Sechzehntes Kapitel.Auf Motuihi.

Der Japaner fragte mich dann noch nach der Schlacht am Skagerrak und konnte nicht genug hören. »Ja, so ist es«, bemerkte er, »wieder ein geschichtlicher Beweis dafür, daß die kleinere Flotte der größeren überlegen ist. Eure Organisation, eure Wehrmachtist so hervorragend, und wir müssen euch bewundern, aber eins können wir nicht verstehen, daß ein Land, wo soviel Intelligenz vertreten ist, so schlechte Politiker hat. Wundert ihr euch denn nicht selbst in eurem Lande, daß die ganze Welt gegen euch kämpft, habt ihr euch nie gefragt, ›warum‹? Was habt ihr gesagt, als Japan euch den Krieg erklärt hat?« Im Verlauf dieses Gespräches versicherte er mir, daß die japanische Politik nicht darauf ausgegangen wäre, uns zu bekämpfen, sondern neutral zu bleiben und dadurch Amerika aus dem Kriege zu halten. Daß Amerika selbst rüste und eine so große Wehrmacht bekäme, wäre eine für Japan höchst unerwünschte Folge unseres Krieges. In seinem gebrochenen Englisch erklärt er mir weiter, das japanische Auswärtige Amt hätte dem deutschen Botschafter im August 1914 nahegelegt, bei seiner Regierung anzufragen, ob Deutschland für die japanische Staatsschuld gutsagen wolle. Als hierauf von deutscher Seite gar keine Antwort erfolgt sei, hätte der englische Botschafter mit seinem Anerbieten leichtes Spiel gehabt.

Dann mußte Abschied genommen werden und es ging wieder ins Zuchthaus zurück, aber nur noch für zwei Stunden. Im schmutzigen Zwischendeck des Dampfers »Talune« ging es nach Neuseeland, wo man uns ein bleibendes Heim bestimmt hatte.

Bevor ich weitererzähle, muß ich nun jedoch von dem Schicksal der »Seeadler«-Mannschaft berichten. Unsere Leute, die auf der Insel Mopelia zurückgeblieben waren, merkten an den vielen chiffrierten Funksprüchen, die sie mit ihrer drahtlosen Telegraphie auffingen, und die alle an Marine-Attachés gerichtet waren, daß ihr Kommandant gefangengenommen war. Sie fürchteten nun stark, ihr Aufenthalt könnte dadurch bekannt werden, und wollten deshalb auch nicht mehr in dieser Gegend bleiben. Sie begaben sich an die Arbeit, ein Boot wieder seetüchtig zu machen, aber dabei kamen ihnen doch Bedenken, in solcher Nußschale mit 58 Mann loszufahren, und sie glaubten kaum, daß sie einer Gefangennahme entgehen könnten.

Eines Morgens kam fern am Horizont ein französischer Segler in Sicht. Der Kapitän sieht voraus klar, daß ein Segelschiff auf dem Korallenriff liegt, und er ruft seinen Steuermann:

»Steuermann, liegt dort nicht ein Wrack?«

Der Steuermann bestätigt es.

»Als wir vor einem halben Jahr hier vorbeifuhren, haben wir das aber doch nicht gesehen! Da müssen Schiffbrüchige sein. Wir wollen darauf zuhalten!«

Mittlerweile sieht Kling den Segler ankommen. Eine freudige Begeisterung bricht los: »Da kommt ja ’n Schipp, da brauchen wir ja unsere alten Boote gar nicht.« Sofort machen sie ein Boot klar, vier Mann an die Riemen, sechs Mann in Uniform legen sich platt auf den Boden, bis an die Zähne bewaffnet. Der Kapitän des französischen Seglers sieht, daß das Boot kommt und sagt zu seinem Steuermann: »Steuermann, da kommen ja schon die Schiffbrüchigen!« Er freut sich, ein gutes Werk tun zu können, heißt sofort die Trikolore, damit die armen Schiffbrüchigen sehen, daß ein Freund kommt und sie holt. Meine Jungs ruderten mit aller Kraft; der Abstand verringert sich. Der Kapitän ruft ihnen zu: »Leute, strengt euch doch nicht so an, wir kommen ja!« Die Fallreepstreppe wird heruntergelassen, damit sie bequem an Bord kommen können. Das Boot geht längsseit. Schnell wie die Katzen entern die sechs deutschen Matrosen auf und stehen an Deck. »Des Allemands, des Allemands!« schreien alle und halten die Hände hoch. »Tout est perdu.« Der Kapitän steht wie vor einem Rätsel. Was er am wenigsten erwarten konnte, das ist Wirklichkeit: Die einzigen Schiffbrüchigen hier in der Südsee sind deutsche Matrosen, und die befreit ein Franzose! Wie ist’s möglich?

»Jawohl, Kapitän, dort liegt unser Wrack; wir sind nun einmal Allemands, daran ist nichts zu ändern; wir haben schon lange auf Sie gelauert. Dort auf der Insel sind unsere Kameraden und außerdem noch 27 amerikanische Gefangene!«

Wie, eine Boches-Besatzung auf französischer Insel? »Und wir wollten Sie retten, verlieren unser Schiff, und die steuern in die Freiheit? ...«

Der Kapitän sieht ein, daß er die Rolle tauschen muß. Die Franzosen werden hinübergesetzt auf die Insel; sie müssen jetzt die Schiffbrüchigen sein und meinen Jungs leuchtet wieder die Freiheit. Der französische Segler »Lutèce« wird umgetauft in »Fortuna« und Leutnant Kling übernimmt die Führung. Es war ein ehemaliges deutsches Schiff, das die Franzosen während des Krieges weggenommen hatten, und das nun durch ein eigenartiges Spiel des Zufalls seinen rechtmäßigen Besitzern wieder zukam.

Es war ein ehemaliges deutsches Schiff

»... Es war ein ehemaliges deutsches Schiff, das die Franzosen weggenommen hatten.«

Der Segler war ein Handelsfahrer, der zwischen den Inselgruppen herumfuhr. Seine Ladung bestand aus 500 Paar seidenenDamenstrümpfen, seidener Unterwäsche, Weißzeug, Sonnenschirmen, Damenschuhen, Hüten, Korsetts, allerlei Parfüms, Seifen, Herrenartikeln, Tropenhelmen, Tabak, Pfeifen, Mandolinen, Schokolade und Konfekt in feinster Aufmachung, feinen Biskuits, Fleisch und Milch in Konserven, getrockneten Früchten, sonstigen Konserven und Kartoffeln, also eine Ausrüstung, wie man sie sich nicht besser wünschen konnte. Meine Jungs hielten es für das Richtige, selbst als Handelsfahrer loszusteuern und den ganzen Kram zu verkaufen. Da aber zunächst ihr eigenes Zeug abgetragen war, so blieb ihnen nichts übrig, als sich aus den vorgefundenen Beständen an Damenwäsche auszustatten.

Leutnant Kling hatte vor der Abfahrt unter einem verabredeten Baum eine Flasche mit einer kurzen Mitteilung für mich vergraben und darin die Absicht ausgesprochen, nach Batavia zu segeln. Als er sich aber später sein Schiffchen angesehen hatte, kam ihm der Gedanke, um Kap Horn zu segeln und die Rückkehr in die Heimat zu versuchen. Auf dem Weg nach Batavia wären sie auch vor japanischen und amerikanischen Kreuzern nicht sicher gewesen.

Kapitän Alfred Kling

Kapitän Alfred Kling, erster Offizier des Seeadlers.

Am 5. September, 8 Uhr abends, stach die »Fortuna« in See, und zwar ließ Kling zuerst nach Westen steuern, um die gefangenen Herren der Insel zu täuschen, und erst auf hoher See wurde der Kurs nach Süden gerichtet.

So steuerte das hochbeladene, lustige Warenhaus in die Südsee hinaus, gern bereit, die Bevölkerung durch das Seidenzeug, die feinen Seifen, Sonnenschirme, Tennisschuhe, Taschentücher, Brillantine, Maggipatronen usw. handeltreibend auf einen echt französischen Kulturstand zu heben.

Am 4. Oktober sichtete »Fortuna« die Osterinsel, wo Ausbesserungen am Schiff vorgenommen, frischer Proviant und Wasserfässer gekauft werden sollten. Beim Absteuern aber lief das Schiff auf einen unsichtbaren, in der Karte nicht verzeichneten Felsen. Wieder hatten meine Jungs ihr Schiff verloren und mußten abermals versuchen, sich eine neue Heimat zu gründen.

Und verloren wieder ihr Schiff

»... Und verloren wieder ihr Schiff.«

Die Osterinsulaner, ein heiteres, bescheidenes, ungebunden lebendes Völkchen, die nur jedes Jahr einmal von der chilenischen Regierung abgetragene Lumpen überschickt bekommen, freuten sich der niegesehenen Herrlichkeiten, welche die schiffbrüchigen Deutschen ihnen zum Dank für gewährte Unterkunft anbrachten.

Mit großer Liebenswürdigkeit sorgte der chilenische Gouverneur für Unterbringung. Er stellte den Offizieren sofort ein Haus zur Verfügung, während meine Jungs, auf die Hütten verteilt, bei den Eingeborenen die herzlichste Gastfreundschaft genossen. Jeder nahm sich ein Pferd von den vielen Hunderten, die auf der Insel herumliefen. Außerdem gab es dort sehr viel Rindvieh und großen Reichtum an Fischen und besonders an Hummern. Fleisch war im Übermaß vorhanden, dagegen gab es kein frisches Gemüse. Der Bedarf davon wurde halbjährlich von einem chilenischen Schoner in Konserven herübergebracht. Auch Brot gab es auf der Insel nicht, doch hatten die Seeadlerleute ihr Mehl zu bergen vermocht.

Die Osterinsel ist die älteste Kulturstätte der Südsee. Im Innern und am Rand eines ausgebrannten Kraters findet man noch heute gegen hundert Kolossalstatuen von Gottheiten oder Helden, die von den ehemaligen heidnischen Bewohnern der Inselin grauer Vorzeit errichtet und verehrt wurden. Man steht vor diesen bis zu 15 Meter hohen Lavariesen schlechthin wie vor gewaltigen technischen Rätseln. Ihre Gesichter sind dem Ozean zugekehrt, wahrscheinlich sollen sie ansegelnde Feinde schrecken.

Man steht vor diesen hohen Lavariesen

»Man steht vor diesen hohen Lavariesen ...«(Der Donnergott.)

Während sich unsere Leute durch allerlei Arbeit und Spiel in traulichem Verein mit der Eingeborenenschaft die Zeit vertrieben, Wettrennen, Tanzvergnügungen und Theatervorstellungen in einer deutsch-eingeborenen Mischsprache veranstalteten, wurde der Gedanke, ein neues Schiff zu kapern, doch nicht aus den Augen verloren.

Am 25. November passierte das erste Schiff, ein amerikanischer Viermastschoner. Da Chiles Neutralitätsauffassung Kling die Möglichkeit zu Kaperungen offen zu lassen schien, wurde das Motorboot klar gemacht, funktionierte aber nicht aus Mangel an Gasolin. Ein Segelboot wurde aufgetakelt, um bei der nächsten Annäherung eines feindlichen Schiffes bereit zu sein.

Das nächste Schiff, das auftauchte, war aber der chilenische Schoner »Falcon«, der — vier Monate nach »Fortunas« Strandung — Ladung brachte und Fracht abholen wollte. Der Kapitän des Schiffes nahm die Besatzung des »Seeadler« als freie Leute mit nach Chile, wo den Schiffbrüchigen ein jubelnder Empfang von den deutschen Kolonisten und den Chilenen zuteil wurde. Aufs rührendste hat die deutsche Kolonie weiterhin für sie gesorgt. Besonderer Dank gebührt auch der chilenischen Behörde, die in ritterlicher Weise dem vaterländischen Fühlen und tapferen Ausharren meiner Jungs ihre Anerkennung und Bewunderung aussprach.

Was wir auf dem Schiff und in allen möglichen Übergangsgefängnissen durch Gleichgültigkeit wie auch Bosheit des Wachpersonals oder der anordnenden Stellen gelitten haben, wäre bitter zu erzählen. Ich will aber nur einzelne Episoden herausgreifen. Kircheiß und ich wurden von unsern vier treuen Gefährten getrennt. Ihnen ist auf Somes Island ein hartes Los zuteil geworden unter dem quälerischen Lagerkommandanten, Major Matthis. Dieser war als Turnlehrer wegen Mißhandlung eines Kindes vorbestraft und geistig nicht normal, dafür aber ein Freund des Kriegsministers Sir James Allen.

Kircheiß und ich

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

»... Kircheiß und ich wurden von unsern vier treuen Gefährten getrennt.«

Kircheiß und ich wurden mit einem Motorboot nach Devonport zur Torpedo Yard gebracht. Der Kommandant, Kapitän Kewisk, hatte sich zu diesem Empfang extra beurlaubt und dem Unteroffizier, dem wir übergeben wurden, befohlen, irgendwelche Beschwerden nicht anzunehmen. Die Art der Engländer war uns ja aber schon zur Genüge bekannt. Die Torpedo Yard ist ein Teil der Hafenbefestigung Aucklands. In einen großen Minenschuppen war eine Reihe kleiner Abteile eingebaut, die als Haft- und Arrestzellen namentlich für Deserteure und Maoris dienten. Man gab uns je einen schmutzigen Strohsack und einige Decken und riegelte uns dann in diese Zellen ein, aber so getrennt, daß wir nicht miteinander in Verbindung treten konnten.

Mandolinenklänge, deutsche Volkslieder sagten mir bald, daß noch ein Deutscher hier gefangen sein müßte. Es schien, daß dieTöne aus der gegenüberliegenden Baracke kämen. Und da hörte ich dann, wie ein Landsmann seiner Katze erzählte, daß unser Besuch seit acht Tagen angemeldet wäre und die ganze Besatzung in Aufregung versetzt hätte, daß man aber glaube, der »Seeadler« könne nicht aus Wilhelmshaven kommen; der Pirat wäre wohl auf eigne Faust aus Südamerika ausgelaufen. Die Katze verstand offenbar sächsisch; ich auch, und als ich dies durch Räuspern kundgegeben hatte, fuhr die Stimme fort und berichtete alles Wissenswürdige.

Später erfuhr ich, daß dieser unsichtbare Mandolinen- und Katzenbesitzer ein Regierungsbeamter (Lehrer und Amtmann) aus Samoa war, Franz Pfeil, ein wackerer, aufrechter Anhaltiner, der eine dreijährige Festungshaft wegen Flucht verbüßen mußte. Er war kurz nach Besetzung der Samoainseln durch die Neuseeländer unter großen Schwierigkeiten nach dem amerikanischen Pago-Pagogeflohen; und zwar war er als blinder Passagier, zwischen den Ankerketten des Motorschoners »Manna« verstaut, glücklich entkommen. Aber mit Verletzung jedes Völkerrechts lieferten ihn die damals noch neutralen (!) Amerikaner an die Neuseeländer in Apia aus. Seine Proteste wurden unterschlagen. In Apia wollte man ihn zuerst erschießen, verurteilte ihn dann aber durch Kriegsgericht unter Vorsitz des Majors Turner, unseres späteren Kommandanten von Motuihi, zu drei Jahren Gefängnis! »Wegen das Verbrechen der bekanntgemachten Anordnungen, die das kommandierende Offizier der okkupierenden Truppen im Schutzgebiet Samoa ausgab. In das er In Apia in die Nacht von 28. Oktober 1914 an Bord des Motorschuners ›Manna‹ geganen und darauf nach dem Amerikanischen Port von Pago-Pago gefahren ist, ohne zuerst das erlaubnis ein ermächtigter Offizier schriftlich zu behalten als bei die Bekanntmachung des neun und zwanzigsten August 1914 angewiesen war.« So lautete das Pfeil auf »deutsch« zugestellte Urteil.

Gegen jedes Völkerrecht brachten sie Pfeil nach dem Zuchthaus »Mount Eden«, und erst, nachdem auf Umwegen die Nachricht nach Deutschland gekommen war und man hier Vergeltungsmaßregeln ergriff, wurde sein hartes Los etwas erleichtert.

Ich wollte Pfeil antworten, aber ringsherum standen Posten, und eine Verbindung war nach dem Katzengespräch schwer zu bewerkstelligen. Ich schrieb also eine Nachricht in den Deckel einer leeren Tabaksdose und warf sie zum vergitterten Fenster hinaus. Leider fiel dieselbe so nahe, daß Pfeil sie nicht holen konnte, denn er durfte eine gewisse Linie nicht überschreiten, und gerade an diesem Tage bewachte man ihn sehr stark. Da kam uns ein alter Tommy zu Hilfe. Er hob die Dose auf, und als er sie leer fand, warf er sie wieder weg. Pfeil rief ihm zu, er solle sie ihm geben, er habe gerade Verwendung dafür. Und bereitwillig trug sie ihm Tommy hin. Ein Wink sagte mir bald, daß Pfeil gelesen hatte. Noch im Laufe desselben Tages wurden wir nach Motuihi gebracht, wohin Pfeil auch bald kam, da seine Zeit nun endlich um war.

Die etwa zwanzig deutschen Kriegsgefangenen in Devonport haben in rührender Weise dem Vaterland zu dienen gesucht, soweit es ihre gefesselten Kräfte vermochten. Pfeil hatte, immer im Gedanken an eine neue Flucht, verstanden, sämtliche Karten der Festung, der Hafenanlagen mit Minenfeldern und der Umgebung zu »finden«. Dieselben haben mir später bei meiner eigenen Flucht Dienste geleistet. Ein anderer Gefangener, Grün, hatte sich in Devonporteinen Empfangsapparat gebaut und so mancherlei wichtige Sägen und Werkzeuge »gefunden«, die für eine Flucht von Wert sein konnten. Außerdem hatten die Deutschen während ihres Hierseins die feinen elektrischen Zündapparate der Seeminen, nachdem sie gereinigt und von einer Kommission zur neuen Verwendung geprüft und abgenommen waren, auf geniale Art und Weise unbrauchbar gemacht. Grün hatte in seiner Matratze Unmengen von Schießbaumwolle und hat wochenlang darauf geschlafen.

Panorama von Motuihi(Phot. R. Hofmann, Kassel.)Panorama von Motuihi.

Panorama von Motuihi

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Panorama von Motuihi.

Panorama von Motuihi, linksPanorama von Motuihi, rechts(Phot. R. Hofmann, Kassel.)Panorama von Motuihi.

Panorama von Motuihi, links

Panorama von Motuihi, rechts

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Panorama von Motuihi.

Motuihi ist eine viertausend Morgen große Insel gegenüber Neuseeland in der Nähe der Stadt Auckland. Auf dem größeren Teil dieser Insel durften wir uns frei bewegen. Welche Erlösung war dies, als wir aus dunkler Arrestzelle herausgeführt auf Motuihi landeten und den freien Blick in die Natur wieder genossen! Noch mehr aber als der blaue Himmel und die grüne Erde erquickte uns der Anblick der vielen deutschen Landsleute; fast vergaß man in erster Freude, daß wir alle zusammen Gefangene waren.

Wir wurden mit unseren verhältnismäßig frischen Nachrichten aus der Heimat in dieser seit August 1914 vom Vaterland abgeschnittenen Schar wie Boten des Himmels begrüßt.

Es war der Gouverneur der deutschen Kolonie Samoa, Exzellenz Dr. Schultz mit seinen Beamten und deutschen Pflanzern und Kaufleuten, die seit zwei Jahren auf Motuihi interniert waren.

Als die Neuseeländer schon Ende August 1914 Samoa besetzt hatten, fanden sie dort nicht die winzigsten Handhaben zur Erfindung »deutscher Greuel«, die ihnen ein strenges Vorgehen gegen unsere Landsleute ermöglicht hätten. Im Gegenteil baten die von uns stets mit fast zu weit getriebenem Wohlwollen behandelten, auf Samoa ansässigen Engländer in einer Petition die neuseeländischen Besatzungsbehörden, die unsrigen anständig zu behandeln, und Oberhäuptling Tamasese, dem die Neuseeländer erklärten, sie wollten die Deutschen zu deren »Schutz« internieren, erwiderte stolz: »Das ist überflüssig, die Deutschen stehen unter dem Schutz der Samoaner.« Aber alles das half nichts gegen den Vorsatz, die »deutsche Pest« aus Samoa auszutilgen.

Hierzu fand man das geeignete Werkzeug in einem bankerotten Schafzüchter, dem Milizoberstleutnant Logan. Dieser »Buschlümmel« richtete eine wahre Schreckensherrschaft auf und wütete gegen die deutschen Frauen und Kinder, die er in gesundheitsmordenden Internierungslagern einsperrte; denn, wie er dem protestierenden Schweizer Konsularagenten amtlich erklärte, »die deutschen Frauen sind Nattern und brüten Nattern aus«. So sah er sein Hauptziel darin, möglichst viele deutsche Kolonisten von ihren Familien zu trennen und auf dem Umweg über willfährige Kriegsgerichte und das Aucklander Zuchthaus in neuseeländische Konzentrationslagerzu bringen. In jahrelanger, ungestörter Arbeit gelang es ihm, die meisten Deutschen zu deportieren, und als in den neuseeländischen Lagern Raummangel eintrat, richtete er im tropischen Apia ein eigenes Konzentrationslager in — einem Kopraschuppen ein. Diese Fürsorge für die Wehrlosen, wie sie zuerst Lord Kitchener mit den Konzentrationslagern für Burenfrauen in die Kriegsgebräuche der zivilisierten Welt eingeführt hatte, wurde ergänzt durch das Aufhetzen der Eingeborenen und chinesischen Kulis gegen alles, was noch deutschen Namen trug. Die Gerechtigkeit fordert, hinzuzufügen, daß Ehren-Logan sich so sehr nicht hätte gehen lassen können, wenn nicht das neuseeländische Kabinett, insbesondere der Kriegsminister James Allen, von gleichen Gefühlen beseelt und unter Bruch aller Austauschverträge die Hände schützend über den Wüterich gebreitet hätte. Und hinter der neuseeländischen Regierung stand wiederum, stets zur Deckung bereit, die englische. »Giftschlangen« hat uns ja auch der Gouverneur von Neuseeland, ein englischer Aristokrat, in öffentlicher Kundgebung genannt.

Gespannte Erwartung

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Im deutschen Gefangenenlager hat sich das Gerücht unserer Ankunft verbreitet.Gespannte Erwartung.

In den neuseeländischen Lagern waren Gefangene von über 70 und unter 10 Jahren! Das Versprechen, die Leute, die 45 Jahreüberschritten hatten, auszutauschen, wurde dauernd hintertrieben, soweit es sich um Personen von aufrechter deutscher Gesinnung handelte. Bewunderungswürdig ist es, wie der Engländer nichts zu tun versäumt, was einer feindlichen Rasse auf Menschenalter hinaus schadet, und wie er dabei mit den Unglücklichen, deren bürgerliches Dasein und deren Gesundheit er grausam ruiniert, reden kann, als ob ein Freund zu ihnen spräche: »Wir internieren Sie nur, um Sie zu schützen. Die Regierung will Ihr Bestes.« Der Engländer, als einzelner Mensch vielfach so sympathisch, ist doch in einem von uns Deutschen kaum nachfühlbaren Grad von der Politik seines Landes durchdrungen. Einerlei, ob er Demokrat oder Aristokrat, ob er Mitglied des »Vereins christlicher junger Männer« oder ein jovialer Landmann ist, die Gemeinsamkeit der nationalen Interessen bestimmt sein Verhalten stets von Mensch zu Mensch. Der Deutsche schnauzt einen an und sagt gehörig seineMeinung, aber er tut, was er verspricht. Der Engländer bleibt immer gemessen und verbindlich, aber auf sein Wort dem Ausländer gegenüber ist nicht viel zu geben. Die stehende Phrase: »We will see, what we can do for you, we shall try our best(Wir wollen sehen, was wir für Sie tun können, wir werden unser Bestes versuchen),« wurde zum geflügelten Wort unter uns Gefangenen. Während der Arglose dauernd hoffte, geschah in Wirklichkeit nichts.

In neuseeländischen Lagern

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

»... In den neuseeländischen Lagern waren Gefangene von über 70 und unter 10 Jahren.«

Bekamen die Gefangenen einmal Besuch von ihren Frauen, so durfte das Gespräch auch bei mangelnder Kenntnis des Englischen nur in dieser Fremdsprache und im Beisein eines Postens geführt werden. Zu der vollständigen Rechtlosigkeit und Ohnmacht der Gefangenen nehme man die niederdrückende Einwirkung der feindlichen Presse, deren Hauptdaseinszweck schien, alles Deutsche zu schmähen und ihm den Untergang vorherzusagen; die Ungewißheit über die Dauer der Freiheitsberaubung, die Aussicht auf Verarmung oder gar Verlust der Existenz, das lastende Gefühl einer ungeheuren Ungerechtigkeit und eines parteiischen Schicksals: — wieviel Herzlichkeit und guten Willen hatte die verfemte deutsche Rasse nötig, daß man hinter dem Stacheldraht in all den Jahren den Humor nicht ganz verlor.

Daß man hinter dem Stacheldraht den Humor nicht ganz verlor

»... daß man hinter dem Stacheldraht den Humor nicht ganz verlor.«

Als wir Seeadlerleute auf Motuihi ankamen, die wir doch auch schon fast ein Jahr von der Heimat entfernt lebten, wurde uns von den Landsleuten die Seele fast aus dem Leibe gefragt, und es gelang uns, durch Berichte von daheim manch schwerumdüstertes Gemüt etwas aufzuhellen.

Der Lagerkommandant, Oberstleutnant Turner, war unendlich stolz, endlich richtige Kriegsgefangene zu bekommen, und diesem Angehörigen eines demokratischen Landes schmeichelte es merkwürdigerweise besonders, sich recht öffentlich mit seinem »Count« zu zeigen. Ich benutzte diese kleine Schwäche und arbeitete mich in sein Vertrauen hinein. Denn ich hatte einen bestimmten Plan, den vorerst im Lager niemand ahnen durfte, außer Kircheiß und meinen Freunden v. Egidy und Osbahr, zwei deutschen Regierungsbeamten aus Samoa, die ich im Lager kennen lernte, und denen ich bald manchen Rat zu danken hatte.

Exzellenz Dr. Schultz

Exzellenz Dr. Schultz als »Honoured Guest of the New-Zealand Government«.(So wurde ein deutscher Gouverneur den Austauschverträgen zuwider festgehalten.)

Als ich mit beiden meinen ersten Spaziergang machte, fiel mir ein wunderhübsches Motorboot ins Auge. »Wem gehört das?« fragte ich. »Das steht dem Lagerkommandanten zur Verfügung.« »Das Boot ist mein; damit fahre ich los«, war meine unwillkürliche Antwort. Insel ... Motorboot ... allerlei Möglichkeiten sausten durch das Gehirn, und mein Entschluß stand fest. Abernur nichts unternehmen, bevor man nicht Herr der Situation war. Wir durften uns auf der Insel ziemlich frei bewegen, mußten aber bis abends 6 Uhr ins Lager zurückgekehrt sein. Überall waren Wachtposten aufgestellt. Nach dem ersten Eindruck zu urteilen, waren wir gut bewacht.

Zu einem ernsthaften Fluchtversuch gehörten so umfangreiche Vorbereitungen, daß die Neugier der Lagerkameraden mir das größte aller Hindernisse schien. Insbesondere war da ein naturalisiertes Subjekt, ein österreichisch-polnischer Arzt, hochintelligent, aber verkommen, der für die neuseeländischen Behörden den Spitzel machte. Ihn galt es zuerst einzuwickeln. Ich hatte durch die Bootsfahrt und die Gefängnisse körperlich gelitten und war sichtlich angegriffen. Rheumatismus ist bekanntlich die Krankheit, die man objektiv nicht nachweisen kann. Wunderbarerweise war ich trotz aller Strapazen von ihr verschont geblieben, aber wer durfte es bezweifeln, wenn es mir nun nach allen Regeln der Kunst anfing vom Nacken den Rücken herunter zu ziehen? Vielleicht bekam ich sogar Ischias. Jedenfalls war der Österreicher besorgt und meinte, das käme davon und mein Lebenswandel rächte sich nun. An Regentagen, wo ich draußen nichts anfangen konnte, legte ich mich ganz zu Bett und stöhnte. Bei schönem Wetter ging es etwas besser. Unser Zimmermann machte mir ein paar Krücken, mit denen humpelte ich dann aus dem Bett: »Es ist zu schönes Wetter, ichwillhinaus.« Osbahr warnte mich manchmal, ich möchte nicht zu sehr übertreiben. Aber der Doktor versicherte mir, ich müßte furchtbare Schmerzen haben, versuchte mir allerlei Erleichterungen zu verschaffen und pinselte mich mit Jod ein. Der Lagerkommandant kam an: »Armer Graf!« und hatte großes Mitleid. Hinter meinem Rücken sagte er zwar beruhigt: »Gott sei Dank, daß er Rheumatismus hat. Er ist ein gefährlicher Bursche. So kann er wenigstens nichts machen.« Man glaubte mir aber alles. Gelegentlich sagte Turner scherzend zu mir: »Well, count, you will not run away, you know, I am Colonel; if you run away, I loose my job.« (Wenn Sie weglaufen, verliere ich meinen Posten.)

Wenn Sie weglaufen, verliere ich meinen Posten

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

»... Wenn Sie weglaufen, verliere ich meinen Posten.«

Dann machte ich den Arzt zu meinem Vermögensverwalter, was sein Zutrauen steigerte, besonders da ich ihm vorgeflunkert hatte, daß ich mir eine große Summe Geldes aus Deutschland schicken ließe, von der einige Prozente für ihn abfallen sollten. Die Landsleute warnten mich öfters, ich möchte mich nicht zu tief mitdiesem Menschen einlassen, und konnten es gar nicht begreifen, daß ich allen Verdacht bestritt und Stein und Bein auf ihn schwur. So mußte ich überhaupt auch die anständigen Elemente im Lager in Täuschung halten, um mein Unternehmen durchzusetzen.

Dann suchte ich mir meine Mannschaft unter der Hand zusammen. Im Lager waren 14 Schulschiffkadetten des Norddeutschen Lloyd, die immer eng zusammenhielten in jugendlicher Abenteuerlust. Von ihnen konnte ich nur sieben gebrauchen. Meine Lebenserfahrungen hatten mich darin geübt, die Menschen auf ihre Eignung einzuschätzen, namentlich auf Zuverlässigkeit und Kühnheit hin. Es war nicht leicht, die sieben von ihren Kameraden zu trennen und letztere über den Fluchtplan zu täuschen. Außerdem gewann ich noch einen Funkentelegraphisten aus Samoa, den schon erwähnten Grün, und den Motor-Ingenieur Freund, welchen derLagerkommandant damit beauftragt hatte, sein Motorboot in Ordnung zu halten. Der andere Vertrauensmann Turners war der Kadett Paulsen, der sein Boot steuerte und außerdem die Lagerkantine verwaltete.

Nun galt es, unsere Ausrüstung zu beschaffen. Ich ging zum Oberstleutnant und sagte ihm, es wäre hier gar nichts los, ich wollte gern zu Weihnachten eine Theateraufführung machen. Mein Unternehmungsgeist erschreckte ihn: »Um Gotteswillen, Graf, Sie laufen mir doch nicht weg?«

»Sehe ich aus wie einer, der weglaufen will? Abgesehen von meinem Rheuma, ich bin so wasserscheu geworden, ich gehe überhaupt nicht mehr in oder aufs Wasser. Wenn ich nur schon zu Hause wäre.«

»Aber Ihre ›Seeadler‹-Mannschaft? Ist es nicht möglich, daß sie mit einem Schoner kommen und Sie abholen wollen?«

Die Feinde hatten den Aufenthalt der Mopelianer noch nicht herausbekommen. Krause, Lüdemann, Permien und Erdmann waren im Arresthaus zu Wellington geradezu gefoltert worden, um aus ihnen die Wahrheit über die »Seeadler«-Besatzung herauszubringen. Aber die braven Jungs hatten lieber in zugiger Zelle auf dem nackten kalten Betonfußboden geschlafen und sich böse Krankheiten dadurch zugezogen, als daß sie sich durch solche Quälereien zu Aussagen verleiten ließen. »Alle für einen, einer für alle« war unser Wahlspruch, dem wir treu geblieben sind, deutsche Soldaten auch noch als Sträflinge bei Wasser und Brot! So hat der Feind dauernd in Spannung gelebt, daß irgendwo und -wann der »Seeadler« wieder auftauchen könnte. Er hat viel Geld für Bewachen und Abstreifen der See ausgeben müssen.

Ich versicherte nun dem Oberstleutnant, daß meine Leute, wenn sie könnten, sicher auf neue Kaperfahrt gingen, aber keinesfalls daran dächten, mich zu entführen. Er gab schließlich die Erlaubnis zum Theaterspielen. Ich zog ihn nun ins engste Vertrauen und es gelang mir, ihn für den Theaterplan lebhaft zu erwärmen. Unter anderem sagte ich ihm, ich führte das Stück nur unter der Voraussetzung auf, daß keiner vom anderen wüßte, welche Rolle er spielte, denn es sollten nicht nur die Zuschauer überrascht werden, sondern auch die, welche mitspielten. So gab ich den Kadetten, welche nicht zur Flucht geeignet waren, ordentlich was zu lernen auf. Mit vereinten Kräften wurden Verse geschmiedet und memoriert. Einige mußten Schiffe ausschneiden als Silhouetten, dennich wollte aus bestimmten Gründen die Schlacht beim Skagerrak aufführen. So fühlen sie sich auch im Vertrauen. Meine Kadetten malten Kriegsflaggen, nähten Mützenbänder und verfertigten schwarz-weiß-rote Kokarden. Wenn einer kam und fragte, hieß es: »Du weißt, der Graf hat gesagt, wir dürfen voneinander nichts wissen.« Alles geschah heimlich und der Oberstleutnant freute sich, und wenn ihm etwas Verdächtiges gemeldet wurde, lächelte er überlegen: »Ja, ich weiß schon, das ist Theater.«

Aus Marmeladebüchsen wurden von den wirklich Eingeweihten Handgranaten hergestellt mit Hilfe eines Sprengstoffes, den meine Jungs einem Farmer, bei dem sie Baumwurzeln sprengten, stibitzt hatten. Funkentelegraphist Grün, ein Genie in seinem Fach, baute eine drahtlose Empfangsstation. Kadett von Zartowsky verfertigte aus einem alten, angetriebenen Rudersextanten, Rasierapparaten und geschliffenen Spiegeln einen Sextanten, der uns nachher nur um 50 Seemeilen aus dem Weg gebracht hat, also den Umständen nach gut arbeitete. Der Sextant ist heute in einem feindlichen Museum ausgestellt; eine Gesellschaft der Wissenschaften hat eine eigne Sitzung über diese außerordentliche Leistung von Erfindungsgabe bei dürftigen Hilfsmitteln abgehalten.

Bei unsern Hühnerställen

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Bei unsern Hühnerställen.

Wir mußten nun auch Segel haben für unser Motorboot. Paulsen ließ hinter den Kantinenbestellungen auf dem Bestellzettel gewisse Lücken offen, die er, nachdem der Oberstleutnant seine Unterschrift gegeben hatte, nachträglich ausfüllte. So bezogen wir dutzenderlei nötige Materialien aus Auckland, und wenn der Kommandant erneut von einem Untergebenen auf die auffälligeren Bestellungen hingewiesen wurde, blinzelte er verständnisinnig: »Es ist in Ordnung, ich weiß schon.« Nur als ich einmal als Theaterdirektor für die Vorbereitungen einen abgetrennten Platz verlangte, den niemand ohne des Kommandanten besondere Erlaubnis betreten durfte, lehnte er ab. Das war ihm denn doch zu viel.

Das Hühnersterben fiel auf

»... Das Hühnersterben fiel auf.«Der österreichisch-polnische Arzt erklärt es dem Lagerkommandanten.(Englische Karikatur nach unserer Flucht.)

Wir beschafften uns also Proviant in großen Mengen, vor allem Eßwaren, die wenig Platz einnehmen und bei der Zubereitung ordentlich aufquellen, wie Reis und Grütze. Die Lagerhühner schlachteten wir heimlich eines nach dem anderen weg und wecktensie ein. Das Hühnersterben fiel auf, und der Doktor, der autoritativ auf eine Geflügelpest diagnostizierte, gab Pulver unter das Futter, worauf die Tiere natürlich noch rascher wegstarben. Es fiel schließlich auf, daß die toten Hennen fast nie zu finden waren. Aber inzwischen war unser Vorrat auch schon genügend.

Unser zukünftiges Segel wurde als Theatervorhang genäht, und schließlich auch eine Bühne aufgebaut. Wenn eine Wache vorbeikam, lernten die, welche an Handgranaten oder am Sextanten arbeiteten, fleißig ihre Verse, und der Kommandant erbat sich von mir, der ich an meinen Krücken umherschlich, eine englische Übersetzung des Ganzen aus.

Die Kosten für die Ausstattung wurden durch eine Sammlung im Lager aufgebracht. Der Arzt verwaltete mir die Theaterkasse und sah dabei schon zu, daß er zu dem Seinigen kam. Dann galt es, Ferngläser, Karten und gute Uhren zu beschaffen. Die Karten schnitt ich aus Atlanten aus. Es wurden ja immer nur die Blätter Frankreich und Rußland aufgeblättert, und wenn einer wirklich einmal die Südsee nachsehen wollte, dann hatte er doch nicht mich im Verdacht des Diebstahls. Ich ließ aber alles Entwendete aufschreiben und die Eigentümer später entschädigen. So machte ich es auch mit den Ferngläsern. Einige davon wurden mir von Reserveoffizieren geliehen, die einsahen, daß ich sie brauchte, um das gegenüberliegende Fort zu beobachten und daran Admiralsaufgaben zu bearbeiten. Das beste Glas gehörte aber einem Herrn, der es sehr sorgfältig hütete. Ich machte ihn ängstlich: »Passen Sie auf, daß es die Leute nicht klauen. Haben Sie es auch gut versteckt«. Ich ließ mir das Versteck zeigen und stritt mit ihm darüber, daß das nicht sicher wäre. Dann nahm ich es ihm fort, und er kam betrübt zu mir: Ich hätte nun leider doch recht behalten. Er mußte später lachen, als er es wieder erhielt. Jeder, dem ich sein Glas oder seine Uhr abschwatzte, wurde verpflichtet, es vor den anderen geheim zu halten, damit meine angebliche »Spionagetätigkeit« nicht herauskäme. Die meisten haben übrigens später auf Entschädigung verzichtet und dachten wie ich beim Schwindeln: Alles fürs Vaterland.

Als wirkliche Waffen fertigten wir uns Handgranaten und Dolche, die wir aus Dreikantfeilen schliffen. Da wir auf unserer Kreuzfahrt die Erfahrung gemacht hatten, daß wir mit Waffen kaum etwas zu tun hatten, vielmehr eine Flagge, einige Scheinwaffen und etwas Draufgängertum genügten, so zimmerten wiruns ein paar Scheinrevolver und sogar ein imitiertes Maschinengewehr aus Petroleumbehältern. Ein Chemiker stellte uns Gasbomben her. Ein paar richtige Handfeuerwaffen mußten wir aber haben. Während einmal alles im Lesezimmer um eine neue Zeitschrift versammelt war, entwendeten wir aus einem verschlossenen Raum zwei Gewehre und elf neuseeländische Uniformen. Kircheiß ging gerade mit einem Gewehr im Nachtanzug zu unserem Versteck, als ihn ein Wachtposten anrief. Er schützte aber etwas anderes vor und entfernte sich mit gemessener Eile in merkwürdig gezwungener, steifer Haltung, das Gewehr in der Hose versteckt.

So wurde unsere Erfindungsgabe unaufhörlich beschäftigt. Wie brachten wir nun aber unsere ganze gesammelte Ausrüstung in das vor Anker liegende Boot hinein, das keiner betreten durfte?

Letzte Vorbereitung zur Flucht

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Letzte Vorbereitung zur Flucht. »... Die Tommys ziehen dienstbeflissen das Boot an Land« (und werden dabei von uns photographiert).

Wir hielten einen Kriegsrat. Im allgemeinen vermied ich es peinlich, mit den Kadetten zusammenzukommen. Herr von Egidy, der meine rechte Hand wurde und als Nichtseemann unauffällig mit den Kadetten verkehren konnte, führte die von uns entworfenen Ideen im einzelnen durch, während ich mich möglichst müßig zeigte. Sonntags aber ließ ich mich von den Kadetten gelegentlich zum Kaffee einladen, und da wurde folgender Plan gesponnen. Freund,der Motormann, und Paulsen, der Steuermann, erzählten dem Oberstleutnant, der Schraubenschaft des Bootes wäre leck. Beunruhigt befahl er darauf seinen Soldaten, das Boot so schnell wie möglich aufs Land zu holen. Prompt am andern Morgen stehen bei Hochwasser die erforderlichen Tommys am Strand und ziehen mühselig, aber dienstbeflissen als ahnungslose Werkzeuge unseres Planes das Boot an Land. Außer der Reparatur ließ Turner gleich auf Freunds und Paulsens Vorschlag das ganze Boot malen, da er es zum Verkauf ausgeschrieben hatte und gern proper haben wollte. Nun hatten wir reichlich Zeit, es nach Wunsch zu bepacken, und die beste Gelegenheit ergab sich dadurch, daß einige von uns mit Farbenpötten sogar die Nacht über beim Boot verweilen durften.

Die Kadetten Schmid und Mellert hatten stets die Kohlen für das Gefangenenlager zu fahren, ihnen war das Pferd anvertraut. Jetzt karrten sie unsere ganzen Vorräte unter leeren Kohlensäcken zur Landungsbrücke hinab. Seekadett Mellert war der besondere Vertrauensmann des Farmers und durfte als Hammelschlächter unten am Strand außerhalb des Lagers wohnen. Nun war aber in diesem Hause leider auch ein naturalisiertes Subjekt, ein gewisser P. H., der sich durch Schmuserei die Erlaubnis verschafft hatte, dort unten zu hausen. Diese naturalisierten Deutschen, die durch die Strenge der feindlichen Kriegsmaßnahmen zwar von der Gefangenschaft nicht verschont blieben, aber dann als Vaterlandsverleugner sich Vergünstigungen verschafften, waren der trübste Punkt im Lagerleben und erinnerten nur allzusehr an manche Seiten der deutschen Geschichte, wo sich Landsleute im fremden Dienst auf Kosten des Zusammenhalts und der Kraft unserer Nation emporgebracht haben. Übrigens verachteten die Engländer die schlechten Deutschen am meisten. Dieses Subjekt saß nun dauernd am Fenster, las in einem Buch und sah beim Malen des Bootes zu. Es war ungemütlich, aber nicht zu ändern. Vermutlich wollte er durch Verrat sich die Freiheit verdienen.

Die »Perle« war ein prachtvolles Boot von etwa neun Meter Länge, mit einem hervorragenden Motor. In die Bilge, den Doppelboden, worin sich das Leckwasser sammelt, damit man trockene Füße behält, verpackten wir nun unsere Uniformen, Privatsachen und für sechs Wochen Proviant. Außerdem wurden die vorhandenen Schiebladen aufgefüllt und dicht vernagelt. Als der Kommandant einmal danach fragte, wurde ihm frech und frei geantwortet, siewären zugenagelt, weil sie doch nie gebraucht würden und bei der Fahrt klapperten. Ferner nahmen wir öffentlich Frischwasserbehälter hinauf, die dem Kommandanten als Reservebenzinkannen bezeichnet wurden, und einen von uns selbstgebauten Kondensapparat, mit dem man in einer Stunde zwei Liter Wasser herstellen konnte.

So wurde das Boot in den unsichtbaren Räumen vollgepackt. Alles war darin, auch die Gewehre. Wie aber sollten wir uns Munition verschaffen? Der Munitionskasten der Lagerwache zog uns an wie Honig die Bienen, aber es schien unmöglich, an ihn heranzukommen, da er sich in dem gutverschlossenen Warenschuppen neben den Soldatenbaracken befand. Der Schlüssel dazu hing im Wachtlokal, vor dem dauernd ein Posten auf und ab ging. Wie konnten wir an dem Tommy vorbei zu dem Schlüssel gelangen? Wir grübelten lange hin und her, die schwierige Frage löste sich aber eines Tages ganz plötzlich.

Schmid und Mellert hatten eine Ratte gefangen, ihr ein Band ans Bein gebunden und einen Kater darauf scharf gemacht. Das kleine Sportereignis zog natürlich den wachestehenden Tommy lebhafter an als sein Wachtlokal. Während dieser nun den Rattenfänger anfeuert: »Let him catch him«, schlüpft Mellert heimlich und leise zu dem Türpfosten, hakt den Schlüssel ab und sobald er ihn hatte, wurde auf einen heimlichen Wink hin das Kampfspiel abgebrochen und die Ratte zur späteren Verwendung aufgehoben. Der Wachtposten war recht enttäuscht.

Dann begab man sich nach dem Warenschuppen, worin der Munitionskasten stand, und weg damit zum Zelte Grüns. Außer der Munition, die wir im Boot mitnehmen wollten, interessierte uns auch besonders die Munition, die die Soldaten in ihren Bereitschaftskästen hatten. Wir wollten den Feind dadurch bei einem etwaigen Alarm, den unsere Flucht zur Folge haben könnte, entwaffnen. Dies geschah dadurch, daß wir aus den Patronen das Pulver bis auf einen kleinen Rest entfernten, Papierabschluß daraufsetzten und die Patronen mit Sand wieder auffüllten. Wenn die Neuseeländer nun schießen wollten, dann reichte das Pulver gerade so weit, daß die losgeschossene Kugel in den Zügen stecken blieb. Bätsch! war es alle; die im Laufe steckende Kugel, festgetrieben durch den Sand, machte das ganze Gewehr unbrauchbar.

Die so »Made in Germany« bearbeiteten Patronen wurden schließlich wieder in den Warenschuppen gebracht. Nun galt es, den Schlüssel im Wachtlokal anzuhängen, wozu Katz und Mauswieder erschienen. »Let him catch him«, rief der Posten voll Vergnügen, und der Schlüssel hing bald wieder an seinem Ort. Nur der Senior unseres Lagers, der immer auf den guten Ruf des Deutschtums bedachte Herr Höflich aus Samoa, machte mich in ernstem Tone auf das Bedenkliche einer solchen Tierquälerei aufmerksam, die unter den Augen des Feindes uns als »cruel huns« erscheinen ließe und auch unsere Landsleute empöre.

Ich hatte nur g. v.-Leute als Wachpersonal

Oberstleutnant Turners Entschuldigung vor dem Kriegsgericht: »Ich hatte nur g. v.-Leute als Wachpersonal.« (Englische Karikatur.)

Benzin hatten wir nach Belieben, da der Oberstleutnant darin ein großer Hamsterer war. Bei der Prüfung seiner Bestände fand der Kommandant, daß Zahl und Gewicht der Behälter immer stimmten; nur der Stoff innen hatte sich mehr und mehr in klares Brunnenwasser verwandelt.

Jetzt konnten die vielen Tommys wieder antreten. Das gutbemalte, tadellos gestaute Boot lag bald wieder im Wasser.

Der Lagerkommandant erkundigt sich nach unserer Gesundheit

Der Lagerkommandant erkundigt sich nach unserer Gesundheit, während wir unsere Ausrüstung ausarbeiten. (Englische Karikatur.)

Das Lagertelephon hatte Grün in einer Kiefernschonung geerdet,aber so, daß wir einen Schalter hatten, den wir nur umzulegen brauchten, um die Leitung zu unterbrechen. Mit einem Telephonhörer, den einige Mitgefangene aus Devonport mitgebracht hatten, hörten wir jetzt in einer als Zelle eingerichteten Wurzelhöhle den telephonischen Verkehr des Lagerkommandanten mit dem Hauptquartier in Auckland ab. Nachts befanden sich gelegentlich in der Gegend Motorboote, welche Übungen abhielten. Wir hatten nie recht erfahren können, warum, mußten das aber nun herausbekommen. Denn diese rätselhaften Vorsichtsmaßregeln beunruhigten uns lebhaft. Wir legten also den Hörer im Walde an die Telephonleitung. Dort hatte jeder von meinen Jungs zwei Stunden Wache, um die Gespräche des Lagers mit dem Hauptquartier zu belauschen. Von jetzt ab waren wir über alles unterrichtet. Wir hörten auch, daß der Oberst Patterson in Auckland Turner Vorwürfe machte, weil die Morselichtsignale nicht abgenommen würden. Der Oberstleutnant erwiderte, daß zu heller Mondschein gewesen wäre. Wir hörten weiter, daß die Übungen dazu dienen sollten, aufzupassen, falls die Deutschen nachts ausbrechen wollten. Wir mußten unser Programm also für den Tageinrichten. Gleichzeitig machte der Oberstleutnant darauf aufmerksam, daß er tags nur das Telephon zum Alarm hätte; ob man ihm nicht ein Helioskop schicken wolle?

Das Helioskop kam nach wenigen Tagen an. Aber unsere Jungs, die besser wußten, was eine Helioskopkiste war, als die neuseeländischen Soldaten, und bei deren Bequemlichkeit regelmäßig als Hilfskräfte beim Auspacken herangezogen wurden, brachten die Kiste beim Entladen des ankommenden Verkehrsbootes sofort in Sicherheit. Bei dem lässigen Behördenbetrieb fiel es zunächst niemand auf, daß das Helioskop auf sich warten ließ, und wir selbst brauchten es doch viel nötiger als der Kommandant.

Immerhin sahen wir, daß man auf uns aufpaßte. Sogar die Telephonleitung sollte einmal untersucht werden. Glücklicherweise kamen die Arbeiter erst nach unserer Abfahrt, die wir von dem zuerst angenommenen Zeitpunkt hatten verschieben müssen.

Je mehr sich unsere Vorbereitungen dem Abschluß näherten, desto schlimmer wurde mein Rheumatismus. Der Kommandant bedauerte mich immer mehr und war innerlich immer zufriedener. Aber auch die Soldaten nahmen etwas größeren Anteil an mir. Einer bot mir aus Mitleid mal ein Mittel an, »Farmers Friend« hieß es. Er hätte viel mit Pferden zu tun gehabt, da hätte es gut getan, es würde auch dem Grafen jetzt gut helfen. Ich ließ mir die Pferdekur geben und rieb mich angeblich damit ein. So wurde der Soldat mein Berater für körperliche Leiden und immer intimer mit mir, so intim, daß ich ihn und einige seiner liebsten Kameraden am letzten Tage sogar die militärischen Abzeichen mitbringen lassen konnte, als »Andenken«, in Wahrheit brauchte ich sie natürlich für die Vervollständigung der neuseeländischen Uniformen, in welchen meine Bootsmannschaft losging. Ich selbst trug schon stets im Lager neuseeländische Uniform (mit deutschem Marineabzeichen). Die deutschen Beamten aus Samoa, die nicht eingeweiht waren, fanden das natürlich skandalös.

Ich selbst trug schon stets neuseeländische Uniform

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

»... Ich selbst trug schon stets neuseeländische Uniform.«

Ich hatte meine Leute vollkommen in der Hand. Wenn es nötig war, wies ich einen wohl in seine Schranken zurück, wir blieben aber Freunde. Daß ich in allem Tun und Lassen mit einer gewissen Kühnheit verfuhr, begeisterte die Leute, sobald sie hin und wieder den Beweis erhielten, daß das Beabsichtigte gelang. Die Kadetten mußten die vorbeifahrenden Schiffe stets beobachten, wie oft sie kamen, welche Typen es waren usw. Die Nachrichten wurden dann zum Plane verwertet.

Wir waren fertig, und nun kam für uns die Generalprobe heran. Am hellichten Tage machten wir blinden Alarm; denn als richtige Deutsche mußten wir auch die Gewißheit haben, daß alles Erfundene und Erarbeitete solide war und klappte.

Auf ein Stichwort begab sich also jeder auf seinen Posten. Grün sollte das Telephon umstellen, zerstören wollten wir es nicht, um im Fall des Mißlingens der Flucht keinen Verdacht zu erwecken. Klöhn hatte das kleine Ruderboot entzweizuschlagen, damit die Verfolgung erschwert würde. Schmid fuhr mit dem Wagen hinunter, Kohlen holen, in Wirklichkeit aber unter den leeren Säcken Benzin hinunterschaffend. Ich selbst ging mit Herrn von Egidy in das Gouverneurhaus, wo ich alles übersehen konnte. Paulsen und Freund sollten eine halbe Stunde vor Abfahrt in die »Perle«, um sie »reine zu machen«. Kircheiß half Mellert indessen Haus beim Packen der letzten Sachen, und zu guter Letzt kam ich mit Egidy »auf einem Spaziergang« zur Landungsbrücke.

Den Probealarm haben wir tatsächlich in Gegenwart des Kommandanten ausgeführt, ohne daß er etwas ahnte. Bei dieser Übung sahen sich die elf Verschworenen zum ersten Male alle gegenüber. Vorher hatte ich nur einzeln mit ihnen verhandelt und keiner wußte vom andern; so gewissenhaft und verschwiegen hatten alle gehandelt. Nach den Erfahrungen wurde auch die eine oder andere Anordnung abgeändert, und mit deutscher Gründlichkeit war jetzt alles eingeübt.

Ein großer Teil der neuseeländischen Küstenschiffahrt kam an Motuihi vorbei. Bequem konnten wir von der Insel aus in aller Ruhe mit unseren Gläsern die Schiffe besichtigen, und wenn ein für uns passendes Fahrzeug vorbeisegelte, ihm geräumigen Abstand lassen, um mit unserer schnellen »Perle« hinterherzuflitzen. Da trat aber, als wir fertig waren, schlechtes Wetter ein und infolgedessen fuhren auch keine Schiffe vorbei, da der Wind von ungünstiger Seite kam.

Nun wollte Oberstleutnant Turner einmal fahren. Er liebte es, selbst zu steuern. Paulsen setzte sich bei der Fahrt nach vorn zu Freund, damit der Oberstleutnant behindert würde, nach vorn zu gehen und das Boot zu untersuchen. Turner freute sich, daß er auf einmal so leicht und sicher fuhr. Paulsen erklärte das damit, daß wir den Ballast umgelagert, hinten etwas hineingestaut hätten. (Es waren ja auch 2000 Kilogramm verpackt). Der Motor war vorher für das Boot zu stark gewesen und lief jetzt bei größerer Belastung wirklich besser. Der Oberstleutnant saß auf Handgranaten und steuerte, unsere Jungs ließen von ihrer Aufregung nichts merken. Anderntags fuhr sogar der Kriegsminister in eigener Person in unserer »Perle«.

Da ließ eines schönen Tages der Kommandant Paulsen kommen und fragte ihn mißtrauisch: »Wo habt ihr den Schlüssel zur Ankerkette und zur Bootskajüte?« Die Frage wirkte auf Paulsen wie ein Donnerschlag, er mußte alles für verraten halten. In der Tat waren Turner Dinge zu Ohren gekommen. In der Nacht war ein Zettel unter die Tür des Wachthauses geschoben worden, worauf in schlechtem Englisch stand: »Bitte Boot untersuchen. Es ist vollgepackt mit Proviant.« Turner geriet in Aufregung und die Posten wurden verdoppelt. Wir wußten wohl, wer der Lump war.

Alles schien nun verloren. Turner, der ein ruhiges Leben liebte, saß immer etwas in Angst vor der öffentlichen Meinung.Er mußte denen drüben in Auckland zeigen, was er für ein schneidiger Mann wäre, und so wurden auch die Nachtübungen weniger aus Argwohn gegen uns veranstaltet, als um drüben »show« zu machen. In Neuseeland wie in anderen demokratischen Ländern stand häufig die Rücksicht auf die Stimmungen des Publikums über allen anderen Erwägungen.

Prise in Sicht!

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Prise in Sicht!

Paulsen verstand es nun, als der Verrat geschehen war und alles auf des Messers Schneide stand, genial den Gekränkten zu spielen und den Kommandanten von der sofortigen Untersuchung des Bootes abzubringen. Außerdem glaubte Turner ja, mich in der Hand zu haben, da ich mir angeblich 100 000 Mark hatte aus der Heimat schicken lassen. Er, der frühere Kohlenhändler, hatte dies heimlich geschehen lassen; und er hatte sogar, indem er zur Umgehung der Zensur den Brief unter Dienstsiegel schickte, dazu gemurmelt: »I hope, you will not forget me!« worauf ich ihm verständnisinnig zugenickt hatte. Es war das Gerücht verbreitet, ich hätte die »Seeadler«-Reise auf eigene Rechnung gemacht. Mein »Reichtum« machte fabelhaften Eindruck, und so dachte Turner, da er ja 5000 Pfund Sterling sozusagen als private Kaution inHänden hatte, nicht ernstlich an die Gefahr meiner Flucht. Das Behagen kehrte wieder. Den Zettel hatte wohl ein Verrückter geschrieben, nahm Turner an. Der schwere Augenblick ging unerwartet gut vorüber.

Nun wird man mich fragen, warum wir überhaupt fliehen wollten. Bei dem ungeheuren Mißverhältnis zwischen unseren Kräften und der Macht des Feindes und sonstigen Hindernissen, konnte nur ein ganz klarer und bis ins einzelne durchdachter Plan dieses Unternehmen rechtfertigen. Das Ziel war zunächst, den Oberst Logan auf Samoa in unsere Hände zu bekommen, um ihm für seine Mißhandlungen deutscher Frauen einen Denkzettel zu erteilen. Die Gefangennahme Logans gedachten wir folgendermaßen zu ermöglichen. Mit der »Perle« mußte zunächst ein Segelschiff gekapert werden, um überhaupt bewegungsfähig zu werden. Darauf galt es, an geeigneter Stelle einen neuseeländischen Dampfer zu kapern, denn nur mit einem Dampfer konnten wir in Samoa einlaufen und Logan, der über starke militärische Macht verfügte, glauben machen, daß wir ihm einen Befehl vom neuseeländischen Kriegsminister zu überbringen hätten. Somit beabsichtigten wir, uns zunächst mit der »Perle« auf die Lauer zu legen, bis wir uns eines Segelschiffes bemächtigen konnten, um mit diesem dann nach der Hauptinsel der Cookgruppe, Rarotonga, zu fahren, wo die Dampfer zwischen Neuseeland und San Franzisko anlaufen. Wir wußten durch Gefangene, daß sich auf Rarotonga weder eine Funkenstation, noch eine militärische Macht befand; die Eingeborenen sollten sehr deutschfreundlich sein. Im Vertrauen darauf wollte ich mit dem Motorboot unter deutscher Kriegsflagge in den Hafen von Rarotonga einlaufen und die dortige Bevölkerung glauben machen, wir kämen mit der »Perle« von einem draußenliegenden deutschen Hilfskreuzer. Die Mützenbänder meiner Leute trugen zu diesem Zweck schon die Aufschrift S. M. S. »Kaiser«. Der Name hätte durchgeschlagen. Dann wollten wir den Residenten festnehmen und die paar auf der Insel lebenden Engländer genau in derselben Weise internieren, wie wir interniert waren. Im Besitz Rarotongas hätten wir den nächsten einlaufenden Dampfer abgewartet. Die Dampfer hatten aber hinten und vorn Geschütze, wie war es dann nur möglich, einen solchen in unsere Gewalt zu bringen? Wir wären in neuseeländischen Mänteln und Mützen, den Residenten in unserer Mitte, zum Dampfer hinabgegangen, um die übliche Visite zu machen. Im Augenblick, wouns der Kapitän freundlich begrüßte, hätten wir die deutsche Flagge und Handgranaten gezeigt, die Geschütze sofort besetzt, und da das verblüffende Auftreten uns im Augenblick die Oberhand gab, hätten wir die Leitung des Schiffes bekommen. Dann wären wir auf Samoa zugesteuert und hätten uns vorher durch drahtloses Telegramm als Überbringer wichtiger Geheimbefehle des Kriegsministers an Oberst Logan angekündigt. Auf dem amtlichen Briefpapier, das wir nebst den dazugehörigen Stempeln und Namenszügen von Turners Schreibtisch genommen hatten, hätten wir einen persönlichen Befehl an Logan übergeben, wären selbst aber außerhalb des Hafens liegengeblieben. Logan hätte, wenn ihm der Bote den Befehl überbrachte, darauf die eigenhändige Unterschrift von Sir James Allen gefunden, denn wir hatten die Unterschrift bereits in Kupfer ätzen lassen. Logan hätte darauf an Bord kommen müssen, und wir hätten mit ihm an Bord die Kaperfahrt fortgesetzt. Das war unser Plan.

Am Strand von Motuihi

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

Am Strand von Motuihi.

Als Kommandant eines Kriegsschiffes brauchte ich auch noch unbedingt einen Säbel. Den habe ich auf folgende Weise bekommen. An dem Tage unserer Flucht war Turner früh nach Auckland gefahren, um seine Tochter abzuholen. Er hatte etwasden Größenwahn und liebte fürstliches Gepränge; so ließ er seine sämtlichen Offizierstellvertreter und Unteroffiziere zum Empfang seiner Tochter an die Landungsbrücke kommen. Mittlerweile ging einer meiner Jungs an seinen Schrank, holte die beste Uniform heraus, nahm den Säbel aus dem Segeltuchfutteral und füllte dieses, damit es straff hing, unten mit einem Senkblei, und oben, wo der Säbelkorb hingehört, mit einer Konservenbüchse, und dann ging Mellert, den Säbel im Hosenbein, mit einem Gemüsesack, aus dem ein paar Gemüseköpfe hervorschauten, der auf dem Boden aber die Uniform enthielt, forsch und bieder an dem festlich einziehenden Oberstleutnant vorüber.

Mellert ließ noch im Augenblick der Flucht bei dem Ruderboot, das wir zerschlugen, einen Brief liegen, damit der Farmer, bei dem er beschäftigt gewesen war, ihn fände. Die neuseeländischen Zeitungen haben ihn als Beispiel deutscher Pflichterfüllung und Sachlichkeit abgedruckt, und so mag dieser Abschiedsbrief eines echten Hunnen aus einer dieser Zeitungen auch hier wieder abgedruckt stehen:


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