»Seeadler« in Trümmern
»... Das Einzige was wir besaßen, lag zertrümmert.«
Wie der Korallenblock, auf den wir aufschlugen, sich tief in den Boden des Schiffes hineinrammt, und die Masten krachend von oben brechen und das Deck mit Tau und Segelzeug überschütten, sucht jeder Deckung hinter Bordwand und unter der Back. Nun ist der Anprall vorüber, das Unglück geschehen, und man siehtsich um nach seinen Leuten. Man sieht keinen; zunächst glaubt man der einzige Gerettete zu sein und verwünscht diesen Zufall. Man ruft matt nach vorn: »Jungs, wo seid ihr?« Da ertönt aus dem Vorschiff die herrliche, unvergeßliche Antwort: »Herr Graf, de Eikbom, de steit noch.« Die deutsche Eiche! Blitzartig geht es einem durchs Bewußtsein: Noch schlägt das deutsche Herz! So wie wir kleine Schar den schweren Schlag überdauern, so hält auch das Vaterland übermächtig stürmenden Gewalten stand:
»De Eikbom, de steit ok noch tohus.«
Es hieß nun, nicht sich dem Schmerz hingeben, sondern an die Arbeit gehen. Es galt, Proviant und Wasser für 105 Menschen zu bergen. Alle Gegenstände, auch die mit Wasser gefüllten Munitionsbüchsen mußten etwa 30 Meter weit über scharfes, unebenes Korallenriff durch starken Strom des ungefähr einen Meter tiefen Wassers getragen werden. Oft fielen die Leute um, und am nächsten Morgen gab es keinen ohne völlig zerschundene Beine mehr. Aber in zäher Anspannung wurde die ganze Nacht gearbeitet. Schließlich haben wir alles auf die Insel hinübergebracht, was zum Leben nötig war. Das Wasser in den Munitionsbüchsen erwies sich freilichals verdorben, und so wurde es unsere Lebensrettung, daß wir auf der Insel durch Sprengung uns Brunnen graben konnten.
Takelage des »Seeadlers« nach der Strandung
Takelage des »Seeadlers« nach der Strandung.
Nun entstand unter den Palmen in kurzer Zeit die letzte deutsche Kolonie. Zuerst ging die Flagge hoch. Cäcilieninsel tauften wir unsere neue Heimat. Hatten wir auch die bisherige, unser Schiff, verloren, so besaßen wir jetzt an Stelle der paar Planken ein paar Fußbreit Erdreichs.
Es galt, sich einer neuen Lebensweise anzupassen. Auf der Insel hausten Millionen großer und kleiner Vögel. Man konnte an manchen Stellen keinen Schritt tun, ohne ein Ei zu zertreten. Verscheuchte man die Möwen, so flogen sie so dicht auf, daß sich die Sonne verfinsterte. Die brütenden Vögel aber verlassen ihren Nistplatz nie, sie lassen sich lieber auf dem Platze totschlagen, als daß sie ihre Brut aufgeben. Nur durch Abfeuern von Schüssen konnte man sie da verjagen. Da die Eier, die wir vorfanden, meist angebrütet waren, steckten wir ein Stück Brutland mit dem Tau ab und warfen die dort gefundenen Eier ins Meer. Der hierdurch freigewordene Raum zog sofort alle die werdenden Möwenmütter an, die es kaum erwarten konnten, ihr Ei loszuwerden. So verfügtenwir in kürzester Frist über eine verschwenderische Fülle garantiert frischer Eier. Nachts, wenn wir Feuer anmachten, kamen große Einsiedlerkrebse zu Hunderten und Tausenden, vom Licht angelockt, heran.
Schnäuzchen, wie so ein Teckel nun einmal ist, war in zappelnder Neugier auf die Insel gekommen. Nun gewahrte sie auf einmal, wie dort der ganze Erdboden wimmelnd sich bewegt. Vögel stoßen auf sie zu. Sie will unter sie fahren, will fressen und vernichten, aber wo sie hinpacken will, kribbelt und wibbelt das Leben. Da kommt ein großer Einsiedlerkrebs und hält seine Scheren gegen Schnäuzchen hoch. Schnäuzchen fiel vor Schreck um, erlitt einen Krampfanfall und starb. Sie war erst zwei Jahre alt und hatte nach der langen Seereise zum erstenmal Gelegenheit gefunden, ihre Jagdpassion zu entfalten. Wir haben ihr ein schönes Grab errichtet und eine Kokosnußpalme darauf gepflanzt. Piperle aber suchte noch lange nach seiner Gefährtin.
»Seeadler« wird gesprengt
»Seeadler« wird gesprengt.
Nachdem unsere unentbehrlichste Habe aus dem Wrack geborgen war, durften wir an den Bau unseres Dorfes denken. In den ersten Tagen hingen unsere Leute einfach ihre Hängematten zwischen den Palmen auf. Das wäre ihnen beinahe übel bekommen. Kokosnüsse krachten des Nachts aus 15–25 Meter Höhe neben den Schlafenden nieder, und die konnten von Glück sagen, wenn diese vegetarischen Granaten ihnen nicht auf die Köpfe fielen, was einen Menschen absolut chloroformieren kann. Dagegen nützte es auch wenig, das ungemütliche Kopfende mit dem Fußende zu vertauschen und mit einem Auge nach oben zu schielen, ob etwa schon wiedersolch eine Gabe Gottes hernieder käme. Auf dem kribbelnden Erdboden konnte man natürlich auch nicht schlafen, und so gab sich alles mit verständnisvollem Eifer dem Hüttenbauen hin.
Zuerst wurde für Seeadlerdorf ein großer Platz vom Unterholz und Gestrüpp gesäubert, dann Palmen abgesägt und Bauholz herangeschleppt. Das erste Zelt, das wir schufen, wurde eine ziemliche Mißgeburt, aber jedes folgende geriet besser. Wir bauten die Zelthütten gewöhnlich so, daß jeweils gerade ein Segel für eine paßte. Unsere Segel, die treulich in beiden Erdhälften über uns geweht und uns Zehntausende von Kilometern vorangebracht hatten, wurden jetzt den Schiffbrüchigen zur Behausung. Unterricht gab uns einer unserer Gefangenen, der Kapitän Jürgen Petersen, der mit seiner hübschen, jungen amerikanischen Lebensgefährtin sich eine blendend schöne Zeltwohnung herstellte. Die Gefangenenzelte lagen links von den paar Eingeborenenhütten, die unsrigen rechts. Der Strandweg vor den Zelten, die Seeadlerpromenade, führte also von Germantown, wie unsere Stadt von den Gefangenen benannt wurde, zu Americantown und Frenchtown. Mit den Amerikanern hatten wir auf unserem abendlichen Strandbummel freundschaftlichen Verkehr.
Unsere Stadt umfaßte neben Wohnhäusern Proviantzelte, Munitions- und Waffenzelte, Karten- und Instrumentzelte, eine große Kombüse mit Herd und Backofen, eine Funkenbude, die uns mit drahtlosen Neuigkeiten versorgte und somit die Kurzeitung ersetzte, ferner ein Motorzelt und vor allem auch eine Messe. In der Messe war sogar ein hölzerner Fußboden, den wir aus den Wänden eines Deckhauses legten. An der Rückwand prangte Meyers Konversationslexikon und ein Bücherbord, an der Seitenwand stand unsere Anrichte. Die Sessel waren um den Messetisch am Fußboden angeschraubt, so daß es einer richtigen Schiffsmesse ähnlich sah. Vor der Messe befand sich eine Veranda, eingeschlossen von Palmblättern, welche die Eingeborenen geflochten hatten.
Auch unsere Wohnräume waren mit allen guten Möbeln aus dem Schiff ausstaffiert. An meinem Schreibtisch habe ich selten gesessen. Die Unteroffiziere bauten sich ihre eigene Messe, das technische Personal ein besonderes Wohnhaus mit Kojen. Die Mannschaften hatten alle Spinde und Bänke in ihren Räumen. Alle Fußböden waren mit feinem, weißem Korallensand bestreut. In der Mitte des Lagers befand sich ein Marktplatz, auf welchem abends die Kapelle spielte. Unsere Lichtmaschine spendete elektrisches Licht.Dr. Pietsch, der Schiffsarzt, errichtete sein Lazarett und rauchte seine nie ausgehende Zigarre. Auch einen großen Räucherapparat besaßen wir, worin wir mit Hilfe von Kokosnußschalen täglich etwa zweihundert Fische räucherten. Ein wunderschöner Badestrand lag an der Lagune. Nachts hörte man die Brandung schlagen als ein sanftes Wiegenlied. War es nachmittags heiß, so erfrischten wir uns auf der Luvseite an der Seebrise.
Seeadlerdorf
Seeadlerdorf, die letzte deutsche Kolonie.
Mancher reiche Mann hätte für ein paar Wochen Sommerfrische in unserem Paradies ein kleines Vermögen gegeben. Nach einer Woche ausbauender Arbeit, die in der Hitze immerhin anstrengte, war das Idyll fertig. Unsere große Schiffsglocke war in der Mitte vom Seeadlerdorf an einer Palme befestigt; es wurden wieder Glasen geschlagen und zeitweilig Musterungen abgehalten. Auf der höchsten Palme in der Nähe von Frenchtown war der Ausguck errichtet, indem die Krone der Palme durch einen hölzernen Boden ersetzt, aber durch hinaufgebundene Palmenwedel so künstlich wieder ersetzt wurde, daß kein vorbeifahrendes Schiff dem Baum etwas angesehen hätte. Das Hauptpatent bestand aber aus einemendlosen Tau, das unten und oben auf einem Block lief. Der abzulösende Ausguckmann setzte sich oben, der ablösende unten auf einen in das Tau geknüpften Knüppel. Der Mann oben zog, wenn er schwerer war, den unteren allein in die Höhe; war er ein leichter, so mußte durch einen dritten Mann etwas durch Ziehen nachgeholfen werden.
Requisitionskolonne
Die Requisitionskolonne kauft ohne Lebensmittelkarten und Geld ein.
Einige unserer Leute, die romantisch veranlagt waren, bauten sich kleine Hütten von Palmenblättern im Walde. Piefzeck, Messeordonnanz und Mädchen für alles, errichtete sogar mit einem gefangenen Holländer zusammen ein Wasch- und Plätthaus; darin hatte er auch seine Nähmaschine stehen und schuf aus gekaperten Tischtüchern Bettlaken, Hemden und Unterhosen. Zimmermann Dreyer baute sich seine Werkstatt in der Nähe der kleinen Werft, die wir gegenüber von Americantown anlegten, um unser Motorboot für eine neue Fahrt ins Unbekannte instand zu setzen. Denn zu unserer Vollkommenheit fehlte uns nichts, als ein Schiff, das uns wieder der Kulturwelt und dem Krieg entgegentragen konnte. Wenn unser Kreuzer auch zerschmettert auf einsamem Korallenriff lag, und wenn wir auch nicht mehr in die Heimat zurücksegeln konnten, der Mut war ungebrochen. So setzten wir jetzt alle Hoffnung auf das kleine Boot. Undenkbar schien esfreilich den meisten, mit einem solchen Ding von unserer abgelegenen Insel abzufahren und in ungewissen Breiten ein größeres feindliches Schiff damit abzufangen. Aber einmal waren wir deutsche Soldaten, die auch die geringste Möglichkeit, weiterzukämpfen, wahrzunehmen hatten; und dann gleicht der Pirat dem Spieler, der das Glück immer wieder herausfordert.
Takelage und Segel wurden entworfen, Mast, Klüverbaum, Großbaum und Gaffel für das Boot fabriziert, Pardunen, Stagen und laufendes Tauwerk gespleißt, Segel genäht, Proviant klar gemacht, das Boot geschruppt und gemalt. Was Werftarbeit alles erfordert, das wurde uns jetzt erst klar, als wir selbst ein Boot für eine lange Seereise instand setzten.
Über solchen Vorbereitungen wurde die Gegenwart nicht vergessen. Auf den Korallen pflegten wir zu fischen, wo das Wasser nur etwa einen Fuß hoch steht. Wenn morgens die Fische kamen, um dort ihre Nahrung zu suchen, bildeten wir eine lange Kette von Menschen und trieben die Tiere nach oben ins flache Wasser. Dann verengten wir den Kreis, spannten ein Stahlnetz auf und zogen es zusammen. Schließlich wurde es rings umstellt und unsere drei Eingeborenen spießten die Fische auf. Geht der Südseeinsulaner allein zum Fischen, so steigt er tiefer in die Korallen hinein. Er trägt eine große, festanliegende Brille, taucht unter und spießt den Fisch von der Seite auf, beißt ihm darauf das Rückgrat durch. Nach größeren Fischen wirft er mit einem besenartigen Bündel von Speeren mit Widerhaken.
Ferner übten wir das Angeln und erbeuteten Fische auch durch Sprengpatronen, die wir ins Wasser warfen; brachen dann von den Korallenbauten einige zusammen, so wurden Hunderte der wohlschmeckenden, bizarr schönen Fische herausgeworfen. Die Korallen geben einen hellen Widerschein, so daß man tief ins Wasser hinuntersehen kann. Außer Papageifischen fingen wir Langusten, Rockfische, Plattenfische und Muränen. Letztere schauen nur mit dem Kopf aus den Korallen heraus, und wenn man sich nicht vorsieht, beißen sie zu. Wir erfuhren zuerst aus dem Großen Meyer, was das für Fische wären, und zugleich, daß die alten Römer die Muränen für die größte Delikatesse hielten und mit Sklavenfleisch gefüttert haben sollen. Bei Tagesanbruch wurde der Strand nach Riesenschildkröten abgesucht, deren Fleisch und Eier sehr wohlschmeckend sind.
Mit den Eingeborenen waren wir täglich zusammen und verständigtenuns in Pitschinenglisch; übrigens lernte der Junge, den sie mithatten, ein halbes Kind, ziemlich schnell Plattdeutsch. Ich könnte noch vieles erzählen von Vögel- und Schweinejagd, von abendlichem Lagerfeuer mit Seemannsklavier und Heimatliedern, träumerischer Ruhe und Heimwehgefühlen. Gegen 10 Uhr abends lag die ganze Kolonie meist im wohligen Schlummer; nur der Posten wanderte einsam vor den Hütten auf und ab. Zeitweise kam es dabei vor, daß der Posten vom sanften Rauschen der Palmen und Gezirp der Grillen zu weit ins Traumland kam und selig eindusselte, wofür er natürlich seine Extrawache ablaufen mußte; aber ein Arrestlokal brauchten wir nicht; es war das einzige, was bei unserem Stadtbau fortblieb.
Der schwarze Stab des »Gouverneurs« von Mopelia
Der schwarze Stab des »Gouverneurs« von Mopelia.
Ratten, Ameisen, Flöhe und tausenderlei Insekten waren in Myriaden vorhanden. Nachts lebten die Buden förmlich. Ein Oppossum, welches die Gefangenen mitgebracht hatten, kam jeden Abend in die Messe und verlangte Wasser. Piperle jagte nachts mit ungeheurem Skandal die Schweine vorbei. Überall knackte, raschelte, gurrte und summte es. Von den Blätterneiner benachbarten Palme herab kamen die Ratten auf das Zeltdach; die ganze Nacht lief und rannte es auf und nieder. Man wurde aber alles gewöhnt, sogar wenn man plötzlich bemerkte, daß man in seinem Glas Wasser, das man nachts in der Dunkelheit trank, mehr Kakerlaken als Wasser hatte, oder wenn morgens die Zahnbürste voll Ameisen war. Retten kann man sich vor den Ameisen nur, indem man Tisch- und Stuhlbeine in Wasserschälchen stellt. Piperle kämpfte nachts fast unausgesetzt seinen drolligen Heldenkampf mit den Einsiedlerkrebsen, die am Abend zu Tausenden das Wandern vom Ufer in den Palmenwald anhuben; morgens krabbelte die ganze Gesellschaft wieder zurück. Ihre Beine und Scheren waren unserem Koch willkommen. Als Salat dazu wurde Palmenherz gestovt. Das ist das leckerste Gemüse der Welt, und es können sich’s nicht einmal Multimillionäre, sondern nur Piraten leisten. Es bildet nämlich die Mitte der Kokosnußpalmenkrone, aus welcher die neuen Blätter entsprießen. Will man also solch ein Herz im Gewicht von etwa 10 Pfund haben, so muß jedesmal eine große, schöne Palme ihr Leben lassen. Der Geschmack ist etwa zwischen Haselnuß und Spargel, nur feiner und lieblicher als beide.
Wir verlebten mannigfaltige Tage und genossen die Reize der Erde zwischen den beiden Wasserflächen, dem grauen, gewaltigen Meer draußen und der schönen, lieblichen Lagune drinnen. Aber ich wurde das Gouverneurspielen satt; es bewegte sich nichts vorwärts, wie wir es bisher gewohnt waren; es blieb zu sehr alles auf einem Punkt stehen. Des Seemanns alte Heimat zog uns wieder an, kaum daß wir uns dazu kräftig genug fühlten. Aber der Entschluß zu dieser Fahrt durfte nicht leichtfertig gefaßt werden, denn ich hatte das Leben von sechs Männern zu verantworten. Gefahr und Erfolgsaussicht wurden abgewogen und der Entschluß bejaht. Der Geist solcher Leute sollte nicht unter der Äquatorsonne eintrocknen! Schon am 23. August war unser Boot fertig zur Abfahrt. Unter Leutnant Kircheiß’ erfahrener Leitung war das Boot in vierzehntägiger Arbeit zu einem hohen Grad von Seetüchtigkeit gebracht worden. Einen kleinen Knacks hatte es allerdings; auch bei ruhigem Wetter haben wir später täglich 40 Eimer voll Wasser ausgeschöpft. Wir waren uns bewußt, daß die bevorstehende Unternehmung kriegerisch wie sportlich gewagter war als alles bisherige. Rasmus — so nennt der Seemann die überkommenden Wellen — würde uns diesmal gehörig die Gesichter waschen. Aus dem bequemen Salon, von der paradiesischen Inselhinweg trieb unser Wikingerblut hinaus auf eine Art von Einbaumkrieg, wie ihn die Südseeinsulaner früher pflegten.
Kriegsrat wurde gehalten. Welche Kurse wollten wir segeln? Wie lange sollte die zurückbleibende Mannschaft auf unsere Wiederkunft warten? Unter welchem Baum sollte sie, falls sie vorher Mopelia verließ, Nachricht zurücklassen? Aller halben Jahre lief nämlich ein Segler die Insel an, um die von den Eingeborenen gesammelten Kokosnüsse und Schildkröten abzuholen. Wir Bootsfahrer beabsichtigten, zuerst die Cookinseln anzulaufen und, wenn wir dort kein Schiff fänden, nach den Fidschiinseln weiter zu segeln, weil dort der größte Schiffsverkehr war und unsere Kriegsaussichten also besser standen. Leider haben wir dem Umstand, daß wir uns einem kleinen Schiffsboot anvertrauten, nicht genügend Rechnung getragen; denn sonst wären wir, da im September häufig stürmischer Wind in diesen Inselgruppen herrscht, nicht dorthin gegangen. Wir rechneten mit einer ungefähren Durchschnittsfahrt von 60 Seemeilen den Tag; in 30 Tagen konnten wir also die Strecke zurücklegen und in ungefähr drei Monaten mit einem gekaperten Schiff wieder in Mopelia sein.
Das Boot war offen, etwa 6 Meter lang und lag mittschiffs nur ganze 28 Zentimeter über Wasser. Aber einerlei, es konnte schwimmen! Wie wenig Schutz ein solches Fahrzeug gegen die andringenden Wellen einer hochbewegten See bietet, kann der Seebefahrene beurteilen. Aber auch jeder Leser, der einmal auf seinem Heimatflüßchen ein Boot gemietet hat, kann sich die Unternehmung vorstellen, ein solches Ding mit Ausrüstung für mehrere Wochen und mit einem halben Dutzend Gefährten voll zu packen und auf hohe See ins Ungewisse zu gehen. Armiert wurde es mit einem Maschinengewehr, zwei Gewehren und ein paar Handgranaten und Pistolen. Wir hatten einige Dosen Konservenfleisch, Speck usw. verstaut, aber in der Hauptsache bestand der Proviant nur aus Hartbrot und Wasser. Nautische Apparate und Sextanten waren eingebaut. Außerdem nahmen wir die Handharmonika und ein liebes plattdeutsches Buch mit. Alle wollten natürlich mitgehen, aber ich konnte nur die wählen, deren Gesundheit zurzeit am günstigsten stand. Leutnant Kircheiß, Steuermann Lüdemann, Maschinist Krause, Obermaat Permien und Obermatrose Erdmann bildeten die Besatzung. Ich selbst war froh, daß ich als Kommandant, der sein Schiff verloren hatte, einen fahrbaren Unterschlupf fand, und wenn es auch nur ein kleines Bootwar. Auf Mopelia ging das Kommando auf Leutnant d. R. Kling über.
Alle wollten mitgehen
»... Alle wollten mitgehen.«
Klar unter Segeln lag unsere »Kronprinzessin Cäcilie«, der kleinste Kreuzer der deutschen Marine. Der Augenblick des Abschieds rückte heran. Nochmals ein kerniger Händedruck, das Band, das die 64 bisher so eng und fest umschlungen hatte, war aufgelöst. Es war als ob die Seele in zwei Hälften zerrissen würde. Erst jetzt kam es zum Bewußtsein, was uns jeder der Kameraden gewesen war und was uns nunmehr bevorstand. War es auch ein stolzes Gefühl, daß unsere winzige Kriegsmacht die deutsche Flagge wieder auf mehrere Punkte ausbreiten konnte, so sahen uns doch die Zurückbleibenden zweifelnd nach. Jeder bangte bei sich: »Kann das kecke Boot schwerem Wetter standhalten?« Es war keine Stimmung für Hurrarufen, nur die feste, ruhige Zuversicht erfüllter Pflicht. Dann lösten wir uns vom Lande, zwei deutsche Flaggen wehten nun wieder im weiten Ozean, eine von der Kokospalme, eine über dem Boot. Unsere Seegewalt stand im Verhältnis zu der Größe unseres Inselreiches, aber solange deutsche Herzen schlugen, war in diesem Miniaturkrieg doch ein erhebendes Streben.
»Kronprinzessin Cäcilie«, der kleinste Kreuzer
»Kronprinzessin Cäcilie«, der kleinste Kreuzer der deutschen Marine.
Als wir unseren »Seeadler« passierten, lag das Wrack zusammengesunken da, schon rotbraun gefärbt von der Brandung,die Masten zerbrochen. Aufgelüftet von einer Dünung bewegte sich das Schiff wie etwas Lebendiges. Es war als ob es atmete, sich zu heben versuchte, sich noch einmal aufrichten wollte, um Abschied zu nehmen, ja, als ob es mit uns sterben wollte, und dann doch wieder ohnmächtig in seinen Fesseln lag. Dann glitt unsere Nußschale in die See hinaus und schwamm wie ein lebender Punkt immer weiter in die Tiefe des Ozeans. Aus der umdunsteten Ferne, in der die Insel schon verschwunden war, leuchteten uns zuletzt nur die Goldbuchstaben von der Schiffswand nach. ... »Irma«! Wir aber strebten hinweg.
Mein Leutnant Kircheiß malte stolz mit Blaustift auf die erste Seite unseres Logbuches den Namen »Kronprinzessin Cäcilie«. Unser Schiffchen machte bei anfänglich herrlichem Wetter durchschnittlich pro Stunde vier Seemeilen Fahrt. Der Kurs ging aufdie etwa dreihundert Seemeilen Westsüdwest entfernt liegende Insel Atiu zu.
Wir hatten für zwei Monate Hartbrot, für drei Wochen Wasser mit. Ich muß nun die Einrichtung unserer neuen Häuslichkeit etwas näher beschreiben. Da unser Boot so voll war, daß man nur auf allen Vieren von vorn nach achtern kommen konnte, so hatten wir unser Hartbrot gleich von vornherein in die seitlichen Lufttanks gepackt; auch die Getränke, photographischen Apparate und der so notwendige Tabak war nebst einigem Unterzeug an diesem einzigen, auch bei schlechtem Wetter trockenen Platz verstaut, worunter allerdings die Schwimmfähigkeit des Bootes bedenklich litt. Wir besaßen vier Matratzen, so daß gleichzeitig vier Mann ausgestreckt liegen konnten, davon aber auch zwei nur halb, denn wenn man auf den beiden vorderen Matratzen lag, kam man immer unklar mit den Beinen zwischen Tauwerk und Belegnägel der Nägelbank. Als Kulturzubehör hatten wir sechs Emailleteller, sechs Paar Messer und Gabeln, sechs Moggen, einen Kaffeekessel, 20 000 Mark und einige Rollen Klosettpapier bei uns. Das Klosett bestand allerdings aus dem Vordersteven, der bei den Stampfbewegungen des Schiffes häufig untertauchte, eine Wasserspülung eingreifendster Art, die aber oft verfrüht kam; man mußte sich dabei an einem dünnen Stag halten, der beim Rollen des Schiffes den Körper hin- und herpendeln ließ. Fürchterlicher als diese äußeren Erschwerungen wurde uns freilich die Hartleibigkeit, die aus dem Bewegungsmangel und der Brot- und Wasserkost entstand.
Zu dem erwähnten Schiffsinhalt kamen noch die Wasserfässer, der Motor, die Duchten usw., was mit den Lufttanks zusammen den meisten Platz wegnahm. So begreift man kaum, wie sich noch sechs Menschen in diesen Patentschlitten hineindrücken konnten. Um etwas Schutz gegen Regen und See zu haben, hatten wir rings um das Boot am Dollbord ein breites Segeltuch angenagelt. Dieses wurde bei schlechtem Wetter nach mitschiff herübergeklappt und dort mit der gegenüberliegenden Seite zusammengezurrt. Damit nun das Segeltuch nicht unmittelbar auf der Nase lag, waren von zwei zu zwei Metern eiserne Bügel querüber befestigt. Ohne diese Vorkehrung wären wir häufig vollgeschlagen und fast mit Sicherheit ertrunken.
Hat der Leser wirklich noch niemals eine Reise im kleinen Boot mit knapp einem Fuß Freibord über eine sturmzerwühlte See gemacht? Wenn nicht, dann sollte er dies bei der ersten Gelegenheitnachholen. Doch empfiehlt es sich, den Magen vorher einer guten Probe zu unterziehen, etwa wochenlang täglich ein paar Stunden in einer hochaufgehängten Schaukel zuzubringen, an welcher mehrere Seile angebracht sind. An jedem muß ein halbwüchsiger Junge kräftig und unsystematisch ziehen. Nun geht es abwechselnd rechts, links, auf, ab, kreuz, quer. Das Gefährt darf die Pfosten nicht immer frei passieren, sondern soll durch Gegenrammen manchmal eine kleine Abwechslung in das Spiel bringen. Bisweilen muß dem Insassen der Inhalt eines mit kaltem Salzwasser gefüllten Eimers in weitem Bogen ins Gesicht geschleudert werden. In einigen Wochen wird sich der Magen an die Bewegung gewöhnt haben, und der Abenteuerlustige braucht die Schönheit einer solchen Reise nicht mehr allzusehr zu fürchten.
Die Besatzung der »Kronprinzessin Cäcilie«
Die Besatzung der »Kronprinzessin Cäcilie«.(Aufnahme ein Jahr später, in »erholtem« Zustand. Die Originalaufnahmen von der Bootsfahrt sind von den Engländern als Kriegsbeute einbehalten worden.)
Wir nannten unser Boot im allgemeinen nur den Zigeunerwagen des Ozeans und fühlten uns auf dem besten Weg, große Taten zu vollbringen. Nur das »Wenn« und das »Aber« hat uns später einige Hindernisse in den Weg geworfen.
Morgens um sechs Uhr wurde durch die beiden Wachmannschaften der Kaffeekessel gefüllt, was mit der kleinen Pumpe rund zehn Minuten dauerte. Das Kochen wurde unter den schwierigsten Umständen mit einer Lötlampe bewerkstelligt. Sobald etwas Brise war und das Boot schlingerte, gelang es nicht, das Wasser zum Sieden zu bringen; dann waren wir froh, anstatt Kaffee wenigstens etwas angewärmte Kaffeebohnensuppe zu bekommen. In den späteren entsetzlichen Tagen dieser Bootsfahrt haben wir überhaupt nichts Warmes, so wenig wie Trockenes zu essen bekommen. Freundlich dagegen war das Bootsleben in den ersten Tagen. Um acht Uhr standen die vier andern von ihrem Lager auf, wuschen sich mit Salzwasser und, wenn alles seine Ozeankultur vollzogen hatte, setzten wir uns hinten in den Kokpit, den einzigen freien Platz, und nahmen den Kaffee mit Hartbrotstullen ein. Dann wurde die Vormittagsstandlinie ausgerechnet, »Betten« gemacht, Moggen gewaschen und Messer geputzt. Um 10 Uhr konnte man sich bei gutem Wetter geistigen Interessen hingeben, und da unsere Bibliothek nur für einen reichte, so etablierte sich Lüdemann als Vorleser und gab uns einen Strämel aus der »Reis’ nach Konstantinopel« zum besten. Fritz Reuter war so ziemlich das einzige, was uns auf der ganzen Reise trocken zu halten gelang. Hätte Reuter gewußt, daß er einmal sechs deutschen Seeleuten mitten im Stillen Ozean die einzige Erquickung ihres Daseins würde, er hätte sich über seine ollen Kamellen doppelt gefreut.
Gegen 12 Uhr wurde wieder Nautik getrieben, das Mittagsbesteck ausgerechnet und zum Diner klar gemacht, das wir, wieder alle um den Kompaß gelagert, einnahmen. Der Nachmittag war meist unangenehm; in der Hitze ohne Schatten immer auf einem Punkte sitzend wurde man zuletzt ganz brägenklöterig. Mit Wassertrinken mußten wir sparsam sein; man durfte den Durst nie völlig löschen.
Am späteren Nachmittag wurde wieder etwas gelesen und Tagebuch geschrieben, gevespert und zu Abend geschmaust, und den Abend machte uns die Handharmonika gemütlich, zu der wir sangen. Manches alte deutsche Volkslied und mancher Gassenhauer verhallten in dem weiten Ozean. Dann noch ein wenig geklöhnt, bis Morpheus als siebenter Mann unsern Kahn bestieg. Nachtswar es meist empfindlich kühl, was wir aber bei dem anfänglichen guten Wetter noch nicht so bemerkten, solange unsere Kleider trocken waren. Ungemütlich wurde es, wenn ein Walfisch nebenherschwamm, wir verzichteten gern auf die Nähe seiner Fontänen.
Die Navigation erwies sich in einem solchen winzigen Fahrzeug als recht schwierig. Man kann die Karten auf keinen Tisch legen, alles weht bei der geringsten Unachtsamkeit über Bord. Man sollte im rollenden Boot rechnen und beobachten, mit steifen Händen. Wenn wir unsere nautischen Tafeln, Hefte, Karten, Logarithmen und Bücher, die vor Nässe klebten, zum Trocknen in die Sonne legten, schwollen sie auf wie Pferdekadaver.
Bewohntes Feindesland
(Phot. R. Hofmann, Kassel.)
»... zum erstenmal bewohntes Feindesland.«
Wir spähten nun also nach Schiffen aus und suchten in den feindlichen Häfen danach. Am dritten Tag unserer Fahrt kamen wir zur ersten Insel der Cookgruppe, Atiu, und betraten zum erstenmal bewohntes Feindesland. Ich begab mich mit Kircheiß durch die unser seltsames Fahrzeug bestaunenden Eingeborenenhaufen hindurch in das Amtsgebäude des britischen Residenten. Der Herr lag auf seiner Veranda ausgestreckt in Hemd und Hose und erhob sich nicht, als wir eintraten. Die gottgewollte Notwendigkeit, daßalles Erdreich, sei es noch so fern und klein, von Angelsachsen beherrscht wird, stand auf seinem Gesicht geschrieben.
»Mein Name ist van Houten,« begann ich dem mißtrauisch blickenden Residenten auf englisch zu erzählen, »und dies hier ist mein Chief Offizier Southart«. Dann gab ich Kircheiß das Wort, der besser englisch sprach, und dieser fuhr fort:
»Wir sind Amerikaner von holländischer Geburt. Wir haben vor ein paar Monaten im holländischen Club zu San Franzisko gewettet, von Honolulu mit einem offenen Boot über die Cookinseln nach Tahiti und zurück nach Honolulu zu segeln. Die Wettsumme beträgt 25 000 Dollar. Wir sind verpflichtet, bestimmte Plätze anzulaufen. Darum, mein Herr, seien Sie so freundlich uns einen Ausweis zu erteilen, daß wir hier gewesen sind. Auch wünschen wir Wasser, Konserven und frische Früchte einzunehmen«.
Dem Residenten schien unsere Sache etwas übergewagt, aber sein Gesicht hellte sich auf. Er fragte nicht nach Logbuch und Papieren; auch hatte er als stolzer Brite die Beschäftigung mit fremden Sprachen offenbar so völlig verschmäht, daß er das Plattdeutsch, das Kircheiß und ich untereinander sprachen, für Holländisch nahm, obwohl er den Burenkrieg mitgemacht hatte. Er verwickelte uns darauf in ein Gespräch über den Krieg, den er verurteilte, da er nur der gelben Rasse nütze. Vor den Taten der Deutschen hatte er starken Respekt. Natürlich hüteten wir uns, Deutschland zu rühmen.
Nach einer Viertelstunde gesellte sich ein französischer Missionar hinzu, der, entzückt, als ich ihn mit ein paar französischen Brocken ansprach, als glühender Patriot uns sofort zu sich einlud, mit einer Grammophon-Marseillaise empfing und köstlich bewirtete, wobei natürlich die Deutschen im Gespräch nicht geschont wurden. Auf dem Wege zu seinem Missionshaus genossen wir die Pracht der Insel; in wilder Harmonie wuchsen zu beiden Seiten Kokospalmen, Bananen, Mangos, Apfelsinen und viel anderes Tropengewächs. Auf dem Rückweg schlenderten wir durch die Dorfstraße und gaben den schönen Häuptlingstöchtern Gelegenheit, auch einmal ein Auge voll von diesen Wettefritzen zu nehmen. Mit betäubenden Blumensträußen und allerhand entzückenden Einladungen für später beglückt gingen wir zum Boot zurück. Dann besuchte ich noch einmal den Residenten, um ihn über den Schiffsverkehr auszuhorchen. Leider war die Ankunft irgendeines Seglers ganz unbestimmt, so daß wir unsere Hoffnung nun darauf richten mußten, erst in Aitutakiein Beuteobjekt anzutreffen. Dorthin segelten wir weiter. Der Ausweis des Residenten von Atiu sollte uns gute Dienste leisten.
Das Wetter hatte sich verschlechtert. Unaufhörliche Regenböen durchnäßten alles und schwere Seen schlugen dauernd ins Boot. Wir haben manchmal in einer Stunde 250 Eimer ausgeschöpft. In den ganzen letzten 25 Tagen unserer Fahrt wurden wir nie wieder recht trocken. Sämtliche Wolldecken, Matratzen, überhaupt alles was nicht in den Seitentanks verstaut war, durchnäßte vollkommen. Wir froren unbeschreiblich und bekamen nur selten noch den Kaffee warm. Auf den durchweichten Matratzen, unter den nassen, bleischweren Decken konnte man nicht mehr schlafen und freute sich darauf, Wache zu haben, um durch die Bewegung des Arbeitens etwas Wärme zu gewinnen. Der Segeltuchbezug hielt nicht mehr dicht. Spritzwellen hinderten das Trocknen der Sachen, wenn einmal der Regen aussetzte.
Einmal sahen wir dicht vor unseren Augen eine Wasserhose sich bilden. Zuerst zieht ein feiner, wirbelnder Sprühregen dicht an der Wasseroberfläche die Aufmerksamkeit auf sich. Allmählich dreht sich der Wirbel immer heftiger, immer breitere Wassermassen mit sich reißend, und dann sieht man oben am klaren Himmel ein schwarzes Gewitterwölkchen, das trichterförmig nach unten ausläuft. Plötzlich schießen der kreisende Wirbel auf der Wasserfläche und der Wolkenzapfen zusammen; ein Rauschen und Tosen der Wassermassen, Himmel und Wasser sind durch eine riesenhafte Säule verbunden. Diese himmelhohe Wand bewegt sich vorwärts. Das kleine Boot liegt totenstill, kein Luftzug regt sich um uns. Herr Gott, wenn dieser wandernde Gigant auf uns herniederbricht! Wie sollen wir ausweichen? Unwillkürlich dreht der Mann am Steuer immer wieder ab, doch das Schiff bewegt sich nicht. Da plötzlich, Gott sei Dank, bricht das rauschende Ungeheuer mit betäubendem Klatschen in sich zusammen, eine mächtige Dünung hinterlassend. Mehreren Wasserhosen entrannen wir nur durch glücklichen Zufall.
Bei Aitutaki angelangt, fanden wir leider den erwarteten Schoner, den wir kapern wollten, nicht. Wir beschlossen trotzdem, an Land zu gehen, in der Hoffnung, über Schiffsverkehr etwas zu hören und eine Nacht trocken zu schlafen und unseren erschöpften Körper auszuruhen. Es war der 30. August.
Auf der Mole stand zwischen ein paar hundert Eingeborenen der Resident und erwartete die seltsamen Gäste. Wir hatten unsere holländische Abstammung in eine norwegische umgewandelt, da unsschon in Atiu die Nähe holländischer Landsleute angekündigt war, auf deren intime Bekanntschaft wir keinen Wert legten. Nur dem Obermaat Permien, der etwas holländisch sprach und sonst keine fremde Sprache, überließen wir die Freude dieser landsmannschaftlichen Begrüßung, gaben ihm aber vorher etwas Unterricht in Schwerhörigkeit.
Der Resident sah mit seinem Kneifer aus wie Präsident Wilson und brachte uns das denkbar größte Mißtrauen entgegen. Er schickte gleich einen norwegischen Zimmermann aufs Boot, mit dem sich glücklicherweise Lüdemann fließend unterhalten konnte, so daß dieser Zeuge warm für uns eintrat. Unser Wilson verfolgte nun einen recht schlauen Plan, um uns auszuforschen, indem er uns trennte, obwohl wir alle Ausflüchte versuchten, um beisammen zu bleiben. Wir wurden aber so dringend in die einzelnen Honoratiorenhäuser zum Bad und Essen eingeladen, daß wir nicht widerstreben durften. Ich nahm mir eine Handgranate in die Tasche und ebenso die andern. Mit dem Trocknen unserer Sachen war es wieder nichts, weil die Insulaner unser Boot dicht umlagerten, so daß wir die Decken, unter denen unser Waffenlager steckte, nicht aufheben durften.
Während ich beim Kaufmann Low und Kircheiß beim Residenten aßen, gingen zwischen unsern beiden Gastgebern fortwährend durch Boten kleine Zettel hin und her. Offenbar verabredeten sie darauf die an uns zu stellenden Fragen und verglichen die Antworten. Wir strebten, sobald wir konnten, wieder zusammenzukommen. Am Boot erzählte uns Lüdemann, der Norweger hätte uns gewarnt, man hielte uns für Deutsche und wollte das Boot an den Strand holen. Wir verabredeten darauf, daß immer zwei von uns im Boot bleiben und sobald sie etwas hörten, die Landungsbrücke mit Maschinengewehrfeuer bestreichen sollten; wir andern würden uns dann schon durchschlagen. Dann gingen wir, in Erwartung des vom Residenten versprochenen Ausweises, erst mal in den Kaufladen, um unsern Vorrat aufzufüllen. Als Permien dort vor der Tür stand, trat ein holländischer Missionar auf ihn zu und verwickelte ihn ins Gespräch. Permien mußte aber dringend zum Boot zurück und statt dessen unterhielt Erdmann den Himmelslotsen mit ein paar holländischen Brocken. Er lud uns alle ein, wir waren aber schon vergeben. Der Kaufmann, Herr Low, brachte uns illustrierte Zeitschriften an und bestaunte darin die deutschen Schützengräben usw. In seinem Laden fandenwir noch allerlei Waren »Made in Germany«, und als wir ihn darauf hinwiesen, sagte er, er freue sich, daß dies die letzten Restbestände wären; neue deutsche Waren würden nie mehr nach der Insel kommen. Von der Größe und ausgebreiteten Handelsmacht unseres alten Vaterlandes erhielten wir so auf Schritt und Tritt einen neuen Begriff. Aber wir durften uns nichts anmerken lassen, und unsere ungemütliche Lage auf beinahe verlorenem Posten war ein Abbild der traurigen Vereinsamung, der unser ganzes liebes, einst so großes Vaterland entgegenging. Damals aber hofften wir noch auf den Sieg, und wenn alle in der Heimat so durchgehalten hätten wie unser kleines schiffbrüchiges Häuflein, so würden auch deutsche Waren wieder rasch den Weg in alle Erdenwinkel finden. Denn der Respekt vor unserem Volk und Staat war unermeßlich groß; immer wieder hörten wir bei solchen, die uns für Nichtdeutsche hielten, die Besorgnis aussprechen, Deutschland würde noch die ganze Südsee annektieren und ähnliches mehr.
Wir wurden dann eingeladen, in den einzelnen Häusern zu übernachten. So gern wir das getan hätten, nahmen wir es doch nicht an, da es offenbar nur eine Falle war. Wir hätten dann wohl bis Kriegsende dort bleiben müssen.
Endlich ließ uns Wilson rufen, forschte nach meinen Schiffspapieren und fragte mich nach allerlei Namen und Daten. Auf meine Frage, warum er das wissen wollte, erwiderte er: »Die Leute halten Sie für Deutsche. Ich weiß, daß Sie es nicht sind, und möchte die Leute beruhigen.« Wilson schwankte offenbar zwischen dem Wunsche, uns dazubehalten, und der Furcht vor einem Kampfe. Ich fühlte nach meiner Handgranate und hakte in der Tasche den Karabinerhaken auf den Zünder und dann gingen wir mit dem Residenten, umgeben von Hunderten von Eingeborenen, hinab zum Boot. Auf der Landungsbrücke fragte ein langer Kerl mit englischer Militärmütze, der in Flandern gewesen war, den Residenten, ob er uns festnehmen solle. Ich flüsterte Wilson zu: »Wenn ihr hier Geschichten macht, schieße ich den Kerl über den Haufen.« Die Antwort war: »Reden Sie doch so etwas nicht.« Dann blieb ich auf der Landungsbrücke sitzen, während der Resident sich ins Boot begab, um unser Logbuch einzusehen und das Boot zu durchsuchen, wozu ihn weniger sein eigener Mut, als die uns durch den Norweger verratene Forderung der ganzen Bevölkerung trieb.
Das Logbuch war natürlich nicht aufzufinden. War es nichtüber Bord gefallen? Doch konnte Kircheiß das Tagebuch eines früher von uns gekaperten amerikanischen Schoners überreichen, das wir wegen seiner geographischen Auskünfte mitgenommen hatten. Leider lag in diesem ungewöhnlichen Schiffsbuch auch unser Chronometertagebuch. Auf der ersten Seite war in fetter Schrift »Kaiserliche Marine« mit dem Reichsadler vorgedruckt. »Was ist das für eine Sprache?« fragte der Resident. »Das weiß ich auch nicht«, sagte Kircheiß, »wir haben das Buch in Honolulu bekommen.«
»Und was heißt hier ›Gang und Stand?‹«, fragte Wilson, indem er die handschriftlichen Seitenvermerke über den Zahlen mit dem Finger betippte.
»Das ist norwegisch«, sagte Kircheiß, »für Navigation.«
Wilson zog es vor, ihm zu glauben. Wir hatten im Augenblick zweifellos die militärische Übermacht. Im Vorbeigehen lüftete der Resident ein bißchen die Decken. Da lag eine Mauserpistole. Er deckte sofort wieder zu und sagte zu Kircheiß: »Lassen Sie das die Menge nicht sehen.« Alles war klar zum Gefecht: Maschinengewehr und Bajonette, und die Handgranaten hingen eine neben der anderen aufgereiht, daß wir sie nur so wie vom Apfelbaum herunterzupicken brauchten. Der Resident war schon ganz blaß geworden. Er rief seinen Begleitern, die auf der Brücke standen, zu: »Boys, es ist alles in Ordnung.« Ich stieg zu ihm ins Boot. »Decken Sie das zu«, sagte er kreidebleich und zeigte auf die Handgranaten, und dann wieder zu der Menge: »Ich finde nichts. Es sind harmlose Leute, Sportsleute.« Und dann zu mir leise: »Nehmen Sie mich bitte nicht mit.«
Wir wollten erst in ein paar Stunden fahren. Wilson zog aber die Uhr und sagte: »Gentlemen, es ist besser, Sie fahren sogleich ab.« Dann stieg er aus, ich mit ihm, und wir schnakten der Form halber noch ein bißchen am Strand, während Kircheiß gemütlich ins Dorf zurückging, um ein paar Apfelsinen abzuholen, die uns versprochen waren. Den erbetenen Ausweis hatte der Resident schon geschrieben. Der eingeborene Lotse meinte nun, wir könnten erst in einigen Stunden fahren. Da herrschte ihn der Resident aber an, es müßte sofort möglich sein. Ich stand ihm bei und wir beiden Weißen spielten zusammen eine Karte, damit die Schwarzen mit ihrem Verdacht nicht recht behielten, und den Weißen Unannehmlichkeiten bereiteten. Der Resident aber wußte genau, wen er vor sich hatte.
Als Kircheiß zurückgekehrt war, verließen wir diese kitzliche Ecke. Wir waren nun wieder auf hoher See und sahen 13 Tage lang kein Land. Trocken ist das Boot nie mehr geworden.
Die furchtbarste Leidenszeit sollten wir jetzt auf dieser Fahrt durchmachen, schwere Kämpfe mit den Elementen, Tag und Nacht ohne Schlaf, nur damit beschäftigt, das Boot gegen das stürmische Wetter über Wasser zu halten und das ins Boot schlagende Wasser mit Eimern wieder auszuschöpfen. Drei Tage lang fuhren wir durch ein Bimssteinfeld, das durch einen unter Wasser liegenden Vulkan ausgeworfen war. Hier lag das Ursprungsgebiet des Seebebens, das unsern »Seeadler« vernichtet hatte. Unter diesem Bimsstein hatten wir insofern schwer zu leiden, als er durch das über Bord kommende Wasser mit ins Boot geschlagen wurde. Alles war unbeschreiblich klatschnaß und von knirschendem Bimssteinsand beschmutzt. Alles schwabberte im Wasser, und trotzdem regnete es immer weiter. Wohl kann ich am Tage naß sein, wenn ich abends eine Koje habe, aber kein Dach und Fach! Der Körper rauchte infolge der Kälte. Dazu als Nahrung nur Wasser und hartes Brot. Wir verfielen tiefer Erschöpfung. Die Matratzen hatten wir längst über Bord geworfen, weil sie nicht mehr trockneten. Am Tag brannte zwischendurch mal die heiße Tropensonne auf die Haut, und nachts besaß man gegen die bittere Kälte keinen anderen Schutz als nasse Decken. Die Wasservorräte wurden knapp, und wir wagten unsern Durst nie mehr zu löschen. Sogar den köstlichen Speck, den wir mithatten, und nach dem wir förmlich lechzten, durften wir nicht mehr anrühren, um den Durst nicht noch mehr zu reizen. Tantalusqualen! Und dazu die weite Wasserfläche, die uns mit ihrem kristallklaren Naß fortwährend höhnte und an den Durst erinnerte. Regenwasser im Segel zu sammeln, mußten wir bald aufgeben, da das Segel durch den ewigen Wasserdampf des Meeres ebenso salzüberzogen war wie alles im Boot, und nur brackiges Wasser hergab. Wir gewöhnten uns unbewußt an, an den Fingern zu saugen und die Hand zu benagen, um den trockenen Gaumen, der wie ein Reibeisen war, durch Speichel zu erfrischen. Eben erst genesen, wurden wir wieder skorbutartig krank. Unsere Gelenke waren stark angeschwollen, besonders die Kniegelenke. In einem Schiff, dessen Kleinheit dem Körper die nötige Bewegung entzieht, verkommt man völlig bei längerem Aufenthalt. Stehen konnten wir nicht mehr. Die Zunge war angeschwollen, das Zahnfleisch schneeweiß, die Zähne saßen locker und schmerzten, und damitsollte man dieses harte Brot kauen! Was hätte man für eine warme Mahlzeit, ein trockenes Lager, ein wenig freie Bewegung oder sonst eine bescheidene Erholung gegeben! Schließlich ist der Mensch doch keine Amphibie. Große Schmerzen litten wir auch, wenn beim Hin- und Herschlagen des Bootes die stark angeschwollenen Kniegelenke anstießen. Schwerer Druck von innen nach außen lag auf den Augen. Wir konnten nicht mehr und wurden uns selbst zum Überdruß. Permien machte sich Striche am Körper, und wir beobachteten, wie das Wasser von Tag zu Tag in den Gliedern stieg und sich ausdehnte; wir bildeten uns ein: nur bis zum Herzen geht es. Jeder sagte: »Ich bin der erste, der geht.« Wir waren so müde und sollten immer wieder kämpfen! Wir wurden gleichgültig, warum sollten wir uns anstrengen, das bißchen Leben zu retten? In solchen Tagen zieht man den Tod vor, und wie wir schon das Ballasteisen hervorholten, denn wir wollten alle sterben, da war doch einer stark, und dieser eine ergriff unsern Tröster, unsern Fritz Reuter. Wie erfrischt uns der Humor, und der Mut kommt wieder: »Ne, wi wüllt wedder to Hus, wi wüllt nich dod gahn.« Der Gemütskranke ist wie ein Kind; das Buch hat ihm wieder die Heimat gezeigt, unermeßliches Heimweh durchströmt ihn und lenkt ihn von der Todessehnsucht ab. Ein Lichtpunkt! Nur heim zu dem Land, das solche Menschen hervorgebracht hat. Eine gewisse Umnachtung war eingetreten. Klar denken konnte man nicht mehr, das Gehirn war wie ein Baumwollknäuel. Richtigen Schlaf gab es nicht mehr, aber fortwährend nickte man ein, auch wenn man am Steuer saß. Man lebte in einer ganz andern Welt. Nur eines ging immerzu fort, der Trieb, gute Reise zu machen, nur keinen Wind unausgenützt zu lassen, keine Stunde zu verlieren. Immer weiter, immer weiter! Jede Stunde brachte uns der Erlösung näher. Und weiter kämpften wir.
Da kommt eines Morgens die kleine englische Insel Niue in Sicht. Wir mußten uns frische Nahrungsmittel verschaffen, wenn wir nicht umkommen wollten. Es ist immer ein Ereignis, wenn sich ein Boot einer Insel nähert. Wir sehen, wie die Eingeborenen den Landungsstellen zuströmen, machen ein Maschinengewehr klar, legen Gewehre bereit und heißen vor allem die deutsche Kriegsflagge. Bei allen Versenkungen hatten wir keine Waffe gebraucht, nur der Respekt vor unserer Flagge war es, der die Feinde auf die Knie zwang. Warum also schießen, warum Waffen anwenden, wenn wir sie bisher nicht gebraucht hatten? Die Leute am Landungsstegkönnen die Flagge noch nicht recht erkennen. Vorsichtig steuern wir an und bleiben in einem gewissen Abstand liegen. Nun erkennt die Menge die deutsche Flagge, und wie erstaunt sind wir, als sie rufen: »Ihr Deutsche, ihr großes, herrliches Volk, kommt herüber zu uns, ihr kämpft ja gegen die ganze Welt! Wir sind auch Krieger, aber wir haben nicht mit allen Inseln gegen eine gekämpft.« Sie zeigten auf einige Leute, die abseits standen: »Hier unsere Kameraden sind mit großem Klimbim von der Insel heruntergeholt worden, um gegen euch zu kämpfen. Als sie aber das Westfrontklima nicht vertragen konnten und Krankheiten bekamen, von denen sie keiner heilen kann, sind sie als Nummern zurückgeschickt worden.«
Vulkanische Südseeinsel
Vulkanische Südseeinsel. Die Lava tritt ins Meer.
Man muß die Eingeborenenseele kennen, um zu verstehen, warum sie so deutschfreundlich waren. Diese oft so edlen Rassen, die aber seit Menschenaltern unter Fremdherrschaft stehen, haben selbstverständlich gegen ihre Beherrscher vieles auf dem Herzen. Sie hegten eine natürliche Achtung vor uns als dem großen Feind der Engländer. Dazu kommt, daß der Eingeborene als Gentleman-Krieger empfindet und einen hochentwickelten Sinn für die Kriegerehreund für den Kampf Mann gegen Mann hat. Die Hetzjagd der ganzen Welt gegen das umstellte deutsche Volk verletzte sozusagen ihr sportliches Gefühl, und zugleich erhöhte es unser Ansehen, daß wir uns so gewaltig wehren konnten. Die Schwarzen waren über die Weltereignisse erstaunlich gut unterrichtet. Abends kommen sie zusammen und »palavern«, die Alten erzählen. Sie haben gehört, Amerika, Frankreich, England, Australien, Neuseeland, alles kämpft gegen Deutschland,all, all people, und dann denken sie, so ein Land wie Deutschland müsse doch in kurzer Zeit zerquetscht werden. Aber sie hören von ihren Leuten, die krank zurückkehren, daß die Deutschen immer noch tief in Frankreich stehen, und es sind schon Jahre. Da werden sie mißtrauisch und machen sich ihre Gedanken. Nun taucht da auf einmal ein deutsches Schiff auf, sie sehen die deutsche Flagge und fragen sich: »Was, die Deutschen kommen bis hierher?« Sie sind gar nicht erstaunt, daß wir in einem kleinen Boot kommen. Sie nehmen es als selbstverständlich an; wenn ein Volk gegen die ganze Welt kämpft, muß jeder kleine Kahn verwendet werden. Gerade in denselben Wochen ereignete sich auch der denkwürdige Besuch eines deutschen Fliegers über Sidney; es war »Wölfchen«, das Flugzeug, welches »Wolf«, der zweite deutsche Hilfskreuzer in der Südsee neben »Seeadler«, zum Besuch der australischen Hauptstadt aufflattern ließ. Die Beunruhigung der Engländer durch diese Allgegenwart der Deutschen — haben sie doch sogar die Existenz »Wölfchens« durch die Zensur ableugnen lassen — erhöhte nur die stille Freude der Eingeborenen.
Wir sehnten uns unsäglich, in Niue an Land zu kommen, aber eins hielt uns zurück: Das Volk, das uns Deutsche so bewundert, soll seinen ersten Eindruck von den Deutschen bekommen, wie sie auf Krücken längs rutschen? »Ne, as Krüppel goht wi nich an Land.« Sitzend nahmen wir die Huldigungen entgegen und verheimlichten, daß wir nicht stehen konnten. Wir baten nur um etwas Frisches und sagten, daß wir nicht kommen könnten, da wir Befehle hätten, anderswohin zu fahren. Sie brachten Bananen, die Frucht, die am günstigsten gegen unser Leiden wirkte. Wir dankten ihnen, dippten mit klammen Fingern unsere Flagge und unter Jubelzurufen gingen wir wieder in See. Gott sei Dank, Bananen, etwas, was man mit den losen Zähnen beißen konnte. Bald merkte man, daß der Körper wieder etwas Frische bekam, und langsam ging das Leiden zurück. Das Suchen nach feindlichenSchiffen, die Hoffnung, endlich ein Kaperziel zu finden, trieb uns weiter und bewahrte uns vor der Verzweiflung.
Am 22. Tag unserer Fahrt steuerten wir eine östliche Insel der Fidschigruppe, Katasanga, an, und endlich nach dem vielen Sitzen und krank von Rheumatismus konnten wir uns wieder auf festem Land frei bewegen.
In dem zurzeit unbewohnten Haus des weißen Plantagenleiters fanden wir unter anderem eine alte Nummer der deutschen Auslandszeitschrift »Das Echo« und empfanden beim Durchblättern wieder einmal die ganze Größe und Ausbreitung unserer Weltstellung bis zum Krieg. Als der Krieg ausbrach, scheint der deutsche Pflanzer verjagt worden zu sein; er soll sich an einer wilden Stelle der Insel versteckt gehalten haben. Seine englischen Nachfolger haben das Haus traurig verwahrlosen lassen. Trotzdem war uns darin zwei Tage himmlisch wohl.
Von hier aus setzten wir unsere Reise fort nach dem Gebiet der großen Fidschiinseln. Wir lagen geschützt in einem Golf, der von Inselgruppen umgeben war. Es war abends. Da wir den Tag abwarten wollten, um den Schiffsverkehr auszuspähen, machten wir die Segel fest, legten uns vor Seeanker, ließen uns treiben und schliefen endlich einmal aus. Morgens um drei Uhr weckt uns Krause mit einem Schreckensruf: »Wir werden aufs Riff geworfen!« Wir stolpern auf und sehen die weiße Brandung wie eine Mauer vor uns. Rettung schien unmöglich; wir waren durch die Strömung schneller getrieben, als wir vor Seeanker annahmen, und sahen den Untergang vor Augen. Das einzige war, mit dem Segel etwas zu versuchen. Indes stand der Wind gegen Land. Trotzdem setzten wir die Segel; höchste Spannung: Kommen wir klar? Läßt die Strömung, der Winddruck und der Grundriß des Riffs unser Hasardspiel gelingen? Immer näher treiben wir der tosenden Brandung, Wind und Strömung sind gegen uns. Keiner spricht ein Wort, jeder sieht schon in den gurgelnden Wirbeln das Boot wie einen Spielball umgedreht und zerschmettert über die Korallen getrieben. Da, im letzten Augenblick, winkt uns Erlösung; das Riff hebt sich nicht in gerader Linie, sondern biegt knieförmig ab. Das war unsere Rettung, und wir konnten uns freisegeln.
Als wir dicht unter Wakaya-Insel Landschutz suchten, wurden wir von Land gesichtet, und ein Boot fuhr uns entgegen, um uns Schiffbrüchigen Hilfe zu bringen. Wir mußten also anlegen. Im Hafen fanden wir eine Anzahl Schiffe, die des Sturmes wegenvor Anker lagen. Nun hatten wir die Erklärung dafür, weshalb uns draußen keines der ersehnten Fahrzeuge begegnet und unsere mit so ungewöhnlicher Anstrengung unternommene Kriegsfahrt bisher ohne Erfolg geblieben war. Nun lagen wir also zum vierten Male in feindlichem Gebiet.
Im letzten Hafen fanden wir eine Anzahl Schiffe
»... Im letzten Hafen fanden wir eine Anzahl Schiffe, die des Sturmes wegen vor Anker lagen.«
Wir wurden ausgefragt und logen allerlei. Ich glaube, wir haben diesmal im Lügen die neuseeländischen Zeitungen übertroffen. Die Eingeborenen waren nicht mißtrauisch, wohl aber ein Halbblut, der uns immer verzwicktere Fragen stellte und geschickt eine Verschwörung gegen uns einfädelte. Des Sturmes wegen waren wir gezwungen, an Land zu bleiben. Als ich mit Kircheiß auf einem vom Regen aufgeweichten Waldweg spazieren ging und unsere mißliche Lage besprach, kam uns ein Weißer entgegengeritten, der vor Aufregung ganz fahl unsern Gruß nur kurz erwiderte. Er war, wie wir später erfuhren, von dem Halbblut benachrichtigt worden, dieser hätte einen Trupp Deutscher gefangen. Das auffällige Wesen des Reiters veranlaßte uns, sofort umzukehren. Am Strand hörten wir, daß soeben ein Kutter den Hafen verlassenhatte. Wie wir später erfahren haben, sollte er die Behörden von unserer Ankunft benachrichtigen.
Ein abendliches Zechgelage mit dem Weißen und dem Halbblut, wofür wir schweren Herzens unseren letzten Rum opferten, löste beiden die Zunge. Der Weiße insbesondere wurde ganz vertrauensselig, kriegte sich mit dem Halbblut in die Haare und erzählte uns lachend, der hätte uns für Deutsche erklärt. Kircheiß und ich schliefen danach schwer und steif wie die Klötze im Haus des Engländers, während unsere vier Kameraden im feuchten Boot wieder eine fürchterliche Nacht durchwachten. Am andern Morgen machten wir sofort alles seeklar, um beim ersten günstigen Augenblick ausfahren zu können. Gegen 11 Uhr war es so weit, daß wir in See gehen wollten; wir bemerkten, daß auch die Segler sich seeklar machten. Wir verabschiedeten uns mit herzlichem Händedruck von unseren Wirten, die anscheinend alles Mißtrauen verloren hatten, und lichteten den Anker wenige Minuten, nachdem die beiden größten Segler den Hafen verlassen hatten. Da setzte eine schwere Regenböe ein, trieb die beiden Segler in den Hafen zurück und nötigte uns, noch für eine zweite Nacht Unterkunft zu erbitten. Unsere Leute, denen diesmal ein Stall angeboten war, mochten sich vom Boot nicht trennen, so ungemütlich es darin war. Wir bedauerten unsere Kameraden, aber es war gut, daß sie dort blieben, denn in der Nacht wurde durch geheimnisvoll aus dem Wasser auftauchende und wieder verschwindende Gestalten zweimal der Versuch unternommen, unser Boot zum Stranden zu bringen.
Gegen Abend kommt ein wundervoller Zweimastschoner mit Motorkraft in den Hafen eingelaufen. Kircheiß und ich, gerade von unserm Spaziergang zurückgekehrt, fassen augenblicklich einen Entschluß. Welch wundervolles Schiff! Das wird unser. Wollen wir es gleich kapern oder wollen wir warten bis morgen früh, bis es Tag ist? Wir gingen an Bord unseres Bootes und hielten Kriegsrat. Man kam zu der Übereinkunft, daß es das beste sei, wenn Kircheiß zunächst an Bord des Schiffes fährt und dem Kapitän vorstellt, daß wir Amerikaner von einem amerikanischen Dampfer sind und ihn bitten, uns als Passagiere mitzunehmen. Denn unsere Absicht war in Wirklichkeit die, auf hoher See das Schiff zu kapern. Kircheiß fährt hinüber.
Der Kapitän des Schoners ist mit allem einverstanden und teilt mit, daß wir am nächsten Morgen um 3 Uhr an Bord sein sollen. Wir packen alle unsere Waffen und Uniformen in Zeugsäcke und verschnüren sie gut.
Am nächsten Morgen fahren wir rüber. Wir laden unser Zeug von dem Boot in den Schoner. Jeder schmunzelt versteckt über das herrliche Schiff, das wir jetzt unter unseren Füßen haben, den wundervollen Salon, die Kombüse, Kojen, ein Dach wieder über uns, ein Deck, worauf man laufen kann. Und dann der Gedanke, wie werden sich unsere Kameraden auf der Insel freuen, wenn wir mit diesem feinen Fahrzeug ankommen, das außerdem zwei ganz neue Motore hat, die uns ermöglichen, den Kreuzerkrieg von neuem fortzusetzen. Man kann verstehen, wie groß unsere Freude war. Wir können nicht erwarten, bis das letzte Glied der Ankerkette hoch ist, bis wir auf See sind und der Augenblick kommt, wo wir uns dem Kapitän und der Besatzung als Deutsche vorstellen und die deutsche Flagge heißen.
Wie wir uns so auf unseren künftigen Kreuzer freuen, tritt ein neues Ereignis ein. Ein großer Dampfer hat Kurs auf die Hafeneinfahrt. Hallo, was soll der Dampfer? Unser Kapitän sagt, er wird wohl den Eigentümer der Insel hier herüber bringen. Des schlechten Wetters wegen ist kein anderer Verkehr möglich. Der Dampfer fährt ein, läßt ein Boot zu Wasser und ein Offizier und vier indische Soldaten steuern auf uns zu. Was nun? Unsere Uniformen sind fest verschnürt in Zeugsäcken. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Offizier, der der einzige war, welcher einen Revolver bei sich führte, während die indischen Polizeisoldaten nur Bajonette hatten, mit einer Pistole über den Haufen zu schießen oder eine Handgranate ins Boot zu werfen. Niemals hat es uns sonst wohl an dem Entschluß gemangelt, doch in diesem Augenblick, da wir gegen unsere Ritterlichkeit handeln sollten. Wir sind Offiziere und Mannschaften der deutschen Marine, in Zivil überrascht, was sollen wir tun? Wir schießen nicht als Heckenschützen. Dieselbe psychologische Hemmung, der wir unsere unblutigen Erfolge verdankten, daß sich ein Mann in Zivil niemals gegen eine Uniform zu vergreifen wagt, wandte sich diesmal gegen uns.
Als der Polizeioffizier herankommt, uns verhaften will und fragt, wer wir seien, stelle ich mich ihm vor als Kommandant des »Seeadler« mit einem Teil meiner Besatzung. Wie wurde der Mann schneeweiß; wie zauderte er, näher heranzukommen, und dabei waren wir doch so heruntergekommen durch Hartbrot und Wasser, so entkräftet durch die Fahrt im Boot. Im Augenblick, da unsere Kreuzerfahrt neu beginnen sollte, war sie jäh zu Ende.
Gefangengenommen! Nach so viel Strapazen und Listen in einem Augenblick endlichen Erfolges gefallen, weil wir in Zivil nicht auf den Feind schießen konnten!
Nachdem wir uns dem Offizier als die Leute vom »Seeadler« zu erkennen gegeben hatten, sagte er: »All right, Sie haben sich einen Namen gemacht und werden eine anständige Behandlung finden. Ich bin ein Brite.« Das Wort »Brite« betonte er besonders.
Die alte Stewardeß auf dem Dampfer »Amra« aber gewöhnte uns gleich an andere Töne. Sie fing an zu schimpfen: »Seht einer an, diese Hunnen machen unser sauberes Deck schmutzig, und die Schwarzen sollen es dann wieder schrubben. Die Hunnen müßten schwarz angemalt werden, und ich wäre immer noch lieber ein Schwarzer als so ein Deutscher. Schiffe mit Frauen und Kindern versenken, das ist alles, was sie können. Am liebsten würde ich euch alle vor dem Frühstück totschießen.« Die ganze Hetzarbeit unserer Feinde sprach aus dieser einfältigen Frau.
Abends kamen wir in Suva an. Die ganze Stadt war in Bewegung; eine Eskorte von 100 Soldaten stand bereit, und unter ihrer Bewachung marschierten wir sechs arme Möpels unserm Asyl zu. Rings kreischt und schimpft die Menge der weißen Kolonisten, während doch der Farbige mit stiller Bewunderung auf uns sieht.
Wir kamen nicht gleich ins Zuchthaus, sondern zunächst in ein sogenanntes Bleibehaus für Eingeborene. Dieses Gebäude, von einem englischen Gouverneur gestiftet, diente dazu, den Eingeborenen, wenn sie von den verschiedenen Fidschiinseln zusammenkamen, Unterkunft zu gewähren. 25 Mann Bewachung waren dauernd um das Haus, vor den Türen, vor den Eingängen, vor den Fenstern, eine Verschwendung von Militär für so ein paar Kriegsgefangene. Zunächst hatten wir einen anständigen Kommandanten, Leutnant Woodhouse, ein Zivil-Bankbeamter, der uns gut behandelte. Wir bekamen ausgezeichnetes Essen und ruhten uns aus. Beim Verhör am ersten Morgen erzählte ich einen Roman, um die Spur von unseren Kameraden in Mopelia abzulenken. Meine Leute verweigerten verabredungsgemäß jede Auskunft, um einander nicht zu widersprechen. Unsere Bücher hatten wir in dieSee geworfen, mit Ausnahme von einem, das bald erwähnt werden muß.
Der Wachoffizier, der uns manche Freiheit gestattete, wurde wahrscheinlich deshalb bald durch einen Hauptmann Whitehouse abgelöst. Ich erwähne ihn hier deshalb, weil er, der in einer ziemlich lächerlichen Angst nie anders als mit der Hand am Revolver mit uns sprach, sich sehr wenig ritterlich gegen uns benommen hat. Er kommt eines Tages zu mir und sagt: »Herr Graf, machen Sie sich fertig, General Mackenzie will Sie sehen.«
»General Mackenzie? Meine Leute auch?«
»Jawohl.«
Ich sage: »Jungs, macht euch tadellos in Ordnung, heute nachmittag 4 Uhr sollen wir zum General Mackenzie.«
Wir waschen unser Zeug, lassen es am Leibe trocknen (wir hatten ja nur noch die eine Garnitur), damit wir als deutsche Soldaten sauber vor dem General erscheinen. Um 4 Uhr werden wir auf ein Viehautomobil verladen, worauf noch der Mist lag. Sonderbar! Im Viehautomobil zum General? Whitehouse sitzt vorn und hält sich am Revolver fest; sieben Mann fahren mit zur Bewachung. Wir sind gespannt, wo das hingehen soll. Auf einmal halten wir vor einem Gebäude, umgeben von sechs Meter hohen Mauern. Was ist das? Das Tor wird aufgemacht ... wir blicken in das Zuchthaus von Suva. Ein Kolonialzuchthaus mit chinesischen, indischen Verbrechern. ... Ich frage den englischen Hauptmann: »Sie Feigling! wohnen bei euch die Generäle in Zuchthäusern oder haben Sie nicht so viel Mumm in den Knochen, uns die Wahrheit zu sagen? Ist das britisch? Dann pfui Teufel!« Die Gefangenen, die sich nach dem Eingang drängen, staunen uns an: »Was, Europäer, Weiße kommen hier herein? Was müssen das für Verbrecher sein!« Wir reißen uns zusammen und stolz marschieren wir in den Zuchthaushof hinein. Verächtlich blicken wir weiter: Zellentür an Zellentür, und ein weiches, gelbliches Gesicht grinst uns höhnisch entgegen mit den Worten: »Heh, bei mir kommt ihr nicht wieder raus.« Wir protestierten gegen diese völkerrechtswidrige Behandlung von Kriegsgefangenen, aber der Zuchthausdirektor bezog sich auf seine Befehle; und so marschierten wir hinein in die kühlen, feuchtnassen Gänge. Eisentüren werden aufgeschlossen und jeder verschwindet in seiner Zelle. ... »Hah, dank deiner Ritterlichkeit, daß du Gefangener bist.« Als der Riegel fällt und der Schieber vorgeschoben wird, da läuft es einem kaltden Buckel herunter. Da ist man allein, die Jungs, die letzten Jungs sind einem genommen.
Nur ein Betonfußboden; keine Gitter vor den Fenstern; sie brauchten es nicht, sie sind so schmal, daß kaum ein halber Manneskopf hindurchgeht. Aber niemals ist man mehr Deutscher gewesen, als im Zuchthaus von Suva. Wie wohl tut es, als der erste Sonnenstrahl ins Fenster kommt, der Strahl, der vor zwölf Stunden den Lieben in der Heimat geschienen, der die Kameraden im Schützengraben gegrüßt hat. Man griff nach diesem Sonnenstrahl und war so dankbar. Aber nur kurze Zeit währte dieser Trost, und in der Zelle dunkelt’s. Wie fühlte man sich einsam, denn das Liebste war einem ja genommen, die Gefährten der Bootsfahrt. Aber so leicht, wie es der Feind sich gedacht hatte, Deutsche voneinander zu trennen, sollte es ihm doch nicht gelingen. Als aus Permiens Zelle plötzlich die Harmonika erklang, da sangen wir alle mit, und aus vereinten Männerkehlen brauste »Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot« durch das elende Haus. Dann stimmten wir an »Wenn die Liebe nicht wär’, das Herz wär’ so öd’ und leer«, dann wieder die »Wacht am Rhein« und so immer umschichtig fort bis um 2 Uhr morgens, ein deutscher Gesellschaftsabend in englischen Einzelzellen. Die Ronde kam und verwies uns vergeblich zur Ruhe. Wir sangen fort, bis wir müde auf unsern kalten Betonfußboden niedersanken und von der Heimat träumten. Ungeachtet meiner Proteste dauerte dieses Leben acht Tage fort. Unsere Bewachung verriet eine außerordentliche Angst, daß wir heimlich über Flügel oder sonst übermenschliche Kräfte zu etwaigen Fluchtversuchen verfügen könnten. Sehr interessant waren aber die Bekanntschaften, die wir unter den verständnisinnigen Mitzuchthäuslern von Halbblutrasse machen konnten. Weiße in einem tropischen Zuchthaus! Wir Deutsche sind ja so gerecht gegen unsern Feind; deshalb sei hinzugefügt, daß vielleicht nicht die Absicht war, uns zu quälen; jedenfalls wollte man aber diese paar Exemplare deutscher Kriegsgefangener in der Südsee ohne Rücksicht auf Sitte und Völkerrecht ihrem Seltenheitswert entsprechend fest verankern.
Als wir bereits acht Tage hier waren, kam eines Morgens Hauptmann Whitehouse zu mir. Er war besonders freundlich und entgegenkommend; ich merkte, daß etwas in der Luft lag. Er meldete mir, ein japanischer Admiral wünschte mich zu sprechen. Ich sage: »Ihnen soll ich glauben? Das ist dieses Mal wohl einjapanischer Mackenzie? Schicken Sie mir einen andern Offizier.« Eine halbe Stunde später kommt ein Leutnant, der mir nochmals versichert, ich würde zu dem japanischen Kreuzer »Izuma« gebracht. Mißtrauisch machte ich mich zurecht. Mittags um 2 Uhr ging ich in Begleitung dieses Leutnants durch den Hof des Zuchthauses nach dem Landungssteg. Welches Gefühl, wieder freie Luft zu atmen, weiter sehen zu können als die engen Gefängnismauern! Tatsächlich, im Hafen lag ein herrlicher Kreuzer. Am Landungssteg legt ein Ruderboot mit japanischer Flagge an; ein Offizier im Boot salutiert. Ich nehme neben ihm Platz. Der englische Offizier und zwei Soldaten gehen mit uns. Am Fallreep des Kreuzers waren alle Offiziere zur Begrüßung des Zuchthäuslers an Deck angetreten. Der Admiral empfängt mich, drückt mir die Hand mit den Worten: »I admire you, what you did for your country.« (Ich bewundere Sie, was Sie für Ihr Land getan haben.) Er stellte mir seine Offiziere vor, zu denen er etwa folgende Worte spricht: »Das ist der Mann, den wir drei Monate Tag und Nacht gejagt haben,« und zu mir gewendet: »Ich bedauere es, daß wir Sie in dieser Lage hier treffen und daß wir uns nicht, wie unser aller Wunsch war, in einem frischen, frohen Gefecht begegneten.« Ich bedauerte meinerseits, nicht in seiner Gefangenschaft zu sein, was ihn etwas erstaunte, da er vom Zuchthaus nichts ahnen konnte. Es fiel mir aber auf, wie kühl und steif die Japaner mit dem englischen Offizier verkehrten im Gegensatz zu der Art, die sie mir gegenüber an den Tag legten. Die feierliche Höflichkeit des Ostasiaten und die leider so platonische Sympathie der Japaner für Deutschland gaben mir ein Fest, das mir im Gedanken an meine Jungs wohl tat. Die englischen Posten, die mich an Deck begleiten wollten, wurden zurückgeschickt. Der Admiral lud mich in seinen Salon ein, der nach der Zelle wie ein Palast wirkte. Zigarren, Zigaretten, Portwein und eine Flasche Champagner standen da. Der Admiral legte mir zwei japanische Bücher vor, eines mit dem Titelbild der »Emden«, das zweite mit der »Möwe«. Er blätterte darin: Das hätte er alles selbst geschrieben. Ein drittes Buch war leer: »Da will ich etwas von euch hineinschreiben. Wir lernen von euch, und ich schreibe für unsere Jugend. Das ist Sitte in unserm Lande. Was Männer für ihr Vaterland leisten, daran soll sich unsere Jugend begeistern. Wollen Sie mir etwas Material geben von Ihren Erlebnissen?«
»Gern.«
»Nur eine Frage zuerst: Sind Sie mit Ihrem Schiff aus einem neutralen Hafen Amerikas, Argentiniens oder Chiles ausgelaufen?«
»Nein, wir kommen aus der Heimat. Verkappt als Norweger, und außerdem anderthalb Stunden untersucht vom Feind.«
»Untersucht von den Engländern?«
»Jawohl!«
Ein vergnügtes Lächeln erhellt das Gesicht des Kommandanten und des ersten Offiziers, der zugegen war.
Dann wurde ich von dem Admiral bei einem Glase Champagner etwas ausgehorcht. Er wollte herausbringen, wo unsere »Seeadler«-Mannschaft sich befände, und fragte mich, ob ich ihm sagen würde, wo ich gekreuzt hätte. Jawohl, vorausgesetzt, daß er mir sagen würde, wo er mich vermutet und gejagt hätte. Eine große Karte wird aufgerollt, auf der er mir die Stellen zwischen Neuseeland und Chatam zeigt. Man konnte deutlich an den abgesetzten Kursen sehen, daß der Kreuzer sich hier tatsächlich aufgehalten hatte.
»Hier bin ich drei Monate mit 20 Meilen Geschwindigkeit hin- und hergejagt«, sagte der Admiral.
Ich sah weniger auf die Stelle, wo er gekreuzt hatte, sondern blickte besorgt nach der Insel Mopelia auf der Karte, denn hier war ein Kreis um die Insel geschlagen. Der Feind wußte, wo meine Jungs waren. Wie ich von einem meiner Leute erfahren hatte, war bei der Gefangennahme ein Tagebuch verlorengegangen, abgeschlossen: »In Mopelia aufgelaufen, 2. August.« Glücklicherweise war aber darin nicht erwähnt, daß »Seeadler« total verlorengegangen und ferner nicht, daß unser letztes Schiff, das wir gekapert hatten, der amerikanische Viermastschoner »Manila«, versenkt worden war. Diese beiden Faktoren jagten durch mein Gehirn. »Hiermit kannst du etwas machen, kannst die Leute retten.« Da fragte der japanische Admiral: »Wo ist Seeadler?«
»Der ist verlorengegangen.«
»So? Wobei?«
Ich holte etwas weiter aus und erzählte ihm, wir hätten bei der Insel Mopelia gelegen, um uns frischen Proviant zu besorgen. Die »Manila« hätten wir noch mit uns gehabt. Durch Umspringen des Windes wären wir an das Korallenriff gestoßen und hätten ein Leck unter Wasser bekommen. Um das Leck zu dichten, sei viel Material an Land gebracht und das Schiff »gekrängt« (übergelegt)worden. Dann wären wir von hier weitergefahren, aber beim Wiedereinpacken der Sachen in den unteren Räumen müsse durch Unvorsichtigkeit ein entleerter Öltank Feuer gefangen haben. Der »Seeadler« hätte angefangen zu brennen. Es wäre uns kaum Zeit geblieben, das Allernotwendigste zu retten und auf die »Manila« überzusteigen.
Da fragte der Admiral: »Wo ist die ›Manila‹?«
»›Manila‹? Bei Mopelia.«
»Ja, weshalb sind Sie dann mit Ihrem Boot hierher gekommen? Sie hatten doch die ›Manila‹.«
Ein Gedanke schoß mir blitzschnell durch den Sinn. Ich erwiderte, wir hätten uns jetzt auf zwei Schiffe verteilen müssen, da die amerikanischen Schoner nur Wasser für etwa 15 Mann hätten und auch die Unterkunftsräume zu eng gewesen wären. Das schien ihm einleuchtend, aber schmunzelnd sagte er dann: »Graf, Sie sind doch jetzt der Gefangene, und wir Japaner sind doch nicht ganz so dumm zu machen. Ihre ›Manila‹, die liegt nicht in Mopelia. Sie sind mit ihr nach hier gefahren; und haben mit dem Boot versucht, innerhalb der Inselgruppen ein zweites Schiff zu kapern, denn das scheint mir wahrscheinlicher, als daß Sie mit einem solchen kleinen Boot über den Ozean gegangen sind. Also, innerhalb drei Tagen werde ich Ihre ›Manila‹ finden.«
Das war wieder einer, der die Wahrheit nicht vertragen konnte. An die Möglichkeit unserer wahren Bootsfahrt wollte er nicht glauben, und da kam ihm die von mir hinzugedichtete »Manila« ganz gelegen, um mich der Unwahrhaftigkeit hinsichtlich der Bootsfahrt zu zeihen! Meine Odysseuserzählung erfüllte also ihren Zweck. Denn in der Tat hat er und die ganze übrige Flotte, die hinter uns her war, die »Seeadler«-Mannschaft nicht in Mopelia gesucht. Die Wahrheit hat sich hier als die beste Verschleierung erwiesen. Was ich im Augenblick hinzudichtete, hatte sich aus dem Verlauf der Unterhaltung ergeben, war nicht durch besondere Überlegung und Geistesgegenwart bewirkt. Ich hatte nur das eine Ziel vor mir gesehen: »Wie mache ich es, daß der Japaner nicht mit dreißig Meilen raufsaust und mir meine Jungs noch gefangennimmt?« Jetzt wußte ich den Verdacht von Mopelia abgelenkt.