Sewastopolim August 1855

Legt euch! rief eine Stimme.

Michajlow und Praßkuchin legten sich auf die Erde. Praßkuchin kniff die Augen zu und hörte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nähe auf die feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde erschien, – die Bombe platzte nicht. Praßkuchin erschrak: sollte er unnötig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Röhre in seiner Nähe gezischt? Er öffnete die Augen und sah mit Befriedigung Michajlow dicht an seinen Füßen unbeweglich liegen. Aber da begegnete seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Röhre der nur eine Elle entfernt von ihm sich drehenden Bombe.

Ein Schreck – ein kalter, alles Denken und Fühlen lähmender Schreck – ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Noch eine Sekunde verging – eine Sekunde, in der eine ganze Welt von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste vorüberblitzte.

»Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann wird es abgeschnitten – und dann werde ich bitten,daß man mich chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber tötet sie nur Michajlow, dann werde ich erzählen, wie wir zusammen gegangen, wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir ist sie näher ... mich tötet sie!«

Da fielen ihm die zwölf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und noch eine Schuld in Petersburg, die er längst hätte bezahlen müssen; ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie in einer Haube mit lila Bändern; der Mensch, der ihn vor fünf Jahren beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte, fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen Erinnerungen, das Gefühl der Gegenwart – die Erwartung des Todes – ihn nicht einen Augenblick verließ. »Übrigens, vielleicht platzt sie nicht«, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit die Augen öffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er stürzte vorwärts, stolperte über den Säbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und fiel auf die Seite.

»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke, und er wollte mit denHänden seine Brust befühlen; aber seine Hände waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt. Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf, und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.

»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten, die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm, als legten SoldatenSteine über ihn; die Flämmchen hüpften immer schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust getroffen und auf der Stelle getötet worden.

Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen; während der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag, dachte und fühlte er ebenso viel, wie Praßkuchin. Er betete in Gedanken zu Gott und wiederholte fortwährend: »Dein Wille geschehe! Und wozu bin ich in den Dienst getreten – dachte er gleichzeitig – und noch dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wäre es nicht besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ...« Und er begann zu zählen: eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heißt lebendig bleiben, ungerade tot: »Nun ist alles zu Ende, ich bin tödlich getroffen!« dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf bekam und einen rasenden Schmerz empfand. »Herr, verzeih' mir meine Sünden,« rief er mitgefalteten Händen, wollte sich erheben, fiel aber besinnungslos auf den Rücken.

Das erste, was er fühlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut, das ihm über die Nase strömte, und der bei weitem schwächer gewordene Schmerz am Kopf. »Die Seele entflieht, dachte er. – Wie wird es »dort« sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist sonderbar, dachte er, daß ich sterbend so deutlich die Schritte der Soldaten und die Schüsse höre.«

Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie über seinem Kopfe eine Stimme, die er unwillkürlich als die des Trommlers Ignatjew erkannte.

Da faßte ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu öffnen und sah über seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen und zwei über ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten – er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall des Laufgrabens, und überzeugte sich plötzlich, daß er noch nicht im Jenseits sei.

Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig auf den Übergang »dorthin« vorbereitet, daß ihn die Rückkehr in die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgräben und Blute unangenehm berührte; seine zweite Empfindung war die unbewußte Freudedarüber, daß er lebendig war; die dritte – der Wunsch, so bald als möglich die Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach dem Verbandort führen.

»Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitän, als er etwas zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer herauskommen wird,« flüsterte eine innere Stimme ihm zu.

Es ist nicht nötig, Bruder, sagte er, indem er seinen Arm dem dienstfertigen Trommler entzog, ich werde nicht nach dem Verbandort gehen, sondern bei der Kompagnie bleiben.

Und er wandte sich zurück.

Sie thäten besser, sich ordentlich verbinden zu lassen, Euer Wohlgeboren, sagte Ignatjew, – nur in der ersten Hitze scheint das nichts zu sein; Sie machen es bloß schlimmer; hier giebt's ein ganz gehöriges Feuer ... gewiß, Euer Wohlgeboren!

Michajlow blieb einen Augenblick unentschlossen stehen und würde wahrscheinlich Ignatjews Rat befolgt haben, wenn er nicht bedacht hätte, wieviel Schwerverwundete am Verbandort sein würden.

»Vielleicht werden die Doktoren über meine Schramme nur lächeln,« dachte der Stabskapitänund ging, trotz der Gründe des Trommlers, entschlossen zur Kompagnie zurück.

Wo ist der Ordonnanzoffizier Praßkuchin, der mit mir gegangen war? fragte er den Fähnrich, der die Kompagnie führte.

Ich weiß nicht ... tot, glaube ich, antwortete mürrisch der Fähnrich, tot oder verwundet.

Wie können Sie das nicht wissen, er ist ja mit uns gegangen? Und weshalb haben Sie ihn nicht mitgenommen?

Wie soll man ihn mitnehmen, wenn's ein solches Feuer giebt!

Ach! so sind Sie, Michail Iwanytsch, rief zornig Michajlow, wie konnten Sie ihn liegen lassen, wenn er noch lebt; ja, wenn er auch tot ist, mußten Sie doch den Leichnam mitnehmen.

Wie kann er leben, wenn ich Ihnen sage, ich selber habe ihn gesehen! sagte der Fähnrich. Ich bitte Sie! wenn wir nur erst unsere eigenen Leute fortgeschafft hätten! ... Sieh' da, jetzt schießt die Kanaille mit Kanonenkugeln! fügte er hinzu.

Michajlow setzte sich und faßte sich an den Kopf, der ihm von der Bewegung aufs heftigste schmerzte.

Nein, wir müssen jedenfalls hin und ihn mitnehmen; vielleicht lebt er noch, sagte Michajlow. – Das ist unsereSchuldigkeit, Michail Iwanytsch!

Michail Iwanytsch antwortete nicht.

»Der hat ihn vorhin nicht mitgenommen, und jetzt muß ich die Soldaten allein schicken; aber darf ich sie schicken? – Bei solch einem schrecklichen Feuer können sie zwecklos getötet werden,« dachte Michajlow.

Kinder! wir müssen zurückgehen, um einen Offizier mitzunehmen, der dort im Graben verwundet worden ist, rief er nicht allzu laut und befehlend, da er fühlte, wie unangenehm den Soldaten die Erfüllung dieses Befehls sein würde, – und wirklich, da er niemand mit Namen bezeichnet hatte, trat keiner vor, dem Geheiß nachzukommen.

»Es ist wahr: vielleicht ist er schon tot und eslohntsich nicht, die Leute einer unnötigen Gefahr auszusetzen; nur an mir liegt die Schuld, weshalb habe ich mich um ihn nicht bekümmert. Ich werde selber gehen, mich zu überzeugen, ob er noch lebt. Das ist meineSchuldigkeit,« sprach Michajlow zu sich selbst.

Michail Iwanytsch! führen Sie die Kompagnie, ich werde nachkommen, sagte er und lief, mit der einen Hand den Mantel aufhebend, mit der andern das Bild des heiligen Mitrophan, zu dem er ein besonderes Vertrauen hatte, fortwährend berührend, im Trabe den Laufgraben entlang.

Nachdem sich Michajlow überzeugt, daß Praßkuchin tot war, schleppte er sich, keuchend und mit der Hand den locker gewordenen Verband und den heftig schmerzenden Kopf haltend, zurück. Alser sein Bataillon erreichte, stand es bereits unten am Berge an Ort und Stelle und fast außerhalb Schußweite. Ich sage:fast, nicht außerhalb Schußweite, weil bisweilen auch bis dahin sich Bomben verirrten.

»Aber morgen muß ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben lassen,« dachte der Stabskapitän, als der herbeigekommene Feldscher ihn verband.

Hunderte von frischen, blutigen Menschenkörpern, die vor zwei Stunden noch von den mannigfaltigsten, erhabenen und kleinlichen Hoffnungen und Wünschen erfüllt waren, lagen mit erstarrten Gliedern in dem betauten, blumenreichen Thale, das die Bastion vom Laufgraben trennte, und auf dem ebenen Fußboden der Totenkapelle in Sewastopol; Hunderte von Menschen, mit Verwünschungen und Gebeten auf den vertrockneten Lippen, krochen, wanden sich und stöhnten: die einen zwischen den Leichnamen im blumenreichen Thal, die anderen auf Tragbahren, Pritschen und der blutigen Diele des Verbandortes; und gerade so, wie an früheren Tagen, stand Wetterleuchten über dem Ssapunberg, erbleichten die glänzenden Sterne, kam ein weißer Nebel vom brausenden, dunkeln Meere daher gezogen, flammte die helleMorgenröte im Osten auf, zerstreuten sich die dunklen Gewitterwölkchen am hellblauen Horizont, und gerade so wie an den früheren Tagen tauchte, der ganzen erwachenden Welt Freude, Liebe und Glück verheißend, das mächtige, schöne Tagesgestirn empor.

Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten Alleen.

Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.

Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil, den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck, den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen.Kalugin und der Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen, wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen, dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu bekommen.

Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken Flügel losgegangen,ich bin ja dort gewesen.

Vielleicht, antwortete Kalugin.Ich war mehr auf dem rechten; ich bin zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal ging ich so hin – die Verschanzung anzusehen. Da ging es heiß her.

Ja, gewiß, so ist es, Kalugin weiß es, sagte Fürst Galzin zu dem Oberst. Weißt du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein tapfrer ...

Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst.Von meinem Regimentsind 400Mann gefallen. Ein Wunder,daß ich lebendig davongekommen bin.

Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.

Wie, Sie sind verwundet, Kapitän? sagte Kalugin.

Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.

Est ce que pavillon est baissé déjà?fragte Fürst Galzin und sah dabei nach der Mütze des Stabskapitäns, ohne sich an eine bestimmte Person zu wenden.

Non, pas encore, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, daß er französisch verstehe und spreche.

Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch, und wandte sich an den Kapitän, um dadurch, wie dem Stabskapitän schien, auszudrücken, es muß Ihnen wohl schwer fallen, französisch zu sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitän fühlte sich, wie gestern, außerordentlich vereinsamt, begrüßte mehrere, und da er sich zu den einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht entschließen konnte, setzte er sich in der Nähe des Kasarskij-Denkmals nieder und rauchte eine Cigarette an.

Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzählte, er habe den Verhandlungen über den Waffenstillstand beigewohnt und mit französischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt:S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les embuscades auraient été reprises, und er habe ihm geantwortet:Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un démenti, so vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.

In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen, obwohl er große Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch ein ungeheures Vergnügen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen, die in seiner Nähe waren, gefragt:De quel régiment êtes-vous?Sie antworteten ihm – und das war alles. Als er sich aber zu weit über die Linie hinauswagte, schimpfte der französische Wachtposten, der nicht vermutete, daß dieser Soldat französisch verstehen könnte, ihn in der dritten Person aus: »Il vient regarder nos travaux ce sacré ...« sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein Vergnügen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten und hatte unterwegs über die französischen Sätze nachgedacht, die er jetztvorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitän Sobow in lautem Gespräch und Kapitän Obshogow, der ganz erregt aussah, und der Artilleriekapitän, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner Liebe glückliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch mit denselben Wünschen und Trieben. Nur Praßkuchin, Neferdow und noch einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Körper noch nicht gewaschen, geschmückt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht oder erwähnt.

Auf unserer Bastion und dem französischen Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale, liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen, verstümmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen. Der Geruch der toten Körper erfüllt die Luft. Aus Sewastopol und aus dem französischen Lager strömen Menschenscharen herbei, um dieses Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt die eine Schar zur andern.

Hören wir, was diese Leute untereinander sprechen.

Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger Offizier, der zwarschlecht, aber hinreichend französisch spricht, um verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.

Eh seßi purkua se uaso lië? sagt er.

Par ce que c'est un giberne d'un régiment de la garde, Monsieur, qui porte l'aigle impérial.

Eh wu de la gard?

Pardon, Monsieur, du 6èmede ligne.

Eh seßi u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hölzerne gelbe Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.

A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme.

Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gespräch weniger von seinem Willen leiten läßt, als von den Worten, die er kennt.

Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre, vous m'obligerez.

Und der höfliche Franzose bläst die Cigarette heraus und überreicht dem Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie Russen, scheinen sehr vergnügt darüber zu sein und zu lächeln.

Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hände auf dem Rücken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen, an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer für seine Pfeife.Der Franzose bläst seine Pfeife stärker an, stochert den Tabak auf und schüttet Feuer in des Russen Pfeife.

Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lächeln.

Oui, bon tabac, tabac turc, sagt der Franzose,et chez vous autres, tabac – russe? bon?

Ruß – bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schütteln sich vor Lachen. Franße nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf einmal erschöpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.

Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes, sagt ein Zuave mitten aus dem Franzosenhaufen.

De quoi de ce qu'ils rient donc?sagt ein anderer, ein dunkelbrauner Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.

Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Schöße des Zuaven betrachtet – und wieder lachen alle.

Ne sors pas de la ligne, à vos places, sacré nom!schreit der französische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher Unzufriedenheit auseinander.

Da drüben, im Kreise französischer Offiziere, steht ein junger Kavallerieoffizier von uns und löst sich in Liebenswürdigkeiten auf. Es ist die Rede von einem gewissencomte Sazonoff, que j'ai beaucoup connu, M., sagt ein französischer Offizier, dem eine Achselklappe fehlt;c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons.

Il y a un Sazonoff, que j'ai connu, sagt der Kavallerist,mais il n'est pas comte, à moins, que je sache; un petit brun de votre âge à peu près.

C'est ça, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte. Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. – Capitaine Latour, sagt er mit einer Verbeugung.

N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? Ça chauffait cette nuit, n'est-ce pas?sagt der Kavallerist, der die Unterhaltung fortzusetzen wünscht, und zeigt auf die Leichen.

Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme eux.

Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus– sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswürdig zu sein.

Aber genug.

Betrachten wir lieber den zehnjährigen Knaben, der in einer alten, jedenfalls von seinem Vater stammenden Mütze, mit Schuhen an den nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes über den Wall gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpferNeugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname betrachtet und blaue Feldblumen gepflückt hat, von denen dieses Thal übersät ist. Da er mit dem großen Blumenstrauß nach Hause zurückgeht, hält er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zuträgt, bleibt bei einem Haufen zusammengetragener Körper stehen und betrachtet lange einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nähe liegt. Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er näher heran und berührt mit dem Fuß den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, – der Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal, stärker, – der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurück. Der Knabe schreit plötzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und läuft spornstreichs fort nach der Festung.

Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt, das blumenreiche Thal ist voll von toten Körpern, die schöne Sonne sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glänzt in den Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drängen sich, schauen, sprechen und lächeln einander zu. Und diese Menschen sind Christen, die das eine große Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die Seele einesjeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten und Schönen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thränen der Freude und des Glücks als Brüder? ... Die weißen Flaggen sind entfernt, und von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem wird unschuldiges Blut vergossen und Stöhnen und Fluchen laut.

* * * * *

So hätte ich denn gesagt, was ich für dieses Mal zu sagen hatte. Aber ein drückender Zweifel überkommt mich. Vielleicht hätte ich das nicht aussprechen sollen, vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewußt in der Seele eines jeden schlummern und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschütteln darf, um den Wein nicht zu zerstören.

Wo ist in dieser Erzählung das Abbild des Bösen, das wir vermeiden sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr Bösewicht, wer ihr Held? – Alle sind gut und alle sind schlecht.

Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit –bravoure de gentilhomme– und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch Praßkuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er imKampfe für den Glauben und für Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit seiner Schüchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste Überzeugung und Grundsätze – sie alle können nicht die Bösewichter, noch die Helden der Erzählung sein.

Der Held meiner Erzählung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer schön gewesen ist und immer schön sein wird, – ist die Wahrheit.

* * * * *

Gegen Ende August fuhr auf der zerklüfteten Sewastopoler Heerstraße zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol) und Bachtschißaraj, in dichtem und heißem Staube, langsam ein Offizierswägelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends sieht und die die Mitte hält zwischen einer Judenbritschke, einem russischen Wagen und einem Korb).

Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und einer vollständig abgetragenen alten Offiziersmütze und führte die Zügel; hinten saß auf Bündeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern, als über Brust und Rücken breit und stämmig; Hals und Nacken waren bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille – den Einschnitt in der Mitte des Rückens – hatte er nicht, er hatte aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war. Sein Gesicht hätte man schön nennen können, wäre es nicht aufgedunsen gewesen, und hätte es nicht große, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln gehabt, die die Züge verwischten und vergrößerten und dem ganzen Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben. Seine Augen waren klein, grau, ungewöhnlich lebhaft, sogar stechend; der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn, besonders die Kinnbacken, von einem außerordentlich starken, üppigen, schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollständig gesund fühlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schüsse kamen; ob in Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand genau erfahren können. Die Schüsse hörte man, besonders wenn keine Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, außerordentlich deutlich, häufig und, wie es schien, nahe: bald erschütterte eine Explosion die Luft und machte ihn unwillkürlich erzittern, bald folgten aufeinander schwächere Töne, wieTrommelschlag, der bisweilen durch ein erschütterndes Getöse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in ein rollendes Krachen, Donnerschlägen ähnlich, wenn das Gewitter am stärksten ist und sich der Platzregen ergießt. Alle sprachen von einem fürchterlichen Bombardement, das auch wirklich hörbar war. Der Offizier trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als möglich an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern führten, die Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen kehrten jetzt von dort zurück und waren von kranken und verwundeten Soldaten in grauen Mänteln, Matrosen in schwarzen Überröcken, Freiwilligen in rotem Fez und bärtigen Landwehrleuten angefüllt. Das Offiziersfuhrwerk mußte in einer dicken, unbeweglichen, durch den Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorüberziehenden Kranken und Verwundeten.

Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angefülltes Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.

Vorn auf dem Fuhrwerk saß seitwärts ein echtrussischer Breitbart in einem Filzhut und banddie Peitsche zusammen, deren Stiel er im Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fünf Mann, in verschiedenen Stellungen, tüchtig gerüttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd und umgeworfenem Mantel, saß, obwohl blaß und mager, doch gefaßt in der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach der Mütze greifen; aber er erinnerte sich wohl, daß er verwundet war und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hände, mit denen er sich an den Wagenrändern festhielt, und die in die Höhe gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine Soldatenmütze in die Höhe ragte, saß an der Seite, die Beine hielt er baumelnd nach außen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gestützt, zu schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.

Dolshnikow! schrie er.

Ich – o! antwortete der Soldat, indem er die Augen öffnete und die Mütze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Baß, als wenn zwanzig Mann Soldaten zusammen schrien.

Wann bist du verwundet worden, Brüderchen?

Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.

Wir wünschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben schwerfälligen Baß.

Wo steht jetzt das Regiment?

Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer Wohlgeboren.

Wohin?

Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren! Jetzt, Euer Wohlgeboren, fügte er mit gedehnter Stimme und die Mütze aufsetzend hinzu, hat er bereits überall zu feuern angefangen, am meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschießt er; jetzt trifft er so, daß es ein wahres Unglück ist, sogar ...

Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hören, aber aus dem Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, daß er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge erzählte.

Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er gehörte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die anderen thaten dasselbe, und waren überzeugt, daß es gut war. Er war von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schön, er spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht, besonders amtliche Schriftstücke, in deren Abfassung er sich eine große Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war;vor allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichsüchtige Energie, die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an sich ein entscheidender und überraschender Charakterzug war. Er besaß einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen war und der sich am häufigsten in Kreisen von Männern, besonders von Militärs, entwickelt, daß er etwas anderes, als der erste zu sein oder nichts zu sein, gar nicht verstand, und daß sein Ehrgeiz auch der Hebel seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste unter den Menschen, die er sich gleichstellte.

Wie? ich werde mich gerade um das kümmern, wasMoskau[D]schwatzt! ... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Töne des Bombardement verstärkt und bestätigt wurde, hatten diese Gefühle in ihm zurückgelassen.Dies Moskau ist lächerlich!... Vorwärts, Nikolajew! Rühr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an, indem er die Schöße seines Mantels in Ordnung brachte.

[D]In vielen Linienregimentern nennen die Offiziere halb verächtlich, halb schmeichelhaft die Soldaten »Moskau« oder auch »Eid«.

Nikolajew zog die Zügel an, schnalzte mit derZunge, und das Fuhrwerk rollte im Trabe weiter.

Nur einen Augenblick füttern – und sogleich, heute noch, weiter, sagte der Offizier.

Als Leutnant Koselzow bereits in eine Straße von Duwanka eingebogen war, an deren Seiten die Trümmerhaufen der steinernen Mauern von Tartarenhäusern standen, wurde er durch einen Wagenzug mit Bomben und Kanonenkugeln, der nach Sewastopol ging und sich auf dem Wege zusammendrängte, aufgehalten.

Zwei Infanteristen saßen im dichtesten Staube auf den Steinen eines zertrümmerten Zaunes am Wege und aßen eine Wassermelone und Brot.

Weit her, Landsmann? sagte der eine von ihnen, während er sein Brot kaute, zu einem Soldaten, der mit einem kleinen Sack auf dem Rücken bei ihnen stehen geblieben war.

Wir gehen zur Kompagnie, kommen aus dem Gouvernement, antwortete der Soldat, indem er von der Wassermelone fortsah und den Sack auf seinem Rücken zurechtschob. Wir waren dort drei Wochen bei dem Heu der Kompagnie, aber jetzt, siehst du, hat man alle wieder zurückberufen; es ist uns aber unbekannt, wo das Regiment gegenwärtig steht. Es heißt, die Unsrigen sind invergangener Woche nach der Korabelnaja abmarschiert. Haben Sie nichts gehört, meine Herren?

In der Stadt, Brüderchen, steht es, in der Stadt! sprach der andere, ein alter Trainsoldat, der mit einem Taschenmesser in der unreifen, weißlichen Wassermelone wühlte. Wir sind erst seit Mittag von dort fort. Es ist wirklich schrecklich, mein Brüderchen!

Weshalb denn, meine Herren?

Hörst du denn nicht, wieerjetzt ringsumher feuert? Es giebt keinen unversehrten Platz. Wieviel er von unsern Leuten getötet hat – das läßt sich gar nicht sagen.

Und der Sprechende machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und setzte sich die Mütze zurecht.

Der wandernde Soldat schüttelte nachdenklich den Kopf, schnalzte mit der Zunge, nahm dann aus dem Stiefelschaft eine Pfeife, stocherte, ohne sie frisch zu stopfen, den angebrannten Tabak in ihr auf, zündete ein Stück Feuerschwamm bei einem rauchenden Soldaten an und lüftete die Mütze.

Niemand wie Gott, meine Herren! Bitte um Verzeihung! sagte er und ging, den Sack auf dem Rücken, weiter.

Ei, thätest besser zu warten! rief zuredend der Soldat, der in der Melone stocherte.

Alles eins! brummte der Wanderer, indem ersich zwischen den Rädern der zusammengedrängten Fuhrwerke hindurchwand.

Die Station war voll von Menschen, als Koselzow sie erreichte. Die erste Person, die ihm schon auf der Außentreppe begegnete, war ein magerer, sehr junger Mensch, der Vorsteher, der sich mit zwei nachfolgenden Offizieren stritt.

Nicht dreimal vierundzwanzig Stunden, sondern zehnmal vierundzwanzig Stunden werden Sie warten müssen! ... Auch Generale warten, mein Lieber! rief der Vorsteher. Ich werde mich für Sie nicht einspannen lassen.

Niemand kann Pferde bekommen, wenn es keine giebt! ... Aber weshalb hat der Bediente da welche bekommen? schrie der ältere von den beiden Offizieren, der mit einem Glas Thee in der Hand dastand; er vermied absichtlich das Fürwort und wollte damit andeuten, daß man zum Vorsteher ohne weiteres auchdusagen könnte.

Sie werden doch selber einsehen, Herr Vorsteher, entgegnete stockend der andere, jüngere Offizier, daß wir nicht zu unserm eigenen Vergnügen reisen. Wir sind ja doch jedenfalls notwendig, da man nach uns verlangt hat. Sonst werde ich es wahrhaftig dem General sagen. Was ist denndas eigentlich? ... Sie achten den Offiziersstand nicht.

Sie verderben immer alles! unterbrach ihn unwillig der ältere: Sie hindern mich nur; man muß mit ihm zu reden verstehen. Er hat alle Achtung vor uns verloren ... Pferde, diesen Augenblick, sag' ich.

Würde sie gern geben, Väterchen, aber woher nehmen? ...

Der Vorsteher schwieg eine Weile, dann begann er sich plötzlich zu ereifern und sprach, mit den Händen fuchtelnd:

Ich selbst, Väterchen, verstehe das und weiß alles, aber was will man thun? Lassen Sie mich nur ... (auf den Gesichtern der Offiziere malte sich Hoffnung) lassen Sie mich nur das Ende des Monats abwarten, dann werde ich nicht mehr hier sein. Lieber will ich auf den Malachow-Hügel gehen, als hier bleiben, bei Gott! Mögen Sie machen, was Sie wollen. Auf der ganzen Station giebt es jetzt kein einziges festes Fuhrwerk, und ein Büschel Heu haben die Pferde schon seit drei Tagen nicht gesehen.

Und der Vorsteher verschwand durch die Hausthür.

Koselzow ging mit den Offizieren ins Zimmer.

Was ist da weiter, sagte vollständig ruhig der ältere Offizier zum jüngeren, obgleich er eine Minute vorher wütend gewesen war, drei Monatesind wir schon unterwegs, – warten wir noch. 's ist kein Unglück, wir kommen schon noch zurecht.

Das verräucherte, schmutzige Zimmer war so voll von Offizieren und Koffern, daß Koselzow nur mit Mühe einen Platz am Fenster fand, wo er sich niedersetzte; er betrachtete die Gesichter, hörte die Gespräche an und begann sich eine Cigarette zu drehen.

Rechts von der Thür, um einen schiefen, schmutzigen Tisch, auf dem zwei kupferne Ssamoware standen, die hie und da schon grün geworden waren, und Zucker in verschiedenen Papieren lag, saß die Hauptgruppe: ein junger, bartloser Offizier in einem neuen gesteppten Rock aus buntem Baumwollenzeug; vier gleichfalls junge Offiziere befanden sich in verschiedenen Ecken des Zimmers: der eine schlief, mit einem Pelz unter dem Kopf, auf dem Sofa; ein anderer stand am Tisch und schnitt Hammelbraten für einen an dem Tische sitzenden Offizier, dem ein Arm fehlte. Zwei Offiziere, der eine im Adjutantenmantel, der andere mit einem Infanteriemantel, der aber sehr fein war, und mit einer Tasche über der Schulter, saßen in der Nähe der Ofenbank; und schon daran, wie sie die anderen ansahen, und wie der mit der Tasche seine Cigaretten rauchte, konnte man sehen, daß sie nicht Offiziere von der Linien-Infanterie waren, und daß dies ihnen Selbstbewußtsein gab. Nicht etwa, als ob in ihren Manieren Geringschätzung gelegenhätte, wohl aber eine gewisse selbstzufriedene Sicherheit, die sich zum Teil auf ihr Geld, zum Teil auf ihre nahen Beziehungen zu dem General stützten – ein Bewußtsein der Vornehmheit, das sogar bis zu dem Wunsche ging, sie zu verbergen. Ein noch junger Arzt, mit dicken Lippen, und ein Artillerist mit deutscher Physiognomie saßen fast auf den Beinen des auf dem Sofa schlafenden jungen Offiziers. Von den Offiziersburschen schlummerten die einen, während die anderen mit Koffern und Bündeln an der Thür hantierten. Koselzow fand unter allen Gesichtern kein einziges bekanntes; aber er begann neugierig den Gesprächen zu lauschen. Die jungen Offiziere, die, wie er auf den ersten Blick erkannte, soeben erst von der Kriegsschule gekommen waren, gefielen ihm, und, was die Hauptsache war, sie erinnerten ihn daran, daß sein Bruder ebenfalls in diesen Tagen aus der Kriegsschule nach einer der Batterien Sewastopols kommen sollte. An dem Offizier aber mit der Tasche, dessen Gesicht er irgendwo gesehen hatten, erschien ihm alles widerwärtig und frech. Er ging sogar mit dem Gedanken, ihm heimzuleuchten, wenn ihm etwa einfallen sollte, ein Wort zu sagen, von dem Fenster zur Ofenbank und setzte sich dorthin. Als reiner Liniensoldat und guter Offizier hatte er überhaupt die »Stabsleute« nicht gern, und als solche hatte er auf den ersten Blick diese beiden Offiziere anerkannt.

Das ist aber schrecklich ärgerlich! sagte einer der jungen Offiziere, schon so nahe, und nicht hinkommen können. Vielleicht giebt's heute etwas, und wir sind nicht dabei.

Aus der kreischenden Stimme und den roten Flecken, die das Gesicht des Offiziers belebten, während er das sagte, sprach die liebenswürdige, jugendliche Schüchternheit eines Menschen, der beständig in der Furcht ist, es könnte ihm ein Wort mißglücken.

Der Offizier ohne Arm sah ihn lächelnd an.

Sie werden schon noch zur rechten Zeit hinkommen, glauben Sie nur, sagte er.

Der junge Offizier sah dem Kameraden ohne Arm mit Achtung in das abgemagerte Gesicht, in dem plötzlich ein Lächeln aufleuchtete, verstummte und beschäftigte sich wieder mit dem Thee. In der That sprach aus den Zügen des Offiziers ohne Arm, aus seiner Haltung und besonders aus seinem leeren Ärmel jener ruhige Gleichmut, den man so erklären kann, als ob er bei jeder Handlung, die er mit ansah, oder bei jedem Gespräch, das er anhörte, sagte: »Das ist alles schön, das weiß ich alles, ich kann auch all das thun, wenn ich nur wollte.«

Wie machen wir's also, sagte jetzt der jungeOffizier zu seinem Kameraden im baumwollenen Rock: wollen wir hier übernachten oder mit unserm eigenen Pferde fahren?

Der Kamerad wollte nicht fahren.

Sie können sich vorstellen, Kapitän, fuhr er fort, nachdem er Thee eingegossen; dabei wandte er sich zu dem Offizier ohne Arm und hob das Messer auf, das dieser hatte fallen lassen, man hat uns gesagt, daß die Pferde in Sewastopol sehr teuer sind, – daher haben wir beide gemeinsam ein Pferd in Ssimferopol gekauft.

Man wird Sie wohl gehörig gerupft haben?

Ich weiß wirklich nicht, Kapitän; wir haben für Pferd und Fuhrwerk neunzig Rubel bezahlt. Ist das sehr teuer? fuhr er fort, zu allen und zu Koselzow, der ihn ansah, gewandt.

Nicht teuer, wenn das Pferd jung ist, sagte Koselzow.

Nicht wahr? ... Und uns hat man gesagt, daß es teuer ist. Nur lahmt es ein wenig, das wird aber vorübergehen. Man hat uns gesagt, es ist recht stark.

Aus welcher Kriegsschule sind Sie? fragte Koselzow, der sich nach seinem Bruder erkundigen wollte.

Wir kommen jetzt aus dem adligen Regiment; wir sind unser sechs und gehen alle auf unsern eigenen Wunsch nach Sewastopol, antwortete der redselige junge Offizier; nur wissen wir nicht, wounsere Batterien stehen: die einen sagen in Sewastopol, und andere meinen in Odessa.

Und konnten Sie's denn in Ssimferopol nicht erfahren? fragte Koselzow weiter.

Man weiß es nicht ... Können Sie sich vorstellen, mein Kamerad ist in die Kanzlei gegangen: Grobheiten hat man ihm da gesagt ... Sie können sich denken, wie unangenehm uns das war! ... Ist Ihnen eine fertige Cigarette gefällig? fragte er zugleich den Offizier ohne Arm, der seine Cigarettentasche hervorholen wollte.

Er war ihm mit einem gewissen leidenschaftlichen Entzücken gefällig.

Und Sie sind auch aus Sewastopol? fuhr er fort. Ach, mein Gott, wie erstaunlich! Wie oft haben wir alle, in Petersburg, an Sie, an all die Helden gedacht! rief er, mit Achtung und treuherziger Schmeichelei zu Koselzow gewandt.

Wenn Sie nun aber zurückreisen müßten? fragte der Leutnant.

Sehen Sie, das fürchten wir auch. Können Sie sich vorstellen, nachdem wir das Pferd gekauft und uns mit dem Notwendigen – einer Spiritus-Kaffeemaschine und noch verschiedenen Kleinigkeiten versehen haben, ist uns gar kein Geld übrig geblieben, sagte er mit leiser Stimme und nach seinen Kameraden sich umsehend: wenn wir zurückreisen müßten, wissen wir nicht, was wir thun sollen.

Haben Sie denn keine Reisegelder erhalten? fragte Koselzow.

Nein, antwortete er flüsternd, man hat uns nur versprochen, daß wir sie hier bekommen.

Und haben Sie eine Bescheinigung?

Ich weiß, die Hauptsache ist eine Bescheinigung; aber in Moskau hat mir ein Senator, mein Onkel, gesagt, als ich bei ihm war, man würde es uns hier geben; sonst hätte er selbst es mir gegeben ... So wird man es uns hier geben?

Ganz bestimmt.

Auch ich glaube, wir werden es hier erhalten, sagte er in einem Tone, der bewies, daß er jetzt, wo er auf dreißig Stationen ein und dasselbe gefragt und überall eine andere Antwort erhalten hatte, niemandem mehr recht glaubte.

Wer hat die Kohlsuppe verlangt? rief die ziemlich schmutzige Wirtin, ein dickes Weib von etwa vierzig Jahren, die mit einer Schüssel Suppe ins Zimmer trat.

Das Gespräch verstummte im Augenblick, und alle Anwesenden hefteten ihre Blicke auf die Schenkwirtin. Einer der Offiziere blinzelte sogar, mit einem Blick nach ihr, einem Kameraden zu.

Ach, Koselzow hat sie verlangt! antwortete der junge Offizier: man muß ihn wecken. Steh auf,um zu essen! rief er, ging zu dem auf dem Sofa Schlafenden und rüttelte ihn an der Schulter.

Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, mit muntern schwarzen Augen und roten Wangen, sprang vom Sofa auf und blieb, sich die Augen reibend, mitten im Zimmer stehen.

Ach, entschuldigen Sie gefälligst, sagte er zum Doktor, den er beim Aufstehen angestoßen hatte.

Leutnant Koselzow hatte sogleich seinen Bruder erkannt und ging auf ihn zu.

Erkennst du mich nicht? fragte er lächelnd.

Ah–ah–ah! rief der jüngere Bruder, das ist ja wunderbar! und küßte den Bruder.

Sie küßten sich dreimal, beim dritten Male aber stockten sie, als wäre beiden der Gedanke gekommen: warum muß es durchaus dreimal sein?

Wie freue ich mich! sagte der ältere, indem er den Bruder betrachtete. Gehen wir auf die Außentreppe, – um uns auszusprechen.

Gehen wir, gehen wir. Ich will keine Suppe ... Iß du sie, Federson! sagte er zu einem Kameraden.

Du wolltest ja doch essen?

Ich will nichts.

Auf der Außentreppe fragte der jüngere den älteren immer wieder: »Sag', wie geht's, wie steht's? Erzähle,« und wiederholte unaufhörlich, wie er sich freue, ihn wiederzusehen, erzählte aber selbst nichts.

Nach fünf Minuten, in denen sie beide geschwiegen hatten, fragte der ältere Bruder den jüngeren, weshalb er nicht bei der Garde eingetreten wäre, wie dies alle erwartet haben.

Ich wollte schnell nach Sewastopol kommen: geht es hier gut, so kann man noch besser vorwärts kommen, als bei der Garde, da kann man zehn Jahre auf den Hauptmann warten; hier aber hat's Totleben in zwei Jahren vom Oberstleutnant zum General gebracht. Nun, und falle ich auch, was ist da weiter ...

Ei, wie du bist, meinte der Bruder lächelnd.

Aber hauptsächlich, weißt du, Bruder, fuhr der Jüngere lächelnd und errötend fort, als hätte er etwas sehr Verschämtes zu sagen: das ist alles Unsinn; hauptsächlich habe ich deshalb drum gebeten, weil man sich doch schämt, in Petersburg zu leben, wenn hier die Menschen fürs Vaterland sterben. Und dann, es verlangte mich auch, mit dir zusammen zu sein, fügte er noch schüchterner hinzu.

Wie komisch du bist! rief der ältere Bruder, indem er seine Cigarrentasche hervorholte, ohne ihn anzusehen. Es ist nur schade, daß wir nicht zusammen sein werden.

Aber sage mir die Wahrheit, ist es so schrecklich auf den Bastionen? fragte plötzlich der Jüngere.

Anfangs ist's schrecklich, dann gewöhnt man sichdaran, und es ist weiter nichts. Du wirst selber sehen.

Aber sag' mir noch das Eine: was glaubst du, wird man Sewastopol nehmen? Ich glaube, es wird niemals genommen.

Gott weiß.

Nur das Eine ist ärgerlich ... Stelle dir vor, welches Unglück ich gehabt habe: unterwegs ist uns ein ganzes Bündel gestohlen worden, darin war auch mein Tschako, so daß ich jetzt in einer fatalen Lage bin und nicht weiß, wie ich mich melden soll.

Koselzow der Zweite, Wladimir, war seinem Bruder Michail sehr ähnlich, aber die Ähnlichkeit war die einer blühenden Rose mit einer abgeblühten Heckenrose. Er hatte auch blondes Haar, aber es war dicht und an den Schläfen gelockt. Auf seinem weißen zarten Nacken hatte er ein blondes Zöpfchen – ein Zeichen des Glücks, wie die Ammen sagen. Auf seiner zarten weißen Gesichtsfarbe lag nicht immer, sondern loderte nur von Zeit zu Zeit ein vollblütiges jugendliches Rot auf, das jede Regung der Seele verriet. Er hatte dieselben Augen wie sein Bruder, aber seine waren offener und heller, und das kam hauptsächlich daher, weil sie häufig von einer leichten Feuchtigkeit bedeckt waren. Ein blonder Flaum sproßte auf den Wangen und über den roten Lippen, die sich sehr häufig zu einem schüchternen Lächeln falteten unddie weißen glänzenden Zähne sehen ließen. Wie er so in seiner hohen Gestalt mit seinem breiten Rücken, in dem offenen Mantel, unter dem ein rotes Hemd mit einem schrägen Kragen hervorschimmerte, mit der Cigarette in der Hand an das Geländer der Treppe gelehnt, mit der naiven Freude in den Zügen und im Gebaren, vor seinem Bruder stand, war er ein so angenehmer, hübscher junger Mann, daß man ihn immer hätte anschauen mögen. Er freute sich außerordentlich mit dem Bruder, betrachtete ihn mit Achtung und Stolz und sah in ihm einen Helden; aber in mancher Beziehung, z. B. in Hinsicht der weltlichen Bildung, des Französischsprechens, des Verkehrs mit gesellschaftlich hochstehenden Leuten, des Tanzens u. s. w. schämte er sich ein wenig für ihn, sah von oben auf ihn herab und hatte sogar die Hoffnung, ihn womöglich fortzubilden. Alle seine Eindrücke waren noch petersburgisch, sie stammten aus dem Hause einer Dame, die hübsche junge Leute gern hatte und ihn an den Feiertagen zu sich zu laden pflegte, und aus dem Hause eines Senators in Moskau, wo er einmal auf einem großen Balle getanzt hatte.

Die Brüder hatten sich nahezu ausgeplaudert und waren endlich bei dem Gefühl angelangt, dasman oft empfindet, wenn man wenig Gemeinsames hat, obwohl man einander liebt; sie schwiegen nun ziemlich lange.

So nimm deine Sachen, wir wollen sogleich fortfahren, entgegnete der Ältere.

Der Jüngere errötete plötzlich und schwieg.

Direkt nach Sewastopol fahren? fragte er nach einem minutenlangen Schweigen.

Nun ja. Du hast ja nicht viel Sachen, ich glaube, wir können sie unterbringen.

Schön! ... Wir wollen sogleich fahren, rief der Jüngere mit einem Seufzer und wandte sich nach dem Zimmer.

Aber ohne die Thür zu öffnen, blieb er auf dem Flur stehen, ließ traurig den Kopf hängen und dachte:

»Sogleich direkt nach Sewastopol, unter die Bomben; schrecklich! Aber gleichviel, einmal muß es doch geschehen. Jetzt geschieht's wenigstens mit dem Bruder zusammen ...«

Die Sache war die. Jetzt erst, bei dem Gedanken, daß er das Fuhrwerk bestieg, um es nie wieder zu verlassen, ehe er in Sewastopol ankomme, und daß kein Zufall ihn jetzt noch zurückhalten könne, stand die Gefahr, die er gesucht hatte, deutlich vor seiner Seele, und er war betrübt bei dem bloßen Gedanken an ihre Nähe. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, ging er in das Zimmer;aber es war schon eine Viertelstunde vergangen, und er kam noch immer nicht zu dem Bruder heraus, so daß dieser endlich die Thür öffnete, um ihn zu rufen. Der jüngere Koselzow sprach in der Stellung eines Schülers, der etwas verschuldet hat, mit dem Offizier P. Als der Bruder die Thür öffnete, verlor er vollständig die Fassung.

Ich komme, ich komme gleich! begann er und wehrte den Bruder mit der Hand ab, erwarte mich dort drin.

Eine Minute später kam er wirklich heraus und trat mit einem tiefen Seufzer auf seinen Bruder zu.

Denke dir, ich kann nicht mit dir fahren, Bruder, sagte er.

Wie? ... Was ist das für Unsinn!

Ich will dir die ganze Wahrheit sagen, Mischa ... Von uns hat keiner mehr Geld, und wir alle sind in der Schuld bei dem Stabskapitän, den du da gesehen hast. Ich schäme mich schrecklich!

Der ältere Bruder runzelte die Stirn und brach lange Zeit das Schweigen nicht.

Bist du viel schuldig? fragte er und sah von unten herauf den Bruder an.

Ja, viel ... Nein, nicht sehr viel; aber ich schäme mich schrecklich. Auf drei Stationen hat er für mich bezahlt. Sein ganzer Zucker ist drauf gegangen, so daß ich nicht weiß ... Auch Préférence haben wir gespielt – ich blieb ihm etwas schuldig ...

Das ist häßlich, Wolodja! Was hättest du denn angefangen, wenn du mich nicht getroffen hättest? sagte streng der ältere Bruder, ohne den jüngeren anzusehen.

Ich glaubte, Bruder, ich würde in Sewastopol das Zehrgeld bekommen. Dann hätte ich es ihm wiedergegeben. Das kann man doch machen? ... So ist's besser, ich komme morgen mit ihm nach.

Der ältere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.

Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?

Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle Wahrheit: er hatte noch vier Goldstücke, die er für alle Fälle in seinem Ärmelaufschlag eingenäht hatte, er hatte sich aber das Wort gegeben, sie nicht anzurühren.

Es zeigte sich, daß Koselzow vom Préférence und für den Zucker im ganzen acht Rubel schuldig war. Der ältere Bruder gab sie ihm und bemerkte nur, daß man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Préférence spielen dürfe.

Worauf hast du gespielt?

Der jüngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der Ärger, den ergegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem Bruder, den er so liebte, solche Verdächtigungen und Beleidigungen abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfähigen Natur ein so schmerzliches Gefühl in ihm hervor, daß er nichts antwortete. Da er empfand, daß er nicht imstande sein würde, die vor Thränen zitternden Laute zu unterdrücken, die ihm die Kehle würgten, nahm er, ohne hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.

Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestärkt hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brücke gekauft, führte die Zügel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen Straße dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol führte; die Brüder stießen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnäckig, obwohl sie beständig einer an den andern dachten.

»Warum hat er mich gekränkt? dachte der Jüngere, konnte er nicht darüber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er böse zu sein, so daß wir für immer auseinander sind. Und wie prächtig wäre es für uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brüder, die sichinnig lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der Ältere, zwar nicht übermäßig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere, der Jüngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche hätte ich allen bewiesen, daß ich gar nicht mehr so sehr jung bin! Ich werde dann nicht mehr erröten, in meinen Zügen wird Männlichkeit liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht groß, aber doch tüchtig gewachsen sein.« Und er zwickte an dem Flaum, der an den Rändern seines Mundes sproßte. »Vielleicht komme ich heute hin und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher ausdauernd und höchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht, aber mehr als die anderen thut. Ich möchte gern wissen – fuhr er fort – ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den äußersten Rand des Wagens drängt. Er fühlt doch gewiß, daß ich unbequem sitze, und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an – fuhr er in seinen Gedanken fort und drückte sich an den Rand des Wagens; er scheute sich, sich zu rühren, um den Bruder nicht merken zu lassen, daß er unbequem sitze – und auf einmal schnurstracks auf die Bastion: ich mit Geschützen, mein Bruder mit der Kompagnie, und wir ziehen zusammen. Plötzlich stürzen sich die Franzosen auf uns. Ich schieße: ich töte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf mich losgestürzt. Da hilftkein Schießen mehr, ich bin rettungslos verloren; plötzlich aber stürzt der Bruder hervor, mit dem Säbel in der Hand, die Franzosen stürzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und töte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne vorwärts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt, ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse ich mich und rufe: ‚Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder über alles in der Welt geliebt‘ – sage ich – ‚und ich habe ihn verloren. Rächen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf dem Platze!‘ Alle schreien und stürzen mir nach. Das ganze Heer der Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und sinke tödlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestürzt, Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will nichts, ich wünsche nur, daß man mich neben meinen Bruder lege, daß ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage nur: ‚O ja, – ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft geliebt haben, nicht zu schätzen gewußt; nun sind sie beide gefallen; Gott möge euch verzeihen!‘ –und ich sterbe. Wer weiß, wie viele von diesen Gedanken wahr werden!«

Sag', bist du schon einmal im Handgemenge gewesen? fragte er plötzlich seinen Bruder; er hatte ganz vergessen, daß er nicht mit ihm sprechen wollte.

Nein, kein einziges Mal, antwortete der Ältere. Von unserm Regiment sind zweitausend Mann gefallen, und alle nur bei den Arbeiten, und auch ich bin bei der Arbeit verwundet worden. Krieg wird ganz anders geführt, als du glaubst, Wolodja!

Das Wort Wolodja rührte den jüngeren Bruder: er hatte den Wunsch, sich mit seinem Bruder auseinanderzusetzen, der auch nicht im entferntesten daran dachte, daß er Wolodja gekränkt hätte.

Du bist mir nicht böse, Mischa, sagte er nach einem langen Schweigen.

Weshalb?

Ich, ich meinte so ... von vorhin, so ... das ist gut.

Nicht im mindesten, antwortete der Ältere, wandte sich zu ihm und klopfte ihm auf das Bein.

So vergieb mir, Mischa, wenn ich dich gekränkt habe.

Und der jüngere Bruder wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die ihm plötzlich in die Augen traten.

Ist dies schon Sewastopol? fragte der jüngere Bruder, als sie oben angekommen waren.

Und vor ihnen lag die Bucht mit den Masten der Schiffe, das Meer mit der entfernten feindlichen Flotte, die weißen Strandbatterien, die Kasernen, Wasserleitungen, die Docks, die Gebäude der Stadt und weißblaue Rauchwolken, die ununterbrochen auf den gelben Höhen aufstiegen, die die Stadt umgaben; der Himmel war blau, und die Sonne, deren Glanz sich im Westen abspiegelte, senkte sich mit rosafarbenen Strahlen zum Horizont des dunklen Meeres nieder.

Wolodja sah ohne das geringste Schaudern diesen Ort der Schrecken, an den er so viel gedacht hatte; er betrachtete vielmehr mit ästhetischem Genuß und dem heroischen Gefühl des Selbstbewußtseins, daß ja auch er in einer halben Stunde dort sein würde, dieses wahrhaft reizvoll-originelle Schauspiel, und betrachtete es mit gespannter Aufmerksamkeit bis zu dem Augenblick, wo sie auf die Nordseite zu dem Train des Regiment seines Bruders gekommen waren; hier mußten sie genau den Standort des Regiments und der Batterie erfahren.

Der Offizier, der den Train kommandierte, wohnte in der Nähe des sogenannten neuen Städtchens – hölzerner, durch Matrosenfamilien errichteter Baracken – in einem Zelt, das mit einer ziemlich großen, aus grünen, noch nicht ganz vertrockneten Eichenzweigen errichteten Hütte verbunden war.

Die Brüder trafen den Offizier vor einem schmutzigen Tische, auf dem ein Glas kalten Thees, ein Brett mit Schnaps, mit Kaviarkörnchen und Brotkrümel stand, bloß mit einem gelblich-schmutzigen Hemde bekleidet; er zählte an einem großen Rechenbrett einen ungeheuren Haufen Banknoten. Ehe wir aber von der Persönlichkeit des Offiziers und seiner Unterhaltung etwas sagen, müssen wir uns genauer das Innere seiner Hütte ansehen und uns ein wenig mit seiner Lebensweise und seiner Beschäftigung bekannt machen. Die neue Hütte war so groß, so dicht geflochten und so gut gebaut, mit Tischen und Bänken versehen, die mit Rasen bedeckt waren, wie man sie nur für Generale und Regimentskommandeure macht; die Seitenwände und die Decke waren, damit die Blätter nicht herunterfallen, mit drei Teppichen behängt, die zwar sehr häßlich, aber neu und jedenfalls teuer waren. Auf dem eisernen Bett, das unter dem Hauptteppich stand, auf dem eine Reiterin abgebildet war, lag eine hellrote Plüschdecke, ein schmutziges, zerrissenes Kissen und ein Schuppenpelz. Auf dem Tisch stand ein Spiegel in einem Silberrahmen; eine silberne, schrecklich schmutzige Bürste, ein zerbrochener, mit öligen Haaren besetzter Hornkamm, ein silberner Leuchter, eine Likörflasche mit einer riesigen goldenen roten Marke, eine goldene Uhr mit dem Bilde Peters des Großen, zwei goldene Federn, ein Körbchen mit Kapseln, eine Brotrinde, ein auseinandergeworfenes altes Kartenspiel und unter dem Bett allerlei leere und volle Flaschen. Dieser Offizier hatte den Train des Regiment und die Verpflegung der Pferde unter sich. Mit ihm zusammen wohnte sein Busenfreund, der Kommissionär, der sich mit den Geschäften befaßte. Er schlief in dem Augenblick, wo die Brüder eintraten, in der Hütte, der Train-Offizier aber zählte Kronsgelder, da das Ende des Monats vor der Thür stand. Die Erscheinung des Train-Offiziers war sehr schön und kriegerisch: eine hohe Gestalt, ein tüchtiger Schnauzbart, adelige Stattlichkeit. Unangenehm war an ihm nur sein schweißiges, aufgedunsenes Gesicht, das kaum die kleinen grauen Augen sehen ließ (als ob es ganz mit Porter begossen wäre), und die außerordentliche Unsauberkeit, von dem dünnen, öligen Haar bis zu den großen nackten Füßen, die er in Hermelinpantoffeln trug.

Ist das Geld! Ist das Geld! sagte Koselzow I., als er in die Hütte trat und mit unwillkürlicher Gier die Augen auf den Haufen Banknoten richtete. Wenn Sie mir nur die Hälfte borgen wollten, Wassilij Michajlytsch!

Der Train-Offizier machte beim Anblick der Gäste einen krummen Rücken und grüßte sie, ohne aufzustehen, indem er das Geld zusammenstrich.

Ach, wenn das mein wäre! ... Es ist Kronsgeld, mein Lieber! Wen bringen Sie mit? fragte er, indem er das Geld in eine neben ihm stehende Schatulle legte und Wolodja ansah.

Das ist mein Bruder, er ist von der Kriegsschule hierher gekommen. Wir wollten von Ihnen erfahren, wo das Regiment steht.

Setzen Sie sich, meine Herren, sagte er, erhob sich und ging, ohne den Gästen Aufmerksamkeit zu schenken, ins Zelt. Wollen Sie nicht etwas trinken? vielleicht Porter? fragte er im Zelt.

Kann nicht schaden, Wassilij Michajlytsch!

Wolodja war überrascht von der Würde des Train-Offiziers, seinem ungezwungenen Wesen und von der Achtung, die sein Bruder ihm entgegenbrachte.

»Das muß ein vortrefflicher Offizier sein, den alle hochschätzen: gewiß einfach, aber gastfrei und tapfer,« dachte er und setzte sich bescheiden und schüchtern auf das Sofa.

Wo steht denn unser Regiment? fragte von neuem der ältere Bruder.


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