Dreizehnter Stremel.

Schomoker, sett di annen greunen Diek,Schomoker, sett di annen greunen Diek.

Schomoker, sett di annen greunen Diek,Schomoker, sett di annen greunen Diek.

Schomoker, sett di annen greunen Diek,Schomoker, sett di annen greunen Diek.

Schomoker, sett di annen greunen Diek,

Schomoker, sett di annen greunen Diek.

„U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See geiht!“ „Woneem?“ „Dor! Kannst ne kieken?“ „U Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.“

„Höh, Klaus Störtebeker!“

„Höh, Peter! Non, wat mokst?“

„Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!“

„Wat goht mi Schomokers an? Wi weut teern un smeern, wat meenst! Uns Eber süht ut as ik weet ne wat.“

„Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?“

„Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.“

Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der Hand an ihnen vorüber und freute sich, als er fühlte, daß sie ihm nachguckten. Er war größer und brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein Gang aber war der eines Fischermannes und seine Hände waren die eines Tagelöhners.

„Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een för Schipp un See,“ hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt. Störtebeker hörte es und vergaß es nicht wieder. Und er vergaß auch nicht, was der greise Willem Fock ihm sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog den Jungen einer Kleinschifferprüfung, fragte ihn nach Wind und Wetter, Fang und Markt und freute sich über die fahrensmännische Klugheit des kleinen Gesellen.

„Hest den flegen Hollanner ok sehn?“

„Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den flegen Hollanner in Sicht kriegt, de blifft!“

„So, so, meenst du dat? Non, denn wohr di man vörn flegen Hollanner, Störtebeker, wenn du grot büst, un seh man to, dat du jümmer goden Wind hest, un warr man en fixen Fischermann, hürst?“

„Jo, Willem, dat will ik ok,“ sagte der Junge mit lachendem Munde und ging stolz weiter.

Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose wohl über das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ... Störtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Krämerladen hinein und ließ sich die Pütze voll Teer gießen. Kinderspiel war ihm fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem Ewer.

*                    **

Sonnenwende, Sonnenwende!

A und O von Finkenwärder, der kleine schwarze Ewer H. F. 1, Jan Sieverts Hoffnung, und der große, weiße Kutter H. F. 190, Jakob Cohrs’ Möwe, die noch die Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern hatte, lagen im Köhlfleet beieinander und um sie herum und auf den Schallen ankerten wohl hundertfünfzig große Ewer und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiß spiegelten die Steven sich im Wasser und jede Farbe hatte ihren eigenen Sinn.

Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das Watt hinter sich ließen und sich auf die offene See wagten, die bei Helgoland und Terschelling die dunkeln holländischen Logger und die schwarzen englischen Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren.

Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge verrosten ließen und sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen See an ihre grünen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen erinnert sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten.

Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die Störfänger und Beutemacher, die Schollenkönige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen haben wollten und denen es auf den teuern Zinnober nicht ankam.

Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch draußen klüsten, wenn andre schon im Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig seinem Kutter der weiße Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu Gesicht stand, und binnengekommen wußte er nichts Besseres zu tun, als den Bug weiß zu malen, damit das Schiff beständig im Schaum wühle.

Hochwasser!

Eine schlanke östliche Brise bläst von Hamburg herunter, umstreicht Heitmanns weißen Leuchtturm und die mächtige Königsbake, das alte Wahrzeichen von Finkenwärder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und läßt die Flögel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die Segel aufgezogen und die Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muß ein großes Ding sein,das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der deutschen Küsten, im Hafen festhält und die Helgoländer Bucht vereinsamen läßt!

Esistein großes Ding:Karkmeßist da, der Jahrmarkt, der Sonnwendtag der Finkenwärder Fischerei, ein Tag von so großer Bedeutung und so tief eingreifend in das Leben und Treiben des Eilandes, daß es Ehren- und Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zusein. Knecht und Junge würden schöne Gesichter machen, wenn sie Karkmeß nicht kriegten, und bei den Nachbarn hieße es: „Den geiht dat jo woll bannig lütj: he is jo ne mol Karkmeß bi Hus ween!“

Von Finkenwärder erzählen und Karkmeß vergessen, hieße nach Rom reisen und den Papst nicht sehen, denn Karkmeß ist die große Sonnenwende von Finkenwärder, ist der Nordstrich auf seinem Kompaß und Mittelpunkt der Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkmeß oder soundsoviel nach Karkmeß, das hört einer am Deich auf Schritt und Tritt und „söben Weeken vör Karkmeß“ oder „fief Weeken no Karkmeß“ sind genaue Zeitangaben, über die kein Zweifel aufkommen kann. Karkmeß teilt das Jahr: es ist die Grenze zwischen der Schollenzeit und der Zungenzeit. Vor Karkmeß werden in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend an den Markt gebracht werden: nach Karkmeß geht es auf die Zungen los, die auf Eis gepackt werden: da sind die Reisen länger und mühseliger und das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler.

Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden reiten, aber ehe er sein weißes Roß, den Sleipner, wendet, hält er einen Augenblick in Gedanken inne, und diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer, um ihr Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens freuen, wollen sie einen Tag lachen.

Wer das nicht kann, wer bis Karkmeß nicht seinen guten Schilling verdient hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See und mag denken, die alten Weiber hätten ihn behext.

Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner, wenn Tucktuck gerufen wird, sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet mit Schiffen: Klugheitund Nachbarlichkeit verhindern, daß alle an einem Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen.

Es gibt auch mancherlei zu tun.

Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und Fischerjungen auf Musik sind und sichen Perd, ein Mädchen, für das Fest heuern, weshalb diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt wird, sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit, den Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu helfen oder die Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn erst muß der Ewer sein Karkmeßkleid haben. Teeren und Schmeeren heißt die Losung, den langen Tag wird geteert und geschmeert, daß der ganze Deich danach riecht und daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt. Da wird geschruppt und kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren werden sollen, liegen die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über sich ergehen, denn sie wissen, daß es gut für sie ist.

Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer zu Karkmeß, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er holländisches Blut in sich und eine große Lust an Reinlichkeit und Buntheit: so schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden Streifen und wird nicht müde, ihn zu zieren.

Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die Eiskisten überholt, schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene Segel geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der ganze Rasen des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Großsegel an Großsegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle werden gebräunt und geloht, damit sie haltbarer werden sollen.

Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesernvoraus, die keinen Platz dafür haben (denn in den Sand können sie die Segel nicht legen) und deshalb mit weißen Lappen fischen und segeln müssen.

Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln und Fischer und Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel.

Ist das Schiff mooi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und begleicht die großen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied, beim Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmeß ist allgemeiner Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt, so bekommt noch der Bauer seine Zinsen.

In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer, die 1835 gegründet worden ist, als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu vernichten drohten. Sie läßt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen, das nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grüner Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher sitzen! Plattdeutsch wird gesprochen, einer nennt den andern du, jeder weiß, was er will, und niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat von Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht.

Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten Gemeinsinnes. Sie ist der mächtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom Skagerrak bis zur Themsemündung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen, Stürme wollten sein Licht verlöschen: er steht und leuchtet!

Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg bis zum Tun, auch nicht müßig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und gehämmert auf Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigtdie Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak und der große Freudentag ist da mit seinen Luftbällen und Reitbuden, seinen Aalzelten und Schießständen, seinen Eiskarren und Lungenprüfern, mit Lukas und Kasper, mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltänzern und Negern, mit Hün und Perdün, mit Jubel und Trubel! Die Gören sind wie durchgedreht und die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht, was sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen und getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste und Eis, bis sie nicht mehr können: die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an Zuckerstangen: es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmeß alles los ist. Die sich erzürnt hatten, vertragen sich und trinken wieder einen zusammen, und die gut Freund gewesen waren, erzürnen sich und kriegen das Tageln: dat is so bi Karkmeß mit vermokt. Hein Mück haut den Lukas, daß es knallt, und läßt sich für die hervorragenden Leistungen eine goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan Tiemann läßt sich elektrisieren, Hinnik Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz, Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und ein Getute und Geblarre, ein Flöten und Knarren, ein Juchen und Schreien!

Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein weißes Hemd an, holen den Stuhl aus der Dönß und setzen sich geruhig auf den Deich. Sie lassen die Karkmeßleute an sich vorüberziehen, necken die beladenen Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch.

Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende Korn im Lande und denweißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten am Elbdeich: das große Sommerblühen. Das geht allen verloren.

*                    **

Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen, wenn sie dem Karkmeß fern geblieben wären. Zumal Störtebeker hatte sich den Tag ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er geschruppt, einen ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde hängend, hatte er die Besan gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den Bünn gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt, er hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer, er hatte das Nachthaus grün angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen auf dem Schlick verbrannt.

Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam, wo er seines Amtes gewaltet hatte, denn er saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande der Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte wie der Regenbogen. Seine deutsche Flagge wehte im Winde, und grüßte seinen Schiffer.

Dem aber lachte das Herz.

*                    **

Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,denn goht wi langsen Diek!

Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,denn goht wi langsen Diek!

Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,denn goht wi langsen Diek!

Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,

denn goht wi langsen Diek!

Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Störtebeker. Dieser voran, denn er hatte die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit, die Reitbuden und dieSchaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht mehr. „Kann ik up See jo doch ne bruken,“ sagte er verächtlich, und als er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er ihn dem kleinen Paul Meier. Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnuß, damit der an Schina erinnert würde, und seinem Vater einen dicken geräucherten Aal. Einen Augenblick guckten sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam auch der alte Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen Frau seines Schiffers.

*                    **

Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmeß.

Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß. In der Dämmerung saßen sie vor der Tür. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und erzählte vom Walroßfang bei Grönland.

Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken.

Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.

*                    **

Sommer heißt der gewaltige Herr, den die Welt hat. In königlicher Pracht schreitet er einher, weithin über Land und See gleißt und funkelt sein Purpurmantel. Groß und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder, alles muß sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht und senkt die Ähren, die Blumen verdorren, die Vögel verstummen, die Tiere verkriechen sich.

Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling ist derManngekommen, der Riese. Stückwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze Arbeit. Mit gewaltiger, furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche, Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er allein dasteht. Dann zuckt es in seinen Fäusten, dann reckt er die Arme, dann stemmt er die Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zähne. Selbst die großen Meister, die Winde, müssen vor ihm ducken, und wollen sie sich ja erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Er weiß, was er zu tun hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß der Winter kommt. Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den milden Monden, das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem Ernst, in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem Zorn — und all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige Liebe!

Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fühlt sie. Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille und das Deck ist bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen und das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis geschmolzen ist! Sie fahren wieder viel nach der Weser, denn die Zungen, die nicht freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert werden, sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona. Zweimal segeln sie bei scharfem Ostwind nach Jimuiden in Holland, einmal kommen sie nach Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den Steinen, sodaß beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange Wachen gibt es: der Streek dauert dreibis vier Stunden; saure Arbeit, denn die Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht zu hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt ja wohl an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf, steht einen Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine und dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Haverei, daß sie nach der Oste segeln und dort zimmern müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind hinter Wangeroog.

Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es kommen ja auch schöne, große Reisen: einmal, als die Zungen auf Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute vierhundert Mark.

Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn er auch nicht vor dem hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehört er doch als Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück. Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater bleiben darf.

Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich auf Finkenwärder nicht lange auf. Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den Winter, wenn sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er muß fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit der Nachttide wird gefahren, damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis nicht wegschmelze!

All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind bläst in die Segel und der Ewer zieht westwärts. Zwar winken die beiden Seefischer vom Achterdeck, aber sielachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder einmal glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.

*                    **

In der Kürze eines Seeamtsspruches könnte ich nun auch berichten, daß sie einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind.

Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwärderisch wäre, denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage vorkommen kann.

Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der See. Graue Wolken, eine noch grauer als die andre, trieb er über den Heben.

Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den Südwestern tief im Ölzeug und ließen den Regen auf sich niederströmen. Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete stark in der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf, die Seen krönten sich mit Schaum und das Wetterglas fiel tiefer und tiefer.

Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu lassen.

„Intehn, intehn!“ sang Störtebeker, und Kap Horn und Hein Mück kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten sich, als sie den Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger und der Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der Halt des schweren Netzes mangelte.

Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit dem Knecht über die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte. Alskeinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere, dachte er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann er sich und hielt nach der Elbe hinüber, um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen.

Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem mächtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein Dampfer und manchen Spritzer überkriegte.

Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, Rochen, Kleiße, Steinbutte, Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann spülten sie das Deck rein. Hein ging in die Kambüse, um Klöße zu braten und Kaffee zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und packte alles in den Raum und die Plicht, was drift gehen konnte, denn es wollte schon dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch brächte.

Die Elbe war weit weg.

Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war die Luft. Der Wind wehte flagiger und stoßweiser als vorher und lief raumer. Sie segelten schon platt vor dem Laken und die hohen Wogen liefen ihnen nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr für Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne Schwimmer, hielt kraftvoll den Kopf oben und ließ sich weder begraben, noch aus dem Kurs werfen. Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und half das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so dick gewesen wäre, hätten sie es längst in Sicht haben müssen.

Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich eine blauschwarze Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit unheimlicher Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit unfaßlicherMacht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze und dumpfe Donnerschläge sind das nächste.

„Nu gifft wat!“ ruft Kap Horn.

„Gläuf ik ok!“ antwortet Klaus Mewes, „goh no binnen, Störtebeker!“

„Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier blieben!“

„Ne, du müß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un lot Hein de Kapp toschuben un blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder ropt!“

Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: „Jo, Vadder!“ und geht nach unten, denn er weiß, daß man dem Schiffer gehorchen muß und wenn man’s auch zehnmal besser wüßte.

„Bang bün ik ober keen betjen, Vadder,“ ruft er noch vom Großmast, dann verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache, der aber ruhig weiter brät und meint, es würde jawohl nicht so schlimm werden.

Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen sie darüber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen, was die große Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen: niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche Menschen sind und so gern lachen.

Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben sie ein so jähes Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der Südwest hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt ein eisiger Nordwest heran, trommelt und pfeift auf der See und wirft sich mit Ungestüm auf den Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich:Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!

Die See, die See!

Wie gischt und schäumt sie! Siekocht!

Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. Er faßt die schweren, langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um. Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild durcheinander laufen.

Dat ward een beuse Nacht for mannich lütj Schipp, dat noch buten is, will Kap Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Löwe ein Schaf, als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister werfen. Als ihm das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel, daß sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und er zittert und bebt, als könne er sich nicht wieder aufrichten. In der Kajüte purzelt Hein gegen den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür, an Deck aber klammern Schiffer und Knecht sich an die Wanten an, um nicht über Bord zu spülen. Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn überfallen hat. „Fock dol!“ gellt seine Stimme durch den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und reißt sie herunter. „Seil dol!“ schrillt es. Der Schiffer kettet das Ruder an und stürzt nach den Fallen.

Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt fürchterlich auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet worden, wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. Wieder ein harter Windstoß — da ein scharfer Knall: über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in das Großsegelgerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze Seil geiht innen Dutt!

Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch einmal danach, zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als seine Fahne, dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult der geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts zu beißen gibt, dann aber gewahrt er das Achtersegel, das noch steht, er macht einen krummen Buckel — und in Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in die Winde. Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt ohne Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist ein Spielball der brüllenden Seen.

Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert er in der wilden Dünung und die hohen Seen rollen über ihn hinweg.

„Dor is en Licht!“ ruft Kap Horn und weist über den Steven. Klaus blickt nach der bezeichneten Richtung und sieht einLichtauf der See, hell und tröstend. Ein unerschrockener, unauslöschlicher Weiser, reißt dort das Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß? Klaus peilt und als er „Nordost“ ruft, da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf und sieht ihn an, denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit dem Loch im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. Die Elbe ist nicht zu erreichen.

Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen Platz: die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher Nähe und der Sturm muß sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange zögern.

Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, sie müssen handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der Weser!

Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warumsingst du nicht, der du doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du deines Jungen? Der sitzt warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! — und obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei nichts Genaues, bleibt er fröhlich und lacht sorglos: „Vadder is jo boben!“

An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von der halb aufgeholten, angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten kleinen Klüver am Großmast, geschoben von den immer gröber und ochsiger werdenden Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser.

Südwest liegt an.

Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen alle Sicht. So weit sie sehen können, ist kein Licht zu erblicken: sie sind allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen über den Setzbord, wie sie wollen.

Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schläft oder träumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz ist von Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind alle Stuben und Kammern beleuchtet und über die Treppen eilen die aufgejagten Diener.

Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger klingt ihr Lärm, wie aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich dermaßen verstärkt, daß er es muß.

„Lot ut!“ ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachthaus. Der Knecht peilt die Tiefe.

„Fief Fohm!“

„Denn sünd wi uppe Grünnen!“

Fünf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der nun kommt!

Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten gepackt, die ihn erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm, Gefahr! schreit der Ewer. „Nu geiht op Leben un Dot,“ ruft der Knecht.

Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt „Seil upsetten!“ denn er will sich nicht geben. Mit großer Mühe setzen sie das Sturmsegel am Besansmast, binden das dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf und geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig wird der Kampf mit Wind und Wasser, verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher Wildheit und Wut branden die Seen ununterbrochen über den Setzbord, daß das DeckeinWasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle und nimmt sie von Steuerbord über, richtet sich hoch und steil auf und schüttelt sie nach Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr dich, Ewer!

Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik, an den düstern Felsen, nach dem du genannt bist, und laß die Kette nicht los! Steh fest auf dem glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen sollst!

Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer in der ersten Reihe gestanden hast, muß ich dich aufrufen? Nein — das braucht es nicht: da steht er am Ruder, im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief im Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält denEwer, er hält ihn! Damit er nicht über Bord schöle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden. So steht er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht durch Nacht und Regen nach Land und Feuern.

Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein Licht erscheint? „Rodensand!“ ruft der Knecht, aber der Schiffer schüttelt ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein schwächeres auf und er muß glauben, was er erst nicht glauben wollte, weil er sich nicht denken konnte, daß sie so weit abgetrieben sein könnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch auf dem Trocknen sein!

Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten Mal, denn es kann ja nicht sein, die Leine muß gehakt sein! Aber es bleiben drei Faden.

„Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!“ ruft er durch den Sturm. „Hest hürt, Kap Horn?“ gröhlt er, als er keine Antwort bekommt.

In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die Kapp auf, um auszugucken: da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht, daß er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe hinuntersaust. Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht: „Junge, dat do ik ne wedder, Hein! Wat hebb ik een kregen! Meist, as wenn Vadder mi en fixen Backs geef!“

*                    **

Kap Horn schweigt noch immer.

Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihnauf den Weltmeeren nicht fassen konnte, ihn nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es kann so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, unerschütterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein Herz. Der alte Janmaat will und kann sich nicht klein machen. Er kann sterben — ob Klaus es auch kann? Er sieht ihn an.

„Dree Fohm bloß noch!“

Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein, er sieht, wie die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken, er hört, wie Bodemann sagt, daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei Wochen vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die bunte Haustür und die Bank unter den Linden: die Bank aber ist leer und die blanken Fenster, in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau spiegelte, sind dicht verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter.

Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was ist da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, weiß der eine wie der andre: vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind die Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch müssen sie, sonst bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und zu versuchen, den Ewer so hoch als möglich auf das Watt zu setzen! Kommen sie behalten durch die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund, ist alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer in Stücke, aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten. Wahrscheinlich, denn eins ist so gefährlich wie das andre.

Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer desEwersandes auf den Watten stehen müssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!

Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich durchzuschlagen. „Nu hol di fast, Kap Horn!“ ruft er gell.

Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm auf dem Achterdeck und jauchzt: „Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik di!“ Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht erschüttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen entgegen, die sich wild überschlagen — er verzieht keine Miene.

Gott im Heben — da stürzt die erste große See wie ein wildes Tier auf das Deck und rollt über den Ewer weg, zertrümmert das Backbordschwert, reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der Klemme sitzen bleibt. Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachthaus ist weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie Seemann vorher in die Kapp gestopft haben.

Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und der Ewer klüst weiter.

„Fastholen!“

Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das Deck, sie schlägt in die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt und umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber sie lassen ihren Halt nicht los, und weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest gibt, vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten.

Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar auf das Deck nieder, daß die Luken verlorengehen und der Ewer sich halb mit Wasser füllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die Treppe, um sofort hinaus zu können, wenn etwas passieren sollte. Fest klammern sie sich an, damit sie nicht hinunterfliegen. „Junge, wat snuft dat langs!“ ruft Störtebeker, „ober bang bün ik dorbi doch keen betjen!“

An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten! Sie müssen durch! Durch müssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann es nicht werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder hält!

Wieder ein Brecher?

*                    **

Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von Bremerhaven liegt, ließen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die Pumpen, pumpten das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre Kojen.

Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser, aber auf dem Fischerewer rührte sich nichts: alles an Bord schlief.

Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff, das schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie feststellten, daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager. Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, das Großsegel zu nähen und einen Flicken daraufzu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste gelangen konnten.

Von Bremerhaven ließ Klaus schlagen, das heißt drahten, und den andern Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte den Schaden ab. Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger und Optiker zu gutem Verdienst — der Ewer aber mußte ganze acht Tage untätig an der Kaje liegen.

Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen konnten.

„Sall he wedder mit?“ fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach Störtebeker, der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte. Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an.

„Worüm denn ne?“ fragte er.

„Och nix, ik meen man bloß,“ lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber sah ihn schief an und sagte: „Up wat för Gedanken du ok doch kommen kannst! Hett mol en betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt warrn, wat?“

„Ik heff jo doch gornix seggt,“ beschwichtigte der alte Jantje ihn sanftmütig und verschwand in der Kajüte.

Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das Schicksal ihn warnen wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er den Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die so sehnlich nach ihm verlangte?

Ach was — Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.

„Störtebeker?“

„Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Büx twei.“

„Wullt noch wedder mit no See?“

„Gewiß, Vadder!“

Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu kaufen.

*                    **

Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute, für die Schiffer, für die Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er sich dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! Wie mancher Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf und blätterte den Haufen durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste hinunter. Fand einer nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein andrer schlug ihn knallend zu.

Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe durch.

„Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein, Geeschen? ... Willem Mees?“ ... — er machte eine lange Pause, denn Willem Mewes war geblieben ... „Paul Külper? De liggt jo blangen uns; den Breef bring em man eben gau dol, Störtebeker!“ ... Der Junge war bereit, Briefträgerzu spielen, und lief eilends nach der Geeste hinunter ... „Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt, Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H. F. 125: dat bün ik sülben! August, geef mi mol en lütjen Angostura!“

Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch. Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, daß Gesa beim Schreiben geweint hatte.

Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. „Dor is obern barg baschen Peper twüschen, August! Den mokst du woll sülben, wat?“ sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen gar nicht nach Haus verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am Deich erzählten sie so viel von ihnen. Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß der Junge gar nichts von sich hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei, habe sie gemeint.

Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heißt Tinte und Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zufinden und es wurde wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur stand: „Liebe Frau, es grüßt dich dein Mann!“

Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat nach dem Ewer zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker, der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute, und setzte die Segel auf.

Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen.

„Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder weet gornix van di af: wat is dat egentlich?“

„Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to,“ sagte der Koch leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann bellte ihn aus, und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und schnell einige Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug.

*                    **

Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte sich kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen. Er hatte deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel war, geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war ihm bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte.

*                    **

Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne Reise: sie gingen zu Fuß nach dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den weißen Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten ein großes Segelschiff und das war Kap Horns alte Bark „Elisabeth“, auf der er lange Jahre gefahren hatte.

Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an Bord ging, um seinen alten Käppen zu begrüßen. Unter dem Arm trug er einen Beutel voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing noch immer an dem Ollen, an sien Vadder.

Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr über die himmelhohen Masten und über die mächtigen Rahen, denn so nahe hatte er ein großes Schiff noch nicht gesehen, am meisten aber mußte er sich über die vielen Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der Alte war an Bord und freute sich über seinen alten Vollmatrosen. Obgleich der eigentlich vor den Mast gehörte, nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen Seeleuten.

Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck, an der Reling und hörte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er das Schiff genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ sich von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör nehmen und lauerte sich einen Löffel Labskaus weg, dann aber getraute er sich nach dem Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die keine Landwache genommen hatten, und klönten. Einer spielte leiseauf einer Mundharmonika und machte große Augen. Über dem Vortopp aber stand der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens und jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen auf der Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.

Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum. So blicken wir, wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die wir noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von uns, bringen sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich vielleicht nur in der Hausnummer versehen?

Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der Fockrah stand, als sie aber hörten, daß er Klaus Störtebeker hieß und ein kleiner Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig, nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, sie zogen seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend mit einem Backtrog, der einen alten Kartoffelsack als Segel und einen Besenstiel als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen: mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer und die große Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und Wind, daß sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen. Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas wußte und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und Pferde, Back und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig werden, da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen ganz sicher.

„Un wo is Backbord?“ fragte der Zimmermann, ein Däne.

„Dor frog dien Großmudder man no,“ antwortete Störtebeker, „mi kannst ne förn Buern hebben.“

Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang. Der Segelmacher, der großes Gefallen an ihm gefunden hatte — alle alten Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! —, schenkte ihm einen ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entließen den kleinen Seemann mit Adjüst und Good bye.

Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen Schiffe, das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten, wunderlichen Götzen, der mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch er freute sich über Störtebeker, und als der eine kleine nautische Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die Reichsprämie von dem Alten: ein weißseidenes Halstuch, das in Tschifu gekauft war.

„Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver“ — damit wurde Störtebeker zuletzt entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach, wie er hinter Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. Und sie sprachen noch lange von ihm.

Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und ließ sich das große Belebnis erzählen, während der Knecht mit blanken Augen auf der Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt war.

Als der Kapitän der „Elisabeth“ den andern Tag etwas in der Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und ging über den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und dem großen Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so vielerzählt hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der Morgenfrühe nach See gesegelt, so daß Käppen Vinnen kein Glück damit hatte.

*                    **

Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren dabei, den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.

Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser halten konnte als die glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang und den Seesternen einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er zog ihn heraus und wies ihn herum: „Kiek mol, Vadder, wat förn scheunen Steenbutt, rein en Stoot!“

Er stand dicht am Setzbord — und der Ewer holte in diesem Augenblick plötzlich weit über! — da sackte er langsam nach hinten über und fiel über Bord in die See hinein.

Mann über Bord!

Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich jäh von dem Hummerkasten, auf dem er saß, warf Fisch und Messer hin, stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe Grund sehen. Zu spät dachte er daran, daß er die schweren Stiefel hätte ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den Jungen nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Wie Blei hing es an ihm.

Da schwamm der Junge. „Hol di, Klaus, fix roonen!“ „Jo, Vadder!“ Bevor er zum zweiten Mal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die Arme. „Lot den Butt doch los, Junge!“ „Ne, Vadder!“ ZumGlück sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn über Bord geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte erlahmt waren.

Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen und konnten sich verpusten.

Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. „Son scheunen Butt schull ik wedder swümmen loten?“ sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater, dann aber zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf, damit die Sonne und der Wind es trockneten.

„Up See mütten Kummer gewinnt warrn,“ sagte er lachend zu Kap Horn, der ihn kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen hin, als wenn nichts geschehen wäre. Was war’s denn auch weiter: er hatte bloß einmal über Bord gelegen.

Is de Sommer all her? — fragen die Frauen, die einander begegnen, denn ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide schwerfällig ebbt. Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft dick geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen Schatten werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, eine weiße Scheibe ohne Strahlen. Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben.

Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger läuten die Glocke, die kreuzendenSegler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen bis Blankenese, daß man meinen könnte, mitten im Hamburger Hafen zu sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft, sich zu erheben. Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe haben etwas Formloses, Gespenstisches.

Wie Herbst ist der Tag.

*                    **

„Stuten! Weu ok Stuten?“

Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr, der ein bißchen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwärder Morgenpost genannt wird, kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich entlang, die fast größer sind als sie, und singt vor allen Türen.

„Wullt ok Stuten, Greta?“ Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie die Frau gerade heißt. Zu verwundern ist es, daß sie bei den vierhundert Häusern, die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und Ginen miteinander verwechselt.

Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Körbe hin und atmet auf.

„Gesa, wullt ok Stuten hebben?“ ruft sie ins Haus hinein. Die Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich über die gelichteten Kiepen her, um sich ihre Rundstücke und Überschnitte auszusuchen, wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt.

Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen gesetzt hat.Sie will doch sehen, daß sie von den dunkeln Blutstropfen einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den Nachbargebieten ins Reine gekommen ist, fragt sie teilnehmend:

„Diern, is dat wohr mit dien Jungen?“

Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. „Wat schall wohr ween?“ fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht.

„Weest du dor noch nix af?“

„Ne, wat schall ik weeten?“ stößt Gesa heraus, „ik weet bloß, wat he gesund un munter an Burd is!“

„Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weest, denn ist woll Snackeree vanne Lüd; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn ist jo man god!“

„Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?“

„Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gorne so verjogt, mien Diern! Föftein Penn giffst du ut: denn kriegst du jo noch wat wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!“

Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzählt worden ist, und läßt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist erzählt worden, daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber er habe ihn nicht wiederkriegen können. Wann es gewesen sein soll, weiß sie nicht, sie kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist.

„Schree man ne gliek, mien Diern,“ tröstet sie, „is jo bloß Snackeree.“

Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit einem lauten Aufschrei vor demHerde zusammen. Ein starkes Schluchzen erschüttert sie und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann. Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch.

Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr als bloßes Gespräch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es geträumt hat! Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit einem Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle Blitz, der in ihre Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um seine Fahrt lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült ist! Ob er nun auch noch lacht, der lachende Seefischer, der so sehr an seinem Jungen gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist, weil er seinen Störtebeker verloren hat?

Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, daß er mit zur See kam? Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein und alles in ihr schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt, gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an. Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen umher! So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen! Sie konnte ihm nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein Grab pflanzen!

Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu erwehren. Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein, nein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des Deiches, Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bordund Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst mit! Nein, nein: ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein großer Vater lebt und lacht, und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden Fahrensleute!

Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven und Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge gesund und munter ist — und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht sie die Tage über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger und blickt über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, bis sie gewiß weiß, daß ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme Mutter — daß er wiederkäme! Daß er noch lebte! Den Nachbarinnen weicht sie beharrlich aus: sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und will nichts hören und nichts sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist sie voll Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben. Wäre nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine Wartung verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre tiefdenkern geworden.

*                    **

Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in der Hand und riß ihn jäh auf, daß Jan sie verwundert anguckte.

Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre, dann aber kamen die Zweifel wieder über sie, sie stöhnteauf und zerknüllte den Brief. „Dat lügst du, Klaus Mees, he is verdrunken!“ schrie ihre gemarterte Seele. In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, daß sie wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte. Ihre Seele war krank und wund und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die klagende Stimme des Jungen.

Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach der Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen. Sie mußte Ruhe haben: sie konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles bereit hatte — es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst wenig mit der Eisenbahn gefahren —, vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger an, der gar nicht wußte, was los war und es auch nicht herausbekommen konnte, denn sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe und erst den andern Abend zurückkomme.

Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich standen, erwiderten ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton, der besagte: na, was hast du denn vor, willst es uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein, sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war, den Deich entlang zu gehen, jeden anzuholen und vor allen Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der Ortsfremden, wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen.

Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen ihr nach.

„Se hett jo man bloß den eenen Jungen,“ hieß es dann.

Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, nach Geestemünde schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht, damit Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht wissen, daßsie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren.

Der Klapperkasten „Courier“ paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet und setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den Pariser nannten.

*                    **

Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag müde und angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie erreichte auch den Deich, sah im Westen und Norden die breite Außenweser und ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in langer doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der Wind hatte viele von ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als an ihren Jungen und weiter nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen und da Werften, hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige, graue Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was Klaus wohl hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn es weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit dem grünen Deich doch nimmermehr vergleichen konnte?

Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie an, der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: „Süh, Gesa, ok mol oberreist?“

Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. „Klaus liggt dor wieder rup,“ rief er ihr noch nach, „dor eben vörre Brügg, de Flagg dor, dat is he.“

Die Flagge — sie mußte bitter und schmerzlich lächeln: so wenig Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte Zeichen des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf der Besan, wehte lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt hatte.

Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren sauste es und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch umkehren?

In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen.

Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das rautenförmige Türfenster in die erhellte Kajüte hinein.

Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende Klütjenpfanne stand darauf, auf einem Tauring, und die Seefischer saßen im Kreise herum, hatten die Gabeln in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus Mewes, groß und breit, da saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und erzählte von der großen Hitze im Roten Meer, da saß Hein Mück mit einem Gesicht, das heißen sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch en Butenlanner vör mi —, da saß der griese Seemann und liebäugelte mit den gebratenen Klößen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort dazwischen.

Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, alshörte sie eine Stimme hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter auf der Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst kein Licht mehr: dann ist alles dunkel und du findest dich in deinem einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn fest, den Traum ...

Da rief Störtebeker: „Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol mokst du de Brotklütjen to sult!“ Und er stand auf, um aus dem Wasserfaß auf der Diele zu trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft zu Ende.

„Klaus, mien Klaus!“ schrie sie auf und sank um.

*                    **

Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als Klaus Mewes seine Gesa aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach dem andern hinausgeschlichen, um nicht zu stören.

Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum noch Antwort, denn er ahnte, daß es unten um ihn ging, daß er von Bord sollte. Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.

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Es ging um Störtebeker.

Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohteund warnte, bat und schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lübischen Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das der Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schließlich doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu werden, da verspielte er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden und es rief beständig in ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von Bord: der gehört zu dir und zu niemand anders! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen, und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.

Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst nach dem Neß bringen müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht gefügt! Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu bleiben und die eine Reise, die gewiß nach der Elbe gehen solle, mitzumachen, aber sie ging nicht darauf ein. Er mußte Wort halten.

Der schwerste Streek kam: er mußte es seinem Jungen sagen.

Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: „Un ik goh ne mit un goh ne mit!“ Dann trat er in den Lichtkreis.

Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.

Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, als ob sein Vater ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er nichts. Seemann richtete sich an seinem Bein auf, als wenn er ihn trösten wolle: er wurde es gar nicht gewahr. Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er hätte etwas Häßliches getan, aber sie war klug genug, es nicht zu tun.

Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn und bei Kap Horn wollte er nicht schlafen), löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See haben wollte. Er glaubte, sie hörten ihn nicht, aber sein Vater, der auch nicht schlafen konnte, hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet hätte, Gesa oder die Leute möchten es merken, so wäre er aufgestanden und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.


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