Chapter 17

„Wir trotzen dem Augurentum; besondere Vorsehung waltet im Fall eines Sperlings. Ist’s jetzt, so ist’s nicht künftig; ist’s nicht künftig, so wird’s jetzt sein; ist’s nicht jetzt, so wird’s doch kommen: Bereitschaft ist alles; da keiner was hat von dem, was er läßt, was liegt daran, es früh zu lassen? Sei’s drum.“

„Wir trotzen dem Augurentum; besondere Vorsehung waltet im Fall eines Sperlings. Ist’s jetzt, so ist’s nicht künftig; ist’s nicht künftig, so wird’s jetzt sein; ist’s nicht jetzt, so wird’s doch kommen: Bereitschaft ist alles; da keiner was hat von dem, was er läßt, was liegt daran, es früh zu lassen? Sei’s drum.“

Und wir wissen, wie sich die besondre Vorsehung, die Gottheit, die in die Entwürfe der Menschen eingreift und die Fäden ihrer Gespinste in göttliches Netz verwebt, gerade bei diesem Zweikampf, bei diesem Gottesgericht, in das Hamlet nun schreitet, bewährt. Einstmals, just an dem Tag, an dem Hamlet zur Welt kam, gab es einen eindeutigen Zweikampf, wo Tat mit Tat focht und der Stärkere siegte: da hatten zwei Könige — Hamlet und Fortinbras hießen sie — um ein Stück Land gestritten. Damals siegte ein Hamlet der Däne; und seitdem streift Norwegen lauernd herum und wartet auf seine Zeit. In dem Kampf aber, in dem dieser nachgeborene Hamlet jetzt steht, ist alles mehrdeutig und verworren: eine Mensur ist es zur Entscheidung einer Wette; und die Rache des Laërtes ist es; und das Bestreben Hamlets, dem Laërtes ritterliche Genugtuung zu geben und mit dem Leben für seine Liebe zu Ophelia einzustehn, die er in den Tod getrieben hat; und der Plan des Königs ist es, Hamlet aus dem Weg zu räumen. Nichts scheint in diesem Augenblick weniger im Spiel als Hamlets Rache; eher den Korsaren scheint diese seine Rache irgendwie nützen zu können als dem Machtbegehr des jungen Fortinbras; aber die Vorsehung wirft ihr Netz und hat die planenden Menschen für sich arbeiten lassen: in diesem Augenblick geht das ganze Haus Dänemark, der Usurpator, die unselige Königin, Hamlet und mit ihnen Laërtes unter, der im Volk schon als König ausersehen war; für Fortinbras, der eindeutig auf der Tat steht, und der nicht in beweglicher Unruhe geplant, sondern in Stille gewartet und seine Kraft geübt hat, ist die späte Rache und die Erfüllung da.

Hamlets Rache geschieht nicht durch ihn, sondern durch ihn hindurch, über ihn, über seine Leiche hinweg; zu Tode getroffen wendet er blitzschnell, ohne Zusammenhang mit all seinen früheren Plänen, die vergiftete Waffe gegen den Giftmörder. So führt das Schicksal ihm die Hand, und fast ist es so, als vollführte eine Leichenhand die Tat, die der Lebende nicht getan hat. Nicht getan hat; Goethe sagt: nicht tun konnte. Ist es so? Hat Goethe auch darin recht gesehen, daß er sagt, in Hamlet sei „eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist?“ Hamlet sei „ein schönes, reines, edles, höchst moralisches Wesen, ohne die sinnliche Stärke, die den Helden macht?“

Diese Auffassung ist scharf bestritten worden, und man hat rundweg geleugnet, daß irgendein Zwiespalt zwischen Denken und Tun in Hamlet bestehe. J. L. Klein, schon 1846 in einem verschollenen Journalartikel (den das Shakespeare-Jahrbuch 1895 wieder abdruckte) und unabhängig von ihm, später sich entzückt auf ihn berufend, Karl Werder in seinen Vorlesungen haben behauptet, Shakespeare stelle dar, wie Hamlet mit überlegenem Geist eine Freveltat enthülle und zu guter Letzt auch räche, die in tiefstem, schauerlichem Geheimnis verborgen sei; all sein langsames Vorgehen, die ganze Art seiner Taktik habe die besten äußern Gründe von der Welt. J. L. Klein geht dabei so weit, daß er die Erscheinung des Geistes, den außer Hamlet und vor ihm noch Horatio, Marcellus und Bernardo sehen, vollständig identifiziert mit Hamlets Divinationsgabe. Damit aber ist seine ganze Darlegung, zu wie geistvollen und tiefen Anmerkungen sie ihn auch führt, abgetan: er hat aus Shakespeares Dichtung irgend etwas, vielleicht etwas sehr Interessantes, vielleicht gar etwas trotz aller abstrakt-kritischen Ausdrucksweise Gedichtetes gemacht, aber er ist nicht in ihr geblieben.

Trotzdem kommt es sehr in Betracht, daß Hamlet selbst auf die Erscheinung und die Worte des Geistes allein hin denUsurpator nicht verurteilen will, daß er es darauf anlegt, den Mörder auf normale Art zu überführen; trotzdem muß wirklich gefragt werden, ob denn davon die Rede sein dürfe, Hamlet sei seiner Tat nicht gewachsen, wenn das Schicksal so eingreift, wie wir es geschildert haben.

Das aber ist gerade das Gesamtmotiv dieser Tragödie, das alles zusammenhält, daß hier die Begegnung eines außerordentlichen Schicksals und eines außerordentlichen Charakters gezeigt wird. Die ungemeine Bedeutung, die die Gestalt Hamlets für die Geistesgeschichte unsrer Völkergemeinschaft gewonnen hat, kommt daher, daß Shakespeare Hamlets Ringen mit seiner Aufgabe, seinen Kampf gegen den Usurpator und seine Gesellen, gegen die Wollustgier der Sinne und mörderisch lüsterne Niedrigkeit ausgeweitet hat zum Kampf des Geistigen gegen die Welt, die ihn erdrücken und ersticken will. Das hat Goethe ein für allemal recht gesehen, daß Hamlet einer ist, der an der Welt leidet; wer sich vorwiegend an die Kriminalgeschichte hält, wie der schlaue Detektiv Hamlet einen Mord an den Tag bringt, von dem nur der Mörder und das Grab etwas wissen, der tut letztgiltig, was ich vorhin als etwas Vorläufiges und trotzdem in Scham getan habe: er hält sich nur an den Verlauf der äußern Vorgänge und läßt außer acht, was für dieses Drama bei weitem das Wesentlichste ist: die Gedanken, die Empfindungen, das ungeheure Leiden, das im Sprachlichen, in Hamlets und nicht nur Hamlets Worten zum Ausdruck kommt. Kein Zweifel, was Shakespeare gereizt hat, diesen barbarischen, ungefügen Stoff zu behandeln, war der verstellte Wahnsinn, von dem die Überlieferung berichtete und der in jeder Hinsicht neu zu motivieren und neu zu behandeln war; und indem er diesen angenommenen Wahnsinn in Verbindung brachte einmal mit den dämonischen Abgründen der Unterwelt und des wild Untermenschlichen der stinkenden Wollust, dann mit dem Weltschmerz so innig gewaltiger Art, daß ihn der Dutzendmensch für echtenWahnsinn hält, hat er diesem Stoff erst seinen ewigen Gehalt, dieser Gestalt erst ihre tragische und zugleich scharf polemische Prägung gegeben. Wahr ist auch, was Goethe gesehen hat, daß diese Passion Hamlets seltsame Übergänge hat zur Passivität, wiewohl nicht zu leugnen ist, daß Goethe in diesem Betracht nicht alles gewahrt hat und den mit stärksten Energien geladenen Dänenprinzen zu sehr vergoethet, vermeistert, verwerthert und veregmontet hat. Und überdies ist es am Ende gar zu einfach und traditionell gedacht, die Hamlet auferlegte blutige Rache als große Tat und seine Haltung zu ihr als Mangel an sinnlicher Stärke zu bezeichnen.

Wollen wir in diesem Punkt klar sehen, wollen wir mit Sicherheit erkennen, wie Hamlet empfindet, wie er denkt, ob er, wenn schon nicht der Rachetat, die der grimmige Vater als umgehendes Gespenst noch von ihm fordert, so doch dem Schicksal gewachsen ist; wie er zur Tat steht, was der Dichter mit ihm darstellt, was der Sinn dieser tragischen Gestalt ist, so ist das Eigentümliche, daß wir, ehe wir ihm selbst, seiner Haltung, seinen Unternehmungen, seinen Reden nähertreten, Winke, die diese Gestalt beleuchten, innerhalb der Dichtung auch von ganz andrer Seite erhalten. Es ist, ich habe schon darauf verwiesen, ein besondrer Zug, den diese Tragödie mit einigen andern Dichtungen Shakespeares gemein hat, daß auch von andern und in ganz andern Situationen Worte gesprochen werden, die plötzlich, blitzartig ein Licht auf den letzten Sinn der Dichtung und ihres Helden werfen.

Schon J. L. Klein und wiederum unabhängig von ihm Margarete Susman, auch sie in einem Zeitschriftaufsatz, der nicht verdient, verschollen zu gehn (Die Tat, 1915), der jedoch übrigens, wie Kleins Aufsatz, nicht in Shakespeares Dichtung bleibt, sondern gleichfalls neben seinem gewaltigen Werk, in seinem Licht und in seinem Schatten eine kleine Abstraktionsdichtung aufbaut, beide haben alssolche Kernworte deutender Art ein paar Verse genannt, die in der Deklamation des Schauspielers vom rauhen Pyrrhus stehen. Die Verse gehören in der Tat zum Bedeutsamsten; nur haben sich Klein wie Susman, ohne aufs Original zurückzugreifen, Schlegel anvertraut, und haben so, durch eine falsche Übersetzung irregeführt, die ganze Bedeutung der Stelle nicht erkannt.

Pyrrhus in seiner Kriegs- und Zornwut will Priamus töten; der schwache Greis aber fällt schon, wie bloß das Schwert durch die Luft saust, zu Boden; in dem Augenblick stürzt krachend das brennende Ilium zusammen; in einem Moment empfindet Pyrrhus die ungeheure Gewalt des Schicksals, gegen die sein persönlicher Zornwille zu einer Winzigkeit zusammenschrumpft, da —

seht, sein Schwert,Das schon sich senkt auf des ehrwürd’gen PriamMilchweißes Haupt, schien in der Luft gehemmt:So stand er, eingemalterWütrich, daUnd, wie entfremdet seinem Ziel und Willen,Tat nichts.

seht, sein Schwert,Das schon sich senkt auf des ehrwürd’gen PriamMilchweißes Haupt, schien in der Luft gehemmt:So stand er, eingemalterWütrich, daUnd, wie entfremdet seinem Ziel und Willen,Tat nichts.

seht, sein Schwert,Das schon sich senkt auf des ehrwürd’gen PriamMilchweißes Haupt, schien in der Luft gehemmt:So stand er, eingemalterWütrich, daUnd, wie entfremdet seinem Ziel und Willen,Tat nichts.

seht, sein Schwert,

Das schon sich senkt auf des ehrwürd’gen Priam

Milchweißes Haupt, schien in der Luft gehemmt:

So stand er, eingemalterWütrich, da

Und, wie entfremdet seinem Ziel und Willen,

Tat nichts.

Like a neutral to his will and matter— keineswegs heißt das, wie Schlegel nur um des Versbaus willen sagt und Gundolf gleich andern Verbesserern achtlos stehen gelassen hat: „Und wie parteilos zwischen Kraft und Willen“. Wenden wir das Wort gleich auf Hamlet an, so findet sich ein so simpler Zwiespalt, daß er zwar die Tat will, aber unvermögend ist, sie auszuführen, wirklich nicht in ihm. Pyrrhus steht in dem Augenblick vielmehr gegen seinen eignen Willen und gegen seinen eigenen Gegenstand, gegen sein Objekt, seinen Zweck neutral; im Schwung bleibt ihm das Schwert wie festgehalten in der Luft stecken, und so ist er in diesem Augenblick nicht der Täter, nur das Bild, die Phantasiegestalt, das wie in die Unbeweglichkeit gebannte Gleichnis der Tat. In diesem sinnbildlichen Ausdruck haben wir das Verhältnis Hamlets zu seiner Aufgabe. Sowie es aufdie Ausführung ankommt, steht er seiner eignen Sache wie ein Unbeteiligter gegenüber; er zerfällt in sich, mit sich, in zwei: in den Täter und den Betrachter, oder besser gesagt: in den, der eine auferlegte Tat zu vollbringen sich vorsetzt, und in den, der sie nicht in Wirklichkeit, sondern in der Phantasie vollendet.

Überaus erleuchtend für Hamlets innere Situation ist auch die ähnliche Lage, in die die gewaltige Ironie des Dichters Laërtes gegen Hamlet selbst versetzt. Hamlet hat den Tod seines Vaters an König Claudius zu rächen; Laërtes hat, im Bunde mit eben diesem König, den Tod seines Vaters an Hamlet zu rächen. Und zu ihm hat nun eben der König Claudius Worte zu sprechen, die uns ins Ohr gehen, als werde Hamlet ermuntert, seine Rache an diesem Sprecher selbst nicht durch Vorweggenießen, sondern durch die Tat zu befriedigen:

Nichts auf der Welt beharrt in gleicher Güte;Wächst sie, die Güte, bis zur Überfülle,So stirbt sie hin im eignen Allzuviel.Was du willst tun, das tu, solang du willst.Denn dieses „Will“, es ändert sich, es leidetSo viel an Abbruch, Aufschub, als es ZungenUnd Hände, als es Zwischenfälle gibt.Das „Soll“ ist dann Verschwendung nur von AtemIn Seufzern, die erleichtern und doch schaden.

Nichts auf der Welt beharrt in gleicher Güte;Wächst sie, die Güte, bis zur Überfülle,So stirbt sie hin im eignen Allzuviel.Was du willst tun, das tu, solang du willst.Denn dieses „Will“, es ändert sich, es leidetSo viel an Abbruch, Aufschub, als es ZungenUnd Hände, als es Zwischenfälle gibt.Das „Soll“ ist dann Verschwendung nur von AtemIn Seufzern, die erleichtern und doch schaden.

Nichts auf der Welt beharrt in gleicher Güte;Wächst sie, die Güte, bis zur Überfülle,So stirbt sie hin im eignen Allzuviel.Was du willst tun, das tu, solang du willst.Denn dieses „Will“, es ändert sich, es leidetSo viel an Abbruch, Aufschub, als es ZungenUnd Hände, als es Zwischenfälle gibt.Das „Soll“ ist dann Verschwendung nur von AtemIn Seufzern, die erleichtern und doch schaden.

Nichts auf der Welt beharrt in gleicher Güte;

Wächst sie, die Güte, bis zur Überfülle,

So stirbt sie hin im eignen Allzuviel.

Was du willst tun, das tu, solang du willst.

Denn dieses „Will“, es ändert sich, es leidet

So viel an Abbruch, Aufschub, als es Zungen

Und Hände, als es Zwischenfälle gibt.

Das „Soll“ ist dann Verschwendung nur von Atem

In Seufzern, die erleichtern und doch schaden.

Es hat dem Dichter gefallen, diese Worte ungemeinen Tiefblicks König Claudius in den Mund zu geben — auf die Gefahr hin, daß Tieck oder sonst wer aus ihnen zu beweisen versuchte, ein solcher Denker könne kein brutaler Lüstling sein —, vor allem um der Ironie willen, die Shakespeares Weltleiden und Menschenhaß in diesem Stadium über alles wichtig war: beim Entwurf des Racheplans gegen Hamlet soll aus dem Munde des Unbedenklichen die Theorie der Tat ausgesprochen werden, gegen die der Phantasiemensch Hamlet in seinen Entwürfen eben gegen diesen Unbedenklichen immerzu verstößt. Und wirklich ist es Hamlet, der die Qualität seines Willens so lange immerzu verbessert, bis der vollendete Wille daraus geworden ist, der Wille, der sich schwelgerisch in sich befriedigt und die Vorstellung der vollzogenen Tat schon in sich trägt.

Prinz Hamlet ist ein gefühlvoller, sinnender Jüngling, der für sich und die Welt Liebe braucht; seine Neigungen gehen auf Gelehrsamkeit und Philosophie; er war auf der Universität und will wieder hin; an Staatsangelegenheiten nimmt er nicht teil. So ist er von Haus aus in Gefahr, sich in der Welt einsam und elend zu fühlen; nun aber gar, wo der Vater, den er geliebt und verehrt hat, in fürchterlicher, abscheulicher Art plötzlich weggerafft wurde, in einer Art, daß ihn schlimme Ahnungen beschleichen; wo der Oheim, der Bruder des Vaters, aber in allem, auch in der leiblichen Erscheinung sein Widerspiel, die Krone aufsetzt und, das Unerträglichste von allem, seine geliebte, angebetete Mutter fast von der Leiche des Vaters weg zur Frau gewinnt! Daß Hamlet das als Blutschande in dreierlei Sinn empfindet, ist sicher; einmal, weil die Vorstellungen der Zeit eine solche Ehe der Witwe mit dem Schwager als lästerlich verpönen; dann, weil es ihn Verrat an der Liebe dünkt, so schnell aus dem Gedächtnis des Toten und dem Leid um ihn zur neuen Ehe, zur Hochzeit, zum Genuß zu schreiten; schließlich, weil ihm die Mutter beschmutzt und geschändet vorkommt, da sie das Lager dieses widerwärtigen Völlers und Lüstlings teilt. Sehr stark hat diese Situation Hamlets Strindberg zum Ausdruck gebracht; gewiß nimmt aus diesem unergründlichen Stück jeder das heraus, was seiner Natur gemäß ist; aber es ist nur in der Nuance unshakespearisch, wenn Strindberg sehr strindbergisch schreibt: „Er hat einen Stiefvater bekommen, und was ein Kind niemals in dem ehelichen Verhältnis bemerkt, das sieht selbst schon ein kleines Kind, wenn eine ‚Bastardehe‘ eingegangen wird: Hamlet empfindet die Erniedrigung seiner Mutter als Blutschandeoder Unzucht...“ Sein ganzes Wesen, so schildert Strindberg in starkem Einleben Hamlets Zustand, sei in Empörung gebracht; seine Abstammung von den Ahnen sei unterbrochen, wie „von etwas Widernatürlichem, Mißgeburtartigem, Unreinem, das des Vaters Bild und die Majestät der Mutter besudelt“.

Was Hamlet das Leben an diesem Hof zur gräßlichen Pein macht, sind aber nicht bloß Gefühle, Vergleichungen dieser Art, sondern die wirklichen Äußerungen des Lebens, wie es nun an diesem Hof eingesetzt hat. Es ist, wie es der witzige König in seiner Mischung aus angenommener sentimentaler Süßlichkeit und Zynismus ausdrückt, „Leichenjubel und Hochzeitsklage“, ist überdies Wüstheit und Schlemmerei; ekelhaft in einen Sumpf zusammengepantscht sieht und hört der Jüngling, der nach reiner und stiller Umgebung lechzt, Trinkgelage, Schmäuse, rohes Lärmen, Feste der Üppigkeit und Bauchdienst jeder Art mit Kanonendonner und Kriegsrüstungen. Er, dessen Natur sich nach innen wendet, der mit auserlesenen Freunden oder in sanfter Liebe leben möchte, steht nun an diesem Hof, im Vaterhaus, in dem neuen Leben, das seine Mutter erwählt hat, als der einzige, der noch in Trauer geht, wie in einem Lager von Feinden. Seine Natur ist aber nicht so, daß er ein Wehrloser in Depression stünde; da er mit dieser Feindeswelt umgehen muß, braucht er die Waffe, die sein ist: den Geist, der sehr aktiv, aggressiv, polemisch wird, sowie man ihn mit Eingriffen der Gewöhnlichkeit oder Niedertracht aus seiner Versunkenheit reißen will, welche nur wie eine Schicht ist, unter der die Qual, das Bohren, das Fragen und Suchen in wilder Arbeit steht. So ist er nach außen abwechselnd milde, sanft, nachgiebig, abwesend und dann wieder heftig, scharf, böse. Was wirklich in ihm lebt, sein wahrhaftes Wesen und seine Situation, kann er, solange er nicht zu Horatio als einem echten Menschen und Freunde Vertrauen gefaßt hat, fast nur in der Auseinandersetzung mit sich selbst, die uns alsMonolog gegeben wird, äußern. So ist es, noch ehe sein Vater wiederkehrt; noch ehe den Empfindsamen, Verletzlichen die fürchterlichste Botschaft aus der Unterwelt erreicht, die Nachricht von der Ermordung des Vaters, die der Tote ihm selbst bringt, die Nachricht, daß der Vater in der Unterwelt in aller Eindringlichkeit des Leibhaften die Höllenqual erleidet, die unterirdisch auch in der Seele des Sohnes tobt. Noch ehe all das zu ihm gesprochen hat, ist schier unerträglicher Weltschmerz in Hamlet; was er erlebt, ist ihm ein Beispiel des Zustands dieser Welt; leidenschaftlich äußert sich, sowie er mit sich allein ist, sein Abscheu vor dieser Welt, wie sie ist; er sehnt sich, ein geisterhaftes Wesen in ätherischer Sphäre, nur kein Mensch unter Menschen zu sein; er sinnt zum Selbstmord hin. Wie muß diesen Menschen in dieser Verfassung und Situation die Nachricht treffen, die Kunde vom Mord, die ihm auch eine entsetzliche Kunde von seiner Mutter ist; die Kunde, wie die Schmach, der Schmutz, die Qual dieser Welt mit dem Leben nicht zu Ende ist; wie die Seele, die hier nicht Stille und Frieden fand, drüben im Wirbel des Entsetzens weiter gedreht und geschleudert wird.

Dies Weiterleben des Ermordeten im höllischen Fegefeuer, die für Auserwählte sichtbare Wiederkehr des Gespenstes und seine Unterredung mit dem Sohn hat man als entsetzenvolle Wirklichkeit zu nehmen; und den möchte ich sehen, der so kühl und überzeugt Leben und Bewußtheit nur als eine Funktion einer bestimmten Formation von Stoffteilchen nimmt, daß er nicht mehr imstande ist, das Grauen vor dem Leben im Tod zugleich mit dem vor dem Tod im Leben, wie sie alle beide in diesem Stück ineinander verschlungen sind, zu empfinden. Mit diesem ihrem unlöslichen Bestandteil ist die Hamlet-Tragödie zur Dichtung einer Weltstimmung geworden, die mit dem Christentum in die Welt gekommen ist; und gerade daß Hamlet und Horatio wie ihr Dichter dazu noch im Rationalismus stehen, daß sie wie vonetwas Ungeglaubtem, Unerhörtem durch die unmittelbare Gewalt der Sinnenwahrnehmung überwältigt werden, das hebt diese Szenen über alles Dogmatische und Abergläubische und weckt uns zu einer zugleich erhabenen und intim vertrauten Bangigkeit vor dem Ewigen, die wir so nicht bei Sophokles und nicht bei Michelangelo und nicht bei Rembrandt, und in dieser Art auch nicht bei den Dämonen der gotischen Plastik und bei Grünewald empfinden. Diese Stimmung Shakespeares, wie sie auch Claudio in Maß für Maß zum Ausdruck bringt,

... der Geist, noch lebensfroh,Getaucht in Feuerwogen, hingebanntIn schaudernde Gefilde ew’gen Eises;Im Kerker unsichtbarer SturmgewaltRastlos gejagt rund um die schwebendeWeltkugel...

... der Geist, noch lebensfroh,Getaucht in Feuerwogen, hingebanntIn schaudernde Gefilde ew’gen Eises;Im Kerker unsichtbarer SturmgewaltRastlos gejagt rund um die schwebendeWeltkugel...

... der Geist, noch lebensfroh,Getaucht in Feuerwogen, hingebanntIn schaudernde Gefilde ew’gen Eises;Im Kerker unsichtbarer SturmgewaltRastlos gejagt rund um die schwebendeWeltkugel...

... der Geist, noch lebensfroh,

Getaucht in Feuerwogen, hingebannt

In schaudernde Gefilde ew’gen Eises;

Im Kerker unsichtbarer Sturmgewalt

Rastlos gejagt rund um die schwebende

Weltkugel...

diese Stimmung inmitten einer starken, gefaßten, vor keiner Ergründung zurückschreckenden, tapfer suchenden Vernunft ist ein Vermächtnis leidenschaftlicher und leidender Weltinnigkeit, das durch Shakespeare hindurch von der christlichen Ära mit lebendiger Gewalt zum Zeitalter der Wissenschaften gegangen ist.

Immer ist es bewundert und von Lessing in edel schmerzlichem Neid aufgezeigt worden, mit welcher Kunst diese Szenen gebaut sind, mit einer Kunst, wie sie nur dem innigsten und mächtigsten Gefühl für die unsägliche Tragik des ewigkeitsbewußten Tieres, das Mensch heißt, gegeben ist. Ein freier Raum, Nacht unter dem unendlichen Himmel, damit beginnt das Stück. Schildwachen lösen sich ab; genau zur Stunde, eben schlägt es zwölf Uhr. Aus den Worten, die erst gewechselt werden, dringt die Kälte dieser Nacht auf uns ein; es fröstelt uns; und das fortwährende Halt!- und Wer da?-Rufen versetzt uns in die unheimliche Stille, die ohne das walten würde. Und dann beginnt das Gespräch von dem Ding, das erschienen ist; wir hören dasPah des ungläubigen Rationalisten; einer, der dabei gewesen, fängt an zu erzählen, wie er’s gesehen hat, da kommt das Gespenst, sichtbar für die drei Menschen auf der Bühne, und wir sehen, wie es sich still, würdig, menschlich dahinbewegt, und wie der Rationalist den verehrten König erkennt. Und dann, wie es wieder kommt, der gewalttätige Versuch der Soldaten, die sich zur Tapferkeit gewohnt kriegerischer Art zwingen, die Erscheinung festzuhalten, und Horatios feierliche Beschwörung: das Gespenst geht schweigend weiter; und nun kräht der Hahn und es ist weg. Dieses Allerseltsamste erfährt Hamlet, nachdem wir ihn in seiner Haltung am Hof, zur Mutter, zum Oheim-Stiefvater gesehen, nachdem wir den Ausbruch seiner Qual, seine Sehnsucht, ein Geist, kein Mensch zu sein oder die Pforten des Todes frei öffnen zu dürfen, mitangehört haben. Welche Exposition ist das! Wie erlaubt sich da die Innigkeit den kühnen Griff und stellt souveräne Kunst in ihren Dienst! Und von vornherein bekommen wir das Gefühl, aus Hamlets Worten wie aus dieser Situation, daß hier die Enge einer barbarischen äußeren Handlung zum Kampfplatz des Geistes mit der triebhaft gemeinen Welt, der Seelenreinheit mit Gierschmutz und Klugheitsberechnung erweitert wird; und daß dieses Ringen des Geistes nicht nur mit allem Fratzenhaften der Tiermenschheit, sondern in rastloser Jagd „rund um die schwebende Weltkugel“, in der Unendlichkeit kosmischer Qual vor uns gestellt werden soll.

Ehe Hamlet sich nun in der folgenden Nacht dem Geist in den Weg stellt, wird in Anwendung der Technik, die Shakespeare bei reichverzweigter Handlung regelmäßig anwendet, erst noch ein neues Motiv angeschlagen. Wir erfahren in dem Gespräch Opheliens erst mit ihrem Bruder, dann mit ihrem Vater, von der aufkeimenden Liebe zwischen ihr und Hamlet. In dieser Zeit, wo er so maßlos einsam und elend war, hat er dem lieben, sanften, weichen Mädchen von seiner Neigung gesprochen und hat auch glauben dürfen, daß sieseine Liebe erwidere. Uns wird bange, wenn wir miterleben, wie das folgsame Kind dem Vater verspricht, seinem Befehl zu gehorchen und jeden Verkehr mit dem Prinzen abzubrechen. Die beiden Kinder, Laërtes wie Ophelia, sehen zu dem alten Polonius, ihrem Vater, mit einer Art kleinbürgerlicher Ehrerbietung auf. Er zeigt Welterfahrung, Klugheit, hat die allgemeinen Maximen rechter Lebensführung am Schnürchen und dazu eine humoristische, zwischen Güte und Heftigkeit polternde patriarchalisch befehlende Überlegenheit; es wundert uns nicht, daß die junge Brut in Kindesliebe fügsam ist. Und es wundert uns nicht, daß so eine stille, bald etwas gedrückte, bald herzhaft heitere Natur wie Ophelia den Prinzen in dieser Zeit, wo ihm der Vater durch schaurigen Tod, die Mutter in schaurigem Leben genommen wurde, anziehen mußte wie eine liebliche Gewähr, daß die Welt nicht ohne Seele ist. Auch das also soll, ohne daß er’s noch ahnt, dem Gequälten genommen werden, der sich nach einer duftigen, rein geistigen Welt sehnt und der, das Herz voll dumpfer Ahnung, nun in die kalte Winternacht schreitet, um dem Boten aus der Geisterwelt zu begegnen, der das Gespenst seines eignen Vaters sein soll.

Schon in der ersten Szene war im Anschluß an die Erscheinung eines heldischen und höchstverehrten Mannes, des Königs, als Dämon aus der Unterwelt von den Zuständen in Dänemark und der schlimmen Vorbedeutung für eine große Gärung und Schicksalswendung gesprochen worden. Jetzt, wo Hamlet in der nächsten Nacht auf das Gespenst wartet, knüpft das Gespräch an die Kanonenschüsse und Trompetenstöße an, die bei dem wüsten nächtlichen Gelage des jetzigen Königs seine Trinksprüche begleiten und die man von der Terrasse aus hört. Hamlet wird lebhaft, gebraucht starke Worte gegen dieses wilde, unvernünftige Treiben; kommt von da in eine Betrachtung allgemeiner Art; verwickelt sich in einen langen Satz, dem seine und unsreganze Aufmerksamkeit gilt, — und in diesem Augenblick erscheint der Geist. Bei dieser Begegnung, wo er in der gepanzerten Gestalt, hinter dem offenen Visier Zug um Zug seinen edlen Vater erkennt, zeigt sich Hamlets Geistigkeit von einer neuen Seite: er ist tapfer. In der besondern Art tapfer, die mit kriegerischem, soldatischem Wesen, mit Bravour und harter Gewöhnung nichts zu tun hat. Wenn von jenseits der Grenzen der Natur ein dämonisches Wesen, das eine Teufelsmacht sein kann, uns winkt, darf auch den Mutigen Furcht ankommen, und so warnt Horatio den Prinzen geradezu vor dem Wahnsinn, in den dieses Gespenst, wenn er ihm folgt, ihn hineintreiben kann. Hamlet aber fühlt, daß hier ein Außerordentliches in sein Leben getreten ist, das sein Schicksal sein soll: dem will er sich stellen. Am Leben in dieser Sterblichkeit liegt ihm nichts; es ruft ihn aus der Ewigkeit; nun, das Ewige, das da von außen zu ihm getreten ist, weiß er auch in sich. Von der gestaltenden Phantasie her —

Er kommt ganz außer sich vor Phantasie

Er kommt ganz außer sich vor Phantasie

Er kommt ganz außer sich vor Phantasie

Er kommt ganz außer sich vor Phantasie

ruft Horatio aus — steigt freudige Kraft und Entschlossenheit in ihm auf.

In diese Welt der Niedrigkeit hat er nicht gepaßt. Der Ekel, der ihn bei den letzten Ereignissen erfüllte, die gräßliche Enttäuschung, die er an seiner eignen geliebten Mutter erlebte, war doch nur die äußerste Erfüllung dessen gewesen, was er von dieser Welt erwartete. Es gab da keine Stellung, keinen Beruf, keine Aufgabe für ihn. Von all den kriegerischen Vorbereitungen, die er um sich sah, hatte er sich ohne Teilnahme, ja, mit Widerwillen abgewandt; all das war ihm hineingeflochten in ein Treiben der Würdelosigkeit und des Taumels. Jetzt kommt die geistige Welt und bringt ihm Schicksal und Aufgabe. Aber in welcher Entsetzensgestalt! Welche Mission! Er wird nicht hinausgehoben aus der Wüstheit in irgendeine Sphäre der Reinheit, sondern die Wüstheit in ihrem ganzen Graus, wie sieihn aufs nächste umgibt und angeht wird ihm gezeigt, auf daß er sie bekämpfe! Das von nun an sein Amt, dazu ruft ihn der Bote aus der Geisterwelt, sein eigner Vater auf: die ermordete, vergiftete Reinheit soll er an der Schnödigkeit rächen. Denn so nimmt er’s sofort: es gibt für ihn nichts Besonderes, für sich Stehendes, Privates; geht es um Dinge des Einzellebens, des Interesses, des Gewinns und Genusses, so ist er wie gelähmt; Kraft hat er nur von seinem schöpferischen Phantasiedenken her: im einzelnen muß er das Allgemeine erfassen. So wird denn sofort dies Erlebnis, das eine bestimmte, vereinzelte Tat von ihm fordert, von ihm gestaltet, ausgestaltet, geweitet; dieses Einzelne gilt ihm nur als Symbol für das Ganze. Notiert, aufgeschrieben muß es werden, damit es nie wieder vergessen wird,

Daß einer lächeln kann und immer lächelnUnd doch ein Schurke sein.

Daß einer lächeln kann und immer lächelnUnd doch ein Schurke sein.

Daß einer lächeln kann und immer lächelnUnd doch ein Schurke sein.

Daß einer lächeln kann und immer lächeln

Und doch ein Schurke sein.

Warum aber ihm gerade diese Verstrickung, dieses Schicksal, diese Aufgabe? Nicht, sich abwenden zu dürfen und irgendwo in Stille ein Leben der Reinheit und Betrachtung zu führen, sondern kühn in die Mitte des geilen Frevels greifen zu müssen und den Krieg gegen Schmutz und Ruchlosigkeit zu führen?

Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram,Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam.

Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram,Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam.

Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram,Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam.

Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram,

Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam.

Er übernimmt, wozu ihn der Geist beruft; noch ehe er weiß, was geschehen ist, kommt der Entschluß und das Gelöbnis der Rache aus ihm heraus; daran will er sich nun halten, daß das sein letztes, sein einziges Geschäft hier auf Erden ist; aber er empfindet es als Fluch, daß diese greuliche Bestimmung gerade ihn traf. Er nimmt den Ruf ganz heroisch, ganz geistig, ganz phantastisch; nichts weiter soll für ihn mehr leben als diese eine Aufgabe, die er aber für etwas Totales, Riesenhaftes, Allumfassendes, endgültig Entscheidendes nimmt. Wie Philosophen und Mystiker wohl gesagt haben, daß, wenn man ein Ding, und wär’s das kleinste, ganz erkennte, man damit die Welt erfaßte, und wie sie auch gesagt haben, daß das wahre Erkennen ein Tun sei und daß, wer Ein Ding recht täte, damit im Ewigen stünde, so träumt Hamlet vom ersten Augenblick an — und nur dadurch hat die Rachetat für ihn einen Sinn —, daß er diese eine Tat so vollendet, so repräsentativ tun müsse, wie eine Opfertat eines einzelnen die ganze Welt erlöst. Er nimmt diese Tat wie die eines Herkules, der mit ihr zum Christus der Menschheit, zum Reiniger der Welt würde — er, der sich bekannt hat, daß er sich für alles eher als für einen Herkules hält!

Sein Amt, er weiß es sofort nach dieser Begegnung mit dem Jenseits, verlangt die entschlossene, keinen Ekel scheuende Rückkehr aus der Abgewandtheit zur Erde und ihren Bedingungen. Das Verbrechen muß festgestellt, der Verbrecher muß gestellt, aus seinem Versteck hervorgeholt, das Geheimnis muß offenbar werden. Es ist ein Kennzeichen der einen Seite seines Wesens, wie sofort nach der Unterredung mit dem Geist der für jeden andern seltsamste, für ihn gefährlich natürliche und lockende Entschluß da ist: heisa, nun hat er sich wahnsinnig zu stellen! Was Wahrheit ist, daß er der Welt fremd, hassend, verachtend, polemisch, wütend, grimmig gegenübersteht, das soll nun in einer Verwandlung und Verstellung, die gar nicht so arg viel dazu tun und davon nehmen muß, seiner Aufgabe dienen, soll planvoll angewandt werden: wie wenig in der Tat muß er an absichtlicher Groteske und metaphorischer Ausdrucksweise dazu tun, um mit dem Ausdruck seiner wahren Meinung in dieser Welt für verrückt zu gelten!

Ausgezeichnet klärt uns wieder Strindberg, der selbst dieses tragische, groteske Verhältnis zur Welt gehabt hat und zwischen Genie und Wahnsinn gestanden ist, darüber auf, warum Shakespeares Hamlet sich wahnsinnig stellt, wozu diese Maske ihm dienen soll: „Die Erfahrung“, sagt er,„hat nämlich gezeigt: sobald ein Mensch als verrückt gilt, erfährt er die Geheimnisse aller Menschen. Weil sie glauben, er verstehe nichts, kommen sie in Scharen und entblößen sich bis zur Nacktheit, zeigen, ohne es zu wollen, alle ihre Gebrechen und Laster.“ Auch hier bleibt Strindberg gewiß nicht im Shakespearischen, dichtet aus eigner Kraßheit heraus selbständig weiter; aber gerade damit kommen wir dem zentralen Punkt, wo Hamlet in Shakespeare, wo der Wahnsinn, den Hamlet spielt, mit dem er spielt, in seinem Geist und seiner Stellung zu den Menschen verwurzelt ist, intim nahe. Indem Hamlet sich entschließt, kühn, zugreifend, forschend dem Mörder ganz nahe zu treten, hüllt er sich in den Mantel der Fremdheit, wie um sich nicht zu beschmutzen, um darunter er selbst zu sein; um sein Geheimnis nicht preiszugeben; um das Geheimnis des Feindes herauszulocken. Und überdies kann der Wahnsinnige ungestraft, ohne daß es auffällt und ernst genommen wird, sagen, was er will, kann Anspielungen machen und dabei beobachten.

Zu derselben Zeit, wo Hamlet vom dämonischen Jenseits her sein großes, furchtbares Schicksal empfängt, wird ihm in der kleineren, näheren Sphäre irdisch-menschlicher Innigkeit das Geschick, an dem seine Sehnsucht und Liebe so zart und zag gebaut hatte, schmerzlich, unbegreiflich, nur allzu begreiflich genommen: als gehorsame Tochter bricht Ophelia mit ihm, gibt ihm die Briefe zurück, in denen es seiner scheuen Neigung leichter gefallen war sich zu äußern als im persönlichen Verkehr, und verweigert ihm die Stunden stillen Beisammenseins, die sie in letzter Zeit manchmal gehabt hatten. Nur allzu begreiflich! Das ist ihm die Probe aufs Exempel Weib; nichts kann seiner Verallgemeinerung bessere, schmerzlicher brennende Nahrung bieten: wie die Mutter, so die Geliebte — weil sie alle so sind, die Weiber! Wie er dann Ophelia bald nachher begegnet, ist alles beisammen: seine zertrümmerte Liebe — sein Leid — seineVerachtung gegen sie — sein Unglaube an Frauenreinheit überhaupt — das ist auch so eine, das ist ein Weib! — sein Weltschmerz — seine Stimmung gegen die Mutter, gegen ihren Mann, den Brudermörder — sein geheimes, unsägliches Widerstreben gegen die Rolle, gegen das Eingreifen, gegen die Tat, die ihm auferlegt ist — und sein Plan, der ihm erlaubt und befiehlt zu tun, wonach seine Verzweiflung lechzt: sich wahnsinnig zu gebärden. So haben wir denn in dieser Begegnung eine der großen, ganz innigen, erschütternden Shakespeareszenen: und um diese Innigkeit noch leiser, raunender zu machen, sie von aller Wirklichkeitsroheit und Sinnenbeschränkung zu entfernen, sie aus dem Diesseits vergänglicher Bewegung ins Ewige des Geistes zu heben, hat der Dichter dieses wehvolle Bild nicht als Aktion, sondern als Sprachgebilde gebracht. Wir haben diese Szene in Opheliens Erzählung; und haben so tiefer ergreifend, als wenn wir dabei wären, die Gewißheit, wie schrecklich Hamlet sich irrt, wie rein und hold die ist, die sich liebend von ihm und vom Glück zurückgezogen hat:

Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest;Dann lehnt’ er sich zurück, so lang sein Arm,Und mit der andern Hand so überm Auge,Betrachtet’ er so prüfend mein Gesicht,Als wollt’ er’s zeichnen. Lange stand er so;Zuletzt, ein wenig schüttelnd meine HandUnd dreimal hin und her den Kopf so wägendHolt’ er solch einen bangen tiefen Seufzer,Als sollt’ er seinen ganzen Bau zertrümmernUnd endigen sein Dasein. Dies getanLäßt er mich los, und über seine SchulternDen Kopf zurückgedreht, schien er den WegZu finden ohne seine Augen; dennEr ging zur Tür hinaus ohn’ ihre HilfeUnd wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich.

Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest;Dann lehnt’ er sich zurück, so lang sein Arm,Und mit der andern Hand so überm Auge,Betrachtet’ er so prüfend mein Gesicht,Als wollt’ er’s zeichnen. Lange stand er so;Zuletzt, ein wenig schüttelnd meine HandUnd dreimal hin und her den Kopf so wägendHolt’ er solch einen bangen tiefen Seufzer,Als sollt’ er seinen ganzen Bau zertrümmernUnd endigen sein Dasein. Dies getanLäßt er mich los, und über seine SchulternDen Kopf zurückgedreht, schien er den WegZu finden ohne seine Augen; dennEr ging zur Tür hinaus ohn’ ihre HilfeUnd wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich.

Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest;Dann lehnt’ er sich zurück, so lang sein Arm,Und mit der andern Hand so überm Auge,Betrachtet’ er so prüfend mein Gesicht,Als wollt’ er’s zeichnen. Lange stand er so;Zuletzt, ein wenig schüttelnd meine HandUnd dreimal hin und her den Kopf so wägendHolt’ er solch einen bangen tiefen Seufzer,Als sollt’ er seinen ganzen Bau zertrümmernUnd endigen sein Dasein. Dies getanLäßt er mich los, und über seine SchulternDen Kopf zurückgedreht, schien er den WegZu finden ohne seine Augen; dennEr ging zur Tür hinaus ohn’ ihre HilfeUnd wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich.

Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest;

Dann lehnt’ er sich zurück, so lang sein Arm,

Und mit der andern Hand so überm Auge,

Betrachtet’ er so prüfend mein Gesicht,

Als wollt’ er’s zeichnen. Lange stand er so;

Zuletzt, ein wenig schüttelnd meine Hand

Und dreimal hin und her den Kopf so wägend

Holt’ er solch einen bangen tiefen Seufzer,

Als sollt’ er seinen ganzen Bau zertrümmern

Und endigen sein Dasein. Dies getan

Läßt er mich los, und über seine Schultern

Den Kopf zurückgedreht, schien er den Weg

Zu finden ohne seine Augen; denn

Er ging zur Tür hinaus ohn’ ihre Hilfe

Und wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich.

Man wird mitfühlen, daß diese stumme Szene, deren Wesentliches eine Haltung und ein unsäglich tiefer Seufzer ist, nicht als Bühnenvorgang gebracht werden konnte; man wird Shakespeares Innerlichkeit kennen lernen, wenn man sich in seine produktive Stunde, in seine Konzeption hineinversetzt und gewahrt, wie er aus einer Fülle dramatischer Möglichkeiten für Hamlets Begegnung mit Ophelia nichts andres haben wollte als dieses in Sprache und nichts als Sprache gestellte stumme Bild.

Der Mann, der so für sich mit dem Wahnsinn spielt und für andre den Wahnsinnigen spielt, ist in keinem Augenblick wirklich wahnsinnig. Freilich, nimmt man den Wahnsinn ganz und gar als eine Relation zur Umwelt, sagt man in Variation eines Hamletworts: An sich ist keiner vernünftig oder wahnsinnig, erst unsre Betrachtung macht ihn dazu — so kann sich Hamlets Publikum zu Shakespeares Publikum erweitern, und dann geht es so ähnlich wie bei Lichtenberg mit dem Buch und dem Kopf — dann ist Hamlet wahnsinnig. In seinem wahren Zustand sehen wir ihn in den Selbstgesprächen, in den Unterredungen mit Horatio, den er in alles einweiht, in den Gesprächen mit den Schauspielern, in dem großen Gespräch mit der Mutter, am Grab Opheliens und am Schluß, in dem darauf folgenden Kampf mit Laërtes, und in seinem Ende.

Er ist ein an der Welt leidender und immer wieder spontan gegen Unrecht und Gemeinheit, vor allem gegen die kriecherisch verlogene, geduckte, liebedienerische Mittelmäßigkeit und talentvolle Seichtigkeit anspringender Phantasiemensch; er verallgemeinert schrankenlos, leidenschaftlich, wie es die intuitiven, impulsiven, Reinheit und Totalität begehrenden Menschen dieser Art tun — „ein Fall gilt ihm für tausend“ — er hat den Drang und die Gabe, sein tragisches Erlebnis mit der Welt im Wortbild zu formen; und ein Mann dieser Art soll nun mit seinem Instrument der Vernunft, das ihm zu Stillem, Reinem, Betrachtendem, Ordnendem gegebenist, einen Racheplan entwerfen, soll den Übergang finden vom langsamen Überlegen zum Tun, von der Innerlichkeit zur Tat, wo er doch grenzenloses Mißtrauen gegen alles und alle hat, wo er sicher ist, endgültige Erfahrungen mit den Menschen gemacht zu haben, Grund zu haben, die Natur der Menschen zu verachten; sich selbst und das Erbe in seinem Blut nicht ausgenommen. Die Enttäuschung, die einer verzweifelten Erwartung entsprach, wie sie ihm die Mutter und Ophelia zumal gebracht haben, kann in ihm keinerlei Selbstzufriedenheit, Selbstgerechtigkeit wecken. Zu nichts hat er weniger Anlage; der Riß, der durch die Welt geht, fährt schneidend durch ihn selber hindurch. Wir dürfen glauben, daß er, auch ohne daß Ophelia sich von ihm zurückgezogen hätte, in der seltsamen Mischung von Verzweiflung und Wahnsinnsverstellung dem Liebesbund ein schroffes Ende gemacht hätte; er muß allein auf sich gestellt sein, an niemanden und nichts gebunden; auf sich gestellt — was für eine zweifelhafte, brüchige Stellung ihm das ist!

Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen Himmelund Erde herumkriechen? Wir sind ausgemachte Schurken,alle, trau keinem von uns! Geh — in ein Kloster!

Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen Himmelund Erde herumkriechen? Wir sind ausgemachte Schurken,alle, trau keinem von uns! Geh — in ein Kloster!

Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen Himmelund Erde herumkriechen? Wir sind ausgemachte Schurken,alle, trau keinem von uns! Geh — in ein Kloster!

Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen Himmel

und Erde herumkriechen? Wir sind ausgemachte Schurken,

alle, trau keinem von uns! Geh — in ein Kloster!

Kriechen zwischen Himmel und Erde, in dies feste Fleisch gebannt, in die Tierheit; und nun das Wunder der Wunder gekommen ist und die Welt des Jenseits sich ihm aufgetan hat: da ist die Hölle gekommen, die seinen Vater und mit ihm die ganze Welt in sich einsperrt, und hat ihm diese Höllenaufgabe gesandt. Daß er da, bei diesem zerreißenden Widerspruch, immer wieder in bäumende Erregung gerät, daß er nach der Umnachtung und der Bewußtlosigkeit leidenschaftlich begehrt, daß er damit spielt wie mit dem freiwilligen Tod, ist wahr, und es wäre ein Wunder, wenn es nicht so wäre; aber die Grenze zu überschreiten gelingt ihm nicht. Sein Geist ist zu stark, zu gestaltend, zu schöpferisch dazu.

Er hat eine so umfängliche Natur, und wir gewahren so gut, wie er ohne diesen Gegensatz zu einer niederträchtigenWelt, die ihn zu Hitze und Schärfe reizt, wäre, daß wir sagen dürfen: dieser seiner ursprünglichen Natur nach wäre er gut, geruhig, sanft, betrachtend, überlegend und in heitrer Stille überlegen; wir merken es an manchem freundlichen Wort zur lieben Mutter, an der Art, wie er zum harmlosen Plaudern geneigt ist, an seinem Verkehr mit Horatio dem Freund, mit den Schulkameraden, und vor allem an der Unterweisung, die er den Schauspielern gibt. Das wäre so sein Gebiet gewesen, alles Leben nicht in der Reaktion gegen die Menschen zu verbrauchen, sondern abseits der Menschen und damit gerade für sie in die Maske zu werfen; aber das Schicksal gönnt ihm diesen Schauplatz nicht; und so muß Hamlet als Geist, wie sein Vater auf der Terrasse seines Schlosses, so er auf den Bühnen aller Länder und Zeiten umgehn und wird noch lange keine Erlösung finden, weil die Zustände, die ihm Glück und Seelenfrieden und wahre Bestimmung und Leben geraubt haben, heute noch sind wie damals, — wo Hamlet unter Menschen die Maske des Wahnsinns und Shakespeare die Maske Hamlets annehmen mußte.

Es ist ungeheuer, wie Hamlet keinen Augenblick aus der Handlung heraustritt, wie vielmehr ihr langsamer, träger Verlauf in der Mitte des Stückes ganz auf sein Wesen zurückgeht, und wie uns dabei doch in den Szenen, in denen er am Hof den Tollen spielt, fast die Erinnerung verlorengeht, daß er’s mit König Claudius und seinen Kreaturen zu tun hat: so sehr spüren wir seine stachligen, geißelnden Reden an uns, an unsre äußern und innern Zustände gerichtet. Was sagt er alles in der Maske des Wahnsinns, was sagt Shakespeare in der Maske des tollen Hamlet den Großen, dem Hof, den Frauen, der innersten Menschennatur, der Welt! So hat sich Goethe seines Teufels bedient, um seine Bosheit anzubringen, so hat er jahrzehntelang ab und zu damit gespielt, aus den Szenen, wo Mephisto am kaiserlichen Hof ist, ein fürchterliches Pasquill zu machen;und wohl ist er witzig und bissig und steigt hie und da bis zu dämonischer Kraft; aber die erhabene Stärke, die Shakespeare aus der innig unlöslichen Verbindung der Polemik mit der Aktion, mit der Tragik des Menschlichen zuströmt, kann Goethes im Vergleich mit ihm gefaßte Art niemals erreichen.

Am feinsten — ganz wunderbar — sehen wir den Übergang von der Ekstase des Gequälten, die sich im Umgang gern fast menschenfreundlich hinter geistreichem Witz verbirgt, zum verstellten Wahnsinn in den Gesprächen mit Rosenkranz und Güldenstern, denen er zunächst als Jugendfreunden vertraut; dann stellt er sie, schon bedenklich geworden, doch noch in Gegensatz zur Welt der Feinde, weil sie offen bekennen, daß man sie zu ihm geschickt hat, um ihn auszuhorchen, bis er merkt: sie sind Höflinge und Lügner wie die andern, und sich gegen ihre Wanzenhaftigkeit und Beschnüffelung in die Tollheit zurückzieht.

Das Eigene an diesen Szenen, die ja doch gräßlichen Frevel und heroische Pläne und innigste Seelenqualen zur Voraussetzung haben, ist ihre kraftvolle Lustigkeit. Rosenkranz, Güldenstern, Polonius, Osrik sind lauter Instrumente, auf denen Hamlets Witz spielt. In seinem Verteidigungskampf gegen die zudringende Welt ist er durchaus aggressiv, seine Waffe ist der Geist, und, so sehr hinter all seiner Haltung das Leid steckt, so anders sein Gesicht und sein Ton wird, sowie er mit sich allein ist, so kommt doch nie etwas Schwächliches oder Wehleidiges aus ihm heraus. Es will uns beinahe natürlich dünken, daß er in diesen Witzkämpfen ein immer älteres, reiferes, überlegneres Gesicht bekommt. Nichts Krankhaftes, nichts von Verfall oder Entartung ist in ihm; seine abnorme Stellung zur Welt ist völlig sozialer, gar nicht organischer Art, kommt von der Beziehung seiner in Zartheit und Feinheit sehr gesunden Natur zu einer in Niedrigkeit gesunkenen Umwelt, keineswegs von einer aus dem Gleichgewicht geratenen Beziehung seiner Organe undFunktionen zu einander. Wäre diese Gesundheit nicht, er müßte wahnsinnig werden, wie es Horatio für ihn befürchtet hatte; so kann er sich mit der Sicherheit in die Tollheit begeben, jederzeit wieder freien Geistes aus ihr heraustreten zu können.

Was tut er nun in dieser Maske? Was gelingt ihm? Wie fördert er seine Rache? Wenn der zweite Akt beginnt, wo wir von seiner Tollheit zuerst in Opheliens Bericht hören und ihn dann selbst im Umgang mit Polonius und Rosenkranz und Güldenstern sehen, geht er in dieser Verfassung schon etliche Zeit herum, bis ihm die Schauspieler in den Weg laufen. Er muß inzwischen viel mit Horatio verkehrt haben, denn er hat ganzes Vertrauen zu ihm gefaßt und ihn in alles eingeweiht. Nun erwacht er wie aus einem bleiernen Schlaf, und wieder geht es blitzschnell in ihm zu. Sowie er den leidenschaftlichen Vortrag des Schauspielers vom Untergang Trojas, von Priamus’ Tod und Hekubas Jammer gehört, sowie er gesehen hat, daß dieses Gedicht, die Erregung, die Tränen des Sprachkünstlers selbst den alten phantasielosen, dürren Klugschützen Polonius ergriffen haben, kommt sein Plan vom Fleck, kommt zugleich aber auch die furchtbare Selbstanklage, daß er noch nichts für seine Rache getan hat. Im Stil des Gedichts, das er eben gehört, redet er nun mit sich selbst: leidenschaftlich, bilderreich, in immer sich steigernden Ausrufen, Beschwörungen, Beschimpfungen. Er will es bei sich durchsetzen, daß er in Wut, in Aktion gerät; er stellt sich die ganze Scheußlichkeit des Mörders vor Augen, um dann rasch seinen Grimm zu unterbrechen und sich selbst zu verhöhnen: wieder macht er ja nichts als Worte; wieder dichtet er einen Zusammenhang von Untat und Rache zusammen; wieder weiß er nicht zu handeln. Und in der Tat: wir wissen ja, wie vorhin der Plan fix und fertig vor ihm stand, gleich morgen abend vor dem König ein Theaterstückchen aufzuführen, das er kennt, dem er noch etwas mit besonders deutlichen Anspielungenhinzudichten will: jetzt, während er sich in gestaltende Phantasie hineinheizt und wild mit sich und mit dem Mörder zugleich in eine Kampfaktion tritt, ist es uns so, als sei etwas in ihm schon dabei, die Verse zu dichten, die morgen abend gesprochen werden sollen. Wir wissen von andern Gelegenheiten her, wie mühelos er improvisieren kann.

Wie wir ihn am Tag darauf wiedersehen, ist die Einladung an den König, der Vorstellung in den Gemächern des Prinzen Hamlet beizuwohnen, schon ergangen. Hamlet selbst aber ist von der Erregung, die ihn in seine Aufgabe gestachelt hat, schon wieder ganz ins Allgemeine vorgedrungen. Tat und Tod, die Freiheitstat, die die Welt vom Usurpator, vom Frevler, vom Tyrannen befreit, und der Freitod, der den an der Welt Leidenden vom Leben befreit, fließen ihm in eins zusammen. Seine Betrachtung „Sein oder Nichtsein“ ist so ganz ins Allgemeine gerückt, knüpft so gar nicht an sein persönliches Schicksal und seine besondere Aufgabe an, daß, wenn ein Forscher die Behauptung ausspräche, dies Stück sei von anderswoher unter Shakespeares Papieren gelegen und er hätte es hier eingefügt, weil es in der allgemeinen Grundstimmung paßte, keine Widerlegung aus dem Wortlaut möglich wäre. Nichts von allem, was Hamlet sich vorhält, um sich das schwere Leben und den schweren Tod zu vergegenwärtigen, löst Assoziationen aus seinen besonderen Verhältnissen aus, die jedem, der nicht so ins Allgemeine gebannt wäre, überaus naheliegen müßten. Er spricht von dem Tyrannen, dem Unrecht, dem Übermut, der Unterdrückung; er spricht nicht von König Claudius. Er sinnt über die Pein verschmähter Liebe; kein Wort erinnert an Ophelia. Er gedenkt mit Gram dessen, was des Menschen nach dem Tode harrt, der Träume, die im Schlaf kommen: er illustriert sich das nicht mit dem entsetzlichen Bericht des eignen Vaters aus der Unterwelt; ja, er kann die Worte von dem unentdeckten Land sprechen, aus des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt, ohne daß es ihnschaudernd überläuft, da ihm vor kurzem doch einer wiedergekehrt ist und ihm sein Schicksal gebracht hat. Restlose Allgemeinheit herrscht in der Betrachtung; und wenn es wirklich so wäre, daß es sich um eine Einlage handelte, so wäre dieser Zug dennoch auf Hamlets Wesen zurückzuführen; Shakespeare hat gewußt, was er tat.

Nicht dies einzige Mal treffen wir dieses echteste, dieses religiose Zeichen des Adels bei einer seiner Gestalten, daß der Mensch da, wo sein eigenes Leiden zum Höchsten steigt, gerade nicht mehr an sich, sondern ans Ganze denkt und fürs Ganze, zumal für die Unterdrückten und Beraubten leidet: Romeo zeigt sich so, nachdem mit der Nachricht von Juliens Tod sein Schicksal besiegelt ist, in dem Gespräch mit dem Apotheker; König Lear in Wettersturm, Verlassenheit und Verzweiflung findet von sich selbst zur Menschengesellschaft.

Derselbe Hamlet, der mit der größten Kühnheit die Grenze des Irdischen überschritten hat, der in der Impetuosität des Augenblicks immer sofort bereit ist, jeden Gegner herauszufordern und das Leben dran zu wagen, gesteht sich jetzt, was auch ihn feige zur Tat und zum Tod macht. Das Denken ist es, das Bewußtsein; nicht bloß das Gewissen, wie Schlegel ungenügend übersetzt hat.


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