Zweiter Teil

Als gleich nach dem heißen Tag der Tau fiel und die beiden Brüder, jeder mit seiner Sense, auf der Wiese standen, um für den nächsten Tag zu mähen, tauchte Isak bei den Häusern auf und sagte: Hängt eure Sensen heute abend nur wieder hinein. Ihr könnt das neue Pferd anschirren und mit ihm hinüber an den Wald kommen.

Damit ging aber Isak nicht ins Haus hinein, um sein Abendbrot zu essen, was die andern schon getan hatten, sondern er drehte auf dem Hofplatz gleich wieder um und ging aufs neue dahin, woher er gekommen war.

Sollen wir den Karren anspannen? rief ihm Sivert nach.

Nein, antwortete der Vater und ging weiter.

Er strotzte förmlich von Geheimniskrämerei und war ganz übermütig, bei jedem Schritt wiegte er sich in den Knien, so nachdrücklich schritt er dahin. Ging es dem Tod und Untergang entgegen, so war er jedenfalls ein mutiger Mann, er trug nichts in den Händen, mit dem er sich hätte verteidigen können.

Die Jungen kamen mit dem Pferd nach, jetzt sahen sie die Maschine, und sie hielten jäh an. Das war die erste Mähmaschine hier im Ödland, die erste auch im Dorfe, rot und blau, prachtvoll anzusehen. Der Vater, das Oberhaupt aller, rief gleichgültig und ganz wie sonst: Kommt her und spannt das Pferd vor diese Mähmaschine! — Die Söhne spannten ein.

Dann fuhren sie, der Vater fuhr. Brr! sagte die Maschine und mähte das Gras nieder. Die Söhne hinterher, ohne etwas in den Händen, ohne zu arbeiten, lächelnd. Jetzt hielt der Vater an und sah zurück — na, es könnte besser gemäht sein. Er schraubte an ein paar Stellen, um die Messer näher an den Boden zu legen, und probierte wieder. Nein, so wird ungleich gemäht, uneben gemäht. Die Scheide, an der alle Messer sind, wackelt ein wenig auf und nieder. Vater und Söhne wechselten ein paar Worte. Eleseus hat die Gebrauchsanweisung gefunden und liest darin.

Da steht, daß du dich auf den Sitz setzen sollst, Vater, dann gehe die Maschine ruhiger, sagt er. — So, versetzte der Vater. Ja, das weiß ich wohl, fügte er hinzu, ich habe alles genau studiert. — Er setzt sich auf den Sitz und fährt wieder, nun geht es ruhig. Aber plötzlich mäht die Maschine nicht mehr, nein, alle Messer stehen auf einmal still. Ho! Was nun? Der Vater springt vom Sitz herunter, aber jetzt ist er nicht mehr übermütig, sondern beugt ein kummervolles, fragendes Gesicht über die Maschine. Vater und Söhne starren diese an; etwas istverkehrt. Eleseus hat die Gebrauchsanweisung in der Hand. — Da liegt ein kleiner Bolzen! sagt Sivert, indem er ihn vom Boden aufhebt. — Ach so, es ist gut, daß du ihn gefunden hast, sagt der Vater, als wäre das alles, was er brauchte, um die Maschine wieder in Ordnung zu bringen. Gerade diesen Bolzen habe ich gesucht. — Aber nun konnten sie das Loch nicht finden; wo zum Kuckuck war das Loch zu dem Bolzen? Da, sagt Eleseus und deutet mit dem Finger.

Und jetzt mußte sich Eleseus wohl der Sache etwas gewachsen fühlen, seine Fähigkeit, eine Gebrauchsanweisung zu erforschen, war hier unersetzlich; er deutete überflüssig lange auf das Loch und sagte: Nach der Illustration zu verstehen, muß der Bolzen hier hinein! — Jawohl muß er hier hinein, sagte auch der Vater, da hatte ich ihn ja eingesetzt! Und um seine Autorität wieder herzustellen, befahl er Sivert, nach noch weiteren Bolzen im Gras zu suchen. Es muß noch einer da sein, sagte er mit ungeheuer wichtiger Miene, wie wenn er alles im Kopf hätte. Findest du keinen mehr? Na, dann sitzt er wohl noch in seinem Loch!

Dann wollte der Vater wieder fahren.

Aber das ist falsch! ruft Eleseus. Oh, Eleseus steht mit der Zeichnung in der Hand, mit dem Gesetz in der Hand da, ihn darf man nicht auf die Seite schieben. Diese Feder hier muß außen sein! — Ja? fragt der Vater. — Jawohl, aber jetzt ist sie unten, du hast sie unten hingesetzt. Es ist eine Stahlfeder, die muß außen sein, sonst springt der Bolzen wieder heraus, und dann stehen alle Messer still. Hier steht es auf der Abbildung! — Ich habe meine Brille nicht bei mir, deshalb kann ich die Zeichnung nicht deutlich sehen, sagte der Vater kleinlauter. Hier, du hast bessere Augen, schraube du die Feder ein. Aber mach es nun richtig. Wenn es nicht so weit wäre, würde ich meine Brille holen.

Jetzt ist alles in Ordnung, und der Vater sitzt auf. Eleseus ruft ihm nach: Und dann mußt du ein bißchen schnell fahren, dann schneiden die Messer besser! Hier steht es!

Isak fährt und fährt, und alles geht gut, und Brr! sagt die Maschine. Sie hinterläßt einen breiten Weg von gemähtem Gras, in einer schönen Linie liegt es da, fertig zum Ausbreiten. Jetzt kann man Isak vom Hause aus sehen, und alle Frauenzimmer eilen heraus. Inger trägt die kleine Rebekka auf dem Arm, obgleich die kleine Rebekka längst laufen kann. Aber jetzt kommen sie daher, vier Frauenzimmer, große und kleine, und sie eilen mit weit aufgerissenen Augen zu dem Wunderwerk hin, sie umdrängen es. Oh, wie mächtig Isak jetzt ist und richtig stolz; frei auf der Maschine droben sitzt er, im Sonntagsgewand, in vollem Staat, in Rock und Hut, obgleich ihm der Schweiß von der Stirne tropft. Er fährt in vier großen Winkeln über ein passendes Wiesenstück, schwingt um, fährt, mäht, kommt an den Frauen vorüber, die wie aus den Wolken gefallen sind, sie begreifen es nicht, und Brr! sagt die Maschine.

Dann hält Isak an und steigt herunter. Seht, er sehnt sich gewißlich danach, zu hören, was die Menschen auf der Erde sagen, was sie jetzt wohl sprechen werden! Er hört leise Ausrufe, die Menschen wollen ihn auf seinem großen Posten nicht stören, aber sie stellen ängstliche Fragen aneinander, und diese Fragen hört Isak. Und jetzt, um ein freundliches väterliches Oberhaupt für alle zu sein, muntert Isak sie auf, indem er sagt: Ja, ja, ich mähe nun dieses Wiesenstück, dann könnt ihr das Heu morgen ausbreiten. — Du hast wohl gar keine Zeit, hereinzukommen und zu essen? fragt Inger überwältigt. — Nein, ich habe jetzt anderes zu tun, erwidert er.

Dann ölt er die Maschine noch einmal und gibt den anderen zu verstehen, daß es sich hier um eigentlicheWissenschaft handle. Dann fährt er wieder und mäht weiter. Schließlich gehen die Frauenzimmer wieder hinein.

Glücklicher Isak! Glückliche Menschen auf Sellanraa!

Isak erwartet sehr bald, die Nachbarn von drunten ankommen zu sehen. Axel Ström hat sehr viel Interesse, er kommt vielleicht schon morgen. Aber Brede von Breidablick ist imstande und kommt noch heute nacht. Isak hätte gar nichts dagegen, ihnen die Mähmaschine zu erklären und darzutun, wie gut er sie in allem regieren kann. Er will darauf hinweisen, daß man mit der Sense unmöglich so glatt und gleichmäßig mähen könne. Aber was eine solche erstklassige blau und rote Mähmaschine kostet, das ist auch gar nicht zu sagen!

Glücklicher Isak!

Aber als er die Maschine zum drittenmal anhält und wieder ölt, fällt ihm wahrhaftig die Brille aus der Tasche. Und das schlimmste ist, daß seine Söhne es gesehen haben. War eine höhere Macht dabei im Spiel, war es eine Ermahnung, etwas weniger hochmütig zu sein? Er hatte ja auf dem Heimweg oft die Brille aufgesetzt und die Gebrauchsanweisung studiert, sie aber eben nicht verstanden, da hatte Eleseus eintreten müssen. Ach Gott im Himmel, ja, Kenntnisse sind etwas Gutes! Und um sich selbst zu demütigen, will Isak es nun aufgeben, Eleseus zum Landmann zu machen, er wollte nicht mehr davon reden. Nicht, daß die Jungen aus dem Mißgeschick mit der Brille eine große Sache gemacht hätten, im Gegenteil; der Spaßvogel Sivert konnte zwar nicht an sich halten, nein, das konnte er nicht, er zupfte Eleseus am Ärmel und sagte: Komm, jetzt gehen wir hinein und verbrennen unsere Sensen; Vater mäht für uns! — Dieser Scherz kam im rechten Augenblick.

Sellanraa ist nicht länger eine unbewohnte Stätte, sieben Menschen leben hier mit groß und klein. Aber während der kurzen Zeit der Heuernte kam auch noch der eine oder andere Besuch dazu, Leute, die gerne die Mähmaschine sehen wollten, Brede natürlich als der erste; aber auch Axel Ström kam und die Nachbarn bis zum Dorf hinunter. Und von der andern Seite des Gebirges kam Oline; sie war unverwüstlich.

Auch diesmal kam Oline nicht ohne Neuigkeiten aus ihrem Dorfe; sie stellte sich nie leer ein: Jetzt war die Verrechnung von dem Nachlaß des alten Sivert fertig geworden, und es blieb kein Vermögen übrig! Gar keines!

Hier kniff Oline den Mund zusammen, und ihre Blicke schweiften gespannt von einem zum andern. Na, tönte denn kein Seufzer durch die Stube, fiel nicht die Decke ein? Eleseus war der erste, der lächelte. Wie ist's denn, bist du nicht nach dem Ohm Sivert getauft? fragte er mit gedämpfter Stimme. Und Klein-Sivert antwortete ebenso gedämpft: Doch. Aber ich habe ja seinen ganzen Nachlaß dir verehrt. — Wieviel war's denn? — Zwischen fünf- und zehntausend. — Taler? rief Eleseus schnell und machte Sivert genau nach.

Oline meinte, es sei jetzt nicht Zeit zu spaßen, ach, wie war sie selbst geprellt worden, und sie hatte doch amSarg des alten Sivert ihre ganze zähe Willenskraft aufgeboten und Tränen geweint. Eleseus wußte ja selbst am besten, was er geschrieben hatte: soundso viel für Oline als Stab und Stütze für ihr Alter. Was war aus diesem Stab geworden? Übers Knie gelegt und gebrochen.

Arme Oline, sie hätte wohl eine Kleinigkeit erben dürfen, das wäre der einzige lichte Punkt in ihrem Leben gewesen! Sie war nicht verwöhnt. Geübt im Bösen, jawohl, daran gewöhnt, sich von Tag zu Tag mit Kniffen und kleinen Betrügereien durchzuschlagen, groß allein in der Kunst, Klatsch zu verbreiten, ihre Zunge gefürchtet zu machen, jawohl. Nichts hätte sie jetzt noch schlimmer machen können, eine Erbschaft am allerwenigsten. Sie hatte ihr ganzes Leben lang gearbeitet, hatte Kinder geboren und ihnen ihre eigenen paar Handfertigkeiten beigebracht, hatte für sie gebettelt, vielleicht auch gestohlen, aber sie doch ernährt — eine Mutter in kleinen Verhältnissen. Ihre Gaben waren nicht geringer als die Gaben anderer Politiker, sie wirkte und schaffte für sich und die Ihrigen, richtete sich nach dem Augenblick und brachte sich durch, verdiente ein Käschen da und eine Handvoll Wolle dort und würde in alltäglicher und unaufrichtiger Schlagfertigkeit leben und sterben. Oline — vielleicht hatte sich der alte Sivert an die Zeit erinnert, wo er sie noch als jung, rotwangig und hübsch gekannt hatte. Aber nun war sie alt und häßlich, ein Bild der Vergänglichkeit, sie sollte lieber tot sein. Wo wird sie begraben? Sie besitzt kein eigenes Erbbegräbnis, wahrscheinlich wird sie einmal in irgendeinem Kirchhof bei lauter fremden und unbekannten Knochenresten unter den Boden gebracht, da wird sie einmal landen. Oline, geboren und gestorben. Auch sie war einmal jung. Eine Erbschaft für sie jetzt noch zur elften Stunde! Jawohl, ein einziger lichter Punkt, und die Hände einer Sklavin der Arbeit würden sich für einen Augenblick gefaltethaben. Die Gerechtigkeit hätte ihr noch einen verspäteten Lohn gespendet, weil sie für ihre Kinder gebettelt, vielleicht auch gestohlen, sie aber jedenfalls ernährt hatte. Für einen Augenblick — und wieder hätte Dunkel in ihr geherrscht, die Augen hätten geschielt, die Hände gesucht und getastet: Wieviel ist es? würde sie sagen. Was, nicht mehr? würde sie sagen. Und sie hätte wieder recht. Sie war vielfache Mutter und verstand das Leben einzuschätzen, das war großen Lohnes wert.

Alles schlug fehl. Die Rechnungen des alten Sivert waren jetzt, nachdem Eleseus sie durchgesehen hatte, wohl einigermaßen in Ordnung, aber der kleine Hof und die Kuh, der Bootsschuppen und das Großnetz deckten nur knapp den Fehlbetrag in der Kasse. Und daß es überhaupt einigermaßen so gut ging, wie es ging, das war zum Teil Oline zu verdanken; sie war sehr versessen darauf, daß ein Rest für sie übrigbleibe, und so zog sie vergessene Posten, von denen sie als alte Klatschbase wußte, oder Posten, die der Revisor absichtlich übersehen hatte, um nicht achtenswerte Dorfgenossen in Schaden zu bringen, ans Licht. Diese verflixte Oline! Und sie beschuldigte nicht einmal den alten Sivert selbst; er hatte ja sicherlich aus gutem Herzen testiert und hätte auch reichlich Geld hinterlassen, jawohl; nein, die beiden Vertreter der Kreisverwaltung, die die Sache zu ordnen hatten, die hatten sie geprellt. Aber einst wird auch dies dem Allwissenden zu Ohren kommen! sagte Oline drohend.

Merkwürdigerweise sah sie nichts Lächerliches darin, daß sie im Testamente genannt war; das war trotz allem eine Ehre, niemand sonst von den Ihrigen stand darin.

Die Leute auf Sellanraa trugen das Unglück mit Geduld, sie waren ja auch nicht ganz unvorbereitet. Inger konnte es allerdings nicht recht fassen: Der Oheim Sivert, der seiner Lebtag so reich gewesen ist! sagte sie. — Er hätte als aufrechter und reicher Mann vor denThron des Lammes treten können, aber sie haben ihn beraubt! behauptete Oline. — Isak war im Begriff, fortzugehen, und Oline sagte: Das ist sehr dumm, Isak, daß du fort willst, so kriege ich ja die Mähmaschine nicht zu sehen. Du hast doch eine Mähmaschine, nicht wahr? — Jawohl. — Ja, jedermann spricht davon. Und daß sie rascher mäht als hundert Sensen. Was du dir nicht alles anschaffen kannst, Isak, mit deinem Geld und deinem Vermögen! Unser Pfarrer hat einen neuen Pflug mit zwei Pflugscharen, aber was ist der Pfarrer neben dir! Das würde ich ihm offen ins Gesicht sagen. — Sivert kann dir mit der Maschine vormähen, er kann es schon viel besser als ich, sagte Isak und ging fort.

Isak ging fort. Auf Breidablick ist Versteigerung gerade um die Mittagsstunde, und er kann eben noch rechtzeitig hinkommen.

Nicht als ob Isak noch daran dachte, die Ansiedlung zu kaufen, aber das ist nun die erste Versteigerung in der Gegend, und da will er dabeisein.

Als er bis nach Maaneland gekommen ist und Barbro da sieht, will er nur grüßen und weitergehen, aber Barbro redet ihn an und fragt ihn, ob er dort hinunter wolle? — Ja, antwortet er und will weitergehen. Es ist Barbros Kinderheimat, die versteigert wird, deshalb antwortet er so kurz angebunden. — Willst du zur Versteigerung? fragt sie. — Zur Versteigerung? Na, ich gehe eben einmal hinunter. Wo ist denn Axel? — Axel? Ich weiß nicht, wo er ist. Er ist zur Versteigerung gegangen, er will wohl auch dies oder jenes zu einem Spottpreis ergattern.

Wie dick doch Barbro war, und wie bissig, ganz rasend!

Die Versteigerung hat schon angefangen. Isak hört des Lensmanns Aufrufe und sieht viele Leute. Als er näher kommt, sieht er, daß er nicht alle kennt; es sind verschiedene Leute von auswärts da, aber Brede treibtsich in seinem besten Anzug umher und ist lebhaft und gesprächig: Guten Tag, Isak! So, du erweist mir auch die Ehre und kommst zu meiner Versteigerung. Ich danke dir! Wir sind viele Jahre lang Nachbarn und gute Freunde gewesen, und niemals hat es ein böses Wort zwischen uns gegeben. — Brede wird ganz gerührt: Es ist ja sonderbar, wenn man sich vorstellt, daß man einen Ort verlassen soll, für den man gelebt und gestrebt und den man liebgewonnen hat. Aber was hilft es, wenn es einem nun einmal so bestimmt ist. — Vielleicht wird es jetzt für dich viel besser, tröstet Isak. — Ja, weißt du, das glaube ich auch, erwiderte Brede rasch gefaßt. Es ist mir nicht leid, durchaus nicht. Ich habe hier auf dem Lande keine Seide gesponnen, das wird jetzt besser werden, die Kinder werden größer und fliegen aus dem Nest — na, die Frau sorgt ja wieder für ein Kleines, aber trotzdem! Und plötzlich sagt Brede klipp und klar: Ich habe den Telegraphen aufgekündigt. — Was? fragt Isak. — Ich habe den Telegraphen aufgekündigt. — Du hast den Telegraphen aufgekündigt? — Ja, zu Neujahr. Was soll ich weiter damit? Und wenn ich im Verdienen wäre und den Lensmann oder den Pfarrer fahren müßte, dann hätte immer der Telegraph zu allererst kommen müssen. Nein, das gibt es nicht. Das kann einer machen, der überflüssige Zeit hat; die Telegraphenlinie entlang rennen, über Berg und Tal für eine kleine oder gar keine Bezahlung, das tut der Brede nicht! Und außerdem habe ich mich mit dem Vorstand, der mein Vorgesetzter ist, verkracht.

Der Lensmann wiederholt immer noch die Angebote auf die Ansiedlung, und sie haben nun die wenigen hundert Kronen erreicht, die das Gut geschätzt wird, deshalb werden jetzt nur noch fünf oder zehn Kronen mehr auf einmal geboten. Ich glaube wahrhaftig, jetzt bietet der Axel! sagt Brede plötzlich und eilt neugierig zu ihmhinüber. Willst du meinen Hof kaufen? Ist dir deiner nicht groß genug? — Ich biete für einen andern Mann, erwidert Axel etwas ausweichend. — Na ja, das ist mir einerlei, so ist das nicht gemeint. — Der Lensmann hebt den Hammer, ein neues Gebot wird gemacht, hundert Kronen mehr auf einmal; niemand geht höher, der Lensmann nennt das letzte Angebot noch ein paarmal, wartet eine Weile mit erhobenem Hammer und schlägt dann zu.

Wer hatte geboten?

Axel Ström. Für einen andern Mann.

Der Lensmann schreibt ins Protokoll: Axel Ström pr. Kommission.

Für wen kaufst du? fragte Brede. Nicht, als ob es mir nicht ganz einerlei wäre.

Aber nun stecken einige Herren am Tische des Lensmannes die Köpfe zusammen. Da sitzt ein Vertreter der Bank, der Kaufmann ist, mit seinem Ladendiener da, etwas hat sich ereignet, die Forderungen der Gläubiger sind nicht gedeckt! Brede wird gerufen, leicht und sorglos kommt er daher und nickt nur, jawohl, ganz derselben Ansicht. Wer hätte auch denken können, daß der Hof nicht mehr bringen werde, sagte er. Und plötzlich verkündet er allen Anwesenden mit lauter Stimme: Da wir nun mit der Versteigerung fertig sind und ich doch einmal den Lensmann herbemüht habe, so will ich alles verkaufen, was ich hier habe. Den Wagen, die Tiere, eine Mistgabel, den Schleifstein, das brauche ich alles nicht mehr, ich verkaufe Rump und Stump.

Geringe Angebote. Bredes Frau, auch sie leichtfüßig und sorglos, trotz ihres ungeheuren Umfangs, hat inzwischen begonnen, an einem Tisch Kaffee zu verkaufen; sie findet diese Beschäftigung unterhaltend, sie lächelt, und als Brede selbst kommt und Kaffee trinkt, verlangt sie zum Spaß auch von ihm Bezahlung. Und Brede ziehtwirklich seinen mageren Beutel und bezahlt. Seht doch nur die Frau an! sagt er zu der ganzen Versammlung. Sie versteht's! sagt er.

Der Wagen ist nicht viel wert, er hat zu oft unter freiem Himmel gestanden; aber Axel bietet schließlich noch ganze fünf Kronen mehr und ersteht auch den Wagen. Dann kauft Axel nichts mehr. Aber alles verwundert sich, daß der vorsichtige Mann so viel gekauft hat.

Nun ging's an die Tiere. Sie standen heute im Stall, um in der Nähe zu sein. Was sollte Brede mit Tieren, wenn er kein Weideland mehr dafür hatte! Kühe hatte er gar nicht, er hatte seine Landwirtschaft mit zwei Geißen begonnen, jetzt hatte er vier. Außerdem hatte er sechs Schafe. Ein Pferd besaß er nicht.

Isak kaufte ein gewisses Schaf mit flachen Ohren. Als Bredes Kinder dieses Schaf aus dem Stall herausführten, bot er sofort darauf; das erregte Aufmerksamkeit; Isak von Sellanraa war ja ein reicher und angesehener Mann, der brauchte doch nicht noch mehr Schafe, als er schon hatte. Bredes Frau hält einen Augenblick mit ihrem Kaffeeverkauf inne und sagt: Zu diesem Schaf kann man dir nur zureden, Isak; es ist zwar alt, aber es wirft jedes Jahr zwei oder drei Lämmer. — Ja, das weiß ich, erwidert Isak und sieht sie voll an. Ich kenne das Schaf.

Er macht sich mit Axel Ström zusammen auf den Heimweg und führt sein Schaf am Strick. Axel ist schweigsam, und irgend etwas scheint ihn zu wurmen, was es nun auch sein mag. Aber er hat doch eigentlich keine äußere Ursache, niedergeschlagen zu sein, denkt Isak. Seine Wirtschaft ist in gutem Stande, er hat das meiste Futter schon hereingebracht, und er ist eben dabei, sein Wohnhaus aufzurichten. Es geht bei Axel Ström, wie es gehen soll, ein wenig langsam, aber sicher. Jetzt hat er sich auch ein Pferd angeschafft.

Du hast Bredes Hof gekauft, sagt Isak. Willst du ihn bewirtschaften? — Nein, ich will ihn nicht bewirtschaften. Ich habe ihn für einen andern gekauft. — So. — Was meinst du, habe ich zuviel bezahlt? — O nein. Er hat gute Moore, wenn sie entwässert werden. — Ich habe den Hof für meinen Bruder in Helgeland gekauft. — So. — Aber ich habe so halb und halb daran gedacht, mit ihm zu tauschen. — Du willst mit ihm tauschen? — Wenn Barbro lieber da unten wohnen möchte.

Schweigend gehen sie ein gutes Stück. Dann sagt Axel: Man ist sehr hinter mir her, ich soll den Telegraphen übernehmen. — Den Telegraphen? So. Ja, ich habe gehört, der Brede habe ihn aufgekündigt. — So, antwortet Axel lächelnd; das ist nicht ganz genau so gewesen, ihm, dem Brede, ist aufgekündigt worden. — Ja, ja, sagte Isak und versuchte Brede ein wenig zu entschuldigen; der Telegraph nimmt viel Zeit weg. — Sie haben ihm zu Neujahr gekündigt, wenn er sich nicht bessere. — So. — Meinst du nicht, ich könnte den Posten übernehmen? — Isak dachte lange nach und antwortete dann: Ja, ja, das bringt Geld. — Sie wollen mir mehr geben. — Wieviel? — Das Doppelte. — Das Doppelte? Ja, dann meine ich, du könntest es dir überlegen. — Aber die Strecke ist etwas länger geworden. Nein, ich weiß doch nicht, was ich tun soll; es läßt sich jedoch jetzt weniger aus dem Wald herausschlagen als zu deiner Zeit, und ich muß mir noch mehr Geräte anschaffen, ich habe jetzt zu wenig. An bar Geld fehlt es immer, und mein Viehstand ist nicht so groß, daß ich davon verkaufen könnte. Ich meine, ich sollte es einmal ein Jahr mit dem Telegraphen versuchen ... Keinem der beiden fiel es ein, daß Brede sich bessern und seinen Posten behalten könnte.

Als sie nach Maaneland kamen, ist auch Oline auf ihrem Heimweg dort angelangt, ja, Oline ist merkwürdig, sie kriecht fett und rund daher wie eine Raupe undist doch über siebzig Jahre, aber sie kommt weiter. Sie sitzt in der Gamme und trinkt Kaffee, aber als sie die Männer gewahr wird, läßt sie alles liegen und stehen und kommt heraus. Guten Tag, Axel, zurück von der Versteigerung? fragt sie. Du hast doch nichts dagegen, daß ich Barbro einen Besuch mache? Und du baust ein Wohnhaus und wirst ein immer größerer Herr? Du hast ein Schaf gekauft, Isak? — Ja, erwidert Isak, kommt es dir nicht bekannt vor? — Ob es mir bekannt vorkommt? Nein. — Es hat aber doch diese flachen Ohren, sieh nur. — Flache Ohren, wieso denn? Und wenn auch? Ja, was ich sagen wollte: Wer hat denn Bredes Hof gekauft? Eben habe ich zu der Barbro gesagt, wer wohl ihr Nachbar werden würde, habe ich gesagt. Die arme Barbro sitzt nur da und weint, wie nicht anders zu erwarten ist. Aber der Allmächtige hat ihr eine zweite Heimat hier auf Maaneland beschert. Flache Ohren? Ich habe in meinem Leben schon viele Schafe mit flachen Ohren gesehen. Und das ist wahr, Isak, diese Maschine, die du hast, ist fast mehr als meine alten Augen fassen können. Und was sie gekostet hat, danach will ich lieber gar nicht fragen, so hoch kann ich gar nicht zählen. Wenn du sie gesehen hast, Axel, dann weißt du, was ich meine, es war mir, als sähe ich Elias in seinem feurigen Wagen; Gott verzeih mir die Sünde ...

Als das Heu unter Dach war, fing Eleseus an, sich zur Abreise zu rüsten. Er hatte dem Ingenieur geschrieben, er komme jetzt wieder, aber darauf die sonderbare Antwort erhalten, daß die Zeiten schlecht seien, man müsse sich einschränken, der Ingenieur könne den Posten nicht mehr besetzen und müsse von nun an alles selbst schreiben.

Das war doch eine verfluchte Sache! Aber wozu brauchte auch dieser Bezirksingenieur einen Schreiber? Damals, als er den kleinen Jungen Eleseus von seinem Elternhaus wegnahm, wollte er sich wohl nur als großerMann in der Gegend zeigen, und wenn er ihn bis über die Konfirmation genährt und gekleidet hatte, so hatte er auch ein wenig Hilfe auf dem Büro dafür gehabt. Jetzt war der Junge erwachsen, nun war es eine andere Sache.

Aber, schrieb der Ingenieur, wenn Du zurückkommst, so will ich tun, was ich kann, um Dich auf einem anderen Büro unterzubringen, obgleich es wahrscheinlich schwierig sein wird. Es gibt so überflüssig viele junge Leute hier, die diese Laufbahn einschlagen. Freundliche Grüße.

Gewiß wollte Eleseus zurück in die Stadt, ja, ganz zweifellos. Sollte er sich wegwerfen? Er wollte doch weiterkommen in der Welt. Und Eleseus sagte den Seinigen nichts von der veränderten Sachlage; das führte doch zu nichts, und außerdem war er etwas schlapp, also schwieg er. Das Leben auf Sellanraa wirkte wieder auf ihn, es war ein ruhmloses und alltägliches Dasein, es war ruhig und einschläfernd, man wurde ein Träumer, da war niemand, vor dem er sich hätte aufspielen, niemand, mit dem er sich hätte messen können. Das Stadtleben hatte sein Wesen gespalten, hatte ihn vornehmer gemacht als die andern, aber auch schwächer, er fühlte sich jetzt eigentlich überall heimatlos. Daß er wieder anfing, den Geruch des Rainfarn angenehm zu finden — nun gut! Aber es hatte doch keinen Sinn, wenn ein Bauernjunge, der abends seine Mutter die Kühe melken hörte, dabei auf folgenden Gedanken kam: Jetzt wird gemolken, hör doch nur, es ist beinahe wunderbar anzuhören, es ist wie eine Art Lied, in lauter einzelnen Strahlen, ganz anders als die Hornmusik in der Stadt oder die Heilsarmee oder die Pfeife des Dampfschiffs. Der Milchstrahl, der in ein Gefäß rinnt ...

Es war nicht Brauch auf Sellanraa, seine Gefühle sehr zu zeigen, und Eleseus fürchtete sich vor dem Augenblick des Abschieds. Er war jetzt gut ausgestattet, er sollte wieder einen Ballen Leinwand zu Unterzeug mitbekommen, und der Vater hatte Geld bereitgelegt, das Eleseus eingehändigt werden sollte, wenn er die Schwelle überschritt. Geld — konnte Isak wirklich Geld entbehren? Aber es ging nicht anders, Inger deutete ja an, daß es zum letztenmal sei. Eleseus werde bald aufrücken und für sich selbst sorgen. — So, sagte Isak. — Die Stimmung wurde feierlich, im Hause wurde es still, alle hatten zum Abschiedsessen ein gekochtes Ei bekommen, und Sivert stand schon draußen, fertig gerüstet, mitzugehen und das Gepäck zu tragen. Eleseus konnte mit dem Abschied anfangen.

Er fing bei Leopoldine an. Ja, sie sagte ihm auch Lebewohl und machte das recht nett. Ebenso wiederholte die Magd Jensine, die eben Wolle kardätschte, den Abschiedsgruß. Aber beide Mädchen glotzten ihn ganz verflucht an, nur weil er vielleicht ein klein wenig rote Augen hatte. Er reichte seiner Mutter die Hand, und sie weinte natürlich laut auf und kümmerte sich den Henker darum, daß er das Weinen nicht leiden konnte. Laß dir's gut gehen! schluchzte sie. Der Abschied vom Vater war der schlimmste, unbedingt, aus tausend Gründen: er war so abgearbeitet und so unendlich getreu, hatte die Kinder auf den Armen getragen, ihnen von Möwen und anderen Vögeln erzählt und von Tieren und allen Wundern des Feldes. Das war gar nicht lange her, ein paar Jahre ...

Der Vater steht am Fenster, dann dreht er sich plötzlich um, ergreift die Hand des Sohnes und sagt laut und ärgerlich: Ja, ja, leb wohl! Ich sehe, das neue Pferd hat sich dort losgerissen! Und hinaus läuft er und rennt davon. Ach, und er hatte sich ja selbst kurz vorher hingeschlichen und das Pferd losgebunden, und das wußte der Spitzbube Sivert recht gut, der draußen stand unddem Vater lächelnd nachschaute. Und außerdem war ja das Pferd auf der Nachmahd.

Dann war Eleseus fertig.

Doch da kam ihm die Mutter auf die Türschwelle nach, schluchzte noch mehr und sagte: Gott sei mit dir! und drückte ihm etwas in die Hand. Dies hier — und du sollst ihm nicht danken, das mag er nicht. Und schreib auch fleißig!

Zweihundert Kronen.

Eleseus sah hinüber. Der Vater strengte sich ungeheuer an, einen Tüderpflock in die Erde zu rammen, was ihm anscheinend gar nicht gelingen wollte, obgleich es doch weicher Wiesengrund war.

Die Brüder schritten fleißig aus, sie kamen nach Maaneland, da stand Barbro auf der Schwelle und lud sie ins Haus ein. Gehst du wieder fort, Eleseus? Dann mußt du aber hereinkommen und wenigstens eine Tasse Kaffee trinken.

Sie gehen in die Gamme, und Eleseus ist nicht mehr verrückt vor Liebe und will zum Fenster hinausspringen oder Gift nehmen, nein, er legt seinen hellen Überrock über die Knie und sorgt dafür, daß das silberne Schild obenhin zu liegen kommt, danach fährt er sich mit dem Taschentuch übers Haar, und dann macht er die sehr feine Bemerkung: Ein klassisches Wetter heute!

Barbro hat auch nicht die Fassung verloren, sie spielt mit ihrem silbernen Ring an der einen Hand und mit dem goldenen an der andern — ja, sie hatte wahrhaftig jetzt auch den goldenen Ring bekommen —, und sie hat eine Schürze an, die vom Hals bis zu den Füßen geht, so sieht man ihr wenigstens ihre Rundlichkeit nicht an. Und nachdem sie den Kaffee gekocht hat und während die Gäste ihn trinken, näht sie erst ein bißchen an einemweißen Tuch und häkelt dann ein bißchen an einem Kragen und betreibt allerlei jungfrauenhafte Arbeiten. Barbro ist nicht in Verlegenheit über den Besuch, und das ist gut, dadurch wird der Ton natürlich, und Eleseus kann wieder so obenhin und einnehmend tun.

Wo ist denn Axel? fragt Sivert.

Wo er ist? Irgendwo, antwortet Barbro und richtet sich auf. Ja, jetzt kommst du wohl nie wieder heim aufs Land? fragt sie Eleseus. — Das ist höchst unwahrscheinlich, erwidert er. — Hier ist nicht der rechte Ort für jemand, der an die Stadt gewöhnt ist. Ich wäre froh, wenn ich mit dir reisen könnte. — Ach, das ist dir nicht Ernst. — Nicht, meinst du? Oh, ich habe es erfahren, wie es ist, wenn man in der Stadt wohnt, und wie es auf dem Lande ist. Ich bin in einer größeren Stadt gewesen als du. Da ist es kein Wunder, wenn es mir hier nicht gefällt. — Gewiß, so habe ich es nicht gemeint, du bist ja sogar in Bergen gewesen, beeilte er sich zu sagen. Es war ja schrecklich, wie hochfahrend sie war! — Ja, wenn ich die Zeitung nicht hätte, so liefe ich sofort davon, sagte Barbro. — Aber der Axel und alles miteinander, das habe ich gemeint. — Ach, der Axel, das ginge mich nichts an. Und du selbst, hast du nicht vielleicht jemand in der Stadt, der auf dich wartet? — Nun konnte Eleseus nicht anders, er mußte sich ein wenig aufspielen, er kniff die Augen zu und ließ es auf der Zunge zerschmelzen: daß er allerdings doch vielleicht jemand in der Stadt habe, der auf ihn warte. Ach ja, aber er hätte das alles noch ganz anders ausnützen können, wenn Sivert nicht dabeigesessen hätte; so konnte er nur sagen: Ach, Unsinn! — Na, sagte sie verletzt, und es war eigentlich eine Schande, wie übellaunig sie war: Unsinn! Ja, du kannst von den Leuten auf Maaneland nicht mehr erwarten, wir sind nicht so großartig.

Aber Eleseus kümmerte sich den Henker um sie, sie war recht fleckig im Gesicht geworden, und ihr Zustand war jetzt sogar seinen Kinderaugen aufgegangen. — Willst du nicht ein wenig Gitarre spielen? fragte er. — Nein, erwiderte sie kurz angebunden. Was ich sagen wollte, Sivert, kannst du nicht kommen und Axel ein paar Tage beim Aufrichten des neuen Hauses helfen? Wie wär's, wenn du gleich morgen dabliebst, wenn du vom Dorf zurückkommst? — Sivert überlegte: Ja, aber ich habe keinen Arbeitsanzug da, sagte er. — Ich will heut abend hinlaufen und deine Werktagskleider holen, daß du sie hast, wenn du zurückkommst. — Na ja, sagte Sivert, ich will mir's überlegen. — Barbro wurde unnötig eifrig. Du mußt es aber gern tun! Der Sommer vergeht, und das Wohnhaus sollte noch vor den Herbsttagen aufgerichtet und gedeckt sein. Axel hat dich schon oft darum bitten wollen, aber er kommt immer nicht dazu. Nein, du mußt uns diese Handreichung gern tun. — Wenn ich etwas helfen kann, dann tu ich es auch gern, erwiderte Sivert.

Das war also abgemacht.

Aber nun ist Eleseus wirklich berechtigt, sich beleidigt zu fühlen. Er sieht ja ein, daß es von Barbro recht klug ist, wenn sie um ihrer selbst und um Axels willen darauf aus ist, Hilfe für den Hausbau zu bekommen; aber sie tut das zu offenkundig. Sie ist noch nicht die Hausfrau auf dem Hofe, und es ist noch keine Ewigkeit her, seit er selbst sie geküßt hat, dieses Frauenzimmer! Hatte sie denn gar keine Scham im Leibe? — Doch, sagt er darum plötzlich, ich werde wiederkommen und bei dir Gevatter stehen. — Barbro warf ihm einen Blick zu und sagte ärgerlich: Gevatter? Und du willst von Unsinn sprechen! Außerdem werde ich dir Nachricht schicken, wenn ich einmal um einen Gevatter verlegen sein sollte. — Was konnte Eleseus anderes tun, als beschämt lächelnund sich weit weg wünschen! — Besten Dank für den Kaffee, sagte Sivert. — Ja, Dank für den Kaffee, sagte auch Eleseus, aber er stand nicht auf und verbeugte sich auch nicht, nein, zum Henker; sie schwoll ja vor Gift und Galle!

Laß doch einmal sehen, sagte Barbro. Ja, die Kontorherren, bei denen ich war, die hatten auch silberne Schildchen in den Röcken, noch viel größere, sagte sie. Nun, also du kommst zurück und bleibst hier über Nacht, Sivert? Ich hole deine Kleider.

Das war der Abschied.

Die Brüder gingen weiter, Eleseus hatte zwei große Banknoten in der Brusttasche, und die Barbro konnte seinetwegen der Kuckuck holen. Die Brüder hüteten sich wohl, auf irgendeinen rührenden Gesprächsstoff zu kommen, auf des Vaters sonderbaren Abschied und der Mutter Tränen, sie machten einen Umweg um Breidablick herum, um dort nicht angehalten zu werden, und führten scherzhafte Reden über diesen Streich. Als sie so weit hinuntergekommen waren, daß sie das Dorf sehen konnten, wo Sivert umdrehen sollte, übermannte es sie beide doch ein wenig. Sivert sagte: Es kann wohl sein, daß es jetzt ohne dich ein wenig einförmig wird. — Da fing Eleseus an zu pfeifen und seine Schuhe zu untersuchen, und er sah, daß er einen Spreißel im Finger hatte, und suchte in seinen Taschen — nach Papieren, sagte er —, oh, wie schlau! Aber es wäre dennoch schlimm gegangen, wenn nicht Sivert sie beide gerettet hätte: Den Letzten! rief er, gab dem Bruder einen Schlag auf den Rücken und lief davon. Das half, sie riefen einander noch einige Abschiedsworte zu, und dann zog jeder seines Weges.

Schicksal oder Glückszufall! Eleseus kehrte trotz allem in die Stadt zurück auf einen Posten, den er nicht mehr innehatte, aber durch dieselbe besondere Fügung bekam Axel Ström einen Arbeiter. Am 21. August fingen siean das Blockhaus aufzurichten, und zehn Tage später war es unter Dach. Ach, es war kein großartiges Wohnhaus und nur ein paar Balkenlagen hoch, aber es war doch ein Blockhaus und keine Erdhütte, und das Vieh konnte nun in dem Raum, der seither menschliche Wohnung gewesen war, einen herrlichen Winterstall bekommen.

Am dritten September verschwand Barbro, das heißt, ganz verschwand sie nicht, sie war nur bei den Gebäuden nirgend zu finden. Axel schreinerte, so gut er konnte, er war dabei, ein Fenster und eine Tür in den Neubau einzusetzen, und war sehr in seine Arbeit vertieft. Als aber die Mittagszeit vorbei war und man ihn immer noch nicht hineinrief, ging er in die Gamme. Niemand war da. Er suchte sich selbst etwas Essen zusammen und schaute sich um, während er aß; Barbros Kleider hingen alle da, sie konnte also nur draußen irgendwo sein. Er ging wieder an seine Arbeit im Neubau und schaffte dort eine Weile, dann schaute er wieder in die Gamme — noch immer niemand da. Sie mußte irgendwo liegengeblieben sein.

Barbro! ruft er. Nichts. Er sucht in der Umgebung der Häuser, geht hinüber zu einigen Gebüschen bei den Feldern, er sucht lange, vielleicht eine Stunde, er ruft — nichts! Endlich findet er sie weit entfernt; sie liegt auf der Erde hinter Gebüsch versteckt, der Bach läuft an ihren Füßen vorbei, sie ist barhäuptig und barfuß, und sie ist bis in den Rücken hinauf tropfnaß.

Hier liegst du? sagt er. Warum hast du keine Antwort gegeben? — Ich konnte nicht, flüsterte sie und war stockheiser. — Was — hast du denn im Wasser gelegen? —Ja, ich bin ausgeglitten. Oh! — Ist dir schlecht? — Ja. Es ist vorbei. — Ist es vorbei? fragt er. — Ja. Jetzt mußt du mir helfen, daß ich nach Hause komme. — Wo ist —? — Was? — Wo ist das Kind? — Es war tot. — War es tot? — Ja.

Axel rührt sich nicht, er bleibt stehen. Wo ist es? fragt er.

Das brauchst du nicht zu wissen, erwidert sie. Hilf mir nach Hause. Es war tot. Ich kann selbst gehen, wenn du mich nur ein wenig unter dem Arme faßt.

Axel trägt sie nach Haus und setzt sie auf einen Stuhl, das Wasser läuft an ihr herab. — Ist es tot gewesen? fragt er. — Du hörst es ja, erwidert sie. — Wo hast du es? — Du willst es wohl ausschnüffeln? Hast du etwas zu essen gefunden, während ich fort war? — Was wolltest du denn dort am Bach? — Was ich am Bach wollte? Ich wollte Wacholder holen. — Wacholder? — Für die Milcheimer. — Dort wächst doch kein Wacholder, sagt er. — So geh doch an deine Arbeit! ruft sie heiser und ungeduldig. Was ich am Bach wollte? Ich wollte mir Besenreis holen. Ob du gegessen hast? frag ich. — Gegessen? wiederholte er. Ist es dir sehr schlecht? — Ach nein! — Ich will den Doktor holen. — Ja, untersteh dich! erwidert sie. Damit steht sie auf und fängt an, sich trockene Kleider zum Umziehen herbeizuholen. Weißt du sonst gar nicht, wie du dein Geld wegwerfen sollst?

Axel geht wieder an seine Arbeit, verrichtet indes nicht viel; aber er klopft ein wenig und hobelt ein wenig, damit ihn Barbro hört; schließlich keilt er das Fenster ein und dichtet es mit Moos.

Am Abend hat Barbro nicht viel Hunger, aber sie arbeitet hier ein wenig und dort ein wenig, sie geht in den Stall und melkt und steigt nur etwas vorsichtiger als sonst über die hohen Schwellen. Wie gewöhnlich, legte sie sich im Heustall schlafen, und die beiden Male, dieAxel während der Nacht nach ihr schaute, schlief sie fest. Sie hatte eine gute Nacht.

Am nächsten Morgen war Barbro beinahe wie sonst, nur gänzlich stimmlos vor Heiserkeit, und sie hatte sich einen langen Strumpf um den Hals gewickelt. Sie konnten nichts miteinander reden. Die Tage vergingen, und das Ereignis wurde alt, andere Dinge traten in den Vordergrund. Der Neubau sollte eigentlich leer stehen, daß die Balken sich setzen konnten, damit das Haus dicht und zugfrei werde, aber es blieb keine Zeit, das abzuwarten, es mußte sofort beziehbar gemacht und der Stall eingerichtet werden. Nachdem dies geschehen und der Umzug vollendet war, wurden die Kartoffeln herausgenommen und nachher das Korn geschnitten. Das Leben lief im gewohnten Geleise.

Aber an vielen kleinen und großen Dingen merkte Axel, daß ihre Beziehungen lockerer geworden waren, Barbro fühlte sich in Maaneland jetzt nicht mehr zu Hause und auch nicht mehr gebunden als jedes andere Dienstmädchen. Das Band zwischen ihnen hatte sich gelockert, als das Kind starb. Axel hatte immer so großartig gedacht: Warte nur, bis das Kind da ist! Aber das Kind kam und ging wieder. Zuletzt legte Barbro auch noch die Fingerringe ab und trug keinen mehr davon. — Was soll das bedeuten? fragte er. — Was das bedeuten soll? sagte sie und warf den Kopf zurück.

Aber das konnte doch nichts anderes als Arglist und Verrat von ihrer Seite sein.

Jetzt hatte er die kleine Leiche am Ufer des Baches gefunden. Nicht als ob er weiter danach gesucht hätte, er wußte ja beinahe genau das Plätzchen, wo sie liegen mußte, aber er ließ es träge auf sich beruhen. Der Zufall wollte, daß er es nicht ganz vergaß: Vögel fingen an, über dieser Stätte zu kreisen, schreiende Elstern undRaben und eine Weile später auch ein Adlerpaar in schwindelnder Höhe. Es war gerade, als ob zuerst eine einzelne Elster gesehen hätte, daß hier etwas niedergelegt worden war, und als ob sie dann auch gerade wie ein Mensch nicht darüber hätte schweigen können, sondern hätte darüber schwatzen müssen. Dadurch wurde auch Axel aus seiner Gleichgültigkeit geweckt, und er wartete einen passenden Augenblick ab, sich hinzuschleichen. Er fand die Leiche unter Moos und Zweigen und ein paar Steinplatten in ein Tuch, einen großen Lappen, gewickelt. Mit einer Mischung von Neugier und Grausen öffnete er das Bündel ein wenig — geschlossene Augen, dunkle Haare, ein Junge, gekreuzte Beine, mehr sah er nicht. Der Lappen war naß gewesen und war halb getrocknet, das Ganze sah aus wie ein halb ausgewundenes Bündel von Wäsche.

Axel konnte die Leiche nicht so offen liegenlassen, im Innersten hatte er wohl auch Angst für sich selbst und für sein Haus; er lief heim, holte einen Spaten und machte das Grab tiefer; aber da es so nah am Bach war, sickerte das Wasser herein, und er mußte weiter oben am Hügel ein neues Grab schaufeln. Währenddem schwand seine Furcht, Barbro könnte kommen und ihn hier finden, er wurde trotzig und dachte, seinetwegen könne sie wohl kommen, ja, dann könnte sie, bitte, die kleine Leiche nett und ordentlich einhüllen, ob das Kind nun totgeboren war oder nicht. Er sah sehr wohl ein, was er mit dem Tode dieses Kindes verloren, daß er nun alle Aussicht hatte, in seinem Neubau ohne Hilfe zu sitzen, und zwar gerade jetzt, wo sein Viehstand mehr als dreimal so groß war wie vorher. Bitte schön, es wäre gar nicht zu viel, wenn sie käme! Aber Barbro — es kann gut sein, daß sie entdeckt hatte, womit er beschäftigt war, jedenfalls kam sie nicht, er mußte selbst die kleine Leiche einhüllen, so gut er konnte, und sie in das neue Grab legen. Dann breitete er schließlich die Rasenstücke wieder darüberund verwischte jede Spur; nun war nichts weiter zu sehen als ein kleiner grüner Hügel im Gebüsch.

Als er heimkehrte, traf er Barbro im Hofe. Wo bist du gewesen? fragte sie. — Die Bitterkeit in seinem Herzen hatte sich wohl verloren, denn er antwortete: Nirgends. Wo bist denn du gewesen? Aber Barbro las wohl eine Warnung aus seinem Gesichtsausdruck, sie ging ins Haus, ohne noch ein Wort zu sagen.

Axel ging ihr nach.

Was soll denn das bedeuten, daß du deine Fingerringe nicht mehr trägst? fragte er geradezu. — Vielleicht fand sie es am ratsamsten, ein klein wenig nachzugeben, sie lachte und sagte: Du bist so grimmig, daß ich lachen muß. Wenn du aber willst, daß ich die Ringe zuschanden arbeite, wenn ich sie werktags trage, so kann ich es ja tun! Damit suchte sie sie hervor und steckte sie an.

Aber nun sah sie wohl, daß sein Gesicht einen dumm-zufriedenen Ausdruck annahm, und sie fragte dreist: Hast du noch mehr an mir auszusetzen? — Ich habe nichts an dir auszusetzen, erwiderte er. Du sollst nur wieder sein, wie du früher gewesen bist, ganz zu Anfang, als du herkamst. Das meine ich. — Es ist nicht so leicht, immer gleich zu sein, sagte sie. — Er fuhr fort: Daß ich deines Vaters Gut kaufte, geschah nur deshalb, daß wir dorthin ziehen könnten, wenn du lieber dort wohnen möchtest. Was meinst du dazu? — Ho, nun hatte er verspielt, oh, er hatte nur Angst, er könnte seine weibliche Hilfe verlieren und mit seinem Viehstand und seinem Haushalt allein bleiben, das merkte sie gut. — Das hast du schon einmal gesagt, erwiderte sie abweisend. — Jawohl, aber ich habe keine Antwort erhalten. — Antwort? sagte sie. Ich ertrage es nicht, das noch einmal zu hören.

Axel meinte, er sei ihr weit entgegengekommen. Er hatte die Familie Brede weiter auf Breidablick wohnenlassen, und obgleich er den kleinen Ertrag mit dem Gut gekauft hatte, so hatte er doch nur einige Fuhren Heu eingeführt und die Kartoffeln der Familie überlassen. Es war eine große Ungereimtheit von Barbro, jetzt böse zu werden, aber ihr war das ganz einerlei; sie fragte, als ob sie tief gekränkt wäre: Sollten wir nach Breidablick ziehen und meine ganze Familie obdachlos machen?

Hörte er denn recht? Mit offenem Mund saß er da, dann fing er an zu schlucken, als bereite er sich zu einer langen Antwort vor, aber es wurde nichts daraus, und er fragte nur: Ziehen sie denn nicht ins Dorf? — Das weiß ich nicht, erwiderte sie. Hast du ihnen vielleicht dort eine Wohnung gemietet?

Axel wollte nicht weiter mit ihr rechten, aber er konnte doch nicht ganz verschweigen, daß sie ihn einigermaßen in Verwunderung gesetzt habe, und so sagte er: Du wirst immer halsstarriger und verstockter, aber du meinst es nicht so. — Ich meine alles, was ich sage, entgegnete sie. Und nun sag mir einmal, warum konnten meine Leute nicht lieber hierher ziehen? Dann hätte ich doch etwas Hilfe von meiner Mutter gehabt. Aber du meinst ja, ich hätte nicht so viel zu tun, daß ich Hilfe brauche.

Sie hatte damit natürlich einigermaßen recht, aber auch sehr viel unrecht: Die Familie Brede hätte ja dann in der Gamme wohnen müssen, und Axel hätte wieder nicht gewußt, wohin mit seinem Vieh. Wo wollte sie denn hinaus, fehlte ihr denn aller Sinn und Verstand? — Ich will dir etwas sagen, es ist besser, du bekommst eine Magd. — Jetzt im Winter, wo es nicht mehr so viel zu tun gibt? Nein, ich danke. Damals, als ich eine brauchte, da hätte ich eine bekommen sollen, jawohl.

Wieder hatte sie einigermaßen recht: sie hätte eine Magd haben müssen, als sie nicht wohl und in gesegneten Umständen war. Aber Barbro war ja niemals mit ihrer Arbeit im Rückstand geblieben, sie war eigentlich jetztebenso flink und tüchtig, tat alles, was geschehen mußte, und ließ niemals ein Wort von einer Magd verlauten. Aber sie hätte eine haben sollen. Ja, dann verstehe ich es nicht, sagte er mutlos.

Schweigen.

Dann fragte Barbro: Ich habe sagen hören, du wollest den Telegraphen übernehmen, den mein Vater hat? — Wieso, wer hat das gesagt? — Es geht das Gerede. — Ja, es ist nicht unmöglich, erklärte Axel. — So. — Warum fragst du? — Ich frage, weil du meinem Vater Haus und Hof abgenommen hast und ihm nun auch noch seinen Lebensunterhalt nehmen willst.

Schweigen.

Aber nun wollte sich Axel doch nicht noch mehr gefallen lassen, und er rief: Ich will dir etwas sagen, du bist das gar nicht wert, was ich für dich und die Deinen tue.

So, sagte Barbro.

Nein! rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann stand er auf.

Du brauchst nicht zu meinen, daß du mir Angst machen kannst, piepste sie mit schwacher Stimme und drückte sich näher an die Wand.

Dir Angst machen! machte er ihr nach und blies verächtlich. Aber jetzt ist es Ernst, und ich will wissen, wie es mit dem Kind gewesen ist. Hast du es ertränkt?

Ertränkt?

Ja, es ist doch im Wasser gewesen.

So, du hast das gesehen? sagte sie. Du hast wohl — daran gerochen, hätte sie beinahe gesagt, wagte es aber nicht, denn es war vielleicht jetzt gerade nicht mit ihm zu spaßen. Du hast es also gesehen?

Ich habe gesehen, daß es im Wasser gelegen hat.

Ach, das hast du wohl sehen dürfen, versetzte sie. Es wurde im Wasser geboren, ich glitt aus und konnte nicht mehr aufstehen.

So, du bist ausgeglitten?

Ja, und in demselben Augenblick kam auch das Kind.

So, sagte er. Aber du hast doch einen Lappen mitgenommen. Hast du geahnt, daß du ausgleiten würdest?

Einen Lappen mitgenommen? wiederholte sie.

Einen großen weißen Lappen, eines von meinen Hemden, das du quer abgeschnitten hattest.

Jawohl, den Lappen habe ich mitgenommen, um Wacholder drin nach Hause zu tragen, sagte Barbro.

Wacholder?

Ja, Wacholder. Habe ich dir nicht gesagt, daß ich Wacholder holen wollte?

Ja, oder Besenreis.

Ach, das ist doch einerlei, was es war ...

Allein trotz dieses starken Zusammenstoßes wurde es wieder gut zwischen den beiden, das heißt, es wurde nicht mehr gut, aber erträglich; Barbro war klug und zeigte sich nachgiebiger, sie witterte Gefahr. Aber unter diesen Verhältnissen wurde ja das Leben auf Maaneland immer gezwungener und unerträglicher, ohne Vertrauen, ohne Freude, immer auf der Hut. Es ging immer nur einen Tag um den andern, aber solange es überhaupt ging, mußte Axel zufrieden sein. Er hatte nun einmal dieses Mädchen zu sich genommen, er brauchte es, war ihr Liebster gewesen, hatte sich an sie gebunden, es war keine leichte Sache, sich und sein ganzes Leben zu ändern. Barbro wußte alles, was mit dem Neubau zusammenhing, wo Hab und Gut aufbewahrt war, wann die Kühe und Geißen werfen würden, ob das Winterfutter kärglich oder reichlich war, welche Milch zu Käsen bestimmt war und welche im Haushalt verbraucht werden durfte — eineFremde wurde von nichts eine Ahnung haben, und eine Fremde war vielleicht gar nicht aufzutreiben.

Ach, aber oft schon hatte Axel doch daran gedacht, Barbro fortzuschicken und ein anderes Mädchen dafür zu nehmen; sie war zuweilen ein wahrer Zankapfel, und er fürchtete sich beinahe vor ihr. Selbst zu der Zeit, in der er das Unglück gehabt hatte, Glück bei ihr zu haben, war er bisweilen vor ihrer merkwürdig grimmigen und unliebenswürdigen Art zurückgewichen. Allein sie war schön und hatte auch ihre süßen Stunden und begrub ihn gut in ihren Umarmungen. Doch das war einmal, jetzt hatte es aufgehört. Nein, danke schön, diese elende Geschichte wollte sie nicht noch einmal durchmachen! Aber es ist nicht so leicht, sich und sein ganzes Leben umzuformen. Dann wollen wir sofort heiraten, sagte Axel dringend. — Sofort? erwiderte sie. Nein, ich fahre zuerst in die Stadt und lasse meine Zähne herrichten. Ich habe sie ja vor lauter Zahnweh beinahe alle verloren.

Da mußte es nun eben weitergehen wie seither; Barbro bekam keinen bestimmten Lohn mehr, aber sie bekam viel mehr als ihren Lohn, und sooft sie Geld begehrte und es auch erhielt, dankte sie dafür, als ob es ein Geschenk wäre. Übrigens begriff Axel nicht, wozu sie das Geld brauchte; was sollte sie hier auf dem Lande mit Geld? Sparte sie es zusammen? Aber wozu in aller Welt sparte sie jahraus, jahrein zusammen?

Es war da sehr viel, was Axel nicht begriff: hatte sie denn nicht den Verlobungsring, ja sogar einen goldenen Ring bekommen? Es hatte ja auch lange Zeit nach diesem letzten großen Geschenk ein gutes Verhältnis zwischen ihnen geherrscht, aber in alle Ewigkeit wirkte es doch nicht, keineswegs, und er konnte ihr doch nicht immer wieder Ringe kaufen. Kurz und gut: wollte ihn Barbro nicht? Frauenzimmer sind doch merkwürdige Geschöpfe! Stand sonst noch irgendwo ein Mann mit schönem Viehstand undeinem neuen Wohnhaus für sie bereit? Axel hatte alles Recht, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen über die Dummheit und Launenhaftigkeit der Weiber.

Es war ganz merkwürdig, Barbro schien keinen andern Gedanken im Kopf zu haben als das Leben in der Stadt und in Bergen. Aber um Gottes willen, warum war sie dann überhaupt wieder herauf in den Norden gekommen? Ein Telegramm ihres Vaters allein hätte sie nicht dazu vermocht, auch nur einen Fuß vor den andern zu setzen, sie mußte einen andern Grund gehabt haben. Hier war sie doch Jahr um Jahr von morgens bis abends unzufrieden. Holzgeschirre statt solcher aus Blech und Eisen, Kessel statt Kasserollen; dieses ewige Melken statt eines Spaziergangs in die Meierei; Bauernstiefel, Schmierseife, einen Heusack unter dem Kopf, niemals Hornmusik, keine Menschen. Hier war sie ...

Nach dem großen Zusammenstoß haderten sie noch oftmals miteinander. Sollen wir darüber schweigen oder sollen wir darüber reden? sagte Barbro. Du denkst wohl gar nicht mehr daran, was du meinem Vater angetan hast? sagte sie. — Axel fragte: So, was habe ich denn getan? — Das weißt du selbst am besten, sagte sie. Aber Inspektor wirst du nun übrigens doch nicht. — So. — Nein, das glaube ich nicht, bis ich es sehe. — Du meinst wohl, ich sei nicht klug genug dazu? — Es ist ja ganz gut für dich, wenn du klug bist, aber du liest nicht und du schreibst nicht, du nimmst auch niemals nur eine Zeitung in die Hand. — Ich kann so viel lesen und schreiben, als ich nötig habe, sagte er; aber du bist nichts als ein großes Lästermaul. — Da hast du deinen Ring! schrie sie und warf den silbernen Ring auf den Tisch. — So, und wo ist denn der andere? fragte er nach einer Weile. — Wenn du deine Ringe wiedernehmen willst, so kannst du sie haben, sagte sie und mühte sich, den goldenen Ring abzustreifen. — Dein Zorn macht keinen Eindruck auf mich, sagte er und ging hinaus.

Und natürlich trug sie sehr bald beide Ringe wieder.

Es machte Barbro auf die Dauer auch nichts aus, daß er sie wegen des Todes des Kindes im Verdacht hatte. Ganz im Gegenteil, sie pfiff darauf und war hochmütig. Nicht als ob sie etwas eingestanden hätte, aber sie sagte: Ja, und wenn ich es auch ertränkt hätte! Du lebst hier in der Einöde und weißt nichts davon, wie es sonst in der Welt zugeht. — Als sie wieder einmal über diese Frage sprachen, dachte sie, sie wolle ihm einen Begriff davon beibringen, daß er die Sache viel zu ernsthaft nehme; sie selbst legte einem Kindsmord nicht mehr Wichtigkeit bei, als er verdiente. Sie wußte von zwei Mädchen in Bergen zu erzählen, die ihre Kinder umgebracht hatten, und die eine hatte einige Monate Strafe erhalten, weil sie so dumm gewesen war und es nicht selbst umgebracht, sondern es ausgesetzt hatte, damit es erfrieren sollte, und die andere war freigesprochen worden. Nein, das Gesetz ist jetzt hierin nicht mehr so unmenschlich wie früher, sagte Barbro. Und außerdem kommt es auch gar nicht immer heraus, sagte sie. Eines der Mädchen, die im Hotel in Bergen dienten, hat zwei Kinder umgebracht; sie war aus Christiania und trug einen Hut mit Federn darauf. Für das letzte Kind bekam sie drei Monate, aber das mit dem ersten ist nicht herausgekommen, erzählte Barbro.

Axel hörte zu, und es graute ihm immer mehr vor ihr. Er suchte zu begreifen, suchte in dieser Finsternis irgend etwas zu erkennen, aber im Grunde hatte sie recht. Er nahm die Sache viel zu ernsthaft. Sie war mit all ihrer banalen Verderbtheit eines ernsthaften Gedankens gar nicht wert. Ein Kindsmord war für sie gar kein Begriff, hatte gar nichts Außerordentliches an sich, es war nur der Ausschlag der ganzen moralischen Sittenlosigkeit und des Leichtsinns, der von einem Dienstmädchen zu erwarten war. Das zeigte sich auch in den Tagen, die darauf folgten: da gab es keine Stunde des Nachdenkens, sie war genau wie früher voll überflüssigen Geschwätzes, ganz Dienstmädchen. Ich muß fort wegen meiner Zähne, sagte sie. Und dann sollte ich ein Mantlett haben. Ein „Mantlett” war eine Art kurzen Kragens, der nur bis zur Mitte reichte, das war einige Jahre lang Mode gewesen, und Barbro wollte auch ein Mantlett haben.

Wenn Barbro alles so selbstverständlich hinnahm, was blieb Axel dann übrig, als sich auch zu beruhigen? Sein Verdacht stand auch nicht immer ganz fest, und sie gestand ja niemals etwas ein, im Gegenteil, sie hatte einmal ums andere alle Schuld geleugnet, ohne Zorn, ohne Halsstarrigkeit, aber zum Henker, genau so, wie ein Dienstmädchen leugnet, eine Schüssel zerschlagen zu haben, selbst wenn sie es getan hat. Ein paar Wochen vergingen, dann wurde es Axel doch zuviel, er blieb eines Tages mitten in der Stube stehen und hatte eine Offenbarung. Aber du großer Gott, alle hatten doch ihren Zustand gesehen, daß sie rund und dick und in anderen Umständen war! Und jetzt war sie wieder schlank, wo aber war das Kind? Wenn nun alle Menschen kämen und suchten? Sie würden eines Tages eine Erklärung verlangen. Und wenn also nichts Schlimmes geschehen war, so wäre es viel besser gewesen, die Leiche auf dem Friedhof zu begraben. Dann wäre sie fort aus dem Gebüsch, fort aus Maaneland.

Nein, das hätte mir nur Unannehmlichkeiten bereitet, erklärte Barbro. Sie hätten das Kind geöffnet, und es hätte ein Verhör gegeben. Das wollte ich nicht haben.

Wenn es nur später nicht viel schlimmer wird, sagte er.

Barbro entgegnete: Warum denkst du so viel darüber nach? Laß es doch im Gebüsch! Ja, sie fragte lächelnd: Meinst du vielleicht, es komme hinter dir her? Dumußt nur den Mund halten und dich nicht mehr darum kümmern.

So, na ja.

Habe ich vielleicht das Kind ertränkt? Nein, es hat sich selbst ertränkt, als ich ins Wasser fiel. Es ist ja unglaublich, was du für Gedanken hast! Und außerdem kommt es nie heraus, sagte sie.

Mit Inger von Sellanraa ist es doch auch herausgekommen, wie ich gehört habe, wendete er ein.

Barbro dachte nach. Das beunruhigt mich gar nicht! sagte sie. Das Gesetz ist seither anders geworden; wenn du die Zeitung lesen würdest, hättest du es gesehen. Viele kriegen Kinder und töten sie, und niemand tut ihnen deshalb weiter etwas zuleide! Barbro sucht ihm das zu erklären, und sie versteht etwas von der Sache, sie ist nicht umsonst draußen in der Welt gewesen und hat viel gehört und gesehen und gelernt; jetzt saß sie vor ihm und war gescheiter als er. Sie hatte drei Hauptgründe, die sie immer wieder vorbrachte: erstens hatte sie es nicht getan, zweitens wäre es gar nicht so gefährlich, selbst wenn sie es getan hätte, und drittens würde es niemals herauskommen.

Ich habe gemeint, es komme alles heraus, wendete er ein.

O nein, bei weitem nicht! entgegnete sie. Und ob sie ihn nun verblüffen oder ihm Mut machen wollte, oder ob es aus Eitelkeit oder aus Großtuerei geschah, sie ließ in diesem Augenblick eine Bombe platzen: Ich habe selbst etwas getan, das nicht herausgekommen ist, sagte sie.

Du? sagte er ungläubig. Was hast du denn getan?

Was ich getan habe? Ich habe getötet.

Vielleicht hatte sie nicht beabsichtigt, ganz so weit zu gehen, jetzt mußte sie aber noch weiter gehen, er saß ja da und starrte sie an. Ach, es war nicht einmal grenzenlose Frechheit von ihr, es war Zanksucht, Großtuerei, siewollte überlegen sein und das letzte Wort behalten: Glaubst du mir nicht? rief sie. Erinnerst du dich an die Kindsleiche im Hafen? Die hatte ich hineingeworfen.

Was! rief er.

Die Kindsleiche damals. Du weißt auch gar nichts mehr! Wir haben doch in der Zeitung davon gelesen.

Nach einer Weile brach er los: Du bist ein entsetzliches Weib!

Aber seine Verwirrung stärkte sie, flößte ihr eine Art unnatürlicher Kraft ein, so daß sie Einzelheiten berichten konnte: Ich hatte es mit in meinem Koffer — ja, es war tot, das hatte ich gleich getan, als es geboren war. Und als wir in den Hafen kamen, warf ich es hinaus.

Axel saß finster und schweigend da; aber Barbro redete weiter, das sei jetzt schon lange her, schon mehrere Jahre, es sei damals gewesen, als sie nach Maaneland kam. Da könne er sehen, daß nicht alles herauskomme, bei weitem nicht alles. Was er meine, wie das wäre, wenn alles herauskäme, was alle Leute täten? Und was erst die verheirateten Leute in der Stadt täten! Die brächten ihre Kinder um, ehe sie geboren seien, es gebe besondere Ärzte dafür. Diese Leute wollten nicht mehr als ein Kind, höchstens zwei Kinder haben, und darum tötete es der Doktor im Mutterleib. Axel könne ihr glauben, daß das draußen in der Welt nicht schwer genommen werde.

Axel fragte: Na, dann hast du wohl das zweite Kind auch umgebracht?

Nein, erwiderte sie äußerst gleichgültig. Das habe ich nicht nötig gehabt, sagte sie. Aber sie kam noch einmal darauf zurück, daß es gar nicht so gefährlich gewesen wäre. Sie schien daran gewöhnt, dieser Frage in die Augen zu sehen, deshalb blieb sie so gleichgültig dabei. Beim erstenmal war es allerdings vielleicht etwas grausig, ein klein wenig unheimlich für sie gewesen, ein Kind umzubringen, aber das zweitemal? Sie konnte mit einerArt von geschichtlichem Gefühl an die Tat denken: das war geschehen und geschah auch wieder.

Mit schwerem Kopf verließ Axel die Stube. Es focht ihn weiter nicht sehr an, daß Barbro ihr erstes Kind umgebracht hatte; das ging ihn nichts an. Und daß sie dieses Kind überhaupt gehabt hatte, darüber war auch nicht viel zu sagen. Eine Unschuld war sie nicht gewesen, und sie hatte sich auch nicht dafür ausgegeben, im Gegenteil, sie hatte ihre Erfahrenheit durchaus nicht verborgen und ihn sogar in manchem dunkeln Spiel unterwiesen. Gut. Aber dieses letzte Kind hätte er gerne behalten, ein kleiner Junge, ein weißes Geschöpfchen in einen Lappen gewickelt! Wenn sie schuld war an des Kindes Tod, so hatte sie ihm ein Unrecht zugefügt, ein Band zerschnitten, das ihm wertvoll war, und das ihm nie mehr ersetzt wurde. Aber es konnte ja sein, daß er ihr unrecht tat, daß sie wirklich im Bach ausgeglitten war und sich nicht mehr aufrichten konnte. Allerdings, der Lappen war ja da, das halbe Hemd, das sie mitgenommen hatte ...

Die Stunden gingen auch jetzt hin, es wurde Mittag und es wurde Abend. Und als Axel zu Bett gegangen war und lange genug ins Dunkel hineingestarrt hatte, schlief er ein und schlief bis an den Morgen. Ein neuer Tag brach an, und nach diesem Tag kamen noch andere Tage.

Barbro blieb immer dieselbe. Sie wußte sehr viel von der Welt und behandelte solche Kleinigkeiten, die hier auf dem Lande Gefahren waren und Schrecken verbreiteten, mit Gleichgültigkeit. Das war auch wieder tröstlich, sie war gescheit für beide, unbesorgt für beide. Übrigens sah sie auch nicht aus wie ein gefährlicher Mensch. Barbro ein Ungeheuer? Keine Spur. Sie war im Gegenteil ein schönes Mädchen, blauäugig mit einem Stumpfnäschen, und die Arbeit ging ihr flink von der Hand. Die Ansiedlung war ihr nur ein wenig verleidet, und verleidet warenihr auch die Holzgeschirre, die sooft gescheuert werden mußten, und vielleicht war ihr auch der ganze Axel verleidet und das ganze verflucht zurückgezogene Leben, das sie führte. Aber sie brachte keines der Tiere um und stand auch nicht bei Nacht mit gezücktem Messer über ihm.

Nur noch einmal kam es dazu, daß die beiden über die Kindsleiche draußen im Walde miteinander sprachen. Axel wiederholte noch einmal, sie hätte auf dem Kirchhof begraben und mit Erde bedeckt werden sollen, aber Barbro blieb auch jetzt dabei, daß ihre Handlungsweise ganz recht gewesen sei. Bei dieser Gelegenheit sagte sie etwas, das zeigte, daß auch sie überlegte, ho, und schlau war, und weiter sah, als ihre Nase reichte, ja, daß sie mit einem kleinen ärmlichen Negergehirn dachte: Und wenn es auch aufkommt, dann spreche ich mit dem Lensmann, ich habe bei ihm gedient, und die Frau Heyerdahl hilft mir. Es stehen nicht alle so gut wie ich, und sie werden doch freigesprochen. Und außerdem steht Vater gut mit den großen Herren, er ist Gerichtsbote und alles, was drum und dran ist.

Axel schüttelte nur den Kopf.

Du glaubst es nicht?

Was du dir einbildest, daß dein Vater ausrichten könne!

Was weißt denn du davon? rief sie ärgerlich. Denk daran, daß du ihn ins Elend gebracht hast, du hast ihm seinen Hof und seinen Lebensunterhalt genommen!

Sicherlich hatte sie eine Art Vorstellung davon, daß ihres Vaters Ansehen in der letzten Zeit eingebüßt hatte und daß dies zum Schaden für sie selbst ausschlagen könnte. Was sollte Axel darauf antworten? Er schwieg. Er war ein Mann des Friedens, ein Mann der Arbeit.

Als es dem Winter zuging, war Axel wieder der einzige Mensch auf Maaneland. Barbro war gegangen. Ja, das war das Ende. Ihre Reise in die Stadt solle nicht lange dauern, sagte sie. Es sei ja keine Reise nach Bergen, aber sie wolle nicht einen Zahn nach dem andern verlieren und einen Mund bekommen wie ein Kalb. Was das kosten werde? fragte Axel. — Wie kann ich das wissen? erwiderte sie. Dich wird's jedenfalls nichts kosten, ich werde es abverdienen.

Sie hatte ihm auch auseinandergesetzt, warum es am besten sei, wenn sie die Reise jetzt mache; jetzt seien nur zwei Kühe zu melken, bis zum Frühjahr würden noch zwei kalben und auch die Geißen Junge werfen, die Heuernte würde kommen, die Arbeit würde drängen bis über den Juni hinaus. — Tu, was du willst, sagte Axel.

Die Sache sollte ihn nichts kosten, gar nichts. Aber sie müsse doch etwas Geld haben, nur eine kleine Summe; sie brauche Geld zur Reise und für den Zahnarzt, außerdem brauche sie ein Mantlett und noch verschiedenes andere, aber das müsse ja nicht sein, wenn es ihm unangenehm sei. — Du hast bis jetzt schon Geld genug bekommen, sagte Axel. — So, erwiderte sie. Das ist aber jedenfalls nicht mehr da. — Hast du denn nichts zurückgelegt? — Zurückgelegt? Du kannst ja in meiner Kiste nachsuchen. Ich habe auch in Bergen nichts zurückgelegt, und dort hatte ich doch einen viel größeren Lohn. — Ich habe kein Geld für dich, sagte er.

Axel hatte keinen rechten Glauben daran, daß Barbro von dieser Reise zurückkommen werde, und sie hatte seine Geduld mit ihrer Unliebenswürdigkeit so über alle Maßen geprüft, daß er anfing, ihrer überdrüssig zu werden. Es gelang ihr schließlich auch nicht, eine nennenswerte Summe aus ihm herauszuwinden, aber er sah durch dieFinger, als sie sich einen ungeheuren Mundvorrat einpackte, ja, er selbst fuhr sie und ihre Kiste hinunter ins Dorf zum Postboot.

Nun war es also geschehen.

Er hätte ganz gut wieder allein auf der Ansiedlung sein können, er war es von früher her gewöhnt, aber er war jetzt durch seinen Viehstand allzusehr gebunden, und wenn er einmal von Hause abwesend sein mußte, waren die Tiere nicht versorgt. Der Kaufmann hatte ihm geraten, sich Oline kommen zu lassen, sie sei doch einmal mehrere Jahre auf Sellanraa gewesen, allerdings sei sie jetzt alt, aber noch rührig und arbeitsam. Ja, Axel hatte nach Oline geschickt, aber sie war nicht gekommen, und er hatte auch nichts von ihr gehört.

Während Axel auf sie wartet, fällt er Holz im Walde, drischt seine kleine Kornernte und besorgt seinen Viehstand. Es war einsam und still um ihn. Ab und zu kam Sivert von Sellanraa vorbei auf der Fahrt ins Dorf oder vom Dorf zurück; hinunter führte er Brennholz oder Häute oder Käse, aber zurück kam er fast immer leer, der Hof Sellanraa brauchte nicht viel Waren zu kaufen.

Dann und wann kam auch Brede Olsen an Maaneland vorbei und in der letzten Zeit häufiger als sonst — wer konnte wissen, was er hier so eifrig, so fleißig zu laufen hatte! Es war, als ob er sich noch in den letzten Wochen an der Telegraphenlinie unentbehrlich machen und den Posten behalten wolle. Seit Barbro abgereist war, kam er nie mehr zu Axel herein, sondern ging nur rasch vorbei, und das war doch vielleicht ein gar zu arger Hochmut von ihm, da er immer noch auf Breidablick wohnen blieb und nicht abgezogen war. Eines Tages, als er vorbeigehen wollte, ohne auch nur zu grüßen, hielt ihn Axel an und fragte, bis wann er den Hof zu räumen gedenke. — Auf welche Weise hast du dich von Barbro getrennt?fragte Brede dagegen. Das eine Wort gab das andere: Du hast sie ohne alle Mittel fortgeschickt. Es war nahe daran, daß sie nicht einmal bis Bergen gekommen wäre.

So, sie ist also in Bergen? — Ja, schließlich sei sie hingekommen, schreibt sie, aber dir hat sie nicht dafür zu danken. — Ich werde dich jetzt sofort aus Breidablick hinauswerfen, sagte Axel. — Ja, weil du seither so gutherzig gewesen bist, erwiderte der andere spöttisch. Nach Neujahr werfen wir uns selbst hinaus, fuhr er fort und ging dann seines Weges.

So, Barbro war nach Bergen gereist, es war also genau so gegangen, wie Axel sich gedacht hatte. Er war nicht betrübt darüber. Betrübt? Weit entfernt, sie war ein Zankteufel, aber bis jetzt hatte er doch noch nicht alle Hoffnung aufgegeben gehabt, sie würde doch vielleicht wiederkommen. Er wußte beim Henker nicht, wie es zuging, er hing doch ein bißchen zu fest an dieser Person, an diesem Ungeheuer; zuzeiten konnte sie ihre süßen Stunden haben, unvergeßliche Stunden, und gerade, um sie daran zu hindern, ganz bis Bergen durchzubrennen, war er beim Abschied mit Geld so geizig gewesen. Und nun war sie doch auf und davon gegangen. Von ihren Kleidern hing noch dies und das da, und ein Strohhut mit einem Flügel darauf lag in Papier gehüllt droben auf dem Bodenraum; aber sie kam nicht, ihr Eigentum zu holen. Ach ja, vielleicht war er doch ein wenig betrübt! Wie Spott und Hohn erschien es ihm, daß er immer noch ihre Zeitung erhielt, und das würde wohl auch vor Neujahr nicht aufhören.

Aber schließlich hatte er doch an anderes zu denken, er mußte ein Mann sein.

Im Frühjahr mußte er an der Nordwand des Neubaus eine Scheune anfügen, jetzt im Winter mußten die Stämme dazu gefällt und die Bretter gesägt werden. Axel hatte keinen zusammenhängenden Wald mit großenBäumen, aber da und dort standen auf seinem Grund und Boden mächtige Föhren, und er suchte sich solche am Wege nach Sellanraa aus, damit sich das Hinschaffen der Stämme nach dem Sägewerk leichter bewerkstelligen ließe.

Eines Morgens füttert er sein Vieh sehr reichlich, damit es bis zum Abend aushalten kann, schließt die Türen hinter sich zu und geht in den Wald; außer Axt und Mundvorrat nimmt er noch eine hölzerne Schneeschaufel mit. Das Wetter ist mild, gestern tobte ein schwerer Sturm mit Niederschlägen, aber heute ist es still. Er geht den ganzen Weg an der Telegraphenlinie entlang, bis er zur Stelle ist; dort zieht er seine Jacke aus und fängt an zu hacken. Jeden Baum, den er fällt, zweigt er sofort ab, haut die Stämme glatt und schichtet Zweige und Äste auf Haufen.

Brede Olsen kommt den Weg herauf, dann ist also die Linie wohl durch den gestrigen Sturm in Unordnung geraten. Aber vielleicht lief Brede auch ohne besonderen Grund die Linie ab, er war sehr eifrig im Dienst geworden, er hatte sich also doch gebessert. Die Männer sprachen nicht miteinander und grüßten sich auch nicht.


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