Wer bist du, Grieche? Bist du Hektor gewachsen?Bist du von Blut und Ehre?
Wer bist du, Grieche? Bist du Hektor gewachsen?Bist du von Blut und Ehre?
Wer bist du, Grieche? Bist du Hektor gewachsen?Bist du von Blut und Ehre?
Wer bist du, Grieche? Bist du Hektor gewachsen?
Bist du von Blut und Ehre?
da antwortet er in ängstlich witziger Wahrheit mit unglaublich geschwinder Zungenfertigkeit:
Nein, nein, ich bin ein Schuft! Ein schäbiger, schimpfender Bube, ein ganz schmieriger Lump!
Nein, nein, ich bin ein Schuft! Ein schäbiger, schimpfender Bube, ein ganz schmieriger Lump!
und Hektor wendet sich verächtlich ab:
Ich glaub’ es. Lebe!
Ich glaub’ es. Lebe!
Ich glaub’ es. Lebe!
Ich glaub’ es. Lebe!
Befreit und neu gestärkt schimpft Thersites hinter ihm her. Das andere Mal will ein Bastardsohn des Priamus mit ihm anbinden, den überschüttet er mit Bastardworten:
Ich bin auch ein Bastard! Ich liebe die Bastardeusw.
Ich bin auch ein Bastard! Ich liebe die Bastardeusw.
Ich bin auch ein Bastard! Ich liebe die Bastardeusw.
Ich bin auch ein Bastard! Ich liebe die Bastarde
usw.
Und so feig er ist, muß er dem Gegner doch im Davonlaufen noch eine saftige Wahrheit über seine Rolle in diesem Krieg nachschreien; denn seine Bosheit ist viel stärker als seine Angst; er ist nun einmal so organisiert, daß all seine Tapferkeit im Maulwerk sitzt; so lacht er denn hinter ihm drein, von ihm weg: Haha, da will ein Hurensohn in diesem Krieg um eine Hure kämpfen!
Die Heldentaten, die Hektor verrichtet, werden wieder in der Form der Wortkunst gebracht. Agamemnon, Nestor, Ulysses berichten hintereinander, was die Trojaner unter Hektors Führung für Waffentaten tun; unter vielen andern ist Patroklus gefallen, und die Myrmidonen sind ganz zusammengehackt zu Achilles geflohen. Der war untätig im Zelt gesessen; hatte die Seinen, hatte die Verbündeten, hatte auch den Freund allein in den Kampf ziehen lassen, wir wissen, warum; jetzt, wo der Freund, der geliebte Knabe, ihm als Leichnam vor Augen liegt, kommen die Tränen, kommt die Wut, kommt die Rachgier, und allesandre ist wieder vergessen. „Ach, unser arm Geschlecht!“ Nicht bloß für das Geschlecht der Frauen gilt Cressidas Klage, daß wir Sklaven der Sinne, Sklaven der Augen sind. Achilles wappnet sich; er eilt ins Feld; er tritt vor Hektor; spät hat er ihn, dem er sich zum Kampf verpflichtet, gefunden, — so soll es scheinen. Nun fordert er ihn zum Zweikampf heraus. Hektor muß glauben, jetzt, am Abend der Schlacht, habe Achill, wie er selbst, große, ritterliche Taten, schwere Arbeit hinter sich, und erwidert vornehm:
Erst ruh’ ein wenig, wenn es dir gefällt.
Erst ruh’ ein wenig, wenn es dir gefällt.
Erst ruh’ ein wenig, wenn es dir gefällt.
Erst ruh’ ein wenig, wenn es dir gefällt.
Da, wie diese Höflichkeit ihn warten heißt, als ob’s um den Ritterkampf, umfair playund nicht um grimmige Rache ginge, gerät Achilles ganz außer sich. Er stürzt weg. Hektor kämpft weiter. Und hat dann genug für heute, legt Schild und schützenden Helm weg, entwappnet sich.
Ich tat mein Tagewerk. Nun ruh’ ich aus!
Ich tat mein Tagewerk. Nun ruh’ ich aus!
Ich tat mein Tagewerk. Nun ruh’ ich aus!
Ich tat mein Tagewerk. Nun ruh’ ich aus!
Da kommt Achilles herbei und mit ihm seine Myrmidonen, die er rasend geholt hat. Vergebens ruft ihm Hektor kurz und streng zu: Ich bin entwaffnet, — Grieche! Unter Achills hetzendem Anruf hauen und stechen die Myrmidonen auf ihn ein. So wird der Ritter mit Hilfe des großen Haufens von der Wut umgebracht. Und die Volksleute schreien die Heldentat übers Feld aus: Achill hat den Hektor erschlagen!
Ehre und Ruhm hatte Achilles schon vorher preisgegeben; die Rachgier für den gefallenen Freund hat den Streithelden erst ins Feld gebracht. Von Anfang an haben wir gesehen, wie dieser Mann, bei herrlichsten Anlagen, ein Gewesener, ein nie tapfer zu sich Gekommener, über sich hinaus Gekommener, wie er ein vom Trieb Umnebelter war; ein Lässig-Fauler, kein Wachsender; und so hat er auch nicht in der echten Männerehre und Freundschaftswelt gelebt, hat Wut und Wahn und Wollust des Geschlechts in die Freundschaft hinübergenommen und hat ohne alle Ritterlichkeit, der Ehre bar, den toten Freund gerächt. Soschleift die Gier noch den Leichnam des adligen, menschlichen Helden im Triumph, an den Roßschweif gebunden, übers Feld.
Troilus lebt weiter in den Untergang Ilions hinein, den er klar voraussieht. Jetzt, wo diese hohe verehrte Gestalt, Hektor sein Bruder, so umgekommen ist, wie er selbst den Krieg knabenhaft unreif empfohlen hatte, in diesem Schmerz ist er zum Manne geläutert worden. Ohne Hoffnung, ohne Lebenslust will er aushalten und will weiter kämpfen, der wilden Art nach, als ob er nicht wüßte, daß am Ende dieses Kampfes der Untergang steht; dem Grund nach, weil er es weiß: in einem dionysischen Zorn, der der trostlosen Welt gilt.
Von Cressida ist schon lange mit keinem Wort mehr die Rede, und von Pandarus, der mit seiner widerlichen Erscheinung die Erinnerung an sie bringen will und der am bittern Schluß die niedrige Welt, die unsterblich weiter leben darf, repräsentiert, wendet sich Troilus in Ekel ab. Was liegt an der Pandaruswelt, die auf der Bühne bleibt und mit dem Publikum fraternisiert, nachdem die Helden dahingegangen sind? Was liegt noch an Cressida? Ilion geht unter; Hektor ist tot.