Elfter Stremel.

„Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,kridderwidderwitt, den deen ik ne!Den sien Lohn is mi to wenig,Pillkantüffeln mag ik ne!“

„Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,kridderwidderwitt, den deen ik ne!Den sien Lohn is mi to wenig,Pillkantüffeln mag ik ne!“

„Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,kridderwidderwitt, den deen ik ne!Den sien Lohn is mi to wenig,Pillkantüffeln mag ik ne!“

„Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,

kridderwidderwitt, den deen ik ne!

Den sien Lohn is mi to wenig,

Pillkantüffeln mag ik ne!“

Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was sollte ihm da die See tun können?

Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch zog der Laertes davon. Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus und übernahm dasRuder, während die andern sich die Klütjen und Plummen schmecken ließen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie soweit, daß Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen konnte, denn im Norden trat das Ufer zurück, dort blinkte die See, die See, nach der er sich am Deich gesehnt hatte, der kleine Störtebeker, als wenn sein Leben damit vermacht wäre.

Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß und sagte: ja, er könne sie sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine große Enttäuschung für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge, zu sagen: „Dat is ok jo wieder nix as Woter!“ — aber er verbiß es, denn er dachte: Erst ganz hin sein!

„Vadder, neem fischt wi nu?“

„Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gorne sehn!“

Das war Störtebeker recht, denn es mußte auch noch anders kommen, wenn es mehr sein sollte als die Elbe.

Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen Kanonenschlünden, die die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff, das an seinen Ketten riß, die Türme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm, die Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein großes Schiff, eine Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen Hafen, die großen Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich standen, das Schloß Ritzebüttel, das klug und geborgen aus den Bäumen guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter dem Ewer auftauchte, und drei Masten, die im Norden kahl und verlassen aus der See guckten.

Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See größer werden sah, als er wahrnahm, daß der Ewer ungestümer auf und ab tauchte und sich schrägerals vorher warf, aber er hielt tapfer aus und ließ sich nichts merken.

Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit dem flagigen, starken Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine breite, schaumige Furche wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel ohne Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die See und auf den Watten räucherte die Brandung. Mit breiten, langen Kämmen kam die Flut ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas über sie, denn er hatte Wind, und ließ sich von ihr nicht mehr aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der großen Frau der Elbmündung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch längst geblieben ist, — und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N. z. W.

Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte Regen und jagte die Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker mußte hinein. Als sein Vater ihm den Rock zuknöpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, daß das Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber, als hätte er nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der Seekrankheit zu drohen und Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn am ersten davor zu bewahren.

Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte, daß Störtebeker von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt hätte.

Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da vergaß der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter, er holte sich den Kieker aus dem Nachthaus und betrachtete Ewer für Ewer: er las die Nummern und ließ sich die Schiffer dazu sagen.

„94, Vadder?“ „Jakob Fock, dat weest du doch!“ „138?“ „Jakob Mees.“ „3?“ „Friedrichson van de Au,de Störnfischer.“ „107?“ „Ornd Fock!“ Er lernte erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder und die Möwen flogen um die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er aussetzte. Von da an kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und Feuerschiffe, Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der Fischerei an. Er drängte, daß sie doch auch schon aussetzten, und war gar nicht erbaut, als er hörte, daß sie noch einen ganzen Tag zu segeln hätten.

Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach dem Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein nachbarliches Gespräch wie am Deich und schloß mit einem Gedankenaustausch über das Wetter.

Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg, daß Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Düsigkeit im Kopf nahm immer mehr zu und den schlechten Geschmack im Munde wurde er nicht wieder los: er fühlte, daß seine Stunde kam, daß er seekrank wurde und sich brechen mußte. Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das nicht, nur das nicht!

Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mück, daß sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest biß er die Zähne zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine Pfoten ableckte, während er es kaum noch aushalten konnte.

Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen großen Hering in der Kehle stecken hat, so schluckte undwürgte Störtebeker auf dem heftig dümpelnden Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit.

Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier schon seekrank würde, sei ein Schietinnebüx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge erst beim ersten Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden. Sie lachten ihn aus, das war gewiß! Wenn er doch mit seinem Vater allein auf Deck wäre!

Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts geholfen! Junge, Junge, Junge, was für ein Zustand! Er wollte und wollte sich aber vor dem äußersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht geben!

Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen mit einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wäre über Bord gefallen, aber da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der Seefischer ging nach vorn — da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt unter den Duchten und erbrach heftig. Hein Mück steckte einen Grientje auf und wollte etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, daß er ihn schnell wieder sacken ließ. Seinen Jungen ließ er gewähren — schließlich, als das Spucken nachließ, legte er ihm die Hand auf die Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf — kreidebleich im Gesicht! — Dann lächelte er unter Tränen und sagte: „Nu lach mi man fix wat ut, Vadder, wat ik seekrank bün!“ Urch — da ging es wieder los: Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann bekamen etwas ab. Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am Ruder und sagte, das wäre gerade so wie bei einem Albatros, der auf Deck sei, und Hein Mück lachte, weil sie ihn die ersten Reisen auch ausgelacht hatten. Störtebekerlachte auch mit, wenn auch verzerrten Gesichts, dann aber mußte er sich geben. „Gliek ist all rut,“ tröstete er, „denn wardt beter!“ Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer ärger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und lag dann regungslos auf der Ducht.

„Bang bün ik ober ne, Vadder,“ sagte er matt, „bloß seekrank!“

„Schall ik di wedder an Land setten?“

Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn er sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte sein Vater ihn mit einem alten Segel zu und ließ ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war als die Luft in der Koje.

Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise und an seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt wurde er etwas seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder nach See kam — wie viele alte Fahrensleute.

Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu. Es wurde stur.

Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die meisten aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte Mützen aufgesetzt. Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney und Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel nicht zerreißen wollte. Er hielt auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im Norden blinkte.

Bidewind! Der Ewer schoß und kletterte, stampfte und rollte, während die düstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen und der dunkle Felsen stieg immer höher aus der See.

Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem großen Land, d. h. zwischen der Düne und Helgolandzu Anker gingen, war der Wind nordwestlich gelaufen und zum Sturm angewachsen, so daß sie froh sein konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite Anker aus, dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken auf den Arm und trug ihn nach unten — und weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in die Koje.

Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er eine nasse Hansch in den Nacken. „Wi sünd ok mol seekrank worden,“ sagte Klaus Mewes, „dorüm kann he doch en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.“

Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste wie nichts Gutes hinter Helgoland.

*                    **

In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch nicht nach Aufklaren aus. Draußen stand eine hohe See, so daß an Fischen nicht zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen.

Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mück saß auf der Treppe und schälte Kartoffeln, Kap Horn war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knüttete an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten Tisch stand noch der Morgenkaffee.

„Vadder, neem sünd wi?“

„Wi liggt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne fischen könnt.“

„To Anker, Vadder?“

„Jo, Störtebeker!“

Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einem Mal so sauste und warum die ganzeKajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm seine Seekrankheit ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie nicht wiederkommen sollte.

„Blief man giern liggen,“ sagte sein Vater mit verstelltem Ernst, während er geruhig knüttete, „wenn dat noher stiller is, sett ik di an Land, denn fohrst du mitten Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix för di, wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten magst du ok nix, dat kann jo ne god gohn.“

Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann, der ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: „Nu weut wi mol sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit!“ Als er die Reihe der Fahrzeuge überblickt hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm ankerte, ging er wieder unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und knüttete weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte.

Denn siehe — Klaus Störtebeker war aufgestanden und hatte sich angezogen. Noch mehr: er saß am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der Muck. Noch mehr: er aß Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war, es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch nicht gleich gelang, so war sein Wille doch nicht daran schuld. Tapfer aß und trank er, obgleich der Fußboden und die Kojen wieder zu kreisen und zu tanzen begannen.

„Smeckt all wedder, Störtebeker?“ fragte Klaus Mewes nach einer Weile.

„Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit dör!“

„Dat segg man nich to hart,“ rief der Knecht von der Diele.

„Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank! Un no Hus will ik ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!“

„Non!“ sagte sein Vater, „denn ist god!“ Und erging sich mit ihm an Deck, damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die Teer- und Segelgerüche der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand.

Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland und das Oberland, die große Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die großen rotgrauen Felsen, die starken Boote der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs, auf dem die rote englische Flagge wehte. Störtebeker vergaß seines Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon wieder Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt fühlte: sein Vater ließ ihn pumpen und das Boot schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und sich nicht wieder hinlegte, denn nun mußte die Seekrankheit endgültig verjagt werden.

Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer, wenn auch nicht so viel als sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurückbekommen und seine Augen glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.

Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte, er wolle an Land: wer mitginge? Störtebeker war dabei. Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte ab: er wollte ein bißchen voraus schlafen.

„Up Hilchland ist fein, Hein Mück.“

„Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik,“ sagte Hein Mück aber und zog die Stiefel aus, um einen Stremel zu verträumen. Kap Horn, der gern mitgegangen wäre, mußte zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben.

Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen, denn es stand noch eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und raumer gelaufen war,aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als daß sie Wasser über bekamen. Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf an, aber er fürchtete sich nicht und ließ auch die Seekrankheit nicht an sich heran.

An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest und betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald schier. Klaus Mewes sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte, und der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte etwas, was Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er meinte, es wäre Englisch. Dann stiegen sie die 188 Stufen zum Oberland hinauf und blickten auf die kleinen, kleinen Ewer und Kutter.

„U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi Hus!“ rief Störtebeker. Er bekam den Mönch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden Felsen mit dem grünen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in die schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft rauschte. Dann schlugen sie den Mittelweg ein, den die Badegäste die Kartoffelallee getauft haben, und blickten von der Nordklippe des Eilandes weit und breit über die graue, hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen stand ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung, unter ihnen aber brandete die See in dumpfem Grollen.

Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweißen isländischen Gesellen, in großen Scharen saßen. Andre flogen hin und her und krächzten.

Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein und Klaus Mewes schrieb einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland und wriggten nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne über die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlichnachdenklich: „Worüm hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann to?“ „Worum?“ lachte Kap Horn. „Worum heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche Jan Bull, as anner Lüd bleud weurn.“

Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu Rate, dann aber rief er munter: „Seilen!“ und warf seine Kurre mit einem großen Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder in ihr Recht und alle stürzten an Deck.

Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten aus dem Helgoländer Loch. Draußen kamen sie in leege Wall und trafen eine so hohe See und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich nicht aufhalten und dachte nicht an Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen südwestlichen Kurs nach Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an seinem Ruder aus.

Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn der Ewer überholte. Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein, aber zum Brechen kam er nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte, nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die Wache und Störtebeker ging mit seinem Vater zu Koje, hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden war. Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und lobte ihn.

Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte. Dwars von Juist klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln herausund setzten die Kurre aus, nachdem sie den Ewer in den Wind gebracht hatten. Kurrbaum und Kugeln, Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu Wasser, mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten Feuerweg, den die eben aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte. Störtebeker war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte über die Kurrleine, daß er beinahe über Bord gekommen wäre, trat Seemann auf den Schwanz, daß er klagend schrie, und steckte sich überall dazwischen.

Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier Männer bewältigt werden konnte, bekam Hein Mück die Wache. Schiffer und Knecht gingen in die Puk.

Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie ein Roß mit dem Pflug, und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Süden aus der See guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle sie jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord und machte sich Gedanken darüber: als Hein Mück, der Wachmann, aber anfing, sich über ihn lustig zu machen, ging er seinem Vater nach und verschlief die beiden Kurrstunden in dessen Armen.

„Intehn! Intehn!“ Der Ruf, der Tote auferwecken und Kranke zum Aufstehen bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet hatte. Da konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei, drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte der Norderneyer Dünen die Kurre ein, nachdem sie das Ruder lose gegeben und die Fock fallen gelassen hatten.

Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame Aufhieven des Netzes! „Hiev, hiev!“ Wie oft mußteKlaus Mewes ermuntern, wie mußte er sich beim Abstoppen abreißen! Allen dreien lief der Schweiß von der Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten saß. Dann beugten sie sich über Bord und zogen die Kurre mit den Händen über die Reling.

Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich zu Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Möwen war Störtebeker, der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und rief: „U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een — den kinnk ne! Junge, Junge, watten Fisch!“

Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert, der Beutel des Netzes, an der Oberfläche. Der war so groß und schwer, daß sie ihn nicht über den Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn deshalb in die Talje nehmen.

Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und anderm Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das Steerttau los und sprang beiseite: die Kurre öffnete sich und quuks-quaks stürzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.

Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter: Störtebeker aber kam gänzlich aus der Tüte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das war doch noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder als wenn die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und spaddelten die Schollen und Scharben, da sprangen die Rochen, da schnappten die roten Petermännchen nach Wasser, da knurrten die Knurrhähne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein zerbrochener Topf und ein großer Stein.

Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen, nach der Größe gesondert, und gezählt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie kamen auf 8 Stiege großer und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker mußte den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen, die Taschen packte Hein Mück, dem nach altem Brauch das Taschengeld gehörte, in einen Hummerkasten. Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in Salzlake gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel ab und nahm seeseitigen Kurs.

Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos, wie sie erschienen waren, verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen.

Der erste Streek war getan.

*                    **

Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie taten kurze, zweistündige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische, die lebendig an den Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje und schliefen, denn wie ein ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei Gewalt über die Fischer: das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann durchführen, wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem Wetter wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn der Bünn voll war oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam.

Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische dochkein Stückchen wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt, so läßt er keinen Streek aus und fischt tags und nachts, Sonntags und Alltags.

Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine blauen Augen leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten ja! „Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Spoß!“ versicherte er immer wieder und sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes Stück Schwarzbrots aus dem Schapp und aß es, er trank Kaffee dazu und war guter Dinge. In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein.

Wie im Fluge verging die Zeit.

„Is so wiet,“ sagte Klaus Mewes, „nu rop jüm man!“

Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die halbgeöffnete Kapp zurück, kletterte die Treppe hinab und gröhlte, so laut er konnte: „Kap Horn un Hein, upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!“

„Jo,“ brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum von seiner Gesine durch die Latten gegangen war, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn aber schwang sich auf die Bank und schalt: „Wat is dat egentlich forn Snack von wegen opstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst woll, du büst hier bin Buern, wat? Weest du nich, dat an Bord allensutsungenwarrn mutt? Paß mol op: so heet dat:

„Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!De een von jo sallt Ror verfangen,reis ut, Quarteer, de Wacht is don,acht Glosen sünd slon!Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!“

„Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!De een von jo sallt Ror verfangen,reis ut, Quarteer, de Wacht is don,acht Glosen sünd slon!Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!“

„Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!De een von jo sallt Ror verfangen,reis ut, Quarteer, de Wacht is don,acht Glosen sünd slon!Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!“

„Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,

reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!

De een von jo sallt Ror verfangen,

reis ut, Quarteer, de Wacht is don,

acht Glosen sünd slon!

Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!“

„Junge, dat is jo en ganzen Gesang,“ rief Störtebeker, „den kannk ne beholen!“ Dann aber rüttelte er Hein, der auf der Bank wieder eingedusselt war: „Schall ik irst mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di ne seggt, du schullst upstohn?“

„Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam flügst,“ drohte der Junge mürrisch und erhob sich.

Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle drei an Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schießen lassen, die Fock war schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder über den Masten.

Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer als vorher, daß Störtebeker rief, da säßen gewiß hundert Stiege Schollen drin. Ihr Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der Gedanken an große Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre einzogt? Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr zutage gehoben hattet: kam nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder, daß es auch einmal etwas andres sein könne? Der Bauer, der Gerste gesät hat, weiß, daß er nichts andres ernten kann, aber der Fischer, der nicht sät (Sehet die Fischer an: sie säen nicht und ernten doch, hatte Pastor Evers gepredigt), für den ein andrer die Saat bestellt, der immer unbekannte, geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann der alles ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein Fischer wird es einmal finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes, Unsichtbares, die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und sie ist es, die Fischer werben wird, so lange die See nicht zugeschüttet ist.

Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine Weile überlassen, denn ohne seine Bärenkraft ließ die Winsch sich diesmal nicht drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden. Diesmal riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn er wußte jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich wenig darum, daß er naß wurde. Sogar Seemann half: er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter großem Geknurr.

Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen! Zum Glück waren aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in den Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen: Klaus Mewes wollte ihn hier nicht über Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer Stelle sacken zu lassen, wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden konnte. Störtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf, als die Sonne ihn abgetrocknet hatte.

Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, der noch nicht wieder schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und Aufhängen der Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt, und erzählte ihm Geschichten von der großen Fahrt, die noch all seine Gedanken füllte, wie der Wind die Segel, und die er nicht vergessen konnte, Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von Schiffbrüchen und Piraten, von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der Linie und demSargassomeer bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Diewar so: als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen Kapstadt und Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und konnten es nicht, denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache. Als Hans aber angelaufen kam und gerade anfangen wollte, zu arbeiten — in die Hände hatte er schon dreimal gespuckt! —, wat meent ji woll: mit einem Mal taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grunde der See auf, steckt den Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans Fink holt geruhig sein Knief aus der Tasche, das mit der knöchernen Schale, das er noch heute hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich vom Smutje Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht nicht einen Tropfen Wasser mehr, daß sie glücklich in Singapur ankommen, bloß, weil Hans Fink so schlau gewesen war.

Gotts den Dünner — was für eine Geschichte. „Minsch, wat kannt angohn,“ rief Störtebeker verdutzt, „wo grot is dat Leck denn wesen?“ „Och so as mien Arm dick is!“ „Son dicke Ool gifft ober ne!“ Kap Horn ließ sich aber nicht aus dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal gewesen! „Veel Pund schull de woll wogen hebben?“ „Dor mutt ik um legen, Störtebeker: Hans Fink meent ober, he kunn em op foftein Pund taxiern!“ Der Junge konnte auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall hinwegkommen und trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der Frage: „Jä, nu segg mi ober mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch butenburds?“ Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu finden: zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung, indem er tiefsinnig erklärte: „Dor heff ik Hans noch nich no frogt!Wenn ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol mit em öber den Krom snacken.“

Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während sie stetig fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, daß viele darüber fielen und viele es für einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal erlebte Jan Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen darüber gebreitet hatte. Ein andermal steckte der große Karsten Külper es im Vorbeigehen in die Jackentasche und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog er es heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und Bierseidel mit den Worten: „Kiekt, Junggäst, wat ik annen Feekstreek funnen hebb!“ Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der Tür

Jan Wurt,Elbfischer.

und sagten, da hätte er schön was gemacht: das sei Jan Wurts Haus. Und ehe der große Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte, ging die Tür des kleinen Hauses auf und Jan guckte heraus. Die Groggläser und den Saal sehen und einen großen Lärm machen, war eins bei ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Gang, die Musikanten konnten nicht weiter spielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er gröhlen und schelten! Der große Karsten wurde immer kleiner und wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er mußte das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am andern, hochhellichten Tag mußte er den Deich entlang und mußte Abbitte vor Jan Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus. ...

Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horndem Jungen aus umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte ihn den Kompaß nach der Weise:

West zum Norden, Westnordwest,unsre Freundschaft stehet fest;Süd zum Osten, Südsüdost,deine Liebe ist mein Trost! ...

West zum Norden, Westnordwest,unsre Freundschaft stehet fest;Süd zum Osten, Südsüdost,deine Liebe ist mein Trost! ...

West zum Norden, Westnordwest,unsre Freundschaft stehet fest;Süd zum Osten, Südsüdost,deine Liebe ist mein Trost! ...

West zum Norden, Westnordwest,

unsre Freundschaft stehet fest;

Süd zum Osten, Südsüdost,

deine Liebe ist mein Trost! ...

Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache er die Fische bange, dafür aber machte er ihm eine Angel für Makrelen und Katzenhaie zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie hinteraus. Es war nur schade, daß nie etwas angebissen hatte, so oft Störtebeker auch aufzog.

Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin, als wenn sie sagen wollten: Man to, wi sünd all hungerig!

Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser Streek brachte nur fünf Stiege: sie segelten deshalb westlicher, bevor sie wieder aussetzten. Hein Mück kam an den Törn. Störtebeker aber tat auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht müde war, er ließ sich von ihm im Steuern unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch betätigen, die Klöße rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen mußte. Das war etwas für ihn: allein an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie paßte er auf, daß kein Segel an zu klappern fing, daß sie immer voll standen, daß er nicht aus dem gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See ab, daß er keine Haverei mache! Sein Vater hätte ihn sehen müssen!

Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über Ostermoonen und Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und andre Dinge vom Deich, sie einigten sich über die fischreichsten Gräben und beschwögtenKarkmeß, Weihnachten und Fastelabend, die drei großen Feste, die nun bald kamen.

Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach dem Mittagessen — gekochte Rochen gab es, etwas Köstliches! — an Deck gingen, um die Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen gegangen und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das Fischen aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf der ziemlichen Dünung hin und her, wie in schweren Träumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten schlugen mit den Blöcken.

Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose Ruder hin und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdünung und der Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Löwen mit der Maus. Störtebeker wunderte sich sehr über diese unruhige See und diesen tanzenden, rollenden Ewer bei so totenstiller Luft.

Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den Luken, der dritte lief an Deck auf und ab: sie wußten die Zeit nicht hinzubringen, so jäh waren sie aus der schönen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie nach dem Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schüttelte das Wetterglas, als wenn darin die Brise säße. Zuletzt schleppte er die angefangene Kurre an Deck, denn drinnen war es heiß, und knüttete in großer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige Taschen, die dieser unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen aufklopfte und verzehrte.

„Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,“ rief Kap Horn, aber Störtebeker lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Großmutter man tun lassen. Dagegenhielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der Kimmung.

Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich ruhiger. Gegen Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom Ewer; mit einem Male erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei eben umgekippt und untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht, denn was er für Torpedoboote gehalten hatte, das waren Tümmler, die träge auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen und untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer mehr auf, mitunter erschien auch der Kopf eines Seehundes. Ließ sich aber einmal einer einfallen, zu schreien, dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete! Störtebeker sagte, er könnte sich tot darüber lachen.

Es blieb die ganze Nacht todstill — erst gegen Morgen kräuselte sich die Dünung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.

So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden, oft von Stillen heimgesucht, und kamen immer östlicher, bis Langeoog hinauf. Dort sprach Klaus Mewes das erlösende Wort: „Utscheiden!“ Sie hatten 250 Stiege, der ganze Bünn saß voll von Schollen, sie hatten die Reise!

Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach der Weser. Störtebeker sollte es bestimmen: er war natürlich für die Weser, denn dort gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von Bord holte, wohl aber auf der Elbe.

Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihnnoch an? Er dachte kaum noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte: vergessen waren Krähe und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig mit Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen.

Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam Störtebeker zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei Jahre vorher errichteten Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere stehenden rotweißen Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal gezeigt worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl ebenso spurlos im Meere verschwinden wie sein Vorgänger, weil er auf Sand gebaut sei und nicht auf Felsen wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte: einerlei, Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen. Störtebeker wunderte sich am meisten über das Rettungsboot, das dort haushoch über dem Wasser hing. Und daß dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.

Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten den andern Morgen ihre Schollen. Sie wurden sie auch zu gängigen Preisen los, denn sie waren nur zu fünfen, und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht zu viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil machte, der mit seiner Glocke und mit seiner rostigen, durchdringenden Stimme die abgelegenen Straßen abklopfen mußte.

Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem Störtebeker ein großes Verlangen hatte, dann Büffelfleisch und Zucker aus dem Freilager, und gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Neß bekam nur eine Postanweisung auf zweihundert Mark und einen kurzen Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönßschrieb, während Störtebeker sich von Marta und Mieze, den Töchtern des Fischerwirtes, denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten ließ.

Der Junge sei gesund und munter, hieß es in dem Brief, den der Seefischer schrieb, er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er schon nichts mehr davon, er habe große Lust zu der Fischerei und sei immer vergnügt, Heimweh kenne er nicht. Er ließe schön grüßen. Heute abend gingen sie wieder hinaus und kämen bald mit Schollen nach der Elbe. Störtebeker ließe ihr noch sagen, sie solle die Krähe und die Kaninchen nicht vergessen.

Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den Fingern gesogen, denn Störtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf. Er wollte Bremerhaven sehen, das große Denkmal und die Schinesen auf den weißen Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit: sie mußten an Bord und nach See.

Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu Geestemünde: da wehte es zwei Tage und da bekam Störtebeker alles zu sehen, was er sehen wollte.

Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,Kämpfer einst Karls in der Schlacht;Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,jetzo wie einst noch steht er und wacht!

Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,Kämpfer einst Karls in der Schlacht;Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,jetzo wie einst noch steht er und wacht!

Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,Kämpfer einst Karls in der Schlacht;Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,jetzo wie einst noch steht er und wacht!

Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,

Kämpfer einst Karls in der Schlacht;

Roland der Ries’ am Rathaus zu Bremen,

jetzo wie einst noch steht er und wacht!

H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B., 28 Registertonnen groß, geführt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der Schlachte mit lebendigen Schollen. Das trübe, gelbe Wasser der Weser gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher blickten überlegen auf ihn herab, denn sie standen schonzweihundert Jahre und hatten Güter aller Zonen unter ihren Dächern. Auf der Kaje standen die Bremer Jungen und lachten über den kleinen Stintmajor, wie sie Störtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen ließen, mit Steinen nach ihm zu werfen, da rief er: „Ji verdreihten Zigarrenmokers!“ (das hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!), zog seine Seestiefel aus und ging ihnen mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht ergriffen.

Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und Arbeitsleute waren minder stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die Jugend: sie kamen mit Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen die Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu nehmen wußte, war den Fang bald los, zumal er ganz allein an der Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach Bremen hielt die andern Ewer fern.

Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf um die Scholle entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche klirrend zuguckte, bis er sagte: „Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de Luken to!“ Dann zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen Wind- und Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen ließ.

Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und der Kleine und Kap Horn sich landfein und wiesen einander Bremen. Zunächst steuerten sie wie alle Fremden nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue Börse, den vergoldeten Schütting, das gründachige, verwitterte Rathaus und das hohe, steife Standbild, die Rolandssäule. Störtebeker gefiel von all diesen Bauwerken eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen Türmen: das Rathaus war ihm viel zu alt und zu vollvon Grünspan; das könnten sie auch mal abschruppen, meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn er nicht bis fünf zählen könne, lachte er.

Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi vorbei in den halbdunkeln, riesengroßen Dom traten, mit den leuchtenden Glasmalereien und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen Gotteshaus etwas Südlich-Katholisches gaben; — denn da gingen sie unhörbar auf weichen Teppichen und alles war so still und so feierlich, wie es den Morgen gewesen war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten und das Läuten der Glocken zu hören gewesen war. „Hier in Bremen hett de lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,“ flüsterte er seinem Vater zu, der leise lachen mußte.

Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen und in dem die Särge reihenweise stehen. Schwedische Gräfinnen, englische Majore, bremische Bürger lagen da gelb und lederartig in offenen Steinsärgen und die Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt. Um die fortwirkende Kraft des Gewölbes zu beweisen, hingen auch frische Ratten, Hühner und andres Getier an den Pfeilern. Die trockne Luft des Raumes benahm den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht lange im Schnack aufhielten.

Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er könne den bösen Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. „De mütt dolspeult warrn,“ sagte Klaus, „lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller is jo bi de Hand!“

„Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloß wat for de Groten, for Reeders un Käppens, dor gifft bloß Wien, Minsch!“ rief der Janmaat, aber Klaus Mewesnahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein.

„Een van de Groten bün ik ok,“ sagte er stolz, „ik bün Reeder un Käppen un Wien mag ik ok un up de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm, Störtebeker!“

Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, setzten sich mitten zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit.

„Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker gohn,“ lachte Klaus, „büst ok bang, Störtebeker?“

„Ne, bang bün ik ne, Vadder.“

Mißtrauisch kam einer der Kellner näher, denn die Jan vom Moor konnten wohl nur versehentlich die Treppe herunter gefallen sein, die wollten gewiß zu Heini Holtentüffel und bei dem eine kleine Lage trinken: als Klaus Mewes, der es merkte, ihn groß und frei ansah und mit lauter Stimme zwei Flaschen Rheinweins zu einem Taler den Buddel und ein Glas süßen Weins für den Jungen bestellte. Da nickte er höflich und brachte das Verlangte.

Es schien allgemein aufzufallen, entweder, daß der Finkenwärder so laut oder daß er plattdeutsch sprach, denn an allen Tischen drehten sich die bedächtigen, geruhigen Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes ließ sich dadurch in keiner Weise stören. Er rief den Kellner und sie ließen sich durch alle Räume führen: sie sahen die Rose an der Decke, die ein italienischer Maler gemalt hatte, weil er seine Zeche nicht bezahlen konnte, sie sahen Fässer, die so groß waren wie ein kleines Haus, sie kamen durch den Apostelkeller, in dem zwölf nach den Jüngern benannte Fässer lagen, von denen der Judas sauer war, sie hörten von Wein, von dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete.

Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wiederans Tageslicht. Die Bremer Stadtmusikanten, die Störtebeker noch durchaus sehen wollte, waren nicht auszumachen, so gingen sie durch die Langenstraße an dem schnörkelgesegneten Essighaus vorüber nach dem Ewer zurück.

Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mück abends unternahm, um sich etwas vorsingen zu lassen: er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen, daß er allerhand Havereien machte und schließlich von einem Schutzmann an Bord gebracht werden mußte. Als er da noch weisen Wind hatte und sich nicht geben wollte, goß Klaus Mewes ihm einfach eine Pütze Weserwassers über den Kopf, um den großen Brand zu löschen.

— — — — — — — — — —

Keine Luft von keiner Seite ...

Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht der Ewer in totenstiller Luft auf dem spiegelglatten Meer. Drei Tage haben sie schon keinen Wind mehr gehabt; zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt, nun am dritten Tag ist das Meer glatt geworden, wie es osterselten vorkommt. Drei Tage schon ruht die Fischerei, hängt die Kurre am Mast, ist das Ruder mittschiffs festgestroppt. Die Sonne brennt steil auf das Deck nieder, das so heiß ist, daß sie Schollen darauf braten könnten und daß das Pech in den Nähten weich ist. Von den Wanten leckt der Teer.

Plackendotstill ist es, wie Störtebeker, der munterste an Bord, immer wieder versichert. Ein Brett, das er ins Wasser geworfen hat, um die Strömung zu erkunden, bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das große Schiff ist tot und tot ist die See. Nicht einmal eine Möwe läßt sich sehen.

Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem StückSegeltuches und schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfaß und liest in einem Buche, das ihm der Bremerhavener Seemannspastor mitgegeben hat, bis er dabei einschläft. Hein Mück hat das beste Teil erwählt: er hat sich ausgezogen und steht nun nackt im Bünn, bis an den Hals im Seewasser.

Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er ist wie ein gereizter Löwe und es ist nicht gut anbinden mit ihm. Er kann nicht fischen — das sagt alles.

Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Lesen? — Son Schiet! — Knütten? — Son Snarrkrom! — Fischen will er, Schollen greifen, kurren, segeln, kreuzen, denn sie müssen nun endlich einmal nach Hause. Erst war ihm der Wind dazwischen gekommen, der sie hinter Wangeroog gejagt hatte, dann war der Fang schlecht gewesen, drei magere Schollen im Streek! und nun kam ihm noch die Stille in die Quere! Unruhig stand er vor dem Wetterglas und starrte es an, als wenn es an allem schuld wäre mit seiner ewigen deutsch-englischen Predigt: Sehr schön —very dry. Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht — verdreiht! lesen.

Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem Heben, als wolle er Löcher hineingucken. Dabei hörte er das Spalken und Plätschern im Bünn. Erst wollte er Hein die Leviten lesen, daß der die paar Schollen im Bünn noch tot trat, dann aber dachte er: dat mokst du ok! Und er zog sich auf der Achterplicht aus, setzte seinen alten Kameruner ab, rannte in Berserkerwut über Deck nach dem Steven, setzte vom Vorderpoller ab und sprang mit Hurra in die blaue See, tauchte tief unter und kam prustend wie ein Seehund wieder an die Oberfläche.

„Kiek mol ober, Kap Horn,“ rief Hein Mück, „ik gläuf, Klaus hetten Sünnenstich kregen!“

Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck:da schwamm sein Schiffer kräftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte und rief: „So ist mooi, Kap Horn!“

Seemann aber stand mit den Vorderfüßen auf dem Setzbord und bellte und Störtebeker sagte in einem fort, er wolle auch mal schwimmen.

„Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne Been,“ warnte der Knecht, steckte eine Leine auf den Rettungsring und warf ihn über Bord, auch fierte er einen Riemen längseit, damit der Schwimmer einen Halt hätte, wenn er dessen bedürfte. Schließlich setzte er mit Heins Hilfe noch den Kahn ins Wasser, stieg hinein und wriggte in die Nähe seines Schiffers, denn das Schwimmen in offener See, ohne Schwimmweste und Leine, war ihm ein Greuel und ein Frevel: wie der Bauer sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte der Fischer niemals in der See schwimmen.

Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer.

Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre, und als der Knecht sich umdrehte, sah er Störtebeker nackt an Bord laufen und den widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen. „Störtebeker, wat mokst du?“ rief er, „Klaus, kiek mol den Jungen!“

„Wenn se all swümmt, schallst du ok swümmen un wennt mitten Dübel togeiht,“ gröhlte Störtebeker und warf den winselnden Seemann kopfheister in die See, dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra nach.

„Minschenkinners noch mol: nu wöllt se jo woll all versupen,“ rief Kap Horn, als auch noch Hein Mück über das Schwert kletterte.

„Nimm Seemann man wohr, för Störtebeker will ik woll uppassen,“ rief Klaus Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen, der entrüstet sagte: „Du meenstwoll, ik kann ne swümmen, Kap Horn, wat? As son Woterrott, kann ik di seggen! Kiek mol! Ik kann ok all duken: paß up!“

Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. „Junge, dat do ik ne wedder: dat Woter is jo sult, dor hebb ik gorne an dacht! I, wat bitter!“

Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen und hielt sich in seiner Nähe auf, um ihm beizuspringen, wenn seine Kräfte nachlassen sollten, Kap Horn aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und bewachte die drei kühnen Schwimmer und den großen, regungslosen Ewer, der wie tot auf dem Wasser lag.

So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in der See, als wäre es am Finkenwärder Bollwerk und nicht zwischen Spiekeroog und Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe.

Wenn Gesa das gesehen hätte!

Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachließ, saßen sie allemann auf Deck. Dort aßen sie auch Abendbrot, denn in der Kambüse war es nicht auszuhalten. Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bänken und auf der Diele. Kap Horn ging die Wache.

Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein Gewitter aus der See und fegte dunkel und drohend heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitete es sich über den sternklaren Heben, furchtbar knallte der Donner und die ganze Wolke saß voll von Blitzen, aber Klaus Mewes und seine Gesellen begrüßten das Wetter mit Freude, denn nun mußte ja auch Wind kommen und sie erlösen.

Als die ersten, großen Tropfen fielen, warfen sie die Segel nieder und gingen hinunter, denn bei einem Gewitter an Deck sein, ist der gefährlichen Nähe der Masten wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind auf denWanten, prasselnd schlug der Regen auf das Deck, die Masten erdröhnten, der Ewer zitterte, die Lampe schwankte, die See kam allmählich in leise Bewegung. Geruhig saßen oder lagen die Seefischer unter Deck und horchten. Als das Gewitter halb vorüber war, zogen sie die Ölröcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen Schein der letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord, denn nun hatten sie wieder Wind genug.

*                    **

Ships that pass in the night ...

Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die Sterne funkeln um so heller um den Schleier der Milchstraße. Wie tanzt der Orion, wie blitzt die Wega, wie leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, wie gleißt der Aldebaran! Die Weltwiese hat sich aufgetan, die gewaltige Wisch, die mit abertausend weißen und bunten Blumen bewachsen ist und auf der Myriaden von Tautropfen glitzern.

Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie urgewaltige dunkle Kühe, die auf der großen Wiese in den Blumen grasen. Ruhig und bedächtig grasen sie, wie Kühe tun, und fressen sich langsam weiter.

Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. Gesprochen wird in solchen Nächten nicht viel.

Eine Kühlung, eine leichte, westliche Brise, wandert über die See und gibt den Segeln die Kraft, die Kurre zu ziehen. Rot, grün und gelb spielen die Fischerlichter auf der Dünung. Die Kielfurche leuchtet, als ginge es durch Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist sie wie ein diamantenbesetztes Zepter. Leise knarren die Gaffeln oben am Mast und wie im Traum reißt der Klüver, der Jager, das kühnste aller Segel, an seinerSchote, über der Besan aber weht die dunkle Flagge im Nachtwinde. Seemann schläft im Nachthaus neben dem Kompaß und Klaus Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und her, die Hände in den Taschen, während Störtebeker das Ruder mit einem Tau regiert, denn Steuern hat er längst gelernt.

Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, wenn er allein an Deck ist, er singt auch bei Sonnenschein, aber in solcher Nacht singt er nicht: da fühlt er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein Wesen, seine Atemzüge, da haben alle Segel und Wanten, alle Bäume und Masten ihre eigene Sprache. Nächte, die gewesen sind, und Nächte, die noch kommen sollen, stehen vor seiner Seele und dunkle Ahnungen beschleichen ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle Heunenland hinunterzieht. Gedanken über Gedanken kommen ihm entgegen, wie der Wind in die Segel weht, die ihn weit hinaustragen aus der Sehnsucht nach Gesa, nach einem guten Streek und einem schönen Markt, die ihn Auge in Auge mit der Ewigkeit stellen. In solchen Nächten muß er Verklarung über sich selbst tun, der lachende Seefischer, und nicht lachend, sondern ernst beantwortet er seine eigenen Fragen, denn je höher dem Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer streckt sich seine Wurzel — und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum.

Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, weiße, grüne, denn sie fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff, und auf diesen Gründen wimmelt es von Finkenwärdern und Blankenesern. Mitunter ist das Geklapper einer Winsch in der Weite zu hören, wenn sie irgendwo einziehen, mitunter schallen die Rufe zweier Fischer, die einander nahe gekommen sind, abgebrochen herüber.

Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber, und weil der Laertes wegen seiner Besansflagge leicht ausgemacht ist, so wird hüben und drüben gerufen.

„Klaus, büst du dat?“

„Jo, Hinnik! Wat fangt ji?“

„Ochott, is ne slimm: acht Stieg!“

„So. Jä, wi hebbt ok ne mihr hatt. Hest all bald de Reis?“

„Morgen weuf utscheiden!“

„Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gorkeen Schullen lostowarrn, Klaus.“

„So!“

Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, als daß das Seegespräch fortgesetzt werden könnte, und Klaus Mewes geht wieder schweigend auf und ab. Einmal steht er hart an den Wanten und blickt starr in die Weite, als sähe er seines Großvaters Kuff im Norden untergehen, dann horcht er, als höre er seines Vaters Todesschrei aus der See heraus.

Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig in den Sternen.

*                    **

Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen. Sie sah, wie ein Schiff sich mit haushohen Seen abriß, wie es leck wurde und wie zuletzt eine große Woge ins Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in schwerem Seemannszeug in der See schwammen, sie hörte, wie sie um Hilfe riefen.

Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, denn es waren ihr Mann und ihr Junge.

Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen.

Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweißlingen, Füchsen und Pfauenaugen, wobei sie sangen:


Back to IndexNext