Ich kann geduldig sein,
Ich kann geduldig sein,
Ich kann geduldig sein,
Ich kann geduldig sein,
sagt er und fühlt vielleicht, daß ihm die Tugend bisher vor allem gefehlt hat; im Zusammenhang heißt es, Goneril solle sich bessern, auch wenn sie lange dazu brauche, er wolle es abwarten und einstweilen
bei Regan bleibenMit meinen hundert Rittern.
bei Regan bleibenMit meinen hundert Rittern.
bei Regan bleibenMit meinen hundert Rittern.
bei Regan bleiben
Mit meinen hundert Rittern.
Aber die Töchter sind von dieser rührenden Wandlung nicht im mindesten ergriffen; Regan beharrt darauf, ihn jetzt nicht zu sich zu nehmen; im übrigen erklärt sie nun fünfundzwanzig Ritter für genug. Er winselt beinahe, er flüstert:
Ich gab euch alles,
Ich gab euch alles,
Ich gab euch alles,
Ich gab euch alles,
und wie nun Regan auf ihrer Entscheidung beharrt, tut der alte Mann, dem mit seinen Rittern sein Selbstbewußtsein genommen werden soll, das ganz überraschende: um dies äußere Zeichen seiner Würde behalten zu dürfen, gibt er in kindischer Gesunkenheit die innere preis und erklärt, er wolle nun zu Goneril gehen; die läßt ihm doch fünfzig! Aber nun haben die Töchter genug: sie werden schon für seine Bedienung sorgen, er braucht keine zehn, keine fünf, keinen einzigen!
Wozu ist einer not?
Wozu ist einer not?
Wozu ist einer not?
Wozu ist einer not?
Not? Dabei stutzt er. In der Tat, in Not ist er nicht und braucht es auch künftig nicht zu sein. Aber seine Würde, seinen Luxus, seine Hoheit wollen sie ihm nehmen, demütigen wollen sie ihn. Eindringlich, aber immer noch still hebt er an:
Beklügelt nicht die Not! Der ärmste BettlerHat bei der größten Not noch Überfluß...
Beklügelt nicht die Not! Der ärmste BettlerHat bei der größten Not noch Überfluß...
Beklügelt nicht die Not! Der ärmste BettlerHat bei der größten Not noch Überfluß...
Beklügelt nicht die Not! Der ärmste Bettler
Hat bei der größten Not noch Überfluß...
Und nun wechselt es in ihm zwischen Bitten und Zorn; zwischen Nichtweinenwollen, Weinen, Seufzen und Drohen; die Hitze steigt auf, es zerbricht etwas; er erträgt’s nicht; er will vor diesen Töchtern hier nicht mehr, nicht noch einmal ausbrechen; er stürzt hinaus; eben zieht das Unwetter am Himmel auf. Noch einen Blick hat er in die Runde geworfen, wie auf der Suche nach einem Menschen, nach einer Stütze, nach einem Freund; er fand ihn auch: den Narren.
O Narr, ich werde wahnsinnig!
O Narr, ich werde wahnsinnig!
O Narr, ich werde wahnsinnig!
O Narr, ich werde wahnsinnig!
Das war in diesem Kreis sein letztes Wort. Die bleiben doch etwas bestürzt zurück; und vielleicht würde gar derharte Eigensinn der Töchter erweicht; aber nun tritt eine noch größere Brutalität hervor: Regans Mann Cornwall. Er befiehlt, während der Sturm zu brausen anfängt, die Tore zu schließen. Kleinlaut versichern die Schwestern einander, für den alten Mann wäre hier schon Platz gewesen, aber nicht für sein Gefolge; an Cornwalls Haltung indessen werden sie wieder energisch; der Alte soll nur für seinen Unverstand büßen; schafft er sich selber Kränkungen und Beschwerden, so sollen die seine Schullehrer sein! Die Tore müssen jedenfalls geschlossen werden; wer weiß, wessen man sich sonst von seinem wilden Gefolge, das nun so gut wie entlassen und verzweifelt ist, zu versehen hätte? Um die aber kümmert sich der kranke, tobende Mann nun gar nicht mehr, und sie, mit Ausnahme eines einzigen Getreuen, um ihn auch nicht; sie werden schleunig weiter geritten sein und eine Herberge gefunden haben.
Lear, seinen Narren und den Knecht, der Kent ist, treffen wir im tosenden Wettersturm wieder nachts auf der Heide. Er ist, nachdem er sich so lange gewaltsam unterdrückt hat, in einer Leidenschaft, die sich wollüstig mit dem Orkan mißt. Ah! sich auslassen zu dürfen! Welch königliches Herrengefühl, Grund zum Toben zu haben! Recht, recht so, ihr Stürme und Wetterschläge, Undankbarkeit ist auf diesem Erdenball eingesät; zertrümmert ihn! Das ist noch bacchantische Raserei der Leidenschaft; aber zwischendurch zuckt die Logik des Wahnwitzes auf. Auch ihn, den alten, preisgegebenen Mann, dürfen die Elemente treffen, sie haben die Erlaubnis, dürfen ihn zausen und schlagen nach Herzenslust: sie sind ja nicht seine Töchter! Und so apostrophiert er den Regen, den Donner, den Blitz:
Ich gab euch nie ein Reich, nannt’ euch nicht Kinder!
Ich gab euch nie ein Reich, nannt’ euch nicht Kinder!
Ich gab euch nie ein Reich, nannt’ euch nicht Kinder!
Ich gab euch nie ein Reich, nannt’ euch nicht Kinder!
Und dann besinnt er sich, die Logik ist willfährig, man kann die Sache auch von der andern Seite ansehn: es ist doch unrecht von den Elementen; sie benehmen sich wie die „knechtischen Helfershelfer der verruchten Töchter“, und nungeht ihm eine ganz neue Gedankenreihe auf. Es denkt in ihm: wenn’s nach der Gerechtigkeit zuginge in der Natur, wer dürfte getroffen werden? Er nicht; er gewiß nicht; ganz andern müssen die Götter so begegnen: den verborgenen Verbrechern, den Meineidigen, den Mordlustigen. Und wir gedenken dabei der Greuel, die im Hause Gloster im Gange sind. Er aber, Lear?
Ich bin ein Mensch, an dem man mehrGesündigt, als er sündigte.
Ich bin ein Mensch, an dem man mehrGesündigt, als er sündigte.
Ich bin ein Mensch, an dem man mehrGesündigt, als er sündigte.
Ich bin ein Mensch, an dem man mehr
Gesündigt, als er sündigte.
Und er fängt an, sich noch tiefer zu besinnen, wie’s in der Welt zugeht; er wird liebevoller als je zuvor gegen den armen Narren, der gleich ihm selber, aber nur aus Liebe zu ihm, friert:
Mein armer Narr, mir blieb vom Herzen nur Ein Stück, das ist betrübt um dich.
Mein armer Narr, mir blieb vom Herzen nur Ein Stück, das ist betrübt um dich.
„Obdachlose Armut!“ Das bohrt nun immer in ihm weiter, daß es so etwas in der Welt gibt, nicht bloß ein Verzicht auf Eitelkeiten, nein, ganz wirkliche Not, völlige Entbehrung, ein Leben wie das, dem er sich in der Raserei dieser Nacht ausgesetzt hat. In keinem Augenblick denkt er praktisch, was nun von jetzt an aus ihm werden soll; ganz andre Dinge hat er auszumachen; wir sehen, wie sich hinter seiner eiteln, äußerlichen Hoheit letzte Vornehmheit verborgen hat; er muß mit dem Allgemeinen, mit den Zuständen dieser Erde, mit der Weltordnung fertig werden; das ist nun in ihm aufgekeimt, was vorher der eigenwillige Triebmensch ganz beiseite liegen ließ.
Sie nähern sich einer armseligen Hütte, die Kent ausfindig gemacht hat; aber vergebens zunächst fordert dieser treue Knecht den Herrn auf, sich darin zu bergen. Solche Sorge dünkt ihn gemein; was tut ihm alles Unwetter da draußen im Vergleich mit dem Sturm in seiner Seele? Doch ist er nicht mehr zu festen Entschlüssen imstande; und sowie er sich hoch aufrichten will und auf die Bestrafung der ruchlosen Töchter sinnt, bricht einer in ihm zusammen, und dieTränen stürzen vor. Ja, er wird schon hineingehn; er wird zu schlafen versuchen; der gute Narr, der nicht von ihm gewichen ist, soll nur vorausgehn; er will erst unter freiem Himmel, für sich allein, sein Gebet verrichten.
Was der König aber jetzt betet, ist eben diese Erinnerung an die, zu deren Schicksalsgenossen er sich in dieser Nacht gemacht hat:
Ihr armen nackten Elenden, wo ihr seid,Die ihr dies mitleidlose Wetter duldet,Wie soll eu’r bloßes Haupt, eu’r magrer Leib,Durchlöcherte Zerlumptheit euch beschützenVor solchem Sturm wie der? — O, nicht genugBedacht’ ich das! — Nimm dir’s zur Lehre, Pomp,Nur einmal fühle, was der Arme fühlt,Daß deinen Überfluß auf ihn du schüttestUnd zeigst: es gibt Gerechtigkeit im Himmel!
Ihr armen nackten Elenden, wo ihr seid,Die ihr dies mitleidlose Wetter duldet,Wie soll eu’r bloßes Haupt, eu’r magrer Leib,Durchlöcherte Zerlumptheit euch beschützenVor solchem Sturm wie der? — O, nicht genugBedacht’ ich das! — Nimm dir’s zur Lehre, Pomp,Nur einmal fühle, was der Arme fühlt,Daß deinen Überfluß auf ihn du schüttestUnd zeigst: es gibt Gerechtigkeit im Himmel!
Ihr armen nackten Elenden, wo ihr seid,Die ihr dies mitleidlose Wetter duldet,Wie soll eu’r bloßes Haupt, eu’r magrer Leib,Durchlöcherte Zerlumptheit euch beschützenVor solchem Sturm wie der? — O, nicht genugBedacht’ ich das! — Nimm dir’s zur Lehre, Pomp,Nur einmal fühle, was der Arme fühlt,Daß deinen Überfluß auf ihn du schüttestUnd zeigst: es gibt Gerechtigkeit im Himmel!
Ihr armen nackten Elenden, wo ihr seid,
Die ihr dies mitleidlose Wetter duldet,
Wie soll eu’r bloßes Haupt, eu’r magrer Leib,
Durchlöcherte Zerlumptheit euch beschützen
Vor solchem Sturm wie der? — O, nicht genug
Bedacht’ ich das! — Nimm dir’s zur Lehre, Pomp,
Nur einmal fühle, was der Arme fühlt,
Daß deinen Überfluß auf ihn du schüttest
Und zeigst: es gibt Gerechtigkeit im Himmel!
Was für eine große neue Erkenntnis diesem König da an der Grenze des Wahnsinns kommt! Das ist die Gerechtigkeit im Himmel, die man selber auf Erden übt! Damit, daß man hier auf Erden reichlich seinen Überfluß auf die Armen schüttet, zeigt man, daß im Himmel gerechte Mächte walten. Weit ist er jetzt davon entfernt, die Extragötter anzurufen, die ihm persönlich helfen sollen; und doch hätte er’s nie nötiger gehabt. Aber er hat schon viel gelernt; hat zu denken gelernt und damit zu fühlen und gut zu sein.
Und in diesem Augenblick, wo er von seinem Elend absieht auf die vom Schicksal Verstoßenen auf dem weiten Erdenrund, tritt aus der Hütte, die sie leer geglaubt hatten, das nackte Elend leibhaftig: ein nackter Bettler, toll, besessen, von allen Teufeln verfolgt, wahnsinnig. Wir wissen: es ist Edgar Gloster, der sich vor seinem Vater und seinem Bruder bergen muß, der von Cornwall geächtet ist; das Elend ist echt, der Wahnwitz ist angenommen, wie umgekehrt Lear ganz dicht am Wahnsinn steht, im Elend nur, weil er’s zur Stunde nicht anders will und erträgt.
Bei diesem Anblick schließt der Wahnsinn, das tolle Zwangsspiel mit dem Wahnsinn: den müssen undankbare Töchter so weit gebracht haben; was sollte einen sonst um den Verstand bringen? Die beginnende Erkenntnis aber, die im Fieber des Deliriums arbeitet, bohrt weiter. Sie führt ihn über die Wahrnehmung der Entblößtheit aus sozialen Gründen noch tiefer ins Echte hinein, ins Erfassen des Wesens: aller Pomp ist Schein; das, was da vor ihm steht in der Entblößtheit nicht bloß von Mitteln des Unterhalts, in der Entblößtheit des Leibes, das ist der wahre Mensch in seiner Nacktheit!
Ist der Mensch nicht mehr als das? Betracht’ ihn wohl! — Ha, drei von uns sind verfälscht! Du bist das Ding an sich. Der unverzierte Mensch ist nicht mehr als so ein armes, nacktes, gabelförmiges Tier wie du bist!
Ist der Mensch nicht mehr als das? Betracht’ ihn wohl! — Ha, drei von uns sind verfälscht! Du bist das Ding an sich. Der unverzierte Mensch ist nicht mehr als so ein armes, nacktes, gabelförmiges Tier wie du bist!
Zum ersten Mal achtet der Mann, der sich bisher abends hat aus den Königsgewändern und in sein Nachtgewand helfen, morgens anziehen lassen, in dieser Sturmnacht beim flackernden Schein eines Kienspans auf den nackten natürlichen Menschen und seine Gestalt. Wieder ein Stück Anschauungsunterricht, aus dem er sofort die Lehre zieht:
Fort, fort, erborgter Plunder!
Fort, fort, erborgter Plunder!
Fort, fort, erborgter Plunder!
Fort, fort, erborgter Plunder!
Zur Echtheit will er vordringen; er reißt sich die Königsgewänder ab — und sieht sich dabei in alter Gewohnheit nach den Dienern um, die ihm helfen sollen, sich zu entkleiden! Welch eine Szene! Wo ein Greis im nächtlichen Wettersturm anfängt, Wirklichkeit und Güte zu lernen, aber sein Hirn ist nun so geworden, daß er nur noch in Gestaltensehen und leidenschaftlicher symbolischer Aktion lernen kann. Und der Sturm heult, der Donner tobt, der Regen prasselt, Edgars Vater, der alte Gloster, voller Erbarmen gegen den König, zu mildtätiger Hilfe bereit, die ihm übel bekommen soll, tritt dazu, und Edgar, um sich vor dem Vater, der ihm ein grausamer Verfolger ist, zu verbergen, bricht in tollere Reden aus. Zugleich nimmt Lears immer weiter bohrende Erkenntnis wieder Wahnsinnsform an. Der ihndas gelehrt hat, die Sache zu erkennen, wie sie wirklich ist, bis zur Echtheit des Wesens, bis zur nackten Natur vorzudringen, der ist, nackt und zähneklappernd und irre redend, wie er vor ihm steht, ein edler Philosoph, ein weiser Thebaner, ein hoher Gelehrter. Und kaum sind sie durch Gloster auf einem seiner Pachthöfe unter Dach und Fach gebracht worden, so weiß er genau, wozu ihm dieser Weise, der die Wahrheit mit seinem Leibe kündet und der überdies zwischen Tiefsinn und Unsinn ein Kauderwelsch von sich gibt, aus dem der kranke Sinn des Königs manche Erleuchtung empfängt, zugeführt worden ist: die Töchter sollen vor Gericht gestellt werden! Der nackte Bettler ist ihm, eben weil er nackt ist und keine Falschheit und Verhüllung anhat, „der Mann im Rechtstalar“; der Narr ist der eine Beisitzer, der treue Knecht der zweite. Vors Gericht des Volks und der Wahrheit werden die Königinnen gestellt: der tolle nackte Bettler, der arme Narr, der gute Knecht sind die Richter: alle drei in Wahrheit tief Verkleidete, hinter deren Masken Güte und Ehre wohnt. Und sie, selbst so an die Grenze gerückt, daß das Spiel mit grotesker Phantasie ihnen nahe genug liegt, gehen aus Güte, um ihn zu beruhigen, und aus Tollheit, von der sie sich gern anstecken lassen, darauf ein. Die Töchter sollen vortreten, ein Schemel stellt Goneril vor; wie Lear Regan holt, entwischt sie ihm, seine Gedanken, seine Bilder irren in andre Richtung. Jetzt sieht er eine Hundemeute vor sich, die ihn kläffend verfolgt, die dann wieder die Töchter zu Tode beißt, bis er in Erschöpfung niedersinkt. Und wie der treue Kent ihn bettet, ist er wieder für einen Augenblick der alte König, und nichts von aller Würde und Behaglichkeit ist ihm genommen worden: „Macht keinen Lärm, zieht die Vorhänge zu.“ Er schläft ein.
So läßt ihn Gloster auf einer Sänfte fortbringen; er soll nach Dover, zu Cordelia, zu dem Heer der Franzosen, das dort schon gelandet ist.
In den Wirren des Reichs, die sofort nach König Lears Abdankung eingetreten sind, in den heimlichen Machenschaften zwischen Cornwall und Albanien und beider Feindseligkeit gegen den alten König, hat sich eine Partei zu Frankreich, zu Cordelia geschlagen, deren Rechte in dem Augenblick erwachen, wo die andern Töchter die Vereinbarungen mit ihrem Vater brechen. Kent und Gloster gehören zu dieser Partei. Gloster ist schon in Verbindung mit dem französischen Heer; für Cornwall ist das ärgste Gefahr, und er hat das Recht, es für Hochverrat zu erklären. Was da vorgeht, erfährt er durch Glosters eignen Sohn, den Bastard Edmund, der erst den echten Sohn verjagt hat und nun Graf an seines Vaters Stelle werden will: grauenhaft ist die Rache, die Cornwall nimmt: die Augen werden Gloster aus den Höhlen getreten, gerissen; in der Ekstase des Zorns hatte der alte Mann gerufen, er werde noch sehen, wie die Strafe des Himmels über die grausamen Kinder komme; das war das Wort, das die Art seiner eignen Bestrafung über ihn brachte.
Ein geblendeter Vater war er schon zuvor, wie Lear sein Herr. Und wie Lear im Wahnsinn das Denken lernt, so gehen Gloster nach der Blendung die Augen auf. Bei Dover begegnen die beiden einander wieder: Lear auf der Flucht vor der Tochter, an der er gesündigt hat und deren Anwesenheit er in lichten Momenten ahnt; der andre, Gloster, durch den Tod hindurchgegangen und im äußersten Elend wie zu Ruhe und Frieden auferstanden und wiedergeboren: von der hohen Klippe über Dover hat er sich hinabzustürzen vermeint; aber der echte Sohn Edgar in allerlei fremden Gestalten und mit allerlei Täuschungen hat den blinden Vater gerettet, und wie ein Fluidum der Sanftmut und heilenden Liebe ist es vom verstoßenen Sohn und vom Tod her über den alten Mann gekommen.
Und wir empfinden, wie der Elende, der von hoher Herrlichkeit so hinuntergestürzt ist, als blinder Bettler ergebenam Wege sitzt, sein noch unerkannter Sohn bei ihm, von diesem Vater verstoßen und auch im selbstgewählten nackten Bettlerdasein, wir empfinden in tiefster Seele die alte Weisheit: Es ist alles eitel; alles, was zur innersten Verborgenheit des Wesens als Aufputz und Zierat dazu kommt. Und in diesem Augenblick tritt Lear der König auf; wieder ganz herrisch für diesen Augenblick; und da dem Abgerissenen, der durch Wälder und Felder gerannt ist, der Königsornat fehlt, hat er sich mit Blumen ausgeschmückt. Der Wahnsinn hängt nun dicht und schwer über ihm; aber auch in dieser lastenden Wolke verfolgt er sein seltsames Lernen weiter. Zum König hat er sich jetzt wieder gemacht, um lebendig in seinen einstigen Zustand zurückgreifen zu können und mit besserer Einsicht sein Königserlebnis mit den Menschen zu wiederholen. Wie hatten sie ihm die Welt mit Schmeicheleien verhüllt; „Ja“ und „Nein“ zugleich zu allem gesagt, was er vorbrachte!
Ja und Nein dazu, das war keine gute Religion! Als der Regen kam, mich zu durchnässen, und der Wind, mich schaudern zu machen; als der Donner nicht einhalten wollte auf meinen Befehl, da fand ich sie, da witterte ich sie aus.
Ja und Nein dazu, das war keine gute Religion! Als der Regen kam, mich zu durchnässen, und der Wind, mich schaudern zu machen; als der Donner nicht einhalten wollte auf meinen Befehl, da fand ich sie, da witterte ich sie aus.
Die unerbittlich wahre Natur, die außer der Sprache ihrer Taten nicht noch eine der Bemäntelung und Lüge hat, hat diesen Fürsten, der von Lüge erstickt war, in die Schule genommen. Und nun ist er, der Selbstherrscher, der König von Götter Gnaden, in Not und Wahnwitz zur selben Erkenntnis gekommen wie Richard II. in dem Augenblick, wo man ihn der Macht entkleidete:
Sie sagten mir, ich wäre jedes Ding; ’s ist erlogen;das Fieber ist stärker als ich.
Sie sagten mir, ich wäre jedes Ding; ’s ist erlogen;das Fieber ist stärker als ich.
Sie sagten mir, ich wäre jedes Ding; ’s ist erlogen;das Fieber ist stärker als ich.
Sie sagten mir, ich wäre jedes Ding; ’s ist erlogen;
das Fieber ist stärker als ich.
Nun merkt er die Schranken, die Gleichheit alles dessen, was von Menschenhaut umspannt ist; seine Hand „riecht nach Sterblichkeit“. So hatte es Richard gesehen:
Ihr irrtet euch die ganze Zeit in mir:Wie ihr leb’ ich von Brot, ich fühle Mangel,Ich schmecke Kummer und bedarf der Freunde.So unterworfen, — kann ich König sein?
Ihr irrtet euch die ganze Zeit in mir:Wie ihr leb’ ich von Brot, ich fühle Mangel,Ich schmecke Kummer und bedarf der Freunde.So unterworfen, — kann ich König sein?
Ihr irrtet euch die ganze Zeit in mir:Wie ihr leb’ ich von Brot, ich fühle Mangel,Ich schmecke Kummer und bedarf der Freunde.So unterworfen, — kann ich König sein?
Ihr irrtet euch die ganze Zeit in mir:
Wie ihr leb’ ich von Brot, ich fühle Mangel,
Ich schmecke Kummer und bedarf der Freunde.
So unterworfen, — kann ich König sein?
Und jetzt, wo Lear weiß, was der nackte Mensch ist, jetzt weiß er auch, wie in dieser Welt der Kostüme, der Lüge, der Politik von Würdenträgern, Beamten, Richtern Unrecht geübt wird. Hör’ zu, blinder Mensch im Staub, der du dich freiwillig von der höchsten Klippe hinunterwerfen mußtest, um zu dir selbst zu kommen, hör’ zu, wie dein König auf Elends- und Wahnsinnswegen aus dem Lager seiner politischen Töchter hinweg endgültig zu Cordelia, zur Menschheit, zur Echtheit heimgefunden hat! Was hat er denn selber in seinem Königsornat geübt? Willkür! Laune! Und seine Beamten? Ach, du Blinder, das kannst du merken, ohne zu sehen. Hör’ nur hin, wie der Richter sich über den armseligen Dieb erhebt!
Wechsle die Plätze, dreh die Hand um, horch hin: wer ist der Richter, wer der Dieb?
Wechsle die Plätze, dreh die Hand um, horch hin: wer ist der Richter, wer der Dieb?
Er gewahrt alles in bewegten Bildern, er erlebt die Wahrheit in lebendiger Aktion:
Hast du wohl einmal gesehn, wie ein Pächterhund einen Bettler angebellt hat? — Ja? — Und der Tropf lief vor dem Hund davon? — Da hast du das große Bild der Autorität: einemHundimAmtgehorcht man.
Hast du wohl einmal gesehn, wie ein Pächterhund einen Bettler angebellt hat? — Ja? — Und der Tropf lief vor dem Hund davon? — Da hast du das große Bild der Autorität: einemHundimAmtgehorcht man.
Alles, was er je gesehen, was in seinem Namen geschah, wird in ihm aufgerührt; und zugleich melden sich die Triebe, die ihm sagen: wir Herren, wir Gebieter, wir strafenden Richter und Henker, wir spielen eine Rolle; wir stellen uns an, als wären wir wie unser unbefleckter Mantel, als wären wir unser Amt; und was sind wir in unsrer Wirklichkeit, in unserm Leib? Die scharfe Erkenntnis, die sich im Ton der zugleich unerbittlich logischen und bildkräftigen Prosa geäußert hat, schwingt sich — wie so oft in diesen Szenen Lears — wie zu dichterisch gesteigerter Proklamation auf:
Du Schuft von Büttel, weg die blut’ge Hand!Was schlägst du diese Dirne? Peitsch’ dich selbst!Heiß glühst du, das mit ihr zu tun, wofürDu sie zerschlägst.
Du Schuft von Büttel, weg die blut’ge Hand!Was schlägst du diese Dirne? Peitsch’ dich selbst!Heiß glühst du, das mit ihr zu tun, wofürDu sie zerschlägst.
Du Schuft von Büttel, weg die blut’ge Hand!Was schlägst du diese Dirne? Peitsch’ dich selbst!Heiß glühst du, das mit ihr zu tun, wofürDu sie zerschlägst.
Du Schuft von Büttel, weg die blut’ge Hand!
Was schlägst du diese Dirne? Peitsch’ dich selbst!
Heiß glühst du, das mit ihr zu tun, wofür
Du sie zerschlägst.
Da haben wir in Lears Erkenntnis das Motiv, das sich in Maß für Maß zum Drama ausgestaltet hat.
Der Wuchrer hängt den Gauner.Durch lump’ge Kleider scheint der kleinste Fehl;Ein reich Gewand deckt alles.
Der Wuchrer hängt den Gauner.Durch lump’ge Kleider scheint der kleinste Fehl;Ein reich Gewand deckt alles.
Der Wuchrer hängt den Gauner.Durch lump’ge Kleider scheint der kleinste Fehl;Ein reich Gewand deckt alles.
Der Wuchrer hängt den Gauner.
Durch lump’ge Kleider scheint der kleinste Fehl;
Ein reich Gewand deckt alles.
Die Klarheit, wie’s in der Welt zugeht und was die innere Wahrheit der Dinge ist, kommt jetzt; aber es ist ja zu spät; sein alter Leib hält’s ja nicht mehr aus; sein Geist ist ja dieser fieberhaften Anstrengung nicht mehr gewachsen. Es geht alles wirr und wüst durcheinander; er kann ja schon nicht mehr leben, wo es jetzt in ihm anfängt zu tagen. Manchmal ist er in hoher Erkenntnis und einmal in höchster; da eint sich sein alter Königsstolz mit der erhabnen Einsicht eines Augenblicks; der Ekel hatte ihn übermannen wollen über diese feile, gemeine, verbrecherische Welt der Lüge; aber wenn man erst so nah der Enthüllung ist, braucht’s nur noch einen Schritt; er tut ihn: Der Reiche entgeht dem Speer des Gesetzes; der Arme wird vom Strohhalm eines Zwergs gefällt; schon will er sagen, daß alle, alle Sünder sind; aber königlich hoheitsvoll kommt jetzt die Demut über ihn; wie viel weiter ist er nun in diesem Moment als in der Wetternacht, wo er in der Hütte des armen Toms die Töchter vors Gericht schleppte:
Es sündigt keiner; keiner, sag’ ich, keiner.Ich schütze sie; glaub’, Freund, ich habe Macht,Des Klägers Mund zu stopfen.
Es sündigt keiner; keiner, sag’ ich, keiner.Ich schütze sie; glaub’, Freund, ich habe Macht,Des Klägers Mund zu stopfen.
Es sündigt keiner; keiner, sag’ ich, keiner.Ich schütze sie; glaub’, Freund, ich habe Macht,Des Klägers Mund zu stopfen.
Es sündigt keiner; keiner, sag’ ich, keiner.
Ich schütze sie; glaub’, Freund, ich habe Macht,
Des Klägers Mund zu stopfen.
Was für eine Macht ist das, die da mit all seiner Königshoheit auftritt? Seine Erfahrung im Unglück und in der Herrlichkeit; sein Leben in beiden Reichen: er versteht sich jetzt auf das Leben der Enterbten und auf die Innerlichkeit der Obrigkeiten; er ist ein Mensch geworden, der dasBewußtsein seiner selbst und das Bewußtsein seines Gegenübers zugleich hat; aber o Jammer! nur wie Fetzen blauen Himmels, die die Wolkenschicht mal öffnet, mal schließt, sind diese höchsten Momente; schon im nächsten Augenblick tollt ihn die Verrücktheit wieder in seinen alten Königswahn hinein, und der Monarch ruft ungeduldig, herrisch die Diener herbei, die nicht da sind, ihm schnell die Stiefel auszuziehn! So ist er in dem Augenblick, wo die Abgesandten Cordelias ihn auffinden, in völliger Raserei. Dann aber kommt er in Pflege, in die behutsame, liebevolle Pflege Cordelias und ihres guten Arztes. Der heilt ihn mit Ruhe, mit Schlaf und weckt ihn schließlich mit sanfter Musik. Und nun möchte ich Adalbert Stifter das Wort geben, dessen Schilderung einer Lear-Aufführung am Burgtheater mit Anschütz, die er in seinen „Nachsommer“ verflochten hat, das Schönste ist, was je über diese Tragödie geschrieben wurde:
„Der König erwacht endlich, blickt die Frau an, hat nicht den Mut, die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen, und sagt im Mißtrauen auf seinen Geist mit Verschämtheit, er halte diese fremde Frau für sein Kind Cordelia. Da man ihn sanft von der Wahrheit seiner Vorstellung überzeugt, gleitet er ohne Worte von dem Bette herab und bittet kniend und händefaltend sein eigenes Kind stumm um Vergebung.“
Der Unterricht des alten Mannes ist vollendet: er — jeder Zoll ein König! — hat Demut und Selbstüberwindung gelernt. Wie er die Demut, als er noch in Wahnsinnsform den Wahn seiner Königswut durchbrach, verkündet hatte, so kann er sie jetzt in letzter Klarheit und Würde vor dieser reinen, kindguten, herb wahren Frauengestalt üben, die er geliebt hatte, ohne sie zu kennen, sie, die an seinem Hof die Echtheit, die Natur, die Seelenschönheit repräsentiert hatte.
Und wie hatte er, gerade noch in seiner letzten Raserei, wo alles Verhohlene in ihm aufgewühlt wurde und er zu denletzten Gründen des tierisch Allzumenschlichen vordrang, in wüsten sexuellen Bildern gegen die Weiber gewütet! Die beiden andern Töchter traf’s — wir haben ja ihr aus Herrschaftsgier, aus wonnigem Verlangen nach der Gemeinheit und aus edlerer Sehnsucht gemischtes ehebrecherisches Treiben mit dem Bastard miterlebt, das nun noch weitergeht:
Vom Gürtel niederwärts sind sie Kentauren,Wenn oben gleich ganz Weib.Nur bis zum Gürtel sind sie Götterwohnung,Doch drunter ganz des Teufels...
Vom Gürtel niederwärts sind sie Kentauren,Wenn oben gleich ganz Weib.Nur bis zum Gürtel sind sie Götterwohnung,Doch drunter ganz des Teufels...
Vom Gürtel niederwärts sind sie Kentauren,Wenn oben gleich ganz Weib.Nur bis zum Gürtel sind sie Götterwohnung,Doch drunter ganz des Teufels...
Vom Gürtel niederwärts sind sie Kentauren,
Wenn oben gleich ganz Weib.
Nur bis zum Gürtel sind sie Götterwohnung,
Doch drunter ganz des Teufels...
Es ist eine tiefe Erkenntnis Shakespeares — fast haben wir ihn doch über dem Erleben dieser Gestalten vergessen, die alle seines Geistes, seiner Natur, seiner Kunst Geschöpfe sind —, daß er den Machtkitzel zu allerletzt auf einen Wahn zurückführt, der mit anderm Namen Wollust heißt. So weit die ichsüchtige Lüsternheit sich von ewiger Liebe entfernt, so weit irrt die Herrschgier von der geordneten Eintracht zwischen den Menschen ab; und beides ist dasselbe, derselbe Fehl unsrer schwachen, gemengten Menschennatur: daß wir erraffen und haben müssen, um unsres Ich und der Nächsten sicher zu sein, daß wir haben müssen, um zu sein.
Was in ihm Wutmanier, Herrensinnlichkeit und gebieterisch besitzende, besessene Wollust der Wirklichkeit war, das haben Goneril und Regan, die politischen Schwestern, als Erbe bekommen; Cordelia, ein völlig weiblicher Mensch, hat vom Vater die ursprüngliche gute Anlage, die, da sie aus ihm herauskommen konnte, in ihm von je da war, und die wir an einem Zug gemerkt haben, der dem Vater und seinem Kind gemein ist, von dem wir aber an den Schwestern nicht die kleinste Spur finden: Kindlichkeit. Mit der Kindlichkeit steht alle Reinheit unsrer sexuellen Natur in tiefem Zusammenhang; das mädchenhaft Holde dieser Tochter, die ihrem Vater nicht von ihren Gefühlen zu reden vermochte, ihre Seelenkeuschheit entstammt dieser Unschuld, daß sie alsreifer Mensch und liebende Frau geblieben ist, wie sie als Kind war. Und mit diesem seinem Kinde zusammen wird der Mann, der vordem so oft ein kindischer Wüterich gewesen und dessen unerzogene und verzogene Willkür trotz dem Grundguten seiner Natur der Schlechtigkeit so nah gekommen war, nun, wo’s zum Ende geht, sanft und kindlich. Nicht aber bloß so, wie man im gemeinen Leben von einem sanften und kindlichen Menschen spricht; wir haben schon, als die Wut tobte und die Krankheit verzerrte, gemerkt, daß da ein ungemeiner Mann sich herausarbeiten will; jetzt ist er das Urbild dessen, der überwunden hat, und hat ganz den Geist seiner Haltung. Wie die Schlacht für Cordelia und ihr Heer unglücklich ausgeht und Lear samt seiner Tochter in Gefangenschaft gerät, macht er sich aus diesem Schicksalswechsel gar nichts, nicht einmal für sein Kind; er ist, was er nie hat sein können, fröhlich: in gleichmäßiger Ruhe heiter, gelassen über die Wechselfälle der Ereignisse hinweg:
Wir wollen ins GefängnisUnd wie zwei Vögel in dem Käfig singen.... So woll’n wir leben:Man betet, singt, sagt alte Märchen, lachtDer goldnen Falter, hört wohl armer LeuteGered’ vom Hof und schwatzt wohl selber mit...Wir tun so wichtig mit geheimen Dingen,Als sei’n wir Gottes Späher; überlebenIm Kerker Sekten und der Großen Streit,Was ebbt und flutet mit dem Mond...
Wir wollen ins GefängnisUnd wie zwei Vögel in dem Käfig singen.... So woll’n wir leben:Man betet, singt, sagt alte Märchen, lachtDer goldnen Falter, hört wohl armer LeuteGered’ vom Hof und schwatzt wohl selber mit...Wir tun so wichtig mit geheimen Dingen,Als sei’n wir Gottes Späher; überlebenIm Kerker Sekten und der Großen Streit,Was ebbt und flutet mit dem Mond...
Wir wollen ins GefängnisUnd wie zwei Vögel in dem Käfig singen.... So woll’n wir leben:Man betet, singt, sagt alte Märchen, lachtDer goldnen Falter, hört wohl armer LeuteGered’ vom Hof und schwatzt wohl selber mit...Wir tun so wichtig mit geheimen Dingen,Als sei’n wir Gottes Späher; überlebenIm Kerker Sekten und der Großen Streit,Was ebbt und flutet mit dem Mond...
Wir wollen ins Gefängnis
Und wie zwei Vögel in dem Käfig singen.
... So woll’n wir leben:
Man betet, singt, sagt alte Märchen, lacht
Der goldnen Falter, hört wohl armer Leute
Gered’ vom Hof und schwatzt wohl selber mit...
Wir tun so wichtig mit geheimen Dingen,
Als sei’n wir Gottes Späher; überleben
Im Kerker Sekten und der Großen Streit,
Was ebbt und flutet mit dem Mond...
Man sieht, aus der Welt jeglicher Gier und Macht ist er völlig ausgeschieden; er, dem nichts galt als die Größe, die Herrlichkeit, das Befehlshabertum und der Pomp, ist ein kleiner Mann geworden, einer von den Stillen im Lande, deren Erhabenheit in Lächeln, in Frieden, in Überwindung besteht; ein Armer in jeglichem Sinn, auch in dem der christlichen Mystik: ein freiwillig Armer, ein Abgeschiedener,der nichts hat und nichts will. Aber dieses stille Versickern seines schwachen Lebensrestes in genügsamer Beschaulichkeit ist ihm nicht beschieden; zu tief hat sein früheres Treiben, zumal sein Handel mit den drei Töchtern ihn und die gute Cordelia mit ihm ins Böse, ins Politische, in Krieg und Mord verstrickt. Die sanfte, unpolitische Cordelia hat um seiner und um Britanniens Rettung willen zur Politik und den Waffen greifen müssen, die politischen Schwestern haben, um die Ziele ihrer privaten und öffentlichen Gier durchzusetzen, den Mann immer weiter nach oben gebracht, in dem das böse Prinzip sich verkörpert, den Glosterbastard Edmund, und nun ist es so weit gekommen, daß der Teufel und der Engel in Menschengestalt, Edmund und Cordelia, einander gegenübertreten; der Teufel bekommt, so weit ist’s in diesem Reich des Wahns gediehen, den Engel in die Hand, steht siegreich über ihm und darf ihn umbringen.
Und nun sehen wir noch einmal den rasenden, den brüllenden, den wütenden König Lear; jetzt darf er toben; diesmal geht’s nicht um Eitelkeiten, nicht um ihn selber; sein Jammer tönt um den liebsten Menschen, nicht weil er sie nun nicht mehr haben soll, nein, weil man ihr das Leben, weil man sie der Welt genommen hat.
In dem ganzen Stück scheint sich der Kampf des Guten, Menschenfreundlichen, Verträglichen mit dem Bösen, Gierigen, Ränkevollen und grausam Wütenden zu verkörpern, und so wie in Lear selbst eine tragische Bühne aufgeschlagen ist, auf der dieser Widerstreit der Mächte ausgefochten wird, so scheint er der König eines Reichs jenseits Britanniens, jenseits aller Reiche der Erde zu sein, wo dieser metaphysische Kampf der zwei Mächte um das Weltregiment gestritten wird. Auf der einen Seite Goneril und Regan, die wie Zwillingstöchter des Herrschteufels erscheinen; auf der andern Cordelia; hie Edgar, hie Edmund. Und auch der Verlauf der Geschehnisse ist so, daß Bös und Gut sich immerzu messen und abwechselnd siegen; und immer erscheint Bösals Reich dieser Welt, Reichtum, Unersättlichkeit; Gut als Stille, Friedfertigkeit, Armut. Der gute alte Gloster wird von Cornwall geblendet; sofort empört sich ein alter Knecht, einer von den kleinen Leuten der Menge, wir haben vorher nichts von ihm gesehen noch gehört, gegen den Herrn und verwundet ihn zu Tode; und Schlag auf Schlag; unmittelbar darauf ist das Böse wieder Meister: Regan bringt den Knecht um. — Der Haushofmeister Gonerils,
ein dienstergebner Bube,So treu den Lastern der Gebieterin,Als Schlechtigkeit nur wünscht,
ein dienstergebner Bube,So treu den Lastern der Gebieterin,Als Schlechtigkeit nur wünscht,
ein dienstergebner Bube,So treu den Lastern der Gebieterin,Als Schlechtigkeit nur wünscht,
ein dienstergebner Bube,
So treu den Lastern der Gebieterin,
Als Schlechtigkeit nur wünscht,
will den Hochverräter Gloster, blind wie er ist, töten; Edgar der Sohn, in Gestalt eines Bauernlümmels, nimmt dem Herrenknecht vorher das Leben. Edmund der Bastard tötet Cordelia; ihn aber erschlägt in ritterlichem Kampf sein wundervoller Bruder Edgar, der Armut und Tapferkeit, Milde und Heldentum in sich vereint. Und zugleich stirbt das Schwesternpaar, das nach dem Bastard lechzt: Regan von Goneril vergiftet, Goneril von eigner Hand, am meisten aber von der schneidenden Verachtung ihres „milden Gemahls“, wie sie ihn genannt hatte, getötet. Der, Albanien, hatte sich in ruhiger Verachtung, in einer Haltung stiller Größe von ihr geschieden, die ihr bitterer sein mußte als irgendein Wutausbruch eines Brutalen; zu seiner Schwägerin gewandt hatte er in dem Augenblick, wie er den Bastard in Haft nahm, die Worte gesprochen:
Und Euren Anspruch auf ihn, schöne Schwester,Muß ich bestreiten namens meiner Frau.Sie ist mit diesem Herrn geheim verlobt,Ich als Gemahl tu’ Einspruch Eurer Ehe.Sucht Ihr ’nen Mann, schenkt Eure Liebe mir;Mein Weib ist schon versagt.
Und Euren Anspruch auf ihn, schöne Schwester,Muß ich bestreiten namens meiner Frau.Sie ist mit diesem Herrn geheim verlobt,Ich als Gemahl tu’ Einspruch Eurer Ehe.Sucht Ihr ’nen Mann, schenkt Eure Liebe mir;Mein Weib ist schon versagt.
Und Euren Anspruch auf ihn, schöne Schwester,Muß ich bestreiten namens meiner Frau.Sie ist mit diesem Herrn geheim verlobt,Ich als Gemahl tu’ Einspruch Eurer Ehe.Sucht Ihr ’nen Mann, schenkt Eure Liebe mir;Mein Weib ist schon versagt.
Und Euren Anspruch auf ihn, schöne Schwester,
Muß ich bestreiten namens meiner Frau.
Sie ist mit diesem Herrn geheim verlobt,
Ich als Gemahl tu’ Einspruch Eurer Ehe.
Sucht Ihr ’nen Mann, schenkt Eure Liebe mir;
Mein Weib ist schon versagt.
Man hat es gewagt, Balzac einen Shakespeare zu nennen; das war weitaus zu viel gesagt; Gonerils und Regans im Kostüm seiner Zeit sind ihm trefflich gelungen; viel höherist es nicht gegangen; aber an solcher Stelle Shakespeares wie dieser merkt man, woher der Irrtum gekommen sein mag: in Shakespeare dem Unerschöpflichen steckt auch, diese Worte Albaniens zeigen’s, der ganze Balzac, dazu aber noch, auch in schneidender Verachtung, eine Vornehmheit, die Balzac ewig unerreichbar blieb.
Sehen wir nun, daß uns die letzten blutigen Entscheidungen, in denen es um Leben und Tod geht, über das Verhältnis von Gut und Böse in dieser Welt keine Sicherheit geben, daß der Kampf unruhig hin und her wogt, so tun wir vielleicht gut, von den Taten, die keine Klarheit bringen, überzugehen zu den Worten, die sie begleiten. Wie steht es mit dem Zusammenhang von Menschenschicksal und Weltordnung? Welche Weltanschauung des Dichters hat im König Lear Gestalt angenommen? Sehen wir zu; leicht möglich, daß wir hier endgültige Aufklärung über Shakespeares Weltanschauung erhalten.
Lear hat sein Reich geteilt; Gloster hat von seinem Bastardsohn Edmund — dessen Bastardsohn Franz Moor heißt — mit Hilfe eines gefälschten Briefes erfahren, daß sein Sohn Edgar ein Ruchloser ist, der nach des Vaters Besitz und Herrschaft und Leben trachtet. In dieser innern Verfassung des Jammers über sein mißratenes Kind und über die Lösung aller Bande in der Familie des Königs spricht er die Anschauung aus:
Diese neulichen Verfinsterungen der Sonne und des Mondes bedeuten uns nichts Gutes. Mag sie die Naturweisheit so oder so deuten, immer findet sich die Natur selbst durch die darauf folgenden Wirkungen gepeinigt: Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich: in Städten Aufruhr, auf dem Lande Zwietracht, in Palästen Verrat; und das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen. Dieser mein Bube bestätigt die Wahrsagung: da ist Sohn gegen Vater; der König tritt aus dem Geleise der Natur: da ist Vater gegen Kind. — Wir haben gesehen, wie weit unsre Zeit es bringen kann:Ränke, Gleißnerei, Verrat, und alle verderblichen Zerrüttungen folgen uns quälend bis ans Grab!... Und der edle, biederherzige Kent verbannt — sein Verbrechen: Ehrlichkeit! — ’s ist seltsam!
Diese neulichen Verfinsterungen der Sonne und des Mondes bedeuten uns nichts Gutes. Mag sie die Naturweisheit so oder so deuten, immer findet sich die Natur selbst durch die darauf folgenden Wirkungen gepeinigt: Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich: in Städten Aufruhr, auf dem Lande Zwietracht, in Palästen Verrat; und das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen. Dieser mein Bube bestätigt die Wahrsagung: da ist Sohn gegen Vater; der König tritt aus dem Geleise der Natur: da ist Vater gegen Kind. — Wir haben gesehen, wie weit unsre Zeit es bringen kann:Ränke, Gleißnerei, Verrat, und alle verderblichen Zerrüttungen folgen uns quälend bis ans Grab!... Und der edle, biederherzige Kent verbannt — sein Verbrechen: Ehrlichkeit! — ’s ist seltsam!
Eine Beschreibung der Sphäre dieses Stückes, in der all die verschiedenen Handlungsteile darin sind, haben wir sicher mit diesen Worten; wenn aber darüber hinaus nicht nur Gloster in seiner bestimmten Situation, sondern der Dichter sich hier im allgemeinen über den Zusammenhang der Menschengreuel und der Zeichen der Natur äußern soll, so muß es uns stutzig machen, daß sich diese Weltanschauung des Dichters auf einer falschen Voraussetzung, die er eine seiner Gestalten machen läßt, aufbaut: Glosters echtes Kind Edgar, „dieser Bube“ bestätigt ja die Wahrsagung in der Tat nicht. So erstaunt es uns schon weniger, wenn der Bastard sofort darauf das Wort erhält und mit herzhafter Kraft die entgegengesetzte Auffassung äußert:
Das ist die ausbündige Narrheit dieser Welt, daß, wenn unser Glück bei schlechtem Befinden ist — oft, weil wir selber uns übernommen haben —, wir die Schuld für alles Unheil, das uns trifft, auf Sonne, Mond und Sterne schieben; als ob wir Schurken aus Notwendigkeit, Narren durch himmlische Fügung wären; Schelme, Diebe, Verräter durch Machtspruch der Sphären, Trunkenbolde, Lügner und Ehebrecher durch Abhängigkeit vom Einfluß der Planeten, und alles, worin wir übel daran sind, durch göttliches Verhängnis: eine prächtige Ausrede für den Hurenjäger von Menschen, seine Bocksnatur den Sternen zur Last zu legen!... Pah, ich wäre geworden, was ich bin, hätte auch der jungfräulichste Stern am Firmament meiner Bastardierung zugeblinzt!
Das ist die ausbündige Narrheit dieser Welt, daß, wenn unser Glück bei schlechtem Befinden ist — oft, weil wir selber uns übernommen haben —, wir die Schuld für alles Unheil, das uns trifft, auf Sonne, Mond und Sterne schieben; als ob wir Schurken aus Notwendigkeit, Narren durch himmlische Fügung wären; Schelme, Diebe, Verräter durch Machtspruch der Sphären, Trunkenbolde, Lügner und Ehebrecher durch Abhängigkeit vom Einfluß der Planeten, und alles, worin wir übel daran sind, durch göttliches Verhängnis: eine prächtige Ausrede für den Hurenjäger von Menschen, seine Bocksnatur den Sternen zur Last zu legen!... Pah, ich wäre geworden, was ich bin, hätte auch der jungfräulichste Stern am Firmament meiner Bastardierung zugeblinzt!
So spricht der Empörer, der Morallose, der Frevler, der natürliche Sohn, der sich ganz als Kind der Natur betrachtet und nur nach seiner Kraft, nicht nach Gesetz und Sitte und Rücksicht auf andre fragt; „ich wachse, ich gedeihe“; das istseine einzige Losung. Daß er also diese Worte spricht, die jedes Band zwischen Himmel und Erde zerreißen, entspricht seinem Charakter, seiner Situation genau so kraftvoll, wie das bedenkliche Wiegen des Kopfes, das Grübeln, das Suchen nach einem Zusammenhang, das Erschauern vor einer Ahnung, die Ergebung in die Ratschlüsse des Himmels zu seinem Vater paßt. Aber der Dichter? Was sagt er? Vielleicht — nichts? Wo ist er? Verschwindet er vielleicht hinter seinen Gestalten, in seinen Gestalten, aber nicht in einer einzigen oder einer Gruppe, sondern in allen? Ist er vielleicht darum mit Notwendigkeit der Dramatiker, weil er einer einzigen Anschauung nicht verschrieben sein kann?
Nach seiner Blendung weiß Gloster von dem Verhältnis des Himmels zu unsern irdischen Losen ganz anderes zu sagen als vorher; da hören wir die unerbittliche, unerforschliche Grausamkeit des Schicksals also gedeutet:
Was Fliegen losen Buben sind wir Göttern:Sie töten uns zum Spaß.
Was Fliegen losen Buben sind wir Göttern:Sie töten uns zum Spaß.
Was Fliegen losen Buben sind wir Göttern:Sie töten uns zum Spaß.
Was Fliegen losen Buben sind wir Göttern:
Sie töten uns zum Spaß.
Aber er ist sich seiner Sache jetzt nicht mehr sicher; auch er ist, wie Lear, erschüttert und zum Lernen gekommen: am Ende tragen die Menschen und ihre Einrichtungen größere Schuld als die Götter; vielleicht ist gerade das Unglück eine Art ausgleichende Gerechtigkeit? Wie er zum Freitod entschlossen oben auf der Klippe über Dover in hoher Luft zu stehen vermeint und einem armen, tollen Bettler — seinem Sohn! — schenkt, was er bei sich hat, Geld und Schmuck, da meint er:
... Mein ElendBringt dir Glück. Ganz recht so, ihr Himmelsmächte!Laßt überfluß- und wollusttrunknen Mann,Der eurer Satzung trotzt, der nicht will sehen,Weil er nicht fühlt, schnell fühlen eure Macht:Verteilung tilgte so das Übermaß,Und jeder hätt’ genug.
... Mein ElendBringt dir Glück. Ganz recht so, ihr Himmelsmächte!Laßt überfluß- und wollusttrunknen Mann,Der eurer Satzung trotzt, der nicht will sehen,Weil er nicht fühlt, schnell fühlen eure Macht:Verteilung tilgte so das Übermaß,Und jeder hätt’ genug.
... Mein ElendBringt dir Glück. Ganz recht so, ihr Himmelsmächte!Laßt überfluß- und wollusttrunknen Mann,Der eurer Satzung trotzt, der nicht will sehen,Weil er nicht fühlt, schnell fühlen eure Macht:Verteilung tilgte so das Übermaß,Und jeder hätt’ genug.
... Mein Elend
Bringt dir Glück. Ganz recht so, ihr Himmelsmächte!
Laßt überfluß- und wollusttrunknen Mann,
Der eurer Satzung trotzt, der nicht will sehen,
Weil er nicht fühlt, schnell fühlen eure Macht:
Verteilung tilgte so das Übermaß,
Und jeder hätt’ genug.
Da ist es nun ganz deutlich, wie der blinde Gloster im Augenblick, wo er vor dem Tod steht, mit hellen GeistesAugen zu derselben Erkenntnis kommt wie noch in der nämlichen Stunde der wahnsinnige Lear. Für beide wird in dem Unterricht, den ihnen der Sturz von der Höhe erteilt, die metaphysische Weltanschauung, der sie beide wohl in der Zeit der Herrlichkeit angehangen haben, ergänzt und zu großem Teil ersetzt durch die soziale Betrachtung, die ja in Wirklichkeit die Erkenntnis birgt: Schiebt nicht den Göttern zu, was euer Menschenwerk ist, was ihr schlecht gemacht habt und gut machen könnt.
Und doch kann-will es der Mensch nicht lassen, in den hohen Augenblicken des Menschenschicksals manchmal sichtbar und greifbar die geheime Führung, die Vorsehung, die ewige Gerechtigkeit, den Sinn zu erblicken. Wie der gute Albanien hört, daß nach Glosters scheußlicher Blendung der Täter, sein Schwager Cornwall, sofort vom eignen Knecht, der ihm Jahre gedient und zu Gloster keine Beziehung hatte, aus Aufruhr der Seele heraus erschlagen worden ist, ruft er, tief erschüttert ob dieser Vergeltung:
Dies zeigt, ihr waltet droben,Ihr Richter, die der Menschen ÜbeltatSo schleunig rächen!
Dies zeigt, ihr waltet droben,Ihr Richter, die der Menschen ÜbeltatSo schleunig rächen!
Dies zeigt, ihr waltet droben,Ihr Richter, die der Menschen ÜbeltatSo schleunig rächen!
Dies zeigt, ihr waltet droben,
Ihr Richter, die der Menschen Übeltat
So schleunig rächen!
Hier erleben wir aber eine wundervolle Steigerung. Edgar hat seinen Bruder, den Bastard, der über ihn und seinen Vater das Elend gebracht hat, im Zweikampf feierlich-ritterlicher Art, im Gottesgericht besiegt; in dem Augenblick, wo er dann sich, mild verzeihend, dem Sterbenden enthüllt, findet er Worte des Verstehens auch für dies Entsetzliche selbst, für die Blendung seines Vaters; wie Albanien in der Tat, die dieses Gräßliche gerächt hat, so findet der eigene Sohn himmlischen Sinn in dem Gräßlichen selbst:
Die Götter sind gerecht, aus unsern SündenErschaffen sie das Werkzeug unsrer Strafe.Der dunkle, schnöde Platz, wo er dich zeugte,Raubt ihm das Augenlicht.
Die Götter sind gerecht, aus unsern SündenErschaffen sie das Werkzeug unsrer Strafe.Der dunkle, schnöde Platz, wo er dich zeugte,Raubt ihm das Augenlicht.
Die Götter sind gerecht, aus unsern SündenErschaffen sie das Werkzeug unsrer Strafe.Der dunkle, schnöde Platz, wo er dich zeugte,Raubt ihm das Augenlicht.
Die Götter sind gerecht, aus unsern Sünden
Erschaffen sie das Werkzeug unsrer Strafe.
Der dunkle, schnöde Platz, wo er dich zeugte,
Raubt ihm das Augenlicht.
Geben wir’s nur zu: wir wären keine Menschen, wenn wir in den Momenten der innigsten Erschütterung, die uns so hinnimmt, daß wir nicht wissen, drückt sie uns nieder oder erhebt sie uns, mit dem Ewigen nicht spielen müßten, wie hier Edgar spielt, wie die Guten alle in dieser furchtbaren Welt des Zorns, der Bosheit, der Brunst und Gier, wenn Erkenntnis sie anrührt, spielen, in einem Spiele spielen, das dem Glauben so verwandt ist, wie ihre Art, die Wahrheit zu schauen, dem Wahn. Was Edgar da sagt, heißt ja doch: Du, den der Vater in Sünden, in Wollust, in Unehren, fern von Familie und aller gesellschaftlichen Anerkennung, wie in einem dunklen Loch in die Welt gesetzt hat, du, der als Bastard zum Aufrührer geboren war, du Bruder, in dem Neid und Rachsucht von Geburts und Erziehungs wegen entstehen mußte, du warst von Gottes und Rechts wegen der berufene Rächer seiner Sünde; und daß er durch dich der Finsternis anheimfiel, darin kann man tiefen Sinn und Fügung des Himmels erkennen. Ein solcher Ausruf, eine solche Bewunderung, ein solches Sichbeugen ist ja nicht die Setzung einer Theorie, es ist ein Stück heiligen Willens: so sei die Welt! ist ein Entschluß, ist die Umschaffung der natürlichen Welt in eine Menschenwelt und zugleich die Anerkennung des unverbrüchlichen Zusammenhangs der Notwendigkeitsordnung, die wir Ursache und Wirkung nennen: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Während dies sich zwischen den Brüdern ereignet, wo der milde Held den bösen Kraftkerl tötet und ihm Verzeihung in sein Sterben ruft, stirbt der alte Vater still und lebenssatt. Er ist noch mitten in den Krieg geraten, hat miterlebt, wie die gute Sache, der er gedient hatte, für die er alles gegeben, unterlag, wie Lear und Cordelia gefangen wurden; der blinde Greis hockt unter einem Baum, will nicht mehr weiter, will sich nicht retten:
Nicht weiter, Freund, ein Mensch verwest auch hier.
Nicht weiter, Freund, ein Mensch verwest auch hier.
Nicht weiter, Freund, ein Mensch verwest auch hier.
Nicht weiter, Freund, ein Mensch verwest auch hier.
Da ermuntert ihn der immer noch unerkannte Sohn Edgar, mit Worten, in denen zugleich Resignation und Tatkraft liegt: über nichts verzweifeln, alles tragen, nicht aber es stumpf über sich ergehen lassen:
Dulden muß der MenschSein Scheiden wie sein Kommen in die Welt.Reif sein ist alles.
Dulden muß der MenschSein Scheiden wie sein Kommen in die Welt.Reif sein ist alles.
Dulden muß der MenschSein Scheiden wie sein Kommen in die Welt.Reif sein ist alles.
Dulden muß der Mensch
Sein Scheiden wie sein Kommen in die Welt.
Reif sein ist alles.
In alledem haben wir je nach Charakter, Stimmung, Situation wechselnde Gefühle, Gedanken, Bereitschaften angesichts großen Unglücks; und immer versucht der Mensch, Himmel und Erde in Verbindung zu bringen oder ohne das auszukommen. Aber auch, wenn große, innige Seligkeit zu einem kommt oder wenn gar die Gleichzeitigkeit und das Ineinander des Bösen und des Guten gewahrt wird, ist der Mensch geneigt, den Himmel zur Erde hinabzuziehen und das Wunderbare als geheimen Zusammenhang zu erfassen. Wie Kent die Güte seines Lieblings Cordelia und die Bosheit ihrer Schwestern betrachtet, ist es ihm, als reichten irdische Gründe zur Erklärung des Warum all der Rätsel hier auf Erden nicht aus. Es muß eine überirdische Lenkung da sein; ein uns unbegreifliches Verhängnis, das in den Sternen geschrieben steht:
Die Sterne,Die Sterne droben leiten unser Schicksal.Wie könnte sonst ein Paar wohl Kinder zeugen,So ganz verschieden?
Die Sterne,Die Sterne droben leiten unser Schicksal.Wie könnte sonst ein Paar wohl Kinder zeugen,So ganz verschieden?
Die Sterne,Die Sterne droben leiten unser Schicksal.Wie könnte sonst ein Paar wohl Kinder zeugen,So ganz verschieden?
Die Sterne,
Die Sterne droben leiten unser Schicksal.
Wie könnte sonst ein Paar wohl Kinder zeugen,
So ganz verschieden?
Die Szene am Schluß aber, wie Lear, selbst ein Sterbender, schwach, taumelnd, die Leiche der grauenhaft ermordeten Cordelia auf den Armen herein trägt, wie nun sein letztes Leben als Leidenschaft aufschreit, diese Szene hat wahrhaft Weltuntergangsstimmung:
Heult, heult, heult, heult! — O, ihr seid all von Stein!Hätt’ eure Zung’ und Augen ich, des HimmelsGewölbe machte ich zusammenstürzen!
Heult, heult, heult, heult! — O, ihr seid all von Stein!Hätt’ eure Zung’ und Augen ich, des HimmelsGewölbe machte ich zusammenstürzen!
Heult, heult, heult, heult! — O, ihr seid all von Stein!Hätt’ eure Zung’ und Augen ich, des HimmelsGewölbe machte ich zusammenstürzen!
Heult, heult, heult, heult! — O, ihr seid all von Stein!
Hätt’ eure Zung’ und Augen ich, des Himmels
Gewölbe machte ich zusammenstürzen!
Und Kent, Edgar, Albanien, die Guten, die im Untergang einer Welt, wo die Guten mit den Schlechten in unlöslicher Umklammerung hinabgerissen werden, allein noch übrig sind, bilden den Chorus: