In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen klatschte auf das Deck.
Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen, während seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mithaben sollte. Sie hatte gelernt, wie die beiden genommen werden mußten, und handelte danach.
Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an, aber ohne Teilnahme. Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen Fischerbank ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord jagen mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch!Im Traum hatte er gesehen, daß Störtebeker sich im letzten Augenblick an den Wanten angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm die Hände lösen müssen: dann war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol, Vadder, denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn aufgeweckt.
Störtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit dem Knecht und dem Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so tat er.
Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: „Kumm, Klaus, du müß di klor moken!“ Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.
Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. „Dien Mudder hett di ropen, Klaus, goh dol,“ sagte Klaus Mewes ernst.
Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an. „Schall ik würklich van Burd, Vadder?“ fragte er mit heiserer Stimme.
Klaus Mewes nickte ernst.
Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzählte, vom Deich und seinen Spielkameraden, war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf.
Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap Horn. „Hol di man fuchtig,“ sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken, Kap Horn aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, gab ihm die Hand und tröstete: „Nich bang wesen, Klaus Störtebeker, nich bang wesen! Wi kriegt all nich unsen Willen! Annern Sommer kummst du wedder mit no See!“
Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja doch selbst nicht!
„Adjüst, mien Seemann,“ sagte er und streichelte dem Hund das struppige Fell.
„De bringt di noch langs,“ rief Klaus Mewes, der sich auch fertig gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch einmal verloren nach der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr sehen, denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt.
Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er noch einen Streifen sehen.
Er sagte aber nichts.
* **
Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive pfiff und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung.
„Adjüst, mien Jung!“
„Adjüst, Vadder, jüst, Seemann!“
Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte, bis Gesa ihn wortlos an sich zog. Da löste es sich in ihm und er legte den Kopf auf ihren Schoß und weinte bitterlich. Da beide allein in dem Abteil waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und weich über das sonnenhelle Haar.
* **
Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück. Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen Weg. Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weißenErdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen hatte, und ging über die Geleise zurück. Wie in eine Totenkammer trat er in seine Kajüte und ließ sich müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte einen schweren Streek hinter sich.
Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine Stimme in ihm, dir träumte, daß Gesa gekommen sei und den Jungen mitgenommen hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und ertrunken ist: sie haben es ja sogar schon am Deich laut erzählt!
Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen Augen an. Ruhelos ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben, als ob er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne. Er war gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heißen Zorn auf sich, daß er sich so hatte überteufeln und unterkriegen lassen.
Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst jetzt so recht.
Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten verraten und verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und fühlten, daß sie das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge es nicht verwinden noch vergessen würde.
Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die Segel auf und gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.
Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war umgeweht, Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten und die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen war, aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war, der war anders geworden, der ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht, weil er es nicht wollte.
Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten ihm noch die schmalen, seichten Gräben, der die ungeheure, tiefe See gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen Fischerewer allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte!
Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Gräben und streifte in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu vertreiben, und nicht, weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte, und seinen grünen, nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand!
Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit aus dem Wege und guckte vielnach dem Ewer aus, denn wenn er seinem Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm: das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn.
Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach erzürnte er sich mit allen, daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und keiner mehr nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und Wetterdingen („dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten, as du Kiekinnewilt,“ hieß es herrisch) — und das ließen sie sich bald nicht mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein.
Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, daß er ihr selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so ließ sie sich äußerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die Zeit die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß der Junge die See vergäße: so wenig kannte sie ihn.
Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief ins Haus: „Vadder kummt up!“ Gesa lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes, ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker ließ sie durch das Glas gucken und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, daß es ein Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.
Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und dem Westwind herankam und größer und größer wurde. Die braunen Lappen wuchsen und dergrüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.
Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen. Hätte er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist.
Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her, sprang über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord wäre. Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt.
„Höh, Vadder!“
So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: „Höh, Vadder! Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!“
Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich über die Maßen und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß der trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme, und sich nicht um ihn bekümmere, — und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht. Wie freute er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am Wasser stand und Ausguck hielt!
„Gohn den Draggen! Fock dol!“ scholl es dann über Deck und das Echo am Bollwerk wiederholte laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm geworden: „Gohn den Draggen! Fock dol!“ Da gewahrte auch Seemann seinen Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn sein Herr fragte: neem is Störtebeker, Seemann? — und er stellte sich mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend,während die Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite.
Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, nahmen das Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal und fierten die Besan herunter. Die Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig zwischen den Bäumen hin und her. Endlich, endlich waren die Segel zusammengebunden und das Boot konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß es jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt geworden oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig!
„Mien Kohn ne vergeten, Vadder!“ rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und stieg nach den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg ins Boot.
Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm als Jungen zukam, Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap Horn saßen im Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an der Kette nach.
Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte schon mehrmals seine Hand ins Wasser gesteckt und wennes noch länger gedauert hätte, hätte er sich nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen.
„Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af,“ lachte er nun und wehrte dem Hunde, dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im Triumph den Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden Seefischer. Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich ein Stückchen Segeltuches aus dem Boot geschnüffelt und schleppte sich damit ab.
Da war große Freude auf dem Neß: erst tranken sie köstlichen Kaffee in der Küche, und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel, die sich leicht im Winde wiegten, lachten sie von draußen an. Und köstlich war die Fragerei von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hörte nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah.
Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit und sie sah Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte aber nicht, was sie damit sagen wollte.
Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf, dann versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die Fische zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon Flossen und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater, in dessen Augen auch ein Leuchten stand, an Bord und ging wieder auf seinem großen, schönen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch, um sich an das Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die Wanten, als wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte, er blickte nach dem Kompaß und nach allem.
Den Abend saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes vor der Tür und piepte wie ein Sperling, während sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der Jäger in der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern auf der Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten. Als der Spatz aber gar nicht ins Nest wollte, ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den nackten Beinen, zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze.
* **
In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Störtebeker standen auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich entlang nach der Neßkule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und naßkalt. Die Bäume tropften und in den Pappeln saß ein Flüstern, wie die Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven glucken. Auf den Feldern braute der Fuchs.
Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine großen Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stießen vom Lande ab. Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der Schleuse murmelte das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe regungslos im Gras und erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf und verschwand surrend.
Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern. Klaus Mewes saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht brennen hatte, ging mit ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei, dann stieg der Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben.
Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar gemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in Nacht und Schweigen, Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden, sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie saßen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem Helmholz des Ruders liegen. Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen zumute.
Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er der Stürme, die ihm bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm saß? Er konnte es nicht deuten.
Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Tamp, setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der Versteigerung ab. Um sechsschallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag folgte dem andern, denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der große und der kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, diegroßen Zungen, die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße und Steinbutte, die Schollen und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, da war schon alles verkauft und die Händler standen bereits auf andern Kisten, aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darüber, daß alles so schnell gegangen war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen hatte, was er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan. „Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes“ — und damit basta.
Die Abrechnung konnte er erst später bekommen — sie hatten deshalb noch viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter besehen hatten, guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die Bünnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr festgebunden wären, stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt.
„Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?“ fragte Jan Tiemann, der Elbfischer.
„Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,“ sagte Klaus Mewes.
„Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütje Geutjen, Klaus!“
Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah denElbfischer feindselig an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af?
Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig und blickte wieder fröhlich über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schöne Reise gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein, daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus Mewes fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz unbefangen.
So segelten sie die Elbe hinunter.
Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn Prozent, der Junge neun Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute hatte und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben als die andern Fischer, und er tat es gern.
* **
Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht von Thees to Baben machen. Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich oder zu Kai Kröger auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann noch, der kleine, krumme Segelmacher. Wie übernatürlich lodert es in seinen dunkeln Augen, wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie wirrist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts wittert er Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu tun. Wie unheimlich ist sein Tun, wenn er Segel näht: erst legt er die Karten, um den rechten Tag und die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und dann rutscht er wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverständlich vor sich hin, spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß, welche Segel zerreißen und welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergänge der letzten vierzig Jahre hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.
* **
Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saßen auf dem Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte auf einem neuen Großsegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich, und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der sich dem Teufel verschrieben hatte und dafür alles bekommen konnte, was er haben wollte: Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und das Feinste zu essen und zu trinken.
Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur Tür herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den Segelmacher, was er für den neuen Klüver zu bezahlen hätte.
Thees lächelte eigentümlich und sagte: „Du kummst ok jümmer, wenn ik di ne bruken kann, Klaus Mees. Ik wür hier so scheun mit Dokter Faust inne Gangen un nu frogst du, wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn un an to reken fangen!“
„Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees,“ lachte Klaus.
„Ne, ne, di vertill ik nix,“ antwortete der Segelmacher, der aufgestanden war und sein Buch suchte, „di vertill ik nix, du lachst jo doch bloß ober sowat; du meenst, dat gifft bloß dat, wat du vör Ogen sühst: aber ich sage dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol de Kortjen leggen?“
„Ne, lot man, Thees,“ wehrte der Seefischer heiter ab, „ik gläuf ne an Hexen.“
„Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!“ wandte der Alte sich an die beiden Wattenläufer, „wat he glüst, as wenn he ne blieben kunn!“
„Man keen Bangen,“ rief Klaus sicher, „ik blief ok ne!“ Und Störtebeker, der auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrücklich hinzu: „Vadder kann ne blieben, he kummt jümmer wedder!“
„Do ik ok, mien Jung!“
Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte mit veränderter Stimme: „Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De kunn ok ne blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer bloß een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt. Jä, un de See is em doch ober worden, is em doch ober worden, Klaus Mees, un de See, dat gläuf man, is noch jümmer hungerig no Ebers un Kutters!“
„Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr hebbt,“ erwiderte Klaus Mewes unerschüttert, „wi könt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln! Wat ist mit den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?“
Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die Augen, dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu blättern, aber er kam wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er sei wieder behext, die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm dieAugen zu, damit er das Konto nicht finden solle. „Betohl anner Reis, Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!“
„Och wat, kiek man mol eulich to, Thees,“ mahnte der Fischer, „ik kann ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben.“
„Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi,“ sagte Thees und vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung. Das dauerte Klaus zu lange, er trat näher und sah ihm über die Schulter. Plötzlich rief er: „Hier steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein Klüfer 98 Mark.“
Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er wie in Gedanken: „Dat is jo all dörstreken, Klaus: keen hett dat denn don?“
„Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp don?“ lachte Klaus, „betohlt hebb ik gewiß noch ne.“ Und er zählte das Geld auf. „Sühso, Thees, till no, wat dat ok stimmt!“
Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er könne es nicht nehmen, das Geld gehöre ihm nicht.
„Kumm, Störtebeker!“
Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach Peter Fick hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.
„Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder,“ sagte Störtebeker, als sie draußen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm doch etwas durch den Sinn, dann aber sagte er: „Jo, de hett allerhand Grabben.“
Sie gingen westwärts.
Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters Hand, was er sonst nur selten tat.
„Vadder ...“
„Non?“
„Och — nix ... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?“
„Ne, mien Jung, ik blief ne!“ rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer auf dem Wasser.
* **
Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als die Gäste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch nochmals vor und besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen waren, denn er strich die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann bezahlt hatte oder — wenn er geblieben war.
Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das Geld, das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen Seitenblicken ein.
* **
Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag er wieder vor dem Neß. Stürme hatten ihn einige Tage hinter List festgehalten und er hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute sich, ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer zu Markt, weil es stark wehte. Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen Mittag die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der Wind war aufgefrischt und die Elbe ging in Hemdsmauen.
Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige Hagelflage hinein, die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf. Aber der Ewer, von dembesten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein Stier und wies dem Wind die Hörner.
Plötzlich rief Kap Horn: „U, kiek“ und sprang nach vorn. Da trieb eine Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und stürzte auch nach dem Steven. „Dor drifft een!“ schrie Kap Horn und wies leewärts. „Denn fot man gau de Boot mit an,“ schrillte Klaus, „Hein, inne Wind den Eber!“
So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und sprangen über den Setzbord. „Hilpt uns, hilpt uns!“ rief es todesängstlich an Backbord, aber der Hagel ließ wenig Sicht zu: sie konnten niemand erblicken. „Liek vörut mütt dat ween,“ rief Klaus, „roon, wat du kannst, Kap Horn!“ Der Südwester war ihm in den Nacken geweht und die scharfen Körner flogen ihm in das Gesicht, aber er ließ den Riemen nicht los. „Holt jo, wi kommt! Wi kommt!“ gröhlte er, so laut er konnte.
„Hilpt uns!“
„Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!“
Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven, er beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden bei den Haaren. Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap Horn stand neben ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in das Boot. Hans Danker war es, der Lüttfischer.
„Neem is Trino?“ fragte Klaus dringend und spähte umher, denn er hatte die Frau in Altona an Bord stehen sehen. „Kiek mol to, Kap Horn, wat se dor drifft!“
Hans Danker aber ächzte dumpf: „De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch verdrinken loten!“ „So, un dien Kinner?“ fragte Klaus, er blieb aber noch eine ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen und suchten, um die Frau zu finden.
Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden abstießen, warf er sofort Anker, ließ die Fock fallen und machte das Ruder los, so daß der Ewer mit den klappernden großen Segeln keinen Schaden nehmen konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand an den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von allen Seiten Jollen und Ewer heran, auch vom Deich segelten Boote herbei. Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit der Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk.
Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann seinem Hause zu. Der Deich war schwarz von Menschen und viele Frauen weinten.
Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste Mädchen fing laut an zu weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: „Vadder, Vadder, neem hest du uns Mudder loten?“ Da stöhnte Hans Danker furchtbar auf und wollte sich losreißen, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus Mewes und Kap Horn hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der Obhut der Nachbarn anvertrauten.
Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.
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Der andre Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer Tag, an dem die Sonne nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.
Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten die Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit den Booten nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu fischen.Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo auf und ab.
Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei. Sie sprachen aber wenig.
Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte, schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück. Sie hatten die Tote nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.
* **
Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf Finkenwärder: nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den Anker, um zu fahren. Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel und über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter Vogel.
Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.
Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers, als wenn er der Lotse wäre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein seinen Tamp loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, daß sie ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein längeres Tau zu, das er im Stevenring befestigen mußte, und zogen dann mit ihm los.
„So geiht he god, Vadder,“ rief er vergnügt, als der Ewer recht an den Wind kam und gute Fahrt machte, und freute sich über den Schaum vor seinem Bug und über die großen Segel, die ihn beschatteten.
Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mächtig davon und hatte den Neß bald hinter sich. Störtebeker sollte abschwenken und umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war, tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.
Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit dem Wasser gleich und Störtebeker mußte aufmerksam mit dem Riemen steuern, damit er sich trocken hielt.
Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er mußte das Tau losmachen und zurückbleiben.
Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.
„Adjüst, Störtebeker!“
„Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis wedder!“ ... „Adjüst, Störtebeker!“ ... „Jüst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern!“ ... „Adjüst, Klaus Störtebeker!“ ... „Jüst, Hein Klütjenbacker, pett di man keenen Nudelkassen innen Foot!“ ... „Wauwauwauwau!“ ... „Jüst, Seemann, fall man ne ober Burd!“
Dann rannte ihm der Ewer davon.
Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten, schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst als die braunen Segel bei Schulau um die Huk waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach Finkenwärder um.
Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?
Sinne, öffnet eure Tore!Grabbe.
Sinne, öffnet eure Tore!
Grabbe.
Die Äquinoktien!
Herbsttagundnachtgleiche!
Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in großer Angst. Ringsum lauern die grauen Stürme, die die Natur brechen und die Sonnenkraft tot machen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie an den Wolken: jeden Tag und jede Stunde können sie fallen.
Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei unruhigem Wetter. In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend aufgeschlagen auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf Wind und Wetter, und die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener Meldung über die hinter der Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reißt eine der andern aus den Händen. Jeder Ankömmling aber wird befragt: Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett Paul ne bi jo fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere Wolkenwand seewärts auf der Elbe steht oder wenn die Winde im Schornstein sausen!
In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille, bange Zeit.
Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und auflegen kann: das können und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten sind schon nicht mehr danach, daß man mit dem Sommerfang auskäme: es muß auch Winters gefischt und verdient werden.
Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Stürmen entgegenfahren.
* **
Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünfzig Seemeilen hinter Helgoland auf der Höhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwärme haben die Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte der Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser wärmer und der Grund stiller ist. Wer noch einen guten Streek tun will, der muß Helgoland und Neuwerk weit hinter sich lassen und sich schutzlos der weiten See anvertrauen. Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt werden.
Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer, die diesen Winterfang betreiben können: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven und warten auf den Hering.
Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.
Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt und für sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den Engländern und Holländern und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen. Es verschlägt ihm nichts, wenn die See einmal so grob wird, daß er reffen muß, oder wenn der Wind es so gut meint, daß er das Netz einhieven und treiben lassen muß: gefischt wird doch wieder, und wer die Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die Fröhlichkeit von Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen, als der kleine Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen.
Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter, als wenn sie binnen wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise haben, guckt Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend kreuzt nur noch ein holländischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne Mißtrauen und geht geruhig zu Koje.
In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden, denn es ist stur geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu Bett, um noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe, denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen, und auf Kap Horn, den Altbefahrenen, können sie sich verlassen wie auf den Deich bei springender Tide.
Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden und er muß befürchten, daß der jagende Ewer die Kurrleine abreiße. Klaus Mewes guckt in den Wind und ist damit einverstanden, daß sie einziehen.In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann schickt er die Leute zu Koje und übernimmt selbst die Wache. Im Sturm gehört das Ruder ihm, dem Schiffer!
* **
Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so daß die Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine Haverei, so viel Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte etwa in Stärke 8 nach dem alten englischen Admiral Beaufort.
Da mit einem Male legte er sich gänzlich — ganz still wurde die Luft. Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und donnernden Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung.
Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie machten sich klar zum Sturm, der kommen mußte, denn das Wetterglas fiel rasend. Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde ausgepackt und mit doppelten Ketten umwunden, damit es nicht über Bord gehe, das Bugspriet wurde eingezogen und Plichten und Luken wurden geschalkt. Auch sich selbst machten die Seefischer sturmbereit, dann steckten sie das zweite Reff in die Segel — und dann kam der Sturm wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an Gewalt. Es trommelte und pfiff im Südwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht zum Stürmen lärmte, der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres, das brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, daß die Masten sich bogen und Hein Mück laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn der Ewer dem ersten,gräßlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er umkippte, aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und riß ihn auf. Wie brauste es in den Lüften, wie erhob sich die See, wie tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem Achtersteven so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich, und erhob er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das tränenüberströmte Gesicht eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen und über die Backen. Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die Luken nicht zerschlagen wurden!
Südweststurm —
Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn der Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an Deck, mit Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er nicht los ließ. Als die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn einige starke Taue kreuz und quer über Deck, von Wanten zu Wanten und von der Winsch nach der Besan, damit sie überall einen Halt fänden, wenn sie stolpern sollten.
Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er tröstete sich, daß es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe, und ließ sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der unbekümmert im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt und überstanden.
Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen jagten einander und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun: sie mußten es wegnehmen und dafür den kleinen Klüver als Sturmsegel setzen, statt der Besan aber den dreieckigen Nackenhut. Als die Sturzseen über den Ewer brachen undalles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er nicht über Bord spüle, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an Deck. Noch war keine Angst in sein Herz gekommen, so toll es auch im Wirbel ging, noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so schwer auch die Wogen über den Setzbord schlugen! Noch immer lachte er des Sturmes und wünschte seinen Jungen herbei, damit er ihm zeigen könne, was Klüsen heiße. Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog, verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne sich zu besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riß das Segel aus der Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige Stunden gut, bis es Abend wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine sternenlose, sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten Nüstern und fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die Nordsee, und selbst die Sturmsegel, die winzigen Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie nicht alles Tuch in die Winde fliegen sehen wollten, mußten die Segel gänzlich abgeschlagen werden.
Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie machten die Sturmanker zurecht. Backbords schäkelten sie einen unklaren Anker auf dreißig Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden Kurrleine, steuerbords taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer mit dem Kopf am Winde halten und verhüten, daß er dwars schlüge und von den Seen kopfheister geworfen würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab.
So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich her wie der Jäger das Wild, das erlahm geschossen hat. Die ganze Nacht trieben sie auf der wilden, hungrigen See, durchnäßt und ermattet, aber in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends war ein Schiff zu sichten und sie sahen kein anderes Licht als die Strahlen des Elmsfeuers, das in Büscheln auf den Toppen der Masten und an den Blöcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage es verlöschte.
Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an Deck stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine schwere Sturzsee über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und verheerend über das Deck brandete und schäumte. Die Fischer fühlten sich emporgehoben und verloren den Grund unter den Füßen, sie mußten schwimmen und spülten hin und her, daß sie glaubten, der Ewer sei schon in die Tiefe gedrückt. Es war nichts mehr zu machen!
Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet — da schrie er gellend auf, denn eine schwere, kreißende, ungeheure See hing wie ein Berg, wie ein Eisberg steil über ihm und senkte sich ehern. „Holt jo fast, holt jo fast!“ rief er schrill, aber der Lärm des Wassers und des Windes drängte ihm die Worte in den Mund zurück und erstickte sie. Dann schleuderte die See ihn wie Gerümpel zur Seite und warf ihn gegen das Nachthaus, daß ihm Hören und Sehen vergehen wollte.
Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich wieder mit den kleinern Dwarsläufern abriß, hing Kap Horn mit zerrissenem Ölzeug und blutendem Gesicht in Lee an den Wanten, von Hein Mück war aber nichts mehr zu sehen und mit ihm war auch das Boot vom Deck verschwunden: zerrissen lagen die Ketten auf den Luken. Sie suchten die See mit den Augen ab und warfen den Rettungsring über Bord, aber obgleich es schon einigermaßenhell geworden war, konnten sie doch weder Hein Mück, noch das Boot entdecken. Nur wilde, graue See war ringsum: der Junge war weg ...
„Dat duert bloß en Ogenblick, denn ist ut,“ sagte Kap Horn tröstend, der nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt hatte.
Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer noch über die See und suchte seinen Speisemeister. Was sollte er sagen, wenn die Mutter angeweint kam und ihn fragte, wo er ihren Jungen gelassen hätte?
* **
„Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr,“ rief Klaus, aber Kap Horn schüttelte den Kopf und blieb bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen sollte — und es sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen Kajüte ersticken, sondern frei in der See ertrinken: bis es aber so weit war, wollte er bei seinem Schiffer ausharren.
Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch nicht mehr lachte, sondern ein ernstes Gesicht machte. Wie ein Wiking trotzte er der See, wie ein Löwe verteidigte er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt er aus. Er verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte Seemann das nasse Fell, er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach, er lotete gewissenhaft und tat alles, was sich noch tun ließ bei solcher Gelegenheit. Er dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter, an Störtebeker und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht.
Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das erste Schiff seit zwei Tagen. Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu tun. Dennoch hätte er vielleicht geholfen, wenn Klaus Mewes die Notflagge gezeigt hätte, aber Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich voneinem Ingelschmann ins Schlepptau nehmen lassen! Gott schall mi bewohren, dachte er und ließ John Bull stiemen, der dann auch wieder aus den Augen kam.
Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nördlich genug, um von Jütland freizuscheren, hatten sie nur mit der norwegischen Küste zu tun — und die war noch weit weg.
„Ik gläuf, wi kommt dorch,“ sagte der Knecht. Etwas verwundert sah der Schiffer ihn an. „Wat schullen wi ne dörkommen!“ antwortete er, „wi weut doch ne blieben!“
Und er ging in die Kajüte, um etwas zu essen und zu trinken. Danach mußte Kap Horn hinunter, damit er nicht flau würde.
Am späten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig etwas schwächer gewesen war, zum Orkan! Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr unter als über dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde Dünung über Deck. Und siehe, siehe: eine Grundsee, die der Sturm in der Tiefe aufgerüttelt hatte und die mit Sand geschwängert und mit Muscheln und Steinen beladen war, schoß herauf, richtete sich urgewaltig auf und lief dem Ewer nach, der nicht von der Stelle konnte. Bleischwer stürzte sie sich auf das Achterdeck und drückte es nieder, daß der Steven steil aus dem Wasser sprang und die Ketten rissen, dann packte sie den Ewer mit ihren Tigerkrallen an den Seiten und warf ihn dermaßen auf das Wasser, daß er nicht wieder aufstehen konnte.
Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche, er fühlte, daß er den einen Arm nicht bewegen konnte, und sank langsam in die Tiefe. Da gab er den Kampf und das Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines Gottes Hände: er hätte noch mit seinem Schiffer fischen und segeln können, hätte bei Hochzeiten am Deich aufseiner Harmonika spielen und den kleinen Klaus Störtebeker mit zu einem rechten Fischermann machen können, aber wenn es sein mußte, ging es wohl auch ohne ihn. Er hörte nicht mehr das Sausen des Wassers: eine große, tiefe Stille legte sich um ihn ... ganz in der Weite klangen Glocken ...
Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel loszuwerden, die ihn in die Tiefe ziehen wollten, wie seinen Knecht. So tauchte er wieder auf und versuchte, zu schwimmen. „Kap Horn, neem büst du?“ schrie er in den Sturm hinein und rang schwer mit der Dünung, die ihn furchtbar hin und her warf. Beständig liefen ihm die Seen über den Kopf, so daß er viel bitteres Wasser schlucken mußte.
Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal aufrichteten und dann untertauchten, daß kein Topp und kein Flögel mehr zu sehen waren. Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich der Sturm mit unwirscher Hand über die Stelle hin und machte sie wieder so kraus, wie die ganze See war.
Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein Ewer waren ertrunken, er trieb in der wilden Dünung von Skagen: nirgends war ein Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er konnte nichts sehen.
„Geef di, geef di, Klaus Mees!“ brüllte die See, aber er gab sich nicht, mit aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben und er konnte noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden, den keiner verstand als er? Wie die Sturzseen über den Ewer hergefallen waren, so würden sie am Deich über ihn herfallen und alles zerstören wollen, was er in ihm erbaut hatte: die schöne Furchtlosigkeit, die Liebezur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die Freude am Sturm: alles würden sie ermorden wollen! Ob Störtebeker schon stark genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den vielen Hunden erlag, ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem Schneider oder Schuster machen ließ! „Gesa, Gesa, lot mi den Jungen!“ rief er in den Sturm hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und blühend, und dennoch keine Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie hatte nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der einsame, ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er wußte, daß er oft hart mit ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, — aber Reue fühlte er nicht. Sie würde weinen, aber die Ruhe würde in ihr Herz kommen und sie würde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen, wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mußten, um sich zu ernähren, brauchte sie nicht.
Klaus Mewes fühlte, daß seine Arme ermatteten und daß er es nicht mehr lange machen konnte. Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin emporheben und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es paßte nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke klein zu machen und mit den Seen um die paar Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben!
Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem Schicksal trotzig vor die Füße, wie ein Junge. Groß und königlich, wie er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den Helden kommen wird. Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, denn er sah einen glänzenden, neuen Kuttermit leuchtenden, weißen Segeln und bunten Kränzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker ... grüßend winkte er mit der Hand ... fahr glücklich, Junge, fahr glücklich, sieh zu, daß du dein fröhliches Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und mooi Fang, mien Jung! ...
Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg. — — — —
— — — — — — — — — —
Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, wie es an demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen hätte, bei dem er gerade zu tun hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu, dann fragte er erschüttert: „Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock di woll tweireten?“ und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das aber nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging hinaus. Der Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende Elbe ging wie eine breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den Südwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten der gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit sie nicht voll Wasser schlügen, sie kämpften sich nach den Ewern und Kuttern hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus, damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandsäcke herbei und verstopften die Löcher im Deich, damit das Land keine Haverei hätte. „Is Klaus Mees bihus?“ fragte der Segelmacher. „Ne, de is buten,“ erwiderte Jan Lanker, der lustige. „Denn weet ik genog,“ sagte Thees nickend und ging langsam nach seinem Boden zurück. Als er das Segel wieder übers Knie legte, lages ganz still — das Zerren hatte aufgehört. „Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?“ fragte er leise und wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel schweigend zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers Besan.
— — — — — — — — — —
Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers Kleibüxen, die voll Schlick und Schmeer saßen und gar nicht rein zu kriegen waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wußte nicht, ob Klaus einen Hafen hätte, oder ob er draußen sei. Wie wehte es!
Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, denn an der Tür hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich gehört. Stand der Hund, der Seemann, draußen und begehrte Einlaß, war er vorausgelaufen und kam Klaus nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das Herz still und ihre Knie bebten, denn die Tür war von selbst aufgegangen und auf der Schwelle stand ihr Mann, als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht war totenweiß, sein Haar war wirr und seine Augen waren müde und glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah sie ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie vermochte nicht, die Füße voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen, ob etwas passiert wäre, ob er Haverei gehabt hätte, aber ihre Zunge war gelähmt und sie konnte keinen Laut herausbringen.
„Gesa,“ sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie Gesa laut auf und sank zu Boden.
— — — — — — — — — —
Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich zugange, mit einem großen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und Mäuse und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den niedrigen Katendeich überflutete und das weite Land des Neßbauern überschwemmte, der auf seiner Wurt wie auf einem Eiland saß und im Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd war etwas für Störtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab und befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wür wat!
Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet hatte, zu Wasser mußte, da rief es mit einem Male hinter ihm: „Höh, Störtebeker!“ und als er sich schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken. „Hödjihöh, Vadder,“ rief er freudig, sah noch einmal nach der Ratte, dann aber warf er den Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts mehr an: sein Vater war gekommen!
Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte — nun war er weg? Störtebeker lachte und glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie er es immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er konnte ihn nicht wieder ausfindig machen. „Vadder, neem büst du?“ rief er, aber er bekam keine Antwort. Da nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das Wasser — der Ewer war nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn der konnte ja noch an St. Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser mit der Eisenbahn übergereist sein.
„Mudder, is Vadder ne hier?“ rief er schon auf derDiele und stürmte suchend in die Küche, überholte hastig die Schlafkammer und suchte die Dönß ab.
„Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder woll wesen,“ klagte seine Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch auf, in dem sie gelesen hatte.
„Eben wür he annen Westerdiek,“ lachte er und stieg auf den Stuhl, um aus dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. „Ik will em woll gewohr warrn, den Versteekspeeler den!“
Da wurde sie aufmerksam. „Keen wür annen Westerdiek?“ fragte sie tonlos.
„Vadder!“ rief Störtebeker, „he stünn boben uppen Diek un lach un wink. As ik to rupleep, wür he batz weg.“
Da zog sie ihn jäh an sich, daß er sich nicht wehren konnte, und jammerte: „Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien Jung!“
Er schüttelte den Kopf. „Dat is ne wohr, Mudder,“ sagte er bestimmt, „dat hest du dräumt. Vadder kann ne blieben und blifft ne, dat hett he sülben to mi seggt. Vadder kummt jümmer wedder!“
Sie weinte nur noch heftiger.
„Stopp, ik will em woll finnen,“ rief er und lief wieder in den Wind hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewiß auf dem Westerdeich gesehen hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hörte nicht darauf.
* **
Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fünf stand sie: das war die Todesstunde von Klaus Mewes.
Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals wieder angestoßen. Wie die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie stehen geblieben.
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Zufall? Gaukelei der Sinne?
Alle Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der Stunde, in der sie auf See ertrinken, mächtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder zu schreien, zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen, die Bilder an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in Lebensgestalt zu erscheinen.
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H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof, das heißt von Cuxhaven, übergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und gebrochenem Großmast hinter der Alten Liebe lag, und erzählte, daß er ein solches Wetter noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch nicht, es wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den Kopf, mit bleichen Backen und verweinten, geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann fragte, sprach er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm gewesen, sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes. Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen und er hatte auch nichts von ihm gehört, aber da war alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine Gedanken zu machen: der kam wieder, so gewiß wie zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute noch, dann morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten hatte, hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer ihn siebenmal ausgehalten. Da konnte sie ganz geruhig sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner Unbeholfenheit, bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, daß er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster auf das Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: „Inne Nurd schallt noch mihrweiht hebben, as neem wi ween sünd — un ik gläuf, Klaus Mees is inne Nurd wesen.“
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Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der Wasserkante, denn er hat viel Unglück und Haverei gebracht.
Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken, Häuser waren abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren entwurzelt. Auf Scharhörn war eine große englische Bark gestrandet und mit Mann und Maus spurlos verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein Lotsenschoner umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber lag bis an den Leuchtturm voll von haverierten Schiffen.
Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf Kutter und zwei Ewer, darunter Klaus Mewes. Tag für Tag lauerten sie am Deich auf sie und sprachen die Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre mußte zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal der sieben Fahrzeuge, der einundzwanzig Menschen hatten. Um den sie sich am wenigsten sorgten, das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann wie kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen Ewer unter den Füßen und guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte ja wiederkommen; der hatte schon viele schwere Stürme bestanden und sich immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den geflickten Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten Schiffern und den wenig befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes.
Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alteEwer und die Kutter kamen nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei war. Nur der eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben, weder auf der Weser noch auf der Elbe.
Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen und Klaus Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel herab Fürbitte für ihn und die beiden Leute und er betete stark und ergreifend, daß es wie ein großes Weinen durch die Kirche ging, denn der Untergang dieses großen, fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer mag noch Fischer sein, wenn solche Männer bleiben, dachte er.
Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen. Sie mußten es endlich glauben, daß sie seine Flagge nicht mehr flattern sehen würden, daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich entlangkommen konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten aufspielte und daß Hein Mück nicht mehr mit den Mädchen tanzte. Was für ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die meisten erst jetzt! Gut und fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches Wort gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen konnte, da hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei ihm an Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein Seefischer aus Lust gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie so manche es waren.
Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den Watten gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhängt und vor der verschlossenen Tür, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten standen derHahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel und das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie ein Gespenst durch die stillen, totenstillen Räume. Meistens saß sie in der dämmerigen Küche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür schloß sie zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen, die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trösten (denn nun Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau geworden war, galt sie für eine Finkenwärderin), mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich selten sehen, denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht mehr ertragen, konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne daß ihr die Augen übergingen.
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Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der dunkeln Küche, und weinte mit?
Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, daß sein Vater untergegangen war, daß der Ewer nicht wiederkommen konnte, daß er Kap Horn und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewiß kam er wieder, die Reise dauerte diesmal nur etwas länger, weil sie so viel vor Wind hinter Wangeroog liegen mußten, aber wieder kam er ganz gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das Vertrauen des Jungen auf dieses Wort seines Vaters und unerschütterlich war sein Glaube.
„Störtebeker, dien Vadder is bleben,“ sagten die andern Jungen zu ihm, aber er schüttelte geruhig den Kopf undantwortete: „Wat weet ji dorvan af?“ — „Doch, Vadder hett dat seggt!“ — „Denn segg dien Vadder man, dat is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt wedder,“ sagte Störtebeker bestimmt und ging davon. Seine Mutter tröstete er jeden Morgen und jeden Abend: „Schree doch ne, Mudder, gläuf doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder,“ aber er erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte.
Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch: sein Vater würde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mißmutig.
Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus, bis hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen im Westen und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater. Große Dampfer mahlten an ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den Fäusten, aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier ebensoviel Recht als ihr, und kümmerte sich nicht darum. Die Dünung warf den Kahn wie eine Nußschale auf und ab: Störtebeker ging nicht vom Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte nach seinem Vater.
„Hest Vadder ne sehn, Jannis?“
„Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?“
Aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat, nach Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn alle. „Kiek, dor is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen,“ sagten die Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, bei Regen und Brise dümpelte und trieb Störtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starrblickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, wo immer wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein Vater doch gewiß dabei sein, einmal mußte er ihn doch hergucken können! So viele Schiffe!
„Is keen Breef van Vadder kommen,“ fragte er abends, denn sie konnten ja auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepaßt hätte.
„Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?“ fragte Gesa bekümmert.
„Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!“
Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau ein grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie sein Vater. Er dachte, er wäre es, und eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur schippern konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war, wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte, und solange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern, wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er immer getan hatte. Ach — er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um.
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