Chapter 20

Der ganze Inhalt der Geschichte ist — ein Hahnrei und eine Hure! Ein schöner Streit, um eifersüchtige Parteien aufzuwiegeln und sich darüber zu Tod zu bluten. Die trockne Krätze falle auf das Mensch, und Krieg und Liederlichkeit verderbe alle!

Der ganze Inhalt der Geschichte ist — ein Hahnrei und eine Hure! Ein schöner Streit, um eifersüchtige Parteien aufzuwiegeln und sich darüber zu Tod zu bluten. Die trockne Krätze falle auf das Mensch, und Krieg und Liederlichkeit verderbe alle!

In Person tritt Helena wenig auf; aber doch hat sie einen kleinen Augenblick der Einkehr, der Schwermut, der tragischen Größe. „Singe mir von Liebe!“ bittet die Schöneden Pandarus, der — eine komödiantisch gefühlvolle Kastratennatur — gut singen kann, und nun ertönt das Lied, aus Trauer, Wollust und Frivolität gemischt:

Liebe! Liebe! Nichts als Liebe!

Liebe! Liebe! Nichts als Liebe!

Liebe! Liebe! Nichts als Liebe!

Liebe! Liebe! Nichts als Liebe!

Tief hat sie aufgeseufzt, so tief, wie die entzückend Oberflächliche in einem schönen Moment in sich und der Wirklichkeit einkehren kann:

Diese Liebe wird uns noch alle vernichten!O Kupido! Kupido! Kupido!

Diese Liebe wird uns noch alle vernichten!O Kupido! Kupido! Kupido!

Diese Liebe wird uns noch alle vernichten!O Kupido! Kupido! Kupido!

Diese Liebe wird uns noch alle vernichten!

O Kupido! Kupido! Kupido!

Kommt es nicht, wie es Nestor als Vorschlag der Griechen übermittelt hatte, zu Helenas Auslieferung, so doch zu der Cressidas, im Austausch gegen einen trojanischen General; ihr Vater Kalchas, ein trojanischer Priester, der zu den Griechen übergegangen ist, hat seine Tochter verlangt, und dem Begehren wird willfahrt. Wie sie nun von Diomedes aus Troja abgeholt wird, erleben wir aufs entschiedenste ausgeprägt die Verbindung und den Gegensatz ritterlicher Gegenseitigkeit und Freundschaft zum Krieg.

Äneas und Diomedes, die beiden Feinde, treffen sich auf einer Straße Trojas und begrüßen einander:

Willkommen sei in TrojaMit Menschenfreundlichkeit!In humane gentleness!... Nimmer hat ein MenschAuf solche Art und inniger ein WesenGeliebt, das er zu töten wünscht!

Willkommen sei in TrojaMit Menschenfreundlichkeit!In humane gentleness!... Nimmer hat ein MenschAuf solche Art und inniger ein WesenGeliebt, das er zu töten wünscht!

Willkommen sei in TrojaMit Menschenfreundlichkeit!In humane gentleness!... Nimmer hat ein MenschAuf solche Art und inniger ein WesenGeliebt, das er zu töten wünscht!

Willkommen sei in Troja

Mit Menschenfreundlichkeit!

In humane gentleness!

... Nimmer hat ein Mensch

Auf solche Art und inniger ein Wesen

Geliebt, das er zu töten wünscht!

Dieser Gedanke wird nun mannigfach variiert:

Die gehässigste und freundlichsteBegrüßung waltet hier.

Die gehässigste und freundlichsteBegrüßung waltet hier.

Die gehässigste und freundlichsteBegrüßung waltet hier.

Die gehässigste und freundlichste

Begrüßung waltet hier.

Die Freundschaft geht so weit, daß sie einander liebevoll und schonungslos die Wahrheit sagen. Diomedes, ein sinnenfroher, leichtfertiger junger Mann, ein Draufgänger, einer, der im Leben sich wohlig in der Wollust badet, dabei aber mit dem Denken doch frei bleibt und nicht zum Sklaven der Sinnlichkeit wird, spricht sich aufs schärfste, ohne voneiner Wolke des Hasses zur Unterscheidung zwischen Freund und Feind gebracht zu werden — Paris persönlich gegenüber — gegen Helena, Menelaus und Paris selber aus:

Für jeden falschen TropfenIn ihren buhlerischen Adern sankEin griechisch Leben schon; für jedes Lot,Das ihr befleckter, fauler Körper wiegt,Liegt tot ein Troer!...

Für jeden falschen TropfenIn ihren buhlerischen Adern sankEin griechisch Leben schon; für jedes Lot,Das ihr befleckter, fauler Körper wiegt,Liegt tot ein Troer!...

Für jeden falschen TropfenIn ihren buhlerischen Adern sankEin griechisch Leben schon; für jedes Lot,Das ihr befleckter, fauler Körper wiegt,Liegt tot ein Troer!...

Für jeden falschen Tropfen

In ihren buhlerischen Adern sank

Ein griechisch Leben schon; für jedes Lot,

Das ihr befleckter, fauler Körper wiegt,

Liegt tot ein Troer!...

Cressida soll Diomedes holen; und so ist er dazu bestimmt, die Reizende im leichten Liebesspiel, ohne daß er wie Troilus Innigkeit und Phantasie und Lebensernst hinter der Sinnlichkeit herschickt, ohne daß er irgend in Empfindung versinkt, dem Knaben abspenstig zu machen. Sie aber kommt gerade von ihrer Liebesnacht mit Troilus, der ersten, die sie ihm endlich bewilligt hat. Hier nun, bei dem Abschied der Liebenden, die in dem Augenblick von dem, was über Cressida beschlossen ist, noch nichts wissen, die nur eben für diesmal ihre Liebeslust beendet sehen, haben wir entschieden eine Parodie, aber nicht auf Homer, sondern auf Romeo und Julia.

O Cressida! Schon weckt den emsigen TagDie Lerche!

O Cressida! Schon weckt den emsigen TagDie Lerche!

O Cressida! Schon weckt den emsigen TagDie Lerche!

O Cressida! Schon weckt den emsigen Tag

Die Lerche!

Ohne daß er’s aber weiß und möchte, ist der gute Jüngling ernüchtert; der graue Morgen ist da, und Troilus redet eine unedle, zwischen Liebesvertrautheit und Wollustvertraulichkeit, zwischen Sehnsucht und Begier und Alltag stolpernde Sprache:

Bemüh’ dich nicht! ’s ist kalt heut morgen.Geh nur zu Bett!Du wirst dich erkälten!

Bemüh’ dich nicht! ’s ist kalt heut morgen.Geh nur zu Bett!Du wirst dich erkälten!

Bemüh’ dich nicht! ’s ist kalt heut morgen.Geh nur zu Bett!Du wirst dich erkälten!

Bemüh’ dich nicht! ’s ist kalt heut morgen.

Geh nur zu Bett!

Du wirst dich erkälten!

Dazwischen dann wieder Liebesbeteuerungen und Klagen über die Kürze der Nacht.

Und in diese Situation kommt nun, um das Pförtchen zu öffnen, Cressidas Oheim Pandarus, nicht, wie Juliens Amme, die Vermittlerin zwischen leidenschaftlicher Liebe,sondern in Mannesgestalt der unmännliche Kuppler, der sie — es ist seine Natur so, er braucht das — mit seinen Lobeserhebungen, seiner Anwärmung, seinem Hin- und Hertragen erst zu einander gebracht hat; er, der immerzu neugierig ist, weil ihm alles von außen kommen muß, bedarf immer neu der Gier der andern, um in seine verhutzelte Trockenheit etwas Saft zu bekommen. Der macht nun seine schnöden Witzchen über ihre Nacht und gießt vollends kaltes Wasser auf den armen Troilus, der glaubt nicht leben zu können, wenn er seine Liebe nicht über die Befriedigung des Triebs hinaus festhalten kann.

Shakespeare hat sich in dieser und ähnlichen Szenen dieses Stücks, wie in manchen seiner romantischen Lustspiele, an die äußerste Grenze der romantischen Ironie gewagt. Nur feinste Künstler könnten auf der Bühne die Parodie so zart herausbringen, daß darüber die Realität der Gestalten und die freundwillige Liebe des Dichters zu ihnen, diehumane gentleness, die selbst Cressida, besonders aber Troilus umschwebt, nicht verloren ginge. Dieser prächtige Jüngling hat ja doch, wenn schon nicht die rechte Geliebte, so doch die rechte, die leidenschaftliche Jünglingsliebe, die alle Grenzen sprengen möchte, und auch die rechten Gedanken über das Verhängnis, das Liebe heißt. Wie er mit dem bürgerlichen, sinnenden Ernst, der philosophischen Betrachtung, die die Gestalten dieses Stückes besonders auszeichnet, zu Cressida sagt, noch ehe sie sich ihm ergeben hat:

Das ist das Ungeheure in der Liebe, Jungfrau, daß der Wille unendlich und seine Ausführung beschränkt; daß die Begierde unbegrenzt und die Tat ein Sklave der Grenze ist.

Das ist das Ungeheure in der Liebe, Jungfrau, daß der Wille unendlich und seine Ausführung beschränkt; daß die Begierde unbegrenzt und die Tat ein Sklave der Grenze ist.

Wie nah steht dieser Jüngling in seinem Gefühlsleben dem jungen Romeo, und wie so ganz anders ist doch die geistige Sphäre dieses Dramas aus Shakespeares letzter Periode als in Romeo und Julia, dem Meisterwerk seiner Jugend!

Aber wie leibhaft als Individuum und wie Herz und Geist ergreifend als Repräsentant einer Weltgesinnung steht der eine wie der andre, Romeo und Troilus vor uns da, und wie kommt man zugleich aus der Wirklichkeit und dem tiefen Sinn in die ärgerliche Nichtigkeit und talentvollste Theatralik, wenn einem einen Augenblick lang die Gedanken von Troilus, dem jungen Sohn des Kriegs, zu dem Kind des Lagers Max Piccolomini schweifen!

Auch Romeo ist zum Denken, zur Betrachtung geneigt; aber ihm kommt das Leben seines Geistes nur wie eine Blüte aus Leidenschaft und Seelengewalt geschossen und bleibt untrennbar damit verbunden; die Gestalten dieses Stücks aber, auch der junge Troilus, scheinen das Leben des Triebs und der Seele in einem Behältnis, das der Vernunft in einem andern zu haben; sie scheinen aus einem Zustand der Gesellschaft, einer Beschaffenheit des innern Menschen zu einem andern, einem neuen unterwegs zu sein. Was Troilus sinnt, will fast noch mehr von der Sinnenliebe weg als es aus ihr kommt; er denkt wie zum Übergang und zum Untergang, dieser annoch Sklave der grenzenlosen Begierde, der berufen ist, dereinst als Freier, nicht mehr als Freier und Werber um die Wollust, sondern als Freier ums Schicksal gereift und frei in den Untergang zu schreiten, er sinnt über die Liebe, wie der ewige Jüngling Faust, der triebhaft Denkende und im Empfinden zum Denken Getriebene: „Und im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde!“ Troilus sagt den Grund, ohne Erfahrung, wie aus der Ahnung heraus, seinen Grund, den er nun zu erleben hat: Weil der Genuß die Enttäuschung und die Begierde die Hoffnung ist; weil nur die Begier unendlich ist, die Tat, der Akt aber ein Sklave der Grenze ist.

Fast unmittelbar an den Liebesabschied der beiden schließt die Mitteilung an, daß es eine Trennung sein soll, fast wie Romeos Verbannung. Nur daß diese furchtbare Trennunghier dem Liebesakt, der bloß der Sehnsucht des Jünglings einzig geschienen hatte, der aber ganz gewöhnlich war, und ihrem nüchternen Abschied hintennach hinkt, während Romeos und Julias Liebe und Trennungsschmerz um und um eingehüllt war in die Tragik einer von Haß und Feindschaft zerrissenen Liebe. Auch hier fehlt es nicht an Parodie: Cressida muß fort, ins Lager der Feinde, und Troilus verspricht, sie dort unter Lebensgefahr zu besuchen. In unecht, angelesen klingenden, modischen Gewaltsworten hören wir Cressidas Beteuerungen der Treue; und dann tauschen sie, nach dem Brauch der Ritterzeit und der Ritterromane, Liebespfänder: Trag’ diese Schleife! — Und du diesen Handschuh!

Troilus läßt sich’s nicht nehmen, die Geliebte persönlich Diomedes zu übergeben, und geleitet sie bis zum Tor. Dem stolzen Griechen gegenüber, der sofort in überlegener Ruhe zu flirten anfängt, spielt der Gefangene der Liebe eine knabenhafte, leicht komische Rolle; und was uns da auffällt, wird auch der gewitzten Cressida nicht entgehen.

So kommt sie ins Griechenlager, wo sie von den galanten Fürsten, die sich auf ihren Wert verstehen, sofort mit Küssen empfangen wird. Ihr tut das sehr wohl, und sie geht mit rechtem Vergnügen auf das Spiel ein; einer aber wendet sich provozierend scharf gegen sie: Ulysses. Ihm ist, wozu die gewohnheitsmäßigen Spottreden, die bei der Gelegenheit auf Menelaus fallen, nicht einmal nötig gewesen wären, der Schatten Helenas auf den Vorgang gefallen, und in Cressida erkennt sein scharfer Blick sofort ein Weib von der Art der Ledatochter. Auch er bittet sie um einen Kuß, um sich, wie sie ihn leichten Herzens gewähren will, verächtlich abzuwenden:

Um Venus willen bitt’ ich: küss’ du dann,Wenn Helena zur Jungfrau wieder wird — —

Um Venus willen bitt’ ich: küss’ du dann,Wenn Helena zur Jungfrau wieder wird — —

Um Venus willen bitt’ ich: küss’ du dann,Wenn Helena zur Jungfrau wieder wird — —

Um Venus willen bitt’ ich: küss’ du dann,

Wenn Helena zur Jungfrau wieder wird — —

Und keine Rücksicht kann ihn vom schärfsten Ausfall zurückhalten; er kennt sie durch und durch:

Pfui, pfui auf sie!Ihr Aug’ hat Sprache, ihre Wang’ und Lippe;Ihr Fuß selbst spricht; ihr üppig Trachten blicktAus jedem Glied, aus jeder Körperwendung...

Pfui, pfui auf sie!Ihr Aug’ hat Sprache, ihre Wang’ und Lippe;Ihr Fuß selbst spricht; ihr üppig Trachten blicktAus jedem Glied, aus jeder Körperwendung...

Pfui, pfui auf sie!Ihr Aug’ hat Sprache, ihre Wang’ und Lippe;Ihr Fuß selbst spricht; ihr üppig Trachten blicktAus jedem Glied, aus jeder Körperwendung...

Pfui, pfui auf sie!

Ihr Aug’ hat Sprache, ihre Wang’ und Lippe;

Ihr Fuß selbst spricht; ihr üppig Trachten blickt

Aus jedem Glied, aus jeder Körperwendung...

Kurz darauf aber das Gegenbild in der Sphäre der Männlichkeit. Bei dem ritterlichen Turnier, zu dem sich nun Trojaner und Griechen vereinigen, hören wir, wieder aus dem Mund des Menschenkenners Ulysses, die Schilderung des Jünglings Troilus, der mit zu den feindlichen Gästen gehört:

Ein echter Held,Noch nicht gereift und doch schon unvergleichlich!In Worten karg, mit Taten sprechend, aberMit seiner Zunge tatenlos ...So Herz als Hände offen, beide frei,Er gibt, was er besitzt, zeigt, was er denkt,Doch leitet Überlegung seine Milde,Und unanständigen Gedanken leihtEr niemals seinen Atem.

Ein echter Held,Noch nicht gereift und doch schon unvergleichlich!In Worten karg, mit Taten sprechend, aberMit seiner Zunge tatenlos ...So Herz als Hände offen, beide frei,Er gibt, was er besitzt, zeigt, was er denkt,Doch leitet Überlegung seine Milde,Und unanständigen Gedanken leihtEr niemals seinen Atem.

Ein echter Held,Noch nicht gereift und doch schon unvergleichlich!In Worten karg, mit Taten sprechend, aberMit seiner Zunge tatenlos ...So Herz als Hände offen, beide frei,Er gibt, was er besitzt, zeigt, was er denkt,Doch leitet Überlegung seine Milde,Und unanständigen Gedanken leihtEr niemals seinen Atem.

Ein echter Held,

Noch nicht gereift und doch schon unvergleichlich!

In Worten karg, mit Taten sprechend, aber

Mit seiner Zunge tatenlos ...

So Herz als Hände offen, beide frei,

Er gibt, was er besitzt, zeigt, was er denkt,

Doch leitet Überlegung seine Milde,

Und unanständigen Gedanken leiht

Er niemals seinen Atem.

Das Mannesideal Shakespeares verkörpert auch Troilus, umwogt noch von der weichen Hülle holder Jugendeselei; aber was er zu werden verspricht, sehen wir mit Augen, wie es Ulysses bestätigt: Ritterlichkeit ist ihm mit Rationalismus vereint; Herz und Kopf wirken ebenmäßig mit einander der Harmonie zu.

Diese Schilderung steht am Eingang zu der herrlichsten Szene unter den vielen prachtvollen des Stückes: der Mannesheld Hektor der Trojaner ist mit seiner Schar Fürsten und junger Helden als Gast ins Lager der Griechen gekommen. Welche Freude waltet zwischen ihnen, und welche Mannigfaltigkeit in der Freude, und welche Steigerung durch das Bewußtsein, das immer dabei ist, daß diese liebevolle Freundschaft zwischen Feinden nur eine Kampfpause im Völkerkrieg ist.

Die Griechen haben den plumpen, schwer körperlichen, starken Streiter Ajax, der mit seiner bramarbasierendengeschwollenen Eitelkeit manchmal ein wenig komisch wirkt, zum Streit im Turnier mit Hektor erwählt; sie haben es getan, um Achilles zu reizen. Kann er, der ihrer Sache ganz fremd geworden ist und den die Brunst zum Verrat zieht, noch gehalten und geweckt werden, so nur durch die Eifersucht. Ulysses hat schon vorher die Griechenfürsten dazu gebracht, daß sie ihn verächtlich behandeln, und hat ihm unmittelbar danach in sehr ernster Rede ins Gewissen hinein eine Lektion gegeben; im Anschluß an ein Buch, in dessen Lektüre versenkt er an Achilles’ Zelt vorbei wandelt — es scheint ein Band Cicero oder Montaigne gewesen zu sein, derlei hat es zur Zeit von Shakespeares Trojanischem Krieg ebensowohl gegeben wie die Ethik des Aristoteles —, legt er ihm dar, wie auch der Ruhm von der Mode abhängt, und wie ein Ruhm, der sich nicht immer neu herstellt, welk und abgestanden wird:

Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken,In den sie steckt die Gaben des Vergessens,Des riesenhaften Ungeheuers, Undank.Nur Brocken sind die Taten, die vorbei sind,So schnell verschlungen als geschehn.

Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken,In den sie steckt die Gaben des Vergessens,Des riesenhaften Ungeheuers, Undank.Nur Brocken sind die Taten, die vorbei sind,So schnell verschlungen als geschehn.

Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken,In den sie steckt die Gaben des Vergessens,Des riesenhaften Ungeheuers, Undank.Nur Brocken sind die Taten, die vorbei sind,So schnell verschlungen als geschehn.

Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken,

In den sie steckt die Gaben des Vergessens,

Des riesenhaften Ungeheuers, Undank.

Nur Brocken sind die Taten, die vorbei sind,

So schnell verschlungen als geschehn.

Die Zeit ist wie ein Gasthofwirt, der die Gäste, die gehen, kalt entläßt und die neu Ankommenden schon beinahe umarmt.

Nur ein NaturzugVerbrüdert eine ganze Welt: daß alleEinstimmig neugebornen Tand empfehlen,... ja, daß selbst der Staub,Leicht übergoldet, höhern Rang genießtAls wie bestaubtes Gold...

Nur ein NaturzugVerbrüdert eine ganze Welt: daß alleEinstimmig neugebornen Tand empfehlen,... ja, daß selbst der Staub,Leicht übergoldet, höhern Rang genießtAls wie bestaubtes Gold...

Nur ein NaturzugVerbrüdert eine ganze Welt: daß alleEinstimmig neugebornen Tand empfehlen,... ja, daß selbst der Staub,Leicht übergoldet, höhern Rang genießtAls wie bestaubtes Gold...

Nur ein Naturzug

Verbrüdert eine ganze Welt: daß alle

Einstimmig neugebornen Tand empfehlen,

... ja, daß selbst der Staub,

Leicht übergoldet, höhern Rang genießt

Als wie bestaubtes Gold...

Mit diesen mahnenden Betrachtungen hat er den Helden, der nur unerzogen, willkürlich, triebhaft, dem Verderben nah, aber noch nicht verloren ist, schon recht nachdenklich gestimmt. Dann aber, nachdem er ihn mit solchen allgemeinen Maximen rege gemacht hat, apostrophiert er ihnpersönlich und schießt seinen schärfsten Pfeil ab. Die Griechen, deren geistiges Haupt ein Ulysses ist, haben, wenn sie im Krieg liegen, ihre Augen, ihre Spione überall; sie wissen sehr wohl, warum Achill sein Schmollen, seine Unzufriedenheit mit der neuen Strategie gar nicht überwinden kann: Wollust steckt dahinter! Man hat ausgekundschaftet, daß Achill des Priamus Tochter Polyxena begehrt, daß er Unterhandlungen mit Troja pflegt. Aber — und nun läßt sich der so Sittenstrenge wie Bewegliche auf den Ton ein, den Achill, Patroklus und Thersites unter einander eingeführt haben —

Besser würd’ es ziemen,Wenn Hektor unter dir, Achilles, lägeAls die Polyxena.

Besser würd’ es ziemen,Wenn Hektor unter dir, Achilles, lägeAls die Polyxena.

Besser würd’ es ziemen,Wenn Hektor unter dir, Achilles, lägeAls die Polyxena.

Besser würd’ es ziemen,

Wenn Hektor unter dir, Achilles, läge

Als die Polyxena.

Damit hat er ihn verlassen, und nun soll Achilles wie ein Garnichts unter den Zuschauern stehen, wenn Hektor mit Ajax kämpft!

Gar so schlimm aber kommt’s nicht; dafür sorgt seine reckenhafte Erscheinung und die höfisch zierliche und dabei doch herzlich verehrende Art der Trojaner, vor allen des Äneas. Von ihren Kämpfen her kennen diese Ritter einander nicht; da tragen sie die geschlossenen Helme; wie aber nun Achill, bei dem die Kur schon etwas angeschlagen hat und der im Kreis der andern griechischen Fürsten steht, eine Bemerkung macht, da wendet sich Äneas sofort zu ihm:

Wenn du nicht Achilles,Wie ist dein Name sonst?

Wenn du nicht Achilles,Wie ist dein Name sonst?

Wenn du nicht Achilles,Wie ist dein Name sonst?

Wenn du nicht Achilles,

Wie ist dein Name sonst?

Auch weiterhin geht es in dieser Szene ganz zu wie in den Ritterromanen; Ajax hat sich vorgenommen, den Kampf, wie’s in solchen Spielen nicht sein muß, aber nach dem Brauch sein kann, bis zum Äußersten zu führen; Hektor aber erinnert sich, daß Ajax’ Mutter eine Schwester des Priamus war (ich möchte annehmen, daß das — in der Romanüberlieferung — die Tante war, die den Trojanern von einem Griechen geraubt worden war), und gegenseinen Vetter kämpft er nicht im Ernst; er darf das tun; daß er für seine Person keinen Kampf scheut, weiß jeder. Und nun regt sich erst beglückte Gemeinschaft des Wesens unter ihnen; und immer geht durch alle Ritterlichkeit, Höflichkeit und herzliche Verehrung die Todesdrohung, durch Spiel der Ernst, in Heiterkeit und männlicher Fassung die Tragik durch. Agamemnon begrüßt Hektor:

... Was vorüber, was noch folgt,Das ruhe unter formenlosen TrümmernDer Hüll’ und des Vergessens; aber jetzt,In diesem Augenblick heißt Treu’ und Wahrheit,Von aller hohlen Arglist frei, von Herzen,In Himmelsreinheit, dich willkommen,Erhabner Hektor!

... Was vorüber, was noch folgt,Das ruhe unter formenlosen TrümmernDer Hüll’ und des Vergessens; aber jetzt,In diesem Augenblick heißt Treu’ und Wahrheit,Von aller hohlen Arglist frei, von Herzen,In Himmelsreinheit, dich willkommen,Erhabner Hektor!

... Was vorüber, was noch folgt,Das ruhe unter formenlosen TrümmernDer Hüll’ und des Vergessens; aber jetzt,In diesem Augenblick heißt Treu’ und Wahrheit,Von aller hohlen Arglist frei, von Herzen,In Himmelsreinheit, dich willkommen,Erhabner Hektor!

... Was vorüber, was noch folgt,

Das ruhe unter formenlosen Trümmern

Der Hüll’ und des Vergessens; aber jetzt,

In diesem Augenblick heißt Treu’ und Wahrheit,

Von aller hohlen Arglist frei, von Herzen,

In Himmelsreinheit, dich willkommen,

Erhabner Hektor!

Dann wendet sich Hektor zu dem, der sich als Menelaus bekannt gibt; sein freundlicher Gruß geht nicht ohne neckende Anzüglichkeit ab. Zu feierlicher Rede holt der alte Nestor aus; wie oft hat er diesen Hektor im Kampfe gesehen, hat seine Tapferkeit und seinen Edelmut bewundert, wie er sein Schwert hoch in die Luft warf, um es nicht auf einen schon zu Boden Liegenden fallen zu lassen, ganz wie Sir Launcelot, der adligste Held, in Malorys Arthur-Roman das Prinzip hat: „Einen gefällten Ritter erschlage ich nicht“; und nun sieht der alte Mann dem heldischen Manne zum ersten Mal ins Antlitz. Sie umarmen einander, und „die gute alte Chronik“, wie Hektor ihn liebevoll nennt, fährt in seiner Rede fort:

Wohl kannt’ ich deines Vaters VaterUnd focht auch einst mit ihm! Ein großer Held,Allein beim großen Mars, der unser allerHeerführer ist, dir war er niemals gleich...

Wohl kannt’ ich deines Vaters VaterUnd focht auch einst mit ihm! Ein großer Held,Allein beim großen Mars, der unser allerHeerführer ist, dir war er niemals gleich...

Wohl kannt’ ich deines Vaters VaterUnd focht auch einst mit ihm! Ein großer Held,Allein beim großen Mars, der unser allerHeerführer ist, dir war er niemals gleich...

Wohl kannt’ ich deines Vaters Vater

Und focht auch einst mit ihm! Ein großer Held,

Allein beim großen Mars, der unser aller

Heerführer ist, dir war er niemals gleich...

Das ist homerisch und mehr als homerisch; bei Homer wäre er streng in seiner Rolle, sich zu erinnern und die gute alte Zeit zu loben, verharrt; hier kommt die Überwältigung durch den großen Moment dazu.

Dann kommt die Reihe der Begrüßung an Ulysses. Sie kennen einander; Ulyß war schon zu Verhandlungen in Ilion. Er meidet als erstes scharfe ernste Worte nicht: Ilion muß fallen. Dann erst, nach solchen Wechselreden, erlaubt sich der Politiker das Menschliche, das nun aber aus Herzensgrund hervorbricht:

Willkommen denn,Du freundlichster und tapferster der Helden...

Willkommen denn,Du freundlichster und tapferster der Helden...

Willkommen denn,Du freundlichster und tapferster der Helden...

Willkommen denn,

Du freundlichster und tapferster der Helden...

In all der Zeit hat Achill seine gierigen Blicke nicht von Hektor gewendet. Nun tritt er vor und begrüßt ihn mit raschem Wort. Auch Hektor betrachtet sich den Helden, aber höflich zurückhaltend, und ist schnell damit fertig. Achill jedoch, Hektor sagt es, nicht angenehm berührt, erdrückt ihn immerzu mit seinen Augen. Und doch weiß der Stolz des Herrlichen, der an den innern Wert denkt:

In mir ist mehr,Als du verstehen kannst...

In mir ist mehr,Als du verstehen kannst...

In mir ist mehr,Als du verstehen kannst...

In mir ist mehr,

Als du verstehen kannst...

Aufs schlagendste tritt hier der Gegensatz dieser beiden Naturen hervor; Achill kann und will gar kein Hehl daraus machen, warum seine Blicke wie magnetisch von Hektors Körper angezogen werden:

Sagt,Ihr Götter, mir: an welchem KörperteilVernicht’ ich ihn? Hier? Dorten? Oder da?...

Sagt,Ihr Götter, mir: an welchem KörperteilVernicht’ ich ihn? Hier? Dorten? Oder da?...

Sagt,Ihr Götter, mir: an welchem KörperteilVernicht’ ich ihn? Hier? Dorten? Oder da?...

Sagt,

Ihr Götter, mir: an welchem Körperteil

Vernicht’ ich ihn? Hier? Dorten? Oder da?...

In großem Zorn, aber mit einer Würde ohne gleichen erwidert Hektor:

Es wär’ den Göttern Schmach, hochmüt’ger Mann,Der Frage zu genügen. Wart’ es ab!...

Es wär’ den Göttern Schmach, hochmüt’ger Mann,Der Frage zu genügen. Wart’ es ab!...

Es wär’ den Göttern Schmach, hochmüt’ger Mann,Der Frage zu genügen. Wart’ es ab!...

Es wär’ den Göttern Schmach, hochmüt’ger Mann,

Der Frage zu genügen. Wart’ es ab!...

Mit Achill ist die rohe Kampfwut durchgegangen; seine politischen Verhandlungen mit Troja, die er nicht aus Politik, sondern in der Willkür des Brünstigen und verärgert Launischen geführt hat, waren ihm beim Anblick des herrlichen Feindes ganz aus dem Sinn gekommen. Ajax, sowieso schlecht auf ihn zu sprechen, sagt es ihm gradezu:

Ich fürchte,Die allgemeine Sache ist es nicht,Was dich zum Kampf reizt.

Ich fürchte,Die allgemeine Sache ist es nicht,Was dich zum Kampf reizt.

Ich fürchte,Die allgemeine Sache ist es nicht,Was dich zum Kampf reizt.

Ich fürchte,

Die allgemeine Sache ist es nicht,

Was dich zum Kampf reizt.

Inzwischen hat Hektor sich ganz gefaßt und antwortet auf den plumpen, schnuppernden Raubtieranfall Achills nicht mit einer Herausforderung, sondern mit einer Bitte:

Laß, ich bitte dich,Im Feld dich wiedersehn. Ein KinderkriegWar’s nur, seit du der griechischen Sache dichEntzogen hast.

Laß, ich bitte dich,Im Feld dich wiedersehn. Ein KinderkriegWar’s nur, seit du der griechischen Sache dichEntzogen hast.

Laß, ich bitte dich,Im Feld dich wiedersehn. Ein KinderkriegWar’s nur, seit du der griechischen Sache dichEntzogen hast.

Laß, ich bitte dich,

Im Feld dich wiedersehn. Ein Kinderkrieg

War’s nur, seit du der griechischen Sache dich

Entzogen hast.

Bei dieser wunderschönen Männlichkeit überläuft es den Achill. Das überwindet ihn; das ist stärker als alles, was bisher auf ihn wirken wollte. So läßt Hektor sich die Hand darauf geben, daß sie morgen sich im Kampf treffen wollen.

Philologen! Das ist nicht bloß anders, nicht bloß uns mehr angehend, nicht bloß in Sachen des Staates, der Gesellschaft, all unsrer Problematik moderner als Homer; das ist im tiefst Menschlichen eine Stufe über ihn hinaus gebaut, das ist größer als Homer! Theatermeister! Es ist eine der erhabensten und innigsten Szenen Shakespeares; und von ihr aus ist das ganze strotzend reiche, bitter ernste, tiefsinnige, durchaus menschliche Geschichtsdrama zu erfassen.

Wir stehen mit dieser Szene am Ende des vierten Aktes. Immer wieder haben wir gesehen, wie es die Männer in beiden Lagern nehmen, daß dieser Krieg, der nicht enden will, um eine Helena, um eine Weibersache geführt werden muß. Wir haben miterlebt, wie der edle junge Troilus mit seiner Geschlechtsliebe in die Irre geht und all sein Bestes an ein kokettes, nichtiges, graziös reizvolles Frauenzimmerchen hängt; wie Achill von Wollust jeder Art, von Trieb und Unbeherrschtheit in seinem Adel angefressen ist; wir haben Pandarus, den seelisch leeren Kastratenlüstling, gesehen, der sich an andrer Leute Lustfeuer wärmt, und dagegen die Männer der Ausgeglichenheit, der Vernunft auf verschiedenen Stufen der Höhe, Ulysses und Hektorzumal. Da dringt in dieser Szene, wo die Feinde in hoher Stunde der Heiterkeit zusammenkommen, wo Troilus traurig schmachtend abseits steht und nur die Gier im Leibe hat, bei Gelegenheit dieses Festes zwischen den Feinden ins Zelt des Kalchas zu seiner Cressida zu kommen, wo Achills brünstige Blutgier von Hektors herrlich gefaßter Männlichkeit auf ihrem eigenen Boden seelisch überwunden wird, mit sicherer Gewalt der Sinn dieses Dramas in uns ein: hier steht Männerfreundschaft gegen Geschlechtsbrunst. Leibhaft erleben wir: was sind das, was wären das für Männer! Wehe über sie, wehe über die Welt, deren Repräsentanten sie in allen Tönungen sind, daß sie in Weiberbanden, in den Banden der Gier, der oberflächlichen und doch tiefzehrenden Sinnlichkeit, der Affekte stecken; daß sie darum einander auf Leben und Tod im Krieg gegenüberstehen. Und es liegt etwas wundervoll Tiefes darin, daß Shakespeare diesen Stoff des Krieges um Helena ergriffen hat, um diese sehr selten gewahrte Beziehung zwischen Sinnlichkeit, Gier, oberflächlicher, ungeistiger Sucht und dem Krieg aufzuzeigen. Man braucht sich nur an Porzia von Belmont und Portia, die Frau des Brutus, an Desdemona, an Cordelia, an Hermione und Miranda zu erinnern, um zu wissen: er war, viel weniger noch als Strindberg, in keinem Stadium ein Weiberfeind; aber daß gewisse Mann-Weib-Beziehungen der Urgrund männlicher Wut sind, daß auch die stiermäßige Kriegswut in Beziehung zu Brunst und Unbefriedigung, vor allem des Geistes steht, das hat er gesehen und in Troilus und Cressida dargestellt. Und er hat im selben Zusammenhang die Freundschaft als ein nicht bloß privates, sondern öffentliches und gesellschaftliches Prinzip behandelt und durch das, was er in herrlich bewegter Aktion zeigte, gefeiert. Die Freundschaft, wie sie mit Ratio, mit hellem, warmem Geist verbunden ist und über allen Affekten des Hasses und der Zornwut steht; die Freundschaft, wie sie in seiner Sonettendichtung ein so seltsam freies und gebundenes, kummervolles und adliges Leben führt, und wie sie in unsrer Zeit Walt Whitman als Kameradschaft, allen Nationen der Erde als Band der einzelnen, der Gruppen und damit der Gesellschaften gekündet hat. Nicht die Lotterbettfreundschaft, wie sie zwischen Achill und Patroklus eingerissen ist, wo edles Band und niedriger Trieb einander durchdringen, wo der Geschlechtstrieb in Maskierung seine Verwüstungen anrichtet; der gräßliche Fluch, den Thersites gegen alle „männliche Huren“ und „unnatürliche Sodomiter“ schleudert, wird nicht umsonst dem Patroklus gegenüber und nicht umsonst in diesem Stück geäußert, und ganz gewiß nicht umsonst in dieser Szene, mit der der fünfte Akt einsetzt, der ersten, die auf das große Bild der Freundschaft, die den Krieg überwindet, folgt. Wie hat Achilles nach dem Streit, nach Blut gelechzt, als er im Dunstkreis Hektors stand! Jetzt, unmittelbar darauf, ist ein Brief Hekubas mit einem Liebesgeschenk ihrer Tochter eingetroffen, die Brunst ist wieder da, die ihn stärker bezwingt als der Vorsatz, als das Gelöbnis, als der Handschlag, den er geleistet, sich zum Kampf zu stellen:

Fallt, Griechen, sinke, Ruhm; fort, Ehre, oder bleib!...

Fallt, Griechen, sinke, Ruhm; fort, Ehre, oder bleib!...

Fallt, Griechen, sinke, Ruhm; fort, Ehre, oder bleib!...

Fallt, Griechen, sinke, Ruhm; fort, Ehre, oder bleib!...

Er ist zum Verrat entschlossen und zum Wortbruch und will nicht mehr mit Hektor kämpfen.

Seit Cressida ins Griechenlager gekommen ist und gleich nach ihr die trojanischen Fürsten zu Gast erschienen, sind die beiden bewegten Teile der Handlung in Fluß gekommen: der Gegensatz Achills zu Hektor und das Verhältnis Troilus-Cressida. Dieses Drama gehört zu der Serie von Stücken aus Shakespeares letzter Periode, deren jedes seinen besondern Stil hat, weil er in frischer Gärung und tiefer Unbefriedigung mehr als je ein Suchender ist, der Neues auszudrücken hat und also auch immer wechselnd sich neuer Formen bedient; es gehört in dieser Hinsicht zu Timon, Perikles, Zymbelin, dem Wintermärchen, Antonius und Kleopatra und Sturm. In Troilus und Cressida kommt dieHandlung sehr langsam in Gang; die Exposition, von Troilus, Cressida und Pandarus zu der politischen und militärischen Lage bei den Trojanern, dann zu den Griechen und ihrem Kriegsrat, zur Vorbereitung des Turniers, zu den abgesonderten Heerführern Ajax und Achill und dem zwischen beiden hetzenden und schmähenden Thersites, darauf wieder zum großen Rat Hektors mit Vater und Brüdern, zur Erziehung Achills durch Ulysses — das alles gibt mehr eine Zustandsschilderung als eine Handlung; in alledem bewegt sich als Aktion fast nur das Liebesverhältnis des jungen Paares bis zum Morgen nach ihrer Nacht und der Trennung; jetzt aber ist konzentrierteste Spannung, wir erleben die beiden Hauptteile der äußern Handlung als innerlich zusammengehörig, als Seelenvorgang und Sinn; alle Fäden sind geschlungen, und das Grundthema, das alles eint, ist aus dem Vielfachen herausgesprungen: die Ritter als Männer; die Ritter als Sklaven des Geschlechts.

Ulysses hat den stillen, von Trauer umfangenen jungen Feind Troilus in sein Herz geschlossen; er ahnt sein Geheimnis und will ihn nach seiner Art fördern; so wie der nach Lästerung lüsterne Thersites dem Diomedes auf die Sprünge gekommen ist; und so hat sich eine der wundervollen Szenen in schlüssiger Motivierung vorbereitet, die man nur mit musikalischen Gebilden vergleichen kann und die auch in Art der Musik komponiert sind. Ulysses hat Troilus mit einer Fackel zum Zelt von Cressidas Vater Kalchas geleitet; Thersites ist hinter Diomedes hergeschlichen; Diomedes hat, vom Vater begünstigt, sein nächtliches Stelldichein mit Cressida.

Da haben wir ein Quintett, das sich zusammensetzt aus dem Liebesgeflüster von Diomedes und Cressida, aus den noch leiseren Worten, die die beiden unfreiwilligen Lauscher, Troilus und Ulysses, mit einander wechseln müssen, und aus der ungeheuren Gewalt der mehr unterirdisch gekollertenund gekrähten als gesprochenen zynischen Solobemerkungen des Thersites.

Diomedes geht ganz kaltblütig, rationell, wie nach der Vorschrift einer Psychologie der Wollust ans Werk der Verführung: er läßt, zugleich mit dem Reiz, den sein Leib, seine Jugendlichkeit, seine Kraft und seine Begier auf das Weibchen ausübt, durchblicken, daß er sehr wohl auch ohne Cressida auskommen kann. Es lebt schon so etwas wie Wille oder, wenn es das Wort gäbe, Möchte zur Treue in ihr; sie sträubt sich nicht bloß aus Koketterie; der ferne Troilus — sie ahnt ja nicht, daß er dabei ist — tut ihr recht leid; aber Diomedes’ Nähe berückt ihre Sinne, und wie er achselzuckend gehen will, hält sie ihn zurück, klammert sich an ihn, streichelt ihn und holt ihm die Schleife zum Liebesgeschenk, die sie als Unterpfand der Treue von Troilus angenommen hatte. Dann wiederholt sie im Spiel der Buhlerei, was sie vorher im letzten Zieren des kleinen Restes ihrer bessern Natur getan hat: sie hält ihn hin, sie zieht sich zurück, sie peitscht das Geschlecht in ihm auf.

Bei alledem steht Troilus, muß es mitansehn, in all seinem unsäglichen Jünglingsschmerz. Wundervoll ist, ein Zug aus der Freundschaftswelt, der Besonnenheit und Güte, wie Ulysses ihn behütet. Erst flüstert er ihm nur mit mahnender Betonung zu: Nun — Trojaner! Dann sorgt er mit kürzesten Worten, aber so wirksam, wie’s nur dieser Menschenkenner kann, dafür, daß der Gepeinigte, der als einzelner zur Nachtzeit im Feindeslager und an einer Stelle steht, wo er nicht zu dulden ist, nicht in Wut gerate und vom unbekümmerten und aufgestachelten Feind erschlagen werde. Jetzt aber sehen wir erst, welch innig schöner Jüngling Troilus ist; er faßt sich; nicht diese ja hat er geliebt; er hat die Liebe geliebt. Seine Klage gilt der Welt, gilt dem Trug des schönen Scheins.

O beauty, where is thy faith?O Schönheit, wo ist deine Treue?

O beauty, where is thy faith?O Schönheit, wo ist deine Treue?

O beauty, where is thy faith?O Schönheit, wo ist deine Treue?

O beauty, where is thy faith?

O Schönheit, wo ist deine Treue?

Aber Shakespeare ist Shakespeare; er zeigt auch hier, wo so Allerpersönlichstes, allerbitterst Erlebtes mitschwingt — Diomedes ist sein aristokratischer Freund, Troilus ist er selbst —, er zeigt im Drama immer auch die andere Seite. Wie in Troilus’ Worten:

O Schönheit, wo ist deine Treue?

O Schönheit, wo ist deine Treue?

O Schönheit, wo ist deine Treue?

O Schönheit, wo ist deine Treue?

das Leid des betrogenen Liebenden sich zur Mannesklage um das Ganze gesteigert hat, so erhebt sich Cressida in dem Augenblick, wo sie der Wollust erliegt, über sich selbst und stimmt rührend die Klage um das Los der schwachen, der zitternd auf Eingriff und Erschließung wartenden, passiv lechzenden, mit kleinen Reizen aufstachelnden Frauen an:

Ah, poor our sex—!Wir sind ein arm Geschlecht und schuld hierin:Des Auges Irrtum leitet unsern Sinn.Wen Irrtum führt, vergeht sich. Zieht den Schluß,Wie schimpflich Sinnentrieb uns machen muß.

Ah, poor our sex—!Wir sind ein arm Geschlecht und schuld hierin:Des Auges Irrtum leitet unsern Sinn.Wen Irrtum führt, vergeht sich. Zieht den Schluß,Wie schimpflich Sinnentrieb uns machen muß.

Ah, poor our sex—!Wir sind ein arm Geschlecht und schuld hierin:Des Auges Irrtum leitet unsern Sinn.Wen Irrtum führt, vergeht sich. Zieht den Schluß,Wie schimpflich Sinnentrieb uns machen muß.

Ah, poor our sex—!

Wir sind ein arm Geschlecht und schuld hierin:

Des Auges Irrtum leitet unsern Sinn.

Wen Irrtum führt, vergeht sich. Zieht den Schluß,

Wie schimpflich Sinnentrieb uns machen muß.

Und dazu kommt das greuliche Echo des lauschenden Mitgenießers Thersites, der aus der stillen Klage, in der uns die mild verzeihende Gerechtigkeit des Dichters mitklingt, die hohnvolle Anklage boshafter Weltverzweiflung macht:

Was Schlüsse angeht, weiß ich einen nur,Der besser noch: nun bin ich halt ’ne Hur’!

Was Schlüsse angeht, weiß ich einen nur,Der besser noch: nun bin ich halt ’ne Hur’!

Was Schlüsse angeht, weiß ich einen nur,Der besser noch: nun bin ich halt ’ne Hur’!

Was Schlüsse angeht, weiß ich einen nur,

Der besser noch: nun bin ich halt ’ne Hur’!

Wenn ein Zwerg sich recken könnte, bei dieser Entlarvung der Menschennatur, die er wieder einmal mitansehen darf, hätte es der bissige Wicht getan. Aber auch in seiner Kleinheit liegt Größe der Dämonie, wenn die ganze Wollust des Hasses und der Schadenfreude und Schmutzfreude in ihm locker wird und er in die erwachende Gier der beiden schönen jungen Menschen hineinzischt:

Wie der Wollustteufel mit seinem fetten Steiß und seinem Kartoffelfinger diese Menschen zusammenkitzelt! Schmore, Unzucht, schmore!

Wie der Wollustteufel mit seinem fetten Steiß und seinem Kartoffelfinger diese Menschen zusammenkitzelt! Schmore, Unzucht, schmore!

Es gibt aber nichts schauderhaft Groteskes, nicht einmal von Shakespeare, was nicht von manchen unter seinen Erklärernnoch überboten werden könnte. Ich zweifle nicht, daß schon einer nächtlicherweile Thersites gegenüber hinterm Busch gehockt ist und, um das Quintett zum Sextett hochzubringen, an dieser Stelle dazwischen gefuchtelt hat: Es hat ja aber doch zur Zeit des trojanischen Krieges in diesen Ländern noch keine Kartoffeln gegeben! Die sogenannten Anachronismen, die in diesem Stück nicht gehäufter auftreten als in andern, besonders aus Shakespeares später Zeit, aber auch zum Beispiel im Julius Cäsar, deuten keineswegs auf parodistische Absichten, sondern hier auf die besondere Lebendigkeit, mit der der Dichter die Vorgänge empfand und zur Empfindung bringen wollte. Für das Dicke, Beulenmäßige und doch dabei Gereckte, was da vor der Phantasie erstehen soll, wußte Shakespeare für uns kein geeigneteres Wort Thersites in den Mund zu legen als dieses: Kartoffelfinger; und warum sollte er es denn also nicht tun, da er nicht für Archäologen schrieb, da wir im Gegenteil durchaus wissen und spüren sollen, daß dieser trojanische Krieg und diese Seuche der Lust und der Gier unter uns wütet?

Muß ein Drama, wozu ich den Grund nicht einsehe, durchaus benannt und einer Gattung eingeordnet werden, so ist dieses keine Komödie und keine Tragödie und keine Tragikomödie zu nennen und ebenso wohl alles drei. Es bringt uns nicht Lachen oder Weinen, auch nicht bald Lachen und bald Weinen, sondern, wie im Don Quixote kommt der reife, erkennende Weltbetrachter, der seine Aktion vor uns aufführt, zu einem wehvollen Lachen, wo es denn auf die Natur des Miterlebenden ankommt, ob er — etwa — in Ergriffenheit und doch darüberstehend lacht oder ob er, noch im Stande zu lächeln, weinen muß. Das Lachen darf sogar ein böses, hartes, scharfes, grimmiges sein; zwischen Hektor und Ulysses auf der einen Seite und Thersites auf der andern ist viel Platz, und da steht Shakespeare; aber Größe muß in dem Lachen sein; denn was wir in dieser Aktionerleben, ist, wie sich eine große Welt, mit ihrem Willen müssend, sehend und damit blind, mit Augen sehend, mit Sinnen sehend, zugrunde richtet. Und es darf nichts Unreines in dem Lachen sein; Shakespeare hat Thersites in dem Verstehen, das nicht ohne Liebe ist, und doch in Verachtung geschaffen, er steht nicht bei ihm.

Immer wieder wird man geneigt sein, sich bei Shakespeare der Sprache, wie Spinozas, so Schopenhauers zu bedienen. Aber Shakespeare steht Spinozas Ethik um fast so viel näher als Schopenhauers, wie er Hektor gewiß näher steht als dem Bastard, den Thersites mit einer buddhistischen Nonne erzeugt hätte. Weitaus universeller und liebevoller als Schopenhauer umfaßt Shakespeare mit seinem Blick das Ganze und Vielfache der Welt, weitaus mehr als der aus Weichheit Böse hat er an sich gearbeitet, so daß er mit festerem Panzer gegürtet der Welt widersteht. Er kommt nicht bis zur fromm-feigen Bosheit der Askese und des Weltverzichts inmitten der Welt; und er kennt zweierlei Willen: den einen freilich, den Schopenhauer geschildert hat, den Willen, der der Sklave seiner Diener der Sinne ist; den andern aber auch, wie ihn Spinoza der Mensch, Fichte der Mann gekannt haben, den Willen, der männlich, fest, ritterlich die Tiere im Innern zügelt, die Diener lenkt und beim Licht der Vernunft den Weg findet. Gegen die Menschen aber, die das vermögen — Shakespeare zeigt es uns besonders auch in diesem Stück —, ist die Welt verbündet; sie siegen im Geiste, wie Hektor über Achill schon gesiegt hat, aber sie dauern selten und fallen meist. Und darum, weil er das zu tiefst geschaut, erlebt, erlitten hat und doch noch heiter resignieren konnte, darum, weil er alle Stimmungen und Lehren, die diese Weltschau ermöglicht, finden und gestalten konnte, ist Shakespeare der größte aller Dramatiker, der große Tragiker und der große Humorist; darum ist diese Dichtung eine ganze Tragödie und ein ganzes Stück befreienden Lachens.

Troilus, den Schmerz und Enttäuschung erziehen, sieht in diesem Augenblick ein, daß nichts am äußern Reiz, daß alles an der Seele liegt. Er hat Cressida, seine Cressida, in ihrem Schäferstündchen mit Diomedes gesehen und ruft sich nun, wie um aus einem Traum zu erwachen, zu:

Hat Schönheit Seele, war’s nicht Cressida!

Hat Schönheit Seele, war’s nicht Cressida!

Hat Schönheit Seele, war’s nicht Cressida!

Hat Schönheit Seele, war’s nicht Cressida!

Dann geht er aber weiter und hat das tiefe Erlebnis, das den Knaben vom Manne scheidet: Cressida zerfällt ihm nun in zwei, in das adlige Bild, das ein Ausdruck des Innern ist, das er geliebt hat und immer lieben will, und in das armselige Geschöpfchen da, das er in dieser Situation gesehen, das er niemals gekannt hat, das ihm ganz fremd ist.

Aber er hat es nicht so leicht wie Diomedes, der gewiß auch einmal, mehr als einmal er, solche Erfahrung gemacht hat und sich dann entschließen konnte, mit dem Leib im schmutzigen Fluß weiter zu schwimmen und nur den Kopf frei über Wasser zu halten. Troilus braucht ganze Reinheit; wie leicht ist es für den Jüngling, sie von der Liebe zu fordern; und wie schwer ist es für den Betrogenen, wieder ganz Verlassenen, diese Reinheit, die Liebe ist, selber zu üben. Noch ist er nicht ganz reif, bei weitem noch nicht; erst muß ein größerer, ein nicht so mit Tiertrieb und Raffgier verwachsener Schmerz über ihn kommen; und der wird nicht ausbleiben. Jetzt glüht er vor Rachsucht gegen Diomedes; den Mann, der Cressidas Schleife trägt, will er im Felde treffen; und da nun die Nachbrunst der betrogenen Liebe, der Rachedurst im Spiele ist, soll dieser Krieg nicht mehr ritterlicher Kampf, soll er Vernichtungskrieg sein.

Die Trojanerhelden sind heimgekehrt und rüsten sich zum Streit, wie ihn Hektor und Achill für heute vereinbart haben. Hektor bricht auf; vergeblich wollen ihn Andromache, seine Frau, Kassandra, Priamus selbst zurückhalten; alle haben sie böse Träume gehabt; und sie wissen, das sind keine gewöhnlichen Träume, das sind Wahrträume gewesen. Hektor nimmt diese Warnungen auch keineswegs leicht; erist selbst wie von Ahnungen umwittert; er ist tief ernst; aber er hat den Griechen sein Wort verpfändet, sich heute zum Kampf zu stellen; die Ehre verlangt, daß er geht; er weiß ihr nicht, wie Achill, einen andern Wohnsitz anzuweisen als bei sich selbst.

Nun kommt Troilus dazu. Den jungen Bruder, fast noch einen Knaben, sieht Hektor heute ungern so kriegerisch gerüstet; diesmal soll es rauher Ernst werden. Aber Troilus ist wahrlich nicht in der Verfassung, sich in der Stube halten zu lassen; er will den Krieg noch viel rauher und schärfer, als Hektor ihn bisher immer geführt hat. Und so hält er ihm vor, oft habe Hektor Feinde, die im Kampf gestürzt waren, wieder aufstehen heißen; dasselbe, was Nestor bewundernd an Launcelot-Hektor bemerkt hat. Ja, das ist Hektors Art;

O schönes Spiel!

O schönes Spiel!

O schönes Spiel!

O schönes Spiel!

ruft er aus. Wie könnte er den Mordkrieg führen, wenn der nicht zugleich das schöne Spiel aller Kräfte Leibes und der Seele, der Stärke und der Geschmeidigkeit, der Derbheit und der Feinheit, der Härte und der Güte, der Unerbittlichkeit und der Vornehmheit wäre? Als ein Spiel und überdies alsfair playmuß der Krieg geführt werden, loyal, an selbst gegebene Gesetze gebunden und ritterlich; die Schranken des Menschenmöglichen dürfen nicht überschritten werden. Troilus aber, in der Verfassung, in der er ist, nennt das Narrenspiel; wer Waffen trägt, muß sie mit Wut und Ingrimm und giftiger Rache gegen den Feind führen. Solche Kampfesweise faßt Hektor weder noch versteht er, wie sein Troilus so reden kann:

Pfui, Wilder! Pfui!

Pfui, Wilder! Pfui!

Pfui, Wilder! Pfui!

Pfui, Wilder! Pfui!

ruft er aus und erklärt mit noch größerer Bestimmtheit und jetzt aus anderm Grund, er wünsche Troilus heute nicht im Feld zu sehen. Troilus läßt sich nicht halten, aus schmerzlicher Wut, die ihm fast die Besinnung nimmt; Hektor läßt sich nicht halten, wahrlich nicht aus Kampfgier,auch nicht einmal um der Rettung des Staats willen, sondern weil er den Griechen sein Wort gegeben hat, sich zu stellen. Bei alledem, bei Hektors melancholischer Ritterlichkeit und bei der sinnlich brünstigen grausamen Kriegswut des jungen Troilus hat, wer das Drama im Kreise herum, in der Beziehung aller Teile aufeinander empfindet, schon im Sinne, wie Achill bald eben das Gräßliche an Hektor tun wird, was Hektor beim Aufbruch zum Kampf als so unsäglich und unmöglich verwirft.

Unermeßlich ergreifend ist es, wie Kassandra prophetisch, im äußersten ekstatischen Versuch, Hektor zurückzuhalten, in seine Ohren hinein seinen eigenen Tod beschreibt; und was für ein innig geniales Kunstmittel ist es überdies, uns jetzt, vor dem Kampf, im Moment des Abschieds in höchst gesteigerter Wortkunst voraus erleben zu lassen, was die Bühne für die leiblich gewahrenden Sinne nicht darstellen kann:

O lebwohl, mein Hektor!Sieh, wie du stirbst! Sieh, wie dein Aug’ erblaßt!Sieh, wie dein Blut aus vielen Spalten strömt!Hörst du, wie Troja schreit, die Mutter brüllt,Hörst du den Klageschrei Andromaches?Leid, Wut, Erstarrung stoßen da zusammen,Entseelte Bilder! Alles, alles schreit:Ach, Hektor, Hektor tot! Ach, Hektor, Hektor!

O lebwohl, mein Hektor!Sieh, wie du stirbst! Sieh, wie dein Aug’ erblaßt!Sieh, wie dein Blut aus vielen Spalten strömt!Hörst du, wie Troja schreit, die Mutter brüllt,Hörst du den Klageschrei Andromaches?Leid, Wut, Erstarrung stoßen da zusammen,Entseelte Bilder! Alles, alles schreit:Ach, Hektor, Hektor tot! Ach, Hektor, Hektor!

O lebwohl, mein Hektor!Sieh, wie du stirbst! Sieh, wie dein Aug’ erblaßt!Sieh, wie dein Blut aus vielen Spalten strömt!Hörst du, wie Troja schreit, die Mutter brüllt,Hörst du den Klageschrei Andromaches?Leid, Wut, Erstarrung stoßen da zusammen,Entseelte Bilder! Alles, alles schreit:Ach, Hektor, Hektor tot! Ach, Hektor, Hektor!

O lebwohl, mein Hektor!

Sieh, wie du stirbst! Sieh, wie dein Aug’ erblaßt!

Sieh, wie dein Blut aus vielen Spalten strömt!

Hörst du, wie Troja schreit, die Mutter brüllt,

Hörst du den Klageschrei Andromaches?

Leid, Wut, Erstarrung stoßen da zusammen,

Entseelte Bilder! Alles, alles schreit:

Ach, Hektor, Hektor tot! Ach, Hektor, Hektor!

Nach dieser ungeheuren Vorbereitung folgt die große, reichgegliederte Kampfszene, die ihrer ganz würdig ist. Ich kann mich, wie nur manchmal so bei Beethoven, nicht satt wundern über die eherne Härte dieses Organismus, dieser Weltfunktion, die Shakespeare heißt, wie er nun zum Beispiel die einzelnen Teile dieser Schlachtenszene gegen einander abtönt, wie er keineswegs in der einen Stimmung, die mit Hektors vorweggenommenem Tod so unbeschreiblich leidvoll angeschlagen wurde, bleiben muß, sondern alles vom Ganzen aus ordnet und verteilt! Wir sehen Ajax, Diomedes, Troilus hinter einander herjagen, ahnen, wie der wilde JungeWunder der Tapferkeit verrichtet; wir sehen Thersites in zwei Episoden als Soldat, und er darf sich neben Falstaff sehen lassen. Erst stößt er mit Hektor in Person zusammen; und wie der den Mann in der Rüstung ritterlich fragt:


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