5

Merkwürdig, wieviel hier in nur drei Jahren zustande gebracht worden war: eine Behausung für Menschen, ein Stall und urbar gemachtes Land. Was baute Isak jetzt? Einen neuen Schuppen, eine Scheune, einen Anbau ans Wohnhaus? Es dröhnte durchs Haus, wenn er die acht Zoll langen Nägel hineinschlug, und Inger kam ab und zu heraus und bat um Gnade für die Kleinen. Jawohl, die Kleinen! Unterhalte sie einstweilen. Sing ihnen was vor, gib dem Eleseus den Eimerdeckel, dann kann er damit lärmen! Die großen Nägel werden bald hineingeschlagen sein, sie müssen eben gerade hier sitzen, in den Streckbalken, mit denen der Anbau am Haus festgemacht wird. Nachher hab' ich nur noch Bretter und zweieinhalb Zoll lange Nägel, das ist das reine Kinderspiel.

Hätte er es vermeiden können, zu hämmern? Bisher wurden die Heringstonne, das Mehl und andere Eßwaren im Stall aufbewahrt, damit sie nicht unter freiem Himmel stehen mußten; aber der Speck bekam einen Stallgeschmack, eine Vorratskammer war die reinste Notwendigkeit. Die kleinen Jungen mußten sich auch an so ein paar Hammerschläge an die Wand gewöhnen; Eleseus war allerdings etwas zart und schwächlich geworden, aber der andere saugte wie ein Posaunenengel, und wenn er nicht schrie, dann schlief er. Ein prächtiger Junge! Isak wollte sich dem nicht widersetzen, daß er Sivert heißen sollte, es war vielleicht am besten so, obgleich er abermals an den Namen Jakob gedacht hatte. In manchen Fällen hatte Inger recht, Eleseus war nach ihrem Pfarrer getauft, und es war ein vornehmer Name, aber Sivert hieß Ingers Oheim, der Bezirkskassierer, der ein Junggeselle und ein vermöglicher Mann ohne Erben war. Was hätte dem Kinde Besseres widerfahren können, als Sivert zu heißen!

Dann kam wieder die Frühjahrsarbeit, und alles wurde vor Pfingsten in die Erde gelegt. Damals, als Inger nur Eleseus ihr eigen nannte, hatte sie nie Zeit gehabt, ihrem Manne zu helfen, so sehr hatte sie der Erstgeborene in Anspruch genommen. Jetzt, da sie zwei Kinder hatte, jätete sie das Unkraut aus und verrichtete noch vieles andere; sie half viele Stunden lang beim Kartoffellegen, säte auch Karotten und Rüben. Eine solche Frau fand sich nicht so leicht wieder. Und hatte sie nicht auch Tuch auf dem Webstuhl? Jeden Augenblick nützte sie aus, um in die Kammer zu laufen und ein paar Spulen abzuweben; es war halbwollenes Tuch zu Wäsche für den Winter. Nachdem das Garn gefärbt war, webte sie blau und roten Kleiderstoff für sich und die Kinder; dann legte sie noch mehr Farben ein und machte Bettbezüge für Isak. Lauter notwendige, nützliche und höchst dauerhafte Sachen.

Seht, nun war die Familie im Ödland schon recht heraufgekommen, und wenn dieses Jahr gut einschlug, waren die Ansiedler geradezu zu beneiden. Was fehlte ihnen noch? Ein Heuschuppen natürlich, eine Scheune mit einer Tenne in der Mitte, das war ein Zukunftsziel, und es würde erreicht werden wie die andern Ziele auch. Mit der Zeit, ja! Jetzt hatte die kleine Silberhorn ein Kalb, und die Ziegen hatten Zicklein, und die Schafe hatten Lämmer, es wimmelte von kleinen Tieren auf der Weide. Und die Menschen? Eleseus konnte schon auf seinen eigenen Beinen gehen, wohin er wollte, und der kleine Sivert war getauft. Und Inger? Sie war gewiß schon wieder guter Hoffnung, sie sah so rundlich aus. Was war auch ein Kind für sie? Nichts — das heißt große Dinge, nette kleine Leute, sie war stolz auf ihre Kinder und gab zu verstehen, daß Gott nicht allen Leuten solche großen, hübschen Kinder anvertraue. Inger war ganz davon in Anspruch genommen, jung zu sein. Sie hatte ein verunstaltetes Gesicht und hatte ihre ganze Jugend als eine Ausgestoßene verbracht, die Burschen hatten sie nicht angesehen, obgleich sie tanzen und arbeiten konnte, sie hatten ihre gute Weiblichkeit verschmäht, sie hatten sich weggewendet — jetzt war ihre Zeit, sie entfaltete sich, sie stand ununterbrochen in voller Blüte und war guter Hoffnung. Isak selbst, der Hausvater, war und blieb ein ernster Mann, aber er hatte guten Erfolg gehabt und war zufrieden. Wie und womit er sich das Leben erträglich gemacht hatte, ehe Inger kam, war sehr dunkel; mit Kartoffeln und Ziegenmilch, ja mit gewagten Gerichten ohne Namen; jetzt hatte er alles, was ein Mann in seinen Verhältnissen nur verlangen konnte.

Wieder kam große Trockenheit, wieder ein Mißjahr. Der Lappe Os-Anders, der mit seinem Hund vorüberkam, konnte berichten, daß die Leute im Dorfe schon alles Getreide zu Viehfutter abgemäht hätten. — So, sie hatten also keine Hoffnung mehr? fragte Inger. — Nein, aber dafür haben sie einen guten Heringsfang gemacht. Dein Oheim Sivert bekommt seinen Anteil als Strandbesitzer. Und er hat doch vorher schon ein bißchen etwas in Küche und Keller gehabt. Gerade wie du, Inger. — Ja, Gott sei Dank, ich habe nichts zu klagen. Was sagen sie denn daheim von mir? — Os-Anders wiegt den Kopf hin und her und sagt schmeichlerisch, er habe keine Worte dafür! — Wenn du eine Schale süße Milch möchtest, so brauchst du es nur zu sagen, versetzt Inger. — Du sollst dich nicht in Unkosten stürzen. Aber hast du ein wenig für den Hund?

Die Milch kam, das Futter für den Hund auch. Der Lappe hörte Musik aus der Stube heraus und lauschte: Was ist das? — Das ist unsere Wanduhr, die schlägt, sagt Inger; sie ist am Platzen vor lauter Stolz.

Wieder wiegte der Lappe den Kopf hin und her und sagte: Ihr habt Haus und Pferd und Wohlbehagen, kannst du mir sagen, was ihr nicht habt? — Nein, wir können Gott nicht genug danken. — Oline hat mir einen Gruß an dich aufgetragen. — So. Wie geht es ihr? — Es geht. Wo ist dein Mann? — Er ist auf dem Feld draußen. — Es heißt, er habe nicht gekauft! wirft der Lappe hin. — Gekauft? Wer sagt das? — Es heißt so. — Von wem sollte er denn kaufen? Es ist Allmende. — Ja, ja. — Und viele Schweißtropfen hat er in diesen Grund und Boden hineinfallen lassen. — Es heißt, euer Boden gehöre dem Staat.

Inger verstand davon nichts und sagte: Ja, das kann schon sein. Hat etwa sie, die Oline, das gesagt? — Ich erinnere mich nicht, wer es war, antwortete der Lappe, und er ließ seine unsteten Augen in allen Richtungen umherschweifen. Inger wunderte sich darüber, daß er nicht um etwas bettelte, das tat Os-Anders sonst immer, alle Lappen betteln. Os-Anders aber sitzt ruhig da, stopft seinekurze Kreidepfeife und zündet sie an. Das ist eine Pfeife! Er raucht und pafft so, daß sein ganzes runzliges Gesicht aussieht wie ein Rindenstück. — Ja, ich brauche nicht zu fragen, ob das deine Kinder sind, sagte er noch schmeichlerischer. Denn sie sind dir so ähnlich. Genau so nett wie du selbst, als du klein warst.

Inger, die eine Mißgeburt und ein Auswurf gewesen war — natürlich war es verkehrt, aber ihr Herz schwoll doch vor Stolz. Selbst ein Lappe kann ein Mutterherz froh machen. Wenn dein Sack nicht schon so voll wäre, so würde ich dir ein bißchen was hineintun, sagte sie. — Nein, du sollst dich nicht in Unkosten stürzen!

Inger geht mit dem Kind auf dem Arm hinein, während Eleseus bei dem Lappen draußen bleibt. Die beiden kommen gut miteinander aus. Der Junge darf etwas Merkwürdiges aus des Lappen Sack sehen, etwas Haariges, er darf es streicheln. Der Hund winselt und bellt. Als Inger mit etwas Mundvorrat herauskommt, stößt sie einen kleinen Seufzer aus und sinkt auf die Türschwelle. Was hast du da? fragt sie. — Ach nichts, es ist ein Hase. — Das hab' ich gesehen. — Dein Kleiner wollte ihn sehen. Mein Hund hat ihn heute gejagt und umgebracht. — Da ist dein Essen, sagt Inger.

Es ist eine alte Erfahrung, daß wenigstens zwei Mißjahre aufeinander folgen. Isak war geduldig geworden und fand sich in sein Los. Das Getreide verbrannte auf dem Felde, und die Heuernte war mittelmäßig, aber die Kartoffeln sahen wieder aus, als würden sie sich erholen; es war demnach zwar schlimm genug, aber doch keine Not. Isak hatte auch noch Klafterholz und Balken, die er ins Dorf hinunterschaffen konnte, und daan der ganzen Küste der Heringsfang gut ausgefallen war, hatten die Leute Geld genug zum Holzkaufen. Es sah fast wie eine Fügung aus, daß die Getreideernte fehlschlug, denn wie hätte er dieses Korn dreschen sollen, ohne eine Scheune mit einer Tenne? Ja, laß Fügung Fügung sein, das schadet auf die Dauer nichts!

Eine andere Sache war die, daß Neues auftauchte und ihn beunruhigte. Was war nun das, was ein gewisser Lappe im Sommer zu Inger gesagt hatte — daß er nicht gekauft habe? Hätte er kaufen sollen, warum denn? Der Boden lag ja da, der Wald stand da, er machte Land urbar, errichtete sich ein Haus mitten in der Urnatur, ernährte seine Familie und seinen Viehstand, war niemand etwas schuldig, arbeitete, arbeitete. Schon wiederholt hatte er, wenn er drunten im Dorfe war, daran gedacht, mit dem Lensmann zu sprechen, dies aber immer wieder hinausgeschoben. Der Lensmann war nicht beliebt, und Isak war wortkarg. Was sollte er sagen, wenn er ankam, welchen Grund angeben, warum er gekommen sei?

Eines Tages im Winter kam indes der Lensmann selbst in die Ansiedlung dahergefahren; er hatte einen Mann bei sich und brachte eine von Papieren strotzende Tasche mit — und es war der Lensmann Geißler selbst. Er sah die große offene Halde, die abgeholzt war und glatt und eben unter dem Schnee lag, und er meinte wohl, die ganze weite Fläche sei angebaut, deshalb sagte er: Das ist ja ein großes Anwesen, meinst du, das bekommst du umsonst?

Nun war es da! Isak erschrak bis ins innerste Mark und erwiderte nichts.

Du hättest zu mir kommen und den Boden kaufen sollen, sagte der Lensmann. — Ja. — Der Lensmann sprach von Einschätzung, von Grenzscheiden, von Steuer, „Kronsteuer”, sagte er; als Isak einigermaßen Aufklärung bekam, fand er es immer weniger ungereimt. Der Lensmannneckte seinen Begleiter und sagte: Nun, du Schätzungsmann, wie groß ist die Ansiedlung? Aber er wartete nicht auf Antwort, sondern schrieb die Größe aufs Geratewohl hin. Dann fragte er Isak nach den Heulasten und nach den Kartoffeltonnen. Und wie sie es mit der Grenzscheide halten wollten? Sie könnten doch nicht die Grenzscheide in mannshohem Schnee abschreiten, und im Sommer könnten Menschen nicht hier heraufkommen. Was Isak sich selbst als Weideland und Wald ausgedacht habe? — Das wußte Isak nicht, bis jetzt hatte er, so weit er blickte, für sein Eigentum betrachtet. Der Lensmann sagte, der Staat setzt Grenzen. Je mehr Land du bekommst, desto mehr kostet es, sagte er. — So? — Ja, du bekommst nicht so viel, als du überschauen kannst, sondern so viel, als du brauchst. — So? —

Inger setzte Milch vor, und der Lensmann und sein Begleiter tranken. Sie brachte noch mehr Milch. Der Lensmann sollte streng sein? Er strich sogar Eleseus übers Haar und sagte: Spielt er mit Steinen? Laß mich die Steine mal sehen! Was ist denn das? Die sind aber schwer, da ist gewiß irgendein Metall drin! — Ja, von denen gibt's genug oben im Gebirge, sagt Isak.

Der Lensmann kehrte zum Geschäftlichen zurück. — Südlich und westlich ist es wohl am vorteilhaftesten für dich? sagte er zu Isak. Sagen wir eine Viertelmeile südwärts! — Was, eine ganze Viertelmeile? rief der Begleiter des Lensmannes. — Du allerdings könntest keine zweihundert Ellen umbrechen, versetzte der Lensmann kurz. — Isak fragte: Was kostet eine Viertelmeile? — Das weiß ich nicht, antwortete der Lensmann, das weiß niemand. Aber ich werde einen niederen Preis vorschlagen. Es ist ja meilenweit im Ödland drinnen, ohne jegliche Zufahrt.

Ja, aber eine ganze Viertelmeile! sagte der Begleiter wieder.

Der Lensmann schrieb eine Viertelmeile südwärts und fragte: Und aufwärts nach den Bergen? — Ja, da muß ich es bis zum See haben. Dort ist ein großer See, antwortete Isak.

Der Lensmann schrieb weiter. Jetzt nach Norden? — Da kommt es nicht so genau drauf an, auf dem Moor ist kein ordentlicher Wald, meinte Isak.

Der Lensmann schrieb nach seinem eigenen Kopf eine halbe Viertelmeile. Nach Osten? — Da ist es auch nicht so genau. Dort ist nur Gebirge nach Schweden hinüber.

Der Lensmann schrieb.

Als er fertig war, rechnete er das Ganze in einem Augenblick zusammen und sagte: Natürlich wird das ein großes Besitztum, und wenn es drunten in der Gemeinde läge, könnte niemand es kaufen. Ich will hundert Taler für alles miteinander vorschlagen. Was meinst du? fragte er seinen Begleiter. — Das ist ja gar kein Preis, antwortete dieser. — Hundert Taler! sagte Inger. Du brauchst gar nicht so viel Land. — Nein, sagte Isak. — Der Begleiter fiel ein: Es ist, wie ich sage. Was wolltet ihr mit so viel Land?

Der Lensmann sagte: Es roden.

Nun hatte er dagesessen, sich abgemüht und niedergeschrieben; ab und zu schrie ein Kind in der Stube, er hätte nur ungern das Ganze noch einmal geschrieben, er kam auch erst spät in der Nacht wieder heim, nein, erst gegen Morgen sogar. So steckte er entschlossen die Urkunde in seine Tasche. Geh hinaus und spann an! befahl er seinem Begleiter. Dann wendete er sich an Isak und sagte: Eigentlich hättest du den Platz umsonst haben sollen und noch Bezahlung obendrein, so wie du geschafft hast. Und das will ich bei meinem Vorschlag auch sagen. Dann werden wir sehen, was der Staat für einen Kaufbrief verlangt.

Isak — Gott weiß, wie ihm zumute war. Es war, als hätte er nichts dagegen, daß ein hoher Preis für seine Ansiedlung und seine ungeheure Arbeit hier angesetzt würde. Er hielt es wohl nicht für unmöglich, mit der Zeit hundert Taler abzubezahlen, deshalb sagte er nichts mehr; er konnte wie vorher arbeiten, das Land bebauen und überständigen Wald in Klafterholz umwandeln. Isak gehörte nicht zu denen, die umherspähen, er stand nicht auf dem Ausguck nach Glückszufällen, er arbeitete.

Inger bedankte sich beim Lensmann und bat ihn, beim Staat ein gutes Wort für sie einzulegen.

Jawohl. Aber die Entscheidung liegt ja nicht bei mir, ich gebe nur mein Gutachten dazu. Wie alt ist denn der Kleinste da? — Gut ein halbes Jahr. — Junge oder Mädchen? — Ein Junge.

Der Lensmann war nicht hart, sondern oberflächlich und wenig gewissenhaft. Seinen Vertrauens- und Schätzungsmann, den Gerichtsboten Brede Olsen, hörte er nicht an, das wichtige Geschäft ordnete er aufs Geratewohl und nach Gutdünken; diese große Sache, entscheidend für Isak und seine Frau und entscheidend auch für ihre Nachkommen vielleicht in zahllosen Geschlechtern, entschied er auf gut Glück, er schrieb nur so hin. Aber er erwies den Ansiedlern viel Freundlichkeit, er zog ein glänzendes Geldstück aus der Tasche und gab es dem kleinen Sivert in die Hand, dann nickte er noch freundlich und ging hinaus zum Schlitten.

Plötzlich fragte er: Wie heißt der Ort?

Heißen? — Welchen Namen hat er? Wir müssen ihm einen Namen geben.

Daran hatten die Leute nicht gedacht, und Inger und Isak sahen einander an.

Sellanraa? sagte der Lensmann. Er hatte diesen Namen wohl erfunden, es war vielleicht gar kein Name, aber er wiederholte: Sellanraa! nickte und fuhr davon.

Alles aufs Geratewohl, die Grenzscheide, den Preis, den Namen ...

Einige Wochen später, als Isak im Dorfe war, hörte er, daß es mit dem Lensmann Schwierigkeiten gegeben habe. Es war nach verschiedenen Geldern geforscht worden, über die er nicht Rechenschaft hatte ablegen können, und man hatte ihn deshalb beim Landrichter angezeigt. So schlimm kann es kommen; manche Menschen taumeln so durchs Leben dahin, dann kommen sie an denen, die bedächtigen Schrittes gehen, zu Fall!

Eines Tages, als Isak mit einer seiner letzten Holzfuhren im Dorf gewesen war und sich auf dem Heimweg befand, geschah es, daß er den Lensmann fahren sollte. Der Lensmann trat ohne weiteres mit einer Reisetasche in der Hand aus dem Walde heraus und sagte: Laß mich bei dir aufsitzen!

Sie fuhren eine Weile, keiner von beiden sprach ein Wort. Ab und zu zog der Lensmann eine Flasche heraus und trank einen Schluck; er bot auch Isak an, der aber dankte. Ich fürchte für meinen Magen auf dieser Reise, sagte der Lensmann.

Dann sprach er von Isaks Hofangelegenheit und sagte: Ich habe die Sache gleich weiterbefördert und sie warm empfohlen. Sellanraa ist ein hübscher Name. Eigentlich hättest du das Land umsonst haben sollen, aber wenn ich das geschrieben hätte, wäre der Staat unverschämt geworden und hätte seinen eigenen Preis angesetzt. Ich habe fünfzig Taler geschrieben. — Ach so, habt Ihr also nicht hundert Taler geschrieben? — Der Lensmann runzelte die Stirn und überlegte, dann sagte er: Soviel ich mich erinnere, habe ich fünfzig Taler geschrieben.

Wohin reist Ihr jetzt? fragte Isak. — Nach Vesterbotten, zur Familie meiner Frau. — In dieser Jahreszeit? Das ist ein böser Weg, um da hinüberzukommen. — Oh, es wird schon gehen. Kannst du mich nicht einStück weit begleiten? — Doch. Ihr dürft nicht allein gehen.

Sie erreichten die Ansiedlung, und der Lensmann übernachtete in der Kammer. Am Morgen nahm er wieder einen Schluck aus seiner Flasche und sagte: Ich ruiniere mir gewiß den Magen auf dieser Reise. Sonst war er ganz wie bei seinem letzten Besuch, wohlwollend entschieden, aber etwas fahrig und nur wenig mit seinem eigenen Schicksal beschäftigt; vielleicht war es auch gar nicht so trostlos. Als Isak sagte, nicht die ganze Halde sei angebaut, sondern nur ein kleines Stück davon, nur ein paar Felder, gab der Lensmann die überraschende Antwort: Das hab' ich wohl verstanden, als ich damals hier saß und schrieb. Aber mein Fuhrmann Brede verstand nichts davon, er ist ein Esel. Das Ministerium hat eine Art Tabelle. Wenn nun auf so einer großen Landstrecke so wenig Heulasten und so wenig Kartoffeltonnen geerntet werden, dann sagt die Tabelle des Ministeriums, das sei elender Boden, billiger Boden. Ich bin auf deiner Seite gewesen, und ich verpfände gern meine Seligkeit auf dieses Schelmenstück. Ja, zwei- bis dreitausend solcher Männer, wie du einer bist, sollten wir hier im Lande haben. Der Lensmann nickte und wendete sich dann an Inger: Wie alt ist der Kleinste? — Jetzt ist er dreiviertel Jahr alt. — Und es ist ein Junge? — Ja. —

Aber du mußt dich ins Zeug legen und deine Hofangelegenheit so rasch wie möglich in Ordnung bringen, sagte der Lensmann zu Isak. Es ist noch ein Mann da, der ungefähr auf halbem Wege zwischen hier und dem Dorf kaufen will, und dann steigt der Boden im Wert. Kauf du nur zuerst, dann mag der Preis nachher steigen. Du aber hast dann doch etwas von all deiner Arbeit. Du hast den Anfang gemacht hier im Ödland.

Die Leute waren ihm dankbar für seinen Rat und fragten ihn, ob er denn nicht selbst die Angelegenheit zumAbschluß bringen werde. Er antwortete, er habe nun das seinige dabei getan, es komme jetzt nur noch auf den Staat an. Ich reise jetzt nach Vesterbotten und kehre nicht mehr hierher zurück, sagte er geradeheraus.

Er gab Inger ein Geldstück, aber das war wirklich zu viel. Vergiß nicht, meiner Familie im Dorf etwas zum Schlachten mitzubringen, ein Kalb oder ein Schaf, meine Frau bezahlt dir's. Nimm auch ab und zu ein paar Ziegenkäse mit, meine Kinder essen ihn so gern, sagte er.

Isak begleitet ihn übers Gebirge; auf der Höhe lag fester Harsch, man konnte also gut vorwärts kommen. Isak bekam einen ganzen Taler.

So zog denn Lensmann Geißler fort und kehrte nicht mehr ins Dorf zurück. Die Leute sagten, es sei ihnen einerlei; man hielt ihn für einen unzuverlässigen Menschen und einen Abenteurer. Nicht, daß er nicht genug gewußt hätte, er war ein wohlunterrichteter Mann, der viel gelernt hatte, aber er tat sich zu viel darauf zugut und verbrauchte anderer Leute Geld. Es wurde ruchbar, daß er auf ein scharfes Schreiben von Amtmann Pleym hin durchgebrannt war; aber seiner Familie geschah nichts Böses, sie bestand aus der Frau und drei Kindern, und die blieben noch längere Zeit in der Gemeinde wohnen. Übrigens dauerte es nicht lange, bis die fehlenden Gelder von Schweden aus geschickt wurden; die Lensmannsfamilie war dann nicht mehr als Pfand da, sondern blieb aus freiem Willen, weil sie selbst es wollte.

Für Isak und Inger war dieser Geißler kein schlechter Mensch gewesen, im Gegenteil. Gott mochte wissen, wie sich nun der neue Lensmann zu der Sache stellen würde, ob am Ende das ganze Geschäft mit der Ansiedlung noch einmal gemacht werden mußte!

Der Amtmann schickte einen von seinen Schreibern in die Gemeinde, das war der neue Lensmann. Es war ein Mann in den Vierzigern, der Sohn eines Vogts undhieß Heyerdahl; er war zu arm gewesen, um zu studieren und Beamter zu werden, aber er hatte auf einer Gerichtsstube gesessen und war da fünfzehn Jahre lang Schreiber gewesen. Da er niemals Geld genug zum Heiraten gehabt hatte, war er Junggeselle; der Amtmann Pleym hatte ihn von seinem Vorgänger geerbt und gab ihm dasselbe armselige Gehalt, das er vorher bezogen hatte. Heyerdahl empfing sein Gehalt und schrieb weiter. Er wurde ein mißmutiger, vertrockneter, aber zuverlässiger und rechtschaffener Mann, war dabei auch, soweit seine Begabung reichte, sehr tüchtig zu den Arbeiten, die er einmal gelernt hatte. Jetzt, da er Lensmann geworden war, stieg sein Selbstgefühl bedeutend.

Isak faßte sich ein Herz und ging zu ihm.

Die Sache Sellanraa — ja, da ist sie, vom Ministerium zurückgekommen. Die Herren wollen über vieles noch Aufklärung haben, das Ganze ist ja von der Hand dieses Geißlers das reine Durcheinander, sagte der Lensmann. Das Königliche Ministerium will wissen, ob da vielleicht große herrliche Multebeerenmoore auf dem Platze sind. Ob Hochwald da ist. Ob sich möglicherweise Erze und verschiedene andere Metalle in den Bergen ringsum finden. Es sei ein großer Gebirgssee genannt, ob es da Fische gebe. Dieser Geißler hat allerdings einige Aufklärung gegeben, aber es ist ja kein Verlaß auf ihn, ich muß hier alles von ihm genau durchgehen. Ich werde also so bald wie möglich auf deine Ansiedlung nach Sellanraa hinaufkommen und alles untersuchen und es einschätzen. Wie viele Meilen ist es hinauf? Das Königliche Ministerium will, daß die Grenzen ordentlich abgeschritten werden. — Es wird sehr schwierig sein, die Grenzscheide vor dem Sommer abzuschreiten, sagte Isak. — Ach, es wird sich schon machen lassen. Wir können das Ministerium nicht bis zum Sommer auf Antwort warten lassen, versetzte Heyerdahl. Ich komme in den nächstenTagen hinauf. Bei derselben Gelegenheit soll vom Staat aus auch noch an einen andern Mann Siedlungsland verkauft werden. — Ist das der Mann, der auf halbem Wege von der Gemeinde bis zu mir herauf Land kaufen will? — Das weiß ich nicht, aber vielleicht ist er es. Ein Mann von hier übrigens, mein Schätzungsmann, mein Amtsdiener. Er hat schon bei Geißler wegen des Kaufs angefragt; aber Geißler hatte ihn abgewiesen und gesagt, er könne ja nicht einmal zweihundert Ellen umgraben. Da hat der Mann an das Landgericht selbst geschrieben, und jetzt ist mir die Sache zur Begutachtung übergeben. Ja, dieser Geißler!

Lensmann Heyerdahl kam zur Ansiedlung und hatte den Schätzungsmann Brede bei sich. Sie waren sehr naß geworden beim Überschreiten des Moors und wurden noch nasser, als sie dann im schmelzenden Frühjahrsschnee die Grenze den Berghang hinauf abschreiten sollten. Am ersten Tag war der Lensmann sehr eifrig, am zweiten ging er müde dahin und blieb weit unten stehen, rief nur und deutete. Nein, es war nicht mehr die Rede davon, die „Berge ringsum abzuschürfen”, und die Multebeermoore sollten erst auf dem Heimweg genau untersucht werden, sagte er.

Das Ministerium hatte viele Fragen gestellt, es hatte wohl wieder eine Tabelle vor; die einzige von diesen Fragen, die einen Sinn hatte, war die nach dem Walde. Ganz richtig, es war etwas Hochwald da, und er stand innerhalb Isaks Viertelmeile, aber es war kein Bauholz zum Verkauf da, nur gerade genug für den eigenen Bedarf. Aber selbst wenn hier Bauholz gestanden hätte, wer hätte es meilenweit ins Dorf hinunterschaffen sollen? Das konnte nur der Mühlengeist Isak, wenn er im Laufe des Winters ein paar Stämme hinunterfuhr und dafür Balken und Bretter bekam.

Es zeigte sich, daß dieser merkwürdige Mann Geißler eine Darstellung gegeben hatte, die man nicht außer acht lassen konnte. Da saß nun der neue Lensmann und versuchte, seinem Vorgänger etwas am Zeuge zu flicken und Fehler zu finden, mußte dieses Bemühen aber aufgeben. So fragte er nur öfter als Geißler seinen Begleiter und Schätzungsmann um Rat und richtete sich nach dessen Worten, und derselbe Schätzungsmann mußte sich wohl bekehrt und eine andere Ansicht bekommen haben, seit er selbst Allmende vom Staat kaufen wollte. — Was denkst du über diesen Preis? fragte der Lensmann. — Fünfzig Taler ist mehr als genug für den, der es kaufen muß, antwortete der Schätzungsmann. — Der Lensmann faßte das Gesuch in wohlgesetzten Worten ab. Geißler hatte geschrieben: Der Mann will von jetzt an auch jährliche Steuer bezahlen, er sieht sich nicht in der Lage, eine höhere Kaufsumme zu entrichten als fünfzig Taler, auf zehn Jahre verteilt. Der Staat muß dieses Angebot annehmen oder dem Mann sein Land und seine Arbeit entziehen. — Heyerdahl schrieb: Der Mann ersucht ehrerbietig das hohe Ministerium, das Grundstück, das ihm nicht gehört, auf das er aber bedeutende Arbeit verwendet hat, behalten zu dürfen für 50 — fünfzig — Speziestaler, zu bezahlen in Terminen nach dem wohlwollenden Ermessen des Ministeriums.

Ich glaube, es wird mir gelingen, dir das Grundstück zu sichern, sagte Lensmann Heyerdahl zu Isak.

Heute soll der große Stier fortgeführt werden. Er ist ein ungeheures Tier geworden und zu wertvoll, um noch länger auf der Ansiedlung zu bleiben. Isak will hinunter ins Dorf mit ihm, ihn verkaufen und dafür einen netten jungen Stier mitbringen.

Inger ist es, die das durchgesetzt hat, und Inger wußte wohl, was sie tat, wenn sie Isak gerade an diesem Tag fort haben wollte.

Wenn du gehen willst, muß es heute sein, sagte sie. Der Stier ist gemästet, gemästete Ware steht im Frühjahr gut im Preis, er kann in die Stadt geschickt werden. Da werden Riesensummen bezahlt. — Ja, ja, sagte Isak. — Die einzige Gefahr ist, daß der Stier auf dem Hinunterweg wild werden könnte, fuhr Inger fort. — Darauf gab Isak keine Antwort. — Aber seit einer Woche ist er immer etwas draußen gewesen, hat sich umgesehen und sich ans Freie gewöhnt. — Isak schwieg; aber er hängte ein großes Messer am Riemen um und führte den Stier heraus.

Ach, was für ein Koloß, prächtig und furchtbar zugleich, seine Lenden schwankten bei jedem Schritt! Er war ziemlich kurzbeinig; wenn er dahinschritt, brach er mit der Brust den Jungwald nieder, er war wie eine Lokomotive. Sein Hals war gewaltig bis zur Unförmigkeit, in diesem Hals wohnte die Stärke eines Elefanten.

Wenn er jetzt nur nicht wild wird und auf dich losgeht, sagte Inger. — Erst nach einer Weile antwortete Isak: Nun, dann muß ich ihn eben unterwegs schlachten und das Fleisch fortschaffen.

Inger setzte sich auf die Türschwelle. Es war ihr übel, und ihr Gesicht war brennend rot. Sie hatte sich aufrecht gehalten, bis Isak gegangen war, jetzt verschwand er mit dem Stier im Walde, und Inger konnte ohne Gefahrstöhnen. Der kleine Eleseus kann schon sprechen, und er fragt: Mutter weh? — Ja, weh. — Er ahmt seine Mutter nach, greift sich nach dem Rücken und stöhnt auch. Klein-Sivert schläft.

Inger nimmt Eleseus mit sich hinein, gibt ihm allerlei Sachen, womit er auf dem Boden spielen kann, und legt sich selbst zu Bett. Ihre Stunde war gekommen. Sie ist die ganze Zeit bei vollem Bewußtsein, gibt auf Eleseus acht, läßt ihren Blick über die Wiege hinschweifen und sieht auf die Uhr an der Wand. Sie schreit nicht, bewegt sich kaum; ein Kampf geht in ihren Eingeweiden vor sich, eine Last gleitet plötzlich von ihr ab. Fast im selben Augenblick hört sie ein fremdes Geschrei in ihrem Bett, ein liebes Stimmchen weint. Und jetzt hat Inger keine Ruhe mehr, sie richtet sich auf und schaut an sich hinunter. Was sieht sie? Ihr Gesicht wird im selben Augenblick aschgrau und starr, ohne Ausdruck und Verstand, ein Ächzen wird laut, ein so unnatürliches, so erschütterndes, wie ein Heulen aus ihrem Innersten heraus.

Sie sinkt zurück. Eine Minute vergeht, sie hat keine Ruhe, das Weinen im Bett wird lauter, sie richtet sich wieder auf und schaut — ach Gott, das schlimmste von allem, ohne Gnade, und das Kind ist überdies ein Mädchen!

Isak konnte vielleicht noch nicht eine halbe Meile weit gekommen sein, und es war jetzt kaum eine Stunde vergangen, seit er den Hof verlassen hatte. In zehn Minuten war das Kind geboren und umgebracht ...

Am dritten Tag kehrte Isak zurück; er führte einen mageren, halb verhungerten Stier, der kaum vorwärts kommen konnte, an der Leine, deshalb war er so lange unterwegs gewesen.

Wie ist es gegangen? fragte Inger, und doch war sie selbst recht gedrückt und krank.

Oh, es war ganz leidlich gegangen. Ja, ja, während der letzten halben Meile war der Stier allerdings wild geworden. Isak hatte ihn anbinden und Hilfe aus dem Dorfe holen müssen. Als er zurück kam, hatte der Stier sich losgerissen, und sie hatten ihn lange suchen müssen. Na, es war ja alles noch gut abgelaufen. Der Händler, der Schlachtvieh für die Stadt aufkaufte, hatte gut bezahlt. — Und da ist nun der neue Stier, sagte Isak, bring die Kinder heraus und seht ihn euch an!

Das gleiche Interesse für jedes neue Stück Vieh. Inger betrachtete den Stier, befühlte ihn und fragte nach dem Preis. Klein-Sivert durfte auf seinem Rücken sitzen. — Es tut mir leid um den großen Stier, sagte Inger, er war so glänzend und brav! Wenn sie ihn jetzt nur ordentlich abschlachten!

Die Tage waren mit Frühjahrsarbeit ausgefüllt, die Tiere waren hinausgelassen worden, in dem leeren Stall standen Kisten und Kasten voll Saatkartoffeln. Isak säte in diesem Jahr mehr Korn als sonst und wandte seinen äußersten Fleiß auf, um es gut in die Erde zu bringen, er richtete Beete für Karotten und Rüben, und Inger streute den Samen hinein. Alles ging wie früher.

Eine Zeitlang trug Inger ein Heukissen auf dem Leib, um dick auszusehen. Allmählich verminderte sie das Heu, und schließlich ließ sie den Sack weg. Endlich eines Tages fiel es Isak auf, und er fragte verwundert: Was ist denn das? Ist diesmal nichts daraus geworden? — Nein, sagte sie, diesmal nicht. — So, warum nicht? — Ach, es war eben so. Was glaubst du, Isak, bis wann du alles das umgebrochen haben wirst, das wir da vor uns sehen? — Ist es eine Fehlgeburt gewesen? fragte er. — Ja. — So. Und du hast keinen Schaden davongetragen? — Nein. Du, Isak, ich habe schon sooft gedacht, ob wir uns nicht Schweine aufziehen sollten. — Isak, der sehr bedächtig war, sagte nach einer Weile: Ja, ein Schwein.Ich hab' in jedem Frühjahr daran gedacht. Aber solange wir nicht mehr Eßkartoffeln und auch Futterkartoffeln und etwas mehr Getreide haben, haben wir kein Futter für ein Schwein. Nun, wir wollen in diesem Jahr einmal sehen. — Es wäre sehr schön, wenn wir ein Schwein hätten. — Ja.

Die Tage vergehen. Regen fällt, und Acker und Wiese stehen schön, in diesem Jahr darf man auf Gutes hoffen! Große und kleine Erlebnisse folgen einander, es gibt Mahlzeiten, Schlaf und Arbeit, Sonntage mit rein gewaschenen Gesichtern und gekämmten Haaren, Isak trägt sein neues rotes Hemd, das Inger gewebt und genäht hat. Da geschieht es, daß das gleichmäßige Leben durch ein großes Ereignis aufgescheucht wird. Ein Mutterschaf mit seinem Lamm hat sich in einem Felsenspalt eingeklemmt; die anderen Schafe kommen am Abend heim, Inger vermißt sofort die beiden, die fehlen. Isak geht hinaus, sie zu suchen. Sein erster Gedanke ist, wenn ein Unglück geschehen sei, so sei es nur gut, daß es gerade Sonntag sei und er somit nicht von der Arbeit weg müsse. Er sucht stundenlang, endlos ist das Weideland, er geht und geht. Daheim ist das ganze Haus in Aufregung; die Mutter beschwichtigt ihre Kinder mit kurzen Worten: Zwei Schafe fehlen, schweigt! Alle tragen an der Sorge mit, die ganze kleine Gesellschaft, selbst die Kühe merken, daß etwas Ungewöhnliches vorgeht, und brüllen, denn bisweilen ist Inger draußen und lockt mit lauter Stimme nach dem Walde hin, obgleich die Nacht schon herannaht. Dies ist ein Ereignis im Ödland, ein allgemeines Unglück. Als Inger die Kinder zu Bett gebracht hat, geht sie selbst hinaus und sucht auch; dazwischen ruft sie, bekommt aber keine Antwort, Isak ist wohl auch weit weg.

Wo können die Schafe nur sein, was ist ihnen geschehen? Sind Bären unterwegs? Sind Wölfe von Schweden und Finnland übers Gebirge herübergekommen?Keins von beiden. Als Isak die Vermißten findet, ist das Mutterschaf in eine Felsenspalte eingeklemmt mit einem gebrochenen Bein und stark verletztem Euter. Es muß lange in der Felsenspalte festgehalten worden sein, denn obgleich es ernstlich verwundet ist, hat es doch das Gras um sich her bis an die Wurzeln abgenagt. Isak hebt das Schaf heraus, und das erste, was dieses tut, ist, nach Futter zu suchen. Das Lamm saugt sofort an der Mutter, es ist die reine Heilung für das arme wunde Euter, daß es geleert wird.

Nun sucht Isak Steine und wirft sie in die gefährliche Felsenspalte; diese heimtückische Öffnung soll nie wieder ein Schafbein brechen! Isak trägt lederne Hosenträger, er zieht sie aus, legt sie um das Schaf und hält dadurch das aufgerissene Euter an seinem Platz. Dann hebt er das Schaf auf seine Schulter und trägt es heim. Das Lamm läuft hinter ihm her.

Und nachher? Schienen und Teerlappen. In einigen Tagen fängt das Schaf an, mit dem kranken Fuß zu zappeln, weil die Wunde beißt und heilt. Ja, alles miteinander wird wieder gut — bis sich wieder etwas ereignet.

Das tägliche Leben, Ereignisse, die das Leben der Ansiedler ganz ausfüllen. Ach, das sind keineswegs Kleinigkeiten, es ist das Schicksal, es gilt Glück, Behagen und Wohlfahrt.

Isak benutzt die Zeit zwischen Frühjahr- und Sommerarbeit, um ein paar neue Stämme zu behauen, die gefällt daliegen; er hat wohl einen Plan mit ihnen. Außerdem bricht er viele nützliche Steine aus und schafft sie zum Hofe hin. Wenn er genug Steine beisammen hat, schichtet er sie zu einer Mauer. Wäre es nun noch wie vor einem Jahr gewesen, so wäre Inger neugierig geworden und hätte sich gefragt, was denn ihr Mann im Sinne habe; aber jetzt beschäftigte sie sich lieber mit ihren eigenenSachen und stellte keine Fragen mehr. Inger ist so fleißig wie früher; sie versorgt das Haus und die Kinder und die Tiere, aber sie hat angefangen zu singen, und das tat sie früher nicht. Sie hat Eleseus ein Abendgebet gelehrt, das hatte sie früher nicht getan. Isak vermißt ihre Fragen; ihre Neugierde und ihr Lob über das, was er leistete, waren es, die ihn zu einem zufriedenen und einem ausgezeichneten Mann gemacht hatten. Jetzt geht sie an ihm vorbei und sagt höchstens, er werde sich noch zu Tode schinden. Es muß ihr beim letztenmal doch recht schlecht gegangen sein! denkt Isak.

Oline kommt wieder zu Besuch. Wäre es nun noch wie im vorigen Jahre gewesen, so hätte man sie sehr willkommen geheißen; aber jetzt ist es anders. Inger begegnet ihr vom ersten Augenblick an feindselig; was nun auch der Grund sein mag, aber Inger ist ihr feindselig gesinnt.

Ich dachte halb und halb, ich würde zu rechter Zeit kommen, sagt Oline mit feiner Anspielung. — Wieso? — Ja, daß das dritte getauft werden sollte. Wie steht es damit? — Ach, sagte Inger, darum hättest du dich nicht herzubemühen brauchen. — So.

Dann fängt Oline an zu loben, die beiden Jungen seien so groß und hübsch geworden, und Isak sei so fleißig, und es sehe aus, als wolle er wieder bauen — großartig sei es hier, so einen Hof gebe es nicht wieder! Und kannst du mir sagen, was er jetzt bauen will? — Nein, das kann ich nicht, du mußt ihn selbst danach fragen. — Nein, sagt Oline, das geht mich nichts an. Ich wollte nur sehen, wie es euch geht, denn dies ist eine große Freude und Beruhigung für mich. Nach Goldhorn will ich gar nicht fragen oder ihren Namen in den Mund nehmen, sie hat es ja so gut wie nur möglich.

Eine Weile vergeht unter guter Unterhaltung, und Inger ist nicht mehr so unfreundlich. Als die Uhr an derWand ihre herrlichen Schläge ertönen läßt, treten Oline die Tränen in die Augen; sie sagt, sie habe in ihrem ganzen armen Leben noch nie so eine Kirchenorgel gehört. Da fühlt sich Inger wieder reich und großmütig aufgelegt gegen die arme Verwandte, und sie sagt: Komm mit in die Kammer, ich zeig dir meinen Webstuhl.

Oline bleibt den Tag über da. Sie spricht mit Isak und lobt alles, was er getan hat. — Ich höre, du hast nach jeder Richtung hin eine Meile gekauft, hättest du es nicht umsonst haben können? Wer hat es dir mißgönnt?

Jetzt bekam Isak die Lobsprüche, die ihm gefehlt hatten, und er fühlte sich wieder mehr anerkannt und obenauf. Ich kaufe es von der Regierung, antwortet er. — Jawohl, aber sie soll nicht wie ein Raubtier gegen dich sein, diese Regierung. Was baust du? — Das weiß ich noch nicht. Es wird nichts Besonderes herauskommen. — Du schindest dich und baust, du hast gemalte Türen und eine Wanduhr in der Stube, dann baust du wohl eine Großstube? — Ach, spotte nicht! erwidert Isak. Aber es gefällt ihm gut, und er sagt zu Inger: Kannst du nicht ein klein wenig Sahnengrütze für unsern Gast kochen? — Nein, antwortete Inger, denn ich habe erst gebuttert. — Ich spotte nicht, ich bin nur ein einfältiges Frauenzimmer, das Fragen stellt, beeilte sich Oline einzuwerfen. Na ja, wenn es keine Großstube ist, so wird es wohl ein mächtiges Gebäude zu einer Scheune. Du hast Acker und Wiesen, und alles wächst heran, und es ist so, wie es in der Bibel steht, hier fließen Milch und Honig.

Isak fragt: Wie sind die Aussichten heuer in eurer Gegend? — Ach, es geht an. Wenn nur unser Herrgott nicht auch diesmal Feuer drauf fallen und es verbrennen läßt, Gott verzeih mir meine Sünden! Alles steht inseiner Hand und Allmacht. Aber so großartig wie hier bei euch steht es nirgends bei uns, o weit, weit entfernt!

Inger erkundigte sich nach einigen von ihren anderen Verwandten, besonders nach dem Oheim Sivert, dem Bezirkskassierer, der ist der große Mann der Familie, besitzt ein Großnetz und einen Bootsschuppen, er weiß bald nicht mehr, was er mit all seinem Reichtum anfangen soll.

Während dieser Unterhaltung versinkt Isak mehr und mehr in Gedanken, und sein neuer Bauplan ist vergessen. Schließlich sagt er: Nun, da du es durchaus wissen willst, Oline, so ist es eben eine kleine Scheune mit einer Dreschtenne, die ich zu bauen versuchen will.

Das hab' ich mir gedacht, sagte Oline. Rechte Leute pflegen vorwärts und rückwärts zu denken und alles im Kopf zu haben. Hier ist keine Kanne und kein Gefäß, die du dir nicht im voraus ausgedacht hättest. Und mit einer Tenne, hast du gesagt, nicht wahr?

Isak ist ein großes Kind, Olines Lobhudeleien steigen ihm zu Kopf, und er macht sich ein wenig lächerlich. Ja, was das neue Haus betrifft, so soll eine Tenne drinnen sein, das ist meine Meinung und Absicht, sagt er. — Eine Tenne! sagt Oline bewundernd und wiegt den Kopf hin und her. — Ja, denn was sollen wir mit Korn auf dem Acker, wenn wir es nicht dreschen können? sagt er. — Es ist, wie ich sage, du denkst dir alles im Kopf aus, versetzt Oline.

Inger ist wieder unfreundlich geworden, das Gerede zwischen den beiden hat sie wohl aufgeregt, und sie sagt plötzlich: Sahnengrütze — wo soll ich denn die Sahne hernehmen? Gibt es etwa Sahne im Fluß?

Oline weicht der Gefahr aus. Liebste, beste Inger, versteh mich doch recht! Du brauchst dich nicht wegen der Sahnengrütze zu entschuldigen oder auch nur ein Wortdarüber zu verlieren. Wegen einer Person wie ich, die sich nur auf den Höfen herumtreibt!

Isak bleibt noch eine Weile sitzen, dann sagt er: Nein, hier sitze ich und sollte doch Steine zu meiner Mauer ausbrechen. — Ja, zu so einer Mauer wie diese hier braucht man viele Steine! — Viele Steine? erwiderte Isak. Ja, es ist gerade, als wären es niemals genug.

Als Isak gegangen ist, werden die beiden Frauen wieder einträchtiger, sie haben so viel über die Gemeinde miteinander zu reden. Die Stunden vergehen. Am Abend bekommt Oline zu sehen, wie der Viehstand gewachsen ist. Zwei Kühe mit dem Stier, zwei Kälber, ein Gewimmel von Ziegen und Schafen. Wo will das noch hinaus! sagt Oline und schlägt die Augen zum Himmel auf.

Sie bleibt über Nacht.

Aber am nächsten Tag geht sie. Wieder hat sie etwas in einem Bündel mitbekommen; da Isak im Steinbruch ist, macht sie einen kleinen Umweg, um ihn zu vermeiden.

Zwei Stunden später erscheint Oline wieder in der Ansiedlung; sie tritt ein und fragt: Wo ist Isak?

Inger ist beim Geschirraufwaschen. Sie merkt, daß Oline bei Isak und den Kindern, die im Steinbruch sind, vorbeigekommen sein muß, und sie ahnt gleich Unrat. Oline, was willst du von Isak? fragt sie. — Oh, nichts Besonderes! Aber ich habe ihm nicht Lebewohl gesagt. — Schweigen. Oline sinkt ohne weiteres auf eine Bank nieder, wie wenn sie ihre Beine nicht mehr tragen wollten. Sie läßt absichtlich etwas Ungewöhnliches ahnen, gerade indem sie zeigt, daß sie am Umsinken ist. Nun kann sich Inger nicht länger beherrschen, ihr Gesicht ist verzerrt und drückt Wut und Entsetzen aus. Sie sagt: Ich hab' einen Gruß von dir bekommen durch Os-Anders. Es war ein netter Gruß. — Was denn? — Es war ein Hase. — Was du nicht sagst? versetzte Oline merkwürdig freundlich. — Wage nicht, es zu leugnen! ruft Ingermit irren Augen. Ich schlage dir mit der Holzkelle hier mitten ins Gesicht! So, da!

Schlug sie zu? Ja, gewiß. Und da Oline nicht beim ersten Schlag zurücktaumelt, sondern im Gegenteil aufsässig wird und ruft: Nimm dich in acht! Ich weiß, was ich von dir weiß! da gebraucht Inger die Holzkelle weiter und schlägt Oline zu Boden, zwingt sie unter sich und setzt ihr das Knie auf die Brust.

Willst du mich ganz töten? fragt Oline. Sie hatte diesen schrecklichen Hasenmund über sich, eine große, starke Frau mit einem wahren Prügel von einem Holzlöffel in der Hand. Oline hatte schon Beulen von den Schlägen, sie blutete, aber sie knurrte noch mehr und gab nicht nach. So, du willst michauchumbringen? — Ja — dich umbringen, antwortet Inger und schlägt weiter. Da hast du! Ich werde dich totschlagen! — Sie hatte jetzt die Gewißheit, daß Oline ihr Geheimnis kannte, und es war ihr alles einerlei. — Da hast du eins auf deinen Rachen! — Meinen Rachen!Duhast einen Rachen! stöhnt Oline. Unser Herrgott hat dir ein Kreuz ins Gesicht geschnitten.

Da Oline zu zäh ist, um überwältigt werden zu können, ja, verdammt zäh, muß Inger mit ihren Schlägen aufhören; es nützt alles nichts, sie erschöpft sich nur selbst. Aber sie droht — oh, sie droht Oline mit der Holzkelle dicht vor den Augen, oh, sie werde noch bekommen, sie werde noch für alle Zeiten genug bekommen! Ich hab' auch ein Küchenmesser, du wirst es gleich sehen!

Sie richtet sich auf, wie um nach dem Messer zu greifen, nach dem großen Tischmesser; aber jetzt ist ihre erste Aufregung vorüber, und sie gebraucht nur noch den Mund. Oline richtet sich auch auf und setzt sich wieder auf die Bank, blau und gelb im Gesicht, voller Beulen und blutig. Sie streicht sich das Haar zurück, rückt ihrKopftuch zurecht, spuckt aus; ihr Mund ist verschwollen! Du Vieh! sagt sie.

Du bist im Wald gewesen und hast herumgeschnüffelt! ruft Inger; dazu hast du die Stunden angewendet, und du hast das kleine Grab gefunden. Aber du hättest gleich ein Loch für dich selbst graben sollen! — Du wirst schon sehen! erwidert Oline, und ihre Augen funkeln vor Rachgier. Ich sage nichts mehr, aber nun wirst du keine Stube nebst Kammer und Orgelwerk mehr haben. — Das kannst du nicht bestimmen! — Oh, das werden die Oline und ich bestimmen!

Die zwei Weiber zanken sich weiter. Oline ist nicht so grob und laut, sie ist in ihrer häßlichen Bosheit geradezu friedlich, aber sie ist verbissen und gefährlich. Ich gehe, um mein Bündel zu holen, ich bereue, daß ich es im Wald hab' liegen lassen. Ich gebe dir die Wolle zurück, ich will sie gar nicht haben. — So, du denkst wohl, ich hätte sie gestohlen. — Das weißt du selbst, was du getan hast.

Darüber zanken sie sich wieder. Inger sagt, sie wolle das Schaf zeigen, von dem sie die Wolle geschoren habe. Oline erwidert friedlich und gelassen: Jawohl, aber wer weiß, wo du das erste Schaf herhast? — Inger nennt Namen und Ort, wo ihre ersten Schafe und Lämmer in Futter gestanden haben. Und das sag ich dir, nimm dich ein für allemal mit deinem Mund in acht! droht sie. — Haha! lacht Oline verächtlich. Sie hat immer eine Antwort bereit und gibt nicht nach. Meinen Mund! Und deinen eigenen Mund! Sie deutet auf Ingers Hasenscharte und sagt, sie sei ein Abscheu vor Gott und den Menschen. Inger antwortet wutschnaubend, und da Oline dick ist, schimpft sie sie einen Fettwanst — ein solcher gemeiner Fettwanst, wie du bist! Und ich danke dir auch für den Hasen, den du mir geschickt hast. — Hasen? Wenn ich in allem so frei von Schuld wäre wie bei demHasen! Wie sah er denn aus? — Wie sieht ein Hase aus? — Wie du! Ganz genau wie du! Und du hättest es gar nicht nötig, Hasen anzusehen. — Jetzt machst du, daß du hinauskommst! schreit Inger. Du hast Os-Anders mit dem Hasen hierhergeschickt. Ich werde dich strafen lassen. — Strafen lassen! Hast du strafen lassen gesagt? — Du bist voller Neid, du gönnst mir nichts von allem, was ich habe, und du verbrennst fast vor Neid darüber, fährt Inger fort. Seit ich verheiratet bin und Isak und alles, was hier ist, bekommen habe, hast du vor lauter Mißgunst fast kein Auge mehr zugetan. Großer Gott und Vater im Himmel, was willst du denn von mir? Ist es meine Schuld, daß deine Kinder nicht irgendwohin kamen, wo etwas aus ihnen geworden ist? Du kannst es nicht ertragen, daß meine Kinder wohlgestaltet sind und schönere Namen haben als die deinigen, aber kann ich etwas dafür, daß sie von besserem Fleisch und Blut sind, als deine waren!

Konnte etwas Oline rasend machen, so war es dies. Sie hatte so viele Kinder geboren und besaß nichts als diese Kinder, so wie sie nun einmal waren; sie sagte, sie seien gut und prahlte mit ihnen, sie log ihnen Verdienste an, die sie nicht hatten, und verbarg ihre Fehler. — Was hast du gesagt? erwiderte sie Inger. Daß du nicht vor Scham in die Erde versinkst. Meine Kinder, die im Vergleich zu den deinen wie eine himmlische Engelschar waren! Wagst du es, meine Kinder in den Mund zu nehmen? Alle sieben waren als klein wahre Gottesgeschöpfe und jetzt als erwachsen sind sie alle miteinander groß und wohlgestaltet. Nimm dich in acht, du! — Und die Lise, kam sie nicht ins Gefängnis, wie war denn das? fragt Inger. — Sie hatte nichts getan, sie war so unschuldig wie eine Blume, sagt Oline. Und jetzt ist sie in Bergen verheiratet und geht im Hut. Aber was tust du? — Und wie war's mit Nils? — Es ist mir nicht derMühe wert, dir zu antworten. Aber du hast eines drüben im Walde liegen, was hast du mit dem getan? Du hast es umgebracht. — Pack dich und mach, daß du hinauskommst! schreit Inger wieder, und sie dringt aufs neue auf Oline ein.

Aber Oline weicht nicht, sie steht nicht einmal auf. Diese Unerschrockenheit, die wie Verstocktheit aussieht, lähmt Inger abermals, und sie sagt nur: Jetzt hole ich aber gleich das Hackmesser! — Laß das lieber sein, rät Oline, ich gehe schon von selbst. Aber was das betrifft, daß du deine eigenen Verwandten hinauswirfst, so bist du ein Vieh. — Ja, aber mach nur, daß du fortkommst.

Aber Oline geht nicht. Die beiden Frauen zanken sich noch eine gute Weile, und sooft die Wanduhr halb oder ganz schlägt, stößt Oline ein Hohngelächter aus und macht Inger rasend. Schließlich beruhigen sich beide doch ein wenig, und Oline macht sich zum Gehen fertig. Ich habe einen weiten Weg und die Nacht vor mir, sagt sie. Und es war recht dumm, ich hätte von daheim etwas zum Essen mitnehmen sollen, sagt sie.

Darauf gibt Inger keine Antwort, sie ist jetzt wieder vernünftig geworden; sie füllt Wasser in ein Becken und sagt: Da, wenn du dich abreiben willst! Oline sieht ein, daß sie sich waschen muß, ehe sie geht, aber da sie nicht weiß, wo sie blutig ist, wäscht sie an den verkehrten Stellen. Inger sieht ihr eine Weile zu, dann deutet sie. Da — fahr auch über die Schläfe, nein, die andere Schläfe, ich deute ja darauf. — Hab' ich wissen können, auf welche Seite du gedeutet hast? versetzt Oline. — An deinem Mund sitzt auch noch etwas. Bist du vielleicht wasserscheu? fragt Inger.

Schließlich muß Inger selbst die Verwundete waschen und ihr ein Handtuch hinwerfen.

Was ich sagen wollte, beginnt Oline, während sie sich abtrocknet, und sie ist jetzt wieder vollkommen friedlich,wie soll Isak mit den Kindern das überstehen? — Weiß er's? fragt Inger. — Ob er es weiß! Er kam dazu und sah es. — Was sagte er? — Was konnte er sagen! Er war sprachlos, wie ich auch.

Schweigen.

Du, du bist an allem miteinander schuld! klagt Inger und bricht in Tränen aus. — Wenn ich nur an allem so frei von Schuld wäre! — Ich werde ihn, den Os-Anders, fragen, darauf kannst du dich verlassen! — Ja, tu das!

Sie sprechen es in Ruhe durch, und Oline scheint jetzt weniger rachsüchtig zu sein. Oh, sie ist ein Politikus ersten Ranges und gewohnt, Auswege zu finden, jetzt äußert sie sogar eine Art Mitgefühl, indem sie sagt, wenn es nun herauskomme, dann täten ihr Isak und auch die Kinder herzlich leid. — Ja, sagt Inger und weint noch mehr. Ich habe Tag und Nacht gegrübelt und gegrübelt. Als Ausweg fällt es nun Oline plötzlich ein, daß sie eine Hilfe sein könne, sie könne vielleicht herkommen und auf der Ansiedlung bleiben, wenn Inger ins Gefängnis müsse.

Jetzt weint Inger nicht mehr, sie horcht gleichsam plötzlich auf und überlegt. Nein, du versorgst die Kinder nicht, sagt sie. — Soll ich die Kinder nicht versorgen? Du spottest! — So. — Ja, denn wenn ich für etwas ein Herz habe, so sind es Kinder. — Ja, für deine eigenen, aber wie wirst du gegen die meinigen sein? Und wenn ich daran denke, daß du mir den Hasen geschickt hast, nur um mich zu verderben, so bist du ganz und gar schuld daran. — Ich? fragt Oline. Meinst du mich? — Ja, dich meine ich, antwortet Inger mit lautem Schluchzen. Du bist das größte Scheusal gegen mich gewesen, und ich trau dir nichts Gutes zu. Und außerdem würdest du uns nur alle Wolle stehlen, wenn du hierher kämst. Und einen Ziegenkäse nach dem andern würden deine Leute bekommen und nicht die meinigen. — Du bist ein Vieh, sagt Oline.

Inger weint, wischt sich die Augen und spricht ab und zu ein paar Worte. Oline sagt, sie wolle sich gewiß nicht aufdrängen, denn sie könne bei ihrem Sohn Nils sein, wo sie schon immer gewohnt habe. Wenn nun aber Inger ins Gefängnis komme, so wäre Isak mit den unschuldigen Kleinen ganz verlassen, da könne sie hierher kommen und auf sie aufpassen. Sie stellt das recht verlockend hin, es werde gewiß nicht schlimm gehen. Du kannst es dir nun überlegen, sagt sie.

Inger ist mutlos; sie weint und schüttelt den Kopf und schaut zu Boden. Wie eine Schlafwandlerin geht sie in die Vorratskammer und macht für den Gast Mundvorrat zurecht. — Nein, du sollst dich nicht in Unkosten stürzen, sagt Oline. — Und du sollst nicht ohne Mundvorrat übers Gebirge gehen, entgegnet Inger.

Als Oline gegangen ist, schleicht sich Inger hinaus, sieht sich um, horcht. Kein Laut vom Steinbruch herüber! Sie geht näher hin und hört die Kinder; sie spielen mit Geröll. Isak hat sich gesetzt; er hält den Spaten zwischen den Knien und stützt sich darauf, wie auf einen Stock. Da sitzt er.

Inger schleicht sich zum Waldsaum hin. Sie hatte ein kleines Kreuz in die Erde gesteckt; das Kreuz liegt am Boden, aber da, wo es gestanden hat, ist der Rasen weggenommen und die Erde aufgewühlt. Inger setzt sich nieder und scharrt die Erde mit den Händen wieder zusammen. Und da sitzt sie.

Sie kam aus Neugier, um zu sehen, wie tief Oline in dem kleinen Grab gewühlt hat, sie bleibt sitzen, weil die Haustiere noch nicht heimgekommen sind. Sie weint und schüttelt den Kopf und sieht zu Boden.

Die Tage vergehen. Es ist ein ausgezeichnetes Wetter für das Feld, mit Sonnenschein und Regenschauern, und die Frucht wächst dementsprechend heran. Die Ansiedler sind mit der Heuernte schon fast fertig, und sie bekommen eine Menge Heu; fast ist nicht alles unter Dach und Fach zu bringen, sie stopfen es unter vorspringende Felsen, in den Stall, unter das Wohnhaus, räumen das Vorratshaus ganz aus und stopfen dieses auch bis zum Dache voll. Früh und spät arbeitet Inger mit als unentbehrliche Hilfe und Stütze. Isak benützt jeden Regenaugenblick, um die neue Scheune unter Dach zu bringen und auf jeden Fall die Südseite vollständig fertigzumachen, dann kann so viel Heu untergebracht werden, als es nur gibt. Es geht tüchtig vorwärts, es wird schon recht werden!

Das große, traurige Ereignis mit seiner Sorge war da, die Tat war getan, und die Folgen würden nicht ausbleiben. Das Gute geht oft einen spurlosen Weg, das Böse zieht immer seine Folgen nach sich. Isak faßte die Sache von Anfang an verständig auf und sagte nichts weiter zu seiner Frau, als: Wie bist du nur dazu gekommen? — Darauf antwortete Inger nichts. Und nach einer Weile sagte Isak wieder: Hast du es erwürgt? — Ja, sagte Inger. — Das hättest du nicht tun sollen. — Nein, antwortete sie. — Und ich verstehe nicht, wie du es hast tun können. — Sie hat genau so ausgesehen wie ich, sagte Inger. — Wieso? — Am Mund. — Isak dachte lange nach, dann sagte er: Ja, ja.

Weiter wurde vorerst nichts darüber gesprochen, und als die Tage genau so ruhig vergingen wie vorher und außerdem sehr viel Heu hereingeschafft und untergebracht werden mußte, auch besonders viel Feldarbeit zu verrichten war, trat die Missetat allmählich in ihren Gedanken zurück. Aber sie hing die ganze Zeit über den Menschen und über der ganzen Ansiedlung. Die Eheleute konnten nicht hoffen, daß Oline schweigen würde, das war zu unsicher. Und selbst wenn Oline schwieg, konnten dann die stummen Zeugen nicht eine Stimme bekommen, die Wände des Hauses oder die Bäume im Walde rings um das kleine Grab? Os-Anders konnte Andeutungen machen, Inger selbst konnte sich wachend oder schlafend verraten. Sie waren auf das Schlimmste gefaßt.

Was konnte Isak anders tun, als die Sache verständig auffassen? Jetzt begriff er, warum Inger jedesmal bei der Geburt hatte allein sein wollen, allein hatte sie die große Angst über die Wohlgestaltetheit des Kindes ausstehen, allein der Gefahr entgegengehen wollen. Dreimal hatte sich das wiederholt. Isak schüttelte den Kopf, und sie tat ihm sehr leid mit ihrem Unglück, die arme Inger. Und als er von der Sendung des Lappen mit dem Hasen hörte, da sprach er Inger frei. Das führte zu großer Liebe zwischen ihnen, einer verrückten Liebe, sie schmiegten sich aneinander an in der Gefahr, sie war voll urwüchsiger Süßigkeit gegen ihn, und er wurde wild und unmäßig gierig nach ihr, der Mühlengeist, der Klotz. Als Schuhwerk gebrauchte sie nur Lappenschuhe, aber sie hatte nichts von einer Lappennatur an sich, sie war nicht klein und welk, sondern im Gegenteil herrlich und groß. Jetzt im Sommer ging sie barfuß und kurzgeschürzt, mit nackten Waden, und von diesen nackten Waden konnte Isak seine Augen nicht losreißen.

Den ganzen Sommer hindurch sang sie Bruchstücke von Kirchenliedern und lehrte auch Eleseus Gebete hersagen; aber sie haßte alle Lappen ganz unchristlich und sagte denen, die vorbeizogen, ihre Meinung geradeheraus. Sie könnten ja wieder von jemand geschickt sein, könnten einen Hasen in ihrem Fellsack haben, sie sollten nur weitergehen! — Einen Hasen? Was für einen Hasen?— Na, hast du nicht gehört, was Os-Anders getan hat? — Nein. — Ich kann es dir gern selbst sagen. Er kam mit einem Hasen hierher, als ich guter Hoffnung war. — Hat man je so etwas gehört? Hast du einen Schaden davon gehabt? — Das kümmert dich nichts, geh jetzt nur! Da hast du einen Bissen und dann mach, daß du weiterkommst! — Du hast wohl nicht ein Stück Leder, womit ich meine Schuhe ausbessern kann? — Nein, aber einen Stecken kannst du zu fühlen bekommen, wenn du jetzt nicht gehst.

Ein Lappe bettelt demütig, bekommt er jedoch nichts, dann wird er rachsüchtig und droht. Jetzt kam ein Lappenpaar mit zwei Kindern an der Siedlung vorüber; die Kinder wurden ins Haus geschickt, um zu betteln, sie kamen zurück und meldeten, es sei niemand daheim. Die Familie blieb eine Weile stehen und redete lappisch miteinander, dann ging der Mann hinein, um nachzusehen. Er kam nicht wieder. Da ging die Frau ihm nach und zuletzt auch die Kinder, sie blieben alle in der Stube stehen und flüsterten in der Lappensprache. Der Mann steckt den Kopf in die Kammer hinein, auch da war niemand. Jetzt schlägt die Wanduhr, die Familie lauscht verwundert und bleibt stehen.

Inger mußte geahnt haben, daß fremde Leute auf den Hof kamen, jetzt lief sie rasch die Halde herunter. Als sie sieht, daß es Lappen sind, und dazu Lappen, die sie nicht kennt, sagt sie geradeheraus: Was wollt ihr hier? Habt ihr nicht gesehen, daß niemand daheim war? — O ja, sagt der Mann. — Inger sagt: Macht, daß ihr fortkommt!

Die Familie rückt langsam und widerwillig hinaus. Wir sind stehengeblieben und haben dieser Uhr zugehört, sagt der Mann. Sie hat so wundervoll geschlagen. — Du hast wohl nicht einen Brotlaib für uns? sagt die Frau. — Woher kommt ihr? fragt Inger. — Von Vatnan aufder andern Seite. Wir sind die ganze Nacht hindurch gewandert. — Wohin wollt ihr? — Übers Gebirge.

Inger geht hinein und richtet etwas Mundvorrat; als sie wieder herauskommt, bettelt die Frau noch um Stoff zu einer Mütze, um einen Knäuel Wolle, um ein Stück Ziegenkäse, alles kann sie gebrauchen. Inger hat keine Zeit, Isak und die Kinder sind auf der gemähten Wiese. Jetzt geht nur, sagt sie.

Die Frau versucht es mit Schmeicheln: Wir haben dein Vieh auf der Weide gesehen, es sind so viele Tiere, gerade wie die Sterne am Himmel. — Großartig! sagt auch der Mann. Hättest du nicht ein paar alte Lappenschuhe?

Inger schließt die Haustür und geht zu ihrer Arbeit zurück. Da rief der Mann ihr etwas nach, sie tat jedoch, als höre sie es nicht, und ging nur weiter, aber sie hatte es gut gehört. Ist es richtig, daß du Hasen kaufst?

Das war nicht mißzuverstehen. Der Lappe hatte vielleicht in gutem Glauben gefragt, vielleicht hatte es ihm jemand weisgemacht, vielleicht fragte er auch aus Bosheit, aber Inger hatte jedenfalls eine Warnung erhalten. Das Schicksal meldete sich ...

Die Tage vergingen. Die Ansiedler waren gesunde Menschen, was kommen sollte, mochte kommen, sie taten ihre Arbeit und warteten. Sie lebten dicht beieinander wie Tiere im Walde, sie schliefen und aßen, die Jahreszeit war schon so vorgeschritten, daß sie die neuen Kartoffeln versuchten; sie waren groß und mehlig. Der Schlag — warum fiel der Schlag nicht? Jetzt war es schon Ende August, bald kam der September, sollten sie den Winter über verschont bleiben? Sie waren beständig auf der Wacht, jeden Abend krochen sie in ihrer Höhle zusammen, froh darüber, daß der Tag ohne etwas Schlimmes vergangen war. So verstrich die Zeit bis zum Oktober, da erschien der Lensmann mit einem Mann undeiner Aktenmappe bei ihnen. Das Gesetz schritt zur Tür herein.

Die Nachforschungen brauchten Zeit, Inger wurde unter vier Augen verhört. Sie leugnete nichts; das Grab im Walde wurde geöffnet und geleert und die kleine Leiche zur Untersuchung eingeschickt. Die kleine Leiche war in Eleseus' Taufkleid gehüllt und hatte die Mütze mit den Perlen auf dem Köpfchen.

Da fand Isak gleichsam seine Sprache wieder. Ja, ja, jetzt steht es so schlimm für uns, als es nur kann, sagte er. Ich sage eben auch jetzt noch dasselbe, du hättest es nicht tun sollen. — Nein, gibt Inger zu. — Wie hast du es gemacht? — Inger gab keine Antwort. — Und daß du es übers Herz hast bringen können! — Sie war genau so wie ich. Da legte ich sie aufs Gesicht. Isak schüttelte den Kopf. — Und dann starb sie, fuhr Inger fort und brach in lautes Weinen aus. Isak schwieg eine Weile. Ja, ja, jetzt ist es zu spät zum Weinen, sagte er dann. — Sie hatte braunes Haar im Nacken, schluchzte Inger.

Damit war die Angelegenheit wieder zu Ende.

Und wieder vergingen die Tage. Inger wurde nicht festgenommen, die Obrigkeit ließ Milde walten. Lensmann Heyerdahl fragte sie aus, wie er jeden anderen Menschen ausgefragt hätte, und sagte nur: Es ist traurig, daß so etwas vorkommt! Als Inger fragte, wer sie angezeigt habe, antwortete der Lensmann, niemand, es seien ihm von verschiedenen Seiten Andeutungen über die Sache gemacht worden. Ob sie sich nicht selbst teilweise bei einigen Lappen verraten habe? — Inger antwortete: Ja, sie habe einigen Lappen von Os-Anders erzählt, der mitten im Sommer mit einem Hasen zu ihr gekommen sei, und davon habe das Kind unter ihrem Herzen eine Hasenscharte bekommen. Und Oline habe doch sicher den Hasen geschickt! — Davon wußte der Lensmann nichts. Aber wie es auch sein mochte, solche Unwissenheit undsolchen Aberglauben würde er nicht einmal in sein Protokoll aufnehmen. — Meine Mutter bekam einen Hasen zu sehen, als sie mich unter dem Herzen trug, sagte Inger ...

Die Scheune war fertig, es war eine geräumige Hütte mit einem Heuverschlag auf beiden Seiten und einer Tenne in der Mitte. Das Vorratshaus und die anderen vorläufigen Aufbewahrungsorte wurden geräumt und das Heu in die Scheune geschafft. Das Korn wurde geschnitten, auf Heinzen getrocknet und dann eingefahren. Inger grub die Karotten und Rüben heraus. Nun war alles unter Dach. Jetzt wäre alles gut gewesen, Wohlstand herrschte auf der Ansiedlung, Isak rodete wieder Neuland, bevor der Frost kam, und vergrößerte den Kornacker, und er war ein wirklicher Roder, das war er. Aber im November sagte Inger: Jetzt wäre sie ein halbes Jahr alt und hätte uns alle gekannt! — Da ist nichts mehr daran zu ändern, sagte Isak.

Im Winter drosch Isak auf der neuen Scheunentenne Korn, Inger half ihm viele Stunden lang und führte ihren Dreschflegel so gut wie er, während die Kinder im Heu spielten. Die Ähren gaben große dicke Körner. Gegen Neujahr war eine gute Schlittenbahn, und Isak fing an Klafterholz fürs Dorf zu richten; er hatte jetzt feste Käufer, und sein im Sommer getrocknetes Holz wurde gut bezahlt.

Eines Tages kam er mit Inger überein, das fette Kalb, das von Goldhorn stammte, mitzunehmen und es zu Madam Geißler zu bringen nebst einem Ziegenkäse. Die Madam war entzückt und fragte ihn, was die Sachen kosteten. — Nichts, sagte Isak, der Lensmann hat es schon bezahlt. — Gott segne ihn, hat er das getan? sagte Frau Geißler gerührt. Sie gab Isak für Eleseus und Sivert Bilderbücher und Kuchen und Spielsachen mit. Als Isak heimkam und Inger die Sachen sah, wendete sie sichab und begann zu weinen. Was hast du denn? fragte Isak. — Nichts, antwortete Inger. Aber gerade jetzt wäre sie ein Jahr alt gewesen und hätte alles dieses sehen können. — Jawohl, aber du weißt doch, wie sie gewesen ist, erwiderte Isak, um Inger zu trösten. Und außerdem ist es möglich, daß es nicht so schlimm ausfällt. Ich habe mich erkundigt, wo Geißler sich aufhält. — Inger horchte auf. Ja, kann er uns denn helfen? fragte sie. — Das weiß ich nicht.

Dann fuhr Isak das Korn in die Mühle, es wurde gemahlen, und er brachte Mehl nach Hause. Dann ging er wieder in den Wald und fällte Bäume für das Klafterholz des nächsten Jahres. Sein Leben ging von einer Arbeit zur andern, je nach den Jahreszeiten vom Feld in den Wald und vom Wald wieder aufs Feld. Jetzt hatte Isak sechs Jahre auf seiner Ansiedlung gearbeitet und Inger fünf; alles war recht und gut, wenn es so weiter ging. Aber es ging nicht so weiter. Inger warf das Weberschiffchen hin und her und versorgte ihren Viehstand, sie sang auch fleißig geistliche Lieder, aber, ach, du lieber Gott, ihr Gesang war eine Glocke ohne Klöppel!

Sobald der Weg gangbar war, wurde sie zum Verhör ins Dorf hinuntergeholt. Isak mußte daheim bleiben. Während er da allein war, nahm er sich vor, nach Schweden hinüberzuwandern und Geißler aufzusuchen, der wohlwollende Lensmann würde den Leuten auf Sellanraa vielleicht noch einmal freundlich entgegenkommen. Aber als Inger zurückkam, hatte sie schon nach allem gefragt und wußte über das Urteil einigermaßen Bescheid. Eigentlich sei es lebenslänglich, Paragraph 1, aber ... Seht, sie hatte sich mitten vor den heiligen Richterstuhl des Gesetzes hingestellt und einfach alles gestanden; die beiden Zeugen der Gemeinde hatten sie mitleidig angesehen, und der Hardesvogt hatte sie freundlich ausgefragt; aber sie war den hellen Köpfen der Herren vom Gesetz doch unterlegen. Die hohen Herren Juristen sind so tüchtig, die kennen ihre Paragraphen, sie haben sie auswendig gelernt und im Gedächtnis, so helle Köpfe sind sie. Und sie sind auch nicht ohne Verstand neben ihrem Amt, nicht einmal ohne Herz. Inger konnte sich nicht über das Gericht beklagen; sie hatte nichts von dem Hasen gesagt, aber als sie unter Tränen gestand, daß sie ihrem mißgestalteten Kind nichts so Böses habe antun wollen, wie es am Leben zu lassen, da hatte der Hardesvogt ernst und sachte mit dem Kopf genickt. Aber, hatte er gesagt, du hast ja selbst eine Hasenscharte, und dir ist es doch gut ergangen. — Ja, Gott sei Dank! hatte Inger nur geantwortet. Und sie hatte nichts von den geheimen Leiden ihrer Kindheit und Jugend vorbringen können.

Aber der Hardesvogt mußte doch das eine und andere gemerkt haben, er schleppte selbst einen Klumpfuß herum und hatte niemals tanzen können. Das Urteil — nein, das weiß ich noch nicht. Eigentlich ist es lebenslängliches Gefängnis, aber ... Und ich weiß nicht, ob wir es in die nächsten Stufen hinunterbringen, in die zweite oder dritte Stufe, fünfzehn bis zwölf, zwölf bis neun Jahre. Da sitzen einige Männer und humanisieren das Strafgesetz, werden aber nicht damit fertig. Aber wir müssen das Beste hoffen, sagte er.

Inger kam in einer stumpfen Gelassenheit zurück, es war nicht nötig gewesen, sie in Haft zu behalten. Ein paar Monate vergingen, und als Isak eines Abends vom Fischen heimkam, waren der Lensmann und sein neuer Gerichtsbote auf Sellanraa gewesen. Inger war lieb und gut gegen Isak und lobte ihn, obgleich er nicht viel Fische gefangen hatte.

Was wollte ich doch sagen, sind Fremde hier gewesen? fragte er. — Fremde? Warum fragst du? — Ich sehe neue Fußstapfen draußen. Spuren von Stiefeln. — Es ist niemand anders dagewesen als der Lensmann undnoch einer. — So. Was wollten sie? — Das wirst du dir denken können. — Wollten sie dich holen? — Mich holen? Nein, es war nur das Urteil. Und das kann ich dir sagen, Isak, Gott ist gnädig gewesen, es ist nicht so, wie ich gefürchtet habe. — So, sagte Isak gespannt, dann ist es vielleicht doch nicht sehr lang? — Nein, nur einige Jahre. — Wie viele? — Ja, ja, du wirst wohl finden, es seien viele Jahre, aber ich danke Gott, daß ich wenigstens mit dem Leben davonkomme.

Inger nannte die Zahl nicht. Später am Abend fragte Isak, um welche Zeit man sie holen würde; aber das wußte sie nicht, oder sie wollte es nicht sagen. Sie war jetzt wieder sehr nachdenklich, redete davon, daß sie nicht wisse, wie alles gehen solle, aber Oline werde wohl kommen, und Isak wußte auch keinen anderen Ausweg. Wo war übrigens Oline geblieben? Sie war in diesem Jahr nicht wie sonst gekommen. War es ihre Absicht, ganz wegzubleiben, nachdem sie bei ihnen alles aus dem Geleise gebracht hatte? Sie machten die Feldarbeit, aber Oline kam nicht. Sollte man sie vielleicht holen? Ach, sie würde schon dahergeschwankt kommen, der Fettwanst, das Untier!

Endlich eines Tages kam sie. Welch ein Frauenzimmer! Es war, als sei zwischen ihr und dem Ehepaar gar nichts vorgefallen, sie strickte sogar ein Paar gereifelte Strümpfe für Eleseus, wie sie sagte. Ich wollte nur sehen, wie ihr es hier auf dieser Seite des Gebirges habt, begann sie. Es zeigte sich, daß sie ihre Kleider und Sachen in einem Sack im Walde liegen hatte und darauf eingerichtet war, dazubleiben.

Am Abend nahm Inger ihren Mann auf die Seite und sagte: Hast du nicht gesagt, du wollest versuchen, Geißler aufzufinden? Jetzt ist ruhige Zeit. — Ja, antwortete Isak, da Oline jetzt da ist, breche ich gleich morgen früh auf. — Inger sagte, sie wäre ihm dankbar dafür. Unddu mußt alles bare Geld mitnehmen, das du hast, sagte sie. — So. Kannst du es nicht aufheben? — Nein.

Inger machte reichlich Mundvorrat für ihn zurecht, und Isak wachte bereits in der Nacht auf und machte sich zum Aufbruch fertig. Inger begleitete ihn bis zur Haustür, sie weinte nicht und jammerte nicht, aber sie sagte: Jetzt können sie jeden Tag kommen, um mich zu holen. — Weißt du etwas? — Nein, wie sollte ich etwas wissen? Und es wird wohl auch noch nicht so bald sein, aber ... Wenn du jetzt nur den Geißler fändest und er dir irgendeinen guten Rat geben könnte!

Was hätte Geißler jetzt noch tun können? Nichts. Aber Isak ging doch.

Aber ja, Inger hatte wohl etwas gewußt. Sie hatte vielleicht auch durch irgend jemand Oline Nachricht zukommen lassen. Als Isak von Schweden heimkam, war Inger abgeholt worden, und Oline war bei den beiden Kindern geblieben.

Das war eine traurige Nachricht für Isak bei seiner Heimkehr, als er mit lauter Stimme nach Inger rief und keine Antwort bekam. Ist sie fort? fragte er. — Ja, antwortete Oline. — An welchem Tag war es? — Am Tag, nachdem du weggegangen warst. — Jetzt erriet Isak, daß Inger bei der Entscheidung wieder allein hatte sein wollen und sie ihn deshalb auch gebeten hatte, alles Geld mitzunehmen. Ach, Inger hätte gern ein paar Groschen für die große Reise haben können!


Back to IndexNext