Aber erst nach und nach sammelten sich die Schiffe der beiden Staaten. Die ersten Holländer trafen im Juni bei Wight ein. Die Schiffe, die 1688 im Dienst gewesen, waren erst im Januar und März zurückgekehrt und bedurften der Überholung; die kleineren Admiralitäten hatten überhaupt nicht genügend Kriegsschiffe und mußten Kauffahrer umbauen; den größeren mangelte Geld, bis die ostindische Kompagnie aushalf. In England hatten wohl die noch unsicheren inneren Verhältnisse eine rechtzeitige Indienststellung verhindert.
Erst als Jakobs Landung bekannt geworden, erhieltAdmiral Herbertin Portsmouth den Befehl, mit den segelfertigen englischen Schiffennach Irlandzu gehen. Er erschien Mitte April vor Cork mit nur 12 Linienschiffen, hörte hier, daß das französische Geschwader bereits zurückgesegelt sei, kreuzte dann im Kanaleingang an der französischen Küste und hielt endlich wieder nach Cork hinüber, da er durch Aufklärungsschiffe erfahren hatte, daß eine neue französische Flotte unterwegs sei; am 9. Mai kam auch für kurze Zeit eine größere Zahl von Schiffen in Sicht.
Es war dies einezweite französische Expedition, die am 6. Mai wiederum mit Truppen (5000?, 6000?, 7000? Mann, Munition und Kriegsmaterial) Brest verlassen hatte. Diese ihrerseits erfuhr am 9. vor Cork, daß Herbert in der Nahe sei; da man bei dem herrschenden Ostwinde auf den Ankerplatz hätte aufkreuzen müssen, steuerte der Chef GeneralleutnantChâteau-Renaultnach West und ankerte am 10. Mai 2 Uhr nachm. in derBantrybay. Herbert war am 9., den Feind suchend, auch nach Westen gesegelt und sichtete die Franzosen am Abend des 10. in genannter Bucht. Château-Renault hatte sofort mit dem Ausschiffen begonnen, und als um 6 Uhr abends seine Vorposten das Herankommen der Engländer meldeten, waren fast alle Truppen schon am Lande. Er warf den Rest, der sich noch auf den Linienschiffen befand, auf die Transporter, lichtete Anker und hielt sich mit kleinen Schlägen gefechtsbereit im Eingang der Bucht, um das weitere Landen des Kriegsmaterials von den Transportern und Brandern zu decken. Die Nacht verbot auf beiden Seiten weitere Operationen; am 11. kam es zum Gefecht.Stärke der Gegner:
Engländer = 3 Schiffe zu 70 Kanonen; 5: 60–68; 5: 50–54; 5: 46–48; 1: 36; 1 Brander; 2 Mörserboote.
Franzosen = 4: 60–66; 12: 50–60; 8: 40–48; 2 Fregatten, 10 Brander.
DasGefecht vor Bantrybay[233]11. Mai 1689: Herbert beginnt morgens in die Bucht hinein aufzukreuzen. Als er aber die Stärke des Feindes genau erkennt, hält er es für ungeeignet, in der Leestellung und im beschränkten Wasser zu fechten. Er hält unter kleinen Segeln wieder in See, dabei bestrebt, seine noch nicht tadellose Linie zu verbessern und die Luvstellung zu gewinnen; das erste gelingt, das zweite jedoch nicht infolge Gegenmanöver der vordersten Franzosen. Château-Renault hatte bis 11 Uhr gewartet und ging dann erst an den Feind heran; auch seine Linie scheint nicht besonders gut gewesen zu sein infolge des Manövrierens in der Bucht.
Um 11½ Uhr vorm. begann das Gefecht. Es wurde auf französischer Seite nur von der Mitte mit Nachdruck geführt, während Vorhut — Chef d'Escadre de Gabaret — und Nachhut — Chef d'E. de Forant — sich lau zeigten. (Französische Quellen sagen wegen Eifersucht der Unterführer gegen den Geschwaderchef — alte Seeleute gegen einen Protegierten; nach Troude berichtete Château-Renault, Gabaret habe die Befehle zum Angriff nicht sofort befolgt, so daß er selbst mit der Mitte die Spitze habe nehmen müssen, und Forant sei nicht im Kielwasser geblieben; beide hatten Entschuldigungen für ihr Benehmen. Chabaud-Arnault sagt: „Gabaret und Forant gaben an, Renault habe das Gefecht schlecht geleitet, die nötigen Orders nicht zu geeigneter Zeit gegeben, dann war es aber Pflicht der Offiziere mit mehr Erfahrung, ihren Chef zu unterstützen. Herbert dagegen verstand es nicht, aus dem Fehler der Franzosen Nutzen zu ziehen“.) Herbert versuchte nun, den Feind von der Küste abzulocken; Ch. Renault jedoch brach um 5½ Uhr nachm. 21 sm. von der Küste das Gefecht ab, um seine Transporter nicht allein zu lassen. Das Gefecht war ziemlich scharf gewesen: ein französisches Schiff (54 Kanonen) war durch eine Explosion angehäufter Kartuschen fast ganz zerstört, auch die Engländer verloren ein Schiff sowie 100 Tote und 300 Verwundete. Für diese war es von großem Vorteil gewesen, daß die französischen Brander nicht zur Stelle waren, da sie noch Munition für die gelandeten Truppen löschten.
Das Gefecht war kein voller Sieg der Franzosen, aber auch keine besondere Leistung der Engländer, soviel schwächer waren diese nicht; dennoch wurde aus politischen Gründen Herbert zum Earl of Torrington ernannt und an zwei Kommandanten die Ritterwürde verliehen.
Auf beiden Seiten hatten viele Schiffe so gelitten, daß nichts weiter unternommen wurde: Herbert segelte nach Plymouth; Renault, der eigentlich nach beendeter Landung an der Küste bleiben und die englischen Seestreitkräfte verjagen sollte, ging nach Brest zurück (16. Mai dort). Er hatte zwar die erste Aufgabe trotz feindlichen Eingreifens in nur 10 Tagen gelöst, ein Verbleiben in den irischen Gewässern wäre aber von großer Wichtigkeit gewesen. Herbert schickte nämlich bei seiner Abfahrt einkleines Geschwaderin dieirische See, nur zwei Schiffe (54 und 48 Kanonen)unter Kapitän Rooke, um dort einige kleinere Fahrzeuge an sich zu ziehen und sich dann dem Landkriege zur Verfügung zu stellen. Diese kleine Flottille leistete nun Wesentliches ohne Störung durch französische Seestreitkräfte; sie unterbrach die Verbindung zwischen Irland und Schottlandfür die Jakobiten und hielt eine solche zwischen Irland und England für Wilhelm III. offen, auch griff sie in den Kampf um Küstenplätze ein.
Londonderry— im Norden Irlands am Lough Foyle — wurde von den Jakobiten belagert und hart bedrängt; General Kirke stand in England mit Truppen zur Verstärkung; Rooke ankert am 10. Mai im Clyde (genauer unter der Halbinsel Cantine) und bestellt hierher die Transporter Kirkes vom Solway. Zunächst stoßen einige kleinere Fahrzeuge zu ihm, dann kommt am 8. Juni der Transport, gedeckt durch drei 48-Kanonenschiffe und ein 36-Kanonenschiff. Rooke geht nun nach dem Lough Foyle, trifft Mitte Juni dort ein; Kirke (früher Seesoldat) versucht nach Londonderry hinaufzukommen, findet aber das Fahrwasser durch Ketten und Sperren mit flankierenden Batterien gesperrt. Rooke läuft in den Lough Swilly ein und belästigt von dort den Feind (läßt nebenbei an der Küste auf kleinere französische Kriegsfahrzeuge kreuzen); Kirke forciert infolge eines antreibenden Befehles vom Marschall Schomberg am 28. Juni die Sperre mit einem Kriegsschiff und zwei Transportern. Es gelingt, die Verstärkungen in die Stadt zu werfen und die Jakobiten geben am 31. Juli die Belagerung auf.
Rookekreuzt weiter zwischen der Nordspitze Irlands und der Insel Man im Nordkanal undführtden Transport mitSchombergs Hauptheerzur Niederwerfung Irlands nach Belfast Loughüber. Nach und nach verstärkt, teilt er seine Flottille und beherrscht auch die irische See sowie den St. Georgskanal; am 18. September nimmt er sogar die wichtigste Insel im Hafen von Cork; erst im Oktober geht er nach den Downs, da seine Schiffe der Ausbesserung und Ausrüstung bedürfen.
Diese Erfolge der kleinen Flottille sind um so bemerkenswerter, als sonst dieBeteiligung der Seestreitkräftebeider Gegner im Kampfe um Irland 1689unbegreiflich geringist. Die Franzosen hätten das Hinübergehen englischer Truppen hindern müssen, wahrscheinlich wäre dann im Sommer 1689 ganz Irland für Jakob gewonnen worden; die Verbündeten taten nach Bantrybay wenig, um sich die Herrschaft im Kanal zu sichern. Die Untätigkeit beider Gegner ist um so unverständlicher, als sie nach und nach über nicht unbedeutende Flotten verfügten; diese müssen wohl nicht recht kriegsbereit gewesen sein.
ZuHerbertstießen im Laufe des Juni bei Wight die Holländer, und die vereinigte Flotte war nun 61 Kriegsschiffe (34–92 Kanonen) und 17 Brander stark; die festgesetzte Stärke von allein 80 Linienschiffen war also bei weitem nicht erreicht, und von einer Entsendung nach dem Mittelmeer mußte abgesehen werden, dazu war man nicht stark genug. Die Flotte ging in See, um die französische Küste zu beunruhigen und um ein in Brest von Toulon erwartetes Geschwader — 20 Linienschiffe unter Tourville; am 9. Juni abgegangen — abzufangen; sie kehrte bald nach Torbay zurück, „da sie schlecht ausgerüstet war.“ Unmittelbar darauf (31. Juli) trafTourvillein Brest ein und übernahm den Oberbefehl über 70 Schiffe über 40 Kanonen.
Nach Delarbre waren die Verbündeten noch bei Cap Ouessant, als Tourville herankam; in größerer Nähe Brest zu blockieren, erschien ihnen zu gefährlich. Durch Aufklärung gut über den Feind unterrichtet, hielt sich Tourville bei nördlichem Winde 5 Tage lang in der Nähe, aber aus Sicht der Gegner, wartete, bis Südwestwind aufkam und lief dann in Sicht des Feindes in die Bucht (Iroise) ein.
Im August liefen die Verbündeten nochmals aus und Tourville trat ihnen bei den Scillys entgegen (Mitte des Monats); der Minister Seignelay befand sichan Bord. Die Verbündeten standen zu Luward, vermieden aber das „von den Franzosen gesuchte“ Gefecht. Es kam nur zum Zusammenstoß je eines vorgeschickten Linienschiffes in Sicht der Flotten.
Nach holländischen Angaben wollten sie sich wegen ihrer Minderzahl durchaus defensiv verhalten; nach französischen Quellen schonten sie sich, um einen erwarteten Smyrnaconvoi beider Nationen decken zu können. Dieser Convoi lief auch später unbelästigt in den Kanal ein. Beide Erklärungen stimmen also gut überein. Nach einer anderen französischen Angabe endlich waren auch die Franzosen nicht geneigt, in einer großen Schlacht zuviel aufs Spiel zu setzen.
Dann trennten sich die Gegner, gingen nach einigen Tagen in ihre Häfen und rüsteten bis auf kleine Wintergeschwader ab.
see captionTourville.
Tourville.
Das Jahr 1690. Die Schlacht bei Beachy Head(oder Béveziers). Für 1690 rüstete Frankreich gewaltig zur See mit der Absicht, die englisch-holländischen Streitkräfte zu vernichten — womöglich einzeln vor ihrer Vereinigung; die Engländer überraschend in ihren Häfen —, die Seeherrschaft völlig zu erringen und dann in England einzufallen. In Rochefort wurden innerhalb dreier Monate 15 Galeren zur Unterstützung der Segelflotte gebaut und Truppen an den Küsten zusammengezogen; es waren zwar nur 8000 Mann, man rechnete aber mit Erhebung der Jakobiten in England und hielt für diese Waffen zur Überführung bereit. In Brest lagen über 60 Linienschiffe unterTourville, eine Verstärkung aus Toulon wurde erwartet; infolge Mangels an Personal und an Material in den Arsenalen war aber die Flotte (70 Linienschiffe) nicht vor Ende Juni fertig.
Tourville (nach Chabaud-Arnault) geboren 1637; in der harten Schule der Malteser-Ritter erzogen, besonders zum tüchtigen Seemann; 1666 Kapitän in der französischen Marine, trat früh hervor; im Frieden mehrfach Kommandant von Schulschiffen für Seeoffiziere; zeichnete sich aus im Kriege 1674–1678 im Mittelmeer, später vor Algier und Genua. — Kräftige, schöne Erscheinung und aristokratisches Auftreten; ehrenhaft, vielleicht nicht ganz aufrichtig (siehe sein Benehmen gegen du Quesne); gehorsam, scheute sich aber nicht, seine Ansicht auszusprechen; persönlich mutig bis zur Tollkühnheit; klug und geschickt bei Entwerfen von Operationen; ließ sich nicht beeinflussen beim Fassen von Entschlüssen und scheute sich nicht vor Verantwortung; in allen Zweigen des Dienstes erfahren, aber kein Organisator wie du Quesne.
Wir finden aber auch andere Urteile: Seignelay, dessen Befehle vom grünen Tisch er nicht immer ausführte, sagte von ihm „brave de coeur, mais poltron de tête“, wogegen Sue wohl richtiger sagt „brave de sa personne et poltron pour ses matelôts“.
1689 wurde er Vizeadmiral der Levante und nach d'Estrées' sen. Abgang als ältester Vizeadmiral Chef der großen Flotten, 1693 Marschall, gestorben 1701. — Biographie von Delarbre.
Die Verbündeten hatten die Indienststellung einer gleich starken Flotte wie im Vorjahre (80 Linienschiffe) beschlossen; hier blieb man noch mehr im Rückstande. Am 1. Juli lagen nur etwa 50 Linienschiffe — darunter nur erst 18 Holländer — unterHerbertbei Wight; allerdings waren ein größeres und ein kleineres Geschwader detachiert und einige Schiffe in Plymouth bereit, zur Flotte zu stoßen. Weitere holländische Schiffe, deren Ausrüstung wieder wegen Geldmangels nicht rechtzeitig fertig wurde, kamen erst im Laufe des Juli nach und nach hinzu. Auch in England war die Rüstung mit einer unverständlichen Lauheit betrieben worden, scheinbar ein Fehler der Regierung. Admiral Herbert hatte während des ganzen Winters vergeblich auf rechtzeitige Ausführung gedrungen; der PremierministerNottinghamnahm in Unterschätzung der Franzosen die Sache leicht (vgl. z. B. Colomb, Seite 110: Herberts Verteidigung in seinem späteren Prozeß); auch in Holland scheint der Feind unterschätzt worden zu sein.
Dasgrößereder genanntenGeschwaderwaran der spanischen Küste. Schon bei der Abrüstung 1689 war es im Dienst behalten, 16 englische und 9 holländische Linienschiffe stark. Es sollte Anfang 1690 nach dem Mittelmeer gehen, um einen großen gemeinsamen Convoi dahin zu geleiten und dann die französischen Streitkräfte von Toulon dort festzuhalten. Verschiedene Umstände — Ausrüstung; Wetter; Erwarten der Braut des Königs von Spanien (Maria Anna, Tochter des Kurfürsten von der Pfalz), die nach Coruña gebracht werden sollte; Sammeln des Convois —, in der Hauptsache aber scheinbar Unschlüssigkeit in England (die Holländer klagen darüber), verzögerten die Abfahrt; erst Mitte März ging man mit einem großen Convoi in See. An der spanischen Küste wurden Schiffe abgezweigt, um die Prinzessin zu geleiten, andere zur weiteren Begleitung der Kauffahrer; ein Sturm trennte die übrigen Schiffe und brachte Verluste, so daß erst am 18. April etwa 15 Linienschiffe — die Engländer unter AdmiralKilligrew, die Holländer unterAlmonde— zur Erfüllung der Hauptaufgabe, Abfangen des Toulon-Kontingents, wieder vereint in Cadiz lagen. Während man hier ausrüstete und ausbesserte, wurde am 19. Mai die Ankunft des französischen Geschwaders — 14 Segel, darunter 6(?) Linienschiffe — unterChâteau-Renaultgemeldet. Killigrew ging am nächsten Tage in See und sichtete die Franzosen am 22. Mai zwischen Gibraltar und Ceuta. Château-Renault, der schwächer war und seine Vereinigung mit der Flotte in Brest im Auge hatte, entzog sich richtigerweise einem Gefecht; er konnte es, weil seine Schiffe bodenrein waren, die der Gegner (besonders der Engländer) jedoch in schlechtem Stande. Killigrew hatte den Befehl, ihm zu folgen, und tat dies auch, aber nicht im Sinne der Order. Er kehrte zunächst nachCadiz zurück, besserte aus, sammelte einen Convoi von 150–200 Schiffen und segelte dann am 19. Juni. Die Folge war, daß Renault seine Verstärkung wohlbehalten und rechtzeitig zur Vereinigung nach Brest führen konnte, während Killigrew erst am 23. Juli in Plymouth eintraf, als die Schlacht bei Beachy Head geschlagen war.
Daskleinere Geschwader, 6 Kriegsschiffe unter AdmiralShovel, war für dieirischen Gewässerabgezweigt und sollte wie im Vorjahre sehr nützlich werden. Es kam allerdings zu spät, oder war nicht stark genug, um einen ersten Erfolg der Franzosen zu hindern. Im Anfang März schon brachte der Chef d'Escadre d'Amfrevillemit 30 Linienschiffen, die auch zu diesem Zweck von 1689 im Dienst belassen waren, unbehindert einen Transport von 7000 Mann sowie Kriegsmaterial nach Cork. Er ging dann aber nach Frankreich zurück, und in der Zukunft zeigten sich keine Franzosen mehr hier, um den Engländern die Verbindung mit Irland zu unterbrechen. So wurde esWilhelmIII. möglich, unter Shovels Bedeckung auf 288 Fahrzeugen seine Armee im Juni von Chester nach Irland hinüberzuführen; er landete am 24. Juni inCarrikfergus. Shovel wurde am 28. Juni zur Hauptflotte entlassen, erreichte diese aber auch erst nach Beachy Head.
Mahansagt zu vorstehenden Ereignissen: „Während des ganzen Kriegsabschnittes, in dem es sich um den Besitz von Irland handelt, ist nichts auffallender als die von beiden Seiten an den Tag gelegte Sorglosigkeit in bezug auf die Verbindung des Gegners mit der Insel. Besonders merkwürdig erscheint dies bei den Franzosen, die die stärkeren Seestreitkräfte hatten und von denen man annehmen muß, daß sie durch die Unzufriedenen in England genau über alle Vorgänge unterrichtet waren. Es scheint, daß ein Geschwader von 25 Fregatten nebst einigen Linienschiffen für den Dienst im St. Georgs-Kanal bestimmt war; aber nur 10 Fregatten kamen nach Kingsale und auch dies erst, als durch die Schlacht am Boyne alles für Jakob verloren war.“ Wir kommen auf diesen Umstand noch zurück.
Die Verzögerung des Seeklarwerdens hatte die Franzosen gehindert, ihrer Absicht gemäß vor Vereinigung der Gegner aufzutreten;Tourvilleerhielt nunBefehl, trotzdem auszulaufen und den Feind aufzusuchen. Ein großer Schlag zur See versprach die größten Erfolge: Die Lage in England war bedenklich. Irland war über ein Jahr in erfolgreichem Aufstande, und es war den Franzosen geglückt, eine neue Truppenmacht auf die Insel zu werfen; Wilhelm III. war mit dem größten und besten Teile seiner Truppen dort; die Anhänger Jakobs traten in England, wo die Königin die Regierung führte, mit ihren Kundgebungen mehr und mehr hervor. Die Vernichtung der verbündeten Flotte und darauf ein Festhalten des Königs in Irland, sowie eine Landung in England mußten voraussichtlich für Oraniens Stellung verhängnisvoll werden. Die französische Flotte war hierzu der feindlichen ungemein überlegen — die stolzeste, die Frankreich je ins Gefecht geführt hat.
Am 23. Juni liefTourvillevon Brest aus; starke Gegenwinde im Kanal hielten ihn auf, auch waren die Galeren genötigt, unter der Küste der Bretagne Schutz zu suchen. Am 3. Juli morgens sichteten seine Aufklärungsschiffedie feindliche Flotte zu Anker bei St. Helens (Wight).Herbertwar so wenig kriegsbereit und unterrichtet, daß er nicht einmal Vorposten im Westen hatte. Erst am 2. Juli hatte er Nachricht erhalten, daß die Franzosen in See gegangen seien; jetzt waren sie wenige Seemeilen von ihm.
Er sagte später aus: Da alle unsere Schiffe noch mit Ausrüsten (z. B. auch mit Einschiffen eines Regimentes) beschäftigt waren, hatte ich die Holländer mit dem Sicherheitsdienst betraut (wohl am 2. Juli); die von diesen dazu befehligten Schiffe scheinen aber auch durch Ergänzen von Bedürfnissen festgehalten zu sein. „Sicher ist, daß ich erst durch das Sichten der feindlichen Vorposten von dem Erscheinen der französischen Flotte Kenntnis erhielt. Auch ihre Stärke war mir unbekannt; daß Château-Renault mit dem Toulon-Geschwader dabei war, zeigte mir erst seine Flagge.“ (Z. B. Colomb, Seite 113.)
Herbert lichtete sofort Anker, mußte aber bald wieder bei Dunose (Südostspitze Wights) ankern, da der leichte Nordostwind ganz einschlief; hier stießen am 4. Juli noch einige englische und holländische Schiffe zu ihm, ebenso während der nächsten Tage. Am 5. Juli 9 Uhr vormittags meldete eine Fregatte das Nahen des Feindes. Herbert ging Anker auf und formierte bei leichtem südlichem Winde die Gefechtslinie über Backbord-Bug; bald sichteten sich die Flotten. Als nun aber die Stärke der Franzosen erkannt war, beschloß der Kriegsrat der Verbündeten, einem Gefecht auszuweichen, um die Flotte für eine Defensive unversehrt zu erhalten. Dementsprechend wurde an die Königin in London berichtet und nach Osten gesteuert; die Franzosen folgten.
Herbert berichtete[234](kurz gefaßt): Er habe zuerst beabsichtigt, ein Gefecht anzunehmen, die Franzosen hätten jedoch nicht angegriffen, obgleich sie zu Luward standen. (Vielleicht hielten sie zurück, weil sie infolge des flauen Windes nicht in guter Ordnung waren, vielleicht um auch erst die Stärke des Feindes kennen zu lernen; sie hatten nämlich am 4. das Salutieren der zu Herbert gestoßenen Schiffe gehört.) Als die Stärke des Gegners erkannt war, sei vorstehender Beschluß gefaßt worden. Man habe dabei in Erwägung gezogen, daß man in einer Schlacht die ganze Flotte und damit die Seeherrschaft aufs Spiel setze. Es sei für richtiger erkannt worden, auszuweichen und bei günstiger Gelegenheit zu versuchen, nach West zu steuern, um sich mit Killigrew, Shovel sowie den Schiffen in Plymouth zu vereinigen und so dem Feinde eher gewachsen zu sein, oder sich nach Osten, wenn nötig bis zur Themse hinter die Gunfleet[235], zurückzuziehen, um von dort aus mit der unversehrten Flotte den Feind im Schach zu halten und erst geeigneten oder notwendigen Falles hervorzubrechen; auch hier könnten die Streitkräfte im Westen über die Bänke trotz der Franzosen zur Flotte stoßen.
Herbert weist jetzt noch einmal auf seine im Winter vergeblich geäußerten Bedenken und Ermahnungen hin; er bittet um Verstärkungen und entsprechende Orders an die Schiffe im Westen.
Flaue Winde hinderten an den nächsten Tagen ein Näherkommen der verfolgenden Franzosen, um so mehr als die Engländer die Stromverhältnisse besser kannten; beide Flotten mußten häufig ankern. Da traf am 9. Juli abends einBefehl der Königinein, der Herbertzum Fechtennötigte; in London war man über die Lage — über die zu wählende Strategie — anderer Ansicht und man unterschätzte den Feind.
Nottingham schrieb: Die Franzosen hätten nach sicherer Nachricht nur 60 Linienschiffe, diese seien schlecht bemannt. Shovel und die Schiffe von Plymouth seien bereits unterwegs; Killigrews Ankunft stände ganz nahe bevor. Alle diese aber — und mit ihnen Killigrews großer Convoi — seien sehr in Gefahr, wenn sich die Flotte nach Osten zurückzöge; die Franzosen würden dadurch ferner imstande sein, ganz oder teilweise nach Schottland zu gehen, wo dann ein großer Aufstand erfolgen könne.
Die angeschlossene Order der Königin besagte, daß sie die Absicht, sich bis zur Themse zurückzuziehen, durchaus mißbillige. Ein nach Westen Gehen verbiete sie nicht, wenn es sich mit folgendem vereinigen ließe. Vor allem sei nämlich die französische Flotte „nie“ aus Sicht zu lassen, damit sie nicht etwas gegen die Küsten oder gegen die Themse unternehmen oder „überhaupt ohne Gefecht absegeln“ könne (wohin? nach Schottland oder nach Hause?), eher sei unter günstigen Windverhältnissen (d. h. in der Luvstellung) zu schlagen. In welcher Eile diese Befehle verfaßt wurden, zeigt die Tatsache, daß Nottingham sich nicht einmal Zeit nahm, Konzepte oder Abschriften anzufertigen.
Herbert antwortete sofort: Die Ansicht in London über Stärke und Bemannung des Feindes sei nach seiner Beobachtung und seinen Nachrichten falsch. Er hielte die Schiffe im Westen und die Küsten für nicht gefährdet; er beabsichtige ja gerade, alle Unternehmungen des Feindes zu hindern (durch seine „fleet in being“; dieser jetzt so oft gebrauchte Ausdruck stammt von Herbert); wenn er aber geschlagen würde, dann sei alles bedroht; im übrigen werde die Flotte auf den Befehl hin ihre Pflicht tun.
Am 10. Julimorgens bildete Herbert bei frischem Nordostwind etwa 10–12 sm. südlich vonBeachy Headdie Schlachtlinie über Backbord-Bug und hielt dann auf die in Lee stehenden Franzosen ab, die ihn über denselben Bug backgebraßt erwarteten.
Stärke und Einteilung der Flotten
1)Die verschiedenen Quellen weichen ab. Ich gebe hier die Verbündeten nach de Jonge, Teil III, Beilage XI, ziemlich übereinstimmend mit den englischen Quellen, die Franzosen nach Bonfils, Teil I. De Jonge gibt für diese 6 Schiffe mehr an, Colomb 5 weniger: de Jonge, weil er mehr 40–50 Kanonenschiffe zur Linie rechnet, Colomb wahrscheinlich, weil Tourville sogar einige 50–60 Kanonenschiffe als „zu schwach gebaut“ nicht in die Linie nahm; Angaben über die Schiffe außerhalb der Linie sind sonst nirgend vorhanden.2)Die Brander der Verbündeten gibt Clowes als 4 + 8 + 8 = 20.3)Die Vorhut der Verbündeten bestand aus Holländern; die Nachhut geben französische Quellen als von beiden Nationen gemischt an, Clowes und de Jonge erwähnen es nicht, nach den Namen der Schiffe scheint es nicht der Fall. (Namen der Schiffe und Kommandanten im Clowes für alle 3 Nationen; in Bonfils und Delarbre für die Franzosen.)
1)Die verschiedenen Quellen weichen ab. Ich gebe hier die Verbündeten nach de Jonge, Teil III, Beilage XI, ziemlich übereinstimmend mit den englischen Quellen, die Franzosen nach Bonfils, Teil I. De Jonge gibt für diese 6 Schiffe mehr an, Colomb 5 weniger: de Jonge, weil er mehr 40–50 Kanonenschiffe zur Linie rechnet, Colomb wahrscheinlich, weil Tourville sogar einige 50–60 Kanonenschiffe als „zu schwach gebaut“ nicht in die Linie nahm; Angaben über die Schiffe außerhalb der Linie sind sonst nirgend vorhanden.
1)Die verschiedenen Quellen weichen ab. Ich gebe hier die Verbündeten nach de Jonge, Teil III, Beilage XI, ziemlich übereinstimmend mit den englischen Quellen, die Franzosen nach Bonfils, Teil I. De Jonge gibt für diese 6 Schiffe mehr an, Colomb 5 weniger: de Jonge, weil er mehr 40–50 Kanonenschiffe zur Linie rechnet, Colomb wahrscheinlich, weil Tourville sogar einige 50–60 Kanonenschiffe als „zu schwach gebaut“ nicht in die Linie nahm; Angaben über die Schiffe außerhalb der Linie sind sonst nirgend vorhanden.
2)Die Brander der Verbündeten gibt Clowes als 4 + 8 + 8 = 20.
2)Die Brander der Verbündeten gibt Clowes als 4 + 8 + 8 = 20.
3)Die Vorhut der Verbündeten bestand aus Holländern; die Nachhut geben französische Quellen als von beiden Nationen gemischt an, Clowes und de Jonge erwähnen es nicht, nach den Namen der Schiffe scheint es nicht der Fall. (Namen der Schiffe und Kommandanten im Clowes für alle 3 Nationen; in Bonfils und Delarbre für die Franzosen.)
3)Die Vorhut der Verbündeten bestand aus Holländern; die Nachhut geben französische Quellen als von beiden Nationen gemischt an, Clowes und de Jonge erwähnen es nicht, nach den Namen der Schiffe scheint es nicht der Fall. (Namen der Schiffe und Kommandanten im Clowes für alle 3 Nationen; in Bonfils und Delarbre für die Franzosen.)
Die Flaggoffiziere nach Segelorderder Geschwader und Divisionen.
Verbündete.Vorhut: Vizeadmiral von Callenburgh, Leutnantadmiral Cornelis Evertsen, Vizeadmiral v. d. Putte (zu jeder Division ein Konteradmiral).
Mitte: Vizeadmiral Sir John Ashby,Admiral Herbert, Earl of Torrington, Kontreadmiral Rooke.
Nachhut: Vizeadmiral Sir Ralph Delaval (Divisionschefs nicht angegeben).
Franzosen.Vorhut: Generalleutnant de Villette, Generalleutnant Château-Renault, Chef d'Escadre de Langeron.
see captionSchlacht bei Beachy Head, 10. Juli 1690.
Schlacht bei Beachy Head, 10. Juli 1690.
Mitte: Chef d'E. de Nesmond,Vizeadmiral der Levante Tourvilleund 2 Chefs d'E. als Vorder- und Hintermann, Generalleutnant d'Amfreville.
Nachhut: Chef d'E. de Flacourt, Vizeadmiral des Atlantik d'Estrées (seinem Vater im Dienstgrade gefolgt), Leutnantgeneral de Gabaret und 1 Chef d'Escadre als Schlußschiff.
Die Schilderung der Schlacht bei Beachy Headist in allen Quellen[236]ziemlich klar, nahezu übereinstimmend, und kann sehr kurz gegeben werden.
Die verbündete Flotte hielt zugleich auf den Feind ab, Geschwader gegen Geschwader. Die Vorhut, Evertsen, ging dicht heran, holte an den Wind (9 Uhr vormittags), und es entspann sich ein blutiges Gefecht auf nahe Entfernung mit wenig Fahrt (unter „Backen und Füllen“). Genau so verfuhr die Nachhut, Delaval; sie stieß 930Uhr vorm. mit ihrem Gegner zusammen. Herbert mit der Mitte steuerte nicht genau Schiff auf Schiff auf den Feind, sondern zuerst etwas südlicher; dadurch entstand eine Lücke zwischen ihm und seiner Vorhut. Die erste Division der Mitte, Ashby, sah diese Lücke zu groß werden[438]und versuchte sich der Vorhut zu nähern, ihm folgten dann auch Herbert und Rooke. Die drei Divisionen der Mitte sind infolge dieses Manövers, wenn auch in sich gut geschlossen etwas voneinander getrennt; auch halten sie sich auf weitere Entfernung vom Feinde, bis sie um 10 Uhr vormittags ins Gefecht eingreifen.
Im Kampfe der Nachhuten blieben sich die Aussichten etwa gleich; da bald nach dem Zusammenstoß einige Schiffe der Franzosen aus dem Gefecht holen mußten, wurde ihre Überlegenheit ziemlich ausgeglichen.
Die Holländer aber kamen in eine üble Lage. Beim Heransegeln hatten sie, wie gewöhnlich, mehr gelitten als ihre Gegner (vielleicht hatten sie auch nicht genau Spitze auf Spitze getroffen); Château-Renault sah dies, ließ seine erste Division (de Villette) vorsegeln, wenden und die Holländer von Luward aus dublieren (1 Uhr nachmittags). Von der französischen Mitte, die durch Herbert ja nicht scharf engagiert war und die den Angriff Ashbys abgeschlagen hatte, kam die erste Division (de Nesmond) von hinten auf und dublierte gleichfalls; so war die Vorhut der Verbündeten fast ganz in die Mitte genommen und litt schwer. Bald darauf versuchte dann auch Tourville selbst, mit seiner Division hier einzugreifen; Herbert, der jetzt näher herankommen wollte, war hierzu bei dem flauer gewordenen Winde zu weit ab.
Die Holländer würden völlig vernichtet sein, wenn nicht der Zufall und Evertsens Geschicklichkeit ihnen zu Hilfe gekommen wären. Um 3 Uhr nachmittags wurde es nämlich still, Tourville mußte sich mit Booten tauen; Evertsen aber benutzte die Stille, um sich aus der bedrängten Lage zu befreien, er gab Befehl, mit stehenden Segeln zu ankern, als um 5 Uhr nachmittags die Ebbe stark lief. Die ganze Flotte folgte dann diesem Beispiel; die Franzosen bemerkten oder verstanden dieses Manöver nicht sogleich. Als auch hier der Befehl zum Ankern gegeben wurde, waren sie schon durch den Strom nach Lee (Südwest) aus Schußweite getrieben; damit endete der Kampf.
Die Franzosen geben ihrenVerlustauf 500 Tote und Verwundete an. Der der Verbündeten wird größer gewesen sein, besonders aber hatten die Schiffe der Vorhut und Nachhut sehr gelitten; verschiedene der Holländer waren ganz oder teilweise entmastet, andere mit allen Pumpen kaum noch über Wasser zu halten, zwei holländische Kontreadmirale waren gefallen. Zwar war nur ein holländisches Schiff, das nicht geankert hatte und mit forttrieb, genommen worden (es sank später), aber der Zustand der Schiffe — nach de Jonge waren nur noch drei völlig gefechtsfähig; „noch nie sei eine Flotte im ganzen so zugerichtet“ — sollte in der Folge die Schlacht zu einer völligen Niederlage machen.
DieGründe der Niederlageliegen auf der Hand. Wie stets bei dieser Art des Angriffs kam die Vorhut zuerst und allein ins Gefecht, hatte die heftigste Wirkung des feindlichen Feuers auszuhalten und wurde nicht rechtzeitig entlastet. Was bewog Herbert, der Vorhut nicht zu folgen? Nach Hoste („tactique navale“) hat Herbert die Absicht gehabt, besonders die französische Nachhut anzugreifen und sie zu dublieren (die französische Mitte soll zufällig oder mit Absicht etwas nach Lee eingebogen zur Vorhut und Nachhut gestanden haben; dies soll dem englischen Admiral den Gedanken eingegeben haben). Dann aber war es falsch, zu diesem Zweck zwischen sich und seiner Vorhut eine Lücke entstehen zu lassen und der Vorhut zu erlauben, auf ein ernstes Nahgefecht einzugehen. Er hätte wie Ruyter bei Texel soviel Schiffe des Feindes, von hinten gerechnet, angreifen müssen, wie er niederkämpfen zu können glaubte. Die Vorhut mußte den Befehl haben, die vorderen Feinde nur zu beschäftigen; die geringere Zahl ihrer Schiffe mußte hierzu durch größere Abstände zwischen ihnen, nicht aber durch Lücken zwischen den Geschwadern ausgeglichen werden. Wenn Herbert diese Absicht gehabt hat, so muß er sie doch gleich wieder aufgegeben haben, wohl weil er erkannte, daß Tourville imstande war, die englische Nachhut zu dublieren; um dies stets hindern zu können, hielt er dann vielleicht seine Mitte überhaupt zurück. Zu diesem Verfahren kann und wird ihn aber auch — trotz des Befehls der Königin — seine uns bekannte Ansicht über die Wichtigkeit der Erhaltung der Flotte bewogen haben; wir kommen[439]hierauf bei den Betrachtungen über Strategie (am Schluß des Kapitels) nochmals zurück.
Die Leistungen der Holländer in der Schlacht wurden von den Franzosen und Engländern, von Wilhelm III. und der Königin besonders, anerkannt; Herbert wurde in Haft genommen, zwar kriegsgerichtlich freigesprochen aber nicht wieder verwendet.
Die Schilderung zeigt uns die Niederlage der Verbündeten, derHauptverlusttrat erstnach der Schlachtein. Ein zusammengerufener Kriegsrat sah ein, daß ein zweites Gefecht unmöglich sei, ja daß man selbst nicht um zurückbleibende Schiffe kämpfen könne, sondern diese zerstören müsse. Abends 9 Uhr mit Einsetzen der Flut trat man den Rückzug nach Osten an, die schwerstbeschädigten Schiffe im Tau von Fregatten. Der flaue Gegenwind zwang häufig während der Ebbe zu ankern, aber mit der besseren Kenntnis der Stromverhältnisse entzog man sich immer mehr den folgenden Franzosen. Tourville hatte zur Verfolgung erst etwas später Anker gelichtet und segelte stets in Formation, anstatt eine allgemeine Jagd anzuordnen; immerhin fiel ihm ein großer Teil der beschädigten Schiffe zum Opfer.
Im Laufe der nächsten Tage mußten zwei mastenlose Holländer verbrannt werden; eins sank vor Anker. Vier setzten sich bei Rye auf den Strand: drei verbrannten sich, nur eins wurde durch Geschicklichkeit und Umsicht seines Kommandanten gerettet. Er ließ sein Schiff halb voll laufen, brachte Kanonen am Lande in Stellung und schlug verschiedene Branderangriffe ab. Auch ein englisches Schiff ging verloren.
Sicher würde der Verlust größer gewesen sein, wenn Tourville seine Galeren zur Stelle gehabt, und vor allem auch, wenn er anders verfahren hätte. Einen geschlagenen und in voller Flucht zurückgehenden Feind soll man mit Ungestüm verfolgen, auf die eigene Ordnung nur soweit Rücksicht nehmen, als nötig ist, um den verfolgenden Schiffen die gegenseitige Unterstützung zu sichern.
Warum nutzte Tourville die Verfolgung nicht besser aus? Mahan sagt (gekürzt): „Die Vorsicht bei der Verfolgung entsprang demselben Charakterzuge Tourvilles, der ihn zwei Jahre später bei La Hogue seine Flotte der fast sicheren Vernichtung entgegenführen ließ, bloß weil er den Befehl seines Königs in der Tasche hatte, so verschieden auch beide Handlungen zu sein scheinen. Er war tapfer genug, um alles zu tun, aber nicht stark genug, um die schwersten Lasten zu tragen.“ (Man denke an Seignelays Ausspruch: „Poltron de tête, mais brave de coeur“.) „Er war nach Beachy Head mit seinen Leistungen in der Schlacht zufrieden, aber kein Nelson, der sagte: Wenn wir von elf Schiffen zehn genommen und das elfte hätten entwischen lassen, während wir es nehmen konnten, so würde ich dies niemals für ein gutes Tagewerk halten. Tourville war der Vorgänger der geschickten aber vorsichtigen Taktiker der kommenden Zeit, allerdings noch voll jener Lust zum Draufgehen, die für die Flottenführer des 17. Jahrh. so bezeichnend ist.“
Am 18. Juli gaben die Franzosen die Verfolgung ganz auf; die Verbündeten ankerten am 20. bei Sheerness. Tourville ging, da auch viele seiner Schiffeschwer beschädigt und knapp an Munition[237]waren, nach Havre; es erregte dies das Mißfallen Seignelays, aber der Admiral war der Ansicht, hier die Flotte schneller wieder gefechtsfähig machen zu können. Nach erfolgter Wiederausrüstung unternahmTourvillenichts von Bedeutung mehr, obgleich man wußte, daß die Verbündeten vor dem 10. September nicht auslaufen würden. Auf Drängen Seignelays, der mit der Leistung der Flotte nach dem großen Siege durchaus nicht zufrieden war, ging er schon am 29. Juli, jetzt mit den Galeren,wieder in See, richtete aber nichts aus. Er erschien vor Torbay, landete (5. August) eine kleine Abteilung, verbrannte einige Häuser und kleine Fahrzeuge in Teignmouth, wurde jedoch durch die aufgebotene Miliz bald zum Wiedereinschiffen gezwungen, anstatt die gehoffte Unterstützung im Lande zu finden. Er zeigte sich auch vor Plymouth, wo Killigrew mit seinem Geschwader und dem Convoi (150–200 Schiffe) lag, hielt es aber nicht für angebracht, den Hafen zu forcieren wie ihm befohlen; nach de Jonge hatten sich dort die Kriegsschiffe in guter Verteidigungsstellung vermoort, Forts und Batterien waren durch die Mannschaften der Kauffahrer verstärkt. Ende August kehrte Tourvillenach Brest zurück.
So war die Schlacht beiBeachy Headzwar eingroßer Sieggewesen — der hervorragendste Einzelerfolg, den die Franzosen je über die Engländer errungen —,aber kein entscheidendergeworden, weil er weder taktisch noch strategisch genügend ausgenutzt wurde. Die Flotte der Verbündeten war zunächst völlig außer Gefecht gesetzt. Die Schiffe beider Nationen besserten in England aus und erst am 26. September lag wieder eine aktionsfähige Macht — jetzt unter dem Befehl vondrei Joint-Admirals: Haddock, Killigrew, Ashby — in Spithead; sie zählte gegen 50 Linienschiffe, weil das Mittelmeergeschwader hinzugestoßen war. Also zehn Wochen lang hatten die Franzosen unbestritten die Herrschaft im Kanal — auch in Holland fürchtete man eine Landung und bot die Bürgerwehren auf, um die wichtigsten Küstenplätze zu besetzen —; sie nutzte ihnen nur dadurch, daß ihre Freibeuter unbehindert den feindlichen Handel schädigten.
Für denLandkrieg in Irlandwar der Seesieg ohne jede Folge, hier war fast an demselben Tage am Boyne die Lage zugunsten Wilhelms schon entschieden.
Jakob II. hatte sich unnütz mit der Belagerung von Städten (z. B. Londonderry) aufgehalten. Nach Wilhelms Landung in Irland hatte ihm Ludwig (dessen Flotte besser die Landung gehindert hätte) geraten, eine entscheidende Schlacht zu vermeiden und sich an den Shannon, in einen ihm völlig ergebenen Teil des Landes, vorläufig zurückzuziehen. AberJakobwollte Dublin nicht aufgeben, um seiner Sache nicht moralisch zu schaden; er nahm zur Deckung seiner Hauptstadt eine Stellung amBoyneein. Hier wurde er am 11. Julivollständig geschlagenund schiffte sich in Kingsale auf der erwähnten Flottille französischer Fregatten, die eigentlich den St. Georgs-Kanal hätten bewachen sollen, nach Frankreich ein. Er bestürmte nun den König, den Sieg von Beachy Head zu benutzen und ihn mit einer größeren Armee in England landen zu[441]lassen. Ludwig aber, ungehalten über ihn, schlug dies ab und befahl sogar, die französischen Truppen aus Irland zurückzuziehen.
Inwieweit die Rücksicht auf die Trümmer der verbündeten Flotte als immer noch einer „fleet in being“ Tourvilles Lauheit im August hervorgerufen hat, entzieht sich der Beurteilung; Herbert legte in seinem Prozeß großen Wert auf diesen Umstand. Für die frühe Heimkehr der französischen Flotte im August wurden als Gründe „der Zustand der Schiffe“ und „die herannahende schlechte Jahreszeit“ angegeben; vielleicht hat auch die augenblickliche Verstimmung Ludwigs gegen Jakob dazu beigetragen. Ende September ging nur noch ein Teil der Flotte unter d'Amfreville nach Irland hinüber und holte die französischen Truppen zurück. Die Flotte der Verbündeten war noch nicht imstande, dies zu hindern. Am 30. September erschien dann ein Teil mit 7000–8000 Mann unter Marlborough vor Cork. Unter Mitwirkung leichter Schiffe ward diese Stadt genommen, 300 Offiziere und 5000 Mann Jakobs wurden zur Kapitulation gezwungen, bald darauf fiel auch Kingsale und damit die letzte Stadt Jakobs im Süden Irlands. Ein anderer Teil der Flotte hatte den Handelsschutz gegen die Freibeuter Dünkirchens übernommen; die unbedingte Seeherrschaft Frankreichs war also zu Ende.
Im Oktober legte man, wie üblich, mit Ausnahme der Wintergeschwader auf, einige englische Schiffe blieben ferner in den irischen Gewässern.
Das Jahr 1691. Tourvilles Hochsee-Kreuztour.Für das Jahr 1691 rüsteten beide Gegner mit Macht. Die Franzosen zogen wieder fast alle Streitkräfte in Brest zusammen. Hier lag unter Tourville im Juni eine Flotte von 120 Segeln, darunter wie im Vorjahre 70 Linienschiffe; im Mittelmeer fanden nur etwa 12 Linienschiffe zur Unterstützung des Krieges gegen Spanien Verwendung. Die Verbündeten entwickelten jetzt trotz oder gerade infolge der Niederlage und der Verluste bei Beachy Head eine weit bedeutendere Kraft als im Vorjahre; es kennzeichnet dies wohl im Gegensatz zu Frankreich später den Unterschied zweier Marinen, von denen die eine eine rein militärische Einrichtung ist, während die andere ihre Grundlage in dem Charakter und der Beschäftigung des Volkes hat. Die Flotte der Verbündeten bestand aus etwa 100 Linienschiffen mit Zubehör, darunter 39 Holländer; daneben waren ein gemeinsames Geschwader von 11 Linienschiffen nebst reichlich Fregatten gegen die Freibeuter Dünkirchens sowie zahlreiche Convoischiffe (Holländer 20 zu 20–50 Kanonen) in Dienst gestellt. Aber obgleich die Rüstungen frühzeitig beschlossen und eifrig betrieben wurden, um den Franzosen zuvorzukommen, war die Flotte doch erst wieder Anfang Juni in den Downs seeklar.
In den Niederlanden war der Anstoß zu starker Rüstung wie stets von der Provinz Holland ausgegangen. Die Gründe der Verzögerung waren die alten: Geldmangel infolge des daniederliegenden Handels und Lässigkeit der Landprovinzen; Personalmangel infolge der eigenen Freibeuterei, besonders in Seeland. In England war immer noch der mangelhafte Zustand der Verwaltung ein Hemmnis.
So ist es in den Quellen zu lesen! Wenn man aber immer wieder bei neueren Schriftstellern aller Völker die Klage über „verspätete“ Operationsbereitschaft liest, so drängt[442]sich doch die Frage auf, ob wirklich immer unbeabsichtigte „Verzögerungen“ die Schuld trugen. Auch in den Landkriegen begannen in jenen Zeiten die Operationen häufig erst im späten Frühjahr, selbst noch im Siebenjährigen Kriege.
Die Flotte stand unter dem Befehl des Admiral of the FleetRussell, das holländische Kontingent unterde Almonde; Tromp war zum Chef bestimmt, starb aber am 29. Mai. Gegenwinde und „andere Umstände“ — wohl hauptsächlich diese, d. h. Nichtbereitschaft — hinderten das Auslaufen bis zum 20. Juni, auch dann brauchte man zehn Tage, um bis Torbay zukommen.
So waren dieFranzosen zuerst in See, aber mit ganz anderen Orders als im Vorjahre. Der feurige und ehrgeizige Marineminister Seignelay, der stets die schärfste Offensive gegen die feindlichen Seestreitkräfte im Auge gehabt hatte, war gestorben; sein NachfolgerPontchartrinwar anderer Ansicht. Er bestimmte die Flotte für den Schutz der eigenen Küsten und für die Vernichtung des feindlichen Handels; demgemäß war der Befehl, daß hauptsächlich ein im Juni im Kanal erwarteter großer Convoi englischer und holländischer Levantefahrer abgefangen werden sollte.
Der Befehl[238]lautete(gekürzt): Der englisch-holländische Smyrnaconvoi, auf 30 Millionen Lire Wert geschätzt, am 7. Mai bei Alicante gemeldet und Anfang Juni im Eingange des Kanals erwartet, ist erstes Angriffsobjekt. „Der Fang dieses reichen Convois ist für den König nützlicher als ein zweiter großer Seesieg. Auch andere Convois können der Flotte in die Hände fallen, ohne etwas aufs Spiel zu setzen.“
Die feindliche Kriegsflotte wird an Zahl stärker sein, aber der König hält die seinige in jeder Hinsicht für besser. Dennoch ist der Feind nicht zu suchen, sondern zu vermeiden. Zu schlagen ist nur, wenn man auf wesentlich schwächere Kräfte trifft oder wenn der Feind gegen die französischen Küsten operiert. Dieses letzte aber auch nur, wenn westlich von La Hogue; wenn der Feind östlich im Kanal operiert, sind erst Befehle einzuholen (vielleicht, weil dort keine Zufluchtshäfen waren?).
Wenn bis August nichts vorgefallen ist, wird der Feind viele Kranke haben, dann soll offensiv vorgegangen werden; deshalb größte Sorgfalt für Erhaltung eines guten Gesundheitszustandes auf der eigenen Flotte. Jedenfalls soll die Flotte bis zum 1. September in See bleiben und darf bis dahin nur einige (angeführte) „Rheden“ anlaufen, keinenfalls den Hafen von Brest, falls nicht die Folgen einer Schlacht dies verlangen. (Ist der letzte Teil des Befehls nicht ein Mißtrauensvotum für Tourville?)
Tourvillewandte verschiedenes gegen den Befehl ein, so vor allem, daß das Abfangen des Smyrnaconvois ein Kreuzen bei den Scillys verlange, die Aufgabe, die Küsten unter allen Umständen zu sichern, aber ein Verlassen der Küsten nicht erlaube. Er erhielt nur ausweichende Antworten und scheint dann stets die zweite Aufgabe als die wichtigere angesehen zu haben. Dementsprechend operierte er auf seiner sogenannten „Hochseekreuztour“, durch die er den Feind fünfzig Tage lang beschäftigte; diese „Campagne du large“ lebt noch heute als eine der glänzendsten strategischen und taktischen Leistungen in der französischen Marine.
Tourvillelief am 25. Juni von Brest aus und kreuzte etwa 20–40 Seemeilen westlich vor der Mitte der Linie Scillys-Ouessant; er richtete einen vorzüglichen Aufklärungsdienst[443]nach allen Seiten ein, um sowohl nach dem erwarteten Convoi wie nach der feindlichen Flotte zu spähen.Russellerfuhr dies Anfang Juli in Torbay und beeilte sich auch, nach dem Eingang des Kanals zu kommen, um den Convoi aufzunehmen; er kreuzte auf der genannten Linie, ohne vom Feinde Kundschaft zu erhalten.
Tourville bekam am 16. Juli (oder kurz vorher) Meldung, daß der Convoi am 8. südlich von der französischen Flotte gestanden habe. Da aber seit dem Tage südwestliche Winde mit unsichtigem Wetter geweht hatten und er auch von der Anwesenheit Russells rechtzeitig unterrichtet war, nahm er an, daß der Convoi bereits Irland erreicht habe und unter dem Schutz der feindlichen Flotte stehe; er sah deshalb von einer ernstlichen Verfolgung ab, zumal da er auch durch Stillen und Nebel behindert war. Seine Annahme war richtig; der Convoi war am 16. in Kingsale eingetroffen; Russell, der um diese Zeit gerade sein erfolgloses Suchen eingestellt hatte und unter die irische Küste gegangen war, traf auf ihn und führte ihn zunächst etwas den Kanal hinauf.
Dagegen erfuhr Tourville von einem aufgegriffenen Kauffahrer, daß ein englischer Transport von zwölf Schiffen nahe, mit Munition und andern Bedarfsartikeln für Westindien, nur gedeckt durch zwei Kriegsschiffe; oder es war ein etwa gleichstarker Convoi von Jamaica; die Quellen weichen ab, doch ist dies wohl ohne Belang. Es gelang ihm während Russells Abwesenheit, die zwei Kriegsschiffe und einige der Transporter zu fangen; dann hielt er sich südlicher, zu Luward von Brest, etwa auf dem 48. Breitengrade. Auch Russell kehrte auf seine alte Beobachtungslinie zurück und suchte den Feind. Es begann nun ein Spiel, das von dem französischen Admiral vorzüglich durchgeführt wurde. Die Kreuzer Russells scheinen stets durch geschickte Manöver getäuscht zu sein; nie wußte man genau, wo Tourville stand. Dieser jedoch war stets unterrichtet, und so gelang es ihm, den Feind die ganze zweite Hälfte des Juli und die erste Hälfte des August hinter sich herzuziehen — auf einem Seeraum vom 49. Breitengrade bis zu dem von Lorient und nach Westen bis auf 120 sm. von Ouessant —, sich dabei stets die Luvstellung und eine Entfernung von 15–30 sm. zwischen den beiden Flotten wahrend. Am 14. August lief Tourville wieder in Brest ein, um neu auszurüsten, und auch Russell ging auf die Kunde hiervon zu gleichem Zweck nach Torbay.
Es war also Tourville nicht gelungen, den reichen Smyrnaconvoi wegzunehmen; nur ein Teil des englischen Transports nach Westindien und einige wenige andere Kauffahrer fielen ihm in die Hände. Er hat aber erreicht, daß die Verbündeten den ganzen Sommer über von ihrer Übermacht keinen Gebrauch machen konnten. Auch zwang er sie, ihre Streitkräfte zusammenzuhalten, und die französischen Freibeuter fanden so die See frei. Wie stets zeichnete sichDünkirchenim kleinen Kriege aus; das gegen diesen Hafen aufgestellte Geschwader der Verbündeten war nicht imstande, ein Auslaufen völlig zu hindern. Allerdings war der Verlust des englischen Handels nicht so bedeutend, wie er in den nächsten Jahren werden sollte, aber der holländische Nordseehandel litt schwer (auf den kleinen Krieg und besonders auch diesen Umstand kommen wir noch zurück). Endlich war der Verkehr zwischen Frankreich und Irland frei; verschiedene Transporte gingen hinüber.
Ludwig XIV. war von seinem in der ersten Verstimmung über Jakobs Ungeschicklichkeit gefaßtem Beschlusse zurückgekommen und sandte 1691 doch wieder Unterstützung nach Irland. Die vermehrten Anforderungen des Festlandskrieges gestatteten ihm jedoch nicht, dies in ausreichendem Maße zu tun. Im Laufe des Jahresunterwarf Wilhelm III. die ganze Inselund im Anfang Oktober ergab sich der Rest der irisch-französischen Truppen bei Limerik unter der Bedingung freien Abzuges nach Frankreich.
Die englisch-holländische Flotte ging am 7. September nochmals nach dem Eingange des Kanals. Am 9. aber setzte ein schwerer Sturm ein und versprengte sie völlig; 3 englische Linienschiffe gingen verloren, die Mehrzahl der Schiffe erlitt schwere Beschädigungen und erst nach und nach sammelte man sich wieder in Spithead. Bald darauf wurde mit der Abrüstung begonnen, zunächst durch Außerdienststellung der schweren Schiffe. Ein Geschwader von 24 Linienschiffen wurde für das Mittelmeer bestimmt, jedoch vor Abgang festgehalten; ein anderes gleich starkes blieb bis Ende November an der irischen Küste, ein Teil davon brachte dann einen Convoi nach Gibraltar und führte Ostindienfahrer zurück. Im Dezember wurde sonst bis auf ein kleines gemischtes Wintergeschwader allgemein aufgelegt.
Weshalb Tourville nicht wieder in See ging, ist aus den Quellen nicht recht zu ersehen. Allerdings war nach Auffüllung der Vorräte und nach Ausführung der nötigen Ausbesserungen wohl fast der 1. September herangekommen, der in seiner ersten Order als Schluß der Operationen vorläufig angesetzt war; er erhielt jedoch keine neuen Befehle. Wir wissen, daß 1691 auch der Landkrieg im allgemeinen lauer geführt wurde, und französischerseits scheinen die Sommerfeldzüge zur See stets noch kürzer, als so schon üblich, bemessen zu sein. Wiederum mußte er sich darüber verantworten, daß er nicht genug getan habe, und er hatte doch seinem Befehle entsprochen; freilich war ihm der Smyrnaconvoi entgangen — aber doch hauptsächlich, weil dieser vom Wetter begünstigt — und an leitender Stelle hatte man gerade gehofft, hierdurch dem Gegner einen schweren Schlag zu versetzen und die eigenen Kassen zu füllen. Sein Einlaufen in Brest vor dem erlaubten Zeitpunkt begründete Tourville damit, daß er dort die Flotte hätte schneller und sicherer wieder schlagfertig machen können als auf Rhede.
Von der französischen Atlantikflotte ging 1691 nur noch ein Geschwader im November nach Irland, um die Trümmer der Armee, gemäß den Kapitulationsbedingungen, und einige Tausend auswandernder Irländer nach Frankreich zu holen.
Im Mittelmeer[239]beteiligte sich während des Sommers1691ein Geschwader von 12 Linienschiffen, einigen Fregatten und Mörserbooten sowie 26 Galeren unter d'Estréesan Catinats Belagerung von Villafranca und bombardierte Oneglia; dann unternahm man Demonstrationen mit Beschießungen gegen einige andere spanische Küstenstädte (Alicante und Barcelona). Bei der letzteren Gelegenheit wurden die französischen Seestreitkräfte durch ein überlegenes spanisches Geschwader — 17 Linienschiffe — vertrieben, als Barcelona fast zur Zahlung einer bedeutenden Kontribution gezwungen war; zum Zusammenstoß auf See kam es jedoch hierbei nicht.
Das Jahr 1692. Schlacht bei Cap Barfleur-La Hogue.Im Frühjahr 1692 wurde der Krieg, wie bereits erwähnt, überall wieder besonders heftig aufgenommen. Wilhelm III. war in Holland eingetroffen und belebte dieKriegführung auf seiten des Bundes; Ludwig griff energisch auf allen Kriegstheatern des Kontinents an und plante daneben eine Invasion in England — einen letzten großen Versuch zugunsten Jakobs, der gleichzeitig Wilhelm und dessen Truppen vom Festlande abziehen sollte.
Zum Einfall in Englandwurde eine Armee von 20000 Mann — nach den neuesten französischen Quellen gar 30000 — unterKönig Jakobund demMarschall de Belfonds, denen in der Person des Generalintendanten der Justiz und Finanzen der Marine de Bonrepaus (ursprünglich Seeoffizier) ein seemännisch-technischer Beirat gegeben war, an den Küsten des Kanals zusammengezogen — die Infanterie in der Nachbarschaft der Rhede von La Hogue, in Caën und Cherbourg; die Kavallerie, die Munition usw. der leichteren Einschiffung wegen in Havre — und eine Transportflotte von 300 (neuere Angabe 500) Fahrzeugen gesammelt. Eine Flotte von 70 Linienschiffen, in Brest, Rochefort und Toulon in Dienst gestellt, sollte unterTourvilledie Überführung der Truppen nach England gegen Ende April sichern.
Ludwig rechnetefür den Erfolg der Expeditionmit folgenden Umständen: Daß seine Flotte der feindlichen an Kraft und Leistung überlegen wäre; daß sie vor der Vereinigung der Seestreitkräfte Englands und Hollands auftreten würde; daß man in England eine wesentliche Unterstützung durch einen großen Aufstand der Jakobiten fände und daß im besonderen ein großer Teil der englischen Flotte — etwa die Hälfte — nicht gegen ihn fechten würde. In allen diesen Vermutungen täuschte er sich; zunächst wurden seineRüstungen nicht rechtzeitig fertigund der Beginn der Operationen mußte verschoben werden.
Die Befehle für die Rüstungen waren am 20. Februar erlassen, am 25. April sollte die Flotte von Brest in See gehen und den Armeetransport von La Hogue abholen; man hatte also nur zwei Monate ungünstiger Jahreszeit, um die Flotte in Dienst zu stellen, in Brest zu vereinigen, die Truppen und Transporter zu versammeln.
Bei dem mangelhaften Zustande in der Verwaltung der Werften wurden die Schiffe nicht rechtzeitig fertig. In Rochefort und Toulon waren sie erst Anfang Mai seeklar; auch in Brest konnte eine größere Zahl der Schiffe wegen Personalmangels nur nach und nach bemannt werden. Am 23. April erging deshalb der Befehl an Tourville, die Abfahrt wenigstens bis zum Eintreffen der Rochefort-Schiffe aufzuschieben.
Tourville lag Anfang Maimit nur erst 39 Linienschiffen segelfertig vor Brest, die Ankunft von 5 Schiffen aus Rochefort stand bevor und von Brest hoffte man noch Verstärkungen zu erhalten; so ging er am 12. in See. An leitender Stelle glaubte man, daß die Gegner auch noch nicht fertig seien und schätzte diese, selbst wenn vereinigt, nur auf 60 Schlachtschiffe; man rechnete immer noch mit der Unzuverlässigkeit vieler englischer Offiziere, mit der Spannung zwischen Engländern und Holländern, mit der Überlegenheit der eigenen Flotte an Zahl und Güte der Schiffe.
Wie sehr der König auf die Überlegenheit seiner Flotte baute, geht aus dem Tenor seinerInstruktion an Tourville[240]vom 16. März hervor: Der Admiral[446]soll am 25. April mit den Schiffen, die bereit sind, in See gehen; soll durch ein vorauszuschickendes Detachement gut segelnder Schiffe die Transporter mit der Kavallerie nach La Hogue holen lassen; er selbst soll auf dieser Rhede die Infanterie — auch auf den Kriegsschiffen — einschiffen; soll nach England gehen, Ort der Landung nach Angabe Jakobs, Bellefonds' und Bonrepaus'; soll nach der Landung die Transporter zurücksenden und selbst zur Verfügung der Armee im Kanal bleiben; soll die Seeherrschaft wahren.
Er soll „unbedingt“ am 25. April auslaufen, auch wenn er gehört, daß der Feind stärker als er selbst in See sei, in diesem Falle nur nichts detachieren. Trifft er den Gegner unterwegs, so soll er ihn „unter allen Umständen“ angreifen und vernichten oder in seine Häfen treiben; liegt der Feind bei Wight, so soll er zu demselben Zweck dorthin gehen; in beiden Fällen die Armee dann überführen.
Kommt der Feind, wenn der Transport unterwegs oder schon in der Landung begriffen ist, soll angegriffen und so hartnäckig gefochten werden, daß die Landung doch ausgeführt werden kann, „es koste was es wolle.“
Nur wenn der Gegner nach vollendeter Landung erschiene, darf der Admiral einem Gefechte ausweichen, „falls der Feind mehr als 10 Linienschiffe stärker sei“; hiervon habe er sich aber „persönlich, nicht nur durch Aufklärungsschiffe“, zu vergewissern.
Dieser Befehl ward noch verschärft durch den handschriftlichen Zusatz des Königs: „Ich füge eigenhändig hinzu, daß dies mein strikt zu befolgender Wille ist.“
Aber auchdie Verbündetenhattenstark gerüstetund waren infolge der Verzögerung auf französischer Seite noch rechtzeitig fertig geworden. Wilhelm III. war gleichfalls mit dem Gedanken einer Landung in Frankreich umgegangen, um den Feind vom Landkriege abzuziehen. Diesem Plane waren die Niederlande nicht geneigt, da sie fürchteten, daß dann englische Truppen vom Festlande zurückgezogen würden; anderseits sahen sie ein, daß eine England drohende Landung dieselbe Maßnahme nach sich ziehen müsse. Sie waren deshalb bereit, ein starkes Kontingent zur gemeinsamen Flotte zu stellen und beschlossen die frühzeitige Indienststellung von 48 Linienschiffen mit reichlichem Zubehör. Die alten Gründe verzögerten wieder die Ausrüstung; erst Anfang Mai gingen die ersten Schiffe nach dem Sammelpunkt bei Rye, nach und nach folgten weitere, doch fehlten bei Beginn der Operationen noch etwa 20 Linienschiffe, die erst nach der großen Schlacht zur Flotte stießen. In England hatte man bei Portsmouth zusammengezogen, was an Truppen aufzustellen war, und die Königin drückte persönlich auf Beschleunigung der Indienststellung einer großen Zahl von Schiffen. Auch hier hinderten die Verhältnisse wie im Vorjahre die Ausrüstung; erst am 18. Mai trafen etwa 30 Linienschiffe bei Rye ein. So kam es wohl, daß die Franzosen noch Mitte Mai immer nur mit 50–60 Schiffen der Gegner rechneten; es waren aber noch zwei englische Geschwader im Dienst und nahe bei der Hand.
Diese kreuzten schon seit April unter Delaval und Carteret im Kanal zur Beobachtung der französischen Küste bis La Hogue; eins war mit Convoi aus dem Mittelmeer zurückgekehrt, das andere eigens zu diesem Zweck aus den zuerst fertigen Schiffen zusammengestellt.
Diese vereinigten sich am 23. Mai auf der Rhede von St. Helens mit der Hauptflotte unterRussell, die dadurch 88 Linienschiffe über 50 Kanonen stark wurde. Da man Tourvilles Auslaufen erfahren hatte, wurden sofortFregatten vorgeschickt und die Hauptflottegingam 28. mittagszur französischen Küste hinüber. Die Holländer sagen, Russell habe hierzu erst Befehl von London einholen wollen, der holländische ChefAlmondeaber im Kriegsrate auf sofortigem Segeln bestanden; wenn dies richtig, so ist es der Sache sehr dienlich gewesen.
Die Franzosen traten somit weder überlegen noch überraschend auf.Tourvillewar nach dem Inseegehen noch durch Westwinde unter der Küste festgehalten, dann mußte er im Eingang des Kanals gegen steifen Nordost aufkreuzen. Während dieser Zeit stießen zwar die 5 Schiffe von Rochefort zu ihm, aber weitere Verstärkungen aus Brest und vor allem die Schiffe aus Toulon kamen nicht.
Von Toulon waren Anfang Mai 13 Linienschiffe unter d'Estrées ausgelaufen. In der Straße von Gibraltar traf sie am 18. Mai ein schwerer Sturm; 2 Schiffe strandeten bei Ceuta, die übrigen wurden schwer beschädigt: erst im Juli erreichte das Geschwader Brest.