II. Cassius
Indem die Verschwörer Brutus gewinnen, daß er die Tat und die Verantwortung auf sich nimmt, hat ihr Unternehmen hohe Rechtfertigung erlangt. Nicht bloß er, auch die andern alle, zumal Cassius, trotz ihren mehrdeutigen Naturen und Motiven, stehen mit ihrer Tat ganz anders da, als sonst die großen Mörder bei Shakespeare. Julius Cäsars Wegräumung, obwohl sie äußerlich als Meuchelmord erscheint, den eine überwältigende Schar gegen einen einzelnen Wehrlosen verübt, hat doch bei Shakespeare mit dem revolutionären Staatsakt, der in England wenige Jahrzehnte nach Shakespeares Tod zur Hinrichtung Karls I. führte, mehr Ähnlichkeit, als mit den vielen dynastischen und feudalen Mordtaten, wie sie uns in Shakespeares andern Tragödien begegnen. Brutus ist wie Macbeth der Mörder, an dem sichdie Tat rächt; auch ihn scheint zu nächtlicher Stunde der Geist des Ermordeten aufzusuchen, wie Banquo zu Macbeth kommt. Aber man scheut sich fast, dieses Wie auszusprechen; so ganz anders sind nicht nur die Personen, sondern die seelischen und politischen Verhältnisse, um die es dem Dichter geht. In den Stücken der englischen und schottischen Sage und Geschichte, die Shakespeare behandelt, wird von triebhaften, schlackenreichen Naturen nicht eigentlich Politik gemacht; es geht alles in der privaten Sphäre vor sich, auch wenn es um die Macht geht. Und Shakespeare zeigt, schon in der zweiten Hälfte unsres Stückes, ganz besonders aber in Antonius und Cleopatra, wie im Verfall des römischen Gemeinwesens, der Republik, die privilegierten Personen gerade dadurch, daß die öffentliche Freiheit, für die die letzten Römer eingetreten waren, und mit ihr die Ordnung zugrunde ging, wieder ihre ursprüngliche, primitive, wilde Freiheit inmitten raffinierter Zivilisation und öffentlicher Tyrannei erlangten und wie dadurch das Ende der antiken Kultur und ihr Übergang zur feudalen Welt vorbereitet wurde.
In diesem unserm Römerdrama also geht es um Politik auf einer hohen Stufe, um erhabene, ideale Verhältnisse, und die Ruhe, Planmäßigkeit und Überlegung, mit der der Mord vorbereitet wird, ist ein Kennzeichen dafür, daß wir hier nicht in der Welt der Triebhaftigkeit und des Personalismus, sondern der Ratio, der Staatsräson sind. Es wird hier nicht egoistisch, nicht in verächtlicher Wut gemordet; die Tat geschieht nicht ohne Liebe, nicht ohne Achtung zu ihrem Opfer. Die Heimlichkeit, in der die Verschwörer sich nächtlich zusammenfinden, hat weitaus mehr vom Charakter der Öffentlichkeit an sich als die lauten, rückhaltlosen Streitrufe feudaler Helden; und das Wort Tagung ist für diese Nachtversammlung fast nicht zu vermeiden. Die da zusammenkommen, tun es in dem Glauben, Richtungen im Staat zu vertreten, berufene Vertreter zu sein; ihre Tragik istgerade, daß sie sich darin irren, daß sie Vertreter eines nicht mehr vorhandenen Volkes, Führer ohne Heer sind.
Hier also wird eine vollendete und nunmehr absteigende Welt geschildert im Gegensatz zu jener andern, die Shakespeare in den englischen Geschichts- und Sagendramen behandelte, in der die Lebenstriebe noch oder wieder reicher, verworrener, wilder funktionieren. Brutus und Cassius geht es um die öffentlichen Zustände; so politische Köpfe auch König Johann und Heinrich IV. zum Beispiel sind, so sind sie doch vom Dichter in eine Welt gestellt, in der sich Staat und Person des Herrn gar nicht trennen lassen.
Mit alledem ist gesagt, daß über den Königs- und Sagendramen das feudal-dynastische, über diesem Römerdrama aber in der Tat das republikanische Prinzip steht. Goethe mag vorwiegend an die Volksszenen gedacht haben, vor allem aber hatte er die prachtvolle Lebendigkeit der Gestalten im Sinn, wenn er meint, Shakespeare schildere keine Römer, sondern „lauter eingefleischte Engländer“. Richtig ist gewiß, daß er in diesem Stück so wenig wie in einem andern die gelehrten Absichten seiner akademisch-literarischen Zeitgenossen teilte. Er ging nicht im entferntesten darauf aus, fremdartige oder interessante Verhältnisse zu schildern oder seine Menschen irgendwie historisch zu maskieren. Ganz und gar ging es ihm, wie immer, um das Grundwesen der Menschen in seinen mannigfaltigen Abstufungen; nur daß er diesmal in der allgemeinen Sphäre wie vor allem in seinen Hauptgestalten Brutus, Portia und Cassius das öffentliche Pathos, die ideale, innig-leidenschaftliche und rationale Teilnahme am Gemeinwesen als wesentliche Elemente im geistigen Leben aufzeigte. Daran liegt wenig, ob man diese Gestalten Römer oder Engländer nennt; wichtig aber ist zu beachten, daß das Römertum, wie es in den Staats- und Freiheitsbewegungen der Zeit, in den Schriften der Monarchomachen und Montaignes und dann Miltons und so vieler anderer von entscheidender Bedeutung war, in ShakespearesJulius Cäsar in der Tat seinen lebendig-dramatischen Ausdruck fand.
Solche Fragen aber, wie die, ob Shakespeare in einem Stück Römer oder Engländer dargestellt habe, sind darum immer schief, weil er das äußere Kostüm, wohin ich — ich weiß, was ich sage — auch zufällig-geschichtliche, zufällig-nationale Varietäten rechne, nur als Mittel für seine höheren Zwecke brauchen konnte. Man könnte sagen, daß noch nie einer das italienische Naturell, daß noch nie einer die Vermählung des römisch-republikanischen Staatsgedankens mit erhabenen Seelen so wundervoll getroffen habe, und es wäre doch von Shakespeares Wesentlichem damit nichts gesagt. Kaum ein Stück Shakespeares aber erinnert mich gerade so, wie Julius Cäsar, an seine Gemeinschaft weder mit Römern noch Engländern, sondern mit Rembrandt und Beethoven. Das rührt, ich glaube, an entscheidend Wesentliches, jedenfalls aber an unsäglich schwer mit Worten zu Vermittelndes. Vergegenwärtigen wir uns zunächst dieses Trio Shakespeare, Rembrandt, Beethoven durch drei ihrer repräsentativen Werke, und sagen: Brutus — der Mann mit dem Goldhelm — die Eroica oder noch besser die fünfte, die C-Moll-Symphonie. Da haben wir eine menschliche Größe und Ausdrucksgewalt, die, so persönlich sie ist, so rein und hoch Allgemeines wie endgültig formt. Für alle drei sind zusammenfassende Beziehungen wie Renaissance oder Barock oder gar Empire hergehörige und nicht unwichtige, aber ganz ungenügende Abgrenzungen; alle drei gehören weit mehr unter einander als mit ihren Stilgattungen zusammen. Was in diesen Werken sich äußert, ist das Tiefste, Schwerste und Erhabenste, ist die inständigste Not und die größte Herrlichkeit unsrer Zeit, unsrer eigenen und besonderen, in der Shakespeare nicht minder ein Gipfel ist als Beethoven. Was sich da äußert, ist Heldentum in Melancholie; klare, scharfumrissene, aktive Naturen, die es nun aber doch nicht läßt, in die Welt und ihr Leid zu verdämmern; ein leidenschaftlicher Aufwärts- und Vorwärtsdrang, dessen Melodie aber umwogt ist von der Stimmung des Untergangs. Das ist mir im Letzten und Höchsten Shakespeare, wie es mir Rembrandt und Beethoven sind, und kaum irgendwo bemächtigt es sich meiner so wie in dieser Tragödie der letzten Römer: Kraft, ungemeine Kraft ist da, Kraft des Alten, Gewesenen und dazu schon Kraft der Erneuerung, — darin verflößt aber und nicht davon zu trennen das ganze Weh des Untergangs, der ein Übergang ist, wie es so ähnlich ja wohl Nietzsche ausdrückt, das Leid unsrer Zeiten.
Dessen eine Gestalt ist mir das Helldunkelgemälde dieser letzten Römer. Wenn man gut zusieht und die Stimmung, die das Rom um die Wende der neuen Zeitrechnung in Parallele setzt mit den Zuständen in der Seele unsres öffentlichen Lebens, schon beinahe mitbringt, so können wir auch bei Plutarch, dem Historiker der untergehenden, schon fast vergangenen Antike, diese Verbindung von heroischen Naturen mit leidvoller Philosophie finden. Aber das ist doch kaum anders, als daß in dem Stoff, worin die Vision des Dichters ihre Entdeckungen macht, alles schon der Möglichkeit nach gegeben sein muß, was der Vollender dann zur Wirklichkeit macht.
Die Repräsentanten dieses unsres eignen, dieses Römergeistes, von denen wir hier das Allgemeine gesagt haben, sind Brutus und Cassius; diese beiden stehen von Anfang an bei einander im Vordergrund, und Cassius verdient es durchaus, neben Brutus zu stehen. Shakespeares Kunst, Menschen der gleichen Richtung und desselben Wollens nebeneinander zu stellen und sie nicht durch grobe Gegensätzlichkeit, sondern durch Nuancen zu unterstreichen, bewährt sich nirgends so wundervoll wie in der Macbeth-Tragödie in dem Ehepaar Macbeth und hier in dem Freundespaar Brutus und Cassius. Cassius hat mehr Schlacke, mehr Affekt als Brutus, er hat nicht seine makellose Reinheit, seine Unpersönlichkeit; dafür hat er aber auch ein schießenderes Temperament und mehrpolitischen Verstand. Brutus macht seine Entscheidungen gern, auf sich selbst harrend, sein selbst gewiß, im Unbewußten ab; er läßt die Dinge reifen; er braucht die flackernde Zündung durch gesellige Aussprache nicht. Cassius ist hitzig, was in ihm gärt und ihn treibt, läßt er viel rascher hochschießen als Brutus. So ist er es denn auch, der sich Brutus eröffnend, lockend nähert, ihm sein eigenes Innere, seinen Kampf, seine Qual ohne Scheu zur Sprache bringt und erklärt.
Es ist aber nicht so, daß das, was aus Cassius so schnell hochkommt, ebenso rasch wieder verpuffte oder daß er irgendwie unbeständig, unzuverlässig wäre. So stark in ihm Leidenschaft, Wildheit, Zorn arbeiten, so sind sie doch durchaus in den Zusammenhang einer Geistesrichtung eingeordnet, die Gesinnung heißt. Und in der Gesinnung ist er der Freund und Genosse des Brutus und seiner würdig. Nicht von einem politischen Meinungssystem ist hier die Rede, wie man es schließlich wechseln könnte, ohne in Schmach zu fallen, sondern von einem Gefüge von Anschauungen und Willensrichtungen, die unveräußerlich sind, weil sie aus einem Grundtrieb ihrer Natur hervorgehen, aus dem Grundtrieb noch dazu, aus dem das römische Gemeinwesen erwuchs. Was sie beide treibt, heißt mit einem Wort Freiheit. Sie wollen keinem Menschen dienen, keinem untertan sein, keinen als höher verehren. Sie fühlen sich dem Besten ebenbürtig und dulden keinen Gebieter über sich. Sie haben nicht den Freiheitsdurst der Unterdrückten, mit dem Neid in Verbindung stehn kann; sie haben die männliche Freiheitsliebe derer, die nicht in Unterdrückung sind und auch nicht hineinkommen wollen, die Freiheitsliebe, der die Eifersucht nicht immer fern bleibt. Zu dieser Haltung gehört eigener Adel, Stolz, Selbstgefühl, und das ist ihr Teil. Es ist ein durchaus aristokratischer Republikanismus, der sich vom philosophischen Denken, vor allem vom Stoizismus genährt hat. Cassius bringt, was ihrer beider Grundprinzip, Grundtrieb ist — denn bei diesenMännern der Gesinnung sind Seele und Geist untrennbar in einander gewachsen — in Kürze zum Ausdruck, wenn er zu Brutus in dem Augenblick, wo er sich entschließt, frei heraus zu ihm zu sprechen, sagt:
Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre MenschenVon diesem Leben denkt; mir, für mich selbst,Wär’ es so lieb, nicht da sein, als zu lebenIn Furcht vor einem Wesen wie ich selbst.
Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre MenschenVon diesem Leben denkt; mir, für mich selbst,Wär’ es so lieb, nicht da sein, als zu lebenIn Furcht vor einem Wesen wie ich selbst.
Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre MenschenVon diesem Leben denkt; mir, für mich selbst,Wär’ es so lieb, nicht da sein, als zu lebenIn Furcht vor einem Wesen wie ich selbst.
Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre Menschen
Von diesem Leben denkt; mir, für mich selbst,
Wär’ es so lieb, nicht da sein, als zu leben
In Furcht vor einem Wesen wie ich selbst.
Der so spricht, ist ein Mann, der sich schon mannigfach um den Staat verdient gemacht hat, ein bewährter Feldherr; der Zorn, der bei ihm nah bei der Eifersucht wohnt, daß ihn einer überflügeln soll, ist auch dabei; der Grundzug seines Wesens aber, nach dem er auch die andern Menschen und die Erfordernisse des Gemeinwesens beurteilt, ist wilde, entschlossene, den Himmel herausfordernde, tapfere Furchtlosigkeit.
Darum sehen wir ihn am größten, am herrlichsten in der Entsetzensnacht; da wird er elementar wie der Wettersturm.
In dieser Nacht wandelt Brutus schlaflos, sinnend auf und ab; auf den äußeren Sturm achtet er kaum und wendet sich, um den Sturm in seiner Brust zu bezwingen, den Büchern zu; Cäsar liegt zu Bett, möchte schlafen, wird aber durch die Traumreden und Schreie seiner Frau gestört; Casca, ein Mann, in dem die arretierte Stimmung des Gedrückten nach der Rebellion lechzt, die ihm das Feuer seiner Jugend wiedergeben soll, ein Mann von Chamforts Art, ist entsetzt „in Furcht und Zittern“; Cassius aber fühlt sich auflodernd in seinem Element:
Ich für mein Teil bin durch die Stadt gelaufen,Mich unterwerfend dieser grausen Nacht,Und so entgürtet, Casca, wie Ihr seht,Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt;Und wenn des Blitzes schlängelnd Blau zu öffnenDes Himmels Busen schien, bot ich mich selbstDem Strahl des Wetters recht zum Ziele dar.
Ich für mein Teil bin durch die Stadt gelaufen,Mich unterwerfend dieser grausen Nacht,Und so entgürtet, Casca, wie Ihr seht,Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt;Und wenn des Blitzes schlängelnd Blau zu öffnenDes Himmels Busen schien, bot ich mich selbstDem Strahl des Wetters recht zum Ziele dar.
Ich für mein Teil bin durch die Stadt gelaufen,Mich unterwerfend dieser grausen Nacht,Und so entgürtet, Casca, wie Ihr seht,Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt;Und wenn des Blitzes schlängelnd Blau zu öffnenDes Himmels Busen schien, bot ich mich selbstDem Strahl des Wetters recht zum Ziele dar.
Ich für mein Teil bin durch die Stadt gelaufen,
Mich unterwerfend dieser grausen Nacht,
Und so entgürtet, Casca, wie Ihr seht,
Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt;
Und wenn des Blitzes schlängelnd Blau zu öffnen
Des Himmels Busen schien, bot ich mich selbst
Dem Strahl des Wetters recht zum Ziele dar.
Cassius ist eine von den leidenschaftlichen, nimmersatten Naturen, die genau das, was sie schon überflüssig im Innern haben, fortwährend von außen in sich hineinholen müssen. Er ist wie einer der Trinker, die das äußere Rauschmittel nicht darum suchen, weil sie in sich still und gedrückt wären, sondern weil der Rausch schon ohnedies in ihnen lebt.
Je nach Natur und Gesinnung sucht in den Erscheinungen dieser Nacht jeder ein anderes Zeichen; nur Brutus kümmert sich darum gar nicht. Cassius bezieht alles auf seine eigene Natur und auf das Objekt seines großen Hasses; und diesen Feind, Julius Cäsar, sieht er im Bilde dieser taumelwütigen Nacht ganz so, wie er selbst, Cassius, wäre, wenn er von innen und außen dazu gekommen wäre, die Rolle des Alleinherrschers zu spielen und das Maß zu verlieren; der Cäsar, den wir selbst vor Augen sehen, und der noch genug von der Nüchternheit, Ruhe, Strenge, Bestimmtheit beibehalten hat, die ihn so hoch gebracht haben, ist ein ganz anderer, als der trunken hassende, vom Exzeß der Natur berauschte Cassius ihn sich gestaltet:
Nun könnt’ ich, Casca, einen Mann dir nennen,Der ganz wie diese schreckenvolle Nacht ist,Der donnert, blitzt, die Gräber öffnet, brüllt,So wie der Löwe dort im Kapitol.Ein Mann, nicht mächtiger als ich und duAn Leibeskraft, doch drohend angewachsenUnd furchtbar, wie der Ausdruck dieser Gärung.
Nun könnt’ ich, Casca, einen Mann dir nennen,Der ganz wie diese schreckenvolle Nacht ist,Der donnert, blitzt, die Gräber öffnet, brüllt,So wie der Löwe dort im Kapitol.Ein Mann, nicht mächtiger als ich und duAn Leibeskraft, doch drohend angewachsenUnd furchtbar, wie der Ausdruck dieser Gärung.
Nun könnt’ ich, Casca, einen Mann dir nennen,Der ganz wie diese schreckenvolle Nacht ist,Der donnert, blitzt, die Gräber öffnet, brüllt,So wie der Löwe dort im Kapitol.Ein Mann, nicht mächtiger als ich und duAn Leibeskraft, doch drohend angewachsenUnd furchtbar, wie der Ausdruck dieser Gärung.
Nun könnt’ ich, Casca, einen Mann dir nennen,
Der ganz wie diese schreckenvolle Nacht ist,
Der donnert, blitzt, die Gräber öffnet, brüllt,
So wie der Löwe dort im Kapitol.
Ein Mann, nicht mächtiger als ich und du
An Leibeskraft, doch drohend angewachsen
Und furchtbar, wie der Ausdruck dieser Gärung.
Niemand aber, nichts ist imstande, Männern wie Cassius die Freiheit zu nehmen. Wer eines kennt, der ist frei und bleibt frei, einmal für alle. Das ist das große Geheimnis dieser stoischen Römer, das sie in immer neuen Wendungen einander aussprechen und versichern, und das nur darum so fest und sicher zum Worte wird, weil es sich mit ihrem Denken und ihrer Lebensführung verschmolzen hat: das ist der Tod, die Möglichkeit, durcheignen Entschluß zu sterben. Herrlich bringt es Cassius zum Ausdruck:
Darin, ihr Götter, macht ihr Schwache stark,Darin, ihr Götter, höhnet ihr Tyrannen:Nicht Felsenburg noch erzgetriebne Mauern,Nicht dumpfe Kerker noch der Ketten LastSind Hindernisse für die Macht des Geistes.Das Leben, ist’s die Erdenschranken satt,Hat stets die Macht, sich selber zu entlassen.Und weiß ich dies: so wiss’ auch alle Welt:Den Teil der Tyrannei, dermichbedrückt,Werf ich ab, wann ich will.
Darin, ihr Götter, macht ihr Schwache stark,Darin, ihr Götter, höhnet ihr Tyrannen:Nicht Felsenburg noch erzgetriebne Mauern,Nicht dumpfe Kerker noch der Ketten LastSind Hindernisse für die Macht des Geistes.Das Leben, ist’s die Erdenschranken satt,Hat stets die Macht, sich selber zu entlassen.Und weiß ich dies: so wiss’ auch alle Welt:Den Teil der Tyrannei, dermichbedrückt,Werf ich ab, wann ich will.
Darin, ihr Götter, macht ihr Schwache stark,Darin, ihr Götter, höhnet ihr Tyrannen:Nicht Felsenburg noch erzgetriebne Mauern,Nicht dumpfe Kerker noch der Ketten LastSind Hindernisse für die Macht des Geistes.Das Leben, ist’s die Erdenschranken satt,Hat stets die Macht, sich selber zu entlassen.Und weiß ich dies: so wiss’ auch alle Welt:Den Teil der Tyrannei, dermichbedrückt,Werf ich ab, wann ich will.
Darin, ihr Götter, macht ihr Schwache stark,
Darin, ihr Götter, höhnet ihr Tyrannen:
Nicht Felsenburg noch erzgetriebne Mauern,
Nicht dumpfe Kerker noch der Ketten Last
Sind Hindernisse für die Macht des Geistes.
Das Leben, ist’s die Erdenschranken satt,
Hat stets die Macht, sich selber zu entlassen.
Und weiß ich dies: so wiss’ auch alle Welt:
Den Teil der Tyrannei, dermichbedrückt,
Werf ich ab, wann ich will.
Da, wie in dieser Nachtstunde der gewaltige Sturm aus Cassius so zu ihm spricht, als wäre er zugleich ein wild wehendes Blasen und eine unbewegliche Standfestigkeit, da wird auch der gepreßte Casca fortgerissen und richtet sich auf und steht wieder auf sich; das Feuer seiner Jugend erwacht; der Gedanke an den Tod bringt ihm die Liebe zu dem Leben, das man selber bestimmt: Das kann auch ich! ruft er aus und ist, er, der bisher nur ein hämischer Nörgler, ein aphoristischer Satiriker war, zur Tat entschlossen, für die Verschwörung gewonnen.
Nichts kennzeichnender für Cassius, als diese seine Sprachgewohnheiten, von denen wir hier Proben erhalten haben, Wendungen, wie: was mich betrifft, ich für mein Teil und dergleichen. Wie hat es diesem selbstherrlichen Individualismus, der durch das leidenschaftliche Temperament, mit dem er verbunden ist, immer gefährlich nahe daran ist, zu Ehrsucht und Tyrannei auszuarten, wie hat es ihm gut getan, daß er sich mit der republikanischen Gesinnung und einer männlichen Philosophie verbunden hat, die den Trieben den Zaum der Besinnung anlegt und das Leben von seiner festen Begrenztheit aus zugleich zur höchsten Leistung und zur Bescheidung bringt. Mögen doch die Historiker, die in Wahrheit über diese Personen und diese Zusammenhängeüber gar kein besseres Material verfügen als Shakespeare, mögen sie in einer Gewohnheit, die ihrer Methode und meist auch ihren Naturen entspringt, nichts derart Großes im Innern solcher Männer, denen der Verlauf der Geschichte, wie man so sagt, Unrecht gab, anerkennen, dieser Cassius mit all seinen saftigen Menschlichkeiten ist ein großer Kerl und ein ganz echter Römer. Wir können nicht einmal sagen, das Furiose, das leidenschaftlich Ausbrechende, das Shakespeare ihm leiht, habe erst die Renaissance und das Barock gebracht. So ein Barock kennt auch das späte Rom; mit Vergil hebt es an; und gerade der Mann, der diese stoische Lehre, die Cassius’ Leben ins innerste geadelt hat, zur erhabensten Prägung gebracht hat, Seneca, von dem wir und Shakespeare Worte der Art haben, wie:Qui potest mori, non potest cogi, was schiert mich Zwang, der ich sterben kann, gerade er gilt — und galt in Shakespeares Zeit unangezweifelt — als der Verfasser so mancher Tragödienszenen, die nach Aufbau, Steigerung und einer nicht bloß gewalttätigen, sondern manchmal gewaltigen Sprache in der ganzen Antike Shakespeare am nächsten kommen. Ich denke nicht daran, Seneca, den Tragödiendichter, in die Nachbarschaft von Aischylos und Sophokles zu bringen, die uns in diesem Zusammenhang nichts angehen, weil Shakespeare sie nicht gekannt hat; aber ich bringe ihn auf eine sehr ansehnliche Stufe auf dem Wege zwischen Euripides und Marlowe; ganz und gar lebendige Menschen auf die Beine zu stellen, hat weder Seneca noch Marlowe vermocht; aber durch die leidenschaftliche und innig bewegte, gewaltig freie Sprache das innerste Gefühl von Menschen zu offenbaren, ist auch Seneca, wenn’s zum Höchsten kam, gelungen; und wäre es die Aufgabe dieser Vorträge — sie ist es nicht —, Dichter und Stellen ihrer Werke zum Beleg zusammenzusuchen, die auf Shakespeare Einfluß geübt haben können, so wäre Seneca ein recht umfangreiches Kapitel zu widmen.