Neunter Stremel.

Schosteenfeger sitt upt Dack:goh no Schol un lihr di wat!

Schosteenfeger sitt upt Dack:goh no Schol un lihr di wat!

Schosteenfeger sitt upt Dack:goh no Schol un lihr di wat!

Schosteenfeger sitt upt Dack:

goh no Schol un lihr di wat!

Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner erschienen, denen weiße Mäuse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hüten und Geesch mit Wolle, Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat Räukerts, da kam der Scherenschleifer und ließ die Funken springen, der Wollkämmer kam und schor die Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und zu hören am garn- und fischbehängten Deich, aber Störtebekers Augen waren westwärts gerichtet. Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote und Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lühjollen und Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meier kam auf, der glückliche Störfischer, weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck standen, an den roten Bojen, den Pümpeln, die an den Wanten hingen, und an dem großmaschigen Störgarn, — er hatte neun große Störe gefangen, die er an Stroppen hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an Stricken mitnahm, — aber seinen Vater konnte Störtebeker nicht in Sicht kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein Vater fischte keine Störe! Was kümmerte es ihn, daß Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und mit dem Boot weiterfischte, daß Hein Schloo zwei Fischottern bei der Neßkule schoß, daß Paul Fahje sich einen neuen Großmast einsetzen ließ, weil er den alten abgesegelt hatte, daß Hinnik Saß doch nach dem Bauern mußte, weil er zu seekrank geworden war, daß der kleine Karsten Kölln in den Graben fiel und ertrank, daß Hans Peter sich aufhängte, weil sein Sohn von einem Dampfer in Grund gebohrt war, daß Hein Husteen und Marieken Krögerlustige Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemühte, ihn an den Deich und an das Land zu gewöhnen — er sprach von der See und guckte nach den Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe.

Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig klagte, daß sie keinen Sand mehr hätte und den Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn Vater doch bald käme, daß er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall holen könnte. Störtebeker merkte sich das und beschloß, sie zu überraschen und ihr heimlich einen Kahn voll Sand zu holen. Er nahm sich den dritten Tag, als es mit der Tide besser paßte, den kleinen Harm Rolf zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte mit halber Ebbe westwärts, nach den Ausläufern des Nienstedter Falles, die bei Niedrigwasser als Sandbänke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht sagen, daß er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.

Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und Kraut, ließ er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strümpfe aus, krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker machte es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte, häuften sie den Sand zunächst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die Feuchtigkeit abziehen konnte, dann erst schaufelten sie den trockneren Sand in den Kahn: so mußte er ja bedeutend mehr tragen können, sagte sich Störtebeker, und warf immer mehr hinein, bis der Hümpel mit der Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch nicht nach: er wollte eine ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte unermüdlich.

„Schullt ok woll all genog wesen?“ fragte Harm, aber Störtebeker schüttelte den Kopf und spuckte von neuem in die Hände. „Noch lang ne, Harm, smiet man noch in,de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn, de driggt wat, kann ik di flüstern.“ Er mußte sich schon den Schweiß von der Stirn wischen, so riß er sich ab. „Lot em giern bit an den Dullbom to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un nix!“

Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand war. „Nu weut wi utscheiden, Harm,“ sagte er väterlich, setzte sich auf den Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken saß. Harm betrachtete besorgt den großen Sandhaufen, aber er getraute sich nicht, etwas dagegen zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte und weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so sicher war.

„Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Flot,“ sagte Störtebeker gleichmütig, „dat durt ober noch wat,“ setzte er hinzu, als er Jakob Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen vorbeirudern sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe überholen und die Aale herausnehmen. Die beiden Jungen spielten deshalb erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen sich mit Sand, sie sammelten die großen Elbmuscheln, die Adam und Eva heißen, sie jagten die Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante saßen, daß sie sich wie eine riesige, schwarzweiße Wolke über dem Wasser erhoben, sie griffen die Nesen und Weißfische, die in den Prielen schwammen, und wateten in den tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden Segeln.

„Nu ist Stallwoter,“ sagte Störtebeker, „kiek, Harm!“ Und er wies nach den Blasen auf dem Wasser, die still standen.

Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird künden von Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam, die Flut, die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf, unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm allmählich zu, wurde stärker und stärker; gelassen wischte das Wasser mit leiser, zaghafter Hand über den Sand und stieg schüchtern über die ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte, dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und wurden stark und wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser, wie sprang, wie lief, wie wallte es!

Flot, Schipper, Flot, Flot!

Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen folgten die Störche und Reiher, als das reißende Wasser immer mehr vom Sand fraß. Im Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür erschienen bei Schulau Dampfer über Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei Segeln.

Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und ließ die lebendige Flut um seine Füße strömen. „Gliek sünd wi flott, Harm!“ rief er, „kiek mol, wat dat Woter kummt!“ Seines Genossen Besorgnis aber war angesichts der starken Strömung zur Angst geworden und er wagte es, wieder davon anzufangen, daß sie zu viel Sand eingeladen hätten, daß der Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut täten, etwas auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit Freude, wie ein Stück des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.

Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamminmitten der großen Wasserfläche — und schwamm doch nicht, sondern saß fest und rührte sich nicht. Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie wollten doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und riß an dem Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber das lag fest wie ein großer Stein und war nicht zu bewegen, so sehr der Junge sich auch mühte.

„Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,“ jammerte sein Kamerad, „wi flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten!“ „Dat wür scheun!“ sagte Klaus, „kumm hier, ward nix mokt!“ Und er bemühte sich eifriger, den Kahn zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand, aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte es sich nicht. „Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wür,“ scherzte er, als er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand, daß nur noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er bedenklich und ging hastiger mit dem Riemen zur Kehr. „Bang bün ik ober ne,“ sagte er ... Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: „Wi buddelt af, wi versupt!“ klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: „Hilpt uns, hilpt uns!“ Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß, wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon längst zurückgerudert.

Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!

„Hilpt uns, hilpt uns!“

„Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no!“ sagte Störtebeker barsch, „smiet man mit ut, denn sünd wi gliek flott!“

„U, ik bün jo so bang, Klaus!“

„Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen betjen bang! Smiet doch bloß mit ut, du Knappen!“

Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweißtropfen, aber er warf unverdrossen aus. „Mol schuben, Harm!“ Sie stemmten sich, auf dem Dollbaum stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte das Fahrzeug sich jetzt. „Huroh, wi hebbt em,“ rief Störtebeker, „noch en lütj betjen, denn geiht de Reis los!“ Er schaufelte emsig, denn die Reeling lag jetzt mit dem Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine kleine See in den Kahn. Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem Eifer doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu retten, aber da kam die hohe, mächtige Dünung eines großen, schwarzen Amerikadampfers, der schon bei Teufelsbrücke qualmte, den Störtebeker bei seiner dringlichen Arbeit aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über den Nienstedter Fall gelaufen, fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit Wasser, wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war nichts mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff, um das Wasser auszugießen: es war zu spät.

„Wi versupt, wi versupt!“

Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten. Störtebeker meinte freilich, das wäre spaßig, so auf dem Wasser zu stehen. Er tröstete Harm und sagte, er solle nicht bange sein; bis das Wasser ihnen an die Knie ginge, wären die Jollen dreimal da und könnten sie holen; schade wäre es nur um den schönen Sand. Er guckte aber doch mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein Boot käme, denn der Wind war still geblieben und die Segel kamen nur langsam näher. Als das Wasser ihnen bis über die Knie reichte, band er die Riemen an die Fangelleine und hieß Harm sich daran festhalten, damit der starke Strom ihn nicht umrisse.

Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen, nachdem er versichert hatte, daß er nicht bange sei. Aber sie konnten wohl am Deich vor den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der weiten Entfernung nicht gehört werden, denn kein Boot ließ sich sehen. Immer höher stieg das Wasser, es reichte ihnen schon an die Hüften. Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker, er solle sich an ihm festhalten, damit er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm, sie wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und sich mit den Riemen treiben lassen. „De drägt uns as en Beesenbült,“ sagte er zuversichtlich.

„Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!“

Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote kamen heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen klammerte er sich an den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das erste Boot: der Fischer hob die Hand und steckte schnell die Riemen aus, um durch Rudern schnellere Fahrt zu machen.

„Nu hol di fast,“ sagte Störtebeker.

Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter Husteen, sie über den Setzbord zog.

„Junge, du kannst wat moken,“ sagte er zu Störtebeker, „wat meenst woll, wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch afsopen as son poor Rotten!“

„Non, denn lot di man en Medallje geben,“ antworteteStörtebeker und zog die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte.

„Nu büst doch mol bang wesen, wat?“

„Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat schreest du denn nu noch?“ wandte er sich an seinen Leidensgefährten, aber der antwortete nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte an die Schläge, die zu Hause seiner warteten.

Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten, es zu heben.

„Segg den Düker man Bescheed,“ sagte er am Neß zu dem Fischerjungen, als sie gelandet wurden.

Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh un Togels durt ne lang, und sagte schließlich, als er wieder seine Prügel hingenommen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich zum Abendbrot hinsetzte: „Bang wesen bün ik ober doch keen betjen, Mudder!“

Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn zu bergen. Störtebeker wollte ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte, wurde er zuletzt in den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen.

„Der Allmächtige, der Herr der Götter,vor dem der Engel niederfällt,Gott redet donnernd aus dem Wetterund ruft voll Majestät der Welt!Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,der Wald ertönt, es bebt die Flur!Und Blitze sagens Blitzen wieder:Gott ist der Herrscher der Natur ...

„Der Allmächtige, der Herr der Götter,vor dem der Engel niederfällt,Gott redet donnernd aus dem Wetterund ruft voll Majestät der Welt!Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,der Wald ertönt, es bebt die Flur!Und Blitze sagens Blitzen wieder:Gott ist der Herrscher der Natur ...

„Der Allmächtige, der Herr der Götter,vor dem der Engel niederfällt,Gott redet donnernd aus dem Wetterund ruft voll Majestät der Welt!Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,der Wald ertönt, es bebt die Flur!Und Blitze sagens Blitzen wieder:Gott ist der Herrscher der Natur ...

„Der Allmächtige, der Herr der Götter,

vor dem der Engel niederfällt,

Gott redet donnernd aus dem Wetter

und ruft voll Majestät der Welt!

Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,

der Wald ertönt, es bebt die Flur!

Und Blitze sagens Blitzen wieder:

Gott ist der Herrscher der Natur ...

... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm allens inne Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat lücht! De ganze Heben steiht in Für un Flammen!“

Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: „Lot mi doch slopen, Mudder, ik bün so meud!“ Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten Donnerschlägen ängstlich zusammen.

Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer dunkelblauen schweren Wolkenwand mit den unheilvollen weißen Flecken auf der Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun es Nacht geworden war, griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit Regen- und Windflagen herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken und der Donner rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die Frauen sich erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun in Angst und Bangnis bei dicht verhängten Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über dem Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird. Sie können weder vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und her; wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie müssen sich über dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und naß wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind vermag sie nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt über sie: die nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg hin: aber bis es Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein Gewitter.

Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn die Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch die Bäume und die Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte das Haus in seinen Grundfesten.

Gesa saß in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war bange vor Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere und ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze, damit sie wenigstens etwas rette, wenn es einschlüge. Störtebeker blieb geruhig im Bett liegen, denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.

Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender Schlag: es mußte in der Nähe eingeschlagen haben!

„Klaus, nu steihst du batz up!“ Gesa lief in die Schlafkammer und holte den Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drängte ihn in die Küche. Da konnte es denn nicht helfen, er mußte sich unter Blitz und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine Siebenmeilenstiefel her, damit er draußen waten könne, wenn es einschlüge, wie er sagte. Recht war es ihm nicht, er hätte lieber geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange wäre, er konnte ja morgen nicht zu den Jungen sagen: „Ik bün beliggen bleben!“

„Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!“

„Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is,“ sagte der Junge in schläfrigem Ton, „lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht bit Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!“

„Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du ok don, ne?“

„Jo, dat is gewiß, Mudder!“

„Wat en Slag!“

„Junge jo,“ sagte Klaus anerkennend, „dat wür en eulichen! Petrus hett alle Negen smeeten bit Kegeln!“

„Junge, lot den droken Snack!“

„Err — hett Vadder ober seggt!“

„Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.“

„De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un liggt inne Koi un slöppt!“

„Dat gläuf man ne!“

„Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. Büst du denn fix bang, Mudder?“

„Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.“

„Wat kann dat angohn: ik bün gorkeenbetjen bang, Mudder!“

„Wennt obers insleit, Klaus?“

„Sleit ne in, Mudder!“

Wieder knallte der Donner. „Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder noch mol warrn schall, weet de leebe Gott: ji sünd beid veel to driest!“

Du un dien Vadder — das hörte Störtebeker am liebsten. ... Das Gewitter stand nun steil über ihnen und die Blitze jagten einander. „Nu hett dat inslogen! Nu hett dat gewiß inslogen,“ rief Gesa bei jedem Knall, bis Störtebeker es zuviel wurde.

„Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkwarder woll all upfluckert wesen,“ sagte er, schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht hinaus. Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig in die Blitze: er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten. „Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, de süht ut! Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt dat? Junge, eben son ganzen kwatterwatschen, Mudder, ik gläuf, dat würn Kugelblitz!“

„Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van warrn. Dink leber mol an dien Vadder, du!“

„An Vadder dink ik jümmerto.“

Störtebeker wurde gesprächiger.

„Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Körf vull. Un de vunnacht pöddert, de kriegt gewiß söben Ammers vull! Un de Buern ward all de Melk sur vunnacht: morgen möt wi swarten Kaffe drinken.“

Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald hell werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte, verstärkte sich das Toben, der Wind schwoll an und der Hagel prasselte gegen die Scheiben.

„Schullt woll all Flot wesen?“ fragte Störtebeker und holte den Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: „Jo, is Flot! Gott Loff un Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de Wind dor woll achter!“

Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Plötzlich sagte er, er wolle mal ausgucken, ob die Wolken schon zögen, stand auf und trat ungeachtet des mütterlichen Widerspruches aus der Tür, in den nachlassenden Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete eine große Pfütze. Am Heben war nicht viel zu unterscheiden, aber das Schlimmste schien überstanden zu sein, denn die grellsten Blitze glommen jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener. Störtebeker blickte nach der Elbe und sah zwei dunkle, große Segel unweit des Bollwerks: ein Ewer segelte vorbei. Da hörte er in einem donnerschwachen Augenblick, wie die Kette durch die Klüse rollte, scharf und deutlich!

Da wußte er, daß es sein Vater war, und er rief, so laut er gröhlen konnte: „Höh, Vadder! Höh, Vadder!“

Und vom Wasser antwortete es: „Höh, Störtebeker!“

Er stürmte ins Haus: „Mudder, Mudder, Vadder is hier! He liggt hier afward! Kiek man bloß mol ut!“

„Ist wohr, Klaus?“

„Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen un he hett mi eben antert“ — damit sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der Schürze über dem Kopf, da war er schon Gott weiß wie weit, da war er schon nach dem Sielgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den glücklich geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen nach dem Ewer hinaus, dessen rote Seitenlaterne sein Kompaß war. „Vadder, ik komm all!“ Die Reise dauerte einige Zeit, denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden, dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die tief im Ölzeug steckten und deren Gesichter glänzten. Er stand bei ihnen, als sie die Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, und er legte Hand mit an, als sie das Boot vom Deck setzten! Was kümmerten ihn Regen und Blitz, was ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an Bord!

Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf war, konnten sie auch erst noch Kaffee trinken. Als sie abstießen, Störtebeker als Lotse mit seinem Kahn voran, standen über Blankenese schon einige Sterne: das Gewittergewölk saß über Hamburg. Der Regen hatte aufgehört. Im Reet piepten die Wasserküken, am Nienstedter Loch lärmten die jungen Möwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer. Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.

Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa stand in der Tür, warm und licht imSchein der Lampe, und wirklich, sie hatte keine Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts als Regen gehört hatte, wie freute er sich!

Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren, hielt er sie fest, zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden Linden in die Arme.

Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte: da war das Ölzeug, das er gemacht hatte, da war eine Ölbüx, lang und weit genug, da war ein Ölrock mit großen, blanken Knöpfen, da war ein Südwester mit blauen Sturmbändern, alles hellgelb und noch klebend, aber Störtebeker probte es doch gleich an, damit er wußte, wie es paßte. Er zog die Hose mit dem Strick zu, ließ sich von dem Knecht die drang gehenden Knöpfe zumachen, und setzte den Südwester vor dem Spiegel auf. Er zupfte und riß an dem Zeug herum, endlich aber war er fertig und ging vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge lobten ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters.

„Schipper, wat ist, könnt wi nu anmunstern?“ rief er übermütig und guckte um die Ecke. Sein Vater und seine Mutter ließen einander schnell los, denn sie hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen herein und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mußte über ihn lachen, als er so freiherrlich dastand.

„So, Vadder, Stebeln un Eultüch hebb ik: nu kannt no See gohn!“

„Jo, Störtebeker, nu ist so wiet — nu kummst du mit no See!“ sagte Klaus Mewes und sah Gesa groß undgewaltig an, daß sie fühlte, dagegen gäbe es ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.

Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht.

„Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt? Hein Mück, du hest hürt? Ji hebbt alltohopen hürt: ik schall mit no See, ik schall mit no See, huroh!“ rief der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich warm geworden war, und sprach im Tonfall seines Vaters, mit verstellter, grober Stimme: „Non denn so wißt: ich selbst bin Klaus Störtebeker!“ — daß alle lachten.

Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den Tag, darunter als Hauptstück die große Haverei. Kap Horn aber erhob den grauen Kopf und sprang ihm bei: er sähe kein Unrecht darin, denn der Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die Sache vor ein Seeamt käme, erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner Umsicht und Ruhe. Anderseiner wäre dabei ertrunken, meinte Hein Mück, um auch etwas zu sagen.

„Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht,“ sagte Gesa, in deren Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, „denn nimm em hin! Goht hin un verdrinkt alltohopen!“ Die Tränen kamen ihr. „Ochott, wat ist en Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du weest ne, wat du deist, un dinkst noch mol an mi. Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di storben: ik starf jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen nehmen!“

Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier: wo sie die Not nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt ging er in der Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord warenund Störtebeker schon schlief. Er begriff es nicht, daß sie immer wieder nicht mit konnte, daß sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur Sonne. Er dachte an seinen Großvater, der geblieben war, an seinen Vater, der verschollen war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine Stürme und Unwetter — und fand sein Leben doch groß und stark und schön, daß er sich kein andres wünschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen wollte: Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen, sollten immerdar Fischer bleiben.

„Gesa?“

„Wat schall ik noch?“

Sie war müde, körperlich und seelisch.

„Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch? Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat weest du doch?“

„Bün ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?“

Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: ich bin keine und werde niemals eine werden!

„Noch ne, Gesa, ober du warrst noch een! Weest wat, Diern? Goh mit an Burd! Man to! Denn sünd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben! Man to, büst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo mooi dat up See is!“

Er faßte sie bei den Händen an, aber sie wich seinen Blicken aus und schüttkopfte. „Ik kannt ne, Klaus, gläuf mi dat! Mi groot all vör de Ilw, wat schull dat irst up See warrn? Ik bleef vör Angst dot!“

In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde zu wählen, und er wählte den Jungen.

*                    **

Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn er Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Neß, sondern ging mit der ersten Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die Fischerei zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der Ausrüstung, als er mit seinem Ewer von Altona gekommen war. Kap Horn, der Janmaat, war es zufrieden, daß sie schon abends fuhren, obgleich er dann eine Hochzeit versäumte, bei der er auf der Harmonika spielen sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter etwas taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strengen. Und Störtebeker? Das zu sagen, erübrigt sich: ihm dauerte dieser eine Tag schon zu lang und er hätte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker aufgehievt hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch etwas dazwischen kommen und er womöglich noch wieder abgemustert werden. Nur einem paßte der Kram nicht, dem guten Hein Mück, der auf einen Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatteplenty moneyin der Tasche und wollte den Bauernknechten mal preußische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde für allemann ausgeben, wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in der Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde wieder nichts daraus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der einen so treuen und fixen Jungen nicht wieder bekäme: sonst hätte er sich mit Trommeln und Pfeifen aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes!

Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes auf die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog und sie mit Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch wollte sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt stehen. So half sie eifrig bei der Ausrüstungdes Fahrzeuges und suchte die Sachen für den Jungen her, wobei sie sogar wieder zu ihrer angeborenen Heiterkeit kam.

Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was suchte sie nicht alles her! Es war, wie Klaus scherzend sagte: als wenn Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und Socken, wollene Jacken, Rümpfe und Buscherumpen, Halstücher, Handschuhe und Taschentücher, Mützen und Hüte, Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen auf der Diele in der Reihe, rein gefährlich anzusehen! Gesa ging dabei nach dem Grundsatz der Fischerfrauen, der da hieß: Upt Woter ist jümmer kold — und kehrte alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles gehörte dazu.

Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen Schinken, eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten an, indem er sie von der Leine schnitt.

Störtebeker bargdas Hütfaß und stellte die Bungen auf den Schauerboden, die er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord haben, auch seine Krähe, aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: sie hätten für die Munkis kein Futter und Kluß könne sich ja doch nicht mit Seemann vertragen. Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder über die Wurt, er konnte sich aber nicht enthalten, vorwurfsvoll zu sagen: „Du hest mi ober sülben seggt, wat ji up grote Scheep Swien un Kninken an Burd hatt hebbt.“ „Jo, op grote Scheep,“ sagte Kap Horn, „das is ok wat anners!“

„So? Fischereber is ok en grot Schipp,“ rief Störtebeker patzig.

Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot und Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und Kaffee. Er hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam vorwärts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde von allen Seiten gefragt, ob er nun mit an Bord komme. Und wenn er bejaht hatte, dann sagten sie, er solle bloß nicht seekrank werden, solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, daß er nicht über Bord falle. War er aber vorbei, so hieß es bei den Alten: „Sien Vadder is verrückt: wat schall dat Gör all up See?“

Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. „Wat schall dat denn?“ fragte Störtebeker verwundert. „Och, nehm man mit! Is god för de Fohrt!“ „Neem to?“ „Kumm, dat segg ik di int Uhr,“ raunte der Krämer und flüsterte: „Dor bindst du di de Been mit to, Störtebeker: du deist de Büx jo doch vull, wenn ji up See sünd.“

Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte, ihm könne sowas nicht passieren.

Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die Abfahrt deshalb auf den andern Tag. Störtebeker mißtraute der Sache, er fürchtete, daß sein Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege. Als er schließlich die Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise seines Vaters Strümpfe vom Stuhl und steckte sie bei sich unter die Decke mit dem Gedanken: Nu will ikt woll hürn, wenn du upsteihst!

Der andre Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen Bollwerk und Ewer hin und herund brachte alle Beutel und Packen, alle Brote und Würste, alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer sicher an Bord. Es war zu verwundern, daß er sich nicht in Brand lief.

Als der Flutstrom nachließ, war es soweit, daß sie an Bord mußten. Der Abschied nahte. Gesa mußte ihrem Jungen die Hand geben: sie tat es scheinbar ruhig! Er sprang vor Freude, daß es nun wirklich und dreihaftig losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht seekrank zu werden, nicht zu weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die Wanten zu klettern, sich nicht von den Fischen beißen zu lassen und gesund zu bleiben. Er hätte in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber drängte er zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der in der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte und seine schöne Frau küßte, bis sie sich ihm verwirrt entzog.

Der Kahn mußte mit, Störtebeker sagte, sonst gingen die Jungens ihm damit durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der leichte Kahn war eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte ihnen in den Häfen ganz gut zu paß kommen.

Adjüst! Adjüst! Adjüst!

Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und bellte nach Gesa hinüber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er Adjüst sagen wolle.

Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling seine Flügel, der Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann schwoite das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, — langsam zog es davon und segelte in einem großen Gange westwärts. Gesa winkte nochmal, Klaus Mewes und Störtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte Kap Hornschnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet ... Hell klang es nach dem Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch so wehmütig, daß sie, die sich bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und weinen mußte.

So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und dem Gebell von Seemann.

Fahr wohl, Störtebeker!

Nun wölbt euch, große, braune Segel, nun knarrt, ihr Gaffeln, schlagt, ihr Schoten, tanz, Flögel! Du Wind mußt wehen, du Sonne mußt lachen, du Wasser mußt blinken, auf daß dieFreudein Klaus Störtebekers Herz komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf daß er ein Fahrensmann werde! Daß er sich dem Kampf mit der See zuschwöre, wie der Knabe Hannibal dem Kampf mit Rom, daß er auch dann zur See gehe, wenn sein Vater etwa vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen Landmann aus ihm zu machen gedächte!

Dennnavigare necesse est— Seefahrt ist not, und bitter not ist es, daß das Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe!

*                    **

Sie hatten Nordwestwind und mußten kreuzen. Hinter dem Schweinesand, dwars von Wittenbergen, füllten sie das Wasserfaß mit frischem Elbwasser, wobei Störtebeker fleißig half, denn er konnte auch schon eine Pütze tragen. Bisher hatten sie nur die drei großen Segel stehen gehabt, nun setzten sie noch den großen Klüver, das Toppsegelund den Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. Dann nahmen sie das Boot aus dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den Giekbaum. Auch Störtebekers Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter den Luken an Backbord. Hein Mück verstaute den Proviant in die verschiedenen Schappen. Es gab Enden aufzuschießen, sie hatten zu pumpen, das Deck zu schruppen und zu dweilen.

Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln, bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache bekommen sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente die Fock, wenn der Ewer über Stag ging. Störtebeker saß auf den Luken. Seemann hatte den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief.

Er guckte nach dem Großsegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam, daß er sich immer wieder wundern mußte. „Dat reckt bit inne Wulken, Vadder,“ sagte er, „uns Karkturn is nix dorgegen.“

„Ree,“ rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht hatten, und warf das Ruder hinum, daß der Ewer gewaltig aufluvte und in den Wind schoß. Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig schlagende, rein wild werdende Fock luvwärts fest, Klaus Mewes aber drängte den Besansgiekbaum kräftig nach Lee. Das Großsegel schüttelte sich wie unwillig und haute erregt mit den Schotenblöcken, daß das Deck erzitterte, dann aber war der Ewer herum, die Segel fielen von der andern Seite voll und der neue Streek begann. „Gohn!“ scholl es über Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fußtritt, daß die Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde.

So ging es die ganze Tide.

Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter Segeln, aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und ließ sich nicht überholen. So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die Tonnen und Feuertürme, die Deiche und Kirchtürme, er erklärte ihm Flaggen und Segel, er zeigte ihm wieder die Windmühlen des Alten Landes, die Berghäuser von Blankenese („dat de dor ne dolpurzelt!“ sagte der Junge, als er sie in der Nähe sah), den Hahnöfersand mit den Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen, die roten Dächer von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem Wasser guckten, Juels mit der weißen Bake, Brunshausen mit einem löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme von Stade.

Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm doch der große Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die Seen schoß und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand, darüber mußte er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er mitunter von der Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien es ihm doch ein andres Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in der Dönß. Und die Augen sahen auch ganz anders aus.

Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem Sinn, denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte: „Hest ok all Heimweh?“ da guckte Störtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht verstanden hätte. Auch als sein Vater einmal meinte: „Muchst ok all wedder no Hus hin, no Mudder?“ — da schüttelte er nur den Kopf wie im Traum und blickte nach den Segeln hinauf.

„Jä, ans müßt seggen, denn geeft wi di an en Jill af, denn büst morgen wedder annen Diek!“ setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der Junge nach dem Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, daß er von solchem Schnack nichts wissen wollte.

Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker zu gehen. Das war in der Dämmerung. Sie ließen die Segel fallen, steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der Kajüte. Als sie nachher noch mal überguckten, Störtebeker und sein Vater, sahen sie, daß sich viele Ewer zu ihnen gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden Fahrzeugen lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser spielend durcheinander. Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken umlagert wie von Alpen und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten.

Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und ließen sich von den gluckenden und klopfenden Seen solange etwas erzählen, bis sie es nicht mehr hören konnten.

„Büst ok all bang, Störtebeker?“ fragte Klaus Mewes, schon halb im Traum, aber der Junge antwortete nicht mehr: er schlief schon.

Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajüte.

*                    **

Mitternacht war vorüber, als der Wecker surrend ablief. Da rief Klaus Mewes: „Seilen!“ und schwang sich aus der Koje, um die Seestiefel anzuziehen. Knecht und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten mit kleinen Augen nach ihren Sachen. Störtebeker sollte liegen bleiben wie Seemann, der sich auf der Bank nur umgedrehthatte, aber er stand doch mit auf und half beim Anstecken der Seitenlaternen, er zog die Fock mit auf und drückte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken, denn es war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. Das Großsegel stieg auf, die Besan folgte, dann der große Klüver. Auch auf den andern Fahrzeugen regte es sich, überall erglommen die bunten Lichter, erscholl der Lärm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde herüber, die Gaffeln knarrten und die Schoten hauten.

Der Wind war südlich gelaufen, sodaß sie dalsegeln konnten, schier dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen brauchten. Die Segel fielen voll und der Ewer, ein großer, schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach dem Fahrwasser zurück.

Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache. Er hatte sich ein dickes wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus, als wenn er es im Halse hätte. Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompaß und fragte, ob er auch in der Nacht richtig hielte, er ermahnte den alten Knecht, keine Haverei zu machen, und ging mit seinem Vater wieder zu Koje. Er zog aber die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht an ihn, denn er zitterte vor Kälte.

Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knöbel Roggenbrot aus der Kapp kam, um seinen Vater auszuschelten, daß er aufgestanden war, ohne ihn zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon gekommen wären: da schäumte der Ewer mächtig durch bewegtes graugrünes, schmutziges Wasser und lief, was er konnte. „Vadder, neem sünd wi all?“ „To Freeborg, Störtebeker,“ rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von Freiburg an der Elbe.

„Neem is de See denn?“

„Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter hebbt wi all fot!“

„Ne, dat gläuf ik ne,“ rief Störtebeker, aber Hein Mück sprang wie ein Luchs auf, schalt ihn einen Dummbart, schlug eine Pütze voll Wasser auf und hieß ihn kosten. Störtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser war wirklich salzig und bitter. Er schmeckte noch einmal, aber der Geschmack änderte sich nicht. Wie das angehen könne, rief er kopfschüttelnd aus, das könne er nicht begreifen! Daß Fische darin leben könnten, wollte ihm noch weniger in den Kopf. Nun wurde die Fahrt noch geheimnisvoller für ihn.

Der Wind wurde nach und nach so stark, daß Klüver und Toppsegel weggenommen werden mußten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen bukt voll Wind und die groben Seen spritzten schon einmal über Deck, wenn der Ewer tauchte. Am Heben standen „Ziegenhaare“, zerzauste Wolkenbüschel, die auf stürmische Witterung deuteten.

Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes, der vergnügt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dänenzeit war es, den er beim Wickel hatte, vererbt vom Großvater her:


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