Ihr lehrtet Sprache mir, und mein GewinnIst, daß ich fluchen kann. Die Pest hol’ Euch,Daß Ihr mich reden lehrtet!
Ihr lehrtet Sprache mir, und mein GewinnIst, daß ich fluchen kann. Die Pest hol’ Euch,Daß Ihr mich reden lehrtet!
Ihr lehrtet Sprache mir, und mein GewinnIst, daß ich fluchen kann. Die Pest hol’ Euch,Daß Ihr mich reden lehrtet!
Ihr lehrtet Sprache mir, und mein Gewinn
Ist, daß ich fluchen kann. Die Pest hol’ Euch,
Daß Ihr mich reden lehrtet!
Eine Satire ingrimmigster Art aber ist es, wie Shakespeare uns zeigt, welchen Gebrauch dieser Wechselbalg der Hölle von dem Geist macht, der ihm nicht zukam, und wie er Calibans Sprache mit der Redeweise niedriger Menschen aus der Sphäre der oberen Scheinbildung kontrastiert. Es geht um ein fürchterliches Thema: um die Ermordung eines schlafenden Menschen. Shakespeare hat es mehrfach behandelt, und nicht ein Mal wie das andre. Der edle Mohr von Venedig weckt Desdemona, und in aller Wut heißt er sie doch in würdigen Worten sich auf den Tod vorbereiten. König Claudius tötet seinen schlafenden Bruder in Einsamkeit, sprachlos; wir haben nicht anzunehmen, daß er sich vorher mit seiner Buhlin darüber beraten habe. Macbeth braucht solche Beratung; wir kennen alle das heiße Gespräch des liebenden Mörderpaars vor der Tat. Die beiden Berufsmörder in Richard III., die Clarence aus der Welt zu schaffen haben, bringen es nicht zustande, den Schlafenden zu erstechen; sie disputieren so lange über den Fall, bis ihr Opfer erwacht, und auch dann müssen sie erst in langem Gespräch ein Verhältnis zu ihm herstellen, bis ihnen aus bewegter Sprache heraus die altbewährte Gebärde des Zustechens geschenkt wird. Sie sind nicht das übliche Paar von Gleichen, sondern gegen einander fein differenziert; ihre Szene indessen, so liebevoll sie gebaut ist, ist in dem Drama, dem sie angehört, nur eine Episode.Hier im Sturm aber bildet ein solcher Kontrast ein wichtiges Element der Handlung. Der Dichter stellt einander die Art gegenüber, wie der Mensch Antonio, der Brudermörder und Fürst, einen andern zum Meuchelmord an einem Schlafenden überredet, und wie das sprechende Ungeheuer Caliban das nämliche tut.
Was ist das bei Antonio, wie er Sebastian dazu verführt, seinen Bruder Alonso, den König von Neapel, der in tiefer Schlafbetäubung daliegt, zu ermorden, für ein langes vorsichtiges Ausholen, ein Tasten, ein Andeuten, wie wird die Sprache, indem sie den Plan der Untat ausspricht, zugleich dazu benutzt, das Schwarze schön zu färben, das Widrige zu bemänteln und die Gedanken zu verhüllen. Der Mensch, zumal in der politischen Sphäre, deren Vertreter der Usurpator von Mailand ist, hat es gelernt, Rauben Selbstbestimmung und Morden Wohltat zu nennen; die Sprache zugleich als Mittel und Vorbereitung zur Tat und zum Weglügen der Tat zu benutzen. Indem Shakespeare uns den Menschen von dieser Seite vorführt, wählt er, und erhöht damit die Gewalt seiner entlarvenden Offenbarung, ein Exemplar, das der brutalste, verhärtetste aller Menschen und einer Regung wie Reue oder Skrupel ganz unzugänglich ist. Gewissen? Davon weiß er nichts; er liebt Tatsachen, so was wie Gewissen aber ist für ihn ein Wort ohne Sinn:
Ei, Herr, wo sitzt das? Wär’s der Frost im Fuß,Müßt’ ich in Schlappen gehn; allein ich fühleIn meinem Busen so ’ne Gottheit nicht.
Ei, Herr, wo sitzt das? Wär’s der Frost im Fuß,Müßt’ ich in Schlappen gehn; allein ich fühleIn meinem Busen so ’ne Gottheit nicht.
Ei, Herr, wo sitzt das? Wär’s der Frost im Fuß,Müßt’ ich in Schlappen gehn; allein ich fühleIn meinem Busen so ’ne Gottheit nicht.
Ei, Herr, wo sitzt das? Wär’s der Frost im Fuß,
Müßt’ ich in Schlappen gehn; allein ich fühle
In meinem Busen so ’ne Gottheit nicht.
Gewissen hat er nicht, aber da er ein sprechender Mensch ist, hat er Lüge und Heuchelei. Den Sebastian will er dazu bringen, seinen Bruder zu ermorden, um dann den Brudermörder, dessen Untat er kannte, zu beherrschen; aber nur in langsamem Ausholen, in wiederholtem Ansetzen, in Tasten, Drumherumreden, Umschreiben und Andeuten nähert er sich seinem Ziel.
’s gibt Leute, die NeapelSo gut, wie der hier schläft, regierten...Hättet IhrDoch meinen Sinn! Was für ein Schlaf wär’ diesFür Eure Standserhöhung. Ihr versteht mich?
’s gibt Leute, die NeapelSo gut, wie der hier schläft, regierten...Hättet IhrDoch meinen Sinn! Was für ein Schlaf wär’ diesFür Eure Standserhöhung. Ihr versteht mich?
’s gibt Leute, die NeapelSo gut, wie der hier schläft, regierten...Hättet IhrDoch meinen Sinn! Was für ein Schlaf wär’ diesFür Eure Standserhöhung. Ihr versteht mich?
’s gibt Leute, die Neapel
So gut, wie der hier schläft, regierten...
Hättet Ihr
Doch meinen Sinn! Was für ein Schlaf wär’ dies
Für Eure Standserhöhung. Ihr versteht mich?
Ja, er versteht ihn, sie verstehen sich. Das war sein deutlichstes Wort; und doch, wie euphemistisch, wie keineswegs roh im Wortlaut, wie harmlos und gesittet ist ein solcher Satz, mit dem sich die zwei Sprecher adliger Sprache darüber verständigen, den Schlaf zu ermorden.
Wie aber ein paar Szenen darauf das bestialische Ungeheuer, das von Prosperos und des Dichters Gnaden die Gabe empfangen hat, sein Wesen und Wollen auszusprechen, dasselbe Unnennbare an Prospero tun will, wie prachtvoll geradlinig, wie wahr, wie unbemäntelt sagt Caliban da, was er will, ganz ohne Moral, ganz ohne Wohlklang, ganz ohne Heuchelei, ganz sachlich, kein Wort zu viel:
Ich liefr’ ihn dir im Schlaf,Wo du ihm seinen Kopf durchnageln kannst.
Ich liefr’ ihn dir im Schlaf,Wo du ihm seinen Kopf durchnageln kannst.
Ich liefr’ ihn dir im Schlaf,Wo du ihm seinen Kopf durchnageln kannst.
Ich liefr’ ihn dir im Schlaf,
Wo du ihm seinen Kopf durchnageln kannst.
Oder wenn seinem Partner, der ja immerhin ein Mensch und also bedenklich und wählerisch ist, dieses gerade Verfahren nicht paßt, weiß er noch andre Methoden, die ebenso gut sind, zum Beispiel:
Du kannst ihn würgen, ...mit ’nem KlotzDen Schädel ihm zerschlagen, oder ihnMit einem Pfahl ausweiden, oder auchMit deinem Messer ihm die Kehl’ abschneiden.
Du kannst ihn würgen, ...mit ’nem KlotzDen Schädel ihm zerschlagen, oder ihnMit einem Pfahl ausweiden, oder auchMit deinem Messer ihm die Kehl’ abschneiden.
Du kannst ihn würgen, ...mit ’nem KlotzDen Schädel ihm zerschlagen, oder ihnMit einem Pfahl ausweiden, oder auchMit deinem Messer ihm die Kehl’ abschneiden.
Du kannst ihn würgen, ...
mit ’nem Klotz
Den Schädel ihm zerschlagen, oder ihn
Mit einem Pfahl ausweiden, oder auch
Mit deinem Messer ihm die Kehl’ abschneiden.
Man sieht, Gemüt hat ihm die Sprache nicht gegeben, aber — auch diesem Höllenungetüm! — eine Steigerung des der Freßsucht dienenden Tierverstandes durch Mitteilung, Werkzeuganwendung, Berechnung.
Wie zum Mord, genau so steht er zu allem: er arbeitet unweigerlich, wenn er so lange gezwickt und geplagt wird,daß er’s nicht mehr aushält, sonst zieht dieser Sohn einer Hexe und eines Teufels, nicht anders als die Masse verderbter Menschenkinder, das Fressen und Schlafen vor.
Nur in einem Fall kann das froschkalte Tier hitzig werden: wenn der Geschlechtstrieb sich regt. Als der zuerst in Caliban erwachte, stürzte er sich eben auf Miranda das Kind, das der Vater gerade noch retten konnte, wofür alle Sklaven des Triebs dem jungen Kerl dringende Entschuldigung gewähren müssen: dies Kind war das einzige weibliche Wesen auf der Insel. Von Liebe weiß er weiter nichts, als daß so ein Trieb unweigerlicher Art in uns ist und befriedigt sein will, und daß ein gesundes schönes Weib „wackere Brut bringt“, — und da weiß er in Wahrheit ein gut Teil mehr als eine Masse Menschenpöbel im Lande der Bildung; denn wenn wir calibanisch die Wahrheit sagen wollen: denken denn die, denen kannibalisch wohl ist „als wie fünfhundert Säuen“, in ihrer Wollust an die Brut, an die Kinder? Höchstens mit Unbehagen und mit Angst vor der Plage und den Alimenten! Möge sich doch — ich glaube hier nicht abzuschweifen, ich glaube, daß Shakespeare uns diesen Zusammenhang zwischen Caliban und uns vor Augen stellt, den ich hier mit seinen und meinen Worten ausdrücke — möge sich der alimentäre Mensch nicht gar zu stolz über das elementare Ungeheuer erheben!
Im Zusammenhang Calibans mit den zwei köstlich gemeinen Kerlen, die auf dem Schiff waren, den Trunkenbolden Trinkulo und Stefano, führt Shakespeare sein Thema noch eine Stufe höher hinauf.
Vorhin, als ich von den beiden Bewohnern der Insel, die Prospero zuerst da vorfand, sprechen wollte, war ich in Verlegenheit um eine Gesamtbezeichnung. Ariel ist ein Geist und steht jenseits der menschlichen Gesellschaft; aber Caliban? Dieses sprechende Tierwesen hat alle Bedürfnisse des Menschen, und da er gewillt ist, sich mit einer Menschin zu paaren, und überdies aus Gründen, die unsnäher angehen, dürfen wir diesen Sproß der Hexe und des Teufels, dies unser Zerrspiegelbild nicht verleugnen: er wird schon so was wie ein Mensch sein. So dürfen wir sagen, daß Shakespeare uns in diesem Stück die menschliche Gesellschaft in drei Stufen vorführt und ihrer jede in drei Vertretern: unten in der unverfälschten Roheit Caliban, Stefano und Trinkulo; dann in der durch Bildung verfälschten Niedrigkeit der herrschenden Kaste: Alonso, Antonio und Sebastian; oben im Reich beseelten Geistes Prospero und das junge Paar, das in der Liebe die Tierleiblichkeit und den Geist vereinigt und versöhnt: Miranda und Ferdinand.
Man sollte meinen, ein widerlicheres, scheußlicheres Ungetüm als Caliban wäre nicht möglich. Er ist die verkörperte, die wahrhaft von der innern Niedertracht her Körper und bewegter Organismus gewordene Häßlichkeit. Und doch hat Caliban etwas an sich, was uns zu Versöhnung und fast zu Rührung stimmen könnte. Er ist das Zerrbild des Menschen, ist aber insofern kein Mensch, als er wie ein Tier ist, dem der göttliche Funke nicht erloschen ist, sondern von Geburts wegen fehlt. Man kann ihn nicht mehr schuldig nennen als eine Hyäne oder eine Schlange; er trägt die Urschuld oder Erbsünde der gesamten Schöpfung, nicht mehr, nicht weniger; er ist ein Unerlöster, wie die tierischen Kreaturen alle, deren trauernde Augen wie Fenster vor dunkeln Kerkern sind. Könnte man sich vorstellen, daß mit all dieser ursprünglichen, völlig unwillkürlichen Niedertracht einer Bestie, die die Verstandessprache erlernt hat, auch noch die Lumperei eines von Haus aus mit Gemüt begnadeten und für sich verantwortlichen Menschen, der von sich in tiefsten Schmutz gefallen ist, leibhaft und unabtrennbar verbunden wäre, so wäre Calibans Ekelhaftigkeit noch weit übertroffen. Und gerade so ein zusammengewachsenes Doppelscheusal zeigt uns Shakespeare auch noch in einer der lustigsten Grotesken, die er geschrieben hat, wo wirin allem zwerchfellerschütternden Lachen, das uns überfällt, empfinden, Allerbösestes swiftisch vor Augen geführt zu bekommen. Ich spreche von der zweiten Szene des zweiten Aktes, wo es der genialste aller Szeniker auf die ungezwungenste Art zuwege bringt, diese lebendige Maschinerie, den Knäuel nämlich von Caliban und Trinkulo, vor unsern Augen aufzubauen. Caliban fürchtet sich vor Trinkulo, den er für einen der Plagegeister Prosperos hält, und wirft sich platt auf den Boden; Trinkulo, in aller gemeinen Liederlichkeit ein feiger, schwächlicher Wicht, flüchtet sich vor dem Gewitter unter den Mantel des Scheusals, ganz dicht an ihn heran gedrückt, denn er ist gesunken genug, um die Berührung mit dem Widerwärtigsten nicht so zu fürchten, wie die Drohung des Wetters; Stefano, ein verwegener Kerl mit einer Art von rohem, beherztem Rationalismus, findet das Doppelungeheuer mit vier Beinen und zwei Köpfen und denkt vor allem daran, was für ein Geschäft er machen kann, wenn er diese unerhört wunderbare Mißgeburt vor den Potentaten Europas produzieren wird. Und so gießt er, um das redende Monstrum von dem Fieber zu heilen, von dem es befallen scheint, in die beiden Mäuler Schnaps aus seiner Flasche, die er aus dem Schiffbruch gerettet hat. Trinkulo läßt sich herauswickeln und begrüßt seinen Zechbruder; Caliban aber ist zum ersten Mal in seinem armen Leben in Seligkeit und Verzückung. Denn die Bestie hat nun eine wundersame Menschenerfindung kennen gelernt, mit der wir auch sonst die Naturkinder in wilden Ländern, die keine Calibans waren, beglückt haben: den Alkohol. Prospero hatte den ganz vergeblichen, verderblichen Versuch gemacht, ihm in seine Leere Geist einzutrichtern; nun aber ist ihm der wahre Geist aus Stefanos Flasche eingegossen worden! Wer den Göttertrank spendet, der ihm wie Wonne und Verwandlung durch alle Glieder rieselt, der muß ein noch mächtigerer Geisterfürst sein als Prospero, der gegen ihn inWahrheit, wie wir das Elementare in der Natur nur mit Gewalt in unsern Dienst zwingen, nichts üben kann als harten Zwang. Sofort betet drum Caliban den Lumpen Stefano als König an. Gegen Prosperos Herrschaft, der ihm vornehm, unfaßbar als Wesen andrer Art gegenüberstand, hat er sich, wie es Naturnotwendigkeit war, gewehrt, hat sie als Unterdrückung empfunden; jetzt, wo er dem dienen darf, den er als einen zu ihm Gehörigen, der ihm hilft, der ihn niederträchtig glücklich macht, als Herrn anerkennt, fühlt er sich frei. Und wiederum, und für diese Stelle der Dichtung noch nachdrücklicher sage ich: es ist innig ergreifend und zugleich tiefsinnig und grandios grotesk, wie dieses arme Untier, das von dem edlen Prospero nur mit Zwicken und Prügeln zur Arbeit gebracht worden war, jetzt zu den niedrigsten Diensten willfährig ist, wie es aus Religion, wenn’s auch nur die Religion des Schnapses ist, ein freiwilliger Sklave wird, wie es „Freiheit! Freiheit!“ und Jubelrufe brüllt und ihm aus dieser Freiheitsstimmung und Begeisterung die Gabe des Liedes zuwächst. Aus dieser Situation heraus, in dieser Bedeutung, die sich aus dem anschaulich gestalteten Sinn des Dramas für unser erlebendes Gefühl ergibt, kann es kein lyrisches Stück geben, das zugleich so lustig, so abstoßend, so lehrreich, so gewaltig und so rührend wäre wie Calibans Lied, das dieses „heulende Monstrum, trunkene Monstrum“ wild energisch in besoffener Courage und in schrecklichen Tönen, die so Musik sind, wie Häßlichkeit Schönheit ist, dem Prospero zusingt, dessen verhaßte Herrengestalt vor seiner Phantasie ersteht:
Will nicht mehr Fischfänger sein,Noch Feurung holen,Wie’s befohlen;Noch die Teller scheuern rein!Ban, ban, CacalibanHat zum Herrn einen andern Mann!Schaff einen andern Diener dir an!
Will nicht mehr Fischfänger sein,Noch Feurung holen,Wie’s befohlen;Noch die Teller scheuern rein!Ban, ban, CacalibanHat zum Herrn einen andern Mann!Schaff einen andern Diener dir an!
Will nicht mehr Fischfänger sein,Noch Feurung holen,Wie’s befohlen;Noch die Teller scheuern rein!Ban, ban, CacalibanHat zum Herrn einen andern Mann!Schaff einen andern Diener dir an!
Will nicht mehr Fischfänger sein,
Noch Feurung holen,
Wie’s befohlen;
Noch die Teller scheuern rein!
Ban, ban, Cacaliban
Hat zum Herrn einen andern Mann!
Schaff einen andern Diener dir an!
Auch hier, im Letzten, der ganz große, der Dramatiker, das heißt der Gerechte Shakespeare: der höchste und der niederste Mensch stehen sich gegenüber, von einander ewig getrennt wie der römische Plebejer von Coriolan, wie Thersites von Hektor, und doch jeder in seinem Recht. Bei uns ist aus Gerechtigkeit Toleranz und Unsicherheit geworden, und so ist der moderne Dramatiker wacklig und schwankt auch mit seinen Sympathien hin und her; das Erstaunliche, das Umfängliche an Shakespeare ist, daß er nicht ins Periphere bebt, sondern einen ursicheren Mittelpunkt hat, in dem er bei seinem Helden steht. Und von da aus dann mit einem Mal das Licht auf die tief Beschatteten im dunkeln Winkel fallen zu lassen, vom entschlossen erwählten und festgehaltenen Adel aus der Niedertracht ihre eigne Stimme aus dem Tiefsten hervorzuholen, das ist Shakespeares Gerechtigkeit, Stufenordnung und dramatische Kunst.
Nach Freiheit begehrt auch das Naturwesen, das zwischen Erde und Himmel flattert, Ariel der Luftgeist. Er gehört im beseelten Reich der Natur zu Blüten, die sich im Winde wiegen, zu Schmetterlingen und Schwalben, aber nicht zu Menschen. Und nur durch zartesten, schmeichlerischen, liebevollen Umgang, dadurch, daß er selbst sich frei, neckisch, heiter, schwingend seinem dienenden Freund anpaßt, kann Prospero in Güte und Herzensnähe mit dem ätherischen, zarten und doch — im menschlichen Sinne — seelenlosen Geistwesen leben. Nichts entzückender als dieses herrenmäßig ergebene immerwährende Kosen von Prospero zu diesem lebendig bewegten Stück Natur hin, das immer wieder fliehen will wie der Wind und sich doch immer wieder für eine Weile festhalten läßt; wir haben immer den Eindruck, daß kein Mensch außer Prospero diesen Freien, Beweglichen, der sich nie ganz gefangen gibt, an sich bannen könnte. Und wir haben den Eindruck: hat schon Prospero Caliban nicht erziehen können, Ariels in aller Naturschrecklichkeit natursanftes Wesen hat denMenschen Prospero, der als Anlage alles in sich trägt, in seinem Besten bestärkt und gehoben.
Ariel gibt allem, was in der Dichtung geschieht, den luftigen, heiteren, dem Geist der Schwere entronnenen Charakter; er ist die Kraft, die vor unsern Augen und im Hintergrund die Handlung mit wunderbarsten Mitteln, mit Sturm und Flammen und Liedern und Trommelschlag vorwärts bringt. Er ganz allein hat Sturm und Meereswut und Blitz und Brand auf dem Schiff hervorgebracht, und diese seine bloße Erzählung von dem Sturm und Feuer, wie es als Sinnenschein aus ihm, der geeinten Naturkraft hervorging, muß in der rechten Aufführung, die in diesem Stück noch weniger als sonst bei Shakespeare aufs Dekorative, noch mehr auf die Greifbarkeit des Geistes ausgehen muß, gewaltiger wirken als das Gewitter der ersten Szene; durch die Geteiltheit unsrer Sinne hindurch vernehmen und gewahren wir in Ariels Darstellung eine höhere Region der Naturwelt, Fechners drittes Reich, wo das, was Platon die Idee genannt hat, der Zusammenhang, das Schöpferische waltet:
Ich enterte das SchiffDes Königs; jetzt am Schnabel, jetzt im Bauch,Auf dem Verdeck, in jeglicher KajüteFlammt’ ich Entsetzen; bald zerteilt ich michUnd brannt’ an vielen Stellen; auf dem Mast,An Stang’ und Bugspriet flammt’ ich abgesondert,Floß dann in eins...
Ich enterte das SchiffDes Königs; jetzt am Schnabel, jetzt im Bauch,Auf dem Verdeck, in jeglicher KajüteFlammt’ ich Entsetzen; bald zerteilt ich michUnd brannt’ an vielen Stellen; auf dem Mast,An Stang’ und Bugspriet flammt’ ich abgesondert,Floß dann in eins...
Ich enterte das SchiffDes Königs; jetzt am Schnabel, jetzt im Bauch,Auf dem Verdeck, in jeglicher KajüteFlammt’ ich Entsetzen; bald zerteilt ich michUnd brannt’ an vielen Stellen; auf dem Mast,An Stang’ und Bugspriet flammt’ ich abgesondert,Floß dann in eins...
Ich enterte das Schiff
Des Königs; jetzt am Schnabel, jetzt im Bauch,
Auf dem Verdeck, in jeglicher Kajüte
Flammt’ ich Entsetzen; bald zerteilt ich mich
Und brannt’ an vielen Stellen; auf dem Mast,
An Stang’ und Bugspriet flammt’ ich abgesondert,
Floß dann in eins...
Und so hat er den Schein und die volle Wirkung eines fürchterlichen Schiffsbrands und Untergangs im schrecklichsten Sturm erregt, und alle Reisenden sprangen im Entsetzen ins Meer, wo sie dann zu ihrem Staunen unbeschädigt an den ganz nahen Strand gespült wurden. Zu dem rüden Bootsmann aber und seinem Schiffsvolk können wir, wenn wir gut aufmerken, nachträglich verstärkte Sympathie fassen: sie alle sind in Ausübung ihrer Pflicht bis zuletztauf dem Schiff geblieben und liegen jetzt durch Ariels Zauber im untersten Schiffsraum in tiefem Schlaf. Die schuldigen Fürsten und ihr Gefolge sind vorerst heil auf einem entfernteren Teil der Insel; nur der Sohn und Erbe des Königs von Neapel ist verloren gegangen und wird von dem trauernden Vater und frohlockenden Schelmen für tot gehalten. Der junge Prinz Ferdinand aber lebt; es geschieht alles, wie der Meister es bestimmt hat; Ariel führt ihn Prospero zu, der ihn — zur Prüfung — gefangen nimmt, zu Knechtschaftsdiensten verdammt und so in Mirandas Gesellschaft bringt.
Wir sind auf Wundersames vorbereitet, denn wir wissen: es ist außer ihrem Vater der erste Mann, den das Mädchen erblickt. Entzückend, wie die Ausschließlichkeit der Liebe auf den ersten Blick, die sonst den Erwählten aus der Schar aller andern herausgreift, hier die Form annimmt: er ist der erste und einzige, den ich je gesehen; nun denn, ich brauche keinen andern! Was die Bestie Caliban nicht kennt, die wählende, unentrinnbare Liebe, die Paargemeinschaft zwischen dem einen Mann und dem einen Mädchen, die Verklärung des Geschlechtstriebs durch seelische Innigkeit, erblüht ihr in dieser Ausnahmelage, daß sie nicht vergleichen kann:
So hat in Demut dennMein Herz gewählt; ich hege keinen Ehrgeiz,Einen schönern Mann zu sehn.
So hat in Demut dennMein Herz gewählt; ich hege keinen Ehrgeiz,Einen schönern Mann zu sehn.
So hat in Demut dennMein Herz gewählt; ich hege keinen Ehrgeiz,Einen schönern Mann zu sehn.
So hat in Demut denn
Mein Herz gewählt; ich hege keinen Ehrgeiz,
Einen schönern Mann zu sehn.
Und dies Kind der Natur und des Geistes kennt die Heuchelei der Gesellschaft gar nicht, wiewohl die natürliche Keuschheit gar sehr: sofort bekennt sie sich, dem Vater, dem Geliebten selbst ihre Liebe:
Ich bin Eu’r Weib, wenn Ihr mich haben wollt,Sonst sterb ich Eure Magd; Ihr könnt mir’s weigern,Gefährtin Euch zu sein, doch DienerinWill ich Euch sein, Ihr wollet oder nicht.
Ich bin Eu’r Weib, wenn Ihr mich haben wollt,Sonst sterb ich Eure Magd; Ihr könnt mir’s weigern,Gefährtin Euch zu sein, doch DienerinWill ich Euch sein, Ihr wollet oder nicht.
Ich bin Eu’r Weib, wenn Ihr mich haben wollt,Sonst sterb ich Eure Magd; Ihr könnt mir’s weigern,Gefährtin Euch zu sein, doch DienerinWill ich Euch sein, Ihr wollet oder nicht.
Ich bin Eu’r Weib, wenn Ihr mich haben wollt,
Sonst sterb ich Eure Magd; Ihr könnt mir’s weigern,
Gefährtin Euch zu sein, doch Dienerin
Will ich Euch sein, Ihr wollet oder nicht.
Das ist eine Stelle, die Strindberg ganz besonders wohl im Herzen tut, und er spricht sie gegen den Noramann,wie er Ibsen nennt, und alle Vorkämpfer der Frauenemanzipation aus; aber für einseitige und willkürliche Tendenzen wird man bei Shakespeare nur Unterstützung finden, wenn man unachtsam oder gewalttätig ist; dieses Gefühl, dem die Freiheit der Liebe Hingabe bis zur Dienstbarkeit ist, wird von Ferdinand dem Jüngling sofort für sich gerade so ausgesprochen, wie von dem Mädchen. Beide geloben einander die Ehe als gegenseitige Dienstbarkeit, welche der Liebe, das heißt der Freiheit entstammt. Es ist nicht zu übersehen, daß dieses Verhältnis zwischen Freiheit und treuem Dienst eines der Themen ist, die durch die ganze Dichtung hindurchgehn. Wir haben gesehen, wie Caliban ein geplagter Sklave ist, weil er in den Dienst des Guten gewaltsam eingespannt wird, und daß ausgelassener Jubel über ihn kommt, sowie ihm der Schnaps einen Herrn gebracht hat, den er in Freiheit verehrt. Und das haarfeine, in jedem Augenblick gewagte, gefährdete und wieder geknüpfte Verhältnis zwischen Prospero und Ariel haben wir kennen gelernt: Prospero, der Ariel aus schmählichster und ärgster Gefangenschaft befreit und ihn bei der Gelegenheit in seinen Dienst gezwungen hat, ist keinen Augenblick seiner sicher, da mächtiger noch als der Zauberbann und das gegebene Wort der Freiheitsdrang dem flüchtigen Geiste in der Natur sitzt; aber etwas, was zwischen dem Menschen und dem Elf gar nicht möglich scheint und keinem als dem Herrscher im Reich der Phantasie Prospero erreichbar ist, die Liebe ruft Ariel immer wieder aus der Flucht in den Dienst zurück, bis Prospero dem Liebling, dem Herzensariel freiwillig die Freiheit schenkt. All das, was Shakespeare uns da zur Letze gegeben hat, ist ein heiliges Vermächtnis für das Miteinanderleben der Menschen in Familie, Bünden und Gesellschaften und liegt als totes Gut unberührt da; all das ist uns Frevlern der Trägheit nur Literatur, Lektüre und Schauspiel; wir bleiben unsern Meistern, ob sie Shakespeare oder Goetheoder Beethoven heißen, die Religion schuldig, die sie uns geliehen haben, damit wir mit ihr wuchern.
Wir haben Shakespeare gegenüber eine Entschuldigung: er spricht nicht zu uns, nicht bloß, weil wir nicht hören, sondern, weil er ein Stummer ist. Nie hat die Erde einen getragen, dem das Schweigen, das Nichtredenkönnen mehr Gebot war als diesem Menschen. Das klingt erstaunlichst, denn nie auch hat einer größere Gewalt über die Sprache besessen und geübt, als er. All diese strömende Fülle aber hat er immer nur den Leidenschaften und krausen Einfällen, den Ergüssen und Repliken seiner Gestalten geliehen; den Sinn dessen, was zwischen diesen Gestalten waltet, den Geist seiner Dichtungen hat er szenisch gebaut, hat ihn gezeigt, hat ihn sichtbar gemacht und zwischen den Worten aufleuchten lassen; er hat nie vermocht, einer seiner Gestalten in den Mund zu legen oder sonst irgend voll und gerade heraus zu sagen, was das Drama, was auch nur eine Gestalt bedeutet. Darum aber auch, weil diese Sprachwerke in ihrem Eigentlichen weit über die Sprache hinausgehn, weil sie nie abstrakte Lösungen, sondern immer Aufgaben für uns sind, weil sie nie fertig sind, sondern immer auf Empfängliche und Berufene stoßen müssen, die sie in Empfindung und Verständnis vollenden, darum sind sie heute noch jung und neu wie am ersten Tag und sind jedem neuen Geschlecht der Erdenbürger von neuem eine unbekannte Küste, zu der wir Entdeckungsfahrten machen.
Auch das Verhältnis Prosperos zu seinem Bruder empfängt von dem Standpunkt aus, zu dem wir hier gekommen sind, neues Licht. Seine Frau, Mirandas Mutter, ist früh, bald nach der Geburt gestorben (dies Unglück trifft auffallend viele von Shakespeares Vätern; so nebenher, wenn er nicht gerade das Eheverhältnis selbst darzustellen hat, weiß er mit Ehefrauen selten etwas anzufangen); Prosperos ganze Liebe galt nun dem Kind und — er sagtes ausdrücklich — dem Bruder. Damals und noch lange hin, er bewährte es später bei dem Versuch, Caliban zu erziehen, war er noch ein Gläubiger, der die Menschen nach seinem Bilde sah und ihnen unbegrenztes Vertrauen entgegenbrachte. Nichts schmerzt und erzürnt ihn bei der Rückerinnerung mehr, als „daß ein Bruder so treulos sein kann“.
Treulos aber war dieser gemütlos Gierige nicht bloß gegen den Bruder, genau so gegen das Volk von Mailand, dem er die Freiheit raubte, das er unter fremdes Joch brachte, um selbst den Herrscher zu spielen und die Staatseinkünfte zu genießen. Wir erhalten ein großes Gegensatzbild: wie Antonio der Usurpator sich eifrig und nach außen tätig im politischen Betrieb übt, die Bureaukratie und andre Interessenten an sich fesselt und vor lauter Egoismus so betriebsam ist, daß er kein eigenes Leben lebt, während Prospero, der sich zu völliger Einsamkeit zurückgezogen hat, fern von allen Staatsgeschäften nur seiner Seele lebt und eben damit dem Volke dient und sich als echter Herzog fühlt. Er, den das Volk über alles liebte, der ein Fürst unter den Menschen war, weil er ein Fürst im Reich des Geistes war, hat dann, während, vom Verräter hineingelassen, der Feind in Mailands Tore einzog, ausgesetzt in morschem Boot hilflos im Meer treiben müssen, und nur das Lächeln seines Kindes, in dem etwas Ewiges zu ihm sprach und ihm die Zuversicht gab, man brauche an den Menschen trotz allem nicht zu verzweifeln, gab ihm die Kraft, noch leben zu wollen. Damals, wie er, den Wellen und Winden preisgegeben, ein aus der Menschheit Verstoßener, vom nächsten Menschen Verratener, ziellos mit dem lächelnden Kind übers Meer hintrieb, mag dem innigen Mann zuerst die Vision erschienen sein, wie dieses Kind einst über Gier und Haß hinweg im Land seiner Feinde den Bund der Liebe gründen würde. Und nun ist es durch eine wunderbare Fügung des Schicksals so weit: jetzt kommen, von Tunis heimgekehrt, wo die Tochterdes Königs von Neapel eine verhaßte Heirat schloß, zu der sie die Staatsraison ihres Vaters zwang, die Feinde in stolzer Fahrt über dasselbe Meer, das einst Prosperos elenden Kahn wiegte; sie sind in seiner Hand. Ferdinand, der Jüngling, fast ein Knabe noch, dessen Reinheit der Geisterfürst ahnt, wird von den andern getrennt; er allein von allen, die sich ins Wasser stürzten, kämpft kühn mit dem Element; so kommt er an Prosperos Strand, zu seiner Prüfung und seiner Liebe. Wir sehen, wie beglückt Prospero, wie dankbar er der Naturmacht Ariel ist, daß dieser erwünschte Bund nun wunderbar zustande kommen soll. Die andern aber, die Mörder, die sollen erst durch Wahnwitz hindurch, sollen wie im Alptraum ihre längst vergessene Schuld an Prospero empfinden, um in Herzensleid zu büßen und, wenn sie’s vermögen, zu reinem Leben zu kommen.
Bei einem, dem mindest Schuldigen, dem König von Neapel gelingt es; noch ehe Ariel in Gestalt der Harpyie ihnen gemeldet hat, daß sie um ihres Verbrechens gegen Prospero willen leiden und nur durch Umkehr von innen heraus sich aus dem Bann befreien können, noch ehe ihnen der Geist so verkündet, was sie in all der langen Zeit nicht gewußt hatten, daß der Frevel nämlich eine Wirklichkeit ist nicht nur für den, gegen den er sich richtet, sondern auch für die Täter, eine Wirklichkeit, die lebt und zehrt, solange die Buße nicht ihr noch stärkeres Leben und Reinigen anhebt, schon vorher, gleich nach der Landung auf der Insel und beim Verlust des Sohns ist tiefe Schwermut und dumpfes Brüten über ihn gekommen; all die Einfälle, Witzreden und geistreichen oder gewagten Gespräche seiner Umgebung vermögen ihn nicht aufzuheitern und dienen von der Technik des Dichters aus nur dazu, uns immerfort das Schweigen dieses Mannes, der sich immer tiefer verliert und findet, vernehmlich zu machen. Die andern Schuldigen, Prosperos eigener Bruder und der Bruder des Königs, die jetzt eben wieder Brudermordpläneschmieden, welche nur von Ariel vereitelt werden, bleiben verstockt bis zuletzt, und keine Erinnerung, keine Musik, kein Wahnwitz, keine Mahnung kann ihnen Erneuerung bringen.
Aber Prospero will die Prüfung und Plage nicht länger hinziehn; er hat sich genug getan, daß er die Macht des Geistes und der Natur gegen die aus der Gesellschaft geborene Schlechtigkeit verderbten Menschentriebs zum Sieg geführt hat; die Natur solcher ererbten, verderbten Gemütsart kann er doch nicht ändern; die Kruste, die in ihnen das Gute überwachsen hat, ist so hart geworden, daß der, der es noch bei ihren Lebzeiten wachrufen will, einem Nichts, einem unerreichbar Verschütteten gegenübersteht; und gegen das Nichts gibt es nicht Rat noch Tat; der resignierte Lehrer Calibans weiß es nur zu gut.
Zur Milde und letztgiltigen Verzeihung stimmt ihn vor allem, in einer himmlisch schönen, verklärten Szene Ariel. Der spricht — ohne weitere Schilderung — von dem plötzlichen Wahnsinn, den er über die drei armen Sünder vom Thron verhängt hat, und von dem Eindruck, den diese grausige Verwandlung ihrer Fürsten auf die Herren vom Hof, vor allem auf den guten alten Gonzalo gemacht hat,
Daß, wenn Ihr jetzt sie sähet, Eu’r GemütErweichte sich.
Daß, wenn Ihr jetzt sie sähet, Eu’r GemütErweichte sich.
Daß, wenn Ihr jetzt sie sähet, Eu’r GemütErweichte sich.
Daß, wenn Ihr jetzt sie sähet, Eu’r Gemüt
Erweichte sich.
Prospero fragt sinnend oder prüfend:
Glaubst du das wirklich, Geist?
Glaubst du das wirklich, Geist?
Glaubst du das wirklich, Geist?
Glaubst du das wirklich, Geist?
und Ariel erwidert in tiefem Ernst:
Meins würd’ es, wär’ ich Mensch.
Meins würd’ es, wär’ ich Mensch.
Meins würd’ es, wär’ ich Mensch.
Meins würd’ es, wär’ ich Mensch.
Da ist Prospero entschieden und bricht in inniger Ergriffenheit aus:
Auch meines soll’s.Hast du, der Luft nur ist, Gefühl und RegungVon ihrer Not? und sollte nicht ich selbst,Ein Wesen ihrer Art, gleich scharf empfindend,Leidend wie sie, mich milder rühren lassen?...Der Tugend ÜbungIst höher als der Rache... Geh, befrei’ sie.Ich brech’ den Zauber, löse ihre Sinne:Sie soll’n sie selbst nun sein.
Auch meines soll’s.Hast du, der Luft nur ist, Gefühl und RegungVon ihrer Not? und sollte nicht ich selbst,Ein Wesen ihrer Art, gleich scharf empfindend,Leidend wie sie, mich milder rühren lassen?...Der Tugend ÜbungIst höher als der Rache... Geh, befrei’ sie.Ich brech’ den Zauber, löse ihre Sinne:Sie soll’n sie selbst nun sein.
Auch meines soll’s.Hast du, der Luft nur ist, Gefühl und RegungVon ihrer Not? und sollte nicht ich selbst,Ein Wesen ihrer Art, gleich scharf empfindend,Leidend wie sie, mich milder rühren lassen?...Der Tugend ÜbungIst höher als der Rache... Geh, befrei’ sie.Ich brech’ den Zauber, löse ihre Sinne:Sie soll’n sie selbst nun sein.
Auch meines soll’s.
Hast du, der Luft nur ist, Gefühl und Regung
Von ihrer Not? und sollte nicht ich selbst,
Ein Wesen ihrer Art, gleich scharf empfindend,
Leidend wie sie, mich milder rühren lassen?...
Der Tugend Übung
Ist höher als der Rache... Geh, befrei’ sie.
Ich brech’ den Zauber, löse ihre Sinne:
Sie soll’n sie selbst nun sein.
Ich weiß nichts, was rückwirkend eine bessere Erklärung für Hamlet wäre, als diese Wendung, wie sie der Sturm bringt. Wir werden nie wagen dürfen, zu entscheiden, wie weit die Unklarheit Hamlets über seine Motive und seinen heimlichen Willen eine Unklarheit des Dichters noch war, die jetzt der Klarheit gewichen ist; zu solchem Rätselraten hat sich Shakespeare zu tief in seinen Gestalten geborgen. Aber sicher ist, daß Hamlet, als er, die Hand am Schwert, um es zu ziehen, und zugleich an seinem Rachetrieb, um ihn nicht loszulassen, unentschieden dastand und darüber sann, wie er das Schwert schrecklicher zücken könne, auf der Suche nach dem war, was Prospero gefunden hat. Sehr seltsam dünkt mich das Verhältnis unsrer Empfindung zu den raschen Instinktuntaten, wie sie etwa Othello oder auch Hamlet begehen, und zu den wohlerwogenen, milden, kurzen Plagen, die Prospero über seine frevlerischen Feinde verhängt. Wir scheinen geneigt, mit jenen Ausbrüchen der Wut wie mit etwas Natürlichem mitzugehn, uns an den Strafen Prosperos, ja sogar an seinem rationellen Plageverfahren gegen den unbezähmbaren Wilden Caliban als etwas sehr Hartem zu stoßen. Das kommt, meine ich, daher, daß wir selbst die Bereitschaft zu jeder blutigen Gewalttat in uns locker genug finden, wenn wir in unsrer Triebnatur stehen, daß wir es aber, sowie wir zur Vernunft, zur Beherrschtheit, zur Abgeklärtheit übergetreten sind, nicht ertragen, irgendein lebendes und nun gar menschliches oder menschenähnliches Wesen als Mittel, ja sogar, ein Stadium seines Daseins als Mittel zu einem künftigen benutzt zu sehen. Wir haben beides als Möglichkeit in uns, den Affekt und die Vernunft; wir gehen aber in unbeirrtem Mitgefühl mit dem Triebmenschen,während wir beim Überlegenen jeden, auch den kleinsten Rest aus der tierisch-sinnlichen Sphäre als unangenehm empfinden.
Im Hamlet hat eine Geisterstimme den Sohn, der seiner ganzen Anlage nach so ein Geistiger, so ein Dichter zu sein berufen ist wie Prospero, zur Rache aufgerufen; zu blutig mörderischer Tat drängt’s ihn unterirdisch von außen, unterirdisch in ihm selbst; von seiner inneren Höhe aber, von seinem besten Wesen ruft es ihn zur Gewalt der gestaltenden Rede, des strafenden, bannenden Worts, zu dem jetzt Prospero mit tiefem Atemzug ausholt. Und zu diesem Verzicht auf jegliche Strafe und Plage ermuntert hat ihn Ariel der Geist, dem Grazie und spielerische Leichtigkeit und holde Anmut etwas verleihen, was wie eine natürlich gewachsene Nachbildung des sanftesten Teils unsres menschlichen Gemüts ist, wo es von der Stille der Vernunft, wo Seele von Geist, Gefühl von Denken nicht mehr zu trennen ist.
Wozu auch, sagt sich Prospero, wozu strafen, verletzen, töten, Leben zerstören? Ist ja doch alles Leben nur ein seltsames Spiel, das mit uns getrieben wird, und so unwirklich und vergänglich, wie der Geisterspuk und Hokuspokus, den er selbst schmerzlos entstehen und vergehen läßt. Schmerzlos! Das ist der Unterschied zwischen dem Leben der Gestalten, die der Phantast in die Lüfte zaubert, und derer, die das dunkle Schicksal aus den Elementen ins Dasein bannt. Darum tut Milde und inniges Mitleid not, auch gegen die Schlechten: das Leben, an dem die dämonischen, erdenschweren Naturkräfte hämmern und zerren, ist mit Gefühlen, mit Schmerzen verbunden, gleichviel ob einer gut oder schlimm geraten ist, während Prosperos luftiger Trug nur Spiel und bunter, flimmernder schmerzloser Geistertraum ist. Sonst aber freilich, was ist Leben, was ist Erde, was ist Welt andres als Traum und Spiel?
Unsre Spieler,Wie ich Euch sagte, waren Geister undSind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werdenDie wolkenhohen Türme, die Paläste,Die hehren Tempel, selbst der große Ball,Ja, was daran nur teilhat, untergehnUnd, wie dies leere Schaugepräng erblaßt,Spurlos verschwinden. So ein Stoff sind wir,Wie der, aus dem man Träume macht; ein SchlafHält unser Stückchen Leben rings umgürtet.
Unsre Spieler,Wie ich Euch sagte, waren Geister undSind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werdenDie wolkenhohen Türme, die Paläste,Die hehren Tempel, selbst der große Ball,Ja, was daran nur teilhat, untergehnUnd, wie dies leere Schaugepräng erblaßt,Spurlos verschwinden. So ein Stoff sind wir,Wie der, aus dem man Träume macht; ein SchlafHält unser Stückchen Leben rings umgürtet.
Unsre Spieler,Wie ich Euch sagte, waren Geister undSind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werdenDie wolkenhohen Türme, die Paläste,Die hehren Tempel, selbst der große Ball,Ja, was daran nur teilhat, untergehnUnd, wie dies leere Schaugepräng erblaßt,Spurlos verschwinden. So ein Stoff sind wir,Wie der, aus dem man Träume macht; ein SchlafHält unser Stückchen Leben rings umgürtet.
Unsre Spieler,
Wie ich Euch sagte, waren Geister und
Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.
Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werden
Die wolkenhohen Türme, die Paläste,
Die hehren Tempel, selbst der große Ball,
Ja, was daran nur teilhat, untergehn
Und, wie dies leere Schaugepräng erblaßt,
Spurlos verschwinden. So ein Stoff sind wir,
Wie der, aus dem man Träume macht; ein Schlaf
Hält unser Stückchen Leben rings umgürtet.
Man hat gezeigt, daß diese Worte Ähnlichkeit mit einigen Verszeilen haben, die sich in einer 1603 erschienenen Tragödie des Lord Stirling finden. Das ist nicht wichtig. Wichtiger ist mir, daß das ganze modische Maskenspiel, das Prospero vor Ferdinand und Miranda von seiner kleinen Geistertruppe in den Lüften aufführen läßt, eben um dieser Worte willen, die daran anknüpfen, hauptsächlich veranstaltet scheint. Derart ist Shakespeares Technik in dieser Zeit; wir haben Ähnliches vorhin bei Gelegenheit der Dialoge gesehen, die Alonsos Schweigsamkeit umklingen. Ein wenig kann bei der Maske, die aufgeführt wird, mitbeabsichtigt sein, noch einmal die bräutliche Beherrschung des Geschlechtstriebs hervorzuheben, die Prospero dem jungen Menschenpaar, fast noch zwei Kindern, auferlegt hat. Das steht mit dem Sinn des Dramas, der Überwindung des Triebs durch den Geist, wohl aber auch in seiner fast etwas schrullenhaften Gestalt mit unauslöschlichen persönlichen Erfahrungen Shakespeares aus der Jugendzeit in Verbindung.
Wir hören es aus den Worten von der Vergänglichkeit, die Prospero zu Ferdinand spricht: die Heiterkeit, zu der der Herrscher im Geistland schließlich gelangt ist, ruht auf schwerster Melancholie; und seine Güte zu den Menschen ist mit Lebensmüdigkeit und Menschenverachtung verbunden; und dieser Stimmung widerspricht nichts in dem Stück; die Utopie eines goldnen Zeitalters in Kommunismus und südlichemdolce far niente, die Gonzalo nach Montaigne vorträgt, kommt nur als Erheiterung für den Trübsinn des Königs, als schönes Bild, als Scherz, keineswegs gläubig heraus; und wenn Prospero nicht Geisterfüllte, Seelenvolle, wenn er nicht Ausnahmen und seines Gleichen kennte, wenn er nicht seine Hoffnung auf das junge liebende Paar und damit auf die kommenden Geschlechter setzte, wäre ihm Welt und Leben nicht mehr zu ertragen.
Schön ist es, daß diese Worte von der Vergänglichkeit aller Dinge der Welt, von der Traumhaftigkeit und Schlafumgürtung des Menschenlebens ihren Platz am Sockel von Shakespeares Denkmal in der Westminsterabtei gefunden haben.
Wie das Leben von Schlaf und Traum, so ist dieses Vermächtnisdrama Shakespeares von Musik umringt. Wir hören es gleich noch, wie jetzt für Prospero-Shakespeare an Stelle der dämonisch leidenschaftlichen Magie die heilende, lösende Musik der neue, der luftgleiche, verschwebende, leicht sich wiegende, spielerische, immaterielle Zauber sein soll. Was es mit dieser Musik, der nämlichen, von der schon Lorenzo im Kaufmann von Venedig so feierlich sprach, auf sich hat, sagt uns der Dichter auch mit dem entzückenden Orpheuslied, das er um dieselbe Zeit, in der er den Sturm dichtete, in seinem Heinrich VIII. der unglücklichen Königin Katharina vorsingen läßt:
Orpheus beugt der Bäume Wipfel,Und der Berge eisige GipfelSeiner Leier süß Getön.Blum’ und Pflanze blüht entgegen,Gleich als blüht’ in Sonn’ und RegenJunger Frühling, ewig schön.Sanft zum Wellenspiel sich lösenSturmesfluten, alle WesenLauschen seines Sangs Gebot.Solche Macht ward süßen Klängen;Sorg und Weh, die uns bedrängen,Wiegen sie in sanften Tod.
Orpheus beugt der Bäume Wipfel,Und der Berge eisige GipfelSeiner Leier süß Getön.Blum’ und Pflanze blüht entgegen,Gleich als blüht’ in Sonn’ und RegenJunger Frühling, ewig schön.Sanft zum Wellenspiel sich lösenSturmesfluten, alle WesenLauschen seines Sangs Gebot.Solche Macht ward süßen Klängen;Sorg und Weh, die uns bedrängen,Wiegen sie in sanften Tod.
Orpheus beugt der Bäume Wipfel,Und der Berge eisige GipfelSeiner Leier süß Getön.Blum’ und Pflanze blüht entgegen,Gleich als blüht’ in Sonn’ und RegenJunger Frühling, ewig schön.Sanft zum Wellenspiel sich lösenSturmesfluten, alle WesenLauschen seines Sangs Gebot.Solche Macht ward süßen Klängen;Sorg und Weh, die uns bedrängen,Wiegen sie in sanften Tod.
Orpheus beugt der Bäume Wipfel,
Und der Berge eisige Gipfel
Seiner Leier süß Getön.
Blum’ und Pflanze blüht entgegen,
Gleich als blüht’ in Sonn’ und Regen
Junger Frühling, ewig schön.
Sanft zum Wellenspiel sich lösen
Sturmesfluten, alle Wesen
Lauschen seines Sangs Gebot.
Solche Macht ward süßen Klängen;
Sorg und Weh, die uns bedrängen,
Wiegen sie in sanften Tod.
Durch Geistermusik läßt Prospero die Besessenen von dem auferlegten Wahnsinn einer kurzen Stunde wieder heilen, läßt sie vor sich treten, gibt sich ihnen noch in den Taumelschlaf hinein zu erkennen und spricht, da er die Hauptschuldigen von der Schlechtigkeit, von der sie besessen sind, nicht erlösen kann, mit der verachtungsvollen Milde, die jetzt für ihn die äußerste Strenge ist, die der Geist zu üben hat, zu dem Brudermörder:
Fleisch und Blut,Mein Bruder du, der Ehrgeiz hegte, austriebGewissen und Natur, der mit Sebastian— Des inn’re Pein deshalb die stärkste — hierDen König wollte morden, — ich verzeih’ dir,Bist du schon unnatürlich!
Fleisch und Blut,Mein Bruder du, der Ehrgeiz hegte, austriebGewissen und Natur, der mit Sebastian— Des inn’re Pein deshalb die stärkste — hierDen König wollte morden, — ich verzeih’ dir,Bist du schon unnatürlich!
Fleisch und Blut,Mein Bruder du, der Ehrgeiz hegte, austriebGewissen und Natur, der mit Sebastian— Des inn’re Pein deshalb die stärkste — hierDen König wollte morden, — ich verzeih’ dir,Bist du schon unnatürlich!
Fleisch und Blut,
Mein Bruder du, der Ehrgeiz hegte, austrieb
Gewissen und Natur, der mit Sebastian
— Des inn’re Pein deshalb die stärkste — hier
Den König wollte morden, — ich verzeih’ dir,
Bist du schon unnatürlich!
Der Bruder Antonio findet in der ganzen langen Szene erst gegen den Schluß hin ein einziges Mal, wie ihn sein Kumpan Sebastian direkt anredet, ein paar Wörtchen; die beiden rohen Bemerkungen, die die zwei Gesellen austauschen, zeigen genugsam, daß ihre Gemeinheit auch von diesem Erlebnis, das für König Alonso die zermalmende und neu aufbauende Erschütterung war, nicht umzubringen ist. Aber im Verhältnis zu allen andern, die bei dem Vorgang sind, stehen die beiden wie fortgeschoben und entehrt zur Seite. Der Usurpator ist von nichts, für ihn nichts, von bloßen Worten überwunden; er ist zu nichts geworden und hat sein Herzogtum eingebüßt und wird im Leben nicht fassen, daß eine andere Macht ihn besiegt hat als die, die er versteht und übt: rohe Gewalt.
Der Geisterfürst ist wieder Herzog von Mailand; bald aber wird das junge Paar an seiner Stelle herrschen; denn Prospero will nur mit nach Italien segeln, um seine „Herzgeliebten“ zu vermählen und dann nach Mailand zu ziehen; dort soll „jeder dritte Gedanke dem Grab gelten“.
Seine Geister aber hat er schon hier, auf der Zauberinsel, auf der er ihre Kraft an sich gefesselt hat, entlassen; er ist nun am Ziel und will als ein gewöhnlicher, sterblicher, sterbender Mensch in die Heimat zurückkehren; die Kraft der Magie, mit der er Feuer aufrührte und Stürme entfesselte, ist zu Ende, und auch am luftig leichten Arielspiele will er fürder keine Lust mehr haben. Wir, die wir uns Shakespeares Werk in feiner Gesamtheit, Einheit und Entwicklung vergegenwärtigt haben, müßten verhärteten Herzens sein, wenn wir bei diesen Worten Prosperos nicht im ganzen und im einzelnen in wundersamer Gemeinschaft den gewaltig erhabenen, fast unbegreiflichen, wonnevollen Stolz und die leidvollste, die wahrhaft abscheidende Resignation William Shakespeares vernähmen:
Ihr Geister alle,Mit deren Hilfe ich am MittageDie Sonn’ umhüllt, aufrühr’sche Wind’ entboten,Die grüne See mit der azurnen WölbungIn lauten Kampf gefetzt, den furchtbarn DonnerMit Feuer bewehrt und Jovis Baum gespaltenMit seinem eignen Keil, des VorgebirgsGrundfest’ erschüttert, ausgerauft am KnorrenDie Ficht’ und Zeder; Grüft’, auf mein Geheiß,Erweckten ihre Toten, sprangen aufUnd ließen sie heraus, durch meiner KunstGewalt’gen Zwang: all dieses grause ZaubernSchwör’ ich hier ab; und hab’ ich erst — wie jetztIch’s tue — himmlische Musik gefordert,Zu wandeln ihre Sinne, wie die luft’geMagie es soll: so brech’ ich meinen Stab,Begrab’ ihn manche Klafter in die Erde,Und tiefer, als ein Senkblei je geforscht,Will ich mein Buch ertränken.
Ihr Geister alle,Mit deren Hilfe ich am MittageDie Sonn’ umhüllt, aufrühr’sche Wind’ entboten,Die grüne See mit der azurnen WölbungIn lauten Kampf gefetzt, den furchtbarn DonnerMit Feuer bewehrt und Jovis Baum gespaltenMit seinem eignen Keil, des VorgebirgsGrundfest’ erschüttert, ausgerauft am KnorrenDie Ficht’ und Zeder; Grüft’, auf mein Geheiß,Erweckten ihre Toten, sprangen aufUnd ließen sie heraus, durch meiner KunstGewalt’gen Zwang: all dieses grause ZaubernSchwör’ ich hier ab; und hab’ ich erst — wie jetztIch’s tue — himmlische Musik gefordert,Zu wandeln ihre Sinne, wie die luft’geMagie es soll: so brech’ ich meinen Stab,Begrab’ ihn manche Klafter in die Erde,Und tiefer, als ein Senkblei je geforscht,Will ich mein Buch ertränken.
Ihr Geister alle,Mit deren Hilfe ich am MittageDie Sonn’ umhüllt, aufrühr’sche Wind’ entboten,Die grüne See mit der azurnen WölbungIn lauten Kampf gefetzt, den furchtbarn DonnerMit Feuer bewehrt und Jovis Baum gespaltenMit seinem eignen Keil, des VorgebirgsGrundfest’ erschüttert, ausgerauft am KnorrenDie Ficht’ und Zeder; Grüft’, auf mein Geheiß,Erweckten ihre Toten, sprangen aufUnd ließen sie heraus, durch meiner KunstGewalt’gen Zwang: all dieses grause ZaubernSchwör’ ich hier ab; und hab’ ich erst — wie jetztIch’s tue — himmlische Musik gefordert,Zu wandeln ihre Sinne, wie die luft’geMagie es soll: so brech’ ich meinen Stab,Begrab’ ihn manche Klafter in die Erde,Und tiefer, als ein Senkblei je geforscht,Will ich mein Buch ertränken.
Ihr Geister alle,
Mit deren Hilfe ich am Mittage
Die Sonn’ umhüllt, aufrühr’sche Wind’ entboten,
Die grüne See mit der azurnen Wölbung
In lauten Kampf gefetzt, den furchtbarn Donner
Mit Feuer bewehrt und Jovis Baum gespalten
Mit seinem eignen Keil, des Vorgebirgs
Grundfest’ erschüttert, ausgerauft am Knorren
Die Ficht’ und Zeder; Grüft’, auf mein Geheiß,
Erweckten ihre Toten, sprangen auf
Und ließen sie heraus, durch meiner Kunst
Gewalt’gen Zwang: all dieses grause Zaubern
Schwör’ ich hier ab; und hab’ ich erst — wie jetzt
Ich’s tue — himmlische Musik gefordert,
Zu wandeln ihre Sinne, wie die luft’ge
Magie es soll: so brech’ ich meinen Stab,
Begrab’ ihn manche Klafter in die Erde,
Und tiefer, als ein Senkblei je geforscht,
Will ich mein Buch ertränken.
Dies ist das letzte Drama Shakespeares, das hier zu besprechen war. Es bleibt noch seine persönliche Lyrik, in der wir schon seinem inständig schweren Leben, seiner Innerlichkeit und Persönlichkeit ganz nahe treten. Nach 1612 wissen wir von keinerlei dichterischer Tätigkeit Shakespeares mehr, von 1613 an ist er in seiner Vaterstadt Stratford, und 1616 ist er dort gestorben: ein König ohne Land, ein Verbannter und vom Geist Gezeichneter und wahrhaft Ausgesetzter, ein Zauberer und Geistesfürst ohnegleichen, ein Herrscher über Natur und Geist, dem nichts Menschliches fremd war und der darum sein Leben lang ein Fremder war unter den Menschen.