see captionPlan zur Schlacht vor Toulon.
Plan zur Schlacht vor Toulon.
1)Spanische Schiffe, die der Division de Court zugeteilt waren.Zu den Schiffen der Tabelle traten als nicht in die Schlachtlinie eingestellt: bei den Engländern 5 Schiffe mit 50, 2 mit 40, 2 mit 20 Kanonen und 2 Brander; bei den Verbündeten 4 Schiffe mit 20 Kanonen und 3 Brander.
1)Spanische Schiffe, die der Division de Court zugeteilt waren.Zu den Schiffen der Tabelle traten als nicht in die Schlachtlinie eingestellt: bei den Engländern 5 Schiffe mit 50, 2 mit 40, 2 mit 20 Kanonen und 2 Brander; bei den Verbündeten 4 Schiffe mit 20 Kanonen und 3 Brander.
1)Spanische Schiffe, die der Division de Court zugeteilt waren.
Zu den Schiffen der Tabelle traten als nicht in die Schlachtlinie eingestellt: bei den Engländern 5 Schiffe mit 50, 2 mit 40, 2 mit 20 Kanonen und 2 Brander; bei den Verbündeten 4 Schiffe mit 20 Kanonen und 3 Brander.
die Nachhut VizeadmiralLestock[50].Die verbündete Flotteunterde Court[51]bestand gleichfalls aus 28 Linienschiffen; die Vorhut führte der Chef d'EscadreGabaret, die Nachhut AdmiralNavarro. Diese bestand aus den spanischen Schiffen, von denen jedoch drei der Mitte zugeteilt waren. Man sagt, de Court habe sie sämtlich zwischen die französischen Schiffe verteilen wollen, doch sei Navarro hierauf nicht eingegangen. An Zahl der Linienschiffe waren beide Flotten gleich, aber die Engländer besaßen schwerere Schiffe und ihre Überlegenheit wurde dadurch noch größer, daß sie über 4 Schiffe zu 50 Kanonen, 2 zu 40, sowie 2 zu 20 (dazu 2 Brander) verfügten, die auf die Divisionen verteilt waren, während die Gegner zwei Schiffe zu 50 Kanonen in die Linie eingestellt hatten und außer der Linie nur 4 Schiffe zu 20 Kanonen (sowie drei Brander) besaßen (vgl. die Angaben auf der Skizze der Schlacht). Die Überlegenheit der Engländer kam aber nicht zur Geltung, da sich ihre Nachhut nicht am Kampfe beteiligte.
Der Verlauf der Schlacht vor Toulon[52]. Die französisch-spanische Flotte hatte schon am 20. Februar auslaufen wollen, sah sich jedoch durch den Zusammenstoß zweier Schiffe zum Wiederankern genötigt. Die englische Flotte hatte an diesem Tage gleichfalls Anker gelichtet, gegen schwachen westlichen Wind aufgekreuzt und abends wieder in der Bucht von Hyères geankert. Am 21. gingen die Verbündeten in See; die Engländer versuchten heranzukommen; dies war ihnen aber bei dem zu schwachen, jetzt östlichen Winde mit schwerem westlichen Seegange nicht möglich; sie konnten nicht einmal eine gute Ordnung einnehmen. Am Abend gabMathews, 4–5 Seemeilen vom Feinde entfernt, den Befehl zum Beidrehen;Lestockstand mit der Nachhut noch weit von der Mitte ab, dennoch folgte er dem Befehle, anstatt erst näher heranzusegeln. Während der Nacht vergrößerte der Feind die Entfernung, ohne daß die englischen Beobachtungsschiffe es bemerkten. Am 22. bei Tagesanbruch standen die Engländer in loser Ordnung — über neun Seemeilen vom vordersten bis zum hintersten Schiffe — etwa 12 Seemeilen SSO. vom Kap Sicié und acht Seemeilen nordöstlich vom Gegner, der bei leichtem östlichem Winde in Kiellinie über Steuerbordbug nach Süd steuerte.Lestockmehrte nun allerdings sofort Segel, um zur Mitte heranzukommen; da aberMathewsschon um 6½ Uhr vormittags den Befehl zum Segelmehren für die ganze Flotte gab, blieb die Nachhut auch weiterhin etwa fünf Seemeilen von der Mitte ab. Um 8 Uhr folgte der Befehl, über Steuerbordbug die Kiellinie zum Angriff zu bilden, und als dieses Manöver, infolge des flauen Windes nur langsam und unvollständig, um 11½ Uhr von Vorhut und Mitte ausgeführt war, auch das Signal[78]„Angreifen“, wobei jedoch das für „Kiellinie“ wehen blieb;Lestockbeantwortete das Signal „Angreifen“ nicht. Die Verbündeten waren in leidlich guter Ordnung, nur die Nachhut stand etwas zurück und in dieser wieder die letzten fünf Schiffe.
Langsam überholten die Engländer den Gegner. Um 1 Uhr nachmittags warMathews(„Namur“) querab vonNavarro(„Real Felipe“) undRowley„Barfleur“) vonde Court(„Terrible“). Jetzt hielt Mathews mit dem Flaggschiff aus der Kiellinie ab und legte sich auf Pistolenschußweite neben Navarro; er ward unterstützt durch seinen Vordermann „Norfolk“ und seinen Hintermann „Marlborough“, die „Constante“ und „Isabela“ angriffen. Die Besorgnis, der Gegner könne sich dem Kampfe entziehen, verleiteteMathewszum Angriff, ehe die Flotte in guter Ordnung und ehe die Nachhut herangekommen war. AdmiralRowleyfolgte dem Beispiel und hielt aufde Courtab, auch er wurde durch seine beiden Hinterleute unterstützt; hier fochten also „Barfleur“, „Prinzeß Carolina“ und „Berwick“ gegen „Terrible“, „Esprit“ und „Diamant“. Das Gefecht scheint jedoch ein laufendes gewesen zu sein (auch nicht auf so nahe Entfernung wie bei Mathews), denn die Lücke zwischen Nachhut und Mitte der Verbündeten vergrößerte sich; der Kampf der englischen Schiffe mit den spanischen erfolgte dagegen mit kleiner Fahrt, und die letzten fünf Spanier kamen infolgedessen nach und nach auf.
Die sämtlichen übrigen englischen Schiffe beteiligten sich, wenig oder gar nicht am Kampfe. Die drei Spitzenschiffe der Vorhut griffen nicht an, denn sie wollten dadurch die Vorhut der Verbündeten hindern, zu wenden und dann die englische Flotte von Luward her zu dublieren. Die drei Schiffe hinter „Berwick“ blieben auch in der Kiellinie und so weit ab, daß sie nur ein wenig erfolgreiches Feuer mit den drei Spaniern wechseln konnten, die als letzte der französischen Mitte zugeteilt waren. Ebenso verfuhren die vier ersten Schiffe der englischen Mitte, die nur anfangs auf die ebenerwähnten Spanier und dann auf „Poder“ feuerten; dieser scheint schwer beschädigt worden zu sein. Von den letzten vier Schiffen der englischen Mitte (Dorsetshire und Hinterleute) berichten die Quellen beim ersten Angriff nichts; da sie ihren Platz in der Kiellinie nicht verließen und da ihre Gegner noch nicht heranwaren, blieben sie wohl ganz untätig.
Hervorzuheben ist das Verhalten des KapitänsHawke, des später berühmten Flottenführers. Als Kommandant des „Berwick“ hatte er den weit schwächeren „Diamant“ gegenüber, der dem Kampf auswich; als er nun sah, daß „Poder“ zwar lebhaft beschossen, aber doch nicht im Nahkampf angegriffen war, verließ er seinen Platz in der Vorhut, segelte zu dem genannten Schiffe nahe heran und zwang es zur Übergabe. Heiß war der Kampf beiMathews. Zwar trieb „Norfolk“ den „Constante“ nahezu als Wrack aus der Linie und „Real Felipe“ sowie „Isabela“ erlitten großen Verlust an Mannschaft, aber auch die englischen Schiffe wurden so schwer in der Takelage beschädigt, daß sie ihren Vorteil nicht ausnutzen konnten. Der Admiral gab einem Brander den Befehl, das spanische Flaggschiff anzuzünden. Dieser ging unter furchtbarem Feuer des Gegners vor, als er jedoch, schon fast sinkend, genötigt war, selber zu schießen, um spanische Boote abzuwehren, geriet er durch das eigene Feuer in Brand und flog auf, ehe er sein Opfer erreicht hatte.
Etwa drei Stunden waren verflossen, seit Mathews den Kampf begonnen hatte, da gabde Courtseiner Vorhut und Mitte den Befehl zu wenden, um den Spaniern Hilfe zu bringen; die englische Vorhut wendete gleichfalls. Zu dieser Zeit waren die fünf letzten Spanier aufgesegelt und griffen in das Gefecht bei ihrem Admiral ein;Lestock, der nun auch näher herangelangt war, bemühte sich infolge zu flauen Windes mit schwerer See vergeblich, dies zu hindern. Jetzt brachMathewsden Kampf ab und gab das Signal, die Kiellinie über Backbordbug zu bilden; er wollte vor allem die Ordnung herstellen, weil er eine Wiederaufnahme des Kampfes durch die langsam herankommenden Franzosen erwartete. Das Manöver erfolgte und führte zu einem Gefecht zwischen den letzten Schiffen der englischen Mitte und den letzten Spaniern, als sie sich auf entgegengesetzten Kursen begegneten.
Die Franzosen, die beim Herankommen den entmasteten „Poder“ wiedergenommen hatten, waren in Unordnung geraten, und die spanischen Schiffe lagen in einem wirren Haufen um ihren Admiral. Infolge des flauen Windes hatten alle Manöver sehr viel Zeit gekostet: das Wenden der Schiffe (viele hatten halsen müssen), das Abbrechen des Kampfes seitens der Engländer („Marlborough“ mußte mit Booten weggeschleppt werden), das Entwirren auf beiden Seiten. So brach die Nacht herein, ehe die Ordnung hergestellt war, und der Kampf war zu Ende.
Die Gegner lagen die Nacht über in Sicht voneinander. Am anderen Morgen stieß das englische Schiff „SSomerset“ auf das spanische „Hercules“; beide waren von ihren Flotten versprengt. Der Engländer griff an, mußte jedoch bald abbrechen, da einige Franzosen herankamen.
DieVerlustewarenauf englischer Seitenicht groß. Zwar waren drei Schiffe stark beschädigt (Mathews mußte am nächsten Tage seine Flagge auf einem anderen setzen), aber der Mannschaftsverlust war unbedeutend. Von den hauptsächlich beteiligten Schiffen hatten die drei der Vorhut etwa 80, die drei der Mitte 200 Tote und Verwundete (davon „Marlborough“ allein 160), darunter zwei Kommandanten.Die Spanierverloren den „Poder“, der zwar zurückerobert war, aber am nächsten Tage wegen Seeuntüchtigkeit verbrannt werden mußte; die am Kampf beteiligten Schiffe hatten sehr gelitten, „Real Felipe“ mußte geschleppt werden. Der Mannschaftsverlust war sehr bedeutend, so hatten z. B. „Isabela“ 300, „Real Felipe“ 500 Tote und Verwundete. Der Kommandant des Flaggschiffes wurde schon bei Beginn des Kampfes schwer verwundet; nach französischen Angaben verließ mit ihm auch der leicht getroffene Admiral das Deck, und nur dem zweiten Kommandanten, einem französischen Seeoffizierde Lage, soll der heldenmütige Widerstand des Schiffes zu danken sein. DerVerlust der Franzosenist nicht bekannt. Er wird unbedeutend gewesen sein; die französischen Quellen bezeichnen nämlich das Feuergefecht, das ihre Schiffe führten, als „ziemlich matt“, und die englischen Schiffe, die mit ihnen fochten, haben ja auch nur geringe Verluste gehabt.
Die Schlacht blieb taktisch unentschieden; beide Flotten behaupteten vorläufig das Feld. Meist wird sie als ein Sieg der Engländer bezeichnet, doch nicht mit Recht. Allerdings gaben die Verbündeten die Fahrt nach Genua auf — falls sie diese überhaupt beabsichtigt haben —, aber sie nahmen am 23. Februar Kurs nach Spanien, wobei die Franzosen zwischen den Spaniern und dem Gegner segelten, und kamen unbelästigt nach Cartagena; die französische Flotte ging dann im April gleichfalls ungestört nach Toulon zurück, auf der Fahrt fielen ihr einige englische Kauffahrer in die Hände. Hieraus sowie aus dem längeren Stilliegen der englischen Flotte in Port Mahon leiten die Franzosen als Erfolg der Schlacht ab, daß sie für einige Zeit die See freigemacht hätten.Mathewswar nämlich am 23. dem Feinde gefolgt, gab dies aber am nächsten Tage auf. Er hatte erfahren, daß in Spanien neue Verstärkungen für das Heer in Italien zusammengezogen seien, und wollte diesen nicht dadurch den Weg freigeben, daß er sich nach Süden abziehen ließ. Hätte er die Verfolgung fortgesetzt, so wären ihm wahrscheinlich einige der in der Takelage beschädigten Schiffe zum Opfer gefallen oder der Feind hätte sich aufs neue zum Kampf stellen müssen, um diese zu decken. So aber zeigte sichMathewsnur noch in der Bucht von Rosas und ging dann nach Port Mahon; hier entsetzte erLestockvom Kommando und sandte ihn nach England.
Die Bedeutung der Schlacht vor Toulon für die Seekriegsgeschichteliegt nicht in ihren kriegerischen Ergebnissen, sondern in dem Einblick, den sie in den Stand der Taktik (vgl. Seite36) und in einige Verhältnisse der Marinen gewährt.In Englandwar man entrüstet über ihren geringen Erfolg, und auf Drängen des Parlaments wurden Mathews, Lestock sowie elf Kommandanten der Vorhut und Mitte inkriegsgerichtliche Untersuchung[53]gezogen. Dem Flottenchef warf man grobe Verstöße gegen die Gefechtsvorschriften vor. Diese verlangten bekanntlich, die Flotte in Kiellinie neben die feindliche Linie zu führen, Spitze neben Spitze, und dann Schiff gegen Schiff zum Angriff abzuhalten, jedes Schiff sollte bis dahin auf seinem Platze in der Linie bleiben.Mathewshatte aber das Beispiel für den Angriff gegeben, ehe Spitze gegen Spitze stand; durch kriegsgerichtlichen Spruch wurde er kassiert. Allerdings hat er gegen den Buchstaben der Vorschrift verstoßen, aber er handelte doch mit Überlegung und würde voraussichtlich großen Erfolg gehabt haben, wenn seine Untergebenen ihm sämtlich gefolgt wären. Der Augenblick zum Angriff war sicher günstig gewählt. Die Schiffe beim spanischen Admiral waren dem Angriff der ganzen englischen Mitte ausgesetzt; gegen das Zurückkommen der Franzosen, das bei dem flauen Winde lange gewährt haben würde, deckte die Vorhut, und die zurückgebliebenen spanischen Schiffe wären zur Unterstützung zu spät gekommen, auch würde ihnen die englische Nachhut entgegengetreten sein, wenn Lestock sofort mit raumem Winde abgehalten hätte. Der Admiral wurde ein Opfer des Streites zwischen den Verteidigern einer freieren Auffassung und denen der schematischen Befolgung der taktischen Vorschriften, bei dem diese die Überhand behielten. Die Verurteilung des AdmiralsMathewstrug aber dazu bei, daß von nun an die englischen Flottenführer sich peinlich an den Wortlaut der Vorschriften hielten, undClerk(vgl. Quellenverzeichnis) sagt in seinem berühmten Werke über Taktik mit Recht: „Dieses kriegsgerichtliche Urteil muß als die eigentliche Quelle der späteren Mißerfolge zur See angesehen werden.“ Die erste Schlacht im nächsten Kriege (bei Minorka 1756) wird ein schlagendes Beispiel hierfür geben. — Der AdmiralLestockund die 11 Schiffskommandanten wurden der Nichtbefolgung der Befehle oder der mangelhaften Beteiligung am Kampfe angeklagt.Lestockführte an, daß die beiden Signale: „Kiellinie bilden (bzw. halten)“ und „Angreifen“ gleichzeitig geweht hätten. Er habe mithin den zweiten Befehl nicht ausführen können, ohne gegen den ersten zu verstoßen, auch sei ja die Flotte noch nicht in der für den Angriff vorgeschriebenen Stellung gewesen. Auf diese künstliche Verteidigung hin wurde er freigesprochen.
Die englischen Quellen urteilen schroff überLestock. So schreibt Clowes, Lestock habe sich wohl gesagt: „LaßMathewstun, was er will; wenn es auch zum Schaden ausschlägt, halte ich mich an die Vorschrift und bin so sicher.“
Von denangeklagten Kapitänenstarb einer, ein anderer wurde fahnenflüchtig, zwei (die von „Somerset“ und „Princesa“) wurden freigesprochen; sieben aber wurden entlassen oder im Dienstalter zurückgesetzt. Von den Entlassenen stellte der König drei sofort wieder an; es waren dies die Kommandanten der 3 Spitzenschiffe, die nicht angegriffen hatten, um die französische Vorhut am Dublieren zu hindern. Das schwächliche Verhalten der übrigen Angeschuldigten hat wohl tatsächlich seinen Grund darin gehabt, daß sie bei der Wahl zwischen dem Befolgen des Beispiels ihres Admirals und dem Festhalten an der Norm nicht zum Entschluß kommen konnten; jedenfalls zeigt ihr Benehmen Mangel an Verständnis für die Absichten ihres Führers und läßt zu dieser Zeit den alten Schneid im englischen Offizierkorps vermissen.
Hieraus sindwichtige Lehrenzu ziehen.Mahan sagt(Band I, Seite256ff., hier gekürzt): „Die Untüchtigkeit der englischen Kommandanten, die sich hier, aber auch bei anderen Gelegenheiten zeigte, erklärte zum Teil, daß England aus seiner Überlegenheit zur See in diesem Kriege nicht den vollen Nutzen zog. Man kann nun nicht annehmen, daß so viele englische Seeleute aus Feigheit — einer so niedern und seltenen Untugend — versagt haben; vielmehr trug Mangel an geistiger Vorbereitung und an militärischer Leistungsfähigkeit die Schuld daran. Dies gibt allen Offizieren die Lehre, wie notwendig es ist, im Frieden den Geist durch das Überdenken der Lagen, in die sie im Kriege kommen können, vorzubereiten und zu festigen, damit die Stunde des Kampfes sie nicht unvorbereitet findet und vielleicht in Unehre bringt.“
Wir müssen wohl noch hinzufügen, daß die Offiziere auch im Frieden durch möglichst kriegsmäßige Gefechtsmanöver hierin zu unterstützen sind. Die englischen Kommandanten in der Schlacht vor Toulon verstanden die Absicht ihres Chefs nicht; Manöver im Frieden müssen anstreben, ein gegenseitiges Verstehen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen herbeizuführen, die Entschlußfähigkeit zu fördern, sowie endlich und nicht am wenigsten dahin zu wirken, daß die formale Taktik nicht verknöchert, sondern als eine angewandte im Geiste aller selbständigen Führer lebt.
Mahan führt weiter an: „Auch hat vielleicht das teilweise vorhandene Übelwollen der Kommandanten gegen ihren schroffen Vorgesetzten mitgewirkt. Es ist wohl am Platze, auf den Einfluß einer gewissen Herzlichkeit und des Wohlwollens seitens der Vorgesetzten gegen ihre Untergebenen hinzuweisen. Sie gehören vielleicht nicht notwendig zum militärischen Erfolge, aber sie geben dem zu diesem nötigen Elemente einen belebenden Hauch, der möglich macht, was sonst unmöglich wäre. Sie erzeugen einen Grad von Hingebung und Heldentum, den die schärfste, aber nicht so veredelte Manneszucht niemals erreicht. Zweifellos ist dies natürliche Anlage beim Vorgesetzten; wohl das leuchtendste Beispiel dieser Art unter den Seeleuten war Nelson.“
Auch für die anderen Marinen bieten die Ereignisse der Schlacht Bemerkenswertes. InFrankreichund inSpanienerregte ihr Verlauf gleichfalls Entrüstung. Spanien beschwerte sich über ungenügende Unterstützung seiner Schiffe durch die Franzosen. Der Admiralde Courtwandte dagegen ein, die Unordnung im spanischen Geschwader habe den Angriff der Engländer überhaupt nur hervorgerufen, er habe dann Navarro vor der Vernichtung bewahrt. Trotzdem wurde de Court vom Kommando abgelöst und nicht mehr verwendet, wenn er auch noch 1750 den Titel des Viceadmirals du Ponanterhielt. Gegenüber dem Schicksal Mathews und de Courts wirkt der Umstand fast erheiternd, daß der spanische AdmiralNavarro„wegen seines Sieges“ zum Vizeadmiral befördert wurde.
Die völlige Untätigkeit der französischen Schiffe, die nicht selber angegriffen wurden, bleibt allerdings auffällig. Keine Quelle spricht sich über den Grund hierfür aus, nurLacourdeutet an, daß die Kommandanten vielleicht unter dem Einfluß des Befehls für den Admiral gestanden hätten: nur zu fechten, wenn er angegriffen werde. Dies wäre seltsam, denn ihr Admiral war ja im Kampfe. Erwarteten sie nun trotzdem ausdrücklichen Befehl zum Eingreifen; wagten sie ohne solchen nicht, die Linie zu verlassen; hielten sie den Versuch, an den zu Luward stehenden Feind heranzukommen, bei dem flauen Winde für aussichtslos? Einige Quellen (Mahan; Chevalier I, vgl. Quellenverzeichnis) sagen, de Court habe schon, ehe er später mit der ganzen Flotte wendete, der Vorhut Befehl zum Wenden gegeben, um den Gegner zu dublieren. Wenn dies richtig ist, warum befolgteGabaret, der Führer der Vorhut, den Befehl nicht? Hielt auch er es bei den Windverhältnissen für unausführbar oder sah er sich tatsächlich durch das Verhalten der englischen Spitzenschiffe daran gehindert?
Vielleicht sprach ein anderer wichtiger Umstand bei dem Verhalten der französischen Schiffe mit. Wir erwähnten schon, daß während der langen Friedenszeit die Beförderung in der französischen Marine vollständig stockte. Nun gibt Lacour (Seite 464 ff.) Personalangaben über die Offiziere der in den Kriegen Ludwigs XV. verwendeten Schiffe. Danach war bei Toulon der Admiral de Court 78 Jahre alt, Admiral Gabaret hatte eine Dienstzeit von 56 Jahren, die eine Hälfte der Kommandanten eine solche von 52, die andere von 40–45 Jahren; es kommen mithin, wenn man den Diensteintritt mit 15 Jahren annimmt, Lebensalter von 70–67 und 55–60 heraus, und wir wissen, daß die Offiziere seit langen Jahren wenig zur See gefahren hatten. Da konnte man hervorragende Unternehmungslust von den französischen Kommandanten allerdings wohl kaum erwarten. Der englische Admiral Rowley war 54 Jahre alt; die Kommandanten, die sich besonders auszeichneten, der des „Berwick“ zählte 39, der des „Norfolk“ 30 Jahre.
Erst nach der Schlacht vor Toulon erklärte Frankreich am 15. März 1744 den Krieg, England antwortete am 29. Es forderte jetzt von Holland die vertragsmäßige Hilfe, die jedoch nur schwach ausfiel[54].
Das Jahr 1744brachte weder im Atlantik noch im Mittelmeer Ereignisse von Bedeutung, obgleich größere Flotten beider Gegner tätig waren. Von England gingen im Frühjahr Verstärkungen nach Ostindien (KommodoreBarnet), sowie nach Westindien (VizeadmiralDavers) ab. Ferner segelten im April ein Konvoi Kauffahrer und mehrere Transporter mit Vorräten für die Mittelmeerflotte und die österreichisch-sardinische Armee unter dem Schutz des VizeadmiralsHardymit 11 Linienschiffen nachLissabon; Hardy führte seine Schutzbefohlenen nach Lissabon, von wo sie unter schwächeren Bedeckungen gruppenweise ihre verschiedenen Wege einschlagen sollten, und kehrte im Mai nach England zurück; aber bald nachdem er Lissabon verlassen hatte, wurden die Kauffahrer und Transporter dort von einem französischen Brestgeschwader, 14 Linienschiffen unter dem Chef d'EscadreRochambeau, blockiert.
Im Kanalstanden die englischen Seestreitkräfte, die den Handel in und vor diesem Meere schützen sollten, unter dem AdmiralSir John Balchen. Als Anfang August das holländische Hilfsgeschwader zu diesem stieß, unternahm er mit 14 englischen und 8 holländischen Linienschiffen eine Kreuztour vor dem Kanal, auf der am 23. August 6 reichbeladene französische Westindienfahrer gefangen wurden. Anfang September erhielt Balchen Kenntnis von der Blockade Lissabons, ging dorthin und führte die Transporter nachGibraltar; Rochambeau hatte beim Nahen der Engländer die Blockade aufgegeben und war in Cadiz eingelaufen; Balchen segelte, ohne auf den Feind zu stoßen, nach England zurück.
Auf dieser Rückfahrt zerstreute ein schwerer Sturm am 13. Oktober 1744 die Flotte, unddas Flaggschiff „Victory“ ging mit der ganzen Mannschaft verloren. Es galt als das stolzeste und beste Kriegsschiff jener Zeit, führte 110 Kanonen und gegen 1000 Mann, darunter 50 Volontäre aus guten Familien. Der Unfall wurde vielfach auf Konstruktionsfehler zurückgeführt und als ein Beispiel für die Unhandlichkeit und Unsicherheit der großen Dreidecker angesehen. Wahrscheinlich aber ist das Schiff auf Klippen in der Nähe von Alderney gescheitert; man hat auf der Insel Notschüsse gehört.
Im Mittelmeerhatte die englische Flotte ihre durch die Schlacht vor Toulon erlittenen Beschädigungen in Mahon ausgebessert und dann die Beobachtung der französischen Flotte in Toulon, die der spanischen in Cartagena, die Unterbindung der Zufuhren nach Italien und vor allem auch den Schutz des englischen Handels wieder aufgenommen;Mathewswurde im September nach England zurückgerufen, undRowleyübernahm das Kommando. In Spanien erwartete man um diese Zeit die Rückkehr der Silberflotte. Um deren Eintreffen zu sichern, lief Ende September ein französisches Geschwader von 16 Linienschiffen unter dem Chef d'EscadreGabaretvon Toulon aus; es sollte sich mit der spanischen Flotte oder mitRochambeauvereinigen. Rowley erhielt erst nach 14 Tagen hiervon Nachricht; er ging mit einem Teil seiner Flotte zur spanischen Küste und bis Gibraltar, fand hier die erwähnten Transporter, stieß aber nicht auf den Feind. Scheinbar ist Rochambeau von Cadiz aus dem Toulongeschwader entgegengegangen, infolge eines schweren Sturmes aber segelten beide nach ihren Ausgangshäfen zurück, ehe sie sich getroffen hatten. Vom Toulongeschwader wurde eine Division (Chevalierde Caylus) nach Westindien abgezweigt.
Die Angaben über 1744 und 1745 sind in den englischen wie in den französischen Quellen ungenau und lückenhaft. So führen die englischen Quellen und auch Troude den Admiral Gabaret als Chef des erwähnten Geschwaders an, während er nach Lacour bereits am 21. Juni 1744 gestorben ist, kurz nachdem er für de Court das Kommando in Toulon übernommen hatte. Lacour sagt, der Minister Maurepas sei im Mai in Toulon gewesen, um verschiedene Mängel abzustellen. Nach Gabarets Tode habe er dann keinen neuen Oberbefehlshaber für das Mittelmeer ernannt, sondern die Flotte hier in fünf selbständige Divisionen zu je 4–5 Linienschiffen geteilt; diese Maßregel habe sich durch erfolgreiche kleine Unternehmungen, Handelsschutz, Verbindung mit Italien u. dgl., in den nächsten Jahren bewährt. Wenn dies richtig ist, so hat die Streitkraft an der spanischen Küste 1744 vielleicht aus einigen dieser Divisionen bestanden; es werden nämlich auch Entsendungen nach Cadiz und Gibraltar erwähnt, sowie daß eine der Divisionen von de Caylus geführt sei, von dessen Abfahrt nach Westindien vorhin berichtet wurde.
Im Jahre 1745fiel der englischen Flotteim Mittelmeerauch noch die Beobachtung des französischen Geschwaders in Cadiz zu; sie wurde deshalb in drei Hauptgeschwader zur Bewachung von Cadiz, Cartagena und der Küste Italiens geteilt. Außerdem mußte sie eine größere Division (VizeadmiralTownsend) für Westindien abgeben. Diese Umstände erklären wohl, daß den Franzosen, wie ihre Quellen sagen, in diesem Jahre verschiedene kleinere Expeditionen nach der Küste Italiens geglückt sind. Ihr Landheer drang in Norditalien siegreich vor, auch neapolitanische Truppen waren wieder im Felde. Ferner tratGenuaauf Frankreichs Seite; eine Division der englischen Flotte beschoß deshalb einige Küstenplätze dieser Republik und unterstützte die gegen sie aufgestandenen Corsicaner bei der Eroberung von Bastia.
VomKanal und Atlantikberichten die Quellen für das Jahr 1745 außer Zusammenstößen zwischen einzelnen Schiffen oder ganz kleinen Divisionen[55]wenig. Erwähnenswert ist, daß es den Franzosen auch von Brest aus glückte, zweimal Verstärkungen an Kriegsschiffen nach Westindien zu senden, deren eine einen großen Konvoi von Kauffahrern und Transportern deckte; dagegen war es nicht gelungen, rechtzeitig eine Unterstützung nach Nordamerika auslaufen zu lassen, um die bedrohte Festung Louisbourg zu retten. Ferner fällt in dieses Jahrdie Erhebung Schottlands. Ihr Verlauf ist auf Seite 53 geschildert, hier sei das seemännisch Bemerkenswerte hinzugefügt.
Prinz Karl Eduard In Schottland 1745.Der Prinz schiffte sich Mitte Juni in St. Nazaire auf einem kleinen Fahrzeuge („Dentelle“, 18 Kanonen), mit nur wenigen Begleitern, mit Waffen für 2000 Mann und etwa 2000 Lstrl. an Geldmitteln, ein. Ein für Freibeuterzwecke ausgerüstetes Schiff der Königlichen Marine („Elisabeth“, 64 Kanonen) sollte zum Schutz dienen und schlug auch auf der Höhe von Brest den Angriff des englischen Kreuzers „Lion“ von 50 Kanonen ab; ohne weitere Belästigung erreichte dann der Prinz im Juli Schottland. Seine anfänglichen Erfolge sind bekannt, doch[85]erhielt er von Frankreich zu geringe Unterstützung. Die meisten der kleineren Fahrzeuge (Freibeuterschiffe), mit denen seine Anhänger in Frankreich ihm Freiwillige sowie Hilfsmittel senden wollten, wurden von den englischen Geschwadern weggefangen, die im Kanal und an der schottischen Küste kreuzten; das Gros der Kanalflotte unterAdmiral Vernonbeobachtete von den Downs aus Dünkirchen und Calais auf eine ernstere Bedrohung durch Frankreich. Es gereicht aber der englischen Marine nicht gerade zum Ruhme, daß es im Dezember 1745 einer Flottille von 7 Fahrzeugen gelang, bei Montrose 700 Mann zu landen und einen Angriff englischer Schiffe abzuweisen; auch im Mai 1746 schlugen zwei Freibeuter kleine englische Kriegsschiffe aus dem Felde und brachten einige schottische Rebellenführer nach Frankreich. Im Herbst desselben Jahres holte ein französischer Freibeuter den Prinzen von den Hebriden nach der Bretagne zurück; dies war der dritte Versuch, den Prinzen zu retten.
Die französischen Marineschriftsteller vertreten die Ansicht, daß für Frankreich nie, weder zur Zeit Ludwigs XIV. noch später während der Republik und des Kaiserreichs, eine sogünstige Gelegenheit zu einem Einfall in Englandsich geboten habe, wie bei dieser Erhebung Schottlands; auch englische Autoren bezeichnen die damalige Lage als gefährlich. England war von Truppen entblößt und in Belgien geschlagen; die englischen Seestreitkräfte scheinen anfangs schwach und zerstreut gewesen zu sein. (Der OberbefehlshaberVernon, allerdings durch seine Opposition bekannt, sprach der Admiralität gegenüber spöttisch von „zwei Flaggoffizieren in den Downs mit noch einem 40-Kanonenschiff, um damit die Schlachtlinie zu bilden“.) Auch in Frankreich erhoben sich gewichtige Stimmen für die Benutzung der günstigen Gelegenheit und für die Ausführung des Planes von 1744. Vorbereitungen wenigstens wurden getroffen. Lacour berichtet hierüber (A. a. O. Seite 158 ff; hier im Auszuge):
„Dem Prinzen Karl Eduard war von einflußreichen Personen gesagt, wenn er in Schottland gelandet sei, so könne der König nicht umhin, ihn zu unterstützen. Der Marschall de Noailles erklärte dem Könige, wenn er in London wirklich die Messe lesen lassen wolle, so müsse er jetzt 30000 Mann hinübersenden. — Gegen 30000 Mann waren unter demHerzog von Richelieubei Calais versammelt und man traf Vorbereitungen zur Überführung, ja es scheint einige Male schon mit der Einschiffung begonnen zu sein;Voltairehatte einen Aufruf an das englische Volk entworfen. — Während 72 Stunden, vom 31. Dezember 1745 bis zum 3. Januar 1746, wehte SSO-Wind, den Weg freimachend von der englischen Flotte und der Überfahrt günstig; Vernon schrieb in jener Zeit an den Kommandanten von Deal, er würde nicht imstande sein, unter diesen Umständen die Überfahrt der Franzosen zu hindern. Jetzt hatte aber weder der König, noch die Minister, noch Richelieu mehr Interesse für den Plan, und im Februar erklärte Moritz von Sachsen, daß Richelieu ihm von unüberwindlichen Hindernissen berichtet und ihm die für das Unternehmen bestimmten Truppen zurückgesandt habe.“
Lacour schließt mit der Bemerkung, man höre in den Aufzeichnungen jener Zeit das Echo der allgemeinen Entrüstung in Frankreich über das Aufgebendes Planes. Nun, so ganz leicht wäre die Ausführung doch wohl nicht gewesen und im Winter 1745/46 war es sicher schon zu spät. Um diese Zeit hatte man in England die Verteidigung planmäßig geordnet; die Hauptflotte lag in den Downs und je ein Geschwader in Plymouth, in der Themsemündung sowie vor der schottischen Küste, abgezweigte Divisionen und einzelne Kreuzer schwärmten auf See.
Im Jahre 1746stand der Krieg in Flandern für England schlecht; die Franzosen hatten sich Belgiens bemächtigt und bedrohten Holland; dabei hatte man von diesem Kriegsschauplatze Truppen gegen die Schotten abberufen müssen. Man beabsichtigte deshalb, durch einenVorstoß gegen die französische Küste(gegen Lorient) französische Truppen aus Flandern wegzuziehen und so gleichzeitig der öffentlichen Meinung Rechnung zu tragen. Schon früher waren Vorbereitungen getroffen, den Kolonisten in Amerika eine ansehnliche Hilfstruppe zu einem Angriff auf Quebec zu senden. Frankreich erhielt hiervon Kenntnis und traf die gleiche Maßregel, sandte zur Wiedereroberung Louisbourgs von Brest Ende Juni 11 Linienschiffe unter demDuc d'Anvillenebst einem Truppentransport ab, während die englische Expedition unterblieb. Um die dadurch in England hervorgerufene Entrüstung zu besänftigen, erklärte die Regierung, daß die für die Kolonie gesammelten Kräfte jetzt gegen Frankreich selber verwendet werden würden.
Nach einigen englischen Quellen ist es bis jetzt nicht aufgeklärt, weshalb die Unterstützung für Amerika nicht entsendet wurde; andere führen an, die Expedition sei zunächst durch „gewisse Umstände“ verzögert und später wegen zu weit vorgeschrittener Jahreszeit aufgegeben. Es ist möglich, daß man zu Anfang des Jahres 1746, ehe der schottische Aufstand niedergeschlagen war, Schiffe und Truppen der Heimat nicht zu entziehen wagte, aber im April war Karl Eduards Sache durch die Niederlage bei Culloden bereits völlig verloren und Frankreich hatte den Einfall in England schon früher aufgegeben. Da ist es verwunderlich, daß die Expedition nicht abging, ja daß man nicht einmal versuchte, die französische Unternehmung zu verhindern, die doch ein Gegenstoß gegen die beabsichtigte eigene sein sollte. Aber es wurde nichts Ernstliches gegen das Sammeln der feindlichen Kriegsschiffe und Transporter getan, die in verschiedenen Häfen ausgerüstet werden mußten. Nur durch ein Blockieren von St. Malo ist ihr Zusammentritt um einige Wochen verzögert, gegen das Auslaufen der großen Flotte im Juni wurde nicht vorgegangen. Daß England hierzu nicht imstande gewesen wäre, kann man bei der Überlegenheit seiner Marine kaum annehmen. Colomb („naval warfare“) erblickt hierin wohl mit Recht einen strategischen Fehler. Mit dem Vorstoß gegen Lorient wollte man nun diesen einigermaßen wieder gut machen.
Aber wäre der Angriff auch wirklich mit Erfolg gekrönt worden, so würde es doch nur ein Ausgleich gegen etwa von den Franzosen in Amerika errungene Vorteile gewesen sein, nur ein geringer Gewinn für die überlegene Seemacht. Man wählte Lorient als geeignetsten Angriffspunkt, da die Stadt einerseits nurschwach befestigt war und anderseits als Hauptstapelplatz der französisch-ostindischen Kompagnie reiche Beute versprach; man hoffte ferner, daß man von hier aus in der Bretagne den protestantischen Teil der Bevölkerung (besonders in La Rochelle) zum Aufstand bringen und dann, von der See her stets unterstützt, weiter in die Provinz eindringen könne. Nicht genügend vorbereitet und mangelhaft durchgeführt, schlug das Unternehmen völlig fehl.
Der englische Angriff auf Lorient 1746.In Portsmouth wurden auf 40 Fahrzeugen 7000–8000 Mann unter GeneralleutnantSt. Claireingeschifft;Admiral Lestockdeckte den Transport mit einem Teil der Kanalflotte, sandte einige Schiffe zur Erkundung der Küste voraus und folgte Mitte August mit dem Transport; er erreichte aber widriger Winde halber erst Ende September die Insel de Groix. Nach französischen Angaben hätte er leicht in die Bucht von Lorient einlaufen können, da die Orte Port Louis und Lorient kaum befestigt und nur von wenigen Kompagnien Küstenwache (Miliz) besetzt waren. Seestreitkräfte waren gar nicht zur Stelle, in Brest scheint man weder das Passieren der Erkundungsdivision, noch das der 50 Segel starken Flotte bemerkt zu haben; die englischen Führer scheinen aber auch hiervon weder durch ihre Behörden daheim noch durch Erkundung Kenntnis gehabt zu haben. Man versuchte gar kein gewaltsames Eindringen, sondern landete am 1. Oktober etwa 15 Kilometer westlich von Lorient an der Mündung des Quimperlé. Der Kommandant der bedrohten Stadt bot in Eile alle erreichbaren, wenn auch kaum regelrecht bewaffneten Milizen auf und verstärkte die Befestigungen, war aber doch zur Übergabe geneigt, wenn der Gegner vom Beutemachen absehen wollte. Die Engländer gingen hierauf nicht ein, sondern rückten auf Lorient vor; sie kamen jedoch wegen ungünstigen Geländes nur langsam vorwärts, und der Angriff stockte vor der Stadt, weil jegliches Belagerungsmaterial fehlte. Am 7. Oktober gaben sie die Berennung auf und schifften die Truppen wieder ein; wie französische Angaben sagen, zum Erstaunen des Kommandanten, der gerade beschlossen habe, die Stadt auf jede Bedingung hin zu übergeben. Als Beispiel der mangelhaften Ausrüstung der englischen Expedition sei erwähnt, daß der General auf seine Bitte um eine Karte der Bretagne durch Eilboten eine solche der Gascogne erhielt.
Darauf landeten die Engländer beiQuiberon, gaben aber auch hier nach wenigen Tagen die Operationen auf, nur die InselnHouatundHoedikwurden gebrandschatzt und ihre Befestigungen zerstört. Am 23. Oktober ging die Flotte nach England zurück.
Ruhm gewannen die Engländer bei diesem Unternehmen nicht.Moritz von Sachsenerhielt allerdings Befehl, Truppen nach der Bretagne zu werfen, doch inzwischen hatte er durch seinen Sieg beiRocouxneue große Erfolge errungen und fühlte die Schwächung nicht. Bemerkenswert ist die berechtigte Klage französischer Quellen über die traurige maritime Verfassung Frankreichs, infolge deren eine so wichtige Küstenstadt fast widerstandslos gelassen war, und die nicht einmal starke feindliche Flotte wochenlang unter der Küste bleiben und mehrfach landen konnte, ohne von Brest oder Rochefort aus bedroht zu werden.
Im Mittelmeerbeherrschten 1746 die englischen Seestreitkräfte, insgesamt etwa 30 Linienschiffe, die See und unterstützten das österreichisch-sardinische Heer bei der Einnahme von Genua und dem Vordringen in die Provence. Eine Flottille leichterer Fahrzeuge deckte im Dezember den Übergang über den GrenzflußVar, die gegen 20 Linienschiffe starke Flottezwang dieLerinischen Inselnzur Übergabe und beschoß die StadtAntibes, die vom Heere berannt wurde. Die Franzosen setzten schleunigst die sehr vernachlässigte und nur schwach besetzte Stadt Toulon in notdürftigen Verteidigungszustand.
Im Jahre 1747kam das Vordringen des verbündeten Heeres allerdings bald zum Stehen, da sichGenuain ihrem Rücken wieder empörte. DerMarschall Belle-Isleentsetzte dann am 3. Februar Antibes und trieb die Gegner über den Var zurück. Auch gelang es, trotz der englischen Flotte die Lerinischen Inseln im Mai wiederzunehmen, sowie einige Male über Corsica auf kleinen Fahrzeugen nach Genua Unterstützung zu bringen. Im allgemeinen blieben jedoch die Engländer bis zum Ende des Krieges (1748) Herren der See im Mittelmeer und hielten die spanischen und französischen Kriegsschiffe in ihren Häfen fest. Zur Unterbindung des Verkehrs zwischen Frankreich und Italien rüsteten sie eine große Anzahl kleinerer Fahrzeuge aus, die dicht unter der Küste kreuzten. Die Marinen ihrer Gegner unternahmen im Mittelmeer nichts. Französische Quellen sagen: „1748war die Erschöpfung an Schiffen, Ausrüstungsgegenständen jeder Art, sowie an Personal in Toulon vollständig.“
Die beiden Seeschlachten bei Kap Finisterre 1747[56]. Auch in den atlantischen Gewässern wurde die französische Flotte in diesem Jahre völlig lahmgelegt. Die englische Admiralität scheint von nun an über die Absichten und Bewegungen des Feindes besser unterrichtet zu sein als bisher und war auch imstande, ihm kräftig entgegenzutreten. Zunächst hatten die Franzosen zwei Geschwader ausgerüstet, von denen das eine, 3 Linienschiffe, 2 Fregatten, unter dem Chef d'Escadrede la Jonquièreetwa 30 Transporter von Brest nach Kanada begleiten, das andere, 3 Linienschiffe und einige größere Schiffe der ostindischen Kompagnie unterGrout de St. George, einem Offizier genannter Kompagnie, mit einigen Kauffahrern von Lorient nach Ostindien segeln sollte.
Beide Geschwader gingen im März 1747 in See, wurden jedoch durch Sturm genötigt, auf der Rhede von l'Ile d'Aix, zwischen der Mündung der Charente und der Insel Oléron, einem beliebten Anker- und Sammelplatz für größere Verbände, zu ankern. Sie beschlossen, der größeren Sicherheit halber, von hier aus vorläufig gemeinsam weiter zu segeln und liefen am 10 Mai aus. Ein Linienschiff unter KapitänBouvet de Lozierund 4 Ostindienfahrer des zweiten Geschwaders, die im Sturm abgekommen waren, hatten die Reise fortgesetzt und erreichten Indien. Von England waren Mitte April VizeadmiralGeorge Ansonund KontreadmiralPeter Warrenmit 17 Schiffen in See gegangen; sie kreuzten auf der Höhe von Kap Finisterre und stießen am 14. Mai etwa 75 Seemeilen nordwestlich des Kaps auf die Gegner. Auffallenderweise haben die sonst bisher stets so gut unterrichtetenFranzosen keine Kenntnis von der Anwesenheit Ansons in den spanischen Gewässern gehabt und in dem nun folgenden, höchst ungleichen Kampfe wurden sie vernichtend geschlagen.
Die erste Schlacht bei Kap Finisterre, 14. Mai 1747.Als die Gegner einander sichteten, standen die Engländer bei nördlichem Winde östlich von den Franzosen.De la Jonquièreließ durch eine Fregatte die Stärke des Feindes feststellen und befahl dann den Kriegsschiffen sowie den armierten Schiffen der Kompagnie, die Schlachtlinie zu bilden, der Konvoi sollte unter Deckung der einen Fregatte, eines kleineren Kriegsschiffes und eines Kompagnieschiffes mit raumem Winde das Weite suchen. Seine Linie bestand aus einem Schiffe zu 74 Kanonen (dem Flaggschiff Grouts), 1 zu 64 (das eigene Flaggschiff), 1 zu 52, 2 zu 50, 1 zu 40 und 5 Kompagnieschiffen zu 18–30 Kanonen.
AuchAnsonhatte die Schlachtlinie angeordnet, sobald er aber die Schwäche des Feindes erkannte, befahl er „allgemeine Jagd“; seine Flotte — 1 Schiff zu 90, 1 zu 74, 9 zu 60–66, 3 zu 56, 1 zu 40 Kanonen sowie einige kleinere — ging nun ohne besondere Ordnung so schnell wie möglich an den Feind. Dieser blieb nicht lange in Ordnung; 2 Kompagnieschiffe brachen sofort aus, 2 andere sowie auch ein 50-Kanonenschiff strichen schon nach kurzem Kampfe die Flagge. So wurde es den Engländern leicht, die feindliche Linie an verschiedenen Stellen zu durchbrechen und den Rest der Franzosen von beiden Seiten anzugreifen.De la Jonquièregab nun den Befehl zum Rückzug mit raumem Winde; es folgte ein laufendes Gefecht in der Melée, in dem nach bewundernswerter Gegenwehr innerhalb von drei Stunden sämtliche französische Schiffe der Übermacht erlagen. Um 7 Uhr abends drehteAnsonbei, ließ aber bis zur völligen Dunkelheit durch drei Schiffe den Konvoi verfolgen, wobei noch die beiden ausgebrochenen Kompagnieschiffe, das kleine Kriegsschiff und 6 Fahrzeuge des Konvois genommen wurden.
Der Verlustder Franzosen betrug also 5 Linienschiffe, 1 Fregatte, 1 Kriegsfahrzeug und 5 große Kompagnieschiffe. Von der tapferen Gegenwehr zeugten die großen Beschädigungen der Schiffe und der Verlust von 800 Toten und Verwundeten, unter den letzteren der Admiral und sein Flaggkapitän. Auch die Engländer büßten 520 Mann ein, aber die auf den feindlichen Schiffen gemachte Beute hatte einen Wert von 300 000 Lstrl.
Die zweite Schlacht erfolgte im Herbst. Am 6. Oktober 1747 verließen 250 nach Westindien bestimmte Kauffahrer die Rhede von l'Ile d'Aix; sie wurden gedeckt durch ein Brestgeschwader von 8 Linienschiffen, 1 Fregatte unter dem Chef d'Escadrede l'Etanduère[57]. Von England war am 20. August eine Flotte, 14 Linienschiffe und einige Fregatten, unter KontreadmiralEdward Hawke[58]zum Abfangen des Konvois ausgesandtund sichtete ihn in der Biscaya am 25. Oktober — etwa 270 Seemeilen nördlich vom Kap Finisterre auf 47° 49′ Nordbreite. Der französische Admiral nahm den Kampf gegen den weit überlegenen Gegner auf, opferte seine Kriegsschiffe und rettete dadurch den Konvoi.
Die zweite Schlacht bei Kap Finisterre, 25. Oktober 1747.De l'Etanduèrewußte um die Anwesenheit der englischen Flotte in der Nähe von Kap Finisterre. Er steuerte deshalb nach Verlassen der französischen Küste zunächst nordöstlich, um das Kap auf weitere Entfernung als sonst üblich zu umsegeln, wurde jedoch von zwei versprengten oder abgezweigten englischen Schiffen gesehen; diese riefenHawkeherbei. Als sich die Gegner am 25. Oktober in der Frühe sichteten, segelte der Konvoi mit raumem westlichen Winde zwischen zwei deckenden Kolonnen, von denen die eine in Lee aus den 8 Linienschiffen, die andere zu Luward aus einem 64-Kanonenschiff der westindischen Kompagnie, der Fregatte und 6 gut segelnden Kauffahrern bestand; diese Kolonnen sollten also wohl nur die große Zahl der Fahrzeuge zusammenhalten. Der Admiral gab dem Konvoi und der Luvkolonne den Befehl, sich in Lee der Linienschiffskolonnen zu begeben und dann nach NO hin auszuweichen; mit den Linienschiffen bildete er die Schlachtlinie über Steuerbordbug.
Bei der großen Zahl der Kauffahrer erforderte dies Manöver längere Zeit; die Linienschiffe mußten ihre Entfernungen voneinander erweitern, um die Kauffahrer durchzulassen, und dann wieder schließen. So fanden die Engländer Zeit, heranzukommen.Hawkehatte zuerst allgemeine Jagd befohlen, bildete dann aber vorsichtshalber die Schlachtlinie, da man viele große Schiffe sah; als er näher herankam und die geringe Zahl der Kriegsschiffe erkannte, gab er wieder den Befehl zur allgemeinen Jagd. Die Franzosen nahmen den Angriff unter Marssegeln auf, ihre vordersten Schiffe braßten sogar back, um den hintern das Aufschließen zu erleichtern. Die englische Flotte kam von hinten auf, ihre Schiffe verteilten sich nach eigenem Gutdünken auf beide Seiten der wohlgeordneten französischen Linie, bis diese in ihrer ganzen Länge zwischen zwei Feuer genommen war. In der Linie lagen 1 Schiff zu 80 Kanonen (das Flaggschiff), 4 zu 74, 2 zu 64 und 1 zu 50, während die englische Flotte 1 Schiff zu 74, 1 zu 70, 10 zu 60–66 und 2 zu 50 Kanonen zählte. Gegen diese Übermacht fochten die Franzosen mit einer Ausdauer, die auch beim Gegner höchste Anerkennung fand. — Gegen Mittag hatten die vordersten englischen Schiffe das Feuer auf die feindlichen Schlußschiffe eröffnet, erst um 4 Uhr nachmittags strich das erste französische Schiff die Flagge, und es war 7 Uhr abends, als 6 Schiffe, zerschossen und entmastet, genommen waren; dem Flaggschiff und dem Vierundsiebziger gelang es sogar, sich aus dem Gefecht zu ziehen und unbelästigt Brest zu erreichen, wobei das Flaggschiff zeitweise von seinem Kameraden in Schlepp genommen wurde.
Der Verlustan Mannschaften betrug auf französischer Seite 800, auf englischer 712 Mann. Nach französischen Angaben haben die Franzosen 1842 Schuß, die Engländer gegen 4000 abgegeben. Diese sollen viel Kartätschen und Kettenkugeln (besonders wirksam gegen die Takelage), verfeuert haben, Geschoßarten, von denen die Franzosen nur wenig an Bord hatten. Die englischen Schiffe hatten gleichfalls so gelitten, daß sie nicht daran denken konnten, den Konvoi zu verfolgen.Admiral Hawkesandte jedoch sofort einen Schnellsegler nach Westindien, um dort den Stationschef von der bevorstehenden Ankunft des Konvois zu benachrichtigen, und so wurden immerhin durch Kriegsschiffe noch 20 Kauffahrer (im Wert von 100 000 Lstrl.) und von Freibeutern weitere zehn aufgebracht.
In den eben geschilderten Schlachten Ansons und Hawkessiegten die Engländer durch ihre Überlegenheit an Zahl, und die Führer handelten richtig, wenn sie allgemeine Jagd anordneten.Mahansagt hierzu: „Wenn sich der Feind infolge einer Schlacht oder erheblicher Unterlegenheit zur Flucht genötigt sieht, so soll man die Rücksicht auf eigene Ordnung bis zu einem gewissen Grade außer acht lassen; der hierin vom AdmiralTourvillenach der Schlacht bei Beachy Head 1690 gemachte Fehler ist dort erwähnt“ (auch von uns, vgl. Band I, Seite439). „Es kommt dann darauf an, den Gegner zu überholen oder festzuhalten, und dies kann mit Sicherheit nur erreicht werden, wenn man die schnellsten oder die zur Verfolgung in günstigster Lage befindlichen eigenen Schiffe ihren Vorteil ausnutzen läßt; diese werden die langsamsten Schiffe des Gegners einholen, die dann verloren sind oder die Gesamtstreitmacht nötigen, sich zu stellen.“
Auch die französischen Admirale verfuhren in beiden Schlachten richtig, wenn sie sich mit den Kampfschiffen zwischen ihre Schutzbefohlenen und den Feind legten.Jonquièreerreichte seinen Zweck nicht ganz, weil er von verschiedenen Schiffen im Stich gelassen wurde; der glänzenden Verteidigungl'Etanduèresaber war die Rettung des wertvollen Konvois zu danken. — Daß die deckenden Geschwader so klein bemessen waren, spricht nicht für die Leitung der französischen Marine oder bezeugt ihre Schwäche. Im ersten Falle handelte es sich allerdings nur um kleine Unterstützungen für die fernen Kriegsschauplätze, und solche waren in den letztverflossenen Jahren häufig dem Gegner entgangen; im zweiten Falle aber hätte man, durch den ersten Verlust gewitzigt, dem ungeheuer großen Konvoi, der viel schwerer unbemerkt durchschlüpfen konnte, doch einen stärkeren Schutz zuteil werden lassen müssen.
Das Jahr 1747 brachte zwischen beiden Schlachten nochweitere bemerkenswerte Verluste der Franzosen. Am 1. Juli 1747 stieß KapitänFoxmit 4 Linienschiffen und 2 schweren Fregatten in der Bucht von Biscaya auf einen großen Konvoi heimkehrender französischer Westindienfahrer, dem er schon seit Mai auflauerte. Der Führer der Bedeckung (3 Linienschiffe und 1 Fregatte), KapitänDubois de Lamotte, machte zwar zunächst Miene, durch Aufnahme des Kampfes den Feind festzuhalten, führte diese Absicht aber nicht durch, sondern gab den Kauffahrern den Befehl, sich auf eigene Faust zu bergen. Er räumte mit seinen Kriegsschiffen das Feld und führte diese wohlbehalten nach Brest, aber 47 seiner Schutzbefohlenen fielen den Engländern in die Hände. — Wenige Tage später jagte AdmiralWarren, zweiter Admiral auf Ansons Flotte, ein französisches Kriegsschiff nebst 5 Handelsschiffen bei Kap Finisterre auf den Strand und nahm oder verbrannte sie.
Nach dem Verlust von 11 Linienschiffen in den beiden Schlachten scheintFrankreichs Marine auch im Atlantik erschöpftgewesen zu sein, und es zeigen sich dort keine Seestreitkräfte von Bedeutung mehr. Man hört nur — es klingt fast wie ein Scherz — von der Indienststellung eines zwei Fregatten starken „fliegenden Geschwaders“ zum Schutz der atlantischen Küste. Diese kleine Macht fing zwar einige Freibeuter und bestand sogar ein Gefecht mit stärkeren Kriegsschiffen, konnte aber selbstverständlich nicht hindern, daß die eigenen Kaper genommen und der Handel schwer geschädigt wurde. Nach der zweiten Schlacht bei Finisterre kreuzten nämlich in den Jahren 1747 und auch1748bis zum Friedensschluß stetsmehrere englische Geschwader, von Flandern bis Gibraltar verteilt, vor der französischen und spanischen Küste.
Die Beteiligung der holländischen Marine am Kriegebeschränkte sich auf die europäischen Gewässer und bot tatsächlich kaum eine Unterstützung für England[59]. Beim Ausbruch des Krieges mit Frankreich 1744 war dies berechtigt — insbesondere infolge des französischen Versuches, in Großbritannien zu landen —, auf Grund des alten Vertrages von 1678 von Holland 23 Kriegsschiffe zur Unterstützung zu fordern. Die Generalstaaten wollten dem Verlangen zwar entsprechen, aber der traurige Zustand der Marine und der Geldmangel bei den Admiralitäten erlaubten dies zunächst nicht. Erst Anfang August gingen 8 Linienschiffe — 1 zu 72, 1 zu 64, 6 zu 54 Kanonen — unter dem Leutnant-AdmiralGrave, 2 Vize- und einem Kontreadmiral nach Spithead; 4 Fregatten, die noch bereit waren, mußten in die Nordsee gesandt werden, um die zurückerwarteten Ostindienfahrer aufzunehmen.
Kennzeichnend für die jetzige Bedeutungslosigkeit der holländischen Marine ist, daß die Schiffe die englische Gösch auf dem Bugspriet führten; allerdings sagte man, es geschehe nur, um Frankreich gegenüber ausdrücklich hervorzuheben, die Schiffe seien ein vertragsmäßiges Hilfsgeschwader, nicht aber Streitkräfte einer selbständig kriegführenden Macht. (Also ein ähnliches Verhältnis wie das der französischen Schiffe vor 1744 zu Spanien.) Die Linienschiffe machten 1744 die Reise des AdmiralsBalchenin die spanischen Gewässer mit, doch fielen drei bald aus, da sie wegen ihres schlechten Zustandes und Krankheit an Bord Lissabon als Nothafen anlaufen mußten. Im Laufe des nachfolgenden Winters wurde das holländische Kontingent nach und nach wirklich auf 15 Linienschiffe und 5 schwere Fregatten gebracht, der Zustand der Schiffe war jedoch derart, daß sie sich nur einige Male und noch nicht vollzählig an den Kreuzfahrten der englischen Geschwader beteiligen konnten; meist lagen sie untätig in den Häfen, und schon im April 1746 wurden mit Bewilligung Englands 8 Schiffe wieder zurückgezogen.
Das Verhältnis zwischen England und Holland in maritimen Angelegenheiten war schlecht. Holland erhob Klage, daß die Engländer in den auswärtigen Gewässern bei ihrer Jagd auf französische und spanische Kauffahrer auch holländische belästigten; die holländischen Seeoffiziere waren empört, daß ihre älteren Flaggoffiziere unter jüngere englische gestellt wurden und warfen ihrem Chef zu großes Entgegenkommen vor. Im Winter 1745/46 kehrte der Rest der Schiffe nach Holland zurück und damit unterblieb die Gestellung eines Hilfsgeschwaders vorläufig ganz, weil man die schwachen Kräfte notwendig selber gebrauchte. — Schon von 1745 an waren ältere Linienschiffe (sogenannte „Ausleger“, d. i. wohl „Wachtschiffe“) nebst kleineren Fahrzeugen in der Schelde stationiert, hier unter österreichischer Flagge, wiederum nur als Hilfskräfte; als 1746 die Franzosen näher an Holland herankamen, wurden diese vermehrt, nur unter holländischer Flagge. Die anderen Küsteneinfahrten besetzte man ähnlich; man zog dazu auch noch Schiffe der ostindischen Kompagnie und sonst geeignete Kauffahrer heran.
An eigentlichen Kriegsschiffen sind in den Jahren 1746 und 1747 einige zwanzig im Dienst gewesen, von denen aber der größere Teil zum Schutze des Handels in auswärtigen Gewässern Verwendung fand. An der eigenen Küste kreuzten nur wenige (3 oder 5), so daß man sich genötigt sah, 1747 England um Unterstützung durch ein Geschwader zu bitten, als man einen französischen Angriff von Sas van Gent aus gegen Walcheren befürchtete.De Jongeklagt:[93]„Fremde Schiffe mußten herbeigerufen werden, um Vlissingen, den Geburtsort unserer großen Admirale Ruyter, Evertsen, Bankers, zu schützen!“ Im Juli 1747 und im Januar 1748 wurden nochmals kleine Geschwader von 6 Schiffen nach England gesandt, die sich an Kreuzfahrten beteiligten.
Nordamerika.Mit der Kriegserklärung zwischen England und Frankreich entbrannten sogleich wieder die Kämpfe unter ihren Kolonien in Nordamerika. Die Franzosen waren hierbei die ersten auf dem Platze, obgleich um 1744 Kanada nur 50000 weiße Einwohner gegen eine Million — in den vier Neuenglandstaaten allein schon 400000 — in den englischen Kolonien zählte. Auch die militärische Macht Frankreichs war gering. Der Generalgouverneur von Kanada verfügte nur über 600 Soldaten und 1200 Milizen; die Grenzforts hatte man zwar verstärkt, aber ernsten Angriffen konnten sie kaum standhalten. Die Befestigungen Quebecs waren noch nicht vollendet. Als wirklich starke Festung konnte nur Louisbourg auf der Insel Breton gelten; hier standen 650 Soldaten und 800 Milizen.
Da aber die Kriegserklärung in Kanada weit früher bekannt wurde als in Neuengland, glaubte der Kommandant von Louisbourg,Duquesnel, dem Gegner durch Überraschung einen empfindlichen Schlag beibringen zu können. Er ließ im Mai 1744 den englischen MilitärpostenCanseau auf Neuschottlanddurch 400 Mann überrumpeln und die dortigen Fischereianlagen zerstören; der Versuch, sich auch der Stadt Annapolis, des ehemaligen Port Royal, zu bemächtigen, mißlang, die kleine Truppe mußte abziehen, als ein englisches Kriegsschiff sowie Verstärkungen aus Boston herankamen. Immerhin aber schien Neuschottland gefährdet, dessen Kolonisten vielfach zu Frankreich neigten, und auch die Wegnahme verschiedener englischer Handelsschiffe und Fischerfahrzeuge durch französische Freibeuter erregte die englischen Kolonien. Sie hatten anfangs keine kriegerischen Absichten und wären unter dem Einfluß religiöser Streitigkeiten, Zwiste der Kolonien mit den Gouverneuren sowie untereinander lieber neutral geblieben. Nur der Gouverneur von Massachusetts-Maine (Hauptstadt Boston),Shirley, hatte in Voraussicht eines Krieges Vorbereitungen getroffen und brachte jetzt auch die übrigen Neuenglandstaaten zu einemAngriff auf Louisbourgzusammen. Man bat die Regierung in England um Unterstützung durch Seestreitkräfte und zwar des schnelleren Eintreffens wegen durch die in Westindien stationierten; diesem Wunsche wurde entsprochen.
Die Einnahme von Louisbourg, Mai–Juni 1745.Louisbourgliegt am Eingange eines kleinen vorzüglichen Hafens an der Ostküste der Insel Breton. Die Umwallung der Stadt war für 148 Kanonen eingerichtet, von denen man jedoch nur 64 aufgestellt hatte. Dazu traten 2 Batterien mit 10 und 6 Mörsern, 2 Außenwerke mit 16 und 30 Kanonen (24-Pfünder), die auch den Landzugang deckten, sowie 2 Batterien zu 35 und 34 Kanonen (42-Pfünder), die den Hafen und seinen Eingang bestrichen[94]und deren eine auf einer kleinen Insel lag. Aber die Befestigungen auf der Landseite waren noch nicht ganz fertig, und das schlechte Material ihres Mauerwerkes konnte einer andauernden Beschießung nicht genügend widerstehen.
Die vier Neuenglandstaaten sammelten in Boston 4000 Mann Milizen unter dem BefehlSir William Pepperels, eines reichen Kaufmanns in Maine, und führten diese, sobald die Nachricht vom Nahen eines Geschwaders eingetroffen war, Anfang April 1745 auf 80 Fahrzeugen, gedeckt durch 11 Freibeuter (zu je 20 Kanonen) nach Canseau. Hier wurden die Truppen eingeübt, bis zu Ende des Monats KommodoreWarrenmit 4 Schiffen (1 zu 60, 3 zu 40 Kanonen) eintraf, zu denen im Laufe der Operationen noch einige stießen. In den ersten Tagen des Mai landeten dann die Engländer etwa vier Seemeilen südwestlich von Louisbourg in der Gabarusbucht; sie wurden nicht weiter belästigt, nachdem das Feuer ihrer kleineren Schiffe schwache feindliche Abteilungen vertrieben hatte.
Die Verhältnisse lagen für die Franzosen sehr ungünstig. Zunächst scheinen sie überrascht worden zu sein. In Frankreich hatte man zwar von dem beabsichtigten Angriff Wind bekommen und sofort eine der schnellsten Fregatten zur Benachrichtigung nach Louisbourg abgesandt, aber diese wurde durch die Freibeuter Pepperels gehindert, die Festung zu erreichen und ging nach Frankreich zurück. Ferner war einige Monate vorher infolge schlechter Behandlung und ungenügender Löhnungszahlung unter den französischen Soldaten eine nur mühsam unterdrückte Meuterei entstanden; der Kommandant wagte nicht, die unzuverlässigen Leute dem Feinde entgegenzuführen, um diesen am Landen und Festsetzen zu hindern. Endlich befanden sich auch die Befestigungen der Stadt — von den Franzosen stolz das „amerikanische Dünkirchen“ genannt — keineswegs in der Verfassung, die man nach den ungeheuren Ausgaben dafür (30 Millionen?) hätte erwarten müssen. Die beiden letzten Umstände waren dem Gouverneur Shirley bekannt und hatten ihn in seinem Plane bestärkt.
Die englischen Truppen nahmen die Belagerung auf, während die Schiffe den Hafen blockierten und jede Zufuhr abschnitten.WarrensKräfte bestanden bald aus 3 Schiffen zu 60, 1 zu 50, 3 zu 40 Kanonen und mehreren kleineren, so daß er unbedingt Herr der See war. Er nahm verschiedene Schiffe, so auch ein Linienschiff zu 64 Kanonen, das Kriegsvorräte in die Stadt werfen sollte; dies war das einzige Kriegsschiff, das zur Unterstützung von Frankreich kam, nachdem die entsandte Fregatte die Nachricht vom Angriff dorthin überbracht hatte. Wahrscheinlich sah man sich außerstande, mehr zu senden, teils weil die Heimatshäfen blockiert wurden, teils weil in diesem Jahre zwei größere Divisionen nach Westindien abgegangen waren.
Warren versuchte, die Batterie auf der Insel mit Booten zu nehmen, aber der erste Angriff scheiterte infolge von Nebel und der zweite wurde blutig abgeschlagen, da die Franzosen die Besatzung beträchtlich verstärkt hatten. Dagegen erbaute die Flotte gegenüber der Stadt an der nur eine Seemeile breiten Einfahrt eine die Insel beherrschende Batterie, und die Truppen nahmen einige Werke der Landseite ein. In der Festung begannen Munition und Proviant knapp zu werden, auch erfuhr man, daß auf eine Unterstützung von der Heimat nicht zu rechnen sei, während die Belagerer Zufuhr an allem Nötigen erhielten. So kapitulierte denn die Stadt am 26. Juni, als die Belagerer nach wirksamer Beschießung einen allgemeinen Sturm vorbereiteten. Die Berennung hatte 44 Tage gedauert, 600 Bomben und 9000 Kugeln waren verfeuert; die Franzosen erlitten einen Verlust von 240 Toten, während die Engländer nur 100 Mann einbüßten.
Um Louisbourg besser als eigenen Stützpunkt verwerten zu können, entfernten die Engländer die gefangenen Soldaten sowie die Einwohner, schifften sie ein und landeten sie einige Monate später an der Küste der Bretagne. — In Anerkennung des Erfolges wardPeppereldie Würde eines Baronets verliehen und KommodoreWarrenzum Kontreadmiral befördert.
Die Einnahme von Louisbourggilt als eins der besten Beispiele für richtiges Zusammenwirken von Land- und Seestreitkräften bei Berennung einer Küstenstadt. Jede Waffe blieb in ihrem Wirkungskreise: die Landtruppen übernahmen die Hauptaufgabe; die Flotte versorgte, deckte und unterstützte sie. Der Fall der Festung hattewichtige Folgen. Für England war es von großer Bedeutung, den Ausrüstungshafen für die Freibeuter, den Stützpunkt zur Beherrschung des Eingangs in den Lorenzgolf, genommen zu haben. Unter dem Eindruck des Erfolges bewilligten nun auch die Mittelstaaten reiche Geldmittel für den Krieg; das englische Parlament gestand den Kolonien den Ersatz ihrer Kosten für das Unternehmen zu und zeigte sich jetzt geneigt, einen Angriff auf Kanada tatkräftig zu unterstützen. Frankreich verlor mit der Stadt die ganze Insel Breton, auch fiel eine große Zahl von Handelsschiffen, die ohne Kenntnis der Ereignisse von Westindien nach Louisbourg kamen, in die Hände des Gegners, eine Beute von 25 Millionen Lstrl. Quebec befand sich in ernster Gefahr, seine Befestigungen wurden in Eile vervollständigt, sowie Bündnisse mit Indianerstämmen abgeschlossen, auch bat man dringend in Frankreich um Hilfe.
Wie bereits erwähnt, führte die Absicht auf der einen Seite, den Erfolg auszunützen, auf der andern, die Scharte auszuwetzen,im Jahre 1746zu Rüstungen in den Marinen Englands und Frankreichs. Während aber die englische Unterstützung nicht abging, entsandte Frankreich, allerdings verzögert, eine große Expedition. Unter dem Befehl desHerzogs d'Anvilleverließen Ende Juni 1746 7 Schiffe zu 64 Kanonen, 4 zu 50–56, 3 Fregatten, 2 Korvetten und 52 Transporter mit 3500 Mann und reichem Kriegsmaterial Frankreich; man wollte Louisbourg wiedererobern, mit Hilfe der Kanadier ganz Akadien (vor allem Annapolis) wegnehmen und endlich Boston angreifen. Als Sammelplatz der gesamten See- und Landstreitkräfte war Chibouctu (das jetzige Halifax) bestimmt. Infolge verschiedener Umstände schlug das Unternehmen fehl; zwei vorausgesandte Kriegsschiffe trafen im Juli auf dem Sammelplatz ein, aber die große Flotte ließ lange auf sich warten und war dann leistungsunfähig.
Die Expedition d'Anvilles nach Kanada 1746.D'Anville war wohl nicht der geeignete Mann hierzu; zur Galerenflotte gehörig, deren Chef er zuletzt gewesen war, stand er der Hochseeschiffahrt fern. Die Ausrüstung der Expedition war sehr schlecht, teils infolge Geldmangels, teils weil sie dem Intendanten übergeben war, der durch seine Unzuverlässigkeit die erwähnte Meuterei in Louisbourg verschuldet hatte. Die Flotte verließ am 22. Juni Frankreich, erreichte aber erst am 10. September die Küste Neuschottlands. Hier wurde sie am 13. durch einen schweren Sturm zerstreut, der zwei Fregatten bis in die Mitte des Atlantiks trieb, von wo sie nach Frankreich zurückkehrten, einige Schiffe wurden bis zu den Antillen verschlagen. Die übrigen ankerten am 27. September vor Halifax. Sie befanden sich in traurigem Zustande; 800 Soldaten und 1500 Matrosen lagen krank an Skorbut und Pocken, der Rest konnte nicht vollen Dienst tun.D'Anvillewar am 25. einem Schlagfluß erlegen, unter seinem Nachfolgerd'Estournellewurde zunächst in einem Kriegsrate erwogen, ob man den Angriff auf Louisbourg durchführen oder die Kräfte zu einem solchen auf Annapolis sowie zur Deckung von Quebec teilen solle; der Streit hierüber erregte den erkrankten[96]Chef derart, daß er in Irrsinn verfiel und einen Selbstmordversuch machte. Der auf ihn folgende Oberbefehlshaberde la Jonquièreraffte sich dann auf und führte Ende Oktober 4 Kriegsschiffe nebst einigen Transportern mit 1100 Mann gegenAnnapolis. Als er aber Kap Sable umsegelte, litten die Schiffe sehr durch einen Sturm; er gab nun jede weitere Unternehmung auf und ging nach Frankreich zurück, wo nach und nach sämtliche Schiffe der Expedition, überfüllt mit Kranken, eintrafen.