Antonio Cavalcanti, sagte der Jüngling, der wegen der Landsmannschaft zu der häßlichen Alten mehr Vertrauen faßte.
O welcher Ton, rief sie wie begeistert aus: ja Cavalcanti, so einen habe ich vor Jahren wohl auch gekannt, einen Guido.
Der war mein Vater, rief Antonio.
Und lebt nicht mehr?
Nein, sagte der junge Mann, auch meine Mutter ist mir schon seit lange entrissen.
Weiß es, weiß es, liebes, schönes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt schon fünfzehn Jahre seyn, daß sie gestorben ist. Ach ja, sie mußte wohl dazumal in der bösen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter Vater, dem habe ich es einzig zu verdanken, daß die Richter mich nicht einige Jahre nachher auf den Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich’s einmal in den Kopf genommen, ich sei eine Hexe, und da half kein Widersprechen. Aber der Herr Guido kämpfte mich durch, mit Vernunft und Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn bloß aus dem lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den Sohn meines Wohlthäters in meine kleine, arme Hütte. Gebt mir doch auch die Hand darauf, junges Blut.
Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst näher betrachten konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange Zähne, die einen widerwärtigen Mund noch häßlicher machten, die Augen waren klein und scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte zwei dürre Arme nach ihm aus, und als er sie wider Willen umfassen mußte, fühlte er den Höcker, der die Häßlichkeit noch abscheulicher machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem Lachen, ich bin nicht sonderlich hübsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es ist mit der Schönheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von gewissen Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das ausmachen, was die Leute die Häßlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was findet Ihr denn nun so an mir wohl am widerwärtigsten?
Liebe Alte, sagte der Jüngling verlegen —
Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei! Jeder Mensch hat doch nun einmal die oderjene Gabe, und so bilde ich mir nicht wenig darauf ein, daß mir alles das abgeht, was sie in der Welt schön nennen. Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht!
Wenn ich muß, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lächeln jetzt auf die Lippen trat, die beiden Zähne wollen mir —
Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten schwarzen Zähne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub’ es wohl, sie stehen wie zwei verbrannte Palisaden an einer zerstörten Vestung da in dem weiten leeren Raum. Aber Ihr hättet mich vor zehn Jahren sehn sollen, da war das Ding noch viel schlimmer. Dazumal hatt’ ich den ganzen Mund voll solcher entsetzlichen Hauer, und die mich lieb hatten, wollten mir sagen, es sähe gräßlich aus. So fielen sie denn nach und nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch übrig geblieben. Wenn sie einmal abgehn, so klappt das Maul völlig zu, die Oberlippe wird dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was für ein Bildniß dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine thörichte Künstlerin, sie macht ein Bild leidlich hübsch, dann künstelt, schnitzelt, reckt und stümpert sie am Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Länge, drückt die Backen ein, pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein Fratzengesicht zu Stande gebracht hat; dann schämt sie sich am Ende, schmeißt den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit Erde zu, damit nicht alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht, wie Ihr jetzt in Eurer Politur glänzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zähnchen wie die reinsten Perlen. Schade, daß die müssen gebraucht werden, um Brod und Rinderbraten zu kauen. Ei, ei, — zeigt —weiter auf den Mund — die stehn aber so sonderbar, — hm! und der Augenzahn! Nun, das ist zu bedenken.
Antonio wußte nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er sich heiter zu seyn, und dem Geschwätz der Alten nachzugeben, die gleichsam wegen früher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare Gewalt an ihm ausübte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie plötzlich: Crescentia! ausrief.
Ums Himmels willen! sprach er erschüttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie? wißt Ihr von ihr?
Was ist Euch? heulte die Alte, muß ich sie doch wohl kennen, da sie meine eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die träge Dirne da eingeschlafen sitzt, das Feuer ausgehn und die Suppe verkühlen läßt.
Sie nahm die Lampe und näherte sich dem Heerde; aber wie ward dem Jünglinge, als er seine Geliebte heute zum zweitenmale wiedersah, fast eben so, wie am Abend. Das blasse Haupt lag gesenkt, die Augen geschlossen, alle Lineamente, auch die dunkeln Locken seiner Braut, eben so hatte sie die kleinen Händchen gefaltet, zwischen welchen sie ebenfalls ein Christusbild hielt. Das weiße Gewand half die Täuschung erhöhen, nur fehlten die Blumen, doch webte die Dämmerung wie Kränze schweren dunkeln Laubes um ihre Locken. Sie ist todt, seufzte Antonio, sie starr betrachtend. — Faul ist sie, die träge Dirne, sagte die Alte, und schüttelte die schöne Schläferin wach; nichts als beten und schlummern kann das unnütze Geschöpf.
Crescentia ermunterte sich, und ihre Verwirrung erhöhte noch ihre Anmuth. Antonio fühlte sich dem Wahnsinne nahe, daß er diejenige wieder vor sich sah, die er doch auf ewig verloren hatte. Alte Zauberin! rief er heftig aus, wo bin ich? Und welche Gebilde führst Du vor die irrenSinne? Sprich, wer ist jenes holdselige Wesen? Crescentia, bist Du wieder da? Erkennst Du mich noch als den Deinen? Wie bist Du hieher gerathen?
Holla! mein junger Prinz, schrie die Alte, Ihr faselt ja, als wenn Ihr Euer bischen Verstand verloren hättet. Rumort Euch das Gewitter im Kopf herum? Hat der Blitz etwa in Euern Witz geschlagen? Es ist meine Tochter, und ist es von je an gewesen.
Ich kenne Euch nicht, sagte die bleiche Crescentia hold erröthend. Ich bin nie in der Stadt gewesen.
Setzt Euch, unterbrach sie die Alte, genießt, was da ist. Die Suppe wurde aufgetragen, einige Früchte, und aus einem kleinen Wandschrank nahm die Alte eine Flasche köstlichen florentinischen Weins. Antonio konnte nur wenig genießen, sein Auge war auf Crescentia hingebannt, und seine verwirrte und erschütterte Phantasie wollte ihn immer wieder von Neuem bereden, diese sei seine gestorbene Braut. Oft glaubte er dann wieder, in einem schweren Traum gefesselt zu liegen, oder von einem Wahnsinn befangen zu seyn, der alle Gegenstände um ihn verwandele, daß er vielleicht in der Stadt, oder in seiner Heimath weile, nur seine Einbildungen sehe, und keinen seiner Freunde erkenne und vernehme, die wohl tröstend oder klagend um ihn stehn möchten.
Das Gewitter hatte ausgetobt, und die Sterne glänzten am beruhigten dunkeln Himmel. Die Alte aß mit Begier und trank noch eifriger von dem süßen Weine. Nun endlich, junger Antonio, fing sie nach einiger Zeit an, erzählet uns doch, was Euch nach Padua, was Euch hieher getrieben hat.
Antonio fuhr wie erwachend auf. Ihr könnt wohl, erwiederte er, einige Nachrichten von Eurem Gaste verlangen,da Ihr obenein meinen Vater, und vielleicht auch meine Mutter gekannt habt.
Wohl habe ich sie gekannt, sagte die Alte schmunzelnd, kein Mensch so gut als ich. Ja, ja, sie starb sechs Monat zuvor, ehe Euer Vater seine zweite Ehe mit der Marchese Manfredi stiftete.
Also das wißt Ihr auch?
Ist mir doch, fuhr jene fort, als sähe ich das schmucke Püppchen noch immer vor mir. Nun, lebt die schöne Stiefmutter denn noch? Als sie mich aus dem Lande jagten, war sie noch in ihrer schönsten Blüthe.
Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was ich durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie bezaubert, der lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne Unrecht thun, als sie irgend beleidigen wollte. Endlich aber änderte sich dieses Verhältniß, doch brach mein Herz fast beim Anblick dieses Hasses, wenn es früher nur über erlittene Kränkungen geblutet hatte.
Also recht bitter böse, fragte die Alte mit widerwärtigem Lächeln, ging es in der Haushaltung zu?
Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern zu erzählen.
Die Alte leerte ein Glas rothen Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit lautem Lachen sagte sie dann: weiß ich mir doch kein herrlicheres Vergnügen, versteht, was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann, als wenn so zwei Ehehälften, die früher einmal zwei Liebesleute waren, sich wie Katze und Hund, oder wie zwei Tigerthiere herumbeißen, schelten, einander verfluchen, und Herz und Seele dem Satan opfern möchten, um eins das andere zu kränken,oder seiner los zu werden. Das, junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen Lebens. Besonders aber, wenn die beiden Verbündeten vorher aus Liebe recht geraset haben, alles, auch das Ungewöhnliche für einander gethan, wohl gar manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um nur zu einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so verhaßte Band zu schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann für den Satan und die ganze Hölle ein hohes Fest, ein Jubeln und Cymbelnklang der Unterirdischen. Und hier nun gar, — doch, ich schweige, ich könnte leicht zu viel sagen.
Crescentia sah den Erstaunten wehmüthig an. Verzeiht ihr, sagte sie lispelnd, Ihr seht, sie ist trunken, die Unglückliche.
In Antonio’s Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trüben Scenen mit frischer Kraft. Der trübe Tag kam ihm zurück, als er seine Stiefmutter auf ihrem Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und sich und die Stunde seiner Geburt verfluchte, als er den Geist seiner ersten Gattin anrief und um Vergebung flehte.
Habt Ihr nichts mehr zu erzählen? fragte die Alte, und weckte ihn dadurch aus seiner staunenden Träumerei.
Was soll’s? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu sagen, daß ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Haß verfolgt und zur Rache angespornt? Daß dieser boshaft und verrucht meinem Vater das Verbrechen zuwälzen wollte? Er entsprang aus dem Gefängnisse, übersteigt die Gartenmauer und stößt in der Grotte meinem Vater den Dolch in die Brust!
Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie imfrohen Jubel; ei, sieh doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher war in jüngern Jahren so ein rechter Tuckmäuser, ein scheinheiliger Hund, ist aber nachher ein resoluter Bursche geworden, wie ich höre. In der Grotte also? Wie sich alles so wunderbar fügen muß. Da saß Euer Vater in frühern Jahren so oft mit der ersten Gattin, dort hat er ihr zuerst, als ihr Bräutigam, ewige Liebe geschworen. Dazumal trug Roberto gewiß schon jenen Dolch, wußte aber nicht, daß er ihn erst nach zwanzig Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite Gemahlin oft bei dem kühlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder zu ihren Füßen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefühle, die Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hölle schmieden, das alles kommt und kommt langsam, wunderlich, näher und immer näher, mit einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der Verzweifelte sitzt dann damit im Winkel und nagt daran, so wie der Hund am Knochen. Trink, trink, mein Söhnchen, durch diesen Saft wird alles besser, wenn seine Geister in die Seele steigen. — Nun, und Du? Erzähle doch weiter.
Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio.
So ist es recht, erwiederte die Alte; sieh, mein Kind, wann so ein Brand erst in ein Haus geschleudert ist, so muß er niemals, niemals wieder erlöschen. Von Geschlecht zu Geschlecht, zum Enkel und zum Vetter erbt das Gift, die Kinder rasen schon, die Wunde blutet immer wieder, ein neuer Aderlaß muß wieder das Unglück retten und auf die Beine bringen, das sonst vielleicht gar verscheiden könnte. O Rache, Rache ist ein köstliches Wort.
Aber Roberto, sagte Antonio, war entflohen und nirgends zu finden.
Schade, Schade, rief die Alte aus. Nun trieb Dich Deine Rache wohl in die Welt?
Ja wohl, ich erwuchs, ich sah Italien, forschte in allen Städten, konnte aber keine Spur des Mörders entdecken. Der Ruf Pietro’s von Abano hielt mich endlich in Padua fest. Ich wollte von ihm Weisheit lernen, aber als ich in das Haus des Podesta kam —
Nun? sprich heraus, Kind!
Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, ob ich rase oder träume. Dort sah ich die Tochter, die holde, die liebreizende Crescentia. Und ich sehe sie jetzt wieder vor mir, ja sie ist es selbst, jener Leichenzug war ein böser, ungeziemender Scherz, und diese Verkleidung, diese Flucht in die Wüste hieher ist wieder eine unziemliche Verlarvung. Gieb Dich endlich, endlich zu erkennen, theure, holdselige Crescentia. Weißt Du es ja doch, daß mein Herz nur in Deinem Busen lebt. Wozu diese grausamen Proben? Sind Deine Eltern vielleicht dort in der Kammer, und hören alles, was wir sprechen? Laß sie nun endlich, endlich herein treten, es sei nun der grausamen Prüfung, die mich wahnsinnig machen kann, genug geschehn.
Die bleiche Crescentia sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an, eine solche Wehmuth im Angesicht, daß ihm die Thränen aus den Augen stürzten. Er ist wahrlich schon betrunken! heulte die Alte. Sprecht, sagt, ist denn die Tochter des Podesta todt? Gestorben wäre sie? und wann?
Heut Abend, sagte der Weinende, bin ich ihrer Leiche begegnet.
Also auch die? fuhr die Alte lustig fort, indem sie wiedereinschenkte. Nun, da wird sich ja die Familie Markone in Venedig freuen.
Warum?
Weil sie nun die einzigen Erben des reichen Mannes sind. Das haben die Klugen immer gewünscht, es aber niemals hoffen können.
Weib! rief Antonio mit neuem Entsetzen aus, Du weißt ja Alles.
Nicht Alles, erwiederte Jene, aber Etwas. Und manches läßt sich dann auch wohl errathen. Und freilich, etwas Hexerei ist auch im Spiele. Erschreckt nur nicht gar zu sehr. Es war auch nicht so ganz um gar nichts, daß mich die Herren Florentiner auf den Holzstoß setzen wollten, einige kleine unbedeutende Ursächelchen konnten sie immer für diesen Wunsch anführen. — Schau mir ins Gesicht, Knabe, streiche die Locken aus der Stirn: gut! Nun gieb die linke Hand: die rechte; ei! ei! sonderbar und wunderlich! Ja, ja, Dir steht ein nahes Unglück bevor, aber wenn Du es überlebst, wirst Du Deine Geliebte noch wiedersehn.
Jenseit! seufzte Antonio.
Jenseit? was ist Jenseit? rief die Alte im Taumel; nein, diesseit, was wir hier auf Erden nennen. Was die Narren für Worte brauchen. Es giebt kein Jenseit, alberner Kindskopf, wer hier nicht schon das Fett von der Brühe abschöpft, der ist übel betrogen. Aber damit kirren sie die Gelbschnäbel, daß sie hübsch im Geleise bleiben, wohin man sie lenken will, wer aber ihren Fabeln nicht glaubt, der ist auch dafür frei, und kann thun, was ihn gelüstet.
Antonio sah sie zürnend an, und wollte ihr heftig erwiedern, aber die blasse Crescentia legte einen so demüthig flehenden Blick für ihre Mutter ein, daßsein Zorn entwaffnet wurde. Die Alte gähnte und rieb sich die Augen, undes währte nicht lange, so war sie, vom häufigen Genuß des starken Weins betäubt, fest eingeschlafen. Das Feuer auf dem Heerde war erloschen, und die Lampe warf nur noch matte Schimmer. Antonio fiel in ein tiefes Nachsinnen, und Crescentia saß am Fenster auf einem niedrigen Schemel. Kann ich wo schlafen? sagte der erschöpfte Jüngling endlich.
Oben ist noch eine Kammer, sagte Crescentia schluchzend, und er bemerkte nun erst, daß sie die ganze Zeit über heftig geweint hatte. Sie putzte die Lampe, daß sie heller brenne, und ging schweigend voran. Er folgte eine schmale Treppe hinauf, und als sie oben in dem engen finstern Behältnisse waren, setzte das Mädchen die Leuchte auf einen kleinen Tisch und war im Begriff sich zu entfernen. Doch schon an der Thür kehrte sie noch einmal um, betrachtete den jungen Mann wie mit einem Todtenblicke, stand bebend vor ihm, und fiel dann laut schluchzend und in unverständlichen heftigen Klagen wie in Krämpfen zu seinen Füßen nieder. Was ist Dir, mein holdes Kind? rief er aus, und wollte sie aufheben; beruhige Dich: sage mir Dein Leid.
Nein, laßt mich hier liegen, rief die Klagende, ach! wenn ich doch hier zu Euren Füßen, wenn ich doch jetzt sterben könnte! Nein, es ist zu entsetzlich! Und daß ich nichts thun, nichts hindern kann, daß ich den Gräuel nur stumm und ohnmächtig anschauen muß. Aber Ihr müßt es erfahren.
So sammle Dich nur, sagte tröstend Antonio, daß Du nur Deine Stimme, daß Du nur die Worte wieder findest.
Ich sehe, sprach jene vom Weinen unterbrochen heftig fort, Eurer gestorbenen Geliebten ähnlich, und ich bin es, die Euch an der Hand in die Mördergrube führen muß. Meine Mutter kann leicht prophezeien, daß Euch ein nahesUnglück bevorsteht: kennt sie doch die Gesellen, die allnächtlich hier einkehren. Dieser Höhle ist noch Keiner lebendig entronnen. Jede Minute führt ihn näher und näher, den greulichen Ildefons, oder den verruchten Andrea, mit ihren Knechten und Gehülfen. Ach! und ich kann nur der Herold Eures Todes seyn, Euch keine Hülfe, Euch keine Rettung bieten.
Antonio entsetzte sich. Bleich und zitternd faßte er nach seinem Schwert, versuchte seinen Dolch, und sammelte Muth und Entschlossenheit wieder. So sehr er den Tod erst gewünscht hatte, so war es ihm doch zu furchtbar, in einer Räuberhöhle endigen zu müssen. Du aber, fing er an, Du mit diesem Angesichte, mit dieser Gestalt, kannst es über Dich gewinnen, eine Gesellin, eine Gehülfin der Verruchten zu seyn?
Ich kann nicht entfliehen, seufzte die Trostlose, wie gern entwiche ich diesem Hause. Ach! und diese Nacht, morgen soll ich von hier und über das Meer geschleppt werden, die Gattin des Andrea oder Ildefons soll ich seyn. Ist es nicht besser, jetzt zu sterben?
Komm, rief Antonio, die Thür ist offen, entflieh mit mir, die Nacht, der Wald werden uns ihren Schutz verleihen.
Seht Euch nur um, sagte das Mädchen, seht nur, wie hier und im untern Gemache die Fenster mit starken Eisenstäben verwahrt sind, die Thür des Hauses ist mit einem großen Schlüssel versperrt, den die Mutter nicht von sich giebt. Saht Ihr nicht, wie sie die Thür ins Schloß warf, als Ihr hereingetreten wart?
So falle die Alte zuerst, rief Antonio, wir entreißen ihr den Schlüssel —
Meine Mutter sterben! schrie die blasse Mädchengestalt,und klammerte sich mit Heftigkeit an ihn, um ihn fest zu halten.
Antonio beruhigte sie. Er schlug ihr vor, der Alten, da sie berauscht sei, und fest schlafe, den großen Schlüssel der Thüre leise von ihrer Seite zu nehmen, dann zu öffnen und zu entfliehen. Von diesem Plane schien Crescentia einige Hoffnung zu fassen, sie gingen still wieder in das untere Gemach und fanden die Alte noch fest schlafend. Crescentia machte sich zitternd an sie, suchte und fand den Schlüssel, und es gelang ihr nach einiger Zeit, ihn vom Bande des Gürtels abzulösen. Sie winkte dem Jüngling, behutsam näherten sie sich der Thür, mit Vorsicht brachten sie den eisernen Schlüssel in das Schloß, mit fester Hand wollte Antonio jetzt ohne Geräusch den Riegel zurückschieben, als er fühlte, daß draußen eben so geräuschlos ein andrer am Schlosse arbeite. Die Thür öffnete sich sacht und herein trat, Antlitz an Antlitz dem Antonio, ein großer wilder Mann. Ildefonso! schrie das Mädchen auf, und der Jüngling erkannte in ihm auf den ersten Blick den Mörder Roberto.
Was ist das? sagte dieser mit dumpfer Stimme; woher habt Ihr den Schlüssel? Wohin?
Roberto! schrie Antonio und faßte den ungeheuren Mann wüthend an der Kehle. Sie rangen heftig mit einander, doch gelang es der Kraft des Jünglings, den Bösewicht auf den Boden zu werfen, dann kniete er ihm auf die Brust und senkte seinen Dolch ihm in das Herz. Mit lautem Geschrei war indessen die Alte erwacht, sie sprang auf, als sie den Kampf sah und riß unter Geheul und Verwünschungen die Tochter hinweg, sie schleppte sie zur Kammer hinauf, und verriegelte von innen die Thür. Jetzt wollte Antonio hinauf, um sich die Kammer mit Gewalt zu öffnen, als mehreredunkle Gestalten herein traten, und nicht wenig erstaunten, ihren Anführer todt am Boden zu finden. Jetzt bin ich Euer Hauptmann! rief eine breite, bärtige Figur, indem dieser das Schwert zog. Wenn Crescentia mein ist! antwortete trotzig ein jüngerer Räuber. Beide, auf ihrem Sinne bestehend, fielen sich mörderisch an. Die Lampe ward umgestürzt, und unter Geheul und Fluchen wälzte sich der Kampf in der Finsterniß von einer Ecke zur andern. Seid ihr unsinnig? schrie eine andre Stimme dazwischen; ihr laßt den Fremden entfliehn, schlagt ihn zuerst darnieder und fechtet dann eure Händel aus! Doch jene, vor Wuth blind, vernahmen ihn nicht. Schon dämmerte der erste graue ungewisse Strahl des frühen Morgens. Da fühlte Antonio die Mörderfaust an seiner Brust, aber schnell und rüstig stieß er den Angreifenden nieder. Ich bin erschlagen, rief dieser, auf den Boden fallend: Wahnsinnige, besetzt die Thür, laßt ihn nicht entrinnen. Antonio hatte indessen diese gefunden, er sprang durch den kleinen Garten und über den Zaun, die Räuber, welchen unterdeß die Besinnung gekommen war, eilten ihm nach. Er war nur um wenige Schritte voraus, und sie suchten ihm die Bahn abzugewinnen. Einer warf mit Feldsteinen nach ihm, die aber ihres Ziels verfehlten. Unter Geschrei und Drohworten waren sie in den Wald gekommen. Hier zeigten sich verschiedene Richtungen, und Antonio war ungewiß, welche er wählen sollte. Da sah er zurück und die Räuber getrennt, er stellte sich dem nächsten und verwundete ihn im Kampf, daß jener das Schwert mußte sinken lassen. Doch zugleich vernahm er Geschrei und sah von einem Seitenwege neue Gestalten daher eilen, die ihm den Weg bald verrennen mußten. In dieser höchsten Noth traf er auf einer kleinen Waldwiese sein Roß wieder an. Es schien sich von der gestrigen Uebermüdung erholt zu haben.Er schwang sich hinauf, nachdem er schnell den Zaum ergriffen und geordnet hatte, und mit der größten Schnelle, als wenn das Thier seine Gefahr gefühlt hätte, trug es ihn auf einem gebahnten Pfade aus dem Walde. Nach und nach ertönte das Geschrei seiner Verfolger immer ferner und ferner, der Wald lichtete sich, und als er schon glauben mußte, nichts mehr befürchten zu dürfen, sah er die Stadt im Sonnenglanze vor sich liegen.
Menschen begegneten ihm, Landleute gingen dieselbe Straße zur Stadt, Reisende gesellten sich zu ihm, und so kam er nach Padua zurück, indem er nur weniges auf die vielfachen Fragen und Erkundigungen antwortete, warum sein Anzug so verwildert, warum er ohne Hut sei. Die Bürger sahen ihn mit Verwunderung an, als er vor dem großen Hause des Podesta abstieg.
———
In der Stadt hatte sich in derselben Nacht etwas Wunderbares zugetragen, was bis jetzt noch allen Menschen ein Geheimniß war. Kaum hatte sich die Finsterniß dicht und dichter verbreitet, als Pietro, den man gemeiniglich nur von seiner Geburtsstadt Apone, oder Abano nannte, im innersten Zimmer seines Hauses alle Geräthe, alle seine künstlichen Instrumente zu einer geheimen und seltsamen Operation in Ordnung richtete. Er selbst war in lange Gewänder gekleidet, die mit wunderlichen Hieroglyphen bezeichnet waren, in seinem Saal hatte er die magischen Kreise beschrieben, und alles kunstreich geordnet, um seiner Wirkung gewiß zu seyn. Er hatte den Stand der Gestirne genau erforscht, und erwartete jetzt den günstigsten Augenblick.
Sein Gefährte, der häßliche Beresynth, war auch mit magischen Kleidern angethan. Er holte und stellte auf denBefehl seines Gebieters alles so, wie dieser es nöthig erachtete. Bemalte Decken waren an den Wänden verbreitet, der Boden des Zimmers verkleidet, der große Zauberspiegel aufgerichtet, und näher rückte und näher der Moment, den der Magier für den glücklichsten erachtete.
Hast Du die Kristalle in die Kreise gestellt? rief jetzt Pietro. Ja, antwortete der geschäftige Gesell, dessen Fratze sich zwischen den Phiolen, Spiegeln, menschlichen Gerippen und allen dem seltsamen Hausrath munter und unermüdlich tummelte. Jetzt wurde das Räuchwerk gebracht, eine Flamme entzündete sich auf dem Altar, und der Magier nahm vorsichtig, fast bebend, aus seinem geheimsten Schranke das große Buch. Geht’s los? rief Beresynth. — Schweig, erwiederte der Alte feierlich, und störe die heilige Handlung durch keine frevelnden, durch keine unnützen Worte. Er las, erst leise, dann lauter und eifriger, indem er mit gemessenen Schritten auf und nieder, dann im Kreise wandelte. Nach einer Weile hielt er inne und befahl: schau hinaus, wie sich der Himmel gestaltet.
Dichte Finsterniß, sagte der rückkehrende Diener, hat den Himmel umzogen, Wolken jagen sich, ein Regen fängt an zu träufeln. — Sie sind mir günstig, rief der Alte, es muß gelingen! Jetzt kniete er nieder, und berührte oft, die Beschwörung murmelnd, mit der Stirn den Boden. Sein Gesicht war erhitzt, seine Augen funkelten. Man hörte ihn die heiligen Namen nennen, die verboten sind auszusprechen, und er sandte nach langer Zeit seinen Diener wieder hinaus, um nach dem Firmament zu schauen. Indessen vernahm man den heranbrausenden Sturm, Blitz und Donner jagten sich, und das Haus schien in seinen Grundfesten zu erbeben. Hört das Wetter, rief Beresynth, eilig zurückkehrend. Die Hölle hat sich von unten herauf gemacht, und wüthet mitFeuer und wilden krachenden Donnerschlägen, ein Sturm braust dazwischen, und die Erde zittert. Haltet inne mit Beschwören, daß nicht die Speichen brechen, und die Fugen, die die Welt zusammen halten, zerspringen.
Thörichter! Blödsinniger! rief der Magier; genug der unnützen Worte! Alle Thüren reiß auf, eröffne auch das Thor des Hauses.
Der Zwerg entfernte sich, um die Gebote seines Herrn auszurichten. Dieser entzündete indeß die geweihten Kerzen, mit Schaudern nahte er sich der großen Fackel, die auf dem hohen Leuchter stand, auch sie brannte endlich, dann wand er sich auf dem Boden und beschwor lauter und lauter. Seine Augen funkelten, seine Glieder bebten alle, zuckten wie in Krämpfen, und ein kalter Schweiß der Angst floß von seinem Haupte. Mit wilder Geberde sprang der Zwerg wie entsetzt wieder herein und rettete sich in die Kreise. Die Welt geht unter, schrie er bleich und mit den Zähnen klappernd, die Gewitter ziehn fort, aber alles ist in der stillen Nacht Entsetzen und Graus, jedes Geschöpf hat sich in das innerste Gemach und die Kissen des Bettes geflüchtet, um der Angst zu entweichen.
Der Alte erhob vom Boden ein todtenbleiches Antlitz, und verzerrt und unkenntlich schrie er mit fremdem Laute: Schweig, Unglückseliger, und störe das Werk nicht. Gieb Acht, und behalte Deine Sinne. Das Größte ist noch zurück.
Mit einer Stimme, als wollte er seine Brust zersprengen, las und beschwor er wieder, der Athem schien ihm oft zu fehlen, es war, als müsse die ungeheure Anstrengung ihn tödten. Da hörte man plötzlich Stimmen durcheinander, wie im Streit, dann wie Gespräch, sie flüsterten, sie tobten und lachten, Gesang ertönte, und verworrener Klang von wundersamenInstrumenten. Alle Geräthe wurden lebendig und schritten vor und gingen wieder zurück, und aus den Wänden in allen Gemächern quollen Wesen aller Art, Gethier und Ungeheuer und abentheuerliche Fratzen im buntesten Gewirre.
Herr! schrie Beresynth, das Haus wird zu enge! Wohin mit allen diesen Geistern? Einer muß den andern fressen. O weh! o weh! Immer greulicher, immer toller wickelt sich einer aus dem andern: ich verliere den Verstand! Und diese Musik dazu, dies Gellen und Pfeifen, Gelächter dazwischen, und rührende Klagegesänge. Seht, Herr! seht! die Wände, die Zimmer dehnen sich aus: alles wird zu unermeßlichen Sälen, zu hohen Gewölben, und noch schießen die Creaturen hervor, und vermehren sich mit dem wachsenden Raume. Könnt Ihr nicht rathen, könnt Ihr nicht helfen?
Ganz ermattet erhob sich jetzt Pietro, er war verwandelt und wie sterbend. Schau noch einmal hinaus, sprach er leise, wende Dein Auge nach dem Dom, und berichte mir, was Du siehst.
Ich trete dem Gesindel hier auf den Kopf, schrie der verwirrte Beresynth, sie winden sich spielend wie die Schlangen um mich her, und lachen höhnisch über mich. Sind es Geister? sind es Kobolde oder leere Phantome? Ei was! wenn ihr nicht aus dem Wege gehn wollt, so trete ich euch in die grünlichen und blauen Schnauzen hinein! Jeder ist sich selbst der Nächste. Er polterte murrend hinaus.
Jetzt ward es still, und Pietro stand auf. Er winkte, und alle jene Wundergestalten, die sich am Boden gekrümmt, die sich in der Luft durcheinander gewunden hatten, verschwanden wieder. Er trocknete Schweiß und Thränen ab und holte freier Athem. Sein Diener kam zurück und sagte:Herr! alles ist ruhig und gut, aber lichte Gebilde zogen mir vorüber und verschwanden in den dunklen Himmel hinein: darauf, wie ich unverwandt nach dem Dom hinschaue, ertönt ein gewaltiger Klang, wie wenn alle Saiten einer Harfe zugleich rissen, und ein Schlag geschah, daß die Straße und alle Häuser zitterten. So riß sich dann die große Thür der Kirche auf, Flöten erklangen süß und lieblich, und eine sanfte lichte Klarheit ergoß sich aus dem Innern der Kirche. Gleich darauf trat ein weibliches Gebild in den Schein, blaß, aber glänzend, mit Blumenkronen geschmückt, sie schwebte aus dem Thor und Lichtstrahlen bereiteten ihr eine Straße, auf welcher sie wandeln sollte. Das Haupt gerade, die Hände gefaltet, so schwebt sie heran, auf unsre Wohnung zu. Ist es denn diese, auf welche Ihr gewartet habt?
Nimm den goldnen Schlüssel, antwortete Pietro, und eröffne mit ihm das innerste kostbarste Gemach meines Hauses. Die Purpurdecke ist ausgebreitet, die Wohlgerüche duften. Dann fort und lege Dich nieder. Forsche nicht weiter nach, was geschieht. Sei gehorsam und verschwiegen, wenn Du Dein Leben achtest.
Kenne ich Euch doch, antwortete der Zwerg und entfernte sich mit dem Schlüssel, indem er noch einmal wie einen schadenfrohen Blick zurück warf.
Indem kam ein liebliches Gesäusel näher, Pietro ging nach dem Vorsaal, und herein schwebte die blasse Leichengestalt der Crescentia, in ihrem Todtenschmucke, das Crucifix noch in den gefaltenen Händen haltend. Er stand vor ihr, sie schlug die großen Augen auf und schauderte in lebhafter Bewegung vor ihm zurück, so daß vom schüttelnden Haupte die Blumenkränze niedersanken. Stumm bog er die festgeschlossenen Hände auseinander, in der linken aber behielt sie das Kreuz fest eingeklemmt. An der rechten Hand führte ersie durch seine Gemächer, und sie ging neben ihm, starr und ohne Theilnahme, ohne sich umzusehn.
Das fernste Gemach empfing sie. Purpur und Gold, Seide und Sammet schmückten es kostbar aus. Durch die schweren Vorhänge schimmerte am Tage das Licht nur matt herein. Er deutete hin auf das Lager, und die Bewußtlose, wunderbar Belebte senkte und neigte sich wie eine Lilienblume, die der Wind bewegt, sie fiel auf die rothen Decken und athmete schmerzlich. Aus einem goldnen Fläschchen goß der Alte eine kostbare Essenz in eine kleine Schale von Kristall und legte ihr diese an den Mund. Die blassen Lippen schlürften den wunderbaren Trank, sie schlug noch einmal das Auge auf, betrachtete ihren vormaligen Freund, wandte sich mit dem Ausdruck des Abscheues um, und fiel in einen tiefen Schlaf.
Sorgfältig verschloß der Alte wieder das Gemach. Alles im Hause war ruhig. Er begab sich auf sein Zimmer, um unter seinen Büchern und Zaubergeräthen den Aufgang der Sonne und die Geschäfte des Tages zu erwarten.
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Als der unglückliche Jüngling Antonio geruht hatte, ritt der Podesta am folgenden Tage mit ihm und einem großen bewaffneten Gefolge aus, um jene Hütte, die häßliche Alte und die Räuber aufzusuchen und zu fangen. Nach der Erzählung Antonio’s war der trostlose Vater sehr begierig geworden, jenes Mädchen zu sehn, welches seiner verstorbenen Tochter so ähnlich seyn sollte. Kann es seyn, sagte der Alte unterwegs, daß ein Traum, dem ich mich nur zu oft überlassen habe, wirklich werden sollte?
Der Vater war so eilig, daß er dem Jüngling nicht weiter Rede stand. Sie kamen in den benachbarten Wald,und hier glaubte sich Antonio noch zu erkennen, und die Spuren wieder zu finden. Aber jene Nacht hatte ihn so verwirrt, und seine Lebensgeister so heftig erschüttert, daß er nachher seinen Weg nicht entdecken konnte, den er während des Sturmes und dem Krachen des Donners, betäubt, zu Fuß, und über Acker und Feld irrend, fortgesetzt hatte. Sie kreuzten das weite Gefilde nach allen Richtungen; wo nur Bäume oder Gebüsche sich entdecken ließen, dahin spornte Antonio, um die Räuberhütte und in ihr jene wundersame Erscheinung wieder anzutreffen, oder wenigstens, wenn die Einwohner auch verschwunden seyn sollten, wie er wohl glauben mußte, irgend eine Nachweisung zu erhalten. Der Podesta glaubte endlich, als man schon einen großen Theil des Tages so umgeirrt war, die erhitzte Einbildung des Jünglings habe nur in der Verwilderung seines Schmerzes diese Erscheinungen gesehn. Das Glück, rief er aus, wäre zu groß, und ich bin nur zum Unglück geboren.
In einem Dorfe mußte man die Pferde und die Diener verschnaufen lassen. Die Bewohner wollten nichts von so verdächtigen Nachbarn wissen, auch hatte man in der Umgegend die Leichname der Erschlagenen nicht gefunden. Nach kurzer Frist machte sich Antonio wieder auf den Weg, obgleich der Podesta ihm mit größerem Mißtrauen folgte. Bei jedem Bauer, der ihnen aufstieß, wurden Erkundigungen eingezogen, doch keiner wußte irgend eine bestimmte Nachricht zu geben. Gegen Abend traf man auf einen scheinbar zerstörten Platz, Asche und Schutt lag umher, einige verkohlte Balken zeigten sich zwischen den Steinen: Bäume, die nahe standen, waren verbrannt. Jetzt schien sich der Jüngling wieder zu erkennen. Hier, so meinte er mit Bestimmtheit, sei der Aufenthalt der Mörder und jener wunderbaren Crescentia gewesen. Man machte Halt. Weit undbreit war in der wüsten Gegend kein Haus zu sehn, kein Mensch war zu errufen. Ein Diener ritt zum nächsten Ort und brachte nach einer Stunde einen Alten zu Pferde mit sich. Dieser wollte wissen, daß schon seit einem Jahre eine Hütte hier abgebrannt sei, von Soldaten angezündet, der Eigenthümer des Feldes sei schon seit zehn Jahren in Rom, wo er ein versprochenes geistliches Amt erwarte, der Verwalter desselben aber nach Ravenna gereist, um eine alte Schuld einzukassiren.
Verdrossen und ermüdet begaben sich die Reisenden zur Stadt zurück. Der Podesta Ambrosio ging damit um, seine Stelle aufzugeben, sich von allen Geschäften zurück zu ziehn, und selbst Padua zu verlassen, wo ihn alles nur an sein Unglück erinnerte. Antonio wollte in der Schule des berühmten Apone sein Elend ertragen und vielleicht vergessen lernen. Er zog in das Haus dieses großen Mannes, welcher ihm schon seit lange gewogen war.
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Also auch Ihr, sagte nach einiger Zeit der kleine Priester zum tiefsinnigen Antonio, habt Euch diesem unglücklichen Studio und jenem verderblichen Manne ergeben, der Eure Seele verführen wird?
Warum zürnt Ihr, antwortete Antonio freundlich, Ihr frommer Mann? Soll Religion und Wissenschaft sich nicht freundlich die Hand bieten dürfen, wie es in diesem trefflichen Lehrer geschieht? Er, den die ganze Welt verehrt, den die Fürsten schätzen und lieben, den der heilige Vater selber bald zu einer geistlichen Würde erheben will? Warum haßt Ihr den, der Euch und jedermann mit Liebe entgegen kommt? Wüßtet Ihr, wie seine Lehre mich tröstet, wie er meinen Geist erhebt und zum Himmel richtet, wie in seinem MundeFrömmigkeit und Religion die begeisterten Worte und Bilder finden, die seine Schüler, wie mit Schwingen des Geistes, in die überirdischen Regionen führen, Ihr würdet nicht so unbillig von ihm denken und sprechen. Lernt ihn näher kennen, sucht seinen Umgang, kommt dem, der keinen zurück weiset, freundlich entgegen, und Ihr werdet mit Reue und in Liebe Euren Haß, Euer voreiliges Urtheil über ihn widerrufen.
Ihm? rief der Priester, nein nimmermehr! Wahrt Euch selbst, Jüngling, vor ihm und seinem höllenbezeichneten Diener, der keinen so arglistig, wie sein Meister, belügen kann.
Es ist wahr, erwiederte Antonio, der kleine Beresynth ist eine lächerliche und auch häßliche Figur, mich wundert selbst, daß ihn der edle Pietro so beständig in allen seinen Zimmern und Geschäften um sich dulden mag: aber sollen Höcker und andre häßliche Abzeichen uns gegen einen Armen, den die Natur vernachlässigt hat, grausam machen?
Schöne Worte, herrliche Redensarten! rief der Priester ungeduldig aus: bei diesen Gesinnungen gedeihen freilich Zauberer und Betrüger. Seht! da kommt das Scheusal, das ich nicht anschauen, viel weniger mit ihm etwas verhandeln mag. Wen der Herr auf diese Weise gezeichnet hat, der ist kenntlich genug, und jedermann, in dem noch nicht alles Gefühl erloschen ist, gehe ihm aus dem Wege.
Beresynth, der die letzten Worte gehört hatte, machte sich in einigen seltsamen Sprüngen herbei. Hochwürdiger Herr, rief er aus, seid Ihr denn etwa selbst von so ausbündiger Schönheit, daß Ihr so unbillig urtheilen dürft? Mein Herr ist von Jugend auf ein majestätischer herrlicher Mann gewesen, und der denkt doch von mir und meines gleichen ganz anders. Was? Ihr kleiner, untersetzter, verstumpfter,kollriger Mann, dem die Nase vor Zorne fast immer roth anläuft? Ihr mit Euren krummen Mundwinkeln, mit den verzwickten Falten in der kleinen Stirn, Ihr wollt von meiner Häßlichkeit rumoren? Kuckt das Zwerglein doch kaum über die Kanzel hinaus, wenn es dorten handthiert, und ist so schmalbeinig und schmächtig, daß er nicht über den großen Platz gehn darf, wenn der Wind einmal stark weht; den die Gemeine kaum erkennt, wenn er vor dem Altar gestikulirt, wobei ihr der christliche Glaube nachhelfen muß, in der Hoffnung, er sei wirklich zugegen: — wie, ein solcher Knirps und geistlicher Nirgendgesehn will hier wie Goliath Rede führen? Laßt Euch dienen, unansehnlich Gottseliger, daß man aus meiner Nase allein einen solchen Glaubenshelden, wie Ihr seid, formiren könnte, wobei ich meinen doppelten Höcker vorn und hinten noch gar nicht einmal in die Rechnung bringe.
Der erzürnte Priester Theodor hatte sich schon vor dem Schluß dieser Rede entfernt, und der melancholische Antonio verwies dem kleinen Gesellen seinen Muthwillen; doch dieser rief aus: fangt Ihr nur nicht auch an zu moralisiren! das leide ich einmal von keinem andern als meinem Herrn, denn der ist dazu in der Welt, die Moral, die Philosophie und dergleichen zu doziren. Aber diese Windfahne von Mönch da, die nur von Neid und Bosheit so knarrend herum gedreht wird, weil er meint, ihm geschieht durch meinen herrlichen Meister ein Abbruch an Autorität, Geld und Gut, der soll nicht den zahnlosen Mund aufthun, wo ich mein ungewaschnes Maul nur irgend brauchen kann; und von einem jungen Studenten leide ich auch keine Widerrede, denn ich habe mir schon den Bart verschneiden lassen, als Euer Vater noch im Westerhemdchen lief; Prügel in der Schule und den Esel bekam ich schon umgehängt, als sie Eurem erlauchtenGroßvater die ersten Hosen anthaten, darum erzeigt den Respect da, wo er hingehört und vergeßt niemals, wen Ihr vor Euch habt.
Erzürne Dich nicht, kleiner Mann, sagte Antonio, ich meine es gut mit Dir.
Meint’s, wie Ihr wollt, rief jener. Mein Herr wird Prälat, wißt Ihr das schon? Und Rektor der Universität! Und eine neue goldne Gnadenkette hat er von Paris erhalten! Und Ihr sollt zu ihm kommen, weil er verreisen und Euch vorher noch einmal sprechen will. Schleppt Euch nicht mit Pfaffen so herum, wenn Ihr ein Philosoph seyn wollt.
In krummen, wunderlichen Sätzen sprang er wieder die Straße hinüber, und Antonio sagte zu Alfonso, der jetzt hinzutrat, und seit einiger Zeit sich oft freundlich zu ihm gesellte: ich weiß niemals, wenn ich mit der kleinen Mißgeburt rede, ob sie ihre Worte ernsthaft, oder nur im Scherze meint. Scheint er doch über sich selbst und alle Creatur zu spotten.
Das ist ihm, antwortete Alfonso, ein nothwendiger Ersatz, um sich über seine Ungestalt zu trösten, denn durch seinen Hohn macht er in seiner Einbildung alle übrigen Geschöpfe sich gleich. Aber wißt Ihr schon von den neuen Ehren, die unserm herrlichen Lehrer und Meister zugetheilt sind?
Die Welt, erwiederte Antonio, erkennt sein hohes Verdienst, und daß auch der Papst, unser heiliger Vater, ihn jetzt zum Prälaten macht, das wird den neidischen Priestern und Mönchen, die den tugendhaften und frommen Mann immerdar verketzern wollen, endlich Schweigen gebieten.
Sie trennten sich, und Antonio eilte, von seinem Lehrer auf einige Tage Abschied zu nehmen. Der kleine ZwergBeresynth erwartete ihn schon in der Thür mit grinsender Freundlichkeit.
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In den Zimmern war es schon trübe, und da Beresynth den Jüngling verließ, so ging dieser, der seinen Lehrer im Saale, auch in seiner Bücherstube nicht traf, durch die vielen Gemächer, und gelangte so bis in das innerste, welches er noch niemals betreten hatte. Bei einer dämmernden Lampe saß hier Pietro und verwunderte sich nicht wenig, den Florentiner eintreten zu sehn, der über die Gerippe, seltsamen Instrumente und den wunderlichen Hausrath des Greises erstaunt war. Nicht ohne Verlegenheit näherte sich der Alte. Ich hatte Euch hier nicht erwartet, sagte er, sondern dachte Euch draußen zu treffen, oder Euch oben in Eurem eigenen Zimmer aufzusuchen. Ich soll dem Abgesandten des Papstes, unsers heiligen Vaters, entgegen reisen, um sein Schreiben und die neue Würde, die seine Gnade und väterliche Güte mir mittheilt, demüthig und dankbar vom Prälaten dort anzunehmen.
Antonio war befangen, und schien die Instrumente und den unbekannten Apparat genau zu betrachten. Ihr verwundert Euch, sagte der Alte endlich, über alle diese Dinge, die mir zu meinen Studien nöthig sind; wenn Ihr einmal meine Vorlesungen über die Natur besucht habt, werde ich Euch in Zukunft alles erklären können, was Euch jetzt vielleicht unbegreiflich erscheint.
Doch in diesem Augenblicke ereignete sich etwas, das Antonio’s Aufmerksamkeit von allen diesen Gegenständen abzog. Eine Thür, die verschlossen schien, war nur angelehnt, sie that sich auf, und der Jüngling sah in ein Gemach, das mit purpurrothem Lichte erfüllt war, aber in dieser Rosengluthstand an der Thür ein bleiches Gespenst, welches winkte und lächelte. Mit Blitzesschnelle wendete der Alte sich um, warf donnernd die Thür in das Schloß, und verriegelte sie mit einem goldenen Schlüssel. Zitternd und leichenblaß warf er sich dann in einen Sessel, indem ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Als er sich etwas erholt hatte, winkte er, noch immer zitternd, Antonio herbei und sagte mit bebender Stimme: auch dieses Geheimniß, mein junger Freund, wird Euch einmal deutlich werden; denke, mein geliebter Sohn, das Beste von mir. Dich vor allen, Du Leidender, Du Vielgeliebter, will ich in mein tiefstes Wissen dringen lassen, Du sollst mein wahrer Schüler, mein Erbe werden. Aber laß mich jetzt, geh nun hinauf zu Deinem einsamen Zimmer und rufe im brünstigen Gebete den Himmel und seine heiligen Kräfte zu Deinem Beistande auf.
Antonio konnte nicht antworten, so war er von der Erscheinung überrascht und entsetzt, so hatte ihn die Rede seines verehrten Lehrers verwirrt, denn ihm schien, als müsse dieser einen Zorn unterdrücken, als leuchte ein verhaltener Grimm aus seinen feurigen Augen, die nach dem plötzlichen Erlöschen schnell einen stärkern Glanz ausstrahlten.
Er ging und im Vorzimmer fand er Beresynth, der mit grinsendem Gesicht Fliegen haschte, die er dann einem Affen zuwarf. Beide schienen im Wettstreit begriffen, wer die ärgsten Fratzen hervorbringen könnte. Der Meister rief jetzt laut den Diener, und die Mißgestalt hüpfte hinein. Antonio vernahm einen lauten Wortwechsel, und Pietro schien sehr zornig. Weinend und heulend kam Beresynth aus dem Zimmer, ein Blutstrom floß über die ungeheure Nase hinab. Kann er nicht selbst seine Thüren verschließen, krächzte die Mißgeburt, der Allerweltsweise und Allmächtige? Ist der Herr dumm, so muß der Diener die Schuld tragen.Scheert Ihr Euch, Allverehrtester, auf Eure Dachkammer hinauf, und laßt mich mit meinem guten Freund, dem lieben Pavian da, in Ruhe. Der hat noch ein menschliches Herz, der liebe, getreue. Ein lustiger Bruder, wie er ist, und doch in der Zartheit ein recht ausbündiger Kerl. Marsch da! Der Pylades will wieder Fliegen speisen, die ihm sein Orest zusammenfangen muß.
Antonio verließ wie betäubt den Saal.
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Der florentinische Jüngling war in das Haus seines Lehrers gezogen, um ganz ungestört seinen Leiden und Studien leben zu können. Oben im entferntesten und höchsten Gemache des Hauses hatte er sich eingerichtet, um recht einsam und von Menschen unbesucht zu leben. Wenn er von hier die schönen und fruchtbaren Gefilde des Landes übersah und dem Laufe des Stromes mit den Blicken folgte, so dachte er um so inniger seiner entschwundenen Geliebten. Er hatte ihr Bild von den Eltern bekommen, und einiges Geräth, mit welchem sie als Kind gespielt hatte; vorzüglich lieb war ihm eine Nachtigall, die ihm in ihren rührenden Klagegesängen nur sein eigenes Leid auszutönen schien. Dieser Vogel war von Crescentien mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden, und der schwärmende Jüngling bewahrte ihn als ein Heiligthum, als den letzten Ueberrest seines irdischen Glückes.
Andre Jünglinge seines Alters sahe er nicht, außer dem Spanier Alfonso, mit welchem ihn der gleiche Enthusiasmus für die Größe des Pietro Abano vereinigte. Der Podesta Ambrosio hatte seine Stelle niedergelegt und die Stadt verlassen, er wollte in Rom seine letzten Tage verleben, um sich seinen Verwandten in Venedig zu entziehn.Er hatte es aufgegeben, die frühgeraubte Zwillingstochter wieder zu finden, und es schmerzte ihn um so inniger, daß Antonio ihm diese Hoffnung so erschütternd wieder in seine Seele gerufen hatte. Er war überzeugt, der Jüngling habe ihn und sich selbst mit den Fieber-Phantasien jener Nacht getäuscht.
Am Morgen reiste Pietro mit seinem getreuen Diener ab. Antonio war ganz allein im großen Hause, dessen Zimmer alle verschlossen waren. Die Nacht war ihm schlaflos hingegangen. Immer stand ihm das entsetzliche Gebild vor Augen, das ihm, wie es ihn erschüttert hatte, doch die schönsten Empfindungen zurück rief. Ihm war, als wenn jede Kraft zu denken in ihm erstorben sei, Gebilde, die er nicht festhalten konnte, bewegten sich in ewig umschwingenden Kreisen vor seiner Phantasie. Die Empfindung war ihm fürchterlich, daß er an seinem verehrten Lehrer irre wurde, daß er unerlaubte Geheimnisse und ein Entsetzen ahndete, das seit jenem Blick ins Gemach hinein auf ihn zu warten schien, um ihm allen Lebensmuth zu rauben, oder ihn einem verzweifelnden Wahnsinn zu überliefern.
Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, daß es stürmte und regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf einen alten Wandschrank hinauf. Indem er sich überbog, um den Käfig sicher zu stellen, riß die Kette, an welcher er das Bildniß seiner Geliebten trug, und das Gemälde rollte nach der Wand zu, und hinter den eichenen alten Brettern hinab. Der Unglückliche wird auch von Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um sein geliebtes Kleinod wieder zu suchen. Er bückte sich, aber so sehr er auch forschte, war es unter dem großen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles, das Große wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberungzu verfolgen. Er schüttelte an dem alten Gerüste, und wollte es aus der Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestüm wurde mit jedem Hinderniß heftiger. Er faßte eine alte Eisenstange, die er im Vorzimmer fand, und arbeitete mit aller Anstrengung seiner Kräfte, den Schrein zu rücken, und endlich, nach vielem Heben, Stemmen und hundert vergeblichen Bemühungen geschah ein Riß mit lautem Krachen, als wenn eine eiserne Klammer oder Kette gesprungen wäre. Jetzt wich allmählig das Gebäude und Antonio vermochte es endlich, sich zwischen dieses und die Wand einzudrängen. Er sah sogleich sein geliebtes Bildniß. Es lag auf dem breiten Knauf einer Thür, die in der Mauer war. Er küßte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Thür öffnete sich, und er fiel darauf, den großen Schrank noch etwas mehr zurück zu schieben, um diese Seltsamkeit näher zu untersuchen, denn er glaubte, daß der Besitzer des Hauses diese geheime Oeffnung, die mit so vieler Sorgfalt, und wie es schien, seit so langer Zeit verdeckt war, selber nicht kenne. Als er sich mehr Raum verschafft hatte, sah er, daß hinter der Thür eine enge gewundene Stiege sich hinabsenkte. Er stieg einige Stufen hinunter, die dichteste Finsterniß umgab ihn. Er schritt weiter und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemächer hinabzuführen. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stieß, denn die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf und nieder tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog, und sogleich öffnete sich die Mauer und ein rother Glanz quoll ihm entgegen. Noch ehe er in die Oeffnung hineintrat, untersuchte er die Thür und fand, daß eine Feder, die der Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm aufgethan hatte. Er lehnte sie an und schritt behutsam in das Gemach. Rothe kostbareTeppiche schmückten es, mit Purpurdecken von schwerer Seide waren die Fenster verhängt, ein Bett, von glänzendem Scharlach mit Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man hörte das Getöse der Straße nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten. Mit beklemmter Brust stand der Jüngling im Gemach, er horchte aufmerksam und endlich dünkte ihm, er vernähme das Säuseln des Athems, wie von einem Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um zu spähn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhänge zurück — und glaubte nur zu träumen, denn vor ihm lag, leichenblaß, aber süß schlummernd, das Bildniß seiner geliebtesten Crescentia. Der Busen hob sich sichtlich, wie eine leichte Röthe war den blassen Lippen angeflogen, die, zart geschlossen, von einem sanften Lächeln unmerklich bewegt wurden. Das Haar war aufgelöst und lag in seinen schweren dunkeln Locken auf den Schultern. Das Kleid war weiß, der Gürtel eine goldne Spange. Lange stand Antonio im Anschauen versenkt, endlich, wie von einer übernatürlichen Gewalt getrieben, faßte er die weiße, schöne Hand, und wollte die Schläferin gewaltsam emporziehen. Diese stieß einen klagenden Schrei aus, und erschreckt ließ er den Arm wieder fahren, der ermüdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so schien es, entflogen, das Netz des Schlummers, welches das wundersame Bildniß umschlossen hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im leisen Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und wechselnd auf und nieder sinken, so rührte sich die Schläferin, dehnte sich wie ohnmächtig, und strebte in langsamen anmuthigen Bewegungen dem Erwachen entgegen. Die Arme streckten sich empor, so daß die weiten Aermel zurück fielen und die volle schöne Rundung zeigten, die Hände falteten sich und sankendann wieder nieder; das Haupt erhob sich und der glänzende Nacken richtete sich frei auf, doch waren die Augen immer noch geschlossen, die Locken fielen schwarz in das Gesicht hinein, doch strichen die feinen langen Finger sie zurück; ganz aufrecht sitzend kreuzte die Schöne nun die Arme über die Brust, stieß einen schweren Seufzer aus und plötzlich standen die großen Augen weit offen und glänzend.
Sie betrachtete den Jüngling, als sähe sie ihn nicht, sie schüttelte das Haupt und ergriff jetzt die goldne Quaste, die über ihr am Bette befestigt war, richtete sich kräftig auf, und auf den Füßen stand jetzt in der purpurnen Umhüllung hoch aufgerichtet die große schlanke Gestalt, sie schritt dann sicher und fest vom Lager herunter, ging auf Antonio, der zurück gewichen war, einige Schritte zu, und mit einem kindischen Ausruf der Ueberraschung, wie wenn Kinder sich plötzlich über ein neues Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, lächelte ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio!
Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Ueberraschung und dem tiefsten Mitleiden durchdrungen, wußte nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu ihren Füßen stürzen, oder in Thränen aufgelöst sterben sollte. Das war derselbe Ton, den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem sich sein ganzes Herz umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die sein überschwellendes Gefühl erstickte.
Das süße Lächeln, das von den blassen Lippen aus über die Wangen bis in die strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach plötzlich und ging in einen starren Ausdruck des tiefsten, des unsäglichsten Schmerzes unter. Antonio konnte den Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit den Händen sein Gesicht und schrie: bist Du ein Gespenst?
Die Erscheinung trat noch näher, drückte mit ihren Händen seine Arme nieder, so daß sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender Stimme: Nein, sieh mich an, ich bin nicht todt, und lebe doch nicht. Reich’ mir die Schaale dort.
Eine duftende Flüssigkeit schwebte in dem kristallenen Gefäß, er reichte es ihr zitternd, sie setzte es an den Mund und schlürfte den Trank in langsamen Zügen. Ach, mein armer Antonio! sagte sie dann, ich will nur diese irdischen Kräfte erborgen, um Dir den ungeheuersten Frevel kund zu thun, um Hülfe von Dir zu erflehen, um Dich zu vermögen, mir zu der Ruhe zu verhelfen, nach welcher sich alle meine Gefühle so inbrünstig sehnen.
Sie war wieder in den Armstuhl gesunken, und Antonio saß zu ihren Füßen. Höllische Künste, fing sie wieder an, haben mich scheinbar vom Tode erweckt. Derselbe Mann, den meine unerfahrene Jugend wie einen Apostel verehrte, ist ein Geist des Abgrunds. Er gab mir den Schatten dieses Lebens. Er liebt mich, wie er sagt. Wie schauderte mein Gefühl vor ihm zurück, als ihn mein erwachendes Auge erkannte. Ich schlummere, ich athme, ich kann ganz, wenn ich will, zum Leben wieder genesen, so hat es mir der Böse verheißen, wenn ich mich ihm mit ganzem Herzen ergebe, wenn er, in geheimer Verborgenheit, mein Gatte werden darf. — O Antonio, wie schwer wird mir jedes Wort, jeder Gedanke. Alle seine Kunst zerbricht an meiner Sehnsucht zum Tode. Das war fürchterlich, als mein Geist, schon in der Ruhe, schon in der Entwickelung neuer Anschauungen, aus dem stillen Frieden so gräßlich zurückgerissen wurde. Mein Leib war mir schon fremd, feindlich und verhaßt worden. Zurück kam ich, wie der befreite Sklave zu Ketten und Gefängniß. Hilf mir, Treuer, rette mich.
Wie? sagte Antonio: Gott im Himmel! was erleb’ ich? Wie muß ich Dich wieder finden? Und Du kannst, Du darfst nicht ganz zum Leben zurückkehren? Du kannst nicht mir und Deinen Eltern wieder angehören?
Unmöglich! rief Crescentia mit einem ängstlichen Ton, und ihre Blässe wurde vor Entsetzen noch bleicher. Ach! das Leben! Wie kann der es wieder suchen, der schon davon gelöst war? Du Armer fassest die tiefe Sehnsucht nicht, die Liebe, das Entzücken, womit ich den Tod denke und wünsche. Noch inniger, wie ich Dich ehemals liebte, noch brünstiger, wie meine Lippen am Osterfeste nach der heiligen Hostie schmachteten, ist mein Wunsch zu ihm. Dann liebe ich Dich freier und inniger in Gott. Dann bin ich meinen Eltern wiedergegeben. Dann leb’ ich, sonst war ich gestorben, jetzt bin ich Nebel und Schatten, mir und Dir ein Räthsel. Ach, wenn Deine Liebe und unsre Jugend in mein jetziges Dasein hinein schien, wenn ich von oben herab die wohlbekannte Nachtigall hier in meiner Einsamkeit schlagen hörte, welch süßes Grauen, welche finstre Freude und Angst rieselte dann durch die Dämmerung meines Wesens. O hilf mir los von der Kette.
Was kann ich für Dich thun? fragte Antonio.
Die Reden hatten wieder die Kraft der Erscheinung gebrochen: sie ruhte eine Weile mit geschlossenen Augenliedern, dann sagte sie matt: Ach! wenn ich eine Kirche betreten könnte, wenn ich zugegen wäre, indem der Herr im Sakrament erhoben wird und der Gemeinde erscheint, dann würde ich in diesem seligen Augenblicke vor Entzücken sterben.
Was hindert mich, sprach Antonio, den Bösewicht anzugeben, ihn den Gerichten und der Inquisition zu überliefern?
Nein! nein! nein! ächzte das Bildniß in der höchstenAngst: Du kennst ihn nicht, er ist zu mächtig, er würde entfliehn und mich wieder mit sich in den Kreis seiner Bosheit reißen. Stille, ruhig nur kann es gelingen, wenn er sicher ist. Ein Zufall hat Dich zu mir geführt. Du mußt ihn ganz sicher machen, alles verschweigen.
Der Jüngling sammelte seine Sinne, er sprach viel mit seiner vormaligen Braut, ihr ward das Reden immer schwerer, die Augen fielen ihr zu, sie trank noch einmal von dem Wundertrank, dann ließ sie sich nach dem Lager führen. Lebe wohl, rief sie schon wie träumend, vergiß mich nicht. — Sie bestieg das Bett, legte sich ruhig nieder, die Hände suchten das Crucifix, das sie mit geschlossenen Augen küßte, dann reichte sie dem Liebenden die Hand, und winkte ihn hinweg, indem sie sich zum Schlummer hinstreckte. Antonio betrachtete sie noch, dann ließ er die Feder die unsichtbare Thür wieder einfugen, schlich die enge Wendeltreppe bis zu seinem Gemache wieder hinan, stellte den Schrank an seine vorige Stelle, und brach in heiße Thränen aus, als ihn der Gesang der Nachtigall mit seinen schwellenden Klagetönen bewillkommte. Auch er sehnte sich nach dem Tode, und wünschte nur vorher diejenige, die noch vor wenigen Wochen seine irdische Braut gewesen war, von ihrem wundersamen schrecklichen Zustande zu erlösen.
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Um seinem Lehrer auszuweichen, wenn er von seiner Reise zurück käme, hatte Antonio die Schritte nach der einsamsten Stelle des Waldes gelenkt. Es war ihm ungelegen, daß ihm hier sein Freund, der Spanier, begegnete, denn er war nicht gestimmt, ein Gespräch zu führen. Doch konnte er dem Gespielen nicht mehr ausweichen, und so ergab er sich in stiller Trauer der Gesellschaft, die ihm sonst erfreulichund tröstend gewesen war. Nur halb hörte er auf dessen Reden, und erwiederte nur sparsam. Wie fast immer war wieder Pietro der Gegenstand von Alfonso’s ungemessener Bewunderung. Warum seid Ihr heut so karglaut? fing er endlich verdrüßlich an: ist Euch meine Gesellschaft zuwider, oder seid Ihr nicht mehr wie sonst fähig, unsern erhabenen Lehrer zu verehren, und ihm den Preis zu geben, den er verdient?
Antonio mußte sich sammeln, um nicht ganz in seinen träumenden Zustand zu versinken. Was ist Euch? fragte Alfonso wieder, es scheint, daß ich Euch beleidigt habe. — Ihr habt es nicht, rief der Florentiner, aber wenn Ihr mich irgend liebt, wenn Ihr nicht meinen Zorn erregen wollt, wenn nicht die bittersten Gefühle mein Herz zerreißen sollen, so unterlaßt heut das Lobpreisen Eures vergötterten Pietro. Sprechen wir von andern Gegenständen.
Ha! bei Gott! rief Alfonso aus, die Pfaffen haben Euch doch noch den schwachen Sinn umgewendet. Geht nur fernerhin Eures Weges, junger Mensch, denn die Weisheit, das seh’ ich nun wohl ein, ist Euch ein zu erhabenes Gut. Euer Kopf ist dieser Kost zu schwach, und Ihr sehnt Euch wieder nach den Kinderspeisen Eurer ehemaligen Seelenwärter. Bleibt nur bei diesen so lange, bis Euch die Milchzähne ausgefallen sind.
Ihr sprecht übermüthig, rief Antonio erzürnt, oder vielmehr wißt Ihr gar nicht, was Ihr sagt, und ich verdiene das nicht um Euch.
Wodurch verdient es unser Lehrer, sagte der Spanier eifrig, der Euch wie ein Vater aufgenommen hat, der Euch vor allen Jünglingen dieser Universität so hoch würdiget, daß Ihr in seinem Hause wohnen dürft, der Euch sein innigstesVertrauen schenkt, wodurch hat dieser es verschuldet, daß Ihr ihn so kleinmüthig verleugnet?
Wenn ich nun antworte, sprach Antonio zornig, daß Ihr ihn nicht kennt, daß ich Ursache, und die vollständigste habe, anders von ihm zu denken, so würdet Ihr mich wieder nicht verstehn.
Ihr seid wohl schon, sagte Alfonso höhnisch, so hoch in seine geheime Philosophie hinein gestiegen, daß der gewöhnliche, unbegünstigte Erdensohn Euch nicht zu folgen vermag? Wieder zeigt es sich, daß das halbe und Viertel-Verdienst sich am höchsten aufbläht. Pietro Abano ist demüthiger, als Ihr, seine schwächliche Copie.
Ihr seid ungezogen, rief der junge Florentiner in der höchsten Erbitterung aus. Wenn ich Euch nun bei meiner Ehre, bei meinem Glauben, beim Himmel und bei allem, was mir und Euch heilig und ehrenwerth seyn muß, versichere, daß es in ganz Italien, in Europa, keinen so argen Bösewicht, keinen so verruchten Heuchler giebt als diesen —
Wen? schrie Alfonso.
Pietro Abano, sagte Antonio gemäßigt: was würdet Ihr dann sagen?
Nichts, rief jener wüthend, der ihn nicht hatte endigen lassen, als daß Ihr und jedermann, der dergleichen zu sprechen wagt, der nichtswürdigste Schurke sei, der je das Heilige zu lästern sich erfrechte. Zieht, wenn Ihr nicht eine eben so verächtliche Memme, als ein niederträchtiger Verleumder heißen wollt.
Das gezogene Eisen begegnete dem Ausfordernden schon eben so schnell, und es half nichts, daß ihnen eine heisere ängstliche Stimme: Halt! zurief. Alfonso war in der Brust verwundet, und zu gleicher Zeit rann Blut aus dem ArmAntonio’s. Der alte Priester, der die Erbitterten hatte trennen wollen, eilte nun herbei, er verband die Wunden und stillte das Blut, darauf rief er andere Studirende herzu, die er in der Nähe schon gesehen hatte, die den ermatteten Alfonso nach der Stadt führen sollten. Ehe sich dieser entfernte, ging Antonio noch einmal zu ihm, und raunte ihm ins Ohr: wenn Ihr ein Edelmann seid, so kommt von der Ursache unsers Zwistes kein Wort über Eure Lippen. In vier Tagen sprechen wir uns wieder, und wenn Ihr dann nicht meiner Ueberzeugung seid, bin ich zu jeder Genugthuung erbötig.
Alfonso versprach feierlich, auch alle Umstehenden versicherten, daß die Wunde so wie das Gefecht selbst verschwiegen bleiben sollten, um den jungen Florentiner keiner Gefahr auszusetzen. Als sich alle entfernt hatten, ging Antonio mit dem Priester Theodor tiefer in den Wald. Warum, fing dieser an, wollt Ihr Euch, eines Verdammten wegen, selber der Hölle überliefern? Ich sehe, daß Ihr jetzt anderer Meinung seid; aber ist das Schwert wohl der Redner, der andre bekehren darf? — Antonio war ungewiß, in wie weit er sich dem Mönche entdecken sollte, doch verschwieg er ihm noch die wunderbare Begebenheit, welche er erlebt hatte, und bedung sich nur die Erlaubniß aus, bei dem nahe bevorstehenden Osterfeste, während des Hochamtes, durch die Sakristei in der Nähe des Altars zum großen Tempel eingehen zu dürfen. Nach einigen Einwürfen gab Theodor nach, ob er gleich nicht begriff, was der Jüngling mit dieser Erlaubniß bezwecken könne. Ich will einen Gast so in die Kirche einführen, sagte dieser nur noch, dem man am großen Thor den Eingang vielleicht versagen würde.
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Alle Glocken der Stadt läuteten, um das heilige Osterfest in Freuden und Andacht zu begehn. Das Volk strömte nach dem Dom, um das froheste christliche Fest zu feiern, und auch den berühmten Apone in seiner neuen Würde zu erblicken. Die Studirenden begleiteten ihren berühmten Lehrer, der vom Adel, dem Rath und der Bürgerschaft ehrfurchtvoll begrüßt in anscheinender Frömmigkeit und Demuth dahin wandelte, Allen ein Beispiel, der Stolz der Stadt, das begeisternde Vorbild der Jugend. An der Thür des Tempels wich das Gedränge in scheuer Verehrung zurück, um dem Gefeierten Platz zu machen, der in der Tracht des Prälaten, mit der goldenen Kette geschmückt, im weißen Bart und lockigen Haupthaar einem Kaiser oder einem alten Lehrer der Kirche in seinem majestätischen Anstande zu vergleichen war.
In der Nähe des Altars war dem berühmten Manne ein erhobener Sitz zubereitet, daß Schüler und Volk ihn sehn konnten, und als die Menge der Andächtigen in den Tempel hereingeströmt war, begann das Hochamt. Theodor, der kleine Priester, las an diesem Tage die Messe, und Jung und Alt, Vornehm und Geringe war in Freudigkeit, das Fest der Auferstehung des Herrn würdig zu begehn, den wiederkehrenden Glanz zu schauen, und sich nach den Tagen der strengen Fasten, nach den betrübenden Vorstellungen der Leiden und des Schmerzes an dem Gefühl des wieder erwachten Lebens zu trösten.
Schon war der erste Theil des Gottesdienstes geendigt, da sah man mit Erstaunen an der Seite des Altars Antonio Cavalcanti in die Kirche treten, der eine dicht verschleierte Figur an seiner Hand führte. Er stellte diese auf die Erhöhung, dem Pietro dicht gegenüber, und warf sich dann betend am Altare nieder. Die Verschleierte stand starr undhoch da, und man sah unter der Verhüllung die brennend schwarzen Augen. Pietro erhob sich vom Sessel, und sank bleich und zitternd in denselben zurück. Die Musik der Messe strömte und wogte in volleren Accorden, jetzt wickelte sich die Verhüllte langsam aus ihren Schleiern, das Antlitz war frei, und die Nächsten erkannten mit Entsetzen die gestorbene Crescentia. Ein Schauder ging durch die ganze Kirche, auch die Fernsten faßte ein heimliches Grauen, das todtenbleiche Bild so hoch dort stehn zu sehn, das so andächtig betete und die großen feurigen Augen nicht vom Priester am Altar verwendete. Auch der große mächtige Pietro schien in eine Leiche verwandelt, man hätte ihn den entstellten Zügen nach für todt halten können, wenn sich sein Leben nicht im heftigen Zittern verrathen hätte. Nun wendete sich der Priester, und erhob die geweihte Hostie, Trompeten verkündigten die erneute Gegenwart des Herrn, und mit einem Jubelton, mit hochentzücktem Antlitz, die Arme weit ausgebreitet, indem sie laut Hosiannah! rief, daß die Kirche wiedertönte, brach nun die bleiche Erscheinung zusammen, und lag todt, starr und bewegungslos zu Pietro’s Füßen hingestürzt. Das Volk lief hinzu, die Musik verstummte, Fragen, Verwundern, Entsetzen und Schreck sprach und forschte aus jeder Miene, der Adel und die Studirenden wollten den ehrwürdigen Greis, der so tief erschüttert schien, trösten und unterstützen, als Antonio mit gellendem Tone: Zeter! Zeter! schrie, und die furchtbarste Anklage, die schrecklichste Erzählung begann, die höllische Kunst, die verworfene Magie des zagenden Sünders aufdeckte, von sich und Crescentia und ihrem schaudervollen Wiederfinden sprach, so daß Zorn, Wuth, Verwünschung, Abscheu und Fluch, wie ein stürmendes Meer, um den Geängsteten tobte und ihn zu vernichten, im Wahnsinn des Grimmes zu zerreißen drohte. Man sprach von Schergenund Fesseln, die Inquisitoren nahten, als sich Pietro wie rasend erhub, mit geballten Fäusten um sich stieß und schlug, und riesenhaft sich auszudehnen schien. Er trat zu Crescentia’s Leichnam, der lächelnd wie das Bild einer Heiligen dalag, betrachtete sie noch einmal, und ging dann brüllend und mit funkelnden Augen durch die Menge. Ein neues Entsetzen ergriff das Volk, man machte dem Ungeheuren Platz, alles wich zurück. So kam Pietro auf die freie Straße, doch nun besann sich der Pöbel, und mit Geschrei, Verfluchung und Schimpfreden verfolgte er den Fliehenden, der in Eil dahin rannte, indem sein Talar ihm weit nachflog, und die goldne Kette schallend auf Brust und Schultern schlug. Das Gesindel grub die Steine aus dem Boden und warf nach ihm, da es ihn nicht einholen konnte, und verwundet, blutend, triefend von Schweiß, die Zähne klappend vor Angst erreichte Pietro endlich die Schwelle seines Hauses.
Er verbarg sich in den innersten Gemächern, und der neugierige Beresynth trat fragend und forschend dem Pöbel und dem Andrang des Volkes entgegen. Nehmt die Teufelslarve, den Famulus, schrieen alle, zerreißt den Gottvergessenen, der nie eine Kirche besucht hat! Er wurde in die Straße geführt und gestoßen, auf seine Fragen, Bitten, auf sein Heulen und Schreien ward ihm keine Antwort, auch vernahm man in dem stürmenden Getümmel nichts anders als Flüche und Todesdrohung. Bringt mich ins Verhör! schrie endlich der Zwerg, da wird meine Unschuld offenbar werden! Die herbeigerufenen Schergen ergriffen ihn, und führten ihn nach dem Gefängniß. Alles Volk drängte sich nach. Hier hinein! rief der Anführer der Häscher, Ketten und Holzstoß warten Deiner. Er wollte sich losreißen, die Schergen packten ihn und stießen ihn hin und her, der faßte ihn amKragen, jener am Arm, der hing sich an sein Bein, um ihn fest zu halten, ein anderer packte den Kopf, um seiner gewiß zu werden. Indem sie ihn so unter Geschrei, Fluchen und Lachen hin und wieder zerrten, fuhren alle plötzlich auseinander, denn jeder hatte nur ein Kleidungsstück, Aermel, Mütze oder Schuh des Mißgeschaffenen, er selbst war nirgend zu sehn. Entflohen konnte er nicht seyn, er schien verschwunden, doch keiner begriff wie.
Als man Apone’s Zimmer erbrochen hatte, fanden ihn die Eindringenden todt und verblutet auf seinem Bette liegen. Man plünderte das Haus, die magischen Instrumente, die Bücher, der seltsame Hausrath, alles wurde den Flammen übergeben, und durch die ganze Stadt erscholl nichts als Verfluchung des Mannes, den gestern noch alle wie einen Abgesandten der Gottheit verehrt hatten. Der Abscheu, mit welchem sie sich von dem Trugbild wendeten, war nun um so größer.
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Als sich das Getümmel des aufgeregten Volkes etwas beruhigt hatte, wurde der Leichnam Pietro’s still in der Nacht, außerhalb des geweihten Kirchhofes, beigesetzt. Antonio und Alfonso versöhnten sich wieder, und schlossen sich dem frommen Theodor an, der zum zweitenmal, mit Feierlichkeit und einer andächtigen Rede, den Leichnam der schönen Crescentia in die ihr bestimmte Gruft legen ließ. Antonio konnte nun nicht länger in Padua bleiben, er wollte seine Vaterstadt wieder besuchen, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und sich dann vielleicht in einem Kloster aufnehmen zu lassen. Alfonso faßte den Entschluß, nach Rom zu wallfahrten, wohin der heilige Vater ein Jubeljahr und Ablaß von Sünden ausgeschrieben hatte. Nicht nur in Italienregte sich alles, sondern auch aus Frankreich, Deutschland und Spanien kamen viele Züge von Pilgrimmen an, um diese bis dahin unerhörte Feierlichkeit, dieses große Kirchenfest in der heiligen Stadt zu begehn.
Nachdem die Freunde sich getrennt hatten, verfolgte Antonio seine einsame Bahn, denn er vermied die große Straße, theils um seiner Schwermuth desto ungestörter nachhängen zu können, theils um die Schwärme zu vermeiden, die sich auf dem großen Wege drängten, und in den Nachtlagern beschwerlich fielen.
So seiner Laune folgend, streifte er durch die Fluren und die Thäler des Apennins. Einst ging die Sonne unter, und keine Herberge wollte sich zeigen. Indem die Schatten dichter wuchsen, hörte er seitwärts im Walde das Glöcklein eines Einsiedlers schallen. Er ging dem Tone nach und gelangte, als die Dunkelheit der Nacht schon hereingebrochen war, an die kleine Hütte, zu welcher ein schmaler Steg von Brettern über den Bach in das Buschwerk hinein führte. Er fand einen alten gebrechlichen Greis in tiefster Andacht vor einem Crucifixe betend. Der Einsiedler nahm den Jüngling, der ihn freundlich begrüßte, mit Wohlwollen auf, bereitete ihm im Felsen, der durch eine Thür von der Einsiedelei getrennt war, ein Lager auf Moos, und setzte ihm von seinen Früchten, Wasser und etwas Wein vor. Als Antonio erquickt war, erfreute er sich am Gespräche des Mönchs, der früher in der Welt gelebt und als Soldat manchen Feldzug mitgemacht hatte. So war es tiefe Nacht geworden, und der Jüngling begab sich zur Ruhe, indem ein anderer kranker und schwacher Mönch hereintrat, der mit dem Einsiedler in Gebeten die Nacht zubringen wollte.