Chapter 10

Frankreich nimmt Minorka 1756.Trotz aller dieser Vorgänge und obgleich sich die Stimmung des englischen Parlaments im November 1755 sehr kriegerisch äußerte, setzte die französische Regierung die Verhandlungen über die amerikanischen Streitfragen fort; sie zeigte sich sogar so friedfertig, daß sie einen vor Brest genommenen englischen Kreuzer zurückgab und dem englischen Mittelmeergeschwader das Anlaufen von Toulon behufs Auffüllung von Vorräten gestattete. Hoffte man noch, den Frieden zu erhalten, oder wollte man die Zeit zu einem plötzlichen Schlage abwarten? Wie in den früheren Kriegen war in Frankreich große Stimmung für einen überraschenden Einfall in Großbritannien; See- und Landoffiziere sowie auch Private legten dem Marineminister Pläne zu einem solchen vor[77]. Mit Beginn des Jahres 1756 wurden Truppen an der Kanalküste zusammengezogen, und in Brest rüstete man eifrig. Es ist fraglich, ob dies Ernst war, aber man rief damit in England wieder die Furcht wach, die seit Ruyters Einfall hier so leicht die Gemüter erregte. Sogar die Regierung erließ eine Proklamation, die selbst englische Quellen (vgl. Laird Clowes, Band III, Seite 142) „foolish“ nennen, an dieBevölkerung über Maßregeln bei einer Landung der Franzosen. Besonders aber wurde die Aufmerksamkeit Englands von den anderen wahrscheinlichen Kriegsschauplätzen abgelenkt, so besonders vom Mittelmeer. Der von allen früheren Strategen seit Drakes Zeiten längst als einzig richtig anerkannte Grundsatz, das Land vor einem Einfall durch entschieden angriffsweise Tätigkeit der Flotte zu schützen, geriet wieder einmal in Vergessenheit.

see captionMarquis de La Gallissonnière.

Marquis de La Gallissonnière.

Und nun wählte Frankreich das Mittelmeer zu einem plötzlichen Vorstoß. Während man die Vorbereitungen im Norden möglichst geräuschvoll betrieb und dabei kleine Geschwader oder Divisionen von dort nach den Kolonien sandte, rüstete man in Toulon und Marseille ganz insgeheim eine mächtige Expedition gegen Port Mahon aus, um diesen wichtigen Stützpunkt vor der eigenen Küste den Engländern zu entreißen. Am 12. April 1756 ging der Lieutenant-GénéralMarquis de La Gallissonnière[78]mit 12 Linienschiffen und 5 Fregatten in See, er deckte eine Transportflotte von 176 Segeln mit 12000 Mann unter demHerzog von Richelieu. Eine Woche später wurde das Heer auf Minorka gelandet, Port Mahon berannt und von der Flotte blockiert. Die erst spät zum Entsatz erscheinende englische Flotte unter VizeadmiralJohn Byngwurde abgewiesen; die Festung ergab sich am 29. Juni.

Die Eroberung von Port Mahon 1756.Die Expedition war sehr geheim gehalten. Truppen, Artillerie-parks und Munition waren unter mannigfachen Vorwänden in Toulon und Marseille gesammelt. Der bezügliche Befehl erging anRichelieu, den derzeitigen Oberbefehlshaber der Truppen an der Mittelmeerküste, erst am 16. März, an Gallissonnièream 22., sonst hatten selbst die höheren See- und Landoffiziere keine Kenntnis vom Zweck der Rüstungen. Die Schiffe waren schnell und gut ausgerüstet, man hatte dazu Arbeiter aus Genua und Venedig herangezogen. Die Einschiffung erfolgte vom 4. bis 8. April; die Gesamtflotte ging am 10. in See; sie mußte zwar wegen Gegenwindes wieder ankern, setzte aber am 12. die Reise fort und erreichte am 18. Minorka, ohne von einem englischen Schiffe gesehen zu sein. Des herrschenden Windes wegen wählte man Ciudadela als Landungsplatz; vom 18. abends bis zum 20. wurden die Truppen ausgeschifft.

Die Flotte blieb dann noch vor dieser Stadt liegen, um die Landung des Trains zu decken. Man hat dies dem Admiral zum Vorwurf gemacht; er habe die Deckung Fregatten überlassen können. Er versäumte nämlich dadurch die Gelegenheit, einige englische Schiffe abzufangen, die in Port Mahon lagen. Aus seiner Verteidigung[79]geht jedoch hervor, daß er sich genau an die ihm gewordene Order gehalten hat. Diese lautete: „Die Ausschiffungsstelle nicht zu verlassen, ehe der Marschall völlig zum Angriff auf Port Mahon bereit sei; seine Kräfte nie zu teilen und nur zum Schutz der Expedition zu verwenden.“ Erst vom 24. April ab kreuzte er dementsprechend vor der belagerten Stadt.

Marschall Richelieu besetzte die Stadt Port Mahon am 22. Die Garnison hatte sich in das Fort San Felipe zurückgezogen; sie war nur schwach, viele Offiziere befanden sich auf Heimatsurlaub und der sonst tüchtige Gouverneur, GeneralBlakney, war alt und krank. Auf dessen Anfrage, was die Landung bezwecke, antwortete der Marschall: Das gleiche wie das Wegnehmen französischer Schiffe durch die englische Flotte. Die Beschießung des Forts und seiner Außenwerke begann erst am 11. Mai, da das Gelände die Belagerungsarbeiten sehr erschwerte; auch war noch Material verschiedener Art aus Frankreich nachzusenden. Man mußte mit dessen Beschaffung eilen, da täglich die Verbindung mit der Heimat durch englische Seestreitkräfte unterbrochen werden konnte. Eine englische Flotte erschien gegen Ende des Monats, wurde aber zurückgeschlagen. Die Besatzung kapitulierte nach tapferer Gegenwehr am 29. Juni unter ehrenvollen Bedingungen; sie wurde auf französischen Handelsschiffen nach Gibraltar gebracht.

Die Seeschlacht bei Minorka am 20. Mai 1756.In England hatte man mit Rücksicht auf die französischen Rüstungen im Norden das Mittelmeer ganz aus dem Auge gelassen, obgleich schon im Oktober 1755 das Gerücht von einem Plane des Feindes gegen Port Mahon aufgetaucht war und Schiffe genug zur Verfügung standen, um die nur schwache Mittelmeerstation zu verstärken. Auch war die Gefahr einer Landung in England keineswegs besonders drohend. Einige Kriegsschiffe, die im Januar 1756 Kauffahrer aus dem Kanal geleitet hatten, stellten auf ihrer Rückreise fest, daß in Brest sowie Rochefort nur 16 Linienschiffe bis zum Mai seeklar sein würden. Bis dahin aber konnte man mit Sicherheit über 50 bis 60 Linienschiffe verfügen. Erst am 6. April sandte man auf Drängen der öffentlichen Meinung den VizeadmiralJohn Byngund den KontreadmiralTemple-Westnach dem Mittelmeer. Deren Flotte zählte aber nur 11 Linienschiffe, obgleich schon um diese Zeit 27 im Kanal und der Biskaya kreuzten und 28 in den Häfen lagen (außerdem waren gegen 40 Fregatten im Dienst). Byngs Schiffe hatten ein Regiment zur Verstärkung Port Mahons an Bord; um die Soldaten besser unterbringen zu können, waren die Seesoldaten der Besatzungenzurückgelassen. Am 2. Mai traf der Admiral in Gibraltar ein und erfuhr hier von dem bisherigen Befehlshaber im Mittelmeer, KommodoreGeorge Edgcumbe, die Landung der Franzosen.

Edgcumbe, der nur drei Linienschiffe und einige kleinere Kriegsfahrzeuge befehligte, hatte bei der Landung der Franzosen in Port Mahon gelegen, wohin er genommene französische Kauffahrer gebracht hatte; er hätte also leicht abgefangen werden können. Es gelang ihm aber, nach Gibraltar zu entschlüpfen, nachdem er noch seine Seesoldaten sowie eine Anzahl Seeleute der Garnison überwiesen hatte. Nur eins seiner Schiffe wurde durch französische Fregatten in Palma blockiert und erst durch die englische Flotte auf ihrer Fahrt nach Minorka befreit. Die Division Edgcumbe trat zu Byngs Flotte, zwei ihrer Linienschiffe finden wir in der Schlacht.

Admiral Byngversuchte in Gibraltar als Ersatz für die fehlenden Seesoldaten Landtruppen zu erhalten, der Gouverneur konnte jedoch bei der Schwäche der Garnison diesem Wunsche nicht voll entsprechen. Am 8. Mai ging die Flotte weiter und sichtete am 19. bei Tagesanbruch Minorka; Byng sandte Fregatten voraus, um mit Fort Philippe in Signalverbindung zu treten, mußte sie aber zurückziehen, als die französische Flotte herankam.La Gallissonnièrehatte am 17. durch eine Fregatte das Nahen des Gegners erfahren und sich daraufhin dicht bei der Insel gehalten; da der Wind vom 18. an nördlich war, blieb er nordöstlich der Stadt, um sich die Luvstellung gegenüber dem Feinde zu sichern. Er benutzte die Zeit des Wartens, um seine Schiffsbesatzungen vom Lande her zu verstärken.Richelieuließ am 18. mehrere Kompagnien auf Küstenfahrzeugen einschiffen, aber infolge flauen Windes und grober See erreichten nur einige von ihnen die Flotte; eins fiel sogar am 20. den Engländern in die Hände. Der 19. Mai, teilweise nebelig und fast windstill, verging mit Manövrieren der Flotten, um aneinander heranzukommen, wobei die Engländer die Luvstellung zu gewinnen, die Franzosen sich diese sowie ihre Lage zwischen dem Feinde und der Stadt zu erhalten suchten. Byng benutzte den Tag, um die Besatzung schwachbemannter Linienschiffe durch Leute der Fregatten zu ergänzen, sowie ein minderwertiges Schiff von 20 Kanonen zum Brander vorzubereiten. Am 20. Mai bei Tagesanbruch war es noch unsichtig und flau, als aber gegen Mittag der Wind nach Osten drehte und auffrischte, griff Byng an.

see captionAdmiral The Hon. John Byng.

Admiral The Hon. John Byng.

Die englische Flotte zählte: 1 Schiff zu 90 Kanonen (das Flaggschiff Byngs „Ramillies“), 1 zu 74, 1 zu 68 („Buckingham“, Flaggschiff Temple-Wests), 8 zu 60–66, 2 zu 50, insgesamt 13Schiffemit 834 Kanonenin der Linie; außerhalb dieser 1 Schiff zu 40, 3 zu 20, 1 zu 14 Kanonen. Diefranzösische Flottezählte: 1 Schiff zu 84 Kanonen (das Flaggschiff La Gallissonnières „Foudroyant“), 2 zu 74 („Redoutable“ und „Couronne“, Flaggschiffe der Chefs d'Escadre de Glaudevez, Vorhut, und de La Clue, Nachhut), weitere 2 zu 74, 5 zu 64, 2 zu 50, insgesamt 12Schiffemit 760 Kanonenin der Linie; außerhalb der Linie 1 Schiff zu 46 sowie 4 zu 26 Kanonen.

Die Schilderung der Schlacht bei Minorkaist in den verschiedenen Quellen nicht ganz gleich; diese weichen in den Angaben über Windrichtung und Bug der Flotten[137]während des Kampfes voneinander ab. Das stellt aber nur den Kurs in Frage, denn über die Lage zueinander und zum Winde stimmen die Quellen überein; einen Einfluß auf die Beurteilung des Verlaufes der Schlacht haben die Abweichungen also nicht. Die nachfolgende Darstellung versucht, alle sonstigen Widersprüche möglichst in Einklang zu bringen; sie fällt nahezu mit der Mahans (I, Seite 274) zusammen.

Als es am 20. Mai morgens aufklarte, lagen die Franzosen bei östlichem Winde mit SSO.-Kurs über Steuerbordbug zwischen den Engländern und der Insel.Byngführte nun seine Flotte über Backbordbug an der feindlichen vorüber, bis sie genau querab von ihr stand, und wendete dann mit allen Schiffen zugleich; er verfuhr also genau nach der englischen Instruktion für den Fall, daß man dem Feinde mit entgegengesetztem Kurse begegnet (vgl. Seite39). Beide Flotten lagen jetzt querab voneinander über gleichen Bug, aber nicht parallel, sondern in einem Winkel von 30 bis 40 Grad. Ihre Spitzenschiffe waren etwa 2, die Schlußschiffe etwa 4 Seemeilen voneinander entfernt; die französische Linie lag unter kleinen Segeln dicht beim Winde und erwartete den Angriff, die englische steuerte raum auf sie zu. Als Byng gegen 2 Uhr nachmittags das Signal zum „Angriff“ gab, wie in der Schlacht bei Toulon 1744, blieb das vorher gegebene Signal „Gefechtslinie einnehmen“ stehen (Lage I des Planes). Nun traten die Nachteile der englischen Angriffsart im vollsten Maße ein, denn die Schiffe konnten nicht annähernd gleichzeitig an den Feind kommen.

Auf das Angriffssignal hielten die Schiffe der Vorhut beinahe senkrecht auf ihre entsprechenden Gegner in der französischen Linie ab; sie mußten auf eigenes Feuer fast ganz verzichten, erhielten dagegen drei furchtbare Breitseiten und wurden in der Takelage sehr beschädigt. Das sechste Schiff von vorn, „Intrepid“, verlor die Vormarsstenge und drehte in den Wind; damit brachte es die folgenden Schiffe in Unordnung, die rechts und links vorbeisegeln mußten, um Linie zu halten, und behinderte deren Feuer (Lage 2). Jetzt hätte Byng den Hinterschiffen ein Beispiel geben und hart auf den Feind abhalten müssen, aber eingedenk der Vorschrift und der Verurteilung Mathews nach der Schlacht bei Toulon wagte er es nicht. Er sagte zu seinem Flaggkapitän: »Sie sehen, daß ich vor „Louisa“ und „Trident« (Schiffe, die vor ihm sein sollten) bin. Ich kann doch als Admiral nicht abhalten, als wenn ich ein einzelnes Schiff angreifen wollte? Es war Mathews Unglück, daß er seine Streitmacht nicht zusammen heranführte; das will ich vermeiden.“

So staute sich der ganze Angriff und stockte. Inzwischen wichen die französischen Spitzenschiffe aus, um den Nahkampf zu vermeiden; der Rest der französischen Linie mehrte Segel, zog an der beschädigten englischen Vorhut vorüber und überschüttete sie mit Feuer. Sie konnte dies ohne Belästigung durch die übrigen englischen Schiffe ausführen, da diese Segel geborgen hatten, um die Linie wieder herzustellen (Lage 3). Die Franzosen halsten dann im Kontremarsch und nahmen über Backbordbug ihre[138]abwartende Stellung unter kleinen Segeln wieder ein. Ein zweiter Angriff erfolgte aber nicht, da die englische Flotte durch die Beschädigung der vordersten Schiffe zu sehr geschwächt war.Byngzog sich auf die Südseite der Insel zurück;Gallissonnièreverfolgte ihn nicht.

Der Verlustder Franzosen in dem etwa dreistündigen Kampfe betrug 38 Tote und 184 Verwundete; nur ein Schiff war schwerer beschädigt. Die Engländer büßten 45 Tote und 162 Verwundete ein, die auf die vordersten sieben Schiffe entfielen; diese waren auch sehr zerschossen.

see captionSchlacht bei Minorka, 20. Mai 1756.

Schlacht bei Minorka, 20. Mai 1756.

Die Schlachtmuß wohltaktisch unentschiedengenannt werden,aber der Erfolgwar doch auffranzösischer Seite. Im englischen Kriegsrate kam man zu der Ansicht, man sei nicht imstande, die französische Flotte nochmals anzugreifen, ja man würde durch eine neue Schlacht, wenn sie ungünstig verliefe, sogar die Sicherheit Gibraltars sowie des Handels im Mittelmeer aufs Spiel setzen. So gingByng nach Gibraltarzurück; der Entsatz Port Mahons war vereitelt. Die Franzosen fühlten sich jedoch keineswegs vor dem Wiedererscheinen der dann wohl verstärkten englischen Flotte sicher.La Gallissonnièreblieb deshalb in der Nähe der Insel, bis Port Mahon gefallen war, und drang danach auf schleunige Einschiffung der Truppen. Diese erfolgte vom 4. bis 7. Juli; am 18. trafen das Gros der Expedition, am 21. die letzten Nachzügler wieder in Toulon ein. Tatsächlich erschien auch noch im Juli der englische AdmiralHawkebei Minorka.

Das weitere Schicksal Port Mahons in diesem Kriegesei gleich hier kurz berührt. Wenn Frankreich im Besitz einer leistungsfähigen Marine gewesen wäre, so würde dieser[139]Stützpunkt im Verein mit Toulon und Korsika eine Stellung von Bedeutung gewesen sein. Da man aber den Seekrieg bald nur schwächlich führte und seine Vorzüge nicht ausnutzen konnte, so wurde für Port Mahon nichts getan. Man überließ es seinem Schicksal; der Hafen war meistens blockiert und der Garnison mangelte oft das Notwendigste; die Engländer hielten eine Wiedereroberung nicht der Mühe wert. Beide Gegner waren überzeugt, daß Minorka beim Friedensschluß doch an England zurückfallen würde. Nach Ausspruch eines französischen Autors (Lacour I, Seite 277), plante man in Frankreich schon vor Ausführung der Expedition, nach der Einnahme die enge Einfahrt Port Mahons durch Verschüttung zu sperren, um den Hafen überhaupt als Stützpunkt unbrauchbar zu machen; es lag wohl stets die Absicht vor, bei vorteilhafter Gelegenheit Minorka an Spanien zurückzugeben.

Die Bedeutung der Schlacht bei Minorka für die Geschichte der Seetaktikist noch größer als die der Schlachten vor Malaga (1704) und vor Toulon (1744). Sie gibt in geradezu vollkommener Weise ein Bild zu dem, was über die Taktik des Zeitabschnittes gesagt ist. Der englische Admiral führt seine Flotte genau nach den Gefechtsinstruktionen zum Angriff und verharrt, wie seine Kommandanten, in der buchstäblichen Befolgung dieser Vorschriften, obgleich der Verlauf des Kampfes, selbst nach seiner eigenen Erkenntnis, ein Abweichen erfordert hätte. Auch die unvermeidlichen Folgen der englischen Angriffsart, die bei dieser Gelegenheit wegen des großen Winkels der beiden Gefechtslinien besonders schwierig war, zeigen sich deutlich in allen Einzelheiten dieser Schlacht. Die vordere Hälfte der englischen Linie, die in ungünstiger Lage zunächst allein ins Gefecht eintritt, wird in ihrer Bewegungsfähigkeit gelähmt; eins ihrer Schiffe bringt die hintere Hälfte in Unordnung; infolge des Bestrebens, die Ordnung wiederherzustellen, kommt diese überhaupt nicht zu ernstlichem Kampfe.

Auch die Franzosen verfahren genau nach ihrer Taktik. Ihre vorderen Schiffe weichen aus, ehe die Gegner zum Nahkampf heran sind; die hinteren benutzen die Untätigkeit der gegenüberstehenden Feinde und ziehen in vollster Ordnung unter Ausnutzung ihres Feuers an den schon beschädigten Engländern vorüber; dann nimmt der französische Admiral außer Schußweite eine neue Stellung ein und erwartet das Weitere. Der englische Admiral fühlt sich aber zu schwach und bricht das Gefecht ab. — Endlich ist auch das Ergebnis der Schlacht so, wie es theoretisch beim Aufeinandertreffen der beiden Taktiken sein muß. Die Schlacht bleibt unentschieden; die Franzosen haben zwar mehrere feindliche Schiffe schwer beschädigt, aber keins vernichtet oder genommen; die Engländer müssen in Rücksicht auf den augenblicklichen Ausfall der Beschädigten von einem zweiten Angriff absehen. (Wenn in diesem Falle ihr Mannschaftsverlust fast ebenso groß war wie der der Franzosen, so ist dies wohl dem Umstande zuzuschreiben, daß ihre Schiffe durch die Soldaten für Port Mahon überfüllt gewesen sind.)

Neuere französische Marineschriftsteller tadeln den Admiral La Gallissonnière, daß er die Unordnung in der feindlichen Linie und die dadurch hervorgerufene Trennung der hinteren Hälfte von der vorderen nicht benutzt habe, mit den ihm folgenden Schiffen durch die Lücken auf die Luvseiteder vorderen englischen Hälfte zu gehen, um sie von beiden Seiten anzugreifen; seine vorderen Schiffe hätten standhalten müssen und durften nicht ausweichen. Dafür, daß nicht so verfahren sei, wird von anderer Seite als Entschuldigung angeführt, die hinteren französischen Schiffe seien zu sehr beschädigt gewesen, um ein solches Manöver auszuführen, auch seien die Engländer durch die Soldaten an Bord so stark bemannt gewesen, daß man französischerseits besser tat, einen Nah- oder gar Enterkampf zu vermeiden. Der erste Grund muß hinfällig erscheinen, da die fraglichen Schiffe nur wenig Feuer erhalten haben können; der zweite hat vielleicht mitgewirkt. Die bestimmende Ursache aber für den Führer wie den Oberbefehlshaber war die Hinneigung zur Vorsicht und damit zur Defensive, die sich in allen Orders und Instruktionen von höchster Stelle jenes Zeitabschnitts ausspricht und die damalige französische Taktik wie Strategie kennzeichnet. Man strebte mehr danach, sich augenblickliche Vorteile zu erhalten oder gemachte Eroberungen zu sichern, als durch kräftiges Vorgehen Errungenes weiter auszunützen und vor allem die feindlichen Seestreitkräfte zu vernichten; „niemals wollte man viel aufs Spiel setzen“.

Dieser zuerst wohl auf strategischem Gebiet als Folge der schwächeren Marine in den früheren Kriegen erwachte Gedanke hat wahrscheinlich ebenso zur Ausbildung einer defensiven Taktik beigetragen, wie die Erkenntnis der Schwächen in der englischen Taktik, die auf eine solche hinwiesen. Auch bei Minorka hat La Gallissonnière wohl sicher von der Offensive abgesehen, um seine Flotte zu schonen; daß er nach der Schlacht dem geschwächten Gegner nicht folgte, um ihm weitere Verluste beizubringen, geschah nach seiner eigenen Äußerung tatsächlich, um „seiner Instruktion gemäß“ das Landunternehmen nicht aus dem Auge zu lassen und zu dessen Schutz seine Flotte möglichst stark und schlagfertig zu erhalten.

Bei der allgemeinen Betrachtung des französischen Personals (Seite 43) wurde betont, daß die Orders unter Louis XV. nicht dazu geeignet waren, die Offiziere zu schneidigem Handeln zu erziehen. Schon während der Landung hatte sich der Admiral die Gelegenheit entgehen lassen, die englischen Schiffe im Hafen abzufangen, und jetzt nach der Schlacht verfolgte er nicht. Ein französischer Autor (Lacour I, Seite 264) sagt gerade bei Beschreibung der Minorka-Expedition: „Mais des instructions trop timides ont souvent paralysé dans notre histoire maritime l'ésprit d'initiative des chefs les plus capables.“

La Gallissonnièrefand volle Anerkennung und Billigung seines Verfahrens; der Erfolg über das seemächtige England erregte in Frankreich großen Jubel und Begeisterung für die Marine. Er erhielt das Großkreuz des Ludwigsordens sowie eine hohe Pension; auch seine Ernennung zum Marschall war in Aussicht genommen, doch starb er schon am 26. Oktober 1756. — Der AdmiralByngdagegen wurde ein Opfer für die Fehler seiner Regierung, die ihm zu schwache Streitmittel gegeben hatte, und des Volksunwillens. Er wurde kriegsgerichtlich zum Tode verurteilt und erschossen.

Das Kriegsgericht über Byng.Nach dem Eintreffen in Gibraltar wurde der Admiral abberufen und in Untersuchung gezogen. Die Hauptanklagepunkte waren, daß er[141]nicht mit der ganzen Linie angegriffen, sondern mit den der „Intrepid“ folgenden Schiffen Segel gemindert habe, um die Ordnung herzustellen. Gewiß wäre dies richtig gewesen und hätte auch im allgemeinen wohl den Vorschriften entsprochen, aber man hatte doch nach Toulon den Admiral Mathews angeklagt, weil er aus der Linie gebrochen war, und ähnlich würde Byng auch haben handeln müssen. Ferner wurde ihm vorgeworfen, daß er nach notdürftiger Ausbesserung seiner Schiffe nicht bei Minorka geblieben sei und alles versucht habe, Port Mahon zu unterstützen. Dies hatte ja aber der Kriegsrat der Land- und Seeoffiziere für unmöglich erklärt.

Er wurde verurteilt nach dem Kriegsartikel, der mit dem Tode diejenigen bedrohte, die aus Feigheit, bösem Willen oder Nachlässigkeit es unterließen, alles daran zu setzen, feindliche Schiffe zu nehmen oder zu vernichten. Die Verurteilung zeigt, daß die englischen Gefechtsvorschriften mangelhaft und hemmend waren, sowie daß die meisten englischen Seeoffiziere dieser Zeit sie nur dem Buchstaben, nicht dem Sinne nach auffaßten. Das Kriegsgericht empfahl nun zwar den Angeklagten der Gnade des Königs, da er nicht aus Feigheit, noch mit Kopflosigkeit gehandelt, sondern, wenn auch irrig, kühl und mit Überlegung. Das Urteil wurde aber dennoch bestätigt, denn die Regierung hatte das Mittelmeer vernachlässigt, jetzt war der Schaden da und der Volksunwille groß; man brauchte einen Sündenbock. Nun hatte gar Byng, als er auf der Ausreise in Gibraltar die Landung der Franzosen erfuhr, in einem Bericht an die Admiralität die bisherige Vernachlässigung des Mittelmeeres sowie die Schwäche seiner Flotte kritisiert. Der mehrfach angezogene französische Autor (Lacour I, Seite 266) sagt treffend: „Einen solchen Brief verzeiht man wohl einem siegreichen, aber nie einem geschlagenen Admiral.“

Byngwar ein tapferer, see- und diensterfahrener, ehrenwerter Mann, aber doch wohl kein bedeutender höherer Führer; sein Bericht über die Schlacht enthielt zu viele Entschuldigungen und zeigte zu wenig Selbstbewußtsein. Während der Untersuchung und bei seinem Tode trat er jedoch würdig auf. Am 17. März 1757 wurde er in Spithead auf dem Achterdeck des Linienschiffes „Monarch“ erschossen.[80]

Am 17. Mai 1756, wenige Tage vor der Schlacht bei Minorka, als die Nachricht von der Landung der Franzosen auf dieser Insel eingetroffen war,erklärte England den Krieg.

Das Jahr 1756brachte jedochin der Biskaya und im Kanalkeine Ereignisse von Bedeutung.Englandhielt aus Besorgnis vor einer Invasion seine Hauptmacht, die nach und nach auf über 50 Linienschiffe sowie gegen 40 Fregatten gebracht wurde, in den Kanalhäfen zusammen. Von hier aus beobachtete Ende Februar AdmiralSir Edward Hawkemit einem ziemlich starken Geschwader Brest; vorher war es zwei französischen Divisionen geglückt, nach Westindien auszulaufen. Diese Beobachtung, später unter den AdmiralenBoscawenund dannKnowles, wurde bis zum November aufrechterhalten, doch man verringerte die dazu bestimmten Kräfte allmählich, da im Sommer ein Leutnant durch eine kühne nächtliche Bootsfahrt in den Hafen von Brest festgestellt hatte, daß dort nur wenige Schiffe lägen. Bald darauf entschlüpften wieder zwei französische Divisionen, die eine nach Westindien, die andere nach Westafrika. Die starke StreitmachtEnglands hatte also nicht einmal den Gegner von seinen Kolonien abgeschnitten.Frankreichvermochte indessen, außer den Entsendungen nach den Kolonien, nichts zu unternehmen.

Der Plan zu einer Invasion in Englandblieb in Frankreich während der Jahre 1756–1759 rege, in jedem Jahre wurden Rüstungen dazu angeordnet. Entweder konnte man aber die Mittel nicht aufbringen oder man betrieb die Sache nicht ernstlich; die Schiffe, die in Dienst gestellt wurden, gingen dann größtenteils nach den Kolonien. Im Jahre 1756 trug man sich auch mit der Absicht, die normannischen Inseln, die so wichtigen Vorposten Englands im Kanal, zu erobern, jedoch dies kam gleichfalls nicht zur Ausführung. All diese Gedanken wurden jedoch 1759 aufgegeben, als man sich stark genug glaubte, aber schon bei den ersten Schritten zu ihrer Ausführung die schweren Niederlagen von Lagos und Quiberon erlitt.

Im Mittelmeerverlief der Krieg 1756 schleppend. AdmiralByngtraf nach der Schlacht bei Minorka am 19. Juni in Gibraltar ein, fand hier eine von England gesandte Verstärkung von 5 Linienschiffen und bereitete die Rückkehr ins Mittelmeer vor. Am 3. Juli langte jedochHawkemit dem Kontreadmiral Saunders an und brachte die Rückberufung Byngs sowie Temple-Wests mit. Er übernahm das Kommando und führte die jetzt 21 Linienschiffe starke Flotte nach Minorka, doch war es zu spät, um Port Mahon zu retten oder auch nur den Rücktransport des französischen Heeres anzugreifen. Hawke beschränkte sich darauf, den Hafen zu blockieren und den Handel im Mittelmeer zu schützen.

Die französische Toulonflotte zeigte sich nicht mehr, obgleich sie nach Rückkehr von Minorka instandgesetzt wurde und im August 16 Linienschiffe sowie 6 Fregatten zählte. So ganz unbedingt müssen jedoch die Engländer die See nicht beherrscht haben, denn es gelang den Franzosen wiederholt, Port Mahon zu verproviantieren sowie im November 3600 Mann von Antibes nach Korsika zur Unterstützung Genuas gegen die Aufständischen überzusetzen; genannte Republik übergab dann alle befestigten Hafenplätze dieser Insel den Franzosen. Im Dezember kehrte Hawke mit einem Teil der Flotte nach England zurück und überließ dem KontreadmiralCharles Saundersden Befehl auf der Mittelmeerstation.

Auchim Jahre 1757bieten die Operationenim Mittelmeerwenig Bemerkenswertes. Im März gingen 4 Linienschiffe unter KapitänDurevestvon Toulon nach Nordamerika.Saundershatte Nachricht davon erhalten und lauerte ihnen in der Straße von Gibraltar mit 5 Linienschiffen auf. Am 5. April um 5 Uhr nachmittags sichteten sich die Gegner; es kam bei Einbruch der Dunkelheit zu einem zweistündigen Gefechte auf weitere Entfernung, aber in der Nacht entschlüpften die Franzosen und erreichten unbelästigt ihr Ziel (15. Juni in Louisbourg). Im Mai wurde die englische Station unter dem Kommando des VizeadmiralsHenry Osbornewieder verstärkt. Dieser nahm das Kreuzen wie im Vorjahre auf; er erschien im Juni mit 14 Linienschiffen vor Toulon und landete auch einmal bei Bormes, einem Küstenplatz östlich der Hyèren, zur gewaltsamen Eintreibung von Schlachtvieh sowie frischem Proviant.

In Toulon lagen nur 6 Linienschiffe unter dem Chef d'Escadrede La Clue; man beabsichtigte, weitere 8 in Dienst zu stellen, aber es fehlte an Material wie Mannschaften. Auch de La Clues Division, die über St. Domingo nach Louisbourg segeln sollte, war erst im Oktober seeklar und ging am 8. November in See. Der Admiral wagte jedoch wegen Osbornes Anwesenheit dort nicht, die Straße von Gibraltar zu passieren, sondern suchte Cartagena auf, um hier Verstärkungen zu erwarten; diese trafen aber erst im nächsten Jahre ein.

Im Atlantikwurde es1757etwas lebhafter. Obgleich die Engländer das Kreuzen vor den französischen Häfen im Frühjahr wieder mit verstärkten Kräften aufnahmen, gelang es doch drei Geschwadern, auszulaufen: Der Chef d'Escadrede Bauffremontverließ am 30. Januar Brest mit 5 Linienschiffen und einer Fregatte und traf am 23. Mai in Louisbourg ein; Chef d'EscadreComte d'Achésegelte am 4. Mai mit einem Linienschiff sowie 7 großen Schiffen der Ostindischen Kompagnie nach Ostindien, er war am 11. Dezember in Isle de France; Lieutenant-GénéralDubois de La Motteführte am 3. Mai 9 Linienschiffe nebst 4 Fregatten nach Louisbourg und erreichte es am 19. Juni. Im weiteren Verlauf des Jahres entwickelte aber England mehr Tatkraft, was sicher mit dem Eintritt Pitts in die Regierung zusammenhängt. Es wurden Angriffe auf die feindliche Küste ins Auge gefaßt, als Gegenstoß gegen französische Invasionspläne, mit denen man in England immer noch rechnete. EinAngriff auf Rochefortschlug jedoch gänzlich fehl, was bei den bedeutenden Kosten, die er verursacht hatte, großen Unwillen im englischen Volke erregte.

Angriff der Engländer auf Rochefort 1757.Man wählte diese Stadt, da man hoffte, hier leicht die Docks, Magazine, Arsenale und Schiffe zerstören zu können. Im Jahre 1754 hatte ein KapitänClark, der von Gibraltar nach England reiste, die Stadt besucht und mit Erlaubnis der Behörden sämtliche Anlagen besichtigt. Er fand die Befestigungen fehlerhaft angelegt und seit sechzig bis achtzig Jahren vernachlässigt, entwarf danach einen Angriffsplan und legte diesen jetzt, im Juli 1757,William Pittvor. Da nun ein verräterischer französischer Lotse, Thierry, die Angaben Clarks bestätigte und weitere über L'Ile d'Aix, die kleine befestigte Insel vor der Charente, von der die Reede von Rochefort (gewöhnlich Reede von L'Ile d'Aix benannt), sowie die Flußmündung beherrscht werden — sowie über Fouras, ein Fort an der Flußmündung, hinzufügte, glaubte man, hier leichtes Spiel zu haben.

Insgeheim wurde eine Flotte von 16 Linienschiffen, zahlreichen kleineren Fahrzeugen sowie Transportern mit 10000 Soldaten ausgerüstet; die Flotte befehligten AdmiralHawke, VizeadmiralKnowlesund KontreadmiralBroderick, die Truppen standen unter GeneralleutnantSir John Mordaunt. Die Expedition segelte am 8. September und erschien am 20. überraschend in der Durchfahrt zwischen den Inseln Oléron und Ré. Noch am selben Tage ging Knowles mit 2 Mörserbooten gegen Ile d'Aix vor, zwei französische Schiffe, die auf der Rhede lagen, liefen in die Charente ein und alarmierten. Am 23. wurden die Befestigungen der Insel beschossen, leicht niedergekämpft, besetzt und zerstört. In der Zwischenzeit suchten kleinere Fahrzeuge einen geeigneten Landungsplatz auf dem Festlande. Sie fanden jedoch die Landung überall schwierig, bei Widerstand sogar unmöglich; ein Kriegsrat am 25. beschloß daher, von dem Unternehmen abzusehen. In einer zweiten Versammlung am 28. wurde zwar doch der Angriff wieder ins Auge gefaßt, obgleich der Gegner jetzt manche Verteidigungsmaßregeln[144]getroffen hatte, aber am 29. wehte heftiger Landwind, und man stand abermals davon ab. Am 1. Oktober ging die Flotte unter Segel und traf am 6. in Spithead ein.

Nach französischen Auffassungen hätte das Unternehmen gelingen müssen. So sagt ein Autor (Lacour I, der die Ereignisse Seite 305 genauer beschreibt): „Die Macht der Engländer war stark genug, den Erfolg sicherzustellen. Man fing 1757 eben an, die Insel Aix zu befestigen... Die Werke Rocheforts waren in dem Zustande, wie sie Clark beschrieben hatte... Im Fort Fouras war keine Batterie in Ordnung, und es lagen nur 300 Mann dort... Der Marinekommandant und der Intendant dieses Hafens waren so überrascht und von der Einnahme der Stadt so überzeugt, daß sie nur an die Rettung der Dokumente und Akten, nicht aber an Verteidigungsmaßregeln dachten. (Rettung der Kassen wird nicht erwähnt, in ihnen war wohl nichts?)... Aber was die Verteidiger aus Kopflosigkeit sowie Kleinmut verfehlten, das hoben die Angreifer durch Mangel an Tatkraft und schnellem Handeln auf. Der Befehlshaber der Truppen, GeneralleutnantLangeron, gewann Zeit, die Garnison von Fouras zu verstärken, sowie an einigen Stellen am Strande Schanzen aufzuwerfen, auch verstand er es, seine schwachen Kräfte stärker erscheinen zu lassen; so wagten die Gegner nicht, etwas gegen das Festland zu unternehmen.“

Kurz nach der Rückkehr der Expedition ging AdmiralHawkeam 22. Oktober aufs neue mit 15 Linienschiffen in See, um die französische Flotte abzufangen, die unterDubois de La Mottevon Louisbourg zurückerwartet wurde. Seine Schiffe wurden jedoch in der Biskaya durch einen Sturm zersprengt, und ehe sie sich wieder vereinigt hatten, lief der Gegner am 23. November in Brest ein.

Im Jahre 1758fanden inEnglandschon im Winter große Indienststellungen statt. Im Februar verließ AdmiralBoscawenPortsmouth mit einer Expedition von 20 Linienschiffen, 18 Fregatten, vielen kleineren Fahrzeugen sowie über 100 Transportern mit 12000 Mann (14000?), die Louisbourg nahm. Kleinere Geschwader gingen nach West- und Ostindien sowie nach Westafrika ab. Die AdmiraleLord AnsonundHawkewurden zur Blockade von Brest und zur Beobachtung der Kanalhäfen entsandt; man sammelte ein kleineres Geschwader unter KommodoreRichard Howesowie Truppen auf Wight zu Vorstößen gegen die feindliche Küste. Endlich kreuzte KommodoreHolmesmit einigen Schiffen an der holländischen Küste.

Die Division Holmes griff durch dieEroberung Emdensunmittelbar in den Siebenjährigen Krieg ein. Die Stadt war am 4. Juli 1757 von den Franzosen besetzt, jetzt wurde sie im März 1758 mit Unterstützung der Seestreitkräfte zurückerobert.

Frankreichgelang es wiederum, von den atlantischen Häfen Verstärkungen nach Kanada zu senden, und zwar während der Wintermonate, als der Gegner die Blockade noch nicht in vollem Maße aufgenommen hatte oder sie auch wegen der Stürme nicht streng durchführen konnte. In drei Abteilungen — unter Führung der KapitäneDes Gouttes,Beaussier de L'isleundComte de Du Chaffault— segelten insgesamt 9 Linienschiffe ab, von denen aber nur 4 voll, die anderen als Flüten armiert waren, 2 Fregatten, ein schweres Schiff der Indischen Kompagnie, sowie einige Transporter mit Truppen und Kriegsmaterial. Im April sollte einweiterer Transport von Ile d'Aix aus folgen, wurde jedoch durch Hawke festgehalten.

Angriff auf französische Schiffe bei Ile d'Aix 1758.Am 3. April erschienHawkevor der Insel; auf der Rhede lagen 5 Linienschiffe, 2 Fregatten und etwa 40 Transporter. Als er am 4. nachmittags herankam, kappten die Franzosen ihre Ankertaue und setzten sich auf Strand. Die Engländer mußten gleichfalls der geringen Wassertiefe halber ankern und vermochten sich auch am 5. bei Flut nicht so weit zu nähern, daß sie die feindlichen Schiffe hätten vernichten können. Die französischen Kriegsschiffe erleichterten sich dann durch Überbordwerfen der Kanonen und liefen in die Charente ein; ihre Gegner mußten sich damit begnügen, die Bojen auf den Kanonen zu entfernen. Immerhin war die Abfahrt der Verstärkung verhindert, was vielleicht die Eroberung Louisbourgs erleichtert hat.

Nun folgteeine Reihe von Angriffen auf französische Kanalhäfen. Ihr Zweck war angeblich, zugunsten Friedrichs II. französische Truppen vom Kriegsschauplatz in Deutschland abzuziehen, doch wollte wohl England, wie in den früheren Kriegen, hierdurch die Ausgangshäfen der französischen Freibeuterei vernichten. Der Flotte unterAnson, demHawkeals zweiter im Kommando zur Seite stand, fiel die Aufgabe zu, jede Störung durch französische Seestreitkräfte von den atlantischen Häfen aus zu hindern; zur Ausführung war unterHoweein Geschwader von Schiffen bestimmt, die besonders für die Küstengewässer geeignet waren; die Landungstruppen, 14000 Mann, befehligte GeneralHerzog von Marlborough, an dessen Stelle im Juli GeneralBlightrat. Da die Ereignisse wenig Bemerkenswertes bieten, sollen sie nur kurz behandelt werden[81].

Angriffe auf französische Kanalhäfen 1758.HowesGeschwader zählte 1 Linienschiff, 4 Schiffe zu 50 Kanonen, 10 Fregatten, 5 Sloops, 2 Brander, 2 Mörserboote, viele kleine Fahrzeuge zu besonderen Zwecken sowie 100 Transporter für die Truppen; die Schiffe hatten eine große Zahl flachgehender Boote für Landungen an Bord. Am 1. Juni segelteAnsonvon England, um sich mit Hawke vor Brest zu vereinen, bald darauf ging Howe in See. Am 5. Juni nachmittags ankerte die Expedition in einer Bucht 6 Seemeilen östlich vonSt. Malo, 3 Fregatten sowie 1 Sloop setzten die dort befindliche Strandbatterie außer Gefecht und vertrieben am Strande befindliche Truppen, so daß die Landung ohne Verlust vor sich gehen konnte; sie war am 6. beendet und am 7. wurde auf St. Malo marschiert. Die Einnahme der Stadt zeigte sich jedoch undurchführbar, und am 11. sowie 12. schiffte man die Truppen wieder ein, nachdem die Umgebung gebrandschatzt war; das Unternehmen hatte 30 Tote und Verwundete gekostet. Durch ungünstigen Wind aufgehalten, langte die Expedition erst am 26. vorLe Havrean. Hier versuchte man eine Landung nicht erst, da der Gegner zu gut vorbereitet war. Man ankerte am 29. Juni zwei Seemeilen entfernt vorCherbourg. Hier vereitelte aufkommender Sturm die schon vorbereitete Landung. Da die Wetteraussichten für die nächste Zeit ungünstig erschienen, und da auch auf den überfüllten Schiffen Krankheiten ausgebrochen waren, gingHowenach Spithead zurück; eine französische Fregatte war während der Unternehmungen genommen.

In England wurden zunächst die Truppen zur Erholung ausgeschifft. Einen Teil derselben sandte man später zum Heere in Deutschland, mit dem Rest ging die Expedition am 1. August aufs neue in See. Am 6. wurde vorCherbourgerkundet, am 7.[146]und 8. in einer Bucht 6 Seemeilen westlich der Stadt fast ungestört gelandet und diese dann ohne ernsten Widerstand besetzt. Stadt sowie Werke waren von den Franzosen geräumt. Man zerstörte nun die Befestigungen, Magazine und Schiffe im Hafen, doch war der Erfolg mehr moralischer Art, da Cherbourg damals nur eine unbedeutende Marinestation war; in kleinen Scharmützeln hatte man 20 Tote sowie 30 Verwundete eingebüßt. Am 16. nahm man die Truppen wieder an Bord und ankerte am 18. bei Portland, da aber der Regierung der Erfolg nicht genügte, wandte man sich wieder gegenSt. Malo.

Am 4. September landete man in der Bucht von St. Lunaire, westlich der Stadt, sah aber auch diesmal vom Angriff auf die Stadt ab und beschränkte sich auf Brandschatzen. Da die genannte Bucht sehr felsigen Grund hatte, und das Wetter bedrohlich aussah, erachtete der Kommodore die Wiedereinschiffung hier für gefährlich; man wählte deshalb die Bucht vonSt. Cas, aber der Marsch dahin brachte eine schwere Niederlage. Aus Wäldchen und Hecken wurden die Truppen beschossen und sahen sich plötzlich am 11. September durch eine stärkere feindliche Streitmacht bedroht. In Eile wurde der Weg nach St. Cas fortgesetzt, aber hier gelang es nur noch, etwa ein Drittel der Truppen in Ruhe und Ordnung an Bord zu bringen, wobei man zuerst die Reiter und die Artillerie einschiffte. Da griffen die Franzosen mit allen Waffen an, und der Rückzug artete in Flucht aus. Der Gesamtverlust dieses Unternehmens bezifferte sich auf 822 Tote, Verwundete und Gefangene; darunter 4 Schiffskommandanten, die bei der Einschiffung befehligt hatten.

Bemerkenswertist, daß der „Sieg am 11. September“ in der Bretagne wie in ganz Frankreich großen Jubel erregte; er wurde gefeiert, in Liedern besungen, und derHerzog von Aiguillon, der die Truppen von Brest herangeführt hatte, war der Held des Tages.

Die englische Hauptflotte unterAnsonblockierte die französischen Kriegshäfen bis Mitte September. Als dann die Angriffe auf die Kanalhäfen aufgegeben wurden, ging sie heim und ließ ein kleineres Geschwader zurück, das erst im Dezember eingezogen wurde. Im Oktober kamDu Chaffaultmit seiner Division — 4 Linienschiffen, 2 davon als Flüten armiert, dem Kompagnieschiff und einer Fregatte — von Kanada; er wäre wohl abgefangen worden, wenn die Blockade noch in vollem Umfange bestanden hätte. So erlitt er nur durch Zufall Verluste. Ertrafnämlich vor dem Eingang des Kanalsmit Boscawen zusammen, der mit einem Teile seiner Flotte gleichfalls auf der Heimreise von Nordamerika war. Zum Glück der Franzosen war diese durch einen Sturm versprengt; Boscawen hatte nur 4 Linienschiffe und 3 Fregatten bei sich. Die Gegner sichteten sich am 27. Oktober und es kam gegen Abend zu einem Gefecht, das jedoch wegen stürmischen Windes und hoher See bald abgebrochen wurde. In der Nacht kam Du Chaffault von seinen Schiffen ab und erreichte Rochefort. Seine übrigen Schiffe wurden am 28. von Boscawen gejagt; das Kompagnieschiff wurde aufgebracht, ein Linienschiff lief in Seenot Bristol an und wurde dort mit Beschlag belegt, der Rest rettete sich nach Brest.

Im Mittelmeerkreuzte1758die englische Flotte unter VizeadmiralHenry Osborne.De La Cluelag seit November 1757 in Cartagena, wo er Verstärkungen erwartete. Im Januar stießen 2 Linienschiffe nebst einer Fregatte zu ihm, weitere 3 und eine Fregatte mußten noch in Toulon das Eintreffen einer Division von der Levante, die Kauffahrer heimführte,abwarten, um ihre Besatzungen zu ergänzen. Sie erschienen am 27. Februar bei Cartagena und erhielten Befehl, vor dem Hafen zu bleiben, da de La Clue nunmehr die Reise nach Westindien sofort antreten wollte. In der Nacht aber wurden die Wartenden durch Sturm vertrieben und stießen am anderen Morgen beim Kap de Gata auf Osborne. Sie wurden einzeln gejagt: 2 Linienschiffe wurden genommen, das dritte auf den Strand getrieben, nur die Fregatte entkam. Da nun in Toulon keine Schiffe mehr bereit waren und de La Clue ohne Verstärkung die Ausfahrt aus dem Mittelmeer nicht wagen konnte, rief man ihn nach Toulon zurück, wo er am 26. April eintraf. Daß die geschilderten Bewegungen der Franzosen überhaupt möglich gewesen waren, spricht nicht zugunsten der Engländer; Osborne verfügte insgesamt über 14 Linienschiffe, je zwei zu 40 und 50 Kanonen, 6 Fregatten und 2 Sloops.

Der Versuch der Franzosen, 1759 in England einzufallen, macht dieses Jahr zu einem entscheidenden im See- und Kolonialkriege. Zwei große Niederlagen in den europäischen Gewässern brachten der französischen Marine derartige Verluste, daß ihre Tätigkeit auf allen Kriegsschauplätzen gelähmt war. Pläne zu einem Einfall in England beschäftigtenFrankreichbereits seit 1756. Die verflossenen Jahre hatten nun erkennen lassen, daß man nicht imstande sei, in allen Meeren zu kämpfen, ja daß die Geldmittel den doppelten Krieg auf dem Festlande und auf der See überhaupt nicht erlaubten. Der eigene Handel lag hoffnungslos danieder, während der englische aufblühte und diesem Lande die Mittel zu reichlicher Unterstützung der Gegner Frankreichs lieferte.

Diese Erwägung im Verein mit der Verstimmung über die Mißerfolge des Jahres 1758 auf dem Lande brachten den feurigenChoiseul, der seit November dieses Jahres Frankreich leitete, zu dem Entschlusse, die ganze Kraft der Marine auf ein Ziel zu richten, auf den Einfall in England. Mit dem Kriegsminister,Marschall von Belle-Isle, entwarf er folgenden Plan[82]: Von Ostende aus sollten auf eigens dazu erbauten flachen Fahrzeugen 20 000 Mann unterGeneral de Chevertnach der Mündung des Blackwater, nordöstlich von London, übergeführt werden; ein gleichstarkes Heer unter demHerzog d'Aiguillonsollte bei Vannes gesammelt, in der Morbihanbucht[83]eingeschifft und in Schottland gelandet werden; ein kleineres Korps endlich wollte man von Dünkirchen aus nach Irland werfen, da man hier auf einen allgemeinen Aufstand rechnete. Die vereinigten Seestreitkräfte von Brest und Toulon — 35 bis 40 Linienschiffe — waren bestimmt, unterMarschall de Conflanszuerst die Expedition nach Schottland zu führen und dann den Übergang nach England zu decken;für die Überführung nach Irland waren nur einige Kriegsschiffe vorgesehen. — Schon im Winter 1758/59 wurde mit den Vorbereitungen zu diesem großen Unternehmen begonnen, aber Beratungen über den Plan, Mangel an Geldmitteln, sowie der schlechte Zustand der Werften und Arsenale verzögerten die Ausführung; erst spät im Sommer glaubte man sich bereit. Inzwischen aber war eine Hauptsache, die Vereinigung der Toulonflotte mit den Streitkräften des Atlantik, durch die Schlacht bei Lagos verhindert, und England hatte Zeit zu nachdrücklichsten Abwehrmaßregeln gefunden.

Obgleich man sämtliche Schlachtschiffe in Brest zusammenziehen wollte, hatte man zu Anfang 1759 den Chef d'Escadrede Bompartmit 8 Linienschiffen und 3 Fregatten von Brest nach Westindien gesandt. Er sollte Truppen nach den bedrohten Inseln bringen und dann sofort zurückkehren. Durch die Ereignisse in Westindien wurde er zwar länger aufgehalten, als vorauszusehen war; da sich die Expedition aber verzögerte, so traf er noch vor deren Abgang in Brest wieder ein.

InEnglanderfuhr man bald von der Absicht Frankreichs, und die Furcht vor der Invasion erregte wie gewöhnlich die Gemüter. Aber die leitenden Kreise hatten doch in strategischer Hinsicht gelernt und der einsichtsvollePittstand an der Spitze. Man hielt nicht mehr, wie bisher so oft, die Streitkräfte ängstlich an der eigenen Küste zusammen, sondern verwendete sie jetzt ganz in der Art, wie sie in der Einleitung zu diesem Kriege (vgl. Seite125) geschildert ist. Ein Geschwader (Kommodore Boys) kreuzte vor Dünkirchen und Ostende, eins (Kontreadmiral Rodney) vor der Küste der Normandie; hinter diesen lag ein Geschwader (Admiral Thomas SmithundKommodore Sir Piercy Brett) in den Downs.Sir Edward Hawkeblockierte Brest, und das Mittelmeergeschwader (Admiral Edward Boscawen) war verstärkt. Diese Streitkräfte zur Beobachtung und Abwehr des Gegners in den europäischen Gewässern gewannen im Laufe des Jahres mehr und mehr an Stärke. Genaue Zahlen stehen uns leider nicht zu Gebote, doch mag als Anhalt dienen, daß Hawke im Juni über 25 Linienschiffe (dazu 4 50-Kanonenschiffe) und Boscawen über 13 (dazu 2 50-Kanonenschiffe) verfügte; die kleineren Beobachtungsgeschwader waren aus nur wenigen Linienschiffen zu 60 Kanonen, sonst aus 50-Kanonenschiffen und Fregatten zusammengesetzt.

Aber auch die anderen Kriegsschauplätze wurden nicht vergessen. Nach Nordamerika ging im Februar eine Flotte unter VizeadmiralCharles Saundersab und brachte die dortigen Streitkräfte auf 20 Linienschiffe (dazu 2 50-Kanonenschiffe); zur Verstärkung der sonstigen Stationen waren schon im November 1758 8 Linienschiffe nach Westindien, 5 nach Ostindien ausgelaufen. Ferner sandte man Truppen nach diesen drei Kriegsschauplätzen sowie zum Festlandskriege; in England selber wurden die Milizen aufgeboten. Da die Franzosen nur an den Einfall in England dachten, blieben ihre Kolonien außer Westindien ohne Unterstützung und die Engländer errangen überall große Erfolge.

Die Schlacht bei Lagos, 18. August 1759.In Toulon rüstetendie Franzosenein Geschwader von 12 Linienschiffen, darunter 2 50-Kanonenschiffe,und 3 Fregatten aus, das der Chef d'Escadrede La Clue[84]nach Brest führen sollte. Dies war bei der Überlegenheit der Engländer eine schwierige Aufgabe, zumal diesen Gibraltar als Beobachtungsplatz zur Verfügung stand, wenn die Blockade von Toulon nicht durchführbar war. Gerade jetzt erwies sich die Wichtigkeit dieses Wachtturmes am Ausgange des Mittelmeeres, und es ist sehr befremdend, daß selbst der einsichtige Pitt noch 1757 die Rückgabe Gibraltars Spanien als Preis für ein Bündnis angeboten hat. Die englische Mittelmeerflotte war während des Winters und des Frühjahrs auf 13 Linienschiffe, 2 50-Kanonenschiffe, 10 Fregatten, 2 Sloops und 2 Brander gebracht.

Admiral Boscawen[85]übernahm am 16. Mai das Kommando und blockierte sofort Toulon streng; am 7. Juni ließ er sogar durch 3 Linienschiffe 2 französische Fregatten auf der Äußeren Rhede angreifen, die englischen Schiffe gerieten aber unter den Befestigungen in Windstille und litten schwer. Um sie auszubessern, sowie um Wasser und Vorräte der Flotte zu ergänzen, ging der Admiral Anfang Juli nach Gibraltar; er gebrauchte aber die Vorsicht, auf der Höhe von Malaga, sowie vor Ceuta je eine Fregatte auszulegen.

De La Clueverließ am 5. August, als seine Schiffe endlich segelfertig und mit genügender Mannschaft versehen waren, Toulon, traf am 17. August vor der Straße von Gibraltar ein und wurde hier durch die eine der Fregatten gesichtet. Diese meldete den Feind schon um 7½ Uhr abends in Gibraltar. Der französische Admiral beabsichtigte, sich jedem Zusammenstoße zu entziehen, aber Boscawen ging mit äußerster Beschleunigung unter Segel und bereitete ihm, der von einem Teil seiner Schiffe im Stich gelassen wurde, in einem Verfolgungsgefechte am 18. und 19. August eine schwere Niederlage.

Schilderung der Schlacht bei Lagos.Boscawenwar nicht völlig seeklar gewesen, sein Flaggschiff hatte nicht einmal Segel untergeschlagen, dennoch gelang es, noch vor 10 Uhr nachts die Flotte in zwei einige Seemeilen voneinander getrennten Gruppen in See zu bringen.De La Cluehatte mit östlichem Winde die Straße in Kiellinie passiert; er beabsichtigte nun, unter vollen Segeln mit westlichem Kurse in die offene See zu steuern, um sich einer Verfolgung zu entziehen. Er minderte auf dem[150]Flaggschiff Segel und gab das Signal für den neuen Kurs; als dies von den nächsten Hinterleuten beantwortet war, löschte er die Admiralslaternen am Heck, mehrte Segel und steuerte WNW. Die Kiellinie war wohl bisher nicht gut geschlossen gefahren, denn die Segeleigenschaft der Schiffe war sehr verschieden, die des Flaggschiffes besonders gut, und so kam es, daß die letzten 5 Linienschiffe sowie die Fregatten das Signal nicht bemerkten; als sie die Admiralslaternen aus Sicht verloren, steuerten sie NNW, um Cadiz zu erreichen, da dieser Hafen durch einen früheren Befehl als Sammelpunkt bei verloren gegangener Fühlung bezeichnet war.

Am 18. August gegen 7 Uhr vormittags sichtete Boscawen mit seiner vorn segelnden Gruppe, 8 Linienschiffen, de La Clue mit 7 Linienschiffen unter vollen Segeln in Kiellinie; er gab seinen drei besten Seglern den Befehl, Segel zu pressen und die letzten Schiffe der Franzosen festzuhalten. Um 2½ Uhr nachmittags kam der vorderste Engländer mit dem hintersten Feinde ins Gefecht; zum Vorteil der Verfolger flaute der Wind für die westlicher stehenden Schiffe ab, während die nachfolgenden noch Wind genug hatten, so daß bis bald nach 4 Uhr die ganze Gruppe Boscawens eingreifen konnte.

Um 4½ Uhr kam es zum Kampf zwischen den beiden Flaggschiffen, in dem das englische, „Namur“ mit 90 Kanonen, von dem französischen, „L'Océan“ mit 80 Kanonen, im Laufe einer halben Stunde durch Beschädigung der Takelage außer Gefecht gesetzt wurde, so daß Boscawen auf ein anderes Schiff gehen mußte. Hervorragend focht auch das letzte französische Schiff, „Centaure“, mit 74 Kanonen unter Kapitän de Sabran, der 11 Wunden davontrug; es hielt stundenlang gegen 5 englische Schiffe stand, bis es wrack und halb voll Wasser die Flagge strich. Dieser Opfermut gab den anderen Franzosen Gelegenheit, ihre Flucht fortzusetzen. Boscawen warf später einigen seiner Kommandanten vor, nicht tatkräftig genug eingegriffen zu haben, doch wurden sie anscheinend durch Windstille zurückgehalten. Während der unsichtigen Nacht retteten sich dann zwei Franzosen durch Ausbrechen aus ihrem Geschwader; der Rest wurde am 19. in die Bucht von Lagos gejagt. Das Flaggschiff setzte sich hier auf den Strand, die anderen ankerten unter den portugiesischen Batterien. Boscawen, dessen zweite Gruppe (Vizeadmiral Broderick) nun auch herangekommen war, nahm aber keine Rücksicht auf die Neutralität Portugals und griff an; 2 feindliche Schiffe wurden genommen, 2 verbrannt. Unter den letzteren war das Flaggschiff; den an beiden Beinen schwer verwundeten Admiral hatten seine Leute vorher an Land geschafft.

Der Verlustder Franzosen betrug 5 Linienschiffe, sowie gegen 200 Tote und Verwundete allein auf „Océan“ und „Centaure“. Die Engländer büßten 175 Mann ein, und zwar fast nur auf den Schiffen der ersten Gruppe. Aber auch die entwichenen französischen Schiffe waren außer Gefecht gesetzt. Die nach Cadiz gesegelten wurden hier bis zum Januar 1760 blockiert gehalten; die beiden später geflohenen erreichten auf Umwegen erst im Oktober Rochefort.

Die Schlacht bei Lagoskostete Frankreich seine Mittelmeerflotte undist bemerkenswert als gutes Beispiel eines reinen Verfolgungsgefechtes. Die französischen Streitkräfte waren den englischen an Schlachtschiffen nur wenig unterlegen; es standen 12 Franzosen mit 806 Kanonen gegen 15 Engländer mit 998. Dennoch handeltede La Cluerichtig, wenn er ein Zusammentreffen unbedingt zu vermeiden suchte; seine Aufgabe war, die Flotte ungeschwächt und schnell zur Vereinigung nach Brest zu führen. Sich dem Kampfe durch Einlaufen in Cadiz, dem von ihm für alle Fälle angegebenen Sammelpunkt, zu entziehen, wäre zwecklos gewesen, da er dann hier wie bislang in Toulon blockiert worden wäre.

Er hätte aber für Zusammenhalten der Flotte sorgen müssen, in der Nacht vor der Schlacht trennten sich jedoch die hintersten 5 Schiffe und segelten nach Cadiz. Von älteren französischen Quellen werden die Kommandanten dieser Schiffe des Ungehorsams, ja selbst der Feigheit, beschuldigt, neuere Schriftsteller urteilen mit Recht milder. Der Admiral mußte seine Absicht noch bei Tageslicht kundgeben oder hätte sich doch in der dunkeln Nacht erst überzeugen müssen, ob sein Signal allgemein verstanden sei, ehe er den beschleunigten Marsch antrat; bei dem noch unvollständigen Signalsystem[86]war dies unbedingt notwendig. Er hätte ferner schon vorher die Marschgeschwindigkeit der Flotte den langsamsten Schiffen anpassen müssen, um einem Zurückbleiben dieser vorzubeugen.

Den Nachteil, der einer Flotte durch ungleiche Marschfähigkeit ihrer Schiffe erwächst, wenn sie sich dem Kampfe entziehen will, nützteBoscawenrichtig aus, als er am 17. folgte, ehe er seine Flotte aufgeschlossen hatte, und als er am 18. August ohne Rücksicht auf Ordnung durch seine schnellsten Schiffe die letzten des Gegners angreifen ließ, um diesen überhaupt festzuhalten. Der Kommandant des hintersten französischen Schiffes, Kapitände Sabran, verdient das höchste Lob dafür, daß er hierbei durch heldenmütige Verteidigung und Aufopferung so viele Gegner festhielt, um seine Kameraden zu retten.

Kapitän de Sabranwurde während seiner Gefangenschaft in Gibraltar von den Engländern mit Auszeichnung behandelt und später in Toulon, in Paris sowie am Hofe sehr gefeiert. Den übrigen Kommandanten warf die öffentliche Meinung Ungeschick und Ungehorsam, ja sogar Feigheit und Verrat vor. Auchde La Cluefiel in Ungnade. Nach älteren Quellen soll er bald nach der Schlacht seinen Wunden erlegen sein, nach englischen Angaben schon in Lagos. Dies muß ein Irrtum sein, denn Lacour führt ausdrücklich an, er sei vonChoiseul, der 1761 das Marineministerium übernahm, milder beurteilt und habe erst 1764 den Dienst verlassen.

Bezeichnend ist endlich noch das Auftreten des englischen Admirals an der Küste des neutralen Portugals; aber dieser Staat war so abhängig von England, daß man keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Es erfolgte auch später nur eine förmliche Entschuldigung durch den englischen Gesandten; dieser war aber durch Pitt angewiesen, dabei keinen Zweifel zu lassen, daß man weder die genommenen Schiffe wieder ausliefern noch den Admiral tadeln würde.

Das Auslaufen der französischen Brestflotte 1759.Am 3. Juli erschien KontreadmiralRodney vor Le Havremit einem Linienschiffe, 4 50-Kanonenschiffen, 5 Fregatten und 6 Mörserbooten, um die hier für die Expedition gebauten flachen Transportfahrzeuge, sowie die angehäuften Ausrüstungsgegenstände zu vernichten. Er überschüttete während 52 Stunden Stadt und Hafen mit 1900 Bomben und 1100 Brandgeschossen. Die Einwohnerflüchteten; die Kauffahrer im Hafen, sowie die Magazine erlitten großen Schaden, und die flachen Boote, die in einem benachbarten kleinen Seinehafen Schutz gesucht hatten, wurden verbrannt, um sie nicht in Feindeshand fallen zu lassen.

Admiral Hawkehatte die Blockade von Brest im Juni mit 25 Linienschiffen nebst zahlreichen Fregatten aufgenommen. Er ließ hierbei seine leichten Schiffe dicht vor dem Hafen kreuzen, während er sich mit den schweren in sicherer Entfernung von der Küste hielt. Später zweigte er eine kleine Division unterKommodore Robert Duffzur Beobachtung der Morbihanbucht ab, wo sich die französische Expedition sammelte, und sandte bald darauf noch eine zweite unterAdmiral Gearyvor die Quiberonbucht, um dem von Westindien zurückerwarteten Geschwader de Bompart (siehe Seite148) den Weg nach Rochefort zu verlegen. Nur einmal versuchten die Franzosen mit 4 Linienschiffen von Brest zur Morbihanbucht durchzubrechen; diese mußten jedoch wieder umkehren, da die innere Blockadelinie aufmerksam war und die Flotte heranrief.

Diese kleine französische Division unter Kapitände Moroguessollte die unmittelbare Deckung des Transportes für den Einfall in England übernehmen. An diesem hielt man nämlich immer noch fest, obgleich die Rüstungen so langsam fortschritten, daß die Herbststürme herannahten, und obgleich mit der Mittelmeerflotte nicht mehr gerechnet werden konnte. Der Plan erlitt aber insofern eine Einschränkung, als von der Überführung eines Heeres über den Kanal abgesehen und nur die große Landung in Schottland, sowie die Diversion nach Irland im Auge behalten wurde. Auch diese Einschränkung scheint erst spät beschlossen oder überhaupt nur die Folge der weiteren Ereignisse gewesen zu sein, denn noch in einer Verfügung an AdmiralConflansin Brest vom 13. September ist von dem gegen England bestimmten Heere die Rede, als dessen Führer man jetzt den PrinzenSoubisenannte.

Das Mißgeschick bei Lagos sowie die sorgfältige Überwachung der Küsten durch die Engländer hätte wohl von dem ganzen Unternehmen abmahnen müssen. Aber man wünschte in Paris durch einen Erfolg auf dem Meere die im Landkriege erlittenen Scharten auszuwetzen und dadurch einen ehrenhaften Frieden herbeizuführen. Französische Quellen besagen, das Aufgeben des Planes nach den großen Vorbereitungen wäre für Frankreich ein volles Eingeständnis seiner maritimen Ohnmacht gewesen. Daraufhin aber sich in ein fast aussichtsloses Wagnis zu stürzen, spricht nicht für die Einsicht der leitenden Kreise. Doch kann dies kaum mehr wundernehmen als die Bestimmung des Prinzen von Soubise, der sich bei Roßbach ganz unfähig gezeigt hatte, zum Führer eines so schwierigen Unternehmens.

Im September hielt man das an der Morbihanbucht zusammengezogene Heer, sowie die Flotte in Brest für schlagfertig und erteilte am 15. d. M. dem Vizeadmiral der Levante,Marschall de Conflans[87], den Befehl,von Brest in See zu gehen, die Truppen abzuholen und am Clyde oder an der Ostküste Schottlands zu landen. Doch wieder traten Verzögerungen ein, weil die Ansichten über die Ausführung des Planes auseinandergingen. Der MarineministerBerryererachtete den Admiral taktisch für nicht geschickt genug, um das Vorgehen des Feindes zu hindern und die Überfahrt der Transportflotte ohne entscheidenden Kampf zu sichern. Sein Plan war daher, für die unmittelbare Begleitung der Transporter nur 6 Linienschiffe zu bestimmen, die Flotte aber vorauszusenden, um die Schlacht vorher zu schlagen; brachte diese einen entscheidenden Sieg, so wäre der Weg frei, verlief sie ungünstig, so würde wenigstens der Transport nicht gefährdet.

De Conflans— der sich übrigens stets darüber beklagt hatte, daß Heer und Transporter nicht bei Brest gesammelt seien und daß er so bei Benutzung einer günstigen Gelegenheit für das Auslaufen zu einem zeitraubenden Umweg gezwungen sei — war anderer Ansicht; er bestand darauf, den Transport mit der ganzen Flotte zu begleiten und, wenn nötig, auch so einen Angriff abzuschlagen. Am 14. Oktober erhielt er denn auch eine neue Order (wörtlich bei Lacour I, Seite 366), die ihm freistellte, „ganz nach seiner Ansicht und Erfahrung zu handeln“. Der Augenblick war günstig, da die englische Flotte wegen eines Sturmes die Blockade für kurze Zeit hatte aufgeben müssen. Aber Conflans zögerte immer noch und zwar, wie er berichtete, weil die Ausrüstung der Flotte nicht abgeschlossen und die Besatzungen nicht vollzählig, sowie zu wenig eingeübt seien; die meisten Schiffe hatten seit drei Jahren den Hafen nicht verlassen. Am 9. November sah sich die englische Flotte wiederum durch das Wetter genötigt, die Blockade abzubrechen und nach Torbay zu segeln; diese Gelegenheit benutzte das gerade vor Westindien anlangende GeschwaderBomparts, um in Brest einzulaufen. Es zählte 8 Linienschiffe und würde die Brestflotte auf 27 solcher gegenüber 23 der englischen Blockadeflotte gebracht haben; Conflans zog sie aber hierzu nicht heran, sondern füllte mit ihren seeerfahrenen Besatzungen seine Schiffe auf. Diese Maßregel wird sehr verschieden beurteilt, muß aber wohl als zweckentsprechend angesehen werden; sie läßt auf den traurigen Zustand der übrigen Schiffe schließen.Conflansging dann am 14. November mit östlichem Winde in See und steuerte südwärts.


Back to IndexNext