Coriolan
Coriolan ist das dritte und letzte Stück, das Shakespeare nach Plutarch aus der römischen Geschichte behandelt hat. Über die Zeit der Abfassung oder der ersten Aufführung liegt uns kein Bericht vor; auch sonst fehlen äußere Merkmale, aus denen etwas zu schließen wäre. Ich folge denen, die auf Grund der Sprache und der Verstechnik die Jahre zwischen 1608 und 1610 als Zeit der Abfassung annehmen: ich möchte glauben, daß Antonius und Cleopatra und auch Timon von Athen vorher gedichtet sind. Man könnte aber nicht leicht drei Stücke eines Verfassers nennen, die sich nach Aufbau, Stimmung, seelischer und poetischer Technik radikaler von einander unterschieden als diese; Shakespeare war gerade in seiner letzten Periode zu mehreren, sehr verschiedenen Darstellungsarten geneigt und war vielleicht jetzt mehr ein Suchender als je.
Zu Plutarch steht Shakespeare bei diesem Stück eher noch freier als die beiden andern Male: wohl dankt er ihm viele Einzelzüge, folgt ihm auch im Aufbau der einen oder andern Rede; aber er nimmt Abweichungen wichtiger Art auch in der äußern Handlung, vor allem Zusammenziehungen vor. Die Vorgänge, die den Stoff der beiden Tragödien aus dem Beginn der Kaiserzeit lieferten, waren und sind ein Stück der eignen Geschichte auch unsrer Völker; es geht um Entscheidungen, die Shakespeares Zeitgenossen angingen, wie sie auch für uns noch bedeutend sind; der Krieg zwischen Römern und Volskern und alles, was damit zusammenhing, hat als äußerer Verlauf keine solche Aktualität; es kommt alles nur auf das geschichtliche Beispiel für immerdar wirksame Kräfte, Tendenzen und Gegensätze und auf das innere Leben der Gestalten an. Die spontane Lebendigkeit aber der inneren Antriebe, das Feuer, von dem diese Menschen erfüllt sind, das ist ebenso völlig auch diesmal Shakespeares Eigentum wie die geschichtliche Weite, zu der sich das Ereignis ausdehnt.
Coriolan gehört zu den Stücken Shakespeares, die besonders sorgsam komponiert, straff gebaut, rund vollendet sind; keines übertrifft es in diesem Betracht; wenige, wie Macbeth und Othello, können ihm darin gleichkommen.
Welch ein Abstand aber in jeder Hinsicht, wenn man von Timon kommt! Nicht einmal die Hauptperson ist da wahrhaft individualisiert und im Innersten ergriffen; die Nebengestalten aber sind allesamt schablonenhaft; der Timon zielt ganz auf das Wort, auf die Rede ab; große, herrliche Reden bringt wahrlich auch der Coriolan, aber alle stehen sie im Zusammenhang der ergreifenden, lebendigen Aktion und dienen der Erhellung der Seelen; und jede Gestalt bis zur kleinsten Nebenperson herunter ist individuell behandelt, und nun gar die Hauptgestalten! Neben Coriolan Menenius Agrippa, die beiden Volkstribunen, Tullus Aufidius der Volskerheld, Coriolans Mutter, seine Frau und das Volk.
Eine sehr bezeichnende Abweichung Shakespeares von Plutarch bringt eine Bestätigung für etwas, was schon früher gesagt wurde, und deutet zugleich das Bereich, in das uns der Coriolan führt. Es hat wahrlich seinen tiefen Grund, warum die Natur einen zum Dichter und nicht zum Philosophen oder Forscher geschaffen hat. Ein Dichter, ein Dramatiker wie Shakespearekannsich nicht nur in die verschiedensten Naturen, Temperamente und Weltanschauungen einfühlen; er muß es, weil seine Natur ihre herrliche, stramme Sicherheit und Eindeutigkeit nicht ineinemSystem, sondern in einer Vielheit von Bildern findet; immer macht der Künstler aus der Not eine Tugend; und eben aus dieser Entbehrung an eng begrenzter Festigkeit macht der Dramatiker den Reichtum seiner Gestalten, Sphären und innern Verfassungen. Der Dichter lebt in Einem Himmel, der durch alle Reiche waltet; er kniet nicht vor Einem Gott. Diese Proteusnatur des Dichters bringt es mit sich, daß er mit einer Kraft und Eindringlichkeit,die nur von eigener Übereinstimmung zu kommen scheint, in das Denken und Fühlen eines Menschen eingeht, daß er ihn von innen gestaltet, als wäre er es selbst, daß er ganz mit ihm und in ihm ist, daß er dann aber wieder hinausschlüpft und ebenso untrennbar sich mit einem wesentlich andern zu decken scheint.
Damit dünkt mich nun zusammenzuhängen, daß die Sphäre eines jeden der Stücke, gleichviel ob sie weit oder eng ist, in jedem Fall ihre begrenzte Bestimmtheit hat und in Abhängigkeit von dem Trieb oder der Weltanschauung der Person oder des Kreises von Personen steht, um die als Mitte das Stück sich bewegt. So finden wir in solchen Stücken, in deren Mitte die Macht steht, die als Gier zu herrschen und auch sonst als Lebensgier erscheint, als Sphäre eine wilde, ungezügelte Natur, Aufruhr und Gärung der Elemente, dämonisches Eingreifen der Schicksalsmächte, Zeichen und Wunder. So geht es im Macbeth zu, so auch im Lear und ebenso auch in den beiden Römerdramen, in denen der Republikanismus abgelöst wird von der Herrschgier, im Julius Cäsar und in Antonius und Cleopatra. Überaus bezeichnend aber, daß es in der besonderen Welt des Brutus nicht nur die Zeichen und Wunder des Cäsarismus nicht gibt, sondern daß auch der fürchterliche Wettersturm da nicht zu toben scheint; wir sind bei ihm in der furchtbaren Nacht in seinem Garten; aber wovon er auf Grund seiner Natur und seiner Situation nichts merkt, das umgibt auch uns nicht; und ein pedantisch aufmerksamer Regisseur könnte nichts Verkehrteres tun, als uns in dieser Fortsetzung der Nacht von dem Aufruhr aller Elemente, in dem wir eben bei Cassius auf der Straße waren und von dem nachher gleich Cäsar wieder ins Wanken gebracht wird, im Garten des Brutus das kleinste Donnerchen rollen zu lassen. Wovon ich hier spreche, geht aber positiv und negativ durch Shakespeares ganzes Werk: es ist völlig unmöglich, sich in solchen Stücken, in deren Mitte eingemäßigter, gezügelter oder gar harmonischer Mann steht, wie zum Beispiel Heinrich IV. oder Heinrich V., um diesen Helden eine wilde Natur oder ein Eingreifen von Geistermächten zu denken. Welch ein Unterschied herrscht vielmehr im gesamten Ton, in der Stimmung, der Atmosphäre, wenn man die beiden Heinrichsdramen und ihre behaglichen, niederländischen Einlagen besonders der Falstaffszenen mit Richard III. und seinen schweren Träumen und Geistererscheinungen vergleicht. Ich übersehe nicht, daß Richard III. noch der Jugendperiode und der Abhängigkeit von Marlowe und ähnlichen Gewalttätigen angehört; aber ich will ja nur zeigen, warum solche begleitende Elementarstimmung in den Heinrichsdramen nicht sein kann. Warum aber im Lear das Wetter tobt, im Hamlet das Gespenst erscheint, im Julius Cäsar Zeichen und Wunder geschehen und in Antonius und Cleopatra Herkules der Gott unterirdische Musik machen darf, all dieses Elementare und Dämonische steht in Zusammenhang mit den Elementartrieben und dämonischen Leidenschaften, um die das Stück sich dreht; Hamlet, in dessen Weltanschauung und Neigung, das Leben zu führen, die Wiederkunft und das handelnde Eingreifen eines Gestorbenen ursprünglich so wenig paßt wie in die Horatios, hätte das Gespenst nie mit Augen gesehen, wenn er nicht der Erbe eines Geschlechts der Wut wäre, wenn er nicht im Dunstkreis seines Oheims stünde.
Wenn dem aber so ist, können wir, was im Verlauf dieser Vorträge zu Shakespeares Weltanschauung gesagt worden ist, noch um eine Stufe fortzuführen versuchen. Es ist gesagt worden, es gehe nicht leicht an, aus den Dramen Schlüsse auf Shakespeares Religion, Philosophie und Naturbetrachtung zu ziehen, weil nicht nur die Äußerungen der Personen, so sentenziös und überzeugt sie auch herauskommen mögen, von ihrem Charakter und ihrer Aufgabe im Stück, sondern sogar die Naturelemente, die Kräfte, die Geister, die der Dichter selbst leibhaft vorführt, von derinnern Beschaffenheit der jeweils in dem Stück zentralen Personen, also wiederum nicht von den Gedanken des Dichters abhängen. Es ist dann weiter versucht worden zu sagen, der Dichter mit seiner Künstlernatur sei Weltanschauungen gegenüber sehr labil, er könne darum seine Menschen so fest, so innig an einem Glauben oder einer Auffassung hängen lassen, weil für ihn, dem alles zum Gleichnis und Bilde wird, an jeder lebendig ergriffenen Deutung der Welt etwas Wahres sei. Wenn es indessen so ist, daß Hexen, Naturdämonen, Gespenster, Zeichen und Wunder von Shakespeare immer nur als gemäßer Ausdruck in solche Stücke aufgenommen werden, in deren Mitte Menschen der Gier, des wilden Triebs, der Genuß- und Machtaffekte stehen, daß er dagegen Menschen, die er mit besonderer Liebe behandelte und denen er als die Triebe beherrschende hohe Kraft Vernunft, Gemeinsinn, Gerechtigkeit, Maß, Harmonie mitgab, in einer unsrer Naturanschauung entsprechenden heitern, stillen und wunderlosen Welt leben ließ, so ist das am Ende, besonders wenn wir dazu nehmen, daß in seinen subjektiven Äußerungen in den Sonetten nur offenbares Spiel mit mythologischen Vorstellungen, aber keinerlei Befangenheit in Dämonen- und Vorbedeutungsglauben vorkommt, ein Kriterium dafür, daß die Vernunftüberlegung Shakespeares so rationalistisch war wie die Anschauungen etwa Horatios und Bruder Lorenzos.
Man wird einwenden wollen, ob so ein Motiv der Naturdämonie verwendet werde oder nicht, sei in erster Linie von dem in den Quellen überlieferten Stoff abhängig. Aber gerade darauf will ich ja hinaus. Diesmal nämlich ist es nicht so. Der gesprächige und etwas wohlweise Plutarch berichtet in der Biographie Coriolans genau so wie in der Cäsars und Antonius’ von Zeichen und Wundern; aber dieser ganzen Überlieferung von schreckhaften Vorbedeutungen, Wahrträumen und Wahrsagern schenktShakespeare diesmal keine Beachtung. Nichts von dieser Atmosphäre kann er für dieses Rom und für diesen Römer brauchen.
Wir sind nicht in der gärenden Zersetzung der Republik, sondern in ihrer Frühzeit; und die Seele Coriolans ist von nichts weniger erfüllt als von Machtgier.
Das klingt nun vielleicht erstaunlich; man wird sagen wollen: er sei aber doch der Typus des Aristokraten, des Adligen, des Herrschenden; er sei doch der Führer in dem Kampf des Adels gegen das Volk, der Patrizier gegen die Plebejer; und bei all diesem Streit zwischen Kleinen und Großen, Volkstribunen und Senatoren drehe sich alles um die Macht. Man darf sich aber von Worten, die für sehr verschiedene Sachen gleich lauten, nicht verführen lassen. Das Spezifische, das ich hier Macht nenne, ist eine Selbstherrlichkeit, die alles von sich abzuleiten und auf sich zu beziehen geneigt ist, ist ein Absolutismus, der mit dem Gefühl der Majestät, der Gottähnlichkeit, des Übermenschentums oder aber mit dem wild dämonischen, verzehrend teuflischen Drang der Niedrigkeit, Herr zu sein, verbunden ist, und das gibt es nur in der Form der Tyrannei, der unumschränkten Königsgewalt.
Hier bei Coriolan aber sind wir in einer ganz andern Welt, eben in der, deren Idee Brutus noch rein in sich fand und für die Umwelt wiederherstellen wollte: in der ständisch gegliederten, ritterlichen Republik.
In dieser römischen Stadtrepublik, die nur erst einen kleinen Teil des benachbarten Landes in ihr Bereich eingezogen hat, herrscht in noch engerem Bezirk dieselbe Staatsverfassung, dasselbe Staatsideal, wie es Shakespeares Ulysses für die frühe griechische Welt aufgestellt hatte, und wie es ganz ähnlich in der Welt des ritterlichen Königs, zu dem Prinz Heinz geworden ist, Heinrichs V. gilt:
Denn wie kann ein Verein,Der Schulen Stufen, Brüderschaft in Städten,Ein friedlicher Verkehr entfernter Küsten,Das Erstgeburtsrecht,Pflichtender Geburt,Vorrecht des Alters, Thrones, Zepters, LorbeersAn ihrer rechten Stelle anders stehenAls durch dieGliederung?
Denn wie kann ein Verein,Der Schulen Stufen, Brüderschaft in Städten,Ein friedlicher Verkehr entfernter Küsten,Das Erstgeburtsrecht,Pflichtender Geburt,Vorrecht des Alters, Thrones, Zepters, LorbeersAn ihrer rechten Stelle anders stehenAls durch dieGliederung?
Denn wie kann ein Verein,Der Schulen Stufen, Brüderschaft in Städten,Ein friedlicher Verkehr entfernter Küsten,Das Erstgeburtsrecht,Pflichtender Geburt,Vorrecht des Alters, Thrones, Zepters, LorbeersAn ihrer rechten Stelle anders stehenAls durch dieGliederung?
Denn wie kann ein Verein,
Der Schulen Stufen, Brüderschaft in Städten,
Ein friedlicher Verkehr entfernter Küsten,
Das Erstgeburtsrecht,Pflichtender Geburt,
Vorrecht des Alters, Thrones, Zepters, Lorbeers
An ihrer rechten Stelle anders stehen
Als durch dieGliederung?
So hatten wir’s von Ulysses für kleine Königreiche gehört, in denen Rangordnung, Gliederung, ständische Verfassung herrscht und sie so der Republik nicht minder annähert, wie andrerseits die aristokratische Republik im frühen Rom die Ordnung und Sicherheit gewährte, die man gern als Vorzug der Monarchie bezeichnet.
Und von Ulysses hören wir in derselben großen Rede zweierlei über die Auflösung von ständischer Gliederung und Ordnung. Einmal gerade das nämliche, was wir jetzt eben über den Zusammenhang von Naturdämonie und Machtwillkür bei Shakespeare wahrgenommen haben:
IrrenIn unheilvoller Kreuzung die Planeten,Welch Schreckenszeichen dann, welch Seuchen, Gärung,Welch Erderschütterungen, Meerestoben,Aufruhr der Luft, Umsturz, Entsetzen, GrausZerteilt, zerreißt, erschüttert und entwurzeltJedweden Zustand eheruhigen FriedensBis auf den Grund! Wenn Stufenordnung wankte,Zu jedem hohen Ziel die einzige Leiter,Dann krankt die Unternehmung!
IrrenIn unheilvoller Kreuzung die Planeten,Welch Schreckenszeichen dann, welch Seuchen, Gärung,Welch Erderschütterungen, Meerestoben,Aufruhr der Luft, Umsturz, Entsetzen, GrausZerteilt, zerreißt, erschüttert und entwurzeltJedweden Zustand eheruhigen FriedensBis auf den Grund! Wenn Stufenordnung wankte,Zu jedem hohen Ziel die einzige Leiter,Dann krankt die Unternehmung!
IrrenIn unheilvoller Kreuzung die Planeten,Welch Schreckenszeichen dann, welch Seuchen, Gärung,Welch Erderschütterungen, Meerestoben,Aufruhr der Luft, Umsturz, Entsetzen, GrausZerteilt, zerreißt, erschüttert und entwurzeltJedweden Zustand eheruhigen FriedensBis auf den Grund! Wenn Stufenordnung wankte,Zu jedem hohen Ziel die einzige Leiter,Dann krankt die Unternehmung!
Irren
In unheilvoller Kreuzung die Planeten,
Welch Schreckenszeichen dann, welch Seuchen, Gärung,
Welch Erderschütterungen, Meerestoben,
Aufruhr der Luft, Umsturz, Entsetzen, Graus
Zerteilt, zerreißt, erschüttert und entwurzelt
Jedweden Zustand eheruhigen Friedens
Bis auf den Grund! Wenn Stufenordnung wankte,
Zu jedem hohen Ziel die einzige Leiter,
Dann krankt die Unternehmung!
In warnender Rede also, die ihren prophetisch eindringlichen Ton gewiß nicht bloß von der Lage der Griechen vor Troja nimmt, stellt Ulysses die Auflösung des organisch Gegliederten ins wüst Elementare zusammen mit unheilvollen Naturkatastrophen derselben Herkunft. Dann aber fährt er unmittelbar fort und stellt den Zusammenhang her zwischen der Auflösung der festgegliederten, sich gegenseitig auspendelnden Ordnung und der Willkürgewalt der Despotennatur:
Nimm Gliedrung weg, mach’ diese Saite stumm,Und ach, welch Mißton folgt! Die Dinge stoßenIn ew’gem Streite sich: es schwillt der BusenDer eingedämmten Flut, des Strandes spottend,Bis sie dies feste Rund auflöst in Schlamm;Zum Herrn der Schwäche wirft sich auf die Kraft;Der rohe Sohn schlägt seinen Vater tot;Gewalt wird Recht, nein, vielmehr: Recht und Unrecht— Die ew’gen Feinde, von GerechtigkeitBeherrscht — verlieren samt der HerrscherinDann ihren Namen. Alles wird Gewalt,Gewalt wird Willkür, Willkür zur Begier,Und die Begier, ein allgemeiner WolfMit ihrem Dienerpaar Gewalt und Willkür,Nährt sich vom allgemeinen Raub und frißtZuletzt sich selbst auf.
Nimm Gliedrung weg, mach’ diese Saite stumm,Und ach, welch Mißton folgt! Die Dinge stoßenIn ew’gem Streite sich: es schwillt der BusenDer eingedämmten Flut, des Strandes spottend,Bis sie dies feste Rund auflöst in Schlamm;Zum Herrn der Schwäche wirft sich auf die Kraft;Der rohe Sohn schlägt seinen Vater tot;Gewalt wird Recht, nein, vielmehr: Recht und Unrecht— Die ew’gen Feinde, von GerechtigkeitBeherrscht — verlieren samt der HerrscherinDann ihren Namen. Alles wird Gewalt,Gewalt wird Willkür, Willkür zur Begier,Und die Begier, ein allgemeiner WolfMit ihrem Dienerpaar Gewalt und Willkür,Nährt sich vom allgemeinen Raub und frißtZuletzt sich selbst auf.
Nimm Gliedrung weg, mach’ diese Saite stumm,Und ach, welch Mißton folgt! Die Dinge stoßenIn ew’gem Streite sich: es schwillt der BusenDer eingedämmten Flut, des Strandes spottend,Bis sie dies feste Rund auflöst in Schlamm;Zum Herrn der Schwäche wirft sich auf die Kraft;Der rohe Sohn schlägt seinen Vater tot;Gewalt wird Recht, nein, vielmehr: Recht und Unrecht— Die ew’gen Feinde, von GerechtigkeitBeherrscht — verlieren samt der HerrscherinDann ihren Namen. Alles wird Gewalt,Gewalt wird Willkür, Willkür zur Begier,Und die Begier, ein allgemeiner WolfMit ihrem Dienerpaar Gewalt und Willkür,Nährt sich vom allgemeinen Raub und frißtZuletzt sich selbst auf.
Nimm Gliedrung weg, mach’ diese Saite stumm,
Und ach, welch Mißton folgt! Die Dinge stoßen
In ew’gem Streite sich: es schwillt der Busen
Der eingedämmten Flut, des Strandes spottend,
Bis sie dies feste Rund auflöst in Schlamm;
Zum Herrn der Schwäche wirft sich auf die Kraft;
Der rohe Sohn schlägt seinen Vater tot;
Gewalt wird Recht, nein, vielmehr: Recht und Unrecht
— Die ew’gen Feinde, von Gerechtigkeit
Beherrscht — verlieren samt der Herrscherin
Dann ihren Namen. Alles wird Gewalt,
Gewalt wird Willkür, Willkür zur Begier,
Und die Begier, ein allgemeiner Wolf
Mit ihrem Dienerpaar Gewalt und Willkür,
Nährt sich vom allgemeinen Raub und frißt
Zuletzt sich selbst auf.
Es war nötig und gut, daß wir diese entscheidende Stelle, in der Ulysses das politische Gewalthabertum auf die Seelenverfassung des gierigen Einzelmenschen und diese wiederum auf die Auflösung einer festgegliederten Ordnung der Gegenseitigkeit zurückführt und so die Gemeinschaft oder Wechselwirkung feststellt, in der sich öffentliche Zustände und inneres Leben der Individuen immerzu einander bedingend und steigernd bewegen, hier noch einmal vernahmen. Denn die Warnung, sofern sie nicht vor Troja, sondern vor den europäischen Völkern zu Beginn des 17. Jahrhunderts ausgesprochen wurde, hat nichts verhütet, hat nur vorausgekündet; der Prophet hat in den Wind gesprochen, dessen Wehen er schon spürte, und der Wind ist zum Sturm geworden. Und wir heutigen Tags sind an den so vorausgesagten Zustand der Auflösung, in dem wir seit langem darin sind, derart gewöhnt, daß wir uns erst historisch zurückversetzen müssen in eine Zeit, wodas, was heute spukender, zerfetzter Rest und dabei Willkürgewalt ist, in seiner Gesundheit, seinem Rechte und seinem Amte stand, in eine Zeit, wo Adel und Rittertum ihre Aufgabe der Landesverteidigung und des Regiments mit gutem Gewissen als Recht und als Pflicht betrachteten. Nichts ist uns heute selbstverständlicher als die Forderung oder demokratische Tatsache, daß der Bauer, der Handwerker, der Arbeitsmann seine Arbeit und private Muße abbricht, um sich über Gesetzgebung, Verordnungen, Verhandlungen aller Art erst zu unterrichten und dann zu beraten und schlüssig zu machen; wir denken gar nicht daran, daß dieser Zustand, in dem die Angelegenheiten des Gemeinwesens nicht besonders Berufenen, Geschulten, Geübten anvertraut bleiben, sondern dem allgemeinen Dilettantismus überlassen sind, daher kommen könnte, daß die Erben der einst Berufenen des Vertrauens unwürdige Usurpatoren und dazu noch Pfuscher geworden sind. Shakespeare aber lebt, äußerlich schon am Rande, seiner Gesinnung nach noch inmitten dieser Welt der ständischen Ordnung, so wie selbst Goethe zwar an und sogar hinter ihrem Ende, aber für sein Wollen und Denken noch und schon wieder in ihr gelebt hat.
Und in dieser Welt der ständischen Ordnung, eines Vorrechts, das nicht ein Privileg mit dem Stempel des Unrechts, sondern ein Rang mit der Aufgabe der Lenkung und Führung war, lebt Coriolan, im Kampf gegen die Tendenzen der Auflösung.
Sehen wir uns seine politische Ethik, seine Anschauung vom Verhältnis der Individuen zur Gemeinschaft, von der Aufgabe des Adels zunächst an. Und zugleich damit seine und seiner Freunde Stellung zum niedern Volk, zu den Massen der einzelnen.
Denn dies vor allem: es geht um ein Ganzes, das ist die Polis, die Politeia, die Stadt, der Staat; die Massen aber sind einzelne, die wild durcheinander wimmeln undtoben und einander auffressen würden, wenn nicht das Regiment wäre, das sie zusammenhält und einem Ziele zulenkt. In dieser Zeit, wo das patrizische Regiment von der Auflösung bedroht ist und sich zur Wehr setzen muß, besteht ihm die Menge aus lauter Vertretern des Typus,
der nicht herrschenkannUnd nicht gehorchenwill.
der nicht herrschenkannUnd nicht gehorchenwill.
der nicht herrschenkannUnd nicht gehorchenwill.
der nicht herrschenkann
Und nicht gehorchenwill.
Man kann es etwa auch so ausdrücken: die Machtgierigen, die Tyrannen und Usurpatoren, zu denen Coriolanus keineswegs gehört, betrachten sich als Gottähnliche, als Übermenschen; Coriolan sieht sich und die echten Adligen als eigentliche, rechte Menschen an; die Massen, die weder Klarheit der Einsicht noch Bestimmtheit des Willens haben, sind für ihn Menschen wohl in ihrem Haus und Handwerk — da achtet er sie durchaus —, aber nicht im Staat; von dem verstehen sie nichts und sollen sich also auch nicht drum kümmern, weil sonst die Auflösung, mit ihr die Gier und die Tyrannei der Willkür kommt. In dieser Rolle der Führenden, Regierenden, Befehlenden, der Vormünder für Unmündige — unmündig nur in Sachen des Gemeinwesens, das in hoher Sonderung für sich verwaltet sein muß, nicht in die private Ökonomie und den Werkeltag biederer Handwerker vermantscht werden darf — hat dieser Adel ein gutes Gewissen, soll es haben, so beschwört sie Coriolan. Ordnung und Unterordnung muß sein:
Seid ihr gelehrt,Tut nicht wie blöde Toren; seid ihr’s nicht,Setztsie[die Plebejer] auf Polstern euch zur Seit’!Ihrseid Plebejer,Wenn Senatoren sie...
Seid ihr gelehrt,Tut nicht wie blöde Toren; seid ihr’s nicht,Setztsie[die Plebejer] auf Polstern euch zur Seit’!Ihrseid Plebejer,Wenn Senatoren sie...
Seid ihr gelehrt,Tut nicht wie blöde Toren; seid ihr’s nicht,Setztsie[die Plebejer] auf Polstern euch zur Seit’!Ihrseid Plebejer,Wenn Senatoren sie...
Seid ihr gelehrt,
Tut nicht wie blöde Toren; seid ihr’s nicht,
Setztsie[die Plebejer] auf Polstern euch zur Seit’!
Ihrseid Plebejer,
Wenn Senatoren sie...
Der Staat muß einheitlich sein; er muß die Macht haben, das Gute und Rechte zu tun. Jetzt aber, wo die Patrizier den Plebejern Rechte eingeräumt haben, sie am Staatsleben teilnehmen lassen, sieht er Schlimmes voraus; es besteht eine
Doppelherrschaft,Wo stolz ein Teil mit Grund, frech ohne RechtDer andere; wo Klugheit, Rang, GeburtNichts machen kann, als nach dem Ja und NeinDes unverständ’gen Schwarms...
Doppelherrschaft,Wo stolz ein Teil mit Grund, frech ohne RechtDer andere; wo Klugheit, Rang, GeburtNichts machen kann, als nach dem Ja und NeinDes unverständ’gen Schwarms...
Doppelherrschaft,Wo stolz ein Teil mit Grund, frech ohne RechtDer andere; wo Klugheit, Rang, GeburtNichts machen kann, als nach dem Ja und NeinDes unverständ’gen Schwarms...
Doppelherrschaft,
Wo stolz ein Teil mit Grund, frech ohne Recht
Der andere; wo Klugheit, Rang, Geburt
Nichts machen kann, als nach dem Ja und Nein
Des unverständ’gen Schwarms...
Demgegenüber verfechten die Volkstribunen die modern demokratischen Ideen; für sie ist das Ganze nichts andres als die Summe der einzelnen, und das Staatswohl identisch mit dem Wohl der Massen.
Dagegen aber empört sich gerade die Staatsgesinnung; und in der Tat, wäre Rom — die Stadt — wäre sie Rom geworden, das gewaltige römische Reich, das heute noch lebt in all unsern Staaten, in allen, gleichviel wie sie heißen, wenn es zu irgend einer Zeit nur oder hauptsächlich auf das Wohl der gerade lebenden einzelnen in den Massen angekommen wäre? Auf diese Demokratenfrage
Was ist die Stadt sonst als das Volk?
Was ist die Stadt sonst als das Volk?
Was ist die Stadt sonst als das Volk?
Was ist die Stadt sonst als das Volk?
erwidert darum auch der Konsul Cominius, Coriolans Freund und Parteigenosse:
Das ist der Weg, zu schleifen unsre Stadt,Das Dach herabzubringen an den GrundUnd alles, was noch Rang hat, zu begrabenIn aufgehäuften Trümmern.
Das ist der Weg, zu schleifen unsre Stadt,Das Dach herabzubringen an den GrundUnd alles, was noch Rang hat, zu begrabenIn aufgehäuften Trümmern.
Das ist der Weg, zu schleifen unsre Stadt,Das Dach herabzubringen an den GrundUnd alles, was noch Rang hat, zu begrabenIn aufgehäuften Trümmern.
Das ist der Weg, zu schleifen unsre Stadt,
Das Dach herabzubringen an den Grund
Und alles, was noch Rang hat, zu begraben
In aufgehäuften Trümmern.
Nein, so empfinden sie alle, diese Ritter, Adligen, Vornehmen, nein, das ist nicht der Zweck des Lebens, nicht die Bestimmung ihrer heiligen Stadt, lediglich die Masse, das „Tier mit vielen Häuptern“, zu ernähren und zu befriedigen. Sie, die Adligen, sie haben ihre besondere Bildung, Ausbildung, Lebensart, sie haben Muße; sie bleiben für Ehe und Nachkommenschaft streng innerhalb ihres Standes; auf den Wegen der Natur und der Gesellschaft sind sie Auslese geworden: darum sind sie die von Geburt Vornehmen, Ausgenommenen, privilegiert nicht zum Genuß, sondern, wohl auch vom Genuß des Lebens her, privilegiert zu ihrer Aufgabe.
Was Nietzsche, von Jakob Burckhardt geleitet, in der Renaissance — Shakespeares Zeitalter noch — gefunden hat und was er darum und sowieso in der Form der Vermischung von Adelsordnung und ausbrechender Willkürtyrannei brachte, das hätte er nirgends in so reiner, vollendeter Gestalt finden können wie in diesem aristokratisch-republikanischen Drama Shakespeares.
Wohl aber zu beachten: das ist Coriolan, ist der vollendete Typus des Adelsideals, es ist nicht, nicht ganz und gar Shakespeare. Wir haben in dem schimmernden Ritterkönig Heinrich V. eine nach Gesinnung und Stellung ähnliche Gestalt gesehen, der Shakespeares Bewunderung und Wunsch freilich wohl auch am nächsten stand; aber aus Sehnsucht — für sich und die Menschheit — baut der Dichter die Gestalten, an denen sein Herz hängt und die uns zu Mahnern aus großer Zeit, zu Führern oder zum Ziele auf unserm Wege zu werden vermögen; er baut damit auch an seinem Leben, seiner Wandlung, seinem Sichfinden; was alles jedoch in der Unendlichkeit der Vorwelt und Umwelt hat schon früher entscheidend an ihm, dem Menschen, der so dichtet, gebaut? So lebt in Shakespeare auch schon das Neue, die Gärung, die Zersetzung; sonst hätte er nie einen Hamlet schreiben können, die Tragödie dieses Prinzen, der die gesunkene und in Stücke gebrochene Ordnungswelt weder einzurenken noch zu lenken vermag, sie aber, gleich uns andern Plebejern, drunten oder abseits scharf und erschütternd kritisieren muß und darf.
Shakespeares Kunst — o nein, das ist nicht bloß Kunst, die unvergleichliche Größe seiner Persönlichkeit ist, daß er jedesmal in jedem Drama um seinen Helden herum eine solche Sphäre der Sicherheit, eine so weltweite Atmosphäre, die von seinem, dieses Helden Wesen ganz gesättigt ist, legt, daß wir lange keinen andern Atem schöpfen als die Luft dieses Wesens. In der Welt Coriolans vergessen wir alles, was heutigen Tags auch noch solche Namenführt wie Adel, Herrenkaste, Kriegertum, Staat; wir vergessen, daß inzwischen die Auflösung, die Coriolan bekämpft hat, so Herr geworden ist, daß sie Besitz von allen, auch von unsern Hirnen ergriffen hat; wir vergessen, daß heutigen Tags die Losungen, die einstmals bindende und im Keil vorwärts führende Wahrheit gewesen sind, wir vergessen, daß dieser herrliche Wahn inzwischen zu Gewaltdruck, Gierverkleidung und Lüge geworden ist; wir vergessen die Durchgangszeit, welche die unsre ist; vergessen, daß wir so auseinandergefallen, so in Rückfall geraten sind, daß unsre Verneinungen das einzig Positive sind, das wir haben, und daß darum kein Staat uns mehr einen Geist, dem wir uns fügen, vorstellt, der irgend ein Ziel gegen das Wohl der einzelnen verfolgt; wir vergessen die Zeit und den Tag; all das Trompetengeschmetter, all der soldatisch-kriegerische Adel jener Welt ist uns nicht eine Erinnerung an Äußerliches, das heute in der Welt just noch ein bißchen herrschen will und bei seinem gewaltigen Todesgetöse sich mit den heiligen Worten und Geschmeiden längst vergangener wahrer Geltung ziert: diese aggressive Lust ist uns ein Sinnbild alles Großen, Gebietenden, Tapfern, Edeln in unsern Seelen, das sich inzwischen in ganz andern Gebieten angesiedelt hat, so daß es geschehen mag, daß unser Herz bei Coriolans Kriegsrufen jauchzt, weil dabei die Saiten mitschwingen, auf denen wir bereit sind, tapfer in starken Tönen das Lied von der Friedensordnung der Menschheit und der endgültigen Vernichtung aller feudalen Reste zu spielen.
So bannt uns Shakespeare in den Geist hinein, der sein Drama vom Helden aus erfüllt, und wenn wir ganz drin sind, kann es kommen, kommt es auch bei diesem Stück, daß irgendwo drunten eine ganz andre, eine entgegengesetzte Gesinnung und Menschenart so erschütternd für einen Augenblick ihre Lage und ihre Seele ausspricht, daß über all unsrer ruhig-gesicherten Festigkeit wieder wogend dieAllseitigkeit, die Beidseitigkeit, der Übergang und die Auflösung zusammenschlägt. Und sehen wir uns dann, wenn auf einen stolzen Gipfel, den der Dichter gebaut hat, ein Gipfelchen fast mitleidig und verachtend herabblickt, das auch dieser Dichter gebaut hat und das er auch gelten lassen will, sehen wir uns nach diesem Dichter dann nochmals um und wollen versuchen, den Dramatiker, der so erstaunlich gerecht zu sein vermag, zu verstehen, so wissen wir nicht, ob wir diese Gabe harte Stärke oder weiche Schmiegsamkeit nennen sollen; es wird eine weiche, wandelbare, allem leicht hingegebene und von allem gefärbte Seele sein, der die Ausdrucksgewalt eines starken Geistes dient.
Einer aus dem Herrengeschlecht und der Kriegerkaste also ist der Mann, der Coriolan heißen wird; er hat die Eigenschaften, um derentwillen er sich und seinesgleichen als Geschlecht der Regierenden berufen fühlt, die typischen Eigenschaften, die ihn zum Führenden bestimmen; dazu aber noch die besonderen, die ihn zum tragischen Sturze bringen.
Die Bürger und Volkstribunen, die von ihm reden, haben die Allgemeinempfindung, daß er ihnen unerträglich zur Last sei; „er hat der Fehler mehr als zuviel“, ruft einer, als man ihn auffordert, sie zu nennen; er weiß ihrer keinen als immer den einen: Stolz. Das merkt jeder gleich: stolz über die Maßen ist dieser Mann. Ja, das ist er; aber er hat auch die nötige Ergänzung: einen Stolz, der kein Lob hören kann, der bescheiden ist; denn den Stolz und seinen Grund hält Coriolan für Eigenschaften jedes echten Menschen; eine Sprödigkeit hat er, die mädchenhaft ist wie die Cordelias, der Adelstochter.
Und ein andrer Bürger, der ihm wohlgesinnt ist, erwidert ein nachdenkliches Wort:
Was ihm nun einmal so im Blut liegt, daraus macht ihr ihm ein Laster.
Was ihm nun einmal so im Blut liegt, daraus macht ihr ihm ein Laster.
Was ihm nun einmal so im Blut liegt, daraus macht ihr ihm ein Laster.
Was ihm nun einmal so im Blut liegt, daraus macht ihr ihm ein Laster.
What he cannot help in his nature...: er ist nichts Nachträgliches, nichts Aufgeklebtes, dieser Stolz, ist kein Zierat: er kann’s nicht ändern, es ist so seine Natur: seine Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit. Er ist, wie er öfter von Freunden und Bewunderern angeredet wird, „ein edles Blut“.
Im Krieg, der in der Zeit des Rittertums, in der wir hier stehen, ein anderes Ding war, als was sich heute in der Zeit der Technik so nennt, zeigt sich sein Adel besonders. Er kann befehlen und Menschen in Mengen in Kampf und Tod treiben, er kann die Plebejer als feige Memmen verachten, weil er selbst jeden Augenblick, von nichts getrieben als von seiner Tapferkeit, die ihm Natur ist, bereit ist, das Leben fürs Vaterland zu wagen.
Allein, ohne daß die Truppen ihm folgen, und ohne daß er fragt, ob sie ihm folgen, dringt er den Feinden nach in die Festung Corioli; das Tor wird hinter ihm geschlossen, aber er, allein unter Feinden, schlägt sich durch und hält sich, bis die andern nachkommen. Und er ist kein homerischer Held, an dessen Seite unsichtbar oder sichtbar in der größten Gefahr die Götter kämpfen; kein Siegfried, der von Drachenblut eine unverwundbare Hornhaut hat; es geht alles ganz menschlich zu: er ist ein Held von Natur, der die Kultur und die Gesinnung seiner Natur hat. Wenn er nicht von Zorn und Heftigkeit, die seine Erbfehler sind, übermannt ist, hat er etwas sehr angenehm Urbanes an sich; sein Heldentum hat gar nichts ländlich Ungeschlachtes, Raufboldiges, sein Kämpfen steht immer mit seiner Gesinnung in Verbindung; immer lebt die Urbs, die Stadt Rom in ihm.
Wie er dann seine Soldaten in kurzer, feuriger Ansprache auffordert, ihm in den Kampf zu folgen, da faßt er wohlgesetzt zusammen, was sein ritterliches Wesen ausmacht. Der soll ihm folgen,
der glaubt,Ein edler Tod wieg’ auf ein ruhmlos LebenUnd höher hält sein Vaterland als sich.
der glaubt,Ein edler Tod wieg’ auf ein ruhmlos LebenUnd höher hält sein Vaterland als sich.
der glaubt,Ein edler Tod wieg’ auf ein ruhmlos LebenUnd höher hält sein Vaterland als sich.
der glaubt,
Ein edler Tod wieg’ auf ein ruhmlos Leben
Und höher hält sein Vaterland als sich.
Man fürchtet wohl manchmal, solche Gesinnung der Todbereitschaft, der völligen Unterordnung der Person unter ein überindividuelles Gebilde, unter eine Zusammenraffung, einen schimmernden Namen wie die Nation, raube dem Menschen die Individualität und mache ihn zu einem bloßen Teilchen. Mag sein, daß die Zeiten sich geändert haben: noch wahrscheinlicher, daß es Ausnahmemenschen und Dutzendmenschen allezeit gegeben hat und daß man gar wohl zwischen dem inneren Zwang, der Freiheit ist, Freiheit nicht nur der eigenen Entscheidung, sondern auch des Denkens, und jener kläglichen Unterordnung unter eine von Jugend auf eingetrichterte Losung unterscheiden muß, die mit Unfähigkeit zu eigenem Denken und eigener Entscheidung und mit Unkenntnis der Tatsachen, mit abergläubischer Geducktheit und dem Schlendrian des unabänderlichen Heute wie immer in genauer Verbindung steht. Coriolan jedenfalls zieht seine tapfere Todesverachtung im Gegenteil aus seinem stolzen, eifersüchtigen Individualismus. Ganz wirft er, wenn’s sein soll, das Leben hin, gerade weil er, solange er lebt, auf seine Selbständigkeit und Eigenheit bedacht ist, so sehr, daß er einen Zug seines Wesens bezeichnet, wenn er einmal ausruft:
Ich wäre lieber Knecht nach meiner ArtAls Herr mit ihnen nach der ihren.
Ich wäre lieber Knecht nach meiner ArtAls Herr mit ihnen nach der ihren.
Ich wäre lieber Knecht nach meiner ArtAls Herr mit ihnen nach der ihren.
Ich wäre lieber Knecht nach meiner Art
Als Herr mit ihnen nach der ihren.
Aufgerufen sein, frei über sein Leben zu verfügen, kann nur der Freie. Aber das ist ein sehr kompliziertes Verhältnis, diese Beziehung des Individuums zur Gemeinschaft, wo man dem Ganzen nur richtig dient, wenn man ganz ein eigenes Selbst, wenn man ein Ganzer ist; und wo man wiederum ein Eigener nur ist, wenn man ganz in der Sache aufgeht, unverbrüchlich sachlich ist; und sachlich heißt: hingegeben bis zur Vernichtung.
Coriolan weiß das, weiß, daß durch ihn hindurch die Sache wirkt; daß sie aber den Weg durch ihn nur recht nimmt,wenn er zusammengerafft, abgesondert, stolz er selbst ist; ist aber dann die Tat, die die Sache gewollt und durch ihn getan hat, vorbei, will der Gedanke, das Wort, die Lobrede sie an ihn, der das erkorene Werkzeug war, ankleben, dann empfindet er das, als nehme man ihn nicht für voll, als halte man es doch für eine Art Zufall, was er getan und was er am Ende auch hätte lassen können; als rühre man seine tiefe Verbundenheit mit der Sache auseinander; er wird rot, er läuft weg:
Eh’r lass’ ich mir den Kopf kraun an der Sonne,Wenn man zum Angriff bläst, als müßig hören,Wie man mein Nichts zum Wunder schwellt.
Eh’r lass’ ich mir den Kopf kraun an der Sonne,Wenn man zum Angriff bläst, als müßig hören,Wie man mein Nichts zum Wunder schwellt.
Eh’r lass’ ich mir den Kopf kraun an der Sonne,Wenn man zum Angriff bläst, als müßig hören,Wie man mein Nichts zum Wunder schwellt.
Eh’r lass’ ich mir den Kopf kraun an der Sonne,
Wenn man zum Angriff bläst, als müßig hören,
Wie man mein Nichts zum Wunder schwellt.
Lohn oder besondern Anteil an der Beute schlägt er aus; nichts der Art freut ihn; das aber erquickt ihn, daß seine Tat ihm einen Namen gemacht hat und daß er jetzt zugleich nach sich und der Sache heißt, Cajus Marcius nicht mehr allein, sondern Cajus Marcius Coriolanus.
Seine Verachtung gegen die Plebejer hängt auch zusammen mit der Abneigung seiner Natur gegen jeden Schachersinn, jede Kleinlichkeit und Erwerbsgier. Zumal, wenn dieser niedrige Erwerbssinn sich auf dem Gebiet der Ritterlichkeit, im Kriege zeigt, wenn die römischen Plebejer, als Soldaten nur wie maskiert, den Kampf unterbrechen, um gierig Beute zu machen, bricht sein Zorn los.
Die Beute stieß er wegUnd sah auf Kleinodien, als wären sieVerworfner Unrat. Weniger begehrt er,Als Geiz selbst gäbe; Lohn genug der TatHat er am Tun...
Die Beute stieß er wegUnd sah auf Kleinodien, als wären sieVerworfner Unrat. Weniger begehrt er,Als Geiz selbst gäbe; Lohn genug der TatHat er am Tun...
Die Beute stieß er wegUnd sah auf Kleinodien, als wären sieVerworfner Unrat. Weniger begehrt er,Als Geiz selbst gäbe; Lohn genug der TatHat er am Tun...
Die Beute stieß er weg
Und sah auf Kleinodien, als wären sie
Verworfner Unrat. Weniger begehrt er,
Als Geiz selbst gäbe; Lohn genug der Tat
Hat er am Tun...
Die Senatoren, der Konsul Cominius, der kluge Menenius Agrippa, sie alle da oben sind ganz seiner Gesinnung; aber sie haben nicht seine unnachgiebige Natur; sie sehen, wie die Zeiten sich gewandelt haben, sehen wohl gar ein gewisses Recht auch auf der andern Seite, so sind sie politisch, bedächtig, manchmal fast — so dünkt es ihn — feige.
Er aber — seine Mutter sagt es, die ihn am besten kennt, weil sie ihm am meisten gleicht —, er will und muß die soldatisch kriegerischen Tugenden auch auf die Dinge des Friedens, der Politik übertragen; er ist immer geradeheraus, offen, rücksichtslos:
Sein Wesen ist zu edel für die Welt,
Sein Wesen ist zu edel für die Welt,
Sein Wesen ist zu edel für die Welt,
Sein Wesen ist zu edel für die Welt,
meint der alte Menenius,
Sein Herz ist auch sein Mund,Was seine Brust denkt, sagt die Zung’ heraus,Und aufgebracht vergißt er, daß er jeDen Namen Tod gehört.
Sein Herz ist auch sein Mund,Was seine Brust denkt, sagt die Zung’ heraus,Und aufgebracht vergißt er, daß er jeDen Namen Tod gehört.
Sein Herz ist auch sein Mund,Was seine Brust denkt, sagt die Zung’ heraus,Und aufgebracht vergißt er, daß er jeDen Namen Tod gehört.
Sein Herz ist auch sein Mund,
Was seine Brust denkt, sagt die Zung’ heraus,
Und aufgebracht vergißt er, daß er je
Den Namen Tod gehört.
Im Kampf ist er sofort der Führer, weil er eben der Vorderste ist; er ist von Natur der Fürst, wie eins die erste Zahl ist, aus der sich alle andern kumulieren; und wie der First das Oberste vom Haus ist, weil er nicht drunten sein kann, so ist er der Oberst, wenn’s auf tapfre Tat ankommt; er denkt gar nicht daran, ob man ihn auch formell zum Feldherrn ernannt hat. So hat er im Krieg gegen die Volsker seine Vorgesetzten und ehrt sie; wo’s aber das Einsetzen der Person gilt, da ist er der erste, gleichviel, welchen Titel er führt und wo er zu Anfang stand.
Daß das aber so ist, daß die andern, die zu ihm gehören und seinesgleichen sein sollten, es nicht sind, das weiß er wohl; er kann es nicht übersehen; sachlich ist er bescheiden, unsachlich wüßte er nicht, warum, und zeigt den ungescheutesten Stolz und Anspruch. Er weiß, daß er der Edelste in Rom ist; er ist der echte Vertreter des jetzt bedrohten Adels, er ist der berufene Führer der Gemeinschaft. Gar keinen unedeln, persönlichen Trieb hat er, wenn er in großartiger Haltung und Selbstverständlichkeit sich seiner Aufgabe nicht entziehen und also Consul der Republik werden will.
Und da fängt er an, sich selbst untreu zu werden, sich gegen seine Natur zu vergehen. Die Situation ist so, daß seine Natur die Stellung, die sie zu ihrem Wirken in der Weltbraucht, nur erlangen kann, wenn sie nicht ist, was sie ist. Für ihn, der keine Anpassung, keine Klugheit und Berechnung kennt, gibt es den Grundsatz nicht: Der Zweck heiligt die Mittel. Womit gesagt ist: er ist kein Politiker, wie es sein alter Freund Menenius Agrippa, wie es auch seine starkgeistige Mutter Volumnia ist, die es in einer andern Mischung der Gaben vermag, hoheitsvoll und doch klug zu sein.
Der Consul muß gewählt werden, und der Kandidat hat ein gewisses Zeremoniell zu erfüllen. Unter äußerster Selbstüberwindung fügt er sich dem Brauch, die Bürger um ihre Stimmen zu bitten, ihnen gar seine Narben zu zeigen; denn nur der kann Consul werden in diesem Kriegerstaat, der dem Vaterland im Krieg mit persönlicher Tapferkeit gedient hat; und wer’s werden will, muß sich persönlich zu dem Volk bemühen, das auch einmal etwas vom Herrentum schmecken will. Sein Werben aber, seine Wahlreden klingen mehr wie knirschender Hohn als wie ein demütiges Bitten.
Zwei stehen ihm immerzu gegenüber, deren persönliche Berufung so wenig wie ihre Amtsbefugnis er anzuerkennen vermag; die beiden Volkstribunen, die der Individualisierungskünstler Shakespeare genau so ununterscheidbar paarweise auftreten läßt, wie Rosenkranz und Güldenstern, die Höflinge mit den deutschen Namen, im Hamlet; und beide Male zeigt dieses Verhältnis des Einzigen zum Paarigen die Stellung des Genies gegenüber der Herde: denn Coriolan ist ein Genie der Tat, wie Hamlet eines der grübelnd bohrenden Phantasie; alle beide sind Repräsentanten der Vornehmheit, der adligen Seele, die in dieser Welt vereinsamt ist.
Wie aber Hamlet bei all der Vornehmheit seiner Natur mit Polemik, Bosheit, derbem oder stechendem Witz, hie und da sogar mit Zoten gegen die Welt reagieren muß, so kocht es in Coriolans adliger Seele immer über, und wenn er nachRom auf die Straßen muß, läuft er mit rotem Kopf und Zorn herum. Er ist grob und er schimpft über die Maßen. Wie die andern Patrizier sich nur so anpassen können, begreift er nicht. Da fehlt es in Rom an Korn, die Plebejer treten in Aufruhr und geben den Patriziern die Schuld. Menenius Agrippa ist erfolgreich daran, sie mit einer sinnreichen Parabel zu beruhigen; er redet dabei recht vorsichtig und in liebevollem Ton mit ihnen, nennt sie Landsleute, Bürger, Nachbarn, liebe Freunde; daß er freilich innerlich nicht anders über sie denkt wie Marcius, merkt man in dem Augenblick, wo er den Schritt des Kühnen auf dem Pflaster hört; da fängt er auf einmal an, mit Wicht und Lumpenhund um sich zu werfen. Nicht zu leugnen, daß das der Ton ist, auf den Cajus Marcius seit langem seinen Umgang mit den Leuten gestimmt hat. Er fühlt sich gehaßt, und er macht es nicht wie jener General, der nach der Besichtigung und Kritik sich von den stumm sich verbeugenden Offizieren mit den Worten verabschiedet: „Mich auch“ — er redet deutlicher. „Hängt sie!“ hat er sich so als Redensart angewöhnt, wie andre „Na ja“ sagen; und im übrigen nennt er sie Hunde. Fast das Herz will es ihm brechen, wie man, um ihren Aufruhr zu unterdrücken, ihnen eine ihrer Hauptforderungen zugesteht und ihnen die Volkstribunen bewilligt, die sie als Vertreter ihrer Interessen selbst wählen dürfen. Fünf sind sie an Zahl; der kluge Dichter läßt immer nur das Paar auftreten.
Mit dieser neuen Einrichtung ist ihm das Vaterland und die alte Verfassung entscheidend von innen bedroht. Aber wie er so herumläuft und wütet, bekommen wir den Eindruck: gäb’s keine triftigen Gründe für seinen Zorn, er müßte sie sich schaffen, solange sich seiner Angriffslust kein Ziel bietet; er braucht die große Tat; der Krieg um Corioli war darum wie eine Erlösung für ihn. Wie er nun das Vaterland gerettet hat und als Coriolanus, mit demEichenkranz gekrönt, zurückkehrt, da merkt auch das römische Volk, da merken selbst seine ärgsten Feinde, daß das nicht der eigentliche Marcius war, der Mann, der wie ein ärgerlicher Wüterich, wie ein nach Taten hungriger Wolf mit starken Schritten zornig über ihre Straßen gegangen war. Jetzt tritt er auf, wie einer der Volkstribunen zugestehn muß,
Als hätt’ der Gott, sein Lenker, wer’s auch sei,Sich leis’ in seine Menschheit eingeschlichenUnd gäb’ ihm edle Hoheit.
Als hätt’ der Gott, sein Lenker, wer’s auch sei,Sich leis’ in seine Menschheit eingeschlichenUnd gäb’ ihm edle Hoheit.
Als hätt’ der Gott, sein Lenker, wer’s auch sei,Sich leis’ in seine Menschheit eingeschlichenUnd gäb’ ihm edle Hoheit.
Als hätt’ der Gott, sein Lenker, wer’s auch sei,
Sich leis’ in seine Menschheit eingeschlichen
Und gäb’ ihm edle Hoheit.
Und wie nun das römische Volk, das von furchtbaren Ängsten befreit ist, in ihm nicht mehr den Feind, sondern den Retter und berufenen Führer erblickt, wie sie ihn als ihren populärsten Mann beim Einzug umjubeln, davon, da solche Szene in ihrem innern Wert auf der Bühne nicht sichtbar zu machen ist und da Shakespeare aus äußerlichem Theater sich nichts macht, erhalten wir eine Beschreibung aus dem Munde des neidischen Ärgers. Der Volkstribun berichtet:
... Die geschwätz’ge AmmeIn Seelentzückung läßt den Säugling schreinUnd schnakt von ihm; die Küchenschlampe stecktDen besten Fetzen um den rußigen HalsUnd klettert auf den Wall, ihn zu begucken;Gestopft sind Buden, Erker, Fenster; GiebelUnd Dach von allerlei Gestalt beritten...
... Die geschwätz’ge AmmeIn Seelentzückung läßt den Säugling schreinUnd schnakt von ihm; die Küchenschlampe stecktDen besten Fetzen um den rußigen HalsUnd klettert auf den Wall, ihn zu begucken;Gestopft sind Buden, Erker, Fenster; GiebelUnd Dach von allerlei Gestalt beritten...
... Die geschwätz’ge AmmeIn Seelentzückung läßt den Säugling schreinUnd schnakt von ihm; die Küchenschlampe stecktDen besten Fetzen um den rußigen HalsUnd klettert auf den Wall, ihn zu begucken;Gestopft sind Buden, Erker, Fenster; GiebelUnd Dach von allerlei Gestalt beritten...
... Die geschwätz’ge Amme
In Seelentzückung läßt den Säugling schrein
Und schnakt von ihm; die Küchenschlampe steckt
Den besten Fetzen um den rußigen Hals
Und klettert auf den Wall, ihn zu begucken;
Gestopft sind Buden, Erker, Fenster; Giebel
Und Dach von allerlei Gestalt beritten...
Und in diesem über alles günstigen Augenblick soll Coriolan Consul werden; der Feind draußen ist besiegt, Rom ist gesichert; nun soll, wenn’s nach seinem Willen geht, der alte Zustand wiederhergestellt werden, sollen die Patrizier ungeschmälert das Amt ausüben, zu dem sie berufen sind. Der Senat versammelt sich in feierlicher Sitzung; den Bericht über seine Taten, den der alte Consul zu erstatten hat und der — Coriolan weiß es — eine Lobrede werden muß, kann er nicht anhören und läuft weg; wie er dann aber wiederkommt und der Senat ihm die einzige Ehre erweist,die für ihn eine ist, und ihn zum Consul ernennt, nimmt er hochgemut an. Hier steht er vor seinesgleichen, ein stolzer Mann, der so fröhlich sein könnte, wenn die Zeiten danach wären; und warum soll der Senat in diesem Augenblick nicht das Rechte tun, damit alles gut wird? Da bittet er herzhaft: ihr habt mich nun zum Consul gemacht; die Bettelei beim Volk ist ein schnöder Brauch ohne Bedeutung; erspart mir’s! Das, einen Brauch aufzugeben, hätte auch in andern Zeiten schwer gehalten; jetzt aber sind die Volksvertreter da, die ihre neue Macht zeigen wollen; der Brauch soll mit einem Mal verhaßte Bedeutung gewinnen; der Consul soll nunmehr vom Senat vorgeschlagen, vom Volk aber in vollem Ernst gewählt werden. So muß er sich nicht nur dem Brauch fügen, der Brauch soll parteimäßig ausgenutzt werden; schon organisieren und bearbeiten die Tribunen ihre Truppen und lauern auf die Gelegenheit, ihn zu Fall zu bringen.
So muß er sich, da er sein Ziel erreichen will, zu einer Komödie bequemen, die ganz gegen seine Natur geht und für ihn Erniedrigung ist. Er könnte es nie auch nur versuchen, wenn’s die neue Einrichtung wäre; aber zunächst sind’s die Formen des alten Brauchs. Trüppchenweise stehn die Bürger beisammen; jedem soll er sein Verdienst nennen und seine Wunden weisen. Er versucht’s; es wird die sonderbarste Bewerbung, die Rom je gesehen hat; in ihm kämpfen Wut, Lachen und stolzes Aufbäumen. Was ihn hergebracht habe? fragt da so einer. Mein eignes Verdienst! gibt er zur Antwort und fügt hinzu: Soll ich denn etwa arme Leute anbetteln? Seine Wunden verspricht er zu zeigen, wenn er mit dem einen oder andern einmal allein ist. Und dann geht er weiter und knirscht etwas von Almosen zwischen den Zähnen. Die Bürgersleute sind so bestürzt und stehn zugleich noch so unter dem Eindruck seiner Rettertat, daß sie ihm — es ist ja keine Wahl zwischen mehreren, ist ja ein Zeremoniell — die Stimmeneben geben; schon darf er sich für den Consul halten; da kommen die Tribunen dazwischen. Nichtwählen, einen andern wählen, das war nicht möglich; diese Einrichtung, solches Volksrecht besteht nicht; aber jetzt, wo die Bürger mit ihren Klagen kommen, wie sie behandelt wurden, läßt sich alles noch wenden: das Staunen und die beleidigten Gefühle werden demagogisch zur Wut zusammengeballt, werden von den alten Glatzköpfen, den politischen Volkstribunen gegängelt; tumultuarisch protestiert das Volk gegen die Wahl, nimmt sie zurück; und es kommt zunächst zu dem großen Zusammenstoß zwischen Coriolan und den Tribunen. Die ganze Aufruhrstimmung, die durch die Einsetzung der Volksvertreter und dann durch den Krieg gedämpft worden war, lebt wieder auf, Coriolan spricht rückhaltlos, leidenschaftlich seine Meinung, seine Absichten aus, und keiner der klug bedenkenden Adligen tritt ihm zur Seite. Für ihn aber geht’s nun gar nicht mehr um den neuen Konflikt; er will gründlich Wandel schaffen, er wühlt das Alte wieder auf, die neue Einrichtung besteht ihm nicht zu Recht, das echte Rom ist ihm in seinem edeln Kern bedroht. Im Aufruhr sind die Tribunen eingesetzt worden; jetzt ist bessre Zeit, ruft er auf dem Marktplatz aus, jetzt muß ihre Macht wieder zertrümmert werden. Die Situation ist die, daß in dem Augenblick, wo es gälte, eine sehr demagogische und in ihrem Recht zweifelhafte, wiewohl von Coriolan herausfordernd ermöglichte Anwendung der neuen Macht der Tribunen abzuwenden, Coriolan Öl ins Feuer gießt und, was die Revolution errungen und der Senat bestätigt hatte, nach siegreichem Krieg durch eine Gegenrevolution wieder abzuschaffen vorschlägt. So sieht es aus; er aber platzt damit ganz als einzelner, in der schwierigsten Lage, in der er schon sowieso ist, ohne Verbindung mit seinen Standes- und Parteigenossen heraus. Er steht ganz allein; und nun soll er auf Befehl der Volkstribunen, da er sie in ihrem Amtangetastet und zum Staatsstreich aufgerufen hat, verhaftet werden, er soll, nach dem alten Recht, als Hochverräter behandelt werden. Freilich ist die Situation gänzlich neu, anständigerweise könnte das alte Recht hier nicht angewandt werden; aber die Volkstribunen haben ja die Szene mit demagogischen Künsten vorbereitet; sie haben ja Coriolans Zorn und Heftigkeit im voraus in ihre Rechnung gestellt, sie haben gehetzt und geschürt, und es ist noch viel besser für sie gekommen, als sie erwarten konnten; nun wollen sie den Moment eiligst ausnutzen: Coriolan, eben noch der Held und Retter, soll als Feind des Vaterlands, als Volksfeind vom Tarpejischen Felsen gestürzt werden. Es sind welche unter den Patriziern, die ganz wie er denken, die ihn im stillen bewundern; aber keiner will jetzt den Kampf, zu dem Coriolan mit gezogenem Schwert herausfordert; das Höchste, was sie für ihn tun können, ist, daß sie ihm zur Flucht in sein Haus verhelfen und nun allseitig zu begütigen, zu vermitteln versuchen.
Und nun kommt es, auf einer viel höheren Stufe, in einer weit gefährlicheren Lage, zu demselben Versuch Coriolans noch einmal, seine Natur zu vergewaltigen. Die Mutter, die im Innern ganz zu ihm steht, ihn bewundert und seine Gesinnung völlig teilt, eine Frau, tapfer wie ein Mann und klug wie eine Römerin, die den Taten der Männer und ihrem Treiben lange zugesehen hat, überredet ihn, sich zu verstellen und gute Worte zu geben. Um der Sache willen soll er es tun. Die Szene, in der ihr dem Festen, Geraden, Tapfern, Zornerfüllten gegenüber diese unglaubliche und äußerste Umstimmung für den Augenblick des Entschlusses gelingt, ist so groß, daß auch wir überzeugt werden: ja, er darf es tun, er vergibt sich nichts.
Wie baut sie sich auf, diese Szene! Coriolan hat schon mit der Mutter geredet und ist zu seinem Staunen bei ihr auf Kummer und Unzufriedenheit gestoßen. Jetzt kommt sie wiederum zu ihm; kaum im Glauben, daß noch zu helfensei, aber mit Entschluß gewappnet, ihr Ganzes aufzubieten. Das ist ihr Kummer: was er toll in die Welt gerufen hat, hätte er tun sollen, und dazu hätte er die Macht gebraucht, und darum hätte er jetzt schweigen sollen!
Und eminent reif ist, was sie dem Wilden sagt: