Sewastopolim Mai 1855

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Schon sind sechs Monate vergangen seit der Zeit, da die erste Kanonenkugel von den Bastionen Sewastopols pfiff und die Erde in den feindlichen Werken aufriß, und seit der Zeit sind unaufhörlich Tausende von Bomben, Kanonen- und Gewehrkugeln von den Bastionen in die Laufgräben und aus den Laufgräben nach den Bastionen geflogen, und unaufhörlich hat der Engel des Todes über ihnen geschwebt.

Tausendfach ist hier menschliche Eigenliebe gekränkt, tausendfach befriedigt und genährt, tausendfach in den Umarmungen des Todes zum Schweigen gebracht worden. Wie viel blumengeschmückte Särge, wie viel linnene Leichentücher! Und noch immer erschallen dieselben Töne von den Bastionen, noch immer sehen, mit unwillkürlichem Schrecken und Zittern, die Franzosen an einem klaren Abende aus ihrem Lager auf die gelbliche, aufgerissene Erde der Bastionen Sewastopols und die schwarzen, auf ihnen umherwogenden Gestalten unserer Matrosen und zählen die Schießscharten, aus welchengußeiserne Kanonen trutzig hervorragen; noch immer beobachtet ein Unteroffizier vom Steuer vom Telegraphenhügel aus durch ein Fernrohr die bunten Gestalten der Franzosen, ihre Batterien, ihre Zelte, die Truppenmassen, die sich auf der grünen Höhe bewegen, und die in den Laufgräben aufsteigenden Rauchwölkchen, – und immer noch streben von allen Enden der Welt verschiedene Menschenscharen mit derselben Glut und mit noch verschiedenartigeren Wünschen nach dieser schicksalsreichen Stätte. Und immer noch ist die Frage, die die Diplomaten nicht gelöst haben, nicht gelöst durch Pulver und Blut.

In der belagerten Stadt Sewastopol spielte auf dem Boulevard bei einem Pavillon eine Regimentskapelle, und Scharen von Soldaten und Frauen bewegten sich müßig in den Gängen. Die helle Frühlingssonne, die am Morgen über den englischen Verschanzungen aufgegangen war, hatte ihren Weg über die Bastionen, dann über die Stadt, über die Nikolai-Kaserne zurückgelegt und allen mit gleicher Freude geleuchtet; jetzt senkte sie sich zu dem fernen, blauen Meer hinab, dessen gleichmäßig wogende Wellen im Silberglanze funkelten.

Ein hochgewachsener, etwas gebückter Infanterieoffizier, der einen nicht ganz weißen, abersauberen Handschuh über die Hand zog, trat aus dem Pförtchen eines der kleinen Matrosenhäuschen heraus, die auf der linken Seite der Seestraße standen, und ging, nachdenklich seine Füße besehend, über eine Anhöhe zum Boulevard. Der Ausdruck des unschönen Gesichts dieses Offiziers verriet nicht gerade große Geistesanlagen, wohl aber Geradheit, Besonnenheit, Ehrenhaftigkeit und Ordnungsliebe. Er war nicht schön gebaut, ein wenig linkisch, gewissermaßen verschämt in seinen Bewegungen. Er trug eine noch wenig gebrauchte Mütze, einen dünnen Mantel von etwas eigentümlicher, veilchenblauer Farbe, unter dem eine goldene Uhrkette, Hosen mit Strippen und reine, glänzende Kalblederstiefeln sichtbar waren. Man hätte ihn für einen Deutschen halten können, wenn seine Gesichtszüge nicht seine rein russische Abkunft verraten hätten, oder für einen Adjutanten oder Regiments-Quartiermeister (aber dann hätte er Sporen tragen müssen), oder für einen Offizier, der für die Zeit des Feldzugs von der Kavallerie, vielleicht auch von der Garde übergetreten war. Es war wirklich ein Offizier, der aus der Kavallerie übergetreten war, und in diesem Augenblick, wo er zum Boulevard hinaufschritt, dachte er an einen Brief, den er eben von einem ehemaligen Kameraden, der jetzt außer Dienst war, einem Gutsbesitzer im Gouvernement T. und seiner Gattin, der blassen, blauäugigen Natascha, seiner Busenfreundin, erhalten hatte. Ihm war eine Stelle des Briefes eingefallen, in dem der Kamerad schreibt:

»Wenn derInvalidebei uns eintrifft, stürztPupka(so pflegte der frühere Ulan seine Gattin zu nennen) kopfüber in das Vorzimmer, greift nach der Zeitung und rennt damit nach derPlauderecke, in dasEmpfangszimmer(in dem wir so schön die Winterabende zusammen verlebt haben, weißt du noch, als das Regiment bei uns in der Stadt lag) und liest mit solchem FeuereiferEuereHeldenthaten, daß Du Dir's kaum vorstellen kannst. Sie spricht oft von Dir. ‚Nicht wahr, Michajlow – sagt sie – ist doch eineSeele von Mensch. Ich könnte ihn abküssen, wenn ich ihn sehe.Er kämpft auf den Bastionenund bekommt gewiß das Georgskreuz, und die Zeitungen werden über ihn schreiben ...‘ u. s. w. u. s. w., so daß ich entschieden anfange, auf Dich eifersüchtig zu werden.« An einer anderen Stelle schreibt er: »Die Zeitungen bekommen wir schrecklich spät, und wenn es auch viele mündliche Nachrichten giebt, so kann man doch nicht allen Glauben schenken. Gestern z. B. haben die Dir bekanntenjungen Damen mit der Musikerzählt, Napoleon sei schon von unseren Kosaken gefangen genommen und nach Petersburg transportiert; aber Du kannst Dir denken, wie wenig ich das glaube. Ein Fremder aus Petersburg hat uns erzählt (er ist im Ministerium für besondere Aufträge, ein reizender Mensch, undjetzt, wo niemand in der Stadt ist, eine solcheRessourcefür uns, daß Du Dir's kaum vorstellen kannst ...), er sagt bestimmt, die Unsrigen hätten Eupatoria genommen,so daß die Franzosen von Balaklava abgeschnittensind, und wir hätten dabei 200 Mann, die Franzosen aber 15000 Mann verloren. Meine Frau war so entzückt davon, daß sie die ganze Nachtgezechthat, sie meint, Du bist sicher bei diesem Treffen gewesen, sie ahne das, und hättest Dich ausgezeichnet.«

Trotz der Worte und Ausdrücke, die ich absichtlich durch die Schrift ausgezeichnet habe, und trotz des ganzen Tons dieses Briefes dachte der Stabskapitän Michajlow mit unsagbar trauriger Wonne an seine blasse Freundin in der Provinz, und wie er mit ihr die Abende in dem Erker gesessen und über »das Gefühl« gesprochen hatte, er dachte an den guten Kameraden, den Ulan, wie er böse war und brummte, wenn sie in seinem Arbeitszimmer um eine Kopeke spielten, wie seine Gattin über ihn lachte – dachte an die Freundschaft, die diese Menschen für ihn hatten (vielleicht glaubte er auch, es sei etwas mehr von seiten der blassen Freundin); alle diese Personen mit ihrer Umgebung huschten durch seine Phantasie in einem wunderbar süßen, beseligend-rosigen Lichte und, lächelnd bei seinen Erinnerungen, legte er die Hand an die Tasche, in der dieser ihm so liebe Brief steckte.

Von Erinnerungen ging der Stabskapitän Michajlow unwillkürlich zu Träumen und Hoffnungen über. »Wie groß wird Nataschas Verwunderung und Freude sein – dachte er, während er durch das schmale Gäßchen dahinschritt, – wenn sie auf einmal imInvalidendie Schilderung lesen wird, wie ich zuerst die Kanone erklettert und das Georgskreuz bekommen habe! Kapitän muß ich nach altem Brauch werden. Dann kann ich leicht noch in demselben Jahre Major in der Linie werden, denn es sind viele von unseren Leuten gefallen und werden gewiß noch viele in diesem Feldzug fallen. Und dann wird es wieder eine Schlacht geben, und ich als ein berühmter Mann bekomme ein Regiment ... Oberstleutnant ... den Annenorden um den Hals ... Oberst ...« und er war schon General, und würdig, Natascha zu besuchen, die Witwe des Kameraden, der, wie er es sich ausmalte, bis dahin gestorben war – als die Töne der Boulevard-Musik deutlicher an sein Ohr schlugen, das drängende Volk ihm in die Augen fiel und er auf dem Boulevard erwachte – als der alte Stabskapitän von der Infanterie.

Er ging zuerst nach dem Pavillon, neben dem die Musikanten standen, denen statt der Pulteandere Soldaten desselben Regiments die Noten hielten und umblätterten, und um die, mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer, Schreiber, Junker und Wärterinnen mit Kindern einen Kreis gebildet hatten. Rings um den Pavillon standen, saßen und gingen meistenteils Seeleute, Adjutanten und Offiziere in weißen Handschuhen. In der großen Allee des Boulevards spazierten Offiziere aller Art und Frauen aller Art, hin und wieder in Hüten, meist aber in Kopftüchern (es gab auch welche ohne Tücher und ohne Hüte), aber nicht eine von ihnen war alt, ja, merkwürdig, alle waren jung. Unten in den schattigen, duftenden Alleen weißer Akazien gingen und saßen abgesonderte Gruppen.

Niemand war sonderlich erfreut, auf dem Boulevard dem Stabskapitän Michajlow zu begegnen, ausgenommen vielleicht Kapitän Obshogow und Kapitän Ssuslikow von seinem Regiment, die ihm herzlich die Hand schüttelten, aber der erstere war in Kamelhaar-Beinkleidern, hatte keine Handschuhe an, einen abgetragenen Mantel und ein so rotes, schweißtriefendes Gesicht, und der zweite schrie so laut und ausgelassen, daß es eine Schande war, mit ihnen zu gehen, besonders vor den Offizieren in weißen Handschuhen (von diesen begrüßte Stabskapitän Michajlow den einen Adjutanten, einen zweiten Stabsoffizier hätte er begrüßen können, denn er war mit ihm zweimal bei einem gemeinsamen Bekannten zusammengetroffen). Im übrigen aber, welches Vergnügen hätte es für ihn sein können, mit diesen Herren Obshogow und Ssuslikow spazieren zu gehen, da er auch so sechsmal am Tage mit ihnen zusammentraf und ihnen die Hand drückte? Nicht darum war erzur Musikgekommen.

Er wäre gern zu dem Adjutanten herangetreten, den er begrüßt hatte, und hätte gern mit diesen Herren geplaudert, keineswegs etwa, damit die Kapitäne Obshogow und Ssuslikow und der Leutnant Paschtezki und die anderen sähen, daß er mit ihnen spricht, sondern einfach, weil sie nette Menschen waren und zudem alle Neuigkeiten wissen und sie erzählt hätten.

Warum aber scheut sich der Stabskapitän Michajlow, warum entschließt er sich nicht, zu ihnen heranzutreten? »Wie, wenn sie mich auf einmal nicht wiedergrüßen – denkt er – oder wenn sie mich grüßen und in ihrem Gespräch fortfahren, als ob ich nicht da wäre, oder sich ganz von mir entfernen und ich allein dort bleibe unter denAristokraten?« Das Wort Aristokraten (im Sinne eines höheren, auserwählten Kreises, gleichviel in welchem Stande) hat bei uns in Rußland, wo es, wie man glauben müßte, gar nicht existieren sollte, seit einiger Zeit eine große Popularität bekommen und ist in alle Gegenden und in alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen, wo nurder Dünkel eingedrungen ist (und in welche Zeit und in welche Verhältnisse dringt diese klägliche Sucht nicht ein?): in die Kreise der Kaufleute, der Beamten, der Schreiber, der Offiziere, in Ssaratow, in Mamadysch, in Winniza – überall, wo es Menschen giebt. Und da es in der belagerten Stadt Sewastopol viel Menschen giebt, giebt es auch viel Dünkel, d. h. auch vielAristokraten, obgleich jede Minute der Tod schwebt über dem Haupte jedesAristokratenundNicht-Aristokraten.

Für den Kapitän Obshogow ist der Stabskapitän Michajlow ein Aristokrat, für den Stabskapitän Michajlow ist der Adjutant Kalugin ein Aristokrat, weil er Adjutant ist und mit dem andern Adjutanten auf du und du steht. Für den Adjutanten Kalugin ist Graf Norden ein Aristokrat, weil er Flügeladjutant ist.

Dünkel, Dünkel, Dünkel überall, selbst am Rande des Grabes und unter Menschen, die bereit sind, aus einer edlen Überzeugung in den Tod zu gehen, überall Dünkel. Er ist also wohl ein charakteristischer Zug und eine besondere Krankheit unseres Zeitalters. Warum hat man unter den Menschen vergangener Zeit nichts gehört von dieser Leidenschaft, wie von den Pocken oder der Cholera? Warum giebt es in unserer Zeit nur drei Arten von Menschen: Solche, die die Quelle des Dünkels als eine notwendigerweise existierende,darum berechtigte Thatsache hinnehmen und sich ihr freiwillig unterwerfen; eine zweite, die sie wie einen unheilvollen, aber unüberwindlichen Umstand hinnehmen, und eine dritte, die unbewußt sklavisch unter ihrem Einflusse handeln? Warum haben Homer und Shakespeare von Liebe, von Ruhm, von Leiden gesprochen, und das Schrifttum unseres Jahrhunderts ist nichts als eine endlose Erzählung von Snobs und Dünkel?

Der Stabskapitän ging zweimal an der Gruppeseiner Aristokratenvorüber, beim drittenmal überwand er sich und trat zu ihnen heran. Diese Gruppe bildeten vier Offiziere: der Adjutant Kalugin, Michajlows Bekannter, der Adjutant Fürst Galzin, der sogar für Kalugin selbst ein wenig Aristokrat war, der Oberst Neferdow, einer von den sogenanntenHundertzweiundzwanzigBürgerlichen (Verabschiedete, die für diesen Feldzug wieder in den Dienst getreten waren) und der Rittmeister Praßkuchin, auch einer von den Hundertzweiundzwanzig. Zu Michajlows Glück war Kalugin in vortrefflicher Stimmung (der General hatte soeben erst mit ihm höchst vertraulich gesprochen, und Fürst Galzin, der eben aus Petersburg gekommen, war bei ihm abgestiegen), er hielt es nicht für erniedrigend, dem Stabskapitän Michajlow die Hand zu reichen, was Praßkuchin jedoch sich nicht entschließen konnte zu thun, obgleich er sehr häufig mit Michajlow auf der Bastion zusammengetroffen war, mehr als einmal seinen Wein und Schnaps getrunken hatte und ihm sogar vom Préférence her zwölf und einen halben Rubel schuldete. Da er den Fürsten Galzin noch nicht näher kannte, wollte er vor ihm seine Bekanntschaft mit einem einfachen Stabskapitän der Infanterie nicht zeigen. Er grüßte ihn mit einem leichten Kopfnicken.

Wie, Kapitän, sagte Kalugin, wann geht's wieder auf die Bastion? ... Erinnern Sie sich, wie wir uns auf der Schwarzow-Redoute trafen, es ging heiß her?

Ja, es ging heiß her, sagte Michajlow, indem er sich erinnerte, wie er in jener Nacht im Laufgraben der Bastion Kalugin getroffen, der kühn und mutig mit dem Säbel klirrend, vorwärts ging.

Eigentlich sollte ich erst morgen gehen, da aber bei uns ein Offizier krank ist, fuhr Michajlow fort, so ...

Er wollte sagen, daß die Reihe nicht an ihm sei; da aber der Kommandeur der achten Kompagnie krank und in der Kompagnie nur der Fähnrich übrig sei, hätte er es für seine Pflicht gehalten, sich für die Stelle des Leutnants Nepschißezki zu melden und ginge daher heut auf die Bastion. Kalugin ließ ihn nicht aussprechen.

Ich fühle, daß es dieser Tage etwas geben wird, sagte er zum Fürsten Galzin.

Wie, wird es heut nichts geben? fragte schüchtern Michajlow, indem er bald Kalugin, bald Galzin ansah.

Niemand antwortete ihm. Fürst Galzin runzelte nur eigentümlich die Stirn, ließ seinen Blick an seiner Mütze vorbeischweifen und sagte nach einer kurzen Pause:

Ein prächtiges Mädchen, die in dem roten Tuche. Kennen Sie sie nicht, Kapitän?

Nicht weit von meiner Wohnung, die Tochter eines Matrosen, antwortete der Stabskapitän.

Gehen wir, sehen wir sie uns an.

Und Fürst Galzin nahm auf der einen Seite Kalugin, auf der anderen – den Stabskapitän unter den Arm; er war im voraus überzeugt, daß dies dem letzteren ein großes Vergnügen bereiten müsse, was in der That zutreffend war.

Der Stabskapitän war abergläubisch und hielt es für eine große Sünde, sich vor einem Kampfe mit Weibern abzugeben; aber in diesem Falle spielte er den Schwerenöter, was ihm Fürst Galzin und Kalugin offenbar nicht glaubten, und was das Mädchen in dem roten Tuch außerordentlich verwunderte, da sie öfter bemerkt hatte, wie der Stabskapitän errötet war, wenn er an ihrem Fenster vorüberging. Praßkuchin ging hinterdrein, stieß den Fürsten Galzin am Arm und machte allerlei Bemerkungen in französischer Sprache; da es aber nicht möglich war, zu Vieren den schmalen Weg zu gehen, war er gezwungen, allein zu gehenund nahm nur in der zweiten Gruppe den berühmten, tapferen Marineoffizier Sserwjagin unter den Arm, der herangekommen war und ein Gespräch mit ihm begonnen hatte, und der auch den Wunsch hatte, sich der Gruppe derAristokratenanzuschließen. Und der berühmte Held schob mit Freuden seine nervige, ehrenfeste Hand unter den Arm Praßkuchins, der allen, auch Sserwjagin selbst, gut bekannt war, als ein nicht besonders guter Mensch. Als Praßkuchin dem Fürsten Galzin seine Bekanntschaft mitdiesemMarineoffizier erklärte und ihm zuraunte, er sei ein berühmter Held, schenkte Fürst Galzin Sserwjagin doch gar keine Aufmerksamkeit; er war gestern auf der vierten Bastion gewesen, hatte dort in einer Entfernung von zwanzig Schritt eine Bombe krepieren sehen, hielt sich daher für keinen geringeren Helden, als dieser Herr war und meinte, so mancher Ruhm werde für nichts gewonnen.

Dem Stabskapitän Michajlow machte es so viel Vergnügen, in dieser Gesellschaft umherzuschlendern, daß er denliebenBrief aus T. und die düsteren Gedanken, die ihm bei dem bevorstehenden Abgange auf die Bastion überkommen hatten, vergaß. Er blieb so lange in ihrer Gesellschaft, bis sie ausschließlich untereinander zu plaudern begannen und seinen Blicken auswichen und ihm so zu verstehen gaben, daß er gehen könne, und sich schließlich ganz von ihm entfernten.Der Stabskapitän war trotzdem zufrieden und kränkte sich nicht im mindesten über die verdächtig-hoffärtige Art, in der der Junker Baron Pest sich brüstete und die Mütze vor ihm zog, als er an ihm vorüberging; der Junker war nämlich seit der gestrigen Nacht, – die er zum ersten Male in der Blindage der fünften Bastion zugebracht hatte, weshalb er sich für einen Helden hielt, – besonders stolz und selbstbewußt.

Kaum aber hatte der Stabskapitän die Schwelle seiner Wohnung überschritten, als ihm völlig andere Gedanken in den Sinn kamen. Er sah sein kleines Zimmerchen mit dem unebnen Lehmboden und den schiefen, mit Papier beklebten Fenstern, sein altes Bett mit dem darüber befestigten Teppich, auf dem eine Reiterin abgebildet war und über dem zwei Pistolen aus Tula hingen, die schmutzige, mit einer Kattundecke versehene Lagerstätte des Junkers, der mit ihm zusammenwohnte; er sah seinen Nikita, der, mit verwirrtem, fettigem Haar, sich kratzend, von der Diele aufstand; er sah seinen alten Mantel, seine umgestülpten Stiefel und ein Bündel, aus dem das Ende eines Käses und der Hals einer großen Flasche mit Branntwein, den er sich für den Aufenthalt auf der Bastion besorgt, hervorragten; und plötzlich fiel ihm ein, daß er heut auf die ganze Nacht mit der Kompagnie in die Schützengräben gehen müsse.

»Gewiß, ich werde heut sterben müssen, – dachte der Stabskapitän – ich fühle es. Die Hauptsache ist, daß ich nicht zu gehen brauchte, aber mich selbst angeboten habe. Immer fällt der, der sich selber anbietet. Und was fehlt denn diesem verfluchten Nepschißezki? Er ist vielleicht gar nicht krank, und es soll ein anderer für ihn fallen, ja, gewiß fallen. Übrigens aber, wenn ich nicht falle, werde ich sicher vorgeschlagen. Ich habe wohl gemerkt, wie es dem Regimentskommandeur gefiel, als ich sagte: »Gestatten Sie, daß ich gehe, wenn Leutnant Nepschißezki krank ist.« Setzt es nicht den Major, so ist mir der Wladimir gewiß. Gehe ich doch schon das dreizehnte Mal auf die Bastion. Ach, dreizehn ist eine böse Zahl. Ich werde bestimmt fallen – ich fühle es, daß ich fallen werde. Aber Einer muß doch gehen, ein Fähnrich kann doch nicht die Kompagnie führen. Und wenn sich etwas ereignen sollte? ... die Ehre des Regiments, die Ehre der Armee hängt ja davon ab. MeinePflichtwar es, ja, meine heilige Pflicht. Aber ich habe Vorahnungen.« Der Stabskapitän vergaß, daß er derartige Vorahnungen mehr oder minder stark schon oft gehabt hatte, wenn er auf die Bastion gehen sollte, und wußte nicht, daß dieselbe Vorahnung mehr oderminder stark jeder empfindet, der ins Feuer geht. Beruhigt durch das Pflichtbewußtsein, das bei dem Stabskapitän besonders entwickelt und stark war, setzte er sich an den Tisch und begann einen Abschiedsbrief an seinen Vater zu schreiben. Als er nach zehn Minuten den Brief beendet, stand er mit thränenfeuchten Augen vom Tische auf und begann, im Geiste alle ihm bekannten Gebete wiederholend, sich umzukleiden. Sein angetrunkener und grober Diener reichte ihm träge seinen neuen Rock (der alte, den der Stabskapitän gewöhnlich anzog, wenn er auf die Bastion ging, war nicht gereinigt).

Weshalb ist der Rock nicht gereinigt? Du willst nur immer schlafen, du! du! rief Michajlow zornig.

Was schlafen? brummte Nikita; den ganzen geschlagenen Tag läuft man umher wie ein Hund, da wird man wohl müde; und dann heißt es: schlaf' nicht mal ein!

Du bist wieder betrunken, sehe ich.

Nicht für Ihr Geld habe ich getrunken, was machen Sie mir Vorwürfe?

Schweig', Tölpel, schrie der Stabskapitän und wollte seinem Diener einen Schlag versetzen. Er war schon vorher erregt gewesen, jetzt war er vollends außer sich und erbittert über die Grobheit Nikitas, den er gern hatte, sogar verwöhnte, und mit dem er bereits zwölf Jahre zusammen lebte.

Tölpel? Tölpel ... wiederholte der Diener, und weshalb schimpfen Sie mich Tölpel, Herr? In solcher Zeit, wie jetzt, ist es nicht recht, zu schimpfen.

Michajlow erinnerte sich, wohin er zu gehen hatte und schämte sich.

Du bringst einen wirklich um alle Geduld, Nikita, sprach er mit sanfter Stimme, diesen Brief an meinen Vater laß auf dem Tische liegen, rühr' ihn nicht an, fügte er errötend hinzu.

Zu Befehl, Herr, sprach Nikita, den unter dem Einflusse des Weines, den er, wie er sagte, fürsein eigenes Geldgetrunken hatte, ein Gefühl der Rührung überkam, und der mit dem ersichtlichen Wunsche, in Thränen auszubrechen, mit den Augen zwinkerte.

Als der Stabskapitän auf der Außentreppe sagte: lebe wohl, Nikita! brach Nikita plötzlich in Schluchzen aus und stürzte auf seinen Herrn zu, um ihm die Hände zu küssen. Leben Sie wohl, Herr, sprach er schluchzend. Eine alte Matrosenfrau, die auf der Außentreppe stand, konnte als Weib dieser Gefühlsszene nicht unbeteiligt zuschauen, sie wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel die Augen und sprach ihre Verwunderung darüber aus, warum sich denn die Herren solchen Qualen aussetzten; sie sagte, sie sei eine arme Witwe, und erzählte zum hundertsten Male dem betrunkenen Nikita von ihrem Kummer: wie ihr Mann schonbeim ersten »Bandirement« getötet und ihr Häuschen total zerstört worden (das, in dem sie jetzt wohnte, gehörte nicht ihr) u. s. w. Nachdem der Herr gegangen war, zündete Nikita sein Pfeifchen an, bat das Haustöchterchen, Schnaps zu holen und hörte sehr bald auf zu weinen. Ja, er begann sogar mit der Alten einen Zank wegen eines kleinen Eimers, den sie ihm zerschlagen haben sollte.

»Vielleicht werde ich nur verwundet, dachte der Stabskapitän, als er bereits in der Dämmerung mit der Kompagnie auf die Bastion ging. – Aber wo, wie: hier oder dort? er hatte den Leib und die Brust im Sinn. – Wenn hier (er dachte an den Oberschenkel), würde der Knochen ganz bleiben ... Wenn aber hier, besonders von einem Bombensplitter, dann ist es aus!«

Der Stabskapitän gelangte glücklich durch die Laufgräben bis zu den Schützengräben, stellte mit Hilfe eines Sappeuroffiziers bereits in vollständiger Dunkelheit die Leute zur Arbeit an und setzte sich in eine kleine Grube unter der Brustwehr. Es wurde wenig geschossen, nur bisweilen flammten bald bei uns, bald bei »ihm« Blitze auf und beschrieb eine leuchtende Bombenröhre einen feurigen Bogen am dunklen, gestirnten Himmel. Aber alle Bomben fielen weit hinten und rechts von dem Schützengraben nieder, in dessen Grube der Stabskapitän saß. Er trank seinenSchnaps, aß seinen Käse, rauchte seine Cigarette und versuchte, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, ein wenig zu schlafen.

Fürst Galzin, Oberstleutnant Neferdow und Praßkuchin, den niemand gerufen hatte, mit dem niemand sprach, der sich aber immer zu ihnen hielt, verließen alle drei den Boulevard, um bei Kalugin Thee zu trinken.

Nun, du hast mir noch nicht zu Ende erzählt von Wasjka Mendel, sprach Kalugin; er hatte den Mantel abgelegt, saß am Fenster auf einem weichen, bequemen Sessel und knöpfte den Kragen seines weißen, gestärkten Oberhemdes auf, – wie hat er sich verheiratet?

Zum Kranklachen, Kamerad! ...Je vous dis, il y avait un temps, on ne parlait que de ça à Pétersbourg, sagte Fürst Galzin lachend, erhob sich von dem Klavier, vor dem er saß, und setzte sich auf das Fenster neben Kalugins Fenster, einfach zum Kranklachen. Ich kenne die Geschichte schon ganz genau ...

Und er begann lustig, witzig und lebendig eine Liebesgeschichte zu erzählen, die wir hier übergehen, weil sie für uns nicht interessant ist. Aber merkwürdig war's, daß nicht bloß Fürst Galzin, sondern alle diese Herren, die sich's hier bequem gemacht hatten, der eine im Fenster, der andere mit übergeschlagenen Beinen, der dritte am Klavier, ganz andere Menschen zu sein schienen, als auf dem Boulevard: frei von der lächerlichen Aufgeblasenheit und Dünkelhaftigkeit, die sie den Infanterie-Offizieren gegenüber hatten; hier waren sie unter sich, gaben sich natürlich und waren, besonders Kalugin und Fürst Galzin, höchst liebenswürdige, heitere und gute Jungen. Es war die Rede von Petersburger Kameraden und Bekannten.

Was macht Maslowski?

Welcher: der von den Leib-Ulanen oder von der Garde-Kavallerie?

Ich kenne sie beide. Den Gardisten habe ich noch als Knaben gekannt, wie er eben aus der Schule kam. Nicht wahr, der ältere ist Rittmeister?

O, schon lange!

Geht er noch immer mit seinem Zigeunermädel?

Nein, die hat er laufen lassen ... oder so ähnlich.

Dann setzte sich Fürst Galzin an das Klavier und sang prächtig ein Zigeunerlied. Praßkuchin, obwohl von niemand gebeten, begann ihn zu begleiten, und so gut, daß man ihn bat, in der Begleitung fortzufahren, was er auch sehr gern that.

Ein Diener trat ins Zimmer; er brachte Thee,Sahne und Bretzeln auf einem silbernen Präsentierteller.

Reiche dem Fürsten! sagte Kalugin.

Es ist doch eigentümlich, daran zu denken, sagte Galzin, indem er ein Glas nahm und ans Fenster ging, daß wir hier in der belagerten Stadt, ... »Klaviergesang«, Thee mit Sahne und eine solche Wohnung haben, wie ich sie wirklich in Petersburg haben möchte.

Ja, wenn auch das noch fehlte, entgegnete der mit allem unzufriedene alte Oberstleutnant, so wäre diese beständige Erwartung einfach unerträglich, – zu sehen, wie jeden Tag die Menschen fallen und fallen, ohne daß man ein Ende absieht, – wenn man dabei noch im Schmutz leben müßte und keine Bequemlichkeit hätte! ...

Und was sollen unsere Infanterieoffiziere sagen, rief Kalugin, die auf den Bastionen mit den Soldaten in den Blindagen liegen und Soldatensuppe essen? – was sollen die sagen?

Die? Die wechseln allerdings acht Tage lang nicht die Wäsche, aber das sind auch Helden, bewunderungswürdige Menschen.

In diesem Augenblick kam ein Infanterieoffizier ins Zimmer.

Ich ... ich habe Befehl ... kann ich als Bote des Generals N. den Gen... Seine Excellenz sprechen? fragte er schüchtern und grüßte.

Kalugin erhob sich; aber ohne den Gruß desOffiziers zu erwidern, fragte er ihn mit beleidigender Höflichkeit und einem erzwungenen offiziellen Lächeln, ob es »Ihnen« nicht beliebte zu warten, dann wandte er sich, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, an Galzin, sprach mit ihm französisch, so daß der arme Offizier, der mitten im Zimmer stehen geblieben war, absolut nicht wußte, was er mit seiner Person machen sollte.

In einer äußerst dringenden Angelegenheit, sagte der Offizier nach einem minutenlangen Schweigen.

Ich bitte Sie, mit mir zu kommen, sagte Kalugin, zog den Mantel an und begleitete den Offizier zur Thür.

Oh bien, messieurs, je crois, que cela chauffera cette nuit!sagte Kalugin, als er vom General zurückgekommen war.

Wie? Was? Ein Ausfall? begannen alle zu fragen.

Ich weiß nicht, Sie werden selber sehen, antwortete Kalugin mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Mein Kommandeur ist auf der Bastion, darum muß ich wohl auch hingehen, sagte Praßkuchin und legte den Säbel an.

Aber niemand antwortete ihm, er mußte selber wissen, ob er zu gehen habe oder nicht.

Praßkuchin und Neferdow gingen hinaus, um sich auf ihre Plätze zu begeben.

Leben Sie wohl, meine Herren! Auf Wiedersehen, meine Herren! Wir werden uns heute Nacht noch wiedersehen! schrie Kalugin aus dem Fenster, als Praßkuchin und Neferdow über ihre Kosakensättel gebeugt, den Weg entlang trabten. Das Getrabe der Kosakenpferde verklang bald in der dunklen Straße.

Non, dites moi, est-ce qu'il y aura véritablement quelque chose cette nuit?sagte Galzin, während er mit Kalugin im Fenster lag und die Bomben betrachtete, die über den Bastionen aufstiegen.

Dir kann ich's erzählen. Siehst du, ... du bist ja auf den Bastionen gewesen? – (Galzin machte ein Zeichen der Zustimmung, obgleich er nur einmal auf der vierten Bastion gewesen war.) – Dort, unserer Lunette gegenüber war ein Laufgraben ... und Kalugin, der kein Fachmann war, trotzdem aber seine strategischen Ansichten für sehr richtig hielt, begann, ein wenig verwirrt und die technischen Ausdrücke verdrehend, den Stand unserer und der feindlichen Werke und den Plan des beabsichtigten Unternehmens zu schildern.

Aber um die Schützengräben beginnt es zu knallen. Oho! Ist das eine von uns oder von »ihm«? Da platzt sie, riefen sie, indem sie vom Fenster aus, die feurigen, in der Luft sich kreuzenden Linien der Bomben, die den dunkelblauen Himmel auf einen Augenblick erleuchtenden Blitzeder Schüsse und den weißen Pulverrauch betrachteten und den Tönen des immer stärker werdenden Schießens lauschten.

Quel charmant coup d'oeil, a?sagte Kalugin, indem er die Aufmerksamkeit seines Gastes auf dies wirklich schöne Schauspiel lenkte. Weißt du, bisweilen kann man einen Stern nicht von einer Bombe unterscheiden.

Ja, ich dachte soeben, daß das ein Stern sei; aber er fällt ... sieh, sie ist geplatzt. Und dieser große Stern ... wie heißt er? – sieht ganz wie eine Bombe aus.

Weißt du, ich habe mich so an diese Bomben gewöhnt, daß mir in Rußland, ich bin davon überzeugt, in einer Sternennacht alles als Bomben erscheinen wird, – so gewöhnt man sich daran.

Soll ich aber nicht lieber diesen Ausfall mitmachen? sagte Fürst Galzin nach einem minutenlangen Schweigen.

Laß nur gut sein, Kamerad, und denk' nicht daran; ich lasse dich auch nicht fort, antwortete Kalugin, du kommst schon noch zurecht, Kamerad!

Im Ernst? ... Du meinst also, ich brauche nicht zu gehen – wie?

In diesem Augenblicke ließ sich in der Richtung, nach der die Herren sahen, auf das Kanonengebrüll, schreckliches Gewehrgeknatter hören, und Tausende von kleinen Feuern, die ununterbrochen aufflammten, blitzten auf der ganzen Linie.

So ist's, wenn's richtig losgeht! sagte Kalugin. Solches Gewehrfeuer kann ich nicht kaltblütig anhören: weißt du, es erschüttert einem gewissermaßen die Seele. Horch, das Urra! fügte er hinzu, indem er auf den entfernten, gedehnten Ton von Hunderten von Stimmen: »a–a, aa,« die von der Bastion her zu ihm drangen, horchte.

Wessen Urra ist das – das ihrige oder das unsere?

Ich weiß nicht; aber das Handgemenge ist schon losgegangen, denn das Feuer schweigt.

In diesem Augenblick kam ein Offizier, von einem Kosaken begleitet, unter das Fenster an die Außentreppe gesprengt und stieg vom Pferde.

Woher?

Von der Bastion. Ich muß zum General!

Gehen wir. Nun, was giebt's?

Wir haben die Schützengräben angegriffen ... genommen ... die Franzosen haben zahllose Reserven herangeführt ... haben die Unsrigen angegriffen ... wir hatten nur zwei Bataillone, sprach atemlos und nach Worten ringend, nach der Thür gewandt, derselbe Offizier, der am Abend dagewesen war.

Haben wir die Schützengräben geräumt? fragte Galzin.

Nein, antwortete ärgerlich der Offizier, ein Bataillon kam noch zur rechten Zeit, – wir haben sie zurückgeschlagen; aber der Regimentskommandeur ist tot, viele Offiziere, – es ist Befehl gegeben, um Verstärkung zu bitten.

Mit diesen Worten ging er, von Kalugin begleitet, zum General, wohin wir ihm nicht mehr folgen wollen.

Schon nach fünf Minuten saß Kalugin auf einem Kosakenpferde und wieder in der eigentümlichenquasi-kosakischen Weise, in der, wie ich beobachtet habe, alle Adjutanten etwas Besonderes, Anmutiges sehen, und ritt im Trabe nach der Bastion, um einige Befehle zu überbringen und Nachrichten über das endgültige Resultat des Treffens abzuwarten; Fürst Galzin begab sich unter dem Eindruck der peinigenden Erregung, welche die nahen Anzeichen eines Treffens auf einen Zuschauer zu machen pflegen, der nicht daran teilnimmt, auf die Straße, um hier ziellos hin- und herzugehen.

Soldaten brachten Verwundete auf Tragbahren oder führten sie unterm Arme. Auf der Straße war es vollständig dunkel; nur selten glänzte Licht in einem Hospitale oder bei zusammensitzenden Offizieren. Von den Bastionen her drang der frühere Geschütz- und Gewehrdonner, und die früheren Feuer flammten unter dem schwarzen Himmel auf. Bisweilen hörte man den Hufschlag des Pferdes eines fortgesprengten Ordonnanz-Offiziers, das Stöhnen eines Verwundeten, die Schritte und das Gemurmel von Krankenträgern und die Reden bestürzter Einwohner, die auf die Außentreppe gegangen waren und sich die Kanonade mit ansahen.

Unter den letzteren befand sich auch der uns bekannte Nikita, die alte Matrosenfrau, mit der er sich schon versöhnt hatte, und deren zehnjährige Tochter. »Herr Gott, heil'ge Mutter Gottes!« sprach seufzend die Alte vor sich hin, als sie die Bomben sah, die wie Feuerbälle unaufhörlich von einer Seite nach der anderen flogen; schrecklich, wie schrecklich! ... i–i–hi–hi ... So schlimm war's nicht beim ersten »Bandirement«. Sieh, wo die Verfluchte geplatzt ist! gerade über unserm Hause in der Vorstadt.

Nein, weiter, zur Tante Arinka fallen alle in den Garten, sprach das Mädchen.

Und wo, wo ist jetzt mein Herr? sagte Nikita mit etwas singender Stimme und noch ein wenig betrunken. Wie ich diesen Herrn liebe, das kann ich gar nicht sagen, – ich liebe ihn so, wenn man ihn, was Gott verhüte, sündhaft töten sollte, dann, glauben Sie mir, liebe Tante, weiß ich selber nicht, was ich mit mir anfangen soll, – bei Gott! Ein solcher Herr ist er, daß ... mit einem Worte! Soll ich ihn denn mit denen vertauschen, die da Karten spielen? ... Was? –pfui, mit einem Worte! schloß Nikita und zeigte dabei auf das erleuchtete Fenster im Zimmer seines Herrn, wohin Junker Shwadtschewskij, während der Abwesenheit des Stabskapitäns, zur Feier seiner Dekoration den Oberstleutnant Ugrowitsch und den Oberstleutnant Nepschißezki, der an Reißen litt, zu einem Festmahl geladen hatte ...

Wie die Sternchen, die Sternchen fliegen! unterbrach, nach dem Himmel sehend, das Mädchen das Nikitas Worten folgende Schweigen: sieh, sieh, dort springt es noch! Weshalb ist das so, liebe Mutter?

Sie werden unser Häuschen ganz und gar vernichten, sprach seufzend und ohne auf die Frage des Mädchens zu antworten, die Alte.

Und wie ich heut mit der Tante dorthin ging, Mütterchen, fuhr das im singenden Tone sprechende Mädchen fort, da lag eine große Kanonenkugel in der Stube neben dem Schranke, sie hatte, wie man sah, den Vorraum durchgeschlagen und war in die Stube geflogen ... So groß, daß man sie nicht aufheben konnte!

Wer einen Mann hatte und Geld, der ist fortgezogen, – hier haben sie auch das letzte Häuschen zu Schanden geschossen, sagte die Alte. Sieh, sieh, wie er feuert, der Bösewicht! Herr Gott! Herr Gott!

Und wie wir gerade fortgehen, kommt eine Bombe geflogen, sie platzt und überschüttet unsmit Erde, fast hätte mich und die Tante ein Stück getroffen.

Immer mehr und mehr Verwundete auf Tragbahren und zu Fuß, die einen von den andern gestützt und laut untereinander sprechend, kamen dem Fürsten Galzin entgegen.

Wie sie herangestürzt kamen, Kameraden, sprach mit Baßstimme ein großer Soldat, der zwei Gewehre auf dem Rücken trug, wie sie herangestürzt kamen und losschrien: »Allah, Allah!«[C]so klettert einer über den andern weg. Schlägt man die einen tot, gleich kommen andere hinterdrein geklettert – da ist nichts zu machen. Kopf an Kopf ...

[C]Unsere Soldaten waren aus den Türkenkriegen so an diesen Schlachtruf gewöhnt, daß sie jetzt immer erzählen, die Franzosen schreien auch Allah.

An dieser Stelle seiner Erzählung unterbrach ihn Galzin.

Kommst du von der Bastion?

Jawohl, Euer Wohlgeboren.

Nun, was gab's dort? Erzähle.

Was es dort gab? Ihre »Macht« rückte heran, Euer Wohlgeboren, sie klettern auf den Wall und aus war's. Sie haben vollständig gesiegt, Euer Wohlgeboren!

Was? gesiegt? ... Ihr habt sie ja doch zurückgeschlagen?

Wie soll man »ihn« zurückschlagen, wenn »seine« ganze »Macht« heranrückt! Er hat alle Unsrigen getötet, und Hilfe kommt nicht.

Der Soldat hatte sich geirrt, denn der Laufgraben war in unserem Besitz; aber das ist eine Eigentümlichkeit, die jeder beobachten kann: ein Soldat, der in einer Schlacht verwundet worden ist, hält sie stets für verloren und für schrecklich blutig.

Wie hat man mir da sagen können, daß Ihr den Feind zurückgeschlagen habt? sagte Galzin unwillig. Vielleicht ist er, nachdem du fort warst, zurückgeschlagen worden? Bist du schon lange von dort fort?

Diesen Augenblick, Euer Wohlgeboren! antwortete der Soldat, er ist schwerlich zurückgeschlagen; der Laufgraben ist jedenfalls in seinen Händen. – Er hat vollständig gesiegt.

Nun, und ihr schämt euch nicht, den Laufgraben geräumt zu haben? Das ist schrecklich! sagte Galzin, empört über diese Gleichgültigkeit.

Was soll man thun gegen die »Macht«? brummte der Soldat.

Euer Wohlgeboren, sprach in diesem Augenblick neben ihnen ein Soldat von einer Tragbahre herab, wie soll man nicht weichen, wenn er beinahe alle getötet hat. Wäre unsere Macht dagewesen, wir würden lebend nicht zurückgegangen sein. Was will man aber machen? Den einen habe ich niedergestoßen, da bekam ich auch sogleich einen Hieb ... O – ach, ruhiger, Brüderchen, gleichmäßiger, geh langsamer ... O–o–o! stöhnte der Verwundete.

Hier geht in der That, glaub' ich, viel überflüssig Volk, sagte Galzin, indem er den langen Soldaten mit den zwei Gewehren wieder zurückhielt. Warum gehst du fort? He, du, still gestanden!

Der Soldat blieb stehen und nahm mit der linken Hand die Mütze ab.

Wohin gehst du und weshalb? schrie er ihn barsch an. Verf...

Aber in diesem Augenblick war er ganz nah herangekommen, und bemerkte, daß sein rechter Arm über dem Aufschlag bis über den Ellbogen hinaus blutig war.

Bin verwundet, Euer Wohlgeboren.

Wodurch verwundet?

Hier, wohl durch eine Gewehrkugel, sagte der Soldat, auf seinen Arm zeigend, und hier, aber ich kann nicht sagen, was mich hier an den Kopf getroffen hat, er beugte den Kopf vor und zeigte die blutigen, zusammenklebenden Haare am Hinterkopf.

Und wem gehört das zweite Gewehr?

Ein französischer Stutzen, Euer Wohlgeboren, ich habe es einem fortgenommen. Ja, ich wäre auch nicht fortgegangen, wenn ich nicht diesen Soldaten hätte führen wollen, sonst fällt er, fügte er hinzu, indem er auf einen Soldaten wies, der ein wenig vor ihm ging, sich auf das Gewehr stützte und mit Mühe das linke Bein schleppend vorwärts bewegte.

Fürst Galzin schämte sich auf einmal sehr wegen seines ungerechten Verdachts. Er fühlte, wie er rot wurde, wandte sich ab und ging, ohne die Verwundeten weiter auszufragen oder zu beobachten, nach dem Verbandplatz.

Mit Mühe wand sich Galzin auf der Außentreppe durch die zu Fuß gehenden Verwundeten und durch die Krankenträger, die Verwundete brachten und Tote forttrugen, hindurch; dann ging er in das erste Zimmer, warf einen Blick hinein, wandte sich sogleich unwillkürlich zurück und eilte hinaus ins Freie – das war zu schrecklich!

Der große, hohe, dunkle Saal, nur von vier oder fünf Kerzen erleuchtet, bei deren Licht die Ärzte die Verwundeten besichtigten, war buchstäblich voll. Die Krankenträger brachten fortwährend Verwundete, legten sie nebeneinander auf die Diele, auf der es schon so eng war, daß die Unglücklichensich stießen und einer in des andern Blute lag, und holten neue. Die auf den nicht besetzten Stellen der Diele sichtbaren Blutlachen, der fieberheiße Atem von einigen Hunderten Menschen und die Ausdünstungen der Träger erzeugten einen eigentümlichen, drückenden, dicken, übelriechenden Dunst, in dem die Lichte an den verschiedenen Enden des Saales trübe brannten. Stöhnen, Seufzen, Röcheln, bisweilen durch einen durchdringenden Schrei unterbrochen, erfüllte den ganzen Saal. Die »Schwestern« schritten mit ruhigen Gesichtern und mit dem Ausdruck thätiger, praktischer Teilnahme, nicht mit dem des wertlosen, frauenhaften, krankhaft-thränenreichen Mitleids, bald hierhin, bald dorthin durch die Reihen der Verwundeten mit Arznei, mit Wasser, mit Binden, mit Charpie, und tauchten zwischen blutigen Mänteln und Hemden auf. Die Ärzte knieten mit aufgestreiften Ärmeln vor den Verwundeten, in deren Nähe die Feldscher Lichte hielten, und untersuchten, befühlten, und sondierten die Wunden, ohne auf das schreckliche Stöhnen der Dulder zu achten. Einer der Ärzte saß in der Nähe der Thür an einem kleinen Tisch und trug in dem Augenblick, da Galzin ins Zimmer trat, bereits den 532ten Verwundeten in die Liste ein.

Iwan Bogajew, Gemeiner der dritten Kompagnie des S..-Regiments,fractura femuris complicata, rief ein anderer vom Ende des Saalesher, indem er das zerschossene Bein befühlte. Dreh' ihn um.

O weh, Väterchen, mein liebes Väterchen! schrie der Soldat und flehte, man möchte ihn nicht anrühren.

Perforatio capitis!

Ssemjon Neferdow, Oberstleutnant im N..-Infanterieregiment. Sie müssen ein wenig Geduld haben, Oberst, sonst geht es nicht: ich lasse Sie sonst liegen, sprach ein dritter, indem er mit einem Häkchen in dem Kopfe des Oberstleutnants hin- und hertastete.

Ach, nicht doch! O, um Gotteswillen, schneller, schneller, um ... A–a–a–a–a!

Perforatio pectoris!... Sewastjan Ssereda, Gemeiner ... von welchem Regiment? ... Lassen Sie das Schreiben:moritur. Tragt ihn weg, sagte der Arzt, und ging von dem Soldaten fort, der mit brechenden Augen dalag und schon röchelte.

Vierzig Mann, als Träger verwendete Soldaten, standen an der Thür, um die Verbundenen ins Lazarett, die Toten in die Kapelle zu tragen, und betrachteten von Zeit zu Zeit schwer seufzend dieses Bild ...

Auf dem Wege zur Bastion traf Kalugin viele Verwundete; da er aber aus Erfahrung wußte,wie schlecht in der Schlacht ein solches Schauspiel auf den Geist eines Menschen wirkt, so blieb er nicht nur nicht stehen, um sie zu befragen, sondern suchte vielmehr sie gar nicht zu beachten. Unten am Berge begegnete ihm ein Ordonnanz-Offizier, der in gestrecktem Galopp von der Bastion gesprengt kam.

Sobkin! Sobkin! ... halten Sie einen Augenblick.

Nun, was giebt's?

Wo kommen Sie her?

Aus den Schützengräben.

Nun, wie geht's dort zu, heiß?

Ach, entsetzlich!

In der That hatte, obwohl das Gewehrfeuer schwächer geworden, die Kanonade mit neuer Heftigkeit und Wut begonnen.

»Ach, gräßlich!« dachte Kalugin, indem er ein unangenehmes Gefühl empfand, und ihn auch eine Vorahnung, ein sehr natürlicher Gedanke – der Gedanke an den Tod überkam. Aber Kalugin war ehrgeizig und mit stählernen Nerven begabt, mit einem Wort, was man tapfer nennt. Er gab sich nicht der ersten Empfindung hin und suchte sich Mut zu machen, er erinnerte sich eines Adjutanten, ich glaube Napoleons, der in dem Augenblick, wo er den Befehl zum Galopp weiter gab, mit blutendem Kopfe zu Napoleon herangesprengt kam.

Vous êtes blessé?sagte Napoleon zu ihm. – »Je vous demande pardon, Sire, je suis mort.« Und der Adjutant sank vom Pferde und war auf der Stelle tot.

Das erschien ihm sehr schön, und in seiner Einbildung kam er sich selbst ein wenig wie dieser Adjutant vor, er schlug sein Pferd mit der Peitsche, und gab sich noch mehr die kecke »Kosakenpose«, warf einen Blick zurück auf den Kosaken, der in den Steigbügeln aufrecht stehend hinter ihm her trabte, und kam als ein ganzer Held an der Stelle an, wo er vom Pferde steigen sollte. Hier traf er vier Soldaten, die auf Steinen saßen und ihre Pfeifen rauchten.

Was macht ihr hier? schrie er sie an.

Wir haben einen Verwundeten fortgebracht, Euer Wohlgeboren, und haben uns hingesetzt, um auszuruhen, antwortete der eine von ihnen, indem er seine Pfeife hinter dem Rücken verbarg und die Mütze abnahm.

Ja, ausruhen ... Marsch, an eure Plätze!

Er ging mit ihnen zusammen den Laufgraben entlang den Berg hinauf, wobei er auf Schritt und Tritt Verwundeten begegnete. Auf der Höhe des Berges wandte er sich links und befand sich, nachdem er einige Schritte gegangen war, ganz allein. Ein Bombensplitter sauste ganz nahe an ihm vorbei und schlug in den Laufgraben ein. Eine andere Bombe stieg vor ihm auf und kam,wie ihm schien, gerade auf ihn zu geflogen. Plötzlich wurde ihm schrecklich zu Mute: er lief trabend fünf Schritte weit und legte sich auf die Erde nieder. Als die Bombe platzte, und zwar entfernt von ihm, war er auf sich selber sehr böse, er stand auf und sah sich um, ob jemand sein Niederlegen bemerkt hätte; aber niemand war da.

Wenn die Furcht sich einmal der Seele bemächtigt hat, weicht sie nicht bald einem anderen Gefühle. Er, der sich immer gebrüstet hatte, daß er sich niemals bücke, ging jetzt mit beschleunigten Schritten und fast kriechend den Laufgraben entlang. »Ach, schlimm! dachte er, als er stolperte, ich werde unfehlbar getötet,« er fühlte, wie schwer es ihm wurde, zu atmen, und wie der Schweiß an seinem ganzen Körper hervortrat, und wunderte sich über sich selber, versuchte aber nicht mehr, seiner Empfindung Herr zu werden.

Plötzlich ließen sich Schritte vor ihm hören. Schnell richtete er sich auf, hob den Kopf in die Höhe und ging, munter mit dem Säbel klirrend, nicht mehr mit den früheren schnellen Schritten einher. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Als er einem Sappeuroffizier und einem Matrosen begegnete und der erstere ihm zurief: »Duck dich!« indem er auf den leuchtenden Punkt einer Bombe zeigte, die immer heller und heller, immer schneller und schneller sich näherte und in der Nähe desLaufgrabens platzte, – bog er nur ein wenig und unwillkürlich, unter dem Einfluß des warnenden Schreies, den Kopf und ging weiter.

Sieh da, der ist tapfer! sagte der Matrose, der ruhig die fallende Bombe betrachtet und mit erfahrenem Blick sofort berechnet hatte, daß ihre Splitter in den Laufgraben nicht einschlagen konnten, er duckt sich nicht einmal!

Nur noch einige Schritte hatte Kalugin über einen kleinen Platz bis zur Blindage des Kommandeurs der Bastion zu gehen, als ihn wieder das dumpfe Gefühl und die thörichte Furcht von vorhin überkam; sein Herz schlug stärker, das Blut strömte ihm nach dem Kopfe, und er mußte sich zusammennehmen, um nach der Blindage zu laufen.

Warum sind Sie so außer Atem? sagte der General, als er ihm die Befehle überbrachte.

Ich bin sehr schnell gegangen, Excellenz!

Wollen Sie nicht ein Glas Wein?

Kalugin trank ein Glas Wein und rauchte eine Cigarette an. Das Gefecht hatte bereits aufgehört, nur die starke Kanonade dauerte auf beiden Seiten fort. In der Blindage saß der General N., der Kommandeur der Bastion und sechs Offiziere, unter ihnen auch Praßkuchin, und sprachen über verschiedene Einzelheiten des Gefechts. Als Kalugin in diesem behaglichen Zimmer saß, das mit hellblauen Tapeten ausgeschlagen war,das ein Sofa, einen Tisch, auf dem Papiere lagen, ein Bett, eine Wanduhr und ein Heiligenbild, vor dem eine Lampe brannte, enthielt, – als er diese Zeichen der Wohnlichkeit und die fast drei Fuß dicken Balken der Decke sah und die in der Blindage nur schwach tönenden Schüsse hörte, – konnte er gar nicht begreifen, wie er sich zweimal von einer so unverzeihlichen Schwäche hatte können übermannen lassen. Er war über sich selber erzürnt und sehnte sich nach der Gefahr, um sich von neuem zu prüfen.

Ich freue mich, daß auch Sie hier sind, Kapitän, sagte er zu einem Marineoffizier im Stabsoffiziersmantel mit einem starken Schnurrbart und dem Georgskreuz, der inzwischen in die Blindage gekommen war und den General bat, ihm Arbeiter zu geben, um zwei auf seiner Batterie verschüttete Schießscharten wieder herzustellen. Der General hat mir befohlen, mich zu informieren, fuhr Kalugin fort, als der Batteriekommandeur aufgehört hatte, mit dem General zu sprechen, ob Ihre Geschütze den Laufgraben mit Kartätschen beschießen können.

Nur ein Geschütz kann es, antwortete mürrisch der Kapitän.

Jedenfalls wollen wir hingehen und nachsehen.

Der Kapitän runzelte die Stirn und schrie zornig:

Schon die ganze Nacht habe ich dort gestanden und bin hierher gekommen, um nur ein wenig auszuruhen, können Sie nicht allein hinuntergehen? Mein Stellvertreter, der Leutnant Karz, ist dort, er wird Ihnen alles zeigen.

Der Kapitän kommandierte schon seit sechs Monaten diese Batterie, eine der gefährlichsten, wohnte sogar schon seit Anfang der Belagerung, da es noch keine Blindagen gab, ununterbrochen auf der Bastion und hatte unter den Seeleuten den Ruf der Tapferkeit. Daher setzte seine Weigerung Kalugin nicht wenig in Erstaunen und Verwunderung. »Was bedeutet der Ruf!« dachte er.

Nun, so werde ich allein gehen, wenn Sie gestatten, entgegnete er in etwas spöttischem Tone dem Kapitän, der jedoch seine Worte nicht weiter beachtete.

Kalugin bedachte aber nicht, daß er zu verschiedenen Zeiten alles in allem nur an fünfzig Stunden auf den Bastionen zugebracht, während der Kapitän sechs Monate dort gewohnt hatte. Kalugin trieb noch die Eitelkeit, der Wunsch zu glänzen, die Hoffnung auf Auszeichnungen, auf Ruhm und der Reiz der Gefahr; der Kapitän hatte all das schon durchgemacht: auch er hatte der Eitelkeit, der Tapferkeit, der Gefahr nachgestrebt, der Hoffnung auf Auszeichnungen und Ruhm, und hatte auch beide errungen, jetzt aber hatten alle diese Reizmittel ihre Macht über ihnverloren, und er betrachtete den Krieg mit anderen Augen: er erfüllte aufs pünktlichste seine Pflicht, war sich aber dessen wohl bewußt, wie wenig Aussichten ihm für das Leben blieben, und setzte darum nach einem Aufenthalte von sechs Monaten auf der Bastion diese Aussichten nicht ohne die dringendste Not aufs Spiel, so daß der junge Leutnant, der vor acht Tagen bei der Batterie eingetreten war, der sie jetzt Kalugin zeigte, sich mit ihm unnützerweise zur Schießscharte hinauslehnte und auf die Banketts kletterte, ihm zehnmal tapferer erschien, als der Kapitän.

Als Kalugin die Batterie besichtigt hatte und nach der Blindage zurückging, stieß er in der Finsternis auf den General, der sich mit seinen Ordonnanzoffizieren auf die Höhe begab.

Rittmeister Praßkuchin! sagte der General, gehen Sie gefälligst in den rechten Schützengraben hinunter und sagen Sie dem zweiten Bataillon des M.-Regiments, das dort auf Arbeit ist, daß es die Arbeit abbrechen, ohne Lärm abmarschieren und sich mit seinem Regiment vereinigen soll, das unten am Berge in Reserve steht ... Verstehen Sie? Sie werden es selbst zum Regiment führen.

Zu Befehl.

Und Praßkuchin lief im Trabe zum Schützengraben.

Das Feuer wurde stärker.

Ist dies das zweite Bataillon des M.-Regiments? fragte Praßkuchin, als er, an Ort und Stelle gekommen war und auf Soldaten stieß, die in Säcken Erde trugen.

Jawohl, Herr.

Wo ist der Kommandeur?

Michajlow war in dem Glauben, daß nach dem Kompagniekommandeur gefragt würde, kam aus seiner Grube herauf und ging, mit der Hand am Mützenschirm, an Praßkuchin heran, den er für einen Vorgesetzten hielt.

Der General hat befohlen, schnell ... und vor allem still zurückzugehen ... nein, nicht zurück, sondern zur Reserve, sprach Praßkuchin, indem er nach dem feindlichen Feuer schielte.

Als Michajlow Praßkuchin erkannt hatte, ließ er die Hand sinken und gab, nachdem er erfahren, worum es sich handelte, den Befehl weiter; das Bataillon hörte auf zu arbeiten, ergriff die Gewehre, zog die Mäntel an und setzte sich in Bewegung.

Wer es nicht kennen gelernt hat, kann sich die Freude nicht vorstellen, die ein Mensch empfindet, der nach einem dreistündigen Bombardement einen so gefährlichen Platz, wie ein Schützengraben ist, verläßt. Michajlow, der während dieser drei Stunden mehr als einmal nicht ohne Grund geglaubt, daß seinEndegekommen, hatte sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß er unzweifelhaft fallen müsse und daß er nicht mehr dieser Welt angehöre. Aber trotzdem kostete es ihm große Mühe, seine Beine vom Laufen zurückzuhalten, als er neben Praßkuchin an der Spitze der Kompagnie aus dem Schützengraben ging.

Auf Wiedersehen! rief ihm ein Major zu, der Kommandeur eines anderen Bataillons, das in den Schützengräben zurückblieb, und mit dem er in der Grube an der Brustwehr gesessen und Käse gegessen hatte. Glück auf den Weg!

Und Ihnen wünsche ich, glücklich Ihre Position zu halten. Jetzt ist es, wie mir scheint, ruhig geworden.

Kaum aber hatte er dies gesagt, als der Feind, der jedenfalls die Bewegung in den Gräben bemerkt hatte, immer stärker und stärker zu feuern begann. Die Unsrigen antworteten ihm, und wiederum erhob sich eine starke Kanonade. Die Sterne standen hoch am Himmel, glänzten aber nicht hell. Die Nacht war so dunkel, daß man die Hand vor den Augen nicht sah, nur die Feuer der Schüsse und die platzenden Bomben erhellten auf einen Augenblick die Gegenstände. Die Soldaten gingen schnell und schweigend und suchten unwillkürlich einander zuvorzukommen; nach dem unaufhörlichen Rollen der Schüsse wurden nur diegemessenen Schritte der Soldaten auf dem trockenen Wege, das Klirren der Bajonette oder das Seufzen und das Gebet eines Soldaten: »Herr, Herr! Was ist das?« gehört. Bisweilen ließ sich das Stöhnen eines Verwundeten und der Ruf: »Tragbahre!« vernehmen. (In der Kompagnie, die Michajlow befehligte, wurden allein durch Artilleriefeuer in der Nacht 26 Mann getötet.) Ein Blitz flammte am dunklen, fernen Horizonte auf, die Schildwache auf der Bastion schrie: »Kano–o–ne!« und die Kugel sauste über die Kompagnie hin, riß die Erde auf und warf Steine in die Höhe.

»Hol's der Teufel! wie langsam sie gehen, dachte Praßkuchin, indem er neben Michajlow einherschritt und fortwährend zurückblickte. Wahrhaftig, ich laufe lieber voraus; den Befehl habe ich ja überbracht ... Übrigens, nein: man könnte ja sagen, daß ich ein Feigling bin. Mag geschehen, was will, – ich gehe mit den übrigen.«

»Und weshalb folgt er mir? dachte seinerseits Michajlow. – Soviel ich bemerkt habe, bringt er immer Unglück. Da kommt eine geflogen, schnurstracks hierher, wie mir scheint.«

Als sie einige hundert Schritt gegangen waren, stießen sie auf Kalugin, der, mit dem Säbel klirrend, gemessenen Schrittes nach den Schützengräben ging, um auf Befehl des Generals sich zu erkundigen, wie weit die Arbeiten dort gediehenseien. Als er aber Michajlow traf, fiel ihm ein, er könne, anstatt selbst in diesem schrecklichen Feuer dorthin zu gehen, was ihm auch nicht befohlen worden war, einen Offizier, der dort gewesen, nach allem ausfragen. Und wirklich erzählte ihm Michajlow ausführlich von dem Stand der Arbeiten. Dann ging Kalugin noch einige Schritte mit ihm und bog in den zur Blindage führenden Laufgraben ein.

Nun, was giebt's Neues? fragte ein Offizier, der allein im Zimmer saß und Abendbrot aß.

Nichts, es scheint, daß es kein Gefecht mehr geben wird.

Wie, kein Gefecht mehr? ... Im Gegenteil, der General ist soeben wieder auf den Wachtturm gegangen. Noch ein Regiment ist gekommen. Da geht's ja los ... hören Sie das Gewehrfeuer? Sie werden doch nicht gehen? Wozu das? fügte der Offizier hinzu, als er die Bewegung bemerkte, die Kalugin machte.

»Eigentlich müßte ich jedenfalls dabei sein, dachte Kalugin, aber ich habe mich in dieser Nacht schon vielen Gefahren ausgesetzt; das Feuer ist schrecklich.«

Ich werde sie in der That lieber hier erwarten, sagte er.

Wirklich kehrten nach zwanzig Minuten der General und die bei ihm befindlichen Offiziere zurück; unter ihnen befand sich der Junker BaronPest, aber Praßkuchin fehlte. Die Schützengräben waren von den Unsrigen genommen und besetzt worden.

Nachdem Kalugin ausführliche Nachrichten über das Gefecht erhalten, verließ er mit Pest die Blindage.

Ihr Mantel ist blutig, sind Sie denn im Handgemenge gewesen? fragte ihn Kalugin.

Ach, schrecklich! Sie können sich vorstellen ...

Und Pest begann zu erzählen, wie er seine Kompagnie geführt, wie der Kompagniekommandeur getötet worden, wie er einen Franzosen niedergestochen und wie ... wäre er nicht gewesen, das Gefecht verloren wäre.

Das Wesentliche dieser Erzählung, daß der Kommandeur getötet war und daß Pest einen Franzosen getötet hatte, war richtig; aber in der Schilderung der Einzelheiten war der Junker erfinderisch und prahlsüchtig.

Er prahlte unwillkürlich, da er sich während des ganzen Gefechts in einer Art Rausch und Besinnungslosigkeit befunden hatte, so daß alles, was geschah, ihm so vorkam, als wäre es irgendwo, irgendwann und mit irgend jemandem geschehen; und es war natürlich, daß er sich Mühe gab, diese Einzelheiten in einer für ihn vorteilhaftenWeise darzustellen. Wie aber war es in Wirklichkeit gewesen?

Das Bataillon, dem der Junker während des Ausfalls zugeteilt war, stand zwei Stunden im Feuer, in der Nähe einer Wand, dann gab der Bataillonskommandeur vor der Front einen Befehl, die Hauptleute trugen ihn weiter, das Bataillon setzte sich in Bewegung, marschierte vor die Brustwehr und machte nach hundert Schritten Halt, um sich in Kompagniekolonnen zu formieren. Pest wurde beordert, sich auf den rechten Flügel der zweiten Kompagnie zu stellen.

Ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, wo er sich befinde und weshalb er da sei, stellte sich der Junker an seinen Platz und sah mit unwillkürlich verhaltenem Atem und mit kaltem, über den Rücken laufendem Zittern bewußtlos vor sich hin, in die dunkle Ferne hinaus, etwas Schreckliches erwartend. Übrigens war ihm nicht so schrecklich zu Mute, denn es wurde nicht geschossen, vielmehr war ihm der Gedanke eigentümlich, seltsam, sich außerhalb der Festung, auf freiem Felde zu befinden. Wiederum gab der Bataillonskommandeur einen Befehl vor der Front, wiederum überbrachten ihn flüsternd die Offiziere, und plötzlich senkte sich die schwarze Wand der ersten Kompagnie, – es war befohlen worden, sich niederzulegen. Die zweite Kompagnie legte sich ebenfalls, wobei sich Pest die Hand an einem Dornstrauch verletzte. Nurder Hauptmann der zweiten Kompagnie legte sich nicht. Seine kleine Gestalt, mit dem gezogenen Degen, den er unter fortwährendem Sprechen hin- und herschwang, bewegte sich vor der Kompagnie.

Kinder! Das sag' ich euch, haltet euch brav! Aus dem Gewehr keinen Schuß, mit den Bajonetten auf die Kanaillen! Wenn ich »Urra« schreie, dann mir nach und nicht zurückgeblieben! ... Frisch drauf los ist die Hauptsache ... Wir wollen uns sehen lassen, nicht mit der Nase in den Staub! Nicht wahr, Kinder? Für den Zaren, den Vater! ...

Wie heißt unser Kompagniekommandeur? fragte Pest den Junker, der neben ihm lag, er ist wirklich tapfer!

Ja, er ist's immer, wenn es zum Kampfe kommt, antwortete der Junker, Lißinkowski heißt er.

Da blitzte dicht vor der Kompagnie eine Flamme auf, ein Krach ertönte, der die ganze Kompagnie betäubte, hoch in die Luft schwirrten Steine und Sprengstücke (wenigstens fiel nach fünfzig Sekunden ein Stein nieder und zerschmetterte einem Soldaten das Bein). Das war eine Bombe aus der Elevationslafette, und ihr Einfallen in die Kompagnie bewies, daß die Franzosen die Kolonne bemerkt hatten.

Mit Bomben schießt er! ... Laß uns nur erst an dich heran sein, dann sollst du, Verfluchter,das dreikantige russische Bajonett kosten! rief der Hauptmann so laut, daß der Bataillonskommandeur ihm befehlen mußte zu schweigen und nicht so viel zu lärmen.

Bald darauf erhob sich die erste Kompagnie, nach ihr die zweite. Es wurde befohlen, das Gewehr zum Angriff in die rechte Hand zu nehmen, und das Bataillon ging vorwärts. Pest hatte vor Furcht das Bewußtsein verloren, wie betrunken ging er mit. Aber plötzlich blitzte von allen Seiten eine Million von Feuern auf, pfiff und krachte es. Er schrie und lief vorwärts, weil alle liefen und schrien. Dann stolperte er und fiel auf etwas. Das war der Kompagnieführer, ... er war vor der Kompagnie verwundet worden, er hielt den Junker für einen Franzosen und packte ihn am Bein. Als er sein Bein befreit und sich erhoben hatte, stieß in der Finsternis ein Mensch mit dem Rücken ihn an und hätte ihn fast wieder zu Boden geworfen; da schrie ein anderer: »Stich ihn nieder! Was gaffst du?« Er nahm das Gewehr und stieß das Bajonett in etwas Weiches. »Ah Dieu!« schrie jemand mit schrecklicher, durchdringender Stimme, und erst da begriff Pest, daß er einen Franzosen erstochen hatte. – Kalter Schweiß trat an seinem ganzen Körper hervor, er schüttelte sich wie im Fieber und warf das Gewehr fort. Aber nur einen Augenblick dauerte dies: sogleich kam ihm der Gedanke in den Kopf,daß er ein Held sei. Er hob das Gewehr und lief »Urra« schreiend mit der Menge von dem getöteten Franzosen fort. Nachdem er zwanzig Schritte gelaufen war, kam er in einen Laufgraben. Dort waren die Unsrigen und der Bataillonskommandeur.

Ich habe einen erstochen! sagte er zu dem Bataillonskommandeur.

Brav, Baron!

Und wissen Sie, Praßkuchin ist tot! sagte Pest, als er Kalugin, der nach Hause ging, begleitete.

Nicht möglich!

Warum? Ich habe es selbst gesehen.

Leben Sie wohl, ich habe Eile!

Ich bin sehr zufrieden, dachte Kalugin auf dem Heimwege, zum erstenmal habe ich während meines Tagdienstes Glück gehabt. Es ist mir vortrefflich gegangen: ich bin am Leben und unverletzt, Auszeichnungen wird es auch geben und jedenfalls einen goldenen Säbel. Übrigens habe ich es verdient.

Nachdem er dem General alles Notwendige gemeldet hatte, ging er in sein Zimmer.

Mit außerordentlichem Behagen fühlte sich Kalugin zu Hause außer Gefahr; nachdem er ein Nachthemd angezogen und sich ins Bett gelegt,erzählte er Galzin die Einzelheiten des Gefechts; er schilderte sie sehr natürlich von dem Gesichtspunkte aus, von dem die Einzelheiten bewiesen, daß er, Kalugin, ein sehr tüchtiger und tapferer Offizier sei, was, wie ich meine, gar nicht nötig war zu betonen, da alle Welt das wußte und niemand ein Recht oder einen Grund hatte, daran zu zweifeln, außer dem seligen Rittmeister Praßkuchin vielleicht, der, obgleich er es oft später als ein Glück betrachtete, Arm in Arm mit Kalugin zu gehen, gestern einem Freunde unter Diskretion erzählt hatte, Kalugin sei ein trefflicher Mensch, gehe aber, unter uns gesagt, furchtbar ungern auf die Bastion.

Kaum hatte sich Praßkuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem weniger gefährlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: »Mörser!« sowie die Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: »Direkt nach der Bastion fliegt sie!« hörte.

Michajlow sah sich um. Der glänzende Punkt der Bombe schien in seinem Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, daß es entschieden unmöglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen Augenblick: die Bombe kam immer schneller und näher, so daß schon die Funken der Röhre sichtbar waren und das verhängnisvolle Pfeifen hörbar, – gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.


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