Chapter 16

Westindien und Nordamerika1780. Die zweite französische Flotte (de Guichen) in Westindien; erstes Auftreten Rodneys; die französische Hilfsarmee in Nordamerika.

Die europäischen Gewässer1781. Gibraltar aufs neue versorgt (Darby); die Verbündeten vor dem Kanal; Eintreten Hollands in den Krieg.

Westindien und Nordamerika1781. Die dritte französische Flotte (de Grasse) in Westindien; Kampf um die Chesapeakebucht und Fall von Yorktown.

Europa1782. Die Verbündeten vor dem Kanal; der große Angriff auf Gibraltar; Howe rettet die Festung endgültig.

Westindien1782. Rodney und de Grasse; der Krieg beendet.

Ostindien1778–1783.

Die Rüstungen der Gegner.Frankreichbereitete den Krieg frühzeitig vor. Vom August 1775 an wurde zwischen Versailles und Madrid ein Briefwechsel über gemeinsame Rüstungen geführt und solche auf den Werften von Brest und Toulon sowie Cadiz und Ferrol begonnen.Vergennes'erste Sorge war, zu verhindern, daß England wie im Jahre 1755 vor Ausbruch des Krieges einen großen Schlag gegen den französischen Handel führe. Schon 1776 erhielt deshalb das kleine Geschwader, das jährlich in Brest zu Übungszwecken zusammentrat, den Befehl, seine Fahrten auf die Gewässer zwischen Ouessant und Finisterre zu beschränken und die Schiffe zu beobachten, die England in diesem Jahre gegen amerikanische Kauffahrer sowie Freibeuter kreuzen ließ. Im Jahre 1777 lag sogar in Brest eine Flotte von 15 Linienschiffen seeklar, um einer etwa an der Küste erscheinenden englischen entgegentreten zu können, und leichtere Schiffe kreuzten außerdem wie im Vorjahre. Diese Flotte hielt man jedoch auf der Reede fest, aus Furcht, daß schon ihr Auslaufen zu einer Kreuzfahrt Anlaß zum Kriege geben könne. Im August wurde ein Fahrzeug nach den Neufundlandbänken gesandt, um die Fischerflottillen zurückzurufen. Als die Nachricht von Saratoga eintraf und man sich zum Kriege entschloß, hatte Frankreich 48 Linienschiffe, 31 in Brest, 17 in Toulon, zur Indienststellung bereit; bei dem Versuche, auch Spanien zum Losschlagen zu bewegen, wurde diesem schon ein Plan zur Verwendung der vereinten Kräfte mitgeteilt.Vergenneshob hierbei nochmals hervor, daß der Druck der englischen Seemacht nicht länger zu ertragen sei.

Übergriffe der Engländer auf See.Die englischen Schiffe, die an Frankreichs Küsten kreuzten, gingen mit größter Rücksichtslosigkeit vor. Sie hielten alle Kauffahrer an und nahmen sie beim leisesten Verdacht auf Kriegskontrebande, deren Begriff sie weit ausdehnten, in Beschlag. 1777 und während der ersten Monate 1778, vor dem Ausbruch des Krieges, brachten sie gegen 130 Fahrzeuge mit einem Werte von 16 Millionen Franken auf. Sogar Kriegsschiffe hielten sie unter dem Vorwand an, sich vergewissern zu müssen, ob es tatsächlich französische wären, da die amerikanischen Freibeuter oft die französische Flagge zeigten. 1776 waren sogar englische Schiffe in ihrem Übermut durch die Formation des französischen Übungsgeschwaders hindurchgesegelt. Frankreich ließ sich alles dies gefallen, um nur den Bruch noch hinzuhalten. Die französischen Seeoffiziere waren darüber empört und klagten mit Recht, daß die Anmaßung der Engländer infolgedessen immer größer würde; verwunderlich ist, daß es nicht zu blutigen Zusammenstößen kam, denn die Schiffe beider Völker waren beim Begegnen stets[247]gefechtsklar. Die Empörung in Frankreich über die Schärfe des englischen Beobachtungsdienstes war übrigens ungerechtfertigt, denn man unterstützte die Amerikaner mit Kriegsmaterial und gestattete ihren Freibeutern den Aufenthalt in französischen Häfen.

Als jedoch Spanien noch nicht am Kriege teilnehmen mochte, mußte Frankreich allein seine weiteren Maßregeln treffen. Mit der Abberufung der Gesandten (März 1778) erging der Befehl zur Indienststellung der gebrauchsbereiten Schiffe. Im April schon konnten 12 Linienschiffe unter Vizeadmirald'Estaingvon Toulon nach Nordamerika auslaufen, in Brest waren im Juni 20 und im Juli 30 unter Lieutenant-GeneralComte d'Orvillierssegelfertig. Man hatte ferner in den vorangegangenen Monaten Truppen und Kriegsmaterial nach Westindien und vier Fregatten nach Isle de France gesandt; 30000 Mann hatte man in der Normandie zusammengezogen. Marschallde Broglieübernahm im Mai den Oberbefehl über dieses Heer unter dem Vorwande, mit ihm Übungen zur Klärung taktischer Fragen anzustellen. Frankreich war also gut gerüstet.

Englanddagegen hatte seit dem letzten Kriege versäumt, seine Seestreitmittel stets denen der vereinten beiden bourbonischen Königreiche überlegen zu halten, die vorhandenen Schiffe waren auch nicht so bereit, wie sie bei der Wahrscheinlichkeit eines Krieges hätten sein müssen, und die Vorbereitungen für den Kampf begannen zu spät. Schuld hieran wird dem Minister des Äußern, der die Nähe und Größe der Gefahr unterschätzte oder der inneren Streitigkeiten halber verheimlichte, sowie der Sorglosigkeit des Ersten Lords der Admiralität gegeben.

John, Earl of Sandwich, bekleidete diesen Posten von Januar 1771 bis März 1782. Für die Jahre 1776 und 1777 waren die Geldmittel der Marine nur soweit erhöht, als es der amerikanische Krieg und das Kreuzen in den europäischen Gewässern erforderte. Im November 1777 erklärte der Erste Lord im Parlamente auf eine Klage der Opposition über die zu geringe Stärke der Kanalflotte, er glaube nicht, daß Frankreich und Spanien feindselige Gesinnungen hegten, im übrigen seien in der Heimat 42 Schiffe in Dienst, 35 derselben bereit, sofort auszulaufen; er fühle sich zu der Erklärung berechtigt, daß man damit den Flotten des Hauses Bourbon gewachsen sei. Dies wäre, wie wir wissen, nicht der Fall gewesen, aber auch gegen Frankreich allein konnte man sich kaum behaupten. Als nämlich nach Abbruch des diplomatischen Verkehrs eine Flotte von 13 Linienschiffen unter AdmiralByronfür Amerika in Dienst gestellt war und etwa 3 Schiffe unter den AdmiralenBarringtonnach Barbados, sowieSir Peter Parkernach Jamaika segelten, fandAdmiral Keppeldie Kanalflotte bei Übernahme des Kommandos, nach seinem Ausdrucke mit „Seemannsauge gemustert“, recht schwach vor; bei einem ersten Auslaufen im Juni verfügte er nur über 21 und erst im Juli über 30 Schiffe.

Also nicht einmal eine Übermacht Frankreich allein gegenüber war vorhanden.Byronstand mit 13 Schiffen gegend'Estaingmit 12;Keppelmit 30 gegend'Orvilliersmit 32. Schiffe sowie Werften waren eben nicht in Ordnung; es sollen[248](nach Campbell) Monate nötig gewesen sein, um das seit Jahren auf den Werften verrottende Material zu sichten, Masten und Raaen zu flicken. Auch der Mannschaftsmangel war groß, obgleich für 1778 vom Parlamente 60000 Mann (darunter 11000 Seesoldaten) für die Marine bewilligt waren. Da der Krieg noch nicht erklärt war, scheute man sich anfangs, zu scharfem Pressen zu schreiten, man wollte lieber die Rückkehr der Handelsschiffe aus allen Weltteilen im Frühjahr und Sommeranfang abwarten. Um wenigstens die Flotte Byrons bald seeklar zu machen, mußten Leute sowie Material von der Kanalflotte genommen werden. An Geldmitteln waren für 1778 fünf Millionen bewilligt; sie umfaßten die Kosten für Indiensthaltungen, Reparaturen sowie Neubauten und 1 Million Überschreitungen vom Vorjahre.

Bei Ausbruch des Krieges legten beide Parteien Beschlag auf die Handelsschiffe des Gegners in ihren Häfen und hielten die eigenen zurück. Letzteres geschah, um das Personal für die Kriegsschiffe zu gewinnen und um sie selber nicht der Wegnahme auszusetzen. Das englische Volk, bisher so stolz auf seine Marine, war empört über ihre hierdurch eingestandene augenblickliche Schwäche. Kaufleute und Reeder tadelten die Admiralität scharf; mit Recht, denn es mußten beispielsweise 100 Westindienfahrer drei Monate auf Bedeckung warten, wodurch ein Schaden von 90000 Lstrl. erwuchs und in Westindien Mangel am nötigsten eintrat.

Bei dem unfertigen Zustande der Marine kann es nicht verwundern, daßEnglandweder den Krieg erklärte noch losschlug, obgleich es den diplomatischen Verkehr abgebrochen hatte; wäre es in der Lage gewesen, würde es sicher wie 1755 über Frankreichs Handel hergefallen sein. So hielt man sogar Byrons Flotte bis zum Juni fest, um die heimischen Gewässer nicht zu entblößen, und auch die Kanalflotte lief dann erst aus. Gegen Frankreichs Truppen in der Normandie hatte England Milizen an den Küsten aufgeboten, und schon im März war über Suez der Befehl nach Ostindien gesandt, die französischen Besitzungen anzugreifen. Aber auchFrankreichbegann den Krieg nicht; man wollte vorläufig nur den Amerikanern an Ort und Stelle Hilfe leisten, die Brestflotte bereithalten und die Küsten durch Kreuzer bewachen lassen. Erst alsKeppelfranzösische Kriegsschiffe aufgebracht hatte, erhieltd'OrvilliersBefehl, dies zu vergelten.

Die Eröffnung des Krieges.Am 13. April ging die Flotte des Vizeadmiralsd'Estaingvon Toulon mit versiegelten Ordres in See. Man hatte verbreitet, sie sei nach Brest bestimmt; ein Mitglied der amerikanischen Gesandtschaft in Paris, sowie der für die neue Republik bestimmte Gesandte Frankreichs waren unter falschen Namen eingeschifft, um das Ziel nicht zu verraten. Infolge ungünstigen Windes passierte sie erst am 17. Mai die Straße von Gibraltar, und am 20. wurden 120 Seemeilen westlich vom Kap St. Vincent die Ordres geöffnet. Die Flotte war nach Amerika bestimmt und sollte von jetzt an schon die Feindseligkeiten gegen englische Kriegs- wie Handelsschiffe beginnen. Eine englische Fregatte war ihr von Gibraltar aus gefolgt, behielt sie noch weitere 150 Seemeilen in Sicht und überbrachte am 7. Juni die Meldungin England. Am 8. segelte dann die Flotte des VizeadmiralsJohn Byrongleichfalls nach Amerika ab.

Zu gleicher Zeit (am 8. oder 12. Juni) gingAdmiral Augustus Keppel[133]mit der Kanalflotte — 21 Linienschiffe, 3 Fregatten, 2 Kutter, ein Brander — in See, um vor Brest zu kreuzen. Er hatte den Befehl, die Brestflotte zu beobachten, den Kanal für die eigenen Handelsschiffe offenzuhalten und die Vereinigung der Toulon- mit der Brest-Flotte durch Waffengewalt zu verhindern. Am 17. Juni traf er vor dem Kanal auf eine kleine französische Flottille, die Fregatten „La Belle Poule“, Kapitände la Clocheterie, „La Licorne“, die Korvette „L'Hirondelle“ und den Lugger „Le Coureur“. Wenn auch der Krieg noch nicht erklärt war, hielt esKeppeldoch für nötig, die Schiffe anzuhalten, sowohl um zu verhindern, daß seine Bewegungen dem Gegner bekannt würden, als auch um Nachrichten über diesen zu erhalten. Er jagte die Fahrzeuge mit der ganzen Flotte und ließ sie durch vorauseilende Fregatten auffordern, längsseit seines Flaggschiffes zu kommen.

„Licorne“ tat dies, versuchte aber später zu entwischen, antwortete auf Warnungsschüsse mit einer Breitseite und strich dann die Flagge. „Hirondelle“ entkam, „Coureur“ ward bald genommen. „Belle Poule“ führte ein hartnäckiges laufendes Gefecht mit der englischen Fregatte „Arethusa“ und lief unter die französische Küste; hier konnten ihr die Engländer nicht beikommen, und sie erreichte am 21. Juni Brest. Am 19. Juni nahmKeppelnoch die Fregatte „Pallas“. Aus den Papieren der Prisen ersah er, daß die französische Flotte der seinigen überlegen war oder es doch bald werden würde, er kehrte deshalb nach Spithead zurück, um Verstärkungen an sich zu ziehen.

Diese Wegnahme von Kriegsschiffensah man in Paris als Kriegserklärung an. Man bezeichnete sie als verräterisch und gegen das Völkerrecht verstoßend, obgleich doch auchd'Estaingden Befehl hatte, die Feindseligkeiten zu eröffnen. Spanien wurde benachrichtigt, daß Frankreichs Geduld nunmehr erschöpft sei und man den Krieg beginne; Kaperbriefewurden ausgegeben undd'Orvillierserhielt am 2. Juli den Befehl, in See zu gehen. Aber trotz vorher erlassener Kabinettsordres, deren hochgemute Worte auf eine besonders kräftige Verwendung der Seestreitkräfte hatten schließen lassen und in denen den kommandierenden Offizieren der Marine die größte Unerschrockenheit bei ihrem Auftreten ans Herz gelegt wurde, wardie Instruktion für den Flottenchefeine recht beschränkte. Er sollte einen Monat kreuzen und als Repressalie Kriegs- und Handelsschiffe aufbringen. Später, schon auf See, ging ihm sogar in einer Verfügung vom 12. Juli noch die Mahnung zu, daß der König bei der jetzt bekanntgewordenen Stärke der feindlichen Flotte sehr auf die Klugheit des Admirals rechne; die Minister wälzten also die Verantwortlichkeit ganz auf ihn ab.

Befehle Ludwigs XVI.[134]In einem Schreiben des MarineministersSartinesand'Orvilliersvom 2. April 1778 findet man die Sätze: „Sie (der Chef, die Flaggoffiziere und die Kommandanten) müssen sich bewußt sein, daß die Augen Europas auf das erste Geschwader gerichtet sind, das nach dem letzten Kriege unsere Häfen verläßt. Ihre Pflicht ist es jetzt, der französischen Flotte wieder den alten Ruhm zu verleihen, der sie einst umstrahlt hat. Nur durch die glänzendsten Waffentaten können die letzten Unglücksfälle und Fehler gutgemacht werden; die zur Verfügung stehenden Mittel sichern ihnen die Überlegenheit, ihr Mut muß das übrige dazu tun...“ „Aber in welche Lage auch immer die Flotte kommen mag, der König erwartet, daß seine Schiffe mit der größten Unerschrockenheit angreifen und sich stets bis aufs äußerste verteidigen werden.“

In diesem Sinne folgt noch mehr, undTroudesagt hierzu richtig: „Wie verschieden war diese Sprache von jener, die unsere Admirale im letzten Kriege zu hören bekamen“; wir sind mehrfach auf die früheren Befehle eingegangen, die stets zur Vorsicht mahnten. Diesen tapferen Worten folgten aber bald wieder solche in abschwächender Tonart, so der obenerwähnte Befehl, dend'Orvilliersvor dem Inseegehen erhielt. Hierzu wurden die französischen MinisterVergennesundSartinesdurch die Erwägung gebracht, daß ein Fehlschlag beim ersten Auftreten der Flotte sehr schädlich wäre. Wahrscheinlich überschätzten sie auch die Stärke des Gegners. Man ließ sich durch die große Schiffszahl Englands einschüchtern, ohne die ungünstigen Verhältnisse dort in Rechnung zu ziehen — obwohl der Mannschaftsmangel durch Berichte aus London allerdings bekannt war — auch glaubte man, daßByronnur einen Konvoi ins offene Meer zu führen habe und sich dann mitKeppelvereinigen würde.

In ihrem Hange zu ängstlicher Schonung der Seestreitkräfte wurden die leitenden Personen durch hervorragende Seeoffiziere bestärkt. Diese empfahlen, durch Zurückhalten der Flotte und durch die Truppenansammlung England zu zwingen, seine Seestreitkräfte gleichfalls zusammenzuhalten; dies müsse dann durch Entsendung zahlreicher Kreuzer gegen den englischen Handel ausgenutzt werden.D'Orvilliersschlug aber in einem Brief vom 22. Juni vor, mit der Flotte auszulaufen. Zwar wollte auch er nicht zum entscheidenden Kampfe in den Kanal gehen, „wo er keine Zufluchtshafen habe und durch die vorherrschenden Winde leicht an der englischen Küste festgehalten werden könnte“, sondern eine Kreuztour gegen den Handel vor demselben aufnehmen. Er wollte dabei versuchen, die Vereinigung Byrons und Keppels zu verhindern, diese gegebenenfalls einzeln schlagen, beiden vereint aber ausweichen. Ihm schwebte die „Campagne au large“ des AdmiralsTourville1691 vor, der wochenlang die überlegene englische Flotte hinter sich herzog und dadurch lähmte. (Vgl. Band I, Seite441.) Diese Kreuztour sollte gleichzeitig zur Ausbildung der Flotte dienen. Die ihm zugegangene[251]Instruktion — sie hatte sich mit seinem obenerwähnten Briefe gekreuzt — entsprach also gewissermaßen seinem Gedanken, der Nachtrag vom 12. Juli machte ihn aber für alle Folgen verantwortlich.

D'Orvilliersantwortete auf den letzten Befehl, er werde, wie zuerst angeordnet sei, einen Monat kreuzen, falls er nicht ausdrücklich zurückgeworfen würde, und auch einen Kampf annehmen; nur fallsKeppelsehr überlegen aufträte, werde er ausweichen, dies könne aber unter Umständen schwierig sein, wenn der Gegner den Kampf ernstlich suche. Es ist bemerkenswert, daß die Flaggoffiziere und Kommandanten, als ihnen am 9. Juli der Befehl bekannt gegeben wurde, in den Chef drangen, er möge die Erlaubnis nachsuchen, in den Kanal einzulaufen und den Feind, selbst auf der Reede, anzugreifen.

Die Schlacht bei Ouessant 27. Juli 1778.Admiral Keppellief am 9. Juli zu einer zweiten Kreuzfahrt von Portsmouth mit 24 Linienschiffen aus und auf dem Wege kanalabwärts stießen noch 6 von Plymouth zu ihm. Erregt durch den Umstand, daß er das erste Mal das Feld hatte räumen müssen, sowie durch die deshalb von der öffentlichen Meinung ihm gemachten Vorwürfe, war er fest entschlossen, den Feind aufzusuchen und zum Kampfe zu zwingen.Lieutenant-Général Comte d'Orvilliers[135]war nach Empfang seiner Instruktion durch Gegenwind einige Tage festgehalten, erst am 8. Juli ging er mit 32 Linienschiffen in See, von denen jedoch drei als zu schwach für die Linie erklärt und wie die Fregatten während der Schlacht in Feuerlee von ihr gehalten wurden. Er nahm seinen Kurs nach dem Kanaleingange und benützte die Fahrt zu taktischen Übungen. Mit deren Ausfall war er durchaus nicht zufrieden, und es ist wohl anzunehmen, daß dies im Verein mit der erhaltenen Mahnung sein Verhalten in der Schlacht beeinflußt hat.

Am Nachmittage des 23. Juli sichteten sich die Gegner etwa 100 Seemeilen westlich der Insel Ouessant; bei frischem WNW-Winde lagen die Franzosen nordöstlich der Engländer, also in Lee von ihnen, aber während der Nacht gewannen sie die Luvstellung nordwestlich des Gegners. Diese Lage befriedigte beide Führer, dennKeppelsah sich zwischen dem Feinde und Brest, währendd'Orvilliersdurch seine Luvstellung im Sinne seines Befehles zu handeln vermochte, nämlich die See zu halten und doch nur zufechten, wenn er es für vorteilhaft hielt; er sollte aber sein Bedenken bestätigt finden, daß dies bei einem kampfesmutigen Gegner nicht leicht durchzuführen sei. In der Nacht waren außerdem drei seiner Schiffe von der Flotte abgekommen, in Lee der Engländer geblieben und konnten bis zur Schlacht nicht mehr herankommen, so daß bei dieser nur 27 Schiffe in der Linie standen.

Während der nächsten Tage manövrierten beide Teile in Sicht voneinander;Keppel, um an den Feind heranzukommen,d'Orvillierswahrscheinlich, um dies zu verhindern. Zwar sagen französische Quellen, er habe sich nur die Luvstellung wahren wollen, aber sie deuten auch an, daß seine Geschwaderchefs ihn erst zu dem Entschlusse gebracht hätten, den Kampf aufzunehmen. Am 27. Juli kam es zur Schlacht, die aber nur in einem zwei- bis dreistündigen Feuergefecht im Passieren bestand.

Der Verlauf der Schlacht bei Ouessantkann in groben Zügen gegeben werden, ohne auf Einzelheiten einzugehen; die für uns bemerkenswerten Punkte treten trotzdem genügend hervor[136].

Die englische Flottezählte 32 Linienschiffe: Vorhut, VizeadmiralSir Robert Harland, 10 Schiffe; Mitte,Keppel, 11 Schiffe; Nachhut, VizeadmiralSir Hugh Palliser, 11 Schiffe.Die französische Flottehatte 27 Schiffe in der Linie: Vorhut, Lieutenant-GénéralComte Duchaffault, 9 Schiffe; Mitte,d'Orvilliers, 9 Schiffe; Nachhut, Lieutenant-GénéralDuc de Chartres, 9 Schiffe.

Am 27. Juli wehte frischer westlicher Wind mit heftigen Regenböen. Bei Tagesanbruch waren die Flotten etwa 6 Seemeilen voneinander entfernt, beide lagen über Steuerbordbug, die französische „in Kiellinie beim Winde“ genau in der Windrichtung zu Luward der englischen; diese hatte kurz vorher „alle Schiffe zugleich“ gewendet, über den neuen Bug aber die Kiellinie nicht wieder hergestellt, so daß sie in einer Peilungslinie segelte, aus der jedoch durch abermals gleichzeitiges Wenden sofort die Kiellinie über Backbord-Bug gebildet werden konnte.Keppelhatte keine Zeit mit Ausrichten verlieren wollen, um schnell an den Feind heranzukommen; auch befahl er allgemeine Jagd. Die Ordnung in seiner Flotte war nicht gut, besonders der rechte Flügel (über Steuerbordbug die Nachhut) war während der Nacht nach Lee geraten; sie erhielt jetzt Befehl, möglichst Luv zu gewinnen. Um 9 Uhr vorm. ließd'Orvilliersim Kontremarsch, also ein Schiff nach dem anderen auf der gleichen Stelle, halsen, um den Feind besser beobachten und seine Stärke genauer erkunden zu können; er verlor hierdurch allerdings beträchtlich an Luv, aber doch nicht so viel, daß er nicht unter normalen Verhältnissen nach Belieben hätte den Kampf vermeiden oder angreifen können, sobald es ihm günstig schien.

Jetzt aber drehte der Wind südlicher, die englische Flotte konnte mehr auf die französische zuhalten, stand um 10¼ Uhr in deren Kielwasser, als sie eben die Kiellinie über Backbord-Bug gebildet hatte, undKeppelwendete mit allen Schiffen zugleich; er segelte nun also gleichfalls in Kiellinie über Backbord-Bug hinter seinem Gegner her.D'Orvilliersmußte fürchten, daß seine letzten Schiffe eingeholt und mit Übermacht angegriffen werden könnten, er ließ deshalb mit allen Schiffen zugleich wenden, wodurch seine eigentliche Nachhut, der Herzog von Chartres, zur Vorhut wurde, und segelte dem Feinde über Steuerbordbug entgegen. Nun folgte ein Passiergefecht, bei dem die Franzosen zu Luward standen, und zwar in leidlich guter Ordnung, während die Engländer infolge der Jagd schlecht ausgerichtet waren; in der Nachhut hinderten sich die Schiffe[253]sogar gegenseitig im Feuer. Keppel hatte nach der letzten Wendung das Signal „Schlachtlinie bilden“, worauf diese ausgerichtet worden wäre, gar nicht gegeben, sondern nur das zur Eröffnung des Kampfes. Während des Passierens zielten die Franzosen, wie stets, besonders auf die Takelage, die Engländer auf den Rumpf der Schiffe.

Als die englische Vorhut gegen 1 Uhr die französische Linie passiert hatte, ließHarlandsie wenden, um am Feinde zu bleiben, undKeppelbefahl der Mitte das gleiche, als sie soweit war. Da aber viele Schiffe der beschädigten Takelage halber das Manöver nicht ausführen konnten und ihr Halsen der nachfolgenden wegen schwierig und damit zeitraubend wurde, entstand große Unordnung, besonders in der Mitte. Der Admiral holte deshalb gegen 2 Uhr nachm. das Signal zum Gefecht nieder und heißte „Schlachtlinie bilden“. Die Linien hatten sich passiert, der Kampf war zu Ende.

Gleichzeitig gabd'Orvilliersden Befehl zum Halsen in Kontremarsch. Er wollte seine Linie aufs neue am Feinde vorüberführen und zwar in Lee derselben; mit Recht versprach er sich großen Erfolg von seinem Feuer auf die ungeordneten feindlichen Schiffe, und um so mehr, da er nun von Lee aus auch seine untersten Batterien hätte gebrauchen können, deren Pforten beim Passieren zu Luward der hohen See wegen hatten geschlossen bleiben müssen. Dieser Befehl ward jedoch nicht sofort ausgeführt, denn die Spitzenschiffe sahen das Signal nicht; der Führer der Vorhut,Herzog von Chartres, segelte sogar mit seinem Flaggschiff längsseit des Oberbefehlshabers, um nach dessen Absichten zu fragen. Dann erst begann das Manöver gegen ½3 Uhr, aber nun war die rechte Zeit verpaßt;Keppelhatte seine Linie, wenigstens aus Vorhut und Mitte wiederhergestellt und segelte auf einige beschädigt in Lee liegende Schiffe zu, um sie zu decken.D'Orvilliersgab deshalb seine Absicht auf, hielt ab und nahm weiter in Lee eine abwartende Stellung ein, also entsprechend der alten französischen Taktik.

Keppelhatte auch die Absicht, aufs neue anzugreifen, aber ihm fehlte seine Nachhut. Die Schiffe dieser hatten sich auf das Signal zur Herstellung der Ordnung vorschriftsmäßig auf das Flaggschiff ihres Führers,Palliser, formiert, das etwa 2 Seemeilen zu Luward der Mitte lag.Palliseraber führte sein Geschwader nicht heran, obgleich er den Befehl dazu nicht nur durch Signal, sondern auch durch eine Fregatte erhielt; er entschuldigte dies später damit, daß sein Schiff nicht manövrierfähig gewesen wäre. Erst alsKeppeldie einzelnen Schiffe der Vorhut zu sich rief, trafen sie nach und nach ein, jetzt aber, gegen 7 Uhr, war es zu spät zur Wiederaufnahme des Kampfes geworden.

Die Verlustewerden sehr verschieden angegeben. Die französischen Quellen nennen für die Franzosen 163 Tote und 517 Verwundete, für die Engländer 407 Tote, 789 Verwundete; die englischen geben für sich nur 133 bzw. 373 zu und behaupten, der Gegner habe weit mehr verloren als er zugestanden, erkennen jedoch die stärkere Beschädigung ihrer Schiffe an. Bei der verschiedenartigen Verwendung der Artillerie auf beiden Seiten ist anzunehmen, daß die Franzosen den größeren Verlust an Leuten gehabt haben.

Die Schlacht blieb unentschieden.In der folgenden Nacht entfernten sich die Flotten voneinander; beide Parteien aber schrieben sich den Sieg zu und behaupteten, der Gegner habe das Feld geräumt. Die Franzosen sagten aus, sie hätten am Morgen des 28. Juli den Gegner nicht mehr gesehen; er habe während der Nacht das Weite gesucht, ohne Lichter zu zeigen. Die Engländer behaupten, sie hätten die Nacht über gefechtsbereit gelegen; der Feind habe zur Täuschung drei Schiffe mit Admiralslichtern in Geschwaderabstand voneinander liegen lassen, sei dann abgesegelt und am anderen Morgen in der Richtung auf Ouessant nur noch von den Mastspitzen gesehen worden. Tatsächlich sind beide Flotten in ihre Häfen zurückgegangen, die französische traf am 29. Juli in Brest, die englische am 31. in Plymouth ein.Daßd'Orvilliersnichts weiter unternahm, ist leicht mit seiner Instruktion und mit der in der französischen Marine herrschenden Auffassung von der Verwendung der Flotten zu erklären: Er hatte die Ehre der Flagge gewahrt, seine Schiffe in brauchbarerem Zustande als die des Gegners erhalten und diesen vorläufig außerstand gesetzt, an der französischen Küste zu kreuzen. Er hatte durchgeführt, was er versprochen, und auch die Leistungen seiner Schiffe waren besser gewesen, als er nach dem Ausfall der Vorübungen erwartet hatte. Nun wollte er die beiden versprengten Schiffe aufnehmen und dann ausbessern, ehe er die Kreuzfahrt wieder aufnahm. Es ist mithin wohl möglich, daßerdas Feld geräumt hat.

Die englische Behauptung gewinnt auch dadurch an Zuverlässigkeit, daß sie sich auf Angaben stützt, die von vielen als Zeugen in der Untersuchung gegen Keppel vernommenen Kommandanten unter eidlicher Bekräftigung gemacht sind, während der französischen Schilderung wohl nur die üblichen Berichte zugrunde liegen.

AuchKeppelhatte insoweit seinen Zweck erreicht, als er den Feind zum Kampfe nötigte. Es liegt auch kein Grund zum Zweifel an seiner Absicht vor, diesen am Nachmittag wieder aufzunehmen. Es ist ihm allerdings vorzuwerfen, daß er die Schiffe der Vorhut nicht gleich einzeln heranrief, aber er hatte keine Meldung von Palliser über dessen Manövrierunfähigkeit und wartete wohl von Minute zu Minute auf die Befolgung seiner Befehle. Daß er es am folgenden Tage für aussichtslos hielt, mit seinen beschädigten Schiffen den Feind einzuholen, und auch für gefährlich, mit ihnen an der feindlichen Küste zu bleiben, ist als berechtigt anzusehen.

Die öffentliche Meinung in beiden Ländernwar mit dem Ergebnis der Schlacht nicht zufrieden.In Frankreichhatte zwar zuerst die Vertreibung des Gegners von der Küste großen Jubel erregt, als aber die näheren Umstände bekannt wurden, fand man, daß viel mehr hätte erreicht werden müssen. Man schob die Schuld auf denHerzog von Chartres, weil er den Befehl des Flottenchefs nicht sofort ausgeführt habe; man beschuldigte ihn des Ungehorsams, ja der Feigheit. Er wurde aus der Marine entfernt.

Louis Philippe, Duc de Chartres— nach seines Vaters Tode Herzog von Orleans, während der Revolution als BürgerPhilippe Egalitébekannt —, war bestimmt, später Admiral von Frankreich zu werden. Er hatte keine seemännische Erfahrung, weshalb man ihm in seinem Flaggkapitän, dem Chef d'Escadrede Lamotte-Picquet, einen hervorragend tüchtigen Seeoffizier zur Seite gestellt hatte; so wird er während der Schlacht kaum von irgendwelchem Einfluß gewesen sein. Die neueren französischen Marineautoren lehnen denn auch die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestimmt ab. Wie man sagt, erfolgte seine Entfernung auf Betreiben der Königin, und dies trug zur Vergrößerung der schon bestehenden Spannung zwischen dieser und dem Herzoge bei, obgleich letzterer zum Generaloberst der Husaren ernannt wurde — ein für ihn neugeschaffener Titel.

InEnglandwar schon der erste Rückzug Keppels übel vermerkt worden. Jetzt hatte man die Vernichtung des Gegners erwartet und der Ausfall der Schlacht zog eine Flut von maritimen sowie von politischen Erörterungen nach sich; je nach dem Parteistandpunkte der Kritiker richtetensich die Vorwürfe gegen die Regierung und die Admiralität oder gegenKeppel, und dieser ward schließlich im Januar 1779 in kriegsgerichtliche Untersuchung gezogen. Wenn auch in allen Ehren freigesprochen, so legte er doch sein Kommando nieder.

Kriegsgericht über Keppel.Der Admiral hattePallisernicht angeschuldigt, war aber gezwungen, zu Äußerungen der Presse über die Schlacht Stellung zu nehmen, und als er dabei das Verhalten seines Untergebenen zur Sprache brachte, erhob dieser Anklage gegen ihn; diese lautete auf zwei grobe Verstöße Keppels gegen die Gefechtsinstruktion dadurch, daß er zum Angriff vorgegangen sei, ehe die Gefechtslinie ordnungsmäßig gebildet war, sowie insofern, als er nach dem Passieren der Flotten nicht den Angriff sofort erneuert habe, sondern sogar vom Feinde fortgesegelt sei (wie bekannt zur Deckung einiger Schiffe), also nicht alles zur Vernichtung des Gegners getan habe.

Keppelwurde jedoch vom Kriegsgericht in allen Ehren freigesprochen; die Mehrzahl der englischen Seeoffiziere und die öffentliche Meinung standen gleichfalls auf seiner Seite.Palliserdagegen ward genötigt, seinen Abschied zu nehmen. Er hatte versucht, sich damit zu entschuldigen, daß er das Signal nicht gesehen habe und daß sein Schiff bewegungsunfähig gewesen sei; beides wurde ihm widerlegt und ihm außerdem vorgeworfen, wenn letzteres wirklich der Fall gewesen wäre, hätte er dies seinem Chef melden und ihm die anderen Schiffe senden müssen. Die Stimmung war derart, daß man nach Bekanntwerden des Urteils zu Ehren Keppels Feuerwerke abbrannte, während der betrunkene Pöbel das Haus Pallisers zerstörte und seinen Freunden die Fenster einwarf. (Näheres über das Kriegsgericht vgl. Campbell Band V, Seite 432, und Clowes Band III, Seite 423.)

Für die Geschichte der Seetaktik ist die Schlacht bei Ouessant bemerkenswertals ein wichtiges Glied in der Entwicklung der englischen Taktik. Bei Toulon 1744 tratMathewsgleichfalls ins Gefecht, ehe er die Linie gebildet hatte, da er fürchtete, daß ihm der Gegner sonst entweichen könne; als das Ergebnis der Schlacht den Erwartungen nicht entsprach, ward er für diesen Verstoß gegen die Gefechtsinstruktion aus dem Dienste entlassen. Nach diesem Vorgange wagteByngbei Minorca trotz günstiger Gelegenheit nicht von der Vorschrift abzuweichen; er wurde erschossen, weil er nicht alles zur Vernichtung des Feindes getan habe. Beide Kriegsgerichte standen im englischen Offizierkorps noch gut in Erinnerung, Keppel war selber ein Mitglied des zweiten gewesen. Trotzdem griff er an, ohne die Linie völlig hergestellt zu haben, damit der Feind sich ihm nicht entziehe. Ihn sprach das Kriegsgericht frei; die meisten seiner Kommandanten hatten seinem Handeln mit der Begründung zugestimmt, daß es sonst nicht zur Schlacht gekommen wäre.

Ähnliches zeigt sich bei der Beurteilung der Unterführer.Lestock, der seinen Chef bei Toulon im Stich gelassen hatte, wurde freigesprochen, da er sich auf den Buchstaben der Instruktion berufen konnte,Palliserwurde jetzt wegen des gleichen Verhaltens wenigstens gemaßregelt. Dies sind doch Anzeichen, daß man in England die Notwendigkeit zu erkennen begann, mit der buchstäblichen und schematischen Befolgung der Gefechtsvorschriften zu brechen. Durchgedrungen war dieser Gedanke noch nicht.Keppelwar sich wohl bewußt, welche Gefahr er lief; er äußerte, daß sein Handeln eine Frage um Leben und Tod für ihn sei. Auch das Verhalten der Schiffe der Vorhutzeigt, daß eine freiere Auffassung noch nicht genügend Platz gegriffen hatte, sonst würden sie ohne Befehl zur Mitte gesegelt sein, wenn ihr Geschwaderchef bewegungsunfähig war. Es ist übrigens bemerkenswert, daßKeppelnach der Schlacht befahl, in Zukunft hätten auf das Signal „Schlachtlinie bilden“ die einzelnen Schiffe auf den Flottenchef und nicht wie bisher auf die Geschwaderchefs ihre Posten in der Linie einzunehmen.

Das Verhalten der Franzosen zeigt gleichfalls, wie schwer es ist, mit eingewurzelten Überlieferungen zu brechen; sie blieben bei ihrer defensiven Fechtart, wenn sie auch diesmal in der Luvstellung den Kampf annahmen. Hierdurch waren sie beim Passieren imstande, den Nahkampf herbeizuführen. Sie taten es nicht, obgleich sie der weniger geordneten englischen Linie gegenüber wahrscheinlich großen Erfolg gehabt hätten; sie blieben auch bei ihrem Feuer auf die Takelage, um dem Gegner die Offensivkraft zu nehmen.D'Orvilliershatte nach dem Passieren zwar den richtigen Gedanken, dessen ungünstige Lage zum Angriff zu benutzen, die Durchführung versprach jedoch nur bei sofortigem Beginn der Manöver Erfolg und der Flottenchef war genötigt, seine Absicht erst den Untergebenen klar zu machen, so fern lag diesen ein tatkräftiges angriffsweises Vorgehen. Als sich inzwischen ein Teil der englischen Flotte geordnet hatte, sahd'Orvilliersvom Angriff ab und nahm die übliche Verteidigungsstellung ein.

Die Schlacht zeigt endlich, daß es zur See einem ausdauernden Verfolger oft gelingen wird, den Gegner zur Schlacht zu stellen, da für ihn günstige Umstände eintreten können; hier wurde es den Engländern durch die Windänderung möglich, obgleich sie in Lee standen. (Vgl. Hostes Regeln, Seite37.)

Weitere Ereignissevon Bedeutung brachte das Jahr1778 in den europäischen Gewässernnicht mehr.D'Orvilliersging aufs neue am 17. August mit 28 (29?) Linienschiffen zum Handelsschutz in See. Seine Instruktion hielt sich jetzt ganz nach der vorsichtigen Art früherer Zeiten, sie befahl ihm nicht gerade das Vermeiden, aber verbot ihm doch das Suchen eines Kampfes;Vergennesschrieb, daß man es nicht für richtig erachte, Schlachten herbeizuführen, „die doch oft nur Verluste brächten“. Vielleicht ist man dabei von dem Gedanken geleitet, die Kräfte für den Versuch einer Landung in England im nächsten Jahre zu erhalten. Die Flotte kreuzte sechs Tage vor dem Eingange des Kanals, später zwischen Ouessant und Finisterre und lief am 18. September wieder in Brest ein. Bis in den November hinein kreuzten dann mit Ablösung einige Linienschiffe bei Ouessant, Fregatten in der Biskaya und kleinere Fahrzeuge in der Nordsee sowie an der portugiesischen Küste.Keppelwar gleichfalls vom 22. August bis zum 28. Oktober in See, meist am Eingange des Kanals. Beide Parteien behaupten, der Gegner sei einem Zusammenstoß ausgewichen. Die französische Flotte scheint, dem Befehle entsprechend, den Kanal verlassen zu haben, als Keppel erschien, und in England wollte man die schwache Heimflotte wahrscheinlich nicht zu weit von den eigenen Küsten entfernen.

Die Kriegführung in den europäischen Gewässern 1778 zeigte auf beiden Seiten keine Tatkraft.In Englandwar dies eine Folge der mangelhaften Vorbereitungen, man mußte sich ganz auf den Schutz der eigenen Gewässer beschränken. Das Ausrüsten wie das Auslaufen der Toulonflotte erfuhr man frühzeitig genug und war doch nicht imstande, Gegenmaßregeln zu ergreifen. Hätted'Estaingnicht so ungewöhnlich lange Zeit von Toulon bis Gibraltar gebraucht, so würde er bei einer Bestimmung nach Brest seine Vereinigung mit der Flotte dort ohne Zweifel unbelästigt erreicht haben; nach Nordamerika beordert, wie es der Fall war, trat er mit Erfolg auf und sein Erscheinen würde ohne die erwähnte lange Reise noch verhängnisvoller für England geworden sein. Dies hätte seine Rüstungen darauf einrichten müssen, daß es die Straße von Gibraltar sperren oder sich wenigstens dort an die Toulonflotte hängen konnte. Die beim Beginn fast eines jeden Krieges auftretende Furcht vor einer Invasion wirkte übrigens mit, die englische Tatkraft zu lähmen; alle Schiffe wurden vorläufig daheim festgehalten. Nach EntsendungByronswar England dann zu schwach, um aus den heimischen Gewässern herauszutreten.

Frankreichhatte den Krieg besser vorbereitet und auch rechtzeitig Befehle erlassen, um überall an erster Stelle im Felde erscheinen zu können, aber nur der Vorstoß in Amerika wurde durchgeführt. Alle neueren französischen Autoren stimmen, gestützt auf Aussprüche der Marineautoritäten jener Zeit, darin überein: „Frankreich wäre imstande gewesen, auch in Brest rechtzeitig eine den englischen Seestreitkräften weit überlegene Flotte aufzustellen, Schiffe lagen genügend auf den Werften bereit und an Leuten fehlte es nicht. Man hätte die Engländer in den Häfen blockieren und über deren Handel herfallen müssen, wie diese 1755 getan hatten; das würde nicht nur große Beute gebracht, sondern ihnen auch die Mobilmachung noch mehr erschwert haben. Vielleicht wäre wirklich eine Invasion, jedenfalls aber die Wegnahme der Kanalinseln ermöglicht worden. Die französische Marine sei für ein derartiges Vorgehen mit äußerster Kraft begeistert gewesen.“

In dem hierzu nötigen Umfange wurden die Rüstungen jedoch nicht angeordnet. Überschätzte man die Kraft Englands, und glaubte man, ohne die Mitwirkung Spaniens Großes nicht wagen zu dürfen? Aber auch mit den vorgenommenen Rüstungen blieb Frankreich monatelang überlegen und durfte angriffsweise vorgehen. Man konnte wenigstensByronsAbfahrt nach Nordamerika hindern; hierdurch würded'Estaing, wenn er auch zur Lösung seiner ersten Aufgabe zu spät kam, für sein weiteres Auftreten freiere Hand gehabt haben. Statt dessen hielt man die Brestflotte zurück, solange England sich nicht rührte,Byronkonnte segeln und auchKeppelerschien als erster auf dem Plane. Und selbst noch nach den ersten Gewalttaten des englischen Admirals wäre es Zeit gewesen, loszuschlagen, aber Wochen vergingen, bisd'Orvilliersden Befehl zum Auslaufen erhielt, und nun war die feindliche Flotte ihm gewachsen. Der französischen Regierung fehlte hier wieder, wie wir es in den früheren Kriegen so oft gesehen haben, Verständnisdafür, daß ein durchschlagender Erfolg gegen England nur durch eine kräftige Offensive, hauptsächlich gegen die Seestreitkräfte des Gegners, zu erzielen war. Sie hatte zwar oft große Pläne, führte dann aber die Kriege im allgemeinen defensiv mit nur vereinzelten Offensivstößen — wie hier in Nordamerika —, über die sie die großen Ziele aus dem Auge verlor. So blieb auch der Vorteil unbenutzt, den Frankreich in diesem Kriege durch bessere Vorbereitung hatte, und dies war bei den großen Hilfsquellen Englands ein schwerwiegender Fehler.[137]

Die Räumung Philadelphias(anschließend an Seite 242).General Clintonerhielt im Juni 1778 Befehl, die Stellung am Delaware zu räumen; sie mußte als unhaltbar angesehen werden, sobald die französische Flotted'Estaingsin den nordamerikanischen Gewässern auftrat und England die Seeherrschaft streitig machte. Der Rückzug, vomAdmiral Howeschon vorbereitet, begann am 18. Juni und wurde über Land durch New Jersey angetreten. Wenn man auch diesen Marsch angesichts des Feindes im Vorjahre für zu gefährlich angesehen hatte, so mußte er jetzt doch gewählt werden, denn der Transport der Truppen über See erschien noch gewagter, da die französische Flotte jeden Tag erscheinen konnte.Howedeckte den Übergang des Heeres über den Delaware und führte dann die Transporter mit Material den Fluß hinab. Widriger Winde halber beanspruchte dies die Zeit bis zum 28. Juni, ein frischer Wind führte dann die Schiffe in kaum 48 Stunden nach Sandy Hook und auchClintontraf am 30. mit dem Heere dort ein.Washington, jetzt sehr verstärkt, hatte zwar den Marsch beunruhigt, konnte ihn aber nicht aufhalten und wagte auch keine entscheidende Schlacht. Von Sandy Hook wurden die Truppen durch die Flotte bis zum 5. Juli nach New York übergeführt. Es war die höchste Zeit. Schon am 29. Juni erhieltHowedurch ein Postschiff die bestimmte Nachricht, daßd'Estaingunterwegs sei; das Fahrzeug hatte ihn sogar gesichtet. Am 7. Juli meldete einer der vom Admiral entsandten Kreuzer, daß er die Franzosen an der Küste gesehen habe, und am 9. traf die Nachricht ein, daß sie tags zuvor in der Delawarebucht geankert hätten.

Vizeadmiral Graf d'Estaing[138]traf zu spät ein, er hätte sonst großen Erfolg erringen können. Wie seine Fahrt von Toulon nach Gibraltar, so hatte auchdie über den Ozean außergewöhnlich lange gedauert. Seine Order, die er am 20. Mai 120 Seemeilen westlich vom Kap St. Vincent öffnete, trug ihm auf, von nun ab die Feindseligkeiten zu beginnen, nach Nordamerika zu segeln und dort etwas zum Ruhme der französischen Flagge sowie zu nennenswertem Vorteile der Amerikaner zu unternehmen. In erster Linie war er angewiesen, die weit schwächere FlotteHowesin der Delawarebucht zu suchen und zu vernichten; sollte sie schon abgesegelt sein, so wäre sie zu verfolgen und anzugreifen, wo sich Gelegenheit biete. Man nahm an, mit der Vernichtung der Seestreitkräfte sei auch das englische Heer verloren. Nach Lösung dieser Aufgabe sollte der Admiral den Umständen gemäß handeln, also etwa Angriffe der Amerikaner auf Neubraunschweig unterstützen und ihre Küsten von Kreuzern sowie Freibeutern reinhalten. Erlange die englische Flotte durch Verstärkungen die Überlegenheit, so sollted'EstaingBoston als Ausrüstungshafen und Stützpunkt aufsuchen und bei passender Gelegenheit nach Westindien (Kleine Antillenstation) segeln. Infolge der späten Ankunft ging die günstigste Aussicht auf einen großen Erfolg verloren; das einzige Ergebnis des Erscheinens vor der Delawarebucht war die Vernichtung zweier englischer Ausguckfregatten, die sich dort überraschen ließen.

see captionComte d'Estaing.

Comte d'Estaing.

Die auffallend lange Reise der französischen Flottewird vielfach dem Admiral zur Last gelegt, seinem Mangel an seemännischer Erfahrung sowie dem Umstande, daß er während der Fahrt durch unnötige Übungen viel Zeit verloren habe. Es mag etwas Wahrheit hierin liegen, aber von anderer Seite wird er mit der sehr ungleichen Segelfähigkeit seiner Schiffe entschuldigt. Er selber hat berichtet, daß seine besten Segeler häufig nur gereffte Marssegel hätten führen dürfen, wenn die schlechtesten mit Gefahr für die[260]Masten Segel gepreßt hätten. Die Behauptung, einige, ihm übelgesinnte Kommandanten hätten absichtlich durch fehlerhaftes Manövrieren sowie schlechtes Steuern die Fahrt aufgehalten, ist nach neueren Forschungen haltlos.D'Estainghat in allen Berichten, Tagebüchern und Briefen stets den Eifer der Kapitäne anerkannt, obgleich er ihnen sonst nicht wohlwollend gegenüberstand; er klagt immer nur über die Schiffe. Eher ist anzunehmen, daß dieser Umstand gar nicht so schwer ins Gewicht fiel, daß dagegen die mangelnde Erfahrung der Offiziere im Segeln in großen Verbänden das Zusammenhalten der Flotte erschwert hat. (Vgl. Lacour II über die Personalien und über diese Reise d'Estaings.)


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