„Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?“
Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück. Nach der Weser war sein Vater! Das konnte ja schön werden, denn das letzte Jahr war er auch immer dahin gewesen, so daß die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn du irst eenmol up de Wesser ween büst, denn fohrst dor woll gliek söben Mol no de Ratt hin! Nun konnte es wieder so kommen, daß er immer dahin segelte.
„Mudder, weest, neem Vadder is?“ fragte er, als sie beim Kaffee saßen. „In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!“
„Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land is,“ sagte die Mutter erfreut.
„He harr ober man no Hus kommen müßt,“ sagte er darauf, „wat deit he no de Wesser hin?“
„Dat mütt Vadder sülben weten,“ erklärte sie aber, „dor is he dichter bi de See un hett dor ok woll noch en beter Markt as boben an Altno.“
* **
Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches, am andern Morgen, daß so viel Schollen oben an der Brücke wären, daß kein einziger Ewer leer geworden sei. Sie müßten alle überliegen und hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn, die sie den Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne daß diese sich auch nur umguckten. Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat Vadder no de Wesser is! — aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die heißen sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch slechter!
Die Stutenfrau erzählte weiter, daß Metta Focken Zwillinge bekommen hätte — twee lütje Jungens, ober krekel un gesund! — daß Hinnik Bott seinen Ewer kondemmenließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See über Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er hätte sich noch lange über Wasser gehalten, aber sie hätten ihn nicht wiederfinden können, weil es so dunkel gewesen wäre. „Jochen, rett mi, Jochen, rett mi!“ hätte er immer gerufen, bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel hätten ihn zuletzt hinuntergezogen. „Is man en Butenlanner, Gorch hett he heten, ober wat is dat bedreuft,“ schloß die Frau.
Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesägten Kurrbaum, der noch die Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu.
Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei große Löcher hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der Briefträger den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch nicht fragen. Erst, als er Jan Beier in das Schütt gehen sah, ließ er die Bunge liegen und sauste ins Haus hinein.
„Van Bremen, Gesa,“ sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter einen Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte, ob der Kessel über dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte, hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel aus der Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte: „Hunnert Doler, mien Diern!“
„Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!“ rief Störtebeker aus, als er die Goldstücke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: „Wat kann dat angohn? Wenn Vadder de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker?“
„Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht,“ antwortete der Postkerl geheimnisvoll.
Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker hinein, denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht, daß er einen Grog verlangen konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, holte das rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar nicht schwitzte, dann ließ er eine kleine Rede über den langen Weg und sein Alter los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte den Grog liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er probte, wie ein Weinküfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, daß er gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wußte, schließlich aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: „Dat Glas kannst du utlicken.“
„Ik bün keen Restensuper,“ sagte der Junge verächtlich und schob das Glas von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten Worten: „So, nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!“
„Jüst, Jan!“
„Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!“ rief Störtebeker bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot ihm, es am Deich zu erzählen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte sie den Brief auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand:
Klaus Mewes, Finkenwärder,
ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. „Se findt mi ok so,“ pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.
Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben, und dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt waren einander dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte, sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum, die Geldsumme.
Bremen, den 29. März 1887.Liebe Gesa!Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und 350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das Markt ist ja immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen wäre, hätte ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe.Jetzt will ich schließen.Mit Gruß an Dich und StörtebekerDein Mann Klaus Mewes.
Bremen, den 29. März 1887.
Liebe Gesa!
Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und 350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das Markt ist ja immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen wäre, hätte ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe.
Jetzt will ich schließen.
Mit Gruß an Dich und Störtebeker
Dein Mann Klaus Mewes.
Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: „Och, de scheebe Weg no Bremen!“ Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle: Bremen zeigen: rief er: „Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!“ Die Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und sagte ein Junge ja, so faßten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in die Höhe und fragten solange, ob er Bremen nun sehen könne, bis er gequält ja sagte.
Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nichtzufrieden, denn sein Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er wieder an seine Arbeit.
Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst mit an Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen, aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen!
Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er sein Netz nach dem Schauer und heilte dort weiter, unter den großen Namenbrettern gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen war,Büt, wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf Großvogelsand strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer Klipper mit Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der Schauer hinter dem Deich trugen diese Namenbretter als Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine Inschrift, wie „Kalliope“, „Ceres“, „Fare well“ oder „Merkur“.
Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf, davon zwei mit Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte Jungfrau, die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt — nun von Spatzen umpiept, von Hühnern umgackert.
Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit der goldenen Inschrift:
Suzanne — LE HAVRE
Suzanne — LE HAVRE
die andern vier stammten von seinem Vater, dem großen Beutemacher, und hießen:
HOFFNUNGGoede Verwachting
HOFFNUNGGoede Verwachting
HOFFNUNG
Goede Verwachting
HAABET — SKIENMARY THOMPSON
HAABET — SKIENMARY THOMPSON
HAABET — SKIEN
MARY THOMPSON
* **
Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene Fischerei in diesen Tagen besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen konnte, er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam die Bunge fertig. Der Jäger stellte sie ihm ein und dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt saß das Hütfaß voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen und Karauschen und er mußte daran denken, sie an den Markt zu bringen.
Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal gebrauchte, denn er konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa mußte hin und Hannes Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf nehmen wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: „Frog em man sülben, büst jo grot un kannst jo snacken,“ da sagte er aber kurz und bündig: „Non, denn ist god, denn lot de Fisch man all krüssen, denn lots man dot blieben.“ Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer gelaufen: sie dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang für ihn.
„Will he jüm mithebben, Mudder?“
„Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!“
Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der Jolle, die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte, und hängte sie in den Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige Einwendungen: wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik jüm los warr ... de Dinger sünd ok so lütj: wenn de de Hökerwieber man nehmt ... Als Störtebeker aber sagte: „Denn schallst du jüm gorne mithebben, du Bangbüx,“und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der Elbfischer ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische so teuer als möglich zu verkaufen und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume.
Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte sich schnell, damit er nicht Danke zu sagen brauchte.
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Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe ganz vergessen hätte. Bald kam eine Kunde von Geestemünde, bald von Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte die ganze Unterweser mit springenlebendigen Klapperschollen und mit Finkenwärder Plattdeutsch. Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste, Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, wenn er mit aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries. Nach dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld.
Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte seiner Mutter gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker. Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus, denn der Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja schon bald aus, wenn er fragte.
Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn die Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte, die ihm viel Arbeit machten, und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären.
Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!
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Was steckt in den Jungen, daß sie die Feuer anzünden, wenn die Sonne höher steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an der Sonne und am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen ihr ferner und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das ausgewachsene, entwickelte, so steht auch das Kind dem früheren Menschen näher als der Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es jetzt und seht mit Ehrfurcht auf das Kind — straft es nicht um seine Osterflammen!
„Johannisfeuer bleibe unverwehrt!“
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Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet, Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen hatten, und als die Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es hümpelweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es nicht mit Mulden goß, den Westerdeich belebte. Streichhölzer wurden immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer saß, so qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die Jungen lagen daneben, pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eilanddurchzog und vom Neß bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein, die größte Ostermoon zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie.
Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die Bauern hetzten sie mit den Hunden, die Frauen taten alles mögliche, — aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich immer wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt saßen oder standen sie bei ihren Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der Püttensümpfe, zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen, hinter dem Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker war der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch der erste, der wieder aus den Pütten kroch, und vergaß niemals zu sagen: „Ik bün obers ne bang, Jungens!“ Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal eine alte Wichel in Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu quälen. „Lot man brinnen,“ sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand kommen sollten.
Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen müßten sein: sein Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.
* **
In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hieß Harm Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.
Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der Heimat gegangen — als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor Wochen zurückgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüßt, die vor den Türen gesessen hatten: aber es war ihm doch nicht möglich gewesen: beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht.
In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er fühlte, daß er nicht wieder gesunden könne. Die große Fahrt war aus — über sein Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht worden, den er nicht wegwischen konnte.
Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen Kleidern und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Sein Vater und sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er butenlands gewesen war.
Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen Augen sah er sie an, als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume. Er sprach nur noch selten: an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenenSegel ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie nicht wieder zu machen waren.
Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Störtebeker, der jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein Lächeln in das ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hürst? ... Kiek, hier! Dat schall fluckern un räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm! ... Jo, hier is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en feine Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune Ostermoon, Klaus Störtebeker! ...
„Säst du wat, mien Jung?“ fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen gehört hatte und von unten gekommen war.
„Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern mol mit em snacken,“ bat er.
Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem Feuer gestanden hatte, geschwärzten Gesichts, und ließ sich ausfragen von dem todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und seinen Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am meisten aber von seinem Vater und daß er den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann aber fing er an zu fragen: nach den großen Schiffen und den Schwarzen, nach dem Fliegenden Holländer und nach Amerika. Ob Harm schon mal Menschenfresser gesehen hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre, was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der alle Schiffe hindurch müßten.
Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in dessen Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder, die er verlorenhatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte. Da schenkte er ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das er in den Passaten, als die Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle Tage wieder heraufzukommen.
„Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een,“ sagte er zu seinem Bruder. „Herrgott innen Heben, wat förn mooi Leben hett de nu noch vör sik — un mien is ut! Mien is ut! Ik bün beet!“ stöhnte er und kehrte das Gesicht gegen die graue Wand.
Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören konnte, die Mutter aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er ganz still lag. Dann sagte sie: „Harm, hür mol to: ik will mol mit di snacken.“
„Och, lot mi doch, Mudder!“
„Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vörn Harten, dat ik ne mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut de Schol is! Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh to Woter, wenn he ne an Land blifft!“
Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, daß er eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur keine Antwort geben wollen.
Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und erprobte dessen Segel- und Manövrierfähigkeit.
Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weiße Wolken kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf dem blauen Luftmeer. Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissenhinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete auf Störtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand, und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach der Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden.
Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche, wie Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das schöne Vollschiff!
Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male der Gedanke: jetzt muß ich sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis er sich ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib! Da kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging und all das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß und schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und lachend lag die See vor ihm, die große, weite See, und hohe, stolze Drei- und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem Winde! Wie leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis saß der Norweger und spielte auf der Harmonika: über ihm aber wölbten sich die gewaltigen Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten über dem Heck! Und der Norweger spielte, bis die weißen Nocken rot wurden und die Sonne langsam ins Wasser sank ...
„Jan?“
„Wat schall ik, Harm?“
Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und sah verdrießlich von seinem Katechismus auf.
„Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn Vadder un Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un kodimmt warrn mütt! Ik ro dito, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer, wenn du goden Wind inne Seils hest!“
Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.
„Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok seggt, mien Leben is verkihrt wesen: ik bün krank wedderkommen un hebb keen Sack vull Gild mitbröcht: ik segg di: mien Leben isrechtwesen, un wünsch mi keen anner!“
„Snack doch ne soveel, Harm,“ beschwichtigte ihn der Bruder, der gern weiterlernen wollte, „ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.“
Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft ging er gegen die Schwäche an, die ihn übermannen wollte, und verlangte sein Seefahrtsbuch.
„Wat wullt dormit, Harm?“
„Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien Seemannskist!“
Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte. Fest umschlossen seine knochigen Finger es, als er sagte: „Dor steiht dat in, Jan, woneem ik allerwärts wesen bün: an de Westküst un in Schino, inne Middellandssee un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbookwill ik nu jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bün, denn scheut ji mi dat innen Sarg leggen, wat ik mi vör Gott ok verklorn kann.“
„Harm, schon di doch,“ bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah, aber der Matrose hörte nicht.
„Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen Finger mihr krumm moken kann, ohn mi weh to don: wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor ober an dinken, wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch angelt hebb! Un dor an to dinken, dat is god, Jan, wenn en starben mütt.“
„Harm, so snackst du nu — un to Sommer, wenn du wedder beter büst un wedder up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.“
Der Kranke schüttelte den Kopf.
„Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütje: ik seh de See ne wedder! Jan, goh no See un warr en fixen Seemann! Ünner Seils ist up best!“
„Ik do ok doch, wat ik will,“ sagte der Bruder bestimmt, „meenst du, wat ik Lust hebb, bi de Buern to sleupen?“
Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er seinen Bruder hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch nicht käme, denn er meine, die Kirchenglocken hätten schon geläutet.
Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, daß der Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch einmal über den Westerdeich, auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein rauchendes Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer und hinter dem Neß standen viele braune Segel auf dem Wasser.
Dann trat die große Meeresstille ein: der Tod kam und grüßte ihn. Und Harm Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick.
* **
Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, und das Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebückte Triengretj, die Totenfrau, ging von Tür zu Tür und sagte an, daß er Mittweeken Klock dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den ruhelosen Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug gewesen waren, in einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz, zu dem er das halbe Geld aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer mit, daß es eine große Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte.
Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhängte, lief Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab und ließ es auf der blinkenden Elbe segeln.
Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen nach dem Südende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame kleine Kate, in der Bartel Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der es hieß, daß sie nur einen Topf im Hause hätte, der abwechselnd als Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott dienen müsse. Den Tisch fege sie mit dem Besenab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang benutze. Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, und die Ferkel hausten bei ihr im Bettstroh.
Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota eine große Farm haben, so groß wie ganz Finkenwärder, sagten sie: anzusehen war ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags gleich schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er selbst einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre und fuhr ihn nach dem Kirchhof: das wäre so Mode in Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm der Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von solcher Gottlosigkeit nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu tun war, die er für das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel.
Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter tutete und die Feuerleute rannten in weißen Kitteln nach dem Spritzenhaus, die Gören hinterher. Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand die Kate in hellen Flammen und war schon beinahe gänzlich niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem einzigen Topf seiner Mutter hin und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war da nichts: als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben und alles in Schuß hatte, war das Haus schon zusammengestürzt und sie konnte nur noch die Obstbäume naßspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem Klütjenpott umher, sagte Goddam und rief, das hätten die Jungens getan, die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker und Konsorten. Störtebeker machte, daß er weg kam, als er das hörte.
Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker blieb dabei, daß er es nicht getan hätte, seine Ostermoon wäre viel zu weit weg gewesen, als daß Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten. Obgleich seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete sich nicht. Aber es kam doch soviel dabei heraus, daß kein Junge mehr mit ihm nach dem Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wäre wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht gutmütig gesagt hätte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten Haus sei nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika!
Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld ausbezahlen und dampfte nach Neuyork ab.
Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, um das Geld zu bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht freigesprochen, er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war überhaupt verratzt, wie er sich ausdrückte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch noch die Bungen weggenommen und er konnte nicht mehr fischen.
Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum ersten Mal wieder eine Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog, und sich mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich genug, da sah er drei große, braune Segel hinter dem Giebel des Neßhofes erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann ließ er das Feuer im Stich und lief in Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, seinemVaterentgegen.
Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein Vater war wieder da!
Wie wriggte er, wie rief er:
„Höh, Vadder, höh!“
Da wurde er vom Ewer gesehen:
„Höh, Klaus Störtebeker!“
„Non, Vadder, de Reis afmokt?“ ... „Jo, mien Jung!“ ... „Wat geiht di dat, Kap Horn?“ ... „Och, god, Störtebeker, dat weest woll, slechte Lüd geiht dat jümmer god!“ ... „Büst ok seekrank worden, Hein Mück?“ ... „Ne, du Schietinnebüx.“
Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte an Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin. Nun war alles gut — er war wieder an Bord bei seinem Vater!
„Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all en eulichen Snauzbort!“
Kap Horn aber sagte: „Dat is keen Bort, Störtebeker: Hein Mück hett sik bloß en bitten annen Klütjenputt swart mokt.“
„Dor quält jo man ne üm,“ schnauzte der Koch.
Vom Ruder scholl es: „Gohn den Draggen!“ Der schwere Anker fiel, rasselnd sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum Schwoien.
„Vadder, schall ik de Fock dol smieten?“ rief Störtebeker, der sich wunderte, daß sich niemand um die Segel bekümmerte, aber Klaus Mewes erwiderte: „De Seils blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit allemann no Stadt rup!“
„Junge, jo! Dat ward fein!“ sagte Störtebeker, wenngleich er nicht recht einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit dem Kahn zu holen, aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug und wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmendie Leute denn das Boot in die Tallje und setzten es über Bord. Der Schiffer warf unterdessen die Scharben in den Reisekorb und dann schipperten sie an den Deich, Störtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot. Hein Mück wriggte. „Inne Wett, Hein, de up irst ant Bullwark kummt, hett wunnen!“ rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften — und richtig wurde er dem schweren Boot leicht über.
Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen entgegen. In diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe und auf ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den Nebel und an die dunkeln Nächte.
„Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi weut alltohopen mit no Altno rup!“ — rief Störtebeker schon von unten.
Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt ihre fest: „Goden Dag!“
„Goden Dag!“ sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen, aber er hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte verwirrt: „Lot mi doch los, Klaus, wat scheut de Lüd dinken!“
Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, wenn nicht der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte: „To, Vadder, lot ehr los, se schall sik klor moken!“
„Wullt mit, Mudder?“
Sie nickte: „Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!“
Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken, die großen, braunen Gesellen, die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und konnten alle drei kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er mußtealles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie gebört hatten, was für Wetter sie gehabt hatten und so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie eine Pfeffermühle.
Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäß, obgleich er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das Viehwerk wurde in die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich groß und schön auf dem blanken Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das Spill, als die Kette aufgehievt wurde.
Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war soviel Wind, daß sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an der Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald mit Seemann auf den Luken, bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in Anspruch, bald guckte er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser wirbelte und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder hinunter zu schwimmen, bald saß er auf der Kapp bei Hein Mück, der Kartoffeln schälte, und aß getrocknete Knurrhähne. Oder er besah die Seeäpfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.
Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte er den Schelm und kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen maß und bat: „Vadder, stür doch af, wat wi keen Hoveree kriegt,“ dann lachte er sie aus und sagte: „Mudder: de Damper mütt dat Seilschipp ut den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.“
„Worum denn nich?“ fragte Kap Horn lauernd.
„Vadder seggt dat,“ gab Störtebeker zur Antwort, „un de mütt dat doch weten!“
„Jo, mütt he ok,“ bestätigte der Schiffer vergnügt und guckte an dem großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen vorbeischob. „Störtebeker, wat is dat förn Stiemer?“ Der Junge sah nach der Flagge am Heck. „En Ingelschmann.“
Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen.
„U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!“
Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit angerichtet hatte. Sie saß auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf, aber sie hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: „Mudder, wi sitt hier nu so scheun up Deck un fohrt so mooi no Hamborg un nu fangst du dorvan an!“ Und er stand auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht noch leichter: so hätte er es als Junge auch gemacht, sagte er sorglos, sie solle ihn nur gewähren lassen. Der Junge solle ja kein Pastor, sondern Fischermann werden.
„Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.“
„Gesa, mok doch kein Schop bang.“
„So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol ober em weenen!“
„Ne, dat gläuf ik ne, Diern!“
Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben schon überschauen.
„Bestrof em, Klaus!“
„Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen rümkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa, anner Reis nehmik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen Undöt mihr moken!“
Da gab sie es auf.
* **
Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder. Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Störtebeker stimmte eine Art Lobgesang an und aß wie ein Scheunendrescher.
Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die ersten Reisenkäufer, Fischhändler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise abzukaufen und die Schollen aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen guten, runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es waren erst drei Ewer an der Brücke und er konnte auf einen guten Markt hoffen: auch war er von der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu verhandeln. Die Händler drängten:
„Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!“
„Lot jüm kommen, Petersen, wi weut all leben,“ lachte Klaus Mewes.
„Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all dot, Mewes!“
„Lot jüm blieben, Meier, wi möt all starben,“ bemerkte er trocken.
Da war nichts zu machen: er ließ sich nicht einmal nach Eierkohrs einladen, sondern sagte, wenn er durstig wäre, könne er sich noch selbst einen kaufen. Und er sog ruhig an den Gräten.
Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der Helgoländer Dünung klüse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer in beständiger Bewegung gehalten.
Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. „Du büst seekrank,Mudder, weest, wat dat is?“ rief Störtebeker hinter ihr her.
„Paß man up, di geiht dat nix beter,“ steckte Kap Horn es ihm, aber er lachte sicher und sagte: „Nix zu machen, Herr: ik bün seefast!“
„Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder,“ warf Hein Mück dazwischen, aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem er spottend rief: „Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot inne Koi legen, ast weihn worden is!“
Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa die Brücke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den Tingeltangel gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige Dümpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Störtebeker mußte an Bord bleiben, was er auch gern tat, denn aus solcher Musiktüdelei machte er sich nichts, er blieb am Deich nicht einmal bei den Nudelkastenmännern stehen.
Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den Bünn durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden herausgesucht.Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den großen Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen werden sollte.
Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum Wohltäter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen schönen Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der Hafenstraße hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas, einige deftige Eisbrecher.
Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen der großen Segelschiffe, die beiBlohm und Voß dockten, und nannte alle Segel und Taue mit Namen, er erzählte ihm von der großen Fahrt und von dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge hörte nipp zu, wie er dem todkranken Matrosen zugehört hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen Stellen beiläufig hinzufügte: „Dor harrst doch bang bi worden, nich, Störtebeker?“ — dann sagte der Junge jedesmal ernsthaft: „Ne, bang harrk ne worden!“
So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser schießen. Dem alten Janmaat kam der kleine Junge in den Sinn, den sie auf der dänischen Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch viel abgegeben hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, lieb gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem Mast gewesen als auf dem Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten sie ihn geheißen. Das war ein stiller Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein wilder Ungestüm: jener war auf der Höhe von Rio gestorben und nach Seemannsbrauch bestattet worden — er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht —: dieser lebte und drängte mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land nicht leben könne.
Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajüte und nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem Glucken des Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der seesüchtige Junge.
* **
Am andern Morgen war ein großes Trampeln und Scharren über Störtebeker, als er erwachte. Kein Mensch war mehr unten — er hatte richtig die Zeit verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.
Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wennes Karkmeß wäre! Das ganze Deck stand voll von fremden Leuten: was für ein Gedränge auch doch, was für ein Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen, Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und Beuteln standen um den Bünn herum, fragten nach dem Preis, handelten und kauften schließlich. Der Knecht und der Junge standen im Raum vor dem Bünn und ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte wie ein Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Körbe hinunter, langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott, obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war schollenhungrig.
„Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens man mol,“ sagte er zu Gesa, die beim Kompaßhäuschen stand und mit fremden Augen auf die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn, der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann geboren. Sie schüttelte aber den Kopf und blieb, wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo war Störtebeker? War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um sich den Kasper anzusehen?
Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück und hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser hineintun konnten, er warf die toten Fische beiseite und reichte die vollen Netze seinem Vater hinauf. „För twee Mark, Vadder!“ ... „Förn Mark!“ ... „För föftein Groschen, Vadder!“ ... So rief er dabei, mit einer Stimme, aus der deutlich herauszuhören war: nun paß auf, daß alle bezahlen!
„Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!“ rief Klaus Mewes oben und „Süßtein förn Mark! Süßtein groteSchullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!“ echote Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern Ewer zu machen und sich einen Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen. Mitunter bekam der Junge auch Streit mit den Kökschen ... „Leben dot de all! Dor sünd keen dode twüschen! ... Luter grote gifft ne, dat geiht vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd süßtein, ik hebb mi ne vertillt! ...“ An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mußte ja helfen.
„De sünd jo dot, Junge!“ „Wenn du man ne dot büst: de leeft!“ „De sünd jo so lütj, Junge!“ „Wenn du man ne lütj büst: de sünd grot!“ Er ließ sich nicht verblüffen. „Soßtein forn Mark? Oppen annern Ewer gifft achttein!“ „Denn goh dor man hin: hier gifft dat bloß süßtein!“ Er paßte aber auch auf: „Vadder, de Olsch hett noch ne betohlt!“
Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten Hilfsmann! „Vadder, dat middelste Schott is all leddig!“
Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: „Wat mokt he sik ok doch utsehn!“ Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: „Worüm hest du em dat nee Tüch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen!“
Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die Luken zumachen konnten: die paar Stiege, die noch im Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes selbst. Ausverkauft!
Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah, wie ein Stück vom Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die Kajüte und entleerte seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen, Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezählt war, waren es nahe an dreihundert Mark, die er in achtTagen aus der See geholt hatte. Es war wieder Glück dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen hatte.
Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so groß vor, daß sie immer nur von dengroßenSeefischern sprachen und auf sie schalten, denn hatten sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag für sechs Groschen wie Pferde arbeiten mußten: wenn sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!
Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben: sie ist und bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann. Wie sie Taler haben mit der Aufschrift: Segen des Mansfelder Bergbaues, so könnte die hamburgische Münze für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift: Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen sagen, daß so viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, die Leute, die Segel, die Zinsen, der Winter — wir wollen sie dennoch preisen, die schöne, schöne Schollenzeit!
* **
Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Neß durch die Klüsen. „Dol de Seils!“ Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an Land, mit Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mußte die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, daß die Leinen den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus Störtebeker mußte die Schollen austragen, die sein Vater in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten Reise bekam alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft lebendige Schollen. „De keen Fisch utgeben mag, is ne wirt, wat he welk wedder fangt,“ hieß es am Deich. DieBauern auf den Wurten, die Handwerker, die Tagelöhner: keiner wurde vergessen. Sogar an die alte Sill dachte er. Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm Freude, wenn die Leute fragten: „Non, Junge, is dien Vadder her?“ „Jo!“ „Mit Schullen?“ „Jo!“ Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei, der Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll Milch, Sill aber wühlte wieder ins Stroh hinein und holte richtig noch einen schönen Apfel hervor. Er verzehrte ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im Graben abwaschen müsse. Es war ein fetter Tag für ihn.
In der Schummerei aber saß er mit seinen Mackern auf dem Deich und ging mit dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest waren, daß sie anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich. Im Binnendeich schlichen die Katzen mit erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander wegen der Abfälle an.
Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes saß unter den Linden auf der Bank und verklarte dem alten Jäger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei bei Juist und Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und schwerer in den Heben hineinwuchsen.
Vom äußern Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen Aalkörben beladen.
„Non, könt hier utholen?“
„Jo, Jakob!“
Er blieb einen Augenblick stehen.
„Lopt de Ool all, Jakob?“
„Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms hebben.“
„Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all eulich belurt, ik kann di seggen, as de Voß de Geus un as de Hund de Rotten! Wi weet de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern an Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de Gildbütel man afkann!“
Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt: er dachte an die drei, vier kleinen Aale, die er jede Tide aus den Körben schrapte, und ärgerte sich über den großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. „So, so,“ knurrte er und stiefelte weiter.
Gesa schüttelte den Kopf. „Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus Mees, as wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst?“
Er sah sie groß an. „Wat meenst du dat?“ fragte er verwundert. „Ik kann mien Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor steihst du, dor sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien Linnenbäum, dor buten liggt mien Eber un hier bün ik sülben oder is dat all ne wohr? Lot den Dübel klogen: ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik gläuf, uns Herrgott süht ok leber en vergneugten Minschen as en trurigen!“
„Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en Minsch un wullt wedder no See!“ mahnte sie, er aber schüttelte die Worte ab, wie die Ente das Wasser.
Es war Ostern auf Finkenwärder.
An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen ließen braune Troddeln im Windewehen. Die Pappeln leuchteten im Sonnenschein und glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln. Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den Wischen gaukelten die Kiebitze zu Hunderten, und über dem hohen Neß schwebten die grauen Reiher.
Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr Eiland gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann käme sonst auch wohl ein Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für Landwege geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, lassen die grundlosen Wege es nicht zu, für die sie früher Stelzen gehabt haben, die aber abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.
Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen Winter eingestellt war und die große, allgemeine Ausreise erst nach Ostern stattfand. Da lag es nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel auf den Kieker nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute! Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, hatten ein Verlangen, den Deich noch einmal ganz unter den Füßen zu haben, bevor sie an Bord gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.
Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und seinen Famulus, an Bürger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen und an all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten, mittelalterlichen Stadt Frankfurt — aber das muß verblassen vor der großen Deichwanderung der Fischer am Ostersonntag, die nachmittag anfängt und bis zum Abend währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit.
Breit und blau grüßt die Elbe — im Hintergrunde steigen die Blankeneser Berge auf. Dampfer gehen aufund ab. Ihr Rauch weht über den Strom. Deutsche, englische, französische, nordische und holländische Flaggen flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und im Osten steigen die Hamburger Türme aus dem Hafendunst auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und Kutter, die starken, schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen im Sonnenschein, als wenn sie wüßten, daß es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen Wasser. Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen, die sich ansehen lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche gehabt hat.
Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendächern, mit grünen Türen, geröteten Steinen und blanken Fenstern, hinter denen Blutstropfen, Schuhbäume, Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten Kurrbäume, die aufgefischten Hummerkästen: dahinter liegen die braunen Äcker, von Gräben durchzogen, die grünen Wischen, die Wurten mit den großen Bauerhäusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der Insel.
Da kommen sie an, die Osterleute.
Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren weut! In Scharen kommen sie und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand — denn diesen Tag sind die Ostermoonen frei —, damit die Fahrensleute Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern können. Ihnen folgen die Schlingel, die ihre Kräfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die Eschen klettern und in die Heisternester gucken, die über die Gräbenjumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns vom Deich stoßen und die Hunde reizen. Sind die vorüber, dann erscheinen die Konfirmandinnen in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der erste Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie ihr Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie schon das kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr an, bekümmern sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen von Schiffen und Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler, sitzt verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt seine Zigarre (un noher fangt se doch all an to prüntjern).
Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen zu fünfen oder sieben, in Schöfen zu zehn und zwanzig: die brauchen den ganzen Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein, sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich, die Häuser und die Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die Alten nehmen sie vor, die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder Warnk, und fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das Essen noch schmecken wolle. Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch der Fahrt und der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt und wat hei fungen: so geht es immerzu.
Klaus Mewes und sein Junge müßten keine rechten Finkenwärder sein, wenn sie nicht auch unterwegs wären! Auch sie machten die Runde um das Eiland, wobei siesich ordentlich Zeit lassen mußten, denn weil das Mewesgeschlecht das größte auf Finkenwärder war, hatten sie an allen Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag sagen mußten, und wurden alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee hineingenötigt. Auch mit den Fischern, die er überholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab und zu an der Jacke, damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um Finkenwärder herum.
Beim Segelmacher wurde ein neues Großsegel bestellt, das bis Karkmeß geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling stehen sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats. Zunächst bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch an der Rechnung stehen hatte, dann besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen ließ. Ein hohes, stolzes Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in den Heben ragte.
„Wat köst de nu, Jochen?“ fragte er, als er alles befühlt und besehen hatte.
„He löppt sowat up twölfdusend, Klaus,“ erwiderte der Baas.
„Dat Schipp is god,“ lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an dem scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, „de schall woll seilen, Gotts den Dünner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi een neen Kutter bon, noch greuter un noch scheuner as düsse hier! Un denn will ik jo mol wiesen, wat Seilen un Fischen to bedüden hett, so gewiß as ik Klaus Mees heet!“
„Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder?“ rief Störtebeker eifrig, der Baas aber strich den grauen Bart undsagte bedächtig: „Dor snackt wi noch mol ober, Klaus, wenn wi denn noch left un noch gesund sünd!“
„Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?“
„Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.“
„Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi hebbt H. F. 500 up See!“
Der Baas aber sagte nur: „Wi weut dat best höpen,“ denn er glaubte nicht daran.
Vater und Sohn verließen die Werft und gingen weiter.
* **
Abends saßen sie alle in der Dönß und warteten auf die Ostereier. Hein Mück sagte, er wolle ganz gewiß zehn essen, und Kap Horn erzählte, er habe schon den ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei- oder vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa mit der großen Schüssel an, die gehäuft voll von den schönen weißen Eiern war, und das Ostereieressen begann, das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen hatte, der die meisten Eier aß. Mit glänzenden Augen löffelte Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. „Wedder een, Vadder! De smeckt as Sucker!“
„Söben,“ rief sein Vater.
„Kann ne angohn,“ sagte Störtebeker aufgebracht, „du kannst heuchstens dree Eier up hebben.“ Er zählte die Schalen: „Een, twee, dree, Vadder!“
Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich und bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne daß er’s merkte, die leeren Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier untergeschmuggelt werden. Die drei Fahrensleute rissen ein ordentliches Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten sie doch back brassen und sich für beet erklären. Da bekleideteStörtebeker sich mit der Würde eines Preisrichters und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fünf. „U, wat wenig, Vadder! Du säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!“ „Ik much ne tolangen, Störtebeker,“ entschuldigte sein Vater sich, „ik dach, anners wörst du ne satt!“ Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden Ergebnis: „Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist. Du müß gewiß de Pann wegdrägen!“ Hein Mück, der sechs Eier gegessen hatte, kam glimpflich davon, aber über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich zusammengedrückter Schalen hatte, goß er die volle Schale seines Spottes aus. Dann ging er an den eigenen Berg und steckte die Schalen zusammen. „Mit de poor Dinger is ok doch keen Stoot to moken,“ stichelte Kap Horn.
„Van wegen poor Dinger,“ ereiferte der Junge sich und zählte sie in Gedanken schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, daß er sich nicht verzählt hatte, „kiek hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier! Ik harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst jo sehn!“
„Wohrraftig negen,“ rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren konnte, „wat kannt angohn, wat en swarte Koh witte Melk gifft un wat de Jung mihr Eier eten kann as wi groten Lüd?“
Kap Horn lachte: „Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten warrn.“
Störtebeker aber sagte: „Junge, Junge!“ und knöpfte die Hose auf, um sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen ihm nun doch mit einem Male schwer im Magen. „Vadder, nu komm ik ok doch mit no See?“
„Nu noch ne,“ bremste die Mutter schnell, „is noch veel to kold buten,“ Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsaman und sagte, er wolle morgen nach dem Schuster und Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre Reise schon mit an Bord.
„Och jo, Vadder! Och jo!“ rief Störtebeker in heller Freude und sprang in der Dönß herum, wie ein Füllen auf der Wisch.
Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken; das wolle er ihm machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den großen Schiffen her. Er ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb er Länge und Breite in sein Notizbuch mit Kalender von Anno Tobak ein und malte darüber: Ölzeug für Klaus Mewes junior.
Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei großen Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen Tingstätte, auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen des Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen.
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So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt, denn ein starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, daß er bis Michaelis wehen könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel im Sinn, und schrieb von Bremen und Bremerhaven.
„He hett mi förn Narren,“ sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Längst hatte der Schuster die Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der Dielean dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete Schwein hing, und er sollte sie vorher nicht tragen. Da hingen sie und ärgerten ihn alle Tage.
Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß, das hierhin und dorthin trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte, bemühte sich um das Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen Kaninchen, er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete sein Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war, er watete schon in der Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen konnte, und war der einzige vom Neß, der schon schwamm — das Wasser war noch eiskalt und benahm ihm fast den Atem! —, er suchte Regenwürmer an feuchten Abenden und pödderte Aale, er ließ sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte seinen Kahn mit Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten nach den wilden Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte sich die getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab, schnitt sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß sie abends und vor aufkommenden Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er machte sich Hupuppen, Flöten und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden die Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden schwirrten, — aber es war keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater kommen mußte und er mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord und er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder nach H. F. 125 fragen.
Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte, unbeweglich auf seine Schaufel gestützt,und hatte die Maulwurfshügel unter den Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte aber ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und tötete ihn durch einen Hieb auf die Nase. So reinigte er jeden Tag den landschützenden Deich von seinen schlimmsten Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so manchen Deichbruch verschuldet hatten.
Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet wie ein Kasper von St. Pauli, mit Schellen behängt, eine Glocke in der Hand, und hinter ihm her liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: die lärmten und lachten, schrien und sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders, des Eilandes, das gewohnt ist, zwischen Stürmen zu fischen und in schwarzen Kleidern zu tanzen. „U — en Snilläuper!“ Vorbei braust die wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben dem Schnelläufer, er überholt ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben soll, aber dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und er kehrt batz um. Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu Tür ging, um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte der Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die Ewer an.
Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der seine Hand ausstreckte, sondern fragte nur: „Wat is dor los?“ „Ik bün de Snelleuper un heff snell lopen!“ „Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig lopen kunnt,“ sagte Jan patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu.
Da kamen Straßenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches Volk, nicht zu vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwölfen und zwanzigen, und spielten, daß der ganzeDeich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder sangen: