Chapter 13

’s ist Herkules, der Gott, den er geliebt,Der jetzt Anton verläßt.

’s ist Herkules, der Gott, den er geliebt,Der jetzt Anton verläßt.

’s ist Herkules, der Gott, den er geliebt,Der jetzt Anton verläßt.

’s ist Herkules, der Gott, den er geliebt,

Der jetzt Anton verläßt.

Ein Mann war er, die verkörperte Männlichkeit, und zu Manneswerk bestimmt; und als Weiberknecht geht er zugrunde. Im unterirdischen Trauermarsch verläßt ihn sein guter Geist, der Gott der Männlichkeit.

Wohl stammt dieser Zug, den Shakespeare hier für die Untergangsstimmung bringt, wie so manche Einzelzüge, von Plutarch: hier aber erst gewinnen sie Leben und Sinn und werden mehr als Anekdotenkram, wo sie eingefügt sind in dieses Gemälde der west-östlichen Leidenschaft im Rahmen großer geschichtlicher Katastrophe.

An dem Morgen also, der dieser Nacht folgt, darf Antonius, der kämpft wie ein Löwe, noch einmal sich Sieger nennen; aber das Treffen ist von keiner Entscheidung und kann nichts mehr abwenden. Sein Stern sinkt; der Glaube an ihn verliert sich aus der Welt; am Tag darauf entspinnt sich wieder eine Schlacht zur See, und seine ganze Flotte übergibt sich dem Feind.

Wer ist schuld? Auch hier will es der Dichter nicht wissen; es ist, wie wenn ein Elementares sich dem Antonius entzöge. Wir wissen nur, daß Antonius sofort wieder Cleopatra des Verrats bezichtigt.

An Treue der Liebenden glaubt er nicht und kann nicht dran glauben; so ist die Welt nicht mehr, so sind seine Erfahrungen nicht, und so ist vor allem seine Natur und die Lebensart nicht, die er wählte. Zeit seines Lebens war er, wenn es die Selbstbehauptung gegen die Welt und die Verfolgung seiner Ziele galt, ein Komödiant; sein schnell teilnehmendes Gefühl, seine menschliche Wärme, seinekindliche Hingabe, die alle als echte Gabe natürlich in ihm lebten, hat er in den Dienst politischer Zwecke gestellt; aus seiner Stärke wie aus seinen Schwächen hat er Mittel gemacht; wie Enobarbus, der ihn am besten kennt, einmal daran erinnert wird, wie Antonius bei Cäsars und auch wieder bei Brutus’ Tod Tränen vergossen habe, da meint der trocken:

Jawohl, in jenem Jahr plagt’ ihn der Schnupfen;Was willig er zerstören half, darüberVergoß er Tränen.

Jawohl, in jenem Jahr plagt’ ihn der Schnupfen;Was willig er zerstören half, darüberVergoß er Tränen.

Jawohl, in jenem Jahr plagt’ ihn der Schnupfen;Was willig er zerstören half, darüberVergoß er Tränen.

Jawohl, in jenem Jahr plagt’ ihn der Schnupfen;

Was willig er zerstören half, darüber

Vergoß er Tränen.

Und vor allem, wie könnte er, der seinen Frauen hintereinander die Treue gebrochen hat, an treue Liebe zu ihm glauben?

An Treue zu glauben war er gewohnt; an seinen Kriegskameraden, an seinen Soldaten hat er sie gekannt; an Freundschaft und bewundernde Ergebenheit hat er geglaubt; aber selbst die verlassen ihn jetzt eben.

An Liebe glaubt er und hat sie genossen, hat sich leidenschaftlich in sie hineingewühlt und sich in sie begraben und um ihretwillen Welt und Treue und Ehre vergessen und verraten. So ist ihm Cleopatra jetzt wieder die Schlange, das falsche ägyptische Herz, das Zigeunerweib, — jetzt hat sie ihm den Rest gegeben, hat ihn dem „jungen Römerknaben“ verkauft, die Hexe!

Vor seiner Wut flüchtet sie in ihr Grabmonument wie in eine Festung und läßt ihm, in Angst und damit seine Stimmung umschlage — sie kennt ihn wie sich selbst —, sagen, sie sei gestorben.

Das aber ist sein Ende. Seine politische Rolle ist ausgespielt; es ist nichts mehr zu hoffen, der kühle Knabe hat gesiegt. Und nun ist ihm, wähnt er, Cleopatra im Tod vorangegangen, ist um seinetwillen, ist um ihn gestorben! Er hat genug; die römische Tradition lebt noch in ihm: ein Freigelassener soll ihm zum Sterben verhelfen. Er selbst glaubt’s nicht zu vermögen. Der aber — Eros heißt erschon bei Plutarch — treu bis zum Tod, stürzt sich lieber selber ins Schwert.

Da nimmt sich Anton ein Beispiel; aber er ist doch kein ganzer Römer mehr, es gelingt ihm nur, sich schwer zu verwunden; und da erfährt er, daß es eine falsche Botschaft gewesen, was ihn in die letzte Verzweiflung brachte; daß Cleopatra noch lebt! So läßt er sich zu ihr tragen.

Sie aber inzwischen: in welcher Not der Reue und Angst ist sie! Oh, was hat sie getan! Schon ehe er gebracht wird, weiß sie: diesmal hat sie in ihrer Angst die Saite zu stark gespannt. Er hält sie für tot! für so, um seinet-, um seines Zorns willen den Liebestod gestorben; das wird er, sowieso schon zum Äußersten gebracht, nicht überleben!

Rührend ist ihr Abschied; er stirbt im Kuß, wahrlich, kein Romeo! aber ein Mensch, ein Mann, ein Liebender trotz allem, ein Einziger — Marcus Antonius!

Sie aber fühlt sich neben diesem Leichnam, wie sie aus der Ohnmacht erwacht, die sie sofort umfangen hat, wie Asche: es rieselt wie Alter an ihr herab; der Königintraum, der Kaisertraum ist ausgeträumt; sie ist nichts Besseres als ein armes, schwaches Weib, eine Magd, die zurückgelassen ist: ihr Herr ist tot. Das Öl ist ausgebrannt.

Eine bessere Erkenntnis, als sie je gehabt, steigt jetzt in ihr auf, eine ganz nächtige, die Erkenntnis all derer, die der Macht und dem Genuß nachgetrachtet haben, deren innere Unbefriedigung, Ungenügsamkeit und Sucht an der Welt und an sich selber gefrevelt hat, die Erkenntnis, zu der auch jener so ganz andere, darin aber zum Kreis der Holden gehörige, der unholde Mann Macbeth gekommen ist: der Nihilismus; das Leben,dasLeben ist — nichts.

Aus meinem öden Leid beginnt zu sprießenEin beßres Leben. Cäsar sein, wie nichtig!Fortuna ist er nicht, nur Sklav’ Fortunens,Ein Diener ihres Willens; aber groß ist’s,DieTat zu tun, die alles Tun beschließt,Den Zufall bändigt und den Wechsel sperrt,Sich schlafen legt und nie den Kot mehr kostet,Der Bettler nährt und Cäsar.

Aus meinem öden Leid beginnt zu sprießenEin beßres Leben. Cäsar sein, wie nichtig!Fortuna ist er nicht, nur Sklav’ Fortunens,Ein Diener ihres Willens; aber groß ist’s,DieTat zu tun, die alles Tun beschließt,Den Zufall bändigt und den Wechsel sperrt,Sich schlafen legt und nie den Kot mehr kostet,Der Bettler nährt und Cäsar.

Aus meinem öden Leid beginnt zu sprießenEin beßres Leben. Cäsar sein, wie nichtig!Fortuna ist er nicht, nur Sklav’ Fortunens,Ein Diener ihres Willens; aber groß ist’s,DieTat zu tun, die alles Tun beschließt,Den Zufall bändigt und den Wechsel sperrt,Sich schlafen legt und nie den Kot mehr kostet,Der Bettler nährt und Cäsar.

Aus meinem öden Leid beginnt zu sprießen

Ein beßres Leben. Cäsar sein, wie nichtig!

Fortuna ist er nicht, nur Sklav’ Fortunens,

Ein Diener ihres Willens; aber groß ist’s,

DieTat zu tun, die alles Tun beschließt,

Den Zufall bändigt und den Wechsel sperrt,

Sich schlafen legt und nie den Kot mehr kostet,

Der Bettler nährt und Cäsar.

Und doch — wahrlich, sie ist keine Julia! und auch nicht Portia, die Römerin — die Wetterwendische, das Kind des Augenblicks, das von ihrem Zentralen her schillernde Oberfläche ist, wie der Opal, dessen äußerer Schlangenhautglanz seine Tiefe ist, — wer weiß, ob sie nicht doch noch weiterleben könnte? Aber sie vernimmt, daß der kalte Octavius — der erste Imperator und Cäsar, über den sie keine Macht hat — nichts andres sinnt, als sie gefangen im Triumph nach Rom zu führen — und oh, das wäre das Schrecklichste für sie!

Die alberne, eiskalte Octavia, die angetraute Gattin ihres geliebten Toten, ihres Gemahls, soll höhnend auf sie blicken? Der jauchzende Pöbel in Rom soll ihr entgegenschreien? Auf der Vorstadtbühne soll irgend ein junger Schauspielerlaffe sie als Hure vom Nil darstellen? Nein. Nun ist’s aus; sie ist entschlossen. Unzählige Male hat sie ihrer Lebtag mit dem freigewählten Tod gespielt; das hat zu ihrem hingegebenen, krampfhaften Leben gehört. Jetzt wird’s Ernst. Längst kennt sie die sanfteste Todesart: in ihr schönstes Kleid läßt sie sich schmücken; sie gedenkt des Tages, wo sie Marc Anton auf dem Fluß strahlend als junge Liebesgöttin entgegenfuhr, — und dann, nun, wo sie tapfer frei in den Tod geht, ist sie nicht mehr die feige Sklavin, die in scheu geduckter Liebe zu ihrem Herrn, dem Gatten einer andern, emporsieht —

Ich komm’,Gemahl:Jetzt gibt mein Mut mir Recht zu diesem Namen!Ich bin ganz Feuer und Luft; was sonst in mir,Geb’ ich dem niedern Leben.

Ich komm’,Gemahl:Jetzt gibt mein Mut mir Recht zu diesem Namen!Ich bin ganz Feuer und Luft; was sonst in mir,Geb’ ich dem niedern Leben.

Ich komm’,Gemahl:Jetzt gibt mein Mut mir Recht zu diesem Namen!Ich bin ganz Feuer und Luft; was sonst in mir,Geb’ ich dem niedern Leben.

Ich komm’,Gemahl:

Jetzt gibt mein Mut mir Recht zu diesem Namen!

Ich bin ganz Feuer und Luft; was sonst in mir,

Geb’ ich dem niedern Leben.

„Was sonst in mir“, im Original aber:my other elements: das Element des Wassers, dem die tränenreiche Nixe vom Nil angehört hatte, das Element des Erdenkots, dem siebis dahin nie hatte entrinnen können, die sollen nun mit ihrem Leichnam, der zurückbleibt, zu den Stoffen gehn, deren Teil sie von je gewesen waren; Cleopatra steigt in ihrem edlen leichten Teil, als Feuer und Luft, in ihre Ewigkeit.

Noch einmal haben wir hier der Sonettendichtung zu gedenken, wo der Dichter klagt, daß wir Menschenkinder nicht ganz und gar Geist sind, daß wir in die „dumpfe Substanz des Fleisches“ gestopft sind. Da wird auch von dem bittern Naß des Wassers und von der Erde gesprochen, von diesem Elementaren, das uns an die Natur klebt; unser Leib und unsre Tränen, das sind Erde und Wasser in uns. Die beiden andern Elemente aber, die Luft ist Geist in uns, und das Feuer istdesire, ist der Wille des Excelsior und himmlische Sehnsucht.

So darf Shakespeares Cleopatra sich zu ihrer Apotheose rüsten. Von einer Schlange, die ein Bäuerlein bringt, läßt sie sich töten.

Stille, still!Siehst du mein Kindlein nicht an meiner BrustIn Schlaf die Amme saugen?

Stille, still!Siehst du mein Kindlein nicht an meiner BrustIn Schlaf die Amme saugen?

Stille, still!Siehst du mein Kindlein nicht an meiner BrustIn Schlaf die Amme saugen?

Stille, still!

Siehst du mein Kindlein nicht an meiner Brust

In Schlaf die Amme saugen?

Sanft und süß, unmerklich sacht holt die Schlange der Schlange das Leben aus der Brust und träufelt den Tod hinein; im reinsten aller Geschlechtsgefühle des Weibes, in unwirklich-phantastischer Mütterlichkeit verscheidet die liebliche Buhlerin.

Aber noch im Sterben bäumt sich die alte Isis in ihr auf, die alte Eva: sie freut sich noch, durch ihren Tod den klugen dummen Cäsar, der sie hatte fangen wollen, um seine Beute zu prellen!

Treue findet auch sie bis in den Tod: ihre Frauen, die ihr Leben geteilt haben und ihr ganz ähnlich geworden sind, sterben mit ihr: die eine setzt sich die Schlange an wie die Herrin; die andre war ihr einen Augenblick im Tod vorangegangen. Enobarbus’ scherzhaftes Wort vom schnellen Tod dieser Kammerfrauen ist Ernst geworden: ohne daß maneine Ursache erkannte, fiel sie tot hin, als Cleopatra, die Schlange schon am Busen, sie zum Abschied küßte, auch sie ein Weib, für das Tod und Liebesakt in seltsamem Rapport stehen.

So endet dieses Drama, eine Liebestragödie wie Romeo und Julia, eine Römertragödie wie Julius Cäsar, ein Pamphlet auch gegen die Geschlechtsliebe wie Troilus und Cressida. Dies alles ist es und ist es nicht; daß es aber — und ähnliches war für das sehr ernste Spiel von den Helden des Trojanischen Kriegs zu sagen — nicht eine Komödie, wozu sein scharfes Auge den Dichter bei diesem Stoff so leicht hätte verführen können, sondern trotz allem eine innig liebevolle Tragödie wurde, das ist das beste. Es ist die besondere Tragödie dieses besonderen reifen, überreifen, zeitlebens unreifen, zwischen Jugend und Alter stehenden Menschenpaares Antonius und Cleopatra in dem großen geschichtlichen Moment, wo die Antike reif, überreif, unreif zwischen Jugend und Alter, vor dem Ende steht.

Liebe und Politik gehören in diesem Drama so zusammen, wie in der wahren Geschichte der Völker privates und öffentliches Leben nicht zu trennen sind. Die prachtvollen politischen Szenen des Stückes stehen darum mit seinem Sinn in so naher Berührung wie die Liebesszenen: das Staatsgespräch, wie Antonius und Octavius sich zuerst wieder begegnen, das in seiner kühlen Überlegtheit seinesgleichen nur in den politischen Szenen des Egmont hat; die Bankettszene auf dem Schiff des Pompejus, wo mitten in römisch-traditionelle, aber nicht mehr durchweg festgehaltene Würde süditalienische Seeräubertücke und griechisch-orientalischer Tanztaumel kommt, wo Antonius und Octavius einander scharf gegenüberstehen, der eine mit seinem lässig-nachgebenden Trinkspruch

Schickt euch in die Zeit!

Schickt euch in die Zeit!

Schickt euch in die Zeit!

Schickt euch in die Zeit!

der andre mit dem kühl gebietenden

Sei Herr der Zeit!

Sei Herr der Zeit!

Sei Herr der Zeit!

Sei Herr der Zeit!

Da haben wir ein Drama, das fast unergründlich in die Tiefe der Seelen, fast unermeßlich und farbenschimmernd in die Breite des geschichtlichen Raums, in die Weite der Zeiten geht; ein Drama nur für reife Menschen — das gilt für den ganzen Shakespeare, aber für dies Stück besonders —, das man lieber gewinnt und mehr bestaunt, je öfter man es liest, das aber noch niemand in seiner umwerfenden und aufrichtenden, schüttelnden und streckenden Größe ganz kennt, weil es die Gestalt, nach der es verlangt, die Gestalt auf der Bühne noch nicht gefunden hat.

Diese Tragödie braucht für wichtige Szenen nach Shakespeares Anordnung, ich meine, auch zur Einleitung und mancher Überleitung, Musik feiner und starker Art, wie sie der Egmont gefunden hat, und braucht eine Stimmung und ein Tempo, eine Zugleichheit von schneller Folge, saftiger Breite und streng seelenvoller Tiefe, wie wenn ein Rubens und Rembrandt als einziger Meister ans Werk ginge.


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