V. Das Ende

V. Das Ende

Brutus und Cassius müssen aus Rom fliehen. Antonius, der viel zu klug ist, um sich für einen Cäsar zu halten, und der sich überdies die gewaltige Anspannung nach Cäsars Tod nicht bloß gegen die Verschworenen, sondern vor allem auch gegen den jungen Octavius zugemutet hat, tut sich, nunmehr im Besitz der größten Popularität und der Macht des Augenblicks, sofort mit diesem Adoptivsohn Julius Cäsars und mit dem einflußreichen — weil reichen — Bürger Lepidus zum Triumvirat zusammen. Manchmal möchte man einen Augenblick innehalten, um sich zu besinnen, daß das ja nicht bloß Geschehnisse sind, wie sie sich aufs reichste und sicherste aus den vom Dichter gestalteten Charakteren ergeben, sondern daß es umgekehrt ist: alle äußern Tatsachen sind die überlieferte Geschichte, zu der Shakespeare den psychologischen Schlüssel gegeben hat. Vorläufig hat Antonius in dem Dreimännerregiment die Führung. Erist ein besserer, unmenschlicherer Politiker als Brutus: das große Morden setzt ein, die Proskriptionslisten werden aufgesetzt. Sie spielen gegen einander die Gerechten, bestimmen ihre nächsten Verwandten gegenseitig mit zum Tod; es ist in ihrem Verkehr eine Mischung aus Verstellung und offener Schamlosigkeit: Cäsars Testament nehmen sie eilig vor und verkürzen, wo es geht, die Legate. Aber Antonius und Octavius fangen schon an, mit einander zu ringen, ihr Gegensatz kündigt sich an. In der militärischen Szene zu Beginn des fünften Akts wird es schon so weit sein, daß sich die Überlegenheit des jungen Octavius zeigt. Das Weitere erfahren wir dann in dem Stück, das anschließt: Antonius und Cleopatra.

Brutus und Cassius müssen weit in die Ferne ziehen, um Völker auszuheben und den Krieg für die Freiheit zu führen. Wieviel Zeit vergeht, bis wir wieder zu ihnen stoßen, was alles der Dichter wegließ, was er im Plutarch sehr wohl fand, darnach fragen wir nicht. Wir sind in Shakespeares idealer Zeit, die sich nach dem inneren Ablauf richtet. Es geht nur noch ums Ende; das römische Volk, das Brutus träumte, ist nicht da; ihre Sache ist verloren. Aber sie sind Römer und kämpfen, als ob sie siegen könnten.

Wie es aber in ihnen aussieht, das erfahren wir sofort, wenn wir sie wieder vor uns haben; im Lager von Sardes in Kleinasien ist es. Die Kraft ihrer Nerven ist nahe am Ende; sie haben sich lange nicht gesehen, haben in verschiedenen Teilen des Landes operiert, Botschaften, die hin und her gingen, haben sie in ihrer verzweifelten Lage gegen einander erbittert, und nun, wo sie zusammenkommen, bricht leidenschaftlicher Streit aus. Der Gegensatz der beiden Naturen und ihrer Beziehung zu ihrer Lage offenbart sich; Brutus hat Cassius mannigfache Praktiken zweifelhafter und unsauberer Art vorzuwerfen; Cassius beklagt sich bitter, daß Brutus seinen politischen und militärischen Maßnahmen fortwährend hindernd in den Weg tritt. Es ist nun zu sagen, daß Brutusein ideales Ganze geschaut hat und es im wahren Sinne des Wortes mit einem Schlag, mit dem Schlag, der Cäsar traf, herstellen wollte. Es ging aber nicht so, Cassius hatte es vorausgesehen, hatte allerdings auch — zu dem guten Zweck — das unheilige Mittel angewandt, Brutus über die Lage zu täuschen. Wie auch immer, sie waren nun auf den Weg der Politik und des Krieges gedrängt worden, hatten ihn beschritten, und wer darin nur reine und edle Mittel anwendet, ist ein Edler, ist Brutus; wer aber auch andre nicht verschmäht, ist ein Politiker wie Cassius. Ohne Unreinheit vielfacher Art ist weder Politik noch Krieg irgend möglich; und wenn es Cassius’ Schuld ist, daß er ein Politiker ist, so ist es Brutus’ Verhängnis oder Schuld, daß er, ohne es zu sein, sich in die Politik begeben hat. Darum, weil Cassius hie und da völlig Schmutziges tut oder duldet, ist er noch durchaus kein Unedler. Wie denn könnten wir — wir heute gar! — nur einen Augenblick das Leben ertragen, wenn wir die Menschen, das geheime Sein, das Wesen, die wahre Art, die Möglichkeiten der Menschen nach dem beurteilen müßten, was sie in ihrer Rolle tun! Das zumal lernen wir in tiefster Seele von Shakespeare: so gar, so unsäglich, so unendlich viel birgt die Wahrheit unsres schlechtweg unergründlichen Innern, und so gar, so unsäglich, so unendlich viel geben wir den äußern Anforderungen der Verhältnisse in unserm Verhalten nach, daß keiner uns kennt, keiner uns gerecht wird, der uns nach unserm Tun beurteilt. Wonach aber, wonach in aller Welt soll man die Menschen beurteilen, wenn nicht nach dem Tun? Die Antwort ist längst gegeben, und es gibt keine andre: Richtet nicht! Nach unsrer Liebe, die ihre Phantasiekraft ins Innere der andern hineinschickt und sie sieht, als wären wir sie, wir in unsrer schwächsten oder in unsrer schönsten Stunde, danach mit den Menschen umzugehn wäre das Beste.

Zu liebevoller Nachsicht oder nur zu liebenswürdigen Formen sind die beiden großen Römer in dieser Stunde nichtgleich imstande. Sie leiden unter der noch nicht recht klar bewußten Stimmung, daß alles verloren ist, sie selber und mit ihnen ihre hohe Sache. Aber nachdem sie sich böse Dinge gesagt und sich durch den Zorn erleichtert haben, ebbt es ab, sie schämen sich, sie kommen einander entgegen, sie klären Mißverständnisse, an denen die Entfernung schuld war, auf und versöhnen sich schließlich von ganzem Herzen. Und dann läßt Brutus Wein bringen, und sie sitzen noch für einen Augenblick beisammen. Und nun erst, wo sie einander wieder ganz gut sind, erfahren wir, die wir vorher doch über den so veränderten, so dem Affekt nachgebenden Brutus gestutzt hatten, was Entsetzliches in ihm bohrt. Hier wird Shakespeare ganz anbetungswürdig, und wer seine innig schöne Seele nicht zu lieben verstünde, hier müßte er’s lernen und könnte knien vor diesem Menschen.

Ihre Seelen haben sich nun entspannt; es kommt Erleichterung, kommt so etwas wie Heiterkeit in Schwermut, kommt das Gespräch.

Cassius

Cassius

Cassius

Cassius

Könnt Ihr so zornig sein? Das dacht’ ich nicht.

Könnt Ihr so zornig sein? Das dacht’ ich nicht.

Könnt Ihr so zornig sein? Das dacht’ ich nicht.

Könnt Ihr so zornig sein? Das dacht’ ich nicht.

Brutus

Brutus

Brutus

Brutus

O Cassius, ich bin krank an manchem Gram.

O Cassius, ich bin krank an manchem Gram.

O Cassius, ich bin krank an manchem Gram.

O Cassius, ich bin krank an manchem Gram.

Cassius

Cassius

Cassius

Cassius

Ihr wendet die Philosophie nicht an,Die Ihr bekennt, wenn Ihr der Stimmung nachgebt.

Ihr wendet die Philosophie nicht an,Die Ihr bekennt, wenn Ihr der Stimmung nachgebt.

Ihr wendet die Philosophie nicht an,Die Ihr bekennt, wenn Ihr der Stimmung nachgebt.

Ihr wendet die Philosophie nicht an,

Die Ihr bekennt, wenn Ihr der Stimmung nachgebt.

Brutus(ganz still)

Brutus(ganz still)

Brutus(ganz still)

Brutus(ganz still)

Kein Mensch trägt Leiden besser. — Portia ist tot.

Kein Mensch trägt Leiden besser. — Portia ist tot.

Kein Mensch trägt Leiden besser. — Portia ist tot.

Kein Mensch trägt Leiden besser. — Portia ist tot.

Cassius(schreit)

Cassius(schreit)

Cassius(schreit)

Cassius(schreit)

Ha! Portia!

Ha! Portia!

Ha! Portia!

Ha! Portia!

Brutus

Brutus

Brutus

Brutus

Sie ist tot.

Sie ist tot.

Sie ist tot.

Sie ist tot.

Cassius

Cassius

Cassius

Cassius

Lag das im Sinn Euch, wie entkam ich lebend?

Lag das im Sinn Euch, wie entkam ich lebend?

Lag das im Sinn Euch, wie entkam ich lebend?

Lag das im Sinn Euch, wie entkam ich lebend?

So, in diesem Zusammenhang, erfahren wir Portias Tod; wir hatten nichts mehr von ihr gehört, seit sie in fieberhafterErregung und Angst an den Iden des März auf der Straße stand und auf Nachricht wartete. Plutarch, der alles in gehöriger oder ungehöriger Folge der Geschehnisse oder der moralischen Lehren aneinander reiht, erzählt ihr Ende, wie er eben dran kommt; bei Shakespeare erleben wir’s so.

Und wie erhellen die beiden einander in diesem Augenblick! Brutus, der alles nach innen, tief hinunter ins Schweigen drängt, sich immer noch mehr und noch mehr komprimiert und endlich, ein einziges Mal, da er allzu viel geladen hat, platzt; und Cassius, der, wie er’s erfährt, wie vor einem Wunder steht: er ist ja gerade der Künstler der Äußerung, wie Brutus des Schweigens; Portia ist tot, ich hab’ ihn aufs äußerste gereizt, und ich lebe noch! er hat mich nicht erwürgt?

Man meint, dies wäre ein letzter Höhepunkt; aber bei Shakespeare geht’s immer noch höher hinauf und wir halten’s aus. Kaum eine andre Szene bei Shakespeare ist so geheimnisvoll, so ahndevoll, so schwermütig, aber auch so kunstvoll aufgebaut wie diese: der Zwist der beiden Freunde, die bis an die Grenze der Menschheit zusammen gegangen sind — Portias Tod überwältigend mitgeteilt als Erklärung für den Zustand, in dem wir Brutus’ Gemüt gesehen haben — dann, um uns durch Einfacheres zu beruhigen, der Kriegsrat, der uns in einer nicht so geweihten Zone berührt, aber äußerst interessiert; denn wie liebenswürdig zuvorkommend sind nun Cassius und Brutus gegen einander, und wie geschieht gerade dadurch von neuem ein großer Fehler, der entscheidende, der das Ende herbeiführt: Cassius gibt dem Brutus in einer strategischen Sache von entscheidender Wichtigkeit, die er viel richtiger beurteilt, nach, und so wird der Beschluß gefaßt, nicht in Erwartung des Feindes zu verharren und sich zu verstärken, sondern ihm mit der Kühnheit, die Brutus, wenn er handelt, immer und jetzt, in seiner Seelenverfassung, erst recht braucht, bis Philippi entgegenzuziehen und dort die Entscheidung zu suchen. Darüber ist es spät geworden;Cassius und die andern Heerführer verlassen Brutus’ Zelt; noch klingt uns sein „Gute Nacht, mein guter Bruder“ im Ohr, mit dem er sich von Cassius verabschiedet; nun ist Brutus allein mit den treuen Seelen, die ihn bedienen; wie gut ist er zu ihnen, wie entschuldigt er sich bei dem Knaben Lucius, daß auch der einmal unter seinen Nerven ein bißchen hat leiden müssen; er läßt sich von ihm ein Lied zur Laute singen, der Knabe schläft darüber ein; Schlaf liegt über dem ganzen Heerlager; Brutus wacht.

Da tritt eine erschreckende Erscheinung, ein gewaltiger Dämon ins Zelt. Er ist als nichts Bestimmtes zu erkennen, nicht einmal der Art nach.

Die Zwischenbemerkung, die von der ersten, der Nachlaßausgabe an durch, soviel ich weiß, alle Ausgaben und Übersetzungen geht: „Es tritt auf der Geist Cäsars“, stammt, wie so ziemlich alle diese Bemerkungen, die meist richtig sind, nicht von Shakespeare. Diesmal ist sie sehr irreführend. Shakespeare folgt an dieser Stelle Plutarch ganz getreu. Da heißt es: „Brutus sah nach dem Eingang hin und erblickte eine seltsame, fürchterliche Gestalt von ungeheurer Größe, die schweigend neben ihm stand.“ Doch hatte er das Herz zu fragen: „Wer bist du? ein Mensch oder ein Gott? zu welchem Ende kommst du zu uns?“ Die Erscheinung antwortete: „Ich bin, Brutus, dein böser Genius, bei Philippi wirst du mich wiedersehen.“ Ohne sich zu entsetzen, erwiderte Brutus: „Gut, ichwerdedich sehen.“

Genau dem entspricht das Gesicht, die Anrede und Antwort bei Shakespeare:

Ich glaub’, es ist die Schwäche meiner Augen

Ich glaub’, es ist die Schwäche meiner Augen

Ich glaub’, es ist die Schwäche meiner Augen

Ich glaub’, es ist die Schwäche meiner Augen

[Wir dürfen denken: von den vielen durchwachten Nächten],

Die diese schreckliche Erscheinung schafft.Sie kommt mir näher — Bist du irgend was?Bist du ein Gott

Die diese schreckliche Erscheinung schafft.Sie kommt mir näher — Bist du irgend was?Bist du ein Gott

Die diese schreckliche Erscheinung schafft.Sie kommt mir näher — Bist du irgend was?Bist du ein Gott

Die diese schreckliche Erscheinung schafft.

Sie kommt mir näher — Bist du irgend was?

Bist du ein Gott

[eigentlich: einer der Götter,some god, und so auch im weitern],

ein Engel oder Teufel,Der starren macht mein Blut, das Haar mir sträubt?Gib Rede, was du bist!

ein Engel oder Teufel,Der starren macht mein Blut, das Haar mir sträubt?Gib Rede, was du bist!

ein Engel oder Teufel,Der starren macht mein Blut, das Haar mir sträubt?Gib Rede, was du bist!

ein Engel oder Teufel,

Der starren macht mein Blut, das Haar mir sträubt?

Gib Rede, was du bist!

Die Antwort der Erscheinung übersetzt Schlegel:

Dein böser Engel, Brutus;

Dein böser Engel, Brutus;

Dein böser Engel, Brutus;

Dein böser Engel, Brutus;

Engel, weil er ein zweisilbiges Wort braucht; es heißtspirit: Dein böser Geist; Engel darf hier nicht gesagt werden, weil ja eben die Frage war: bist du aus dem Bezirk der Götter, der Engel oder der Teufel? Und die Erscheinung erwidert, als sagte sie: Ich bin keins von den dreien; ich bin dein böser Genius, Brutus.

Und nun weckt Brutus den Knaben im Zelt — „Die Saiten sind verstimmt“, mit diesen ahndevoll schweren Worten erwacht er — und die andern Diener und stellt fest, daß niemand außer ihm die Erscheinung bemerkt hat. Er ist sofort entschlossen, an dem Plan, nach Philippi hinüberzuziehen, nichts zu ändern; am Morgen soll aufgebrochen werden.

Nicht die sichtbare Anschauung, sondern allein des Brutus eigne düstere Auslegung im Gemüt sagt ihm — bei Shakespeare —, was er dann bei Philippi, nachdem die Erscheinung tatsächlich wiedergekehrt ist, ausspricht. Da sieht er: alles ist vorbei; die Freiheit war ein schöner Traum, sie ist nicht wieder herzustellen; hier liegt Cassius vor ihm, von eigener Hand getötet, und so wie Cassius im Augenblick seines Freitods aus heller Einsicht in den Zusammenhang heraus gerufen hatte:

Cäsar, du bist gerächtUnd mit demselben Schwert, das dich getötet!

Cäsar, du bist gerächtUnd mit demselben Schwert, das dich getötet!

Cäsar, du bist gerächtUnd mit demselben Schwert, das dich getötet!

Cäsar, du bist gerächt

Und mit demselben Schwert, das dich getötet!

so erkennt Brutus jetzt in Worten der Klarheit:

O Julius Cäsar! du bist mächtignoch!DeinGeist geht um und kehret unsre SchwerterIn unser eignes Eingeweide.

O Julius Cäsar! du bist mächtignoch!DeinGeist geht um und kehret unsre SchwerterIn unser eignes Eingeweide.

O Julius Cäsar! du bist mächtignoch!DeinGeist geht um und kehret unsre SchwerterIn unser eignes Eingeweide.

O Julius Cäsar! du bist mächtignoch!

DeinGeist geht um und kehret unsre Schwerter

In unser eignes Eingeweide.

Und erst daraufhin, ein paar Szenen weiter, trotz allem hat er kühn weiter gekämpft, jetzt aber, wo alles verloren ist, sucht er reihum einen Freund und Diener, der bereit ist,ihm beim Freitod zu helfen — jetzt deutet sich ihm sein nächtliches Erlebnis, das sich — wir sahen’s nicht — wieder zur Nachtzeit im Lager vor Philippi wiederholt hat; jetzt versteht seine Erkenntnis, was sich da als Verkündung vor sein Gemüt gestellt hat.

Er deutet, er begreift, er sagt die überwältigend schwere Geschichtswahrheit im Bilde: dieser mein böser Genius, der da vor mich trat, das war der Geist, das war der gespenstisch in der Welt, in der Menschheit, wer weiß, für wie lange nunmehr noch weiterlebende Geist Cäsars, den ich, Brutus, umbringen zu können vermeinte und der nun mich und die Freiheit der Welt vernichtet; diesmal heißt es zum erstenmal:the ghost of Cæsar, Cäsars Gespenst:

Der Geist des Cäsar ist zu zweien MalenMir in der Nacht erschienen — —Ich weiß, daß meine Stunde kommen ist.

Der Geist des Cäsar ist zu zweien MalenMir in der Nacht erschienen — —Ich weiß, daß meine Stunde kommen ist.

Der Geist des Cäsar ist zu zweien MalenMir in der Nacht erschienen — —Ich weiß, daß meine Stunde kommen ist.

Der Geist des Cäsar ist zu zweien Malen

Mir in der Nacht erschienen — —

Ich weiß, daß meine Stunde kommen ist.

Klassisch ist diese Römertragödie: kurz und fest, lakonisch, römisch in der Sprache; es ist selten Zeit zu lyrischem Verweilen; ein in die Breite und Tiefe ungeheuer wallender Stoff ist meisterhaft geballt, verteilt und gebändigt, und hier gelang aufs reichste und eindringlichste die Verwandlung der Geschehnisse ins Drama. Es ist bekannt, wie Goethe einmal in einem Wort, das sehr ernst genommen werden soll, behauptet hat, die Bedeutung der Stücke Shakespeares liege nicht in der dramatischen Handlung, sondern in der Sprache. Wahr ist, daß Shakespeare darauf ausging, das Innerste der Menschen, vor allem das geheime Triebleben so lange anzubohren, bis es spritzend sich als Sprache ergoß; wahr ist, daß oft die Handlung nur als Mittel dient, die Gestalten sich gegenseitig aufschließen und beleuchten zu lassen; wahr ist auch, daß überall da, wo der Geist den Trieb überwindet und leuchtend über ihm steht, dieser Geist das Wort ist, das Wort, das beflügelt, licht, verklärt, still über dem wilden Chaos der Affekte sich in Schwebe hält. Wahrist aber auch, daß Shakespeare dazu noch ein Meister der dramatischen Situation ist. In diesem Drama nun findet sich all das, was Shakespeares Bedeutung ausmacht, beisammen und hält sich gegenseitig in Ausgeglichenheit die Wage. Sechs Hauptpersonen, Cäsar, Brutus, Cassius, Portia, Antonius und das römische Volk beleuchten und erschließen einander in unser innerstes, fühlendes Verstehen hinein; wir erfassen die öffentlichen Zustände und Handlungen und das große Leben der Geschichte in der intimsten Verborgenheit der Einzelseelen; und wir verkehren hier in Brutus, Portia und Cassius in verschiedenen Abstufungen mit erhabenen Seelen, deren Triebkraft Ideen sind, deren Tapferkeit und Aktivität aus dem Wort, das ihnen Gesetz geworden ist, aus der Gesinnung, aus der Erkenntnis, daß das Leben des einzelnen keinen Pfifferling wert ist, wenn es nicht im Dienst der Sache, der Menschheit steht, aus dem Geiste immerzu ihre Nahrung zieht. Und all diese ergreifende, beglückende, erhöhende Schau ins Innere der Menschen und der Geschichte ist umgesetzt in dramatische Situation, in eine ungeheure Lebendigkeit für unsre Sinne; es ist uns bei alledem, als lebten wir nur in der Außenwelt, in Zusammenstößen, Gegensätzen, Eruptionen und Katastrophen: gleich zu Beginn die Revolutionsstimmung und leidenschaftlich demagogische Gebärde im Auftreten der Volkstribunen — das Luperkalienfest mit seinen mannigfachen Zusammenstößen und den Vorgängen auf und hinter der Bühne — die Nacht des Entsetzens mit Cassius’ leidenschaftlichem Ausbruch — in derselben Nacht die Verschworenen vermummt in Brutus Garten, und dann, die Turmuhr hat eben drei geschlagen, Brutus’ innig leidenschaftliches Gespräch mit Portia — Cäsars Ermordung auf dem Kapitol in Anwesenheit des im ersten Aufruhr unbewegt würdevoll oben sitzenden und dann in Panik grotesk auseinanderstiebenden Senats — der Diener des Octavius, der dem Antonius eine Botschaft bringt und mitten in der Rede erschüttert, herzerschütterndabbricht, weil er bei einem verlorenen Seitenblick Cäsar tot daliegen sieht:

Oh! Cäsar!

Oh! Cäsar!

Oh! Cäsar!

Oh! Cäsar!

— unmittelbar anschließend die gewaltigen Volksszenen auf dem Forum, die Rede des Brutus, die des Antonius an Cäsars Bahre, wo die Rede ganz und gar zur sinnlich greifbaren Aktion wird — die große Szene im Zelt des Brutus, wo die Tonleiter des Menscheninnern so vollkommen durchgespielt wird und doch alles bewegteste, völlig leibliche Aktion ist — die wechselnden Situationen der Schlacht von Philippi, der verhängnisvolle Zufall, der über Cassius die letzte Verzweiflung bringt, unerwartet die Handlung, die schon auf dem Gipfel scheint, noch höher hinauftreibt — wie ein Meteor aufsteigend und verlöschend als Mitstreiter der republikanischen Helden der junge Cato, ein Zeichen, daß der Geist, der Brutus und Cassius erfüllt, mit ihnen und ihren Getreuen denn doch nicht sterben soll — der Freitod des Cassius, des Titinius, des Brutus — und schließlich die Apotheose des Brutus aus dem Mund des Antonius:

Dies war der beste Römer unter allen — — —Sanft war sein Leben, und die ElementeIn solcher Mischung in ihm, daß NaturAufstehen durfte und der Welt verkünden:Dies war ein Mann!

Dies war der beste Römer unter allen — — —Sanft war sein Leben, und die ElementeIn solcher Mischung in ihm, daß NaturAufstehen durfte und der Welt verkünden:Dies war ein Mann!

Dies war der beste Römer unter allen — — —Sanft war sein Leben, und die ElementeIn solcher Mischung in ihm, daß NaturAufstehen durfte und der Welt verkünden:Dies war ein Mann!

Dies war der beste Römer unter allen — — —

Sanft war sein Leben, und die Elemente

In solcher Mischung in ihm, daß Natur

Aufstehen durfte und der Welt verkünden:

Dies war ein Mann!

Sanft war sein Leben! — Lassen wir’s in diesem Punkt nur bei der schönen Übersetzung Schlegels; aber fügen wir hinzu, daß es im Original heißt:

His life was gentle,

His life was gentle,

His life was gentle,

His life was gentle,

und daß das sanft und adlig in einem bedeutet — derselbe Ausdruck, den Ben Jonson in dem Widmungsgedicht der Gesamtausgabe von Shakespeare gebraucht, den er persönlich gut gekannt hat:Gentle Shakespeare!

Adlig sanft war Brutus und doch eine Naturkraft, ein Mann und ein Held.

Auch in Antonius, wir haben es gesehen, sind die Elemente gemischt — wie vielfältig und seltsam, als Bild einer untergehenden Welt des Adels, das werden wir später noch sehen. Denn der Antonius, den in wesentlich anderm Stil, im Stil seiner letzten Periode, Shakespeare in Antonius und Cleopatra behandelt hat, ist genau derselbe Mensch, und wir werden dabei sein, wie der Sieger über Brutus weiterlebt und untergeht.


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