern großen und alten Meister, den weisesten des Orientes, hindeuten. Ihr wißt es Alle, wie den Lehrlingen mit diesen Symbolen und ihren Deutungen der Kopf verwirrt, wie sie zerstreut werden, damit sie nur die Wahrheit nicht finden sollen, die ein Eigenthum der höhern Geister bleibt. Salomo empfing, als ein Würdiger, das Geheimniß der Maurer von großen unsterblichen Obern, er baute den Tempel und stiftete die Loge des Geheimnisses, indessen der gemeine Mann im Prachtgebäude auf herkömmliche Weise den Gott anbetete, den er nur für einen Gott seiner Nationansehn konnte, der mächtiger sei, als die Götter der andern Völker. Wo steht in unsern Büchern und Sagen, in Allem, was uns von Salomo überliefert ist, daß er von Gott abfiel, daß er ein Götzendiener wurde? Er hätte, wenn dies gegründet war, nicht mehr Meister des heiligsten Stuhles, nicht mehr Oberer und Bewahrer des Geheimnisses bleiben können. Diese falsche Legende ließen die Priester nur in die Schrift hinein schreiben, weil er sich ihnen entzog, und ihrer Zunft nicht die Gabe zu weissagen, Wunder zu thun, Todte zu erwecken, Geister zu rufen und zu bannen, Gold zu machen, mittheilen wollte. Diese Kräfte, diese Herrschaft über die Geister, diese Geheimnisse der Loge, die nur Wenigen mitgetheilt wurden, welche die höchsten Weihen schon empfangen hatten, diese sind die hohen Gewalten, die von der Unwissenheit der Priester Götzen genannt wurden. Freilich waren es ihnen ausländische, fremde Götter, weil ihnen die Kenntniß derselben entzogen wurde.
Diese herrliche, glänzende Zeit der Maurerei verfiel nach dem Abscheiden des großen Königs und Meisters. Die Obern zogen sich zurück, die meisten nach Indien. Späterhin finden wir Elias und Elisa als Eingeweihte wieder, die von der tauben Menge und von den verstockten Königen nicht verstanden wurden. Ganz verbarg sich nachher die hehre Kunst, und wandelte aus dem Tempel und Jerusalem in die Wüste. Da treffen wir sie unter den Essäern oder Essenern wieder an. Das heißt, die Gelehrten, die Geschichtforscher der Welt wissen nun wieder Etwas von ihr, denn für den wahren Maurer giebt es in der Geschichte seiner Kunst keine Lücke. Ich führe nun auf das, was Allen bekannter ist. Diese Männer hatten schon seit lange im Stillen gearbeitet: seit vielen Jahrhunderten war es ein Grundgesetz der Maurerei, welches Salomo und Andre beobachtet oder noch festergegründet hatten, daß die ächte Erkenntniß ein Geheimniß seyn und bleiben müsse, da die blöde, rohe Welt, die unwissende Menge das Heilige, wenn es sich ihr mittheilen wolle, nur mißverstehn und entweihen könne. Hier stehn wir nun an der großen und merkwürdigen Geschichts-Epoche. Die heilige Gesellschaft der Essäer zertrennte sich um jene Zeit in zwei sich widersprechende Gesellschaften. Ein Theil beharrte auf dem Grundsatz, Alles müsse geheim bleiben, weil nur so die Verbindung aus der Ferne wohlthätig auf die Menschen und ihr vielfaches Unglück wirken könne. Aber viele erleuchtete Männer waren vom Gegentheil überzeugt. Zwei große Geweihte wurden ausgesendet, der zweite noch mächtiger und größer, als der erste, Johannes der Täufer, und der göttliche Stifter der christlichen Religion, der erhabene Menschenfreund, der aus Erbarmen gegen seine unglücklichen, im Elend schmachtenden Brüder ihnen das Wort des Lebens mittheilen wollte. Lange kämpften die beiden Partheien der Erleuchteten gegen einander. Das Mysterium war auf eine Zeit lang offenbar worden, aber, neben der Wohlthat brachte es im Mißverständniß unermeßliches Elend über die Länder und Völker. Der große Eingeweihte selbst und seine Freunde sahen es ein, und er starb den Versöhnungstod. Nach und nach ward das Mysterium dem Volke wieder entzogen, das spätere Christenthum und die Hierarchie bildeten sich aus, und verdeckten mit Satzungen, Gebräuchen, Ceremonien, Putz und Kunst das geistige Geheimniß, das wir nur hie und da im Lauf der Zeiten aufleuchten, und wie einen Blitz vorüber fahren sehn. Dem Kundigen genug, um das Licht zu erkennen; dem Unwissenden nur eine Blendung oder Veranlassung, sich wieder einer leidenschaftlichen Sektirerei zu ergeben. — Wozu also, großer Meister Sangerheim, wenn Ihr diese Wahrheiten erkennt, ist Euch zurWeihe die katholische Kirche noch nöthig, da diese selbst nur eine abgeleitete aus unserm ältern, ächten Orden ist? da sie Nichts darstellt, als das Mißverständniß eines Geheimnisses, das ihr freilich Anfangs lauter übergeben ward? Und darum sagte ich, daß in gewissen Punkten der Protestant eine ältere Kirche besitze, und Ihr werdet nun, mein Freund, wahrscheinlich verstehn, wie dieser kurze Ausspruch gemeint war.
Der Graf mußte es bemerken, welchen sonderbaren Eindruck dieser Vortrag auf die meisten seiner Zuhörer machte. Bei Einigen war das Erstaunen mit Unwillen gemischt, Einige gaben Beifall, den man einen schadenfrohen hätte nennen mögen, denn sie sahen mit bedeutsamem Lächeln nach Sangerheim hinüber, der, so sehr er sich zwang, seine Verlegenheit jetzt nicht mehr verbergen konnte, und sich, Hülfe suchend, an Diejenigen wendete, die mit der Rede des Grafen unzufrieden schienen. Er sagte endlich, nach einigen Erörterungen: So sehr wir verbunden seyn mögen, so sind wir also doch wieder getrennt; es mag seyn, daß sich die Wahrheit unterschiedliche Bahnen sucht. Nach Ihrer Ueberzeugung ist die Maurerei das Einzige und Höchste; ich stütze mich noch auf die Heiligkeit der Kirche und offenbarten Religion.
So gebt die Maurerei auf, rief der Graf, der erhitzt schien: wozu soll sie Euch helfen, wenn Euer Herz und Glaube sich in der Religion befriedigt und sättigt? Und woher kommt denn diese Religion? Ist sie denn nicht, wie ich schon sagte, ein ungeschickter Versuch, einige der verschwiegenen Mysterien zu offenkundigen Wahrheiten zu machen? Und damit diese wenigen Wahrheiten sich erhalten können, meistentheils nur scheinbar, weil sie doch unverstanden sind, muß das Gerüst des Kirchendienstes dazu erbaut, muß der große Teppich gewirkt werden, der bedeckend herumgehangen wird,und diese wenigen Wahrheiten wieder in Geheimnisse verwandelt, die keiner sieht und findet, indessen sich das Volk an den bunten Bildwerken ergötzt, und die Priester sich zanken, und die Verständigsten unter den Layen von der ganzen Sache eigentlich gar keine Notiz nehmen. Seht, Meister, so steht es wahrhaft, wenn ich denn doch einmal reden soll, ohne, wie man sprichtwörtlich sagt, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Großer Meister, erwiederte Sangerheim, Euer Geist ist gewaltig und groß, Ihr fahrt wie ein Sturmwind daher, und predigt wie die Begeisterung. Was Ihr weissagt, habe ich wohl verstanden, aber die Obern, die ich verehren muß, würden auch Euch, so stark Ihr seid, so viele Zeitalter Ihr gesehn haben mögt, Hochachtung abzwingen, und wohl eine andre Ueberzeugung Euch geben.
Mir? sagte der fremde Meister: wißt Ihr denn, ob ich sie nicht längst kenne? Es ist aber noch die Frage, ob sie mich auch kennen, auch wenn ich vor ihnen stände.
Wie meint Ihr das, Großmeister? fragte Sangerheim.
Ihr fragt, und fragt immer wieder, antwortete der Magus erhitzt und mit funkelnden Augen, und wollt doch auch Großmeister seyn. Obere nennt Ihr sie? Gut. Aber es kann doch auch wohl einen Obersten dieser Obern geben, die diesem dienen und gehorchen müssen, denen er nur so viel Weisheit zukommen läßt, als ihm dienlich scheint, die deshalb verschiedene Systeme ausbreiten, die er alle von seiner Höhe lenkt. So sind diese katholisch, jene protestantisch; einige nennen sich Rosenkreuzer, andre Tempelritter; der will Vernunft und Freiheit des Volks, jener Mystik und die Würde des Königs begründen und verbreiten; diese Ritter des Grabes, des Todes und Lebens, Illuminaten, und wie sie vielfältig sich betiteln, — können sie nicht vielleicht allevon einem unbekannten obersten Obern abhängen? Und ist Euch diese alte Sage, da Ihr doch so Vieles wißt und erfahren, in Euerm Orden noch nicht vorgekommen?
Wer seid Ihr? rief Sangerheim wie entsetzt aus.
Ich bin, der ich bin!antwortete der Fremde. Erkennt Ihr mich daran noch nicht? — Ob ich auch Feliciano, oder einen ältern Namen nenne, gilt dem Nichtwissenden gleichviel. Seid Ihr aber ein Wissender, so will ich in einer Chiffer, einem kleinen Symbol aussprechen, wer ich bin. Reicht mir das Blatt und den Stift.
Er zeichnete und gab dann mit Lächeln das Papier dem Meister hinüber, indem er scharf sagte: Wenn Ihr der seid, für den Ihr Euch ausgebt, so müßt Ihr mich nun erkennen. Doch zeigt es Niemand.
Sangerheim nahm das Blatt, sah und erblaßte. Er wickelte die Zeichnung zusammen und ließ sie schnell am Licht verbrennen. Ich sehe nun, daß Ihr jener wahre Oberste seid, dessen Zeichenschrift man nur denen der höchsten Weihe vorzeigt. Ich beuge meine Knie und meinen Geist vor Euch.
Die letzte, entscheidende Erklärung hatte alle Gegenwärtigen in Verehrung und Demuth zum Grafen hinüber gezogen. Feliciano stand auf, machte ein Zeichen, das alle verstanden, und sagte: Kraft meines Amtes schließe ich hiemit diese Loge. Alle erhoben sich. Der Graf faßte hierauf die Hand Sangerheims und sagte: Junger Mann, Du wandelst einen gefahrvollen Weg, aber Du bist so weit vorgeschritten, daß ich nur warnen, Dich nicht mehr lenken kann und darf. Du kennst die Geister, Du bezwingst sie und sie gehorchen Dir, — aber, sie kennen Dich besser, als Du sie kennst. Dir sind sie geheimnißvolle, wunderbare, unbegreifliche Wesen, und Du bist ihnen so verständlich und klar, daß sie Alles wissen, was in Deinem Gemüthe ist. Das Verhältnißdes ächten Magiers muß aber das ganz umgekehrte seyn, Du mußt Deinen Geistern ein ganz wundervoll, geheimnißreiches Wesen bleiben, mit Furcht und Schaudern müssen sie Dir dienen. Kannst Du sie nicht noch zu Sklaven machen, daß sie vor Dir erbeben, wird ihnen Deine Natur immer klarer näher gebracht, wähnst Du gar, Freundschaft mit ihnen stiften zu können, dann — wehe Dir! Furchtbar werden sie Dich einst, vielleicht bald, wegen ihrer aufgezwungenen Dienste zur Rechenschaft ziehn. —
Er ging mit feierlichem Schritte fort, und Schmaling folgte ihm zitternd. Die Zurückgebliebenen sahen sich forschend an, und wußten nicht, was sie aus diesen letzten Worten machen sollten. Nur Sangerheim schien sie zu verstehn und sank bleich und von Anstrengung erschöpft, in einen Sessel zurück. Meine Freunde, sagte er nach einiger Zeit, ihr seid Alle Zeugen der wunderbaren Begebenheit, die sich zugetragen hat. Ihr wißt nun Alle, welche Kämpfe, welche Gefahren ich noch zu bestehn haben werde: welche Angriffe mir aus dem Geisterreiche her drohen. Erliege ich in meinen großen Bemühungen, so war es doch nicht Unkunde, die mich auf diesen gefahrvollen Weg trieb, sondern die Liebe zum Heiligsten der Wissenschaft.
Alle verließen den Meister, dankend, hoffend, ihn ermunternd, und Jeder ging tiefdenkend nach seinem Hause.
———
Schmaling trat mit dem Großmeister, dem unbekannten Obersten, zu welchem ihn eine ungemessene Ehrfurcht, eine Art von Anbetung hinzog, zugleich in sein elegantes Schlafgemach, indem er an allen Gliedern zitterte. Ich wage es, Ihnen zu folgen, Größter aller Sterblichen, — doch, was sage ich? vielleicht einem Unsterblichen.
Feliciano sah ihn mit einem hochrothen Gesicht und glänzenden Augen an. Dem Jüngling erschien der Meister in einem wunderbaren Lichte, denn er sah, daß Dieser wankte, und sich lachend niedersetzte. Ei! mein Kind, fing er darauf an, da bist Du ja auch! Das ist schön, daß Du kommst, so können wir noch in stiller Nacht ein wenig mit einander schwatzen.
Er stand wieder auf, und wankte nach einem Schranke hin. Ich habe mich verleiten lassen, fing er wieder an, heute, meiner Gewohnheit entgegen, viel zu sprechen, und noch mehr von den starken Weinen zu trinken. Unpolitisch. Ich will mich nun an diesem Trank, den ich nur meinen ägyptischen Wein zu nennen pflege, wieder nüchtern zechen, weil dieser noch viel stärker ist, als dort das beste Getränk. — Er leerte einen großen Becher, den er aus einer sonderbaren Flasche gefüllt hatte, die in allen Farben glänzte und mit vielfachen Hieroglyphen bemalt war. — Trink, mein Söhnchen, sagte er dann, und reichte dem jungen Manne den Becher, koste wenigstens diesen Wundertrank.
Schmaling setzte bald ab, denn diese Essenz, aus Gewürzen abgezogen, war ihm zu stark. Feliciano sah ihn freundlich lächelnd an und sagte: Liebes Bürschchen, kein Mensch in der Welt hat mir noch so sehr als Du gefallen, begleite mich, sei mein Freund und wahrer Schüler, und ich will Dir alle meine Weisheit mittheilen. Das andre Menschenvolk ist so plump und unliebenswürdig, Keiner ist mir noch aufgestoßen, dem ich mich ganz ergeben möchte. Du allein hast mein Herz gewonnen, und zu Dir möchte ich wahr und offen seyn können, weil mich das Zusammenschnüren, wie ich es der Uebrigen wegen mit mir treiben muß, genirt und langweilt. — Aber was wolltest Du noch von mir erfahren oder erfragen?
Die Stimme des Mannes lallte, und es schien, als wenn dieser ägyptische Wein eher das Gegentheil, als die beabsichtigte Wirkung hervor gebracht hätte. Schmaling war verlegen und mochte sich selber nicht gestehn, was er zu bemerken glaubte; er sagte: Großer Meister, wenn es mir erlaubt ist, zu fragen, und noch einen Augenblick bei Ihnen zu verweilen, so möchte ich wohl erfahren, wie Sie es gemeint haben, was meinem Freunde die Geister, und auf welche Art sie ihm schaden könnten: was Sie sagten, schien zwar ein gewisses Licht zu geben, war mir aber doch noch unverständlich.
Feliciano schlug in seinem Sessel ein lautes Gelächter auf, an dem er sich nur nach geraumer Zeit ersättigte, dann sagte er: Je, Kind, liebstes Kind, nimm doch Vernunft an. Was ich dort gesagt haben mag, weiß ich nicht mehr, aber ich meine, es wird mit seinen Geistern und allen den Geschichten ein klägliches Ende nehmen, weil der Gimpel selbst an seine Geister glaubt.
Weil er an sie glaubt? fragte Schmaling im höchsten Erstaunen.
Ja, liebes Närrchen, fuhr der Magus fort, sieh, deswegen muß es ja nothwendig und natürlich ein ganz miserables Ende mit ihm nehmen. Er betrügt die Welt und seine Schüler, und das ist recht und billig; mit den unter uns bekannten Kunststücken läßt er Geister und Gespenster erscheinen, aber der erste Dummkopf in der Welt ist, der selbst durch sich selbst getäuscht wird. Ich kam ihm in allen Richtungen entgegen und erwartete sein Bekenntniß, das mir allein am Tisch verständlich gewesen wäre. Aber seine Obern haben den Menschen auf eine mir unbegreifliche Art so dumm gemacht, daß, wie er auch betrügt und Andre täuscht,er doch glaubt, es werde sich ihm mit der Zeit das ächte wahre Wunder mittheilen.
Schmaling wußte nicht, wie ihm geschah. Er betrachtete die Decke und wieder den verehrten Meister, sich selbst, den Fußboden und wieder den trunknen Wahrsager, der jetzt von Wein geschwächt und von seinem Uebermuth begeistert so Vieles aussagte und verrieth, was er nüchtern geworden am Morgen wahrscheinlich bereute.
Laß die Narrenpossen, sagte der Graf, und mache es möglich, daß wir uns Beide verständigen. Du bist zu gut, um unter dem aberwitzigen Jan Hagel so mitzulaufen, Du verdienst es, die höchsten Grade und alle mit einander in einem Augenblicke zu erhalten. Ich höre, Du willst da in Deiner Stadt heirathen. Zieh mit mir, die ganze Welt steht einem so schönen, so feinen und schmiegsamen Mann, wie Du es bist, offen; alle Weiber, die schönsten und vornehmsten, werden Dir entgegen laufen. Du wärst mir dazu ganz anders brauchbar, als der tölpische Anton, Dein Jugendfreund, der aus einem Freigeist und Uebervernünftigen so mit beidenBeinen in die Dummheit hinein gesprungen ist.
Er lachte wieder, daß er vor Schmerzen inne halten mußte. Du weißt vielleicht, fing er wieder an, wie ich schon ein Weilchen in Eurer komischen Stadt als ein Herr Anderson lebte. Ich hatte so die beste Gelegenheit, Alles auszuspioniren, und mein pfiffiger Bedienter noch mehr. Ich kannte schon alle Verhältnisse, auch die Mesalliance des Herrn Anton mit einem hübschen Bauernmädchen, die er nun in seiner kühlen Verständigkeit so schlechthin aufzuopfern dachte. Dieser tugendhafte Anton wollte nun Dich, mein liebes Kind, bessern und korrigiren, daß Du den Aberglauben ließest. Das kam mir ganz erwünscht in den Weg gelaufen, daß ich mich für den großen, berühmten Felicianoausgeben sollte, der ich zufällig selber war. Die Bäuerin hatte ich kennen lernen und ihre Verzweiflung gesehn: ich hatte von ihr ein Bildchen machen lassen, das ziemlich ähnlich war. Sollte es doch auch nur für einen Augenblick dienen. Der Professor Ferner hat ein allerliebstes Kind, einen überaus klugen Jungen. Man glaubt nicht, wenn man es nicht so oft, wie ich, erfahren hat, wie schon der ganze Spitzbube in den Kindern steckt. Das Lügen, das den meisten angeboren ist, darf nur ein wenig erfrischt und aufgemuntert werden, so geräth es fast besser, als bei den Erwachsenen, die immer darin fehlen, daß sie es zu klug, zu verwickelt machen wollen. So ein Kind wird wahrhaft begeistert, wenn es gebraucht werden soll, die Großen und Vorgesetzten zu betrügen, und es lernt eine solche Lection besser, als jede in der Schule. Mit diesem Jungen, der noch bei mir ist, hatte ich schon unvermerkt mein Spiel verabredet. Mein Diener hatte die Blendlaterne und das Bild bei der Hand, sammt dem nöthigen Rauch, die Domestiken des Hauses waren entfernt worden, und um die Sache noch schauerlicher zu machen, hatte die gute Bauernnymphe unterdessen, daß sie im Zimmer leiblich erscheinen sollte, einen Schlaftrunk erhalten. So wurde denn der Spuk und die Comödie glücklich so gespielt, wie Du sie selber mit angesehn hast.
Immer noch war es dem glaubensfähigen Schmaling, als wenn er in einem ängstlichen Traume läge. Und heute nun, fing er wieder an, als mein Lehrer und Meister sich Eurer höheren Wissenschaft so unbedingt beugen mußte?
Kluges Kind, antwortete Jener, siehst Du denn nicht ein, daß wer die Menschen betrügen will, es ja nicht zu fein anfangen muß? So wie es fein ist, wird ja auch der Scharfsinn Jener geweckt, sie werden aufmerksam, denken, passen auf, und das Kunstwerk steht auf der Nadelspitze. Grob,plump muß der Menschenkenner zu Werke gehn. Die sich dann nicht damit einlassen wollen, wenden sich ganz ab, und auch das ist Gewinn; die Andern denken: Nein, so einfältig ist doch Keiner, die Sache zu erfinden, wenn nicht irgend Etwas daran wäre. Sagst Du ihnen, Du hast Carl den Zwölften gekannt, so lachen sie Dir ins Gesicht, behauptest Du aber dreist, Du habest mit Johann Huß Brüderschaft getrunken, so glauben sie Dir. — Also mein Herz, laß Dich überreden, mit mir, als Deinem bekannten Obersten, durch die Welt zu ziehn, und ihre Schätze und Gunst mit mir zu theilen. — Oberster! Ha ha! Weil ich so viele Logen aller Art durchkrochen bin, so wurde mir denn auch von einigen Rosenkreuzern eine Signatur gezeigt, die den Messias bezeichnen sollte, der einmal erscheinen würde, um ein himmlisches Reich auf Erden zu stiften. — Du siehst, mit welcher angenehmen Dreistigkeit ich Deinen großen Meister mit dem Bagatell verblüfft habe. — Nein, als ein ehrlicher, schlichter Mann könnte ich verhungern, als ein berühmter Charlatan bin ich reich und beherrsche Männer und Weiber und kann wie ein Sultan gebieten und walten. Lockt Dich denn diese Aussicht nicht, liebstes Kind? Du bist so viel schöner, als ich, Du kannst ja Deine Jugend nicht besser genießen. Mir hat so ein Wesen noch immer zu meinen Erscheinungen gefehlt, wer weiß, welchen Engel wir droben im Norden aus Dir machen. Wer weiß, welche Monarchin Dir ins Netz läuft, — wer weiß — kurz, komm mit!
Der ägyptische Wein hatte so stark gewirkt, daß der Großmeister jetzt einschlief. Am Morgen, als er erwachte und sich besann, konnte er sich nur dunkel erinnern, was er gethan und gesprochen hatte. Aber das drückte ihn schwer, daß er sich gegen Schmaling auf irgend eine Weise zu sehr herausgelassen habe. Er sendete sogleich nach diesem, umentweder mit Klugheit ihm Alles wieder auszureden, oder, wenn dies unmöglich sei, ihn im halben Vertrauen stehen zu lassen und durch Drohungen zum Schweigen zu zwingen. — Aber Schmaling war verschwunden und nirgends zu finden, auch Sangerheim konnte keine Nachricht von ihm geben, der mit Schmerz und Aengstlichkeit die unbegreifliche Entfernung des Jünglings beklagte.
Als nicht zu helfen war, schickte Feliciano einen drohenden Befehl an Sangerheim, den jungen Schmaling niemals wieder als Bruder in seine Loge zuzulassen, dieses Verbot auch andern Logen mitzutheilen, die mit ihm in Verbindung ständen, das Gleiche würde er allen Brüdergemeinden zusenden, die von ihm abhängig wären, weil er entdeckt habe, daß dieser Schmaling ein Bösewicht, Verleumder und ganz unwürdiger Bruder sei, der nur damit umgehe, alle Geheimnisse des Ordens auf eine schändliche Weise zu verrathen, und die Meister selbst durch die abscheulichsten Lügen öffentlich zu beschimpfen.
Sangerheim zitterte, und Feliciano eilte, mit seinem Zuge seine Reise nach dem fernen Norden fortzusetzen. —
Schmaling war mit den schnellsten Postpferden zur Residenz zurückgekehrt. Er wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, er hatte nicht den Muth, in das Haus seines Schwiegervaters zu gehen, er konnte es sich nicht als möglich denken, nur den Bedienten gegenüber zu treten, um sich melden zu lassen.
In dieser unbehaglichen Lage sagte er zu sich selber: Ist es denn etwas Anderes, wenn ein Freund, der im hitzigen, oder Faulfieber liegt, von allen Aerzten schon aufgegeben, von allen Freunden schon als todt beklagt, wieder geneset? Sonderbar, daß wir immer so großen Unterschied zwischen den Krankheiten unsrer Seele und unsers Körpersmachen wollen. Eins ist selten ohne das andre. Dem Elenden, der im Fieber phantasirt, vergiebt man es gern, man tröstet ihn sogar freundlich, wenn er Gott und Menschen, seine Liebsten und Nächsten gelästert hat, man nennt es nur Abwesenheit, Vergessen seiner selbst: und der Arme, dessen Seele zerrissen wurde, der, peinlich hinauf getrieben, zwischen den Extremen schwankte, der sich selbst verlor: ihm vergiebt man nicht, ihm rechnet man die Aeußerungen seiner Krankheit als Verbrechen an, und er muß es mit Dankbarkeit erkennen, wenn man es ihm nur nach Jahren vergißt, daß er diese und jene auffallende Meinung äußerte. Und so bin ich genesen, ich kehre von einer Brunnenkur zurück, da alle meine Freunde mich schon aufgegeben hatten. Wollen sie mich nicht, die mir die Liebsten und Nächsten sind, als einen Wiederhergestellten anerkennen, nun so ist es an ihnen, krank zu seyn, sie mögen dann irgend ein Bad besuchen, und es kömmt nachher auf mich an, ob ich sie als Gesunde begrüßen oder als Unheilbare von mir weisen will.
Mit diesen Gesinnungen und Entschlüssen ging er nach dem Hause des Geheimenrathes Seebach. Die Bedienten, die ihn schon von ehemals kannten, ließen ihn ungehindert eintreten. Er fragte nach Fräulein Clara; man sagte ihm, daß sie ungestört seyn wolle, weil sie sich unwohl fühle, sie habe daher erklärt, keine Besuche annehmen zu wollen. Er sagte dem Kammerdiener, daß er der Familie kein Fremder sei, und daß er alle Verantwortung auf sich nehmen wolle.
Er ging über den wohlbekannten Gang nach dem Gemache seiner Jugendfreundin. Lange stand er vor der Thür. Er lauschte mit hochklopfendem Herzen. Ihm war, als wenn er drinnen Gesang und die Töne einer Laute vernähme. Und so war es auch. Clara, um ihren Gram einigermaßen zu beschwichtigen, hatte alle ihre alten Musikstücke hervor gesucht,um sich an diesen zu trösten. Sie spielte und sang, und wiegte so, als sei er ein ungezogenes, schreiendes Kind, ihren immer wachen Kummer ein. Einige Blätter hatte sie bis jetzt überschlagen. Sie faßte den Muth, sie vor sich hinzulegen, um sie zu singen. Es waren einige Compositionen, die in bessern Zeiten Schmaling selbst zu ihren Lieblingsliedern gesetzt hatte, es waren sogar einige Lieder darunter, die von ihm gedichtet waren, und zu denen er ebenfalls die Melodie gesungen. Lange hatte sie den Trost der Musik entbehrt und darum ergab sie sich heute diesem Genusse wie eine Berauschte. Schmaling horchte entzückt an der Thür; alle Jugenderinnerungen, alle jene süßen Stunden der Unschuld kehrten in sein bewegtes Gemüth zurück. Ihm war, als hätte er den ganzen Zwischenraum, zwischen jenen Tagen und dem heutigen, nur in einem schweren Traum gelegen.
Clara hörte in ihrem lauten Gesange nicht, wie er klopfte. Als er das Zeichen wiederholt gegeben hatte, öffnete er die Thür und trat in das Zimmer. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte seinen Eintritt nicht vernommen. Sie sang so laut und heftig, als wenn sie an dem Liede sterben wolle. Er hatte es ihr vor drei Jahren zu ihrem Geburtstage komponirt, nicht lange nachher, als sie mit einander bekannt geworden. Er konnte sich nicht zurückhalten, er weinte laut und stürzte zu ihren Füßen nieder. —
Die Laute entfiel ihrer Hand. — Wie? rief sie aus; was sehen meine Augen? Täuscht mich kein Blendwerk? Die alte Zeit kommt wieder, der Calender lügt und mein Ferdinand ist wieder da.
Ja! rief der tiefbewegte Jüngling: da, um nie wieder von Dir zu scheiden. Zurückgekehrt, wie der verlorne Sohn,von den Trebern des Aberwitzes und der Lüge, um bei seinem Vater Schutz und Nahrung zu suchen.
So? sagte Clara, indem sie ihn aufhob; stehe auf, lieber Freund, wenn ich Dich noch so nennen darf. Also, meinst Du, soll ich nun wie das Kalb geschlachtet und verspeiset werden?
Ich bin leider das Kalb gewesen, antwortete der Beschämte, aber nun, meine süße Geliebte, nachdem ich genesen, nachdem ich die Dummheit meiner erhabenen Meister eingesehn habe, werde ich mich niemals wieder verführen lassen. Nein, auf immer bin ich zu Dir, zu jenem schlichten, einfachen Leben zurückgekehrt, das ich vor Kurzem noch mit Verachtung ansah. Fühle ich doch in allen Fasern meines Herzens und in jedem Tropfen meines Blutes, daß das Einfache, scheinbar Arme, das Nächstliegende eben das Reiche, Wohlthätige, Himmlische ist! Vergiebst Du mir meinen Wahnsinn, so bin ich der Glückseligste aller Menschen, und ich erwarte, daß Fürsten von mir Almosen begehren sollen.
Nun, nun, sagte Clara, nicht eben so eifrig, mein Freund, in der Bekehrung und Reue wie erst in der Sünde. Also jetzt willst Du kein Kapuziner, nicht katholisch werden?
Sie lachte so anmuthig, daß Schmaling den Muth faßte, sie in die Arme zu nehmen und herzlich zu küssen. Noch niemals hatte sie ihm den Kuß mit diesem Feuer erwiedert. Hierauf zog sie beide Glocken in ihrem Zimmer mit der größten Heftigkeit, tanzte im Gemach auf und ab, und als mehrere Diener ängstlich erschienen, rief sie diesen mit lauter Stimme zu: meine Eltern sollen kommen! Aber gleich! Mit der größten Schnelligkeit! Es verlohnt sich schon der Mühe, zu eilen.
Man verwunderte sich im ganzen Hause über das ungewöhnliche Geräusch. Der alte Kammerdiener lief in Angsthin und her, weil er meinte, daß irgendwo Feuer ausgebrochen sei. Endlich traten Mutter und Vater zu Clara in das Zimmer. Was giebt es denn? fragten Beide; warum lässest Du uns so gewaltsam rufen?
Sie sagte: wenn es nicht unbillig ist, daß bei der Geburt eines Prinzen alle Glocken geläutet und Kanonen abgeschossen werden, so darf man schon einigen Spektakel in einer honetten Familie machen, wenn ein junger Mann seinen gesunden Menschenverstand wieder gefunden hat. Ja, liebste Eltern, hier steht der bescheidene Jüngling, dessen Edelmuth es nicht wagt, dergleichen Ungeheures von sich auszusagen, weil er seit so vielen Wochen auf den entgegengesetzten Bahnen irrte.
Der Vater schloß entzückt den jungen Mann in seine Arme, die Mutter war verlegen und gerührt. Und Sie entsagen, fragte der Rath, Ihrem Meister Sangerheim?
Mit vollem Ja, kann ich antworten, rief Schmaling, und eben so dem Großmeister Feliciano, der vielleicht Judas Maccabäus seyn mag, oder Ischariot, und dem Teufel und seiner Großmutter, und allen ihren Spuk- und Zauberwerken, die keine Stecknadel werth sind, und für die wir ihnen unsre Seele verkaufen müssen.
Ja wohl, sagte der Vater, müssen wir ihnen, den Unterirdischen, den Reichen des Wahnwitzes, das Theuerste verschreiben, um das Verächtliche dafür zurück zu erhalten.
Ich bin genesen, rief Schmaling aus, und begreife jetzt nicht, wie ich den Himmelsblick meiner Geliebten, ihr Herz, alles Glück einer entzückenden Häuslichkeit und des nächsten Besitzes, gegen jene Kartenkünste aufopfern konnte.
Als man sich mehr beruhigt hatte, erzählte er dem Vater auf dessen stillem Zimmer Alles, was ihm begegnet war. Man erfuhr auch bald, daß der junge Schmaling, wegenschwerer Vergehungen, von vielen Logen ausgeschlossen sei. Dies störte nicht das Glück des Hauses, denn seine Verlobung mit Clara wurde bekannt gemacht, und bald darauf die Hochzeit gefeiert.
Könnte ich doch, klagte der Vater an diesem fröhlichen Abend, meinen Sohn Anton eben so in meine Arme schließen, und mich überzeugen, daß er mir zurückgegeben sei.
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Die Scene, die sich mit dem größeren Magus ereignet hatte, war für Sangerheim von Folgen gewesen. Seine Schüler hatten es gesehn, daß er verlegen und irre an sich selber wurde; sie hatten Andern diese Bemerkung mitgetheilt, und Viele wendeten sich von ihm ab. Die ältere Loge beobachtete ihn genauer, und faßte mehr Muth, sich ihm öffentlich zu widersetzen. Unter Denen aber, die ihm unwandelbar treu blieben, und auf seine Worte schwuren, stand der Arzt Huber oben an; diese Anhänger beredeten sich, daß die Wirkungen, welche Feliciano hervorbrachte, durch die Hülfe böser Geister geschähen, und er selbst durchaus verwerflich und gottlos, seine Lehre verdammlich zu nennen sei.
Jetzt ward es den Vertrauteren, und späterhin den Uebrigen bekannt, daß Sangerheim verheirathet sei, und seine Frau bei ihm wohne. Da sie krank und leidend war, hatte er ihr Dasein Allen verschwiegen. Die Wenigen, die sie zuweilen auf einen Augenblick sahen, bemitleideten sie, oder entsetzten sich vor ihr, wie vor einer Geistererscheinung. Sie war noch jung, aber todtenbleich, schwach und matt. In dem weißen und abgemagerten Gesicht glänzten die Augen mit einem sonderbaren Feuer. Sie hatte kaum Stärke genug, aus einem Zimmer in das andre zu gehn, und es geschah wohl, daß sie mitten in ihrer Rede abbrach und einschlief.Dann sprach sie sonderbar, oft unzusammenhängend, oft, als wenn sie Erscheinungen sähe. Sie hatte keinen Arzt, sondern der Mann, der sich die größten Kenntnisse zutraute, behandelte sie selbst auf eine geheimnißvolle Weise: er suchte sie durch Gebet, Händeauflegen und Beschwören zu stärken. Wegen dieses sonderbaren Zustandes der Leidenden war es selbst den Vertrautesten nur durch Zufall möglich gewesen, sie auf Augenblicke zu sehn und zu beobachten.