Walther an seinen Freund.

Sehr richtig, erwiederte Ferdinand, und deshalb ist die getadelte Novelle des Neugierigen nur ein tiefsinniges Gegenbild,welches von einer andern Seite die Thorheit des Manchaners erläutert. Auch Anselm will das Unsichtbare, welches wir nur im edlen Glauben besitzen, sichtbar, körperlich in der Hand haben; das Richtige, Irdische soll ein Himmlisches vertreten und ihm die Gewähr der Treue und Liebe seyn. So zerstört er durch Aberweisheit, durchimpertinente curiosidad, was wir nicht übersetzen können, die Keuschheit und den Adel seines Weibes, die ohne diese Anfechtung wohl nie jene List und schreckliche Kunstfertigkeit, die widerwärtigen Feinde der reinen Unschuld, in sich entwickelt hätte. Zweifel also auf der einen Seite, und ein thörichtes Bestreben, das Unsichtbare sichtbar zu machen, zerstören so einen geistigen Schatz, jene Treue, die der Zweifler eben so mit Recht Aberwitz schilt, wie der edle Glaube sie für felsenfest ansieht und durch eigene Kraft ihr die Unerschütterlichkeit mittheilt.

Wir sind hierüber einverstanden, antwortete Walther, geht es Ihnen aber, theurer Ferdinand, nicht vielleicht eben so? Ihre aufgeregte Phantasie würdigt die schöne und bildreiche Seite des katholischen Cultus, Sie sind in unsern späten Tagen von jener Rührung durchdrungen, die einst kräftige Jahrhunderte begeisterten. Seit kurzem ist ein religiöser Sinn bei jungen Gemüthern in Deutschland wiedererwacht, Novalis und dessen Freunde sprechen, reimen und dichten, um das verkannte Heilige in seine Rechte wieder einzusetzen; aber diese Anerkennung, diese süße Poesie des stillen Gemüthes in der Wirklichkeit suchen oder erschaffen wollen, scheint mir ganz derselbe Mißverstand zu seyn, den wir eben charakterisirt haben.

Sehr wahr, warf sich Wachtel eifernd dazwischen, — wie schön ist es, wie uns Herder einmal auf den tiefen und rührenden Sinn mancher Heiligenlegenden hingewiesen hat;nachher hat der romanhafte Kosegarten einige mit mehr oder minder Glück vorgetragen. Im vorigen Jahre sah ich den Verfasser der Genovefa und des Oktavian wieder und er erzählte mir von einem Buch und zeigte mir einige Blätter davon, welches denselben Gegenstand behandeln sollte. Die Einleitung und Form war nicht unglücklich. In einem schönen Gebirgslande verirrt sich ein edler Jüngling, der ganz in der zweifelnden Aufgeklärtheit seiner Zeit erzogen, aber dabei schwärmerisch verliebt ist, in der Einsamkeit des Waldgebirges. Unvermuthet trifft er auf einen einsiedelnden Greis, der den Ermüdeten in seine Zelle aufnimmt und ihn erquickt. Des Alten Freundlichkeit gewinnt das Herz des jungen Mannes und sie werden ganz vertraut mit einander. Ueber den Beruf der Einsiedler, über die Wunder der Kirche, über die Legende und Alles, was sich in diesem Kreise bewegt, verwundert sich der Jüngling und kann es nicht unterlassen, auf seine Weise zu spotten und mit Witz des Zweiflers zu verhöhnen. „Wie? ruft der Greis dann aus, Du bist in Liebe entzündet, Du schwärmst für Deine Sophie und kannst doch kein Wunder fassen? Ist die Blume, das Band, welches Dein Mädchen berührt, die Locke, die sie Dir geschenkt hat, nicht Reliquie, empfindest, siehst Du an ihnen nicht Licht und Weihe, die kein andrer Gegenstand Dir bietet? Wo Du mit ihr wandelst, ist heiliger Boden, wenn sie Dir die Hand oder die Lippen zur Berührung reicht, bist Du verzückt, — und doch verkennst Du in der Geschichte der Vorzeit den Ausdruck dieser Liebe, in den seltsamen Entwicklungen begeisterter Gemüther, bloß weil sie diese Sehnsucht und Herzenstrunkenheit nicht auf ein Weib hingelenkt haben?“ — Der Jüngling wird nachdenkend und besucht den Alten nun, so oft er die Stunde erübrigen kann. In diesen Zeiträumen erzählt ihm der Greis jene wundersamenLegenden von Einsiedlern, Jungfrauen, Männern und Kirchenältesten, die ihr ganzes Gemüth der Beschauung des Himmlischen, der Entfaltung jener geheimnißvollen Liebe widmeten. Diese Kämpfe des Zweifels, diese Erscheinungen aus fremder Welt, diese uns unbegreiflichen Aufopferungen werden nach und nach vorgeführt, wo sich aus dem Erzählten selbst die Erklärung und das Verständniß ergiebt. Nach einigen Monaten kommt der junge Liebende wieder zum Greise und dankt ihm, wie einem Vater, der ihm den Geist geweckt und ihm ein neues Leben erschaffen habe; er sei darum auch entschlossen, in den Schooß der alten Kirche zurückzukehren. „Nein, ruft der Greis bei dieser Erklärung, verwechsele nicht diese unsichtbare Liebe, mein Sohn, mit den Zufällen der Wirklichkeit. Du würdest, anstatt des Göttlichen, nur die Schwachheit unserer Priester kennen lernen. Wozu, daß Du Deine innern Entzückungen, die im Geheimniß Deiner Brust Wahrheit und Bedeutung haben, in die kalte Wirklichkeit verpflanzen willst, an welcher sie erstarren und verwelken müssen?“ So rieth ihm derselbe Greis ab, der ihn erst in die Liebe und Bedeutung jener Visionen eingeweiht hatte. — Und ich wende das Resultat jenes noch nicht erschienenen Buches wieder auf Dich an, mein Ferdinand. Das erste Wahrnehmen, der Blick der Begeisterung, die Aufregung der Liebe findet immer und trinkt den reinen Brunnquell des Lebens; — aber nun will der Mensch im Schauen das Wahre noch wahrer machen, der Eigensinn der Consequenz bemächtigt sich des Gefühls und spinnt aus dem Wahren eine Fabel heraus, die dann oft mit den Wahngeburten der Irrenhäusler in ziemlich naher Verbindung steht.

Somit wäre also, rief Ferdinand aus, der Indifferentismus, der nur Alles gesehn und erfahren hat, nichts aber seinem Gemüthe sich einbürgern läßt, die höchste Weisheitund Menschenwürde! Es kann aber die Zeit kommen, in welcher edle Geister sich wieder öffentlich zu dieser Kirche, dem alten, echten Christenthum bekennen.

Möglich, sagte Walther, wüßte man nur bestimmt und klar, welches das älteste Christenthum sei. Jeder deutet sich die Sache in seiner Weise aus. Auch möglich, daß die jetzt vergessenen Pietisten durch diese religiöse Anregung und Begeisterung wieder erwachen; vielleicht giebt es in einigen Jahren deutsche Puritaner und Methodisten. Die geistige feine Linie, auf welcher hier das Wahre und Schöne schwebt, kann so leicht hüben und drüben überschritten werden; — und bemächtigt sich erst die Menge, die Leidenschaft, die Turba dieser Vision — welche Religions-Manieristen mögen da noch zum Vorschein kommen, wenn nicht sogar Verfinsterung und Verfolgung, Inquisition und Haß von katholischen Priestern und vermeintlich orthodoxen Protestanten wieder gepredigt wird. — Das scheint aber wohl, daß Verliebte in ihrer erhöhten Stimmung mehr der katholischen, als einer andern Kirche zugeneigt seien, und daß Sie, lieber Ferdinand, ein Verliebter sind, habe ich Ihnen angefühlt, seit wir uns dort hinten auf der Oder zuerst kennen lernten.

Ferdinand ward blutroth, und verleugnete schwach und stotternd die Anklage. Er ist eigentlich kein Jüngling mehr, sagte Wachtel, aber seit ich ihn kenne, ist er immerdar verliebt gewesen. Doch so tief, wie er jetzt seyn mag, ist es ihm wohl noch niemals ins Herz gegangen, denn er ist bedenklich und viel tiefsinniger und launenhafter als in ältern Zeiten.

In einer schönen Mondnacht fuhren die Freunde von Baireuth ab und kamen früh, schon vor Sonnenaufgang, in Streitberg an. Sie bestiegen die Berge und besuchten diemerkwürdigen Höhlen. Ferdinand, der, wie die Uebrigen, die Gegend schon kannte, war wie trunken von der schönen Natur. Ueber Ebermannstadt näherte man sich dann der Ebene; hinter diesem Orte sind die Wege so schlecht, daß man einen Vorspann von Ochsen herbeiholen mußte, um aus der versumpften Stelle den nicht schweren Wagen fortbringen zu können.

Hinter Bayersdorf streckt sich die sandige Ebene aus und man sieht ein großes, wüstes Schloß, welches in neuem Styl errichtet, aber nicht ausgebaut ist und als wunderliche Ruine dasteht.

Sehr begierig bin ich, so erzählte Ferdinand, hier einen ehemaligen Bekannten wieder aufzusuchen. Ich war ihm vor geraumer Zeit begegnet, und so kam er vor einigen Jahren wieder zu mir; er ist gelehrt und ein Enthusiast für die Dichtkunst; er läßt aber nur einzig und allein die Griechen aus der großen Zeit für Dichter gelten, und unter diesen stellt er wieder seinen Liebling Sophokles allen voran. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß er diesen auswendig weiß. Er kennt alle Commentatoren seines Freundes genau, er ist unermüdet, ihn zu studiren und die schwierigen Stellen zu erklären, so daß wir von diesem Eifer gewiß schöne Früchte erwarten dürfen. Dieser wackre Termheim, denn so heißt er, hat aber gar keinen Sinn für die Schönheiten der Neueren; oder vielmehr, er behauptet, sie, von seinem Standpunkte aus, zu verstehn und von dort ihre Nüchternheit und Verwerflichkeit einzusehn. Er belächelt mitleidig Diejenigen, welche den Shakspeare bewundern; er behauptet, die Barbarei dieses Naturkindes sei höchstens für den Psychologen interessant, der von seiner Stelle diese Waldnatur allenthalben zurecht weisen könne. Die Leidenschaften fast pathologisch richtig zu schildern, sei noch lange nicht hinreichend, umsich der Schönheit auch nur von fern zu nähern. Die Großheit der Alten habe recht geflissentlich alles das verschmäht, worauf die Neuern ihren Stolz gründen wollten. Unsern Göthe nennt er nur eine Ausgeburt neuester Kränklichkeit, der, zu schwach, das Große und Starke zu erfassen, und zu vornehm, um die eigentliche Gestalt des Lebens zu verstehn, in einer unsichern, schwankenden Mitte nur der Verzärtelung fröhne. Das klare Aetherlicht, der Hinüberblick über die Natur und Welt, jene gesunde Freiheit des Menschen, der Alles sieht und fühlt und sich nur dem Besten befreundet, sei nur in Homer, Pindar, Aeschylus und Sophokles zu finden, in Herodot, Thucydides, Plato und Aristoteles; mit Euripides und Xenophon melde sich schon das Krank- und Schlaffwerden der edeln Lebenskräfte. Unter den Neueren kann fast einzig und allein unser Winkelmann bei ihm Anerkennung finden.

Wenn dieser gelehrte Mann, sagte Wachtel, kein Pedant ist, so ist er ein Narr, der auch mehr vor das Forum der Pathologie, als der Kritik gehört.

Sein wir nicht so unbillig, erwiederte Walther, es kann wohl seyn, daß ein innigstes Durchdringen, ein tiefsinniges Anerkennen der echten Schönheit den Blick für die nah verwandte, wie vielmehr für die entfernte, abstumpft.

Das leugne ich eben, sagte Wachtel, die neue Zeit muß uns die alte, und umgekehrt die alte die neue erklären. Es sind zwei Hälften, die sich, um ein echtes Erkenntniß zu gewinnen, nicht trennen lassen. Solche absprechende, hochmüthige Einseitigkeit kann nur so sicher und stolz in sich selber ruhn, wenn ein völliger Mangel an Kunstsinn jeden Zweifel, wie jede tiefsinnigere Untersuchung unmöglich macht.

Spät nur kamen sie in Erlangen an. Dieser fränkische Kreis, sagte Wachtel im Gasthofe, bildet eigentlich das ganzeDeutschland recht hübsch im Kleinen ab. Hier sind wir nun wieder in der sandigen Mark Brandenburg; Tyrol im Kleinen ist nicht fern, der Rhein und die Donau werden von dem artigen Mainstrom recht hübsch gespielt, und Schwaben und Baiern liegen in den fruchtbaren und heiteren Landesarten dieses anmuthigen Kreises, in welchem die Physiognomie der Natur immer so schnell wechselt. Ich habe immer den Instinkt oder die Einsicht unsers alten Maximilian bewundern müssen. Wie er sich zur Martinswand hinauf verirrt hatte, stand er ziemlich hoch, vielleicht ist ihm in der Todesangst die Eingebung gekommen, sein deutsches Reich so richtig in zehn Kreise einzutheilen, wo in jedem Natur und Menschenstamm sich so bestimmt von benachbarten absondern; oder die dortige Vogelperspektive gab ihm den richtigen Ein- und Ueberblick.

Am folgenden Morgen machte ein jeder der Reisenden seine Besuche. Walther erhielt einen Brief, indem er allein war, und sowie er ihn öffnete, rief er: ha! in Bamberg also! Endlich doch eine bestimmte Hinweisung. Ferdinand hatte seinen älteren Freund, den Professor Mehmel, besucht, wo er die Bekanntschaft des reformirten Pfarrers Le Pique machte, zu dessen warmer Herzlichkeit er sich sogleich hingezogen fühlte.

Nachmittags gingen die Freunde zu dem griechischen Gelehrten Termheim. Er freute sich sehr, Ferdinand wiederzusehen, indem er sich, ganz erhitzt, aus einem Schwall von Büchern und Papieren erhob. Jetzt werden wir einig seyn, rief er dem Freunde zu, wie sehr hatten Sie Recht, Verehrtester, mich wegen meiner einseitigen Bestrebungen zu tadeln. Jetzt begreife ich erst Ihre Natur, Freundlichster der Menschen, denn gewiß müssen wir uns unter dem Nächsten umsehn, um uns mit dem Fernen zu verständigen.

Erlauben Sie, unbekannter Herr, fiel Wachtel ein, ich will gewiß keine Blasphemie sagen, aber Sie verstehn mich wohl, wenn ich den Spruch hierauf anwende: wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? — Die Neueren, von Dante an, Ariost, dann Shakspeare und besonders unser Göthe, alle Diese sind unsre Brüder und Gespielen, mit uns aufgewachsen, und wenn ich von Denen nichts begreife, die doch in demselben Elemente mit mir hantiren, — wie soll ich jene fassen, die mir durch Jahrtausende entrückt sind?

Sehr wahr, rief der Begeisterte aus, und so freuen Sie sich denn mit mir, Sie fremder oder längstgekannter Freund, daß unser Werth mir endlich aufgegangen ist; ich habe ihn, den Deutschen, nun endlich ausgefunden, der die Griechen überwiegt und übersieht.

So haben Sie, rief Ferdinand, Göthe’s schöne Natur endlich verstanden? Wenn Sie auch sein Lob übertreiben (und kann man wohl einen so großen Mannüberschätzen?), so freue ich mich doch, daß wir jetzt, nach Jahren, endlich derselben Ueberzeugung geworden sind.

Göthe! rief der Gelehrte mit einem sonderbaren Ausdruck des Unwillens aus, — dieser verstimmte, kranke Geist! Nein, so sehr werde ich mich nie vergessen, diesen über meine angebeteten Griechen zu erheben.

Nun, fragte Ferdinand sehr gespannt, wer ist es denn also von unsern Deutschen, der Ihnen das Verständniß eröffnet hat?

Und Sie zweifeln noch? rief jener; kann man so verblendet seyn? Sehen Sie denn nicht hier die vielen Bände seiner unvergleichlichen Werke? Wer als der einzige, unvergleichliche Kotzebue kann mit den Heroen der Welt um die Krone ringen? Unablässig, tief in die Nächte hinein, studireich jetzt die begeisternden Productionen dieses Genius. Seine Schalkheit, sein Witz, seine Darstellung der Leidenschaften, seine Charakterzeichnung der Menschen aus allen Ständen und Ländern, die Malerei seiner naiven Mädchen, das tiefe Gefühl der Liebe, die Scenen der Armuth und des Erbarmens, diese lächerlichen Personagen, die doch nicht übertrieben sind, die Mutter-, die Kindesliebe, die Kenntniß der Vorzeit, Alles, Alles, was man nur als rühmlich erwähnen kann, vereinigt dieser Geist in seinen Werken und überflügelt durch seine Vielseitigkeit Sophokles und alle Griechen.

Gewiß! rief Wachtel, der sich zuerst von seinem Erstaunen erholt hatte, diese Griecherei ist nur eine Kriecherei und Kotzebue kann künftig als Fluch oder Betheuerung dienen, wie man wohl mißbräuchlich Kotzsapperment! oder Kotzelement statt Gottes Element auf ungezogene Weise sagt.

Mehr als verwundert über diese neue Lehre gingen die Reisenden in ihren Gasthof zurück.

———

In Erlangen war am Johannistage ein Student beim Baden ertrunken. Die besten Schwimmer hatten ihn nicht retten, die künstlichen Mittel den Jüngling nicht ins Leben zurückrufen können. Man war einem alten, angesehenen Manne böse, welcher Alles für unnütz erklärt hatte, weil jeder Fluß an diesem bedenklichen Tage sein Opfer fordere. Die jüngern Leute vorzüglich schalten mit Heftigkeit auf solchen Aberglauben, der in manchen Gegenden den gemeinen Mann wohl selbst hindere, rettend beizuspringen. Wachtel bemerkte, daß es in Deutschland noch immer Provinzen und Städte gebe, wo der Bürgersmann des festen Glaubens sei, daß am Johannistage einer aus dem Orden der Freimaurer vom Teufel geholt werde. Als man bei Le Pique, dem verständigenPfarrer versammelt war, wo sich der scharfsinnige Naturforscher Serbeck, sowie der Professor Mehmel eingefundenhatten, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in jener Kunst gesprochen war, durch welche Scheintodte wieder zum Leben gefördert werden können, Wachtel folgende Rede:

Verehrte Gesellschaft und präsumtive Zuhörer!

Ich will gewiß nicht zurückbleiben, die Größe unserer Zeit anzuerkennen, blicken wir aber rückwärts, um nicht zu einseitig zu werden, so gebe ich mich für den Geschichtschreiber, oder Bemerker, oder Würdiger einer nicht ganz neuen, aber noch eben nicht besprochenen Kunst — der Kunst nehmlich, dieScheinlebendigen zu tödten.

Es sei mir erlaubt, von unsern Vorfahren anzuheben. Ehe die Welt, nehmlich unsere Erde und ihre atmosphärischen Pertinenzien zur Schöpfung, wie der Rahm, zusammengeronnen war, gab es, dem Sein gegenüber, ein Nichtsein. Von diesem Nichtdaseienden wurde lange Zeit keine Notiz genommen, denn es machte sich nicht merkbar. Leiber und Geister trieben ihr Wesen hand- und fußgerecht, und man lebte so recht frisch auf Gottes Güte und in den alten Kaiser hinein, als wenn diese Zeitlichkeit schon die reelle künftige Ewigkeit wäre. Neben kräftiger Tugend und vielfachen Thaten nahmen sich Uebermuth und Laster denn freilich auch Vieles heraus, und wie rüstige Kupferschmiede hämmerten Gute und Böse mit leidenschaftlichem Treiben auf das Leben los, daß Propheten und fromme Menschen oft dachten und weissagten, die ganze Schöpfung müsse zusammenbrechen. Jahre kamen, Jahre gingen. Schwermuth, Empfindsamkeit, Sentimentalität, Ohnmacht und Unkraft zu Tugend oder Laster gingen im Schwange: — es war nehmlich die Zeit gekommen, wo sich das uralte Nichts allgemach in das Dasein eingeschustert und eingeschlichen hatte. Ich konnte aus der Welt und meinensonst löblichen Nebenmenschen nicht klug werden, bis mir denn ein Seherblick einmal in einem merkwürdigen Traume aufging. Im Orbis Pictus hatte ich in meiner Kindheit mir wohl die Umrisse in feinen Punkten eingeprägt, welche in jenem Buche die Formen der Seelen ausdrücken sollten. Wie ich also im Traume meinen Guide, einen weisen Geist, nach dem Zustande der Dinge fragte, that mir dieser mein inneres Auge auf, und — o Jupiter! o Gemini! wie sah ich Alles anders! Viele Menschen waren robust, voll, kurz angebunden, von sich und ihrer Meinung überzeugt. Andere thätig im Gewerk und Landbau, — aber Unzählige liefen, von allen Ständen und Altern, so als fein gepunktete Schaaren herum, nichts wissend, wollend, denkend, aber sich vieler Dinge anmaßend. Wundre dich nicht, sagte mein Engel oder was mein Führer seyn mochte, über diese Entdeckung, welche du jetzt machst. Es ist nicht ohne, daß die Welt allgemach wieder ihrem Untergange entgegenwandelt. Die Nichtigkeit hat sich in alle Räder und Schwungtriebe der großen Maschine eingeschlichen. Der Mensch war als der Mittelpunkt mit seiner Kraft hingestellt, um den Körper der Welt, damit er niemals ein Leichnam werde, frisch zu erhalten. Jetzt werden es, ich weiß nicht wie viele Jahre seyn, daß die Menschheit auch mit Nullitäten angefüllt ist. Alles das Punktirte, was du wahrnimmst, sind Leiber ohne alle Seelen. Diese Körper stellen sich nur lebendig an und führen ein Scheinleben.

Abscheulich! rief ich aus: ich sehe fast mehr Tättowirte, als wirkliche Menschen. Kann die Vorsehung denn dergleichen zugeben oder gestatten?

Die Vorsehung, erwiederte mein geistlicher Präceptor, bedient sich in allen Dingen mittelbarer Mittel, und greiftniemals persönlich in ihr geschaffenes, vielseitiges Getriebe. So hat sie denn, damit diese Scheinlebendigen nicht am Ende alles wirkliche Leben verdrängen und allein von der Erde Besitz nehmen, Gesetzgeber, Fürsten und echte Volkslehrer inspirirt, die sich, so viel es möglich ist, diesem Unwesen widersetzen und das Reich der Nichtigkeit auf verschiedene Weise zu zerstören suchen.

Recht! Recht! sprach ich eifernd: o groß ist Allah! würde der Muselmann hier ausrufen. — Da war eine sehr weise Cantoneinrichtung, wo die Punktirten, Nichtigen, die Eindringlinge so von Lieutenants, Fähndrichen und Unteroffizieren tribulirt, gehänselt, geplagt und ganz simpel geprügelt wurden, daß wirklich viele von diesen Scheinlebenden die Geduld verloren und sich wieder aus dem Staube machten. Ob ein Knopf so oder so saß, die Binde um den Hals um das Sechzigtheil eines Zolles zu niedrig oder zu hoch war, war ein Capitalverbrechen. Was man nur an dem Volke zwicken und kneifen konnte, geschah redlich, und ich mußte nur mit innigem Bedauern sehen, daß auch wirkliche lebendige Menschen von der übrigens weisen Anstalt molestirt wurden. Liefen die Kerle etwa davon und wurden wiedererhascht, so war ihnen eigentlich das Leben abgesprochen; die Gnade erhielten, wurden so mit Ruthen gestrichen, daß sie auch oft die Verstellung aufgaben, die Maske fallen ließen und wirklich starben. O wie trefflich fand ich die Schulen und Universitäten versorgt! Eine so fürchterliche Langeweile wurde mit Kunst da vertrieben, daß eine eiserne Geduld dazu gehörte, um sich nicht in diesen sogenannten Wissenschaften sterben zu lassen. Half Alles nichts, so wurden die Scheinseelen nachher noch examinirt, und von neuem ins Examen genommen, und wieder geprüft, daß Viele wirklich sich während dieses Examinirens davon machten. War aberAlles umsonst, so hatte man eine wundersame Art von Bündel erfunden, die man Akten nannte und die sich unsterblich immer vermehrten und vermehrten, diese wurden den Gequälten ins Haus geschickt, um wieder neue Akten daraus zu machen, so daß sehr viele zu sterben sich entschlossen. Nun gab es außerdem noch Trinkstuben, wo man mit Verstand schlechten Wein und noch schlechteres Bier fabricirte, um das elende Volk zu vergiften. Von dem Branntwein, der noch schneller wirkte, brauche ich gar nicht einmal zu sprechen. Hübsch war es auch, daß das Spazierengehen und die Freude an der Natur war erfunden worden, um das unnütze Volk aus dem Wege zu räumen: denn schon in den Schulen wurde es den Kindern beigebracht, daß sie sich ja regelmäßig erkälten müßten, weil es so möglich war, daß sie doch irgend einmal am Naturgenuß erstarben. Oft blitzte es in den punktirten Nichtseienden: es kam wie ein Bewußtsein über sie, daß sie leere Särge wären, es schien, als wollten sie sich zu Tausenden ermannen, um wie die Fliegen hinzufallen, damit das nüchterne Spiel nur aus sei. Es wäre auch wohl geschehen, und die Staatstabellen würden über die ungeheure plötzliche Sterblichkeit gewinselt haben, — aber da gab es eine höllische Erfindung, die ihnen trotz Prügel, Akten, Examen, Naturgenuß, Bier und Branntwein dennoch dies lumpige nicht lebendige Leben wieder annehmlich machte — sie rauchten nehmlich Tabak, um sich von dem entsetzlichen Gedanken, der sie befallen hatte, daß es ein wirkliches Leben gebe, wieder zu erholen und zu zerstreuen. — Ich sah nun ein, daß diese Tödtungsanstalten in jeder Hinsicht als Wohlthat für die wirklich Lebenden zu betrachten seien, und daß viele Menschenfeinde und der Verfasser „des menschlichen Elendes“ wohl anders würden geschrieben haben, wenn ihnen, wie mir, das Auge wäre eröffnet worden.Freilich möchte sich bei Untersuchung finden, daß die meisten dieser Autoren auch nur Scheinmenschen sind. —

Die Gesellschaft begab sich am andern Tage nach Nürnberg, um die Merkwürdigkeiten dieser guten alten Stadt in Augenschein zu nehmen und den lebenden Panzer und Dürers Grab auf dem Johanniskirchhof zu besuchen. Die schönen Kirchen und das Rathhaus wurden mit Aufmerksamkeit betrachtet, und im rothen Rosse, dem besten Gasthofe, erzählte Walther, wie vor zehn Jahren in diesem Hause sich etwas Seltenes zugetragen habe. Freysing, ein Student von Kopf, aber leichten Sitten, hatte in Erlangen weit mehr verbraucht, als ihm sein wohlhabender Vater bewilligt hatte. Eine große Schuldenlast drückte ihn, der letzte Wechsel, der ihm, um abzugehen, gesendet wurde, reichte bei weitem nicht aus. Er bezahlte daher nur die ärmsten seiner Gläubiger und verjubelte mit seinen Trinkbrüdern auf Spazierritten und in frohen Gelagen die ganze Summe. Am letzten Tage besaß er nur noch sechs Louisd’or, die kaum hinreichten, um auf dem gewöhnlichen Postwagen und mit Entbehrungen aller Art in seine Heimath zu gelangen. Ob mein Alter, rief er im Uebermuthe aus, jetzt mehr oder weniger schilt, kommt auf eins hinaus, denn mit dieser Lumperei reise ich auf keinen Fall zurück. Er ging nach Nürnberg und wagte die wenigen Goldstücke im Pharo. Das launische Glück war ihm so wunderbar günstig, daß er in einer Nacht so viel gewann, daß er allen seinen Gläubigern bis auf den letzten Heller zahlen konnte, welches mit Wucherzins eine sehr ansehnliche Summe ausmachte, und noch tausend und mehr Thaler von seinem Gewinne übrig behielt.

Beim Kunsthändler Frauenholz sahen die Freunde ein wundersames Bild von einem unbekannten Meister. Es ist die Mutter mit dem Kinde, ein gewöhnlicher Gegenstand,aber hier mit einer Innigkeit behandelt, die die Beschauenden entzückte. Sie küßt das Kind, und der Ausdruck in Mund und Augen ist so herzlich und ergreifend, daß man, obgleich die Gestalten nicht eigentlich durchaus schön sind, nichts Süßeres und Lieblicheres finden kann. Das Antlitz der Mutter ist so zart und fein gemalt, daß es wie aus aufknospenden Rosen gebildet ist. Die Nebensachen, Blumen und Verzierungen sind mit einem liebevollen Fleiß behandelt. Der Besitzer schrieb es unverständig dem Lucas von Leyden zu. Der Preis von zweitausend Gulden, den er forderte, war für einen Reichen nur eine mäßige Summe, um mit dieser Wunderblume sein Gemach auszuschmücken.

Als sie nach Erlangen zurückgekommen waren, reiseten sie am folgenden Morgen nach Pommersfelden. Man war verdrüßlich über den schlechten Weg, und Wachtel suchte sie mit Scherzen zu erheitern. Unter anderm sagte er, als sie von der Gemäldegallerie in Pommersfelden sprachen: Es ist sehr verdrüßlich, daß sich die Kunstgeschichte immerdar erweitert. Unzufrieden mit dem Besitz, entdeckt man neue Zeiten, Manieren, Unterschiede und Künstlernamen, von denen unsre guten Vorfahren nichts wußten. Wer sonst ein steifes Bild sah, nannte es zu seiner und Aller Befriedigung einen Albrecht Dürer, wie sie es in Italien noch machen. Konnte man bei einer etwas abweichenden Manier den Namen Lucas von Leyden einsetzen, so galt man schon für einen Gelehrten. Dergleichen Abkürzungen und Anhäufungen vieler auf Einen Namen ist immerdar in Geschichte wie Mythologie sehr ersprießlich gewesen; man kann mit Einem Herkules, Sesostris und Pharao zufrieden seyn, diese behalten sich, und man muß es der Abbreviatur der Vorzeit danken, daß sie uns das Studium bequemer eingerichtet hat. Die Aufstöberer von Unterschieden und neuen Personen sind als Aufrührerzu betrachten, die die legitimen, wohlerworbenen Rechte jener Gesammtmenschen umstoßen wollen. So war vor zehn Jahren eine vortreffliche ältliche Castellanin in Pommersfelden, welche den Fremden die Zimmer des Schlosses und die Gemälde zeigte und erklärte. Es giebt einen berühmten Correggio, von welchem jede Gallerie wenigstens ein Stück besitzen will, drei Caracci, Ludwig, Augustin und Hannibal, zwei Caravaggio, den frühern und spätern, dazu glaube ich noch einen Cagnacci, zwei Carpaccio ungerechnet, diese Herren sämmtlich, nebst allen, die nur irgend mit ihrem Namen sich demaccinäherten, hatte die unvergleichliche Frau mit weiser Umsicht in den einzigen berühmten MalerKarbatschzusammengearbeitet. Auf diesen großen Meister wälzte sie zugleich alle jene Bilder, auf deren Urheber sie sich nicht besinnen konnte.

In der Gallerie befindet sich ein schönes Bild, welches dort Rafael genannt wird: eine Mutter mit dem Kinde. Es hat einen wundersamen Ausdruck und den Anschein wie aus der ältern lombardischen Schule. In dem großartigen Styl ist zugleich wie etwas moderne Sentimentalität. Das Bild hat an einigen Stellen gelitten und es scheint fast, als ob es durch die hinzugefügte Urne irgend eine persönliche Beziehung habe.

Mit großer Freude sahen die Reisenden das alte Bamberg wieder. Von Würzburg schrieb Walther an seinen Freund nach Warschau:

Würzburg, den 10. Julius 1803.

Ich verzweifle jetzt fast, eine Spur zu finden, da meine Hinweisung auf Bamberg nur eine trügende war. Ein Doctor Marx, der aus dem Polnischen hieher gezogen ist und seit wenigen Monaten hier lebt, sollte mir Nachrichtengeben, wo sie, Maschinka, sich verborgen habe, oder wo derjenige hier in der Gegend sei, dem sie zu folgen sich hat bereden lassen. Wir lernten einen Narren in Erlangen kennen, der den Kotzebue höher als alle Autoren stellt, und meine neuen Freunde spannen über diese Erscheinung, die mir nicht so wichtig schien, vielfältige Betrachtungen aus. Wachtel behauptete, in jedem Menschen stecke irgendwo etwas, das, gepflegt oder durch Leidenschaft aus seinem Winkel zu sehr hervorgezogen, zur bestimmten Narrheit werden könne. Auch erscheine wohl ein jeder Mensch andern aberwitzig und verrückt, wenn diese ihn mit der Ueberzeugung, er sei unklug, anhörten und betrachteten. Ich bekämpfte diese Meinung. Nachdem wir den alten Dom in Bamberg besehen hatten, über welchen Ferdinand in übertriebene, thränenweiche Entzückung gerieth, machten wir dem berühmten Doctor Marcus einen Besuch. Er zeigte uns die unvergleichlichen Krankenanstalten und erzählte uns von der Art der Behandlung, so wie von manchen sehr merkwürdigen Leidenden. Ich konnte nicht begreifen, warum er mich so besonders ins Auge faßte. Als wir in der Abtheilung waren, in welcher die Geistesverwirrten verpflegt wurden, waren, indem ich mich umsah, meine Gefährten verschwunden. Es kam mir vor, als hätte früher Wachtel mich noch einigemal mit einem seltsamen Blick von der Seite betrachtet. Verstimmt wie ich war, gefielen mir des Doctors Mienen, den ich jetzt beobachtete, ebenfalls nicht. Mit einemmale überraschte es mich, daß dieser Mann jener Doctor sei, der mir Nachricht von der Entflohenen geben könne. Ich erkundigte mich mit leidenschaftlicher Heftigkeit, erzählte, fragte, beschrieb und wurde immer ungeduldiger, je weniger er auf meine Reden eingehen oder mich verstehen wollte. Als ich Abschied nahm, sagte der Mann mit der größten Freundlichkeit: Sie bleiben fürs Erste bei uns, undes wird Ihnen schon bei uns gefallen. Ich habe schon seit acht Tagen die Nachricht empfangen, daß Sie eintreffen würden, und so wie Sie nur mein Haus betraten, erkannte ich sogleich in den ersten Reden Ihr Uebel. Ihr Zustand ist noch nicht der schlimmste; nur müssen Sie fürs Erste jene Geschichte, die Sie mir da erzählt haben, sich ganz aus dem Sinne schlagen, und ich werde schon für Unterhaltung und Zerstreuung sorgen. Es ergab sich nun, daß er mich für einen Geisteszerrütteten hielt, welchen er erwartete, und ebenfalls, daß er nicht jener Marx sei, mit welchem ich ihn in leidenschaftlicher Uebereilung verwechselt hatte. Indessen mußte ich bis in die späte Nacht dort bleiben, weil er sich von meinem richtig eingefügten Verstande durchaus nicht überzeugen konnte. Endlich waren meine Reisegefährten in unserm Gasthofe wieder angelangt, sie kamen und brachten meine Brieftasche und meinen Paß mit, nach dessen Besichtigung und ihrem Zeugniß wurde ich dann als ein Kluger entlassen, nachdem der ironische Medicus mir noch viele Entschuldigungen machte, und ebenfalls behauptete, daß man jeden Menschen, auch seinen besten Reden nach, für einen Irren halten würde, wenn man das Vorurtheil einmal gegen ihn gefaßt habe. Am folgenden Morgen suchte ich den einfältigen Doctor Marx auf, der von gar nichts wußte und von mir zuerst die Begebenheit erfuhr.

Wir besuchten Bambergs schöne Umgebungen und begaben uns vorgestern nach dem Schlosse Glich, einer merkwürdigen, gut erhaltenen Ruine. Noch viele Zimmer sind im Stande und zeigen uns die Wohnung der Vorfahren deutlich. Eine herrliche Aussicht ist von oben auf Bamberg hinab. Ein alter Förster wohnt oben, der nicht zugegen war, und seine Tochter, ein wunderschönes Mädchen, der die einfache bürgerliche Kleidung sehr gut stand, führte unsherum. Unser Ferdinand, der schon seit einigen Tagen noch schwärmerischer ist, als sonst, war über Alles entzückt. Er schwatzte so viel und war dann wieder so verlegen, daß ich glauben mußte, er habe sich urplötzlich in das Mädchen verliebt. Als wir Alles betrachtet und unsern Dank zugleich mit einem Geschenke ausgesprochen hatten, und sie sich entfernt hatte, rannte der Schwärmer noch einmal zurück und dem Mädchen nach, unter dem Vorwande, daß er seine Brieftasche in einem der Säle habe liegen lassen. Wir wandelten indessen draußen umher und mußten ziemlich lange auf ihn warten. Sehr erhitzt und verlegen, wie es schien, kam er endlich zu uns zurück. Er ward aber zornig, wie ich ihn noch nie gesehen habe, als sich Wachtel einige unfeine Scherze und Anspielungen erlauben wollte. Oben liegt auf einem steilen Felsen eine Kapelle, sie war offen, von hier zeigt sich Alles umher reizend und lieblich. Ein uralter Greis schlich mit langsamen Schritten an seinem Stabe aus der Kapelle die Stufen der Treppe hinab: ein rührender Anblick. Ferdinand ging in die Kapelle, und als er sich nicht mehr von uns beobachtet glaubte, nahm er vom Weihbrunnen und bekreuzte sich mit andächtiger Miene, dann kniete er vor dem Altare nieder. So sind die Menschen. Er trat wieder zu uns, und Keiner mochte von Dem sprechen, was wir gesehen hatten, weder im Scherz noch Ernst.

Schon in Bamberg hatte er im Dom vor einem wunderlichen alten Marienbilde mit der tiefsten Rührung gestanden. Die Madonna ist hier in einem Charakter dargestellt, der völlig von dem gewöhnlichen und hergebrachten abweicht. Das Bild ist auf Goldgrund, goldne Strahlen umgeben es wie Flammen von allen Seiten. Es ist eine Copie nach einem alten florentinischen, welches schon seit lange mit Tüchern verhängt und dem Anblick unzugänglichgemacht ist, weil es dort in Italien auf die gläubigen Beschauer die ungeheuersten Wirkungen soll ausgeübt haben. Ferdinand scheint mir gar nicht ungeneigt, alle dergleichen Wunder zu glauben und für wahr zu nehmen. Wohin verirrt sich der Mensch, wenn Leidenschaft und Phantasie seine einzigen Führer sind!

Wir aßen wieder in Bamberg, gingen dann Nachmittags nach dem reizend gelegenen Buch und fuhren in lieblicher Abendkühle auf dem Wasser nach der Stadt zurück.

In der Stadt hat Ferdinand allerhand alte katholische Sagen und Legenden zusammengekauft. In Glich war er entzückt, dem dortigen Küster ein bambergisches Gesangbuch, wonach er in der Stadt vergebens gesucht hatte, abschwatzen und abkaufen zu können. Dieses hält er für einen großen Schatz und er las uns sogleich viele der Gedichte vor, die allerdings einen lieblichen frommen Sinn athmen, wenn man sich einmal diesen träumerischen Gefühlen, diesem Anklang wiederkehrender Wunder, diesem vertraulichen, kosenden und zärtlich glühenden Verhältniß zu Gott, dem Heiland und dessen Mutter hingeben kann. Dann erscheinen die Heiligen, die Schutzgeister, Christus, wie oft, in Kindergestalt, so auch die Abgestorbenheit so vieler Mönche und Einsiedler. Auch mit der Natur tritt ein geheimnißvolles Liebesverhältniß ein, wie es in den zart duftenden Liedern des Spee uns so innig rührt, die der Schwärmer hier auch aufgetrieben und uns Abends aus dem Büchelchen mit großer Bewegung vorgelesen hat. Und dann muß ich wieder an die Begebenheit mit der Försterstochter denken. Vielleicht ist es die Pflicht des Freundes, einmal ernsthaft mit ihm darüber zu sprechen.

Seine Stimmung ist übrigens im schreiendsten Contrast mit dem, was die neue bairische Regierung hier thut undwie manche ihrer Beamten sich hier betragen. Du weißt, daß die Stifter Bamberg und Würzburg, diese alten geistlichen Fürstenthümer, unlängst dem Churfürsten von Baiern zugesprochen worden sind. Eiligst hat man, um mit Rom und dessen Hierarchie ganz und auf immer zu brechen, alle Klöster aufgehoben, die Mönche zum Theil vertrieben, theils auf sehr schmale Pension gesetzt. Alles hat den Charakter angenommen, daß der gemeine Mann es wie eine Sache nimmt, die den ehemaligen Christenverfolgungen ähnlich sieht. Es ist unklug und unschicklich, wie im Dom, während am Nebenaltar eine stille Messe gefeiert wurde, die silbernen Kirchengefäße und sauber gearbeiteten Crucifixe in Kisten mit dem größten Geräusch und Lärmen gepackt und geworfen wurden. Die Käufer der Sachen waren zugegen und man zerbrach einige Kreuze mit großem Geräusch, die sich dem Kasten nicht fügen wollten. Den frommen abgesetzten Fürstbischof, so erzählt man, hat man in den Gemächern der Residenz gestört und gequält, indem man von allen Seiten Bauanstalten traf, einriß und verbesserte, ohne von ihm die mindeste Notiz zu nehmen. Viele Geistliche wandeln im stillen Grimm umher, den Küster im Dom sah ich in verbissener Wuth bei jenem Getöse Thränen vergießen. Viele gemeine Leute (das Volk ist hier religiös, selbst bigott) werden irre an sich und ihren Vorgesetzten.

Alles, was so unziemlich geschieht, ist denn wohl ein Rückschlag von vielen, welche jetzt regieren, da sie lange die Geißel und Verfolgung der Priester und Pfaffen erdulden mußten. Die Hauptumwälzung, die sich hier zugetragen hat, ist von der Zeit selbst herbeigeführt worden, sie ist vielleicht zu entschuldigen, kann seyn, daß sie nothwendig war; aber mit Anstand und Schonung konnte alles Unvermeidliche und Festbeschlossene geschehen, die politische Begebenheitbrauchte nicht den Charakter einer verhöhnenden Rache anzunehmen.

Ueber diese Gegenstände ist Ferdinand empört und ergrimmt, und er zügelt seine Worte nicht, wenn er mit den Freunden dieser Neuerung spricht. Er behauptet, daß wir es Alle noch erleben würden, wie man neue Klöster stiftet, und er verachtet das spottende Lächeln seiner Gegner.

Vieles Schöne ist in dieser Reform schon zu Grunde gegangen, noch mehr wird verschwinden, aber meine trüben Blicke werden nicht bloß durch Das, was wir jetzt sehen, was dicht vor uns liegt, so tief bekümmert; — was soll aus allem Besitzstand werden, da dies so schnell ohne Widerspruch hat eintreten können? Wo ist eine Sicherheit für irgend eine Regierung? Welche Folgerungen wird die Zeit, ein fremder Sieger, die Politik aus diesen Vorgängen ziehn?

Wie hat sich seit zehn Jahren die Welt verändert! und es scheint, als würden alle Verwandlungen immer rascher und rascher auf einander folgen.

Du siehst, ich fange an, Deine Cousine, die Strafe des Liebhabers, Deine und meine Angelegenheit über dergleichen Gedanken und Befürchtungen zu vergessen.

Würzburg, den 11. Julius 1803.

Ich schreibe Dir sogleich noch einmal nach meinem kaum abgegangenen Briefe, denn das ist das Mittel, mich zu zerstreuen und zugleich zu sammeln. Ich kann mit meiner Umgebung nicht Das sprechen, was mich am meisten interessirt, und so unterhalte ich mich mit Dir.

Hier in der Stadt ist unser Ferdinand in seinem Element. Es ist wahr, ich habe noch niemals eine so feierliche Messe erlebt, als die war, die gestern im Dom uns Alle bewegte; an neun Altären war zugleich Gottesdienst, eine Prozession der Domherren, die in schöner malerischer Tracht waren, ergötzte das Auge.

Die Stadt wimmelt von Fremden, Alles drängt sich, denn es ist zugleich der größte Jahrmarkt. Das Schloß in der Stadt ist prächtig und wohl eins der größten in Europa. Ein wunderliches, knitterndes Echo ist unten vor der Treppe, an dem wir uns Alle wie die Kinder erlustigten. Heut Nachmittag trieben wir uns wieder im Jahrmarktsgedränge um, welches vorzüglich in einer fremden Stadt etwas Bezauberndes hat. Vor dem Thore ging ein uralter Capuziner von sehr ehrwürdiger Gestalt, dem kleine Mädchen im Vorübergehen mit Ehrerbietung die Hand küßten. Diese seltene Ruine einer ehemaligen Zeit verfolgte unser Ferdinand lange mit seinen sehnsüchtigen Blicken, und es schien der Wunsch in seinen gerührten Augen zu liegen, daß er gern an die Stelle der unmündigen Mädchen getreten wäre.

In einer frohen Jahrmarktstimmung traten wir in eine hohe hölzerne Bude, in welcher eine Art von Caroussel mit einer russischen Schaukel vereinigt war. Indem die schwebenden Sitze auf und nieder gingen, stach ein Jeder der Sitzenden mit einer Lanze nach einem Ringe. Der Besitzer und Erfinder dieser schwebenden Kunstanstalt erklärte uns mit vieler Genügsamkeit die Herrlichkeit seiner neuen Erfindung. Steigen Sie ein, rief er, und wenn Sie gleich nur Dreie sind, so werden Sie doch das Kunstwerk genießen können, denn darauf bilde ich mir am meisten ein, daß ich es so eingerichtet habe, daß der angefüllte schwere Sitz niemals den leichten, ihm gegenüberstehenden durch seine Lastniederzieht, wie dies an den ordinairen einfältigen russischen Schaukeln der Fall ist, wo die unwissenden Menschen sich alsdann mit eingelegten Steinen zu helfen suchen, wenn ein Sitz ledig bleibt. Wie die Kinder ließen wir uns bereden hineinzusteigen. Die Maschine ging sehr hoch und ein Nervenschwacher hätte wohl Schwindel empfinden können. So stiegen wir auf und ab und stachen mit mehr oder minder Glück die Ringe ab.

Plötzlich entsteht draußen ein lautes Geschrei. Die Thür der Bude wird aufgerissen, und ein wunderschöner Lockenkopf, das Antlitz eines himmlischen Mädchens blickt wie ein Blitz auf einen Augenblick in die Narrenbude. Sie schreit auf, so wie sie uns da schweben sieht, undMaschinkakreischt einer; ob Ferdinand, ob Wachtel, ob der Herr des Kunststückes, das konnte ich nicht unterscheiden, der Maschinendreher war es nicht, denn dieser orgelte noch einen Augenblick an seinen Kunsträdern. Das Mädchen ist verschwunden und Ferdinand, der unten schwebt, springt aus seinem Käfig, der Eigenthümer des Kunstwerkes ihm schreiend nach, dies erschreckt den subalternen Drehkünstler, er rennt auch hinaus, und Wachtel kann eben noch vom Einfluß der Bewegung so viel genießen, daß er im Herabschweben seinen Sitz verläßt, ebenfalls hinausläuft und die Thür der Bude hinter sich zuschlägt.

Aber ich — ich nun oben, auf dem höchsten Punkte, in meiner Schwebekutsche sitzend, hatte nun Zeit und Gelegenheit, das Schicksal und die zu künstliche Einrichtung der verfluchten Maschine zu verwünschen! O wie sehr hätte ich sie gelobt und verehrt, wenn ich durch eigne Schwere jetzt herabgesunken wäre, um auch das Freie zu suchen und jenem Mädchen nachzulaufen. Ich sah mich in meiner obern Sternregion um, ob ich nicht aussteigen und die vierzig oder funfzigFuß hinunterklettern könne. Aber es war ganz unmöglich. Durch die eine Ritze konnte ich etwas von Stadt und Feld erblicken, aber in der entgegengesetzten Richtung, in welcher sich jene Erscheinung gezeigt hatte.

Endlich, es mochte wenigstens eine halbe Stunde verflossen seyn, zeigte sich der Besitzer des Kunstwerkes wieder; er schien mich vergessen zu haben und war sehr erfreut, mich dort oben noch, wie den Sokrates in seinem Studienkorbe, wiederzufinden. Er schrob und orgelte mich durch seinen Kunstorganismus herab und ging auf meine Fragen über die Erscheinung jenes Mädchens gar nicht ein. Er hatte sie nicht gesehn und war in der Meinung, es sei ein großer Volksaufruhr, hinausgelaufen.

Wichtiger war ihm die Verhandlung um die Bezahlung. In der Einsamkeit, und da er meine Eil sah, machte er eine ungeheure Rechnung. Ich begriff sie zwar nicht, wollte mich aber zur Zahlung bequemen. Da wir die gemeinsame Casse an diesem Tage unsern Wachtel führen ließen, fehlte es mir an baarem Gelde. Ich mußte meine goldne Uhr zum Pfande lassen, die ich erst am späten Abend wieder einlöste.

So wie die kleinen Schulknaben hatte ich ein Abentheuer bestanden und wollte bei meinen Reisegefährten Rath und Trost suchen. Ferdinand behauptete, das Schaukeln habe ihm Schwindel erregt und so sei er entsprungen, um zugleich den Volksauflauf zu sehn. Dieser sei schnell geendigt gewesen und er habe die Uebelkeit seitdem im Bett verschlafen. Wachtel meinte, ein großes Spektakel sei hinter einem Kapuziner heraufgekommen; dieses Schauspiel habe er genießen wollen. — Ich erfuhr nichts und so stehn unsre Angelegenheiten.

———

Walther hatte jetzt seine Pläne aufgegeben und überließ sich nun ganz dem Zufalle, ob er durch diesen auf die Spur seines Feindes oder jenes schönen Mädchens gerathen würde. Ferdinand und Wachtel waren ihm in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft schon unentbehrlich geworden, und so lud sie die schöne Jahreszeit, die Muße, die Lust umherzuschwärmen, ein, noch einige schöne Gegenden Deutschlands zu besuchen. Ferdinand war seit einiger Zeit viel sinnender und finsterer geworden; Walther hatte bemerkt, daß er Briefe erhielt, die er sorgfältig verbarg und die ihn verstimmten. Zuweilen fiel es Walther ein, er könne mit Ferdinand über seine Trauer sprechen, er dürfe es wohl mit Empfindlichkeit rügen, daß er daraus, was ihn so betrübe, dem Freunde ein Geheimniß mache; doch bedachte er dann, daß er selbst ja eben so gegen Ferdinand verfahre und von der Absicht seines Ritterzuges gegen diesen nichts verlauten lasse.

Die Freunde nahmen von Würzburg aus den Weg nach dem Spessart und erfreuten sich dieses Waldgebirges und der herrlichen Aussichten, die sich ihnen links und rechts in die Unermeßlichkeit der frischen Wälder darboten. In Aschaffenburg hielten sie sich nicht auf, sondern begaben sich nach Darmstadt, um über die schöne und altberühmte Bergstraße nach Heidelberg zu gehn. Die Nacht, welche sie überraschte, verweilten sie in Heppenheim, und Walther und Ferdinand stiegen zur Ruine, der Starkenburg, hinauf, und erfreuten sich in der anbrechenden Dämmerung der Aussicht auf den Rhein, an welchem sie Worms, Speyer und das ferne Manheim sahen. Die Aussicht in den Odenwald auf der andern Seite war noch schöner, die wundervolle Einsamkeit, die schönen Formen der Berge, welche alle dicht mit Wäldern bewachsen sind, erhoben das Gemüth der Freunde zu edeln Gefühlen.

Wachtel, der den steilen Aufgang zur Ruine fürchtete, war im Gasthofe zurückgeblieben, und schrieb indessen seiner Frau nach Guben folgenden Brief:

Heppenheim, den 13. Julius 1803.

Liebes Weib, ich muß Dir doch auch einmal schreiben, damit Du nicht auf die Meinung geräthst, ich sei gar verloren gegangen oder, wie der Ausrufer in Teplitz sich ausdrückt, in den Verlust gerathen, was im Grunde besser ist, als jener hochdeutsche Ausdruck.

Du kennst aber schon meine Art und Weise, daß ich gern praktisch, deutlich, einfach schreibe und mich nicht mit Gefühl und Schwärmerei befasse. Des Handelns, Schaffens ist so viel in der Welt, daß ein rechtlicher Mann zum Schwärmen, zur Mystik oder dem übertrieben feinen Denken keine Zeit behält.

Wie nüchtern und gefaßt ich aus Guben mit dem frühesten ausreisete, wird Dir wohl noch erinnerlich seyn. Meinen Ferdinand traf ich nebst einem gewissen Walther, einem halb polnischen Menschen, im unmittelbaren Himmelreich einer Rafaelischen Entzückung. Ich war eben nicht zum Umgang mit Engeln aufgelegt, denn ich hatte noch den Reisestaub an den Füßen. Wenn man überhaupt gewohnt ist, in der großen Welt zu leben, wie wir in Guben es sind, so wird einem jegliche Kleinstädterei verhaßt. Ich versichere Dich, die ganze Bergstadt hier, von der soviel gesprochen wird, ist im Wesentlichen in Nichts von unserm gewöhnlichen Spaziergang bei Guben verschieden, außer daß hier die ziemlich hohen Berge sind, wo wir dort den hölzernen Zaun haben und auf der andern Seite die Fichtenschonung. Was ist denn nun die Dresdner Brücke so Großes? Ich habe immer an unsre hölzerne denken müssen. Diese ist nicht solang, aber man sieht doch auch rechts und links recht hübsche Kiefern in der Ferne, und Brombeerngesträuch und etwas Sand. So einBadaudoderPlat piedaus irgend einer großen Stadt spricht immer, wenn er unser Guben nicht gesehn hat, vom Pariser Louvre, oder dem Straßburger Münster, wohl gar von der London-Brücke oder dem Wasserfall von Niagara. Sollen sich da deutsche Herzen nicht empören? Als wenn unsre romantische Tümpel, die Haideflecke bei Lübben und Luckau, unsre Sandpartien nach der Oder zu, der hübsche Sumpf eine Viertelmeile von uns, so gar nichts wären!

So kamen wir denn also auf den Nollendorfer Berg. Es war so dicker Nebel, daß ich mich gleich von meinen Kameraden verlor und in eine Wolke, wie in einen großen Wollsack gerieth. Ich trat mit meinen Reisestiefeln auf die Flocken und ging hübsch darauf spazieren; und es geht sich schnell, sodaß, ich weiß nicht wie weit, ich schon in die böhmischen Dörfer hineingerieth, ohne allen Weg und ohne Straße. Herrliche Anstalt, gleich diesen dicken Nebel, wie die Wolke der Bundeslade, zwischen Sachsen und Böhmen oder zwischen Deutschland und Oestreich zu stellen. Tausend, wie marschirte ich nun fort! Statistisch-ökonomisch-politisch-historische Bemerkung für meine hydraulisch-aphoristische künftige Reisebeschreibung der spanischen Schlösser und böhmischen Dörfer: — Ich fand nehmlich, daß Angestellte (Beamte, die oft durchfallend sind, aber selbst niemals umfallen) auf eine auffallende Weise die besten und kräftigsten Stücke des Nebels auf Flaschen zogen, wie es wohl auch bei den Gesundbrunnen geschieht. Schäumt die unnütze Kraft ab, so wird ein hübsches Getränk und magenstärkender Saft aus dem leichten Dinge, welches dann Professoren und Schüler, Geistliche und Denker, feinfühlende Autoren, diegernscherzandoschreiben, und billige Staatsmänner wie altherkömmliche Gesetzkünstler und Fabrikanten gern genießen und sich einander mittheilen. Trifft es nicht richtig ein, daßNebelrückwärts gelesenLebenheißt, und Leben Nebel? Eins ist die Quadratwurzel vom andern. Darauf sollten unsre Denker mehr lossteuern. Siehe, mein Kind: — wenn ich zu Einem sage, der noch nicht reif ist und es gern werden möchte:Lese!so sieht das wie ein guter, verständiger Rath aus. Hat er aber tiefern Sinn und buchstabirt rückwärts, so merkt er im stillen Gemüthe wohl, daß ich ihn nur einenEselgescholten habe. O es ist ein unergründlicher Tiefsinn in diesen Betrachtungen. Nicht wahr, es giebt Mülleresel, wilde Esel, Esel zu Spazierritten u. s. w. — aber der völlig unvertilgbare, von vorn wie hinten sich immer gleich bleibende ist der von mir entdeckteLese-Esel. Auch wenn ich imperativisch oder imperatorisch sage:Esel, lese!bleibt er sich gleich, doch gefällt obige Thierart in der Bezeichnung besser, denn es stempelt sich darin jenes ewig unermüdliche Geschöpf, jene unverwüstbare Creatur, die wir hinter Ladentischen, auf Caffeehäusern, unter den lieben Zeitungen und allerliebsten Journalen, Tagesblättern, Broschüren, Libellen (nicht den Insekten), Romanen und dergleichen sitzen sehn und schlingen — mit einem Wort, den in unserm Jahrhundert ausgebildetenLeseesel. Die vergleichende Anatomie sollte sich nur seiner bemächtigen und Gall seinen Schädel untersuchen. Wie in Afrika oder Indien jene wandernden Ameisenheere oft unsäglichen Schaden anrichten und Verderben verbreiten, so fürchte ich für Europa und noch mehr für unser Deutschland die traurigsten Verheerungen von der Vermehrung und dem Ueberhandnehmen dieses Lese-Esels. Wie er denn nun von vorn oder hinten immerdar ein Leseesel bleibt, so sprach ich neulich schon mit einem denkendenMedicus über den Fall, ob das Thier nicht wirklich die Qualität noch erhalten könne und würde, auch von hinten, mit dem Sitztheile, sowie vorne mit seinen Augen zu lesen. Der Philosoph approbirte sehr meine Hypothese und meinte, das Monstrose sei immerdar nicht den gewöhnlichen Naturgesetzen unterworfen. Und wirklich, wie ich wieder die sogenannte Ressource besuchte, wo ich die beste Sorte und die qualificirtesten dieser Leseesel zu finden gewohnt war, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß diejenigen, die in der Entwicklung am meisten vorgeschritten waren, unruhig auf ihren gepolsterten Bänken beim aufmerksamen Lesen hin und wieder ruschten, sich bald stärker auf das Polster drückten, bald lüfteten, bald sich rechts, bald links hin bewegten, als wenn sie ein besseres Licht erstrebten. Ich sah aber deutlich, daß ihnen oben nichts fehlte, ihr Fundament aber einen Mangel verspürte. Der Vorsteher dieser Ressourcen-Anstalt oder dieses Casino-Wesens ist ein denkender Mann; ich nahm ihn beiseit in ein Nebenzimmer, von wo man durch Glasthüren Alles im Saal beobachten kann, und machte ihn auf jenes bedenkliche Hin- und Herrutschen aufmerksam. „Wollen Sie denn nicht, suchte ich ihn zu persuadiren, vielleicht morgen den Versuch machen und einige gute lesbare Journale, oder einige scharfe Schriften gegen die Regierung über jene Polster spannen lassen, um zu sehn, ob meine Vermuthung sich bestätigt?“ „Wie, Herr, fuhr mich der Mann an, indem er mich mit seinen großen Augen betrachtete: was fabeln Sie mir da von einer neuentdeckten Thierart? Es sind lauter würdige Herren und ausgezeichnete Männer, die das Beste des Landes und der Welt im Auge behalten. Sie rutschen heute übermäßig, das ist wahr, das kann aber auch vom Denken oder vom bewegten Gemüthe herrühren. Auf keinen Fall aber dürfte ich es gestatten, wenn Sie auchwirklich Recht hätten, daß alle diese Mitglieder in Naturalibus da säßen, um zwei Zeitungen zu gleicher Zeit lesen zu können.“ „O Sie kurzsichtiger Mann! rief ich aus; brauchen Sie denn nicht selbst Brillengläser? Sieht man nicht durch einen Flor und Sieb? Und so würden sich die Beingewande gestalten; Fabrikherren würden mit scharfem Blick die Zeuge entdecken und verfertigen, durch welche sich am besten lesen ließe; neuer Flor des Gewerbes, frische Aufmunterung zur Arbeit und Speculation.“

So stand die Sache vor meiner Abreise, ehe ich in das Nebelleben oder den Leben-Nebel gerieth. Wie ich zu meinen Reisengefährten wieder zurück kam, weiß ich selbst nicht, wie aber in der Nacht der Camin so gar gewaltig rauchte, war ich wieder bei ihnen und bei mir. Aus dem soliden Nebel gerieth ich aber in eine noch wolligere und flockenreichere Väterlichkeit und Mutterempfindung mit Zwillingen und Drillingen u. s. w. Was aber merkwürdiger ist, als solche Lappalien, ist, daß man unter feierlichem Schießen Carlsbad noch höher als Teplitz gestellt hat, es noch drüber hinauf gesetzt; so kommt die Meeresfläche immer tiefer, und da das Meer außerdem schon abnimmt, so wird es kein Wunder seyn, wenn wir ganz auf das Trockne gerathen. Bei den Heiling-Felsen sind Braut und Bräutigam, Priester und Brautjungfern in Stein verwandelt, ich habe sie selber stehn sehn. Daß die Leute nach der Hochzeit recht ledern und hölzern werden, erleben wir alle Tage, es ist kein großes Wunder, daß diese damals, in einem noch unaufgeklärten Jahrhundert, das Prävenire gespielt haben, um in jenem beliebten Stein der Hölzernheit zu entgehen.

Aber in den herrlichen Gegenden habe ich etwas sehr Wichtiges, und wovon ich noch keine Erfahrung hatte, kennen gelernt. Immer habe ich es geglaubt und Dir gepredigt,daß Adam und Eva vor ihrem Falle nicht so körperliche grobe Speisen genossen, wie wir jetzt mit den thierischen Zähnen sie zerbeißen und zermalmen, sondern daß sie die geistigen Essenzen, die unsichtbare Kraft der schönsten Gewächse und der himmlischen Kräfte einsogen. Wie einem denkenden Forscher nun wohl wird, wenn sich ihm eine solche mystische Ueberzeugung durch unumstößlichen Beweis vergegenwärtigt, ist mit Worten nicht auszusprechen. Sie nennen’s in ihrer sterblichen Unbeholfenheit einen rothen Ungarwein, und mit anmaßendem Kunstausdruck die Mennische Essenz. Wer aber die wahre Sprache kennt und den Urtext versteht, sieht durch den grob ersonnenen philologischen Kniff, und erkennt aus der echten Etymologie, daß Adam es damals auf seinem höhern kritischen Standpunkt dieMenschen-Essenznannte; und das ist sie denn auch, und mein Forschen und Ergründen dieser Materie gereut mich so wenig, daß binnen kurzem mehrere Flaschen von diesem Liquor, dieser Essenz, bei Dir in Guben eintreffen werden, die ich wohl aufzubewahren Dich bitte. Wie sehr es Sünde war, vom Baum der Erkenntniß zu naschen, darin, wie in allen meinen religiösen Ueberzeugungen, hat mich diese Wunder-Essenz von neuem gekräftigt. Denn wie man sie nur ein Weilchen genossen hat, und sie wieder schmeckt, und von neuem versucht, führt sie uns bald in jenes selige Land, wo alle Kenntniß aufhört und verschwindet, wo das trockne, kümmerliche Bewußtsein immer mehr verdämmert und verdunstet, um, wenigstens auf einige Zeit, den sündhaften Zustand der Erkenntniß des Guten und Bösen abzuschütteln. Nein, dieser Gegensatz hört dann auf, und man lebt einzig und allein im Guten, in dieser Menschen-Essenz. O wie neidisch meine Freunde waren, daß ich diese Entdeckung gemacht hatte, die unsrer ganzen Weltgeschichte eine andre Richtung geben kann.Uebrigens liegen im Hochheimer und Johannisberger auch ganz respektable Richtungen verborgen, und eben jetzt steht eine Flasche vom letzteren neben mir, aus welcher ich Deine Gesundheit trinke.

Unser Weg muß sonderbarer Weise vor Prag vorbeigegangen seyn, denn die Straße führt nicht durch, und doch soll Prag die Hauptstadt von ganz Böhmen seyn. Wir sind wenigstens durch Franken gekommen. Endlich aber ist doch unser Kotzebue anerkannt, und es hat sich erwiesen, daß er alle Alten und Neuen übertrifft; man sollte ihn aber zum Patentdichter machen, daß kein andrer, so lange er lebte, Theaterstücke schreiben dürfte.

In Würzburg in der würzhaften Landschaft haben wir im Wirthshause mit vieler Anmuth gewohnt, denn in Bamberg hatten sie einen ambulanten Gottesdienst und cassirten mit vielem Spektakel die silbernen Sachen von Werth ein, weshalb es uns dort nicht gefiel, so alt auch der Dom seyn mag. Wir haben auch auf der Stelle gestanden, wo Otto von Wittelsbach den Kaiser Philipp ermordet hat. Die Ruine gehört einem berühmten jüdischen Arzt, welcher mit aller Gewalt unsern Freund Walther trepaniren wollte. Er ist aber bis dato noch nicht rasend, und erhielt eine Ehrenerklärung. Nur kaufen will dieser neugierige Mann vielerlei, und er kann es, weil er reich genug zu seyn scheint. Bei der Treppe im fürstlichen Schloß zu Würzburg ist ein kurioses vielfaches Echo, das hat er richtig erstanden, um es bei sich zu Hause, in seinem Garten anzubringen. Man war dabei, es sehr vorsichtig einzupacken. Das Auspacken an Ort und Stelle aber muß mit noch größerer Circumspection geschehen. Denn die Sache ist fast, nur im Großen, wie mit einer Champagnerflasche. Das Ding darf nicht in alle Lüfte verflattern, wo es keinem Menschen zum Gewinnist. Im Garten muß es an der rechten Wand sehr künstlich eingefugt und eingeleimt werden, damit es richtig antwortet und nicht auf Schwarz Weiß, auf Ja ein Nein spricht. Herr Walther will sich dann einen tüchtigen Mann vom Amt kommen lassen, der mit Echos umzugehen weiß, und selbst nur ein Widerhall seines gnädigen Herrn ist, der soll ihm das Ding pfropfen oder inokuliren, damit es noch öfter und lauter jede Anrede nachspricht. Ein in Ruhestand versetzter Geheimer Rath braucht sein Echo nicht mehr in der Sitzung abzugeben, und dieser, hofft Walther, wird ihm dieses für ein Billiges ablassen. Denn das ist auch zu observiren, daß das Echo, wenn es nun wieder gelüftet wird, nicht dem Freunde Walther oder einem andern würdigen Manne in den Hals fährt. Davon hat man schon merkwürdige und traurige Beispiele. Der Minister in — (ja da um die Ecke, rechts oder links von uns, Du brauchst es eben nicht so genau zu wissen) war der beste Kopf im Lande, nur widersprach er dem regierenden Herrn immerdar. Plötzlich (und die gewöhnlichen Menschen meinen, es sei durch eine Gehaltsverdopplung bewirkt, was aber die Erscheinung weder psychologisch noch physiologisch erklären würde) spricht er wörtlich und buchstäblich Alles so, wie sein Landesvater. Zur Erheiterung war dieser große Kopf in ein Bad gereiset, in dessen Nähe sich ein ganz vorzügliches Echo aufhielt. Der Minister spielt mit dem Dinge, wie mit einem jungen Kätzchen, frägt, läßt antworten, schreit und singt, um das Wesen recht von allen Seiten kennen zu lernen; darüber wird er müde, er gähnt, ohne die Hand vor den Mund zu halten, und die boshafte Creatur benutzt den Moment und springt ihm in den Hals hinein. Nun kann er es nicht loswerden, so sehr er Medicin braucht. Im Bade ist das Echo seitdemfort. Die Dummen behaupten, weil die Bergleute eine vorlaufende Felsenwand weggesprengt haben. Nein, auf eben beschriebene Art sind sehr viele dieser Echoisten entstanden, die der gemeine Mann zu oft mit den Egoisten verwechselt, die freilich auch manchmal nahe an einander grenzen, wie die Buchstaben g und h.

Unser Walther hat neulich etwas gethan, wovon alle Philosophen und Denker immerdar ausgesagt haben, es sei unmöglich. Er schwang sich nehmlich auf dem Rade der Fortuna um, und es gelang ihm, oben auf dem Gipfel wenigstens eine halbe Stunde lang ungestört zu verharren. Er hätte also den Nagel oben einschlagen können, wenn er nicht selbst vernagelt gewesen wäre, denn er fluchte und wetterte, um nur wieder hinabzugelangen. Ein wunderliches Frauenzimmer, vielleicht die Fortuna selbst, sah ihn dort oben thronen und lachte, wie es mir schien. Ich konnte sie aber nicht erhaschen. Man schrie ihr Maschinka nach. Hieß nicht die geheimnißvolle Unbekannte so, die bei uns logirte? Mir schien auch, aber ungewisser Schein nur, als sähe sie jener Flüchtigen ähnlich. Aber mein Studium und der Genuß der himmlischen Essenzen macht, daß ich mich solcher irdischen Dinge nur sehr dunkel erinnere und keine Rechenschaft davon geben kann. Wenn sie es war, ist sie mir und den Uebrigen wieder entlaufen, ob wir gleich alle hinter ihr drein waren. Walther, der Herabgestiegene, auch. Fortuna aber oder Maschinka war verschwunden.

———

Die Beiden kamen spät von der Starkenburg zurück, und indem sie in das Zimmer traten, hörten sie, wie Wachtel sich selber den letzten Theil und Beschluß seines Briefes vorlas. Walther fuhr auf ihn zu und fragte: was war dasfür eine Dame, die jener in Würzburg ähnlich war? Auch Ferdinand setzte ihm leidenschaftlich mit Reden zu; doch Wachtel, der jetzt seine Flasche Johannisberger völlig geleert hatte, sagte: Meine Herren und Freunde, ich habe da einen häuslichen vertraulichen Brief an meine Gattin geschrieben, welcher nichts, als Familienverhältnisse und Versicherungen meiner Liebe enthält, diesen kann ich Euch also unmöglich mittheilen; die letzte Anspielung, die Ihr zufällig vernommen habt, ist nichts weiter als die Beziehung auf eine Sache, die ich selber nicht verstehe und das Wenige, was ich davon wußte, seitdem völlig vergessen habe. Ich war, als jenes Frauenzimmer schnell in unser Zimmer dort in Guben trat, eben in Gedanken und Studien versenkt; kurzum, sie hatte einen Brief an meine Frau, den ich damals nicht lesen konnte oder wollte, und ein alter Mann begleitete sie, von dem es unentwickelt vor mir liegt, ob er ein Herr oder ein Bedienter war. Kurz, mit einem Wort, sie bewohnte ein Zimmer, als ich schon schlief. Sie kam mir hübsch vor, und nachher, als ich sie wiedersah, konnte ich mich nicht bestimmt erinnern, ob es noch dieselbe oder eine andre war. Diese zweite war aber noch schöner. Vielleicht hatte sie aber die Frische des Morgens so gefärbt. Nun fragte ich wieder nach ihr, und sie war schon abgereist, und da es mich nichts anging, schlug ich es mir aus dem Sinn, und so vergaß ich es, und so reiste ich nach Dresden ab, und so sind wir nun hieher gerathen, und das Briefschreiben hat mich angegriffen, und der Johannisberger hat mich gestärkt, und das ist Alles, was ich von der Sache weiß.

Daß mich die Sache interessirt, sagte Walther, darüber könnte ich meine Gründe angeben; aber warum Sie, Ferdinand, so neugierig sind, begreife ich nicht.

Ich weiß selbst nicht, antwortete dieser, weshalb ich michdarnach erkundige; man macht seinen Freunden in der Regel Alles nach, weil sie nach einiger Zeit ein gemeinsames Interesse verknüpft. Und, gestehe ich es nur, in jener Nacht, als wir in Guben waren, hörte ich durch die offenstehenden Fenster der untern Zimmer meinen Freund Wachtel schon mit seiner Frau von dieser Dame reden, ich war schon damals neugierig, aber mein Freund Wachtel war in einem so bedenklichen Zustande, daß ich mich ihm nicht zu erkennen geben mochte; auch rückte schon der erste Morgen herauf und unsre Abreise drängte.

Sieh! sieh! sagte Wachtel gähnend, meine confuse Frau hat mir damals eine noch confusere Geschichte vorgetragen, von einem sehr hübschen Menschen, den sie hundertmal einen Engel nannte. Sie schien zu meinen, ohne des Engels Beihülfe, der sich so edel betragen, hätte ich die ganze Nacht draußen im Grase liegen müssen. Sie machte ein Mährchen draus, wie das von der Martinswand ist. Und nun entwickelt es sich also, daß Du dieser Engel warst. So verschwinden bei nur mäßiger Forschung alle Wunder aus der Geschichte.

Nach einer kurzen Ruhe fuhren die Freunde am schönen Morgen weiter, aber nur langsam, um die Gegend zu genießen. Sie kamen schon früh in Heidelberg an.

Der Pfarrer Le Pique hatte dem jungen Ferdinand einige Briefe an Freunde mitgegeben, und so lernte dieser einen rüstigen, geistreichen Mann, Keyser, welcher Lehrer an der Schule war, kennen. Sie besuchten gemeinschaftlich den biedern Daub, sowie den herrlichen Creuzer, und in der schönen Umgebung, unter wissenschaftlichen und heitern Mittheilungen verflossen ihnen die Stunden und Tage im lieblichsten Wohlbehagen. Auch den trefflichen Pfarrer Abegg lernten sie in Lohmen kennen, und die muntern Freunde, dieAlle noch jugendlich kräftig waren, durchstreiften das Gebirge und die blühenden Kastanienwälder, die vielen Bergen hier einen ganz südlichen Charakter geben, und erkletterten alle irgend zugänglichen Theile des großen Heidelberger Schlosses.

Mit Keyser ging Ferdinand in einer Nacht nach Zweibrücken hinüber, und Walther verwunderte sich, daß der Freund ihm aus dieser Wanderschaft ein Geheimniß gemacht hatte.

Walther, der noch wenig mit Gelehrten und mehr mit dem Adel gelebt hatte, war höchlich erfreut, in dem Professor Daub die schöne Biederkeit echter deutscher Natur, und in Creuzer diese Gewandtheit des Geistes, sowie diese edle Urbanität kennen zu lernen; Abegg’s Milde wirkte wohlthätig und fein auf den witzigen Streit, der sich manchmal zur Heftigkeit erhob und den besonders der lebhafte Keyser gern veranlaßte. Wenn wahre Gelehrte, die zugleich als echte und edle Menschen den Ton des Umganges haben, in freundlicher Hingebung scherzend und ernst durch alle Gänge des Wissens und Forschens wandeln, so findet sich in dieser Umgebung eine Unterhaltung, die der Menschenkenner und Weltmann vergebens in den andern Zirkeln der Gesellschaft suchen wird.

Ein schöner Friede schien alle Gelehrte in Heidelberg zu vereinigen und Ferdinand erzählte viel von einer schönen Zeit, in welcher er vor wenigen Jahren in Jena in dem Kreise lebte, den Wilhelm und Friedrich Schlegel, Novalis und Schelling bildeten. Er schilderte diese Wochen als das reichste und üppigste Geistesbankett, das er jemals schwelgend genossen habe.

Nach einigen Tagen schrieb Ferdinand an eine Freundin, Charlotte von Birken, nach Berlin.

Heilbronn, den 18. Julius 1803.

Meine theilnehmende Freundin, ich benutze die Nacht, indem meine Reisegefährten schlafen, um endlich mein Versprechen zu erfüllen und Ihnen einige Nachrichten von mir mitzutheilen.

Die Spannung, in welcher mich diese unfreiwillige Reise erhält, muß oft der Entzückung und der Begeisterung weichen, in welche mich die abwechselnden großen und lieblichen Naturscenen versetzen, an welchen unser schönes Deutschland so reich ist und die unsre Landsleute immer noch nicht gehörig zu würdigen wissen.

Von meinen Aussichten, Plänen, meinem künftigen Glück weiß ich Ihnen noch nichts zu sagen. Alles zieht sich in die Länge, Alles wird fast ungewisser, als es war. Ein junger Mann in Heidelberg, Keyser, der mein ganzes Herz gewonnen hat, führte mich nach Zweibrücken zu seiner reizenden und liebenswürdigen Braut, und hier fand ich denn endlich einen Brief vom Onkel, der etwas Bestimmteres aussagte, und der, sonderbar genug, mich wahrscheinlich bald wieder in Ihre Nähe führen wird, da ich bis jetzt glauben mußte, Basel sei die Richtung, die ich nur nehmen könne, und die Schweiz sei mein künftiger Aufenthalt. Indessen ist schon viel gewonnen, daß der einflußreiche angesehene Mann sich zum Vermittler anbietet. Ich mag Ihnen von manchen Dingen, die mir zugestoßen sind, nichts Näheres mittheilen, weil ich Alles einem mündlichen Gespräche vorbehalte, man auch nicht wissen kann, wie ein Brief verunglückt, oder, bei der größten Vorsicht, in die unrechten Hände geräth.

Von dem schönen Heidelberg aus haben wir eine kleine Fußreise gemacht, um Neckar-Steinach und die drei Ruinen zu sehen, die dort dicht neben einander liegen. Das einewüste Schloß war der Aufenthalt des berüchtigten Lindenschmidt. Ein runder, steiler Hügel, der Dielsberg, macht dort einen sonderbaren Anblick; hier verließ uns Keyser, der uns begleitet hatte, um nach Heidelberg zurückzukehren. Wir hatten jetzt einen schönen Weg nach Hirschhorn, welches am Neckar liegt. Ein altes Schloß und Kloster sind hier, die uns durch ihre Alterthümlichkeit große Freude machten. Wir nahmen ein Schiff, und fuhren, von einem Pferde gezogen, den Neckar stromaufwärts. Die Gegend ist reizend, viele alte Schlösser, die noch ganz in ihrem ehemaligen Zustande sind, werden bewohnt. In Eberbach war viel Getümmel und ein Aufzug der Bürger. Nach einigen Stunden jenseits dieses Städtchens verließen wir das Schiff wieder, um zu Fuß zu wandern. Minneberg und zwei Hügel dort bilden eine reizende Gegend. Bei Neckar-Els öffnet sich das Thal. Vor der Stadt nahm uns ein schlechtes Wirthshaus auf und Walther miethete aus Eigensinn ein sonderbares Fuhrwerk, um sich nur mit keinem Hauderer, der vielleicht auch nicht vorzüglich gewesen wäre, einzulassen. In den meisten Menschen, selbst vernünftigen, offenbart sich zuweilen eine falsche Poesie, die sie im Leben selbst suchen oder unmittelbar in dieses hineintragen wollen. Bei den ganz dummen Wirthsleuten hatte er auf Erkundigung erfahren, sie hätten einen leichten Einspänner, der auf zwei Rädern laufe. Vielleicht fielen ihm die italienischen Sedien oder ein flüchtiges Cabriolet ein; genug, er miethet das Ding, um so mit uns am folgenden Mittag in Heilbronn anzukommen. Ich entsetzte mich nicht wenig, als am Morgen das elende Gespann vorfuhr. Was war es? Ein viereckter, grob geflochtener Korb, der auf zwei hohen Rädern unmittelbar auf der Axe lag. Man hatte Säcke und Stroh hineingelegt. Ich schlug vor, lieber zu Fuß zu wandern, aber der boshafteWachtel hatte seine Freude an diesem Skandal, und Walther wollte sich kein Dementi geben. Wir klemmten uns, so gut es gehn wollte, in den verwünschten Korb hinein, und ein blödsinniger Knecht unternahm es, uns mit einem steifen Gaul so in Heilbronn im Triumph aufzuführen. Zwei Stunden von dort liegt der Hornberg, welchen Götz von Berlichingen von Conrad Schott kaufte und wo er den größten Theil seines Lebens hauste. Der steile Berg ist auf zwei Seiten mit Wein bebaut, von oben hat man die Aussicht über das offene Neckarthal und über die gegenüber liegenden niedrigern Felsen. Auf der Hinterseite des Berges ist ein enges Thal und ein herrlicher Wald, der sich bis dicht an die Burg erstreckt. Alles ist oben, auf dem Wege zur eigentlichen Festung, mit wüstem, verwachsnem Gestrüpp bedeckt. Aus den Zimmern und Sälen des Schlosses genießt man einer vortrefflichen Aussicht. Vor kurzem hätte das ganze Haus noch mit wenigen Kosten zum Bewohnen erhalten werden können, jetzt ist es verfallen und wird nach einigen Jahren wohl ganz zerstört seyn.

Wir fuhren dann durch ein Städtchen Gudelsheim, das den deutschen Herrn gehört, und ließen uns nach Wimpfen übersetzen. Vor Heilbronn verließen wir doch, trotz unsrer Aufklärung, unsern Karrn und zogen zu Fuß in die Stadt ein. Alles wurde hier zur Huldigung des neuen Herrn eingerichtet, der Altar in der protestantischen Kirche war abgetragen, recht gut scheinende Gemälde waren, ihm zu Ehren, neu übermalt und verdorben. Kirche und Thurm gehören zu den merkwürdigen Gebäuden. Der berühmte wasserreiche Brunnen der Stadt hat durch eine neue schlechte Balustrade, um die man die alte Einfassung, die besser war, wegreißen mußte, viel an seinem Wasser verloren. Am Rathhause wurde eben ein schönes steinernes Geländer weggebrochen,um Latten besser anbringen zu können, an welchen die Lampen zur Illumination befestigt werden. Wir besuchten die Orte, die uns von früher Jugend auf durch den Berlichingen und Göthe’s Werk so merkwürdig sind. Auch den gewundenen Thurm kletterten wir hinauf und standen oben, neben dem Ritter, wie mich dünkt, dem heiligen Kilian.

Hätten wir es unterlassen können, nach Weinsberg hinauszufahren? Durch Bürger’s Romanze ist dieser Ort und die That der Weinsberger Frauen im Munde alles deutschen Volkes. So manches die Kritik gegen Bürger’s Balladen und Romanzen mit Recht ausstellen kann, so vorsätzlich er so oft den alten einfachen Ton, jenes Geheimniß, im Wenigen und im Verschweigen viel zu sagen, worin Göthe der größte Meister ist, vermied und nicht finden konnte, so bin ich doch überzeugt, Bürger’s Balladen werden bei uns länger, als die von Schiller leben, der (in wenigen ausgenommen) noch mehr jene stille Einfachheit verletzt hat.

Um Heilbronn ist eine schöne grüne Natur und wir waren alle mit unserm Tagewerk zufrieden. Wie schön ist es, in einem Lande zu leben, wo Städte, Bildwerke, Felsen und Berge auf alte Geschichte, auf große Kaiser und merkwürdige Begebenheiten hinweisen. Wie herrlich ist in dieser Hinsicht Deutschland ausgestattet! Mir kommt es fürchterlich vor, in Amerika leben zu müssen. Und die verschiedenen Epochen der Kaiserherrschaft, des Aufblühens der Familien, des stets wechselnden Verhältnisses, der großen wie kleinen Fehden und die mannigfaltigen Gestaltungen und Umwandlungen des Ritterthums, von der höchsten Bildung und der schwärmenden, poetisch-fanatischen Verehrung der Frauen bis zum niedrigen, rohen Räuberhandwerk hinab, alles Dies, glaube ich, hat sich nirgends so wundersam, vielseitig, grell abstechend gewiesen, als in unserm Deutschland. Unsere unwissendenAutoren, die diese Gegenstände behandeln, haben sich aber eine gewisse rohe Manier gebildet, die immer in Zank, Großsprecherei und leeren Worten wiedertönt, ohne uns auch nur im mindesten ein Bild und anschauliches Gemälde jener Zeiten zu geben. Andre sehen nur Greuel, Verwilderung und Mord in jenen Tagen der merkwürdigsten Entwicklung, und bedenken nicht, daß, wenn die Welt so beschaffen gewesen wäre, wie sie sie verlästern, in kurzem weder Gute noch Böse, Freie und Knechte würden übrig geblieben seyn.


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