Nach einer schlimmen Nacht, in welcher sie von Schmerzen sehr gequält war, sagte sie am Morgen zu ihrem Gatten: Ach, Alexander! das war nicht die Aussicht, die wir hatten, als Du mich heimlich, fast mit Gewalt aus dem Hause meiner guten Eltern nahmst. Welche Pläne machten wir damals, was hofften wir Alles von unsrer Liebe. Nun ist Alles dem Tode verfallen! Ach! und welch gespenstisch Leben, welch sterbendes Dasein ward mir in Deiner Nähe. Nun, ich fühl’ es, es ist zu Ende.
Nein, geliebte Theodora, tröstete sie der Mann: nein, meine Geliebteste, ohne die das Leben mir selbst nur eine Last seyn würde. Glaube mir, Alles nähert sich einer glücklichen Entwicklung. Ich sehe, Du wirst mit jedem Tage besser, in wenigen Monaten ist Deine Gesundheit und die Blüthe Deines Leibes wiedergekehrt. Du bist wieder heiter und froh, Du hast wieder Muth und Kraft, wie in den ersten Tagen unsrer Liebe.
Liebst Du mich denn noch? fragte die Kranke, mit einem sterbenden Blick.
Theodora, rief Sangerheim, außer sich vor Schmerz; diese Frage und dieser Blick könnten mich tödten. Es wühlt mein Herz um, und zernichtet meine Kräfte, daß diese Zweifel Dir immer wiederkehren.
Ich darf nicht sprechen, antwortete sie matt, denn DeineHeftigkeit geht dann wie ein schneidend Messer durch meinen Leib und meine Seele.
Ich will sanft seyn, milde, Geliebte, antwortete er demüthig, sprich Deinen Kummer aus, nur zweifle an meiner Liebe nicht.
Was nennst Du so? fuhr sie fort; Deine Liebe ist Dir doch nicht heilig, Du opferst sie auf, sie ist Dir nur Mittel zu andern Zwecken. O, mein Engel, wenn Du Dich von jener Verbindung losmachen könntest, o zerbrich sie, mein süßes Herz, entzieh Dich jener Gesellschaft, die mir immer schrecklicher erscheint, die Dich verderben wird.
Nein, meine Liebste, antwortete Sangerheim gerührt, ich erkenne Deine Liebe in jedem Deiner Worte, aber diese Männer, von denen ich Dir einmal in einer schwachen Stunde erzählt habe, kennst und würdigst Du nicht. Denke nur zurück, wie arm, wie dürftig unser Leben war. Als österreichischer Offizier, in einer kleinen Garnison, von rohen, unwissenden Menschen umgeben, mit schmalem, unbedeutendem Gehalt, ohne Hoffnung, es weiter zu bringen, — was war da unser Loos? Wie armselig, dürftig und verächtlich war diese Existenz! Und betrachte jetzt den Ueberfluß, die Ehre, den Schwarm der Freunde und Bewunderer.
O Alexander, seufzte sie, führe mich in jene enge Dürftigkeit zurück, gieb mir unser damaliges Leben wieder, und ich will Dir auf den Knieen danken. Wir waren gesund, wir hatten uns keine Vorwürfe zu machen, denn die Eltern waren mir wieder ausgesöhnt. War unser Einkommen klein, unsre Habe unbedeutend, so genossen wir Alles mit kindlichem dankbaren Sinn und mit einem reinen Gewissen. Als Du in jene Verbindung getreten warst, nahmst Du Deinen Abschied, mußtest ihn nehmen. Seitdem ist Alles so unklar und unheimlich. Und unser Wohlstand: mir ist, Du stehstauf einer dünnen, dünnen Eisrinde, und unter Dir liegt der tiefe Abgrund.
Geliebteste, Freundin, Gattin, erwiederte er liebkosend, beruhige doch endlich Deine Seele über diesen Punkt. Wie wird sich Alles anders, und zu Deiner schönsten Zufriedenheit entwickeln. Jenen edlen Männern darf ich vertrauen, denn ich war ja Zeuge, daß sie Uebermenschliches vermögen und wissen. Wie viel haben sie mir schon anvertraut, wie Vieles vermag ich durch sie. Mit jeder Post kann es ankommen, das Größte, das Beste, was noch zurück ist, in jedem Reisenden kann der Ersehnte vom Wagen steigen, der mir Alles enthüllt, so daß keine Frage und kein Wunsch mehr übrig bleibt. Alle ihre Briefe deuten auch dahin.
Brauche ich Dir zu sagen, antwortete die Kranke, daß Alles, was Du bis jetzt errungen hast, Kunststücke sind, die nur darum den Menschen unbegreiflich und wundervoll erscheinen, weil die Wissenschaft sie noch nicht gefunden hat? Jeder Gelehrte kann sie zufällig entdecken, und diese donnernden Explosionen, die sich durch einen Wurf, ohne Spur entladen, werden dann vielleicht ein Spielwerk, mit dem sich die Kinder erschrecken. Und Deine Operationen, diese Blendwerke der Erscheinungen, diese Bilder, die Du zeigst, Deine künstliche, innerliche Sprache, die, wie aus der Ferne, wie die eines Fremden klingt, und womit Du so Viele entsetzest, und sie zu Deinen Zwecken führst; daß ich selbst auch als Geist auftreten muß, — o Alexander, wohin sind wir gekommen? Wie muß die Welt uns ansehn, wenn Alles einmal bekannt wird.
Liebste Frau, sagte Sangerheim beängstigt, Du hättest Recht, wenn wir nicht mit den Edelsten aller Menschen, mit den Uneigennützigsten, mit den Weisesten in Verbindung ständen. Daß sie das Beste wollen, daß ihre Pläne gut sindund zum Heil aller Menschen hinstreben, davon dürfen wir uns überzeugt halten, so seltsam auch ihre Wege, so krumm sie auch laufen mögen. Ihnen liegt es ob, dies zu verantworten, wenn sie im Unrecht seyn sollten. Ich muß erfüllen, was ich ihnen gelobt habe. Ich kenne die Täuschung, die ich mir erlaube, aber ich bin vom guten Zweck überzeugt. Und jenseit aller Täuschung sind wir ja im Besitz so manches wahren Wunders. Dein Gebet wirkt kräftig, das meinige stimmt Deinen Geist. Du siehst, Du sprichst mit abgeschiedenen Freunden, sie entdecken Dir Geheimnisse; Du siehst in weite Ferne und durch verschlossene Thüren. Dir ist, wenn Du fest willst, Nichts verborgen.
Die blasse, leidende Gestalt seufzte schwer. Ach, Liebster! klagte sie dann mit erlöschenden Tönen, daß ich auf diese Weise in Deinen weltlichen Absichten Dir habe helfen müssen, ist vielleicht die größte Sünde, die Dir der Himmel nicht anrechnen, und mir meine Schwäche und Nachgiebigkeit verzeihen möge. Die Liebe zu Dir hat mich weit geführt. Dieser künstliche Schlaf, dieser unnatürliche, den Du mir Anfangs erregtest, und der sich jetzt immer mehr von selbst einstellt, hat mir Gesundheit und alle Kräfte aufgezehrt. Oft weiß ich nicht mehr, ob ich noch bin, und kann mich auf meinen eignen Namen, oder auf Deine Gestalt nicht besinnen. Ja wohl ist dies eine Zauberei zu nennen, die den Menschen aus seinem eignen Innersten entrückt; aber eine verderbliche. So Vieles habe ich Dir entdecken müssen, hier und in jener Stadt. Mir ist, ich habe nicht allein die Kräfte meines Körpers, sondern auch Theile meiner Seele dabei zugesetzt. Wenn Du mich so auf eine Frage gewaltsam hinheftest, wenn ich im Schlafe sehen und finden muß, was Du verlangst, so dehnt es sich in meiner Brust, in meinem Kopf. Diese fließenden leichten Gewölke werdenimmer dünner und feiner, und mein Selbst, mein Sein weicht wie in eine schwindelnde Ferne hinweg, daß ich in einer entsetzlichen Angst nach ihm zurückblicke. Jenes fließende, fliehende Wesen, das ich selbst nicht mehr bin, faßt und sieht dann in meinen Körper, in Dich, in alle Wesen mit einem kalten Schauder hinein. Ich frage, ohne den Sinn zu wissen, und höre von Geistern die Antwort, und sage sie Dir im Schlaf, und Alles ist nur ein Echo. Oft, wenn ich dann wieder erwachen soll, greift das blasse, fließende und entflohene Wesen nach dem eigentlichen Ich mit Entsetzen zurück, und kann es nicht wieder finden. Nein, mein Ich ist manchmal fort; ich kann mich auf mich selbst nicht besinnen. Der Geist fürchtet, er könne vergehn, sich selbst vernichten. Nein, Liebster, wenn Du noch einiges Erbarmen mit mir hast, nicht mehr diese Experimente, versprich es mir.
Sangerheim gab ihr geängstigt stumm die Hand. Er wußte wohl, wie viel er ihren künstlich erregten Visionen zu danken hatte. Durch dieses Mittel hatte er damals für den Rath Seebach jenes Dokument gefunden. Er stand jetzt an einem furchtbaren Scheidewege seines Lebens. Denn ohne daß seine Gattin ihn so schmerzlich zu erinnern brauchte, war er selbst schon mehr wie einmal an sich und seinem Beginnen irre geworden. Er fing in manchen Stunden an zu zweifeln, ob denn der Zweck die Mittel heiligen könne. Eine Lehre, die ihm bis dahin als unerschütterlich erschienen war. Mit Angst wartete er auf Briefe und Aufschlüsse, die man ihm verheißen hatte, damit er den Trug könne fallen lassen, seinen Eingeweihten ein eigentliches Geheimniß sagen und erklären, und im Besitz wirklicher Wunderkraft, des Steines der Weisen und der Tinktur glücklich seyn. Er hatte nach seiner Ueberzeugung erfüllt, was er versprochen hatte, ja mehr ausgerichtet, als man erwarten konnte, aber die letztenBriefe, die er erhalten und die er sehnend erwartet, sprachen so zweideutig, erfüllten so wenig, was er forderte, und umgingen die Frage so behutsam, daß er sich mit allen Kräften der Hoffnung und des Vertrauens nur einigermaßen beruhigen und auf die nächsten Nachrichten vertrösten konnte.
In dieser Verstimmung seines Gemüthes faßte er die Hand der Kranken, und machte, ohne daß sie es bemerkte, die Striche, die den Schlaf herbei riefen. Sie entschlummerte mit einer Zuckung Augenblicks, indem sie nur noch wimmernd: nicht Wort gehalten! im halben Wachen ausstieß. —
Er fragte sie jetzt um die Zukunft. Der Busen der Kranken arbeitete schwer. Ach! Nichts! Nichts sehe ich, sagte sie, wie schluchzend in sonderbaren Tönen: da liege ich, weit, weit weg; nicht ich, — die Hülle. — Glanz, Licht, — aber ohne Schein. Es saugt mich hinauf. Meine Mutter nimmt mich, nicht meine Mutter, ihre Liebe, das ist mehr als sie. Wie rein ist ihr Herz. Das reinigt auch meinen Geist, mich. Mir wird so leicht, so wohl. Das, was ist, ist nicht eigentlich. Wir verstehn es unten nicht. Alles nur Schein, Hülse, der Tod. Das Sein ist anders: kann unten nicht gefaßt werden.
Sangerheim richtete durch Fragen ihre Gedanken anders. O weh! rief sie in einem scharfen Ton: — da ist Dunkel, Verwirrung, das Elend. O du Lügner, warum verkehrst du mit der Lüge so holdselig? Dein Herz bricht, dein Kopf zerspringt. — Nach jenem Dunkeln soll ich forschen, sehn? Mein Auge reicht nicht hin, mein Zittern verdämmert mir den Blick. Alles schwarz. Aber näher kommt’s. Grauen, Angst, kein Licht. Sie brüten selbst, sie suchen.Keine Liebe in ihnen. — Ja wohl ist es aus, aus für dieses Leben. Brief geschrieben, gesiegelt. Kann nicht — kann nicht lesen. Wär’ es gut, könnt’ ich’s; die Liebe könnte lesen, so bleibt’s finster. — Ach! — du, — du — auch fort, weggetragen, — willst mich nicht kennen, nicht hier kennen, wo Friede ist? Sehe dich gehen, höre deine Stimme, kann dein Gesicht nicht finden; wo die lieben Augen? — Alles weg!
Ach! so, so ist es gemeint? fing sie nach einer Pause wieder an; ja, ja, es wird ihm schwer gemacht. Er hieß Alexander. Gut war ich ihm, er war so lieb. Wird wieder, aber spät, spät, — ach! kann er glauben? Gott, du bist gnädig. — Laß ihn nicht zu sehr verfinstern. Jesus, vergieb ihm. — Nun ist es weg. Nun ist mir wohl. Nie werde ich mehr in die Tiefe des Irdischen schauen. Alle Tiefe vergeht; es wird Alles Ein Augenblick, Eine Gegenwart, Ein Lichtpunkt, und ich unsichtbar, mir selbst unfühlbar, in der Mitte des himmlischen Punktes. Nichts war, Alles ist und bleibt. Es zieht, es flieht nicht mehr, festes Bild wird es. — Nun reicht der Strahl aus mir nicht mehr zurück, er ist zu kurz, das Leben ist fern, weit und fern: besser so, — denn — nein — besser so — ach! kein Sehnen mehr, kein Schmerz mehr, — die Freude war schon lange todt.
Sie verstummte: er horchte, er wiederholte die Striche und verstärkte seine innere Aufmerksamkeit, aber die Entschlafene sprach nicht. Da sein Bemühen heut, was noch nie gewesen, vergeblich war, so strich er mit den Händen in entgegengesetzter Richtung, um sie wieder zu erwecken, aber eben so fruchtlos, sie erwachte nicht wieder, denn sie war gestorben.
Als er sich nach manchen vergeblichen Bemühungen, sie wieder ins Leben zu rufen, von der Wirklichkeit ihres Todesüberzeugen mußte, warf er sich verzweifelnd zu ihren Füßen nieder, und wüthete gegen sich selber. Wie er etwas mehr zur Besinnung gekommen war, rief er aus: ja, du, du Unglückseligster, hast die Aermste ermordet! Was ist mir alles Leben nun ohne sie? Ohne sie, für die ich mir Glanz und Wohlstand wünschte? Wie schaal und abgenutzt liegt jetzt mein ganzes Dasein vor mir, wie arm, was ich etwa noch erstreben kann. Und wie liebte sie, die Aermste, mich Unwürdigen! Als sie damals, wie ihre Krankheit zuerst sich verkündigte, von der langen Ohnmacht erwachte, war ihr erstes Lebenszeichen, daß ihr redlicher Blick mich gleich suchte. Sie hatte alles Andre vergessen, aber nicht, daß ich um sie bekümmert war. Sie hätte mir ja auf unsern Spaziergängen gern jeden rauhen Stein aus dem Wege geräumt. Und mein Dank für alle diese Hingebung? — Daß ich ihre Gesundheit durch diese magnetischen Künste vernichtete, daß ich ihren Geist verwirrte, daß ich muthwillig ihr liebendes Herz zerbrach. Nein es giebt keine größere Sünde, es giebt gar keine andre, als die der Mensch gegen die Liebe begeht. — Ach! Du Süßeste! wo ist jetzt Deine blühende Jugend? Wo sind die Rosenwangen, und das Grübchen des freundlichen Lächelns, mit dem ich Dich neckte, wenn wir im kleinen Garten Deiner Eltern zwischen den Rosenbüschen saßen? Wo sind nun alle die Träume der Liebe? Wo die Pläne, die wir für das Leben entwarfen? Diese blasse Hülle, die hagre Gestalt ist von all der Lust und Freude übrig geblieben, um mir zu sagen, wie armselig und kläglich das menschliche Leben sei, um mir zuzurufen, daß ich ein Bösewicht, ein Verworfner bin, der trotzig durch das Leben geht, und Dich, süße Blume, roh zertreten hat.
Er setzte sich wieder zum Leichnam nieder, faßte die dürre Hand, bedeckte sie mit Küssen, und weinte bitterlich.
Wort müssen, Wort werden sie mir halten, sagte er nach einer Weile zu sich selber; mein Elend wäre zu unermeßlich, wenn sich auch diese Hoffnung in Tod und Leiche verwandelte. Was bliebe mir? Die nackte, kahle Lüge, der verächtliche Betrug. Dem könnte, dem möchte ich nicht ferner leben. Ist denn sterben so schwer? Sie ist erloschen, wie die Kerze, wie der letzte still verborgne Funke in der Asche. Wenn ich verloren bin, so will ich kein Dasein erbetteln, und in Lumpen und dem Auskehricht des Lebens Kleinodien suchen, die ich wirklich besaß und wegschleuderte, als ich noch wie ein König glücklich war. Jenseit will ich sie dann wieder aufsuchen und das keck verachten, was Verachtung verdient. — —
Bei ihrem Begräbniß folgten die vertrautesten der Brüder. Er schien seine Fassung wieder errungen zu haben. In fester Stellung, mit edlem Schmerz stand er am Grabe der Geliebten und sah die theuern Ueberreste versenken. Freilich war es ihm oft, als wenn alles Leben nur ein Traum sei, oder ein Schauspiel, in welchem er mit Anstand seine Rolle zu Ende führen müsse.
Als er nach Hause kam, fand er folgenden Brief, den er hastig erbrach:
Die — — sind mit Euch, mein Freund, nichts weniger, als zufrieden, denn Ihr setzt ihr Geheimniß, ihren Ruf und ihre Ehre auf ein zu leichtsinniges Spiel. Das ist es nicht, was Ihr verheißen habt, und was man von Euch erwartete. Es hat sich erwiesen, daß der Rath — —, dessen Ihr so sicher zu seyn glaubtet, sich kalt zurückgezogen hat, daß Ihr jene Stadt meiden mußtet. Und wie lange werdet Ihr in der jetzigen Euer Spiel noch forttreiben können? Man verwundert sich, man forscht nach, und, was das schlimmste ist, man lacht. Wie schlecht seid Ihr dem Charlatan,dem Feliciano, gegenüber bestanden! Wer solche plumpe Angriffe nicht einmal zurück zu schlagen versteht, der ist zum Missionar verdorben. Auf die Anfragen, auf Eure Forderungen, kann ich nichts Bestimmtes erwiedern. Es heißt, die Loge wird verlegt werden: wenn es geschieht, so ist noch nicht entschieden, wohin. — —
Sangerheim knirschte. Mit Todesschweiß schrieb er schnell einige drängende, fordernde, beschwörende und beredte Briefe, um das Aeußerste und Letzte zu versuchen, denn seine Hoffnung, ein wahrer Magier zu werden, war nun fast schon verschwunden.
Wenn sie mich so um mein Leben betrogen hätten! rief er aus, büßen sollten sie es! — Doch nein, ich zittre vor mir selber: weiß ich ja doch, daß sie jeden Laut in der Ferne vernehmen, und daß sie jeden meiner Gedanken kennen. Drum muß ich, will ich alle meine Gefühle unterdrücken, und nur das Beste, Edelste von ihnen erwarten.
———
Im Hause des Geheimenrathes war Alles so ziemlich wieder zur Ordnung zurückgekehrt. Die Hochzeit der Tochter näherte sich, und Schmaling war im Bewußtsein seines Glückes in solcher Stimmung, daß er selbst die Namen Feliciano oder Sangerheim nur ungern nennen hörte. Er verdammte den Trieb, sich vom Wunderbaren und Geheimnißvollen anlocken zu lassen, so unbedingt, daß selbst Clara ihn tadelte, wenn er auf Geistergeschichten oder Erzählungen schalt, die durch ein gewisses Grauen die Aufmerksamkeit spannen, und die Phantasie in Thätigkeit setzen. Er wollte kein unschuldiges Spiel hierin mehr erkennen, sondern meinte, diese Anlage und Stimmung unseres Geistes sei durchaus verderblicher Natur, und könne nur zum Unheil führen, es sei daher die Pflichteines jeden Verständigen, diesen Trieb in sich völlig auszurotten.
Der Vater hatte unterdessen an seinen Sohn Anton geschrieben, um ihn zu bewegen, zu seiner Familie zurückzukehren. Nur Einiges hatte er ihm von jenen Geständnissen gemeldet, die der trunkene Magier gegen Schmaling halb unbewußt gethan hatte; er hatte ihn auf die Gefährlichkeit dieser Verbindung, auf seine bedenkliche Stellung zur Welt aufmerksam gemacht, er hatte ganz den Vater und die väterliche Autorität, so milde der Brief war, sprechen lassen, aber vergeblich. Der Sohn antwortete in einem scharfen, höhnenden Tone: wie sonderbar es sei, daß der Vater jetzt gegen Geheimnisse spreche und große Charaktere verfolge, da doch er, der Sohn, von Jugend auf so viel von diesen Geschichten in seiner Familie habe vernehmen müssen. Es sei ja bekannt genug, wie er selbst früher gegen alle leere Schwärmerei, Geistersucht und dergleichen gesprochen habe, er habe sich nie blenden lassen, und wenn er jetzt einer andern Ueberzeugung folge, so könne man ihm wohl zutrauen, daß er geprüft und untersucht habe, und nicht leichtsinnig einem unreifen Gelüste folge. Wenn Verleumder seinen großen Meister lästerten, so geschehe nur, was sich seit den ältesten Zeiten ereignet habe, daß der Pöbel die Wohlthäter der Menschen und die leuchtenden Genien verfolge. Was seinen Schwager Schmaling betreffe, so verachte er einen solchen Elenden zu tief, um irgend noch Worte über ihn zu verlieren. Sein Meister habe ihm diesen Lügner und dessen Verächtlichkeit hinlänglich geschildert. Er hoffe übrigens, in der Lage zu seyn und zu bleiben, daß er weder auf einen Theil des väterlichen Vermögens, noch auf irgend eine Unterstützung Ansprüche zu machen brauche, wünsche aber dagegen, daßman ihn nicht hofmeistere, als ein Kind behandle, das der Zurechtweisung noch bedürfe. Er werde in Zukunft, wenn er der Familie selbst zu Glanz und Ehre verhelfe, übrigens gern vergessen, daß er früher einmal von seinen allernächsten Verwandten so sei verkannt worden.
Der Vater, der Obrist und Alle erstaunten über die ungeheure Verblendung des Sohnes, vorzüglich, wenn sie seiner früheren Art gedachten.
Die Zeit war indessen herangekommen, in welcher Sangerheim versprochen hatte, durch Rückzahlung des letzten Capitals seine geheimnißvollen Papiere auszulösen. Geschah es nicht, so gehörten dem Rathe diese Mysterien, die von der höchsten Wichtigkeit seyn sollten, und von denen selbst das Leben Sangerheims, wie er geäußert hatte, abhinge. Der geheime Rath machte sich also mit jenen wichtigen, fest verschlossenen und vielfach seltsam versiegelten Dokumenten auf den Weg nach jener Stadt, in welcher der Magier seitdem seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Der Professor Ferner begleitete ihn. Sie reiseten in der Nacht, und wechselten vielfältige Gespräche, indem sie sich alter Zeiten und vieler Erfahrungen erinnerten. Der Professor sagte endlich: Sei der Mensch auch so ruhig und fest, wie er immer wolle, er hat eine Stimmung, einen Moment der Schwäche, wo ihn doch Dasjenige wiederum ergreifen und beherrschen kann, was er längst abgeschüttelt zu haben glaubt. Und so ist es mit Zeiten und Völkern auch. Wer kann unterscheiden oder bestimmt verneinen, ob es nicht physische Krankheit sey? Ob es oft nicht in der Luft liege, und wie jede Seuche anstecke? Es scheint zu Zeiten unmöglich, sich gegen den Einfluß der Thorheit zu schützen, so wie wenn der Körper erst durch Mangel an Diät oder Zufälligkeiten so gestimmt ist, man der Erkältungdurchaus nicht ausweichen kann, verwahre man sich auch, wie man will. Jetzt ist es mir völlig unbegreiflich, wie ich mein geliebtes Kind jenem Wunderthäter hingeben konnte, es erscheint mir jetzt als ein völliger Wahnsinn, als gottlose Sünde; und doch pries ich mein Geschick (und seitdem sind nicht viele Monde verflossen), daß jener große Mann den Knaben würdigen wollte, ihn in die Schule und sich seiner anzunehmen. Ist aber unsre Schwäche so groß, oder ist es zuweilen ein Fatum, das uns ergreift, eine unausweichliche Nothwendigkeit, so sollten wir wohl im Leben gegen unsre Nächsten, oder in der Geschichte gegen merkwürdige Verirrungen billiger und nachsichtiger seyn, als wir uns bewußt sind, diese Nachsicht auszuüben.
Es muß sich austoben, erwiederte der Rath; das ist ein Ausdruck, den ich mir seit einiger Zeit angewöhnt habe. Das ist der einzige trostlose Trost, den ich mir in Ansehung meines Sohnes geben kann, den ich für verloren achten muß. — —
Sangerheim war indessen in einer Stimmung und Gemüthsverfassung, die sich schwerlich darstellen läßt. Auf seine vielen und dringenden Schreiben hatte er noch einmal eine kurze Antwort von einem Manne erhalten, der sich früher seinen Freund nannte, und der ihm jetzt meldete, dies sei der letzte Brief, den er ihm senden könne, indem er eben in den Wagen steige, um nach Italien, und von dort nach Griechenland und Constantinopel zu reisen. Von Geldsendungen war keine Rede, und doch hatte Sangerheim auf diese, und zwar auf sehr bedeutende, gerechnet. Er meinte, er dürfe es, nach allen früheren Betheuerungen und Versprechungen. Er war von Schulden bedrängt; um glänzend aufzutreten, hatte er Alles wieder ausgegeben, was ihm vonFreunden und Schülern zugeflossen war. Um sein Ansehn zu vergrößern, und sich mehr Zutrauen zu erwerben, war er in der Wohlthätigkeit ein Verschwender gewesen. Er schrieb noch einmal, und zwar unmittelbar an einen Mann, den er für einen jener Obern halten mußte, aber indem er in Angst die Sekunden auf seiner Uhr zählte, und der Antwort Flügel wünschte, kam sein eigner Brief ihm zurück, mit der Anweisung vom Postamt, kein Mann von dem Namen sei in der Stadt zu finden.
Nun sah er, daß man ihn völlig verlassen, daß man ihn ausgestoßen hatte. Es wurde ihm hell in allen Sinnen, daß er gebraucht sei, eine Büberei auszuführen, und daß man jetzt diese nothgedrungen aufgegeben habe, oder ihn wenigstens für unpassend halte, sie zu vollbringen. Er war bis dahin überzeugt gewesen, wenn er auch die Pläne seiner Obern nicht ganz durchschaute, daß er etwas Gutes und Edles wirke, wenn auch durch Mittel, die sich nicht vor der strengen Moral rechtfertigen ließen. Ihm war ein brennender Haß gegen die sogenannte Aufklärung, gegen jenen Indifferentismus, der seine Zeit charakterisirte, beigebracht worden. Er hielt es für nothwendig, daß jene Freimaurer, die sich der Rosenkreuzerei, dem Goldmachen und Geisterrufen widersetzten, als Schädliche und Verderbliche ausgerottet werden müßten, weil sie hauptsächlich durch ihren Einfluß und ihre Logen jene lebentödtende Aufklärung verbreiteten. Er glaubte wohl, daß ein Werben für die katholische Kirche auch eine Aufgabe seiner Sendung sei, unterzog sich aber auch diesem gern, weil er in dieser Lehre auferzogen war, und sie, ohne sie zu prüfen, oder die protestantische zu kennen, für die bessere hielt. Mit seinem Wunderglauben und seiner Schwärmerei hatte er sich eine eigneLehre ausgebildet, die der orthodoxe Katholik gewiß nicht gebilligt hätte. So hin und her geworfen von Leidenschaften und chimärischen Hoffnungen, wähnend, ganz nahe an die Erfüllungen seiner höchsten Wünsche zu reichen, durch sophistische Ausreden über sein trügendes Thun beruhigt, sich als Lügner kennend, und sich dennoch für einen wahren Wunderthäter haltend, seine Gattin liebend, und sie doch seinen verdächtigen Zwecken aufopfernd, war er in allen diesen tollen Widersprüchen fast in ein gespenstisches Wesen verwandelt worden, das ohne innern Halt jeden Tag nur so hingaukelte, von Neuem täuschte und getäuscht wurde, und nie zur Besinnung kam. Jetzt fielen alle diese Larven von ihm ab, er lernte sich selbst erst kennen, und entsetzte sich vor dem Auge der Wahrheit und seiner eignen Nacktheit.
So bin ich denn, sagte er zu sich selbst, zugleich der Unglückseligste und Verworfenste aller Menschen. Der Inhalt meines Lebens ist ein Possenspiel, über das man lachen möchte, und zugleich so tragisch und entsetzlich, daß sich mir die Haare aufrichten. Wie können jene Menschen, die sich gut und weise nennen, es irgend mit ihrem Herzen ausgleichen, daß sie mich geschlachtet, und mir Geist und Leib zu Grunde gerichtet haben. So einsam, so ganz zernichtet war noch nie ein Mensch. Die Freunde, Beschützer, Mächtigen, auf die ich mich so sicher mit meinem ganzen Glücke lehnte, sind gar nicht da in aller weiten Welt, nirgend zu erfragen, wie Traumgestalten, wie Wolken verschwunden. Jeder Mensch, dem ich meine Noth klagen wollte, müßte es für wahnwitzige Lüge halten. — Ach Theodora! wie Recht hattest du. Warum vernahm ich denn deine Bitten und Warnungen nicht? Auch sie ist zertreten worden, so wie ich. O wenn sie noch da wäre, wie gern würde ich mit ihr als Tagelöhner, als Bettlerleben. Und Nichts bleibt mir; nicht die elendeste Hülfe, nicht der kümmerlichste Trost.
Er sann hin und her, was er beginnen könne, aber jede Aussicht war verschlossen. Sein Trug mußte entdeckt werden, dem Manche schon auf die Spur gekommen waren. Die prophetische Gabe seiner unglücklichen Gattin konnte ihm auch Nichts mehr fruchten, um seine künstlichen Lügen mit halber Wahrheit oder seltsamen Entdeckungen zu unterstützen. Er dachte wohl daran, ob er nicht einige von Denen um Hülfe ansprechen sollte, denen er, als ihm große Summen zu Gebote standen, reichlich geholfen hatte, aber er verwarf diesen Gedanken sogleich als unstatthaft, weil er einsah, daß Dieselben, die ihn in der Noth als ein göttliches Wesen behandelt hatten, ihm jetzt kalt den Rücken kehren würden. Und so, dachte er, habe ich von meinem verlornen Leben nicht einmal den Nutzen, den jeder Dieb genießt, bevor er zum Galgen geführt wird, daß er Geld und Gut besitzt, oder mit seinen Spießgesellen schwelgt, und Wein und Wollust ihn übersättigen.
Er fiel darauf, sich dem geheimen Rath ganz zu entdecken. Dachte er aber an das Auge des ernsten Mannes, und wie viel er von ihm gezogen hatte, so verwarf er auch diesen Gedanken. Nein, rief er, die Ehre verbietet mir diese schmähliche Auskunft, die mich zu sehr erniedrigen würde.
Sonderbar, daß in der Verzweiflung und tiefsten Selbstverachtung die Menschen noch von diesem Phantom regiert werden können, das nur Wesenheit erhält, wenn der Edle, Tugendhafte sich von Rücksichten lenken läßt, um die gute Meinung seiner Zeitgenossen, sei es auch im Vorurtheil, zu erhalten. Der Lügner will aber oft mit den abscheulichstenLügen die Erde lieber verlassen, als durch eine Handlung der Tugend, seine erste vielleicht, indem er die Wahrheit bekennt, vor der Menge beschämt werden. Diese Ehre hielt ihn von dem edlen, mitleidigen Manne zurück, und stellte sich zwischen ihn und diesen wie eine Mauer.
Denn mit den besten Gesinnungen für den Unglücklichen langte der alte Seebach an. Er kannte zwar Sangerheims Verbindungen nicht, und wußte eben sowenig, wie diese jetzt so ganz von ihm abgefallen waren, aber er war der Ueberzeugung, daß Sangerheim sein Versprechen nicht halten könne, und er war darauf gefaßt, die große Summe schwinden zu lassen, ohne ihm seine Schriften zurückzuhalten, oder ihn öffentlich zu beschimpfen, wozu der Magier ihm ein Recht gegeben hatte, wenn er seinem Worte untreu würde. Wie erstaunte daher der Rath, als ihm Sangerheim mit großem Vertrauen und fester Sicherheit entgegentrat, und auf übermorgen mit leichtem Sinn die Auslösung der Schriften verhieß. Er war selbst heiter, obgleich er mit Schmerz von dem Tode seiner geliebten Gattin sprach. Dies Betragen war so, daß der Rath selbst wieder unsicher wurde, und dem schönen großen Manne gegenüber sich im Stillen Vorwürfe machte, daß er ihm so sehr Unrecht gethan habe.
Der Tag ging hin unter Besuchen und Zerstreuungen. Der Arzt Huber, dieser fanatische Anhänger Sangerheims, erzählte viel von seinen Hoffnungen, deren Erfüllung er in kurzer Zeit zu erleben gedachte.
Am andern Morgen machte der Rath mit dem Arzte, Sangerheim, Ferner und noch einigen Vertrauten einen Spaziergang. Als sie die Stadt im Rücken hatten, entspann sich in der Kühlung des schönen Morgens ein sonderbares Gespräch. Sangerheim sprach von der Flüchtigkeit desLebens, das, gegen die unerschöpflichen Tiefen der Kunst und Wissenschaft gehalten, viel zu kurz sei.
Sie gingen einem Bach vorüber. Alle diese Wellen, sagte Sangerheim, gelangen in den Ocean, der dadurch nicht voller wird. Ist es nicht eben so mit unsern Seelen? Der Tod entführt sie — wohin? Zu Gott, der keinen Mangel kennt, und durch sie nicht größer wird.
In der Einsamkeit sagte er endlich: Nur zu sehr hatte jener Feliciano Recht, daß ich schwere Kämpfe mit den Geistern, die nur ungern gehorchen, würde zu bestehn haben. Sie wollen es nicht dulden, daß ein Sterblicher so große Gewalt über sie erringe. In jeder Minute muß ich wachsam seyn. Verabsäume ich gewisse Gebete, könnte ich diese oder jene unerläßlichen Vorkehrungen vergessen, so wäre mein Leben Augenblicks in Gefahr. Von wie vielen ausgezeichneten Männern, die das Reich der Geister sich unterwürfig gemacht, wissen wir es nicht, daß sie eines unnatürlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sind. Oft war es auch die Veranstaltung dieser rebellischen Geister, daß die weltliche Macht sich eines dieser Männer als eines solchen bemächtigte, der mit der Hölle im Bunde stehe, und ihn nach dieser falschen Beschuldigung auf den Scheiterhaufen setzte.
Hin und her wurde über diese Behauptung gestritten. Plötzlich rief Sangerheim: Still! meine Freunde. — Er blieb stehn, als wenn er auf Etwas horchte, dann nickte er, schüttelte mit dem Kopfe, murmelte einige Worte, und machte wieder die Geberde, als wenn er gespannt einer Rede zuhöre. Nach einer Weile sagte er: Warten Sie hier einen Augenblick. Wovon ich eben sprach, hat leider stattgefunden. Eine Kleinigkeit habe ich heute beim Aufstehn unterlassen, das Zeichen vor meinem Bette und an der Thür meinesSchlafzimmers ist nicht in rechter Weise aufgelöset worden, nun jagen mir die Ungestümen nach und wagen es, zu drohen. Warten Sie hier einen Augenblick, dort in der Einsamkeit werde ich sie schon zu zwingen wissen, sie sollen zitternd ihren Meister erkennen, und mir nicht zum zweiten Male drohen.
Er entfernte sich mit triumphirender Miene und in stolzer Zuversicht. Als er hinter den Gebüschen verschwunden war, hörte man Zank und Streit von vielen verschiedenen Stimmen, und Sangerheims donnernden Ton abwechselnd dazwischen, dann einen Knall, wie einen Schuß. Hierauf Stille.
Alle sahen sich erwartend an. Der Rath ging ahndungsvoll zuerst nach dem Platz. Der Unglückliche lag todt am Boden, das Pistol neben ihm.
Die Geister haben ihn ermordet! schrie der Arzt heftig: o die Elenden, Schändlichen! O Liebster, so bist Du denn doch das Opfer Deines Enthusiasmus, Deines brennenden Eifers für die Wissenschaft geworden!
Der Rath sagte kein Wort; jedes schien ihm überflüssig. — Man machte in der Stadt eine Anzeige von diesem Vorfall, und am folgenden Tage ward der Leichnam beerdigt.
Seltsam genug, daß manche der aufgeklärten Freimaurer, die von diesem Sangerheim so schlimm waren verfolgt worden, jetzt auch die Meinung aussprachen, er sei von seinen Geistern, die aber bösartige wären, zur Strafe aller seiner Frevel vernichtet worden. —
Am andern Tage versammelte der geheime Rath die vertrautesten Freunde des Abgeschiedenen in seiner Wohnung. Man lösete langsam und bedächtig die Siegel des geheimnißreichen Paketes, eine Scheide nach der andern, und wickelteeinen Umschlag aus dem andern. Jener Knall, der schon einmal den Rath erschreckt hatte, ließ sich wieder hören. Keiner von Allen war in solcher Spannung, als der Arzt Huber. Endlich war Nichts mehr aufzuknüpfen und kein Petschaft mehr aufzubrechen, und offen lag vor Aller Augen der Inhalt. — Eine alte französische Grammatik, drei alte Kalender, viel Makulatur.
Die Erbschaft eines Wunderthäters, sagte der Rath kalt. Erst jetzt verachtete er den Magier völlig. Nein! rief Huber in großem Eifer; die boshaften Geister haben auch seine wichtigen Geheimnisse scheinbar verwandelt, um unser Aller Augen auf eine Zeitlang zu blenden. Wenn wir uns nicht thören lassen, so müssen bald die ächten Skripturen an die Stelle dieser Makulatur zurückkehren. Und so bemächtige ich mich, im Namen der Kunst, dieser unscheinbaren Papiere, um sie vom Untergange zu retten. Kann auch seyn, daß im Bande, zwischen den Blättern, oder in Punkten und unterstrichenen Buchstaben das Mysterium niedergelegt ist. Ich werde wenigstens Tag und Nacht studiren.
Man ließ ihn gewähren und würdigte ihn keiner Antwort. —
———
Das Schicksal Sangerheims war beschlossen, und die meisten seiner ehemaligen Bewunderer gaben ihre Bestrebungen auf, retteten Geld und Zeit und kehrten zu besseren Beschäftigungen zurück. Nur Huber saß unermüdet bei seinen Makulaturen, den alten Kalendern und seiner französischen Grammatik, suchte und rechnete, und glaubte, nachdem er lange studirt hatte, auch viel Wichtiges gefunden zu haben.
Schmaling und Clara waren verheirathet. Ihr Glückward durch gute und gesunde Kinder erhöht und man konnte die Familie des Rathes eine glückliche nennen, wenn nicht Anton in ihr gefehlt hätte, von dem man seit Jahren gar keine Nachricht hatte. Auch Feliciano, nachdem er lange an verschiedenen Orten in Europa mit mehr oder minder Glück seine Rolle gespielt hatte, war endlich, da Keiner mehr, auch der erst Verblendete nicht, an seinem Betruge zweifelte, nach manchen Abentheuern untergegangen.
Die Gattin des Rathes pflegte ihre Enkel, und Clara, die jetzt Nichts mehr zu bekämpfen hatte, durfte mit Sicherheit ihren Charakter, so wie die Anlagen ihres Geistes ausbilden. Sie fürchtete nun nicht mehr die Bilder der Phantasie, die poetischen Mährchen, oder das Geheimnißvolle in dieser oder jener Dichtung, weil es ihr nicht mehr feindlich gegenüber stand, und sie über den Charakter ihres liebenswürdigen Gatten beruhigt war. Dieser, einmal enttäuscht, fühlte niemals die Versuchung wieder, sich in jenes Labyrinth zu begeben, dessen Irrgänge er hatte kennen lernen, und denen er so glücklich entflohen war.
So waren im ruhigen Glücke mehr als zwölf Jahre verflossen, als sich an einem Morgen früh beim geheimen Rathe ein Fremder anmelden ließ, der darauf bestand, den Herrn selbst zu sprechen, und sich vom Diener nicht wollte abweisen lassen. Die Thüre des Arbeitszimmers ward ihm endlich geöffnet, und es trat ein Mann von mittlerem Alter hinein, verwildert, ohne Haltung und Betragen, der, als ihn der Rath fragte, was er begehre, nur kurz antwortete: Und Sie kennen mich wirklich nicht mehr? Eine Ahndung ergriff den Vater: Sie sind doch nicht — Du bist doch nicht Anton? — Er schwankte und der unkenntlich gewordene Sohn fing ihn in seinen Armen auf. Sie umfingen sich zärtlichund gerührt, dann setzten sich Beide, um sich von ihrer Erschütterung zu erholen.
Bist Du wieder da? fing der Vater nach einer Weile an; aber es ist Dir, wie es scheint, nicht gut ergangen.
Ja, lieber Vater, sagte Anton, Ihr Kind, wenn Sie es noch dafür erkennen wollen, tritt fast wie der verlorne Sohn in sein väterliches Haus wieder ein. Mein Schicksal ist ein elendes, mein Leben ein verlornes. Wenn Sie mich verstoßen, so bin ich aller Schmach wieder dahin gegeben, dem kläglichsten Jammer, dem ich freilich gern entfliehn möchte.
Wenn ich Dich Sohn, Anton nenne, sagte der Vater, so heißt das, daß Du mir eben das seyn wirst, was Du mir ehemals warst. Du hattest Dich verblenden lassen, und ich wenigstens kann Dir kein strenger Richter seyn.
Wohl war ich verblendet, erwiederte Anton, und wie sehr! so, daß ich noch jetzt immer vor diesem Zustande meiner Seele zurück schaudre. Das gemeinste Kunststück, die elendeste Kundschafterei hatte damals den Charlatan in den Besitz meines Geheimnisses gesetzt, das ich vor Ihnen und vor allen meinen Freunden sorgsam verborgen hielt. Ich gestand mir meine eigne Schlechtigkeit nicht, und hoffte, thöricht genug, Alles solle sich wieder zurecht finden und ohne Spur vorüber gehn. Denn der Gedanke war mir fürchterlich, Ihnen oder gar meiner Mutter eine solche Schwiegertochter vorzuführen, in der Stadt alle meine Verbindungen zu zerstören, und durch diese auffallende That mir selbst jeden Vorschritt im bürgerlichen Leben unmöglich zu machen. Wie jener Feliciano nun mein Gemüth so durch eine plötzliche Erschütterung, durch ein scheinbares Wunderin seine Gewalt bekommen hatte, war ich ihm unbedingt und leibeigen angehörig. Er war mir kein Sterblicher mehr, und dieselben Künste und Studien, die ich noch kürzlich verlacht hatte, schienen mir jetzt die einzigen würdigen. Ich wollte mein Leben an ihre Erforschung setzen. Auch bildete ich mir ein, der Lieblingsschüler meines großen Meisters zu seyn, der mich verachtete, weil mein hartes einfaches Wesen für seine Absichten unbrauchbar erschien. — Welche Gaukeleien er hier trieb, wie sich selbst meine verständige Mutter eine Zeitlang von ihm bethören ließ, von allen diesen Dingen sind Sie selbst Zeuge gewesen. Aber wie wundersam vielgestaltig ist die menschliche Natur. So unbegreiflich, und doch wieder so verständlich. Meine Gattin, dieses schlichte Bauernmädchen, dieses ehrliche Wesen, dem früher meine Liebe das Höchste, ja das einzige Gut des Lebens gewesen war, ward bald ein Liebling meines großen Lehrers. Er behauptete, sie sei von der Natur ganz eigen begabt, um der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig zu werden, sie würde in den weiblichen Logen bald die höchsten Grade ersteigen, und dann ebenso wie seine eigne Gattin, das Mysterium finden, Jahrhunderte zu überleben, und mit Geistern und Abgeschiedenen Gemeinschaft zu haben. Ich glaubte Alles und erwartete von jeder Woche, dann von jedem Monat, ebenfalls ein Eingeweihter zu werden. Mein Lehrer spielte indessen dort im Norden eine wichtige Rolle und ein großes Spiel. Gold und Juwelen, die größten Summen, schienen ihm, wie er damit umging, nur Tand. Was verhieß er mir, welche Aussichten eröffnete er meinen trunkenen Hoffnungen. Aber auch Opfer begehrte er von mir. Um mich zur Weihe vorzubereiten, mußte ich die Gesellschaft meiner Gattin vermeiden, fasten, jede weltliche Lust und Zerstreuung fliehen. Meine Frau, die mirschon im Wissen vorgeschritten war, drang jetzt darauf, damit sie kein Hinderniß mehr fände, sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen und selbst eine Unsterbliche zu werden, ich sollte einwilligen, daß wir durch die Gerichte förmlich wieder getrennt und geschieden würden. Man hatte meine Phantasie so erhitzt, ich erwartete selbst so wundersame Dinge zu erfahren, sie strebte so eifrig nach dem höchsten Grade, daß ich mich endlich überreden ließ, ja daß ich endlich die Nothwendigkeit dieser Scheidung selber einsahe. Bald darauf war sie verschwunden. Der Meister erklärte sich nicht, sondern sprach nur in geheimnißvollen Winken, und gab zu verstehen, daß sie in diesen Augenblicken eines großen Glückes genösse. Meine Einweihung zu den höheren Graden lehrte mich aber nichts Neues, und ohnerachtet meiner blinden Ergebenheit und meines Aberglaubens fing ich doch an, ungeduldig zu werden. Man beschwichtigte mich wieder. Eine Thorheit löste die andere ab und so verging die Zeit.
Wir mußten uns endlich schnell entfernen, und unsere Abreise glich fast einer Flucht. Der Magier sagte mir zwar, daß große Begebenheiten und Operationen, die sich nicht länger aufschieben ließen, ihn nach einem fernen Lande riefen, indessen sah ich doch die Angst des Meisters, ich bemerkte, wie seine wichtigsten Anhänger sich von ihm entfernten, und die Binde fiel allgemach von meinen Augen nieder. Da ich aufmerksam geworden war und ihn nicht mehr so, wie bisher fürchtete, konnte ich ihn auch beobachten. Auf unsrer übereilten Reise gab er mir Bücher und Papiere, auch viele offene Briefe, die, wie er mir sagte, keinen Werth hätten, und die ich gelegentlich verbrennen könne. Für mich waren diese aber sehr bedeutend, denn da ich, indem ichvorangeschickt wurde, um sein Quartier zu machen, nur einen flüchtigen Blick in einige Blätter gethan, sah ich wohl, daß der Weiseste der Menschen in Angst und Uebereilung einen dummen Streich gemacht hatte. Er dachte nicht daran, die Sachen zu vernichten, und Zeit mangelte ihm, sie anzusehn. Viele Briefe enthielten die Geschichte meiner Frau. Sie war einem reichen Fürsten geradezu verkauft worden. Sie hatte um die ganze Verhandlung gewußt und sich mit der größten Feinheit und List betragen, und zwar so sehr, daß sie den bethörten Fürsten vermocht hatte, sie zu seiner Gemahlin zu erheben. Dieser aber, so wie sie, hatten dem Magier dafür, daß er mich zur Scheidung bewogen und daß er den Fürsten ebenfalls verblendet hatte, große Summen zahlen müssen. So war sie denn, was die Welt so nennt, glücklich geworden. Gegen mich hatte sie sich schlecht betragen, indessen verzieh ich ihr, da ich früher gegen sie nicht besser gewesen war, und ich empfand einen tiefen Schmerz und Reue, indem ich die Veranlassung gewesen, daß ein schlichtes einfaches Wesen so die Talente zu List und Betrug zur Verderbniß ihrer Seele entwickelt hatte. Denn aus den Briefen ging hervor, daß sie und der Graf sich völlig verstanden, daß sie mit ihm über die Einfalt der Menschen, vorzüglich über die meinige, lachte.
Als ich mit meinem großen Beschützer an Ort und Stelle gelangt war, blieb ich noch eine Zeitlang in seiner Nähe, um seine Künste zu beobachten, zu denen er mich oft gebrauchte. Ich lebte im Ueberfluß, aber ich kam mir vor, als sei ich der Croupier eines falschen Spielers.
Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich schrieb ihm Alles, was ich von ihm wußte und dachte, und verließ ihn.Und gut, daß ich es gethan, denn sonst wäre ich mit in jene Prozesse verwickelt worden, die sich bald gegen ihn erhoben. Ich war nun frei, aber auch Nichts als frei, das heißt, der armseligste Sclave, der Tyrannei eines jeden Augenblicks Preis gegeben, vom Mangel und den Bedürfnissen der Natur gemißhandelt. Mich Ihnen zu nähern, zurückzukehren, verbot mir eine mächtige Scham, wohl eine falsche, denn Nichts wird so sehr mißverstanden, als das Wort und der Begriff Ehre. Bald war ich Schreiber, bald Aufseher in einem Hause, einigemal Comödiant, auch versuchte ich mich als Schriftsteller. Ich konnte mich nie ganz fallen lassen und zu jener naiven Niederträchtigkeit hinunter steigen, die ich an andern meines Gelichters wahrnahm. Endlich nun, an mir und allen Menschen verzweifelnd, thu’ ich den Schritt, den ich vor manchem Jahre hätte wagen sollen.
Der Vater tröstete, beruhigte den Sohn. Er ließ ihm Kleider und Wäsche holen, damit die Mutter nicht zu sehr erschreckt würde, wenn sie ihn in dieser Gestalt wieder sehn sollte. Freude und Trauer war über seine Rückkehr zugleich in der Familie, indessen fand man sich nach und nach wieder zurecht und in einander und Anton zog auf das väterliche Gut hinaus. Hier arbeitete er redlich mit dem Verwalter, lernte die Landwirthschaft kennen und konnte nach einigen Jahren selber die Bewirthschaftung desselben übernehmen. Er gewann die Liebe eines reichen Fräuleins, mit der er als nützlicher Landmann glücklich lebte.
Ferner hatte indessen von seinem verlorenen Sohne nie wieder Etwas erfahren, so sehr er sich auch bemüht und nach allen Gegenden geschrieben hatte. Er war verschollenund der Vater glaubte, er sei gestorben. Der Gelehrte mußte in Familienangelegenheiten eine Reise nach dem südlichen Deutschland unternehmen. In einer mäßigen Stadt zeigte ein Italiener, ein Taschenspieler, seine Künste. Der Professor war sonst kein Freund dieser Gaukeleien, indessen ist auch der strenge Mann in der Fremde leichteren Sinnes, als zu Hause, und da man von dem jungen Mann als einem wahren Wunderthäter sprach, der Dinge zeige, die selbst andre Spieler nicht begreifen könnten, so ging Ferner mit einer Gesellschaft, neugierig gemacht, nach dem Saale. Was der junge Künstler ausführte, war in der That bewunderungswürdig, besonders durch die leichte Sicherheit, mit der er das Schwierigste scherzend zu Stande brachte. Indem der Professor die schönen leichtfertigen Hände des Spielers betrachtete, fiel ihm ein kleines braunes Mal am rechten Zeigefinger auf, er ward aufmerksamer, betrachtete das Gesicht und forschte in den Augen, und glaubte endlich überzeugt seyn zu können, dieser Taschenspieler sei sein verlorener Sohn. Sein Herz war bewegt, und er konnte an den vielen wunderbaren Erscheinungen keinen Antheil mehr nehmen.
Als das Schauspiel vorüber war, und sich die Zuschauer vergnügt und befriedigt entfernten, blieb er, unbeobachtet, allein im Saale zurück. Als dieser ganz leer war, redete er den fremden Künstler italienisch an, um seine Frage vorzubereiten, dieser aber antwortete gleich deutsch, und warf sich dem Vater in die Arme.
Nach einigen Reden, in welchen der Vater die Verlornen Jahre des Sohnes beklagte, sagte dieser: Liebster Vater, ich erkannte Sie sogleich, als Sie in den Saal traten, und alsbald nahm ich mir auch vor, mich Ihnen zu erkennenzu geben, ob ich gleich bis jetzt gezögert habe, an Sie zu schreiben, und mich Ihnen wieder zu nähern. Schelten Sie mein Handwerk nicht, denn es nährt seinen Mann. Sie sehn auch, daß ich mich Professor schreibe. Zwar habe ich Ihren geehrten Namen nicht beibehalten wollen, sondern spiegle dem Volke vor, ich sei ein Italiener. Glauben Sie nur, was ich jetzt treibe, ist ehrsam und achtenswürdig gegen das, was ich bei jenem berühmten Grafen spielen mußte. Es ist Gnade des Himmels, daß ich kein Bösewicht geworden, und noch so mit einem blauen Auge davon gekommen bin. In der Hinsicht habe ich bei meinem Wunderthäter meine Zeit nicht ganz verloren, indem ich ihm sehr scharf auf die Hände gesehn habe. Ich habe Vieles von ihm gelernt, und so zeige ich unschuldig für Geld so Manches, was er zu schlimmen Absichten und Betrug gebrauchte. Ich unterhalte die Menschen, er plünderte sie, indem er sie zugleich wahnsinnig machte. — Ich verspreche Ihnen, nie nach Ihrer Stadt zu kommen, aber besuchen Sie mich, wenn ich einmal in Ihrer Nähe bin. Schreiben wir uns, Liebster, damit wir in Verbindung bleiben.
Diese Abrede wurde genommen und man führte sie aus. Der Vater war über seinen Sohn beruhigt, und dieser gewann durch die Leichtigkeit seiner Hand ein ziemliches Vermögen. —
In Seebachs Hause wäre Alles glücklich und heiter gewesen, wenn der neunzigjährige Obrist nicht Clara, die Mutter und Schmaling neuerdings geängstigt hätte. Gegen ihn, der schwach wurde, ließ sich der Rath am meisten gehn, und so war der Greis der Vertraute von so manchem kleinen Geheimniß, das den Uebrigen verschwiegen wurde. Diesenerzählte der Obrist in vertrauten Stunden, daß sein Schwiegersohn sich wiederum in eine Correspondenz eingelassen habe, die ihm gar nicht gefallen wolle. Der Ton dieser Briefe sei sehr fromm und mysteriös: Anfangs habe der Rath Alles von sich gewiesen, dann habe er nach und nach Interesse gefaßt, sei gläubiger geworden, und hoffe nun doch noch von ehrbaren Männern, die sich ihm in jedem Briefe näherten und bestimmter bezeichneten, etwas Großes zu erfahren. Und so ist es merkwürdig, schloß der Alte seinen Bericht, daß eine bestimmte Leidenschaft zwar schlafen, aber bei den meisten Menschen nie ganz vertilgt werden kann.
Diese Briefe kamen aus dem südlichen Deutschland und sprachen von Geheimnissen, die nicht entweiht werden dürften, die sich aber doch wohl allgemach geprüften Männern mittheilen ließen. Der Rath war unvermerkt in eine gläubige Stimmung gekommen, und war in seinen Antworten auf Manches näher eingegangen, was jene Unbekannten erwähnten. So hatte er sein Abentheuer mit Sangerheim und seine Beobachtungen und Erfahrungen über ihn mitgetheilt, auch alle seine Zweifel und was ihm dunkel geblieben. Auf diese Punkte antwortete der neueste Brief.
Geliebter Bruder in dem Herrn!
Was Sie uns von jenem verlorenen Bruder Sangerheim melden, war uns nicht neu. Allerdings stand der Unglückliche mit uns in Verbindung, ihm wurde, als einem hoffnungsvollen Lehrlinge, Einiges mitgetheilt. Als er von uns schied, bemächtigten sich andre Menschen seiner, die in weltlichen Planen handthieren und das himmlische Kleinod entweihen. Er verrieth uns diesen, so viel er es vermochte,und hat sich so selbst sein tragisches Schicksal bereitet, da er der Lüge und dem Betruge anheim gefallen war. Auch jene Weltlichen sahen seinen Sturz gern und entzogen sich ihm, weil sie fürchten mußten, daß er sie ebenfalls verrathen könne. Kommen wir uns näher, so wird Ihnen, Geehrter, Nichts dunkel bleiben und größere Dinge werden sich Ihnen erschließen. Zwar sind Sie nicht für unsre Kirche, aber doch nicht unbedingt gegen sie, und wir gehn Ihnen mit dem größten Vertrauen entgegen. Kommt Jemand zu Ihnen, der Ihnen das Wort Emanuel sendet, so nehmen Sie ihn auf, als von uns. Er wird das erste Kleinod Ihren treuen Händen übergeben. —
Der Rath war in großer Spannung. Nach zehn Tagen etwa trat der Diener ein und meldete, ein sonderbarer Fremder stehe draußen und sage, er möge nur Emanuel sprechen. Der Rath ließ den alten Mann ein, der feierlich die Thür verschloß und dann ein seltsames Gespräch begann. Der Rath fühlte sich erbaut und gestärkt, in diesen Gesichtspunkt waren ihm manche Gedanken von Wunderfähigkeit, Glauben und einer einzigen herrschenden Kirche noch niemals gerückt worden. Beim Abschied nahm der Fremde ein Paket aus dem Busen, küßte es mit Salbung und überreichte es demüthig und feierlich dem Rathe, indem er sagte: Geliebter Bruder, dieses ist das erste Pfand der hohen, den gewöhnlichen Menschen unsichtbaren Gesellschaft. Achten Sie noch die Siegel und erbrechen Sie sie nur in geweihter Stunde nach Mitternacht. Doch thun Sie gut, sich durch Gebet vorzubereiten. Zwar wird Ihnen das Geheimniß des Kleinodes noch unverständlich seyn, aber schon die bloße Gegenwart desselben schützt Sie. Die Erklärung selbst wird in vier Wochen folgen. Aber: Finger auf den Mund. Wir zeigenmindestens, wie wir Sie ehren, wie groß wir von Ihnen denken.
Eine feierliche Umarmung beschloß das seltsame Gespräch. Geheimnißvoll entfernte sich der Unbekannte, und der Rath mußte sich gestehn, daß noch niemals ein Mensch einen solchen Eindruck auf ihn gemacht habe. Seine Umgebung bemerkte seine wunderbare Stimmung, aber er schwieg gegen Alle, auch gegen den Obristen. Clara fürchtete eine Krankheit, aber der rauhere Soldat, der seither so Manches mit dem Schwiegersohn durchgesprochen hatte, sagte: Dieser Mann ist einer der verständigsten, und Ihr werdet sehn, sie übertölpeln ihn doch, den Einen fangen sie auf die, den Zweiten auf eine andre Weise.
Am Abend schloß sich der Rath ein und entfernte alle Diener. Seine Stimmung war erhoben. Er betete und las in Andachtsbüchern. Er nahm das Evangelium und erschien sich so verjüngt, so jugendlich glaubend, so fromm und lauter, daß er die Thränen der Rührung nicht unterdrücken konnte und wollte. Endlich schlug es Mitternacht, und er eröffnete behutsam und zitternd die Siegel, ohne die geheimnißvollen Zeichen zu zerbrechen. Als er den innern Umschlag geöffnet hatte, fiel ihm in die Augen — — jene abgeschmackte Figur mit dem vielfältigenAbracadabra, die er damals an abergläubische Brüder nach der nahen Residenz gesendet hatte. Er lachte laut auf, und wurde plötzlich ernst, denn er bedachte, wie in jenem Lande dort der als Monarch herrsche, der damals nur nächster Erbe gewesen war, und welche Thorheiten dort in der Nähe des Thrones getrieben wurden.
Er rief seine Familie zusammen, die noch, um ihn besorgt, wachte. Er erzählte Alles, las einige Briefe, auchden letzten, und zeigte dann das magische, von damals dem Schwiegervater noch wohlbekannte Blatt.
Nun endlich, schloß er, habe ich Alles, was mich immer stört, von mir abgeschüttelt. O wie leicht ist mir, ihr Geliebten, daß ich nun noch einmal mit euch den fröhlichen Entschluß fassen, das vielsinnige Wort mit euch ausrufen kann: laßt uns, da es uns vergönnt ist, vernünftig seyn! —
Auf Emanuel durften nun die Bedienten nicht wieder achten, und jetzt erst hatten alle Mitglieder der Familie diese Krankheit der Wundersucht überwunden.
Die untergehende Sonne warf schon ihre rothen Strahlen an die Thürme, und über die Häuser von Padua, als ein junger Fremder, der eben angekommen war, durch ein Volksgewühl, ein Eilen, ein Rennen aufmerksam gemacht, und auf seinem Wege von der Menge mit fortgerissen wurde. Er fragte ein junges Mädchen, welches ihm ebenfalls schnell vorüber ging, was denn alle diese Menschen in so ungewohnte Bewegung setze. Wißt Ihr es denn nicht? antwortete diese, die schöne Crescentia, das junge Kind, wird jetzt beerdigt; alle wollen sie noch einmal sehn, da sie immer für die anmuthigste Jungfrau in der ganzen Stadt gegolten hat. Die Eltern sind trostlos. Die letzten Worte rief sie schon aus der Entfernung zurück.
Der Fremde beugte um den finstern Palast in die große Straße hinein, und ihm tönte schon Leichengesang, ihm wehte der Schein der blaßrothen Fackeln entgegen. Als er näher kam, sah er, nachdem das Gedränge des Volkes ihn vorgeschoben hatte, ein Gerüst, mit schwarzem Tuche verdeckt. Um dieses waren Sitze, ebenfalls schwarz, erhöht, auf welchem die traurenden Eltern und Verwandten saßen, alle im finsteren Ernst, einige Gesichter mit dem Ausdruck der Trostlosigkeit. Jetzt bewegten sich Figuren aus der Thür des Hauses, Priester und schwarze Gestalten trugen einen offenen Sarg, aus welchem Blumenkränze und grüne Gewinde niederhingen.Zwischen den blühenden bunten Pflanzen lag auf Kissen die weibliche Gestalt, blaß, im weißen Kleide, die zarten lieblichen Hände gefaltet, die ein Crucifix hielten, die Augen geschlossen, dunkle schwarze Ringellocken voll und schwer um das Haupt, auf welchem ein Kranz von Rosen, Cypressen und Myrthen prangte. Man stellte den Sarg mit seiner schönen Leiche auf das Gerüst, die Priester warfen sich zum Beten nieder, die Eltern erhuben sich wie verzweifelnd, noch klagender ertönten die Hymnen, und alles umher, die Fremden selbst, schluchzten und weinten. Der Reisende glaubte noch nie ein so schönes weibliches Wesen gesehn zu haben, als diese Leiche, die so wehmüthig an die Vergänglichkeit und den nichtigen Reiz des Lebens erinnerte.
Jetzt ertönte das feierliche Geläute der Glocken, und die Träger wollten eben den Sarg erheben, um die Leiche in das gewölbte Grab der großen Kirche zu tragen, als ein lauter tobender Jubelruf, schallendes Gelächter und das Geschrei einer ausgelassenen Freude, die Eltern, Verwandten, Priester und Leidtragende störte und erschreckte. Alles sah unwillig umher, und aus der andern Gasse schwärmte ein froher Zug junger Leute heran, singend, jauchzend, ihrem ehrwürdigen Lehrer immer wieder von neuem ein Lebehoch zurufend. Es waren die Studirenden der Universität, die auf einem Sessel hoch auf den Schultern einen bejahrten Mann von dem edelsten Ansehn trugen, der wie in einem Throne saß, mit einem Purpurmantel bedeckt, das Haupt mit dem Doktorhute geschmückt, unter welchem weiße Silberlocken hervor quollen, so wie ein weißer langer Bart auf das schwarzsammtne Wamms majestätisch herabfloß. Ein begleitender Narr mit Schellen und in bunter Tracht sprang umher, und wollte schlagend und scherzend dem Zuge durch das Volk und die Trauerleute Platz machen, doch auf einen Winkdes ehrwürdigen Alten senkten die Schüler die Trage, er stieg herab und näherte sich gerührt und mit feierlichem Anstande den weinenden Eltern. Vergebt, sagte er ernst und mit einer Thräne im Auge, daß dieses wilde Geschrei so eure Leichenfeier stört, die mich innigst erschüttert und entsetzt. Ich komme von meiner Reise endlich zurück, meine Schüler wollen meinen Einzug durch ihre Freude verherrlichen, ich gebe ihren Bitten und Anstalten nach, und finde nun, — wie? eure Crescentia, das Musterbild aller Holdseligkeit und Tugend, hier vor euch im Sarge? Umher diesen düstern Prunk und jene Trauergestalten, um sie mit Thränen und Herzensweh zu ihrer Ruhestelle zu geleiten? — Er winkte seinen Begleitern und sprach einige Worte. Alles war schon längst still und stumm geworden, und die meisten entfernten sich jetzt, um die Leichenfeier nicht zu stören. Da kam die Mutter zitternd näher und sank an der Gestalt des Alten nieder, indem sie im krampfhaften Schmerze dessen Knie umschlang. Ach! warum seid Ihr nicht zugegen gewesen? rief sie verzweifelnd; Eure Kunst, Euer Wissen hätte sie gerettet. O Pietro! Pietro! Ihr, der Freund unsers Hauses! habt Ihr denn so Euren Liebling, Euren Augapfel können untergehn lassen? Kommt! Erweckt sie noch jetzt! Flößt ihr noch jetzt von den Wunderessenzen ein, die Ihr zu bereiten wißt, und nehmt dafür zum Dank alles, was wir besitzen, wenn sie nur wieder da ist, unter uns wandelt und mit uns spricht!
Laßt eure Verzweiflung nicht das Wort führen, antwortete Pietro: der Herr hatte sie euch geliehen, er hat sie euch wieder abgefordert; der Mensch vermesse sich nie, in den Arm seines weisen Rathschlusses zu greifen. Wer sind wir, daß wir gegen ihn murren sollten? Will der Sohn des Staubes, der im Winde verweht, mit seinem schwachen Athem gegen die ewigen Beschlüsse zürnen? Nein, meine Geliebten,fühlt als Eltern und Freunde ganz euren Schmerz: er soll unserm Herzen so einheimisch wie Lust und Freude seyn, auch er wird von dem Vater zu uns gesendet, der jede unsrer Thränen sieht, der wohl unsre Herzen kennt und prüft, und weiß, was der schwache Mensch ertragen kann. So traget denn dieses große übermächtige Leid um seinetwillen, aus Liebe zu ihm, denn nur Liebe ist es, was er euch auch auferlegen mag. Ist denn der Schmerz, das Herz in seiner Zerknirschung, die Seele, die in Wehmuth zerrinnen will, sind sie nicht ein heiliges göttliches Opfer, welches ihr in euren brennenden Thränen der höchsten, der ewigen Liebe als euer Köstlichstes darbringt? So rechnet es auch jener dort, der alle eure Seufzer und Thränen zählt. Aber der böse Feind, der immer an unsrer Seite lauert, beneidet uns die Heiligkeit dieser himmlischen Schmerzen, er ist es, der sie euch zur Verzweiflung, zum Zorn gegen den Schöpfer der Liebe und des Leides erhöhen will, damit ihr im Jammer nicht jener höchsten Liebe noch inniger verbunden werdet, sondern in den Abgrund des Hasses untergeht. Er, dieser Geist der Lüge, täuscht euch jetzt, und raunt euch boshaft seine Fabeln zu, als wenn ihr sie auf ewig verloren hättet, die doch nur in Geist und Seele und Liebe eins mit euch war, und euch nur als Unsichtbare zugehörte. Er will, daß ihr es vergessen sollt, wie diese schöne Hülle nur ihr Kleid war, dem Staube verwandt, zum Staube jetzt wiederkehrend. Werft ihn zurück, diesen Lügengeist, daß er sich vor der ewigen allmächtigen Wahrheit schämen muß, die ihr ihm entgegen haltet, daß sie noch euer ist, noch neben, nah um euch, ja weit mehr, weit inniger euer, als da euch diese Schranken des sterblichen Fleisches noch trennten, und euch in der Liebe selbst einander entfremdeten. Alle euere Erinnerung, Hoffnung, Schmerz und Lust ist sie von heute an;sie leuchtet euch in jedem erfreulichen Lichte, sie tröstet euch in den Blumen des Frühlings, sie küßt euch im zarten Hauch, der eure Wangen rührt, und jedes Entzücken, das fortan in euren Herzen aufblüht, ist ihr Herz und ihre Liebe zu euch, und dieses Entzücken, und diese ewige, unsterbliche Liebe sind eins mit Gott. So tragt sie denn zu ihrer Ruhestelle, und folgt ihr in stiller, gottergebner Demuth, damit durch euch nicht ihr Geist im Aufenthalt des ewigen Friedens gestört und geängstigt werde.
Alle schienen mehr beruhigt, der Vater reichte ihm stumm die Hand mit dem Ausdruck der Herzlichkeit und des gefühlten Trostes. Man ordnete sich, der Zug setzte sich in Bewegung, die Verlarvten, die Brüderschaften, die es sich zur Pflicht machen, die Leichen zu begleiten, reihten sich in ihren weißen Gewändern, und mit verdecktem Antlitz, von welchem nur die Augen sichtbar waren. Stumm bewegte sich der Zug fort, sie hatten jetzt fast schon die Kirche erreicht, als ihnen ein Reiter auf schäumendem Rosse entgegen sprengte. Was giebt es? schrie der Jüngling. Er warf einen Blick in den Sarg, und mit einem Ausruf der Verzweiflung wandte er das Roß, stürzte fort, und verlor in wilder Hast den Hut, so daß ihm die langen Locken im Abendwinde nachflatterten. Er war der Bräutigam, der zur Hochzeit kam.
Die Finsterniß umgab das Trauergefolge und die stille Feier, indem die schöne Leiche in das Gewölbe ihrer Familie hinabgesenkt wurde.
———
Als sich alle zerstreut hatten, wendete sich der junge Fremdling, der in staunendem Schmerze dem Zuge gefolgt war, an einen alten Priester, der allein am Grabe betend verweilte. Er brannte zu erfahren, wer jener majestätischeGreis sei, der ihm wie mit göttlichen Kräften und überirdischer Weisheit begabt erschien. Als der Jüngling dem Geistlichen die bescheidene Frage vortrug, stand dieser still, und sah ihm beim Scheine eines Lichtes, das aus einem Fenster auf sie schien, scharf ins Auge. Der Alte war eine kleine magere Gestalt, ein blasses schmales Antlitz erhob das Feuer der Augen um so mehr, und die eingekniffenen Lippen zitterten, als er ihm in heiserem Tone antwortete: Wie? Ihr kennt ihn nicht? Unsern weltberühmten Petrus von Apone, oder Abano, von dem man in Paris, London, dem deutschen Reiche und ganz Italien spricht? Kennt nicht den größten Weltweisen und Arzt, den Astronomen und Astrologen, von dem zu lernen und ihn zu schauen die wilde Jugend aus dem fernen Polenlande hieher schwärmt?
Der junge Spanier, Alfons, war im entzückten Erstaunen einen Schritt zurück getreten, denn der Ruhm dieses großen Lehrers hatte auch ihn von Barcelona über die See getrieben. Also er war es, er war es selbst? rief er begeistert aus: darum war auch mein Herz so tief bewegt. Mein Geist erkannte den seinigen. O edler, frommer Mann, wie lieb’ ich Euch darum, daß Ihr ihn nicht minder verehrt, wie alle Edlen und Guten der christlichen Welt.
Wollt wohl auch unter ihm studiren? fragte der Priester im grimmigen Ton.
Gewiß, antwortete jener, wenn er mich würdiget, sich meiner anzunehmen.
Der Alte stand still, legte seine Hand auf die Schulter des Jünglings und sagte dann milder: Lieber junger Freund, noch ist es Zeit, hört noch meine väterliche Warnung, bevor es zu spät ist. Täuscht Euch nicht selbst, wie es so Viele, Unzählige schon gethan haben, seid auf Eurer Hut und wahret Eurer Seele. Seid Ihr denn Eurer Ruhe und künftigenSeligkeit schon im voraus überdrüssig, wollt Ihr dem Heiland seine Liebe damit vergelten, daß Ihr ihm abtrünnig werdet, ihn leugnet, und als ein Rebell die Waffen gegen ihn schwingt?
Ich verstehe Euch nicht, alter Mann, erwiederte Alfonso: habt Ihr nicht selbst gesehn und gehört, wie fromm, wie christlich, mit welcher eindringlichen Majestät der Herrliche sprach, und den verirrten Schmerz der Liebe durch himmlischen Trost wieder in seine rechte Bahn lenkte?
Was vermag, was kann der nicht alles! dieser Künstler und Zauberer! rief der alte Priester bewegt aus.
Zauberer? fragte Alfonso. Ihr wollt also auch den Wahn des Pöbels theilen, der die Wissenschaft hoher Geister nicht zu würdigen weiß und lieber das Abgeschmackte glauben, als die eigne Seele an der Erhabenheit des Mitbruders stärken will?
Fahrt nur so fort, sagte der Priester erzürnt, so habt Ihr kaum nöthig, in seine weltberühmte Schule zu treten. Es ist augenscheinlich, sein Zauber hat Euch schon umstrickt, so wie er jedes Herz bezwingt, das nur in seiner Nähe schlägt. Ja wohl, der Heide, hat er heut wie ein Priester gesprochen und geweissagt, und seiner Lüge auch einmal diese Farbe angestrichen. So regiert er auch das Haus des Podesta’s. Die arme Crescentia konnte kaum in ihren letzten Stunden den Rückweg zur heiligen Kirche wieder finden, so war ihre Seele in den Irrlehren befangen, die der böse Heuchler wie giftige Netze um den jungen Geist geworfen hatte. Jetzt ist sie ihm entronnen, der Herr hat sie zu sich gerufen, und sandte diese Krankheit, um ihre Seele mit dem Verluste des Leibes zu retten.
Die Sprechenden waren auf den großen Platz gekommen. Der Jüngling war empört und sagte jetzt, um seinem GefühleLuft zu machen: wozu nur, geistlicher Herr, diesen grimmigen Neid? Seht ihr denn, erkennt ihr es denn nicht, wie die Welt nur um so mehr von euch abfällt, um so mehr ihr mit Bann und Fluch und Verfolgung den neuen Geist ersticken wollt? den Geist der ewigen Wahrheit, der jetzt alle Landschaften erregt? Der nicht wieder, trotz eurer Künste, untertauchen wird, um gläubig euren Legenden zu horchen.
Wohl, sagte der Alte im hohen Zorne; haben wir doch jetzt Averroes statt Christus, und Aristoteles statt des Allmächtigen, und diesen Euren Pietro, diesen Ischarioth, statt des Geistes! Nicht wahr, der Erdgeist hat ihn groß und schlank auferbaut, und ihm ein feuriges Auge, edle Stirn, schönen Mund der Ueberredung, und majestätische Geberden geliehen, um zu gaukeln und zu täuschen: indeß ich, der unwürdige Diener des Herrn, hier krank, schwach und unansehnlich wandle, und nur mein Bekenntniß, meinen Glauben habe, um darzuthun, daß ich ein Christ sei. Ich kann nicht so in die Tiefen glänzender Weisheit hinabsteigen, nicht den Lauf der Sterne berechnen, Glück und Unglück vorhersagen, ich werde von den Ueberklugen geschmäht und verachtet, aber ich trage es demüthig, ihm zu Liebe, der mir alles auferlegt hat. Doch erwartet das Ende, und seht, ob ihn seine sieben Geister, die er im Zauberbanne hält, erretten können, ob ihm sein Famulus, das Höllengebild, dann zur Hülfe seyn wird.
War sein Famulus zugegen? fragte Alfonso neugierig.
Habt Ihr das Gespenst nicht bemerkt, antwortete der Mönch, das sich als Narr ausstaffirt hatte? die Mißgeburt mit dem Höcker, den verdrehten Händen und Armen, den krummen Beinen, den schielenden Augen und der ungeheuren Nase in dem Fratzengesicht?
Ich hielt alles dies für Maske.
Nein, dieser, erwiederte der Alte, braucht sich nicht zuverlarven. So wie er da ist, ist er Larve und Gespenst, ein Geist der Hölle, dieser Beresynth, wie sie ihn nennen. — Wollt Ihr die Nacht in meinem Kloster zubringen, junger Mensch, bis Ihr eine Wohnung gefunden habt?
Nein, antwortete dieser sehr entschlossen, ich mag die Gastfreundschaft dem Manne nicht schuldig seyn, der so den Herrlichen durch Verläumdung schmäht, dessen Name mich schon im Vaterlande entzückt hat, der mir hier als Vorbild wandeln und leuchten soll. Schlimm genug, daß ich dergleichen von Euch habe anhören müssen, von einem Manne, dessen Stand und Alter mir verbeut, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehn. Soll der nur fromm heißen, der die Wissenschaft verachtet, nur der ein Christ, der im wachen Schlummer die Tage seines Lebens und die Kräfte seiner Seele hinwegträumt, so trete ich aus dieser dumpfen Gemeinschaft. Aber dem ist nicht so, und nicht der Mensch, der Christ oder Priester haben aus Euch gesprochen, sondern nur die Zunft. Lebt wohl, wenn Ihr es mit diesen Gesinnungen könnt.
Sie trennten sich, beide verstimmt.
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Der junge Florentiner, welcher in der Stadt dem Leichenzuge begegnet war, sprengte wie rasend durch das Thor und rannte dann in ungemessener Eil durch Feld und Wald. Als er sich im Freien sah, stieß er Verwünschungen gegen Welt und Schicksal aus, raufte sein Haar, fluchte seinen Sternen und seiner Jugend und eilte dann wie bewußtlos weiter. Er spornte dem Winde entgegen, der sich nächtlicherweise aufmachte, als wenn er die Glut seiner Wangen abkühlen wollte. Als es später ward, sank das Roß, das schon oft gestolpert war und das er knirschend immer wieder aufriß, ermattet nieder, und er war gezwungen, seinen Weg zu Fußfortzusetzen. Er wußte nicht, wo er war, noch weniger, wohin er wollte; nur sein Elend stand mit unauslöschlichen Zügen vor ihm, die Nichtigkeit der Welt, die Unbeständigkeit alles Glücks. Verruchter Wahnsinn des Lebens! rief er verzweifelnd durch die Nacht; so, so grausam erweckst du mich aus meinem Schlummer? Tödtlich muß ich dich hassen um deine Gaukeleien, deinen Aberwitz, um alle jene unsinnigen Hoffnungen, die unsre Jugend anlachen, so freundlich auf unserm Wege mit uns gehn, und wenn sie uns in die Wüste geführt, grinsend und höhnend davon fliegen. Leben! Was ist dieses thörichte Gespinnst, dieser alberne Traum eines Fieberkranken? Ein matter Schauer folgt auf den andern, ein verrücktes Gebild verjagt das andre, unsre Wünsche springen in der kahlen Einöde umher, und erkennen sich selber nicht. O Tod, o Ruhe, o Nichtsein, komm zu mir, laß dich umarmen, und löse dieses stürmende Herz. Könnt’ ich nur gleich meine letzten Minuten in Krämpfen verknirschen, daß die Morgensonne meine Stätte nicht mehr fände, daß kein Gedanke in mir ihrem neuen Strahl entgegen grüßte. Bin ich denn nicht das elendeste Geschöpf, das athmet? Um so ärmer, wie ich nur vor wenigen Stunden mich das glücklichste dünkte. Wehe der Jugend, wehe der Liebe, wehe dem Gefühl des Herzens, die sich so leicht, so gröblich täuschen lassen.
Ein Regen stöberte jetzt durch die kalte Luft, und bald wurden die Tropfen größer und dichter. Der Jüngling wußte nicht, wohin er gerathen war, der Wald lag schon fern hinter ihm, kein Obdach war in der Nähe. Er fing an, seine Erinnerungen wieder zu sammeln, sein Schmerz ward milder, Thränen flossen aus seinen Augen. Er haßte das Leben schon weniger, ihm war, als wenn die Nacht selbst ihn trösten und seinen Kummer lindern wollte. Ungewiß, ob erdas gestürzte Roß wieder aufsuchen, ob er sich in einem Graben vor dem Unwetter bergen sollte, sah er noch einmal um sich, und entdeckte endlich, weit, weit hinab, hinter Thal und Busch ein hüpfend Lichtlein, welches ihn wie ein freundliches Auge durch die dicke Finsterniß zu sich winkte. Er eilte dem ungewissen Scheine nach, der bald verschwand, bald wieder erglänzte. Alle seine Kräfte, seine Gefühle waren wie in einem Schlummer gebunden, sein ganzes Dasein war wie in einen Traum zergangen.
Ein Sturm machte sich auf, und schwere, tiefhangende Gewitterwolken wälzten sich langsam herbei. Schon kam er Bäumen näher, wie es ihm dünkte, aber die Finsterniß machte es ihm unmöglich, irgend etwas zu unterscheiden. Er stürzte in eine Grube, als ein Blitz ihn blendete und ein lauter Donnerschlag betäubte; wie er sich wieder aufraffte, war das Licht, welches ihn gelockt hatte, schon nahe. Er klopfte an das kleine Fenster, welches sich hinter einigen Bäumen zeigte, und bat um Einlaß gegen Sturm und Ungewitter. Eine laute heisere Stimme antwortete von innen, doch vernahm der Jüngling kein Wort, denn Sturm und Gewitter und Regen, das Rauschen der Bäume, alles tobte jetzt so heftig durcheinander, daß jeder andre Laut erstarb.
Die Thür des kleinen Hauses ging nach dem Garten, er mußte durch diesen eilen, dann faßte ihn eine weibliche Hand, leitete ihn durch einen finstern Gang, und eröffnete eine kleine Stube, aus welcher ihm der Schein einer Lampe und das Feuer auf dem Heerde entgegen schimmerte. In der Ecke saß bei der Lampe eine häßliche Alte und spann, das junge Mädchen, das ihn hereingeführt hatte, machte sich am Heerde zu thun, und lange konnte er vor dem ungewissen wankenden Schein die Gestalten nicht näher prüfen, langekonnte kein Gespräch gangbar werden, weil das Getöse des Donners alles übertäubte.
Das ist ein grausames Unwetter, sagte in einer Pause die Alte mit krächzender Stimme. Woher seid Ihr denn, junger Mensch?
Ich komme von Padua, seit heut Abend.
Weither, rief die Alte, liegt ja sechs Stunden von hier. Wo wollt Ihr denn hin, da hier keine Landstraße geht?
Weiß es nicht, mag es auch nicht wissen. Der Unglückliche ist nicht fähig, einen Plan zu entwerfen, oder für die Zukunft zu sorgen. Wie wohl würde mir seyn, wenn es für mich gar keine Zukunft gäbe.
Sprecht irre, junger Mensch, und das muß nicht seyn. — Ei! rief sie aus, indem sie die Lampe erhob und ihn näher betrachtete, ja gar ein Florentiner! Das Wamms und den Kragen habe ich lange nicht gesehn. Je nun, das hat mir wohl auch was Gutes zu bedeuten. Hat mir das garstige Gewitter also einen lieben Gast bescheert; denn wißt nur, mein junger Herr, ich bin auch aus dem gesegneten Lande. Ja, Florenz! Ach, wer doch einmal wieder auf deinen Boden treten und die theuren Berge und Gärten wieder sehn könnte! Und Euer Name, lieber, junger Herr?