see captionEdward Russell.
Edward Russell.
Am 27. Mai endlich wurde der Wind günstig undTourville steuerte kanalaufwärts. Es warzu seinem Verderben; länger festgehalten, würde ihn voraussichtlich noch rechtzeitig der Befehl erreicht haben, weiter vor Brest zu kreuzen, bis d'Estrées und andere Verstärkungen eingetroffen seien. (Dasselbe wäre möglicherweise der Fall gewesen, wenn die Verbündeten gegen Almondes Rat nicht sofort gesegelt wären.) Ludwig, der bei der Belagerung von Namur anwesend war, hatte sich Anfang Mai doch überzeugt, daß alle seine Voraussetzungen für einen Erfolg in die Brüche gegangen seien. Seine Flotte hatte nicht die beabsichtigte Stärke erreicht; die Vereinigung der Gegner stand bevor; die Hoffnung auf den Abfall englischer Offiziere war erschüttert. Infolgedessen wurden bald Befehle gegeben, die den veränderten Verhältnissen Rechnung trugen (nach Delarbre datiert vom 9. und 12. Mai). Sie erreichten Tourville nicht und ebensowenig ein letzter, der ihm Kenntnis von Änderungen im Operationsplan sowie von der nun schon erfolgten Vereinigung der Gegner geben sollte und den Befehl des Zurückgehens wiederholte. Dieser letzte Befehl wurde am 27. Mai durch 10 Schnellsegler von verschiedenen Kanalhäfen aus abgesandt; die Fahrzeuge stießen, teilweise durch Nebel behindert, nicht auf die Flotte.
In England waren allerdings die Jakobiten eifrig am Werke gewesen. Es sollen die Aufstellung verschiedener Regimenter für Jakob völlig vorbereitet gewesen und[448]hohe Personen, die bisher zu Oranien hielten, für ersteren gewonnen oder doch unsicher gemacht sein. (Marlborough! Russell!?) Ludwig war über alles dieses gut unterrichtet; freilich wird gesagt, daß derartige Gerüchte teilweise auch von Gutgesinnten ausgesprengt seien, um Ludwig zu täuschen. Doch selbst die Königin hegte Befürchtungen; sie schrieb diese an Russell mit dem Hinzufügen, sie könne sich nicht denken, daß die Flotte ihre Pflicht vergäße. Daraufhin aber traten am 25. Mai die Flagg- und Stabsoffiziere zusammen und unterzeichneten eine Ergebenheitsadresse (Russell war abwesend durch Zufall oder mit Absicht? Seine politische Zuverlässigkeit wird von mehreren Autoren angezweifelt). Auch dies kam sofort zu Ludwigs Kenntnis. Schon früher war das Triumvirat der Führer in La Hogue durch die Verzögerung der Expedition unsicher geworden und hatte den Operationsplan geändert; wir brauchen nicht darauf einzugehen, da die Beschlüsse nie zur Ausführung kamen (Näheres vgl. Delarbre). Bemerkenswert ist nur, daß auch in diesen, vom König genehmigten Beschlüssen immer noch eine Unterschätzung des Feindes (65 Schiffe) und eine Überschätzung der eigenen Kraft (augenblicklich 52, nach Ankommen der Verstärkungen 70 Schiffe) zu ersehen ist.
Am 29. Mai, zwischen 3 und 4 Uhr morgens,sichteten sich die Gegnereinige Seemeilennördlich vom Cap Barfleur; es wehte leichter Südost und war diesig; die Franzosen standen zu Luward. Beide Flotten formierten die Gefechtslinie über Backbord-Bug und Tourville führte dann die seinige zum Angriff heran, Geschwader gegen Geschwader und Flaggschiff gegen Flaggschiff.
Die Stärke der Flotten.[241]
1)Vorhut der Verbündeten das holländische Kontingent.2)Darunter 5 zu 100 Kanonen, die andern zu 90 Kanonen.3)Darunter 1 zu 100 Kanonen, die andern zu 90 Kanonen.Es ist bemerkenswert, daß in allen Quellen die englischen Schiffe gleichstark armiert angegeben werden: zu 100, 90, 80, 70 usw. Kanonen; also scheinbar sehr gleichmäßig.4)Nicht in der Linie; vielleicht nur bei den Holländern einige über 40 Kanonen.5)Die eingeklammerten Zahlen nach de Jonge; die Hauptzahlen nach Troude.
1)Vorhut der Verbündeten das holländische Kontingent.
1)Vorhut der Verbündeten das holländische Kontingent.
2)Darunter 5 zu 100 Kanonen, die andern zu 90 Kanonen.
2)Darunter 5 zu 100 Kanonen, die andern zu 90 Kanonen.
3)Darunter 1 zu 100 Kanonen, die andern zu 90 Kanonen.Es ist bemerkenswert, daß in allen Quellen die englischen Schiffe gleichstark armiert angegeben werden: zu 100, 90, 80, 70 usw. Kanonen; also scheinbar sehr gleichmäßig.
3)Darunter 1 zu 100 Kanonen, die andern zu 90 Kanonen.
Es ist bemerkenswert, daß in allen Quellen die englischen Schiffe gleichstark armiert angegeben werden: zu 100, 90, 80, 70 usw. Kanonen; also scheinbar sehr gleichmäßig.
4)Nicht in der Linie; vielleicht nur bei den Holländern einige über 40 Kanonen.
4)Nicht in der Linie; vielleicht nur bei den Holländern einige über 40 Kanonen.
5)Die eingeklammerten Zahlen nach de Jonge; die Hauptzahlen nach Troude.
5)Die eingeklammerten Zahlen nach de Jonge; die Hauptzahlen nach Troude.
Die Flaggoffiziere:
Die Verbündeten waren also mindestens doppelt so stark als die Franzosen. Sie waren erstaunt über den Angriff; viele Offiziere, namentlich holländische, sollen in dem Augenblick der Ansicht gewesen sein, Tourville müsse begründete Überzeugung haben, daß ein Teil der englischen Schiffe zu ihm übergehen würde. Nach Bonfils fragte Almonde bei Delaval an, ob er sich auf die Engländer verlassen könne; dieser antwortete: „Ich weiß nicht, worauf sich der Verdacht gründet, kann aber für mich einstehen.“
Es ist von älteren und neueren Autoren viel darüber geschriebenweshalb Tourvilleunter solchen Umständenden Kampf suchte, den er doch bei seiner Luvstellung vermeiden konnte. Alle Auslassungen hierüber abwägend, muß ich mich der Ansicht anschließen, die immer die meistverbreitete gewesen ist: Tourville hat blindlings nach der ersten, der einzigen ihm zugegangenen, Instruktion gehandelt, und zwar nach folgendem Satze in dieser[242]: „En cas qu'il (der Admiral) les (die Feinde) rencontre à la Hogue (auf dem Wege, den Transport abzuholen), Sa Majesté veut, qu'il les combatte en quelque nombre qu'ils soient, qu'il les poursuive jusque dans leurs ports usw.“
Er wurde darin bestärkt dadurch, daß er die Zahl der Feinde unterschätzte, daß er glaubte, nur auf die englische oder nur auf die holländische Flotte gestoßen zu sein — er konnte die Stärke bis dicht vor dem Zusammenstoß nicht feststellen, da es neblig war — und daß er mit der Unzuverlässigkeit eines Teils der Engländer rechnete. Von allen Veränderungen in der Lage der Dinge hatte er ja keine Nachricht; dagegen zog er aber auch nicht in Erwägung, daß der ihm gegebene Befehl mit 70, ja selbst ohne das Mittelmeergeschwader doch mit nahe an 60 französischen Linienschiffen gerechnet hatte. Er fürchtete vielleicht auch, daß ein Ausweichen niederdrückend für den Geist auf der eigenen, aufmunternd für den auf der anderen Seite sein würde. Als sicher aber kann man annehmen, daß seine eigene Gemütsverfassung eine große Rolle bei dem Entschlusse gespielt hat: Sein vorsichtiges Verhalten 1690 und 1691 war von leitender Stelle herb beurteilt. Als er in diesem Jahre Bedenken in Hinsicht auf seine Instruktion geäußert hatte, da die Zeit unbenutzt verfloß und seine Flotte so schwach blieb, ergingen ähnliche kränkende Antworten; so schrieb Pontchartrin[243]z. B.: „Es ist Ihre Pflicht zu gehorchen,nicht die Befehle zu diskutieren, sonst wird man einen gehorsameren und „weniger behutsamen(!)“ Mann finden.“ Er wußte, daß man dem König nahe gelegt hatte, ihm (Tourville) fehle der Mut — man denke an den eigenhändigen Zusatz des Königs unter der Instruktion —; so glaubte er, es seiner Ehre schuldig zu sein, dem Befehle dem Wortlaute gemäß und ohne weitere Überlegung nachzukommen. Persönlich mutig war er, doch hatte ja schon Seignelay von ihm gesagt, er wage nicht, große Verantwortung zu übernehmen (Poltron de tête); eine solche Verantwortung war hier, von dem Buchstaben des Befehls abzuweichen.
Im Mahan, Teil I, Seite 184 steht — allerdings nur in einer Anmerkung —, daß nach einem neueren französischen Schriftsteller de Crisenoy die Instruktion, wenn auch für gewisse Verhältnisse bindend, Tourville doch nicht gezwungen hätte, unter solchen Umständen wie am 29. Mai zu fechten (Clowes deutet Ähnliches an). Meines Wissens ist die Schrift Crisenoys nicht neuer als die Biographie Tourvilles von Delarbre, und dieser gibt nur die früher im Auszuge gebrachte Instruktion, nach der ein Ausweichen allein „unter bestimmten Umständen nach erfolgreicher Landung“ erlaubt war.
In Betreff eines anderen Punktes scheint Crisenoy recht zu haben. Die meisten bisherigen Schilderungen sagen nämlich, vor der Schlacht habe Tourville seine Admirale zusammengerufen und gefragt, ob man fechten dürfe. Als alle dieses verneinten, habe er die Order des Königs gezeigt und nun hätten alle mit „Vive le roi“ (die Szene wird sehr dramatisch geschildert) dem Entschlusse Tourvilles zugestimmt. Crisenoy verweist diesen ganzen Kriegsrat in das Gebiet der Fabel und auch Delarbre sagt nach den Memoiren Bonrepaus': Tourville griff an wie ein Rasender, „ohne einen Kriegsrat zu versammeln, wie es doch bei solchen Gelegenheiten der Brauch ist.“
In derSchilderung der Schlacht bei Kap Barfleur, 29. Mai 1692, weichen die Quellen sehr voneinander ab. Englische geben meist nur den Anfang, später einige Momente; sie sagen, ein Festlegen des Verlaufes sonst sei schon zu jenen Zeiten des diesigen Wetters, zuweilen völligen Nebels wegen nicht möglich gewesen; es wird dies seine Richtigkeit haben. Die genaueste Schilderung fand ich im Delarbre (nach „Sue“); ich gebe diese,[244]da sich die Angaben der anderen im allgemeinen damit wohl in Übereinstimmung bringen lassen. Sues Schilderung mag gefärbt sein, aber auch aus den übrigen ist zu ersehen, daß sich die Franzosen ausgezeichnet geschlagen haben und von allen ihren Führern gut geleitet sind; sie hätten sich sonst auch nicht so aus ihrer verzweifelten Lage ziehen können, wie sie es taten.
[Russell lag die Nacht vom 28. auf 29. Mai über Backbord-Bug, Kurs Südsüdost, nach der französischen Küste zu; Wind Südwest, nebelig. Um 3 Uhr früh hörte man Schüsse der Vorposten im Westen, bald meldeten zwei das Nahen des Feindes.] Mit Sonnenaufgang sichteten sich die Gegner auf etwa 21 Seemeilen. Tourville konnte die Zahl der Feinde nicht genau feststellen, setzte seinen Kurs mit raumen Winde fort und entschloß sich, auch als er den Feind zählen konnte, doch zum Angriff. Russell erwartete ihn beigedreht. Da es flau war, ging die Annäherung nur langsam vor sich; beide Gegner benutzten die Zeit zum Ausrichten, so daß vor dem Zusammenstoß die Gefechtslinien recht gut formiert waren, soweit es auf französischer Seite der Angriff und auf englisch-holländischer Seite der flaue Wind gestatteten.
Der Angriff war im allgemeinen, wie üblich, Geschwader auf Geschwader angesetzt, wurde aber nicht genau so durchgeführt. Tourville steuerte direkt auf Russell zu und somit Mitte auf Mitte beider Gefechtslinien. Die erste Division der Vorhut (Nesmond) aber segelte auf die vordersten Schiffe der feindlichen Vorhut (Callenburgh) zu, um zu verhindern, daß diese bei der bedeutend längeren Linie der Verbündeten ohne Gegner blieben und imstande wären, die französische Spitze zu dublieren. [In der Tat hatten die Holländer den Befehl, dieses sofort anzustreben.] Dadurch entstand eine Lücke zwischen der I. Division (Nesmond) und der II. (d'Amfreville), namentlich aber auch eine solche zwischen der III. der Vorhut (Relingue) und der I. der Mitte (de Villette), und es war die Gefahr vorhanden, daß die III. Division der Holländer (v. d. Putte) bei näherem Herangehen ohne Gegner bleiben, durch diese Lücke durchbrechen und die französische Vorhut von achtern oder die französische Mitte von vorn dublieren würde; standen in den Gesamtvorhuten doch nur 15 (14?) Schiffe der Franzosen, 26 der Holländer gegenüber. D'Amfreville hielt sich deshalb sehr richtig mit seiner II. und III. Division weiter ab, um einem solchen Manöver stets von Luward her entgegentreten zu können. [Er erweiterte auch die Abstände zwischen den einzelnen Schiffen, um seine Linie zu verlängern.] Von der französischen Nachhut war die III. Division (Pannetier) — wie so oft bei dieser Art Angriff, der ja stets etwas schräg angesetzt werden muß — zurückgeblieben und konnte dies trotz Segelpressen nicht mehr ausgleichen. Die I. (Coëtlogon) und II. (Gabaret) ihrer Divisionen hielten sich aber aufgeschlossen hinter der III. Division der Mitte; so kam es, daß der größere Teil der englisch-holländischen Nachhut keine Gegner erhielt — standen doch auch in den Mitten nur 16 Franzosen 30 Engländern gegenüber.
see captionSchlacht bei Kap Barfleur, 29. Mai 1692.
Schlacht bei Kap Barfleur, 29. Mai 1692.
Ungefähr um 1030Uhr vormittags gingen die I. Division der Vorhut, die Mitte und die I. und II. der Nachhut quer ab vom Feinde an den Wind; kein Schuß war bisher gefallen, jetzt schoß ein Holländer, und sofort entbrannte der allgemeine Kampf.
Die französische Vorhut löste ihre Aufgabe vollkommen, allerdings auch durch die Windverhältnisse begünstigt. Sie hinderte sowohl das Dublieren von vorn wie das Durchbrechen vor der Mitte. Ihre I. Division hielt die feindliche Spitze im Schach; die übrigen Holländer versuchten zwar näher an ihre sich hoch am Winde haltenden Gegner heranzukommen, wurden aber durch die Flaute daran gehindert. [So kam nur ihre I. Division in heftiges Feuer, die II. (Almonde) nur auf weitere Entfernung, die III. (v. d. Putte) soll keinen Schuß abgegeben oder erhalten haben.]
Tourville war mit seinen drei Divisionen der Mitte auf ¾ Musketenschußweite (Pistolenschuß) herangegangen. [Die beiden ersten Divisionen der Nachhut scheinen sich auch ähnlich wie d'Amfreville richtigerweise etwas weiter abgehalten zu haben, um ein Dubliertwerden von achtern zu erschweren.] Der Kampf der Mitten war der heftigste, standen doch fast jedem Franzosen zwei Gegner gegenüber; Tourville („Soleil Royal“ 104) focht mit Russell („Britannia“ 100) und dessen Vorder- und Hintermann (je 100). Es scheint hier jetzt schon die Melee teilweise eingetreten zu sein, da es ganz still wurde und die Gegner durcheinander trieben. [Nach etwa zwei Stunden versucht „Soleil Royal“ sich durch Boote nach Westen abschleppen zu lassen, Russell folgt; „Soleil Royal“ findet Unterstützung durch Schiffe Coëtlogons.]
Um 2 Uhr nachmittags kam etwas Nordwestwind auf. Diesen benutzten die nicht angegriffenen Schiffe der englischen Nachhut — etwa 25 —, die bisher infolge der Stille auch ihrerseits nicht imstande gewesen waren, einzugreifen, um hinter der II. Division der französischen Nachhut vorzubrechen. Sie gingen aber nicht zu Luward der kämpfenden Linie, um die Franzosen von achtern zu dublieren, was ihnen möglich gewesen wäre, sondern sie versuchten, an die noch immer zurückstehende Division Pannetier heranzukommen. Es gelang nicht, da Pannetier geschickt steuerte; er zog sie absichtlich hinter sich her, so daß diese 25 Schiffe bis 7 Uhr nachmittags weiter nutzlos blieben.
In der Schilderung tritt nun eine Pause ein. [Um 3 Uhr nachmittags dichter Nebel und wieder still; allgemeine Unordnung, nur durch Zufall treffen sich die durcheinander treibenden Schiffe; um 5 Uhr nachmittags wird es klarer und etwas Wind aus Ost; man sieht die Franzosen westlich steuern, teilweise durch Boote geschleppt. Russell gibt Signal zum Folgen, kurze Zeit neuer Kampf.] Auch die Zeitangaben schwanken; Delarbre fährt erst mit 7 Uhr nachmittags fort. Um diese Zeit erscheinen einige der englischen Schiffe, die Pannetier gefolgt waren, zu Luward der Franzosen und ankern hier. Tourville in großer Bedrängnis wird wieder von Coëtlogon unterstützt, auch Gabaret kommt heran; also völlige Melee der Mitten und der Nachhuten. Jetzt etwa setzte die Flut ein; Tourville ließ ankern, wie es die zu Luward angekommenen Engländer getan hatten. Auch die französische Vorhut ankerte; sie hatte bis dahin ihre Stellung gegen die Holländer gehalten und hielt sie so weiter, jedoch jetzt ohne Kampf. Die englischen Schiffe in Lee der Franzosen (Russell usw.) ankerten zu spät, so daß sie außer Schußweite trieben. Dennoch kam Tourville nochmals in arge Bedrängnis, als es um 8.30Uhr abends wieder aufklärte und der Kampf — zu Anker und durcheinander treibend — nochmals bei Mondschein entbrannte. Auch Shovel war es geglückt, mit einigen seiner Schiffe zu Luward zu kommen. Er schickte fünf Brander gegen Tourville, die nur mit Mühe abgeschlagen wurden (zwei durch Boote; einmal kappte Tourville). Sonst aber waren die zu Luward stehenden Engländer jetzt im Nachteil, da der Feind in Lee nicht mehr bedrängt wurde; aus Furcht, bei aufkommendem Winde gefährdet zu sein, kappten sie und ließen sich durch die Feinde zur eigenen Flotte treiben, wobei sie enfilierend arg beschossen wurden. Zwischen 9 und 10 Uhr abends wurde es wieder ganz dick und die Schacht war beendet. [Englische und holländische Quellen erwähnen ein Ankern während des Kampfes nicht; sie sagen, beide Flotten ankerten bei dem letzten Nebel und die Schiffe zu Luward ließen sich dann durchtreiben; doch heben alle französischen Berichte, die unmittelbar nach der Schlacht aufgesetzt sind, gerade das Ankern hervor.]
In dem zehnstündigen Kampfe gegen die ungeheure Übermacht verloren die Franzosen kein Schiff, keines war völlig außer Gefecht gesetzt; die Verbündeten sollen, nach Aussage französischer Offiziere, zwei Schiffe verloren haben, jedenfalls verbrauchten sie mehrere Brander ohne Erfolg. Keiner der französischen Führer hat einen wesentlichen Fehler gemacht, tüchtig haben sie sich gegenseitig unterstützt; die richtige Verwendung der Vorhut hinderteein Dublieren von vorn; auf seiten der Verbündeten muß man doch wohl das Verfolgen Pannetiers als Fehler bezeichnen.
Clowes, also ein englisches Urteil, sagt: „Russell verdient Anerkennung für das rechtzeitige Zusammenziehen der Flotte; in der Schlacht und in der Verfolgung konnte er kaum weniger leisten. Er gewann einen wichtigen aber keinen glorreichen Sieg. Tourville verlor nur wenig von seinem Ruf; Russell gewann nicht mehr.“
Auch Ludwig erkannte Tourvilles Verdienst an, indem er sagte: „Ein Glück, daß Tourville gerettet ist; Schiffe lassen sich wieder bauen.“ Er ernannte ihn zehn Monate nach der Schlacht zum Marschall; wohl ein Beweis, daß der Admiral nach seinem Sinne gehandelt hatte.
Die Schlacht bleibt eine glorreiche Tat für Tourville und die französische Marine, wenn auch ihre unmittelbaren Folgen verhängnisvoll wurden.
Die Vernichtung vieler Schiffe bei La Hogue und Cherbourg.Am 30. Mai 1 Uhr vormittags kam leichter Ostnordost auf.Tourvillegab Befehl zum Ankerlichten und die Schiffe sammelten sich bei dem nächsten Geschwaderchef: bei Tourville 8, bei Villette 15, bei d'Amfreville 12. Um 7 Uhr nachmittags vereinigten sich die Admirale, nun also 35 Linienschiffe stark; von den fehlenden 9 waren 6 unter Nesmond nach La Hogue und 3 unter Gabaret nach der Küste Englands gegangen; diese drei erreichten wohlbehalten Brest.
Russellhatte mit Einsetzen der Ebbe gleichfalls Anker gelichtet und allgemeine Verfolgung befohlen. Am 30. Mai blieben sich die Flotten in Sicht — ankerten während der Flut —, kamen aber nicht auf Gefechtsdistanz, sondern blieben etwa 3 Seemeilen auseinander.Tourvillebemerkte jedoch, daß die Verbündeten nach und nach aufkamen, er beschloß deshalb, von dem Rückzuge nach Brest zunächst abzusehen und die bessere Kenntnis der Strom- und Küstenverhältnisse zu benutzen, um sich dem Gegner zu entziehen. Er wolltedurch den Blanchard-Kanal— zwischen dem Festlande und den Inseln d'Aurigny (Aldernay) und Jersey — unter die Küste der Normandie laufen und nahm an, daß die Verbündeten die schwierige Passage scheuen würden, der starke Strom, der in diesem Kanal läuft, würde ihm dann schnell einen großen Vorsprung gegeben haben. Aber er beging einen großen Fehler dabei. Sein Flaggschiff „Soleil Royal“, das er für seine Person verlassen hatte, und zwei andere große Schiffe waren schwer beschädigt; sie hielten die Flotte auf und der Admiral wagte nicht, die Verantwortung zu übernehmen, jene allein einen Zufluchtsort aufsuchen zu lassen. Infolge des Wartens auf sie stimmten beim Einlaufen in den Kanal (31. Mai, morgens) die Stromverhältnisse nicht mehr; zwar gelang es 12 Schiffen noch mit der Ebbe den Kanal zu passieren, aber 13 — unter ihnen der „l'Ambitieux“, auf dem sich Tourville jetzt befand — waren genötigt, beim Einsetzen der Flut im Kanal zu ankern. Die Lotsen wählten einen ungünstigen Platz; die Anker hielten nicht oder die Taue brachen; da im Gefecht verschiedentlich gekappt war, besaßen manche Schiffe nur noch ungenügendes Ankergeschirr. Der Admiral mußte mit den 13 Schiffen zurückgehen und beschloß nun, auf der Rhede von La Hogue, wo einige Batterien aufgeworfen waren, möglichst dicht unter Land Schutz zu suchen; auf dem Wege dahin schickte er jetzt die 3 beschädigtenSchiffe in den Hafen von Cherbourg, den sie auch erreichten. Er ankerte am 31. abends auf der Rhede und fand hier 2 Schiffe de Nesmonds vor; die 4 anderen Schiffe dieses Admirals waren soeben kanalaufwärts gesegelt und gelangten um Schottland herum glücklich nach Brest.
Russellwar tatsächlich vor dem Blanchard-Kanal geblieben. Er sandte nun Ashby mit der Nachhut und einigen Holländern westlich um die Kanalinseln herum zur Verfolgung der Schiffe, denen die Durchfahrt geglückt war, doch entkamen sie unbelästigt nach St. Malo; er selbst folgte Tourville, schickte Delaval nach Cherbourg, und es gelang, die 12 Schiffe vor La Hogue (unter den Augen Jakobs) und die 3 in Cherbourg zu vernichten.[245]
Delavalgriff am 31. die 3 Schiffe vorCherbourg, damals noch ohne Wellenbrecher und ohne Hafen, mit kleineren Linienschiffen und Brandern an, wurde aber durch heftiges Feuer abgeschlagen. Am 1. Juni gelang es, gedeckt durch Feuer der Linienschiffe mit Booten 2 Brander heranzubringen; ein dritter wurde durch das feindliche Feuer zu früh entzündet, doch steckten die begleitenden Boote auch das dritte Schiff in Brand.
Tourvillewar auf der Rhede vonLa Hoguemit Jakob und den Führern des Heeres in Verbindung getreten; man hatte beschlossen, die Kriegsschiffe auf das äußerste zu verteidigen, sowie möglichst Mannschaften, Material und Munition zu retten. Die Schiffe wurden bei Flut mit Leinen von Land in der Nähe zweier Forts möglichst hoch auf den Strand geholt und man begann mit Löschen von Material usw. Um sie gegen Brander- und Bootsangriffe besser schützen zu können, wurden alle ihre Boote sowie Fahrzeuge von Land mit Matrosen besetzt, am Lande Batterien gebaut und die Truppen zusammengezogen. Aber die Zeit war nur kurz, große Unordnung herrschte, einheitliche Leitung fehlte; nach einem hochgestellten Augenzeugen soll Tourville den Kopf verloren haben. Russell beauftragteRookemit dem Angriff. Am 2. Juni versuchte dieser auch hier, mit leichteren Linienschiffen Brander an eine Gruppe von 6 Schiffen heranzuführen; es mißlang, da das Wasser zu flach war; auch ein Versuch, die Brander mit Booten heranzuschleppen, blieb fruchtlos. Darauf wurden bei Eintritt der Nacht gegen 200 Boote armiert, die feindlichen Boote zurückgeschlagen, die Schiffe geentert und angezündet; in den Bootskampf auf seichtem Wasser sollen selbst französische Reiter eingegriffen haben. Am 3. vormittags wurde, wiederum mit Booten, die andere Gruppe von Schiffen unter dem zweiten Fort vernichtet, auch einige Transporter fielen zum Opfer. Noch im Jahre 1833 waren die Spanten der vernichteten Schiffe zu sehen; bei niedrigem Wasser sind damals verschiedene Überreste geborgen und ins Pariser Marinemuseum geschafft worden.
Der Verlust dieser 15 Linienschiffe, worunter viele der stärksten, war aber kaum die wichtigste Folge der Schlacht: er wäre bei der großen Zahl der vorhandenen Schiffe zu ertragen gewesen und wurde auch zum großen Teil durch Neubau ersetzt. Der Eindruck, den die Niederlage auf die an Ludwigs Erfolge gewöhnte öffentliche Meinung und auch an leitender Stelle hervorbrachte, war bedeutsamer. Eine volkstümliche Waffe war die Marine in Frankreich noch nicht geworden, und wir haben schon gehört, daß Pontchartrin und andere nicht viel von ihr hielten. Jetzt drang die Ansicht dieser Personen, den Krieg zur See nur gegen den feindlichen Handel zu führen, mehr durch und derMarine wurde immer weniger Sorge zugewendet;die französische Flotte trat den feindlichen nicht mehr entgegen. Zunächst hören wir in diesem Jahre gar nichts mehr von ihr; vielen Mannschaften wurde erlaubt, auf Freibeutern zu dienen, die gesammelten Transporter wurden teilweise als solche verwendet und der kleine Krieg blühte.
Aber auch dieVerbündetenblieben untätig. Nach den letzten Vorfällen ging das Gros ihrer Flotte zum Instandsetzen nach Wight. Ein kleineres gemischtes Geschwader unter Ashby und Callenburgh kreuzte noch an der Küste, um etwa versprengte Franzosen oder die nach St. Malo geretteten auf ihrem Wege nach Brest abzufangen; es ging auch nach Havre, wo man die Schiffe Nesmonds vermutete, fand diese jedoch — wie wir wissen — nicht und wagte auch nicht, etwas gegen die Transporter dort zu unternehmen; dann vereinigte es sich wieder mit dem Gros. Dieses lief am 28. Juni wieder aus, teilte sich in zwei Teile, von denen der eine westlich im Kanal gegen die St. Malo-Schiffe kreuzte, der andere östlich, um die Verbindung zwischen England und Holland zu sichern.
Nach Colomb (Seite268) waren die englischen Seeoffiziere der Ansicht, ohne einen gleichzeitigen Landangriff nichts gegen die in St. Malo geborgenen französischen Schiffe unternehmen zu können; es gelang diesen, später unbewacht, nach Brest durchzukommen.
Die englisch-holländische Flotte beherrschte also den Kanal und es wurde auch wieder der Plan einer Landung in Frankreich ins Auge gefaßt. Truppen wurden bei Portsmouth versammelt und Anfang August mit der Einschiffung auf der dort wieder vereinigten Flotte begonnen. Der Plan kam aber nicht zur Ausführung: Befehle und Gegenbefehle von London, Kriegsratsversammlungen der Armee und Marine verzögerten die Maßnahmen; endlich erachtete man die Jahreszeit für die schweren Schiffe zu weit vorgeschritten; holländische Quellen deuten wieder an, daß Russell an der Verzögerung schuld gewesen sei. (Er habe zu denen gehört, die es durch Entfaltung zu großen Eifers nicht ganz mit Jakob verderben wollten.) Das Ergebnis war die Überführung einiger englischer Truppen nach Holland. Gegen die immer zahlreicher auftretenden Freibeuter des Feindes hatte man auch keine ernste Maßregeln ergreifen können, da man die Flotte — schließlich unnütz — stets zusammengehalten hatte.
Im September wurden die schweren Schiffe abgerüstet, andere kreuzten noch im Kanal, bis endlich die Flotte auf die kleinen Wintergeschwader vermindert wurde.
Die Ereignisse der Jahre 1693–1697.Während der weiteren Kriegsjahre führtendie Franzosen, wie schon mehrfach erwähnt, den Krieg in der Hauptsache nur gegen den feindlichen Handel, besonders in den nördlichen Gewässern. Wenn auch zuweilen noch größere Flotten zusammengezogen wurden — im Jahre 1693 sogar noch eine solche von 70 Linienschiffen, aber auch nur um einen großen Schlag gegen den feindlichen Handel in führen —, so versuchten diese doch nicht mehr, dem Feinde die Seeherrschaft streitigzu machen. Im Mittelmeer wurden wie bisher stets noch etwas stärkere Geschwader im Dienst gehalten, um an den Küsten im Landkriege zu wirken; im Atlantik waren die Streitkräfte meistens in kleineren Divisionen auf die verschiedenen Häfen verteilt, um diese zu schützen und von ihnen aus gegen die feindlichen Handelsfahrzeuge zu kreuzen. Der Kreuzerkrieg wurde dabei durch die vom Staate in jeder Hinsicht unterstützte Freibeuterei ungemein verstärkt; je weniger Pflege der Marine im Laufe der kommenden Jahre zuteil wurde — wegen Geldmangels, und wegen fehlenden Interesses an maßgebender Stelle —, um so mehr entwickelte sich die Freibeuterei.
Die Tätigkeit derenglisch-holländischen Flottenäußerte sich nach drei Richtungen: Unternehmungen gegen französische Küstenstädte, um hierdurch auf den Landkrieg einzuwirken; Unterstützung des Landkrieges in Spanien; Schutz des eigenen Handels. Mit den Angriffen auf die Küstenstädte beabsichtigte man in den meisten Fällen und hauptsächlich, den Kreuzerkrieg des Gegners in seinen Stützpunkten anzugreifen. Um die Gesamtrüstungen der Verbündeten in diesen Jahren richtig beurteilen zu können, sei vorausgeschickt, daß neben den Hauptflotten, deren Tätigkeit uns zunächst beschäftigt, stets ein starkes Geschwader — bis zu 20 Linienschiffen — gegen Dünkirchen aufgestellt war.
Das Jahr 1693zeigt uns dieKriegführung der Verbündetenin einem sehr trüben Lichte. Unentschlossenheit an leitender Stelle in England — schon Ende 1692 bemerkbar —, der Zustand der Verwaltung in der Marine hier und Uneinigkeit in der Führung der Flotte ließen es nicht nur zu keinerlei Erfolg kommen, sondern führten sogar einen großen Verlust herbei.
Im Oktober 1692 war von England und Hollandmit Spanien ein Vertragabgeschlossen, wonach die schwachen spanischen Seestreitkräfte durch englisch-holländische verstärkt werden sollten, um den Angriffen der Franzosen auf die spanischen Küsten sowie der Bedrohung der Silberflotten entgegenzutreten; England und Holland gedachten dadurch auch ihren Mittelmeerhandel zu sichern und einer Vereinigung der Flotten von Brest und Toulon stets vorzubeugen.
Nach dem Vertrage sollte Spanien 16 Linienschiffe und 25 Galeren stellen, England und Holland je die gleiche Zahl Schlachtschiffe; Spanien sollte in einem seiner Häfen Magazine einräumen, damit die Verbündeten sich einen Stützpunkt schaffen könnten. Dieser Vertrag blieb grundlegend für spätere während des ganzen Krieges, doch wurde Spanien bald lau in der Erfüllung seiner Pflicht.
Das schwache Spanien kam zunächst seiner Pflicht nach, die Verbündeten nicht. Zwar wurden schon im März Schiffe zu diesem Zwecke bestimmt — 4 Holländer, 11 Engländer —, aber sie kamen nicht fort. Befehle wechselten mit Gegenbefehlen. Erst sollte das Geschwader auf Kauffahrer warten, dann hielt man es für nicht stark genug den Franzosen in Toulon gegenüber und endlich wollten die Rhedereien ihm ihre Schiffe nicht anvertrauen.
Außer diesem Mittelmeergeschwader war die Indienststellung einer ebenso großen Hauptflotte wie im Jahre 1692 beschlossen, weil man wußte, daß auchdie Franzosen stark rüsteten. Von Mitte April an sammelte sich diese Flotte bei Wight und bestand bald aus 76 Linienschiffen (46 Engländer, 30 Holländer). Russell war seines Postens enthoben worden (Differenzen wegen La Hogue), das Kommando führten 3Jointadmirals— Killigrew, Shovel, Delaval —auf einem Flaggschiff, das holländische Kontingent kommandierteAlmonde; aus den angedeuteten Gründen lag die Flotte wochenlang untätig und auch wohl teilweise unfertig auf der Rhede von St. Helens.
InFrankreichhatte man tatsächlich stark gerüstet, und zwar dem neuen Plane gemäß, den Kampf nur gegen den Handel zu führen, zu einem besonderen Zwecke: dem Abfangen des jährlichen großen englisch-holländischen Levanteconvois bei seiner Ausreise, der ja auch 1691 auf seiner Heimreise Tourville als Hauptangriffsobjekt bezeichnet war. Wieder unterTourvillewaren in Brest 71 Linienschiffe zusammengezogen; in Toulon wurden etwa 20 Linienschiffe unter d'Estrées gegen Spanien in Dienst gestellt.
Wie stets bisher, war man in Frankreich durch Spione und Parteigänger Jakobs über alle Vorgänge in England gut unterrichtet. So erhielt man auch jetzt rechtzeitig Nachricht, als die Abfahrt des Convois bevorstand, und Tourville wurde sofort in See gesandt, obgleich die Flotte noch unvollkommen ausgerüstet war, um ihn in der Straße von Gibraltar zu erwarten. In England hatte man sich endlich entschlossen, den Convoi mit dem für das Mittelmeer bestimmten Geschwader segeln zu lassen, da man aber die Stärke der Franzosen in Brest kannte, wurde bestimmt, daß die Hauptflotte bis in den Atlantik mitgehen solle; zu einem rechtzeitigen Festhalten Tourvilles in Brest war sie nicht fertig geworden.
Am 9. Juni verließ alles Wight; der Convoi war an 400 Segel stark. Am 14. Juni, etwa 36 Seemeilen südwestlich von Ouessant, wurden die für Westindien und andere transatlantische Gewässer bestimmten Schiffe mit den üblichen kleinen Bedeckungen entlassen, die Hauptflotte kehrte in den Kanal zurück;das MittelmeergeschwaderunterAdmiral Rooke(Holländer unter van der Goes) setzte mit den Kauffahrern für Portugal, Spanien und Mittelmeer die Reise fort.
Auf der Hauptflotte wußte man nichts von dem vierzehn Tage vorher erfolgten Auslaufen Tourvilles. Dieser kaum zu verstehende Fehler wird mit einer Nachlässigkeit im englischen Ministerium erklärt: „Nottingham hatte vor Abgang der Flotte einen Brief erhalten, der Tourvilles Auslaufen meldete; er sandte die der Nachricht angeschlossene Liste der französischen Schiffe an die drei Admirale, der Brief selbst aber wurde vergessen beizulegen.“ Der Führung der Flotte ist aber doch wohl vorzuwerfen, daß sie nicht erkunden ließ, ob Tourville noch in Brest sei. Hätte man gewußt, daß die Franzosen in See waren, so würde doch die Hauptflotte bis zum Mittelmeer mitgegangen sein; so wurde derAngriff Tourvilles auf den Smyrnaconvoi vor Lagosam 27. Juni 1693 ein großer Erfolg.
Rookeentließ an der portugiesischen Küste die nach Lissabon bestimmten Kauffahrer mit einigen Kriegsschiffen, die später wieder zu ihm stoßen sollten; er war[458]so nur 15 Linienschiffe über 50 Kanonen, etwa 10 leichtere Schiffe, 4 Brander und 2 Mörserboote stark, der Convoi zählte noch 130–140 Segel. Anstatt nun gleich in Portugal Nachrichten einzuziehen, steuerte er zunächst von der Küste ab und machte erst am 26. Juni Land bei St. Vincent. (Nur ein leichtes Fahrzeug hatte er nach Lagos vorausgesandt; es kam nicht zurück, da es unter der Küste bekalmt wurde.) Jetzt meldeten seine Vorposten einige französische Schiffe im Süden — es waren die Vorposten Tourvilles —; da diese sich aber zurückzogen und der nördliche Wind günstig war, wurde die Fahrt fortgesetzt. Mit Tagesgrauen am 27. bekam man 10 Linienschiffe und einige kleinere Segel in Sicht; auf einen Angriff gingen auch diese zurück; ein kleines Fahrzeug wurde genommen und sagte aus, Tourville sei allerdings unter der spanischen Küste, aber nur mit 15 Linienschiffen, einen Transport nach Toulon geleitend. Um 10 Uhr vormittags aber sichtete man den Feind überall: voraus 18 Kriegsschiffe, zu Luward 16 (Gabaret) und weiter ab in Lee 40 (Tourville selbst), die ganze Flotte von Brest.
Tourvillewar am 27. Mai mit 71 Linienschiffen, 4 kleineren Fahrzeugen und 35 Brandern in See und geradeswegs nach Lagos gegangen. (Hier soll er nach Bericht des holländischen Gesandten in Lissabon unter englischen und holländischen Flaggen gelegen haben.) Von hier hatte er sofort zwei starke Geschwader der besten Segler — eben die genannten 18 und 16 Linienschiffe — zum Kreuzen bei Kap St. Vincent entsandt. Erhatte den Befehl: den Convoi abzufangen, aber ein Gefecht zu vermeiden, wenn der Feind viel stärker wäre; an der spanisch-portugiesischen Küste bis Anfang September zu bleiben, aber auch Unternehmungen gegen die französische Küste entgegenzutreten (vgl. seinen Auftrag 1691; der jetzige war wohl noch schwieriger). Als nun Rooke am 27. in Sicht kam, hielt sich Tourville zunächst zurück, um ausweichen zu können, falls es die Hauptflotte der Verbündeten wäre; sobald er aber erfahren hatte, daß es der verhältnismäßig nur schwach bedeckte Convoi war, gab er den Befehl zum Angriff, vor allem dem am günstigsten stehenden Geschwader Gabaret.
Rookewar seit dem Sichten der feindlichen Vorposten am Morgen mit dem Geschwader, in dessen Linie einige der stärksten Kauffahrer eingestellt waren, vor dem Convoi gesegelt. Als er sah, daß bei der Stärke des Feinden ein Widerstand unmöglich war, formierte er die Gefechtslinie hoch am Winde mit einem Kurse nach See zu und gab an die Schiffe des Convois den Befehl, sich auf eigene Faust namentlich unter dem Schutze der Nacht zu bergen; den Schiffen unter Land wurde geraten, spanische Häfen aufzusuchen, den weiter in See befindlichen gewährte das Geschwader vorläufig eine Deckung. Das vorderste französische Geschwader Gabaret, das aus den bestsegelnden Schiffen bestand, kam gegen Abend (6 Uhr nachmittags) an Rooke heran. Zwei holländische Schiffe opferten sich, indem sie das Gefecht aufnahmen, nach Land zu wendeten und einen Teil der Feinde auf sich zogen; sie wurden nach hartnäckigem Widerstande genommen; das übrige Geschwader entzog sich während der Nacht dem Feinde. Am andern Morgen sah Rooke nur noch wenige Gegner, die bald von der Verfolgung abstanden; er erreichte mit dem Geschwader und etwa 50 Kauffahrern wohlbehalten Madeira.
Es wirdGabaretder Vorwurf gemacht, daß er das Geschwader angegriffen und dazu sogar seine vordersten Schiffe zurückgerufen habe, um erst die Gefechtslinie zu formieren, anstatt gleich an die Verfolgung und Vernichtung der verstreuten Kauffahrer zu gehen oder wenigstens durch die vordersten Schiffe das feindliche Geschwader rechtzeitig festhalten zu lassen.
Einem zweiten Teile der französischen Flotte (wohl dem 18-Schiffe-Geschwader) gelang es während der Nacht die unter Land segelnden Fahrzeuge des Convois zu umzingeln und am nächsten Tage zu nehmen oder zu zerstören; viele wurden durch die eigene Besatzung auf Strand gesetzt und versenkt oder verbrannt. An dieser Vernichtung beteiligten sich wahrscheinlich auch Schiffe des erst später herangekommenen Gros. So gingen gegen 70 (90?) englisch-holländische Kauffahrer — mit einem Werte von einer Million Lstrl. — verloren; einige wenige erreichten spanische Häfen. Der Verlust würde voraussichtlich noch weit bedeutender gewesen sein, wenn Tourville nicht — allerdings[459]seiner Instruktion entsprechend — das Gros seiner Flotte anfangs so vorsichtig zurückgehalten hätte.
Die Hauptflotte der Verbündetenwar nach der Trennung von dem Convoi einige Tage vor dem Kanal geblieben, um Tourville in Brest zu beobachten, bis man über England von dessen Auslaufen Nachricht erhielt; nun ging sie nach Torbay zurück (2. Juli dort), um „Vorräte zu ergänzen“ und „Befehle einzuholen“ — bezeichnend für die Art der Ausrüstung der (englischen) Schiffe und für die Leitung. Der hier zusammentretende Kriegsrat sah wohl ein, daß sofortiges Abgehen nach der spanischen Küste das richtigste sei, um Tourville vor oder nach seinem Anschlage gegenüberzutreten, aber erst am 21. Juli war man seeklar und konnte wegen Gegenwindes gar erst am 27. endgültig unter Segel gehen, nachdem nunmehr auch die Sprengung des Convois bekannt geworden war. Die Flotte kreuzte wiederum vor Brest, „die Rückkehr Tourvilles erwartend,“ dann mußte auch die Absicht aufgegeben werden, weil die dorthin bestellten englischen Proviantschiffe ausblieben. Die Flotte kehrte am 26. August nach Torbay, am 8. September nach St. Helens zurück und wurde bald bis auf das Wintergeschwader — in diesem Jahre ziemlich stark, z. B. 18 holländische Linienschiffe, aber wie üblich keine schweren — aufgelegt.
Die Untätigkeit der Flotte, insbesondere das Schicksal des Convois, legte die englische Nation (Haus der Gemeinen) den drei Oberbefehlshabern zur Last; in einer Untersuchung wurden sie aber freigesprochen, die Hauptschuld traf auch wohl die Leitung von London und die Verwaltung. Jointadmirale ernannte man aber nicht wieder, oder doch nur einmal unter ganz anderen Umständen (einen Oberbefehlshaber für die See- und einen für die Landoperationen einer Expedition).
Tourvillewar nach der Vernichtung des Convoisins Mittelmeereingelaufen und hatte sich am 18. Juli vor Malaga mit dem Toulon-Geschwader vereinigt. Er mußte annehmen, im Atlantik jetzt der weit stärkeren Hauptflotte des Feindes zu begegnen; er bedurfte der Ausrüstung, da er ja Brest sehr eilig verlassen hatte, auch war so die französische Seeherrschaft im Mittelmeer unbedingt gesichert. Die spanische Küste entlang laufend, gelang es ihm noch, in Gibraltar (durch Brander) und in Malaga (durch armierte Boote) einige englische und holländische Schiffe zu zerstören. Dann aber blieb die ganze, jetzt 94 Linienschiffe (190 Segel) starke Flotte untätig in Toulon liegen; Mitte September kehrte der Admiral mit den Atlantik-Schiffen ungehindert nach Brest zurück.
Von dem Jahre 1693 ist nur noch dasBombardement von St. Malozu erwähnen. Von dieser Stadt aus wurde die Freibeuterei jetzt ebenso erfolgreich betrieben wie von Dünkirchen. Ende November erschien hier ein englisches Geschwader von Linienschiffen IV. Klasse, kleineren Fahrzeugen, Brandern und Mörserbooten; ein besonders konstruierter Brander war beigegeben.
Dieser Brander —Machine oder Infernalgenannt; in England durch einen holländischen Ingenieur Meesters konstruiert — war ein altes Hafenfahrzeug von 350 tons mit ausgemauertem Boden, gefüllt mit losem Pulver und solchem in Fässern,[460]darüber eine dicke Schicht von Pech, Harz, Werg und dgl. Alles war so gestaut, daß eine Entzündung schnell um sich greifen mußte; auf der deckenden Schicht lagen Brandgeschosse, Kugeln und Ketten.
Stadt und Hafen von St. Malo waren gedeckt durch einige Forts auf kleinen Inseln. Das Geschwader ankerte am 26. November bei Cap Fréhel, sandte schon nachmittags einige Mörserboote gegen das äußerste Fort, vertrieb die Franzosen hier und errichtete eine Batterie. Am 27. wurden dann die übrigen Befestigungen von hier aus und durch die Mörserboote beschossen; der Erfolg war jedoch gering infolge schlechter Munition (vgl. Seite174), das Feuer wurde kräftig erwidert, die Mörserboote und die sie deckenden Schiffe mußten zurückgehen. In der Nacht vom 30. November bis 1. Dezember wurde der Infernal losgelassen. Bei glatter See und auflandigem Winde kam er bis auf 50 Schritt an die Stadtmauer heran, wurde nun aber durch eine Windveränderung auf einen Felsen geworfen und leck gestoßen; entzündet, zerstörte er dennoch gegen 300 Häuser.
Es ist dies der erste Fall der Unternehmungen gegen französische Städte. Da sie keinen Einfluß auf den Krieg hatten und nur die friedlichen Einwohner schädigten, werden sie — auch von englischen Autoren — als nutzlos und barbarisch bezeichnet. Man muß doch aber wohl die von den englischen Quellen angeführte Entschuldigung gelten lassen, daß Ludwig XIV. durch das Bombardement von Genua 1684 das Beispiel zu solchen Unternehmungen gegeben habe, auch daran denken, daß man in ihnen ein wirksames Mittel gegen die sonst nicht niederzuhaltende Freibeuterei zu finden hoffte.
Wenn wir im Jahre 1693 noch einmal eine große französische Flotte sehen und infolgedessen auch ein Zusammenhalten der Streitkräfte Englands und Hollands, so treten jetzt von1694an die Verhältnisse in der Kriegführung, wie sie vorhin angedeutet sind, völlig ein.Die Franzosenstellten im Atlantik etwa 50 Linienschiffe in Dienst, von denen einige ins Mittelmeer gesandt, die anderen in kleinen Divisionen auf die Häfen am Kanal und Atlantik verteilt wurden. Im Mittelmeer verfügte Tourville so über eine Flotte von etwa 20 Linienschiffen und die Galeren; er griff von Anfang Mai an in den spanischen Landkrieg ein — Eroberung von Palamos; Belagerung von Barcelona —, in dem bekanntlich Ludwig in diesem Jahre wieder kräftig und, eben durch Unterstützung der Flotte, anfangs auch erfolgreich vorging. Die Divisionen in den nördlichen Gewässern sollten nur zum Schutz der Küste und zum Kreuzerkriege dienen; jetzt begann Frankreich, den feindlichen Handel ganz besonders heftig mit kleinen Divisionen von Kriegsschiffen oder von Freibeutern anzugreifen. DieVerbündetenhatten auch für dieses Jahr stark gerüstet und waren jetzt in der Lage, ihre Streitkräfte für die verschiedenen Aufgaben zu teilen und den Spaniern die vertragsmäßige Hilfe zu bringen. Kurz seiendie Operationen des Jahres 1694[246]aufgeführt.
Am 6. Januar ging ein gemeinsamesGeschwadervon 25 Linienschiffen unter VizeadmiralWheeler(die Holländer unter Callenburgh) mit einem Convoinach dem Mittelmeer. Es hatte den Befehl, die Levantefahrer des Convois bis Malta zu führen, dann von Cadiz aus die Silberflotten zu sichern und später zurückkehrende[461]Levantefahrer heimzugeleiten. Am 28. Februar verlor dieses Geschwader in einem schweren Sturm nahe bei Gibraltar 4 Linienschiffe, darunter das Flaggschiff mit dem Admiral; unter Callenburgh kehrte es nach Cadiz zurück, weil es ein Zusammentreffen mit der Toulonflotte fürchtete, und war nicht einmal imstande, die von Brest abgegangenen französischen Schiffe (am 14. Mai bei Gibraltar) an ihrer Vereinigung mit Tourville zu hindern.
DieHauptflotte der VerbündetenunterRussell(Holländer unterAlmonde) begann sich im April zu sammeln. Im Mai wurde der Versuch gemacht, die von Brest nach Toulon bestimmten Schiffe festzuhalten; man kam zu spät, vernichtete aber einen feindlichen Convoi. Im Juni waren gegen 80 Linienschiffe bei St Helens vereinigt; es wurden jetzt (15. Juni) zwei Flotten formiert.Russell selbstging mit 44 Linienschiffenzum Mittelmeer, vereinigte sich am 11. Juli mit dem dort befindlichen Geschwader und war jetzt, da auch 10 Spanier hinzustießen, 75 Linienschiffe und 15 Brander stark. Er ging nach Barcelona, traf hier am 8. August ein und hob die Belagerung auf; Tourville hatte sich schon bei seiner Annäherung auf Toulon zurückgezogen. Die Flotte blieb dann bis Mitte Oktober an der Ostküste Spaniens und zeigte sich auch an der französischen. Zwar wurde nichts gegen die Küstenstädte Kataloniens, die in französischen Händen waren, unternommen, weil sich die spanische Landmacht unzureichend erwies, aber man hielt doch Tourville in Toulon fest, hinderte das Zurückgehen der Brest-Schiffe für den Winter und sicherte den Handel im Mittelmeer. Die Flotte überwinterte in Cadiz, um im nächsten Jahre früh bereit zu sein.
Dies ist bemerkenswert.Es geschah zum ersten Male; man kann von hier an die dauernde Stationierung einer englischen Flotte im Mittelmeer rechnen. Es war so neu, daß es anfänglich den Widerpruch Russells (und auch wohl anderer Offiziere) hervorrief; anderseits sah England den Fehler ein, den es mit der Aufgabe von Tanger gemacht hatte, und sorgte nun bald für Gewinnung eines Stützpunktes im Mittelmeer (zunächst Port Mahon).
Der zweite Teil der Hauptflotte— 36 Linienschiffe (16 Holländer) mit Fregatten, Brandern und einer größeren Zahl von Mörserbooten — wurde unter AdmiralLord Berkeleyof Stratton zu Unternehmungengegen die französische Küste[247]bestimmt. Insbesondere beabsichtigte manBrestanzugreifen, zu welchem Zweck 6000–7000 Mann unter General Talmash eingeschifft wurden. Diese sollten die Forts nehmen, die die Einfahrt verteidigten, damit die Schiffe auf die Binnenrhede einlaufen könnten. Aber die Franzosen waren vorbereitet; die Unternehmung war durch hochgestellte Personen in England, die sich für alle Fälle bei Jakob gut stellen wollten, verraten.Vaubanselbst hatte die Verstärkung der Befestigungen geleitet; insbesondere waren am Strande der Außenrheden (Bucht von Camaret und von Bertheaume) zahlreiche neue Batterien aufgeworfen, von denen die Verbündeten nichts wußten, und Truppen in Verschanzungen aufgestellt worden. Am 17. Juni ankerte Berkeley in der Camaret-Bucht — südlich vom Goulet de Brest, der Einfahrt zur Binnenrhede — außerhalb Schußweite und nach einer Erkundung wurde auf Talmash' Drängen die Landung in dieser Bucht beschlossen. Am 18. wurde sie, gedeckt durch das Feuer von 3 Linienschiffen und 6 Fregatten, mit Bravour ausgeführt, aber zurückgeschlagen. Von den Gelandeten (1200? 600? Mann) kamen nur wenige (100?) zurück, weil die Boote trocken gefallen[248]waren, Talmash selbst wurde schwer verwundet. Auch die deckenden Schiffe litten, ein Holländer geriet auf Strand und ging verloren. Da die Mörserboote wegen der Außenforts nicht nahe genug herangehen konnten, um die Stadt oder die Binnenrhede mit Erfolg zu beschießen, segelte die Flotte nach St. Helens zurück (25. Juni dort).
Es kam jetzt der Befehl, andere Städte zu bombardieren oder mit Infernals anzugreifen. (Es sei erwähnt, daß in den Jahren 1694/95 gegen 30 solcher Fahrzeuge erbaut wurden, aber schon 1695 gab man diese Waffe wieder auf.) Die Truppen wurden ausgeschifft, von Landungen also abgesehen. Am 18. Juli erschienBerkeley vor Dieppe, warf am 23. aus den Mörserbooten gegen 1100 Bomben und Brandgeschosse in die Stadt, wodurch diese auf lange Jahre hinaus fast ganz zerstört wurde; der Angriff mit einem Infernal mißlang, weil dieser wegen einer Sperre zu weit abblieb. Am 26. wurdeHavrebombardiert. Der Erfolg war hier aber unbedeutend, da Seegang ein gutes Zielen unmöglich machte; dagegen flog ein Mörserboot im feindlichen Feuer auf. Die Flotte ging dann nach England zurück und die großen Schiffe wurden aufgelegt.
Im September wurde nochmals einGeschwader unter Shovel gegen Dünkirchengesandt. Die Seeoffiziere erachteten zwar die Jahreszeit für nicht mehr dazu geeignet, gerade gegen diese Stadt zu operieren; sie erhielten aber Befehl zum Angriff, weil von hier aus in letzter Zeit die Freibeuter bedeutende Erfolge erzielt hatten und über Dünkirchen große Kornladungen (durch Jean Bart) aus der Ostsee nach Frankreich eingeführt waren. Das Geschwader war sehr stark (18 Linienschiffe), besonders an Infernals (17) und vereinigte sich noch mit der ständig gegen Dünkirchen aufgestellten Flottille; Es wurde nichts erreicht. Die Franzosen waren wieder von dem Plane unterrichtet und hatten die in den letzten Jahren verstärkten Befestigungen gut im Stande gehalten. Mehrere Forts deckten die Stadt und 2 Forts auf den langen Molen den Hafeneingang, der außerdem gesperrt war. Zwar wurde durch Ausloten des wenig bekannten Wassers trotz heftigen Feuers (am 22. September) festgestellt, daß ein Beschießen der Stadt von der Westseite möglich sei, aber die Mörserboote waren noch nicht eingetroffen. Man schickte vorläufig 2 Infernals gegen die Molenforts; der eine wurde vom Feinde in Brand geschossen, der andere durch Boote abgeschleppt. Ehe die Mörserboote zum Geschwader stießen, wurde dieses durch ungünstiges Wetter zum Verlassen der Rhede gezwungen. Am 26. September beschoß man nochCalais, ebenfalls erfolglos, weil Wind und Seegang die Mörserboote zwang, unter Segel zu operieren. Am 29. traf das Geschwader in den Downs ein; die Unternehmungen fanden für 1694 ihr Ende.
Aus vorstehendem ist zu ersehen, wie bedeutend die Rüstungen der Verbündeten[249]für dieses Jahr gewesen waren, und daß sie als unmittelbaren Erfolg nur die Zerstörung von Dieppe, den Entsatz von Barcelona und die Sicherung ihres Handels im Mittelmeer zu verzeichnen hatten; ihre Seeherrschaft im Kanal und in der Nordsee war keineswegs eine unbestrittene gewesen, wie wir bei Betrachtung des Kreuzerkrieges sehen werden.
Die Operationen des Jahres 1695waren derselben Art.Russell im Mittelmeerwar von gleicher Stärke wie im Vorjahre, weil man die Schiffe, die zu Ausbesserungen heim mußten, sofort durch andere ersetzte. Die Flotte blieb in Cadiz, bis einige Mörserboote und 3000 Soldaten (General Stewart) eintrafen; bis dahin hielt sie nur die Straße von Gibraltar besetzt, um den Verkehr zwischen Brest und Toulon zu hindern. Am 9. Mai ging sie die spanische Küste hinauf, hielt sich einige Zeit vor Toulon und erschien dannvor Palamos; man beabsichtigte, im Verein mit spanischen Truppen diese Stadt zu nehmen. Die Soldaten und auch eine Anzahl Seeleute wurden gelandet (16. August) und die Stadt von den Mörserbooten beschossen. Es gelang, ein kleines französisches Heer, das in der Nähe stand, zu vertreiben;die Stadt würde auch gefallen sein, wenn die spanischen Truppen stärker gewesen wären und die Verbündeten ausgehalten hätten. Aber bald (27. August) ging Russell wieder nach Toulon, weil er von gefangenen französischen Fischern gehört hatte, daß die französische Flotte auslaufen wolle. Sofort kehrten die Franzosen am Lande zurück und der spanische General mußte die Belagerung aufgeben. Die Nachricht war (absichtlich) falsch gewesen, die französische Flotte war keineswegs seeklar. Bis Ende September kreuzte Russell bei Sardinien und den Balearen; das ganze Ergebnis war also wieder, daß der Handel geschützt und die Franzosen in Toulon festgehalten wurden.
Am 27. September traf die Flotte in Cadiz ein und fand von England und Holland den Befehl vor, heimzukehren. Etwa 20 Linienschiffe blieben unterRooke, der mit einigen neuen Schiffen herausgekommen war, alsWinterflotte in Cadiz.
Auch imKanalwar wiederum eine große Flotte unterBerkeleyzusammengezogen worden — daneben die übliche Flottille gegen Dünkirchen und zum Schutz des Nordseehandels —, etwa ebenso stark, wie im Vorjahre bei der Trennung dort. Es ist aber bemerkenswert, daß jetzt die meisten Schiffe über 80 Kanonen fehlten, weil man erkannt hatte, daß diese bei den Unternehmungen gegen die Küste nutzlos waren; die Holländer stellten gar keine solcher schweren Schiffe in Dienst, dafür aber in diesem Jahre auch Mörserboote (6). — Wieder hatte manAngriffe auf Küstenstädteins Auge gefaßt, aber wie am Lande und im Mittelmeer kann man auch hier sehen, daß die Kriegführung lauer wurde. Erst Ende Juni war die Flotte operationsfähig; es wurde aber nicht mehr geleistet als im Jahre 1694; die französischen Häfen waren natürlich in immer besseren Verteidigungszustand gesetzt.
Am 14. und 15. Juli wardSt. Malovon der ganzen Flotte angegriffen. Es gelang zwar, einen Brander an eines der beiden auf Felsen gelegenen Hauptforts so nahe heranzuführen, daß dieses infolge des Rauches längere Zeit nicht feuern konnte, aber niederzukämpfen waren die massiven Befestigungen nicht, obgleich die Mörserboote ziemlich nahe herangingen; nachdem etwa 900 Bomben geworfen und einige Häuser der Stadt in Flammen aufgegangen waren, wurde abgebrochen. Am 18. Juli beschossen einige Schiffe die offene StadtGranville, die teilweise verbrannte. Nach einem Aufenthalt in St. Helens und den Downs, um Munition zu ergänzen und Infernals — eine größere Zahl unter dem Kommando des Erfinders Meesters — heranzuziehen, erschien, verzögert durch Gegenwind, die Flotte am 11. August vorDünkirchen. Da dieser Angriff gut vorbereitet war und energisch durchgeführt wurde, sei etwas näher darauf eingegangen.
Wieder hatten die Franzosen Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Bei Erwähnung des Unternehmens der Verbündeten 1694 wurde gesagt, daß die Wasserverhältnisse westlich von der Einfahrt für einen Angreifer zum Bombardement der Stadt und des Hafens die günstigsten sind; deshalb war schon früher westlich von der Stadt ein starkes Fort erbaut worden. Dieses war jetzt verstärkt durch eine neue Batterie am Strande und durch Stationierung von 9 schweren Kanonenschaluppen längs des Strandes zwischen dem Fort auf der Westmole (in ihm kommandierte Jean Bart) und dienen Befestigungen. Eine gleiche Zahl Schaluppen legte man in die Hafeneinfahrt, um sie zu sperren und um Branderangriffe auf die beiden hölzernen Molenforts abzuweisen; die ganze Stellung[464]war endlich durch Verankerung von abgetakelten, schwer armierten Schiffen, deren Feuer sich mit dem der Forts kreuzte, verstärkt.
Die Verbündeten konnten ihre schwereren Schiffe des Tiefgangs wegen nicht verwerten; das Gros der Flotte ankerte deshalb bei Gravelines und detachierte (11. August) 18 Mörserfahrzeuge, viele armierte Boote und einige Brander unter dem Schutz von 16 Fregatten sowie anderen kleineren Segeln. Die Mörserboote legten sich — zuerst etwas zu weit, dann aber näher — in Halbmondform um die Molenforts sowie das große Westfort und bombardierten von 8 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags; der Erfolg war gering, der Feind antwortete kräftig und Seegang beeinträchtigte das Schießen. Inzwischen wurde ein Angriff von 4 Infernals vorbereitet, von dem man sich gerade den Holzforts gegenüber großen Erfolg versprach. Ein neuer Gedanke des Erfinders sollte hierbei verwertet werden, nämlich den Angriff durch Vorausschicken vonRauchschiffen(eine Art Brander, die angezündet hauptsächlich Rauch erzeugten) zu maskieren; diese sollten einerseits das Feuer des Feindes auf sich ablenken, anderseits eben die Infernals verbergen. Auch diese Gruppe wurde durch einige Fregatten gedeckt, die voraussegelten und zuerst das Feuer auf sich zogen. Aber durch irgend welche Umstände verzögert, blieben Rauchschiffe und Infernals zu weit achteraus; die Fregatten mußten zurück und auch die armierten Boote, die gegen die feindlichen Schaluppen zwischen den Forts vorgegangen, wurden abgeschlagen. Als endlich der Angriff der Infernals erfolgte, hatte er das ganze Feuer auszuhalten; die Fahrzeuge wurden zu früh entzündet, verlassen und dann von französischen Booten aus gefahrdrohender Nähe geschleppt. Um 5 Uhr nachmittags gab Berkeley Befehl zum Rückzug. Da der Wind auflandig war und die Ebbe noch nicht eingesetzt hatte, wurde es den Mörserbooten und den deckenden Schiffen schwer, sich aus dem Feuer zu ziehen, sie litten sehr; mehrere kamen auf Strand und konnten erst bei der nächsten Flut wieder abgebracht werden, eine holländische Fregatte wurde genommen. Man hatte nichts erreicht, obgleich 1200 Bomben und 2000 Kugeln verschossen waren. (Dieser Vorfall gab Anlaß zu einer Abhandlung über die Schwierigkeit einer Beschießung von See aus im Vergleich zu einer solchen vom Lande: Man müsse sie ohne jede Deckung ausführen; sei abhängig von Wind und Strom; könne seine Stellung nicht so genau wählen; der Geschützstand sei zu bewegt.) Das Unternehmen wurde aufgegeben; man erachtete die Westseite für zu stark, weil man mit den schweren Schiffen nicht nahe genug kommen konnte, gegen die weniger starke Ostseite wagten die Lotsen nicht einmal kleinere Fahrzeuge heranzuführen.
Ein hierauf beschlossenerAngriff auf Calaiswurde durch ungünstige Wetterverhältnisse und dadurch verzögert, daß die Infernals nicht zur Stelle waren; man sagt, Meesters habe sich absichtlich mit ihnen ferngehalten, weil man ihm allein die Schuld des Mißerfolges gegen Dünkirchen zugeschoben hatte. Es wurde jetzt ein Versuch mit einem improvisierten Brander, gedeckt durch schwere Schiffsboote, gegen ein Fort gemacht, aber abgeschlagen; auch eine Beschießung durch Mörserboote hatte nur geringen Erfolg. Am 28. ging die Flotte nach England zurück und die Holländer trennten sich von ihr, weil Berkeley das Kommando an einen jüngeren Flaggoffizier abgab, unter dem Almonde nicht dienen wollte. Sie kreuzten noch einige Zeit im Kanal, dann wurden die Wintergeschwader gebildet.
Im Jahre 1696gaben die Verbündeten die Operationenim Mittelmeerauf. Anstatt das dort belassene Wintergeschwader wieder zu einer mächtigen Flotte zu verstärken, erhielt es den Befehl zur Heimkehr. Man scheint es müde geworden zu sein, Spanien zu unterstützen, weil dieses seinerseits den Krieg nur lau führte; es hatte nach dem ersten Jahre nie wieder zur Verstärkung der Seestreitkräfte beigetragen und trat auch am Lande stets ungenügend auf. Man glaubte auch wohl bei der eigenen fortschreitenden Erschöpfung alles, was man aufstellen konnte, in den nördlichen Gewässernnötiger zu haben; das Geschwader unverstärkt im Mittelmeer zu lassen, erschien nicht ratsam, weil Frankreich in Toulon stark rüstete. So verließ Rooke Anfang April Cadiz — infolge stürmischer Witterung etwa 14 Tage verzögert — und führte einen Convoi von 130 Levantefahrern heim. Es war unter diesen Umständen auch hohe Zeit, denn schon im März war Château Renault mit 47 Kriegsschiffen von Toulon in See gegangen und auch nur durch Sturm aufgehalten worden.
Als man im Winter den Beschluß faßte, das Mittelmeer aufzugeben, war allerdings im Kanal eine gewisse Gefahr aufgetaucht: Frankreich zog in Calais Truppen und in Dünkirchen Transporter zusammen. In den Niederlanden wurde zunächst ein Angriff auf Seeland von See her gefürchtet und in Eile dagegen gerüstet, so gut es der Winter erlaubte; da alle schweren Schiffe auflagen und ausgebessert wurden, stellte man hauptsächlich Schiffe der Kompagnie, Freibeuter und Fahrzeuge sonst nur zum Convoieren bestimmt, in Dienst und zog Truppen an der Küste zusammen. Bald aber erfuhr man, daß es demVersuch einer überraschenden Landung in Englandgelte. Noch einmal wollte Ludwig für Jakob eintreten; die Gelegenheit schien günstig, da die Königin Maria von England gestorben war und die Jakobiten sich aufs neue rührten.Jean Bartmit den in Dünkirchen vorhandenen Kriegsschiffen undde Nesmondmit einer Division von Brest sollten etwa 20000 Mann auf 300 Transportern hinüberführen; Jakob selbst begab sich nach Calais. Nun brachten die Holländer unter dem Schutz der eben in Dienst gestellten Schiffe einige tausend Mann in die Themse (im März) und die Engländer schickten gleichzeitig die Winterseestreitkräfte beider Länder, nach Möglichkeit noch verstärkt, in den Kanal.Russellerschien mit diesen an der französischen Küste bei Gravelines; er ging zwar bald zurück, ließ aber am 13. April durch ein Geschwader unter ShovelCalaisbeschießen, wohin sich die Transporter schon begeben hatten. Die Beschießung hatte zwar wenig Erfolg, aber Ludwig gab doch seinen Plan auf, weil er ein überraschendes Auftreten ausgeschlossen sah. Die Vorbereitungen waren nicht schnell und rechtzeitig genug fertig geworden; französische Quellen sagen: Jakob, leicht erkrankt, sei schuld an der Verzögerung gewesen. Jakobs Schicksal war hiermit endgültig entschieden.
Infolge dieses Vorganges trat auch dieSommerflotte der Verbündetenin diesem Jahre früher zusammen als in den Vorjahren, schon im April gingen die ersten Holländer nach England. Diese Flotte wird die übliche Stärke gehabt haben; das holländische Kontingent betrug 37 Linienschiffe, darunter 8 über 90 Kanonen.
Anfang Mai gingRooke, der den Oberbefehl übernommen hatte, mit den zur Zeit fertigen Schiffen kanalabwärts, um der in Brest erwarteten Toulonflotte entgegenzutreten; er kam zu spät, sie traf am 15. in Brest ein. (Ebensowenig gelang es einer Flottille, die unter Bembow Dünkirchen bewachte, zu hindern, daß Jean Bart mit seiner Division am 17. Mai auslief, wovon später.)
Die Flotte lag dann vom 3. Juni an untätig vor Torbay — die Holländer sagen, „Befehle aus London erwartend“; sie klagen, daß auf diese Weise in den letzten Jahren öfters die Operationen aufgehalten seien —, erst nach drei Wochen ging sie, nun unterBerkeleynach Brest, um den Feind herauszulocken. Ihr Erscheinen zwang die Division de Nesmond, die zum Kreuzerkrieg an die spanische Küste gehen wollte, zurückzulaufen. Man erfuhr dann, daß ein großer Teil der aus Toulon gekommenen Schiffe abrüste, daß also der Gegner nichts Größeres beabsichtige.Die verbündete Flottewandte sich deshalbwieder gegen die Küsten. Mit den Operationen gegen die Städte am Kanal hatte man nichts erreicht, so sollte nun versucht werden, den Gegner an der Westküste mehr zu schädigen; der Erfolg war noch geringer.
Die Flotte segelte nachBelleisle, wo Tromp vor 22 Jahren gelandet war. Da jedoch hier die Befestigungen zu stark erschienen, begnügte man sich damit, dieInseln Houat und Haedikzu verwüsten, und eine Abteilung von 8 Linienschiffen mit sämtlichen Mörserbooten südlicher zu senden. Dieses Detachement schoß am 15. JuliSt. Martinauf der Insel Ré und am 17. die kleine StadtLes Sables d'Olonneauf dem Festlande in Brand (2000 Bomben, die ganze Munition, verbraucht) und vereinigte sich wieder mit der Flotte.
Am 30. Juli wurde die Rückfahrt nach Torbay angetreten, um Vorräte zu ergänzen, und die Operationen hatten ein Ende. Vom holländischen Kontingent wurden gleich verschiedene Divisionen abberufen — zum besseren Schutz des Handels in der Nordsee und zur Deckung der erwarteten Ostindienfahrer — und im September verminderte man die Streitkräfte überhaupt auf eine gemeinsame Winterflotte. Diese übernahm in kleinen Divisionen den Handelsschutz. Eine solche Division führte einen Convoi nach dem Mittelmeer; die holländischen Schiffe dieser geleiteten im März 1697 wieder Kauffahrer heim; die englischen gingen unter VizeadmiralNevillenach Westindien, wo wir sie wieder treffen werden.
Vom Jahre 1697, in dem die Friedensverhandlungen begannen, sind keine größeren Ereignisse in europäischen Gewässern mehr zu melden. Die Sommerflotte unter Rooke wurde weit schwächer bemessen — die Holländer z. B. nur 22 Linienschiffe —; vereint oder in mehrere Teile geteilt, hielt sie im Kanal und in der Biscaya die kleinen französischen Divisionen, deren Zahl und Stärke immer geringer geworden war, im Schach.
Spanienwurde weiter seinem Schicksal überlassen und, wie schon erwähnt (Seite415), dadurch zum Frieden gezwungen. Die französischen Truppen, unterstützt durch ein Toulongeschwader unter d'Estrées, machten rasche Fortschritte;Barcelonafiel jetzt. Von Einfluß war auch einVorstoß der Franzosen in Westindien gegen Cartagena, dem seit alten Zeiten als Sammelplatz der Reichtümer von Peru stets beliebten Angriffsobjekt der Feinde Spaniens.
Im Januar 1697 verließ der Chef d'Escadrede Pointismit 6 Linienschiffen, 5 Fregatten, einigen Mörserbooten und kleinen Fahrzeugen sowie Transportern mit 6000 Mann Frankreich, um die spanischen Kolonien und die Silberflotten zu bedrohen;[467]in Westindien durch 12 Flibustier verstärkt, erreichte er am 12. April Cartagena. Nach regelrechter Belagerung zu Wasser und zu Lande wurden bis zum 30. nacheinander die 3 schützenden Forts erstürmt und am 4. Mai ergab sich die Stadt; sie mußte eine Kontribution von 10 Millionen zahlen, reiche Beute fiel den Siegern in die Hände; die Befestigungen wurden geschleift, da man den Platz nicht halten konnte und ihm überdies Hilfe nahte.