1)Großer Typ.2)Kleiner Typ.3)Alter Typ.
1)Großer Typ.
1)Großer Typ.
2)Kleiner Typ.
2)Kleiner Typ.
3)Alter Typ.
3)Alter Typ.
mit bedeutend kürzerem und auch leichterem Rohr, als die Kanone von gleichem Kaliber hatte. Man konnte nun ohne Überlastung auf kleineren Fahrzeugen stärkere Kaliber als bisher aufstellen und auf großen Schiffen mehrere Geschütze dieser Art der alten Bestückung auf dem Oberdeck hinzufügen; infolge ihres geringen Gewichtes waren die Karronaden sehr viel leichter und somit schneller zu bedienen. Zwar war ihre Schußweite bedeutend geringer als die der Kanonen, aber ihr Geschoß rief infolge seiner geringeren Geschwindigkeit eine größere Splitterwirkung beim Durchschlagen der Bordwand hervor. Die Karronade war hierdurch eine besonders für den Nahkampf geeignete Waffe, um so mehr, da auch ihre Kartätschladung bei der Verwendbarkeit starker Kaliber große Wirkung gegen Mannschaft und Takelage hatte.
Die Karronade ist von dem englischen GeneralRobert Melvilleerfunden; wegen der großen Wirkung gegen Holzziele taufte dieser sie „smasher“ (Zertrümmerer). Das erste Geschütz — in den Eisenwerken der Carron-Kompagnie (daher der Name) am Fluß Carron in Schottland etwa 1774 gegossen — hatte etwa das Gewicht des 12-Pfünders, war kürzer als der 6-Pfünder, aber von größerem Kaliber als die 42-Pfünder-Kanonen. Da man sie für Schiffsgeschütze als zu schwer erachtete, fertigte die Fabrik Karronaden entsprechend den 24-, 18- und 12-Pfündern an. Sie wurden sofort für Freibeuter in dem bald darauf ausbrechenden Kriege beliebt, aber auch auf Fregatten und kleineren Fahrzeugen der Marine erprobt.
Die Karronade fand schnell Eingang in England, da die englische Taktik stets den Nahkampf suchte. Schon im Juli 1779 wurde die Aufstellung des neuen Geschützes auf allen Schiffen verfügt.
Es sollten an Karronaden führen:
Die Karronaden zählten aber bei der Bezeichnung der Schiffe nicht mit, d. h. es wurde das 100-Kanonenschiff weiter so benannt, obgleich es jetzt 110 Geschütze führte, ebenso die 38-Kanonenfregatte trotz ihrer nunmehr 48 Geschütze usw. — Die Einführung ging schnell vor sich, schon im Januar 1781 waren 600 Karronaden auf den Schiffen in Verwendung, besonders 18- und 12-Pfünder, aber bald auch schon einige 32-Pfünder. Die neue Waffe spielte in den letzten Jahren des dritten Krieges bereitseine wichtige Rolle und wurde deshalb weiter entwickelt. Vorstehende Verfügung über die Zahl behielt lange Gültigkeit, aber die Kaliber wuchsen schnell. Schon 1782 erhielten die Fregatten 24-Pfünder an Stelle der 18-Pfünder und bald wurden auf den schweren Schlachtschiffen 68-Pfünder, auf den mittleren 42- und 32-Pfünder statt der 12-Pfünder eingeführt; die leichteren Fahrzeuge tauschten sogar ihre sämtlichen Kanonen bis auf zwei Jagdgeschütze in Karronaden um.
In Frankreich, und ebenso in anderen Staaten, führte man die neue Waffe erst nach 1783 ein; auch dies ist erklärlich, da die französische Taktik bislang den Nahkampf zu vermeiden strebte.
Im ersten Bande (Seite 179) ist die Entstehung eines ständigenKriegsschiffs-Personals(insbesondere auch der Deck- und Unteroffizierkorps der verschiedenen Dienstzweige) und dann fortlaufend bei der Besprechung der Streitmittel vor jedem Kriege die innereOrganisationder drei großen Marinen von 1648–1739 dargelegt. Beides war in diesem Zeitraum zu einem gewissen Abschluß gelangt, später erfolgen nur noch geringe Änderungen. Wir können daher die innere Geschichte für den vorliegenden nur kurzen Zeitabschnitt hier gleich zusammenfassen, so daß wir von jedem Kriege nur die notwendigen Angaben zu machen brauchen. Wir können uns auch hier auf die Marinen Englands und Frankreichs beschränken. Holland hatte um 1740 keine Marine von Bedeutung mehr (vgl. Band I, Seite 498) und tritt von nun an, wie Spanien bisher schon und auch weiterhin, nur noch als Verbündeter auf; kurze Angaben über Holland, Spanien und die nordischen Mächte folgen vor den einzelnen Kriegen.
In England[16]wird seit 1689 (vgl. Band I, Seite419) die Gesamtleitung der Marine, das Amt des früheren Lordhighadmirals, von einer Kommission verwaltet, derAdmiralität(Board of Admiralty). An der Spitze steht der „Erste Lord der Admiralität“ (nicht immer ein Seeoffizier), die Geschäfte sind an die übrigen Mitglieder der Kommission verteilt, von denen aber einige stets Seeoffiziere sein müssen (die Naval Lords) und die technischen und militärischen Angelegenheiten regeln. Bei der Ständigkeit dieser Art der Verwaltung, unterstützt durch den guten Einfluß des in Marineangelegenheiten erfahrenen Volkes, ist die Entwicklung der Kriegsflotte auf dem einmal eingeschlagenen Wege stetig fortgeschritten, wenn auch zuzeiten durch Partei- und Hofgunst wenig geeignete Personen in die wichtigsten Stellen kamen. Die ununterbrochene Zunahme und Verbesserung des Materials ist bereits geschildert, aber auch der Vervollkommnung des Dienstbetriebes sowie des Personals wurde die nötige Aufmerksamkeit zuteil. Während bis dahin jeder höhere BefehlshaberVorschriften über den Dienstbetriebfür die ihm unterstellten Streitkräfte erließ, wurden 1731 nach den bisherigen Erfahrungen „The king's regulationsand Admiraly Instructions“ veröffentlicht, die, fortlaufend zeitgemäß geändert, bis jetzt in Kraft sind.
DerOffiziersersatzwar geregelt. Schon 1728 war in Portsmouth eine Vorbildungsschule (Naval academy) gegründet. Aber nicht alle Offiziersaspiranten besuchten diese; im Gegenteil soll bis 1794 eine andere Art des Eintritts beliebter und vorteilhafter gewesen sein. Admirale und Kapitäne hatten die Erlaubnis, eine große Zahl „Domestics“ sowie „Servants“ mit sich zu führen und sie nahmen nun darunter junge Leute (als „page“, gewissermaßen als „Junker“) an Bord, um sie zu Seeoffizieren auszubilden. Anderseits wurde diese Erlaubnis durch Mitnahme höchst überflüssiger Personen: Schneider, Barbiere, Musikanten usw. mißbraucht.Die Offiziersgradewaren: Admiral of the Fleet; Admiral der weißen und der blauen Flagge; Vize- und Kontreadmirale der roten, weißen und blauen Flagge; Kapitän; Master and Commander; Lieutenant; Midshipman.
Über die Herkunft der Bezeichnung der Admirale nach den verschiedenen Flaggen und ihr damit verbundenes Anciennitätsverhältnis ist schon im ersten Bande (Seite 221) gesprochen. Der Master and Commander, der jetzige Commander (Korvettenkapitän), ist nicht zu verwechseln mit dem Master des Navigationsdienstzweiges (ebendort Seite 182). Dieser blieb noch lange nur ein Warrant officer wie die Deckoffiziere, wenn er auch zur Offiziersmesse gehörte; jener war ein älterer Leutnant, der kleinere Fahrzeuge (Sloops, Mörserboote, Brander, armierte Kauffahrer usw.) befehligte.
Die Beförderungerfolgte bis zum Kapitän nach Wahl. Hierbei spielte natürlich Protektion eine große Rolle; man findet Kapitäne, die mit einem Alter von einigen zwanzig Jahren, ja bis zu achtzehn hinunter, in diesen Dienstrang aufrückten, von denen übrigens viele sich später besonders hervortaten. Der Kapitän erhielt dann eine feste Stellung in der Rangliste (daher der Ausdruck „Postcaptain“, d. i. posted Captain) und seine Beförderung zum Kontreadmiral usw. erfolgte nach der Anciennität. Da es ursprünglich nur neun Admirale gab, je einen der angeführten Grade, waren nach der langen Friedenszeit die Kapitäne so alt geworden, daß eine Verjüngung des höheren Offizierkorps notwendig erschien. Von 1743 an wurden deshalb die Admiralsstellungen andauernd vermehrt. Um nun auch die Möglichkeit zu haben, tüchtige Männer eher zu Flaggoffizieren zu befördern, ernannte man von 1747 an Kapitäne, die zu alt oder sonst ungeeignet zur aktiven Verwendung in höheren Stellen erschienen, zu überzähligen Admiralen (vulgo Yellow Admirals) oder überging sie bei der Beförderung. Auch dies leistete natürlich der Protektion Vorschub, erregte Unzufriedenheit und führte selbst zu Klagen beim Parlamente, aber auf diese Weise und im Verein mit der Beförderung nach Wahl bis zum Kapitän erreichte man, daß tüchtige Männer jung in hohe Stellung kamen: Es wurden z. B. AdmiralBarringtonmit 18 Jahren Kapitän,Howemit 20 und mit 39 Kontreadmiral;Jerviserreichte diese Chargen mit 26 und 43,Nelsonmit 21 und 39 Jahren. Die Seeoffiziere gingen in Friedenszeiten häufig in fremde Kriegsdienste oder zur Kauffahrteimarine und blieben so in Übung; wie schonfrüher für Offiziere, so wurde jetzt auch für Masters sowie für Ärzte die Stellung auf Halbsold eingeführt, um sich für Kriegszeiten genügenden Ersatz zu sichern.
Die Mannschaft, Matrosen und Seesoldaten[17], wurden wie früher angeworben. Hiermit kam man jedoch niemals aus, obgleich England über so viele Seeleute verfügte, und es mußte stets zum Pressen gegriffen werden. Beim Ausbruch eines Krieges waren diese auf den Kauffahrteischiffen über die ganze Erde verstreut, aber auch während der Kriege ging der Seehandel fort und der beliebte Dienst als Freibeuter entzog der Marine die Leute. Um dem Kriegsschiffsdienst mehr Anziehungskraft zu geben, sowie um die Härte des Pressens zu mildern, wurden viele Gesetze erlassen in bezug auf: Höheres Handgeld; reichlichere und regelmäßigere Löhnungszahlung und Prisengelder; bessere Verpflegung sowie sonstige Fürsorge; die Möglichkeit für die Leute, Heimatszahlungen an ihre Angehörigen zu machen; Befreiung gewisser Lebensalter und Berufe (z. B. Anwärter auf die Offizierslaufbahn in der Handelsmarine) vom Gepreßtwerden.
Über das Leben an Bord.Der Dienst an Bord der Kriegsschiffe blieb seiner Härten halber lange noch unbeliebt und die Unzufriedenheit der Leute war häufig groß. In den Kriegsjahren 1756–1763 soll die Fahnenflucht sehr stark gewesen sein; für 1774–1780 werden 42000 Fälle dieses Vergehens angegeben, und auf einigen Schiffen kam es zur Meuterei. Anderseits wurden den Mannschaften einzelner Schiffe oder Schiffsverbände von der Regierung oder von den reichen Handelsstädten öfters für besondere Leistungen außergewöhnliche Zuschüsse zugewendet.
Wie selbst Offiziere jener Zeit über das Leben an Bord urteilten, erfahren wir durch Laird Clowes (Band III, Seite 21; entnommen aus „Seamans Letters“, hier gekürzt). Ein KapitänEdward Thompsonschreibt um 1756 an einen jungen Verwandten, der als Midshipman eintreten will: „An Bord hast du keine Hintertür zum Entschlüpfen, keine fühlende Brust, um dich auszusprechen. Du vertauschst einen guten Tisch gegen keinen, ein Bett gegen eine Hängematte an einem Orte, wo es nie Tag wird und wohin nie frische Luft kommt; dein Licht ist bei Tag wie bei Nacht eine elende Kerze. Die Nahrung ist gesalzen und oft schlecht, wenn du Abwechslung haben willst, so mußt du sie dir selber kochen; halte dir stets wenigstens Tee und Zucker, zu weiterem ist kein Platz, da du nur eine Kiste und die Hängematte hast.... Schlechte Gesellschaft ist Gift für die Jugend, auf den Schiffen findest du den Auswurf der Gefängnisse; der Verurteilte hat die Wahl zwischen Gehängtwerden oder Anbordgehen.... Du wirst etwas äußerliche Religion finden, Sonntagsgottesdienst, aber die Gemeinde wird durch den Bootsmann zusammengetrieben, der dabei weder Flüche noch Schläge spart.“ —
In einem anderen Briefe schreibtThompsonüber die damals gebräuchliche Behandlung eines Midshipman: „Der fast unerträglichen Verhältnisse, die ihn erwarten, sind so viele, daß nur der Umstand, daß auch die höchsten Offiziere sie durchgemacht haben, sie erdulden läßt. Und dabei ist es ein ganz falscher Gedanke, daß junge Leute eine[27]schroffe Behandlung und niedere Dienstverrichtungen durchmachen müssen, um tüchtige Offiziere zu werden. Man kann das durch andere Mittel erreichen und ihnen dabei das Leben angenehm gestalten.... Die Beförderung zum Leutnant ist wie die Verwandlung einer häßlichen Made zum schillernden Schmetterling.... Die meisten unserer Kapitäne sind Leute ohne Erziehung. Gewiß müssen junge Leute gehorchen lernen, aber die Kapitäne brauchen nicht gemein zu werden; durch die jetzige Behandlung wird auch ihre Autorität geschädigt. Die jungen Leute müssen eine eigene Messe haben und von den Offizieren unterstützt werden....“ Als ein Zeichen aber, daß es nach und nach doch besser wurde, dient eine andere Äußerung des Briefschreibers: „Im letzten Kriege genügten ein Primchen Tabak, ein Tauende und eine Auswahl von Flüchen zum Leutnant, jetzt aber streben alle nach Bildung und guten Formen; von Verweichlichung dadurch ist nicht die Rede, ich glaube im Gegenteil, die jetzigen Offiziere werden den Veteranen von 1692 im Dienste in gleicher Weise überlegen sein, wie es der Gebildete stets dem Ungebildeten ist.“
Wie man sieht, bezieht sich das Vorstehende auf die Verhältnisse des Offizierersatzes; wie mögen die der Mannschaft gewesen sein? Auch hierüber folge eine AndeutungThompsons: „Ein Linienschiff mit 480 Mann Besatzung, von denen 225 den Gefängnissen entnommen oder vom Abschaum der Straßen gepreßt waren, schiffte 1756 nach nur einigen Monaten Kreuzen im Kanal 320 Kranke aus; neubemannt segelte es nach New York und traf hier mit 159 Dienstunfähigen ein.“ (Wir werden nach 1779 in der französischen Flotte d'OrvilliersÄhnliches kennen lernen.) Dabei waren derartige Zustände keineswegs unabänderliche Folgen der Verhältnisse jener Zeit — langer Seereisen, unvollkommener Einrichtung der Schiffe, ungesunder Dauernahrungsmittel, verdorbenen Wassers u. dgl. —, denn sorgsame Kommandanten verstanden es, sie zu vermeiden.Cookz. B. verlor auf den beiden letzten mehrjährigen Reisen von seinen zwei Schiffen nur 4 oder 5 Mann durch Krankheiten.
InFrankreich[18]lagen die Verhältnisse weit ungünstiger für eine gesunde Entwicklung der Marine. Wir hörten (Band I, Seite503), daß diese während der Regentschaft (1715–1723) arg in Verfall geriet und daß auchMaurepas, der von 1723 mit Eifer und Umsicht dem Ministerium vorstand, nicht viel zur Wiederbelebung beitragen konnte, weil KardinalFleury, der Leiter der Politik 1723–1743, dieses Streben nicht unterstützte, um nicht Englands Eifersucht zu erregen. Auch von 1740–1760 wurde der Kriegsflotte von höchster Stelle keine Förderung zuteil. Niemals bewilligte man die nötigen Geldmittel; nach Ausspruch französischer Autoren machte die verschwenderische Hofhaltung die Quellen versiegen, aus denen die Marine schöpfen sollte. Die Entwicklung der Seemacht Frankreichs war eben im Gegensatz zu England, wo Volk und Parlament mitsprachen, zu sehr von der Person des Ministers abhängig, der zu dieser Zeit niemals ein Seeoffizier war und dessen Wahl wieder unter dem Einfluß anderer Ratgeber des Königs stand, des Premierministers oder der Hofpartei, und so wurde die Tätigkeit selbst tüchtiger Marineminister gelähmt. Auch die schnelle Aufeinanderfolge der Kriege hinderte eine Reform der Kriegsflotte.
Ebenso war die Organisation der Marine für deren Entwicklung und Leistung ungünstig. Wieder im Gegensatz zu England, wo Seeoffiziere in der Admiralität sowie in den Kriegshäfen die Oberleitung auch der technischen Angelegenheiten hatten, lagen diese in Frankreich in den Händen von Verwaltungsbeamten, ohne daß Seeoffiziere genügenden Einfluß besaßen. In den Kriegshäfen unterstanden dem „Commandant de la Marine“ (dem ältesten anwesenden Seeoffizier) nur die in Dienst gestellten Schiffe und die Hafenverteidigung; ein Intendant leitete alles übrige, neben der eigentlichen Verwaltung auch die Werften und Arsenale, den Bau, die Unterhaltung, Ausrüstung und Bemannung der Schiffe. Die zu diesen Zweigen kommandierten Offiziere, an ihrer Spitze der „Capitaine de Port“ (Oberwerftdirektor), waren allein dem Intendanten unterstellt; ja sogar die Verwaltungsbeamten an Bord waren unabhängig von den Seeoffizieren, so brauchten sie z. B. nicht einmal die Erlaubnis zum Anlandgehen von ihrem Kommandanten einzuholen. Diese Verhältnisse riefen unheilvolle Eifersucht und Streitigkeiten zwischen den Seeoffizieren (Officiers d'épée) und den Beamten (Officiers de plume) hervor.
Colberthatte sich (1689) genötigt gesehen, in Hinsicht auf den damaligen Stand des Seeoffizierkorps den Beamten eine so weit gehende Macht einzuräumen. Als aber das Offizierkorps sich hob, mußten Reibungen eintreten, und diese nahmen im Laufe der Zeit immer mehr zu, da in der Verwaltung Nachlässigkeit sowie Unredlichkeit einriß (die Stellen wurden sogar käuflich) und die militärischen Behörden in allem schlecht bedient wurden. Sämtliche Militärschriftsteller klagten über die große Macht der Beamten; mit Recht, denn Offizieren, die Leben und Ehre einsetzen und die verantwortlich für das Wohl und Wehe ihrer Untergebenen sind, gebührt die Oberaufsicht und die Mitwirkung bei Erhaltung der Schlagfertigkeit ihrer Waffe.
Die Minister versuchten allerdings wiederholt, die Organisation zu verbessern. Aber jeder von ihnen hatte neue Ideen, die sich oft schroff entgegenstanden, und so brachten die wechselnden Bestimmungen mehr Unsicherheit als Nutzen.
Wie bisher wollen wir die Hauptpunkte der inneren Marinegeschichte Frankreichs an der Hand derAmtstätigkeit der verschiedenen Ministerbetrachten.Graf von Maurepas, Marineminister von 1723–1749, schuf manches Gute. Der Mannschaftsersatz[19]der Matrosen sollte, wie wir wissen, durch Inskribierte der seemännischen Bevölkerung gedeckt werden, die Einrichtung war aber arg vernachlässigt worden. Bei der Bestechlichkeit der Beamten konnten sich Leute, die über einige Mittel verfügten, loskaufen, und dieser Übelstand machte sich um so fühlbarer, als sich infolge des Daniederliegens des Handels in den letzten Kriegen vor 1713 die Hafenstädte entvölkerten; der Mannschaftsmangel hatte dann zum Pressen und zu sonstigen harten Maßnahmen gegen den Rest der Inskribierten geführtund hierdurch den Abzug der Küstenbevölkerung noch vermehrt. Dank einer milderen Behandlung durchMaurepas, vereint mit der Wiederbelebung des Handels, kehrten viele der Abgezogenen zurück und in die Inskription kam wieder Ordnung, so daß bei Ausbruch des Krieges 1744 die Bemannung der Schiffe leichter wurde als in den vorhergegangenen Kämpfen. Auch die Zahl der Chargen — Offiziere, Deck- und Unteroffiziere — reichte für die nur geringen Indienststellungen aus, obgleich sie in den Jahrzehnten der Friedenszeit sehr herabgegangen war; für die Seeoffiziere z. B. von 1140 im Jahre 1696 auf 660 in 1744.
Maurepastat viel für die wissenschaftliche sowie praktische Ausbildung der Offiziere; er machte ferner die Stellung des Commandant de la marine in den Kriegshäfen, deren Inhaber bisher häufig wechselte, zu einer festen und hob dadurch dessen Einfluß dem Intendanten gegenüber wenigstens etwas. In der Hauptsache aber, eine schlagfertige Flotte zu schaffen, hatte er keinen Erfolg. Seine Absicht war, eine solche von 60 Linienschiffen (40 in Brest, 20 in Toulon) aufzustellen; diese, zwar nicht übermäßig stark, aber aus guten Schiffen bestehend, sollte der Kern einer maritimen Verbindung mit Spanien (vielleicht auch Holland) gegen England sein. Er erhielt jedoch nicht die Mittel zur Durchführung dieses Planes. Das Marinebudget, das unter Ludwig XIV. selbst in Friedenszeiten nie unter 14 Millionen Francs gefallen war, betrug während seiner Amtsführung acht, und als er vor Ausbruch des Krieges 1744 20 Millionen verlangte, bekam er nur zehn.
Um 1740 besaß Frankreich 45–50 Linienschiffe über 50 Kanonen und 15–20 schwere Fregatten. Die Schiffe waren großenteils nicht gut im Stande, den Werften fehlten fähige Arbeiter, Arsenale und Magazine waren leer. In dem stark zusammengeschmolzenen Offizierkorps hatte seit vierzig Jahren die Beförderung gestockt; viele Offiziere waren zu alt für ihren Dienstgrad, andere einzig durch Protektion hochgekommen. Infolge der nur geringen Indienststellungen während der Friedensjahre fehlte den Chargen, höheren sowie niederen, die praktische Erfahrung. Frankreich trat so in den Österreichischen Erbfolgekrieg mit einer schwachen Marine ein; der Krieg brachte große Verluste an Schiffen, doch wurden diese durch Neubauten zum Teil ersetzt.
Der Minister de Rouillé, 1749–1755, arbeitete ganz im Sinne seines Vorgängers weiter. Unter ihm wurden 38 Linienschiffe gebaut oder gründlich ausgebessert; ihm standen auch mehr Mittel, 17½ Millionen jährlich, zur Verfügung. Er schaffte die Galeerenflotte, eine unnütze und teure Waffe, ab, und stellte deren Offiziere in die Hochseeflotte ein. Die Académie de Marine in Brest wurde gegründet, ein Verein von Offizieren sowie Marinebeamten aller Dienstzweige und Grade, in dem wissenschaftliche Vorträge mit Besprechung gehalten wurden. Diese Einrichtung legte den Grund zu dem wissenschaftlichen Streben in der französischen Marine während der kommenden Jahre bis 1793. Auch der nächste MinisterMachault d'Arnauvilleführte die Neubauten, jetzt mit einem Budget von 31 Millionen,fort, so daß die Marine 1755 schon 63 Linienschiffe zählte; das Offizierkorps war wieder auf 900 Köpfe angewachsen. Frankreich trat so in den Siebenjährigen Krieg weit mächtiger ein, als in den vorhergegangenen. Aber als dieser eben begonnen hatte, fiel der tüchtige Minister Hofintrigen zum Opfer (Februar 1757) und es folgten ihm, ein jeder nur für wenige Monate, zwei Männer, die der Stellung in so schwerer Zeit nicht gewachsen waren.
Als dann der Krieg gerade sehr schlecht stand, wurdede Berryermit dem Amte betraut (1. November 1758). Von diesem sagt ein französischer Autor (Chabaud-Arnault, Seite 161): „Wenn Ludwig XV. den Triumph der Gegner gewollt hätte, so hätte er keine bessere Wahl treffen können. Ein Günstling der Pompadour, sittenlos, hart, hochmütig und dabei den Marineangelegenheiten völlig fremd, war er nur darauf bedacht, die Ausgaben zugunsten der verschwenderischen Hofhaltung einzuschränken. Im vollen Kriege stellte er die Arbeiten auf den Werften ein, ließ die Arsenale leer, ja verkaufte sogar Material; Offiziere, Beamte, Matrosen und Arbeiter gerieten in Not. Den Offizieren verbot er, in den Dienst der Freibeuterei zu treten, wie es in den früheren Kriegen üblich gewesen, wenn die Kriegsmarine lahmgelegt war, er rühmte aber ihnen gegenüber, die er doch selber zur Untätigkeit verdammte, die Taten der Officiers bleus (Hilfsoffiziere, worüber Näheres später).“ Und diesem Manne standen gerade Mittel zur Verfügung, wie sonst nie unter Ludwig XV., nämlich 1758 42 Millionen und 1759 gar 57. Trotz der schweren Niederlagen der Marine während seiner Verwaltung hielt sichde Berryerdurch die Gunst der Pompadour bis 1761.
Unter demHerzog von Choiseul-Amboise, der seit November 1758 das Ministerium des Äußern führte und 1761 auch das des Krieges sowie der Marine übernahm, setzte ein lebhafterAufschwung der letzterenein. Während der Kriegsjahre bis 1763 konnte zwar nicht mehr viel geleistet werden, doch war es möglich, 15 Linienschiffe (zu 50 bis 90 Kanonen) auf Stapel zu legen; das Volk selber rief infolge der letzten schweren Niederlagen nach einer starken Flotte und auf Antrieb des feurigen Ministers beschaffte das gesamte Frankreich — Provinzen, Städte, Privatpersonen — durch eine Sammlung die nötigen Geldmittel hierzu. Nach dem Kriege setzte Choiseul dann durchgreifende Reformen ins Werk. 1766 gab er das Amt an seinen VetterChoiseul-Praslinab, der ganz in seinem Sinne weiter wirkte, so daß man die Tätigkeit beider bis 1770, wo sie sich infolge von Intrigen der Gräfin Dubarry aus dem öffentlichen Leben zurückzogen, als einheitlich betrachten kann. Den Verwaltungsbeamten wurde ein Teil ihrer Machtbefugnis und Vorrechte genommen, den Seeoffizieren — insbesondere dem Commandant de la marine sowie dem Capitaine du port in den Kriegshäfen — mehr Einfluß auf Instandhaltung, Ausrüstung, Armierung und Bemannung der Schiffe eingeräumt. Es wurde ein festes Korps von Schiffbauingenieuren gegründet, das allerdings, wie der Schiffbau überhaupt, dem Intendanten unterstellt blieb. Aus dem Offizierkorps wurden viele zu alte oder unfähige Personen entfernt, auch die Stellen vermehrt, und sogünstigere Beförderungsverhältnisse geschaffen; die Marineschule wurde vergrößert und verbessert. Doch blieb man dabei, nur Adelige als Gardes de marine (Offiziersaspiranten) einzustellen.
Wir wissen (Band I, Seite504504), daß die Marine in den Kriegen des 17. Jahrhunderts eine wertvolle Unterstützung durch den Eintritt von Offizieren der Handelsmarine („officiers bleus“) fand, daß diesen aber nach und nach durch die eigentlichen Seeoffiziere („officiers rouges“ oder „nobles“) der Dienst verleidet worden war. Es wurde jetzt versucht, diese Einrichtung wieder zu beleben. Junge Leute guter nichtadeliger Familien erzog man in der Kriegsmarine für den Dienst in der Handelsmarine im Frieden, also gewissermaßen zu Reserveoffizieren, von denen die besten ganz in die Kriegsflotte übernommen werden sollten; bei dem Stolz der Adeligen blieb jedoch das Verhältnis zwischen den beiden Kategorien schlecht. In der Art des Matrosenersatzes trat keine Änderung ein, aber in der Fürsorge für Invalide, Witwen und Waisen wurde manches getan; auch milderte man die Strafgesetze und arbeitete die Bestimmungen über den Dienstbetrieb eingehender aus. Gleichzeitig Kriegsminister, verleibteChoiseul-Amboisedie Seetruppen dem Heere ein und zog Landtruppen für die Besatzungen der Schiffe, die Kriegshafengarnisonen, sowie die Kolonien heran, jedoch schonChoiseul-Praslinmachte dies rückgängig und gründete wieder drei Brigaden Seetruppen zu je acht Kompagnien — eine Bombardier-, vier Kanonier- und Füsilierkompagnien — als „corps royal d'artillerie et d'infanterie de marine“ unter dem Befehle von Seeoffizieren. Das Marinebudget betrug unter den beiden Choiseuls, nach und nach wachsend, 1763 16½ und 1770 26½ Millionen. Zu den Kriegshäfen Toulon, Brest, Rochefort trat 1762 L'Orient. Die Werften wurden sehr gehoben und Magazine und Arsenale gefüllt; ferner wurde auch Schiffsbauholz in Vorrat beschafft, an dem es bisher meist gemangelt hatte, so daß man die Neubauten oft in zu grünem Holze hatte herstellen müssen.
Von 1771–1774 folgten dann zwei Minister, von denen die französischen Quellen sagen, daß es ihnen glücklicherweise an Zeit gefehlt habe, ihre Organisation (von 1772) durchzuführen. Sie beabsichtigten nämlich, die 3 Brigaden der Seetruppen auf 8 für die sämtlichen Marinemannschaften zu vermehren. Jeder Brigade sollte dann eine Anzahl Schiffe aller Größen zur Instandhaltung und Besetzung zugeteilt werden. Durch Schaffung dieser kleineren Verbände, in denen auch die Beförderungen getrennt erfolgen sollten, hoffte man den allgemeinen Korpsgeist der Seeoffiziere zu brechen, der häufig den in Marineangelegenheiten völlig unerfahrenen Ministern unbequem geworden war.
1774 erhieltGabriel de Sartinesdas Ministerium. Dieser führte 1776 nicht nur die Organisation der Choiseuls wieder ein, sondern er schoß in dem Bestreben, den Militärs mehr Einfluß zu geben, sogar über das Ziel hinaus. Auf den Werften wurde auch der Schiffbau ganz dem Capitaine du port unterstellt, der Intendant behielt nur die Verwaltung des Inventars und Materials. Der Commandant de la marine wurde der direkte Vorgesetzte des Capitaine du port, aber auch berechtigt, die Magazine usw. zu besichtigen. Sogar auf den Schiffen traten Seeoffiziere an Stelle der Verwaltungsbeamten.Dies ging zu weit. Gewiß ist es richtig, Seeoffizieren die Oberaufsicht über die Arbeiten auf den Werften usw. zu geben, also über die Schlagfertigkeit der Flotte, aber man darf sie nicht mit zuviel Einzelheiten belasten und muß den Technikern eine gewisse Selbständigkeit lassen. Mit der Übernahme der ganzen Verwaltung an Bord durch die Offiziere machte man gleichfalls schlechte Erfahrungen: die Abrechnungen der Schiffe zeigten die größte Unordnung.
Von 1765 bis 1778 waren also drei Organisationen in Kraft gewesen; der neuen Marine fehlte mithin eine gesunde Unterlage. Aber immerhin besaß Frankreich im dritten Krieg 1778 eine starke Flotte von gegen 80 guten Linienschiffen und hatte — noch ein VerdienstChoiseuls— seine militärische Stellung im Mittelmeer durch die Gewinnung Korsikas (1768) wesentlich verstärkt. Die Geldmittel für die Marine (die für die Kolonien, als demselben Minister unterstehend, stets darin eingeschlossen) waren seit dem Regierungsantritt Ludwigs XVI. (1774) gewachsen, der die Seegeltung hochschätzte.Sartineserhielt schon 1776 35 Millionen Francs und im folgenden Jahre 45. Während der Kriegsjahre wurden reichliche Mittel bewilligt: 1778 85 Millionen, 1779 131½, 1780 144 — und außerdem im ersten dieser Jahre 16, in den beiden andern je 25 Millionen Schulden gemacht. Im letzten Kriegsjahre 1782 verbrauchte die Marine gegen 200 Millionen Francs[20]. Infolge von Reibungen mit dem FinanzministerNeckerlegteSartinesim Oktober 1780 sein Amt nieder.
Der neue MinisterMarquis de Castries, ein tüchtiger Landoffizier, entwickelte in den beiden letzten Kriegsjahren große Tatkraft, wurde deshalb 1783 noch zum Marschall ernannt und traf nach dem Friedensschluß sofort Vorbereitungen für den nächsten Waffengang. Er erließ 1784 neue Organisationsbestimmungen, die den Verwaltungsbeamten wieder größere Selbständigkeit gaben und ihnen auch die frühere Tätigkeit an Bord wieder zuwiesen.
Dies war also die vierte Organisation innerhalb zwanzig Jahren; alle bezweckten ein richtiges Zusammenwirken der Offiziere und Beamten zu erreichen und die Reibungen zwischen ihnen zu vermindern. Doch glückte dies erst, als man 1799 in jedem Kriegshafen einen Préfet maritime (Seepräfekt) ernannte, dem alle Dienstzweige, die militärischen wie die der Verwaltung, unterstanden.
Die neue Organisation brachte auch wieder Verbesserungen der Gesetze über die Inskription zugunsten der Bevölkerung.de Castrieserweiterte ferner die Werften und begann den Bau des Schutzdeiches in Cherbourg, um dem Lande endlich einen brauchbaren Kriegshafen am Kanal zu schaffen. Die Schiffe wurden gut gehalten und auch die Kupferung war seit 1785 allgemein geworden. 1789 besaß Frankreich gegen 80 vorzügliche Linienschiffe zu 64–118 Kanonen und 70 Fregatten zu 28–44; das Personal war tüchtig,besonders die Schiffsartillerie. Als Castries 1787 sein Amt infolge von Zerwürfnissen mit dem FinanzministerCalonneniederlegte, stand die Marine gediegener da wie je zuvor, aber die Revolution vernichtete das Geschaffene, ehe es sich bewähren konnte.
Die Offiziersgrade der französischen Marinewaren bis zur Revolution: Amiral de France, Vice-Amiral, Lieutenant-Général, Chef d'Escadre, Capitaine de vaisseau, Capitaine de frégate, Lieutenant de vaisseau, Enseigne, Garde-marine.
Der Admiral von Frankreich war stets ein Prinz von Geblüt, häufig schon als Kind dazu ernannt, unter Ludwig XIV. mehrfach einer seiner illegitimen Söhne oder ihrer Nachkommen. Selten waren sie zu Seeleuten erzogen und haben sie eine Flotte geführt. Die Vizeadmirale entsprachen den Volladmiralen anderer Marinen. Ursprünglich gab es nur einen für die Atlantikflotte (Vizeadmiral du Ponant) und einen für das Mittelmeer (du Levante), deren Verwendung aber nicht an ihre Station gebunden war; 1777 wurde noch ein dritter (der west- und ostindischen Meere) und später noch ein vierter hinzugefügt. Sie rangierten hinter den Marschällen von Frankreich und erhielten oft diesen Rang. Die Generalleutnants entsprachen den Vizeadmiralen, die Chefs d'Escadre den Kontreadmiralen der englischen Marine. Es gab auch neben den eigentlichen Kapitänen noch solche de brûlot (Brander) und de flûte (Transporter), sowie Lieutenants de frégate, doch waren dies Chargen, die nicht ein jeder durchmachte, sondern in denen besonders die Officiers bleus verwendet wurden. Ältere Kapitäne erhielten den Rang eines Divisionschefs. In den Werken von Lacour-Gayet (vgl. Quellenverzeichnis) findet man Personalangaben über die Offiziere der betreffenden Zeit, aus denen die Daten ihrer Beförderungen und damit die Beförderungsverhältnisse zu entnehmen sind.
Vergleich der englischen und französischen Marine[21]. Was dasMaterialanbetrifft, war England beim Beginn eines jeden der drei Kriege an Zahl der Schiffe überlegen. Diese Überlegenheit trat dann im Verlauf der Kämpfe noch mehr hervor, nur bei Beginn des dritten Krieges waren Frankreich und Spanien zusammen etwas stärker. Frankreich hatte allerdings stets die besser konstruierten Fahrzeuge; infolge der großen Verluste und der kurzen Lebensdauer der aus grünem Holze erbauten Schiffe war es häufiger zu Neubauten genötigt. Diesem Umstande ist aber kein zu großes Gewicht beizulegen. Zwar führen die Engländer mehrfach die besseren Segeleigenschaften der französischen Schiffe an, aber ebenso oft heben die Franzosen die größere Geschwindigkeit der englischen hervor; im dritten Kriege führen sie dies darauf zurück, daß England schon viele gekupferte Schiffe gehabt hätte. Vor allem aber wird die seemännische Tüchtigkeit der Engländer die Vorteile der besser gebauten Fahrzeuge auf französischer Seite aufgehoben haben; eine geschulte Besatzung holt eben mehr aus ihrem Schiffe heraus. Ebenso ist die Behauptung der Engländer, daß die Franzosen durch schwerere Kaliber in der Artillerie überlegen gewesen seien, sehr einzuschränken. Nach unseren Tabellen trifft es nur bei den Schiffen über 80 Kanonen zu, und die Hauptkraft der Flotten lag stets in den nächstniedrigeren Klassen; im drittenKriege hatten die Engländer außerdem den Vorteil der Karronaden[22]. Im großen und ganzen kann man das Material als gleich gut auf beiden Seiten annehmen, den Ausschlag im Kampfe gab — wie wohl fast in jedem Kriege zu Lande und zu Wasser — bei annähernd gleicher Stärke die Tüchtigkeit der Mannschaft.
In Hinsicht aufdas Personalwar aber die englische Marine stets überlegen. Fürdie Mannschaftstand ihr die große Zahl der befahrenen Seeleute des Landes zur Verfügung. England hatte ferner auch während der langen Friedenszeit stets viele Schiffe im Dienst und erhielt sich so einen Stamm von geübtem Kriegsschiffspersonal. Später folgten dann die Kriege schnell aufeinander, und in diesen wurde alles aufgeboten, was an Schiffen vorhanden; auch war der harte Dienst langer Blockaden eine vortreffliche Schule. Mangel an Mannschaften trat allerdings trotzdem auf (Seite 26), und das dadurch notwendige wahllose Pressen brachte viel minderwertiges, ja schlechtes Material, ein Umstand, der wohl die erwähnten Übelstände — schlechten Gesundheitszustand an Bord, Mißvergnügen, starke Fahnenflucht — mit verschuldet hat.
In Frankreich lagen die Verhältnisse weit ungünstiger. Hier deckte die Einrichtung der Inskription den Bedarf an Matrosen nur im ersten Kriege, in dem die Indienststellungen gering waren. Wie schon früher, entvölkerten sich dann die Küsten während der Kriege, wenn der Seehandel daniederlag, und erholten sich nur langsam wieder; so standen z. B. 1701 87000 und 1776 nur 67000 Inskribierte in den Listen, obgleich gerade zu dieser Zeit die Schiffahrt aufgeblüht war. Beim Beginn des zweiten Krieges fielen die Besatzungen von 500 Handels-, sowie einiger Kriegsschiffe, die England unmittelbar vorher aufgebracht hatte, gegen 5000 befahrene Seeleute aus, und im dritten Kriege stellte Frankreich so viel Schiffe in Dienst, daß zum Ersatz von Matrosen stark auf die Seetruppen, ja sogar auf das Heer zurückgegriffen werden mußte; für die Schiffe in Toulon warb man auch Fremde von den Küsten des Mittelmeeres an. Das französische Personal hatte außerdem im allgemeinen auch nicht die gleiche Übung und Erfahrung wie das englische und erhielt sie selbst während der Kriege nicht, denn in Friedenszeiten waren zu wenig Kriegsschiffe im Dienst, und in den beiden ersten Kriegen ward die Flotte bald lahmgelegt; es wurden dann weniger Schiffe in Dienst gestellt und die ausgerüsteten sahen sich vom Gegner in den Häfen festgehalten. Dies trifft für den dritten Krieg zwar nicht zu, aber in diesem reichte eben der Ersatz an befahrenen Seeleuten überhaupt nicht.
Die zu geringe Verwendung im praktischen Seedienst zeitigte natürlich auch im französischenOffizierkorpsbedenkliche Folgen. Vor Ausbruch des zweiten Krieges sollen z. B. von den 900 Seeoffizieren nur 200 eingeschifft gewesen sein, während der Rest nur acht- oder zehnmal im Jahre eine vierundzwanzigstündige Wache auf einem der Schiffe im Hafen tat;da kann es nicht wundernehmen, daß sie den englischen in Übung und Erfahrung sehr nachstanden. Vor dem dritten Kriege wurden allerdings Übungsgeschwader im Dienst gehalten, diese waren jedoch so klein, daß nur wenige Offiziere daraus Nutzen ziehen konnten. Im übrigen scheinen, wie die Geschichte des Seewesens zeigt, die germanischen Völker noch mehr natürliche Begabung für den Seedienst zu haben als die romanischen. Wir haben ferner schon darauf hingewiesen (Band I, Seite319und506), daß und aus welchem Grunde sich das französische Seeoffizierkorps ganz anders herausbildete als das englische, daß bei dem Verschmelzen des Soldaten mit dem Seemann im Franzosen der erste, im Engländer der letzte überwog.
In England konnte ein jeder ohne Rücksicht auf Herkunft höhere Stellungen erreichen. Die schon erwähnte harte Erziehung dort, die häufige Verwendung an Bord machte die englischen Offiziere zu kühnen und erfahrenen Seeleuten, aber mit wenig Neigung für Wissenschaft und Theorie, zu „Teerjacken“, wie die Engländer selber sagen; da sie viel zur See fuhren, aber nicht immer kriegerische Verwendung fanden, wurden hervorragende Leistungen in Seemannschaft ihr Stolz, militärische, die mehr auf Theorie begründet waren, wie z. B. Taktik, lagen ihnen ferner. In Frankreich ergänzte sich das Offizierkorps nur aus Adligen, gerade hier eine hervorragend kriegerische Kaste; bis 1789 gab es besondere Beamte, die die adlige Herkunft der Offizieraspiranten zu prüfen hatten. Eine sorgfältigere Erziehung und auch wohl der Volkscharakter führten außerdem die französischen Offiziere dahin, sich mehr mit wissenschaftlichen Studien zu beschäftigen, und die Seltenheit der Einschiffungen gab ihnen die Zeit hierzu. So stand das französische Seeoffizierkorps dem englischen in seemännischer Praxis unbedingt nach, war ihm aber theoretisch überlegen. Letzteres zeigt sich während der nächsten Kriege besonders in der Taktik: die Engländer hielten im Kampfe an einem alten Brauche fest, die Franzosen gründeten hierauf eine überlegte Taktik. Einen größeren Nutzen zogen sie aber hieraus nicht, da ihre Taktik die einer zu vorsichtigen Abwehr gegen ein kräftiges, allerdings oft unbedachtes Draufgehen blieb.
Von der wissenschaftlichen Beschäftigung der französischen Offizieregibt uns die Akademie ein Beispiel; wir sehen weiter noch, daß sich verschiedene Offiziere literarisch über Seetaktik betätigten. Die Bewertung der Theorie ging aber zu weit.Chabaud-Arnaultsagt (Seite 196) von den Offizieren um 1778: „Sie waren mutig, eifrig und besser unterrichtet als die anderer Marinen. Vielleicht waren sie zu gelehrt in dem Sinne, daß ihnen, durchdrungen von den Regeln der Theorie, häufig die Initiative fehlte, unter gewissen Umständen mit den Regeln zu brechen, wenn es sich darum handelte, einen Erfolg auszunutzen oder die Folgen einer Schlappe abzuschwächen.“ Die Engländer verfielen übrigens in den gleichen Fehler, aber aus Mangel an theoretischer Beschäftigung mit der Taktik; auch sie wagten nicht, von den althergebrachten Regeln abzuweichen. Dieser Fehler ist aber bei den Franzosen auch sicher eine Folge der von höchster Stelle angeordneten Kriegführung. Eine lange durchgeführte defensive Strategie, der häufig ausdrücklich gegebene Befehl, die Schiffe zu erhalten und zu schonen, konnte nicht zur Entwicklung von Unternehmungsgeist im Offizierkorps führen und hat auch zum Aufbau[36]einer reinen Abwehrtaktik beigetragen. Der größere Wagemut auf englischer Seite und das vorsichtige Zurückhalten auf französischer ist in vielen Fällen schließlich auch darauf zurückzuführen, daß infolge der verschiedenen Beförderungsart die höheren Führer der Franzosen in weit höherem Lebensalter standen.
Ältere französische Schriftsteller sagen,die Disziplin im französischen Offizierkorpssei mangelhaft gewesen, besonders zur Zeit des dritten Krieges, neuere stellen dies in Abrede, geben aber folgende Punkte zu, die dem Geiste der Unterordnung schädlich waren: der Geburts- und Klassenstolz der Offiziere brachte ein Gefühl der Gleichberechtigung aller Dienstgrade hervor. Admirale, Kommandanten, Offiziere und Seekadetten bildeten eine Waffe; „sie duzten sich wie Hinz und Kunz“. Bei der Handhabung des Schiffes sprach der Untergebene seine Meinung aus, und der Vorgesetzte gab oft nach, um nicht unbeliebt zu werden. — Wie zur ZeitColbertsstellte man wieder Offiziere der Armee mit ihrem Dienstgrade in die Marine, was die Seeoffiziere empörte und der Kameradschaft schadete. — Der Adelsstolz der officiers rouges stieß die officiers bleus vor den Kopf. Dies zeigte sich besonders im dritten Kriege, als im französischen Volke bereits revolutionäre Gedanken auftauchten.
Uniformen.In die hier geschilderte Zeit fällt die Einführung von Uniformen für die Seeoffiziere und Deckoffiziere. Bis dahin scheint zwar eine gewisse gleichartige Tracht Mode gewesen zu sein — in Frankreich war eine Uniform für die Gardesmarines vorgeschrieben, in Dänemark schon 1723 auch für die Offiziere —, aber genaue Vorschriften erschienen in England[23]erst um 1748 und 1787, in Frankreich 1763. Überall wurde Blau mit goldenem Besatz gewählt, wie es noch jetzt üblich ist. Der Anzug der Matrosen blieb noch weiter ungeregelt; in England konnten die Leute ihren Anzug vom Staate kaufen, waren aber nicht dazu verpflichtet. Wahrscheinlich hat auch bei den Matrosen eine Mode geherrscht, wie es ja nach alten Bildern selbst in der Handelsmarine der Fall gewesen zu sein scheint, auch wird der Einfluß der Vorgesetzten eine gewisse Gleichmäßigkeit, wenigstens auf den einzelnen Schiffen, erzielt haben.
Wir haben die Entwicklung der Taktik während der Zeit von 1648 bis 1740 verfolgt[24]und wollen nun hier zunächst ihren Stand zu Beginn des neuen Zeitabschnittes betrachten. Am geeignetsten hierzu istdas Werk des Jesuitenpaters Paul Hoste. Dieser war längere Zeit Kaplan des französischen AdmiralsTourville; als Professor der Mathematik am Kgl. Seminar in Toulon veröffentlichte er 1697 das Buch „L'art des armées navales ou traité des évolutions navales“ (vgl. Quellenverzeichnis); es ist wohl anzunehmen, daß in diesem mehr oder weniger die Gedanken genannten Admirals, des letzten großen Taktikers in den Kriegen des 17. Jahrhunderts, enthalten sind.Hostestellt Grundsätze und Lehren für die Führung von Flotten auf und erläutert sie durch die Beschreibungen wichtiger Schlachten und sonstiger Ereignisse dieser Kriege. Von 1697 bis1740 ist nur ein Seekrieg geführt und in diesem nur eine Schlacht geschlagen (Malaga 1704); das geschickt aufgebaute und durchdachte Werk gibt wahrscheinlich auch noch den theoretischen Stand der Seetaktik um 1740; es ist später die Grundlage zu ihrer weiteren theoretischen Entwicklung im 18. Jahrhundert gewesen und bis zum Ende der Segelschiffahrt von anderen Schriftstellern vielfach benutzt und ausgelegt, aber im Grunde wenig geändert worden.
Hostes Werk über Taktikbespricht die geeignetste Gefechtsordnung, die Vorteile der Luvstellung; verschiedene Marsch- (auch Rückzugs-) Ordnungen; Übergänge aus einer Ordnung in eine andere; besondere Manöver wie Geschwaderwechsel, Herstellung der Ordnungen bei Windänderung, Gewinnen der Luvstellung sowie Hindern des Gegners daran, Maßnahmen beim Forcieren oder Verteidigen einer Enge; besondere Lagen im Gefecht, Erzwingen oder Vermeiden des Kampfes, teilweises Dublieren des Gegners und Maßregeln dagegen[25], Durchbrechen der feindlichen Linie. Diese Betrachtungen sind besonders für Seeoffiziere sehr lesenswert; für unsere Zwecke genügen die unmittelbar auf den Kampf bezüglichen Ausführungen.
AlsGefechtsordnungempfiehlt das Werkdie Kiellinie der Schlachtschiffe dicht beim Windeunter kleinen Segeln, so daß die Schiffe eben gut steuerfähig bleiben. Die übrigen Fahrzeuge, Fregatten und Brander, sollen sich außerhalb der Linie etwa 1½ Seemeilen entfernt in Feuerlee[26]zur Verwendung bereit halten; die Fregatten zur Unterstützung, z. B. zum Schleppen, schwer beschädigter Schlachtschiffe und für besondere Aufgaben. Von denMarsch- undAnkerordnungenwird verlangt, daß sie einen schnellen Übergang in die Gefechtsordnung gestatten. Als geeignetste Marschordnung bei Erwartung eines Zusammenstoßes mit dem Feinde gilt eine Linie, in der sich die Schiffe so peilen, d. h. so zueinander liegen, daß sie sofort in Kiellinie beim Winde liegen, sobald sie über den einen oder den anderen Bug an den Wind gehen.
DieLuvstellung[27]erscheint am besten für das Gefecht geeignet, da man aus ihr jederzeit zum Angriff übergehen kann und weil sie auch sonst viele Vorteile für den Kampf bietet. Ebenso gilt nochder Angriffmit der ganzen Linie zugleich auf die ganze Länge des Gegners unter gemeinsamer Führung des Höchstkommandierenden als der gebräuchlichste. An Beispielen der großen Führer in den Kriegen des 17. Jahrhunderts weistHosteauf verschiedene Mittel hin, um an einer Stelle die Übermacht zu gewinnen. So gestattet er, den Kampf geschwaderweise zu führen, wodurch oft entscheidende Gefechte herbeigeführt würden, hebt aber die Schwierigkeit der Wiedervereinigung der Flotte hervor. Verfügt die Luvflotte über eine größere Schiffszahl als der Gegner, so soll sie die hinten überschießenden Schiffe ihrer Linie dazu benutzen, die Schlußschiffe des Feindes von Lee her anzugreifen und so zu dublieren. Er ist gegen ein Dublieren der feindlichen Spitze, weil die damit betrauten Schiffe, falls sie durch Beschädigungen bewegungslos werden, dem Feuer der ganzen feindlichen Linie ausgesetzt sind, wenn diese im weiteren Verlaufe des Kampfes an ihnen vorüberzieht. Eine schwächere Leeflotte soll sich gegen das Dublieren dadurch schützen, daß sie ihre Linie durch Vergrößerung der Entfernungen zwischen den einzelnen Schiffen oder besser durch Freilassen einer Lücke verlängert, die dann aber durch Fregatten und Brander gedeckt werden muß.
Eine Flotte in Leestellung, die kämpfen will, soll sich hart am Gegner halten. Vielleicht bringt ihr eine Windänderung die Luvstellung oder es bietet sich infolge besonderer Zufälle eine Gelegenheit, den Feind aus der sonst dazu ungünstigen Leestellung her zum Kampfe zu zwingen (z. B. Havarien feindlicher Schiffe). Ist sie[38]überlegen, so kann sie dies durch einen Angriff mit ihren schnellsten Schiffen herbeiführen; diese halten den Feind fest, bis der Rest herankommt. Einen Angriff nimmt auch sie in Kiellinie beim Winde auf. Bei größerer Schiffszahl vermag sie den Feind hinten zu dublieren; zu diesem Zwecke weicht sie während des Kampfes nach Lee aus, ihre hinten überschießenden Schiffe machen das Manöver jedoch nicht mit, sondern setzen sich auf die Luvseite der letzten Schiffe der feindlichen Linie, wenn diese den Ausweichenden nachdrängt. Gegen ein solches Manöver soll sich eine schwächere Luvflotte dadurch schützen, daß sie nicht die ganze Linie der Leeflotte angreift, sondern nur, je nach der eigenen Schiffszahl, deren hintere Schiffe.
Für eine Leeflotte, aber nur für diese, sieht das Werk auch ein Durchbrechen der feindlichen Linie vor. Sie soll dazu über den beabsichtigten Durchbruchspunkt hinaussegeln und dann im Kontremarsch wenden[28]. Die Schiffe, die durchgebrochen sind, wenden darauf zu Luward der feindlichen Linie wiederum, und so sind die Schiffe des Gegners hinter dem Durchbruchspunkte dubliert.Hostehält aber dieses Durchbrechen nicht für unbedingt empfehlenswert. Der Gegner kann es vereiteln, wenn er sofort mit allen Schiffen zugleich über den andern Bug geht; es wird gefährlich, wenn der Feind einige Schiffe durchbrechen läßt und dann wendet, denn nun sehen sich die durchgebrochenen dubliert. Das Manöver sei nur ratsam, wenn man eine größere Gefahr vermeiden will (z. B. auf eine Leeküste gedrängt, um abgeschnittene Kameraden zu befreien u. dgl.); auch wenn in der feindlichen Linie eine Lücke vorhanden ist — sei es infolge geringerer Schiffszahl, sei es nach Niederkämpfen einiger —, sollen die dadurch unbeschäftigten eigenen Schiffe durch die Lücke brechen und den Feind hinten dublieren.
Das Werk zeigt uns, wie dargelegt, einen hohen theoretischen Stand der Taktik, wohl geeignet, darauf weiter zu bauen. In der Praxis lag jedoch die Sache anders. Vom zweiten Englisch-Holländischen Kriege (1665–1667) an finden wir zwar in allen großen Schlachten Flottenführer, die versuchen, an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, sei es schon durch Ansetzen des Angriffes, sei es durch Ausnutzen von Blößen, die der Gegner während der Schlacht zeigt. Wir nennenMonck,Ruyter,du Quesne, die in diesem Bestreben von ihren Unterführern,d'Estrées,Bankers,den Haën,Nesmond, durch selbständige Manöver unterstützt wurden. Die aus diesen Beispielen zu ziehenden Lehren waren jedoch noch nicht Allgemeingut geworden, selbst die Gefechtsinstruktionen jener Zeit standen nicht auf der Höhe der Hosteschen Abhandlungen; es ist auch nicht anzunehmen, daß sich die Seeoffiziere jener Zeit, insbesondere die englischen „Teerjacken“, im allgemeinen mit ihnen beschäftigt hätten.
Die älteste eingehendereGefechtsinstruktion in England[29]ist von 1665. Sie weist im allgemeinen auf den „Angriff« von Luwardher, über denselben Bug wie der Gegner liegend und mit der ganzen eigenen Linie auf die ganze feindliche zugleich“ hin. Sie sagt nämlich: „Erwartet der Feind, in Lee stilliegend, den Angriff, so soll ein jedes Geschwader[30]das entsprechende des Gegners angreifen. Begegnet die Flotte der feindlichen auf entgegengesetztem Kurse, so soll sie so weit laufen, bis ihre Vorhut querab von der Nachhut des Feindes ist; dann soll sie mit allen Schiffen zugleich wenden, so daß sie nun über den gleichen Bug parallel und querab von ihm (bereit zu vorstehender Angriffsart) liegt. — Steht die Flotte über gleichen Bug in Lee, so soll die Vorhut die feindliche Linie durchbrechen und deren hintere Schiffe von Luward her angreifen; Mitte und Nachhut sollen die vorderen Schiffe des Feindes beobachten und die Nachhut unterstützen.“ Bald darauf wurde einem selbständigen Durchbrechen seitens der Geschwaderchefs, ja selbst der Schiffskommandanten, in günstigen Augenblicken das Wort geredet und ihnen überhaupt mehr Freiheit gegeben, aber dann kam nach und nach in der Instruktion doch immer stärker das Streben zum Ausdruck, die ganze „Kiellinie beim Winde“ in strengster Ordnung, Spitze gegen Spitze und Schiff gegen Schiff von Luward her zum Angriff heranzuführen.
Die Vor- und Nachteile der Luvstellung(vgl. Band 1, Seite184): Die Luvflotte kann jederzeit angreifen, die Gefechtsentfernung bestimmen, sowie leichter zum Entern gelangen; sie kann leicht die feindliche Linie durchbrechen und einen Teil von ihr abschneiden; sie kann den Gegner hinten dublieren; ihre Brander kommen besser zur Verwendung. Der Pulverrauch zieht nicht über die Schiffe hin und brennende Rückstände aus den Geschützen gefährden sie nicht. — Die Nachteile der Luvstellung bestehen darin, daß die Schiffe häufig infolge des Überliegens bei starkem Winde oder wegen schwerer See die Pforten der untersten Batterie, in der die schwersten Geschütze stehen, auf der dem Feinde zugewandten Leeseite geschlossen halten müssen. Beim Herangehen zum Angriff sind die Schiffe dem Enfilierfeuer[31]ausgesetzt, während sie nur ihre Buggeschütze verwerten können. Es wird stets schwierig sein, ein Gefecht abzubrechen, da sich hierzu die Flotte nach Luward hin vom Feinde entfernen muß, beschädigte Schiffe werden aber vielleicht nicht mehr wenden oder höher am Winde steuern können; diese treiben dann dem Feinde entgegen, der sie völlig vernichtet, falls sie nicht dadurch unterstützt werden, daß man das Gefecht fortsetzt.
Um 1691 sind die Bestimmungen über Durchbrechen ganz fortgefallen; kein Geschwader und kein Schiff darf ohne Befehl seinen Platz verlassen; streng wird darauf hingewiesen, den Angriff genau Spitze auf Spitze anzusetzen. Der Wortlaut der Instruktion machte es dem Oberbefehlshaber fast unmöglich, seine Flotte so heranzuführen, daß er von vornherein an einer Stelle die Übermacht gewann, und ebenso war ausgeschlossen, dies später durch Initiative der Unterführer zu erreichen.
Ein Dublierendes Feindes durch unbeschäftigte Schiffe, wie esHosteempfiehlt, war in England auch früher niemals vorgesehen. Man soll wegen der Gefahr des gegenseitigen Beschießens der eigenen Schiffe das Dublieren hier ungünstig beurteilt haben, da die Engländer möglichst nahe an den Feind heranzugehen pflegten. Die Franzosen, die weitere Gefechtsentfernungen bevorzugten, hielten mehr vom Dublieren.
In dieser Änderung der Instruktion sahen sämtliche Marineschriftsteller bisher einen argenRückschritt in der Taktikgegen die Zeit der obenerwähnten hervorragenden Führer. NurCorbettsagt[32], es sei ein natürlicher Rückgang in ein defensiveres Verfahren nach einer Zeit wagemütigen Vorgehens seitens bedeutender Männer gewesen; man sei mit der Erkenntnis der Gefahren, die außergewöhnliche Manöver mit sich brächten (wie sie auch Hoste anführe), zu der wohlüberlegten Überzeugung gekommen, daß diejenige Flotte die größte Aussicht auf Erfolg habe, die am längsten ihre Formation hielte.CorbettsAuslassungen werden teilweise richtig sein, aber er will doch wohl auch das englische Seeoffizierkorps jener Zeit gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, es habe die Taktik vernachlässigt. Sollte dieser Vorwurf nicht doch berechtigt sein?
Wir haben bei der Kennzeichnung der Offizierkorps der beiden großen Marinen erwähnt, daß in England wenig Neigung zu militärisch-theoretischen Studien vorhanden war. Stolz auf ihre seemännische Tüchtigkeit, glaubten die englischen Seeoffiziere ihr Ziel, das Niederschmettern des Feindes „im Kampf Schiff gegen Schiff“, jederzeit zu erreichen. Die Beispiele der großen Führer bis zur Schlacht von Kap Barfleur-La Hogue (1692) gerieten in Vergessenheit, und es ist fraglich, obHostesWerk in weiteren englischen Kreisen bekannt war; erst etwa 1762 erschien eine vollständige Übersetzung in englischer Sprache. Die lange Friedenszeit 1713–1739 gab auch keinen Anlaß zur Beschäftigung mit taktischen Fragen; Übungsflotten kannte man noch nicht[33]. So führten die Engländer lange Zeit ihre Schlachten nach den Buchstaben ihrer Gefechtsinstruktion: Rücksichtsloses Draufgehen in starrer Ordnung, Kampf Schiff gegen Schiff in nächster Nähe. Sie richteten auch stets ihr Feuer auf den Rumpf der feindlichen Schiffe, also auf die durch Geschütze und Mannschaft dargestellte Gefechtskraft, während es häufig zweckmäßiger gewesen wäre, die Takelage, also die Bewegungsfähigkeit der Gegner, als Ziel zu wählen. Zum Beharren bei dieser unvollkommenen Taktik trugen verschiedene Kriegsgerichtsurteile bei über Führer, die von der Vorschrift abgewichen waren. Die bekanntesten dieser Gerichtserkenntnisse sind die nach den Schlachten vor Toulon (1744) und bei Minorka (1756); aus ihrer Besprechung wird sich ergeben, welch eine beschränkte Auffassung für die Verwendung von taktischen Regeln im englischen Seeoffizierkorps herrschte.
Wir wissen, daß die französischen Seeoffiziere im Gegensatz zu den englischen mehr für die militärische Seite ihres Berufes veranlagt waren und sich mehr mit theoretischen Studien beschäftigten[34]. So entstand gegen die schematische Angriffsart der Engländer nun eineAbwehrtaktik der Franzosen. Diese nutzte die bisher wenig beachteten Vorteile aus, die eine Leestellung bietet. Die Franzosen sind aber nicht nur aus diesen Gründen zur Wahl einer Defensivtaktik gekommen, sondern dabei sehr durch ihre Strategie beeinflußt worden.