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Aber die kleinen Jungen waren gleich ganz in Anspruch genommen von dem netten gelben Ferkelchen, das Isak mitgebracht hatte. Das war übrigens auch das einzige, was er mitbrachte. Geißlers Adresse war veraltet. Geißler war nicht mehr in Schweden, er war in Drontheim. Aber das Ferkelchen hatte Isak auf seinen Armen von Schweden herübergetragen, er hatte es mit Milch aus seiner Flasche geatzt und im Gebirge mit ihm auf derBrust geschlafen. Er hatte Inger eine Freude machen wollen, jetzt spielten Eleseus und Sivert damit und hatten großen Spaß daran. Das zerstreute Isak ein wenig. Dazu kam noch, daß Oline vom Lensmann grüßen konnte und ausrichtete, der Staat sei endlich auf den Verkauf von Sellanraa eingegangen, und Isak solle nur in die Amtsstube des Lensmanns hinunterkommen und bezahlen. Das war eine gute Nachricht, und sie riß Isak aus seiner tiefsten Niedergeschlagenheit heraus. Obgleich er noch recht müde und steifbeinig von seiner Reise war, packte er neuen Mundvorrat zusammen und wanderte gleich ins Dorf hinunter. Er hatte wohl eine leise Hoffnung, Inger noch dort zu treffen.

Aber diese Hoffnung ging nicht in Erfüllung, Inger war fort, für acht Jahre. Isak wurde es öde und düster zumute, und er verstand nur das eine und andere von dem, was der Lensmann sagte. Es sei traurig, daß so etwas vorkommen könne. Er hoffe, es werde Inger eine Lehre sein, daß sie sich bekehre und ein besserer Mensch werde und ihre Kinder nicht mehr umbringe.

Lensmann Heyerdahl war seit dem vorigen Jahr verheiratet. Seine Frau wollte nicht Mutter werden und wollte keine Kinder haben — sie bedankte sich dafür. Und sie hatte auch keine.

Endlich kann ich auch die Sache Sellanraa abschließen, sagte der Lensmann dann. Das Königliche Ministerium ist einigermaßen nach meinen Vorschlägen auf den Verkauf eingegangen. — So, sagte Isak. — Es hat lang gedauert, aber ich habe die Befriedigung, daß meine Arbeit nicht vergeblich gewesen ist! Was ich geschrieben habe, ist beinahe Punkt für Punkt durchgegangen. — Punkt für Punkt, wiederholte Isak und nickte. — Hier ist die Urkunde. Du kannst sie beim nächsten Thing verlesen lassen. — Ja, sagte Isak. Was muß ich bezahlen? — Zehn Taler jährlich. Hier hat das Ministeriumallerdings eine kleine Veränderung vorgenommen, anstatt fünf Taler jährlich zehn. Ich weiß nicht, wie du das aufnimmst? — Wenn ich es nur leisten kann, antwortete Isak. — Und zehn Jahre lang. — Isak sah erschrocken auf. — Ja, das Ministerium will auf nichts anderes eingehen, sagte der Lensmann. — Und das ist auch gar keine Bezahlung für ein so großes Grundstück, urbar gemacht und so angebaut, wie es nun dasteht.

Isak hatte die zehn Taler für dieses Jahr, er hatte sie für Klafterholz und die Ziegenkäse bekommen, die Inger zusammengespart hatte. Er bezahlte, und es blieb ihm noch ein Rest übrig.

Es ist wirklich ein Glück für dich, daß das Ministerium nichts von der Tat deiner Frau erfahren hat, fuhr der Lensmann fort. Sonst hätten sie vielleicht einen anderen Käufer dafür genommen. — So, sagte Isak, und dann fragte er: Und sie ist also nun für volle acht Jahre fort? — Ja, das läßt sich nicht ändern, die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben. Ihre Strafe ist übrigens milder als mild. Das nächste, was du nun zu tun hast, ist, eine deutliche Grenzscheide zwischen dir und dem Staatseigentum auszuhauen. Rode alles mit Stumpf und Stiel aus, in gerader Linie nach den Merkzeichen, die ich angegeben und in mein Protokoll eingetragen habe. Das Holz gehört dir. Ich werde später hinaufkommen und nachsehen.

Isak wanderte heim.

Die Jahre vergehen rasch? Ja, für den, der altert. Isak war weder alt noch geschwächt, ihm wurden die Jahre lang. Er arbeitete auf seinem Hofe und ließ seinen rostroten Bart wachsen, wie er wollte.

Ab und zu, wenn ein Lappe vorbeikam oder sich dies und jenes im Viehstand ereignete, wurde die Einförmigkeit im Ödland unterbrochen. Einmal kamen viele Männer vorbeigewandert; sie ruhten auf Sellanraa aus, aßen und tranken Milch dazu und fragten Isak und Oline nach dem Weg übers Gebirge aus; sie sollten eine Telegraphenlinie abschreiten, sagten sie. Ein anderes Mal erschien Geißler — kein Geringerer als Geißler. Er kam frisch und froh vom Dorfe heraufmarschiert und hatte zwei Mann bei sich mit Bergwerksgeräten und Pickel und Spaten.

Dieser Geißler! Er war ganz derselbe wie früher, ganz unverändert. Er sagte guten Tag, plauderte mit den Kindern, ging ins Haus und kam wieder heraus, betrachtete die Felder, öffnete die Türen von Stall und Scheune und schaute hinein. Ausgezeichnet! sagte er. Isak, hast du die kleinen Steine noch? — Die kleinen Steine? — Ja, die kleinen schweren Steine, mit denen dein Junge gespielt hat, als ich das letztemal hier war?

Die Steine waren im Vorratshaus, sie lagen als Gewicht auf den Mausefallen, nun wurden sie hereingeholt. Der Lensmann und die beiden Männer untersuchten sie, besprachen sich darüber, klopften darauf und wogen sie in der Hand. Schwarzkupfer! sagten sie. — Kannst du mit ins Gebirge gehen und uns zeigen, wo du die Steine gefunden hast? fragte der Lensmann.

Alle miteinander gingen in die Berge, und es war nicht weit bis zur Fundstätte; aber sie wanderten doch ein paarTage umher, suchten nach Metall und sprengten da und dort einen Stein los. Als sie in den Hof zurückkehrten, brachten sie zwei schwere Säcke voll Steine mit.

Währenddem hatte Isak mit Geißler seine ganze Lage besprochen, auch daß der Preis für den Hof auf hundert Taler anstatt auf fünfzig festgesetzt worden war. — Ach, das spielt keine Rolle, sagte Geißler leichthin. Du hast vielleicht Kostbarkeiten in deinem Gestein, die Tausende wert sind. — So, sagte Isak. — Aber du mußt die gerichtliche Bestätigung der Urkunde so rasch wie möglich ins Werk setzen. — Ja. — Damit dir der Staat nicht einen Prügel in den Weg wirft, verstehst du? sagte er. — Isak verstand. Ja, ja, aber das Schlimmste ist doch die Sache mit Inger, erwiderte er. — Ach ja, sagte Geißler, und er überlegte für seine Art ungewöhnlich lange. Der Fall könnte vielleicht noch einmal aufgenommen werden. Wenn alles an den Tag käme, würde ihre Strafe vielleicht etwas heruntergesetzt. Aber wir könnten vielleicht um Begnadigung einkommen und damit ungefähr dasselbe erreichen. — So, meint Ihr das? — Um Begnadigung können wir zwar vorderhand noch nicht einkommen, da muß erst einige Zeit verstrichen sein. Aber was ich sagen wollte: Du hast meiner Familie ein Kalb und Ziegenkäse gebracht, was bin ich dir dafür schuldig? — Nichts, Ihr habt schon dafür bezahlt. — Ich? — Und Ihr habt uns so viel geholfen. — Nein, sagte Geißler kurz, indem er einige Talerscheine auf den Tisch legte. Hier nimm dies! sagte er.

Er war ein Mann, der nichts umsonst wollte, und es schienen auch noch genug Geldscheine in seiner Brusttasche zu stecken, so dick war sie. Gott mochte wissen, ob er wirklich so reich war!

Aber sie schreibt, sie habe es gut, sagte Isak, der nur an seine Angelegenheiten dachte. — Ach so, deine Frau? — Ja, seit sie das kleine Mädchen bekommen hat — siehat ein kräftiges, wohlgestaltetes Mädchen bekommen. — Das ist ausgezeichnet! — Ja, und die anderen helfen ihr alle miteinander, und jedermann sei gut gegen sie, schreibt sie.

Geißler sagte: Jetzt schicke ich diese kleinen Steine hier an einige gesteinskundige Herren, um zu erfahren, woraus sie bestehen. Wenn ordentlich Kupfer drin ist, bekommst du viel Geld. — So, sagte Isak. Und wann meint Ihr wohl, daß wir um Begnadigung einkommen können? — In einiger Zeit. Ich werde für dich hinschreiben, und ich komme später auch selbst wieder her. Was hast du gesagt? Hat deine Frau ein Kind bekommen, seit sie von hier fort ist? — Ja. — Dann haben sie sie in schwangerem Zustand hier weggeholt? Das hätten sie nicht dürfen. — Nicht? — Nein, und das ist ein Grund mehr, daß sie nach einer bestimmten Zeit frei wird. — Das wäre ja sehr gut, sagte Isak dankbar.

Isak wußte nicht, daß die Obrigkeit schon viele und lange Aktenstücke wegen der schwangeren Frau hatte hin und her schicken müssen. Sie hatte es seinerzeit aus zweierlei Gründen unterlassen, Inger von ihrem Hause weg in Haft zu nehmen. Erstens hatte es an einem Arrestlokal für sie gefehlt, und zweitens hatte die Obrigkeit milde sein wollen. Die Folgen waren unberechenbar. Später, als Inger festgenommen werden sollte, hatte niemand nach ihrem Zustand gefragt, und sie selbst hatte nichts gesagt. Vielleicht hatte sie auch absichtlich geschwiegen, um das Kind in den bösen Jahren in ihrer Nähe zu haben; wenn sie sich gut aufführte, durfte sie es vielleicht ab und zu einmal sehen. Vielleicht war sie aber auch nur stumpf gewesen und war trotz ihres Zustandes gleichgültig darauf eingegangen, von zu Hause fortgeführt zu werden.

Isak arbeitete auf seinem Grund und Boden, er entwässerte und brach seine Äcker um, hieb die Grenzscheide zwischen sich und dem Staat aus, und die dabei gefälltenBäume gaben Klafterholz für ein ganzes Jahr. Aber da er Inger nicht mehr hatte, die ihn mit ihren Lobsprüchen anfeuerte, so schaffte er mehr aus Gewohnheit als aus Lust. Nun hatte er auch schon zwei Thinge vorübergehen lassen, ohne die Bestätigung seiner Urkunde einzuholen, weil es ihm eben nicht so sehr am Herzen gelegen hatte. Jetzt erst im Herbst raffte er sich dazu auf. Es stand bei ihm nicht alles, wie es sein sollte. Geduldig und besonnen, ja gewiß, das war er, aber er war geduldig und besonnen, weil er von Natur dazu angelegt war. Er suchte seine Häute zusammen, seine Ziegenfelle und Kalbfelle, legte sie in den Fluß, schabte später die Haare herunter, gerbte sie und machte sie zur Verarbeitung für Schuhwerk fertig. Im Winter stellte er schon beim ersten Schnee sein Saatkorn fürs nächste Frühjahr auf die Seite, damit das getan war, denn es war am besten, wenn es bereit stand; er war ein Mann der Ordnung. Aber er war ein freudloser, einsamer Mann geworden, ach ja, wieder ein unverheirateter Mann mit allem, was drum und dran war.

Welche Freude war es für ihn jetzt, am Sonntag in seiner Stube zu sitzen, gewaschen und sauber in seinem roten Hemd, wenn er niemand mehr hatte, für den er sich hübsch machen konnte? Die Sonntage waren die längsten von allen Tagen, sie verdammten ihn zum Müßiggang und zu traurigen Gedanken; er konnte nichts tun, als sich auf seinem Grundstück umhertreiben und nach allem sehen, was getan werden mußte. Jedesmal nahm er seine kleinen Jungen mit, immer einen von ihnen auf dem Arm. Es war so nett, ihr Geplauder anzuhören und auf ihre Fragen zu antworten.

Die alte Oline hatte er, weil er niemand andern hatte. Und im Grunde genommen war es nicht so übel, Oline zu haben. Sie kardätschte Wolle und spann, strickte Strümpfe und Fausthandschuhe, bereitete auch Ziegenkäse; aber sie hatte keine glückliche Hand und arbeitete ohne Liebe; vondem, was sie in die Hand nahm, gehörte ihr ja nichts zu eigen. Da hatte nun Isak einmal zu Ingers Zeit eine besonders hübsche Dose beim Händler gekauft, die ihren Platz auf dem Wandbrett hatte, sie war aus Ton und hatte einen Hundekopf auf dem Deckel, eigentlich war es eine Art Tabaksdose; Oline nahm einmal den Deckel ab und ließ ihn auf den Boden fallen. Inger hatte einige Fuchsiaableger in einer Kiste hinterlassen, die mit Glas zugedeckt waren; Oline nahm die Gläser ab und drückte sie nachher hart und fest wieder darauf. — Am nächsten Tage waren alle Ableger tot. Es war wohl nicht so ganz leicht für Isak, all dies mit anzusehen, und er machte vielleicht ein Gesicht, und da nichts Weiches oder Schwammhaftes an ihm war, so war es vielleicht ein gefährliches Gesicht. Oline war unverfroren und zungenfertig und muckte auf. Kann ich etwas dafür? sagte sie. — Das weiß ich nicht, erwiderte Isak, aber du hättest die Hand davon lassen können. — Ich werde ihre Blumen nicht mehr anrühren, sagte Oline darauf; aber nun waren sie ja tot.

Und wozu kamen jetzt sooft Lappen nach Sellanraa, jetzt viel öfters als früher? Was hatte Os-Anders da zu tun, konnte er nicht einfach vorübergehen? In einem Sommer kam er zweimal übers Gebirge gewandert; aber Os-Anders hatte ja keine Renntiere, nach denen er hätte sehen müssen, sondern lebte vom Bettel und von Besuchen bei anderen Lappen. Wenn er auf die Ansiedlung kam, ließ Oline alle Arbeit liegen und klatschte mit ihm über alle Leute im Dorfe, und wenn er wieder ging, war sein Sack schwer von allem möglichen. Zwei Jahre lang schwieg Isak geduldig dazu.

Dann wollte Oline wieder neue Schuhe haben, und da schwieg er nicht länger. Es war im Herbst, und Oline trug jeden Tag Lederschuhe, anstatt in Lappenschuhen oder Holzpantinen zu gehen. Isak sagte: Es ist schönes Wetterheute. Hm! So fing er an. — Ja, sagte Oline. — Hast du nicht heute morgen an den Ziegenkäsen bis auf zehn gezählt, Eleseus? fragte Isak. — Doch, antwortete Eleseus. — Aber jetzt sind es nur noch neun.

Eleseus zählte wieder nach und überlegte in seinem kleinen Kopf, dann sagte er: Ja, und dann der, den Os-Anders bekommen hat, dann sind es zehn.

Schweigen rings in der Stube. Aber der kleine Sivert wollte auch zählen, und so wiederholte er die Worte des Bruders: Dann sind es zehn.

Wieder Schweigen ringsum. Da mußte Oline schließlich eine Erklärung geben. Ja, er hat einen ganz kleinen Käse bekommen, ich habe nicht gedacht, daß das etwas ausmacht. Aber die Kinder sind noch nicht groß, und es zeigt sich jetzt schon, was in ihnen steckt. Ich kann wohl sehen und ausrechnen, wem sie nachschlagen! Dir jedenfalls nicht, Isak, das weiß ich.

Das war eine Andeutung, die Isak zurückweisen mußte. Die Kinder sind schon recht, sagte er. Aber kannst du mir sagen, welche Wohltaten Os-Anders mir und den Meinigen erwiesen hat? — Wohltaten? versetzte Oline. — Ja. — Er, Os-Anders? wiederholte sie. — Ja, weil ich ihm Ziegenkäse schuldig bin. — Oline hat nun Zeit zum Überlegen gehabt und gibt folgende Antwort: Gott bewahre mich, Isak! Bin ich es gewesen, die mit Os-Anders angefangen hat, so soll mich gleich der Schlag rühren!

Ausgezeichnet! Isak muß nachgeben, wie so manches Mal vorher.

Oline gab nicht nach: Und wenn ich jetzt, wo es dem Winter zugeht, hier barfuß laufen und das nicht zu eigen haben soll, was Gott zu Schuhen für die Füße geschaffen hat, dann sag es lieber geradeheraus. Schon vor drei bis vier Wochen habe ich von Schuhen gesprochen, aber ich habe noch nichts von ihnen gesehen und muß nun mitdenen hier herumlaufen. — Isak erwiderte: Was fehlt denn eigentlich deinen Holzschuhen, daß du sie nicht trägst? — Was ihnen fehlt? fragte Oline überrumpelt. — Ja, das möchte ich fragen. — Den Holzschuhen? — Ja. — Du sagst nichts davon, daß ich Wolle kardätsche und spinne, das Vieh versorge und die Kinder aufziehe, davon sagst du nichts. Und zum Kuckuck, deine Frau, die im Gefängnis sitzt, die ist doch wohl auch nicht barfuß im Schnee herumgelaufen. — Nein, sie trug Holzschuhe, sagte Isak. Und wenn sie in die Kirche oder zu ordentlichen Leuten ging, dann trug sie Lappenschuhe, sagte er. — Ja, ja, antwortete Oline, sie war eben soviel besser! — Ja, das war sie. Und wenn sie im Sommer Lappenschuhe trug, so hatte sie nichts als dürres Gras darin. Aber du, du trägst das ganze Jahr Strümpfe und Schuhe.

Oline sagte: Was das betrifft, so werde ich meine Holzschuhe wohl noch abnützen. Ich habe nicht geglaubt, daß es so große Eile hätte, meine eigenen Holzschuhe durchzulaufen. — Sie sprach leise und gedämpft, aber sie kniff die Augen halb zu, oh, sie war klug und schlau. Die Inger, sagt sie, der Wechselbalg, wie wir sie genannt haben, ist unter meinen Kindern umhergegangen und hat da in all den Jahren dies und jenes gelernt. Jetzt haben wir den Dank dafür. Wenn meine Tochter in Bergen einen Hut trägt, dann tut das Inger vielleicht südwärts da drunten auch, ja, vielleicht ist sie nach Drontheim gereist, um sich einen Hut zu kaufen, haha!

Isak stand auf und wollte hinausgehen. Aber jetzt war Oline das Herz aufgegangen, und sie zeigte, wie schwarz es war, ja, sie strahlte wahrhaftig Dunkelheit aus, sagte, keine von ihren Töchtern habe ein Gesicht wie ein feuerspeiendes Raubtier, könne sie gern sagen, aber deshalb seien sie doch gut genug. Nicht alle hätten Geschick dazu, Kinder umzubringen. — Jetzt nimm dich aber in acht! rief Isak, und um sich recht klar verständlichzu machen, fügte er noch hinzu: Du verdammtes Weibsbild.

Aber Oline nahm sich nicht in acht, nein. Haha! sagte sie und sah zum Himmel auf und deutete an, daß es eigentlich übertrieben sei, mit einer solchen Hasenscharte herumzulaufen wie gewisse Leute. Man könne auch darin Maß halten.

Isak war wohl froh, als er endlich glücklich aus dem Hause draußen war. Und was blieb ihm anderes übrig, als Oline Lederschuhe zu verschaffen! Er war ein Ansiedler im Walde und war nicht einmal so weit den Göttern ähnlich, daß er seine Arme über der Brust kreuzen und zu seinem Dienstboten sagen konnte: Geh! Eine so unentbehrliche Haushälterin wie Oline war in Sicherheit, sie mochte sagen und tun, was sie wollte.

Die Nächte sind kühl, und es ist Vollmond, die Moore erstarren so weit, daß sie zur Not einen Mann tragen; bei Tag taut die Sonne sie wieder auf und macht sie ungangbar. Isak wandert in einer kühlen Nacht ins Dorf hinunter, um Schuhe für Oline zu bestellen. Er hat zwei Ziegenkäse mit für Frau Geißler.

Auf halbem Wege nach dem Dorf hat sich nun der neue Ansiedler niedergelassen. Er war wohl ein vermöglicher Mann, da er Zimmerleute vom Dorfe bestellt hatte, die ihm sein Haus bauten, und dazu noch Taglöhner, um ein Stück sandiges Moor für Kartoffeln umzugraben; er selbst tat nichts oder nur wenig. Der Mann war Brede Olsen, Amtsdiener und Gerichtsbote, ein Mann, an den man sich wenden mußte, wenn der Doktor geholt oder bei der Pfarrfrau ein Schwein geschlachtet werden sollte. Brede Olsen war noch nicht dreißig Jahre alt, hatte aber schon vier Kinder zu versorgen, außer seiner Frau, die eigentlich auch noch ein Kind war. Ach, Bredes Mittel waren wohl nicht so sehr groß, es warf nicht so sehr viel ab, Topf und Pfanne zu sein und zu Auspfändungen zufahren; jetzt wollte er es mit der Landwirtschaft versuchen. Für seinen Hausbau hatte er auf der Bank Geld aufgenommen. Sein Grundstück hieß Breidablick, Lensmann Heyerdahls Frau hatte ihm diesen herrlichen Namen gegeben.

Isak geht an der Ansiedlung vorüber und nimmt sich nicht Zeit, hineinzugehen, aber so früh am Morgen es auch ist, am Fenster stehen schon dichtgedrängt die Kinder und schauen heraus. Isak eilt vorüber, er will beim nächsten Nachtfrost schon wieder hier zurück sein. Im Ödland draußen hat ein Mann gar viel zu bedenken und sich zu überlegen, wie er es auf die beste Weise einrichtet. Er hat zwar jetzt gerade nicht so übermäßig viel Arbeit, aber er hat Heimweh nach den Kindern, die daheim bei Oline zurückgeblieben sind.

Während er so dahinschreitet, muß er unwillkürlich an seine erste Wanderung hier denken. Die Zeit ist dahingegangen, die beiden letzten Jahre sind sehr lang gewesen; vieles ist gut gewesen auf Sellanraa, aber etwas ist schlimm gewesen, ach ja, Herrgott im Himmel! Nun war also eine neue Ansiedlung hier entstanden; Isak erkannte die Stelle gut wieder, dies war einer von den wirklichen Plätzen, die er auf seiner ersten Wanderung untersucht, dann aber wieder aufgegeben hatte. Es war hier näher beim Dorf, jawohl, aber der Wald war nicht so gut; es war hier Ebene, aber Moor, die Erde war leicht umzubrechen, aber das Entwässern war schwierig. Der gute Brede hatte noch keinen Acker damit, daß er Moorboden umgrub. Und was sollte das heißen, wollte denn Brede nicht einen Schuppen an die Scheune anbauen für Geräte und Fahrzeuge? Isak sah einen zweirädrigen Karren unter offenem Himmel gerade vor dem Hause stehen.

Er macht seine Besorgung beim Schuhmacher, aber Geißler ist weggereist; da verkauft er seine Ziegenkäse an den Krämer. Am Abend geht er heimwärts. Es gefriertimmer mehr, so daß man leicht übers Moor gehen kann; aber Isaks Gang ist schwer. Gott mochte wissen, wann Geißler nun wiederkam, da seine Frau verreist war, vielleicht kam er nie wieder. Inger war fort, die Zeit verging.

Er geht auch jetzt auf dem Rückweg nicht zu Bredes hinein, nein, er macht einen Bogen um Breidablick herum und kommt so ungesehen vorbei. Er will nicht mit Menschen reden, er will nur weitergehen. Noch immer steht Bredes Fuhrwerk im Freien. Ich möchte wissen, ob es da stehenbleibt? denkt Isak. Na, jeder hat das Seine! Jetzt hat er ja selbst, er, Isak, ein Fuhrwerk und einen Schuppen dazu, aber es ist deshalb doch nicht besser gegangen, sein Heim ist nur halb, einmal war es ganz, jetzt ist es nur halb.

Als er bei vollem Tageslicht so weit gekommen ist, daß er sein Haus auf der Halde droben sehen kann, wird ihm leichter ums Herz, obgleich er müde und matt ist nach der zweitägigen Wanderung. Die Gebäude stehen noch da. Rauch steigt vom Schornstein auf, beide Jungen sind im Freien, sowie sie ihn sehen, stürmen sie ihm entgegen. Er geht hinein, in der Stube sitzen zwei Lappen. Oline steht überrascht vom Hocker auf und sagt: Was — bist du schon wieder da? Sie kocht Kaffee auf dem Herd. Kaffee? Kaffee!

Isak hat es wohl schon früher bemerkt: wenn Os-Anders oder andere Lappen dagewesen sind, kocht Oline sich lange Zeit nachher in Ingers kleinem Kessel Kaffee. Sie tut es, wenn Isak im Wald oder auf dem Feld ist; und wenn er unerwartet heimkommt und es sieht, schweigt er. Aber er weiß, daß er jedesmal um ein Bündel Wolle oder einen Ziegenkäse ärmer geworden ist. Deshalb ist es sehr gut von Isak, daß er Oline jetzt nicht packt und zwischen seinen Händen zerschmettert für ihre Niedertracht. Ja, im ganzen genommen versucht es Isak in Wahrheit, ein immer besserer Mensch zu werden, waser auch dabei im Sinne haben mag, ob er es um des lieben Friedens willen tut oder weil er hofft, Gott werde ihm dann Inger früher zurückgeben. Er hat einen Hang zum Grübeln und zum Aberglauben; selbst die Bauernschlauheit, die er hat, ist treuherzig. Jetzt eben im Herbst hatte es sich gezeigt, daß das Torfdach auf seinem Stall auf das Pferd herabzusinken drohte; da kaute Isak ein paarmal an seinem rostigen Bart, aber dann lächelte er wie jemand, der einen Spaß versteht, er richtete das Dach auf und stützte es mit Sparren. Kein böses Wort entfuhr ihm. Ein anderer Zug: Das Vorratshaus, in dem alle seine Lebensmittel untergebracht waren, stand nur mit den Ecken auf hohen steinernen Füßen. Nun gelangten durch die große Öffnung in der Grundmauer kleine Vögel ins Vorratshaus hinein, flatterten darin herum und fanden den Weg nicht mehr hinaus. Oline klagte, die kleinen Vögel pickten an den Eßwaren herum, liefen auf dem Speck hin und her, ja, sie täten auch das, was noch schlimmer sei, darauf. Isak sagte: Ja, es ist auch schlimm, daß die kleinen Vögel hereinkommen und den Weg nicht mehr hinausfinden! Und mitten in der strengen Arbeitszeit brach er Steine aus und füllte die Mauer damit auf.

Gott mochte wissen, was er sich dabei dachte, ob er hoffte, er werde, wenn er sich so gut aufführe, Inger schon bald zurückbekommen.

Die Jahre vergehen.

Wieder kam ein Ingenieur mit einem Vorarbeiter und zwei Arbeitern nach Sellanraa, und sie wollten wieder eine Telegraphenlinie übers Gebirge abschreiten. So, wie sie jetzt abschritten, würde die Linie nicht weit von Isaks Haus zu liegen kommen, und ein gerader Weg würde durch den Wald geführt werden. Aber das schadetenichts, es würde den Ort weniger öde machen, die Welt würde hereinkommen und ihn erhellen.

Der Ingenieur sagte: Dieser Platz hier wird nun der Mittelpunkt zwischen zwei Tälern, man wird dir vielleicht die Aufsicht über die Linie nach beiden Seiten hin anbieten. — So, sagte Isak. — Du bekommst fünfundzwanzig Taler im Jahr dafür. — So, sagte Isak, aber was habe ich dafür zu tun? — Die Leitung in Ordnung halten, die Drähte ausbessern, wenn sie abgerissen sind, die Büsche weghauen, wenn sie in die Linie hineinwachsen. Du bekommst eine nette kleine Maschine an deine Wand, die dir zeigt, wenn du hinaus mußt. Dann mußt du augenblicklich alles liegen und stehen lassen und gehen.

Isak überlegte: Im Winter könnte ich die Arbeit übernehmen, sagte er dann. — Nein, es muß das ganze Jahr hindurch sein, das ganze Jahr natürlich, Sommer wie Winter. — Aber Isak erklärte: Im Frühjahr und im Sommer und im Herbst habe ich meine Feldarbeit und keine Zeit für anderes.

Da mußte der Ingenieur Isak eine gute Weile ansehen, ehe er die folgende erstaunte Frage tat: Kannst du damit mehr verdienen? — Verdienen? sagte Isak. — Ob du an den Tagen, die du bei der Aufsicht der Telegraphenlinie verbringen mußt, mit Feldarbeit mehr verdienen kannst? — Das weiß ich nicht, antwortete Isak. Aber es ist nun einmal so, daß ich wegen der Felder hier bin. Ich habe für das Leben von vielen Menschen und von noch mehr Haustieren zu sorgen. Wir leben von dem Grundstück. — Ja, ja, ich kann den Posten auch einem andern anbieten, versetzte der Ingenieur.

Diese Drohung schien wahrhaftig Isak das Herz nur zu erleichtern, er wollte dem hohen Herrn wohl nur ungern eine abschlägige Antwort geben, und so erklärte er: Ich habe ein Pferd und fünf Kühe, dazu einen Stier. Dann habe ich zwanzig Schafe und sechzehn Ziegen. DieTiere geben uns Nahrung und Wolle und Felle, sie müssen Futter haben. — Ja, das ist klar, sagte der Ingenieur kurz. — Jawohl. Und nun sage ich nichts weiter als, wie sollte ich das Futter für sie herschaffen, wenn ich mitten in der Heuernte fortgehen müßte und nach dem Telegraphen sehen? — Der Ingenieur erwiderte: Wir wollen gar nicht mehr darüber reden. Der Mann da unten, Brede Olsen, soll die Aufsicht bekommen, er übernimmt sie wohl gerne. — Dann wendete er sich an seine Leute und befahl: Kommt, wir wollen weitergehen!

Nun erriet wohl Oline an dem Ton, daß Isak steif und unvernünftig gewesen war, das mußte ihr zugute kommen. Was hast du gesagt, Isak? Sechzehn Ziegen? Es sind doch nicht mehr als fünfzehn. — Isak sah sie an, und Oline sah ihn an, sah ihm mitten ins Gesicht. — Sind es nicht sechzehn Ziegen? — Nein, versetzte sie und sah den fremden Herrn über Isaks Unvernunft ratlos an. — So, sagte Isak leise. Er nahm einen Büschel seines Bartes zwischen die Zähne und begann darauf zu kauen.

Der Ingenieur und seine Leute entfernten sich.

Wenn es nun Isak darum zu tun gewesen wäre, sich mit Oline unzufrieden zu zeigen und sie vielleicht zu schlagen, so hätte er jetzt eine gute Gelegenheit, oh, eine herrliche Gelegenheit dazu gehabt. Sie waren wieder allein in der Stube, die Kinder waren mit den Fremden hinausgelaufen und verschwunden. Isak stand mitten im Zimmer, und Oline saß am Herd. Isak räusperte sich ein paarmal, um sie verstehen zu lassen, daß er nicht weit davon entfernt sei, sich auszusprechen. Aber er schwieg. Das war seine Seelenstärke. Sollte er etwa nicht wissen, wie viele Ziegen er hatte, konnte er sie nicht an den Fingern herzählen, war das Weib verrückt? Sollte eines von den Tieren im Stall, mit denen er persönlich umging, mit denen er täglich plauderte, verschwunden sein, eine von den Ziegen, die sechzehn an der Zahl waren! Dannhatte wohl Oline die eine Ziege um irgend etwas vertauscht, gestern, als die Frau von Breidablick dagewesen war und sich umgesehen hatte.

Hm! sagte Isak, und er war nahe daran, noch mehr zu sagen. Was hatte Oline getan? Es war vielleicht nicht geradezu ein Mord, aber doch nicht weit davon. Er konnte in tödlichem Ernst von der sechzehnten Ziege reden.

Er konnte jedoch nicht in alle Ewigkeit hier mitten in der Stube stehen und schweigen. Er sagte: Hm! So, es sind also jetzt nicht mehr als fünfzehn Ziegen? — Nein, antwortete Oline freundlich. Ja, du kannst sie ja selbst zählen, ich bekomme nicht mehr als fünfzehn heraus.

Jetzt, in diesem Augenblick hätte er es tun können: die Hände ausstrecken und Oline in der Gestalt bedeutend verändern, nur mit einem guten Griff. Das hätte er tun können. Er tat es nicht, aber er sagte laut, indem er nach der Tür ging: Ich sage jetzt nichts weiter! Damit ging er hinaus, wie wenn es beim nächsten Male von seiner Seite nicht an deutlichen Worten fehlen sollte.

Eleseus! rief er.

Wo war Eleseus, wo waren beide Jungen geblieben? Der Vater wollte eine Frage an sie stellen, sie waren jetzt große Jungen und hatten Augen im Kopfe. Er fand sie unter dem Scheunenboden, sie waren da ganz hineingekrochen und vollständig unsichtbar, aber sie verrieten sich durch ein ängstliches Flüstern. Dann kamen sie zum Vorschein wie zwei Sünder.

Die Sache war die, daß Eleseus ein Stück farbigen Bleistift gefunden hatte, das dem Ingenieur gehörte; aber als er ihm damit nachlaufen wollte, waren die weitausschreitenden erwachsenen Männer schon ein Stück droben im Walde drin, und Eleseus blieb stehen. Der Gedanke stieg in ihm auf, er könnte am Ende den Bleistift behalten — ach, wenn er das könnte! Er zog den kleinen Sivert mit sich fort, damit er die Verantwortungnicht allein hätte, und dann krochen die zwei mit ihrer Beute in einen Winkel unter dem Scheunenboden. Ach, dieses kurze Stück Bleistift — es war eine Merkwürdigkeit in ihrem Leben, ein Wunder! Sie suchten sich Holzspäne und bedeckten sie mit allerlei Strichen, und der Bleistift zeichnete rot mit dem einen Ende und blau mit dem andern; die Jungen wechselten ab, wer ihn haben durfte. Als nun der Vater so eindringlich und laut rief, flüsterte Eleseus: Die Fremden sind wohl zurückgekommen, um den Bleistift zu holen! Da war die Freude daran plötzlich verschwunden, sie war wie aus ihrer Seele weggewischt, und die kleinen Herzen begannen ängstlich zu schlagen und zu hämmern. Die Brüder krochen hervor; Eleseus hielt dem Vater den Bleistift auf Armlänge entgegen, um ihm zu zeigen, daß sie ihn nicht zerbrochen hatten, aber sie wünschten, sie hätten ihn nie gesehen.

Doch sie sahen keinen Ingenieur, da beruhigten sich ihre Herzen wieder und fühlten einen wahren Gottesfrieden nach der Spannung.

War gestern eine Frau hier? fragte der Vater. — Ja. — Die Frau von drunten? Habt ihr sie gesehen, als sie wegging? — Ja. — Hatte sie eine Ziege bei sich? — Nein, sagten die Kinder. Eine Ziege? — Hatte sie nicht eine Ziege bei sich, als sie wieder heimging? — Nein. Was für eine Ziege?

Isak überlegte und grübelte nach, und am Abend, als das Vieh von der Weide zurückkam, zählte er die Ziegen zum erstenmal: es waren sechzehn. Er zählte sie noch einmal, zählte fünfmal — es waren sechzehn Ziegen. Keine fehlte.

Isak atmete erleichtert auf. Wie war das zu verstehen? Oline, diese Kreatur, hatte wohl nicht bis sechzehn zählen können. Er sagte in ärgerlichem Ton zu ihr: Was faselst du denn, es sind ja sechzehn Ziegen! — Sind es sechzehn?fragte sie unschuldig. — Ja. — So, ja, ja. — Ja, du bist mir ein guter Rechenmeister. — Darauf erwiderte Oline ruhig und gekränkt: Nun, wenn alle Ziegen da sind, dann hat Oline Gott sei Dank keine von ihnen aufgefressen. Ich bin recht froh für sie!

Sie verwirrte ihn mit diesem Streich und brachte ihn dazu, sich die Sache aus dem Kopf zu schlagen. Er zählte nun den Viehstand nicht mehr, es fiel ihm auch nicht ein, die Schafe zu zählen. Natürlich war Oline nicht so schlimm, sie führte ihm gewissermaßen das Hauswesen, versorgte sein Vieh, sie war nur sehr dumm — aber dadurch schadet sie sich selbst und nicht ihm. Mochte sie dableiben und weiterleben, sie war nicht mehr wert. Aber es war düster und freudlos, in einem solchen Leben der Isak zu sein.

Die Jahre waren vergangen. Jetzt war Gras auf dem Hausdach gewachsen, ja, sogar das Scheunendach, das mehrere Jahre jünger war, stand grün. Die Eingeborene des Waldes, die Feldmaus, hatte längst im Vorratshaus ihren Einzug gehalten. Es schwirrte von Meisen und anderen kleinen Vögeln auf der Ansiedlung, auf der Halde gab es Auerhähne, ja, auch Krähen und Elstern waren herbeigekommen. Aber das Merkwürdigste hatte sich doch im letzten Sommer begeben, da waren Möwen von der Meeresküste heraufgeflogen und hatten sich auf dieses Grundstück im Ödland herabgesenkt. So bekannt war die Ansiedlung unter der ganzen Schöpfung geworden. Und was meint ihr, welche Gedanken in Eleseus und dem kleinen Sivert aufstiegen, als sie die Möwen sahen? Oh, es waren fremde Vögel von weit her, und sie waren nicht sehr zahlreich, aber es waren doch sechs Stück, weiße Vögel, alle ganz gleich; sie spazierten auf den Feldern umher, zuweilen bissen sie Gras ab. — Vater, warum sind sie hierhergekommen? fragten die kleinen Buben. — Weil sie auf dem Meer einen Sturm erwarteten. — Ach,wie sonderbar und geheimnisvoll war das mit den Möwen!

Und vieles andere Gute lehrte Isak seine Kinder. Sie waren jetzt so alt, daß sie in die Schule gehen sollten, aber die Schule war drunten im Dorfe, viele Meilen entfernt und nicht zu erreichen. An den Sonntagen hatte Isak den Kindern selbst das Abc beigebracht, aber irgendeinem höheren Unterricht war er nicht gewachsen, nein, dazu war dieser geborene Landmann nicht geschaffen. Der Katechismus, die biblische Geschichte lagen deshalb ruhig auf dem Wandbrett neben den Ziegenkäsen. So wie Isak die Kinder heranwachsen ließ, mußte er wohl denken, Unkenntnis in Buchweisheit sei für den Menschen bis zu einem gewissen Grad eine Kraft. Beide Jungen waren ihm eine Herzensfreude; Isak mußte oft daran denken, wie ihre Mutter, als sie noch ganz klein waren, ihm verboten hatte, sie anzufassen, weil er Harz an den Händen habe. Oh, Harz, das Reinste auf der Welt! Teer und Ziegenmilch und zum Beispiel Mark — sind auch gesund und vortrefflich; aber Harz, Tannenharz — o schweigt!

Ja, da gingen also die Kinder in einem Paradies von Schmutz und Unwissenheit umher; aber es waren hübsche Kinder, wenn sie sich ein seltenes Mal wuschen, und Klein-Sivert war geradezu ein Prachtkerl; aber Eleseus war feiner und tiefer angelegt. — Ja, aber woher können die Möwen wissen, daß ein Sturm droht? fragte er. — Sie werden wetterkrank, antwortete der Vater. Aber außerdem sind sie nicht mehr wetterkrank als die Fliegen, fuhr er fort, was diese auch haben mögen, ob sie Gicht bekommen oder ob ihnen schwindlig wird oder so etwas. Aber schlagt nie nach einer Fliege, denn dann wird sie nur schlimmer, sagte er. Vergeßt das nicht, Jungen! Die Bremse ist von anderer Art, sie stirbt von selbst. Ganz unversehens kommt die Bremse im Sommer eines Tages daher, und hast du nicht gesehen, so ist sie auch wiederverschwunden! — Wo bleibt sie? fragte Eleseus. — Wo sie bleibt? Das Fett erstarrt in ihr, und dann bleibt sie liegen!

An jedem Tag mehr Gelehrsamkeit: Wenn die Kinder von hohen Felsblöcken heruntersprangen, sollten sie die Zunge gut im Munde behalten, damit sie ihnen nicht zwischen die Zähne komme. Wenn sie größer würden und für die Kirche gut riechen wollten, sollten sie sich mit etwas Rainfarn, der auf der Halde droben wuchs, einreiben. Der Vater war voller Weisheit. Er erzählte den Kindern von den Steinen und vom Feuerstein, und daß der weiße Stein härter sei als der graue; aber wenn er einen Feuerstein fand, mußte er auch einen Feuerschwamm suchen, den er in Lauge kochte und aus dem er dann Zunder machte. Dann schlug er Feuer. Er erzählte ihnen vom Mond und sagte, wenn sie mit der linken Hand in die Mondsichel hineingreifen könnten, dann sei der Mond im Zunehmen, könnten sie das aber mit der rechten tun, dann sei er im Abnehmen. — Vergeßt das nicht, Jungen! Ein seltenes Mal ging Isak indes zu weit, und da wurde er sonderbar und unverständlich: einmal kam er mit einem Ausspruch daher, der darauf hinauslief, es sei schwieriger für ein Kamel in den Himmel zu kommen, als für einen Menschen durch ein Nadelöhr zu gehen. Ein anderes Mal, als er ihnen von dem Glanz der Engel berichtete, sagte er, die Engel hätten die Sterne statt Beschlägen an die Absätze ihrer Schuhe genagelt. Das war ein guter, treuherziger Unterricht, der auf die Ansiedlung paßte, der Schullehrer im Dorf drunten würde darüber gelächelt haben; Isaks Kinder dagegen nährten ihre Phantasie ziemlich stark damit. Sie wurden für ihre eigene enge Welt erzogen und unterrichtet; was hätte besser sein können? Beim Schlachten im Herbst waren die Jungen höchst neugierig; für die Tiere, die geschlachtet werden sollten, hatten sie große Angst, und ihre kleinenHerzen waren tief betrübt. Da mußte nun Isak mit der einen Hand das Tier festhalten und mit der andern zustechen, und Oline rührte das Blut um. Jetzt wurde der alte Bock herausgeführt, weiß und bärtig war er, die beiden kleinen Burschen standen an der Hausecke und guckten hervor.

Das ist doch ein abscheulicher Wind heuer, sagte Eleseus und wendete sich ab und wischte sich die Augen. Der kleine Sivert weinte offenherziger, er konnte sich nicht beherrschen, sondern rief: Ach, der arme alte Bock!

Als der Bock gestochen war, trat Isak zu seinen Kindern und gab ihnen folgende Lehre: Ihr sollt nie ein Schlachtopfer bedauern und nicht armes Tier sagen. Denn sonst wird es nur lebenszäher. Vergeßt das nicht!

So waren die Jahre vergangen, und abermals näherte sich der Frühling.

Inger hatte wieder geschrieben, daß sie es gut habe und in der Anstalt sehr viel lerne. Ihr kleines Kind sei jetzt ein großes Mädchen, sie heiße Leopoldine nach dem Tag ihrer Geburt, dem 15. November. Sie könne alles und sei ein wahres Genie im Häkeln und Nähen, alles sei wunderschön gearbeitet, einerlei, ob auf Stoff oder Stramin.

Das Merkwürdige an diesem letzten Brief war, daß Inger ihn selbst buchstabiert und geschrieben hatte. Isak war nicht so geschickt, er mußte sich den Brief beim Händler im Dorf vorlesen lassen; aber als er ihn erst im Kopf hatte, saß er auch fest darin, und als Isak heimkam, konnte er ihn auswendig.

Nun setzte er sich mit großer Feierlichkeit oben an den Tisch, breitete den Brief aus und las ihn seinen Jungen vor. Oline sollte auch gerne sehen, daß er Geschriebenes fließend lesen konnte, aber sonst richtete er nicht einmal das Wort an sie. Als er fertig war, sagte er: Da könnt ihr hören, du, Eleseus, und du, Sivert, eure Mutter hatdiesen Brief selbst geschrieben und hat alles mögliche gelernt. Und euer kleines Schwesterchen kann jetzt schon mehr als wir alle miteinander. Vergeßt das nicht, Jungen! — Die Kinder saßen ganz still da und wunderten sich. — Ja, das ist großartig, sagte Oline.

Was meinte sie damit? Zog sie Ingers Wahrhaftigkeit in Zweifel? Oder traute sie Isaks Vorlesen nicht? Olines wahre Meinung war nicht leicht zu ergründen, wenn sie mit ihrem sanften Gesicht so dasaß und Zweideutigkeiten sagte. Isak beschloß, sie gar nicht zu beachten.

Und wenn eure Mutter nun heimkommt, dann müßt ihr auch schreiben lernen, sagte er zu den beiden Kindern.

Oline machte sich mit ein paar Kleidungsstücken zu schaffen, die am Ofen zum Trocknen hingen, schob einen Kessel hin und her, hängte die Kleidungsstücke wieder um und tat überhaupt sehr geschäftig. Aber sie überlegte die ganze Zeit. — Wenn es dann so großartig hier im Walde wird, dann hättest du auch ein halbes Pfund Kaffee kaufen und mitbringen können, sagte sie. —Kaffee?sagte Isak, das Wort entfuhr ihm unwillkürlich. — Oline antwortete ruhig: Bis jetzt habe ich immer ein wenig von meinem eigenen Geld gekauft.

Kaffee, der für Isak ein Traum und ein Märchen war, ein Regenbogen! Oline spottete natürlich, er wurde nicht böse auf sie; aber schließlich fiel dem langsam denkenden Mann Olines Tauschhandel mit den Lappen ein, und er sagte zornig: Ja, ich werde dir Kaffee kaufen! Ein halbes Pfund hast du gesagt? Du hättest ein ganzes Pfund sagen sollen. Es soll wahrlich nicht fehlen. — Du brauchst nicht so zu spotten, Isak, sagte sie. Mein Bruder Nils hat Kaffee, und drunten bei Bredes auf Breidablick haben sie Kaffee. — Jawohl, denn sie haben keine Milch, gar keine Milch. — Nun, das weiß ich nicht, und es ist mir auch einerlei. Aber du, der so viel weiß und Geschriebenes so gut lesen kann wie eine Renntierkuh laufen,du weißt wohl, daß es jetzt in allen Häusern Kaffee gibt. — Kreatur! sagte Isak.

Da setzte sich Oline auf den Hocker und wollte durchaus nicht schweigen. Und was Inger betrifft, sagte sie, wenn ich ein so großes Wort überhaupt in den Mund nehmen darf. — Du kannst sagen, was du willst, ich kümmere mich nicht darum. — Sie kommt heim und hat alles gelernt. Und dann hat sie wohl Perlen und Federn auf dem Hut? — Ja, das hat sie wohl. — Ja, ja, sagte Oline, nun kann sie sich bei mir ein bißchen für alle diese Größe bedanken, die sie erreicht hat. — Bei dir? entfuhr es Isak. — Oline antwortete demütig: Da ich ja als geringes Werkzeug dazu gedient habe, sie fortzubringen.

Darauf konnte Isak nichts mehr sagen, die Worte blieben ihm im Halse stecken, er saß still da und starrte vor sich hin. Hatte er recht gehört? Oline sah aus, als habe sie gar nichts Besonderes gesagt. Nein, in einem Wortstreit zog Isak den kürzeren.

Düsteren Sinnes trieb er sich draußen herum. Oline, dieses Vieh, das sich von Bosheit nährte und fett dabei wurde — oh, es war wohl verkehrt von ihm gewesen, daß er sie nicht gleich im ersten Jahr erschlagen hatte, dachte er und tat vor sich selbst groß. Dazu hätte er der Mann sein sollen, dachte er weiter. Mann — er? O ja, niemand konnte fürchterlicher sein.

Und nun folgt ein komischer Auftritt: er geht in den Stall und zählt seine Ziegen; da stehen sie mit ihren Zicklein und sind vollzählig. Er zählt die Kühe, das Schwein, vierzehn Hühner, zwei Kälber. Und die Schafe habe ich fast vergessen! sagt er laut zu sich selbst. Er zählt auch die Schafe und tut, als sei er sehr gespannt, ob sie vollzählig sind. Isak weiß sehr wohl, daß ein Schaf fehlt, ja, er hat es schon lange gewußt, warum also tun, als wüßte er es nicht? Die Sache ist die: Oline hatte ihn ja damals verwirrt gemacht und eine Ziege verleugnet, obgleich alle Ziegen dagewesen waren. Damals war er tüchtig ins Zeug gefahren, es war aber nichts dabei herausgekommen. Bei einem Streit mit Oline kam nie etwas heraus. Als er im Herbst schlachten wollte, hatte er gleich gemerkt, daß ein Mutterschaf fehlte, aber er hatte nicht das Herz gehabt, sofort Rechenschaft dafür zu verlangen, und auch später war ihm der Mut dazu nicht gekommen.

Aber heute ist er grimmig, ja, heute ist Isak grimmig, Oline hat ihn wütend gemacht. Er zählt die Schafe noch einmal, legt den Zeigefinger auf jedes einzelne und zählt laut. — Oline darf es gern hören, falls sie draußen steht und horcht. Und er sagt mit lauter Stimme viel Schlechtes über Oline: sie habe eine ganz neue Art, die Schafe zu füttern, so daß plötzlich eines verschwinde, ein Mutterschaf! Sie sei eine abgefeimte Diebshure, ob sie das verstehe! Oh, Oline dürfe gern vor der Tür stehen und einen ordentlichen Schrecken bekommen!

Er schreitet zum Stall hinaus, geht in den Pferdestall und zählt das Pferd, von da will er ins Haus gehen und sich aussprechen. Er geht so schnell, daß sein Kittel wie ein erregter Kittel von seinem Rücken wegsteht. Aber Oline hat vielleicht vom Fenster aus dies und jenes gemerkt, sie tritt ruhig und sicher zur Haustür heraus, die Milcheimer in den Händen, und will in den Stall gehen.

Was hast du mit dem Mutterschaf mit den flachen Ohren gemacht? fragt er. — Mit dem Mutterschaf? — Ja, und wenn es hier gewesen wäre, hätte es jetzt schon zwei Lämmer; was hast du mit ihm gemacht? Es hatte immer zwei Lämmer. Auf diese Weise hast du mir drei Schafe genommen; verstehst du das?

Oline ist ganz überwältigt, vollständig vernichtet von der Beschuldigung, sie wackelt mit dem Kopf, und ihre Beine scheinen unter ihr wegzuschmelzen, so daß sie schließlich umfallen und sich einen Schaden antun kann. Aber ihr Kopf überlegt die ganze Zeit, ihre Geistesgegenwart hat ihr immer geholfen, hatte ihr immer Vorteile gebracht, sie durfte sie auch jetzt nicht verlassen.

Ich stehle Ziegen und ich stehle Schafe, sagt sie still. Ich möchte wissen, was ich mit ihnen tue. Ich esse sie wohl auf. — Ja, das weißt du selbst, was du damit tust. — So, dann müßte ich hier in deinem Haus, Isak, nicht Essen und Trinken im Überfluß haben, ich wäre gezwungen, mir dazu zu stehlen. Aber das kann ich hinter deinem Rücken sagen, daß ich das in all diesen Jahren nicht nötig gehabt habe. — Aber was hast du dann mit dem Schaf gemacht? Hat Os-Anders es bekommen? — Os-Anders? Oline muß geradezu die Melkeimer abstellen und die Hände zusammenschlagen: Wenn ich nur so frei von aller Schuld wäre! Was ist denn das für ein Schaf mit seinen Lämmern, von dem du redest? Ist es die eine Ziege, die flache Ohren hat? — Kreatur! sagt Isak und will gehen. — Du bist doch ein komischer Kauz, Isak. Da hast du nun genug Vieh von jeder Art und ein wahres Sternenheer von Tieren in deinem Stall, aber du hast noch nicht genug! Kann ich wissen, welches Schaf und welche Lämmer du von mir verlangst? Du müßtest Gott für seine Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied danken. Wenn jetzt dieser Sommer und ein Stück vom Winter vorbei sind, dann werfen deine Schafe wieder Lämmer, und du bekommst dreimal soviel, als du jetzt hast!

O diese Oline!

Isak ging fort, wie ein Bär brummend. Was für ein Dummkopf war ich, daß ich sie nicht am ersten Tag erschlagen habe! sagte er sich und warf sich selbst allerlei Schimpfnamen an den Kopf. Was für ein Narr, ein Roßdreck war ich doch! Aber es ist noch nicht zu spät, warte nur, mag sie in den Stall gehen! Es ist nicht ratsam, an diesem Abend noch etwas mit ihr anzufangen, aber morgen, da ist es ratsam. Drei Schafe verloren! Kaffee! sagte sie.

Der nächste Tag sollte ein großes Ereignis bringen: Gäste kamen auf die Ansiedlung, Geißler kam. Auf den Mooren war es noch nicht einmal Sommer, aber Geißler machte sich nichts aus dem Weg, er kam zu Fuß in prächtigen Schaftstiefeln mit breitem lackiertem Umschlag; gelbe Handschuhe hatte er an, und er sah vornehm aus. Ein Mann aus dem Dorfe trug sein Gepäck.

Er komme nun eigentlich, um eine Strecke Bergland von Isak zu kaufen, eine Kupfermine, welchen Preis er dafür verlange? Übrigens könne er von Inger grüßen — eine tüchtige Frau, sehr beliebt; er komme von Drontheim und habe sie da gesprochen. Isak, du hast ja hier mächtig gearbeitet! — O ja. So, Ihr habt mit Inger gesprochen? — Was ist das dort drüben? Hast du eine Mühle errichtet? Und mahlst du dein eigenes Mehl? Ausgezeichnet. Und du hast sehr viel Boden umgebrochen, seit ich das letztemal hier war. — Und es ging ihr gut? — Ja, es geht gut. Ach so, deiner Frau! Ja, jetzt sollst du hören. Komm, wir wollen in die Kammer gehen. — Nein, es ist nicht so schön drinnen, sagt Oline, aus mehreren Gründen abwehrend.

Aber die beiden gingen doch in die Kammer und machten die Tür hinter sich zu; Oline stand allein in der Stube und bekam nichts zu hören.

Der Lensmann Geißler setzte sich, schlug sich einmal kräftig auf die Knie und saß da mit Isaks Schicksal in der Hand. Du hast doch wohl dein Kupferfeld nicht verkauft? fragte er. — Nein. — Gut. Ich kaufe es. Ja, ich habe mit Inger und mit mehreren andern gesprochen. Sie wird gewiß in allernächster Zeit frei, es liegt jetzt beim König. — Beim König! — Beim König. Ich bin zu deiner Frau gegangen, für mich hatte es natürlich keineSchwierigkeiten, hineinzukommen, und wir haben lange miteinander gesprochen: Nun, Inger, es geht dir ja gut, richtig gut? — Ja, ich habe nichts zu klagen. — Sehnst du dich nicht nach Hause? — Doch, das kann ich nicht leugnen. — Du sollst bald heimkommen, sagte ich. Und das kann ich dir sagen, Isak, sie ist ein tüchtiges Weib; keine Tränen, im Gegenteil, sie lächelte und lachte — ihr Mund ist übrigens operiert und zusammengenäht worden. Nun lebe wohl, sagte ich zu ihr, du sollst nicht mehr lange hierbleiben, mein Wort darauf.

Dann ging ich zum Direktor, es hätte ja nur gefehlt, daß er mich nicht empfangen hätte. Sie haben eine Frau hier, die hinaus und wieder heim gehört, sagte ich, Inger Sellanraa. — Inger? versetzte er. Ja, sie ist ein guter Mensch, ich würde sie gerne zwanzig Jahre hier behalten, sagte er. — Davon kann keine Rede sein, sagte ich, sie ist schon zu lange hier gewesen. — Zu lange? sagte er. Kennen Sie den Fall? — Ja, ich kenne den Fall von Grund aus, ich bin ihr Lensmann gewesen. — Bitte, setzen Sie sich, sagte er da. — Es hätte auch gerade noch gefehlt! — Ja, wir sorgen so gut wie möglich für Inger, sagte der Direktor, und auch für ihr kleines Mädchen, jawohl. So, die Frau ist also aus Ihrer Gegend? Wir haben ihr zu einer eigenen Nähmaschine verholfen, sie hat ihr Gesellenstück in der Werkstatt gemacht, und wir haben sie in Verschiedenem unterrichtet; sie hat ordentlich weben, ordentlich nähen, färben und schneidern gelernt. Und Sie sagen, sie sei schon zu lange hier gewesen? — Ich wußte wohl, was ich zu antworten hatte, aber ich wollte damit noch etwas warten, und so sagte ich: Ja, der Fall ist schlecht geführt worden und muß wieder aufgenommen werden, jetzt nach der Revision des Strafgesetzes würde sie vielleicht ganz freigesprochen werden. Es ist ihr ein Hase zugeschickt worden, als sie schwanger war. — Ein Hase? fragte der Direktor. — Ein Hase, sagte ich. Unddas Kind bekam eine Hasenscharte. — Der Direktor lächelte. So also. Ihrer Meinung nach ist also auf diesen Punkt nicht genug Rücksicht genommen worden? — Nein, antwortete ich, dieser Punkt wurde gar nicht berührt. — Nun, das ist wohl auch nicht so gefährlich. — Für sie war es gefährlich genug. — Meinen Sie, ein Hase könne Wundertaten verrichten? — Ich erwiderte: Wieweit ein Hase Wundertaten verrichten kann oder nicht, damit will ich Sie nicht unterhalten, Herr Direktor. Die Frage ist die, welche Wirkung der Anblick eines Hasen unter gewissen Umständen auf eine Frau, die eine Hasenscharte hat, haben kann! — Der Direktor überlegte eine Weile, dann sagte er: Ja, ja, aber hier in der Anstalt haben wir die Verurteilten ja nur aufzunehmen, wir revidieren das Urteil nicht. Nach dem Urteil ist Inger nicht zu lange hier gewesen.

Jetzt kam ich mit dem heraus, was gesagt werden mußte. Bei der Inhaftnehmung von Inger Sellanraa sind Fehler gemacht worden. — Fehler? — Erstens hätte sie in dem Zustand, in dem sie war, gar nicht transportiert werden dürfen. — Der Direktor sah mich scharf an. — Das ist richtig, sagte er dann. Aber das ist nicht unsere Sache hier im Gefängnis. — Zweitens, fuhr ich fort, hätte sie nicht zwei Monate lang in vollem Gewahrsam sein dürfen, bis ihr Zustand der Behörde hier am Gefängnis offenbar wurde. Das saß. Der Direktor schwieg lange. — Haben Sie Vollmacht, für die Frau zu handeln? fragte er. — Ja, sagte ich. — Wie gesagt, wir sind hier zufrieden mit Inger und behandeln sie auch danach, schwatzte der Direktor, und wieder zählte er auf, was Inger alles gelernt habe, ja, sie hätten sie auch schreiben gelehrt, sagte er. Und die kleine Tochter hätten sie bei jemand gut untergebracht und so weiter. — Ich erklärte ihm, wie die Verhältnisse in Ingers Heim seien: da auch zwei kleine Kinder, gemietete Hilfe, um sie zu versorgen, und so weiter.Ich habe eine Darlegung von ihrem Manne, sagte ich, die kann beigelegt werden, ob der Fall nun wieder aufgenommen werden soll oder ob man für die Frau um Begnadigung einkommen will. — Lassen Sie mich diese Darlegung sehen, sagte der Direktor. — Ich werde sie Ihnen morgen in der Besuchszeit bringen, versetzte ich.

Isak hörte aufmerksam zu, das war ergreifend, ein Märchen aus fremdem Land. Unverwandt hingen seine Augen an Geißlers Mund.

Geißler erzählte weiter. Ich ging zurück ins Gasthaus und setzte eine Darlegung auf, ich machte die Sache zu der meinigen und unterschrieb Isak Sellanraa. Aber du mußt ja nicht glauben, ich hätte ein Wort davon verlauten lassen, daß im Gefängnis etwas Unrichtiges gemacht worden sei. Keine Silbe davon! Rührte nicht daran. Und am nächsten Tage brachte ich das Dokument hin. — Bitte setzen Sie sich! sagte der Direktor sofort. Er las meine Darlegung, nickte ab und zu, schließlich sagte er: Ausgezeichnet. Sie genügt zwar nicht zur Wiederaufnahme des Falles, aber ... — Doch, mit einer Beilage, die ich ebenfalls hier habe, sagte ich, und ich traf da wieder recht gut. Der Direktor beeilte sich zu sagen: Ich habe mir die Sache seit gestern überlegt und finde gute Gründe dafür, ein Gesuch um Begnadigung für Inger einzureichen. — Das Sie im gegebenen Fall unterstützen werden, Herr Direktor? fragte ich. — Ich werde es befürworten, es warm befürworten. — Da verbeugte ich mich und sagte: Dann ist die Begnadigung sicher. Ich danke Ihnen im Namen eines unglücklichen Mannes und eines verlassenen Hauses. — Ich glaube nicht, daß wir weitere Auskunft aus Ihrem Heimatort einzuholen brauchen, sagte der Direktor, Sie kennen sie ja? — Ich erriet wohl, warum die Sache sozusagen in aller Stille abgemacht werden sollte, und erwiderte: Die Auskunft von daheim würde die Sache nur in die Länge ziehen.

Da hast du die ganze Geschichte, Isak. — Geißler sah auf seine Uhr. Und nun zur Sache selbst! Kannst du mich noch einmal nach dem Kupferberg begleiten?

Isak war ein Stein und ein Klotz, er konnte nicht so augenblicklich von einem zum andern überspringen. Aufs höchste verwundert und in tiefe Gedanken versunken, saß er da; dann stellte er noch allerlei Fragen. Er erfuhr, daß das Gesuch an den König abgegangen war und in einer der ersten Sitzungen des Staatsrats entschieden werden konnte! Wunderbar! sagte er.

Sie gingen auf den Berg. Geißler, sein Begleiter und Isak, und sie blieben ein paar Stunden weg. In dieser kurzen Zeit verfolgte Geißler den Lauf der Kupferader über einen langen Berg hin und steckte die Grenzen für den Bereich ab, den er kaufen wollte. Wie ein Wiesel lief er. Aber dumm war der Mann nicht, sein rasches Urteil war merkwürdig sicher.

Als er auf den Hof zurückkam — mit einem Sack voll neuer Gesteinsproben —, bat er um Feder und Tinte und Papier und setzte sich zum Schreiben hin. Aber er schrieb nicht immerfort eilig, sondern plauderte auch dazwischen: Ja, Isak, große Summen bekommst du diesmal nicht für deinen Berg, aber ein paar hundert Taler kannst du haben! Dann schrieb er wieder. Vergiß nicht, mich daran zu erinnern, daß ich auch noch deine Mühle ansehen will, ehe ich gehe, sagte er. Dann fielen ihm einige rote und blaue Striche an dem Webstuhl auf, und er sagte: Wer hat das gezeichnet? — Ja, Eleseus hatte ein Pferd und einen Bock gezeichnet, er versuchte sich mit seinem bunten Bleistift auf dem Webstuhl und anderem Holzwerk, weil er kein Papier hatte. Geißler sagte: Das ist gar nicht schlecht gemacht, und schenkte Eleseus eine Münze.

Wieder schrieb Geißler eine Weile, dann sagte er: Es werden jetzt wohl bald mehrere neue Ansiedler durchs Ödland hier heraufkommen! — Sein Begleiter fiel ein:Sie sind schon gekommen. — Wer denn? — Vorerst ist da Breidablick, wie sie es nennen, der Brede auf Breidablick drunten. — Ach der! lächelte Geißler verächtlich. — Jawohl, und dann haben noch ein paar andere Grund und Boden gekauft. — Wenn sie nur etwas taugen, sagte Geißler. Und da er in demselben Augenblick entdeckte, daß zwei kleine Jungen in der Stube waren, zog er Klein-Sivert zu sich heran und gab auch ihm eine Münze. Ein merkwürdiger Mann, dieser Geißler! Jetzt waren überdies seine Augen wie etwas entzündet, die Ränder waren wie von rotem Reif umgeben. Das konnte von Nachtwachen kommen, manchmal kommt aber so etwas auch von starken Getränken. Aber er machte nicht den Eindruck, als gehe es bergab mit ihm; während er so über alles mögliche schwatzte, dachte er gewiß die ganze Zeit an das Dokument vor sich, denn plötzlich ergriff er rasch die Feder wieder und schrieb ein Stück weiter.

Jetzt schien er fertig zu sein.

Er wendete sich an Isak. Ja, wie gesagt, ein reicher Mann wirst du nicht bei diesem Geschäft. Aber es kann später noch mehr werden. Wir wollen es so aufsetzen, daß du später mehr bekommst. Zweihundert kannst du jedoch jetzt gleich haben.

Isak verstand nicht viel vom Ganzen, aber zweihundert Taler, das war jedenfalls wieder ein Wunder und eine großartige Bezahlung. Er würde sie wohl nur auf dem Papier bekommen, natürlich nicht bar, aber es war ihm auch so recht; er hatte ganz anderes im Kopf und fragte: Und Ihr glaubt, daß sie begnadigt wird? — Deine Frau? Wenn ein Telegraph im Dorf wäre, dann würde ich in Drontheim anfragen, ob sie nicht schon frei ist, antwortete Geißler. — Isak hatte wohl vom Telegraphen reden hören; das war etwas Merkwürdiges, ein Draht auf hohen Stangen, etwas Überirdisches — jetzt schlich sich fast etwas wie Mißtrauen gegen Geißlers große Wortein sein Herz, und er wendete ein: Aber wenn es der König abschlägt? — In dem Fall schicke ich meine Beilage zu der Darlegung ein, die alles enthält, und dannmußdeine Frau frei werden. Zweifle nicht daran!

Dann las er vor, was er geschrieben hatte, den Kaufvertrag für den Berg, zweihundert Taler in die Hand und später ordentlich hohe Prozente beim Betrieb oder bei einem Weiterverkauf des Kupferfundes. Unterschreib, hier! sagte Geißler.

Isak würde augenblicklich unterschrieben haben, aber er war kein Schriftkundiger, sein ganzes Leben lang hatte er nur Buchstaben in Holz geschnitten. Ach, und da stand die abscheuliche Oline und sah zu! Er ergriff die Feder, diesen Greuel von einem leichten Ding, neigte das richtige Ende nach unten undschrieb— schrieb seinen Namen. Danach setzte Geißler noch etwas darunter, vermutlich eine Erklärung, und sein Begleiter unterschrieb als Zeuge.

Fertig.

Aber immer noch blieb Oline unbeweglich stehen, ja, eigentlich wurde sie jetzt erst steif. Was würde geschehen?

Stell das Essen auf den Tisch, Oline! sagte Isak, und er war vielleicht ein wenig hochmütig, seit er auf Papier geschrieben hatte. Ihr müßt eben vorliebnehmen, wie wir es haben! sagte er zu Geißler.

Es riecht gut nach Fleisch und Brühe, sagte Geißler. Da sieh her, Isak, hier ist das Geld! — Damit zog Geißler sein Taschenbuch heraus, das dick und strotzend war, er nahm zwei Bündel Banknoten heraus, zählte sie und legte sie auf den Tisch: Zähl selbst! sagte er.

Schweigen. Stille.

Isak! rief Geißler.

Ja. Na ja, sagte Isak, und er murmelte überwältigt: Das ist nun nicht mein Anspruch — nach allem, was Ihr schon getan habt. — Es müssen zehn Zehner und zwanzigFünfer sein, sagte Geißler kurz. Ich hoffe, es wird einmal viel mehr für dich herauskommen.

Da kam Oline wieder zu sich. Das Wunder war geschehen. Sie stellte das Essen auf den Tisch.

Am nächsten Morgen ging Geißler nach dem Flusse und besah sich die Mühle. Alles war klein und roh zusammengezimmert, ja, es war wie eine Mühle für die Unterirdischen, aber stark und nützlich zum Gebrauch für Menschen. Isak führte seinen Gast noch etwas weiter den Fluß hinauf und zeigte ihm eine zweite Stromschnelle, wo er auch schon etwas gearbeitet hatte; es sollte ein kleines Sägewerk werden, wenn ihm Gott die Gesundheit erhielt.

Das einzige ist, daß wir hier so weit von der Schule entfernt sind, sagte er. Ich muß die Jungen drunten im Dorf in Kost geben. — Der bewegliche Geißler sah darin keine größere Unannehmlichkeit. Gerade jetzt lassen sich immer mehr Ansiedler hier in dieser Gegend nieder, und dann kommt eine Schule her. — Ach, das kommt wohl erst so weit, wenn meine Kleinen groß sind. — Und was tut's, wenn du sie drunten unterbringst? Du fährst mit den Jungen und mit Lebensmitteln hinunter und holst sie nach drei oder sechs Wochen wieder ab, das ist doch gar nichts für dich. — Nein.

Nein, eigentlich war es gar nichts, wenn Inger jetzt heim kam. Haus und Hof, Nahrung und sonst viel Schönes hatte er, viel Geld hatte er also jetzt auch und dazu eine eiserne Gesundheit. O diese Gesundheit, stark und ungeschwächt in jeder Beziehung, die Gesundheit eines ganzen Mannes!

Als Geißler abgezogen war, begann Isak über viele hoffärtige Dinge nachzudenken. Jawohl, denn dieser gute Geißler hatte zum Schlusse noch die aufmunternden Worte gesagt, daß er Isak gleich Nachricht schicken wolle, sobald er zum Telegraphen komme. In vierzehn Tagenkannst du drunten auf der Post einmal nachfragen, hatte er gesagt. Das allein war schon etwas Großen, und Isak machte sich nun daran, eine Sitzbank auf seinem Karren zu verfertigen. Wahrhaftig einen Wagenstuhl, der zu den Feldarbeiten abgenommen, aber wieder aufgesetzt wurde, wenn man ins Dorf fuhr. Als jedoch der Wagenstuhl fertig war, sah er so weiß und neu aus, daß er etwas dunkler angestrichen werden mußte. Und außerdem, was war nicht alles zu machen! Der ganze Hof mußte angestrichen werden. Hatte Isak nicht schon seit Jahren daran gedacht, eine große Scheuer mit einer Einfahrtsbrücke zu bauen, um das Heu in den oberen Raum hineinfahren zu können? Und hatte er nicht das Sägewerk bald fertigstellen, sein ganzes Grundstück einfriedigen und ein Boot für den Gebirgssee bauen wollen? Vieles hatte er sich vorgenommen. Aber es half alles nichts, und wenn er auch seine Kräfte vertausendfachen könnte, dieZeitreichte nicht aus. Es war Sonntag, ehe er sich's versah, und gleich darauf war es schon wieder Sonntag.

Aber anstreichen wollte er jedenfalls. Die Häuser standen ja jetzt so nackt und grau da wie Häuser in Hemdärmeln. Er hatte noch Zeit vor der Feldarbeit, es war ja noch gar nicht eigentlich Frühling, das Kleinvieh war zwar schon draußen, aber der Boden war noch überall gefroren.

Isak packt einige Mandeln Eier ein, um sie zu verkaufen, geht ins Dorf und kehrt mit Ölfarbe zurück. Sie reichte zu einem Gebäude, zu der Scheune, diese wurde rot angestrichen. Er holt neue Farbe und gelben Ocker fürs Wohnhaus. — Ja, es ist, wie ich sage, hier wird's jetzt vornehm, murmelt Oline täglich. O Oline, sie merkte wohl, daß ihre Zeit auf Sellanraa bald zu Ende sein würde, sie war zäh und stark genug, es zu ertragen, aber doch nicht ohne Bitterkeit. Isak seinerseits hielt nun keine Abrechnung mehr mit ihr, obgleich sie in der letztenZeit gehörig stahl und unterschlug. Isak schenkte ihr sogar einen jungen Widder, denn sie war ja eigentlich jetzt schon recht lange um wenig Lohn bei ihm. Übrigens war Oline auch nicht schlecht gegen seine Kinder gewesen; sie war nicht streng und rechtschaffen und dergleichen, aber sie hatte eine bequeme Art für die Kinder, gab Rede und Antwort, wenn sie fragten, und erlaubte ihnen fast alles. Kamen sie herbei, wenn sie Käse machte, dann durften sie versuchen, und wenn sie an einem Sonntag einmal vor dem Gesichtwaschen auskneifen wollten, dann ließ sie sie laufen.

Als die Häuser mit der Grundfarbe angestrichen waren, holte Isak im Dorf so viel Farbe, als er nur tragen konnte, und das war nicht wenig. Dreimal strich er die Häuser an, und die Fensterkreuze und -rahmen machte er weiß. Wenn er jetzt aus dem Dorfe zurückkam und sein Heim da auf der Halde sah, war es ihm, als sehe er das Märchenschloß Soria Moria vor sich! Das Ödland war bebaut und nicht mehr zu erkennen, Segen ruhte darauf, Leben war entstanden aus einem langen Traum, Menschen lebten da, Kinder spielten um die Häuser her. Bis hinauf zu den blauen Bergen dehnte sich schöner großer Wald aus.

Und als Isak wieder einmal zum Kaufmann kam, gab dieser ihm einen blauen Brief mit einem Wappen drauf, und der Brief kostete fünf Schilling. Der Brief war ein Telegramm, das mit der Post weitergeschickt worden war, und es war vom Lensmann Geißler. Nein, dieser Geißler, was für ein merkwürdiger Mensch war er doch! Er telegraphierte die wenigen Worte: Inger frei, kommt baldigst, Geißler.

Aber jetzt drehte sich der Kaufladen im Kreise vor Isak, und es war, als wichen der Ladentisch und die Menschen weit, weit in den Hintergrund zurück. Er fühlte mehr, als er es vernahm, daß er sagte: Gott sei Lob undDank! — Du kannst sie möglicherweise schon morgen hier haben, wenn sie zeitig genug von Drontheim abgereist ist. — So, sagte Isak.

Er wartete bis zum nächsten Tag. Das Boot, das die Post von der Dampfschiffstation mitbrachte, kam allerdings, aber Inger war nicht an Bord. — Dann kann sie erst in der nächsten Woche hier sein, sagte der Kaufmann.

Es war fast gut, daß Isak so viel Zeit vor sich hatte, denn es war noch sehr viel zu tun. Sollte er alles vergessen und seine Felder vernachlässigen? Er geht heim und fährt den Dung hinaus. Das ist bald geschehen. Er sticht mit dem Spaten in die Erde und verfolgt das Auftauen von Tag zu Tag. Die Sonne steht jetzt kräftig und groß am Himmel, der Schnee ist verschwunden, es grünt überall, auch das Rindvieh ist aus dem Stalle. An einem Tag pflügt Isak, ein paar Tage darauf sät er sein Korn und legt Kartoffeln. Die kleinen Jungen legen die Kartoffeln wie mit Engelshänden, sie haben sehr geschickte Hände und kommen dem Vater weit voraus.

Dann wäscht Isak seinen Wagen am Fluß und befestigt den Sitz darauf. Dann spricht er mit den Kindern von einem Ausflug, den er nach dem Dorfe machen müsse. — Aber gehst du denn nicht zu Fuß? fragen sie. — Nein, ich habe die Absicht, diesmal mit Wagen und Pferd zu fahren. — Dürfen wir nicht auch mitfahren? — Nein, ihr müßt artige Jungen sein und diesmal zu Hause bleiben. Jetzt kommt eure Mutter heim, und dann könnt ihr vieles bei ihr lernen. — Eleseus, der gerne lernen will, fragt: Als du damals auf Papier geschrieben hast, wie war denn das? — Ich habe es fast nicht gefühlt, antwortete der Vater, es ist, als sei die Hand ganz leer dabei. — Will sie nicht davonlaufen, gerade wie auf dem Eis? — Wer? — Die Feder, mit der du geschrieben hast?— O doch. Jawohl, aber man muß eben lernen, sie zu lenken.

Der kleine Sivert jedoch war von anderer Art und sagte nichts von der Feder, er wollte aufsitzen, wollte nur auf dem Wagenbrett sitzen, einen unbespannten Wagen antreiben und ungeheuer schnell fahren. Er brachte es so weit, daß der Vater beide Jungen ein großes Stück Wegs mitfahren ließ.

Isak fährt, bis er an ein Moorloch kommt. Da hält er an. Ein schwarzes, tiefes Moorloch, die blaue Wasserfläche liegt regungslos da; Isak wußte, wozu sie gut war, er hatte wohl kaum je in seinem Leben einen anderen Spiegel gebraucht als ein solches Moorloch. Seht, er ist heute in seinem roten Hemd sehr hübsch und ordentlich angezogen, jetzt zieht er eine Schere heraus und schneidet sich den Bart. Der eitle Mühlengeist, wollte er sich geradezu prachtvoll machen und sich von seinem fünf Jahre alten Vollbart trennen? Er schneidet und schneidet und besieht sich im Wasser. Natürlich hätte er diese Arbeit heute auch daheim verrichten können; aber er scheute sich vor Oline, es war schon sehr viel gewesen, daß er gerade vor ihrer Nase das rote Hemd angezogen hatte. Er schert und schert, ein gutes Teil Barthaare fallen auf den Spiegel. Als das Pferd nicht länger ruhig stehen will, hört er auf und erklärt sich für fertig. O jawohl, er fühlt sich bedeutend jünger. — Ja zum Kuckuck, wenn er es verstand, auch bedeutend schlanker sogar.

Dann fährt er ins Dorf.

Am nächsten Tag kommt das Boot. Isak sitzt auf einem Felsblock neben dem Schuppen des Kaufmanns und späht hinaus, aber auch diesmal erscheint Inger nicht.Lieber Gott, es stiegen ziemlich viel Reisende aus, Erwachsene und Kinder, aber Inger war nicht darunter. Isak hatte sich im Hintergrund gehalten, sich auf diesen Felsblock gesetzt, nun hatte er keinen Grund mehr, noch länger da sitzenzubleiben, und so ging er zum Boot hin. Immer noch kamen Kisten und Tonnen, Leute und Postsachen aus dem Achtriemer heraus, aber Isak sah Inger nicht. Dagegen sah er eine Frau mit einem kleinen Mädchen, die schon drüben an der Tür des Bootshauses stand, aber die Frau war hübscher als Inger, obgleich Inger nicht häßlich war. — Aber wie — daswarja Inger. Hm! sagte Isak und eilte hinüber. Sie begrüßten einander; Inger sagte guten Tag und reichte ihm die Hand, etwas erkältet und blaß noch von der Seekrankheit und der Reise. Isak stand ganz still da, schließlich sagte er: Ja, es ist recht schönes Wetter! — Ich habe dich gut dort drüben gesehen, sagte Inger, aber ich wollte mich nicht durchdrängen. Bist du heute ohnedies im Dorf? fragte sie. — Ja. Hm. — Es geht euch allen doch wohl gut? — Ja, danke der Nachfrage. — Dies ist die Leopoldine, sie ist auf der Reise viel wohler gewesen als ich. Sieh, das ist dein Vater, nun mußt du deinen Vater begrüßen, Leopoldine. — Hm! sagte Isak auch jetzt wieder; es war ihm höchst sonderbar zumute, oh, er war ein Fremder unter ihnen. — Inger sagte: Wenn du am Boot drunten eine Nähmaschine siehst — sie gehört mir. Und dann habe ich noch eine Kiste. — Isak ging sofort; mehr als gerne ging er. Die Bootsleute zeigten ihm die Kiste, aber wegen der Nähmaschine mußte Inger selbst kommen und sie heraussuchen. Es war ein schöner Kasten von unbekannter Form, mit einem runden Deckel und einem Henkel zum Tragen — eine Nähmaschine in dieser Gegend! Isak lud sich die Kiste und die Nähmaschine auf und sagte zu seiner Familie: Ich laufe rasch mit diesem hinauf ins Dorf, komme aber gleich wieder und tragedann sie, sagte er. — Wen tragen? fragte Inger lächelnd. Meinst du, das große Mädchen könne nicht gehen?

Sie gingen miteinander zu dem Pferd und dem Wagen hin. Hast du ein neues Pferd gekauft? fragte Inger. Und hast du einen Wagen mit einem Wagenstuhl? — Ja, das versteht sich. Doch was ich sagen wollte: Möchtest du nicht erst ein wenig essen? Ich habe Mundvorrat mitgebracht. — Das kann warten, bis wir das Dorf hinter uns haben, sagte sie. Was meinst du, Leopoldine, kannst du allein da sitzen? — Aber das wollte der Vater nicht leiden. Nein, sie könnte auf die Räder herunterfallen. Setz du dich mit ihr hinauf und nimm selbst die Zügel.

So fuhren sie ab, und Isak ging hinter dem Wagen her.

Er betrachtete die beiden auf dem Wagen. Da war nun Inger gekommen, fremd nach Anzug und Aussehen, vornehm, ohne Hasenscharte, nur mit einem roten Streifen auf der Oberlippe. Sie zischte nicht mehr, das war das Merkwürdige, sie sprach ganz rein. Ein grau und rot gestreiftes wollenes Kopftuch mit Fransen daran sah prachtvoll aus zu ihrem dunklen Haar. Sie wendete sich auf dem Sitz um und sagte: Es wäre gut, wenn du ein Fell mitgebracht hättest, es kann heute abend kühl für das Kind werden. — — Sie kann meine Jacke haben, und wenn wir erst im Wald sind, so ist dort ein Fell, ich habe es dort hinterlegt. — So, du hast ein Fell im Wald! — Ja, ich habe es nicht den ganzen Weg auf dem Wagen mitnehmen wollen, falls ihr heute nicht gekommen wäret. — So. Was hast du gesagt, geht es den beiden Jungen auch gut? — Jawohl, danke der Nachfrage. — Sie werden jetzt groß sein, das kann ich mir denken. — Ja, daran fehlt's nicht. Sie haben jetzt gerade die Kartoffeln gelegt. — Ach so, sagte die Mutter und schüttelte den Kopf. Können sie schon Kartoffeln legen? — Eleseus geht mir bis hierher und Sivert bis hierher, versetzte Isak und maß an sich.


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