Chapter 18

see captionHerzog von York.

Herzog von York.

DerHerzog von York, 1633 als zweiter Sohn Karls I. geboren, war von Jugend auf als Seemann erzogen. Er floh 1648 nach den Niederlanden und nach seines Vaters Hinrichtung nach Frankreich. 1660 wurde er von Karl II. zum Lordhighadmiral ernannt, mußte aber als Katholik 1673 das Amt niederlegen. 1685 bestieg er als Jakob II. den Thron. Als Großadmiral und als König tat er viel für die Marine.

PrinzRuprecht von der Pfalz(engl. Prince Rupert), 1619 als Sohn des Kurfürsten Friedrich V. (des Winterkönigs) geboren, focht im Dreißigjährigen Kriege auf protestantischer Seite. Im englischen Revolutionskriege diente er als Reiterführer und später zur See als Parteigänger der Royalisten. 1666 führte er mit Monck die englische Flotte, 1673 war er erster Lord der Admiralität, er starb 1682. Er war ein tüchtiger Seeoffizier, aber doch nicht von der peinlichen Pflichttreue wie die Generale der Cromwellschen Schule; zu sehr Kavalier.

Cornelis Tromp, 1629 als Sohn Martin Tromps geboren, wurde bald nach der Schlacht bei Lowestoft an Stelle des gefallenen Cortenaer Leutnantadmiral. 1675 wurde er von Karl II. zum Baronet und 1676 vom König von Dänemark zum Grafen erhoben; 1677 folgte er Ruyter in der Stellung als Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland. Er zeichnete sich in den Kriegen gegen England und Frankreich sowie im dänisch-schwedischen Kriege 1675–1679 in dänischem Dienste aus. Mutiger und tüchtiger Seeoffizier und beliebt bei den Untergebenen, jedoch unvorsichtig, eigenmächtig und ehrgeizig. Biographie: „Vie de Tromp“.

Die englische Flotte ging am 1. Mai zuerst in See, infolge alarmierender Gerüchte über die Bewegungen des Feindes, obgleich sie noch nicht vollzählig bemannt und auch nur notdürftig mit Proviant usw. ausgerüstet war.Yorkbeabsichtigte, den Feind in dessen eigenen Gewässern zum Kampf zu stellen, vor allem die Vereinigung der Flottenabteilungen, die in der Maas-Scheldemündung zusammentraten, mit den bei Texel versammelten zu verhindern; außerdem hoffte er, heimkehrende Kauffahrer und das zurückerwartete Geschwader Ruyters abfangen zu können. Er blockierte etwa 14 Tage lang die feindlichen Küsten, wurde dann aber durch Proviantmangelund durch einen schweren Sturm, in dem die Schiffe sehr litten, gezwungen, am 19. Mai nach England zurückzugehen.

Gleich darauf, am 22. Mai, führte Leutnantadmiral Evertsen die westlichen Flottenabteilungen nach Texel, undWassenaerging an den beiden nächsten Tagen mit der Gesamtflotte in See. Er hielt sich zunächst mehrere Tage an der Küste. Einige Quellen sagen, er sei durch flaue Gegenwinde festgehalten, andere geben an, er habe es bei der ihm wohlbekannten Neigung zur Indisziplin und Eifersucht im Personal nach so kurzem Zusammensein der Flotte noch nicht für ratsam erachtet, schon Größeres zu unternehmen. Jedenfalls wurde ihm dieses Zögern sehr verdacht — er wäre ja auch unter Umständen der schwachbemannten, von Vorräten entblößten und durch den Sturm beschädigten englischen Flotte sehr gefährlich geworden —, und er erhielt von den Generalstaaten ein Mißtrauensvotum sowie den ausdrücklichen Befehl, sobald wie möglich anzugreifen. Man glaubte die feindliche Flotte sehr geschwächt und ihre weitere Bemannung und Ausrüstung sehr in Frage gestellt, weil gerade jetzt in London die Pest ausgebrochen war. Durch die Vorwürfe erbittert, soll Wassenaer nun den Entschluß gefaßt haben, gegen seine sonstige Ansicht den Feind zu suchen und unter allen Umständen zu fechten; nach erhaltenem Befehl ging er zur englischen Küste hinüber. Inzwischen war es ihm am 30. Mai gelungen, eine größere Anzahl Hamburger Kauffahrer mit Material für die englische Marine nebst dem sie deckenden Kriegsschiffe wegzunehmen.

Die englische Flotte lag noch in der Ausrüstung begriffen bei Harwich. Auch sie erhielt auf die Nachricht des höchst unangenehmen Verlustes des Konvois Befehl, wieder auszulaufen; außerdem glaubteYork, sich auf dem augenblicklichen Ankerplatze keinem Angriffe aussetzen zu dürfen, um nicht zwischen den Bänken gefangen zu werden. Er ging deshalb mit seinen Proviantschiffen nach derSolebay(Southwoldbay, damals vermutlich eine größere Bucht als jetzt und deshalb ein beliebter Flottenankerplatz). Hier ankerte er am 11. Juni und hatte das Glück, sofort Fahrzeuge mit Auffüllungsmannschaften anzutreffen, denn schon an demselben Tage wurden die Holländer etwa 18 Seemeilen ab in Ostsüdost gesichtet, bei östlichem Winde zu Luward stehend; York sandte die Transporter nach Harwich zurück und ging weiter in See hinaus.Wassenaerwar am 11. durch Flaute gehindert anzugreifen, und so fand der Morgen des 12. Juni beide Flotten etwa 8 Seemeilen Südost vonLowestoft, die Holländer etwa 5 Seemeilen Südost von den Engländern stehend. Aber auch an diesem Tage kam es nicht zum Gefecht, es war weiter flau; Wassenaer hätte wahrscheinlich angreifen können, er zog es aber vor, weiter vom Lande abzuliegen, um seine infolge des flauen Windes auseinander gekommene Flotte zu sammeln; erst abends näherten sich die Gegner. In der Nacht ging der Wind durch Süd auf Südwest und am 13. Juni 2½ Uhr morgens standen die Flotten etwa 18 Seemeilen Nordnordost von Lowestoft, nun aber die englische zu Luward.Yorkging zum Angriff über, aber auchWassenaerwollte jetzt trotz der ungünstigenWindstellung und der noch immer geringen Ordnung seiner Flotte fechten, und so begann am13. Juni 1665um 3½ Uhr früh dieSchlacht von Lowestoft.

Die Überlieferungen sind nur dürftig und widersprechend. Wir folgen im allgemeinen den Schilderungen Clowes' und de Jonges. Aus ihnen ist, übereinstimmend mit anderen Quellen, zu entnehmen, daß die Engländer in guter Ordnung waren und diese längere Zeit aufrecht erhielten, daß aber schließlich wieder die Melee eintrat, namentlich, weil die Ordnung der Holländer aus verschiedenen Gründen immer mehr verloren ging.

Als die Flotten ins Gefecht eintraten, war die holländische Flotte keinesfalls in guter Ordnung. Spätere kriegsgerichtliche Feststellungen erklären: „Verschiedene Flaggoffiziere befanden sich nicht bei ihren Verbänden, sondern segelten zusammen; viele Schiffe, selbst Verbände, waren nicht auf ihren Posten, der Befehl zum Angriff kam unerwartet. Ein Zeuge sagt sogar: Es war eine Lust, die englische, aber ein Jammer, die holländische Formation zu sehen.“ Also Ordnung und Aufsicht waren mangelhaft. Dies gab verschiedenen Schiffen die Möglichkeit, sich nur flau am Gefecht zu beteiligen. Sie hielten sich in Lee außerhalb der Gefahr; mehrere Fahrzeuge blieben völlig unbeschädigt, ja, einige sollen nicht einmal die Mundpfropfen aus den Geschützen genommen haben.

Die beiden Flotten passierten sich zuerst um 3½ Uhr unter lebhaftem Feuer, in „Kiellinie beim Winde“ über verschiedene Buge liegend. Hierbei war die Entfernung ziemlich groß, doch litten die Holländer mehr durch die schwerere, weitertragende Artillerie des Gegners. Sie hatten nur den Erfolg, ein zu weit nach Lee gekommenes englisches Schiff zu nehmen; es sollte ihre einzige Trophäe bleiben. Nach dem Passieren wendeten beide; die Holländer im Kontremarsch, die Engländer zugleich, so daß bei diesen die Nachhut (Sandwich) an die Spitze kam.Wassenaerstrebte danach, die Luvstellung zu gewinnen. Bei der geringeren Segelfähigkeit seiner Schiffe gelang dies nicht, dagegen führte es dahin, daß die höherliegenden und schnelleren Schiffe vorliefen, andere zurückblieben oder mehr nach Lee kamen. So wurde die Ordnung weiter gestört, wozu auch noch das Bestreben der tüchtigsten Kommandanten, so auch Wassenaers und der übrigen Admirale, schneller und näher an den Feind zu kommen, beitrug. Wassenaer und Tromp sollen bald das Schiff des vor ihnen segelnden Cortenaer (Vorhut) erreicht haben; da ihre besten Schiffe ihnen gefolgt waren, befanden sich nun 3 Geschwader untereinander gemischt.

Es ist nicht klar aus den Quellen zu entnehmen, ob es sich jetzt weiter um ein oder um mehrere Passiergefechte gehandelt und ob vor- und nachstehendes sich demgemäß zur Zeit des zweiten Passierens oder bei späterem ereignet hat. Schon um 5 Uhr fielCortenaer, der an Stelle des Oberbefehlshabers den Befehl hätte übernehmen müssen. Sein Flaggschiff floh mit wehender Admiralsflagge, etwa 10 Schiffe dieses Geschwaders folgten, so daß eine Lücke entstand. Gegen Mittag brachSandwichdurch eine Lücke in der Nähe des Zentrums, vielleicht die eben erwähnte, und teilte damit die feindliche Flotte. Es ist fraglich, ob er dieses Manöver mit Absicht oder durch Zufall — vielleicht infolge des Pulverdampfes, die Flotten waren sich an dieser Stelle sehr nahe gekommen — ausgeführt hat. Jedenfalls hatte es den nachdrücklichsten Erfolg, die Verwirrung der Holländer wurde immer größer. Die Engländer greifen nunmehr die standhaftesten Feinde, insbesondere die Admirale, an; die Melee ist da.

AlsWassenaer(„Eendracht“, 70 Kanonen) sah, daß das Kriegsglück sich gegen ihn wandte, scheint er von Verzweiflung erfaßt zu sein. Er versucht York („Royal Charles“, 80 Kanonen) zu entern, wird abgeschlagen, kämpft aber mit Erfolg weiter — York selbst wird leicht verwundet, neben ihm fallen 3 Kriegsfreiwillige hoher Geburt, sein Schiff wird arg zerschossen —, bis die „Eendracht“ um 2 Uhr nachmittags auffliegt. Die Explosion[267]ist wahrscheinlich durch Entzündung von Kartuschen erfolgt, doch sagt das Gerücht, sie sei durch einen Negerdiener des Admirals aus Rache veranlaßt worden. Durch diesen Vorfall entmutigt, halten wieder einige Schiffe ab; andere folgen, weil sie glauben, der Befehl zum Rückzug sei gegeben. Einzelne Verbände und Einzelschiffe halten aber noch wacker stand trotz weiterer Verluste: an einer Stelle werden 4 zusammengetriebene Fahrzeuge durch einen Brander vernichtet, an einer anderen trifft 3 oder 4 vereinzelt dasselbe Los.

LeutnantadmiralEvertsenübernahm nach Wassenaers Tode den Oberbefehl. Aber auchTromp, der den Tod Cortenaers und Stellingwerffs erfahren hatte, setzte die Admiralsflagge und übernahm das Kommando über die Schiffe in seiner Nähe; er behauptete später, nicht gewußt zu haben, was aus Evertsen geworden sei. Es würde dies bezeichnend für die Verwirrung sein; vielfach glaubte man jedoch, er habe nur nicht unter einem seeländischen Admiral stehen wollen, denn ähnlicher Eigenmächtigkeiten machte er sich in der Zukunft mehrfach schuldig. Der Versuch dieser beiden Führer und anderer besonnener Männer, das Gefecht in Ordnung abzubrechen, war vergeblich; der Rückzug artete in Flucht aus, die um 7 Uhr abends allgemein wird.

Evertsensteuert mit 17 Schiffen, wohl hauptsächlich vom Seeländer Kontingent, nach der Maasmündung, dem nächsten Schutzplatz, der außerdem bei dem Stand der Gezeiten ein sofortiges Einlaufen gestattete und auch als Sammelpunkt ausgegeben war.Trompging mit dem größeren Teil der Flotte nach Texel und dem Vlie, wo erst mit wechselndem Strom nach einer gefahrvollen Nacht das Einlaufen möglich war. Er wählte, wie er sagte, diesen Kurs, um die vorher dorthin geflohenen Schiffe zu decken; tatsächlich hat er auch mit einigen seiner besten Fahrzeuge den Rückzug der dorthin Segelnden und gewissermaßen den der ganzen Flotte geschützt.

Die Verlusteder Holländer betrugen nach englischen Angaben: 14 Schiffe vernichtet, 18 genommen — die Holländer gaben nur 16–20 insgesamt zu —; 4000 Tote, darunter 3 Leutnantadmirale; 2000 Gefangene. Die Engländer verloren: 2 Schiffe; 600 Tote und Verwundete, unter den Toten Vizeadmiral Lawson und 1 Kontreadmiral, und einige Hundert Gefangene.

Die Schlacht bei Lowestoft ist bemerkenswertals die erste, in der beide Flotten in „Kiellinie beim Winde“ ins Gefecht eintreten und sich in dieser Formation mehrfach passieren, ehe die Melee beginnt; die Engländer haben dabei scheinbar die Linie in guter Ordnung aus Einzelschiffen gebildet. Die Schlacht war eine völlige Niederlage für die Holländer; ihre Flotte hatte stark gelitten und war versprengt in ihre Häfen zurückgetrieben; bei energischer Verfolgung wäre ihr Verlust wohl noch weit größer geworden.

Die Engländer verfolgtenzwar, doch wurde die Verfolgung während der Nacht lau. Als Grund wird angegeben, der stark auffrischende und auflandige Wind habe es verboten, sich den flachen Gewässern zu nähern, auch seien alle Brander verbraucht gewesen.

Eine mysteriöse Geschichte spielt mit (Clowes, Teil II, Seite 265). Im Kriegsrat nach der Schlacht sollPenngeäußert haben, man müsse sich noch auf ernstes Werk gefaßt machen, die Holländer seien nie tapferer als in der Verzweiflung. Daraufhin habe die persönliche Umgebung Yorks gesagt, es sei auch Ehre genug errungen. Als sich der Herzog in die Kajüte zurückgezogen hatte, überbrachte ein Offizier seiner Begleitung den Befehl an Penn, die Flotte solle Segel mindern. Es geschah. Später wunderte sich der Herzog über den ausgeführten Befehl und behauptete, ihn nicht gegeben zu haben, doch nun war es zu spät. Untersucht ist die Sache nicht; Penn blieb in Yorks Gunst, der Überbringer des Befehls wurde entlassen. Man sagt, die[268]Umgebung des Herzogs habe von seiner Gemahlin und auch vom König den Auftrag gehabt, dafür zu sorgen, daß sich York nicht zu sehr gefährde; er war ja der voraussichtliche Thronerbe.

Wie von einer taktischen Verfolgung, so wurde auch von sonstiger strategischer Ausnutzung des Sieges abgesehen; als Tromp bei Texel eingelaufen war, ging York am 14. Juni nach England zurück.

In Holland, wo man die eigene Flotte der feindlichen überlegen geglaubt hatte, erregte die Niederlage im Volke große Entrüstung. Diese ging soweit, daßEvertsenin Brielle vom Pöbel angegriffen, durch die Straßen geschleift und ins Wasser geworfen wurde, nur knapp entging er dem Tode. Von den Kommandanten, die sich im Kampf feige benommen hatten, wurden verschiedene mit Gefängnis bestraft, andere infam kassiert, einige erschossen.

Auch dem gefallenenWassenaer— dem man zwar später in der großen Kirche im Haag ein prachtvolles Denkmal errichtete — wurdedie Schuldan der Niederlagezugeschoben: Er habe unter ungeeigneten Umständen gefochten; ihm habe die Umsicht gefehlt, er habe die Leitung aus der Hand gegeben und nur mit dem eigenen Schiff den Kampf gesucht. Man vergaß, welchen strikten Befehl man ihm zum Fechten gegeben, daß man ihn, einen Reiterführer, trotz seiner Einwendungen zum kommandierenden Admiral gemacht hatte. Wie nach der Schlacht im Sunde (1658) wurde ihm vorgeworfen, er habe vor der Schlacht keinen Kriegsrat gehalten, infolgedessen seien die Admirale und Kommandanten nicht über seine Absichten unterrichtet gewesen. Man vergaß, daß er nach dem Zusammenziehen der Flotte gern etwas Zeit gehabt hätte, um ein gewisses Zusammenschmelzen der verschiedenen Verbände zu erzielen. Liegen nicht auch andere Gründe für die Niederlage ebenso nahe, ja noch näher? Die Unordnung schon bei Beginn des Gefechts darf man doch Wassenaer nicht allein zum Vorwurf machen; es waren noch 20 Flaggoffiziere da, die auf dem Marsch für Ordnung sorgen konnten. Diese große Zahl von Unterführern war anderseits wohl mit schuld, daß Ordnung und Leitung während des Gefechts immer mehr verloren gingen. So viele Unterabteilungen, zunächst schon die 7 Geschwader, von einer Stelle zu leiten, war unmöglich, besonders bei dem damaligen Stande des Signalsystems. Die Einteilung mußte zum selbständigen Auftreten der Abteilungen führen, was ja auch der Kampfweise der bisherigen Gruppentaktik entsprach. Dies konnte aber einem einheitlicheren Wirken gegenüber, wie es der englischen Flotte ihre Instruktion jetzt schon vorschrieb, nur bei großer militärischer Einsicht und Schulung aller Führer und Kommandanten von Erfolg sein. Solche fehlte jedoch gerade dem größten Teile des Personals, daneben vor allem der Sinn für militärische Ordnung, Treue und Disziplin. Dieser Mangel, der schon Bilden und Halten einer Formation außerhalb eines Gefechtes schwierig machte, ist wohl in erster Stelle an der Niederlage schuld.

Weitere Ereignisse der Jahre 1665 und 1666 bis zur Viertage-Schlacht.Ebensowenig wie unmittelbar nach der Schlacht wurde auch später dieerrungene Seeherrschaft englischerseits energisch ausgenutzt. DerHerzog von Yorkhatte den Oberbefehl abgegeben, auch Prinz Ruprecht hatte seine Flagge niedergeholt.Montagu, Earl of Sandwich, kommandierte jetzt die Flotte und ging am 15. Juli hinüber zur holländischen Küste wieder mit der Absicht, Ruyter und zahlreich erwartete Ostindien- und Mittelmeerfahrer abzufangen. Er führte aber eine Blockade nicht durch, obgleich sie doch für seinen Zweck und zur Verhinderung der Wiedervereinigung des Gegners der sicherste Weg gewesen wäre. Ob man das Schiffsmaterial nicht für geeignet hielt, eine längere Blockade durchzuführen und dann noch der neuausgerüsteten feindlichen Flotte gegenüberzutreten, oder ob der aus der Armee stammende Kommandierende den Wert der Schließung der feindlichen Häfen verkannte, ist nicht festzustellen. Da man inzwischen erfahren hatte, daß die zurückerwarteten Kauffahrer sich inBergensammelten, schickte Montagu den KontreadmiralTyddimanmit 14 Kriegsschiffen und 3 Brandern dorthin zum Angriff, während er sich selbst mit dem größeren Teil der Flotte bis zu den Shetlands hinauf auf die Lauer legte. DaßRuyterunbemerkt Holland erreichte, haben wir schon gehört, auch die Expedition gegen Bergen sollte fehlschlagen, wie wir sehen werden.

InHollandhatte man nach der großen Niederlage sofort begonnen, aufs neue zu rüsten. BesondersJan de Wittbemühte sich, dies zu fördern und auch den Geist in der Marine wieder zu heben. Lebhaft unterstützt wurde er durchTromp, obgleich dieser anfangs erklärt hatte, mit Kommandanten, wie sie sich in der Schlacht gezeigt hätten, könne er nicht fechten. Er war sogar gegen den Befehl der Generalstaaten, mit seinen Schiffen bei Texel liegen zu bleiben, in die Häfen eingelaufen. Schon 10 Tage nach der Schlacht lief ein Geschwader von 17 Schiffen unter KontreadmiralBankersaus, um etwa heimkehrende Kauffahrer aufzunehmen. Den Oberbefehl über die neuaufzustellende Flotte erhielt vorläufigTromp— er war an Stelle Cortenaers zum Leutnantadmiral der Maas ernannt und wurde später in gleicher Eigenschaft auf seinen Wunsch nach Amsterdam versetzt —, doch wurde ihm eine Kommission von drei Deputierten der Generalstaaten, darunter de Witt, zur Seite gestellt.

Diese echt republikanische Maßnahme, einem OberbefehlshaberDeputiertezur Seite zu stellen, war schon in den Dünkirchener Kriegen Brauch gewesen. Bei Tromp dem Älteren hatte man im ersten Kriege davon abgesehen, obgleich er selbst darum bat, um sich gegebenenfalls der Volksmeinung gegenüber besser rechtfertigen zu können; es war dies ein Zeichen großen Vertrauens. Wassenaer hatte sich gesträubt, Deputierte zuzulassen.

Tromp der Jüngere aber hatte sehr viele Gegner in den leitenden Kreisen. Zwar waren sein Mut, seine Tüchtigkeit und seine Beliebtheit bei den Mannschaften allgemein bekannt, jedoch man fürchtete seine Unvorsichtigkeit, seine Eigenmächtigkeit, und er war Oranier. Gern hatte man ihm das Kommando überhaupt nicht gegeben, aber er war der einzige Leutnantadmiral der Provinzen von Holland, da Ruyter und Meppel noch abwesend waren. Ein neuer Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland war noch nicht ernannt und nach altem Brauch trat ja der Leutnantadmiral der Maas als Vertreter ein. Der viel ältere Cornelis Evertsen sen. (Seeland), der an die Stelle[270]seines Bruders Jan getreten war, stellte sich rühmenswerterweise bereitwillig unter Tromp; Jan Evertsen hatte infolge der schmählichen Behandlung in Brielle den Dienst quittiert.

Man beeilte die Rüstungen, um den wertvollen Konvoi in Bergen sichern zu können; als die Flotte seeklar war, hieß es zwar, sie könne widriger Winde wegen nicht auslaufen, doch auch hier zeigte sich die Tatkraft desRatspensionärs de Witt.

Althergebrachte Ansicht der Lotsen war, daß man mit schweren Schiffen die Rhede von Texel bei allen westlichen Winden durch die üblichen Fahrwasser, Landstief und Schlänge nicht verlassen und ein drittes, das spanische Gat, überhaupt nicht benutzen könne. De Witt bewies die Unhaltbarkeit dieser Behauptungen, insbesondere der letzten, indem er das Fahrwasser unter eigener Leitung ausloten ließ und es dann mit dem schwersten Schiffe passierte; es wurde von nun an das Jan de Witt-Tief genannt.

Seinem Einschreiten war es zu danken, daß die Schiffe vom 14. bis 16. August in See gingen und die Flotte nun segelfertig lag. Am 6. August warRuyterin der Ems angekommen; er wurde sofort zum Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland ernannt, welche Stelle man für ihn freigehalten hatte, und übernahm am 18.den Oberbefehl. Tromp weigerte sich anfangs, in die zweite Stelle zurückzutreten, nachdem er die Flotte organisiert hätte, er fügte sich aber doch. Die Flotte[160]bestand aus 93 Kriegsschiffen, 11 Brandern, 20 Jachten usw. mit 4337 Kanonen, 15051 Seeleuten, 1283 Seesoldaten und 3300 Landsoldaten; sie war in 4 Geschwader geteilt, von denen das eine (Ruyter selbst) als Reserve dienen sollte. Ihre Segelorder war: die Kauffahrer von Bergen abzuholen und den englischen Streitkräften möglichst Abbruch zu tun; schon am 17. waren leichte Schiffe in die Nordsee gesandt, um alle heimkehrenden Handelsschiffe nach Bergen zu leiten.Ruyterging längs der englischen Ostküste bis zu 58° Nordbreite hinauf und hörte hier am 25. August, daß Montagu an der Küste Norwegens gesehen sei; er habe dort einen Teil seiner Flotte zurückgelassen (Tyddiman) und sei mit dem Rest nach Westen gesegelt. Am demselben Tage sichtete man auch ein englisches Schiff; die beiden Flotten müssen dicht beieinander gewesen sein, ohne sich sonst zu sehen. Jetzt steuerte der Admiral nach Norwegen hinüber.

DieKauffahrer in Bergen— 10 große Ostindienfahrer von ungeheurem Wert und etwa 60 andere, besonders Levantefahrer — waren aber schon der Gefahr entzogen; siehatten den AngriffTyddimans glänzendabgeschlagen; es war nur noch nötig, sie sicher in die Heimat zu führen.

Die Gesandten König Karls hatten vom König Friedrich III. von Dänemark die Zusicherung erhalten, dänischerseits solle ein Wegnehmen der holländischen Schiffe in Bergen nicht gehindert werden. Beide Könige wollten dann die Beute teilen; Friedrich beabsichtigte, sich Holland gegenüber damit zu entschuldigen, daß man ein Bombardement Bergens durch die englische Flotte habe fürchten müssen. —

Die Kauffahrer waren aber auf den Angriff vorbereitet. Sie hatten die Ostindienfahrer und die schwersten sonstigen Schiffe in Halbmondformation vermoort, möglichst[271]viele Geschütze auf den dem Angriff ausgesetzten Seiten aufgestellt, am Lande flankierende Geschützstände errichtet und auch Leute zur Verstärkung der dänischen Befestigungen gelandet.[161]Der dänische Befehlshaber, Generalvon Alefeld, gestattete alles dieses und beteiligte sich auch an der Abwehr; er soll zwar von der Abmachung seines Königs schon gewußt, aber noch keinen Befehl erhalten haben; so handelte er, wie es ihm Völkerrecht und Kriegsbrauch vorschrieben. Am 12. August (10.? 13.?) griffTyddimanan. Er hatte sich mit Alefeld noch nicht in Verbindung gesetzt, entweder in der Annahme, daß dieser auch ohne Befehl den Absichten seines Königs folgen werde, oder gar in der Erwartung, daß er unter diesen Umständen dann auch die Beute nicht zu teilen brauche. Die Verhältnisse waren dem Angriff sehr ungünstig. Der aus dem Hafen stehende Wind erschwerte das Herankommen und hinderte die Verwendung der Brander, der auf den Schiffen lagernde Pulverdampf beeinträchtigte ihr Feuer. Nach einem Gefechte von etwa vier Stunden mußte das englische Geschwader die Anker kappen und sich mit schwerbeschädigten Schiffen und großem Mannschaftsverluste zurückziehen. General von Alefeld forderte nun allerdings von den holländischen Schiffen 100000 Taler für den gewährten und noch weiter zu gewährenden Schutz. Er erhielt auch vorläufig 3000, und man war dabei, noch mehr auf den Schiffen aufzubringen, als die Flotte unterRuytererschien. Jetzt mußten sich die Dänen mit dem feierlichen Dank der Staatendeputierten begnügen; sie hielten aber wenigstens die gelandeten 41 Geschütze zurück: „sie müßten diese zur eigenen Sicherheit behalten, da ihnen im Gefecht sehr viele eigene gesprungen oder zerschossen wären.“ („Leben Ruyters“, Seite 318.)

Auf der Rückfahrt wurdenFlotte und Konvoidurch einen mehrtägigen Nordweststurmzersprengt, nur mit 36 Kriegsschiffen stand Ruyter am 13. September südlich von der Doggerbank. Weiter auf den Schutz der zerstreuten Kauffahrer bedacht, kreuzte er noch einige Tage. Von wieder zu ihm stoßenden Kriegsschiffen erfuhr er, daß die englische Flotte in der Nähe sei.Montaguwar zu rechter Zeit vom Norden zurückgekehrt, um aus der Zerstreuung der Holländer Nutzen ziehen zu können; 8 Kriegsschiffe, 2 Brander, 2 Ostindienfahrer und mehrere andere Schiffe wurden aufgebracht. Weiteres konnte er nicht unternehmen, da auch seine Flotte infolge des Absuchens des Sturmfeldes, vielleicht schon durch den Sturm selbst, zerstreut war. Beide Flotten sammelten sich nach und nach in ihren Häfen.

Das Jahr 1665bringt um nichts mehr von Bedeutung. InEnglandscheint infolge der Pest, die in London und einigen anderen Städten wütete, nichts geschehen zu sein, um die Flotte wieder schlagfertig aufzustellen; in kleinen Gruppen lagen die Schiffe auf den verschiedenen Ankerplätzen an der Küste und in den Häfen, ohne ihre Neuausrüstung zu betreiben. Ruyter lief Mitte Oktober zur englischen Küste hinüber, um die vereinzelten Teile des Feindes zu vernichten. Er erschien vor Harwich, Yarmouth, Lowestoft, vor der Solebay und den Downs, wo seine Aufklärungsschiffe Feinde gesehen hatten. Aber überall kam er zu spät, sie hatten sich jetzt in sichere Häfen, meist in die Themse, zurückgezogen; so wurden nur die Küsten alarmiert. Schließlich ging Ruyter vor die Themse in der Erwartung, die englische Flotte herauszulocken, doch vergeblich. Er blockierte die Flußmündung einigeTage und nahm auch Lotungen vor. Da aber jetzt der Winter nahte und auf der Flotte binnen kurzer Zeit der Krankenbestand bedenklich stark zunahm — in wenig Tagen ein Krankenzugang von über 1000 Mann und 140 Todesfälle —, beschloß der Kriegsrat in Übereinstimmung mit den Deputierten, am 1. November nach Holland zurückzukehren und die Kontingente zu entlassen. Nur ein Geschwader von 18 Schiffen, deren Gesundheitszustand gut war, wurde südlich von der Doggerbank stationiert, um feindliche Hamburg- und Ostseefahrer abzufangen und eigene aufzunehmen; bald wurde es zu einer Winterflotte auf 34 Segel verstärkt und hielt sich bis in den Februar in der Nordsee und an der flämischen Küste. Sonst war der Feldzug für 1665 beendet und die Flotte wurde aufgelegt. Das Jahr hatte eigentlich nur die eine große Schlacht von Bedeutung gebracht, trotz der großen Flotten, die aufgestellt und von Holland bis zu Ende erhalten wurden; für Holland war es in der Hauptsache unglücklich verlaufen.

Auf die gegenseitigenHandelsschädigungenund die kleineren, wenn auch oft blutigen Zusammenstöße dabei in Kanal, Nordsee und Mittelmeer näher einzugehen, würde zu weit führen; man findet Ausführlicheres in den Geschichten der beiden Marinen.

Sofort nach dem Auflegen der Flotte beschloß man inHollanddie Indienststellung einer ebenso starken Flotte wie im Vorjahre für das Frühjahr1666. Man zog jetzt keine Schiffe der ostindischen Kompagnie mehr heran; diese zahlte statt dessen eine besondere Kriegssteuer. Infolge der Neubauten waren genügend Kriegsschiffe, besonders auch der schwersten Art, vorhanden. Die Fertigstellung der Fahrzeuge wurde den Winter über auf das eifrigste betrieben, und Hollands Aussichten schienen sich wesentlich günstiger gestalten zu wollen, daFrankreich und Dänemarkein Offensivbündnis mit ihm schlossen und den Krieg an England erklärten. Die drei verbündeten Mächte waren imstande, eine ungeheure Seemacht aufzustellen; wie bereits angedeutet ist, griffen aber weder Franzosen noch Dänen ernstlich in den Krieg ein.

Nach dem Vertrage mitDänemarksollte dieses den Sund und die Belte für die Engländer schließen und eine Flotte von 40 Schiffen aufstellen. Die Flotte wurde zwar in Dienst gestellt, unternahm aber nichts von Belang.

Frankreichsammelte eine Flotte von 40 Schiffen: 11 zu 50–80 Kanonen, 29 zu 30–40 Kanonen, einige kleinere und 15 Brander[162]— unter dem Befehl desHerzogs von Beaufort, dem berühmte Seeleute, wie ChevalierSt. Paul,Abraham du QuesneundChâteau-Renaultunterstellt waren. Die Flotte lief schon im Januar 1666 von Toulon aus, erreichte aber erst Ende August La Rochelle, kam nie weiter als bis nach Dieppe, im September, und ging dann nach Brest zurück. Obgleich während der ganzen Zeit Unterhandlungen mit Holland über das Zusammentreffen der beiderseitigen Flotten geführt waren, kam es zu keiner Vereinigung.

England, von einer so mächtigen Liga bedroht, machte gleichfalls mit größter Anspannung mobil und nahm dafür eine bedeutende Anleihe zu hohem Zinsfuße auf.

DieFlotten der beiden Hauptgegnerwaren zu gleicher Zeit, Ende Mai1666, seeklar. Ihre Stärken sind bereits früher (Seite258) genauer angegeben:

Die englische wurde kommandiert von den Joint-AdmiralenPrinz RuprechtundHerzog von Albemarle(Monck); diese führten die Mitte, die Admirale Ayscue und Allen Vorhut und Nachhut. Jedes Geschwader war in 3 Divisionen geteilt. Die holländische Flotte war jetzt auch in 3 Geschwader geteilt; ihre Mitte führteRuyter, die Vorhut Cornelis Evertsen der Ältere, die Nachhut Tromp. Bei jedem Geschwader befand sich noch ein Admiralleutnant, bei der Mitte noch ein Vize- und ein Kontreadmiral, bei Vorhut und Nachhut je zwei Offiziere dieses Dienstgrades.

Im „Leben Ruyters“, Seite 362, ist die Order des Flottenchefs wiedergegeben, die die Folge enthält, in der die Flaggoffiziere vor und hinter ihm zu segeln haben. Ich möchte sie als Beispiel anführen

Diese Schlacht gilt mit Recht als eine der berühmtesten.Auf beiden Seiten ist eine ungeheure Zahl schwerer Schiffe vorhanden; an vier aufeinander folgenden Tagen wird heiß gerungen; die beiden Flottenchefs waren die berühmtesten Seebefehlshaber ihrer Länder. Monck hat für England vielleicht nicht dieselbe Bedeutung wie Blake, Ruyter aber nimmt nicht nur in der holländischen Marine, sondern auch unter allen Seeoffizieren jener Zeit zweifellos den ersten Platz ein. Gerade über diese Schlacht geben auch die alten Quellen genauere und zusammenhängendere Schilderungen als sonst, und sie ist deshalb auch in neuerer Zeit oft bearbeitet worden. Ich folge bei der Beschreibung in der Hauptsache Mahan, einer neueren Bearbeitung; Clowes gibt fast die gleiche Schilderung. Mahan hat einen Aufsatz der[274]„Revue maritime et coloniale“[163]zugrunde gelegt, in dem der erst neuerdings aufgefundene Brief eines Holländers, Kriegsfreiwilligen bei Ruyter an Bord, über die Viertageschlacht veröffentlicht ist. Diese Schilderung ist noch klarer und zusammenhängender als die anderer alten Quellen, die aber zum Teil in den Hauptzügen die Richtigkeit bestätigen, so daß es einigermaßen möglich ist, die vielen Widersprüche, die sich in den alten Berichten finden, zu klären.[164]

see captionHerzog von Albemarle (Monck).

Herzog von Albemarle (Monck).

Die holländische Flotte war am 3. Juni in den Wielingen, Bänken vor Ostende, zusammengetreten und am 5. vollzählig versammelt.[165]Sie wurde jedoch durch flaue auflandige Winde einige Tage an der Küste festgehalten, erst nach und nach gelang es durch Segeln bei Ebbe und Ankern bei Flut vom Lande abzukommen. Am 10. Juni setzteRuyterbei nordöstlichem Winde seinen Kurs auf Northforeland, um die seit dem 8. in den Downs liegende englische Flotte aufzusuchen.

Die Flotten der Gegner waren nahezu gleichwertig; wenn die Holländer etwas an Zahl überlegen waren, so wurde dies durch die bessere Armierung der Engländer reichlich ausgeglichen.Englischerseitswurde jetzt aber vor dem Zusammenstoß ein großerstrategischer Fehlergemacht.König Karl II.hatte die, wie sich später herausstellte, falsche Nachricht erhalten, die französische Flotte nähere sich schon dem Eingange des Kanals behufs Vereinigung mit der holländischen. Er gab deshalb von London aus den Befehl,Prinz Ruprechtsolle mit dem weißen Geschwader (Vorhut) nach dem Westen gehen, wahrscheinlich bis Wight, hier noch etwa 10 Schiffe aus Plymouth an sich ziehen und den Franzosen entgegentreten. Diese Order erreichte die Flotte bei ihrem Eintreffen in den Downs; der Prinz ging sofort (8. oder 10. Juni) mit etwa 20 Schiffen der Vorhut, die Flaggschiffe jedoch bei der Flotte lassend, nach dem Westen ab,Albemarle(am 10.) aber Ruyter entgegen. Ruprecht war den Franzosengerade gewachsen, Albemarle jedoch mit jetzt nur 58 Schiffen über 30 Kanonen wesentlich schwächer als die Holländer.

Ruyterwar, da der Wind bei dickem Wetter auf Südwest herumging und auffrischte, in der Nacht vom 10. auf 11. ungefähr in der Mitte zwischen Dünkirchen und den Downs zu Anker gegangen, Albemarle ebenso einige Meilen zu Luward von ihm; beide Flotten sichteten sich am11. Junium 9 Uhrvormittags.Albemarlelichtete sofort Anker, um anzugreifen, obgleich er schwächer war. Bei seiner Luvstellung rechnete er mit dem Vorteil, die Wahl des Angriffspunktes sowie Umfang und Dauer des Gefechts in der Hand zu haben. Seine Seeoffiziere waren gerade wegen der Luvstellung gegen den Angriff, da sie richtig voraussahen, daß man bei dem starken Winde und der bewegten See die untersten Batterien nicht würde gebrauchen können. Die Holländer erwarteten aus denselben Gründen auch keinen Angriff und lichteten zunächst nicht Anker, so daß sie später größtenteils kappen mußten; sie strebten auch während der Schlacht nicht danach, die Luvseite zu gewinnen.

see captionDer 11. Juni der Viertage-Schlacht 1666.

Der 11. Juni der Viertage-Schlacht 1666.

Die holländische Flotte lag mit dem Bug nach Südsüdwest, die Nachhut (Tromp) zu Luward, Mitte und Vorhut staffelförmig mehr und mehr inLee. Albemarle führte seine Flotte über Backbord-Bug an dem Gegner entlang, ließ aber dessen Mitte und Vorhut außer Schußweite und näherte sich erst, als er querab der Nachhut war. Die Holländer gingen nun über denselben Bug auch unter Segel, aber das Gefecht entbrannte zunächst nur, gegen Mittag, zwischen der englischen Flotte undTromp. Wenn auch bei der langen Linie Albemarle nur etwa 35 Schiffe gut aufgeschlossen bei sich sah, weil seine Nachhut etwas zurückgeblieben war und ihre Linie sich geöffnet hatte, so war er doch in den ersten Stunden des laufenden Gefechts der Überlegene (Skizze S.275: Position 1).

Die holländische Mitte konnte erst allmählich herankommen und in das Gefecht eingreifen, die Vorhut erst gegen Ende der Schlacht. Tromps Schiffe litten schwer; der Admiral selbst mußte noch in der Schlacht auf ein anderes Schiff übergehen, ein (oder gar zwei) Fahrzeuge verbrannten, ein Kontreadmiral fiel. Nach etwa 4 Stunden halste die englische Flotte, alle Schiffe zugleich, da man fürchtete, den Bänken vor Dünkirchen zu nahe zu kommen; Tromp folgte diesem Beispiel. Die fechtenden Schiffe beider Gegner waren etwas nach Lee getrieben, dadurch war esRuyterleichter möglich geworden, heranzukommen (Position 2). Während nun die Engländer über Steuerbord-Bug nach Westen zogen, stieß ihre jetzt schließende Vorhut scharf mit Ruyter zusammen; ihre Schiffe hatten wohl am meisten gelitten und auch die Fühlung verloren, sie wurden nun übel zugerichtet (Position 3), verschiedene Schiffe wurden hier abgeschnitten und außer Gefecht gesetzt; der VizeadmiralBerkeleyfiel. Hier konnten jetzt auch schon die ersten Schiffe der holländischen Vorhut eingreifen; ihr Chef, LeutnantadmiralEvertsen, wurde dabei getötet (Position 4).

Einige Einzelheiten mögen folgen, um die Kampfweise zu veranschaulichen: Eins der abgeschnittenen Schiffe „Swiftsure“, Flaggschiff des Vizeadmirals Berkeley, wurde umringt und von verschiedenen Seiten geentert. Der Admiral focht schließlich fast allein auf dem Quarterdeck, weil alles um ihn gefallen war, bis ihn eine Pistolenkugel durch die Gurgel traf. Darauf zog er sich in die Kajüte zurück und wurde hier auf dem Kajütstisch ausgestreckt tot aufgefunden. — An dem bewegungslosen Schiff des Kontreadmirals Harman machte sich ein Brander fest. Dem ersten Leutnant gelang es aber mitten in den Flammen die Fangeisen zu lösen und sich unbeschädigt aufs eigene Schiff zurückzuschwingen. Ein zweiter Brander setzte die Segel in Brand, fast 50 Mann sprangen im Schreck über Bord. Der Admiral selbst trieb mit gezogenem Säbel die Besatzung zum Löschen an; es gelang, aber eine herabfallende Marsraa zerbrach dem Admiral ein Bein. Ein dritter Brander wurde in den Grund geschossen. Jetzt naht Evertsen und fordert zur Übergabe auf. Harman antwortet: „Soweit sind wir noch nicht“, gibt eine Breitseite ab, wodurch Evertsen getötet wird, bringt dann sein Schiff aus dem Gefecht nach Harwich und sucht nach nur eintägiger Ausbesserung und trotz seines gebrochenen Beines die Flotte wieder auf; er kommt aber zum Kampfe zu spät. Ähnliche Beispiele hartnäckiger Ausdauer und unbeugsamen Mutes finden wir auch auf holländischer Seite im „Leben Ruyters“.

Erst die Nacht trennte die Gegner, doch scheint es sich zuletzt nur noch um den Kampf in der Melee einiger Schiffe Ruyters und Evertsens mit den Schlußschiffen der Engländer gehandelt zu haben. Das englische Gros zogNordwest steuernd ungehindert an dem Evertsenschen Geschwader, das zum größten Teil nicht ins Gefecht gekommen war, vorüber und die Holländer machten sich daran, ihre Beschädigungen auszubessern, darunter Ruyters übel zugerichtetes Schiff.

Mahan sagt zu diesem Tage: „Der Angriff Albemarles war ein taktisches Meisterstück, ähnlich dem Nelsons bei Abukir. Mit schnellem Blick hatte er einen schwachen Punkt des Feindes erkannt und eine beträchtlich stärkere Streitmacht so angegriffen, daß nur ein Teil dieser ins Gefecht kam. Wenn auch die Engländer die größeren Verluste erlitten, so nahmen sie doch das Bewußtsein einer glänzenden Waffentat mit sich, während bei den Holländern Ärger und Niedergeschlagenheit herrschen mußte.“

Er fügt ferner hinzu: „Der (schon erwähnte) Augenzeuge sagt, das Mißgeschick der Engländer habe seinen Grund darin gehabt, daß ihre Linie zu lang gewesen sei; wenn Monck aufgeschlossener gefahren wäre, so hätten die Holländer nicht einige Schiffe abschneiden können.“ Die Bemerkung ist richtig, die Kritik kaum. Das Auseinanderkommen war bei soviel Segelschiffen unvermeidlich und eine der Zufälligkeiten, mit denen Monck rechnen mußte.

Ich möchte in dieser Beziehung darauf hinweisen, daß der Stoß auf Tromp allerdings noch wuchtiger gewesen sein würde, wenn beim Angriff Moncks Flotte völlig aufgeschlossen gewesen wäre; dies war durch das zu schnelle Heranführen einer langen Linie von Segelschiffen verhindert. Abgeschnitten wurden nachher aber nur Schiffe, die geschlossen ins Gefecht geführt waren und beschädigt zurückblieben, als Monck der Sände wegen halsen mußte. Hierin kann man also keinen Fehler erblicken.

Beide Flotten benutzten die Nacht, um Beschädigungen auszubessern, Kartuschen zu füllen, kurz, sich auf einen neuen Kampf vorzubereiten; dieser folgte bereits am nächsten Tage.

Die Engländer hatten die Nacht über nach der englischen Küste zu gelegen und kehrten am Morgen zurück; die Holländer waren nach Abbruch des Gefechts zunächst südöstlich gesteuert und standen dann wieder nach Westen hin. BeimZusammenstoß am 12. Junilagen die Engländer über Backbord-Bug, die Holländer über Steuerbord; die Engländer standen bei leichtem Südwestwinde zu Luward. Die holländische Linie war weit länger, mindestens 75 Schiffe standen 44 gegenüber, aber sie war nicht gut geordnet, einzelne Fahrzeuge maskierten das Feuer anderer.

see captionDer 12. Juni der Viertage-Schlacht 1666.

Der 12. Juni der Viertage-Schlacht 1666.

Trompsah dies und ging, um den Nachteil auszugleichen, mit der Nachhut auf die Luvseite der Engländer hinüber, als die Spitzen der beiden Flotten querab voneinander waren; er konnte dieses Manöver ausführen, weil die Engländer nicht beim Winde lagen, um die feindliche Linie auf Parallelkurs zu passieren. Er scheint sogar einen kurzen Schlag über Backbord-Bug gemacht zu haben (Skizze S.278: Position 1). Sein Benehmen mußte Ruyter irremachen; es kam hinzu, daß gleich darauf zwei Flaggschiffe der Vorhut hart abhielten, als sie etwa querab vom feindlichen Zentrum waren; um seine Flotte einigermaßen beieinander zu halten, mußte auch er abhalten (Position 2). So kam Tromp durch die in guter Ordnung weiter segelnden Engländer in große Gefahr; einer seiner Vizeadmirale fiel, er selbst mußte wiederum sein Flaggschiff wechseln. Vielleicht wäre er vernichtet worden, wenn nichtAlbemarledie Ausnutzung seiner günstigen Lage hätte aufgeben müssen, daRuyterdie wiedergesammelten Teile seiner Flotte über Backbord-Bugheranführte und die Luvstellung zu gewinnen drohte (Position 3). Wie schmerzlich Ruyter das Benehmen seiner Unterführer empfand, kam zum Ausdruck, als Tromp in einer Pause nach diesem Gefecht zu ihm an Bord kam: die Matrosen jubelten ihm zu, Ruyter aber sagte: „Es ist jetzt keine Zeit zu Freudenbezeugungen, eher für Tränen.“ Die Lage war auch weiter noch höchst ungünstig. Die Ordnung der Holländer war gänzlich zerstört, eine Linie gab es nicht, die Schiffe lagen „wie eine Herde Schafe“ zusammen. Die Engländer hätten bei rechtzeitiger Rückkehr den unbehilflichen Haufen umzingeln und zusammenschießen können; Albemarle scheint jedoch noch längere Zeit über Backbord-Bug weiter gelegen und dann wieder passiert zu haben, ohne ernstlich anzugreifen (Position 4). Wahrscheinlich fühlte er sich bei der geringen Zahl seiner Schiffe, die wohl auch vielfach durch Beschädigungen in der Takelage im Manövrieren gehindert waren, nicht stark genug, auf eine solche Weise die Entscheidung herbeizuführen.

Ruyter gewann also Zeit, seine Linie wieder herzustellen, bis Albemarle zum zweiten Male zurückkam. Bei diesem dritten Passieren verlor Ruyters Schiff Großraa und Großstänge, so daß bei einem viertenvan Nesdie Flotte führen mußte; dieser befand sich bei der Mitte und war als Leutnantadmiral der Maas stellvertretender Chef. Nach dem letzten Zusammentreffen brachAlbemarleab und zog sich nach Westen zurück.Der Verlustan Schiffen scheint am zweiten Tage annähernd gleich gewesen zu sein, 3 oder 4 auf jeder Seite gesunken oder verbrannt. In ihrer Gesamtheit hatten die englischen Schiffe wohl mehr gelitten. Der Rückzug Albemarles war jedoch, auch nach den holländischen Aussagen, ein ehrenvoller, in vollster Ordnung ausgeführt. Mit einer Dwarslinie seiner am wenigsten beschädigten Schiffe (16 oder 28) deckte er die schwerer beschädigten; drei davon verbrannte er, damit sie nicht hinderten und auch nicht dem Feinde in die Hände fielen (Position 5).

Für diesen zweiten Tag sind dieAbweichungenin den älteren Quellen und Werken nicht unwesentlich. Zunächst sprechen diese von ein oder zwei Passiergefechten, ehe vorstehende Beschreibung einsetzt; dann habe Windstille den Kampf bis gegen Mittag unterbrochen. Dies ist nicht so wichtig, weil hierbei keine ausschlaggebenden Ereignisse vorgekommen sind; wichtiger aber ist, daß bei der Wiederaufnahme des Kampfes, der dann im allgemeinen wie geschildert verläuft, nach einigen Quellen beim ersten Passieren (Position 1) die Holländer zu Luward gestanden haben sollen (so nach der „Relation“ und nach „Leben Ruyters“; de Jonge und „Ruyters Bericht“ heben es nicht hervor); nur Tromp sei in Lee gewesen, entweder weil er eigenmächtig den Feind durchbrochen habe oder weil er die Luvstellung nicht mit habe gewinnen können, Ruyter habe ihm durch Einbrechen in die feindliche Linie zu Hilfe kommen wollen. Die Verwirrung in der holländischen Flotte sei nach einigen Quellen dann herbeigeführt, weil zu wenig Schiffe Ruyter gefolgt seien, nach andern, weil Ruyter seine Absicht wieder habe aufgeben müssen, da die Engländer Miene machten, ihn von dem Rest der Flotte zu trennen. Von der Position 4 einschließlich an stimmen die Angaben dann überein. Die Verwirrung in der Flotte, die schlimme Lage bei Position 4, ist in holländischen Quellen nur zwischen den Zeilen zu lesen. Die Eigenmächtigkeit Tromps wird nur von de Jonge angedeutet, Ruyter selbst erwähnt sie in seinem Bericht nicht, was wohl mit seinem vornehmen Charakter zu erklären wäre, um so mehr, falls Tromp nur in bester Absicht so gehandelt hatte.

Am 13. Junisetzten die Engländer in derselben Weise (Position 5) bei östlichem Winde den Rückzug fort.Albemarlewollte ein Gefecht vermeiden, bis er durch das Geschwader des Prinzen Ruprecht verstärkt wäre. Diesem war sofort beim Erscheinen der holländischen Flotte von London aus der Befehl zur Rückkehr nachgesandt, aber, wie man sagt, aus Unachtsamkeit nicht durch Kuriere und Eilschiffe, sondern mit der „gewöhnlichen Post“ nach Plymouth. Die Holländer setzten alle Segel zur Verfolgung bei, verloren aber in dem Bestreben, am Feinde zu bleiben, infolge ihrer im allgemeinen geringeren Segelfähigkeit jede Ordnung. Es kam am 13. zu keinem Zusammenstoß, nur auf weitere Entfernungen wurden einige Schüsse gewechselt. Am Nachmittag kam im Westen ein Geschwader von etwa 25 Segeln in Sicht; zum Glück für die Engländer war esRuprechtund nicht die Franzosen.

Einen Erfolg brachte dieser Tag doch für Holland. Am Nachmittag lief das Schiff des Admiral Ayscue (Vorhut) bei Galloper auf und wurde von Tromp, unterstützt von 2 Brandern, zum Streichen der Flagge gezwungen (Position 5); von seinen Kameraden konnte es nicht unterstützt werden, ohne den ganzen Rückzug zu gefährden. Gern hätte Tromp sein Opfer — den „Royal Prince“, das stolzeste Schiff Englands — als Beute heimgeführt, aber Ruyter befahl die Verbrennung. Anhänger Tromps legten dies als eine Mißgunst des Flottenchefs aus, was aber bei Ruyters Charakter höchst unwahrscheinlich ist, und der Vorfall erhöhte die Spannung zwischen den beiden Admiralen. Ruyter war jedoch im Recht; er gab den Befehl, weil er im Hinblick auf das gesichtete Geschwader einen Verlust der Beute fürchten mußte.

Beim Einbruch der Nacht vereinigten sich die beiden englischen Führer und beschlossen, am andern Tage wieder anzugreifen. Die Entscheidung stand bevor, auch Ruyter wollte sie herbeiführen, obgleich die Verhältnisse jetzt nicht mehr so günstig für ihn lagen. An Zahl der Schiffe waren die Gegner zwar nahezu gleich, es standen sich etwa 64 Holländer und 60 Engländer gegenüber — außer den vernichteten waren viele beschädigte von den Flotten abgekommen —, aber die Engländer verfügten über gut 20 unversehrte Schlachtschiffe mit frischen Besatzungen; schon in der Minderzahl hatten sie sich infolge ihrer besseren Flottendisziplin fast gleichwertig gezeigt. Ruyter steuerte die Nacht über östlich, um freieres Wasser zu erreichen, rief am Morgen seine Kommandanten an Bord, ermahnte sie „noch einen Tag auszuhalten“ und suchte dann auch den Feind auf.

Am 14. Juniwehte es frisch aus Südsüdwest, die Holländer waren zu Luward, beide Flotten lagen über Steuerbord-Bug. Die Engländer machen keinen Versuch, die Luvstellung zu gewinnen; beide Führer manövrieren nicht darauf hin, ein Passiergefecht herbeizuführen, sondern benutzen einerseits die Luvstellung, anderseits die bessere Segelfähigkeit dazu, ihre Flotte zum Angriff genau querab vom Feinde zu führen. So entbrennt ein laufendes Gefecht der ganzen Linien unter kleinen Segeln und auf nächste Entfernungen; teilweise berühren sich die Raaen (Skizze: Position 1).

Infolge des Pulverrauchs und der Beschädigungen geht bald die Ordnung verloren, besonders gewinnen viele englische Schiffe die Luvstellung einigen Holländern gegenüber, da sie ja höher beim Winde liegen konnten. So kommtTrompmit 6–8 wahrscheinlich beschädigten Schiffen der Nachhut nach Lee und ist längere Zeit nicht imstande, sich am Gefecht zu beteiligen. Eine zweite Gruppe holländischer Schiffe (14?) unter dem Kontreadmiralvan Neskommt dadurch von der Flotte ab, daß sie unter vermehrten Segeln eine, sehr nach Luward aufgesteuerte, englische Gruppe (4? Schiffe) von ihrer Hauptmacht abschneidet, verjagt und verfolgt. Der Rest der holländischen Flotte war so einem überlegenen Feinde gegenübergeblieben. Glücklicherweise hatteRuyterimmer noch gegen 35 Schiffe der verschiedenen Geschwader bei sich und stand mit seiner Hauptmacht zu Luward der feindlichen (Position 2); immerhin war es längere Zeit eine schwere Lage für ihn. Hart am Winde, vielleicht auch aufkreuzend, steuerte unter heißem Kampf und teilweise in der Melee diese Hauptschlacht nach Luward auf.


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