Sei wie Planetenpest, wenn Zeus sein GiftIn kranker Luft auf städtischen LasterpfuhlHerab läßt tauen; keinen schon’ dein Schwert!...Fluch allen Wesen!Säe Vernichtung; hast du ausgetobt,So treffe dich Vernichtung!
Sei wie Planetenpest, wenn Zeus sein GiftIn kranker Luft auf städtischen LasterpfuhlHerab läßt tauen; keinen schon’ dein Schwert!...Fluch allen Wesen!Säe Vernichtung; hast du ausgetobt,So treffe dich Vernichtung!
Sei wie Planetenpest, wenn Zeus sein GiftIn kranker Luft auf städtischen LasterpfuhlHerab läßt tauen; keinen schon’ dein Schwert!...Fluch allen Wesen!Säe Vernichtung; hast du ausgetobt,So treffe dich Vernichtung!
Sei wie Planetenpest, wenn Zeus sein Gift
In kranker Luft auf städtischen Lasterpfuhl
Herab läßt tauen; keinen schon’ dein Schwert!...
Fluch allen Wesen!
Säe Vernichtung; hast du ausgetobt,
So treffe dich Vernichtung!
Den Dirnen gibt er Gold, um sie recht verführerisch geschmückt auf die Männer loszulassen.
Auszehrung säetIns hohle Mannsgebein!
Auszehrung säetIns hohle Mannsgebein!
Auszehrung säetIns hohle Mannsgebein!
Auszehrung säet
Ins hohle Mannsgebein!
Und wie malt er sich’s nun aus! Und wie hätte ein andrer Shakespeare dieses hämisch, schmatzend vorwegnehmende Genießen der Rache zu Timons Charakteristik, zur Fortführung der Seelenentwicklung und äußern Handlung benutzt; hier aber bleibt alles grandiose Strafrede, ein dramatisch eingekleidetes Gedicht, das aus dem Abgrund einer leidenschaftlichen Weltempfindung herausschlagende Wetter gegen Gott und die Welt losplatzen läßt. Der Anwalt soll durch den Umgang mit diesen Weibern die Stimme verlieren; dem Priester, der lügnerisch gegen die Schwäche des Fleisches zetert und doch zu diesen Weibern geht, soll der Aussatz die Nase aus dem Gesicht fressen; der Kriegsbramarbas, der keine Wunden hat, soll durch sie kennen lernen, was Schmerzen sind.
Verpestet alles, daßDie Quelle aller Zeugung durch euer WirkenAusdörre und ersticke.
Verpestet alles, daßDie Quelle aller Zeugung durch euer WirkenAusdörre und ersticke.
Verpestet alles, daßDie Quelle aller Zeugung durch euer WirkenAusdörre und ersticke.
Verpestet alles, daß
Die Quelle aller Zeugung durch euer Wirken
Ausdörre und ersticke.
Das Furchtbare an dieser Haß- und Fluchgewalt der Rede ist denn doch ihre Wahrheit, die in der Beziehung zur Wirklichkeit liegt: die ausschweifendste, gierigst suchende Phantasie des Würgengelvernichtungswillens kann keine Plagen ausmalen und wünschen, die mehr wären als Vervollständigung und eine Art systematische Ordnung der Schrecknisse, die in Natur und Menschenwelt da sind.
Die Allegorie nimmt wieder eine neue Wendung. Nun, wo es sich herumgesprochen hat, daß zu Timon wieder Geld gerollt ist, bekommt er einen Besuch nach dem andern. Und so suchen ihn auch die Diebe auf. Die aber behandelt er mit Auszeichnung und erklärt sie im Gegensatz zu den andern, den sonst geachteten Klassen der Gesellschaft, für ehrliche Diebe; sie treiben ja das Stehlen als ihr erklärtes Handwerk:
Ich weiß euch Dank,Daß ihr als Diebe euch bekennt, euer TreibenIn frommen Schein nicht hüllt; Diebe sind alle,Zu welchem Stand sich jeder auch bekennt.
Ich weiß euch Dank,Daß ihr als Diebe euch bekennt, euer TreibenIn frommen Schein nicht hüllt; Diebe sind alle,Zu welchem Stand sich jeder auch bekennt.
Ich weiß euch Dank,Daß ihr als Diebe euch bekennt, euer TreibenIn frommen Schein nicht hüllt; Diebe sind alle,Zu welchem Stand sich jeder auch bekennt.
Ich weiß euch Dank,
Daß ihr als Diebe euch bekennt, euer Treiben
In frommen Schein nicht hüllt; Diebe sind alle,
Zu welchem Stand sich jeder auch bekennt.
Es ist ja, in der ganzen Natur, alles Dieberei: Sonne, Mond, Wasser und Erde, — eins bestiehlt das andre. Aber — wir kennen das Schema schon — wie viel ärger ist’s gar unter den Menschen!
Dieb ist alles:Selbst das Gesetz, das euch in Zaum und Fron legt,Übt straflos und in roher Willkür Diebstahl.
Dieb ist alles:Selbst das Gesetz, das euch in Zaum und Fron legt,Übt straflos und in roher Willkür Diebstahl.
Dieb ist alles:Selbst das Gesetz, das euch in Zaum und Fron legt,Übt straflos und in roher Willkür Diebstahl.
Dieb ist alles:
Selbst das Gesetz, das euch in Zaum und Fron legt,
Übt straflos und in roher Willkür Diebstahl.
Wir kennen das Schema schon: in der Tat, legt man den formalen Maßstab an, fragt man, ob das ein Drama sei, ob da Menschen, ob seelische Gewalten einander gegenübergestellt werden, so kommt man immer wieder darauf, daß hier nicht die Sprache dem Ereignis und das Ereignis dem Geheimnis des Innersten dient, sondern daß die Vorgänge ein Zubehör der Sprache sind; die dramatische Begleitung der Rede ist wie dieBiblia pauperumBildersprache. Sehen wir aber davon ab und wenden uns der geistigen Bedeutung der Erkenntnisse zu, die Shakespeare mit solchen Mitteln zum Ausdruck bringt, so ist zu sagen, daß Shakespeare hier mit klaren Worten und Begriffen die radikale Kritik unsrer auf dem Eigentum beruhenden Rechtsordnung, unsrer vom Rechtswesen gesicherten Eigentumsordnung, die sozialistische Kritik Proudhons und seinen zusammenfassenden Satz: Eigentum ist Diebstahl vorweggenommen hat. Und was so in Worten erklärt wurde, wird dann auch mit der Handlung illustriert, so daß wir als in einem Notwendigkeitszusammenhang die beiden sehr verschiedenen und doch, solange Menschen Menschen sind, zusammengehörigen Seiten der Anarchie beisammen haben: Timon beschenkt die Diebe reichlich und schickt sie, die nunmehr besser für ihr Handwerk ausgerüstet sind, nach Athen:
Brecht Läden auf; ihr könnt nichts stehlen, wasEin Dieb nicht vorher stahl.
Brecht Läden auf; ihr könnt nichts stehlen, wasEin Dieb nicht vorher stahl.
Brecht Läden auf; ihr könnt nichts stehlen, wasEin Dieb nicht vorher stahl.
Brecht Läden auf; ihr könnt nichts stehlen, was
Ein Dieb nicht vorher stahl.
Köstlich ist nun aber, und das beste Stückchen der Handlung, obwohl auch das nicht wahrhaft ins Menschliche verfolgtist, sondern nur den Entwurf eines Menschentums anlegt, wie es hinter aller Berufsteilung des Lebens und Typenteilung der Komödie steckt, köstlich trotzdem und ein herrlicher Gipfel in der sozialen Erkenntnis, die hier stufenweise zu Wort kommt, wie Timons Reden und Geschenke auf die Diebe wirken: sie, die Ausgestoßenen, verstehen die Herkunft seines Menschenhasses, erkennen hinter all dem geifernden Grimm den reinen, edeln Idealismus, sie schämen sich und wollen ehrlich werden!
Nun aber kommt der Mann zu Timon in die Einöde zu Gast, der von Anfang an treu und redlich gegen ihn war: Flavius, sein Hausverwalter. Der ist so traurig, daß er selber ganz nah am Menschenhaß ist:
Wie herrlich das auf unsre Zeiten paßt,Wenn uns gelehrt wird: Liebt den, der euch haßt!Fürwahr, eh lieb ich meinen offnen FeindAls den, der feindlich ist und freundlich scheint.
Wie herrlich das auf unsre Zeiten paßt,Wenn uns gelehrt wird: Liebt den, der euch haßt!Fürwahr, eh lieb ich meinen offnen FeindAls den, der feindlich ist und freundlich scheint.
Wie herrlich das auf unsre Zeiten paßt,Wenn uns gelehrt wird: Liebt den, der euch haßt!Fürwahr, eh lieb ich meinen offnen FeindAls den, der feindlich ist und freundlich scheint.
Wie herrlich das auf unsre Zeiten paßt,
Wenn uns gelehrt wird: Liebt den, der euch haßt!
Fürwahr, eh lieb ich meinen offnen Feind
Als den, der feindlich ist und freundlich scheint.
Da bekommen wir eine ganz überraschende, kecke Umdeutung des Christuswortes: Liebet eure Feinde; die neue, bissige Version lautet: Liebet jedenfalls eher die Feinde als die sogenannten Freunde! Die Keckheit beruht darin, daß formal das erhabene Gebot beibehalten ist: Liebt den, der euch haßt! daß aber doch fast eine Umkehrung daraus wird: Liebe ist Lüge; im Haß ist Wahrheit!
Diesem Getreuen gegenüber wird Timon weich; ihn beschenkt er, weil er es verdient; nicht, um ihn mit dem Gold oder die Menschen mit seiner Hilfe zu verderben; aber er knüpft eine arge Bedingung an das Geschenk, das ohne sie auch widerspruchsvoll wäre:
Bau’ von Menschen fern;Hass’ alle, fluche allen, tröste keinen!
Bau’ von Menschen fern;Hass’ alle, fluche allen, tröste keinen!
Bau’ von Menschen fern;Hass’ alle, fluche allen, tröste keinen!
Bau’ von Menschen fern;
Hass’ alle, fluche allen, tröste keinen!
Flavius, der untergeordnete Angestellte, wird hier — trotz der Erkenntnis, die Timon zu Wort gebracht hat, daß auch der Arme nichts taugt — den unabhängigen Reichen so als besserer Mensch gegenübergestellt, wie die Diebe denBesitzern. Aber schon vorher konnten wir in der Dienerszene sehen, wie diese armen Domestiken alle treu und liebevoll zu Timon und zu einander hielten; wie sie fortwährend die liebreiche Anredefellow, Kamerad, untereinander austauschten; und Flavius, der sein Letztes unter ihnen geteilt hat, gründet unter ihnen eine Art Timon-Orden:
Wo wir uns wiedersehn, laßt Timons halberUns Kameraden sein.
Wo wir uns wiedersehn, laßt Timons halberUns Kameraden sein.
Wo wir uns wiedersehn, laßt Timons halberUns Kameraden sein.
Wo wir uns wiedersehn, laßt Timons halber
Uns Kameraden sein.
Auch das greift indessen nicht weiter in die Handlung ein: innerlich ist diesem Stück keine Entwicklung vergönnt. Äußerlich freilich, rhetorisch wieder, ist es ein famoser, glänzender Komödien-, noch besser gesagt, Anekdotenschluß, wie nun in der Reihe der Gäste die Senatoren kommen, um schamlos oder patriotisch in der Not des Vaterlandes den, der voll Ekel vor ihnen geflohen ist, gegen Alkibiades und sein Heer zu Hilfe zu rufen, wie er sie in langer Ironie täuscht und hinhält und ihnen ein Mittel, ein unfehlbares, verspricht, durch das sie aller Gefahr entrinnen können:
Es wächst ein Baum in meinem Waldbezirk,Den nächstens ich zu eigenem GebrauchUmhauen muß. Sagt’s meinen Freunden an,Sagt’s in Athen, in jeder AbstufungVom ersten bis zum letzten: Wer da wünscht,Sein Leid zu enden, solcher komme spornstreichsHierher, eh noch mein Baum die Axt gespürt,Und häng’ sich auf. — Bestellt recht schönen Gruß.
Es wächst ein Baum in meinem Waldbezirk,Den nächstens ich zu eigenem GebrauchUmhauen muß. Sagt’s meinen Freunden an,Sagt’s in Athen, in jeder AbstufungVom ersten bis zum letzten: Wer da wünscht,Sein Leid zu enden, solcher komme spornstreichsHierher, eh noch mein Baum die Axt gespürt,Und häng’ sich auf. — Bestellt recht schönen Gruß.
Es wächst ein Baum in meinem Waldbezirk,Den nächstens ich zu eigenem GebrauchUmhauen muß. Sagt’s meinen Freunden an,Sagt’s in Athen, in jeder AbstufungVom ersten bis zum letzten: Wer da wünscht,Sein Leid zu enden, solcher komme spornstreichsHierher, eh noch mein Baum die Axt gespürt,Und häng’ sich auf. — Bestellt recht schönen Gruß.
Es wächst ein Baum in meinem Waldbezirk,
Den nächstens ich zu eigenem Gebrauch
Umhauen muß. Sagt’s meinen Freunden an,
Sagt’s in Athen, in jeder Abstufung
Vom ersten bis zum letzten: Wer da wünscht,
Sein Leid zu enden, solcher komme spornstreichs
Hierher, eh noch mein Baum die Axt gespürt,
Und häng’ sich auf. — Bestellt recht schönen Gruß.
Wir wissen, das ist mehr als böser, plagender Spaß. Weltschmerz, ja, Weltwut äußert sich so, die keine andre Erlösung weiß, als dem Leben ein Ende zu machen. So ist es einer der stärksten dichterischen Züge dieses Stückes, daß Timon in diesen Worten, mit denen er den verachteten Athenern, die seinen Rat begehren, den Rat gibt, sich aufzuhängen — so wie Shakespeares Coriolan sich den Römern gegenüber die Redensart angewöhnt hat: Hängt sie! —, daß Timon da ein paar Wörtchen einfließen läßt, in denen er seineneignen Freitod ankündigt. Nächstens, sagt er, werde er den Baum, an dem er am liebsten die Athener gehängt sähe, zu eigenem Gebrauch umhauen müssen. Wir erfahren es bald, zu welchem Zweck: um sein Grab zu bauen. In seinen ungeheuren Gewaltreden hat er sich ganz ausgegeben; es gibt für ihn so wenig wie für die Tragödie, die von ihm handelt, einen innern Fortgang; er hat nichts mehr auf der Erde, nichts auf der Bühne zu suchen: er verkriecht sich und stirbt, ohne daß wir dabei sind, ohne daß der Dichter darauf ausgeht, uns mit diesem Sterben in der Verlassenheit menschlich zu erschüttern. Goethe hat schon recht: Molière, der große Komödiendichter, hat aus seinem Menschenfeind den Helden einer Tragödie, Shakespeare, der größte aller tragischen Dichter, hat aus Timon eine Molièrekomödie, allerdings mit Shakespearischer Sprachgewalt, gemacht, und Timons Tod sogar ist eine Art epigrammatisches Auftrumpfen, ein Komödienschluß.
Von diesem Helden einer fast allegorisch zu nennenden, dramatisch nur eingekleideten vehementen Predigt, in der die Übergangsszenen der Handlung lässig und unlustig hingeworfen sind, von diesem Menschenfeind und Feind seines Volkes und von seiner Ergänzung Alkibiades, der den Krieg seinem eignen Volk ins Land trägt, gehen wir nun in der nächsten Betrachtung zu jenem andern Adelsmann über, der eben schon genannt wurde, zu dem Verbannten, Volksfeind und Kämpfer gegen sein Vaterland Coriolan. Wie anders wird der zuinnerst und in der Art, wie er steht und geht, lebendig werden als Timon; wie wird Coriolan ein Mann und ein Mensch sein, wo Timon ein Exempel ist; was werden ihn in mannigfaltiger Abstufung für Römer und Römerinnen umgeben gegen die Puppen von Athenern, die wir hier finden! Einmal noch, zum letzten Mal also, werden wir da den Shakespeare zu uns sprechen lassen, der uns mit der Geschichte der Seele die Seele der Geschichte gibt. Dann, nachher, wollen wir sehen,wie der Shakespeare, der die Moralität von den wunderbaren Reisen des Perikles und die Satire von Glanz und Wut Timons des Menschenfeindes gedichtet hat, auch in diesem Stil noch wieder aufwärts steigt zu reiner Höhe der Milde, der Heiterkeit, der Weisheit, in dem Drama von Imogen, im Wintermärchen, im Sturm. Die Märchen- und Meeres- und Sphärenmusik des Sturm klingt schon in den Reisen des Perikles an, wie auch Miranda in manchem an Marina, die Tochter des Perikles, erinnert; aber der letzte Aufwärtsweg, den wir mit Shakespeare machen, ist noch weit, so weit wie von der gequälten Wut Timons des Menschenfeindes zu der Überlegenheit Prosperos, der das innerste Grauen der Welt kennt und den unrettbar verworfenen Caliban im Urgrund der Welt und des Menschengeschlechts finden muß und dennoch, heiter in Düsterkeit, Ruhe und Liebe nicht aufgibt.