Sivert fühlte sich nicht besonders gerührt, das Dokument berichtete ihm eigentlich nicht mehr, als was er vorher gewußt hatte, schon von Kind auf hatte er ja nichts anderes gehört, als daß er den Oheim einmal beerben werde. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn er in dem Schrein Kostbarkeiten hätte zu sehen bekommen. — Es ist wohl viel Merkwürdiges in dem Schrein, sagte er. — Mehr als du denkst, versetzte der Oheim kurz.
Er war so enttäuscht und ärgerlich über den Neffen, daß er den Schrein zuschloß und wieder zu Bett ging. Da lag er dann und gab verschiedene Mitteilungen kund: Dreißig Jahre lang bin ich hier im Dorf Bevollmächtigter und Herr der Gelder gewesen, ich habe es nicht nötig, jemand um eine Handreichung anzuflehen. Woher wußte denn Oline, daß ich am Sterben sei? Kann ich nicht, wenn ich will, drei Mann zum Doktor fahren lassen? Ihr sollt nicht euren Spott mit mir treiben. Und du, Sivert, kannst nicht warten, bis ich meinen Geist ausgehaucht habe. Ich will dir nur eins sagen: Jetzt hast du das Dokument gelesen, und es liegt in meinem Geldschrein; mehr sag ich nicht. Aber wenn du von mir fortgehst, dann richte deinem Bruder Eleseus aus, daß er hierherkommen soll. Er heißt nicht nach mir und trägt nicht meinen irdischen Namen — aber er soll nur kommen!
Trotz der Drohung, die in diesen Worten lag, überlegte Sivert sich die Sache und sagte dann: Ich werde Eleseus deinen Auftrag ausrichten.
Oline war noch auf Sellanraa, als Sivert zurückkam. Sie hatte Zeit gehabt, einen Gang durch die Gegend zu machen, ja sogar bis zu Axel Ström und Barbros Ansiedlung, dann kam sie wieder zurück und tat äußerst wichtig und geheimnisvoll. Die Barbro ist dicker geworden, sagte sie flüsternd, das wird doch nichts zu bedeuten haben? Aber sagt es niemand! Was, da bist du ja wieder, Sivert, da brauche ich ja wohl nicht erst zu fragen, ob dein Oheim entschlafen ist? Ja, ja, er war ein alter Mann und ein Greis am Rande des Grabes. Was — er ist also nicht tot? Gott sei Lob und Dank! Was, ich hätte nur ein leeres Geschwätz verführt, sagst du? Wenn ich nur bei allem so frei von Schuld wäre! Konnte ich denn wissen, daß dein Oheim Gott ins Angesicht log? Er nimmt ab, das waren meine Worte, und diese werde ich einmal vor Gottes Thron wiederholen. Was sagst du, Sivert? Ja, aber lag nicht dein Oheim zu Bett und rauchte und faltete beide Hände auf der Brust und sagte, nun liege er da und kämpfe es aus?
Mit Oline konnte man sich unmöglich in einen Streit einlassen, sie überwältigte ihren Gegner mit ihrem Geschwätz und machte ihn mundtot. Als sie hörte, daß der Oheim Sivert Eleseus zu sich rief, ergriff sie auch diesen Umstand sofort und verwendete ihn zu ihrem Vorteil. Da könnt ihr hören, ob ich ein leeres Geschwätz im Munde geführt habe. Der alte Sivert ruft seine Verwandten herbei und schmachtet nach seinem Fleisch und Blut, es ist am letzten bei ihm. Du mußt ihm das nicht abschlagen,Eleseus, geh nur gleich, damit du deinen Oheim noch am Leben triffst. Ich muß auch übers Gebirge, da können wir zusammen gehen.
Oline verließ indes Sellanraa nicht, bis sie Inger auf die Seite gezogen und ihr noch über Barbro zugeflüstert hatte: Sag es niemand, aber sie hat die Anzeichen! Und nun meint sie wohl, sie werde die Frau auf der Ansiedlung. Manche Leute kommen obenauf, ob sie auch von Anfang an so klein sind wie Sandkörner am Meeresstrand. Wer hätte nun das von Barbro geglaubt! Axel ist sicher ein fleißiger Mann, und so große Güter und Höfe wie hier im Ödland gibt es nicht auf unserer Seite des Gebirges, das weißt du auch, Inger, du stammst ja aus unserer Gemeinde und bist dort geboren. Barbro hatte ein paar Pfund Wolle in einer Kiste, es war lauter Winterwolle, ich habe keine davon verlangt, und sie hat mir auch keine davon angeboten; wir sagten nur Grüßgott und Gutentag, obgleich ich sie von Kindesbeinen an gekannt habe, damals, als ich hier auf Sellanraa war, und du, Inger, fort in der Lehre —
Jetzt weint die kleine Rebekka, warf Inger rasch ein, und dann steckte sie Oline noch eine Handvoll Wolle zu.
Große Dankesbezeugung von Oline: Ja, ist es nicht, wie ich eben zu der Barbro gesagt habe, so freigebig wie die Inger gibt es niemand mehr, sie schenkt sich wahrhaftig lahm und wund und murrt nie darüber. Ja, geh nur hinein zu dem kleinen Engel, noch nie hat ein Kind seiner Mutter so ähnlich gesehen wie die kleine Rebekka dir. Ob sich Inger erinnern könne, was sie einmal gesagt habe, daß sie keine Kinder mehr bekomme? Da könne sie nun sehen! Nein, man solle auf die Alten hören, die selbst Kinder gehabt hätten, denn Gottes Wege sind unerforschlich, sagte Oline.
Dann trabte sie hinter Eleseus durch den Wald aufwärts, vor Alter gebückt, fahl und grau und neugierig,immer dieselbe. Nun würde sie zum alten Sivert gehen und zu ihm sagen, sie — Oline — sei es gewesen, die Eleseus bestimmt habe, zu ihm zu kommen.
Aber Eleseus hatte sich durchaus nicht nötigen lassen, es war nicht schwer gewesen, ihn zu überreden. Seht, im Grunde genommen war er besser, als es den Anschein hatte, er war wirklich auf seine Art ein guter Bursche, gutmütig und freundlich von Natur, nur ohne große körperliche Kräfte. Daß er aus der Stadt nur ungern aufs Land zurückkehrte, hatte seinen guten Grund, er wußte ja wohl, daß die Mutter wegen Kindsmord in der Strafanstalt gewesen war, in der Stadt hörte er nichts davon, aber da auf dem Lande wußten es wohl alle. War er nun nicht mehrere Jahre lang mit Kameraden zusammen gewesen, die ihm ein feineres Empfinden beigebracht hatten, als er früher gehabt hatte? War nicht eine Gabel ebenso notwendig wie ein Messer? Hatte er nicht alle Tage da drinnen nach Kronen und Öre gerechnet, und hier rechnete man immer noch nach dem alten Talerfuß. O ja, er wanderte sehr gern übers Gebirge in eine andere Gegend, daheim auf dem väterlichen Hofe mußte er ja jeden Augenblick seine Überlegenheit im Zaume halten. Er gab sich Mühe, sich den andern anzupassen, und es gelang ihm auch, aber er mußte auf der Hut sein, zum Beispiel, als er vor ein paar Wochen nach Sellanraa heimgekommen war. Er hatte ja einen hellgrauen Frühjahrsüberzieher mitgenommen, obgleich man mitten im Sommer war; als er ihn an einem Nagel in der Wohnstube aufhängte, hätte er gut das silberne Schild mit seinen Buchstaben darauf nach außen drehen können, aber er hatte es nicht getan. Ebenso war es mit dem Stock, dem Spazierstock! Es war allerdings nur ein Regenschirmstock, von dem er den Stoff und die Stahlschienen abgemacht hatte, aber auf Sellanraa hatte er ihn nicht getragen und lustig geschwungen, weit entfernt, er hatte ihn verborgen am Schenkel angelegt getragen.
Nein, es war nicht verwunderlich, daß Eleseus übers Gebirge ging. Er taugte nicht zum Hausbauen, er taugte dazu, Buchstaben zu schreiben, das konnte nicht der erste beste, aber in seiner Heimat war niemand, der seine Gelehrsamkeit und seine Kunst zu schätzen wußte, ausgenommen vielleicht die Mutter. So wanderte er fröhlichen Herzens vor Oline her den Wald hinauf, er wollte weiter oben auf sie warten, er lief wie ein Kalb, hetzte ordentlich vorwärts. Eleseus hatte sich gewissermaßen vom Hofe weggestohlen, er hatte Angst, gesehen zu werden, jawohl, denn er hatte den Frühjahrsüberzieher und den Spazierstock mitgenommen. Jenseits des Gebirges konnte er ja hoffen, bessere Leute zu treffen und auch selbst gesehen zu werden, vielleicht sogar in die Kirche zu kommen. Deshalb plagte er sich in der Sonnenhitze mit dem überflüssigen Überrock.
Und er hinterließ keine Lücke, wurde nicht vermißt beim Hausbau, im Gegenteil, nun bekam ja der Vater den Sivert wieder, der Sivert war von viel größerem Nutzen und hielt vom Morgen bis Abend aus. Sie brauchten auch nicht viel Zeit zum Aufrichten des Gebäudes, es war nur ein Anbau, drei Wände; sie brauchten auch die Stämme nicht zuzuhauen, das wurde im Sägewerk gemacht. Die Schwartenbretter kamen ihnen dann gleich beim Dachbau zugute. Eines schönen Tages stand wirklich die Stube vor ihren Augen fertig da, gedeckt, mit gelegtem Boden und eingesetzten Fenstern. Weiter konnten sie vor der Ernte nicht mehr damit kommen. Das Verschalen und Anstreichen mußte auf später warten.
Da kam plötzlich Geißler mit großer Gefolgschaft übers Gebirge daher! Und das Gefolge war zu Pferde, auf glänzenden Pferden mit gelben Sätteln; es waren wohl reiche Reisende, sie waren sehr schwer und dick, diePferde bogen sich unter ihnen durch. Mitten unter diesen großen Herren ging Geißler zu Fuß. Es waren im ganzen vier Herren und Geißler, dazu noch zwei Diener, von denen jeder ein Lastpferd führte.
Auf dem Hofplatz stiegen die Reiter ab, und Geißler sagte: Da haben wir Isak, den Markgrafen selbst. Guten Tag, Isak! Du siehst, da komme ich wieder, wie ich gesagt habe.
Geißler war noch ganz der alte; obgleich er zu Fuß kam, schien er sich keineswegs geringer zu fühlen als die andern, ja, sein abgetragener Rock hing ihm lang und leer über seinen eingefallenen Rücken hinunter, aber sein Gesicht zeigte einen überlegenen und hochmütigen Ausdruck. Er sagte: Diese Herren und ich haben die Absicht, ein Stück weit den Berg hinaufzuwandern; sie sind zu dick und möchten ein wenig Speck loswerden.
Die Herren waren übrigens freundlich und gutmütig; sie lächelten zu Geißlers Worten und entschuldigten sich, daß sie wie im Krieg über den Hof hereinbrächen. Sie hätten Mundvorrat bei sich, würden ihn also nicht arm fressen, wären aber dankbar, wenn sie für die Nacht ein Dach über den Kopf bekommen könnten. Vielleicht dürften sie in dem neuen Gebäude da übernachten.
Als sie eine Weile ausgeruht hatten und Geißler bei Inger und den Kindern drin gewesen war, gingen alle die Gäste auf den Berg und blieben bis zum späten Abend weg. Am Nachmittag hatten die Leute auf dem Hofe ab und zu ganz unerklärliche Laute, Schüsse, gehört, und bei der Rückkehr brachten die Herren neue Gesteinsproben in Säcken mit. Schwarzkupfer, sagten sie und nickten über den Steinen. Es entspann sich eine lange, gelehrte Unterredung, und sie guckten dabei in eine Karte, die sie in groben Strichen gezeichnet hatten. Unter den Herren waren ein Sachverständiger und ein Ingenieur, einer wurde Landrat genannt, einer Hüttenbesitzer. Luftbahn, sagten sie, Seilbahn, sagten sie. Geißler warf ab und zu ein Wort ein, und das schien die Herren jedesmal richtig aufzuklären; es wurde großes Gewicht auf seine Worte gelegt.
Wem gehört das Land südlich vom See? fragte der Landrat Isak. — Dem Staat, antwortete Geißler flugs. Er war wachsam und klug, in der Hand hielt er das Dokument, das Isak einst mit seinem Namenszeichen unterschrieben hatte. — Ich habe ja schon gesagt, daß es dem Staat gehört, warum fragst du noch einmal danach? sagte er. Wenn du mich kontrollieren willst, bitte!
Später am Abend nahm Geißler Isak allein mit sich hinein und sagte: Wollen wir den Kupferberg verkaufen? — Isak antwortete: Aber der Herr Lensmann hat mir ja den Berg schon einmal abgekauft und bezahlt. — Richtig, sagte Geißler, ich habe den Berg gekauft. Aber du sollst doch auch Prozente vom weiteren Verkauf oder vom Betrieb haben; willst du diese Prozente verkaufen? — Das verstand Isak nicht, und Geißler mußte es ihm erklären. Isak könne keine Grube in Betrieb setzen, er sei ein Landmann, er mache Land urbar; er, Geißler, könne aber auch keine Grube betreiben. Aber Geld, Kapital? Oh, soviel er wolle! Aber er habe keine Zeit, er habe gar so vielerlei vor, sei ständig auf Reisen, müsse für seine Güter im Norden und im Süden sorgen. Nun wolle er — Geißler — an diese schwedischen Herren verkaufen, sie seien alle Verwandte seiner Frau und reiche Leute, Fachleute, sie könnten die Grube eröffnen und in Betrieb nehmen. Ob Isak es nun verstehe? — Ich will, wie Sie wollen, sagte Isak.
Merkwürdig — dieses große Zutrauen tat dem armen Geißler wohl: Ja, ich weiß nun nicht, ob du gut dabei fährst, sagte er und überlegte. Doch plötzlich wurde er sicher und fuhr fort: Aber wenn du mir freie Hand gibst, werde ich jedenfalls besser für dich handeln, als du esselbst tun könntest. — Isak fing an: Hm. Ihr seid von der ersten Stunde an hier ein guter Herr für uns gewesen ... Geißler runzelte die Stirn und unterbrach ihn: Also, es ist gut!
Am nächsten Morgen setzten sich die Herren hin, um zu schreiben. Sehr ernsthafte Sachen schrieben sie; zuerst einen Kaufkontrakt auf vierzigtausend Kronen für den Kupferberg, dann ein Dokument, worin Geißler zugunsten seiner Frau und seiner Kinder auf jeden Heller von diesen vierzigtausend verzichtete. Isak und Sivert wurden hereingerufen, um diese Papiere als Zeugen zu unterschreiben. Als dies getan war, wollten die Herren Isak seine Prozente für eine Bagatelle abkaufen, für fünfhundert Kronen. Aber Geißler unterbrach sie mit den Worten: Scherz beiseite!
Isak verstand nicht viel vom Ganzen, er hatte einmal verkauft und seine Bezahlung dafür erhalten, und im übrigen, Kronen — das war gar nichts, es waren keine Taler. Sivert dagegen dachte sich mehr dabei, der Ton der Verhandlungen war ihm auffallend: das war gewiß eine Familiensache, die hier beigelegt und abgemacht wurde. So sagte einer der Herren: Lieber Geißler, du brauchtest wirklich nicht so rote Ränder um die Augen zu haben! Worauf Geißler scharfsinnig aber ausweichend antwortete: Nein, das brauche ich wirklich nicht. Aber es geht eben nicht nach Verdienst in dieser Welt.
War es so, daß Frau Geißlers Brüder und Verwandte ihren Mann abfinden, sich vielleicht mit einem Schlag von seinen Besuchen befreien und die widerwärtige Verwandtschaft loswerden wollten? Nun war ja der Kupferberg wahrscheinlich nicht wertlos, das wurde von keinem behauptet, aber er war sehr abgelegen, die Herren sagten geradezu, sie kauften ihn jetzt, um ihn weiterzuverhandeln an Leute, die viel leichter eine Grube in Betrieb setzen und ausbauen könnten als sie. Darin lag nichtsUnnatürliches. Sie sagten auch offen, sie wüßten nicht, wieviel der Berg eintragen könnte. Wenn eine Grube eröffnet würde, seien vielleicht vierzigtausend Kronen keine Bezahlung; wenn aber der Berg so liegen bleibe, wie er jetzt sei, dann sei es hinausgeworfenes Geld. Aber jedenfalls wollten sie reinen Tisch machen, und deshalb böten sie Isak fünfhundert Kronen für seinen Anteil.
Ich bin Isaks Bevollmächtigter, sagte Geißler, und ich verkaufe sein Recht nicht unter zehn Prozent der Kaufsumme.
Viertausend! sagten die Herren.
Viertausend! beharrte Geißler. Der Berg ist Isaks Eigentum gewesen, er erhält viertausend. Mir hat er nicht gehört, ich bekomme vierzigtausend. Wollen sich die Herren wohl die Mühe nehmen und das bedenken.
Ja, aber viertausend!
Geißler stand auf und sagte: Jawohl oder gar kein Verkauf.
Sie überlegten, tuschelten miteinander und gingen auf den Hofplatz hinaus, zogen die Sache in die Länge. Richtet die Pferde! riefen sie dann den Dienern zu. Einer der Herren ging zu Inger hinein, bezahlte fürstlich für den Kaffee, einige Eier und das Nachtquartier. Geißler ging anscheinend gleichgültig umher, aber er war noch ebenso wachsam: Wie ist es mit der Wasserleitung im vorigen Jahr gegangen? fragte er Sivert. — Sie hat uns die ganze Ernte gerettet. — Ich sehe, ihr habt den Sumpf dort umgerodet, seit ich das letztemal hier war. — Ja. — Ihr müßt euch noch ein Pferd anschaffen, sagte Geißler. Er sah alles.
Komm jetzt her, damit wir fertig werden! rief der Hüttenbesitzer.
Darauf gingen alle miteinander in den Neubau, und Isaks viertausend wurden aufgezählt. Geißler bekam eine Urkunde; er steckte sie nachlässig in die Tasche, als hättesie gar keinen Wert. Heb sie wohl auf, sagten die andern zu ihm, und deiner Frau wird das Bankbuch in einigen Tagen zugestellt werden, sagten sie. — Geißler runzelte die Stirne und erwiderte: Es ist gut!
Aber sie waren noch nicht fertig mit Geißler. Nicht als ob er den Mund aufgetan hätte, um etwas für sich zu verlangen, aber da stand er nun, und sie sahen, wie er dastand; vielleicht hatte er sich auch selbst einen kleinen Teil des Geldes ausbedungen. Als der Hüttenbesitzer ihm ein Banknotenbündel reichte, nickte Geißler nur und sagte wieder, es sei gut. Und nun trinken wir noch ein Glas mit Geißler, sagte der Hüttenbesitzer.
Sie tranken, dann waren sie fertig und verabschiedeten sich von Geißler.
In diesem Augenblick kam Brede Olsen einher. Was wollte der nun? Brede hatte natürlich die dröhnenden Schüsse am gestrigen Tage gehört und verstanden, daß droben im Gebirge etwas vor sich ging. Jetzt kam er und wollte auch Gebirgsstrecken verkaufen. Er ging an Geißler vorbei, wendete sich an die Herren und sagte: er habe einige merkwürdige Gesteinsarten entdeckt, ganz wunderbare, die einen seien rot wie Blut, andere hell wie Silber; er kenne jeden Winkel da droben und könne rasch mit den Herren hinaufgehen, er wisse mehrere lange Metalladern — was das wohl für eine Art Metall sein könne? — Hast du Proben bei dir? fragte der Bergbaukundige. — Ja. Aber ob sie nicht ebensogut auf den Berg hinaufgehen könnten? Es sei nicht weit, Proben, jawohl! Viele Säcke voll, viele Kisten voll, er habe sie zwar nicht bei sich, aber daheim in seinem Hause; er könne rasch hinlaufen und sie holen. Aber er könne in kürzerer Zeit von den Bergen droben holen, wenn die Herren warten wollten. Die Herren jedoch schüttelten den Kopf und ritten davon.
Brede sah ihnen gekränkt nach. Wenn die Hoffnung einen Augenblick in ihm aufgetaucht war, dann erlosch sie jetzt wieder; er arbeitete unter der Ungunst des Schicksals, nichts wollte ihm glücken. Nur gut, daß er einen leichten Sinn hatte, um das Leben trotzdem ertragen zu können. Er sah den Reitern nach und sagte schließlich: Na, viel Glück auf die Reise!
Aber jetzt zeigte er sich wieder unterwürfig gegen Geißler, seinen früheren Lensmann, er duzte ihn nicht mehr, sondern verbeugte sich und sagte Ihr. Geißler hatte unter irgendeinem Vorwand seine Brieftasche herausgezogen und ließ sehen, wie sie von Banknoten strotzte. — Könnt Ihr mir nicht helfen, Lensmann! sagte Brede. — Geh heim und grabe dein Moor um! sagte Geißler und half ihm nicht im geringsten. — Ich hätte gut eine ganze Traglast voll Steine mitbringen können, aber wäre es denn nicht viel besser gewesen, die Herren hätten die Berge selbst angesehen, da sie nun doch einmal hier waren? — Geißler tat, als höre er nicht, was Brede sagte, sondern fragte Isak: Weißt du nicht, was ich mit dem Dokument gemacht habe? Es war äußerst wichtig, viele tausend Kronen wert. Ach, da ist es, mitten zwischen den Banknoten. — Was waren denn das für Leute, haben sie nur einen Ausflug zu Pferde gemacht? fragte Brede.
Geißler war wohl vorher in großer Spannung gewesen, jetzt fiel er merklich ab. Aber er hatte doch noch Lust und Leben genug, um noch allerlei auszurichten. Sivert sollte mit ihm hinauf auf den Berg, Geißler hatte ein großes Papier bei sich, da zeichnete er die Grenze auf der Südseite des Wassers deutlich darauf ein. — Was er wohl für einen Gedanken dabei hatte! Als er ein paar Stunden später wieder auf den Hof zurückkam, war Brede noch da, aber Geißler beantwortete keine einzige von seinen Fragen, sondern war müde und winkte ihm nur mit der Hand ab.
Er schlief ununterbrochen bis zum nächsten Morgen, da stand er mit der Sonne auf und war wieder ganz frisch. Sellanraa! sagte er, als er auf dem Hofplatz stand und weit umherschaute.
All das Geld, das ich bekommen habe, soll denn das mir gehören? fragte Isak.
Was du sagst! erwiderte Geißler. Verstehst du denn nicht, daß du mehr hättest haben sollen? Und eigentlich hättest du sie nach unserem Kontrakt von mir haben sollen, aber wie du gesehen hast, ließ sich das nicht machen. Wieviel hast du bekommen? Nach alter Rechnung nur tausend Taler. Ich denke eben darüber nach, daß du noch ein Pferd für den Hof haben mußt. — Ja. — Ich weiß dir ein Pferd. Der jetzige Gerichtsbote bei Lensmann Heyerdahl läßt seinen Hof verfallen, das Herumreisen und die Leute auspfänden ist ihm unterhaltender. Er hat schon einen Teil seines Viehstandes verkauft, jetzt will er auch seinen Gaul los sein. — Ich werde mit ihm reden, sagte Isak.
Geißler deutete mit der Hand weit herum und sagte: Alles gehört dem Markgrafen! Du hast Haus und Vieh und wohlbestellte Felder, niemand kann dich aushungern.
Nein, antwortete Isak, wir haben alles, was Gott geschaffen hat.
Geißler lief noch eine Weile auf dem Hof umher, dann ging er plötzlich zu Inger hinein. Kannst du wohl auch heute etwas Mundvorrat entbehren? fragte er. Wieder ein paar Waffeln, aber ohne Butter und Käse darauf; sie sind allein schon nahrhaft und fett genug. Nein, tu, wie ich sage, ich will nicht noch mehr tragen.
Geißler ging wieder hinaus. Er hatte wohl allerlei Gedanken im Kopf. Im Neubau setzte er sich an den Tisch und begann zu schreiben. Er hatte sich die Sacheschon vorher ausgedacht, deshalb brauchte er nicht viel Zeit dazu. Es sei eine Eingabe an den Staat, sagte er überlegen zu Isak. An das Ministerium des Innern, sagte er. Ich habe für so vieles zu sorgen!
Als er seinen Mundvorrat bekommen hatte und sich verabschiedete, war es, als falle ihm plötzlich noch etwas ein. Ja, richtig, als ich das letztemal fortging, vergaß ich gewiß — ich hatte einen Schein aus meiner Brieftasche genommen, hatte ihn dann aber in meine Westentasche gesteckt. Da habe ich ihn nachher gefunden. Ich habe so vielerlei Geschäfte. Damit steckte er Inger etwas in die Hand und ging.
Ja, dann ging Geißler, und er schien ganz getrosten Mutes zu sein. Er war durchaus nicht herunter und starb auch noch lange nicht, kam auch wieder nach Sellanraa, und erst viele Jahre später starb er. Die Hofleute vermißten ihn aber sehr, als er nun gegangen war; Isak hatte ihn wegen Breidablick um Rat fragen wollen, war aber nicht dazu gekommen. Geißler hätte ihm wohl auch abgeraten, den Hof zu kaufen — für einen Kontoristen wie Eleseus Ödland zu kaufen!
Oheim Sivert war doch am Sterben. Eleseus war ungefähr drei Wochen bei dem Alten gewesen, da war er tot. Eleseus bestellte das Begräbnis und war recht tüchtig in dieser Richtung, er holte da und dort in den Häusern einige Fuchsiastöcke, entlehnte eine Flagge und hing sie auf Halbmast, kaufte schwarzen Flor beim Kaufmann zu heruntergelassenen Vorhängen. Isak und Inger wurden benachrichtigt und kamen zum Begräbnis. Eleseus war der eigentliche Wirt und verstand sich sehrwohl auf die Aufwartung für die Eingeladenen, ja, nachdem am Sarg noch gesungen worden war, sprach Eleseus sogar einige passende Worte, worüber seine Mutter vor lauter Stolz und Rührung ihr Taschentuch gebrauchen mußte. Alles ging ausgezeichnet.
Auf dem Heimweg in seines Vaters Gesellschaft mußte Eleseus seinen Überzieher offen tragen, den Spazierstock aber verbarg er in seinem Ärmel. Es ging alles gut, bis sie im Boot übers Wasser fuhren; da stieß Isak aus Versehen an den Rock, und ein Krach ließ sich hören. — Was war das? fragte Isak. — O nichts, antwortete Eleseus.
Aber der zerbrochene Stock wurde nicht weggeworfen; als sie heimkamen, suchte Eleseus nach einem passenden Ring um die Bruchstelle. — Können wir ihn nicht speideln? fragte Sivert, der große Spaßvogel. Sieh hier, wenn wir auf beiden Seiten einen guten Holzspan legen und mit Pechdraht umwickeln ...? — Ja, ich werde dich mit Pechdraht umwickeln! erwiderte Eleseus. — Hahaha! Ach so, du willst wohl lieber ein rotes Strumpfband herumwickeln? — Hahaha! lachte auch Eleseus, aber dann ging er zu seiner Mutter hinein, und bei ihr bekam er einen alten Fingerhut, von dem er den oberen Teil abfeilte, wodurch er dann einen sehr schönen Ring für den Spazierstock bekam. Oh, Eleseus war gar nicht so ungeschickt mit seinen langen Fingern.
Die Brüder trieben immer noch ihren Spaß miteinander. Bekomme ich das, was der Oheim Sivert hinterlassen hat? fragte Eleseus. — Ob du es bekommst? Wieviel ist es? versetzte Sivert. — Hahaha! Du willst zuerst wissen, wieviel es ist, du Geizhals! — Ja, du kannst es gern haben, sagte Sivert. — Es wird zwischen fünf- und zehntausend sein. — Talern? rief Sivert; er konnte die Frage nicht zurückhalten. — Eleseus rechnete ja nicht nach Talern, aber jetzt paßte es ihm, er nickte und ließ Sivert bis zum nächsten Tag in diesem Glauben.
Dann kam Eleseus wieder auf die Sache zurück. Reut dich wohl dein Geschenk von gestern? fragte er. — Du Dummkopf, versetzte Sivert; allerdings, aber fünftausend Taler waren nun einmal fünftausend Taler und keine Kleinigkeit; wenn der Bruder nicht ein Geizhals oder ein schlechter Kerl war, dann teilte er mit ihm. — Nun will ich dir etwas sagen, erklärte endlich Eleseus, ich glaube nicht, daß ich von der Erbschaft fett werde. — Sivert sah ihn überrascht an: So, nicht? — Nein, nicht besonders und nichtpar excellencefett.
Eleseus hatte ja gelernt, sich in Rechnungen auszukennen; der Schrein des Oheims, der berühmte Flaschenkasten, war vor ihm geöffnet worden, und er hatte alle Papiere und Summen durchgehen und Kassensturz halten müssen. Oheim Sivert hatte seinen Neffen nicht zu Landarbeit oder zum Flicken des Fischnetzes verwendet, sondern ihn in eine fürchterliche Unordnung von Zahlen und Rechnungen hineinversetzt. Wenn ein Steuerzahler vor zehn Jahren mit einer Ziege oder einer Kiste getrocknetem Kohlfisch bezahlt hatte, dann stand weder die Ziege noch der Kohlfisch da, sondern der alte Sivert holte den Mann aus seinem Gedächtnis hervor und sagte: Er hat bezahlt. — Nun, dann streichen wir diesen Posten, sagte Eleseus.
Hier war Eleseus der rechte Mann, er war freundlich und munterte den Kranken damit auf, daß er sagte, es stehe alles gut; die beiden hatten sich gut zusammen eingelebt, ja, ab und zu hatten sie sogar ihren Spaß miteinander. Eleseus war ja wohl in dem einen oder andern töricht, aber das war der alte Sivert auch; sie hatten geradezu hochtrabende Dokumente abgefaßt, nicht nur zum Vorteil von Klein-Sivert, sondern auch fürs Dorf, die Gemeinde, der der Alte dreißig Jahre gedient hatte. — Herrliche Tage waren es! — Ich hätte wahrlich niemand Besseren bekommen können als dich, Eleseus! sagte Oheim Sivert. Er schickte jemand fort und ließ mittenim Sommer ein geschlachtetes Schaf kaufen, die Fische wurden ihm frisch aus dem Meer gebracht, und Eleseus wurde befohlen, aus dem Schrein zu bezahlen; sie lebten recht gut miteinander.
Sie ließen Oline kommen, und sie hätten niemand Besseren haben können, um an einem Festmahl teilzunehmen, auch war niemand besser dazu geschaffen als sie, von des alten Siverts letzten Tagen großen Ruhm zu verbreiten. Und die Befriedigung war gegenseitig. Ich meine, wir sollten Oline auch mit einer kleinen Erbschaft bedenken, sagte der Oheim, sie ist jetzt Witwe und hat es recht knapp. Es bleibt trotzdem noch genug für Klein-Sivert. — Es kostete Eleseus nur ein paar Federstriche mir geübter Hand, einen Nachtrag zu dem letzten Willen, und dann war auch Oline unter die Erben eingereiht. — Ich werde für dich sorgen, sagte der alte Sivert zu ihr; falls ich nicht wieder gesund werden sollte und nicht mehr auf der Erde leben werde, will ich, daß du nicht Hunger leiden mußt, sagte er. — Oline rief, sie sei sprachlos; aber das war sie gar nicht, sie war gerührt und weinte und dankte; niemand hätte solche Verbindung zwischen einer irdischen Gabe und zum Beispiel „der großen himmlischen Wiedervergeltung im Jenseits” finden können wie Oline. Nein, sprachlos war sie nicht.
Aber Eleseus? Waren ihm vielleicht im Anfang die Verhältnisse des Oheims günstig und zufriedenstellend vorgekommen, so mußte er sich doch später die Sache neu überlegen und mit der Wahrheit herausrücken. Er versuchte es mit einem schwachen Einwand: Die Kasse ist ja nicht so ganz in Ordnung, sagte er. — Jawohl, aber da ist ja alles, was ich sonst hinterlasse. — Ja, und dann hast du wohl auch noch da und dort Geld auf der Bank? fragte Eleseus, denn so ging das Gerücht. — Na, antwortete der Alte, das kann nun sein, wie es will. Aber das Großnetz, der Hof und die Häuser und das Vieh,und weiße Kühe und rote Kühe! Ich glaube, du faselst, mein guter Eleseus!
Eleseus wußte nicht, wieviel das Großnetz wert sein konnte; aber das Vieh hatte er jedenfalls gesehen: es bestand aus einer Kuh. Sie war weiß und rot. Oheim Sivert redete vielleicht irre. Und Eleseus verstand auch des Alten Rechnungen nicht alle; sie waren in einem großen Durcheinander, der reine Wirrwarr, besonders seit dem Jahr, in dem der Münzfuß von Talern in Kronen übergegangen war. Der Bezirkskassierer hatte oft die kleinen Kronen für volle Taler gerechnet. Kein Wunder, daß er sich für reich hielt! Aber Eleseus fürchtete, wenn erst einmal alles geordnet sein würde, werde nicht viel übrigbleiben, vielleicht nichts, ja, vielleicht werde es nicht einmal hinreichen.
Oh, Klein-Sivert konnte ihm leicht das versprechen, was der Oheim hinterlassen würde!
Die Brüder scherzten darüber, Sivert war nicht niedergeschlagen, im Gegenteil, vielleicht hätte er sich schließlich mehr gegrämt, wenn er wirklich fünftausend Taler verschleudert hätte. Er wußte wohl, daß er aus reiner Berechnung nach dem Oheim genannt worden war, er hatte also auch nichts von ihm verdient. Jetzt zwang er Eleseus die Erbschaft förmlich auf: Ja, gewiß mußt du sie annehmen, komm, wir wollen es schriftlich machen! sagte er. Ich gönne es dir, wenn du reich wirst. Verschmäh es nicht!
Sie hatten viel Spaß miteinander. Sivert war in der Tat der, der Eleseus am meisten half, das Leben daheim auszuhalten, vieles wäre ohne Sivert schwerer für Eleseus gewesen.
Jetzt war übrigens Eleseus wieder tüchtig verdorben worden, die drei Wochen Müßiggang jenseits des Gebirges waren nicht vom Guten für ihn gewesen; er warda auch in die Kirche gegangen und hatte sich gut herausgeputzt, ja, er war auch mit jungen Mädchen zusammengetroffen. Daheim auf Sellanraa gab es keine. Jensine, die Magd, war nicht zu rechnen, sie war nur ein Arbeitstier, sie paßte besser für Sivert. — Ich möchte wohl wissen, wie die Barbro von Breidablick geworden ist, seit sie erwachsen ist, sagte er. — Geh hinunter zu Axel Ström und sieh sie dir an, entgegnete Sivert.
An einem Sonntag machte sich Eleseus auf den Weg. Jawohl, er war auswärts gewesen und hatte Mut und Lustigkeit wiedergefunden, hatte Blut geleckt, in Axels Gamme lebte er wieder auf. Barbro selbst war keineswegs zu verachten, jedenfalls war sie die einzige hier in der Gegend; sie spielte Gitarre und war witzig, außerdem roch sie nicht nach Rainfarn, sondern nach echten Sachen, nach Haarwasser. Seinerseits gab Eleseus zu verstehen, daß er nur in den Ferien daheim sei, das Büro werde ihn bald zurückberufen. Immerhin sei es angenehm, wieder einmal daheim zu sein, wieder in der alten Heimat, und er habe jetzt droben die Kammer für sich allein zum Bewohnen. Aber es sei eben doch nicht die Stadt!
Nein, das weiß Gott, daß das Ödland nicht die Stadt ist! stimmte Barbro bei.
Axel selbst kam diesen beiden Stadtkindern gegenüber nicht recht zur Geltung. Er langweilte sich und ging hinaus auf seine Felder. Nun hatten die beiden freie Hand, und Eleseus war großartig. Er erzählte, er sei im Nachbardorfe gewesen und habe dort einen Oheim begraben, auch vergaß er nicht zu sagen, daß er am Sarge eine Rede gehalten hatte.
Als er ging, sagte er zu Barbro, sie solle ihn ein Stück Wegs begleiten. Aber nein, danke! — Ist es Sitte und Brauch in der Stadt, daß die Damen die Herren heimbegleiten? fragte sie. — Da wurde Eleseus wahrhaftig rot und verstand, daß er sie beleidigt hatte.
Trotzdem ging er am nächsten Sonntag wieder aufs Nachbargut, und da trug er den Spazierstock in der Hand. Die beiden unterhielten sich wieder wie das letztemal, und Axel wurde wieder übersehen: Dein Vater hat jetzt einen großen Hof, er hat sehr viel gebaut, sagte er. — O ja, und er hat auch das Geld zum Bauen. Vater kann alles, was er will! antwortete Eleseus und prahlte drauflos; für uns andere arme Schlucker ist es nicht so leicht. — Wieso? — Na, habt ihr es nicht gehört? Jetzt eben sind einige schwedische Millionäre bei ihm gewesen und haben ihm einen Kupferberg abgekauft. — Was du da sagst? Und hat er viel Geld dafür bekommen? — Kolossal viel. Ja, ja, ich will nicht prahlen, aber es waren jedenfalls viele Tausend. Aber was ich sagen wollte: Bauen, sagtest du? Ich sehe, du hast Zimmerholz draußen liegen, wann willst du selbst bauen? — Niemals, warf Barbro ein.
Niemals! Das war nun Vorwitz oder Übertreibung. Axel hatte im letzten Herbst Steine ausgebrochen und sie im Winter hergefahren; jetzt im Sommer hatte er die Mauer samt Keller und allem andern fertiggemacht, er brauchte nur noch das Haus aufzurichten. Er sagte, er hoffe das Haus schon im Herbst unter Dach zu bringen, er habe auch schon daran gedacht, Sivert zu bitten, ihm ein paar Tage zu helfen, was Eleseus dazu meine? — O ja, meinte Eleseus. Aber du kannst mich bekommen, fügte er lächelnd hinzu. — Euch? sagte Axel ehrerbietig und redete ihn plötzlich mit Euch an. Ihr habt Genie für andere Sachen. — Wie das schmeckte, sogar hier im Ödland anerkannt zu werden. Ich fürchte sehr, daß diese meine Hände nicht dazu taugen, sagte Eleseus auch und tat äußerst vornehm. — Laß mich sehen! sagte Barbro, indem sie seine Hand ergiff.
Axel fühlte sich wieder auf die Seite gesetzt und ging hinaus; nun waren die beiden abermals allein. Sie waren gleichaltrig, waren zusammen in die Schule gegangen, hatten miteinander gespielt, umhergetollt und sich geküßt; jetzt frischten sie mit unendlicher Überlegenheit die Kindheitserinnerungen auf, und Barbro spielte sich ordentlich auf, das war nicht zu verkennen. Natürlich war Eleseus nicht zu vergleichen mit den großen Kontoristen in Bergen, die Kneifer und goldene Uhren hatten, aber hier auf dem Ödland war er unleugbar ein richtiger Herr. Und nun holte sie ihre Photographie von Bergen herbei und zeigte sie ihm: so habe sie damals ausgesehen, und wie jetzt! — Was soll dir denn jetzt fehlen? fragte er. — So, du meinst, ich habe nicht verloren? — Verloren? Ich will dir nur ein für allemal sagen, daß du jetzt doppelt so hübsch bist, überhaupt voller geworden, sagte er. Verloren? Nein, das ist klassisch! sagte er. — Aber findest du mein Kleid, das am Hals und im Rücken ausgeschnitten ist, auf dem Bild nicht hübsch? Und dann hatte ich auch, wie du siehst, eine silberne Kette, die habe ich von einem der Kontoristen, bei denen ich war, geschenkt bekommen. Aber dann habe ich sie verloren; das heißt nicht geradezu verloren, sondern ich brauchte Geld, als ich heimreiste. — Eleseus fragte: Kann ich nicht die Photographie bekommen? — Sie bekommen? Und was bekomme ich dafür? Oh, Eleseus wußte recht gut, was er am liebsten geantwortet hätte, aber er wagte es nicht zu sagen. Ich werde mich photographieren lassen, wenn ich wieder in der Stadt bin, dann bekommst du meine auch, sagte er dagegen. Sie aber nahm das Bild wieder an sich und sagte: Nein, ich habe nur noch die eine. — Da wurde es düster in seinem jungen Herzen, und er streckte die Hand nach dem Bild aus. — Ja, ja, dann gib mir gleich etwas dafür! sagte sie lachend. Oh, da griff er zu und küßte sie herzlich ab.
Nun wurde es ungezwungener; Eleseus entfaltete sich, er wurde großartig. Sie liebäugelten und lachten und scherzten. Als du nach meiner Hand gefaßt hast, war das so weich wie ein Samtpfötchen, sagte er. — Ja, ja, nun fährst du bald wieder in die Stadt, und dann kommst du wohl nie mehr hierher, sagte Barbro. — Hältst du mich für so schlecht? versetzte Eleseus. — Hast du niemand dort, der dich zurückhält? — Nein. Unter uns gesagt, ich bin nicht verlobt, sagte er. — Doch, das bist du gewiß. — Nein, es ist tatsächlich wahr, was ich sage.
Sie scherzten und liebäugelten lange miteinander, Eleseus war ganz verliebt. Ich werde dir schreiben, sagte er, darf ich das? — Ja, antwortete sie. — Ja, denn ich will nicht kleinlich sein und es nicht ohne Erlaubnis tun! Doch plötzlich wurde er eifersüchtig und fragte: Es heißt, du seiest mit Axel hier verlobt. Ist es so? — Mit ihm, dem Axel! sagte sie so verächtlich, daß es ihn tröstete. Er wird sich brennen! sagte sie. Dann bereute sie ihre Worte, und sie fügte hinzu: Der Axel ist schon recht. Und er hält eine Zeitung für mich und macht mir sehr oft Geschenke, ich kann nichts anderes sagen. — Gott bewahre mich, er kann in seiner Art ein höchst vorzüglicher und unvergleichlicher Mann sein, gab Eleseus zu, aber das ist nun einmal nicht der Kernpunkt.
Aber bei dem Gedanken an Axel mußte sich Barbro wohl etwas beunruhigt fühlen, sie stand auf und sagte zu Eleseus: Nein, jetzt mußt du gehen, ich muß in den Stall.
Am nächsten Sonntag ging Eleseus bedeutend später als sonst hinunter, und er hatte den Brief selbst mitgenommen. Das war ein Brief. Das Entzücken und Kopfzerbrechen einer ganzen Woche hatten ihn zustande gebracht, ihn ausgedacht! An Fräulein Barbro Bredesen, zwei- bis dreimal habe ich nun das für mich so unaussprechliche Glück gehabt, dich wiederzusehen ...
Wenn er nun so spät am Abend ankam, mußte wohlBarbro im Stall fertig sein, ja, sie war vielleicht eben zu Bett gegangen. Doch das schadete nichts, es paßte im Gegenteil gerade gut.
Barbro war jedoch auf und saß in der Gamme. Aber jetzt sah es plötzlich aus, als wolle sie gar nicht mehr zärtlich sein, nein, durchaus nicht. Eleseus bekam den Eindruck, daß Axel wohl hinter ihr her gewesen sein und sie ermahnt haben mußte. — Bitte, hier ist der Brief, den ich dir versprochen habe. — Danke! sagte sie, indem sie den Brief öffnete und ihn ohne ersichtliche Freude las. — Ich hätte wohl ebensogut schreiben können wie du! sagte sie. — Er war enttäuscht, was hatte sie nur? Und wo war Axel? Fort. Er war dieser törichten Sonntagsbesuche vielleicht überdrüssig und wollte nicht dabeisein; aber er konnte ja auch eine notwendige Besorgung gehabt haben, so daß er gestern ins Dorf hinuntergegangen war. Fort war er jedenfalls.
Warum sitzt du denn an einem so schönen Abend in der dumpfen Gamme? Komm mit heraus! sagte Eleseus. — Ich warte auf Axel, antwortete sie. — Auf Axel? Kannst du nicht ohne den Axel sein? — Doch, aber soll er etwa nichts zu essen haben, wenn er kommt?
Die Zeit verging, sie war vergeudet, die beiden kamen sich nicht näher; Barbro war und blieb launisch. Er versuchte ihr wieder vom Nachbardorf zu erzählen und vergaß wieder nicht, daß er eine Rede gehalten hatte: Ich hatte allerdings nicht so besonders viel zu sagen, aber einige waren doch zu Tränen gerührt. — So, sagte sie. — Und an einem Sonntag bin ich in der Kirche gewesen. — Hast du da mit einer angebändelt? — Ob ich mit einer angebändelt habe? Ich war nur dort und habe mich umgesehen. Der Pfarrer predigte nicht besonders nach meiner unmaßgeblichen Meinung, er hatte keinen guten Vortrag.
Die Zeit verging.
Was meinst du wohl, was Axel denken wird, wenn er dich so spät hier antrifft? fragte Barbro plötzlich. — Ach, wenn sie ihm einen Stoß vor die Brust versetzt hätte, hätte er nicht mutloser werden können. Hatte sie denn das letztemal ganz vergessen? War nicht verabredet worden, daß er am heutigen Abend kommen sollte? Er war schwer gekränkt und murmelte: Ich kann ja wieder gehen! — Darüber schien sie sich nicht zu entsetzen. — Was habe ich dir getan? fragte er mit bebenden Lippen. Es schien ihm sehr tief zu gehen, er war in großer Not. — Mir getan? Ach, du hast mir nichts getan. — Aber was ist denn mit dir heute abend? — Mit mir? Hahaha! Aber im übrigen kann ich mich nicht darüber wundern, wenn Axel böse wird. — Ich werde gehen, wiederholte Eleseus. Aber sie erschrak wieder nicht darüber, sie machte sich nichts aus ihm, und es war ihr einerlei, daß er da vor ihr saß und mit seinen Gefühlen kämpfte. Oh, sie war eine Canaille!
Nun begann der Ärger in ihm aufzukochen. Zuerst äußerte er ihn in feiner Weise: sie sei wahrlich keine vorteilhafte Repräsentantin des weiblichen Geschlechtes. Und als das nichts half — oh, er hätte lieber schweigen und ertragen sollen, sie wurde nur immer schlimmer. Aber er wurde auch nicht besser, sondern sagte: Wenn ich gewußt hätte, wie du bist, wäre ich heute abend gar nicht heruntergekommen. — Und was dann? versetzte sie. Dann hättest du deinen Stock, den du da in der Hand hältst, nicht spazierengetragen. — Oh, Barbro war in Bergen gewesen, sie konnte spotten, sie hatte auch ordentliche Spazierstöcke gesehen, deshalb konnte sie jetzt so unverschämt fragen, was das für ein geflickter Regenschirmstock sei, mit dem er anstolziert komme? — Er ertrug es. Dann möchtest du wohl auch deine Photographie wiederhaben? fragte er. — Wenn das nicht wirkte, dann wirkte nichts mehr. Ein Geschenk zurücknehmen, das war dasÄußerste, was man sich im Ödland denken konnte! Was machst du dir denn daraus? antwortete sie ausweichend. — Gut, erklärte er keck, ich werde sie dir sofort zurückschicken. Gib mir nun auch meinen Brief wieder.
Damit stand er auf.
Jawohl, sie gab ihm den Brief, aber da traten ihr auch die Tränen in die Augen, und ihre Laune schlug plötzlich um. Das Dienstmädchen war gerührt, der Freund verließ sie, leb' wohl zum letztenmal! Du brauchst nicht zu gehen, sagte sie, ich mache mir nichts daraus, was Axel glaubt. — Aber jetzt wollte er seinen Vorteil ausnützen, und so verabschiedete er sich. Denn wenn eine Dame so ist wie du, dann absentiere ich mich, sagte er.
Langsam wanderte er von der Gamme weg heimwärts, er pfiff und schwang seinen Stock und tat ganz unbekümmert. Bah! Eine kleine Weile nachher kam Barbro auch heraus und rief ihm ein paarmal nach. Jawohl, er blieb stehen, das tat er, aber er war ein beleidigter Löwe. Sie setzte sich ins Heidekraut und schien ihr Benehmen zu bereuen, sie zerrte an einem Heidekrautbüschel, und allmählich wurde er wieder vernünftiger, ja, er bat sie sogar noch um einen Kuß, zum letzten Abschied, sagte er. — Nein, das wollte sie nicht. — So sei doch so reizend wie das letztemal! sagte er. Er schwänzelte von allen Seiten um sie herum und ging immer rascher und rascher, um womöglich eine Gelegenheit zu erwischen. Aber sie wollte nicht reizend sein, sie erhob sich, und da stand sie. Da nickte er nur und ging.
Als er außer Sehweite war, trat plötzlich Axel hinter einigen Büschen hervor. Barbro fuhr zusammen und fragte: Wie ist denn das, kommst du von oben herunter? — Nein, ich komme von unten herauf, antwortete er, aber ich habe euch beide hier heraufgehen sehen. — Ach so, wirklich! Ja, davon wirst du fett werden! rief sie aufeinmal rasend, sie war auch jetzt ebenso schlechter Laune wie vorher! Was brauchst du da herumzuschnüffeln? Was geht es dich an? — Axel war auch nicht gerade freundlich. — So, er ist also heute auch wieder hier gewesen? — Und wenn auch? Was willst du von ihm? — Wasichvon ihm will? Nein, was willstduvon ihm? Du solltest dich schämen! — Mich schämen? Sollen wir darüber schweigen, oder sollen wir darüber reden? fragte Barbro nach einer alten Redensart. Ich will nicht wie ein altes Steinbild in deiner Gamme sitzen, daß du es weißt. Warum ich mich schämen sollte? Wenn du eine andere Haushälterin nehmen willst, dann gehe ich meiner Wege. Du brauchst nur deinen Mund zu halten, wenn es nicht schändlich ist, dich überhaupt darum zu bitten. Da hast du meine Antwort. Jetzt werde ich auf der Stelle hineingehen, dir dein Essen anrichten und Kaffee kochen, dann kann ich nachher tun, was ich will.
Unter fortwährendem Zanken ging sie hinein.
Nein, Axel und Barbro waren nicht immer einig. Sie war nun schon zwei Jahre bei ihm, aber es hatte immer ab und zu Streit gegeben, hauptsächlich weil Barbro wieder fort wollte. Er drang in sie, wollte, sie solle für immer dableiben, sich ganz bei ihm niederlassen und seine Gamme und sein Leben mit ihm teilen, er wußte, wie schlimm es wäre, wenn er wieder ohne Hilfe sein müßte — sie hatte ihm auch schon mehrere Male versprochen, seinen Antrag anzunehmen, ja, in liebevollen Stunden konnte sie sich gar nichts anderes denken als dazubleiben. Aber sobald sich ein Streit entspann, drohte sie mit dem Fortgehen, und wenn sie auch nichts anderes sagte als: sie wolle in die Stadt und ihre Zähne herrichten lassen, sie fielen ihr sonst aus. Fortgehen, fortgehen! Er mußte sie irgendwie an den Ort fesseln können.
Fesseln? Es klang, als höhne sie einer jeden Fessel.
So, du willst auch jetzt fortgehen? sagte er. — Undwenn dem so wäre? versetzte sie. —Kannstdu denn reisen? — Kann ich nicht? Du meinst, ich sei in Not, weil es dem Winter zugeht, aber ich kann in Bergen jederzeit eine Stelle bekommen. — Da sagte Axel sehr ruhig: Das kannst du jedenfalls vorderhand nicht! Du sollst doch ein Kind bekommen? — Ein Kind? Nein, von was für einem Kind redest du da? — Axel starrte sie an. War Barbro verrückt geworden?
Etwas anderes war, daß Axel selbst vielleicht etwas zu wenig nachsichtig war: seit er nun diesen Anspruch auf sie hatte, war er mit etwas zu großer Sicherheit aufgetreten; das war unklug, er brauchte ihr ja nicht sooft zu widersprechen und sie zu reizen; es wäre nicht notwendig gewesen, ihr im Frühjahr geradezu zu befehlen, die Kartoffeln zu legen, er hätte sie zur Not allein legen können. Wenn sie erst verheiratet wären, würde schon die Zeit kommen, wo er sich zum Herrn aufwerfen konnte, aber bis dahin mußte er seinen Verstand gebrauchen und nachgeben.
Aber das Schmähliche war eben die Sache mit diesem Kontoristen, dem Eleseus, der mit glatten Redensarten und einem Spazierstock einhergeschlendert kam. War nun das ein Benehmen für ein verlobtes Mädchen in ihrem Zustand? War so etwas überhaupt zu begreifen? Bis jetzt war Axel ohne Nebenbuhler hier gewesen. Ja, so änderte sich die Lage!
Hier sind neue Zeitungen für dich, sagte Axel. Und hier ist eine Kleinigkeit, die ich für dich gekauft habe. Du kannst nun sehen, ob es dir gefällt. — Sie war kalt. Obgleich alle beide kochend heißen Kaffee tranken, antwortete sie eiskalt: Ich wette, es ist ein goldener Ring, den du mir schon seit über einem Jahr versprochen hast.
Da hatte sie sich jedenfalls vergaloppiert, denn es war tatsächlich der Ring. Ein goldener Ring war es allerdingsnicht, und einen solchen hatte er ihr auch nie versprochen, daran erinnerte sie sich jetzt: aber es war ein silberner Ring mit zwei vergoldeten Händen darauf, also ein echter karatgestempelter. Aber ach, der unglückselige Aufenthalt in Bergen! Barbro hatte dort richtige Verlobungsringe gesehen, man sollte ihr nur nichts weismachen wollen! — Diesen Ring kannst du selbst behalten, sagte sie. — Was fehlt denn daran? — Was daran fehlt? Nichts fehlt daran, antwortete sie. Damit stand sie auf und begann den Tisch abzuräumen. — Du kannst ja diesen vorläufig haben, später wird sich dann vielleicht auch noch ein anderer finden, sagte Axel. — Darauf erwiderte Barbro nichts.
Übrigens war Barbro an dem Abend recht schlecht. War nicht ein neuer silberner Ring dankenswert? Dieser vornehme Kontorist hatte ihr wohl den Kopf verdreht. Axel konnte sich nicht enthalten zu sagen, was dieser Eleseus immer hier zu suchen habe. Was will er von dir? — Von mir? — Ja, sieht denn der Mensch nicht, wie es um dich bestellt ist? Sieht er dich denn nicht an? — Barbro stellte sich vor Axel hin und sagte: So, du meinst wohl, du habest mich nun an dich gebunden, aber du sollst sehen, daß das erlogen ist. — So, sagte Axel. — Ja, und du sollst sehen, daß ich auch von hier fortgehe. — Darauf verzog Axel nur den Mund zu einem leichten Lächeln, aber er tat es nicht einmal offen und in die Augen fallend, denn er wollte sie nicht reizen. Dann sagte er beruhigend wie zu einem Kinde: Nun sei einmal artig, Barbro. Du weißt ja, du und ich!
Und natürlich, spät in der Nacht endete es damit, daß Barbro wieder freundlich wurde und sogar mit dem silbernen Ring am Finger einschlief.
Oh, es würde wohl alles wieder gut werden!
Für die beiden in der Gamme wurde wirklich alleswieder gut, aber für Eleseus war es schlimmer. Es fiel ihm schwer, die Kränkung, die er erlitten hatte, zu überwinden. Da er sich nicht auf Hysterie verstand, glaubte er, er sei aus reiner Bosheit genarrt worden; die Barbro auf Breidablick war ein wenig zu keck gewesen, selbst wenn man mit in Rechnung zog, daß sie in Bergen gewesen war.
Die Photographie hatte er Barbro auf diese Weise zurückgeschickt, daß er sie selbst in einer Nacht zurückbrachte und zu ihr in den Heuboden hineinwarf, wo sie ihre Schlafstelle hatte. — Er hatte es aber durchaus nicht in grober, unhöflicher Form getan, nein, weit entfernt; er hatte lange an der Tür herumgetastet, um sie aufzuwecken, und als sie sich auf den Ellbogen aufrichtete und fragte: Findest du denn heut nacht den Weg nicht herein? hatte diese vertrauliche Frage ihn wie mit einer Nadel oder einem Degen gestochen; aber er hatte nicht geschrien, sondern nur die Photographie hübsch auf den Fußboden hineingleiten lassen. Und dann war er seiner Wege gegangen. Gegangen? Tatsächlich war er nur ein paar Schritte gegangen, dann fing er an zu laufen, zu laufen; er war sehr aufgeregt, ja, förmlich lustig, das Herz hämmerte ihm in der Brust; hinter einem Buschwerk hielt er an und schaute zurück, nein, sie kam ihm nicht nach! Ach, er hatte es halb gehofft! Und wenn sie ihm wenigstens so annähernd Zuneigung gezeigt hätte. Aber zum Kuckuck, dann brauchte er auch nicht so zu laufen, wenn sie ihm nicht auf den Fersen folgte, nur im Hemd und Unterrock, verzweifelt, ja, zerschmettert über sich selbst und über die vertrauliche Frage, die nicht für ihn bestimmt gewesen war!
Er wanderte heimwärts, ohne Stock und ohne zu pfeifen, nein, er war kein großer Herr mehr. Ein Stich in die Brust ist keine Kleinigkeit.
Und war es damit zu Ende?
An einem Sonntag ging er wieder hinunter, nur um Ausschau zu halten. Mit einer fast krankhaften unglaublichen Geduld lag er lauernd hinter dem Gebüsch und starrte nach der Hütte hinüber. Als sich endlich Leben und Bewegung zeigte, war es, als sollte er vollends vernichtet werden. Axel und Barbro traten beide aus der Gamme und gingen zusammen in den Stall. Sie waren jetzt zärtlich zueinander, ja, sie hatten eine freundliche Stunde, sie gingen Arm in Arm, er wollte ihr wohl im Stall helfen. Sieh einer!
Eleseus betrachtete das Paar mit einer Miene, als habe er alles verloren, als sei er zugrunde gerichtet. Vielleicht dachte er ungefähr so: sie geht Arm in Arm mit Axel Ström, wie sie dazu gekommen ist, weiß ich nicht, einmal hat sie ihre Arme um mich geschlungen.
Sie verschwanden im Stall.
Na, meinetwegen! Bah! Sollte er hier im Gebüsch liegen und sich selbst vergessen? Das sollte er wohl tun, sich flach auf die Erde legen und sich so vergessen? Wer war sie? Aber er war der, der er war. Oh, noch einmal: Bah!
Er sprang auf und stand aufrecht da. Dann streifte er Blätter und Heidekraut von seinen Hosen und richtete sich wieder hoch auf. Sein Zorn und sein Übermut traten auf seltsame Art zutage: er war desperat und fing an ein Lied von nicht unbedeutender Leichtfertigkeit anzustimmen. Und wenn er dann die schlimmsten Stellen recht absichtlich viel lauter sang, dann lag auf seinem Gesicht ein inniger Ausdruck.
Isak kam mit einem Pferd aus dem Dorfe zurück. Jawohl, er hatte das Pferd des Amtsdieners gekauft, es war, wie Geißler gesagt hatte, zu haben, aber es kostete zweihundertvierzig Kronen, gleich sechzig Taler. Die Pferdepreise waren jetzt ins Unerschwingliche gestiegen, in Isaks Kindheit hatte man die besten Pferde für fünfzig Taler haben können.
Aber warum hatte er nicht selbst Pferde gezüchtet? Oh, er hatte es sich wohl überlegt, hatte an ein junges Füllen gedacht — das er ein und auch zwei Jahre hätte aufziehen müssen. Das konnte der tun, dem seine Feldarbeit Zeit dazu ließ, einer, der seine Sümpfe so daliegen lassen konnte und sie nicht umzuroden brauchte, bis er einmal ein Pferd hatte, das ihm die Ernte heimfuhr. Wie der Amtsdiener sagte: Ich habe keine Lust, ein Pferd zu füttern; das Heu, das ich habe, können meine Frauenzimmer hereintragen, während ich auf Verdienst auswärts bin.
Das neue Pferd war schon ein alter Gedanke von Isak, ein mehrjähriger Gedanke, nicht Geißler hatte ihn ihm erst in den Kopf gesetzt. Deshalb hatte er ja auch soweit möglich Vorbereitungen dafür getroffen, noch eine Raufe, noch einen Weidepfahl für den Sommer; Wagen und Karren hatte er mehrere, und weitere wollte er im Herbst anfertigen. Das Wichtigste von allem, das Futter, hatte er natürlich auch nicht vergessen; warum wäre es sonst so notwendig gewesen, das letzte Stück Moor schon im letzten Jahre umzubrechen, wenn er nicht hätte vorbeugen wollen, weil er sonst seinen Kuhbestand hätte vermindern müssen! Jetzt war auf dem Moor Grünfutter gesät worden, das war für die kalbenden Kühe bestimmt.
Ja, alles war bedacht worden. Inger hatte wieder guten Grund, wie in alten Tagen vor Verwunderung die Hände zusammenzuschlagen.
Isak brachte Neuigkeiten aus dem Dorf mit: Breidablick sollte verkauft werden, jetzt war es vom Kirchplatz aus bekanntgemacht worden. Die wenigen Felder, die bebaut waren, die Wiesen und die Kartoffeläcker, alles war inbegriffen, vielleicht auch das Vieh, ein paar Haustiere, Kleinvieh. Will er denn rump und stump alles verkaufen und sich ganz ausziehen? rief Inger. Und wo will er denn hinziehen? — Ins Dorf. —
Das war ganz richtig, Brede wollte ins Dorf ziehen. Allerdings hatte er zuerst versucht, sich bei Axel Ström einzuquartieren, wo ja Barbro schon war. Das ging jedoch nicht. Brede wollte um alles in der Welt das Verhältnis zwischen seiner Tochter und Axel nicht zerstören, und so nahm er sich wohl in acht, aufdringlich zu werden, aber natürlich war es ihm ein böser Strich durch die Rechnung. Axel wollte ja bis zum Herbst das neue Haus unter Dach bringen, wenn dann er und Barbro hineinzogen, hätte da nicht Brede mit seiner Familie die Gamme bekommen können? Nein! Seht, Brede dachte nicht als Ansiedler, er verstand nicht, daß Axel ausziehen mußte, weil er die Gamme für seinen wachsenden Viehstand brauchte; die Gamme mußte auch hier in den Stall verwandelt werden. Aber selbst nachdem Brede alles erklärt worden war, blieb ihm dieser Gedankengang fremd. Die Menschen kommen doch wohl vor den Tieren, sagte er. — Nein, das war nicht des Ansiedlers Ansicht, oh, weit entfernt! Die Tiere zuerst, die Menschen konnten sich immer einen Winteraufenthalt verschaffen. — Da mischte sich Barbro drein und sagte: So, du stellst die Tiere über die Menschen? Es ist gut, daß ich das erfahren habe! — Wahrlich, Axel machte sich ja eine ganze Familie zum Feind, weil er kein Obdach für sie hatte. Aber er gab nichtnach. Er war ja auch nicht dumm und gutmütig, sondern im Gegenteil allmählich immer geiziger geworden; er wußte wohl, daß bei einer solchen Einquartierung mehr Mägen zu befriedigen sein würden.
Brede beschwichtigte seine Tochter und gab ihr zu verstehen, daß er am liebsten wieder ins Dorf ziehe; er könne es auf dem Ödland nicht aushalten, sagte er, und allein aus diesem Grunde verkaufe er seinen Hof.
Ja, aber im Grunde genommen war es nun nicht Brede Olsen, der verkaufte, sondern die Bank und der Kaufmann waren es, die Breidablick zu Geld machten, aber um den Schein zu wahren, sollte es in Bredes Namen geschehen. Auf diese Weise glaubte er der Schande zu entgehen. Und Brede war auch gar nicht so sehr niedergedrückt, als Isak mit ihm zusammentraf, er tröstete sich damit, daß er ja immer noch Inspektor über die Telegraphenlinie sei; das sei eine sichere Einnahme, und mit der Zeit werde er sich schon wieder zu seiner alten Stellung im Dorfe, zum allgemeinen Helfer und Begleiter des Lensmanns, emporarbeiten.
Natürlich war Brede auch gerührt gewesen. Das gehörte dazu: es sei ja so eine Sache, sich von der Stelle, die er liebgewonnen und wo er so viele Jahre lang gelebt und geschafft und gearbeitet habe, zu trennen. Aber der gute Brede ließ sich nie dauernd unterkriegen, das war seine gute Seite, das Anziehende an ihm. Er hatte einmal die Eingebung bekommen, Ödland urbar zu machen, dieser Versuch war nicht glücklich ausgefallen; aber auf dieselbe lustige Weise hatte er auch in anderen Fragen gehandelt, und da war es ihm besser gelungen. Ja, wer konnte wissen, ob er nicht mit seinen Gesteinsproben noch einmal gewaltige Geschäfte machte! Und jedenfalls war da Barbro, die er auf Maaneland untergebracht hatte! Sie komme ja nie wieder von Axel Ström weg, das dürfe man wohl sagen, es sei jedermann offenkundig!
Nein, solange er seine Gesundheit habe und für sich und die Seinen schaffen könne, stehe es nicht schlecht, sagte Brede Olsen. Und gerade jetzt seien alle seine Kinder allmählich erwachsen, sie zögen fort und sorgten für sich selbst, sagte er. Helge sei schon bei der Heringsfischerei, und Katrine komme zu Doktors in Dienst. Dann hätten sie nur zwei kleinere Kinder daheim — allerdings komme bald noch ein drittes dazu, aber ...
Isak brachte aus dem Dorf eine Neuigkeit mit: Die Frau des Lensmannes hatte ein Kleines bekommen. — Inger fragte plötzlich lebhaft: Einen Jungen oder ein Mädchen? — Das habe ich nicht gehört, antwortete Isak.
Also die Frau des Lensmannes hatte ein Kind bekommen, sie, die immer im Frauenverein gegen die überhandnehmenden Geburten bei den Armen geeifert hatte. Man solle der Frau das Stimmrecht geben und ihr Einfluß auf ihr eigenes Schicksal einräumen, hatte sie gesagt. Jetzt war sie gefangen. Ja, sagte die Frau Pastor, sie hat ihren Einfluß wohl angewendet, hahaha, und doch ist sie ihrem Schicksal nicht entgangen! Dieses witzige Wort über Frau Heyerdahl ging im ganzen Dorf herum und wurde von sehr vielen verstanden; auch Inger verstand es vielleicht, nur Isak verstand nichts.
Isak verstand zu arbeiten, verstand seine Hantierung zu betreiben. Er war jetzt ein reicher Mann mit einem großen Hof, aber von dem vielen baren Geld, das ihm der Zufall in den Schoß geworfen hatte, machte er nur einen schlechten Gebrauch: er hob es auf. Das Ödland rettete ihn. Hätte Isak im Dorf gewohnt, dann hätte vielleicht die große Welt auch etwas auf ihn eingewirkt; dort war so viel Schönes, so vornehme Verhältnisse, er würde Unnötiges gekauft haben und wäre am Werktag in einem roten Hemd gegangen. Hier im Ödland war er gegen alle Verschwendung geschützt, er lebte in reiner Luft, wusch sich am Sonntagmorgen und badete, wenn erdroben am Gebirgssee war. Die tausend Taler — jawohl, ein Geschenk vom Himmel, jeden Heller davon zum Aufbewahren! Wozu sonst? Isak konnte seine gewöhnlichen Ausgaben mit Leichtigkeit durch den Verkauf seiner Erträgnisse von dem Viehbestand und den Feldern bestreiten.
Eleseus wußte ja besser Bescheid, er hatte dem Vater geraten, sein Geld auf der Bank anzulegen. Es war auch wohl möglich, daß dies das verständigste gewesen wäre, aber jedenfalls war es aufgeschoben worden, wurde vielleicht nie getan. Nicht, weil Isak immer den Rat des Sohnes überhört hätte, Eleseus war wahrlich nicht so schlimm, das hatte Isak in der letzten Zeit herausgefunden. Jetzt in der Heuernte hatte er es mit dem Mähen versucht — nein, ein Meister wurde er darin nicht, und er mußte sich in Siverts Nähe halten und sich von ihm jedesmal die Sense wetzen lassen, aber Eleseus hatte lange Arme und konnte das Heu wie ein ganzer Mann zusammenraffen. Jetzt waren er und Sivert und Leopoldine und Jensine drüben auf der Wiese und setzten das erste Heu auf Heinzen, und Eleseus schonte sich da auch nicht, sondern arbeitete mit dem Rechen, bis er Blasen bekam und mit verbundenen Händen gehen mußte. Seit mehreren Wochen schon hatte er keinen rechten Appetit gehabt, war aber deshalb doch nicht arbeitsscheu geworden. Über den Jungen mußte etwas Neues gekommen sein, es sah aus, als sei ein gewisses Mißgeschick in einer gewissen Liebesangelegenheit oder etwas anderes in dieser Richtung, ein großer Schmerz oder eine Enttäuschung, vom Guten für ihn gewesen. Seht, jetzt hat er sogar seinen letzten von der Stadt mitgebrachten Tabak aufgeraucht, und das hätte vielleicht unter anderen Umständen einen Kontoristen dazu bringen können, die Türe zuzuschlagen oder sich über dies und jenes scharf auszusprechen; abernein, Eleseus wurde dadurch nur ein gesetzter Bursche, fester in der Haltung, ja, wahrlich ein Mann.
Auf was verfiel aber dann der Spaßvogel Sivert, um ihn zu reizen?
An diesem Tag knieten beide Brüder auf Steinen im Fluß und tranken, und Sivert war so unvorsichtig, Eleseus anzubieten, ihm ein besonders gutes Moos zu Tabak zu trocknen — oder vielleicht willst du es roh rauchen? sagte er. — Ich werde dir Tabak geben, versetzte Eleseus, indem er den Arm ausstreckte und den Bruder bis an die Schultern ins Wasser tauchte. Ha, da bekam er's! Sivert lief noch lange mit einem nassen Kopf umher.
Ich glaube, Eleseus wächst sich allmählich zu einem tüchtigen Kerl heraus, dachte der Vater, wenn er den Sohn bei der Arbeit sah. — Hm. Ob der Eleseus nun für ganz daheimbleiben will? fragte er Inger. — Sie sagte ebenso sonderbar vorsichtig: Das könnte ich nicht sagen. Nein, das will er nicht. — So, hast du mit ihm darüber gesprochen? — Ach nein. Doch, ich habe nur ein ganz klein wenig gesagt. Aber ich errate es. — Ich möchte wissen, wie es wäre, wenn er einen eigenen Hof hätte? — Wieso? — Ob er ihn bebauen würde? — Nein. — So, hast du mit ihm darüber geredet? — Darüber geredet? Siehst du nicht, wie verändert er ist? Ich kenne ihn gar nicht mehr. — Du brauchst ihn nicht schlecht zu machen, sagte Isak unparteiisch. Ich sehe nichts anderes, als daß er draußen ein gutes Tagewerk vollbringt. — So, ja, ja, antwortete Inger schüchtern. — Ich weiß nicht, was du gegen den Jungen hast! rief Isak erzürnt. Er leistet mit jedem Tag bessere Arbeit, kannst du mehr erwarten? — Inger murmelte: Er ist nicht mehr, wie er war. Du solltest mit ihm wegen der Westen sprechen. — Wegen der Westen? Wieso? — Er sagt, daß er im Sommer in der Stadt weiße Westen getragen habe. — Isak dachte darüber nach und begriff nichts. Aber kanner denn nicht eine weiße Weste bekommen? fragte er. Isak war verwirrt, das Ganze war natürlich nur ein Weibergeschwätz, er meinte, der Junge sei mit der weißen Weste im Recht und begriff überdies nicht, was das bedeuten sollte, er wollte also rasch darüber weggehen. Nun, was würdest du dazu sagen, wenn er Bredes Ansiedlung zum Heraufarbeiten bekäme? — Wer? fragte Inger. — Eleseus. — Breidablick? fragte Inger. Tu das ja nicht.
Die Sache war nämlich die, daß sie den Plan schon mit Eleseus durchgesprochen hatte, sie kannte ihn wohl von Sivert, der den Mund nicht hatte halten können. Und im übrigen — warum hätte Sivert über den Plan schweigen sollen, den der Vater sicher nur deshalb verraten hatte, damit er durchgesprochen würde? Es war nicht das erstemal, daß er Sivert auf diese Weise zum Vermittler machte. Na, aber was hatte Eleseus geantwortet? Wie früher, wie in seinen Briefen aus der Stadt: Nein, ich will das, was ich gelernt habe, nicht wegwerfen und wieder der reine Garnichts sein! Das hatte er geantwortet. Ja, dann war ja die Mutter mit ihren guten Gründen herausgerückt, aber Eleseus hatte für alles nur abschlägige Antworten gehabt und gesagt, er habe andere Pläne für sein Leben. Das junge Herz hat seine unerforschlichen Gründe; nach dem, was geschehen war, fand er es vielleicht auch unmöglich, der Nachbar von Barbro zu werden. Das konnte niemand wissen. Er hatte der Mutter gegenüber nur obenhin Auskunft gegeben und gesagt, er könne in der Stadt eine bessere Stelle bekommen, als er jetzt habe; er könne auch Schreiber beim Landrichter oder Landrat werden; man müsse hinaufkommen, in einigen Jahren werde er vielleicht Lensmann oder Leuchtturmwächter, oder er komme aufs Zollamt. Es gebe so viele Möglichkeiten für den, der etwas gelernt habe.
Woher es nun auch kam, aber jedenfalls wurde die Mutter bekehrt, wurde mitgerissen, und sie war ja selbst so wenig sicher, die Welt konnte sie gar leicht wieder in ihre Schlingen ziehen. Im Winter hatte sie sogar in einem gewissen ausgezeichneten Andachtsbuch gelesen, das sie bei ihrem Weggang in der Anstalt in Drontheim bekommen hatte; aber jetzt? Ob denn Eleseus wirklich Lensmann werden könne? — Jawohl, antwortete Eleseus. Was ist denn der Lensmann Heyerdahl anderes als ein früherer Schreiber auf einer Amtsstube?
Große Aussichten! Die Mutter wollte Eleseus geradezu abraten, sein Leben zu ändern und sich wegzuwerfen. Was sollte ein solcher Mann im Ödland?
Aber warum gab sich Eleseus jetzt so viele Mühe und schaffte so fleißig auf den Feldern der Heimat? Gott mochte es wissen, er hatte vielleicht eine Absicht dabei! Etwas Bauernehrgeiz hatte er wohl auch, er wollte nicht zurückstehen. Außerdem schadete es nicht, wenn er an dem Tag, an dem er die Heimat wieder verließ, mit dem Vater gut Freund war. Um die Wahrheit zu sagen, so hatte er verschiedene kleine Schulden in der Stadt, es wäre gut, wenn er diese bereinigen könnte. Das würde großen neuen Kredit bedeuten. Und hier handelte es sich nicht nur um einen Hundertkronenschein, sondern um etwas, das etwas war.
Eleseus war nicht dumm, oh, weit entfernt, er war sogar auf seine Art schlau. Er hatte den Vater wohl heimkommen sehen und wußte, daß er in diesem Augenblick drinnen am Fenster saß und herüberschaute. Wenn sich da nun Eleseus besondere Mühe bei der Arbeit gab, gereichte ihm das vielleicht gerade jetzt zum Vorteil, und es geschah ja niemand ein Unrecht dadurch.
Eleseus hatte etwas Verfeinertes an sich, was es nun auch sein mochte, aber zugleich auch etwas Verpfuschtes wie etwas Zerstörtes, er war nicht böse, aber ein wenigverstockt. Hatte ihm in den verflossenen Jahren eine starke Hand über sich gefehlt? Was konnte die Mutter jetzt für ihn tun? Einzig und allein ihm helfen. Sie konnte sich von den großen Zukunftsaussichten des Sohnes blenden lassen und ihm beim Vater die Stange halten. Das konnte sie.
Aber Isak wurde schließlich ärgerlich über ihre abweisende Haltung, seiner Meinung nach war der Plan mit Breidablick gar nicht so übel. Heute auf dem Heimweg hatte er sogar der Versuchung nachgegeben und das Pferd angehalten, um sich in aller Eile einen sachkundigen Überblick über die vernachlässigte Ansiedlung zu verschaffen: unter arbeitsamen Händen konnte etwas daraus werden. — Warum soll ich es nicht wagen? fragte er Inger jetzt. Ich habe so viel Herz für Eleseus übrig, daß ich ihm dazu verhelfen will. — Ach, wenn du ein Herz für ihn hast, so nenne Breidablick vor ihm nicht mehr, versetzte sie. — So. — Nein, denn er hat viel größere Gedanken als wir.
Isak ist ja selbst seiner Sache nicht ganz sicher, er kann also nicht so recht gewichtig reden, aber es ärgert ihn, daß er mit diesem Plan herausgerückt ist und so unvorsichtig offen geredet hat, deshalb will er ihn nur ungern aufgeben. Er soll tun, was er will, erklärte Isak plötzlich. Und er sagt es mit lauter, drohender Stimme zum Besten für Inger, falls sie zufällig nicht gut hören sollte. Ja, sieh mich nur an, aber ich sage jetzt nichts mehr. Das Schulhaus ist dort, und es ist auf dem halben Wege vom Dorfe hierher, und alles miteinander, was sind denn das für große Gedanken, die er hat? Mit einem Sohne wie er könnte ich leicht verhungern, ist das etwa besser? Aber nun frage ich, wie es kommt, daß mein eigenes Fleisch und Blut ungehorsam gegen — mein eigenes Fleisch und Blut sein kann? — Isak schwieg. Er begriff wohl, je mehr er redete, desto schlimmer wurdees. Er wollte jetzt erst einmal die Sonntagskleider ausziehen, in denen er im Dorfe gewesen war; aber nein, er änderte diesen Entschluß wieder und wollte so bleiben, wie er war — was er wohl damit wollte? Du mußt versuchen, es mit Eleseus ins reine zu bringen, sagte er dann. — Inger antwortete: Es wäre am besten, du würdest es ihm selbst sagen. Mir folgt er nicht! — Jawohl, Isak ist das Haupt für alle, das wollte er meinen. Eleseus sollte es nur versuchen, sich zu mucksen! Aber ob es nun war, weil er eine Niederlage befürchtete — Isak weicht jetzt aus und sagt: Ja, das könnte ich tun, ich könnte es ihm selbst sagen. Aber da ich so vieles andere zu besorgen habe, so muß ich jetzt an anderes denken. — So? fragt Inger verwundert.
Nun geht Isak wieder fort, nur bis an die Grenze des Grundstücks, aber jedenfalls fort. Er ist sehr geheimnisvoll und will allein sein. Die Sache ist die, er ist heute mit einer dritten Neuigkeit vom Dorf zurückgekommen, und diese dritte ist größer als die beiden anderen, sie ist ungeheuer groß; er hat sie am Waldessaum versteckt. Da steht sie, in Sackleinwand und Papier eingebunden. Er packt sie aus, und es ist eine große Maschine. Seht, sie ist rot und blau, wunderbar, mit vielen Zähnen und vielen Messern, mit Gelenken, mit Armen, Rädern, Schrauben, eine Mähmaschine. Natürlich wäre das neue Pferd nicht gerade an diesem Tag geholt worden, wenn es nicht wegen der Mähmaschine hätte sein müssen.
Isak steht mit einem ungeheuer scharfsinnigen Gesicht da und versucht, die Gebrauchsanweisung, die der Kaufmann ihm vorgelesen hatte, von einem Ende zum andern aus seinem Gedächtnis hervorzuholen; er befestigt eine Stahlfeder da und schiebt dort einen Bolzen ein, dann ölt er jedes Loch und jede Ritze, dann sieht er das Ganze noch einmal nach. Noch nie hat Isak einen solchen Augenblick erlebt. Eine Feder in die Hand nehmen und seinHauszeichen unter ein Dokument setzen — jawohl, auch das ist eine große Gefahr und Schwierigkeit. Ebenso mit dem Reolpflug, der viele gebogene Messer hat, die ineinandergreifen müssen. Und dann die große Kreissäge im Sägewerk, die haargenau in ihrem Lager ruhen muß und nicht nach Ost und West ausweichen oder gar herausspringen darf. Aber die Mähmaschine — ein wahres Elsternest aus stählernen Zweigen und Haken und Vorrichtungen und Hunderten von Schrauben. Oh, Ingers Nähmaschine war nur eine Kleinigkeit dagegen!
Dann spannte sich Isak selbst vor und probierte die Maschine. Das war gerade der große Augenblick. Deshalb wollte er zuerst im verborgenen mit der Maschine bleiben und auch sein eigenes Pferd sein.
Denn wie, wenn nun die Maschine falsch zusammengesetzt war und ihre Arbeit nicht verrichtete, sondern mit einem Knall zersprang? Aber das geschah nicht, die Maschine mähte Gras. Das würde auch gerade noch fehlen! Isak hatte hier in tiefes Studium versunken stundenlang gestanden, die Sonne war indessen untergegangen. Wieder spannt er sich vor und probiert, die Maschine mäht Gras. Das fehlte auch gerade noch!