Chapter 31

Die Gesamtzahl von 1727 war schon um 1714 erreicht. Auch später wuchs der Bestand weiter, besonders in der III., V. und VI. Klasse. Nach einigen Quellen (z. B. Campbell) soll er in den dreißiger Jahren auf 70 Linienschiffe und 19 Schiffe von 50 Kanonen gefallen sein. (dagegen sagt Clowes, die Marine sei seit 1727 ständig gewachsen), doch waren nach derselben Angabe um 1744 wieder 90 Linienschiffe über 64 Kanonen und 84 Fregatten (wohl Klasse IV–VI) vorhanden.

Die Tabelle zeigt, wie die Entwicklung stetig in der früher geschilderten Weise (Seite174ff.) fortschreitet. Schon 1702 sehen wir einen geringen Zuwachs in der III. und IV. Klasse, einen bedeutenden in der V. und VI. 1727 haben sich die Grenzen der Klassen sehr verschoben, in allen ist die Armierung weit stärker geworden und auch der Tonnengehalt gewachsen.[260]Die Zahl der Schiffe von 60 Kanonen aufwärts ist sehr gewachsen, die der I. und II. Klasse jedoch nicht mit. Auch später nimmt der Bestand der III., V., VI. Klasse weiter zu. Die Schiffe der III. Klasse, bald nun 64–84 Kanonen, werden als die geeignetsten Schlachtschiffe erkannt, die der V., nun 30–40 Kanonen, und der VI., nun 20–30 Kanonen, als die geeignetsten Fahrzeuge gegen Kreuzer und Handelsschiffe; die Schiffe der IV. Klasse, nun 50–60 Kanonen, sind für die Linie zu leicht, für letzteren Zweck zu schwer; sie werden im Kolonialdienst verwendet.

In Hinsicht auf die Machtentfaltung der englischen Marine in dem jetzt zu besprechenden Kriege sind leider keine Angaben über die jährlichen Gesamtindienststellungen vorhanden; die Schilderung der Ereignisse sowie die späteren Schlußbetrachtungen werden zeigen, daß man sie auf 70–80 Linienschiffe und alle vorhandenen kleineren Fahrzeuge annehmen kann.

DemPersonalward weiter Fürsorge zuteil. Wir wissen, daß nach dem ersten englisch-holländischen Kriege der Seeoffizierstand anfing, ein Lebensberuf zu werden, daß man anstrebte, Personen der besseren Stände heranzuziehen; schon 1676 waren Bestimmungen erlassen, die dies begünstigen sollten. Um 1700 wurde der Halbsold eingeführt, auf den alle Kommandanten, ersteOffiziere und Master, wenn sie ein Jahr als solche gedient, ein Anrecht hatten. 1728 wurde in Portsmouth eine Marineschule (naval academy) mit Schlußprüfung als Vorbildungsschule gegründet. Jedoch nicht alle Offiziere besuchten diese; lange Jahre noch bis 1794 soll es (nach Clowes) vorteilhafter gewesen sein, als Page eines Admirals oder Kapitäns (Junker?) einzutreten. Seit 1688 gab es eine Rangliste, von 1700 an erschien sie von Zeit zu Zeit im Druck. Es entwickelte sich also immer mehr ein festes Seeoffizierkorps und dieses blieb in Übung, da die englische Marine auch nach dem Frieden von Utrecht mehrfach gezwungen war, große Flotten aufzustellen (Nordischer Krieg 1714 bis 1721; Quadrupelallianz gegen Spanien 1718–1720; 1733 eine aufs neue drohende Verwicklung mit Spanien; stets gegen die Barbaresken) und stets eine große Anzahl von Schiffen zur Wahrung der maritimen Interessen im Dienst halten mußte; auch wurden überzählige Offiziere zur Handelsmarine beurlaubt.

In diese Jahre fällt wohl die Ausbildung des dem englischen Seeoffizierkorps des 18. Jahrh. eigentümlichen Charakters im Gegensatz zu dem des französischen (vgl. Seite319); bei der Verschmelzung des Soldaten und des Seemanns gewann der Seemann die Überhand. Macaulay sagt: „In der Marine Karls II. gab es Sailors und Gentlemen, aber die Seeleute waren keine Gentlemen und diese keine Sailors.“ Man muß dabei beachten, daß die Gentlemen eben das militärische Element darstellten. Als nun die Offiziere im allgemeinen den seemännischen Dienst übernahmen, verdrängte der Seemann allmählich den Gentleman und mit ihm den militärischen Ton und Geist. „Selbst Männer aus guter Familie, wie die Admirale Wilhelms III., Herbert und Russell, die wirklich Seeleute waren, konnten nur als solche gelten, indem sie die derben Manieren der Teerjacken annahmen.“ Zwischen dem Spanischen Erbfolgekrieg und den großen Seekriegen des nächsten Abschnittes liegen nun 30 Jahre, in denen die englischen Offiziere viel zur See fuhren, aber nie beachtenswerten Gegnern entgegenzutreten hatten. Da wuchs wohl ihre Lust und ihr Interesse am rein seemännischen Dienste immer mehr, und so ist es gekommen, daß sie später — im Gegensatz zu den Franzosen und längere Zeit zu ihrem Nachteile — mehr ihren Ruhm in geschickten Segelmanövern als in der Entwicklung der militärischen Leistungsfähigkeit ihrer Schiffe suchten, daß sogar der Taktik für Verbände zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Auch für die Mannschaft wurde von 1700 ab manches getan. Es wurden die Zahlung eines Handgeldes beim Eintritt, Zulagen für gute Führung sowie Pensionen für Witwen und Waisen der Gefallenen eingeführt; das Hospital in Greenwich für Invalide wurde gegründet. Eine wichtige Änderung betraf die Seetruppen. Man hatte bei diesen — seit 1664 bestehend, jedoch zeitweise und so auch 1699 aufgelöst — bisher nicht nur den Zweck im Auge gehabt, auf den Schiffen gute Gewehrschützen und Landungsmannschaften zu haben, sondern sie dienten auch zur Auffüllung der Besatzungen. Am Lande wurden sie auf den Werften beschäftigt; Leute, die hier und an Bord einige seemännische Erfahrung gewonnen hatten, wurden dann gern als Matrosen eingestellt. 1702 wurden nun 6 neue Regimenter gegründet, aber nicht mehr als Schule und Ersatz für Matrosen; eine Versetzung zu diesen wurde verboten. Sie waren so eine rein militärische Truppe, stets zur Verfügung der Admiralität für überseeische Expeditionen; als eine stehende Truppe im Gegensatz zu denMatrosen trugen sie jetzt noch mehr als schon bisher zur Hebung der Disziplin und des militärischen Geistes an Bord bei. Es war dies wichtig, denn immer noch mußte bei Einstellung der Matrosen zum Pressen, wobei man in der Wahl der Personen wenig wählerisch war, gegriffen werden; der ungemein stark zunehmende Seehandel schuf zwar zahlreiche und vorzügliche Seeleute, aber diese waren bei Ausbruch eines Krieges über die ganze Erde zerstreut.

Corbett sagt: „Einer der Hauptbeweggründe Wilhelms III. zur Errichtung der Seeregimenter 1702 ist gewesen, eine stehende Truppe für Expeditionen in dem bevorstehenden Kriege zu haben. Gegen ein stehendes Heer hatte sich das Parlament 1699 energisch gewehrt, da waren auch die bisherigen Seetruppen weggefallen; als ein Teil der geliebten Marine wurden sie wieder bewilligt. Daß sie 1704 bereit waren, hat die Erwerbung von Gibraltar und Port Mahon für England sehr begünstigt; 1702 wurde die Entsendung der Flotte ins Mittelmeer durch Mangel an Soldaten sehr verzögert.“

England übernahm im Spanischen Erbfolgekriege wie im vorigen Kriege die Hauptleistung zur See, es verpflichtete sich, 5/8 der gemeinsamen Seestreitkräfte zu stellen; mit dem Nachlassen Hollands mußte es seine Kräfte noch mehr anspannen. Beim Frieden von Utrecht stand die englische Marine allein noch groß da und wurde in der Zukunft so erhalten.

Schonim Jahre 1701begannen England und Holland zu rüsten. Eine starke gemeinsame Flotte wurde im April in Portsmouth unterAdmiral Sir George Rookezusammengezogen, um beim Ausbruch des Krieges bereit zu sein.

Holland hatte 24 Linienschiffe in Dienst gestellt. Der größere Teil davon befand sich unter Leutnantadmiral Almonde bei der gemeinsamen Flotte; da sich aber Holland nach Besetzung der Grenzbefestigungen in den spanischen Niederlanden durch die Franzosen auch zu Lande bedroht sah, blieb der Rest der Linienschiffe bei Schooneveld, und zur Beschützung der Seegatten war eine große Zahl von Fregatten, Convoijers und flachgehenden Fahrzeugen in Dienst gestellt, Truppen waren mobil gemacht und Marlborough stand mit 10000 Engländern in Holland.

Die Flotte blieb lange untätig. Es lag wahrscheinlich (nach Corbett) in der Absicht Wilhelms III., als er sich im Sommer 1701 im Haag befand, um die Verhandlungen mit Frankreich auf Grund der letzten Vermittlungsvorschläge zu leiten, sie nach der spanischen Küste zu senden, um einen Druck auf den Gang der Unterhandlungen auszuüben oder um bei Ausbruch des Krieges sofort einen Angriff auf Cadiz zu unternehmen. Hierdurch wäre nicht nur der spanische Handel arg bedroht gewesen, sondern man hätte auch die Straße von Gibraltar beherrscht und die Verbindung der französischenSeestreitkräfte des Mittelmeeres und des Atlantik unterbrochen. Man mußte sogar darauf gefaßt sein, daß Frankreich sich dieses Stützpunktes bemächtigen würde. Ludwig XIV. hatte gezeigt, daß er mit einem Kampfe um die Seeherrschaft im Mittelmeer rechnete; unmittelbar nach Anerkennung des Testamentes Karls II. von Spanien hatte er die Regentschaftsjunta gebeten, die Befestigungen der spanischen Häfen, insbesondere die von Cadiz, Gibraltar und Port Mahon zu verstärken, und ihr zu diesem Zwecke Offiziere zur Verfügung gestellt. Rooke soll gegen diesen Plan gewesen sein, weil er sich wie die meisten Admirale jener Zeit scheute, so spät im Jahre nach dem Süden zu gehen, daß er gezwungen sein würde, im Herbst mit schweren Schiffen nach dem Kanal zurückzukehren. Wir wissen, daß auch im vorigen Kriege die Seeoffiziere sich sträubten, bis zum Herbst an der spanischen Küste zu bleiben, und damals standen ihnen die spanischen und portugiesischen Häfen zur Verfügung.

Als aber die Verhandlungen nicht fortschritten und man erfuhr, daß ein kleines französisches Geschwader unter Coëtlogon Anfang August mit Truppen und Kriegsmaterial von Brest nach Westindien auslaufen und ein zweites größeres (etwa 10 Linienschiffe) unter Vizeadmiral Château-Renault in See gehen solle, wurden die Operationen zur See begonnen; Rooke erhielt Befehl, Château-Renault zu beobachten, oder, falls dieser schon ausgelaufen, zum Schutz des Handels vor dem Kanal zu kreuzen. Von der Entsendung der großen Flotte nach dem Süden war also abgesehen, sei es, daß Rookes Einwendungen Erfolg gehabt haben, sei es, daß man es nicht für nötig hielt, weil man erfahren hatte, daß die übrigen französischen Schiffe in Brest erst zur Indienststellung im nächsten Frühjahr bestimmt seien. Ein Teil der Hauptflotte sollte jedoch nach dem Süden abgezweigt werden. Rooke ging am 25. August in See, erreichte am 13. September Ouessant und entließ hier das erwähnte Geschwader; er ging dann nach Brest, sah, daß Renault ausgelaufen war und kehrte nach Portsmouth zurück. Bald darauf wurde die Flotte aufgelöst und der Winterdienst eingerichtet.

Der abgezweigte Teil der Flotte — 25 englische und 10 holländische (Kontreadmiral Wassenaer) Linienschiffe — unterVizeadmiral Benbowwar zunächst bestimmt, auf der Route der spanischen Silberflotte, die unter französischer Bedeckung erwartet wurde, zu kreuzen. Sollte er sie auch vor Ausbruch des Krieges aufbringen, wie man es früher mit holländischen Convois gemacht hatte? In seiner Order war (nach Corbett) gesagt: Die Franzosen zu hindern, sich der Silberflotte zu bemächtigen und „to take care of it for those, who were intitled to it“. Später sollte Benbow dann mit 10 englischen Linienschiffen nach Westindien zur Verstärkung dieser Station gehen. Am 10. Oktober erreichte er die Azoren und hörte hier, daß die Silberflotte schon in Cadiz eingetroffen sei; tatsächlich war sie gar nicht gesegelt. Das französische Geschwader Coëtlogon hatte längere Zeit auf sie gewartet und war dann allein zurückgekehrt (in Brest Februar 1702); die Galeonen waren nicht fertig gewesen oder zurückgehalten, weil man die Bedeckung für ungenügendhielt. Der größere Teil des Geschwaders Benbows ging nach England heim, er selber traf am 13. November in Barbados ein; wir kommen später auf ihn zurück.[262]

Château-Renaultwar mit seinem Geschwader von Brest (26. August) nach Lissabon gegangen; er sollte auf Portugal einen Druck dahin ausüben, der Verbindung mit Frankreich treu zu bleiben. Von dort ging er nach Cadiz (Ende Oktober). Hier traf er eine französische Flotte unter Vizeadmiral Comte d'Estrées, der durch Aufklärungsschiffe von Benbows Expedition unterrichtet war. Renault ging nun mit 14 Linienschiffen nach Westindien, nahm die Silberflotte in Vera-Cruz unter seinen Schutz (März 1702) und führte sie über Havanna nach Vigo; über seine Vernichtung dort werden wir bald Näheres erfahren.

D'Estréeshatte seit Mai an der spanischen Küste einige 20 Linienschiffe, von Toulon aber auch aus Brest, zusammengezogen und nach Cadiz geführt; ein weiterer Beweis, daß auch Frankreich die Wichtigkeit dieser Position erkannt hatte. Durch Renault wäre er sehr verstärkt gewesen, falls es nötig geworden wäre, der Flotte der Verbündeten entgegenzutreten. Nach Renaults Abfahrt verließ auch d'Estrées Cadiz, wo er nur einige Schiffe zurückließ. Er brachte spanische Truppen nach Neapel und Sicilien, wo Aufstände der Kaiserlich-Gesinnten begonnen hatten, und ging dann für den Winter nach Toulon zurück.

Zusammenstöße auf der See hatte also das Jahr 1701 noch nicht gebracht.

Das Jahr 1702. Angriff auf Cadiz. Vernichtung der Silberflotte in Vigo.Im September 1701 war der Vertrag zwischen den Seemächten und dem Kaiser geschlossen, nach dem die spanischen Niederlande besetzt, die italienischen Provinzen für den Kaiser erobert werden und die Seemächte das Recht haben sollten, überseeische spanische Besitzungen für sich zu erwerben. England und Holland beschlossen daraufhin, frühzeitig im Jahre 1702 wieder eine große gemeinsame Flotte aufzustellen.

Es ist nun bisher angenommen, daß man mit dieser Flotte zunächst einen Vorstoß gegen Cadiz, als den reichen und wichtigen Stützpunkt des spanischen Handels nach Amerika, habe machen wollen und daß dann die Seestreitkräfte weiter vornehmlich gegen diesen Handel und gegen die spanischen Kolonien verwendet sein würden. Dies hätte ja auch dem zum Vorteil der Seemächte im Vertrage aufgenommenen Satze in erster Linie entsprochen. Corbett sagt aber, nach den neuesten Forschungen sei es zweifellos, daß Wilhelm III. und mit ihm Marlborough die Einnahme von Cadiz nicht hauptsächlich als einen Schlag gegen den Handel und daneben als eine Diversion, sondern von einem höheren strategischen Standpunkte aus ins Auge gefaßt habe. Er habe von Anfang an beabsichtigt, die Seeherrschaft im Mittelmeer zu erringen, um die französischen Streitkräfte zu trennen, Frankreich von den Zufuhrenim Mittelmeer abzuschneiden, in den Landkrieg in Italien einzugreifen, ja, in Frankreich selber vom Süden her einzudringen; hierzu war es nötig, den Verbündeten Stützpunkte zu verschaffen, die England dann wohl behalten wollte.

Da sich die Angaben der anderen Quellen über die Operationen wohl mit dieser Ansicht in Einklang bringen lassen und da anderseits jene Quellen überdie Vorgeschichte der Cadiz-ExpeditionNäheres nicht enthalten, so sei eine solche nach Corbett gegeben:

Rooke legte im Januar 1702 dem Könige einen Plan für die Verwendung der Flotte vor. Er rechnete mit einer gemeinsamen Flotte von 80 englischen und 50 holländischen Linienschiffen; was sonst noch an Seestreitkräften vorhanden war, bestimmte er für den Schutz des Handels im Kanal. Von der großen Flotte sollten nur 30 Engländer und 20 Holländer mit 8000 Mann Landungstruppen nach dem Süden gehen, um „irgend etwas“ in Spanien oder Portugal zu unternehmen. Über die Verwendung des größeren Restes sagt der Plan nichts; er sollte wohl im Norden bleiben, um französischen Unternehmungen entgegenzutreten oder die feindlichen Küsten zu bedrohen. Es war dies also — so sagt Corbett — nicht viel mehr als die unbestimmte Defensivstrategie zur Zeit Elisabeths, gegen die schon Drake energisch gesprochen hatte.

Während nun Holland und die deutschen Fürsten mit diesem Plane wohl einverstanden waren, in der Hoffnung, daß dadurch französische Truppen von ihren Grenzen abgezogen würden, hatte Wilhelm III. (und Marlborough) eben mit den vorhin erwähnten Absichten die Inbesitznahme von Cadiz durch die Hauptflotte im Auge und hiermit stimmten der Kaiser und Prinz Eugen in Hinblick auf den Krieg in Norditalien und auf die Eroberung beider Sicilien überein. Mit Beziehung hierauf sagt Corbett: „Wenn nun bisher angenommen wurde, die Seemächte hätten anfangs den Krieg hauptsächlich gegen Handel und Kolonien führen wollen, das Unternehmen gegen Cadiz habe nur diesem Zwecke dienen sollen und nur durch Zufall — durch den Ausbruch des Landkrieges in Spanien 1704 — sei die Haupttätigkeit der Seestreitkräfte ins Mittelmeer verlegt, so ist das nicht zutreffend; Wilhelm schaute weiter. Es wird dies schon durch die erste Instruktion bewiesen, die Rooke erhielt, als der Krieg (4. Mai) erklärt war. (Die Order war nicht mehr vom Könige unterzeichnet, aber in seinem Sinne gehalten.) Sie besagte, Rooke solle Cadiz oder — falls sich herausstellte, daß dieser Platz zu stark oder von einer zu großen Flotte gedeckt sei — Gibraltar, Vigo, Ponta Vedra, Coruña oder sonst einen geeigneten Hafen nehmen und den Landtruppen dort ein genügend starkes Geschwader lassen, um ihn zu halten; dann erst solle ein Teil der Flotte mit 2000 Mann nach Westindien abgezweigt werden. Angriffe auf spanische Kolonien standen also nach Zeit und Bedeutung erst in zweiter Linie, einen Stützpunkt für Operationen im Mittelmeer zu gewinnen, war die Hauptsache. Die Befehle für die Flotte in späteren Jahren, auch ehe Karl III. in Portugal landete, bestätigen dies und zeigen auch, daß man schon damals daran dachte, Frankreich vom Mittelmeer aus anzugreifen. Marlborough sagte später im Oberhause, er habe Befehl von der Königin erhalten, mit Prinz Eugen über einen Angriff auf Toulon zu unterhandeln, dessen Eroberung Ihre Majestät von Beginn des Krieges an als das beste Mittel zu seiner Beendigung erkannt habe.“

Nach vorstehendem ist anzunehmen, daß die Operationen für das Jahr 1702 dem Plane Wilhelms entsprechend angesetzt sind, sie wurden aber nicht mit der nötigen Tatkraft begonnen und durchgeführt. Der König befand sich in den Niederlanden, wurde bald schwer krank und starb vor der Kriegserklärung. Die Königin Anna führte zwar die Politik in seinem Sinne fort, konnte aber den Widerstand, der sich dem geplanten Vorgehen zur See von gewisser Seite entgegenstellte, nicht überwinden; Marlborough, der dieses mit aller Kraft weiter vertrat, befand sich bei dem Heere auf dem Festlande.

Die Rüstungen der Verbündetenhatten rechtzeitig begonnen. Holland beschloß 48 Linienschiffe in Dienst zu stellen, England hätte demnach 80 zur gemeinsamen Flotte liefern müssen und diese würde 128 Schlachtschiffe stark gewesen sein; mit 130 rechnete ja auch Rooke in seinem Plane. Auf der Flotte, die nach Spanien gehen sollte, wollte man 10000 englische und 5000 holländische Soldaten einschiffen. Es währte jedoch sehr lange, bis eine gemeinsame Flotte operationsbereit war; die Gründe der Verzögerung sind wohl in der Krankheit und dem Tode (8. März) Wilhelms zu suchen.

Wenn auch die holländischen Schiffe sich schon im März in den Seegatten sammelten, so verging doch nach dem Tode Wilhelms lange Zeit mit Verhandlungen, inwieweit der alte Vertrag über die Aufstellung der gemeinsamen Flotte bestehen bleiben solle (endgültig abgeschlossen erst am 9. Juni 1703), und erst am 31. Mai kam das holländische Kontingent in Spithead an. Hier fand es auch die englische Flotte noch nicht bereit; es fehlte besonders an Soldaten für das Landungskorps, weil die neuerrichteten Seeregimenter noch nicht voll aufgestellt waren, aber auch sonst waren die Rüstungen im Rückstande.

Erst Ende Juni lagen bei St. Helens seeklar: 30 englische und 20 holländische Linienschiffe über 50 Kanonen, 13 Fregatten, 9 Brander, 8 Mörserboote und zahlreiche Transporter für Soldaten, Proviant und Kriegsmaterial sowie 6 Hospitalschiffe, insgesamt 160–200 Segel; etwa 9000 englische und 4000 holländische Soldaten, in beiden Ländern meist den Seeregimentern entnommen, waren eingeschifft. Den Oberbefehl führteAdmiral Rooke, die Holländer kommandierte Leutnantadmiralvon Almonde; das Landungskorps stand unter den GeneralenHerzog von Ormond(englisch) undde Sparre(holländisch).

Neben dieser Hauptflotte hatte Holland ein Geschwader von 15 Linienschiffen unter Vizeadmiral Evertsen an der flämischen Küste gegen Unternehmungen der Franzosen auf diese im Dienst und England eine Flotte von 30 Schiffen (später noch verstärkt) unterAdmiral Shovelim Kanal, die bei Abwesenheit der Hauptflotte Brest blockieren und den Handel schützen sollte. In beiden Staaten war also die geplante Stärke der Gesamtindienststellung nicht erreicht.

Aber auch jetzt begannen die Operationen noch nicht, obgleich der Krieg am 4. Mai erklärt war. Wenn nun auch dieser weitere Verzug wohl mit eine Folge des Personalwechsels in den höheren Stellungen der englischen Admiralität nach dem Tode Wilhelms III. war — Mitte Mai war der Gemahl der Königin Anna, Prinz Georg von Dänemark, zum Lordhighadmiral ernannt; der vorhin angeführte Befehl für die Flotte wurde erst am 7. Juni erlassen —, so wird doch allgemein die Hauptschuld dem Admiral Rooke zugeschrieben. Wieder äußerte dieser mit fortschreitender Jahreszeit seine Bedenken, die großen Schiffe nach dem Süden zu führen; die Order entsprach eben nicht seiner Ansicht. Unterstützt wurde er durch Shovel, der erklärte, mit seinen 30 Schiffen könne er seine Aufgabe nicht lösen; Shovel äußerte auch, wenn man dem Feinde nur gleich sei, könne man nie auf einen entscheidenden Sieg rechnen.[263]

Die neue Admiralität bestand nun zwar noch energischer auf der Durchführung des Planes Wilhelms — der Bruder Marlboroughs, der in der Admiralität angestellt war, hatte großen Einfluß auf den Prinzadmiral und arbeitete im Sinne seines Bruders, während der vorhergehende Lordhighadmiral Lord Pembroke die Ansicht Rookes teilte —, sie hatte jedoch in ihrem Streben, Rooke anzutreiben, wenig Erfolg.

Über dieRüstungen der Franzosenin diesem Jahre liegen nähere Angaben nicht vor; aus den französischen Quellen kann man entnehmen, daß sowohl in Brest wie in Toulon zahlreiche Indienststellungen stattgefunden haben, die zusammen wohl eine Flotte gebildet hätten, mit der die Gegner rechnen mußten. Kleinere Geschwader oder Divisionen waren wie zu Ende des vorigen Krieges zum Schutz der Häfen, zur Bedrohung des feindlichen Handels oder zu bestimmten Zwecken in Dienst gestellt; einige von diesen (unter berühmten Führern, wie: du Casse, Saint-Pol; Forbin, Trouin) werden uns bei Betrachtung des kleinen Krieges beschäftigen.

Eine solche Abteilung sei hier erwähnt, da sie von Bedeutung für den Landkrieg in Norditalien war. Dort warPrinz Eugenauf Zufuhren von Triest über Venedig angewiesen, und im Juni 1702 erschienForbinmit einigen Fregatten im Adriatischen Meere. Es gelang ihm, die Verbindung zu unterbrechen, doch wurde er bald abberufen, weil er zu scharf gegen die neutrale Republik Venedig vorging; immerhin war die Folge, daß die Befehle für die Flotte der Verbündeten später darauf hinwiesen, das Adriatische Meer von französischen Streitkräften freizuhalten.

Eine zweite Abteilung gab den Anlaß zu den ersten Operationen der Hauptflotte der Verbündeten. Eine auf Erkundung im April ausgesandte englische Fregatte meldete, daß sich in La Rochelle ein Geschwader sammle, um Truppen von Ferrol oder Coruña nach Westindien zu bringen sowie Galeonen dorthin zu geleiten. (Es war du Casse mit 6 Linienschiffen und 8 Transportern.) Infolgedessen wurden im Mai 9 Linienschiffe nebst 2 Fregatten ausgesandt, um du Casse abzufangen. Der Führer,Sir John Munden, sichtete am 27. Mai 14 Franzosen bei ihrem Einlaufen in Ferrol. Da er sie alle für Kriegsschiffe hielt und auch nach anderen Nachrichten 17 feindliche Linienschiffe in Ferrol vermutete, ging er nach England zurück (Ende Juni dort. In kriegsgerichtlicher Untersuchung freigesprochen, wurde Munden doch der öffentlichen Meinung zuliebe entlassen). Nun beschloß der Kriegsrat der Flotte, zu einem See- und Landangriff gegen Coruña vorzugehen und sich dann gegen Cadiz zu wenden; die Admiralität stimmte bei, hielt aber auch ihre früheren Befehle aufrecht und betonte, falls der Spätherbst vor Lösung der Aufgaben einträte, solle Rooke die schweren Schiffe in dem von ihm genommenen spanischen Hafen bergen; alles zur Neuausrüstung Nötige werde man hinaussenden.

Anfang Juli sandteRookeetwa die Hälfte der Flotte — 22 Linienschiffe unter Admiral Fairborne — voraus; sie sollte die Franzosen in Coruña festhalten oder, wenn diese schon ausgelaufen wären, ihn bei Finisterre erwarten.Er selbst verließ mit dem Rest bald darauf St. Helens, blieb dann aber wieder „wegen Gegenwindes“ in Torbay liegen; seine Bedenken wegen der schweren Schiffe hatte er immer wieder zur Sprache gebracht. Endlich gelang es der Admiralität, ihn dadurch in Bewegung zu setzen, daß sie verfügte, Shovel solle ihm seine schweren Schiffe gegen leichtere umtauschen, wodurch auch dieser seinem Wunsche gemäß verstärkt würde. Dies paßte Rooke nicht; er verließ, ehe Shovel ihn erreichte, am 1. August den Kanal.

Der Admiralität erschien ein baldiges Auslaufen geboten, weil von Benbow in Westindien die Nachricht eingegangen war (14. Juli), daß Château-Renault im März mit der Silberflotte die Heimreise antreten werde. Diese war, wie wir wissen, im Vorjahre zurückgehalten und Spanien fühlte schmerzlich den Ausfall; mit ihrem Abfangen konnte ihm ein schwerer Schlag zugefügt werden. Es wurde deshalb der Befehl erlassen, daß Rooke die spanische Küste von Cadiz nördlich und Shovel die französische von Brest südlich sperren solle. Im übrigen blieb die alte Order wieder bestehen, nur wurde Gibraltar von den etwa zu nehmenden Plätzen gestrichen und auch dem Admiral freigestellt, mit den schweren Schiffen heimzukehren, sobald ein Hafen genommen sei; er habe dann Shovel durch 10–12 gute Schiffe zu verstärken, falls Renault noch nicht eingetroffen sei. Man glaubte in England und in Frankreich, Renault würde die Silberflotte nach einem französischen Hafen führen.

Am 10. August traf Rooke bei Finisterre ein und stellte fest, daß die Franzosen Coruña verlassen hatten. Sie waren schon vor Fairbornes Ankunft ausgelaufen; dieser war durch Sturm vom Rendezvousplatze vertrieben, vereinigte sich aber am 18. August vor Lissabon mit der Hauptflotte. Jetzt wandte sichRooke gegen Cadiz. Dieses Unternehmen sollte jedoch kläglich verlaufen, da es ohne jede Tatkraft und Umsicht ins Werk gesetzt wurde; dies ist um so auffallender, als es doch so lange vorbereitet war und man die Erfahrungen des glorreichen Angriffes 1596 (Howard und Essex) sowie des Mißerfolges 1625 (Wimbledon) für sich hatte. Der diesmalige Mißerfolg wird von den Quellen den verschiedenen Führern zugeschrieben: die Holländer (z. B. de Jonge) klagen den General Ormond des Mangels an Tatkraft an, hervorgerufen durch Unfähigkeit oder gar böse Absicht, weil er ein Gegner Marlboroughs gewesen sei; englische Quellen (und zwar fast alle) schieben die Schuld mehr auf die Lauheit Rookes und seiner Flaggoffiziere (Fairborne ausgenommen) sowie auf Mangel an Einigkeit zwischen den Land- und Seeoffizieren. Die Schilderung wird zeigen, daß beide Auffassungen ihre Berechtigung haben; hinzu trat noch die Einwirkung desPrinzen Georg von Hessen-Darmstadt,[264]der sich als Repräsentant des Kaisers auf der Flotte befand. Dieser sprach gegen jedes allzu schroffe Auftreten,in der Absicht; die Bevölkerung Südspaniens für Habsburg zu gewinnen oder sie wenigstens nicht dagegen auf zubringen; man muß annehmen, daß seine Bedenken dann den englischen Führern ganz erwünscht kamen. Von Rooke sagen Zeitgenossen, er habe von dem Unternehmen so gleichgültig gesprochen, daß man daraus hätte folgern können, er würde dem Feinde nicht viel Schaden tun; er lag auch während der Ausreise und während des Angriffs fast stets krank (?) im Bett.Der Angriffbietet wenig von Bedeutung.

Am 23. August ankerte die Flotte in der Bucht westlich von Cadiz. Hier lagen 3 Kriegsschiffe und einige (4–6) Galeren der Franzosen, die in den Hafen einliefen; Fairborne wollte sofort folgen, aber Rooke verbot es. Auf der Reise war öfters Kriegsrat abgehalten, meist Land- und Seeoffiziere getrennt, es bestand jedoch noch kein Plan über das, was man unternehmen und wie weit man gehen wollte. Eine Aufforderung zur Übergabe, gestellt in der Hoffnung auf habsburgische Gesinnung in der Stadt, wurde abgelehnt; man erfuhr, daß die Befestigungen gut im Stande seien, und daß 4000–5000 Mann in der Stadt lägen, und hielt deshalb einen Handstreich für ausgeschlossen. Nach seiner Instruktion hätte Rooke sich jetzt gegen einen anderen Hafen wenden können; die Order scheint nur mit einem Handstreich gerechnet zu haben, sei es, um nicht zu viel aufs Spiel zu setzen oder um nicht zu lange Zeit auf eine Belagerung zu verwenden, sei es, um die Bevölkerung zu schonen, aus demselben Grunde, den der Prinz von Hessen vertrat. Ein gemeinsamer Kriegsrat beschloß aber den Angriff.[265]Der Generalstabschef Ormonds schlug nach einer Erkundung vor, auf der Insel Leon, also möglichst nahe östlich von der Stadt, zu landen; der Kriegsrat lehnte es ab, vielleicht aus seemännischen Gründen (zu offene Küste). Die Truppen wurden zwischen S. Catalina und Rota ausgeschifft und Rota besetzt; beides geschah ohne nennenswerten Widerstand. Erst nach fünf Tagen marschierte Ormond nach S. Maria, das verlassen vorgefunden wurde; auch hier blieb man vier Tage untätig stehen, plünderte aber die Stadt, ja selbst die Kirchen, und diese Plünderung, an der sich sogar Offiziere, auch der höheren Dienstgrade, beteiligten, wirkte höchst nachteilig für die habsburgische Sache. Große Weinlager waren gefunden worden und die schlecht in Disziplin gehaltenen, meist betrunkenen Leute „behaved in a most disgraceful and abominable manner“ (nach Clowes). Inzwischen war S. Catalina von den Mörserbooten beschossen und ergab sich sofort einem heranrückenden kleinen Truppenteil.

Bis dahin waren also Erfolge erzielt, wenn auch langsam; Almonde soll stets versucht haben, durch General Sparre bei Ormond auf lebhafteres Vorgehen hinzuwirken. Jetzt mußte man den Hafen und Cadiz selbst angreifen; hierzu war die Mitwirkung der Flotte nötig. Man wollte das Fort Matagorda nehmen, das dem Fort Puntales gegenüber gelegen die Einfahrt von Osten her deckte, sowohl um der Flotte das Einlaufen in den Hafen zu erleichtern, als auch um von dort die Truppen auf die Insel Leon überzuführen. General Sparre marschierte mit 3000 Mann über Puerto Real vor das Fort, konnte aber wegen der schlechten Wege nicht genügend Artillerie hinschaffen. Die Flotte machte Schwierigkeiten, Truppen usw. von S. Maria oder Rota dorthin zu bringen: die Schiffe müßten erst Wasser nehmen und könnten auch die Boote nicht entbehren. Geradezu ablehnend verhielt sich Rooke nicht, aber er tat auch nichts. Schon waren Schiffe zum Forcieren bestimmt gewesen, falls Matagorda gefallen sei, später jedoch äußerte sich der Kriegsrat der Seeoffiziere wieder, auch dann könnten die Schiffe nicht einlaufen; er schlug vor, zunächst die Stadt in einer „günstigen“ Nacht zu beschießen. Hiergegen[515]sprach aber der Prinz von Hessen und auch Rooke fand nie günstiges Wetter. Matagorda hielt sich, unterstützt durch das Feuer der Galeren, und die Spanier versenkten Schiffe in der Einfahrt. Der Kriegsrat der Landoffiziere erklärte, ohne Hilfe der Flotte könne das Landungskorps das Fort nicht nehmen und nicht vor die Stadt gelangen, da es der schlechten Wege und der vielen Wasserläufe halber von P. Reale nicht ganz über Land bis zur Insel Leon marschieren könne; zu einer förmlichen Belagerung fehle ihm überhaupt das nötige Material. So wurde am 16. September allgemein beschlossen, das Unternehmen aufzugeben; nachdem alle Magazine mit Schiffs- und Kriegsvorräten in den besetzten Plätzen verbrannt waren, schiffte man am 25. September die Truppen ein.

Man hatte nichts erreicht als die Vernichtung einiger Magazine, und weit mehr hatte die Plünderung der Ortschaften der allgemeinen Sache geschadet.

Rooke und sein Kriegsrat beschlossen, nach England zurückzukehren, sie hatten nur die Sicherheit der Schiffe im Auge. Es ist möglich, daß auch die Lauheit bei dem Unternehmen teilweise dem Gedanken zuzuschreiben ist, die Flotte unversehrt zu erhalten, falls eine französische sich zeigen sollte. Vergeblich versuchte der Prinz von Hessen, unterstützt durch die Generale und durch Almonde, Rooke zu bewegen, einen anderen Hafen zu nehmen. Der Prinz wies auf die in der Instruktion genannten Städte hin, Rooke fand bei allen seemännische Bedenken; der Prinz schlug einen Hafen an der Ostküste vor — z. B. Valencia, Aragonien und Katalonien würden sich gegen Philipp V. erheben — Rooke sagte, seine letzte Order verböte ihm, weiter als Cadiz zu gehen. Eine Rückkehr nach England lag keineswegs in der Absicht der englischen Regierung, wie aus späteren Befehlen zu ersehen ist. Der Admiral hat diese wohl nicht rechtzeitig erhalten; aber auch eine Aufforderung des englischen Gesandten (Methuen) in Portugal, nach Lissabon zu kommen und dort zu überwintern, konnte seinen Entschluß nicht ändern.

Am 1. Oktober verließ die Flotte die Bucht von Cadiz, nahm vor Lagos Wasser, zweigte hier 6 Linienschiffe mit 2000 oder 3000 Mann auf Transportern unter Kapitän Walker nach Westindien zur Verstärkung Benbows ab und trat dann die Reise nach England an.

Einige Andeutungen über die ebenerwähnten späteren Befehle (genauer in Corbett, Teil II, Seite 266): Mitte August wurde Rooke die Einnahme von Cadiz dringender als bisher ans Herz gelegt; man wußte, daß Frankreich wieder im Adriatischen Meere sich zeige, und glaubte, daß von Toulon eine größere Macht dorthin abgehen solle. Mit dem Zurückbringen seiner Schiffe im Winter brauche Rooke nicht zu rechnen; er könne in Cadiz bleiben, weil im Frühjahr eine große Flotte im Mittelmeer auftreten solle. (Marlboroughs Plan gegen Südfrankreich und Eroberung Neapels für den Kaiser.)

Ein zweiter Befehl, Mitte September, als die ungünstigen Nachrichten von Cadiz eingetroffen, weist wiederum auf Einnahme eines anderen Platzes hin. Man wollte Rooke an der spanischen Küste festhalten, weil man wußte, daß die Silberflotte bald ankommen müsse und in einen spanischen Hafen einlaufen wolle.

Die dritte Verfügung, vom 24. September, als man annahm, die Silberflotte müsse schon unbemerkt eingelaufen sein, fordert wieder die Eroberung von Cadiz; jedenfalls müsse Ormond kräftig unterstützt werden, die großen Schiffe solle Rooke, wenn durchaus nötig, nach Lissabon schicken. Methuen teilte ihm mit, er könne dorthin kommen. Der König schwanke schon, seitdem die Flotte an der Küste sei; käme eine Streitmacht in den Tajo, so würde er den Verbündeten beitreten. Diese Nachricht erhielt Rooke in Lagos.

Stürmische Gegenwinde ließen die Reise längs der Küste nur langsam fortschreiten und hierdurch sollte Rooke die Gelegenheit finden, einen großen Schlag zu tun:

Die Vernichtung der Silberflotte in Vigo.Château-Renaulthatte mit dieser unbelästigt Westindien verlassen können; auf den Azoren hörte er, daß Rooke mit der Hauptflotte an der spanischen Südküste sei. Seinem Vorschlage, die Galeonen nach einem französischen Hafen zu bringen, trat der spanische Admiral entgegen — „spanischer Stolz“ sagen die französischen Quellen; „Mißtrauen gegen ihren Verbündeten“ meinen die englischen —, so entschloß er sich, nach Vigo zu gehen. Am 27. (21.?) September traf er dort ein, gerade noch rechtzeitig, denn auchShovelhatte Mitte September den Befehl erhalten, von der französischen Küste nach Finisterre zu segeln. Methuen in Lissabon scheint Renaults Ankunft sehr spät erfahren zu haben, denn erst zehn Tage darauf kam sein Bote mit der Nachricht in Faro an. Die Flotte hatte soeben die Reise fortgesetzt, so daß der Konsul trotz aller Bemühungen Rooke nicht mehr erreichen konnte. Der Bote traf aber noch einige Transporter beim Wassernehmen und der Kommodore der begleitenden Kriegsschiffe sandte sofort eine Fregatte (Kapitän Hardy) der Flotte nach.

Nach einer anderen Erzählung erfuhr der Kommodore die Ankunft der Silberflotte durch beurlaubte Offiziere — besonders einen Prediger —, denen gegenüber der französische Konsul damit großgetan hatte, daß Renault den Verbündeten entwischt sei; es ist wohl eine Sage.

Daß der Angriff auf die Silberflotte überhaupt ganz dem Zufall zu verdanken sei, wie oft gesagt, ist nicht richtig. England hatte alle Schritte dazu getan: Methuen gab acht, Shovel hatte entsprechenden Befehl und auch Rooke versuchte sich zu unterrichten. Er fragte auf seiner Reise in Faro an und schickte auch ein Schiff nach Lissabon, doch konnte dieses wegen Sturmes nicht gleich wieder auslaufen. Von England waren acht Fahrzeuge an Shovel und Rooke mit dem Befehle abgesandt, Renault auf der Reise oder in Vigo anzugreifen; Shovels Station wußte man und Rooke hatte seine Kreuzer so vor sich verteilt, daß er voraussichtlich jede Nachricht von England erhalten mußte.

Hardy traf die Flotte bei Finisterre (17. Oktober), Rooke rief seine Kreuzer zurück und sandte sie gegen Vigo, um die Richtigkeit der Nachricht zu prüfen; er selber folgte mit der Flotte. Das schlechte Wetter hatte zwölf Stunden die Kommunikation zwischen Hardy und dem Admiral gehindert und erst am nächsten Tage konnte ein Kriegsrat stattfinden, zu dem auch nur die zu Luward stehenden Flaggoffiziere erschienen. Der Angriff auf Vigo wurde beschlossen. Auf dem Wege dorthin erfuhr Rooke, daß Shovel in der Nähe sei. Er rief ihn zur Mitwirkung heran, wartete jedoch nicht auf seine Ankunft. Sobald die Verhältnisse in Vigo erkundet waren, ging man zum Angriff über.

Im Kriegsrat soll ein großer Teil der englischen Offiziere dagegen gewesen sein, in so später Jahreszeit an der gefährlichen Küste etwas zu unternehmen; Almonde soll energisch dafür eingetreten sein, Rooke nur zögernd eingewilligt haben. Rooke fühlte sich auch während der Durchführung des Angriffes zu krank, um die Kajüte zu verlassen!

Château-Renaults Flotte bestand aus 15 (13?) französischen Linienschiffen, darunter 11 über 70 Kanonen, 3 spanischen, einigen kleineren Kriegsschiffen und 3 Brandern;[517]die Silberflotte zählte 13 Galeonen, 20–30 Kanonen, mit Edelmetallen und wertvollen Gütern beladen. Von dem Silber war allerdings der größere Teil schon ausgeschifft und vieles auch schon landeinwärts gebracht. Der französische Admiral hatte sich nach Möglichkeit eine gute Stellung geschaffen. Die meisten Schiffe und die Galeonen waren in die Bucht von Redondela gelegt; das Fort im Süden der nur ¾ Seemeilen breiten Einfahrt hatte man durch eine Batterie verstärkt (zusammen 38 Kanonen) und eine zweite Batterie im Norden gebaut (20 Kanonen). In die Einfahrt war eine schwere Floßsperre gelegt, flankiert durch 2 der schwersten Linienschiffe, hinter der Sperre waren 5 Linienschiffe im Halbmond vermoort; diese lagen aber etwas zu weit von der Sperre, um die heransegelnden Feinde gerade bei ihr mit vollem Feuer zu überschütten.

see captionVigo 23. Oktober 1702.

Vigo 23. Oktober 1702.

Die Flotte der Verbündeten segelte am 22. Oktober trotz rauhen und unsichtigen Wetters in die Bucht von Vigo ein; unbehindert, weil sich außerhalb der Enge nur bei der Stadt einige schwache Befestigungen befanden. Der Kriegsrat der Flaggoffiziere setzte den Angriff für den nächsten Tag an: 15 englische und 10 holländische Linienschiffe, meist über 70 Kanonen und mit allen Flaggoffizieren, sollten in 7 Gruppen von 3–5 Schiffen die Sperre forcieren, unterstützt von den Mörserbooten und Brandern; etwa 4000 Mann sollten landen und die Befestigungen des Südstrandes nehmen. Am 23. mit Tagesanbruch wurde dem Plane gemäß verfahren.Vizeadmiral Hopsonführte die erste Gruppe (5 Engländer),Vizeadmiral van der Goesdie zweite (3 Holländer) und nur diese beiden kamen zur Verwendung.

Die Landung ging (2000–3000 Mann) unter dem Schutze einiger Schiffe ohne Widerstand vor sich; spanische Milizen (8000? Mann), die dem Feinde entgegentraten, wurden leicht in die Flucht geschlagen und darauf die Befestigungen trotz tapferer Gegenwehr (300 bis 500 französische Seesoldaten nebst einigen Spaniern) genommen. Das Landungskorps besetzte Redondela und machte hier reiche Beute an schon gelandeten Gütern; wenn sich auch zahlreiche Mannschaften der Schiffe am Lande befanden, so war doch kein Widerstand organisiert, allgemeine Flucht riß ein. Der Angriff zu Wasser war weniger leicht, wurde aber mit Bravour durchgeführt. Mit der Landung hatten die Schiffe Anker gelichtet, mußten aber wegen Windstille gleich wieder ankern. Als bald darauf Wind aufsprang, kappte Hopson sofort sein Kabel und sprengte unter äußerstem Segeldruck die Sperre; der Wind schlief wieder ein, so daß seine Hinterleute nicht dicht aufgeschlossen bleiben und die Sperre nicht beiseite drängen konnten, zwei Holländer z. B. blieben hängen und mußten sich mit Beilen loshauen. Ein englisches Linienschiff legte sich zwar vor die Nordbatterie und kämpfte sie nieder, aber Hopson lag allein zu Anker hinter der Sperre in schwerem Kampf mit den flankierenden Franzosen, bis bei[518]wieder aufkommendem Winde nach und nach die Schiffe der beiden Gruppen durchsegelten.

Nun begann das Vernichtungswerk. Auf den feindlichen Schiffen herrschte Verwirrung und Schrecken, Renault gab selber bald den Befehl, die Schiffe anzuzünden oder auf Strand zu setzen. Der Widerstand war sehr gering; nur Hopsons Flaggschiff wurde durch einen Brander in Flammen gesetzt, mit Mühe wurde das Feuer gelöscht. Bis Sonnenuntergang waren 6 französische Linienschiffe und 5 noch reich beladene Galeonen genommen, die übrigen Schiffe verbrannt oder gesunken. Der Verlust der Verbündeten war sehr gering, nur Hopsons Schiff hatte gegen 100 Tote, am Lande waren etwa 40 Mann gefallen. Der Verlust der Gegner war bedeutender, vornehmlich an Gefangenen, doch wurden diese bis auf die Offiziere — worunter Renault, mehrere französische Kapitäne und auch der spanische Admiral — freigelassen.

Wohl mit Recht sagt Colomb, daß es von Renault richtiger gewesen sein würde, nur die Galeonen in die innere Bucht zu legen und mit den Kriegsschiffen den Gegner in der äußeren Bucht zu erwarten, wo er die Breitseiten aller Schiffe hätte zur Verwendung bringen können. Er muß seine Stellung für unbedingt sicher gehalten haben; es ist doch auch auffallend, daß man während der drei Wochen nicht alle Schätze der Galeonen geborgen hatte. Renault wurde zwar später Marschall, doch nicht wieder zur See verwendet; man traute seinem Stern nicht mehr.

Der Erfolg war groß. Frankreich verlor bei Beginn des Krieges ein stattliches Geschwader, Spanien einen großen Teil seiner Hilfsmittel. Die Silberflotte mit der Bergwerksausbeute von zwei Jahren soll eine der reichsten gewesen sein, die je gefahren ist. Portugal erkannte die Macht der Seemächte. Colomb nimmt diesen Fall als Beispiel für das Gelingen von Unternehmungen gegen Land, wenn man die See beherrscht. Daß die Verbündeten die See beherrschten, war eine Folge der falschen Kriegführung der Franzosen, hervorgerufen durch falsche Sparsamkeit oder Unverständnis. Man hätte eine Flotte zur Aufnahme Château-Renaults zusammenziehen können; in Brest, Toulon sowie den kleineren Häfen waren Divisionen im Dienst und an Schiffen fehlte es überhaupt noch nicht.

FürRookewar der Vorfall von großem Nutzen. In England wie in ganz Europa war der Eindruck großartig, er verdunkelte in diesem Jahre die Erfolge Marlboroughs und Eugens; in Holland wurden Dankgottesdienste und Freudensalute in allen Grenzfestungen angeordnet. Der Admiral wurde wieder beliebt, besonders im Unterhause, und die Klagen Ormonds im Oberhause über mangelhafte Unterstützung seitens der Flotte hatten keinen Erfolg. Rooke verteidigte sich dagegen mit der schlechten Vorbereitung der Expedition; eine Sache, auf deren nähere Untersuchung die Minister und die Admiralität lieber nicht eingingen.

Seine Abneigung gegen die Pläne der Regierung zeigte Rooke nochmals gleich nach Vigo. Einige Tage nach dem Ereignis traf Shovel ein, ihm überließ der Chef die weiteren Maßregeln für Verladen der Beute und Kanonen, Segelfertigmachen der Prisen, Zerstörung des Nichtmitzunehmenden, Einschiffen der Truppen; er selbst ging mit dem größten Teil der Flotte, darunter die ihm so sehr am Herzen liegenden Dreidecker, nach England. Shovel folgte einige Tage später. Vergeblich hatten wiederum der Prinz von Hessen und Ormond gebeten, auch die Stadt Vigo zu nehmen, dem Landungskorps ein starkesGeschwader zu lassen und so den gewünschten Stützpunkt zu schaffen. Rooke ging nicht darauf ein, er hatte auch sofort seine Transporter mit Proviant und Material nach der Heimat vorausgesandt. Corbett sagt: „So hat Rooke doch seinen Willen behalten. Der Plan der Regierung war gescheitert, er aber hat „etwas an der Küste getan“ (wider Erwarten sogar einen großen Erfolg erzielt) und seine Schiffe vor dem Winter heimgebracht.“

Die Flotte wurde nach Rückkehr aufgelöst, die großen Operationen waren zu Ende.

Die Jahre 1703 und 1704. Einnahme von Gibraltar, Schlacht bei Malaga.Das Jahr 1703 bringt uns wenig Tatsachen, eigentlich nur Pläne, die erst in späteren Jahren zur Ausführung kommen. Im Winter 1702/03 fanden in London Beratungen über die nächsten Operationen statt, denen auch Marlborough und de Almonde beiwohnten; es war für dieses Jahr dem Kaiser versprochen worden, ihn bei der Eroberung beider Sicilien zu unterstützen. Es wurde beschlossen, schon im Februar 30 englische und 12–15 holländische Linienschiffe ins Mittelmeer zu senden; da man annahm, daß Rooke nicht damit einverstanden sein würde, sollte er „mit Rücksicht auf seine Gesundheit“ die Admiralität übernehmen. Diesen Plan ließ man jedoch fallen, entweder weil die Schiffe wegen der späten Rückkehr im Vorjahre nicht fertig geworden waren, oder und wahrscheinlicher weil der Kaiser infolge der ungarischen Unruhen keine Truppen stellen konnte. Man setzte nun eine 96 Schiffe starke Flotte im Kanal fest, von der nur 35 Linienschiffe unterShovelfür das Mittelmeer abgezweigt werden sollten. Der Befehl für diese[266]lautete: den Frühjahrs-Levanteconvoi sicher bis Malta zu führen; die Verträge mit den Barbaresken zu erneuern und sie womöglich zur Kriegserklärung gegen Frankreich zu bewegen; Toskana und Venedig, die zu Frankreich neigten, zu strenger Neutralität zu zwingen; das Adriatische Meer für Österreich freizuhalten, dieses in Norditalien sowie die habsburgische Partei in Neapel zu unterstützen; bei günstiger Gelegenheit Cadiz, Toulon oder andere spanische oder französische Häfen anzugreifen; endlich im September/Oktober den Levanteconvoi heimzuführen. (Nach Corbett war in einem Begleitschreiben der Hauptwert auf Sicherung der Convois gelegt.) Shovel sollte frühzeitig segeln, wurde aber sehr verzögert und dadurch gehindert, etwas von Bedeutung auszuführen; der Rest der Seestreitkräfte war noch tatenloser, für die Flotte im Kanal stellte Holland kein Schiff.

Holland stellte in Dienst: 12 Linienschiffe für die Nordsee, hauptsächlich zur Deckung der erwarteten Ostindienfahrer; 10 Linienschiffe gegen Dünkirchen und gegen eine Division Galeren in Ostende. Es sollte 18 Linienschiffe für das Mittelmeer stellen, brachte es aber nur auf 12, die erst am 25. Juni in Spithead eintrafen. Außer Amsterdam und Maas klagten die Admiralitäten über Geldmangel; Wilhelm von Oranien fehlte eben.

Die Hauptflotte der Engländer unterRooketrat frühzeitig, aber nur nach und nach zusammen; genaue Angaben fehlen, englische Quellen nennen sie „vast“. Ihre Order war„so altmodisch wie möglich, ganz nach Rookes Geschmack“ (nach Corbett): Im Kanal und in der Biscaya die Küsten bedrohen, um französische Truppen vom Landkriege abzuziehen, den Handel zu stören und die feindlichen Divisionen in den Häfen festzuhalten. Selbst hierin wurde nichts geleistet. Rooke blieb untätig in Spithead; als Ende April bekannt wurde, daß ein Geschwader von Brest nach Toulon gehen wolle, erhielt er ausdrücklichen Befehl auszulaufen; er schützte Krankheit vor und gehorchte erst, als man mit seiner Ablösung drohte. Die Flotte kreuzte dann den Sommer über, ohne mit dem Feinde zusammenzustoßen, zu obengenannten Zwecken; dazu würde auch die Hälfte der Streitkräfte genügt haben.

Das langsame Sammeln der Hauptflotte und das späte Eintreffen der Holländer hieltenShovelauf, erst am 12. Juli ging er mit 35 Linienschiffen in See. Inzwischen waren zwei wichtige Punkte zu seinen Aufgaben hinzugetreten. Als Portugal sich offen gegen Frankreich erklärt hatte, rüstete Ludwig XIV. ein Geschwader in Toulon gegen dieses Land aus und auch das erwähnte Brestgeschwader war wohl dazu bestimmt — in diesem Jahre die einzigen Anzeichen für ein geplantes größeres Unternehmen von seiten Frankreichs. Ferner hatten sich in Südfrankreich die protestantischen Bauern erhoben (die Camisarden, Cevennenkrieg) und auch Savoyen zeigte sich den Verbündeten geneigt. Wenn man Savoyen gewann und den Empörern die erbetene Unterstützung, von Cette her, gewährte, mußten die Franzosen in Norditalien in sehr bedrängte Lage kommen. Hierfür erhielt Shovel entsprechende Befehle, auf Portugal brauchte bei seiner Abfahrt schon keine Rücksicht mehr genommen zu werden. Ludwig hatte die Indienststellungen in Toulon aufgegeben, da er die Rüstung der Verbündeten für das Mittelmeer überschätzte; Portugal wurde dadurch überzeugt, daß die Seemächte es schützen könnten. Dies war aber auch der einzige Erfolg der diesjährigen Mittelmeerexpedition, zu allem andern war sie zu spät in See gegangen.

Shovel erreichte erst am 5. August Lissabon. Der Vorschlag Almondes, Cadiz anzugreifen, fand im Kriegsrat keinen Anklang; Shovel erklärte, seine anderen Aufgaben, insbesondere die Unterstützung der Camisarden, gingen vor. Am 9. September auf der Höhe von Cartagena angekommen, beschloß der Kriegsrat, wegen der vorgerückten Jahreszeit nur 2 Kriegsschiffe mit Waffen und Kriegsmaterial an die gefährliche Küste bei Cette zu senden, mit der ganzen Flotte aber und mit den dorthin bestimmten Kauffahrern nach Livorno zu gehen; wieder schlug Almonde vor, gerade wegen der vorgerückten Jahreszeit die Kauffahrer nur unter einer Bedeckung segeln zu lassen und zu versuchen, mit der Flotte doch noch andere der gestellten Aufgaben zu lösen. Die nach Cette gesandten Schiffe kehrten bald zurück, die verabredeten Signale waren von den Aufständischen nicht beantwortet worden. Infolge ungünstiger Winde traf die Flotte erst am 30. Oktober in Livorno ein, die Zeit ihrer Heimfahrt war also schon längst gekommen. Die kurze Spanne, die allenfalls noch geopfert werden konnte, benutzte Shovel zur Einwirkung auf Toskana.

Großen Eindruck soll es in Livorno gemacht haben, als die Flotte auf die Nachricht, daß Karl von Österreich zum König von Spanien ausgerufen sei, Salut feuerte.

In Livorno hörte man, daß zwar noch keine österreichischen Truppen in Neapel seien, daß es aber sehr günstig gewesen wäre, wenn die Flotte dort erschienen wäre, wie Almonde vorgeschlagen hatte. Wir wissen, daß dieser schon im vorigen Kriege oft das Richtige geraten und auch durchgesetzt hatte. Jetzt aber, nach Wilhelms III. Tode, war das Verhältnis zwischen den englischen und holländischen Offizieren sehr viel schlechter geworden; diese beklagten sich mehrfach darüber, daß sie nicht mehr beachtet würden und natürlich gegen die überwiegende Stimmenzahl im Kriegsrate nicht durchdringen könnten.

Die Flotte ging dann nach England zurück, von dem holländischen Kontingent überwinterten 6 Linienschiffe in Lissabon. Erreicht war also nur, daß Frankreich sich im Mittelmeer nicht rührte, daß Toskana eingeschüchtert wurde, und vielleicht hat das Erscheinen der Flotte auch Savoyens Abfall von Frankreich beschleunigt. Eine zu den Barbaresken gesandte Flottenabteilung hatte zwar die Verträge erneuert, aber die Kriegserklärung gegen Frankreich nicht erreicht.

Ein nachgesandter Befehl, ein Geschwader für das Adriatische Meer zurückzulassen, traf Shovel nicht mehr. Er hätte ihn auch nicht befolgen können, da die Schiffe zu schlecht ausgerüstet waren und die Besatzungen sehr unter Krankheit litten.

Nach dem Eintreffen in der Heimat erlitten die so wenig widerstandsfähigen Schiffe ein großes Unglück. In einem schweren und anhaltenden Sturme, Ende November bis Anfang Dezember, gingen in den Downs 9 Linienschiffe und 4 andere Fahrzeuge mit 1500 Mann verloren, die übrigen Schiffe wurden fast zu Wracks. Shovels Flaggschiff rettete sich durch Kappen der Masten; Vizeadmiral Fairborne wurde, vor dem Sturme lenzend, bis in die Ostsee vertrieben, und galt bis zu seiner Rückkehr im Frühjahr für verloren; in diesem Sturme wurde auch der Leuchtturm von Eddystone völlig weggewaschen.

Wiedas Jahr 1704im Landkriege sehr bemerkenswert ist, so bringt es auch zur See wichtige Unternehmungen sowie die einzige Seeschlacht dieses Krieges.Portugalwar den Gegnern Frankreichs nur unter der Bedingung beigetreten, daß der von diesen aufgestellte König Karl III. in Lissabon lande und von hier aus sein Reich erobere; die Seemächte sollten dazu 10000 Mann Infanterie und 2000 Kavallerie stellen sowie ständig eine Flotte in den portugiesischen Gewässern halten. Die Verhandlungen hatten schon im Sommer 1703 begonnen, zogen sich aber so lange hin, daß die Rüstungen erst im November fertig wurden, und nun hinderte die ebenerwähnte Sturmperiode, die am 21. November einsetzte und fast den ganzen Dezember andauerte, das Zusammentreten der Expedition in Portsmouth.

Der größere Teil des für die Expedition bestimmten holländischen Kontingents wurde auf der Fahrt von Texel nach der Maas in die Nordsee vertrieben und traf erst am 3. Januar in Portsmouth ein. In der Maas lag der Rest der Holländer sowie eine Anzahl englischer Schiffe, mit dem König Karl, seiner Begleitung und Truppen an Bord; auch dieser Teil der Flotte konnte erst am 3.–4. Januar nach England hinübergehen. Sowohl in der Nordsee wie in der Maas waren die meisten Fahrzeuge — Kriegsschiffe, Transporter und Kauffahrer —, denn auch ein Convoi sollte angeschlossen werden — schwer beschädigt, so daß längere Ausbesserungen nötig waren; die sechs Wochen in der Nordsee gewesenen Schiffe mußten ihre Ausrüstung ergänzen.

Erst am 16. Januar 1704 konnte die Flotte Spithead verlassen und kanalabwärts segeln, wurde aber durch Sturm wieder nach Torbay zurückgetrieben und dort drei Wochen festgehalten, bis sie endlich am 24. Februar die Reise antrat. Den Oberbefehl führteSir George Rooke; die Flotte zählte 17 (18?) englische und 12 holländische (Leutnantadmiral Callenburgh) Linienschiffe, einige Fregatten, 3 holländische Mörserboote und Transporter mit Truppen; ein großer Convoi schloß sich an, so daß gegen 300 Segel beisammen waren. Um König Karl möglichst bald überzuführen, segelten 23 Linienschiffe voraus; der Rest der Kriegsschiffe folgte mit dem Convoi später, traf aber nur wenige Tage nach dem Könige in Lissabon ein.

Holland hatte sich verpflichtet, 24 Linienschiffe zu stellen. 6 waren im Vorjahre in Lissabon geblieben, 12 stießen zu Rooke, es fehlten also 6. Zwar stellte die Republik 1704 wieder 35 in Dienst, behielt aber 17 in den nördlichen Gewässern, geteilt in 3 Geschwader: Schutz der Nordsee; gegen Dünkirchen und die Galeren in Ostende; zum Erwarten der Ostindienfahrer. Zum Handelsschutz traten noch 35 Konvoijers hinzu. Man erreichte, daß in diesem Jahre Handel und Fischerei geringere Verluste erlitten, als je zuvor in diesem oder dem früheren Kriege; die Franzosen wagten nur wenige Vorstöße und diese schlugen fehl. Aber England erhob doch später die Klage, Holland habe die „gemeinsame“ Sache vernachlässigt.

England stellte im Frühjahr unterShovelnoch eine zweite Flotte auf — das West-France-Squadron, 25 Linienschiffe, das auch bald ins Mittelmeer ging.

Nach der Landung des Königs und der Truppen, Mitte März, ging Rooke mit dem größeren Teile der Flotte in See, um an der spanischen Küste gegen den Handel zu kreuzen und um eine Vereinigung der französischen Mittelmeerstreitkräfte mit denen des Atlantik zu hindern.

Ludwig XIV. hatte für dieses Jahr noch einmal eine Gesamtverwendung seiner Kräfte ins Auge gefaßt. Im Vorjahre waren die Divisionen in den nördlichen Häfen blockiert, der Handel hatte sehr gelitten und auch die Toulonflotte war am Auslaufen gehindert. Jetzt sollte alles zusammengezogen werden, um, gestützt auf Toulon und die spanischen Häfen, schon von der Straße von Gibraltar an die Seeherrschaft im Mittelmeer zu behaupten. In allen Häfen wurde eifrig gerüstet. Es wurden auch insgesamt etwa 55 Linienschiffe in Dienst gestellt und schließlich vereinigt — im Norden scheint nur in Dünkirchen eine Division von 3–5 Schiffen zurückbehalten zu sein —, aber wegen Geldmangels blieben die Rüstungen sehr zurück, besonders in Toulon. Die Atlantikflotte, 25 Schiffe unter dem Admiral von Frankreich, dem jetzt 26 Jahre altenGraf von Toulouse, lief am 6. Mai von Brest aus und erreichte, wie wir sehen werden, Anfang Juni wohlbehalten Toulon; die Toulonflotte, 30 Schiffe, war aber erst Ende Juli seeklar. Als man in England erfuhr, daß die Divisionen in den atlantischen Häfen bereit seien, erhieltShovel(Mitte April) den Befehl, seine eben erwähnten Kräfte zusammenzuziehen und auszulaufen; er sollte ausgehende Convois sowie die Zufuhren nach Lissabon schützen, die Vereinigung der französischen Divisionen hindern oder, wenn diese schon geschehen, den Gegner in Brest festhaltenund, falls dieser schon nach dem Süden ausgelaufen sei, zu Rookes Verstärkung ihm folgen.

Corbett sagt: „Man findet hierin den von Oranien (und Marlborough) zuerst gefaßten und seitdem fast stets durchgeführten Gedanken, daß das Kanal- und das Mittelmeergeschwader als „eine“ Flotte zu betrachten ist, die je nach der Verteilung der feindlichen Kräfte innerhalb oder außerhalb der Straße von Gibraltar zusammen oder geteilt verwendet wird.“

Shovel erhielt bei Lizard Mitte Mai die Nachricht, daß Toulouse schon in See sei, er suchte ihn vergeblich vor dem Eingang des Kanals und ging dann nach dem Süden. Ende Juni vereinigte er sich mitRooke, dessen Operationen wir jetzt folgen müssen, da sie allein für den Krieg von Bedeutung sind; in wie enger Verbindung sie mit dem Landkriege standen, zeigen die Befehle, die Rooke erhielt. Der erste Befehl hatte nur besagt, Portugal und König Karl bei der Eroberung Spaniens zu unterstützen und die Vereinigung der Franzosen zu hindern. Bald darauf wurde aber hinzugefügt, der Admiral könne auch an der Küste der Provence zur Unterstützung Savoyens auftreten, und dieser Zusatz erhielt Ende März eine genauere Fassung. Man hatte erfahren, daß Frankreich beabsichtige, Nizza und Villafranca zu erobern, um nach dem Abfall Savoyens eine sichere Verbindung mit dem Heere in Italien, auch über See, zu behalten. Rooke bekam deshalb Befehl, ins Mittelmeer zu gehen und sich so zu halten, daß er den Städten sofort Hilfe bringen könne, wenn er gerufen würde. Der Befehl war sonst ähnlich, wie der Shovel im Jahre 1703 gegebene: Unterstützung des Landkrieges in Norditalien; Abschneiden der Seeverbindung der französischen Heere, ihr Freihalten für die Kaiserlichen; auch der Befehl, die Vereinigung der Franzosen zu hindern, blieb bestehen. Aber der Wirkungskreis der Flotte war doch jetzt ausdrücklichinsMittelmeer verlegt, mit dem Hinzufügen, daß König Karl auch an der Ostküste Spaniens erfolgreich unterstützt werden könne. Rooke erhielt aber gleichzeitig (nach Corbett) geheime Instruktionen und Marlborough stand jetzt in geheimer Beratung mit Prinz Eugen über ihr gemeinsames Vorgehen. Auch hatte der General den Herzog von Savoyen benachrichtigt, daß im Frühjahr 1704 eine mächtige Flotte erscheinen werde, um ihn zu unterstützen; er selbst wolle durch einen kräftigen Vorstoß Ludwig XIV. hindern, seine Truppen in Italien zu verstärken. Rooke wurde nun dahin verständigt, daß der Krieg in Spanien für die Flotte, ja für den ganzen Kriegsplan, nicht die Hauptsache sei. Mit dem Vorstoß Marlboroughs und Eugens an der Donau — dem linken Flügel der langen französischen Stellung solle durch Savoyen und die Flotte ein Angriff auf Toulon — die Mitte dieser Stellung und den Stützpunkt der französischen Macht am Mittelmeer — erfolgen, die Eroberung Spaniens sei nur als eine Diversion auf dem rechten Flügel anzusehen. Die Flotte habe sich an den Unternehmungen in Spanien nur soweit zu beteiligen, als zur Verbergung ihrer Hauptaufgabe nötig sei; wenn der Angriff auf Toulon gelungen wäre, solle Rooke versuchen, Neapel und Sicilien zu gewinnen. Dieser Plan sei streng geheim zu halten, gelte aberals Hauptrichtschnur der Flotte, solange Savoyen mitwirken wolle; nur die Unterstützung Nizzas und Villafrancas sowie das Festhalten der Toulonflotte gehe vor.

Corbett fügt hinzu: Dieses Programm war für Rooke allerdings kaum durchführbar und hing zu sehr von Savoyen ab. Und doch darf es nicht ganz als eine Illusion verworfen werden, sondern kann als einen Hinweis auf die große strategische Kraft betrachtet werden, die in einer Mittelmeerflotte (einer englischen?) liegt. Bei richtiger Auffassung der Lage und dementsprechender Verwendung seiner Streitkräfte konnte Rooke vier französische Armeen festhalten und sie hindern, Verstärkungen nach dem Hauptkriegsschauplatz abzugeben.

Rookeerhielt die letzte Order Ende April in Lissabon, als er von seiner Kreuzfahrt zurückkam, und machte sie im Kriegsrate bekannt, soweit sie nicht geheim war; es wurde beschlossen, sofort ins Mittelmeer zu gehen, um in Katalonien für König Karl zu operieren und doch für die bedrohten Städte bei der Hand zu sein. Am 8. Mai verließ Rooke mit 33 Linienschiffen und den 3 Mörserbooten Lissabon; bei Kap Palos wurden 6 Franzosen, die von Toulon ausgelaufen oder in Spanien gewesen waren, ohne Erfolg gejagt; gegen Ende des Monats traf die Flotte inBarcelonaein. DerPrinz von Hessenwar der Überzeugung, daß sich die Stadt für König Karl erklären werde, sobald eine militärische Demonstration gegen sie gemacht würde; es wäre dies auch vielleicht eingetroffen, wenn nicht der Gouverneur ein tatkräftiger Mann gewesen. Am 30. Mai wurden 1600 Seesoldaten ohne Widerstand gelandet und dem Prinzen zur Verfügung gestellt, die Mörserboote legten sich in Schußweite bereit. Aber auf die Aufforderung zur Übergabe eröffneten die Spanier das Feuer gegen die Mörserboote und als diese am nächsten Tage einige Bomben geworfen hatten, wurde bekannt, daß der Gouverneur die vornehmsten Anhänger Karls verhaftet habe, daß andere geflohen seien und daß die Besatzung gewillt wäre, auszuhalten. Zu einer förmlichen Belagerung war das Landungskorps nicht stark genug, eine ernstliche Beschießung der Hauptstadt einer vorwiegend habsburgisch gesinnten Provinz wollte man vermeiden und Rooke mußte ja auch nach seinem Geheimbefehl alle Unternehmungen hier nur als Diversionen betrachten, war also geneigt, sich nicht zu weit einzulassen. Die Einschiffung der Soldaten wurde beschlossen, zu ihrer Deckung und zur Genugtuung der herbeigeströmten karlistischen Landbevölkerung warf man noch einige Bomben, dann ging die Flotte nach den Hyèren-Inseln in See. Eine Division wurde zur Erkundung gegen Toulon abgezweigt, vereinigte sich aber bald wieder mit der Hauptmacht. Bei den Hyèren erhielt Rooke vom englischen Gesandten in Lissabon die Nachricht, daßGraf Toulousemit den Schiffen von Brest auf der Fahrt zum Mittelmeer an der portugiesischen Küste gesehen sei. Da eine der Hauptaufgaben der verbündeten Flotte war, eine Vereinigung der französischen Streitkräfte zu hindern, und da die andern nur gelöst werden konnten, wenn man die See beherrschte, beschloß der Kriegsrat (5. Juni) ganz richtig, Toulouse entgegenzugehen, ihn anzugreifen oder, falls er gesichert in Cadiz läge, nach Lissabon zu gehen, um Shovel, dessen Order man kannte, aufzunehmen und dann Toulouse zu folgen.

Corbett sagt hierzu: Auch nach seiner Geheiminstruktion mußte Rooke so handeln, da sich die Verhältnisse geändert hatten. Als der Gesandte Englands im April nach Turin kam, sah er, daß der Herzog dem Plane eines Angriffs auf Toulon nicht mehr geneigt war; Holland soll, mehr auf den Schutz seines Handels bedacht und deshalb gegen größere Unternehmungen im Mittelmeer gestimmt, von einer so gewagten Operation abgeraten haben. Auch wurde in England bekannt, daß Frankreich von dem Angriff auf Nizza und Villafranca abgesehen habe, um die dafür bestimmten Truppen zur Armee in Piemont (Belagerung Turins) stoßen zu lassen, sowie, daß die österreichischen Truppen in Norditalien zu schwach seien, um einen Erfolg in der Provence zu erzielen. Infolgedessen erging ein neuer Geheimbefehl an Rooke, nach dem neben der Beobachtung der Brestflotte der Hauptwert wieder auf den Krieg in Spanien gelegt wurde; der Admiral habe sich zu diesem Zweck dem König von Portugal und Karl III. zur Verfügung zu stellen. — Diesen Befehl, von Mitte Mai, kann Rooke allerdings bei den Hyèren nicht mehr erhalten haben, wohl aber vom Gesandten in Turin die Nachrichten, durch die er hervorgerufen war.

Schon am 7. Juni bekamen die Aufklärungsschiffe und am nächsten Tage die Flotte Toulouse in Sicht, 40–50 Segel, darunter etwa 25 Linienschiffe. Die Franzosen standen zu Luward und bildeten die Gefechtslinie; flauer Wind hinderte zwei Tage hindurch die Verbündeten, näher heranzukommen, sowie auch den Versuch, den Gegner von Toulon abzuschneiden — Clowes sagt, mit dem Abhalten eines Kriegsrates sei Zeit verloren worden. Da sich die Flotten immer mehr Toulon näherten und man damit rechnen mußte, daß aus diesem Hafen Verstärkungen entgegenkommen würden, brach man die Verfolgung ab und nahm die Reise nach Lissabon auf. Den Franzosen war die Vereinigung geglückt.

Rooke traf am 26. Juni in der Bucht von Lagos mit Shovel zusammen. Es war also kein Grund mehr da, nach Lissabon zu gehen, und die Flotte, jetzt 56–58 Linienschiffe, war selbst der vereinigten französischen gewachsen. Die Admirale, die jetzt nur noch diese im Auge hatten, wären gern ins Mittelmeer zurückgegangen, am nächsten Tage aber erhielt Rooke den offenen Befehl, sich ganz den beiden Königen zur Verfügung zu stellen. Er mußte also in Lissabon anfragen, und da er wußte, daß den Königen viel an einem Unternehmen in Andalusien, besonders gegen Cadiz, liege, erklärte er sich bereit, auf dem Weg ins Mittelmeer diese Stadt anzugreifen, falls genügend Landtruppen zur Verfügung ständen. Die Antwort erwartend, ging er zum Wassernehmen nach Malaga — er mußte sich mit Waffengewalt der Wasserplätze bemächtigen — und hielt dann die Straße von Gibraltar besetzt. Erst gegen Ende Juli traf die Antwort ein; sie war zustimmend, aber Truppen waren nicht verfügbar. Da faßte der Kriegsrat am 27., 20 Seemeilen östlich von Tetuan, den Beschluß, von Cadiz abzusehen, aberGibraltar zu erobern.

Auf eine Eroberung der Stadt Cadiz zu verzichten, war wohl richtig. Zwei Jahre vorher war sie trotz der Verwendung eines großen Landungsheeres nicht gelungen, jetzt standen nur die Besatzungen der Schiffe zur Verfügung; man durfte auch nicht wagen, die ganze Flotte für eine nicht absehbare Zeit festzulegen, da doch mit dem Erscheinen der französischen Seestreitkräfte gerechnet werden mußte. Bei Gibraltar lag die Sache anders, die Befestigungenwaren unbedeutend und die Besatzung schwach; beides war bekannt und man konnte von einem plötzlichen Angriff Erfolg erwarten, ohne viel aufs Spiel zu setzen. Ein Handstreich erforderte weder lange Zeit noch die Verwendung der ganzen Flotte — sogar weit weniger Schiffe, als tatsächlich dazu herangezogen wurden —, der Hauptteil konnte bereitgehalten werden, den Franzosen entgegenzutreten.


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