Dritter Stremel.

Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag über die Elbe kam, fing Klaus Mewes mit früher Arbeit an, er schleppte Segel und Kurren mit seinenLeuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er hatte keine Ruhe mehr: das Eistrieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte er Gewalt anwenden!

Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben.

Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die große Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn war der rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber er hatte dafür auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück und lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt hätte.

Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater, dem er in allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war nur noch der lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.

Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in seiner großen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.

Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, und Störtebeker drängte das Ruder von Backbord nachSteuerbord und von Steuerbord nach Backbord, als habe er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis.

Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen, die Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer, die Frachtschipper, es kamen der Gastwirt, der Reepschläger, der Blockmacher, der Krämer und der Segelmacher, weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und einzeln. Und die gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich über den Weg, den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen Kurrleinen. Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und oben auf dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und warteten. Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der Fahrzeuge, denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in den Klüsenaugen leuchtete es vor Hoffnung.

Der große Tag — der größte Tag der Finkenwärder Fischerei, an dem sie die Mächtigkeit ihrer Flotte, die Stärke ihrer Mannschaft, die Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten bewies. Allen, die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben, hat er sich unauslöschlich in die Seele eingedrückt. Nicht wahr, du Finkenwärder: up den Dag kannst du di ok noch besinnen?

Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis: alle, alle wollten helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus Mewes stand im Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müßten noch weiter auseinander. Und als das getan war, da rief er über das Eis, so laut er konnte: „All klor! Een,twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh! Huroh! Huroh!“

Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute aber setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung und zogen die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoß durch das offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es, schob es zur Seite, drückte es unter sich, bäumte sich auf, senkte sich wieder, kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen! Aber ein schönes Stück war schon bewältigt.

Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, wie ein Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er neben seinem Vater, der unermüdlich anfeuerte, und hielt sich am Vorderpoller fest. Das war was für ihn. „Junge, Junge, Vadder, so geiht he god.“

Stoppi — stoppi —

Nun mußte ein Tau achterut geschoren werden und sie mußten den Ewer ein Stück rückwärts ziehen, damit sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und seine Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu entfernen.

Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß (er hatte aus dem bremischen Dreimaster, der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf Scharhörn strandete, eine ganze Kiste Kölnischen Wassers — Eau de Cologne — erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester, Buscherump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde, jedenfalls aber roch alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord Külper kam heran und rief: „Klaus Störtebeker mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de drückt dat Fohrtüch vör to deep dol.“ „Deit he ok!“ riefen einige Knechte zur Bekräftigung.

Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn ans Ruder, damit der Ewer den Steven höher höbe.

Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes: „Klaus, du büst en fixen Kirl bi de Klütjenpann, dat weet wi all, du weest, wat vör un achter is annen Schipp un büst vörn doden Kiwitt ne bang: ober dat Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst du, dat Andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne rut! Dat mütt ganz anners rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol stohn un kummandiern!“

Klaus Mewes aber lachte: „Hier kummandier ik, Jan, dat weest du woll; blief du man anne Kurrlien!“ „Egenbuck!“ rief Jan laut und ging an seinen Törn.

Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme und alle zogen an.

„Huroh! Togliek! Hödjihöh!“

So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg weiter. Zwei Ewerlängen wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß, der eigentlich Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen von seinem herunterhängenden, borstigen Schnurrbart hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder ihn fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest woll, Siem Achner, jümmer lompdom, lompdom! Der dritte aber, der eine Quappe stach, war Störtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisblöschen mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen und wäre beinahe unter das Eis gekommen, wennKap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt hätte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten, zog ihn aus, hängte das nasse Zeug um den Ofen und steckte den nackten Mann in seine Koje. Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der Feuer machen mußte, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug scheuerte und stieß das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche der Ewer in Stücke! Hein Mück sagte: „Och wat, dat Für will woll van sülben inne Gangen kommen!“ und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und zu helfen.

Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm. Nun treckten sie wieder, nun mußte der Ewer erst wieder über Steuer! „Bang dött ik ne warrn, anners komm ik ne mit no See,“ sagte er vor sich hin, wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf und befühlte das Zeug, ob es noch nicht trocken wäre, dann kroch er frierend wieder unter die Decke und horchte abermals.

Oder er guckte die goldnen Sprüche an, die unter den Kojen eingeschnitzt waren.

*                    **

Was für Sprüche waren das? — fragt die Seele. —

Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich möchte seinen Namengoldenschreiben, weil er so viel für unsere Fischerei getan hat und noch tut!) — der hat auch in die puppenküchenenge Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen,die darin stehen: unter der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott: unter der Knechtenkoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er hat wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten.

Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist.

Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches Wort:

Mediis tranquillus in undis.

Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen ließ, bei Jochen Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat, dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den Kopf, aber er konnte nichts ketschern, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages, als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den. Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mußte etwas wissen.

Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß Klaus Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wörter auf. „Sühso, mien lebe Klaus Mees,“ sagte er und fragte nach Schiff und Stapellauf.

Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf, als wenn die Worte in Spiegelschriftabgefaßt wären, guckte ihn nochmals scharf an und sagte dann: „Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?“ „Jawoll, Herr Mees, latiensch!“ „So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: son betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen sien Kutter steihtOra et labora, un dat heet: Bete und arbeite. Un an Neßbur sien Hus steihtSoli deo gloria, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis sitt ik all gliek fast!“

„Mediis tranquillus in undis: Klaus Mewes: geruhig inmitten der Meereswogen heet dat!“ sagte der Pastor ernst. „Mit den Spruch lett sik woll no See fohren.“

Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum: „Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches und muß es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem Sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle die lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht, wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance, Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen: danach müßte Ihr Ewer Gesa heißen und nicht Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein guter deutscher Spruch stehen!“

„Schallst recht hebben, mien Jung,“ sagte Klaus Mewes, „ik frei mi jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut wimol sehn.“ Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje:

Ein feste Burg ist unser GOTT,

den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So ging es wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der Ewersprüche sammelte, einmal in die Kajüte trat und ausrief: „Twee Wiltsproken stoht dor all, Klaus, oder de drütte, de von Kap Horn bit ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden tohop, fehlt dor noch bi: plattdütsch!“

„So,“ lachte Klaus Mewes, „du kummst van wegen de Sprüch: ik meen all, du wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm, plattdütsch kannen doch bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!“

„Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch sünd!“

„Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hürt!“

„Wat?“ schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer großen plattdeutschen Bibel von 1486 zurück.

„Hier, Klaus Mees!“

„Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten Schinken!“

Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte, daß sie wirklich plattdeutsch gedruckt war und nachdem Harm ihm ein Kapitel daraus vorgelesen hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch einen plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter Scharben für die Worte, die nun unter seiner Koje prangten und leuchteten:

Hilpt mi, Sünn und Wind,hilpt mi bit Fischen!Ik heet Klaus Meesun bün van Finkwarder.

Hilpt mi, Sünn und Wind,hilpt mi bit Fischen!Ik heet Klaus Meesun bün van Finkwarder.

Hilpt mi, Sünn und Wind,hilpt mi bit Fischen!Ik heet Klaus Meesun bün van Finkwarder.

Hilpt mi, Sünn und Wind,

hilpt mi bit Fischen!

Ik heet Klaus Mees

un bün van Finkwarder.

„Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm,“ sagte er aber doch dabei, „ober datriemtsik jo ne, dorüm kriegst du bloß tein!“ Den hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje.

*                    **

Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen, er hängte sie um und stökerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange dauerte das! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen, denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach dem Fahrwasser kommen!

Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje zurück und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln, die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen, sondern müsse sie in den Steven stecken, dann könne der Ewer niemals umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas zum Schweigen. Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam! Störtebeker zitterte vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich wieder auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten vom Bort und rollte sie auf und sah die roten Punktean, die Feuer bedeuteten, und die kleinen Feuertürme und Baken, die am Rande der Karten standen, während es draußen wieder lärmte und rief.

Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er dachte wie sein Vater: Uppen Lief dreucht upt best! und zog sich an, so schnell es gehen wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es draußen dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß und einem in der Hand, sauste er nach oben und guckte aus der Kapp: da drängte der Ewer gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt langsam in das freie Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dünung eines vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen Helfern: Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt!

Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.

Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut über ihren Erfolg, gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und taten von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden: was dem Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer nach dem großen Priel, war Sache eines Tages und ließ sich leicht beschicken. Die Schollenzeit war angebrochen für die Schollengreifer vom Neß: Hurra, hurra, hurra!

Auf H. F. 125 aber, dem Ewer „Laertes“, ließen sie den Draggen zu Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hängten die Laterne an das Fockstag und kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu vertreiben, der alle befallen hatte.

Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sichmit drei Dingen ab: daß der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht hatte, daß sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und daß sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch nicht schippern konnte.

„Du hest dat en betjen god, Seemann,“ sagte er aus diesen Gedanken heraus und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und noch viel kleiner als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann aber hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch wie von gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht.

Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klößen schon die See und grüßte Helgoland.

1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln steht in Sommerblüte. Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf See.

300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu Finkenwärder beheimatet sind und ein H. F. auf den braunen Segeln tragen, 83 reedern mit S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der Rest gehört dem lüneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem Mühlenberg und der Teufelsbrücke.

Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Külper von Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie liefern Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe, daß halb Holstein und Hannover damit gedüngt werden können, sie sind die Könige der Nordsee, die man in Dänemark so gut wie in Hollandund England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei Südwind einmal nach Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach Jimuiden oder bei Ostwind nach London.

Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer, wenn sie ihm begegnen, wohl sind schon die Zeiten vorbei, daß nur Finkenwärder auf Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen fahren, sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen: aber dennoch steht die Sonne von Finkenwärder auf der Mittagshöhe und seine Segel beschatten die ganze See.

Wir grüßen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch alle am Leben wärt!

*                    **

Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er mußte Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer, mußte einen Schinken aus der Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man am Deich meinte, der Schinken dürfe erst beim ersten Kuckucksruf angeschnitten werden), er trug die Kruken mit Weiß- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit Vaters Seestiefeln und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines Vaters Waffen, aber es machte ihm Spaß und er vergaß seinen Kummer darüber, daß er noch an Land bleiben sollte.

Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs von Finkenwärder, der ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen hatte, sah ihn schon, als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu seinem Gesellen: „Kiek ut vör Störtebeker!“

Wir müssen nun freilich wissen, daß Klaus Mewes bei der Bestellung der Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile nicht und vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und daß Gesa hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden, wenn der Junge der unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See kommen könne; der Schuster tat deshalb nur, was ihm geheißen war, wenn er ihn vertröstete. Er hatte bei den Stiefeln übrigens noch nicht einmal angefangen.

Als Störtebeker die Tür aufklinkte, saßen die beiden Pechräte tiefgebückt da, duckten sich hinter die großen Glaskugeln wie Verschwörer und klopften für fünfzehn, ohne aufzugucken.

„Schoster, sünd mien Stebeln klor?“

Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und deftiger, daß die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten, als könnten sie weder hören noch sehen.

„Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?“

Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten sich wieder taub und hämmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten machen, dabei aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll upstillt? sollte es heißen.

Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die großen, langen Stiefel der Elbfischer, de güngen bit ant Gatt und waren größer als er selbst, da standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig, daß er sich dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so klotzig waren, daß er damit hätte über die Elbe schippern können, — aber Kniestiefel, die ihm zu paß waren, konnte er nicht dazwischen finden.

„Schoster, sünd mien Stebeln klor?“ Er gröhlte es,so laut er konnte, aber die Schuster ließen sich in ihrer Klopferei nicht stören, denn sie wußten noch nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie wieder über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen? Störtebeker war ärgerlich geworden, er sah den Kram noch eine Weile an, dann drehte er sich batz um und lief hinaus.

„Nanu,“ sagte der Meister und ließ das Hämmern, „nanu,“ sagte der Geselle und stellte auch den Betrieb ein, — aber ehe sie sich’s versahen, sauste ein großer Mauerstein durch das Fenster, daß die Splitter umherflogen, zerschlug eine der Glaskugeln, daß das Wasser über den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die Wand.

„Nu hol mi noch mol förn Buern!“ rief Störtebeker draußen, nahm seine Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein gejagter Hase, hast du nicht, so kannst du nicht — bang bün ik ne, ober lopen kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er so weit war, war der Junge schon längst über Heide und Zaun. Da lasen die beiden die Splitter auf, nagelten ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten große Rache.

Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an. Seine Strümpfe waren klitschennaß geworden, denn er hatte auf seiner Flucht zwar über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht immer gelungen, und dann saßen sie auch voller Schlick. Er konnte sich zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz riskieren wollte, das war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel, daß er vom Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die Strümpfe im Graben, bis sie wieder reinwaren, wrang sie aus und hängte sie zum Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermaßen trocken waren, und zog sie dann getrost an.

„Klor is de Käs!“ sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm bewundernd zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer, den sie seines Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten, rief ihm nach: „Störtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all weg!“ „Wat schull he woll?“ rief der Junge erregt und lief schneller, aber er kam doch zu spät, denn das Haus war leer, da war kein Vater mehr und kein Kap Horn, kein Hein Mück und kein Seemann: sie waren schon alle an Bord, und als er verstört hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.

Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: „Is Vadder all weg? Worüm hett he mi denn ne Adjüst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!“

„Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?“ fragte sie dagegen, „wi hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht! Vadder wull di so giern Adjüst seggen un hett noch en ganze Tied no di teuft!“

„Och wat!“ gnitzte Störtebeker, der traurig und zornig war, „harr he denn ne noch en betjen stoppen kunnt? Ik bün jo man bloß eben langsen Diek ween! Vadder mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch Adjüst seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners ne, wat is dat ok doch all för Krom!“ Und er stand auf dem Deich und blickte mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit glockenhellem Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das Boot auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein, daß sein Vater fahren konnte, ohne ihm Adjüst gesagt zu haben, und er dachte: wärst du doch bloß nichtnach dem Schuster gelaufen, dann hättest du deinen Vater noch gesehen!

Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es Hochwasser werden wollte und die Zeit gekommen war, daß sie an Bord mußten. „Störtebeker! Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!“ schallte es über den Neß. Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit und sogar der kluge Seemann gab ein kurzes Bellen drein, aber der Junge war nicht hier und nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam nicht. Da mußten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben, wenn sie nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber mit Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im Verdacht, daß sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im letzten Augenblick noch mitgenommen werden könne, sie dagegen konnte den Gedanken nicht los werden, daß er den Jungen an Bord versteckt halte, um ihn doch mit nach See zu nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht anders gemacht werden können.

Das verbitterte ihnen den Abschied.

Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, daß sie ihrem Mann unrecht getan hatte, kam die Reue über sie und sie winkte vom Bodenfenster mit der großen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine deutsche Flagge dreimal grüßend dippte, denn sein Unmut war längst verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel über sich hatte. Es war eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch ein reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht ein Ewer, nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen es still war: überall eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die Anker, setzten die Segel, ließen die Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem andernaus der großen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und Klaus Mees sien Lock hieß. Draußen ließen sie sich mit dem Ebbstrom daltreiben, denn es war gar keine Kühlung. Der erste aber war Klaus Mewes mit seinem „Laertes“, dem die norddeutsche Flagge von der Besan hing.

So güngen se up de Schullen dol.

*                    **

Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wäre, sah nach dem Ewer, der unter der gründachigen Nienstedter Kirche kreuzte, und grübelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange gewesen war. Da hatte er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit: er war nicht mitgekommen nach See und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst gesagt. Wäre er langsam nach Hause gegangen, so hätte er seine Strümpfe nicht auszuwaschen brauchen und er hätte seinen Vater noch gesehen.

Nu will ik ober gewiß ne mihr bang warrn! Ganz gewiß will ik nu ne mihr bang warrn! Das sagte er sich.

Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte sie: „Jä, Klaus, dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken kannst du em ne wedder! Nu sünd wi wedder den ganzen Sommer alleen!“

„To Sommer bün ik doch all mit an Burd,“ sagte er mit halbem Vorwurf, ohne sich umzudrehen.

„Kumm man rin, weut Kaffee drinken.“

„Och, ik mag nix, Mudder!“

„Ik will di bi magnix! Gliek anto!“

Da mußte er sich geben, und als er erst in der Küche am Tisch saß, da schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht geschmeckt? Nach dem Kaffeewusch sie ihm das Gesicht. Er hielt ausnahmsweise still, obgleich er sich schon selbst waschen konnte und obgleich er genau wußte, daß sie es nur tat, um ihm dabei die Backen eien zu können. Als sie dann aber nach seiner Bunge fragte und nach der Krähe (denn sie hatte sich fest vorgenommen, sein Vertrauen zurückzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn sein, sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus, denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich. So guckt der Spatz mißtrauisch vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden.

Da, beim Schloß von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hieß, segelte der Ewer — viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war immer noch totstill.

Störtebeker besann sich, daß er noch nicht gefüttert hatte. Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging über die Wurt nach dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten, der Eve den Bauch zu befühlen, denn er wartete sehr darauf, daß sie jungen sollte, hatte er doch schon fünf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Külper, Jan Loop jeder eine Eve.

Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Kluß schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen: Störtebeker faßte es aber anders auf und sagte betrübt: „Jä, Kluß, Vadder is nu no See hin un hett mi ne Adjüst seggt!“

Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit über das Eis pektest, ganz nach Blankenese hinunter, könntest du deinen Vater noch sehen und ihm Adjüst sagen. „Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!“ Er suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nackenund schlich wie ein Indianer den Binnendeich entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr werden sollte. Als er weit genug war, kletterte er über den Deich, sprang vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich über Rillen und Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem Fahrwasser.

Vadder, ik komm!

*                    **

Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, daß der Polizist auf seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schloß sich dann dem ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an, um sich ein wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem droken Klaus Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen.

Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen — der Vogel war nicht da. Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden, als sie ihn dort aber nicht fand, nahm sie an, daß er geflohen sei, ließ sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, daß Klaus kommen und Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder in die Reihe.

*                    **

„Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!“

Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal auf dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des Fahrwassers. Störtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Pek gestützt, und winkte.

„Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mörre Is?“

„Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder,“ rief der Junge, „du büst jo so fohrn.“

Kap Horn aber machte Weiberlärm:

„Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder innen Lock kommen kunnt?“

Aber Störtebeker sagte ruhig: „Dorför hett de Minsch doch Ogen, Kap Horn!“

Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und überlegte, was er tun sollte.

„Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiß ne mihr rup,“ ließ Hein Mück sich vernehmen, aber Störtebeker rief: „Dat gläuf ik, du Bangbüx! Non, Adjüst, Vadder!“

„Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?“

„Jo, dat is jo nix, Vadder!“

Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: „Ümschicken kannst du em nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!“

„Dat hebb ik ok all dacht,“ stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch er hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern und den großen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge es überhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die beständig abbröckelnde Kante.

„Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung sall mit no See! Nimm em mit!“

„Dat woll jüst ne,“ lenkte Klaus ab, „dat is noch to kold buten un Gesa weet dor ok jo nix van af: ober an Burd weut wi em man mol hieven! Wi geeft em denn an en upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus. Boot vant Deck! Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!“

„Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!“ frohlockteStörtebeker und dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh no See!

Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser. Klaus Mewes stieß eben nach dem Eis hinüber, packte den Jungen samt der Kreek zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück.

Da war Störtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich freute, wie gesprächig er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei seinem Vater im Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf Segel und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er sich aber doch nicht enthalten, an den Streek zwischen Kirche und Apfelbaum zu erinnern: „Düt mokt ober söbenmol soveel Spoß, Vadder!“

Er ließ es sich sogar einfallen, beim Aufluven „Ree“ zu rufen und Hein Mück nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der holländische Kapitän machte, dem der große Friedrich in der Ems mit „Ree“ zwischen sein Kommando kam, und sagte: „Mynheer, dat Ree kummt mi to!“

Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann an sich und ließ sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren, was es zu sehen gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen, da war Blankenese mit den vielen Ewern und dem hohen Süllberg, da war der Schweinesand mit seinen Wicheln, da war Hahnöfer mit den großen Bäumen, um die Hunderte von Krähen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental mit dem Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen Zementsäcken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff, dahinter Wedel mit dem Kirchturm und denroten Dächern, da war die Lühe mit ihrem hohen Deich — und von allem gab es Geschichten zu erzählen.

Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und zwang sie, vor Anker zu gehen. Großsegel und Besan konnten die fünf Stunden geruhig stehen bleiben, nur die Fock ließen sie fallen und den Klüver nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus und suchte den Strom nach bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen Jungen mitgeben könne, aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und Lühjollen ausmachen, die nicht in Frage kamen.

So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee nieder.

„Ik wull, dat geef brodte Schullen,“ rief Störtebeker übermütig, „dor verlangt mi eulich no!“ Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den Topp.

Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewußt hätte, es wäre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu behalten: aber so ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und suchte mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend nicht an den Laden kam.

Hein Mück dachte noch immer an die große, gefährliche Reise über das Eis, die Störtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu sich selbst als zu den andern: „Junge, dat is jüst so as der Reiter und der Bodensee!“

Gotts den Donner — Klaus Mewes verschüttete den halben Kaffee und Kap Horn blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich dieser Rede ihres Speisemeisters. „Wat is dat?“ fragte der Schiffer zuletzt. „Och nix.“ „Nix?“ „Ne, nix!“ „Ik will di gliek bi nix! Hier vertillst oder du warrst afmunstert un Klaus Störtebeker ward uns Kock,“ befahl Klaus.

„Och nix: ik dach bloß an en Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as Störtebeker sien Reis.“

„Upseggen!“

Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne Tasse Tee! Hätte er doch nichts gesagt! Nun mußte er in seine Koje steigen und sein Lesebuch aus dem Stroh suchen.

Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb auf Klaus nicht verbeißen: „Jä, jä, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he sien Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!“

„Jo,“ sagte Klaus Mewes, „ik wür son groten Döskupp: man god, wat de Jungens nu all en Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich Mücke,“ setzte er gemütlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann, der über den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ...

Den Reiter schauderts, er atmet schwer:Da hinten die Ebne, die ritt ich her.Da recket die Magd die Arm in die Höh:Herrgott, so rittest du über denSee!An den Schlund, an die Tiefe bodenloshat gepocht des rasenden Hufes Stoß!Und unter dir zürnten die Wasser nicht,nicht krachte hinunter die Rinde dicht,und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,der hungrigen Hecht’ in der kalten Flut?Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;es stellen die Knaben sich um ihn her,die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:„Glückseliger Mann, ja segne du dich!Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!“ ......

Den Reiter schauderts, er atmet schwer:Da hinten die Ebne, die ritt ich her.Da recket die Magd die Arm in die Höh:Herrgott, so rittest du über denSee!An den Schlund, an die Tiefe bodenloshat gepocht des rasenden Hufes Stoß!Und unter dir zürnten die Wasser nicht,nicht krachte hinunter die Rinde dicht,und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,der hungrigen Hecht’ in der kalten Flut?Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;es stellen die Knaben sich um ihn her,die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:„Glückseliger Mann, ja segne du dich!Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!“ ......

Den Reiter schauderts, er atmet schwer:Da hinten die Ebne, die ritt ich her.Da recket die Magd die Arm in die Höh:Herrgott, so rittest du über denSee!An den Schlund, an die Tiefe bodenloshat gepocht des rasenden Hufes Stoß!Und unter dir zürnten die Wasser nicht,nicht krachte hinunter die Rinde dicht,und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,der hungrigen Hecht’ in der kalten Flut?Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;es stellen die Knaben sich um ihn her,die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:„Glückseliger Mann, ja segne du dich!Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!“ ......

Den Reiter schauderts, er atmet schwer:

Da hinten die Ebne, die ritt ich her.

Da recket die Magd die Arm in die Höh:

Herrgott, so rittest du über denSee!

An den Schlund, an die Tiefe bodenlos

hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!

Und unter dir zürnten die Wasser nicht,

nicht krachte hinunter die Rinde dicht,

und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,

der hungrigen Hecht’ in der kalten Flut?

Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;

es stellen die Knaben sich um ihn her,

die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:

„Glückseliger Mann, ja segne du dich!

Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,

brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!“ ...

...

Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille Pause im Ewer, obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht recht gefallen wollte, denn hinterher vor Angst sterben, war nichts für ihn. Auch Störtebeker war still, so sehr wunderte er sich darüber, daß Hein Mück laut lesen konnte.

Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte anerkennend: „Du kannst god beden, Hein! Blief man giern betjen bi de Beuker: wennt weiht, hest dor Tied genog to.“ Damit stand er auf und ging an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen Jungen zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon Störtebeker wünschte, es möchte kein einziges Schiff vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer an Bord bleiben mußte.

Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte. Jawohl, er nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn und Hein Mück an Deck.

Störtebeker sah, daß die Herrlichkeit vorbei war und daß er von Bord sollte. Tränen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn hinüberwriggte und Kreek und Pek an die Jolle übergab. Dann mußte er selbst übersteigen. „Adjüst, Störtebeker.“ „Jüst, Vadder!“ Er konnte kaum sprechen, so traurig war er geworden, und hatte für Jan Külper keinen guten Tag und guten Weg. „Greut Mudder man un segg man, wi kommt bald mit en Reis lebennige Schullen, hürst? Un to Sommer kummst du ok mit no See!“

„Jo,“ sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch bloß no!

Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ die Jolle schwoien. „Adjüst, Störtebeker!“ riefen KapHorn und Hein Mück, die auf den Luken standen, aber der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr. Er war ganz krank und wollte nichts hören und sehen. Er wollte auch den Ewer nicht mehr angucken. Jan Külper hatte gedacht, einen munteren Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den langen Weg verkürze, aber Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte während der ganzen Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr ins Wasser.

„Warr man ne seekrank, Störtebeker,“ sagte der Elbfischer einmal.

„Dor quäl di man ne üm!“

„Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung,“ drohte der Fischer.

„Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben wullt,“ rief der Junge patzig. Da goß Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über den Kopf.

Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie zu Finkenwärder an. Am Köhlfleet, eben hinter der Königsbake, setzte Jan seinen mürrischen Passagier an Land. Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach dem Neß.

Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine Mutter schon rufen: „Klaus! Klaus! Klaus!“ Und er sah, daß Leute bei ihr standen. Auch sein Großonkel, der alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah, war auf dem Deich.

„Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll bloß ween?“

„Hier is he!“

„Woneem, woneem?“

„Hier uppen Diek, Mudder!“

Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahmihn bei der Hand und führte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt hätte. Und als er seine Reise über das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche Übertreibung, denn er hielt sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat beleben, denn brukt en ok ne to legen! — da warf die Mutter sich schluchzend auf den Tisch und sagte: „Haut ji em, Unkel, haut ji em: ik kannt ne!“

„Hebben mütt he wat,“ erklärte der verbissene und durch das viele Rufen gereizte Alte.

„Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun,“ sagte Störtebeker mit blitzenden Augen, aber der alte Jäger, den das Schreien aus dem Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: „Wat? Van mi lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol wies warrn!“

Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war ihm auch das einerlei: mochte er ihn tothauen, wie Jan Külper ihn über Bord werfen wollte. Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen, ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne vergeten! Diese Ruhe brachte den Alten noch mehr auf und er schlug ihn ärger, da warf sich aber die Mutter dazwischen und drängte die beiden auseinander, denn sie wußte, daß der Trotz des Jungen nicht zu brechen war, daß er sich lieber krumm und lahm prügeln ließ, ehe er einen Laut von sich gab.

„Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll alleen mit em klor warrn,“ bat sie dringend. Der Alte ging mit einem bösen Blick hinaus und brummte noch auf der Diele.

Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster vorhalten. „Dat betjen Hoveree,“ sagte er verächtlich,„wat he dor son Larm üm moken mag! Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben kunnt!“ Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn Narren gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das Fenster eingeworfen wäre.

Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem langen, ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn ik irst an Burd bün, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as Mudder: — dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab.

Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm in das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm ab, daß sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja nicht anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf: sie beugte sich über ihn und küßte ihm den festgeschlossenen Mund. Bei Tage hätte sie das nicht tun dürfen: er hätte sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen Kinderkram, wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster gesprungen, als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte.

„Mien Jung büst du doch,“ flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das Haar, da regte er sich und sagte halblaut: „U, Vadder, kiek mol dat grote Schipp!“

Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: er steht schon wieder bei seinem Vater an Bord — und du, Gesa?

Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker tat, daß er auf den Deich lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind wehte, daß die Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so kam auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wiederda. Denn sein Vater, sein Vater! Danach fragte er, das ging ihn an: ohne den war es nichts, ohne den wußte er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und ohne den Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem Segeln und Kreuzen sprach, wie weit sie wohl schon wären, ob das Boot wohl schon wieder aufgetallt wäre, ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im Türloch stand, da war er wieder ganz allein und wußte nicht, was für einen Weg er einschlagen solle. Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach ging er an dem Graben entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater noch mit unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht, noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle krabbelte an dem mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser zurück. Der Junge stellte das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem Binnendeich, um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf See eingezogen hatte und die nun vor dem Deichsiel im fließenden Wasser lag, aufs Trockne und überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er drinnen hatte, noch springenlebendig waren.

Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet. Was sollte er nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hände voll: nun war er eigentlich arbeitslos.

Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, spielten die Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. „Speel doch en betjen mit de Kinner,“sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die Hühner fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob er mitspielen wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen spiele er überhaupt nicht: er wäre doch kein Mädchenkönig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann hätte er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben — und deshalb wurde es ihm bald über, da Gevatter zu stehen, und er kehrte ihnen den Rücken.

Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schießen. Juno, der große, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.

Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er dachte an die Schläge vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und sagte vergnügt: „Meun, Klaus Störtebeker!“ Störtebeker dachte aber: snack, soveel du wullt, wat geiht mi dat an, — obgleich die Enten durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den Sack geguckt hätte, auch von Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wäre.

Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete, daß einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Pütten oder nach der Wisch ziehen konnte. Niemand ließ sich blicken: die Mütter hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise über das Eis war schon bekannt geworden. Ihre Jungen sollten sich nicht mehr mit dem Buschräuber abgeben, riefen die Frauen einander zu.

„Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Neß no den Störtebeker, hest mi verstohn?“ „Jo, Mudder!“

In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarrezur Hand und lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu erwischen, aber er hatte auch damit kein Glück: es war nicht sonnig genug, die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er näher kam. Einmal gewahrte er einen großen Hecht, der gut gegen die Sonne stand: behutsam tauchte er die goldige Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen, und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch anfänglich gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn er hinter den Kiemen war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da strich eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek gestanden hatte, da lief nun ein Küsel im Wasser.

„Du verdreihte Jakob du!“ rief Störtebeker ärgerlich und warf mit einem Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem runden Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war lohnender: er ketscherte einen halben Eimer voll, weiße, dicke Weibchen und graue, dünne Männchen. Den größten Teil bekam die Mutter, die sie für die Hühner kochen wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank unter den Linden sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, für Kluß zurecht, indem er die Köpfe und die Stacheln abschnitt. Die alte Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den Schmaus durch die Maschen des Kastens stopfte.

Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock setzte und ihr ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: „Höh, Klaus Mees!“ da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als wenn sie schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den Schnabel, als wenn sie um weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wäre, sie krächzte auch einmal, aberzum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der Junge sich auch um sie bemühte, denn er wollte seinen Vater nach getaner Reise damit überraschen: der sollte sich fix verjagen, wenn er in den Hof hineinging und es mit einem Male rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich sollte die Krähe lernen: De Jung mütt no See! — aber das sollte nun erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld freilich noch nicht groß.

„Du büst dummerhaftig, Kluß!“ sagte Störtebeker ärgerlich, „wenn du ne bald snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.“

Nach dem Mittagessen — Plummensaus gab es, eine Götterspeise für ihn — machte er sich ans Knütten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage vorher zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen und Ausgucken. Er knüttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur so, aber nach anderthalb Stunden sah er ein, daß es ohne seinen Vater doch nichts schaffte.

Da ging er mit dem Euschfatt nach der Neßkule und goß den Kahn leer, der immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert mußte der werden, das war ein Apfel, und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre, hätten sie es auch zusammen getan: nun mußte er wohl allein dabei.

Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie fischten wohl schon und hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kämen oder übermorgen!

Der Jäger kam vom hohen Neß zurück. Drei Enten baumelten an der Tasche und machten ihn guter Laune.

„Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du schallst Afbitt don,“ stichelte er, aber der Junge ließ sich nicht in die Kneife bringen. „De ward fix nattgoten,“ sagte er gleichmütig, dann aber besann er sich, schluckte den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich,um die geschossenen Enten zu besehen und zu befühlen, Juno zu streicheln, der gänzlich mit Schlick bespritzt war, und die Flinte zu tragen, denn er wollte nun doch gern einmal wieder mit auf die Jagd, bis sein Vater kam.

„Wenn dat Is man irst weg wür, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn schippern kann.“

„Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt woll anner Wetter,“ sagte der Jäger und sah den Heben an.

Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich, die dreierlei wissen wollten.

Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hatte, denn dann wollten sie einen Bock und eine Eve bestellen.

Zweitens: ob es wahr war, daß er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen hatte, denn das war am Deich erzählt worden.

Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken war, denn dann wollten sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhölzer hatten sie eine ganze Schachtel voll in der Tasche.

Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. „Ik weet ne, veel lütje Munkis dat ik krieg, Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor söben van ward, denn kriegst du noch twee.“ Wegen des Schusters ließ er es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und sagte: „De Lüd snotert sik wat trecht, Hein!“ Der Feek sei noch mistnaß und für Ostermoonen sei es überhaupt noch viel zu früh: was sie sich wohl eigentlich einbildeten, sie hätten wohl einen Splien? Wenn es soweit wäre, dann würden sie wohl den weißen Rauch trecken sehen. „De Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du lütje Boitel doch noch ne mit ümgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.“ Damitentriß er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies ihnen noch Kluß und die angefangene Bunge, ließ sie in das Hütfaß gucken und die Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn er sah die Gören vom andern Ende doch nicht ganz für voll an, und wenn nicht die Bestellung gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit ihnen abgegeben, aber die Kundschaft mußte man sich ja gewogen halten.

Er lief nach der Neßkule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn, um sich seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.

In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang und Graupen und Zucker vom Krämer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.

„Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder,“ sagte er zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.

*                    **

Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus, ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den großen, schönen Ewer mit den hohen, braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater aufkommen konnte, stand er stundenlang auf dem Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder er saß im Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen Ewer und einen blauweißen Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter Kirche wehen mußte, nicht länger, wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks,des angetriebenen Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung der Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen das große Warten auf seinen Vater.

Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Neßhuk nur noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau, die im Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm sie die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und aller Torfrauch sammelte sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer weit und siet abgab. Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch suchte sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill war ein wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr nicht, aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand verdarb es gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt hatte, war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere große Haverei bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen. Manch einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher gehörig ausgeräuchert zu haben. Man mußte Thees to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses Weibes.

Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen zum Trocknen aufgehängt. Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb ihn, aus dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine Kurre berührte. „Nu bün ik behext,“ dachte er. AmMorgen besah er die Kurre genau und fand einen Pfennig, in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte er das Netz auf der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen. Also sprach Thees to Baben.

Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts hielten, war Klaus Mewes, der Lachende, und als er einmal darüber zukam, als Gesa dem Jungen einschärfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel und keine Birne, da sagte er ernsthaft: „Mudder, gläuf doch ne an Hexen un sowat. De arme Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll geben? De freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!“ Und dann sagte er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl zugefügt hatte: „Wi hebbt noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker, un bring Sill de hin!“ Der Junge tat es: Sill war vergnügt und wollte ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und sagte ihn für später zu.

Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran, klinkte die Tür auf und sagte: „Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns hebben.“

Er ließ sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn die Mutter auch sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle Diele, denn bange war er nicht. „U, Sill, wat bitt de Rook mi inne Ogen,“ rief er.

„Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen god för de Schinken,“ sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter den Wandbetten war.

„Junge, wat en barg Schinken! Hürt di de all to, Sill?“

Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch zu hören. Ein anderesKind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine in die Hand genommen, aber Störtebeker wußte nichts davon.

„Wat seggst du, Junge?“

„Ik meen, wat dat all dien Schinken sünd?“ wiederholte er lauter.

„Jo, all mien Schinken.“

„Diern, denn kannst du di woll frein!“

Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glühenden Augen an. „Is dat de Katt oder de Koter, Sill?“

Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf, wie der Geist von Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei Äpfel in der knochigen Hand.

„Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn du Lust hest, kannst jüm offermorgen all versupen.“

„Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,“ sagte er gemütlich, sie aber gab ihm die Äpfel und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wären für die Fische von damals und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne Danke an und machte, daß er hinaus kam, denn er konnte den beißenden Rauch nicht mehr aushalten.

Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext waren und ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie aß? Die Mutter hatte es gesagt, aber sein Vater hatte darüber gelacht, und sein Vater war der Oberste für ihn: er wollte sie getrost essen.

„Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat sünd dat för Appeln?“ — rief die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh — das hätte nicht kommen dürfen. „Kantappeln, Mudder!“ „Keen hett dide geben?“ Junge, daß sein Vater ihm das Lügen verboten hatte! Nun mußte er mit der Wahrheit an den Tag. „Sill, för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.“

„Her de Appeln!“

„Och, Mudder!“

„Her de Appeln, de schallst du ne upeten!“

„Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen Appeln mihr hatt!“

„Giffst du de her, Klaus?“

Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm weg. Hastig steckte sie sie in die große Tasche, die sie unter der Schürze trug, und ging ins Haus zurück. Störtebeker lief hinterher und versuchte, sie ihr wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie war unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete sie heimlich, ohne daß sie es gewahr wurde. Und als er sie später aus der Tür kommen hörte, da versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte, dann lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die Äpfel hinein, um die Hexerei unwirksam zu machen.

Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen kam und die Äpfel wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte sie schnell an der englischledernen Hose ab und steckte sie in die Tasche. Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß, in seinem Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut hatte, betrachtete er sie wieder und aß sie dann mit großem Behagen auf, ohne bange zu sein, daß er krank danach werden könne. Dazu schmeckten sie viel zu gut.

Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel auf dem Tische und die Mutter sagte: „Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een van uns egen Appelnint Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne krank van. Den et man up.“

Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, aber er sagte doch: „Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant leber as Prins!“

*                    **

Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hoheTide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in tausend Stücke, schob das meiste davon auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im Gras. Nun hatte Störtebeker freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er konnte wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß er eben vor der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab treiben und legte sich zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, denn jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein. Zehn Tage war er schon weg. Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, — das erfreute ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden.

Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden, warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten hinauf. Dampfer sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn nicht gut auf sie zu sprechen war. Was da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer, Jalken, Kuffen, Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm.

Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe für ihn, denen wriggte er entgegen und die begrüßte er: „Hebbt ji Vadder ne sehn? Hett he ne bi jo fischt? Kummt he bald?“ Wußten die Fahrensleute dann mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger, dann drehte er einfach seinen Kahn so, daß sie seinen Namen „Klaus Störtebeker“ lesen konnten, — dann wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder nein, sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten ihn nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein oder er wäre nach der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein Vater sei nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte, die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hören wollte: daß einer sagte: „Dor seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!“ — das bekam er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er nicht zu sehen, so weit er auch blickte.

Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die Frauen zu grüßen: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.

Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er dann noch den Deich entlang mußte, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Männer aufgekommen waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man noch mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett tweehunnert Stieg Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon Bescheid wußten, wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker freundlicher an, um so eher, als er nicht für Geld ansagte, wie die andern Jungen, die sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen Fischerfrauenbenachrichtigungsdienstauf Teilung unterhielten. Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. „Behol man, ik verdeen Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken,“ sagte er, wenn ihm eine einen Groschen geben wollte.

Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer Manofwar, ein deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht — langsam glitt es nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem solchen Manofwar war auch sein Vater gewesen, als er gedient hatte. An der Reeling standen viele Mariner und guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte ein Matrose und rief: „Hallo, Störtebeker!“ Das war Jan Greun, der auf der anderen Seite von der Stegel wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern!

„Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du würst in Schino!“

„Lurst du up dien Vadder?“

„Jo, Jan! He kummt man bloß ne.“

Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch fragte er Jan, ob er seine Braut grüßen solle, dann war das Kriegsschiff vorüber und er mußte machen, daß er den Steven seines Kahnes gegen die anlaufende, große Dünung drehte.

Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge in gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort:

„Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett ok de Reis, he is ober no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!“

„Is dat eulich wohr, Hein?“


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