Erdmann guckt mich immer so an und dreht mit dem Weinglas hin und her und entdeckt wohl eine gewisse Ähnlichkeit. Man sieht es ordentlich seinem Gesicht an, daß ich nach seiner Meinung einem Matrosen ähnlich sehe, aber er kämpft es offenbar nieder, denkt wohl, daß es gerade keine Schmeichelei für einen Seeoffizier sei, wenn er das sage.
Wie ich einmal hinausgegangen bin, fragt er den Reeder: »Wie rede ich ihn eigentlich an, er ist doch Oberleutnant und Graf?«
»Ja,« sagt der Reeder, »man nennt ihn nur Graf.«
»Sie müssen denken, ich bin beinahe herausgeplatzt mit der Sprache, denn er sieht einem Matrosen so ähnlich, ich dachte, es wäre sein Bruder, denn so was von Ähnlichkeit habe ich noch nie gesehen.«
Wir sitzen da, essen und trinken, er guckt mich immer so an, der olle Kaptein, kommt aber nicht aus sich heraus.
Wie ich nun in gute Stimmung komme, frage ich: »Kennen Sie mich wieder?«
»Wat? Wat is los??«
Wie auf dem Sprunge war er.
Ich sage: »So, ich dachte, Sie kennen mich wieder.«
»Was meinen Sie damit, daß wir uns schon mal gesehen haben?«
»Ja, wir haben uns doch mal gesehen.«
Er rang noch einmal mit sich selbst und zwang es nieder.
»Ja, Herr Graf, Sie kommen mir auch so bekannt vor, aber wo haben wir uns gesehen?«
»Kennen Sie mich nicht?«
Nun saß er da, drückte hin und herüber, der Direktor hatte gesagt, er dürfte das mit der Ähnlichkeit nicht herausreden. Er saß, wie man zu sagen pflegt, mit de Vorbeen’ im Trog. Ich sage:
»Kennen Sie Filax?«
»Mensch ... Mensch. Sind Sie Filax??«
»Aber Herr Kapitän,« sagt der Direktor.
»Ach, Herr Direktor, dat is mi man blot so rutlopen.«
Ich bestätigte, daß ich es wäre.
»Nein, Sie sind das gewesen? Sie sind bei mir an Bord gewesen? Sie sind doch ein Marineoffizier, wie kommen Sie an Bord?«
Ich erzähle ihm meine Laufbahn, und da sind dem Mann die Tränen heruntergelaufen: »Jetzt gebe ich eine Pulle aus, das freut mich so, das kann ich gar nicht verstehen. Ich war doch immer nett zu Ihnen, nicht wahr?« Der Steuermann hätte aber gesagt, ich wäre altbacksch. »Ach was, der Steuermann, das ist ja aber gar nicht wahr, daß Sie altbacksch sind.«
Da kam der gute Kerl so in Schwung, daß er uns einlud nach Sankt Pauli. Ich müßte doch noch einmal an Bord kommen, das sollte ich ihm versprechen.
Dann sind wir mit vollem Winde nach Sankt Pauli gezogen. Da ging es hoch her! Er war so stolz: »Mi glöwt dat ja keen, wenn ik dat min Matrosen un Stürlüt vertell. So einen ulkigen Graf, den hab ich mir doch nicht vorgestellt.« Der Kaptein hat sich an diesem Abend tüchtig beschnobbert. Ich konnte leider nicht mehr an Bord kommen, und so habe ich ihm wenigstens ein Bild vonmir zugeschickt zum Dank für die drei Tage an Bord, die mich so aufgefrischt hatten.
In Hamburg ist ein Heim, wo die armen Seefahreralten auf Staatskosten untergebracht werden. Unten am Eingang hängt ein Gemälde mit der Aufschrift: »Helft den Seefahrern um Gotteswillen!« Oft bin ich hineingegangen zu den Alten, von denen manche 50 Jahre auf See gefahren waren. Es sind knochige Gestalten mit verwetterten Gesichtern und Kranzbärten. Jeder hat einen kleinen Raum, eine Kajüte und Koje, die Wände mit Erinnerungszeichen geschmückt. In der Messe versammeln sie sich um einen großen Tisch. Wenn man hinkommt, um sie zu besuchen, tritt einer nach dem andern aus seiner Kajüte, die Pfeife im zahnlosen Munde, brennt sich die Pip an und hört zu, was man als junger Seemann erzählt. Meistens nahm ich ihnen ein wenig Plattentabak mit, wenn ich hinging, und dann hieß es: »Na Filax, wat giwwt dat Ni’es?« Die alten Leute klagten besonders, daß man ihnen die Hochbahn vor die Nase gebaut hätte. Sie hatten nun keinen freien Ausblick mehr und konnten nicht wie früher sehen, wenn ein Segelschiff raus ging. Mit der neuen Zeit sind die alten Leutchen gar nicht recht einverstanden, es gibt nichts mehr, was sie interessiert. Eigenartig ist es, wie sie ihre Strümpfe stopfen. Sie stecken eine Flasche in den Strumpf und stopfen dann. Der Seemann legt bekanntlich großen Wert auf das Stopfen und stopft genau nach den Maschen, so daß es nachher nicht zu sehen ist.
Ein anderer malt Schiffe auf Ölsegeltuch. Ein ganz blauer Himmel oder ein ganz schwarzer.
Die alten Seeleute haben nichts weiter als ihre Seekiste, die ihr einziger treuer Begleiter ist, mit dem sie die See befahren haben, die Außenwelt kümmert sich nicht mehr um sie. Ab und zu, alle halben Jahre einmal, bekommen sie einen Brief von einem Maaten, der vielleicht zehn Jahre jünger ist als sie. Ein solcher Brief wird erst allgemein vorgelesen und dann liest ihn jeder für sich allein. Und dann geht es los:
»Minsch, weetst du noch, as wi in Buenos Aires wären, wo wi uns do dropen däh’n?« Viele Erinnerungen tauchen auf, »un weetst du noch, da un da, wo du so besoopen wärst?«
Einmal habe ich ein Boot genommen und die alten Leutchen eingeladen zu einer Spazierfahrt im Hafen. Ach Gott, wie waren sie begeistert! Erst eine Hafenrundfahrt. Wie sie so alle langsamins Boot klettern. Und dann geht es los. »Nu, man nicht so gau (jäh), dat Schip möt wi uns erst mal ansehn. Minsch, wo ward dat hengahn? Jung, kiek, de hätt noch ne ornlich stramme Takelag’.« So wird jedes Schiff bewundert oder kritisiert. Schließlich kommen wir an einen alten Segler, der auch seine Pflicht getan hat. »Dat oll Schip, mit de ik in Rio tosom’ leggen hev. Künn’ ik doch noch mal mit so ’n Schip rut!« Die neuen Schiffe waren ihnen zu modern, da konnten sie keinen rechten Gefallen daran finden.
Einen Veteranen meines Berufes aber habe ich nie wieder gesehen, meinen lieben Oll Pedder. Als ich nach meiner Flucht zum erstenmal wieder Hamburger Boden betrat, hatte es mich vor allen Dingen natürlich zum Haus am Brauerknechtsgraben hingezogen. »Peter Brümmer« stand noch an der Tür. Ich klopfe an und trete ein, aber nur seine alte gebrochene Schwester kommt mir in gebückter Haltung entgegen. Ich frage: »Wo is Pedder?«
»Pedder, de is dod.« Und dann: »Bist du dat, bist du sin Jong?, den he no See to bröcht hett? Wie manchmal hett he an di dacht, wie oftmal hett he seggt: Wo is wohl de Jong? Pedder is nich meh, he is nu all drei Johr dod.«
»Wo liggt he denn begraben?«
»In Ohlsdorp.«
So konnte ich meinen alten lieben Pedder nur auf dem Friedhof besuchen, und da das Grab doch zu karg gepflegt war und ich ihm so viel zu verdanken hatte, habe ich ihm in einem Altwarengeschäft einen eisernen Anker gekauft mit einer Messingtafel. Darauf steht eingegraben: »Ik hev di nich vergeten. Din Jong.«
Als ich nun zuletzt nach Hamburg kam, nach der Unterzeichnung des Friedens, der auch die deutsche Elbe ihrer Schiffe beraubt hat, fand ich meine alten Fahrensleute niedergedrückter als jemals. »Jetzt, wo wi keen Scheepen meh hevt, denkt keen Minsch meh an uns. Wenn wi man blot noch ’n Strämel to smöken han!« Man hat ihnen, als man dies hörte, einen Zentner Tabak hingeschickt, und meine Freunde blieben auch nicht müßig. Es wäre ein schlechtes Zeichen für die deutsche Jugend, wenn sie die Alten vergäße, die mitgeholfen haben, daß unsere Schiffahrt die größte der Welt nach der englischen wurde. Wie ein Märchen ist es uns heute, daß diese stolze Zeit, die eben noch da war, verschwunden sein soll! Aber für Deutschland zur See zu arbeiten, ist auch heute eine Ehre, und ich hoffe es noch zu erleben, daß derhöchste Traum deutscher Jungens wieder der sein wird, unter unserer Flagge zur See zu gehen als Matrose oder Offizier auf Handels- oder Reichskriegsmarine. Darum möchte ich bitten: »Vergeßt auch die Alten nicht, und denkt in der Armut, die über uns alle hereingebrochen ist, an die Ärmsten, die sich keine neue Zukunft mehr zimmern können!« Ihnen Liebes zu erweisen, findet dankbare Herzen. Denn die Seeleute, die diesen rauhen Beruf haben, sind in ihrem Innern zumeist weiche Menschen. Die See hat in ihnen ein Stück Kindlichkeit gehütet.
Im Jahr 1913 war ich auf »Braunschweig« und auf »Kaiser«, dem Flaggschiff Seiner Majestät, das ganz neu als erstes in einer Klasse der Großkampfschiffe in Dienst gestellt war. Darauf habe ich an wundervollen Reisen nach Norwegen teilgenommen und auch die Einweihung des Frithjof-Denkmals mitgemacht, welches der Kaiser den Norwegern geschenkt hat.
Danach kam ich, wie bereits erzählt, auf den »Panther«, der zur westafrikanischen Station gehörte. Da habe ich unsere herrliche deutsche Kolonie kennen gelernt mit ihren unerschöpflichen Reichtümern für naturfrohe, junge Gemüter. Mit einigen gleichgestimmten Kameraden ging ich auf Elefanten- und Büffeljagd. Das war nicht so einfach, da unser Kommandant dagegen war und es nicht gerne sah, wenn seine Herren ihr Leben, wie er meinte, unnötig riskierten. Wir mußten also unter einem Vorwand an Land gehen und unsre Gewehre heimlich mitnehmen.
Mit einem 35 Meter langen Kanu fuhren wir hinauf, von 12 bis 15 Schwarzen gerudert. Mit sieben bis acht Meilen Fahrt jagten sie dahin, den Hauptfluß Kameruns, den Mungo, aufwärts. Der Wasserweg ist die einzige Straße, den Urwald zu durchqueren, der sich links und rechts des Flusses wie Mauern erhebt. Darin ist dunkle Nacht. Baumriesen, mehr als hundert Meter hoch, sperren mit ihren gewaltigen Kronen jedes Licht ab. Und alles strebt nach dem Licht, es herrscht nur der Kampf um das Licht. Die Liane schlingt sich an den Urwaldriesen hoch, verwächst mit ihnen so eng, daß dem Baum die Lebenskraft ausgesogen wird; und wenn sie endlich das Licht erreicht hat, stürzt sie mitdem morschen, säftelosen Stamm zusammen. Die freie Stelle der Baumkrone wird sofort wieder ausgefüllt. Die Liane macht einen neuen Versuch, an einem andern Baum wieder hochzukriechen, bis auch der zusammenbricht. Die Stämme liegen in dem feuchten Dunkel, vermodern in kurzer Zeit, geben der Urwalderde Kraft und neuen Schlinggewächsen Nahrung. Kein Mensch kann auch nur einen Meter in solchen Urwald eindringen. Farrenkräuter und Lianen, die sich nach beiden Seiten ausdehnen, hindern jeden Schritt. Auch das Leben schweigt im dumpfen Innern des Urwaldes, abgesehen von niederen Tieren, Schnecken, Würmern und Insekten, die sich allein dort halten können. Nur wo das Licht ist, kennt der Urwald höheres Leben. In den Kronen der gigantischen Bäume nisten die Vögel in unendlicher Zahl, und längs den Flußläufen turnen die Affen kreischend von Baum zu Baum.
S. M. S. »Kaiser«
S. M. S. »Kaiser«.
Nach achtzehnstündiger Fahrt kamen wir nach Mondame. Die Jagdbeute bestand aus einem einzigen Krokodil — sie sind schwer zu schießen, da sie gewandt tauchen —, Geiern, Seeadlern und Affen. Das leckere Affenfleisch, das die Neger lieben, haben wir nicht recht zu essen gewagt, obwohl der Affe, wenn er abgezogen ist, gar nichtmehr dem Menschen ähnelt, sondern eher einem Hund oder anderen kleinem Tier.
In Mondame, wo wir angesagt waren, riefen uns die Farbigen schon entgegen: »Massa, Massa, plenty Elefant.« Da haben mein Freund Breyer und ich uns alles andere als weidmännisch benommen, denn die Elefantenjagd ist anders, als man sie sich vorstellt.
Auf Morgenschuhen, um leise pirschen zu können, zogen wir einzeln los, jeder mit einem Neger als Führer. Da hören wir ganz dicht bei uns die Elefanten, die in die Negerpflanzung eingebrochen waren. Sehen konnte ich noch nichts. Mein Schwarzer sagte immerzu: »Massa, Elefant, Look, Massa, Elefant.« Aber wenn man das noch nie gesehen hat, kann einem zehnmal gesagt werden, da sei ein Elefant, man sieht das Stückchen graue Wand nicht, das durch die Plantage durchschimmert. Man hält es für alles eher, als für einen Elefanten. Endlich wie sich das Tier, keine zwanzig Schritt von mir entfernt, in Bewegung setzt, erkenne ich es durch das Gebüsch hindurch. Ich schwitze vor Aufregung, daß das Wasser den Gewehrkolben entlangläuft, ziehe mit meinem Mohren durch zwei Reihen gepflanzter Bananen, aber komme dem Tier nicht näher, da es weiter vorausging.
Nun kam ich an einen Termitenhügel und nahm ihn im Sprung. Von dort konnte ich eine ganze Strecke überblicken, und denke, das sind ja Strauße. Die Elefanten pflücken nämlich die Bananen Stück für Stück, und wie sie da mit den Rüsseln hinauflangten, dachte ich, es wären Straußenköpfe. Wie ich mich umsehe, schiebt sich ein Riesenkoloß vor mir aus dem Gebüsch, andere hinter ihm her. Ich lege an, im letzten Augenblick kommt mir die Erinnerung, daß man auf den Rüsselansatz schießen soll, etwas tiefer als die Lichter. Ich lege an, drücke ab, im selben Augenblick dreht sich der Riese im Kreise, man hört ein fürchterliches Trompeten. Rechts und links bricht eine Kavalkade los und saust an mir vorüber. Wie schnell, gewandt und wuchtig solche Kolosse von vier Meter Höhe laufen, kann man sich nicht vorstellen. Ich konnte nur zusehen, daß ich von meinem Hügel nicht herunterfiel, und dabei beging ich das unglaublich Unweidmännische, daß ich meinen angeschossenen Elefanten aus den Augen verlor. Glücklicherweise ließen sich die Neger durch die vielen Fährten aufgescheuchter Herden nicht irre machen und spürten das Tier wieder auf, das gestürzt war und die Stoßzähne beim Fall tief in die Erde gerammt hatte. Wir haben ihm noch mehrere Schuß in den Kopf gejagt, bis estot war. In einer Stunde hatten sich dort viele hundert Neger angesammelt, die auf den Ruf der Palavertrommel von allen Seiten wie Gazellen angerannt kamen, um Fleisch zu holen. Ein Häuptling bezahlt ohne weiteres für einen Elefanten achthundert Mark und verkauft ihn weiter an seine Leute.
Mein Begleiter bei seinem Elefanten
Mein Begleiter bei seinem Elefanten.
Da die Eingeborenen keine Gewehre haben dürfen, verscheuchen sie die Elefanten, die bei ihnen einbrechen, durch Lärm oder jagen sie so, daß sie sich von hinten an sie heranschleichen und ihnen die Fußsehnen durchschneiden; wenn sich der Elefant dann nicht mehr rühren kann, rammen sie ihm Speere in den Leib, bis er verendet. Jedes Dorf besitzt eine Palavertrommel, ein Signalinstrument mit drei Tönen, das die Nachrichten mit fabelhafter Geschwindigkeit von Dorf zu Dorf weitergibt. Man kann keinen Elefanten schießen, ohne daß die Nachricht davon alsbald an die Küste kommt.
Niemand, der Kamerun bereist hat, versäumte es, den berühmten Häuptling von Bamum Joja zu besuchen, wohl einen der intelligentesten Häuptlinge von ganz Afrika, der sogar für seinen Staat eine eigene Schriftsprache erfunden hat. Er war ein großer Bewundererder Deutschen, der vor Jahren selbst seinen künstlerisch geschnitzten alten Thron einem deutschen Museum vermacht hat.
König Joja von Bamum
»... Wir staunen, wie seine hohe Gestalt sich uns nähert.«
Eine ganze Strecke fuhren wir von Banaberi mit der Nordbahn ins Innere, und zwar bis in das Gebiet von Bamum. Joja, der durch Palavertrommeln seiner Untergebenen schon über das Nahen von Europäern, und zwar Offizieren, unterrichtet war, kommt uns mit seinem Stabe entgegen. Von der Höhe gewärtigt man einen langen Zug. Vorweg Rinder und Ziegen und sonstiges Vieh, der Beweis seines Reichtums. Bei unserer Annäherung steigt Joja aus seiner Tragbahre. Es ist dies eine Hängematte, die von zwei Schwarzen getragen wird an einer langen Stange. Wir staunen, wie seine hohe Gestalt sich uns nähert, umkleidet mit praller roter Husarenuniform, Kürassierhelm und einem fürchterlichen Schlachtschwert, geschmückt mit einem Kronenorden mit Schwertern, dieschwarzen Beine aber von oben bis unten nackt. Sein Stolz als Beherrscher wird noch gehoben durch unser sichtbares Staunen über seine Erscheinung. Joja kommt uns entgegen, tritt auf uns zu und mit kurzen Worten in Pitschin-Englisch, vermischt mit seiner eigenen Landessprache, deutet er uns an, daß wir herzlich willkommen sind. Um ihn herum stehen seine Unterhäuptlinge, alle geschmückt, die hohen Gestalten, auch mit Beinschmuck unter den bloßen Knien. Dann folgen alle seine Krieger, muskulöse Körper, fast alle in gleicher Größe, ein wundervolles Bild von Kraft. Die schweren Schilde, die sie tragen, sind mit Rindshaut bezogen, vier Speere haben sie in der Hand. Joja führt uns, und wir nähern uns seiner Hauptstadt Bamum, einem riesenhaften Negerdorf. Von seiner Bevölkerung werden ihm beim Passieren begeisterte Zurufe entgegengebracht. An allen Ecken und Kanten arbeiten die Palavertrommeln.
Joja führt uns in seinen Palast, der in einem großen Hof steht, umgeben von einer gewaltigen Lehmmauer, die riesige Front mit den wundervollsten bunten Schnitzereien als Fassade. Wir treten in einen großen Raum ohne Stühle mit vielen Matten, und begeistert zeigt er uns jetzt die geräucherten Köpfe von seinen und seiner Vorfahren Gegnern, dann ein großes Elfenbeinhorn, das mit den Unterkiefern der erschlagenen Feinde geschmückt ist. Die Tonfabrikation scheint hoch entwickelt zu sein, überall sieht man Tonarbeiten. Sogar eine Art Kamin befindet sich in der einen Ecke des Saales. Als einziger Schmuck prangt darauf der Deckel einer europäischen Butterdose, eine brütende Henne darstellend.
Hier wurden wir nun bewirtet zunächst mit Palmenwein, ferner mit Saft von ausgepreßten Früchten, von Ananas, Mango, Apfelsinen, Popeyen, alles zusammengemischt und dann wieder mit Palmenwein vermengt. Ein Getränk, das uns ausgezeichnet mundete. Joja saß etwas unruhig. Sichtlich hatte er etwas vor, um uns weiter seine Macht zu zeigen. Dauernd kommen Unterhäuptlinge zu ihm herein, welche Berichte und Meldungen bringen, die wir nicht verstehen. Er gibt wieder Befehle zurück.
Nach einer Viertelstunde erhebt sich Joja und führt uns in den großen Hof, dessen Boden aus festgetretenem Lehm besteht, mit einem Baum in der Mitte, dem sogenannten Palaverbaum. Er selbst schreitet majestätisch einen andern ausgehöhlten Baum empor, in den eine Treppe eingeschnitzt ist. Auf ihm befindet sich die Kriegstrommel, die nur der König anrühren darf. Mit dumpfem Rollen ertönt die Trommel unter der Hand des Monarchen. Plötzlichfliegen vier Tore auf, und hereingebraust kommen 3000 Krieger, ein wundervolles Bild. Im Augenblick ist alles exerziermäßig aufgestellt. Da stehen die prächtigen, gleichgroßen schwarzen Gestalten mit den Unterhäuptlingen an der Spitze sich gegenüber, die Häuptlinge in Pantherfellen mit Büffelmähnen an den Knien, großen Speeren mit Bronzespitzen, unbeweglich, bis Joja das Zeichen gibt, die Kampfspiele vorzuführen. Das Kriegsgeheul ertönt: Oho ho, owahu, ua! Mit den großen Schilden aus Büffelfell prasseln sie zusammen. Ein überwältigender Anblick für den Europäer. Man ist erstaunt über die vielen gleichmäßigen Bronzegestalten und erfährt, daß sich der Häuptling in allen Fragen, welche die Kriegerkaste betreffen, über die Frauen, die sie sich wählen usw. die Entscheidung vorbehält. Die Rasse soll gleich bleiben. Alle Krüppel, die zur Welt kommen, werden sofort beiseite geschafft; sie sind hier nicht daseinsberechtigt.
Nach dem Kriegstanz findet ein Speerwerfen statt. Ich war erstaunt, mit welcher fabelhaften Energie und Wucht die Speere durch die Luft gegen den Baum sausten. Das Schild, das getroffen werden mußte, war 1½ m breit und 2 m hoch. Hier und da flogen Speere vorbei, aber die meisten trafen doch ihr Ziel.
Nach diesen Vorführungen kamen die Frauen, um einige Tänze vorzuführen. Die Krieger standen außen herum und die Mamis in der Mitte. Dann tanzten abwechselnd die Frauen um die Männer und die Männer um die Frauen.
Im Laufe des Nachmittags erließ der Häuptling eine besonders freudige Bekanntmachung zur Erhöhung des Festes. Er stiftete seinen Kriegern Palmenwein. Bald darauf ein großer Jubel überall, und man sah die Krieger in feuchtfröhlicher Stimmung beim Palmenwein.
Sehr interessant waren unsere Unterkunftsverhältnisse beim Häuptling. Überall waren Korbmöbel, Korbtische, Korbbettstellen. Sehr originell war auch die Einrichtung zum Duschen. Die Boys, die zur Bedienung bestimmt waren, pumpten Wasser in ein Rohr, das aus einem ausgehöhlten Baumstamm bestand. Von da aus lief das Wasser durch übereinander gelegtes Schilfrohr und tropfte daran hernieder. Die beste und erfrischendste Dusche, die man sich denken konnte.
Es wurde uns auch eine Büffeljagd vorgeführt. Sie kann nur stattfinden, wenn das Gras reif und trocken ist, das so hoch wächst, daß darin Roß und Reiter verschwinden. Der Wechselder Büffel, die gejagt werden sollten, wird in der Suhle festgestellt, dann wird ein ziemlich großes Grasgelände bestimmt, und rechts und links von ihm werden Schneisen geschnitten. In der Richtung des Windes wird Feuer angelegt; die Schneisen, in denen die Treiber laufen, dienen gleichzeitig dazu, das Übergreifen des Feuers auf das übrige Land zu verhindern. Vor der Front steht ein Dutzend Neger mit großen Schilden aus Büffelfell.
Durch das Feuer zieht sich der aufgestöberte Büffel nach vorne. Er schaut mit seinen schwarzen Augen durch das Grasland, geht aber noch nicht heraus. Rückt das Feuer näher, und ist er gezwungen herauszutreten, dann greift er auch gleich an, sobald er seine Kühe in Sicherheit gebracht hat. Im gleichen Augenblick sausen ihm die Speere der Neger von vorn in den Leib. Er greift nun wütend an, da werfen die Neger sich wie der Blitz herum auf die Erde und liegen still auf dem Rücken unter dem Schild, der sie deckt. Ihre Gewandtheit darin ist fabelhaft. Der Büffel kann ihnen jetzt nichts mehr anhaben, er stutzt. Das Laufen ist ihm erschwert, denn die Speere, die ihm im Leib hängen, sperren sich gegen die Erde. Er dreht sich herum, da sind die Schwarzen sofort wieder auf, und er bekommt von hinten die zweite Ladung Speere. Er tobt, wirft sich hin, will auf die Feinde los, der Schweiß tritt in Strömen heraus, aber er kann nicht mehr vor noch zurück. Eine Anzahl Speere brechen wohl ab, aber im Augenblick sind die Neger heran, erheben ein Festgeheul, und einer stößt ihn ins Blatt, daß er verendet.
Die Häuptlinge müssen für die notwendigen Arbeiten, Bahnbauten usw. Leute stellen; dafür wird ihnen der Lohn von der Regierung überwiesen, den sie unter Zurückbehaltung eines gewissen Anteils an die Leute ausbezahlen. Die Erziehung der Leute ist erstaunlich straff. Sie trainieren sich in jeder Hinsicht. Es gibt nämlich zwölf Aufgaben, die jeder aus dem Stamm fähig sein muß zu lösen, wenn er ins Mannesalter tritt.EineAufgabe wird ihm gestellt, aber da er nicht weiß, welche er bekommt, muß er auf alle zwölf eingeübt sein. Deshalb trainieren diese Leute sich von Kindheit an, um im gegebenen Fall die gestellte Aufgabe zu lösen, z. B. 150 Speere hintereinander werfen, eine bestimmte Strecke schwimmen, laufen, rudern, mit Pfeil und Bogen schießen, einen aufgegebenen Gegenstand schnitzen und einen gewissen Schmerz aushalten zu können. Mit den Übungen beginnen sie im achten bis zehnten Lebensjahr und werden so prachtvolle Athleten.
Auch über religiöse Fragen unterhielt ich mich mit den Leuten. Der evangelische Missionar verlangt, daß sie sich einen Gott vorstellen sollen. Das können diese Leute aber nicht; ohne daß sie etwas sehen, können sie sich nichts vorstellen. Der katholische Missionar geht deshalb stets in das Gebiet, in dem der evangelische schon war. Er kommt nun mit seiner großartigen Aufmachung an. Ein Wunderwerk wird aufgebaut, Spiegelbilder mit viel Goldverzierung aufgestellt. Die Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind sitzt in der Mitte, rechts die Weisen aus dem Morgenland. Diese Geschichte zieht die Leute besonders an: es sind ja Schwarze dabei. Sie sehen Könige vor der Krippe knien, der Pfarrer selbst kniet nieder und betet den Jesusknaben an, und da denken sie: »Das ist der richtige Gott, der ist viel reicher als der des evangelischen Missionars.«
Joja ist ein Skeptiker gegenüber der christlichen Lehre. Er fragte mich, ob unser Gott ein weißer oder ein schwarzer wäre; es könne doch nicht nur ein weißer sein, da er auch die schwarzen Menschen gemacht hätte. »Wenn alle dem Ebenbild Gottes gleich sehen, warum werden wir dann nicht weiß?« fragte er. Auch daß die Engel weiß sein sollten, wollte ihm nicht in den Sinn. Dann fragte er mich, wann Jesus auf die Erde gekommen wäre. »Vor 1914 Jahren.« Da fragte er weiter, wann wir Amerika entdeckt hätten und warum uns das Jesus nicht gleich gesagt hätte, daß wir dort auch hingehen müßten und seine Lehre verkünden.
Zu der Zeit, als ich in Kamerun war, kam die auf der Weltreise befindliche detachierte Division, bestehend aus »Kaiser«, »König Albert« und »Straßburg« dorthin. Als die herrlichen Schiffe in ihrem stolzen Glanz dicht bei Duala einliefen, erschienen die Häuptlinge aus dem Innern, die eingeladen waren, die Schiffe anzusehen. Sie kamen mit Hunderten von Rindern und Ziegen an, denn der Reichtum eines Häuptlings stellt sich immer dadurch an den Tag, daß er dem Gastfreund Herden als Geschenk entgegenschickt.
So wallten die schwarzen Machthaber in ihrer ganzen Würde und Pracht herunter an die Küste. Ihnen zu Ehren wurde ein Bordfest angesetzt. Sie bestaunten die Kanonen in den Türmen, die bewegt wurden, und fragten, ob die Geschütze wohl über den Kamerunberg schießen könnten. Als ihnen dies bestätigt wurde, war ihre Achtung groß. Sekt erhöhte die Begeisterung. Als sie ins Innere zurückzogen, sprachen sie in hohen Tönen von den Schiffen, die der Kaiser hatte. Aber die Engländer ließen durchdie Haussa, das sind sozusagen die Negerjuden, die handeltreibend das ganze Land durchziehen, unter den Stämmen verbreiten, die Deutschen hätten sich jene Schiffe von den Engländern geliehen.
Unsere »Rikschas«
Unsere »Rikschas« bei einem Besuch in der Kapkolonie.
Dann nahte für unser Schiff die Werftüberholungszeit, welche für die Auslandskanonenboote alle drei Jahre eintrat. Die Strecke von Duala zu dem früher benützten Kapstädter Dock war ebensoweit wie nach Deutschland, und so wurde bestimmt, daß der »Panther« nach der Heimat sollte. Ungern schieden wir von dem kostbaren Stück schwarzen Deutschlands, das keiner von uns als deutsche Erde hat wiedersehen dürfen, erreichten die Heimat am 6. Mai 1914 und gingen auf die Danziger Werft. Die notwendigen Bauten schritten schnell voran, und am 17. Juli sollten wir wieder auslaufen. Da bekamen wir unerwartet ein offenes Telegramm: »Nicht auslaufen«. Wir blieben also liegen.
Und nun kam der Krieg.
Am 2. August Mobilmachung. Das war eine Begeisterung für die Marine! Wir selber waren zuerst recht enttäuscht, daß wir keinen würdigen Gegner zur See hätten, zumal unsere Regierung bei den ersten Verhandlungen mit England garantieren mußte, den englischen Kanal nicht als Kriegsschauplatz gegen Frankreich zu benützen. »Die große Armee nimmt uns wieder alle Aussicht« war das allgemeine Thema in der Marine. Aber es war doch ein wundervolles Bild, als das dritte Geschwader in Kiel von der Boje wegging. Acht Tage vorher war die »Kaiserin« als erstes Schiff durch den erweiterten Kanal gegangen. Welcher Schwung lebte auf den großen Schiffen! Auf dem »Panther« dagegen herrschte etwas gedrückte Stimmung. Was blieb uns zu tun übrig mit unserer schwachen Armierung, unsern zwei kleinen Kanonen, auf dem Fahrzeug, das zur Hälfte aus Holz bestand? Unsere erste Aufgabe war, die bei Langeland ausgelegte Minensperre zu verteidigen. Es war doch wenigstens eine Aufgabe, und man gab sich zufrieden. Man hoffte auch, gelegentlich etwas zu tun zu bekommen. Man erwartete, daß der Russe einen Vorstoß gegen Kiel machen würde und wir ein kleines Gefechtsbild erleben dürften.
Von Langeland aus kamen wir später zur Verteidigung von Aroe im kleinen Belt, der damaligen Nordgrenze des schleswigschen Ostseegebietes. Vormittags und nachmittags fuhren wir je dreimal um die Insel, also Karussellfahren. Ich setzte mich schließlich mit dem Doktor in Verbindung. Meine eigentliche Krankheit konnte er allerdings nicht heilen, denn die bestand in der heißen Sehnsucht, auf ein großes Kriegsschiff zu kommen. Ich erkundigte mich aber nach entbehrlichen Körperteilen. Die Wahl fiel auf den Blinddarm. Die Symptome einer Blinddarmentzündung begannen sich bald zu melden, so daß der Arzt mich nach Kiel schickte zur Operation. Ich wurde ins Lazarett gesteckt, und selbst der Chirurg meinte, als er die Stelle befühlte, und ich meine Empfindlichkeit äußerte, es wäre Blinddarmreizung. Am nächstfolgenden Tag wurde ich operiert, und da nach der Operation ein längerer Erholungsurlaub nötig war, wurde ich abkommandiert von »Panther«. Das Opfer des überflüssigen Eingeweidezipfels hatte sich gelohnt: ich war den Blinddarmund »Panther« los und kam auf das neueste Schlachtschiff »Kronprinz«. Mein heißester Wunsch war erfüllt.
Auf »Kronprinz«
Auf »Kronprinz«.
»Kronprinz« war das zuletzt in Dienst gestellte Schiff der Königsklasse. Welch ungeheure Arbeit ist nötig, bis ein neues Schiff mit seiner ganz frischen Besatzung gefechtsklar geworden und als gleichwertige Einheit dem Geschwaderverbande eingereiht werden kann. Es wird gleichsam als rohes Material von der Werft übernommen. Die Werft hat das Schiff aufgebaut, aber das lebende Element ist noch nicht darin. Es gilt, den rohen Stoff nun erst einzuspielen. Acht Wochen dauern die vorbereitenden Indienststellungsarbeiten. Kein Offizier, kein Mann findet sich zunächst auf einem solchen Schiff zurecht, das etwa 800 wasserdichte Räume in sich birgt. Die Mannschaft muß mit ihm vertraut gemacht werden, daß sie sich heimisch fühlt; die Heizer und Maschinisten müssen die Maschinen kennenlernen und ausprobieren, die Mannschaften sind an den Geschützen und verschiedenen Gefechtsapparaten einzuexerzieren;die Flut- und Lenzvorrichtungen müssen aufs genaueste beherrscht werden. Später kommen die Artillerie- und Torpedoschießübungen, sowie das Fahrtexerzieren hinzu. Wenn Mannschaft und Offiziere mit allen diesen Funktionen vertraut sind, ist das Schiff gefechtsbereit und wird dem Geschwaderverbande angegliedert. Das Kriegsschiff ist die stärkste Krafteinheit, die es gibt. Es birgt an Gefechtskraft soviel in sich wie die ganze Festung Metz. Die zum Betrieb des Schiffes erforderliche elektrische Energie ist so groß wie die einer größeren Stadtzentrale, etwa von Kiel.
Während meiner ersten eineinhalb Jahre auf »Kronprinz« bis zum Mai 1916 war unsere Hauptätigkeit in der Flotte: Verbandsübung, Kriegswache auf der Jade, Artillerie- und Torpedoschießübungen, sowie die üblichen Vorstöße nach der englischen Küste und in die Nordsee. Wir hatten immer gehofft, daß der Feind einmal die deutsche Küste bombardieren würde als Revanche; wir hatten doch oft genug an seine Tore geklopft mit der Beschießung seiner Küste; sie war Herausforderung genug. Doch immer nur Kriegswache gehen unter den gewaltigen Gefechtsapparaten, den riesigen Kanonen! Wie oft fragt man sich auf einsamer Wache: »Wann schießen sie? Wann kann man die Geschützmündung von der Scheibe reißen? Können wir unsere Kolosse nicht gegen den Feind probieren? Nicht sehen, wer es besser kann?« Wir hatten doch geübt im Frieden, wir wußten, jeder einzelne Mann ist ein Kerl. Wenn auch unsere Flotte zahlenmäßig den Engländern unterlegen war und im Durchschnitt auch nicht so schwere Kaliber besaß, so wußten wir doch, daß wir viele andere Vorteile hatten: zunächst unsere Mittelartillerie und die Torpedowaffe, ferner die Unterwassereinteilung. Die höhere Geschwindigkeit seiner Schiffe hatte der Engländer auf Kosten ihrer Sicherheit ermöglicht durch die Ölfeuerung. Uns boten außer dem Panzer noch die fünf Meter breiten Schutzbunker gegen etwaige den Panzer durchschlagende Geschosse Schutz. Tirpitz’ Werk war gut. Und so hofften wir immer: »Wann kommt der Gewaltmensch, der den wunderbaren Geist in der Flotte ausnützt und uns an den Feind bringt?«
Wenn ich nun die Seeschlacht am Skagerrak schildere, so übernehme ich selbstverständlich manches aus den Berichten von Kameraden, die auf die verschiedenen Gefechtsabschnitte verteilt waren. Mir liegt vor allem daran, eine Darstellung der Seeschlacht zu bringen, die sich nicht als ein trockener Admiralsstabsbericht gibt,sondern in dem Laien die lebendige Vorstellung erweckt von der herrlichen, historischen Tat unserer Flotte, wie wir Mitkämpfenden sie empfunden haben. Ich selbst habe aus dem Sehschlitz des von mir befehligten Geschützturmes auf S. M. S. »Kronprinz« die Kampfvorgänge beobachtet.
Es war am 30. Mai. Das dritte Geschwader lag auf Kriegswache auf der Unterjade. Es war ein diesiger Nachmittag, als plötzlich auf dem Flottenflaggschiff das Signal hochgeht: »Sämtliche Kommandanten zur Besprechung auf das Flottenflaggschiff!«
»Das hat etwas zu bedeuten,« hört man aus dem Mund der Kameraden und den Unterhaltungen der Matrosen. Von allen Schiffen werden die kleinen Dampf- und Motorbarkassen ausgesetzt; sie umwimmeln das Flottenflaggschiff. »Was ist los?«, neugierig fragt einer den andern. Gerüchte tauchen bereits auf. Der eine hat gehört, das Geschwader solle nach Kiel zum Torpedoschießen; es ist so der Lieblingswunsch derjenigen, die zur Ostsee gehören. Dort taucht wieder ein Gerücht auf, wir sollten von jetzt ab nach der Unterelbe verlegt werden, kurz und gut, willkommene und unwillkommene Nachrichten fegen durch das Schiff. Jeder glaubt das, was er im Stillen erhofft.
Ran an den Feind!
Mit äußerster Kraft ran an den Feind!
Nach etwa einer Stunde ist die Sitzung beendet. Jeder ist gespannt auf die Rückkehr des Kommandanten. Die Boote kommen längsseit, der wachhabende Offizier springt ans Fallreep, der erste Offizier eilt ebenfalls heran in der Hoffnung, etwas über das Ergebnis der Sitzung zu erfahren. Ernst und schweigend kommt der Kommandant an Bord und geht in seine Kajüte. Nichts wird bekannt. Die Spannung legt sich allmählich, man denkt: »Es ist wieder nichts.«
Auf »Kronprinz«
Auf »Kronprinz«.
Die Schiffe liegen klar für halbe Fahrt, wie bei Kriegswache üblich. Die Backbordwache geht abends auf Kriegswachstation, die Steuerbordwache schläft auf Hängematten. Da plötzlich morgens um zwei Uhr Trommel und Horn: »Klar Schiff zum Gefecht!« Man fegt wie der Teufel aus der Koje: »Was ist los?« Halb angezogen stürmt man an Deck auf seine Gefechtsstation. Man mutmaßt den Feind dicht an unseren Küsten, fragt den ersten Matrosen oder Unteroffizier von der Backbordwache: »Was ist los?« Kopfschütteln, keiner hat eine Ahnung. Die Gefechtsstation wird klargemacht, die Munitionsaufzüge probiert, die hydraulischen Einrichtungen der Höhenrichtmaschinen untersucht, die elektrische Abfeuerung wird nachgesehen, die Bereitschaftsmunition, die schweren Granaten, werden in den Turm gefördert, und endlich geht dieMeldung nach der Kommandozentrale: »Turm Dora klar zum Gefecht.« Immer dabei die Frage: »Was ist los? Sind feindliche Streitkräfte gemeldet?« Niemand weiß etwas; so unvorbereitet war noch nie der Befehl »Klar Schiff zum Gefecht« gekommen. Nachdem die Gefechtsstation klar gemeldet, geht man an Deck. Da bietet sich im Grau der Morgendämmerung ein überwältigendes Bild: die Zerstörer kommen flottillenweise aus der Reede von Wilhelmshaven hervor, die »Schwarzen Husaren«, mächtig qualmend. Drei bis vier Flottillen, jede zu zehn Booten, haben uns schon passiert. Die kleinen Kreuzer setzen sich langsam in Bewegung; weit draußen auf Schilligreede sieht man die Schlachtkreuzer Anker lichten und sich entwickeln in breiter Formation, umschwärmt von den schnellen Torpedobooten. Langsam und bedächtig kurbelt das Schlachtschiffgeschwader an und mahlt sich in Kiellinie wuchtig aus der Jade heraus: S. M. S. »König«, »Kurfürst«, »Markgraf« und »Kronprinz«, die neuesten und stärksten Schlachtschiffe. Sie bilden den Kern der Flotte. Rechts und links gruppieren sich die Zerstörer als U-Bootsicherung; die kleinen Kreuzer, gleichsam die äußere Schale, geben seitliche und achterliche Deckung, damit derKern der Flotte nicht überraschend angegriffen werden kann. Auf der Höhe von Cuxhaven stößt das zweite Geschwader heraus und hängt sich dem Gros an. Mit großer Fahrt durchwühlt die Schlachtflotte die Nordsee gen Norden. Die Panzerkreuzer verschwinden fern am Horizont. Es sind die Einheiten, die zuerst an den Feind herankommen und die Aufgabe haben, sich vermöge ihrer Geschwindigkeit und schweren Artillerie an dem Feind festzubeißen und ihn auf das Gros zu ziehen. Sie gehen mit äußerster Kraft voran, um den Feind aufzustöbern, begleitet von den schnellsten kleinen Kreuzern. Niemand ahnt, wohin es geht. Diesig und grau ist die Nordseeluft, die verdickt wird durch die gewaltigen Rauchschwaden. Längs der deutschen, längs der jütländischen Küste geht es immer weiter gen Norden in 15 km langer Schlachtlinie. Niemals ist solch weiter Vorstoß unternommen worden. Es ist vier Uhr nachmittags; da meldet ein kleiner Kreuzer feindliche kleine Streitkräfte. Endlich etwas vom Feind! Vor allem aber wartet man gespannt auf die drahtlosen Telegramme von den Panzerkreuzern, deren Meldung die maßgebendste ist. Nur ein kleiner Bruchteil von den 1200 bis 1300 Menschen der Besatzung des Schiffes, höchstens 25–30, haben Gelegenheit, den Feind mit Augen zu schauen, die andern sind im Schiffsinnern auf ihren Gefechtsstationen und warten nur gespannt ihrer Aufgabe und der Nachrichten, die von oben kommen. Man muß sich vergegenwärtigen, was der einzelne Mann zu tun hat, z. B. der Mann in der Munitionskammer, die weit unter derWasserlinie liegt; er hat nicht nur seine Munition zu fördern; wenn eine Granate einschlägt und Brand entsteht, hat er die Flut- und die Feuerlöscheinrichtungen in Tätigkeit zu setzen, die Schotten zu schließen und vor allem auch die Lüfter anzustellen gegen giftige Gase. Alle diese Gedanken bewegen den Mann in dem Augenblick, in dem die Meldung kommt: Kampf! Er überlegt sich: »Was hast du zu tun, wenn eine Störung kommt, wenn soundsoviele von deinen Kameraden tot oder verwundet liegen? Dann gilt es zunächst für die Sicherheit des Schiffes zu sorgen. Erst das Schiff! und dann die Krankenträger rufen, dem verwundeten Freund helfen, Wiederbelebungsversuche anstellen.« Nicht Kommandos können ihm sein Handeln vorschreiben, sondern eigener Entschlußkraft bedarf es. Jeder Mann ist eine Persönlichkeit, wenn seine Station in Frage kommt. Der Gedanke an ihre Aufgabe durchzieht die Gemüter derjenigen, die den Feind nicht sehen, sondern nur die Begeisterung durchleben können. Sie sehen nicht das Kampfbild, auf das jeder doch am meisten begierig ist, und jeder weiß sich doch abhängig von der Sicherheit des Schiffes. Sie haben auszuhalten auf ihrer Gefechtsstation, in jedem Augenblick gewärtig, durch einen Treffer erledigt zu werden.
Heizraum eines Großkampfschiffes
(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
»... Die andern sind im Schiffsinnern.« (Heizraum eines Großkampfschiffes.)
Um ½ 5 Uhr kommt der Funkspruch: »Deutsche Panzerkreuzer im Kampf mit englischen!« Die Stimmung im Schiff wogt auf,und die Meldung geht von der Gefechtsstation hinunter bis zum Heizer und Trimmer im dunkelsten Bunker.
Breitseite
(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
Breitseite.
Jetzt kam’s darauf an für dieFlotte, ihr Äußerstes herzugeben, um den Panzerkreuzern zu Hilfe zu kommen. Der Heizer jagt die Schaufel bis an den Ellbogen in die Kohlen, schmeißt sie in die Feuer und schürt die Glut auf. Der Trimmer im Bunker schleift bergeweise das Brennmaterial heran. Alles geht auf äußerste Kraft. Feuersäulen steigen aus den Schornsteinen von den überhitzten Rauchkammern auf, die Sicherheitsventile der Kessel öffnen sich und blasen. Niemals haben die Maschinen auf Probefahrten das geleistet wie heute; das Schiff fängt an zu beben infolge der erhöhten Schraubenumdrehungen. Alles ist voller Begeisterung, der langersehnte Wunsch ist erfüllt: »Jung, nu geit ’t los, nu kamt wi an ’n Feind, ditmal krigt wi em to faten!« Die Ausguckleute spähen scharf aus, ob sie Rauchwolken sehen.
Unsere Schlachtkreuzer drehen nach Süden, um den Feind auf das deutsche Gros zu ziehen; Admiral Beatty dreht auf gleichen Kurs. Die Geschütze sind geladen, die Torpedos im Rohr, dieEntfernungsmesser stehen an ihren Apparaten, der Artillerieoffizier im Kommandoturm wartet auf den Augenblick, wo er Entfernungen geben und die Geschütze auf den Gegner richten kann. Mit wilder Fahrt nähern sich die Kolosse, und es beginnt ein laufendes Gefecht. Mit höchster Feuergeschwindigkeit sucht einer den andern niederzukämpfen. Was an Eisen auf den Gegner geschleudert werden kann, wird aus den Geschützen herausgefeuert. Mit 50 000 bis 60 000 kg Stahl in der Minute behämmert sich Geschwader gegen Geschwader. Beide Kreuzergruppen sind durch die Geschoßeinschläge eingehüllt in 100 bis 120 Meter hohe Wassersäulen. »Lützow«, auf dem die Flagge des Admirals Hipper weht, hat die Führung unserer Kreuzer. Nur der Steven und der schneeweiße Gischt der weit vorgeschobenen Bugwelle ist sichtbar, aufgewühlt durch fast 100 000 pferdige Maschinenkräfte. Das ganze übrige Schiff bleibt verdeckt durch den immer neu aufschießenden Fontänenwald. Stichflammenartige Mündungsfeuer, doppelt so lang wie die Geschütze, blitzen bei ihm auf; es sind die vollen Breitseiten, die er schleudert. Hinter ihm jagen »Derfflinger«, »Seydlitz«, »Moltke« und »Von der Tann«.
Fontänenwald
(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
»... Die einschlagenden Granaten bilden einen Fontänenwald.«
Auch die grauen englischen Kolosse »Lion«, »Princeß Royal«, »Queen Mary«, »Tiger«, »New-Zealand« und »Indefatigable« werfen an Eisen heraus, was mit höchster Feuergeschwindigkeit möglich ist. Stahl prallt auf Stahl; ein dumpfes Rollen dröhnt unaufhörlich über das Meer. Da, was ist das? Bei dem grauen Koloß vom Feind, dem »Indefatigable«, dem letzten Schiff der feindlichen Schlachtkreuzerlinie? Zwei Salven von S. M. S. »Vonder Tann« schlagen kurz hintereinander ein. Dann läuft eine Feuerschlange längs der Bordwand. Kurz darauf steigen zwei Feuerarme steil aus dem Schiffskörper, in eine schwarze Rauchmasse übergehend. Man begreift noch nicht, was es bedeutet, man hat ja noch keine Schlacht mitgemacht, noch kein Kriegsschiff untergehen sehen. Da erkennt man, wie dieser gepanzerte Körper stückweise auseinandergerissen wird, wie alles, was bisher von ihm über Wasser war, in der Luft wirbelt. 300 000 kg Pulver, die das Schiff in sich barg, haben die Explosion hervorgerufen. Alles, was an Menschen und Material an Bord ist, wird mit hochgeschleudert, Granaten, Maschinen, Kanonen. Die Geschütze, die noch geladen sind, ihre vollen Breitseiten auf uns abzufeuern, überschlagen sich in der Luft. Der gewaltige Ölinhalt des Schiffes bluwwert nach oben und breitet sich, in Brand gesetzt, über der Wasserfläche aus. In dieses brennende Meer schlagen die hochgeschleuderten, glühenden Eisenteile, die letzten Reste des Schiffes zischend hinein; die Nordsee brennt und kocht ... Über der Trümmerstätte steht unbeweglich noch lange Zeit ein ungeheurer Rauchkegel wie nach dem Ausbruch eines Vulkans.
Im Anblick dieses Schaurigen wird der Kampf mit rücksichtsloser Heftigkeit fortgesetzt. Die noch eben gewesene Lücke füllt der Hintermann aus und »Von der Tann« sucht neues Ziel. Salve auf Salve rollt, und eine zweite Katastrophe befällt die britische Linie. Mit einer gewaltigen Explosion, von einer deutschen Salve getroffen, fliegt die »Queen Mary« in die Luft. Als ihr Hintermann, der »Tiger«, im Kielwasser aufschließt, regnet es Eisenteile auf sein Deck; das war alles, was nach dem Feuer von »Seydlitz« und »Derfflinger« von der »Queen Mary« übrig war.
In diesem schweren Artillerieduell setzen von beiden Seiten die Torpedoboote ein. Der kleine Kreuzer »Regensburg« bricht vor dem deutschen Flaggschiff mit zwei Flottillen mit äußerster Kraft durch, ein unbeschreibliches Bild von Kraft und Schneid. Ein neuer Kampf der Torpedoboote entwickelt sich zwischen den Linien der großen Kreuzer und tobt mit gleicher Heftigkeit.
Gegen sieben Uhr abends stoßen unsere Panzerkreuzer auf unsere Schlachtflotte und setzen sich vor deren Spitze. Auch die deutschen Linienschiffe sichten jetzt feindliche Panzerkreuzer an Backbord. Die englische Absicht, unsere Schlachtkreuzer vom Gros abzuschneiden, ist nicht gelungen, Hipper und Scheer vereinigen sich. »Alles klar auf Gefechtsstation!« Wie durchzuckt das die Gemüter!Alles rennt, stürzt, jeder gibt’s von Mund zu Mund: »Habt ihr’s gehört? Minsch, Jung, dat givt hüt wat!« Alles wird noch einmal geprüft, jedem noch eine Warnung gegeben: »Ruhe behalten! Keine Störung an den Sachen! Die Fahrstühle der Geschosse nicht verfahren!« Beim Sichten der deutschen Flotte drehen die englischen Panzerkreuzer ab und Scheer gibt Befehl: »Alles zur Jagd nach Norden ansetzen.« Schnell erfolgt die Zielverteilung und in wenigen Sekunden krachen die ersten Salven der »König«- und »Kaiser«-Schiffe. Ein furchtbares Kanonengebrüll dröhnt über das Meer. Da plötzlich schieben sich vier graue Kolosse an Backbordseite der bisher von uns beschossenen Schlachtkreuzer hervor, um ihren Rückzug zu decken. Es sind die stärksten und schnellsten Linienschiffe der feindlichen Flotte, die »Queen Elisabeths«, die schnelle Division, dem Kreuzergeschwader Beatty zugeteilt. Jetzt gab’s Feuer. Prasselnd und mit furchtbaren Explosionen schlugen ihre gewaltigen 38-cm-Geschosse von fast 1000 kg Gewicht bei uns ein. »Kurfürst«, »Markgraf« und »König« bekommen Treffer; aber zu unserm Erstaunen büßen diese unsre anscheinend unbesiegbaren Schiffe dadurch nichts von ihrer Gefechtskraft ein. Vorne, hinten, rechts und links von uns standen die turmhohen Wassersäulen, es war, als wenn das Wasser gen Himmel gesogen würde und wir als Einzigstes zurückblieben. Sauste eine volle Salve dieser Stahlriesen über das Schiff, so entstand ein derartig ohrenbetäubendes Surren, als wenn Staffeln von Flugzeugen dicht über unsere Köpfe flögen. Zuweilen fuhr »Kronprinz« durch dicht vor dem Bug einschlagende Salven. Einem gigantischen Wasserfall gleich strömten die Wassermassen unter dröhnendem Getöse über das Schiff. Es bebte ununterbrochen durch die Explosionen der in das Wasser einschlagenden Granaten.
Der Feind, begünstigt durch seine überlegene Geschwindigkeit, hält sich in Entfernungen außerhalb unserer Reichweiten und strebt die vorliche Stellung an; wir drängen mit allen Mitteln heran. »Warspite« läuft aus dem Ruder und wird mit Treffern überschüttet; man beobachtet, wie eine weiße Stichflamme aus dem Achterschiff hervorschießt: das Schiff muß die Linie verlassen. Die unserige schwenkt langsam auf Ostkurs. Der Artilleriekampf rast jetzt wie ein Orkan. Es ist kein Zweifel, weitere englische Geschwader müssen eingegriffen haben, denn auch von Osten her erhalten wir jetzt Feuer. Infolge der Unsichtigkeit der Luft hatten wir von der Stellung des Feindes kein genaues Bild hier. Rauchschwaden von Explosionen,dort Qualm aus den unzähligen Schornsteinen aller Größen, gleich einer riesigen Fabrikstadt, da künstliche Nebelbänke von Zerstörern und kleinen Kreuzern, all dieses untermischt mit dem Wasserstaub von ununterbrochenen Geschoßeinschlägen verhüllte die Bewegungen der Geschwader mit dichten Schleiern. Nur für Augenblicke taucht aus dem Dunst das Wrack der »Invincible« auf. Unsere Spitze liegt unter schwerstem Geschützfeuer. »Lützow« hat starke Schlagseite, sein Bug ist tief eingetaucht. Zerstörer umgeben ihn, die Rauchfahnen entwickeln, um ihn jetzt den Augen des Feindes zu entziehen. Weitab ist »Wiesbaden« sichtbar, manövrierunfähig auf der Seite liegend, stark in Rauch gehüllt; nur das Hinterschiff ist zu erkennen, von wo ein Geschütz feuert, das einzige, das unbeschädigt war. Ununterbrochen wird sie vom Feind unter konzentrisches Feuer genommen. Man sieht, wie von den vielen einschlagenden Geschossen ganze Teile aus der »Wiesbaden« gerissen werden, aber trotz alledem, ihr Geschütz schweigt nicht.
Mit höchster Salvenfolge
»... Mit höchster Salvenfolge werden sie unter Feuer genommen.«
An Backbord tauchen plötzlich mehrere englische alte Panzerkreuzer auf. Mit höchster Salvenfolge werden sie unter Feuer genommen. In wenigen Minuten sind zwei der Gegner vernichtet. Es war kein Untergehen, sondern ein in Atome Zerreißen gepanzerter Körper. Dicke Rauchwolken sind das einzige Überbleibselvon Menschen und Schiff. Plötzlich, was ist das? Vor uns am Horizont taucht ein halbkreisförmiges Feuermeer auf wie ein Gasrohr, an dem der Reihe nach die kleinen Flämmchen entlang laufen. Jetzt erst wird uns klar, daß das Gros der englischen Flotte eingegriffen hat. Um aus dieser taktisch ungünstigen Stellung herauszukommen, gab es nur ein Mittel. Herumwerfen der Linie. Während 100 000 kg Stahl alle dreißig Sekunden auf unsere Spitze saust, das Meer wie ein kochender Kessel brodelt und die Schiffe in der aufgepeitschten See zu rollen beginnen, wird das unendlich schwierige Manöver wie auf dem Exerzierplatz ausgeführt. Um es zu decken, weht an allen Masten das Signal: »Torpedoboote ’ran an den Feind!« Die Flagge »Schwarz-weiß-rot« um die Brücke gewunden, sechs Meter lange Wimpel an den Rahen, preschen sie mit äußerster Kraft, 30 Meilen Geschwindigkeit, den Bug hoch, das Heck tief im Wasser, hervor und verschwinden hinter den Fontänen. Welche prächtigen Kerle, wir sehen sie nie wieder! Eine der ersten Flottillen war die berühmte IX. (»Steinbrinck«-) Flottille, deren Devise es war: »Es gibt nichts, was unklar geht.« Im vollen Anlauf der Flottille an den Feind wird Steinbrincks Boot von einer schweren Granate getroffen. Es verschwindet in den Wellen, und das Rottenboot, das hinter ihm folgt, nimmt von den Überlebendenauf, was es bekommen kann, darunter den Kommandanten. Zum Zeichen, daß er weiter bei der Flottille ist, schwingt Steinbrinck seine Mütze heraus, auch hier getreu seiner Devise: »Es gibt nichts, was unklar geht.« Die Flottille kommt zum Angriff. Sie feuert, und da ereilt ihn sein Schicksal. Zwei, drei, vier Granaten schlagen in Steinbrincks Boot und vernichten alles.
Torpedoboote
(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
»Torpedoboote ’ran an den Feind!« (Sie brechen zwischen den Linienschiffen durch.)
Während des Vorstoßes der Torpedoboote entsteht um uns Grabesstille: der Feind erkennt die größere Gefahr und hat das Feuer seiner Geschütze als Sperrfeuer gegen unsere Torpedoboote gelegt. Der Zweck ihres Einsatzes ist erfüllt, unsere Wendung konnte unbelästigt vom feindlichen Feuer ausgeführt werden.
Wir drehten also nach Süden in der Erwartung, daß sich der Feind am nächsten Morgen zum Gefecht stellen würde, und daß wir dabei günstigere Bedingungen erringen könnten, als es an diesem Abend noch möglich war. Aber auch Sir John Jellicoe zog es vor, den Kampf nicht mehr aufzunehmen, denn er fühlte das englische Weltreich auf seinen Schultern und wollte es durch keine zweite Begegnung mit der deutschen Flotte mehr aufs Spiel setzen. Bald nachdem er in den Kampf eingetreten war, hatte sein echt englisches Siegesbewußtsein harte Stöße erlitten durch das, was er zu sehen und zu hören bekam. Er selbst erzählt, wie er beim Entwickeln der Flotte zur Gefechtslinie plötzlich ein Schiffswrack erblickt und natürlicherweise auf ein zerstörtes deutsches Schiff geraten habe; erst bei näherer Betrachtung mit dem Kieker wurde ihm und seinem Stabe zur größten Enttäuschung klar, daß dort alles lag, was von seinem »Invincible« übriggeblieben war.
Im Glauben, daß das ganze Deck von Sprengsplittern übersät wäre, schickt man einen Matrosen heraus auf die Suche nach Sprengstücken, besorgt, daß vielleicht der schönste Briefbeschwerer verlorengehen könnte. Der Mann kommt zurück, den Arm mit Blumenkohl beladen und bemerkt: »Sprengsplitter hev ick nich funn, ick glöv, de Englänners hevt mit Blomenkohl schoten.« Man meint, der Mann macht einen Scherz und geht selbst hinaus: Tatsächlich, das ganze Deck ist überall voll Blumenkohl. Infolge des Luftdrucks der schweren Geschütze war das Gemüsespind geplatzt, und der ganze Kohl lag über das Deck zerstreut. Aber kein Sprengstück ist zu finden. Man kann nicht verstehen, daß unser Schiff, das so furchtbar eingedeckt war von Granaten, keinen einzigen Treffer bekommen hat, während Vorder- und Hintermann, die das Schiff in seiner Längsrichtung übersehen konnten, überschüttet vonden heransausenden »eisernen Koffern«, geglaubt hatten: »Der arme ›Kronprinz‹, da bleibt kein Stück auf dem andern.«
Während der Gefechtspause gehen wir in die Messe, um uns durch ein Glas Portwein zu stärken. Man ist nicht in erhobener Stimmung, da wir nach der Heftigkeit des Kampfes unsere eigenen Verluste, die wir noch nicht übersehen konnten, größer schätzten, als es sich später herausstellte. In der Messe ist ein ziemliches Durcheinander; Scherben und Gläser liegen herum, alle Bilder sind von den Wänden gefallen durch den Luftdruck und die Erschütterungen. Doch sonderbar, ein Bild hängt, das Bild unserer Frau Kronprinzessin, und darauf steht: »Gott schütze S. M. S. Kronprinz«. Unser Schutzengel! Jeder empfindet das gleiche; ehrfurchtsvoll blicken wir hinauf mit einem stillen Dank.
Die Nacht kommt, man steht auf Kriegswache. Das erste Geschwader ist vor uns, das zweite in der Mitte, am Schluß das dritte, so daß Spitze und Queue geschützt waren von den stärksten Schiffen.
Vor uns wird die dunkle Nacht plötzlich grell erleuchtet. Wir sind geblendet, als wenn der Himmel voller Blitze wäre. Lang anhaltendes gewaltiges Donnern durchdröhnt die Nacht. Die »Pommern« flog in die Luft. Auffallend weiße Feuerarme stoßen aus ihr hervor. Der Hintermann, der wenige Sekunden später an die Stelle kam, hat nichts mehr gesehen. Niemand wurde gerettet, nur hier und dort sieht man Stücke ins Wasser schlagen. Der Rest des schönen deutschen Panzerschiffes! Nichts mehr als Atome von allem, was froh und freudig zurücksteuerte. Hier begriffen wir den Unterschied zwischen den älteren Schiffskonstruktionen und den ganz modernen. Die alte »Pommern« war durch einen einzigen Torpedotreffer erledigt worden, während die kleine aber moderne »Wiesbaden« stilliegend die ganze englische Flotte an sich vorbeipassieren und von jedem Feind sich befeuern lassen mußte und trotz allem noch bis morgens 3 Uhr geschwommen hat. An Bord ist ernste, auf alles gefaßte Stimmung. Die Wachen stehen hinter geladenen Geschützen. Offiziere und Ausguckleute halten scharfen Ausguck. Alles lauscht gespannt auf die einlaufenden Funkentelegramme. Vorn an der Spitze lebt das Gefecht mit äußerster Heftigkeit wieder auf. Feindliche Zerstörer, die an unserer ganzen Schiffslinie entlanggefahren waren und uns für das englische Gros hielten, werden von »Westfalen« erkannt und vom ersten Geschwader unter fürchterliches Feuer genommen. Im Nu gleichensie brennenden Fackeln, aus den Ölbunkern schlagen Flammen heraus, die Hitze drückt das Öl durch die durchlöcherten Bordwände. Wasser und Boote brennen. Wirr laufen die Menschen durcheinander, einen Rettungsweg suchend, um den Flammen zu entkommen. Die schwersten Entladungen hört man in kurzen Intervallen, hervorgerufen durch die an Deck liegenden Torpedos, die sich entzünden. Das Ganze gleicht einer brennenden Allee. Ein Anblick wundervoll und schaurig zugleich. Die englische Massenüberlegenheit war hier durch eine deutsche Tugend überwunden, die erst bei Nacht in Tätigkeit tritt: der Engländer hat nämlich schlechtere Nachtaugen als der Deutsche. Ob das vom vielen Beefsteak kommt, wie man behauptet, weiß ich nicht. Aber die Tatsache hat der Krieg öfters bewiesen.
Der Morgen graut, die Spannung wächst, jeden Augenblick muß sich der Feind stellen. Ein feindlicher Panzerkreuzer wird gemeldet. Alles ist klar zum Kampf. Da voraus Scheinwerfer-Erkennungssignale. Als Antwort brüllt ihn »Thüringen« mit einer vollen Breitseite an. Diese Antwort war seine Vernichtung. Es war »Euryalus«, die uns für das englische Gros hielt.
Wir erreichen die deutschen Gewässer, ohne irgend etwas vom Feinde gesehen zu haben. Zwar stand Jellicoe bei Hellwerden in der Nähe von Helgoland, aber eine Linienschiffsdivision, seine Schlachtkreuzer, die leichten Kreuzer und Zerstörer waren ihm abhanden gekommen; die vielgerühmte Seemannschaft der Briten war der Aufgabe des Nachtmarsches unter ständigen Gefechten nicht Herr geworden. In diesem reduzierten Zustand seiner Streitkräfte wagte er keinen neuen Angriff.
Welch freudige Überraschung für uns, als die gegenseitigen Verluste bekannt wurden: auf englischer Seite drei Großkampfschiffe, auf deutscher nur eins; auf englischer Seite alle Großkampfschiffe im deutschen Feuer gesunken, dagegen »Lützow« in der Schlacht nur schwer beschädigt, aber noch schwimmfähig, erst auf der Rückfahrt mit zwei Torpedos von seiner eigenen Besatzung versenkt und diese gerettet. Auf englischer Seite außer den Großkampfschiffen drei Panzerkreuzer, zusammen sechs Schiffe, auf deutscher außer »Lützow« nur das alte Linienschiff »Pommern«, durch einen Torpedotreffer erledigt.
Die Verluste an kleineren Schiffen betrugen auf unserer Seite vier kleine Kreuzer und fünf Torpedoboote, auf englischer Seite acht Flottillenschiffe bzw. Zerstörer. Das einzige Schiff, das inder Schlacht durch Artilleriefeuer des Feindes verloren ging, ist »Wiesbaden«, und nur »Frauenlob« ist neben »Pommern« in der Nacht durch Torpedotreffer verloren gegangen.
Die Schlacht hat die Überlegenheit der deutschen Schiffe an Material und Feuerwirkung erwiesen, wie sich bei einem Vergleich der beiderseitigen Personalverluste ergibt: Auf unserer Seite hatten wir 2586 Tote, die Engländer aber 6446. 180 Mann haben wir als Gefangene zurückgebracht, während der Engländer nicht einen von uns gefangen hat.
Einige Tage später lief der zerschossene »Seydlitz« durch eigene Kraft in Wilhelmshaven ein. Ich besuchte den Kommandanten, Kapitän z. S. v. Egidy, auf seinem Schiff, das tief über lag, aber in wenigen Monaten wieder dienstfähig gemacht worden ist, und bat ihn, mir den Untergang der »Queen Mary« zu erzählen. Egidy berichtete:
›Seydlitz‹
(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
»Einige Tage später lief der zerschossene ›Seydlitz‹ durch eigene Kraft in Wilhelmshaven ein.«
»Nie werde ich den Augenblick vergessen: wir waren um 620nachmittags in einem Übergang begriffen von der Staffel zur Kiellinie. Meine Augen waren auf das Schiffsmanöver gerichtet, mein Ohr gehörte dem, was im Artillerieturm, halb über, halb hinter mir vorging. Das Schiff ist ja, wenn man’s recht betrachtet, eine große Laffette für seine schweren Geschütze und das Manöver muß sich, wenn man treffen will, soweit das irgend angeht, demSchießen anpassen. Also: ›Recht so. — Schumann‹ (so hieß mein Gefechtsrudergänger), weil eben eine Salve fallen und dazu die Drehung des Schiffes aufgehalten werden soll. Immer wird mir die näselnde Hupe der Aufschlag-Melde-Uhr im Ohr klingen, nachdieserSalve. Ich sehe nach vorn, aufs Flaggschiff und den Vordermann — die Ohren weiter gespannt nach hinten-oben. Ein Augenblick Stille, als ob alles im Schiff den Atem anhielte, dann von irgendeinem Artilleriebeobachter, der als Erster die Stimme wiedergefunden hatte, im halb singenden, eintönigen Melde-Stakkato: ›Die Nummer drei fliegt in die Luft‹ — und als einzige Reaktion auf das Ungeheure, das diese Meldung in sich barg, die ruhige, klare Stimme meines braven Artilleristen, Kapitän Richard Förster: ›Zielwechsel rechts!‹ — genau wie bei einer Schießübung. Wäre der dicke Panzer nicht zwischen uns gewesen, ich hätte den Mann umarmt fürdieses›Zielwechsel rechts‹. Vielleicht hat’s der zweite Artillerist, der Axel Löwe getan, ich hörte aber nur ein Zwiegespräch von vier Worten: ›Richard, sauber!‹ und ›Was! Axel!‹ — Dann waren sie beide wieder nur der stumme Geist, der seine Instrumente meisterte zur Vernichtung des Feindes.«
»Queen Mary«
(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
»... Die Nummer drei fliegt in die Luft.«(Vernichtung des engl. Schlachtkreuzers »Queen Mary« in der Skagerrakschlacht.)
»Und wie sah es aus, als die ›Queen Mary‹ in die Luft flog?«
»Ja, bester Luckner, ich sagte Ihnen ja schon, ich war beimManöverieren, sah also aufs Flaggschiff und auf den Vordermann, jetzt kam es erst einmal darauf an, sauber ins Kielwasser des BdA. einzuscheren.
Als ich dann aber durchs Torpedozielfernrohr, das sie mir solange eingerichtet hielten, zum Feind herübersah, da hat mir wohl einen Moment das Herz im Halse geschlagen!
Da stand auf einer Entfernung von 13½ Kilometern gegen den mattblauen Himmel eine riesige, unbewegliche graue Säule. Im unteren Teile wirbelten schwarze Massen herum. Am oberen Rande schwelte dicker schwarzer Qualm. Darüber standen wie eine Aureole glutrote Strahlenbündel von Stichflammen. Und an der Basis vorbei schob sich etwas wie ein Torpedoboot. Ein Torpedoboot? Nein, das war ja die Nr. 4 der Schlachtkreuzerlinie, der ›Tiger‹. Unverkennbar an seiner Silhouette! Über 200 m lang, und erscheint doch winzig im Verhältnis zu der Riesensäule dort am Horizont, deren Basis muß danach 600–800 m und die Höhe wenigstens 3000 m gemessen haben. Fabelhafte Dimensionen! ›Tiger‹ aber fuhr sozusagen unter seinem unglücklichen Schwesterschiff durch; denn während er die Stelle überfuhr, auf der vorher ›Queen Mary‹ geschwommen hatte, prasselten um ihn aus der Luft deren Reste nieder. —
Und der zweite Höhepunkt der Schlacht, das war am Abend, nach 9 Uhr, als Scheer uns zum zweiten Stoß mitten auf die englische Linie zu ansetzte. Wir waren umbraust von einem wahren Feuer-Orkan. Treffer auf Treffer hagelte ins Schiff. Meldung auf Meldung kam von schweren Havarien, von Feuer, von Wassereinbrüchen. Dazwischen immer wieder die gespannte Frage in den Artillerieturm: ›Förster, hat die ArtilleriekeinZiel?‹ — ›Kein Ziel, Herr Kapitän.‹ — Vor uns stand von Nordwesten über Norden bis gegen Osten hin eine ununterbrochene feuernde Linie, aber kein Schiff war auszumachen, nur aufblitzende Salven, an denen man die Lage des Horizontes wenigstens erkennen konnte, alles übrige in ein schwefliges, giftiges Gelbgrau getaucht — ein schauerlich gewaltiger Eindruck. Der Feind war in einer graugelben Himmelswand verschwunden, wir dagegen fuhren vor dem klaren Osthorizont für ihn Scheibe. Ungleicher konnte das Glück seine Gaben nicht verteilen.
Treffer auf Treffer
(Mit Genehmigung der Firma F. Finke, Verlag, Wilhelmshaven.)
»... Treffer auf Treffer hagelte ins Schiff.«(Durchgehender Volltreffer auf »Seydlitz« von der Back bis zur Proviantlast.)
Da, Meldung von der Funkenbude: ›FT vom Flottenchef: Die Panzerkreuzer ran an den Feind.‹ Das bedeutet aus der Signalsprache übersetzt: Der Verband ist selbständig, die Schiffe sind zur Entscheidung voll einzusetzen. ›Donnerwetter, dachte ich,noch mehr ran an den Feind?? — nun geht’s nach Walhalla!‹ Gleich daneben drängte sich der Gedanke: ›Wie kannst du deinen braven 1300 Leuten unten im Schiff noch eine letzte Freude machen, ihnen noch eine letzte Begeisterung in die Knochen gießen — daß sie hochgestimmt, mit innerem Schwung auf die große Reise gehen?‹ — Mir fiel nichts Besseres ein als: ›Vom Kommandanten an alle im Schiff: Signal vom Flottenchef, die Panzerkreuzer ran an den Feind.‹ — Gleichmütig gaben’s die Befehlsübermittler weiter durch Sprechrohre, Schallrohre, Telephone. Die Wiederholung durch die Empfänger unten im Schiff tönte ebenso seelenruhig zurück. Dann einige Sekunden Stille, wieder hielt das Schiff den Atem an — und nun kam ein Echo zurück ans Ohr des Kommandanten, in seiner Allgewalt das gewaltige Tosen der Schlacht übertönend: eineinziger Freuden- und Jubelschrei: ›Hurrah! — drauf Seydlitz‹ (der Ruf, mit dem die Seydlitz-Kürassiere vor 170 Jahren attackierten, und den auch wir uns als Schlachtruf gewählt) — die ›Wacht am Rhein‹ — ›Haltet aus‹ — eine Harmonika setzte ein — mit den Kohlenschaufeln machten die Heizer einen Höllenlärm gegen die Bunkerwände — das ganze Schiff ein Jubel! Wahrhaftig, mir würgte es heiß die Gurgel herauf. In einem einzigen beseligenden Augenblick kam mir so die soldatische Arbeit von Jahren als Dank und Quittung meiner Besatzung zurück. Ja,diesSchiff,dieseBesatzung war in meiner Hand! — Herrliches Deutschland! Ein einziger Impuls umfing und trug uns alle. —
»Seydlitz«
(Mit Genehmigung der Firma W. Krüger, Rüstringen.)
»Hurrah! — drauf, Seydlitz« (»Seydlitz« brennend während der Seeschlacht).
Und kurz darauf ein plötzliches Nachlassen, dann bald Aufhören des englischen Feuers! Es war der Augenblick, da unter dem Eindruck unseres gesammelten Stoßes Jellicoes Nerven zusammengebrochen und mit ihnen die englische Linie auseinandergebrochen war, vor dem überlegenen Willen und Können Scheers. Es war der Augenblick, da unsere angreifenden Torpedoboote keinen Gegner mehr fanden!
Luckner, da hab ich’s gefühlt — und wir wollen’s unseren Kindern und Kindeskindern übermachen als stolzes Erbe —: Wir sind den Engländern überlegen gewesen. Also werden wir’s auchwieder sein — wenn die Vorsehung es wieder drauf ankommen lassen will. —«
Das ist der Tag vom Skagerrak, da so herrlicher deutscher Seemannsgeist dem großen Gegner solche Wunden geschlagen hat. Wie bedauern wir, die wir heute auf keinen Planken mehr stehen, daß dieser Geist und Tirpitz’ Werk erst nach jahrelanger erzwungener Zurückhaltung der Schiffe sich betätigen durften, als es zur Auswirkung solcher Erfolge in weiteren Kämpfen bereits zu spät geworden war.
Tirpitz
(phot. E. Bieber, Hofphotograph, Berlin.)
Tirpitz, der Schöpfer der deutschen Flotte, der in seinen »Erinnerungen« die Entstehung und den tragischen Untergang unserer Marine erzählt.