Chapter 18

So macht Bewußtsein Feige aus uns allen.

So macht Bewußtsein Feige aus uns allen.

So macht Bewußtsein Feige aus uns allen.

So macht Bewußtsein Feige aus uns allen.

Mehr ein Nichtwissen freilich als ein Wissen macht uns träge und tatlos: wir wissen nicht, was jenseits des Grabes an Schrecknissen, an Fortsetzung unser wartet; drum dulden wir die Untaten der Menschen und ihre Einrichtungen des Unrechts und der Vergewaltigung.

Wie wir’s aber immer bei Shakespeares Gestalten treffen, kann selbst Hamlet — kann oder will Shakespeare? — die an besondre Stimmung und Situation gebundene Reflexion nicht zu ihrer abstrakten Form ins ganz Allgemeine erheben. Den letzten Sinn der Gestalten und Handlungen spricht Shakespeare nie sentenziös in Sätzen aus; vermöchteer es, sich mit dem zu begnügen, was die deduzierende, formulierende Sprache hergibt, so hätte er keine Gestalten zu schaffen, keine Dramen zu dichten gebraucht. Wir, durch Hamlets Gestalt und Gesamterlebnis, wissen, daß Bewußtheit und Nicht-tun, Denken und Unvermögen zur Gewalttat, Geist und Gewissen noch durch eine tiefre Verknüpftheit miteinander verbunden sind als durch die heiligste Scheu vor dem Ewigen; von diesem Verhältnis aber spricht Hamlet nicht; er lebt es und stirbt es.

In seiner Stimmung der allgemeinen Trauer, des allgemeinen Abscheus ist er auch noch in dem Gespräch mit Ophelia, das unmittelbar folgt. Mit welcher Wollust redet er da zu dem Geschöpf im Wahnsinnston, das ihm der Typus der Falschheit ist; wie schleudert er ihr seine Verachtung alles Geschlechtlichen ins Gesicht! Wie springt aber auch mit ungemeiner Federkraft plötzlich die Entschlossenheit heraus, sowie ein rascher Einfall ihn an den König erinnert. Er ist ganz im Thema Mann und Weib; ganz im allgemeinen, ganz in der Wahnsinnsrolle, hinter der sich doch der Sinn seines Schicksals birgt; er gebärdet sich wie ein Racheengel, der das Amt hat, keinem Menschen mehr die Ehe zu gestatten, im übrigen gegen die schon Verehelichten milde Duldung zu üben; und wie er nun grimmig ruft:

Ich sage, wir wollen nichts mehr vom Heiraten wissen; wer schon verheiratet ist ... soll das Leben behalten; die übrigen sollen bleiben, wie sie sind,

Ich sage, wir wollen nichts mehr vom Heiraten wissen; wer schon verheiratet ist ... soll das Leben behalten; die übrigen sollen bleiben, wie sie sind,

da fällt ihm mit einemmal bei diesen Worten: „Wer schon verheiratet ist“, all sein Persönliches ein, seine Mutter und ihre entsetzliche Ehe mit dem Mörder ihres Mannes, und wie im Raubtiersprung fahren ihm die Worte dazwischen:

Alle, außer einem!

Alle, außer einem!

Alle, außer einem!

Alle, außer einem!

Einer lebt, der soll nicht mehr lange das Leben behalten; der ist verurteilt. Und dieser eine hört diese Worte, ohne daß Hamlet von der Anwesenheit des Lauschers etwas weiß.

Hamlet fühlt sich frei und leicht und froh, sowie diese schnellende Raschheit in ihm ist, die wie unmittelbar Außen- und Innenwelt, Sinnenanschauung und Willen zu einem, zum getanen Leben verbindet. Da ist er auch zweifellos sicher, daß sein Oheim der Mörder ist und nicht leben darf. Er ist aber in Gefahr, immer wieder einer Sklaverei zu verfallen, die selten ist; er ist nicht Sklave der Leidenschaft, sondern des Denkens; das Denken ist in ihm zur Leidenschaft geworden. Dieses Denken macht ihn langsam, zögernd, träge, unentschlossen; dieses Denken steigert seine Unlust am Leben und hält ihn dabei doch gerade wieder mit Bedenklichkeiten im Leben fest. Drum gilt auch seine Freude an Menschen ganz und gar den Unbekümmerten, Unbelasteten; so hat er Horatio seine Freundschaft geschenkt, dem er in entscheidendem Augenblick die strahlend schönen Worte sagt:

Seit meine teure Seele Herrin warVon ihrer Wahl und Menschen unterschied,Hat sie dich auserkoren. Denn du warst,Als littst du nichts, indem du alles littest...... gebt den Mann mir,Den Leidenschaft nicht knechtet; hegen will ichIn Herzensgrund ihn, in des Herzens Herzen,Wie ich dich hege.

Seit meine teure Seele Herrin warVon ihrer Wahl und Menschen unterschied,Hat sie dich auserkoren. Denn du warst,Als littst du nichts, indem du alles littest...... gebt den Mann mir,Den Leidenschaft nicht knechtet; hegen will ichIn Herzensgrund ihn, in des Herzens Herzen,Wie ich dich hege.

Seit meine teure Seele Herrin warVon ihrer Wahl und Menschen unterschied,Hat sie dich auserkoren. Denn du warst,Als littst du nichts, indem du alles littest...... gebt den Mann mir,Den Leidenschaft nicht knechtet; hegen will ichIn Herzensgrund ihn, in des Herzens Herzen,Wie ich dich hege.

Seit meine teure Seele Herrin war

Von ihrer Wahl und Menschen unterschied,

Hat sie dich auserkoren. Denn du warst,

Als littst du nichts, indem du alles littest...

... gebt den Mann mir,

Den Leidenschaft nicht knechtet; hegen will ich

In Herzensgrund ihn, in des Herzens Herzen,

Wie ich dich hege.

Eine recht stattliche Gruppe kommt zusammen, wenn man die Männer nebeneinander stellt, die bei Shakespeare zugleich von Trieb und Niedrigkeit unterjocht und hellen Verstandes sind: bei Richard III., Falstaff, Jago und Edmund Gloster ist es sogar so, daß sie in all der Häßlichkeit ihrer Gierversklavung vom Geiste her fast wie Freie und Schöne sind. Einer von denen, die von Trieb und Gier tief in den Schlamm getaucht werden, dabei aber, ohne sich Herausreißen zu können, von ihrem eminenten Verstande so etwas wie kraftloses Gewissen und untätige Reue geliefert erhalten, ist der König Claudius. Um Hamlet nun steht es so — das ist die Familienähnlichkeit zwischen Oheim und Neffen, vonder auch Tieck etwas bemerkt hat —, daß in ihm ebenfalls der Geist keine rechte Beziehung zur Tat eingeht; sein Geist ist, wie es in der Deklamation vom rauhen Pyrrhus heißt, neutral in dem besonderen Sinne, daß er dem Schlechten zweifellos, der Tat des Guten aber ebenfalls, wie zweifelnd, widerstrebt. Denn diese Tat des Guten ist gefärbt von der Gesinnung der Zeit und der Tradition, die tief im Blute sitzt; sie ist blutrot gefärbt, weil sie durchaus blutige Rache für schändliche Tat begehrt. So schnell wie dem geübten Fechter Hamlet der Degen die Parade führt, so schnell und zweifellos, sicher wie der Instinkt bedient seine Natur in spontaner Entladung die Forderung seines Blutes; sein Geist aber paßt nicht in diese Zeit, sträubt sich und vermag die Tat des Alten nicht zu tun. Diese Mischung, die Hamlets Wesen ausmacht, ist das spezifisch, das allezeit Moderne an dieser Gestalt; modern ist Hamlet in diesem allgemeinen Sinn der Stellung zwischen zwei Zeitaltern, des Zwiespalts zwischen dem Inhalt der Blutforderung oder des Gefühls und aber des Denkens; im Sinn der lähmenden Neutralität des Geistes, der sich von dem, was dem Gefühl noch dringende Notwendigkeit ist, schon emanzipiert hat. Nur daß er’s noch nicht weiß, nicht wissen will, sich nicht zugibt; dadurch, daß das Denken zu Bedenken, diediscretion, die Unterscheidung und Prüfung aller Umstände zu behutsamer Vorsicht, das Wissen zu Gewissen wird, wirkt dieser Geist tatsächlich als Hemmung; mit den Worten dagegen, die er zu sich selbst spricht, ist er wieder der Diener des Blutes und hadert mit sich selbst. Wie kennzeichnend für diese komplizierte Verfassung ist Hamlets Monolog nach der Pyrrhus-Deklamation: mit beinahe hysterischer Gewalttätigkeit will er sich zur Tat antreiben; er bringt es auch richtig bis zu den fürchterlichsten Schimpfausbrüchen und Androhungen babarischster Rachetat, um gleich darauf sich selbst auszulachen, daß er von dem Deklamator, der sich ganz in seinen Gegenstand versetzt und mit ihm eins wird, nichts andres gelernthat als zu deklamieren. Erst also die Erkenntnis der schleunigen Notwendigkeit der Tat; sie führt zu Worten; dann die Erkenntnis, es dürften nun keine Worte mehr gemacht werden; die führt zu dem Bedenken, am Ende stünde noch gar nicht fest, daß der Geist ein guter Geist und sein Vater gewesen, daß sein Oheim die Untat begangen; und die Vertagung der Entscheidung bis zur Wirkung des Schauspiels, das er dem Verdächtigen aufführen will.

Nichts aber erschütternder und nichts genialer und kühner in der Komposition, als wenn nach dieser Theateraufführung die beiden Monologe zusammenstoßen: der Gebet- und Reueversuch des Königs und der Racheversuch Hamlets. Wenn das recht gespielt wird, muß es uns heiß und kalt überlaufen, da wir vor Augen und Ohren und Erkenntnis das Schicksal der Menschheit haben, wenn wir gewahren: unsägliche Verschiedenheit und unsägliche Gleichheit ist in diesen beiden, dem Vaterbruder und dem Neffen, die einander beide zu morden begehren und einander beide morden werden, weil der Bruder den Bruder, dem Sohn den Vater ermordet hat. In so ähnlich grauenhaftem Mythus stellt der antike Tragiker das unnennbare Schicksal der Menschheit dar, wie sie aus Geist und Herzen, aus Wut und Stille heraus zu leben vermeint und, Agamemnon wie Iphigenie, Klytämnestra wie Orest und all die andern mit ihrem Leben und Lieben und Hassen, mit ihrem Planen und Tun und Leiden, mit all ihrem gegenseitigen Morden nur miteinander den schauerlichen Reigen vor dem Altar des Gottes tanzen, dem sie als Opfer urlängst alle bestimmt sind. Shakespeare in seinem nämlichen grauenhaften Mythus gestaltet dasselbe, nur daß wir dabei der Menschheit so tief ins Herz und in die Abgründe des Wesens hinuntersehen, daß wir erkennen: die Götter und Dämonen, die sie necken und plagen und hetzen, wohnen in ihrem Innern. Shakespeare hat die Gebundenheit und Gefangenschaft des Menschen tiefer gezeigt, weil er seine Freiheit gezeigt hat; weil wirbei ihm schaudernd gewahren, daß wir alle unsre eignen Schließer, unsre eignen Knechte, unsre eignen Mörder sind, und weil wir bei ihm das ganze Räderwerk des innern Mechanismus erblicken, mit dem wir unser Herz zu unsrer Folterkammer machen.

Hamlets Denken und Planen hat diesmal das Größte getan, dessen das Denken fähig ist: es hat sich selbst aus dem Weg geräumt, hat den Denkenden an die Kühnheit gebunden. Hamlets Plan entspricht wunderbar der Natur des Königs nicht nur und der Besonderheit der Situation, sondern ebenso Hamlets eigner Natur. Er kennt sich gut genug, der eine in ihm kennt den andern gut genug, um zu wissen: führt er sich erst auf den Weg der Kühnheit, so wird er ihn wundervoll kühn zu Ende gehen. Und das tut er, und die Wirkung auf den Mörder, der seine Tat vor sich auf der Bühne sieht und von dem Sohn seines Opfers in dürren Worten ausgesprochen und kommentiert hört, die Tat, von der keine Menschenseele etwas wissen kann, das Entsetzen des Mörders darüber ist ungeheuer. Kein Zweifel nunmehr für den Rächer mehr möglich: der Mörder, der Blutschänder ist überführt. Ein wilder Jubel kommt über Hamlet; er singt, er tanzt fast, er improvisiert, sein Geist sprüht Funken, zündende Funken, er hält gar nicht mehr an sich, denkt nicht mehr daran, sich wahnsinnig zu stellen, und muß darum mit seinen Anspielungen, seinen blitzenden Zornausbrüchen, seinen Gleichnissen und Bildern denen, die nichts von dem ganzen Zusammenhang wissen, gerade toll und gefährlich erscheinen. Dann kommt die Einladung der gepeinigten Mutter an ihn, gleich jetzt, zu dieser nächtlichen Stunde, zu ihr zu kommen. Wir ahnen, wie sie ganz aufgelöst ist vor Scham und Entsetzen, wie sie nicht weiß, für wen sie zuerst fürchten soll, für sich, für den Mann, für den Sohn. Er aber ist ganz einheitlich von der Sohle zum Scheitel Flamme und Empörung: ja, er will zu ihr gehen, will mit ihr ringen, will sie schütteln.

Wir wollen gehorchen, und wäre sie zehnmal unsreMutter!

Wir wollen gehorchen, und wäre sie zehnmal unsreMutter!

Wir wollen gehorchen, und wäre sie zehnmal unsreMutter!

Wir wollen gehorchen, und wäre sie zehnmal unsre

Mutter!

Es kann keine entsetzlichere Rede geben von einem Sohn in dieser Kürze: was gibt es für Mütter, was für Verhältnisse des Kindes zur Gebärerin, was ist das für eine Mutter, die ins Ehebett des Mannes gestiegen ist, der dem Sohn den Vater scheußlich getötet hat! Aber selbst wenn sie die ist, die sie ist, diese Mutter, ich will kommen, die Mutter begehrt’s, das Kind gehorcht! Und wie nun der Höfling, der von allem nichts versteht, der seinen Dienst tut, ohne der allerschrecklichsten menschlichen Erschütterung dessen, an dem er mit zudringlichen Fingern nestelt, zu achten, wie diese glatte Kreatur, die nicht besser und nicht schlimmer ist als jeder Durchschnittsbeamte oder gebildete Lakai, ihm noch weiter zusetzt, da kommt, immer in Hamlets metaphorischer Sprache, die die Umgangssprache dieses dichterischen Menschen ist, wenn er in seiner Geschlossenheit steht, ein wahrhaft wonnevoller Ausbruch über die klägliche Seele gegossen; wonnevoll nicht nur für uns, auch für den in seinem Zorn überlegenen und aufgeräumten Mann selbst. Es gibt aber keinen in seinem Grunde rechten Menschen, dem die Lust und die Freiheit, gleichviel, welchen Ursprungs sie gerade sind, nicht die Güte wecken. Und so wird auch Hamlet eben dadurch, daß sein Zorn gegen sie und ihre Abgesandten aufs höchste gestiegen ist, auf diesem Gipfelpunkt gut und mild gegen seine Mutter. Er denkt der Worte des Geistes, seines Vaters: erschüttern will er sie, nicht töten. In dieser Stimmung, angeregt zum äußersten, in vollem, klarem Wissen dessen, was geschehen ist, was zu geschehen hat, macht er sich festen Schrittes auf den Weg durch die hallenden Säle des Schlosses zu dem Nachtgespräch mit der Mutter. Und da kommt er an dem König vorbei, der elend sich krümmend an seinem Altare kniet.

König Claudius möchte beten, aber er kann nicht. Und mit einer ungewöhnlichen Einsicht und dialektischen Kunsterklärt er sich den Grund. Sein Wille zu beten, sagt er sich, ist in diesem Augenblick stark; aber seine Schuld, nicht eine vergangene Schuld, sondern die gegenwärtige, immer fortwirkende, daß er von allem, was er frevelhaft an sich gerissen hat, nichts aufgeben, jegliches genießen will, ist stärker. Er möchte bereuen; er weiß, die Reue kann die Gnade vom Himmel herabziehen; die Gnade muß sich ergießen, wenn das Gebet der Reue sie ruft. Die Reue kann alles, nur eines nicht: Nichtreue zur Reue machen! Und er bereut ja gar nicht; Reue ist Aufgeben schuldigen Tuns, Wiedergutmachen, aktive Unschuld, und der Segen, der der Seele Ruhe schenkt, läßt sich nichts vormachen: der Himmel ist unbestechlich, Macht und Reichtum gilt vor ihm so wenig wie Heuchelei.

Die stärk’re Schuld besiegt den starken Vorsatz,Und wie ein Mann, dem zwei Geschäft’ obliegen,Steh’ ich in Zweifel, was ich erst soll tun,Und lasse beides.

Die stärk’re Schuld besiegt den starken Vorsatz,Und wie ein Mann, dem zwei Geschäft’ obliegen,Steh’ ich in Zweifel, was ich erst soll tun,Und lasse beides.

Die stärk’re Schuld besiegt den starken Vorsatz,Und wie ein Mann, dem zwei Geschäft’ obliegen,Steh’ ich in Zweifel, was ich erst soll tun,Und lasse beides.

Die stärk’re Schuld besiegt den starken Vorsatz,

Und wie ein Mann, dem zwei Geschäft’ obliegen,

Steh’ ich in Zweifel, was ich erst soll tun,

Und lasse beides.

Da haben wir wieder das Bild des Neutralen. Dieser König, der im Zusammenhang seiner Schuld dabei ist, Hamlet umbringen zu lassen, ist in diesem Augenblick in einer ähnlichen Situation wie der, der um dieser Missetat willen ihm erst recht nach dem Leben trachtet. Aber nicht bloß die Situation ist ähnlich; er auf der Seite des Schlechten hat in sich ein ähnliches Verhältnis zwischen Verstand und Willen wie Hamlet auf der Seite des Guten. König Claudius in seinem Verstand weiß: es gibt ein Heil auch für ihn, auch jetzt noch; er trägt es in sich; er braucht nur recht zu wollen und umzukehren; aber er weiß auch, daß er dieses einzige, was not tut, nicht wollen kann.

Hamlet, der dabei steht und hinsieht, während dieses Denken des Königs in seinem dunkeln Winkel vor sich geht, weiß jetzt gewiß, daß er den Mörder seines Vaters vor sich hat. Er will ihn töten; er fühlt es als seine Pflicht; die Hand sucht nach dem Schwert; aber das Denken, das nämliche, das seinen Plan entworfen hat, der so völlig geglückt ist,hält ihn zurück. Es fragt nicht im geringsten, was manche Kommentatoren sagen: wie wollte er denn nachher seine Tat rechtfertigen und die Schuld des Königs beweisen? Es sagt: die Strafe wäre zu klein; am Ende käme der Mörder, wenn ich ihn in seinem Gebet töte, in den Himmel; meinen Vater hat er in all seinen Sünden umgebracht, der steht Höllenqualen in der Ewigkeit aus. Warten also heißt die Losung, bis die Rache fürchterlicher vollstreckt werden kann. Dieses Denken will nicht und macht sich Gründe vor; und im selben Augenblick, wo Hamlet die Rache aufschiebt, weil der König im Gebet mit dem Himmel vereinigt sei, sagt sich der König, für ihn gebe es keinen Himmel, weil er nicht bereuen könne. Welche Höllenironie, daß in dieser Situation Hamlet Gründe orthodox-dogmatischer Art beibringt, angeblich, um raffinierter, grausamer zu töten, in Wahrheit, um nicht zu töten, weil er es, sowie er im Denken steht, nicht vermag; daß dagegen der König, der ruchlose Sklave der Gier, in feinem Verstande und hoher Bildung vom ganz innig freien Christentum weiß: das Himmelreich ist in euch! Man denke sich die Situation umgekehrt, dann sieht man, meine ich, leuchtend klar, wie im Bilde, vor sich, was Shakespeare mit seiner Seelenergründung bedeutet: das Umgekehrte wäre eben das, was Schiller ganz sicher aus dieser Szene gemacht hätte, der schulmäßige Fall der mit Charaktermasken arbeitenden Psychologie: König Claudius hätte Gebete geplappert, weil er als Mörder im dogmatisch mechanischen Aberglauben stünde, und Hamlet hätte das Himmelreich in sich getragen und hätte sich klar gesagt, Blutrache sei für ihn ein überwundener Standpunkt. Und damit hätte man diesen Typen auf den Grund gesehen und hätte, wenn man Publikum wäre, sich dort an schönem Schwarz und noch schönerem Rosa erfreut. Shakespeare aber zeigt seine Individuen, wie sie unterwegs, wie sie zwischen den Zeitaltern, wie sie vielfach und gemischt und unergründlich sind; wie in ihnen Trieb und Geist in mannigfach verschiedenem Verhältnis miteinander in Streit liegen; Shakespeare zeigt vor allem eine Weltordnung so wenig wie eine poetische Gerechtigkeit, sondern eine Weltironie.

Leicht möglich, daß der reife Shakespeare, als er dieses Motiv in dem früheren Stücke fand, daß, wer im Gebet stirbt, gleichviel, wer er ist, und ununtersucht, wie er betet, in den Himmel kommt, daß er, dem solche Vorstellung weltenfern lag, das Motiv ingrimmig stehen ließ, weil für Hamlets Denken, für seinen Widerwillen, die Tat zu tun, jede Ausrede, auch die dümmste, gut genug schien; denn dieses Denken ist zwiefach: einmal tief in Verborgenheit Geist, der im Frieden und in der Liebe steht; dann aber der klug bewegliche Diener des Fühlens und Getriebenseins oder gar des noch sprachlosen Geistes selbst, wie in diesem Fall Hamlets. Und überdies bot sich eben dem bitteren Dichter hier die Gelegenheit, Hamlet und Claudius mit einander ironisch zu vertauschen: Hamlet das denken zu lassen, was Unmögliches Claudius ersehnen möchte; und diesem König in die Gedanken zu geben, was für Hamlets Gerede die tiefste Widerlegung ist. Darum mag er dann das Motiv der Orthodoxie auch schon, wo es das erste Mal auftaucht, im Bericht des Geistes stehen gelassen haben; seine Kunst und Ironie aber hat es vermocht, an der entscheidenden Stelle den Verbrecher selbst des Dichters Wahrheit über das Verhältnis von Himmel und Gebet und Sünde sagen zu lassen.

Nach dieser Begegnung, nach diesem Rückzug von der physisch rohen Tat kommt Hamlet zur Mutter, und schon draußen vor der Tür ruft er: Mutter, Mutter, Mutter! Denn nun, wo es gilt, mit Geist und Seele, mit Sprachgestaltung eine Tat zu tun, nun ist er in seinem Element. Da kommt die Begeisterung über ihn, da steht er in seiner Geschlossenheit, da ist das Denken nicht Bedenken und Hemmung, sondern Geist und Beflügelung; sein Blut wird Sprache und feurige Zornbeschwörung, von der Rede her kommt Festigkeit und Raschheit auch in seine Muskeln und seine Hand, und nun,wo er nicht im Plane, sondern im Gefühl und der spontanen Sicherheit des Impulses steht, ist er imstande, blitzschnell den König, der ihm in den Weg läuft, zu töten, und er tut es sofort. Freilich war’s ein Irrtum, sein blitzender Wille hat den König gestochen, und Polonius liegt als Leiche hinter dem Wandteppich, — welch wahnsinnig verworrene Welt für einen Menschen wie Hamlet! Denkt er in Ruhe und spinnt seinen Plan, so vermag er nicht zu tun; und handelt er unbesonnen, spontan, so verfehlt er sein Ziel und tötet einen, dessen Tod ihm nachher schmerzlich weh tun wird.

Jetzt aber ist er so im Feuer der tatvollen, umwandelnden, gestaltenden, schüttelnden Rede, daß er sich von dem Zwischenfall kaum unterbrechen, gewiß nicht aus der Richtung bringen läßt; er geht über seinen Totschlag an Polonius hinweg wie über eine rednerische Entgleisung. Ja, seine Stimmung ist noch gesteigert, da nun die Rede ihn zur raschen Tat befähigt hat. Wie gewaltig gestaltet er die Sprache, um sie zum Ausdruck der Wirklichkeit zu machen! Wie modelliert er die Bildnisse des Vaters und seines Mörders, mit welcher Kraft der Polemik, der Karikatur, der Liebe, der Verklärung! Wie arbeitet er an der Seele seiner Mutter, zumal nachdem der Geist gekommen ist und ihn gemahnt hat; und wie gelingt es ihm, diese leicht verführte Frau, die nie aufgehört hat, den Sohn innig zu lieben, zur echten Reue und zum Weh zu verführen, in dem höchsten Maße, das ihre Oberflächlichkeit zuläßt, und sie beinahe über sich selbst hinauszuheben. Der eine Teil der Aufgabe, die ihm der Geist übertragen hat, soll ihm nur auf seltsamsten Schicksalswegen, mit dem eignen Untergang, den sein Gefühl von Anfang an mit dieser Tat unlöslich verbunden hat, gelingen; das ist nicht die Sache, der er gewachsen ist: sich in die Welt der Schuld hineinzustellen, Böses mit Bösem zu vergelten. Aber den andern führt er durch; das ist seine Sache. Er ist kein Orest; er liebt die Mutter und hat vom Jenseits den Auftrag, sie zu schonen. In dieser Tragödiegibt es keinen Muttermord, sondern die Bekehrung der Mutter, die in die Ermordung des Vaters verstrickt ist, durch den Sohn. So dürfen wir, ohne jetzt im entferntesten an die äußerlich dogmatischen Rudimente zu denken, die dem Stück noch anhaften, im ganz tiefen Sinn des Wortes sagen: hier haben wir das christliche Gegenstück zum Atridenmythos der Antike: die Mutter, die nie unschuldig am Mord des Vaters heißen darf, die ihren Buhlen, den Mörder, neben sich auf den Thron gehoben hat, wird von dem Sohn nicht ermordet, sondern durch Liebe entsühnt, durch die flammende, gestaltende Sprache der Wahrheit zu Reue und Erneuerung gebracht. Orest erlebt seinen Schauder und die Verfolgung der Erinnyen nach der Tat; Hamlet, der das hat, was eins in zwei Gestalten ist: Phantasie und Liebe, hat die Qual vor der Tat, vor ihr in beiderlei Sinn.

Gertrud, seine Mutter, ist in dieser nächtlichen Unterredung, so tief es nur geht, erschüttert und umgewendet worden, sie ist von jetzt an nicht mehr ganz dieselbe; wir merken es sofort darauf in dem Gespräch mit dem Gemahl, dem sie nur, wie sie muß, berichtet, daß Hamlet den Polonius erstochen hat; sie stellt, obwohl sie es besser wissen muß, die Tat als die eines Kranken hin und berichtet, was wir glauben dürfen, was in ihrer Darstellung aber doch ein ganz andres Bild gibt, daß der Sohn jetzt um sein Opfer weine; von dem Furchtbaren, was sie durch Hamlet erfahren hat, von der Gefahr für das Leben des Gemahls, die sie ahnen muß, spricht sie kein Wort. Daß Hamlet nach England soll, ist ihr ganz recht; er darf jetzt nicht hier bleiben; gewiß hofft sie in ihrer weichen Art, es könne doch noch irgendwie alles gut werden.

Noch einmal sehen wir Hamlet dem König gegenüberstehen: wie der ihm mitteilt, daß er um seiner Untat an Polonius willen zu seiner eignen Sicherheit sofort nach England hinüber müsse. Hamlet ist wie nach übergroßer Anstrengung erschöpft; er redet fast nichts; weder in Worten noch garin der Tat lehnt er sich gegen den König auf; er ist bereit, sich gleich aufs Schiff bringen zu lassen. Auf dem Weg dahin stößt er auf die Soldaten des Fortinbras, die über Dänemark nach Polen ziehen, wo sie um den Besitz irgend eines kleinen Nestes kämpfen werden. Da erwacht der Hader Hamlets mit sich, seine Verachtung gegen sich aufs neue; wir sehen ja immer, wie dieser Phantasiemensch leicht ein Gleichnis findet, das ihn wie aus dem Traume weckt und ihm vorrückt, was er tun sollte, sei’s die Deklamation eines Schauspielers oder die Tat eines Soldaten, der um einen Strohhalm sein Leben wagt. Zwei Dinge, so sagt er sich jetzt, halten den Menschen von der großen Hingabe an die Aufgabe ab, die den Tod nicht fürchtet: einmal die Liebe zum Leben, zum gemeinen Genuß, und dann

Der grüblerische Zweifel, der zu peinlichBedenkt, wie’s ausgeht —

Der grüblerische Zweifel, der zu peinlichBedenkt, wie’s ausgeht —

Der grüblerische Zweifel, der zu peinlichBedenkt, wie’s ausgeht —

Der grüblerische Zweifel, der zu peinlich

Bedenkt, wie’s ausgeht —

Das ist sein Fall, sagt er sich; und wiederum hält er sich nun vor, wie er immer noch beim Vorsatz und Planen bleibe, da doch alles für die Tat reif ist: Der Grund ist da, sein Wille ist da, seine Kraft ist da, und die Mittel zur Ausführung sind da. Die Tat fordern von ihm der ermordete Vater, die Schmach der Mutter, das Blut in ihm und, sagt er sich, seine Vernunft. Und eindringlich, in einer Prägung ohnegleichen ruft er sich zum Heldentum auf:

Wahrhaft groß sein, heißt:Nicht ohne großen Gegenstand sich regen;Doch einen Strohhalm selber groß verfechten,Wenn Ehre auf dem Spiel.

Wahrhaft groß sein, heißt:Nicht ohne großen Gegenstand sich regen;Doch einen Strohhalm selber groß verfechten,Wenn Ehre auf dem Spiel.

Wahrhaft groß sein, heißt:Nicht ohne großen Gegenstand sich regen;Doch einen Strohhalm selber groß verfechten,Wenn Ehre auf dem Spiel.

Wahrhaft groß sein, heißt:

Nicht ohne großen Gegenstand sich regen;

Doch einen Strohhalm selber groß verfechten,

Wenn Ehre auf dem Spiel.

Hartnäckig also, mit der Absicht, einen neuen Plan zu entwerfen, begibt er sich auf die Reise nach England. Zunächst befreit er sich von Rosenkranz und Güldenstern und hat nun den Beweis gegen den König in Händen, daß der ihn hat so töten lassen wollen, wie die beiden Höflinge in England den Henker finden werden. Wenn wir sehr mitleidige und unpolitische Seelen sind, kann uns der Tod, den dieseTyrannenbedienten mit Gymnasialbildung finden, recht leid tun; sie scheinen von dem Mordplan ihres Herrn nichts gewußt zu haben, und ihre Theorie, die sie mit ebensoviel eleganter Bildung wie Schweifwedelei und höfischer Wortkunst entwickeln, daß das Leben des Monarchen viel wertvoller sei als das der Untertanen, wird in unsern Ländern mit dem Roten Adlerorden oder dergleichen, aber nicht mit dem Tode belohnt. Jedenfalls aber erschwert sich, sollte man meinen, Hamlet seine Anklage gegen den König und befleckt seine reine Rache, wenn er sich auf den Boden des nämlichen unbedenklichen Tuns stellt. Aber ich habe schon gesagt, daß ich in diesen Partien unverarbeiteten Rohstoff finde. Im Zusammenhang mit den Korsaren, die ihn befreien, scheint Hamlet nun einen neuen Plan zu entwerfen, von dem wir nichts weiter wissen.

Inzwischen hat seine rasche Tat, die Ermordung des Polonius, ihre Wirkung getan. Laërtes ist in Aufruhr zurückgekehrt; Opheliens Geist hat sich umnachtet. Zuletzt war sie viel in der Umgebung der Königin, die den herzlichen Wunsch hatte, dies „süße Kind“ möchte Hamlets Gattin werden; von Ehen, in die Macht und Staat vermengt sind, hat sie schaudernd genug.

Wer ganz sicher, greifbar sehen will, was verstellter und was echter Wahnsinn ist, der braucht nur von Hamlet zu Ophelia zu gehen. Bei ihm ist es eine Mischung von Weltschmerz, Phantasie, Tiefsinn, Gereiztheit, Spiel und eine Verstellung, die nicht mehr viel zu tun hat, um alle, selbst die liebende Ophelia, zu täuschen, nur einen nicht: König Claudius ist in seinem Schuldgefühl zu mißtrauisch und überdies selbst mit zu energischem Geist begabt, um die Bildersprache Hamlets, die in Zorn und Bosheit immer ihren seelischen Grund verrät, für Störung des Geistes zu nehmen. Wie rührend klagt dagegen Ophelia, dies einfache Gemüt, um den Geliebten, der jetzt gemütskrank geworden ist, der ihr sonst alle Tugenden und glänzenden Eigenschaften desMannes repräsentiert hat. Und nun bringt sie das Unglück der Liebe, die sie in sich zurückdrängen muß, die geistreichen und also ihr gegenüber entsetzlich brutalen und doch alles Sinnliche erregenden Worte des an Weib und Geschlecht verzweifelten Geliebten, die Ermordung des Vaters durch diesen toll gewordenen Geliebten, das alles bringt sie von Sinnen. Da sehen wir, was im einfachen Gemüt, wenn es das Gleichgewicht, die Sicherheit und damit die Herrschaft, die von Sitte und Geziemendem ausgeübt wird, verloren hat, für Wirrnis und tiefe Kompliziertheit heraufkommt: was bei der Gesunden nur auf dem Weg über die Seele an die Oberfläche durfte, die Sinnlichkeit zeigt sich jetzt bloß und schamlos, wie wir sie alle unten in uns haben; viel, was ihre Ohren gehört haben, ohne daß sie nur darauf achtete, hat sich da unten gesammelt und rinnt jetzt herauf. Was haben manche Erklärer aus diesen alten sinnlichen Volksliedern, die dem armen Mädchen über die Lippen treten, für Schlüsse gezogen! Wünschen wir ihnen und ihresgleichen, wozu auch alle Aussicht besteht, daß sie nie den Verstand verlieren! Goethe hat auch hier im wesentlichen das Rechte getroffen und hat Opheliens Natur aufs schönste gedeutet; nur daß er auch sie etwas zu sanft idyllisch, zu sesenheimerisch nimmt und Shakespeares tragisch hartes Bild von dem Abgrund der Menschenseele ein wenig glatt ebnet und verlieblicht; dafür hat er in der größten dramatischen Szene, die er gedichtet hat, in Gretchens Kerkerszene mit Recht nicht vermeiden wollen, von Opheliens Wahnsinnsszene zu nehmen, was er brauchen konnte.

Die alte Frage, die Hamlets Geist nie losläßt, die Frage nach Leben und Tod, nach unsrer Aufgabe hier im Leben und nach dem Los, das unser nachher wartet, beschäftigt ihn aufs stärkste nach seiner Rückkehr aus England. Gerade ist er dem gewaltsamen Tode entronnen und nun hat er wieder den Tod vor Augen, da er auf die Ausführung seiner Tat sinnt. Am Hof läßt er sich vorerst nicht sehen, seinenFreund Horatio trifft er im Freien vor der Stadt, und so kommen sie zusammen auf den Kirchhof. In den Betrachtungen bitterster Art, die er da anstellt, lebt nicht mehr das Bangen vor der Ewigkeit, sondern der Schauder vor der Vergänglichkeit. Alles ist eitel; alle werden wir Würmerfraß! Diese anschauliche Erkenntnis aber gestaltet er, zumal nachdem er den Schädel Yoricks des Narren in der Hand gewiegt hat, den er, als er noch ein kleiner Bube war, so oft hat lachen und alle zum Lachen bringen hören, zu grotesk eindringlicher Stärke. Die Einsicht in den argen, höhnischen, unbegreiflichen Ernst dieser Welt macht ihn wieder produktiv und bringt ihn in gesteigerte Stimmung; und in diesem Augenblick sorgt sein Schicksal dafür, daß sein Weltschmerz persönliche Gestalt annimmt: das Grab, das der Totengräber gegraben hat, ist für Ophelia bestimmt; eben wird ihr Leichnam gebracht. Ophelia tot! Wie er Laërtes im Schmerz, um die Tote noch einmal in die Arme zu nehmen, ins offene Grab springen sieht, wie er seine hohen Worte der Klage hört, da schnellt wieder alles in ihm empor wie eine Feder, die gepreßt war und nun befreit ist. Was er verscharrt hatte, arbeitet sich mächtig hoch; er, den niemand hier erwartet hatte, zeigt sich plötzlich vor dem König und dem gesamten Hof und springt ins Grab. Laërtes muß es für tollen Hohn des Verbrechers nehmen, der ihm den Vater getötet, die Schwester in den Tod gejagt hat, und ringt mit ihm. Das wundert Hamlet erst gar nicht; er nimmt es als leidenschaftlichen Wettkampf gepeinigter Liebe:

Ich liebt’ Ophelien! vierzigtausend BrüderMit ihrem ganzen Maß von Liebe hättenNicht meine Summ’ erreicht!

Ich liebt’ Ophelien! vierzigtausend BrüderMit ihrem ganzen Maß von Liebe hättenNicht meine Summ’ erreicht!

Ich liebt’ Ophelien! vierzigtausend BrüderMit ihrem ganzen Maß von Liebe hättenNicht meine Summ’ erreicht!

Ich liebt’ Ophelien! vierzigtausend Brüder

Mit ihrem ganzen Maß von Liebe hätten

Nicht meine Summ’ erreicht!

Er steht wieder im Augenblick; er fordert mit seiner Kühnheit die Welt heraus, keinen Übergang braucht’s von einem Denken zum Tun; er ist spontan, ist der Täter, der lustvoll ein Gleichnis des Göttlichen erlebend gestalten darf. DerKönig, der ihm von dämonischer Ewigkeit her als Ziel seiner Tat gewiesen ist, steht dabei; aber was geht der fremde Kerl ihn an, wo er im Augenblick göttlichen Enthusiasmus steht?

Auf nichts weniger in der Tat achtet er in diesem Augenblick als auf diesen Mörder seines Vaters; aber doch ist dies der Moment, der alles entscheidet. Es kommt zu dem Zweikampf mit Laërtes, den des Königs Intrige schon vorbereitet hat — zu der Grundursache kommt bei Shakespeare wie in der Natur noch die Gelegenheitsursache hinzu —, und sein Schicksal vollendet sich im Untergang seines Hauses. Noch einmal vor dem eignen Ende hat der Sterbende Gelegenheit, blitzschnell gereckt und zusammengerafft seine ganze Seele in die Tat zu legen: diesmal endlich trifft’s den Usurpator. Und so ist die „Gottheit, die das Ende formt“, doch — ganz nach der tiefen Einsicht, die sein ewiger Widerpart, der Mörder, hat aussprechen dürfen — ein Göttliches, das ihm in der Brust wohnt: die Übereinstimmung zwischen Seele und Tat; und es ist gekommen, wie er es immer geahnt und so oft bedacht hat: für ihn ist Tat und Tod beisammen; um der toten Geliebten willen hat er die rasche Tat getan, die ihn vor das Schwert seines legitimen Feindes und dazu noch vor das Gift des großen Frevlers brachte; als Todgeweihter hat er die Rache vollbracht.

Ein Todgeweihter von Anbeginn und ganz unabhängig von der zufälligen Handlung, in die das Schicksal ihn hineinspielt, ist Hamlet, weil er in diese Welt der Gewalttat, Lebensgier und Feilheit nicht paßt. Der menschlich Echte, der Liebe- und Gefühlvolle und zugleich vernünftig Denkende findet sich gequält, verstoßen, vereinsamt in einer kalten, hofmäßigen, mörderischen, heuchlerischen, politischen Welt.

Nie, in keinem Augenblick hat Hamlet das Geringste mit Macht und Ehrgeiz zu tun; die kriegerischen Vorbereitungen, die er im Staate Dänemark mit ansehen muß, erfüllen ihnmit Ekel, und er wundert sich nicht, daß sie in häßlichen Sinnentumult und wüst trunkene Bankettstimmung eingepackt sind. Die Frage, ob nicht er thronberechtigt gewesen wäre, ob er nicht auch sein Kronrecht an dem Usurpator zu rächen habe, wird gar nicht aufgeworfen: er gehört einer solchen Welt nicht an. Hamlet ist von Natur aus stark; schwach nur in einer unmöglichen Situation; wo er eine Rolle spielen und nicht er selber sein soll, da nimmt er noch einmal eine Maske vor, um in rebellischem Trotz und polemischem Lachen leben zu können. Er ist der letzte Sproß eines wilden, auf die rohe Tat gestellten Königsstammes und ist adlig-unköniglich wie Heinrich VI. Noch bewundert und beneidet er den Helden, der in der Einheit steht; noch springt immer wieder das Heldengeblüt in ihm zur physischen Tat heraus; noch bekennt er sich nicht, daß er in einem andern Lager steht; und dies ist sein Zwiespalt und sein Schicksal: daß er eine heldische Natur ist mit neuem Inhalt, auf neuem Gebiet; ein Held und ein Geistiger, ein Held und ein Künstler; daß er es aber nicht weiß und daß an ihn von der Verschuldung seines Stammes der Ruf nach der Tat des Alten ergeht, dem sein Blut gehorcht, dem seine Phantasie nachgeht, die in dieser Rache das große Sinnbild der Heldenhaftigkeit sieht, wie diese Phantasie in allem ein Gleichnis findet; der Ruf, dem sein Geist mit dem Inhalte seines Denkens dienen will, wo er doch die Erfüllung mit der Form dieses Denkens hemmt, verzögert und von sich schiebt. Höchst königlich hätte er sich bewährt, wie es über seiner Leiche Fortinbras rühmt; ja, aber in einer neuen Welt, im Reich des Geistes, nicht im Reich der Politik und Gewalttat, nicht in dem faulen Staate Dänemark.

Sehr schön hat da wieder Strindberg etwas in Hamlet gesehen, was er selber in seinem Wesen hatte und was in der Tat in dem Stücke liegt, wiewohl es selten bemerkt wird. Strindberg war wie Hamlet ein Mann, der gegen dieZustände, auch gegen einzelne Menschen, wenn er sie als Repräsentanten nahm, böse und giftig sein konnte, sonst aber, im Umgang, ganz besonders hold und gütig war. Und so sagt er von Hamlet: „In der natürlichen Anlage dieses Jünglings, der wohl von Geburts wegen nicht recht zu Hause ist in diesem Gefängnis und Jammertal, gibt es einen Zug, einen rein göttlichen: daß alle Menschen für ihn gleich sind. Er verkehrt mit dem Hofnarren Yorick, mit Schauspielern, Studenten, und wenn er mit den gemeinen Totengräbern spricht, ist er höflich und nicht hochmütig. Drum wird er auch von den kleinen Leuten, dem Volk verehrt. (Auch, füge ich hinzu, mit den aufs Meer hinausgestoßenen Verbrechern, den Seeräubern, versteht er sich sofort.) Aber Hamlet ist darum kein Demagog, der vor dem Pöbel kriecht, um Macht zu erringen. Sein Standpunkt ist so universell menschlich, daß er über allem schwebt, über Thron und Hof, Gesellschaft und Gesetz...“

Shakespeares Mannesideal waren ganz gewiß Naturen wie Fortinbras und Prinz Heinz-Heinrich V., die Ritterlichkeit und Volkstum in sich vereinigten, die schön und gut in der Welt herrschten, aber die Welt ertrugen; doch schon geht er einen Schritt weiter, er, der an der Grenze zweier Zeitalter steht und daraus seine ungeheure Weite zieht, schon schildert er den geistigen Menschen der neuen Tat, den Menschen der Republik, der in dieser unsrer Welt der Vereinsamte, der Aufrührer, der Höhnische und der Dichter ist, der Worte ballen muß, weil man ihm nicht Menschengesellschaften zu formen gönnt. Schon kündet sich in Shakespeare und seinem Hamlet eine Zeit und eine Gesellschaft an, die auch für uns noch weit entrückte Zukunft ist. Und darum, weil der Zwiespalt, den er in sich und der Welt gewahrt und geißelt, unsre eigne Zerrissenheit ist, steht uns keine Gestalt Shakespeares so schmerzlich nahe wie diese. „Hamlet ist Deutschland“ — sagten die Revolutionäre im Vormärz Freiligrath nach und hatten recht; Hamlet ist die Menschheit — müssen wirheute noch, dürfen wir heute schon sagen. Wie sein Unvermögen, wenn er denkt, das Alte zu tun, so die Kraft seiner Kritik und seiner spontanen Tat zeigen uns den Punkt, in dem wir stehen, nicht als einen Ruhepunkt, sondern als geworden Werdendes; wir sehen, woher er kommt, und wohin er geht, und wir mit ihm.


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