Das achtundzwanzigste Capitel.

Fußnoten:[204]Touraine, Turenne, vgl. die Einleitung.[205]DieWartburgin Thüringen.[206]Oleum Talci, flüssige Schminke aus Talk.[207]höllrieglerisch, von Höllenriegel, mhd.helle-rigel, wie Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie ein Teufel.[208]elend, leidend.[209]Knopf, Knoten.[210]Im Druck steht »dieser« — »Seinigen«.[211]degeln, vonDegen, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln, mit der flachen Klinge schlagen.

[204]Touraine, Turenne, vgl. die Einleitung.

[204]Touraine, Turenne, vgl. die Einleitung.

[205]DieWartburgin Thüringen.

[205]DieWartburgin Thüringen.

[206]Oleum Talci, flüssige Schminke aus Talk.

[206]Oleum Talci, flüssige Schminke aus Talk.

[207]höllrieglerisch, von Höllenriegel, mhd.helle-rigel, wie Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie ein Teufel.

[207]höllrieglerisch, von Höllenriegel, mhd.helle-rigel, wie Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie ein Teufel.

[208]elend, leidend.

[208]elend, leidend.

[209]Knopf, Knoten.

[209]Knopf, Knoten.

[210]Im Druck steht »dieser« — »Seinigen«.

[210]Im Druck steht »dieser« — »Seinigen«.

[211]degeln, vonDegen, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln, mit der flachen Klinge schlagen.

[211]degeln, vonDegen, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln, mit der flachen Klinge schlagen.

Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machten sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.

Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machten sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.

Unlängst nach diesem überstandenen Strauß kam unsere zigeunerische Rott von den Königsmarkischen Völkern wieder zu der schwedischen Hauptarmee, die damals Torstensohn commandirt und in Böhmen geführt, allwo dann beide Heer zusammenkamen. Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht allein biß nach dem Friedensschluß bei dieser Armada, sondern verließe auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden war, weil ich mir das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen getrauete. Und demnach ich sehe, daß mein Schreiber noch ein weiß Blatt Papier übrig hat, also will ich noch zu guter Letzt oder zum Valete ein Stücklein erzählen und darauf setzen lassen, welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden probirt und practicirt hat werden müssen, bei welchem der Leser abnehmen kan, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich ich mich zu den Zigeunern schicke.

Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend vor einen großen Flecken, darinnen eben Kürbe[212]war, welcher Ursachen wegen und weil wir einen ziemlichen starken Troupen von Männern, Weibern, Kindern und Pferden hatten, uns das Nachtläger rund abgeschlagen wurde. Aber mein Mann, der sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei seinen adelichen Worten, daß er gut vor allen Schaden sein, und weme etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus dem Seinigen bezahlen und noch darzu den Thäter an Leib und Leben strafen wolte, wormit er dann endlich nach langer Mühe erhielte, daß wir aufgenommen wurden. Es roche überall im Flecken so wol nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens, daß ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruß empfande, daß die Bauern allein solches fressen solten, erfand auch gleich folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden könten. Ich ließe einen wackern jungen Kerl aus den Unserigen eine Henne vor dem Wirthshause todtschießen, worüber sich alsobald bei meinem Mann eine große Klage über den Thäter erhube. Mein Mann stellte sich schröcklich erzörnet und ließe gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches geschahe und sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz versammleten, sagte ich etlichen auf unsere Diebssprach, was mein Anschlag wäre, und daß sich ein jedes Weib zum Zugreifen gefaßt machen solte. Also hielte mein Mann über den Thäter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang, weil er seines Obristleutenanten Befelch übergangen. Darauf erscholle alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, daß der Obristleutenant einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte henken lassen. Etlichen bedunkte solche Procedur zu rigorose; andere lobten uns, daß wir so gute Ordre hielten. Einer aus uns muste den Henker agiren, welcher auch alsobalden dem Maleficanten die Hände auf den Rucken bande. Hingegen thät sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte von andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen. Sie bat um ihres Manns Leben und daß man ihre kleine Kinder bedenken wolte, stellte sich darneben so kläglich, als wann sie hätte verzweifeln wollen. Mein Mann aber wolte sie weder sehen noch hören, sondern ließe den Uebelthäter hinausgegen einen Wald führen, an ihm das Urtheil exequiren zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte sich nunmehr versammlet, den armen Sünder henken zu sehen, wie sich dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und alt, Weib und Mann, Knecht und Mägd, Kind und Kegel mit uns hinaus begab. Hingegen ließe gedachte junge Zigeunerin mit ihren dreien entlehnten Kindern nicht ab, zu heulen, zu schreien und zu bitten, und da man an den Wald und zu einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen nach geknüpft werden solte, stellte sie sich so erbärmlich, daß erstlich die Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen vor den Misthäter zu bitten, auch nicht aufhöreten, biß sich mein Mann erweichen ließe, dem armen Sünder ihrentwegen das Leben zu schenken. Indessen wir nun außerhalb dem Dorf diese Comödi agirten, mausten unsere Weiber im Flecken nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspieß und Fleischhäfen leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus den Wägen gefischt hatten, verließen sie den Flecken und kamen uns entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre Männer zur Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, um daß er einer kahlen[213]Hennen halber einen so wackern Menschen hätte aufhenken lassen wollen, dardurch sein armes Weib zu einer verlassenen Wittib und drei unschuldige junge Kinder zu Waisen gemacht wären worden. Auf unsere Sprache aber sagten sie, daß sie gute Beuten erschnappt hätten, mit welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe die Bauren ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich den Unserigen zu, welche sich rebellisch stellen und, sich dem Flecken zu entfernen, in den Wald hinein ausreißen solten; denen setzte mein Mann und was noch bei ihm war mit bloßem Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und jene hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. Das Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergießung, wolte derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten einander mit stetigem Schießen biß tief in Wald hinein, worin die Unsern alle Weg und Steg wusten. In Summa, wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen frühe nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbstenvon einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann aller Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen.

Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä seithero unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück und Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, daß man ein ganz Ries Papier haben müste, wann man solche alle mit einander beschreiben wolte. Ja ich glaube nicht, daß man genug damit hätte. Und eben dessentwegen habe ich mich mein Lebtag über nichts mehrers verwundert, als daß man uns in den Ländern geduldet, sintemal wir weder Gott noch den Menschen nichts nützen noch zu dienen begehren, sondern uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, beides zu Schaden des Landmanns als[214]der großen Herren selbst, denen wir manches Stück Wild verzehren. Ich muß aber hiervon schweigen, damit ich uns nicht selbst einen bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas, dem Simplicissimo zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben, von waserlei[215]Haaren seine Beischläferin im Sauerbrunnen gewesen, deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet, glaube auch wol, daß er an andern Orten mehr, wann er vermeint, er habe eines schönen Frauenzimmers genossen, mit dergleichen französischen Huren oder wol gar mit Gabelreuterinnen[216]betrogen und also gar des Teufels Schwager worden sei.

Fußnoten:[212]Kürbe, Kirchweih.[213]kahl, geringfügig, elend, werthlos.[214]als, wie.[215]waserlei, wie welcherlei.[216]Gabelreuterin, Hexe (die zum Hexensabbat reitet).

[212]Kürbe, Kirchweih.

[212]Kürbe, Kirchweih.

[213]kahl, geringfügig, elend, werthlos.

[213]kahl, geringfügig, elend, werthlos.

[214]als, wie.

[214]als, wie.

[215]waserlei, wie welcherlei.

[215]waserlei, wie welcherlei.

[216]Gabelreuterin, Hexe (die zum Hexensabbat reitet).

[216]Gabelreuterin, Hexe (die zum Hexensabbat reitet).

Darum dann nun, ihr züchtige Jüngling, ihr ehrliche Wittwer, und auch ihr verehlichte Männer, die ihr euch noch bißhero vor diesen gefährlichen Chimeris vorgesehen, denen schröcklichen Medusen entgangen, die Ohren vor diesen verfluchten Sirenen verstopft und diesen unergründlichen und bodenlosen Belidibus[217]abgesagt oder wenigst mit der Flucht widerstanden seid, lasset euch auch fürderhin dieselupas[218]nicht bethören, dann einmal mehr als gewiß ist, daß bei Hurenlieb nichts anders zu gewarten als allerhand Unreinigkeit, Schand, Spott, Armuth und Elend und, was das meiste ist, auch ein bös Gewissen. Da wird man erst gewahr, aber zu spat, was man an ihnen gehabt, wie unflätig, wie schändlich, lausig, grindig, unrein, stinkend beides am Athem und am ganzen Leib, wie sie inwendig so voll Franzosen und auswendig voller Blattern gewesen, daß man sich endlich dessen bei sich selbsten schämen muß und oftermals viel zu spat beklagt.

Ende.

Fußnoten:[217]Beliden, die Danaiden, Töchter des Danaus, nach ihrem Großvater Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der Nacht; zur Strafe mußten sie Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen.[218]lupa, Wölfin, gemeine Buhlerin.

[217]Beliden, die Danaiden, Töchter des Danaus, nach ihrem Großvater Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der Nacht; zur Strafe mußten sie Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen.

[217]Beliden, die Danaiden, Töchter des Danaus, nach ihrem Großvater Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der Nacht; zur Strafe mußten sie Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen.

[218]lupa, Wölfin, gemeine Buhlerin.

[218]lupa, Wölfin, gemeine Buhlerin.

Demnach die Zigeunerin Courage aus Simplicissimi Lebensbeschreibung,lib. 5,cap. 6, vernimmt, daß er ihrer mit schlechtem Lob gedenkt, wird sie dermaßen über ihn erbittert, daß sie ihm zu Spott, ihr selbsten aber zu eigner Schand, worum sie sich aber wenig bekümmert, weil sie allererst unter den Zigeunern aller Ehr und Tugend selbst abgesagt, ihren ganzen liederlich geführten Lebenslauf an Tag gibt, um vor der ganzen Welt gedachten Simplicissimum zu Schanden zu machen, weiln er sich mit einer so leichten Vettel, wie sie sich eine zu sein bekennet, auch in Wahrheit eine gewesen, zu besudeln kein Abscheuen getragen und noch darzu sich seiner Leichtfertigkeit und Bosheit berühmet, maßen daraus zu schließen, daß Gaul als Gurr, Bub als Hur, und kein Theil um ein Haar besser sei als das ander; reibet ihm darneben trefflich ein, wie meisterlich sie ihn hingegen bezahlt und betrogen habe.

II.

Der seltzame Springinsfeld.

Der seltzame

Springinsfeld,

Das ist

Kurtzweilige, lusterweckende und

recht lächerliche Lebensbe-

schreibung

Eines weiland frischen, wolversuchten

und tapfern Soldaten,

Nunmehr aber ausgemergelten,

abgelebten, doch dabei recht

verschlagnen

Landstörzers und Bettlers,

Samt

seiner wunderlichen Gaukeltasche.

Auf Anordnung des weit und

breit bekantenSimplicissimi

Verfasset und zu Papier gebracht

von

Philarcho Grossovon

Tromerheim.

Gedruckt inPaphlagoniabei

Felix Stratiot.

Anno1670.

Das erste Capitel.Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befürdert.Das zweite Capitel.Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.Das dritte Capitel.Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren.Das vierte Capitel.Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage.Das fünfte Capitel.Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung dictirt.Das sechste Capitel.Der Autor continuirt vorige Materiam und erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen.Das siebente Capitel.Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung.Das achte Capitel.Mit was vor einem Geding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst lernete.Das neunte Capitel.Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte.Das zehnte Capitel.Springinsfeld's Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen.Das elfte Capitel.Von dreien merkwürdigen Verschwendern wahrhafte Historien.Das zwölfte Capitel.Springinsfeld wird ein Trommelschlager, hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern lernete.Das dreizehnte Capitel.Durch was vor Glücksfall Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach ein Pikenierer unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden.

Das erste Capitel.Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befürdert.

Das zweite Capitel.Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.

Das dritte Capitel.Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren.

Das vierte Capitel.Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage.

Das fünfte Capitel.Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung dictirt.

Das sechste Capitel.Der Autor continuirt vorige Materiam und erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen.

Das siebente Capitel.Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung.

Das achte Capitel.Mit was vor einem Geding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst lernete.

Das neunte Capitel.Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte.

Das zehnte Capitel.Springinsfeld's Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen.

Das elfte Capitel.Von dreien merkwürdigen Verschwendern wahrhafte Historien.

Das zwölfte Capitel.Springinsfeld wird ein Trommelschlager, hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern lernete.

Das dreizehnte Capitel.Durch was vor Glücksfall Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach ein Pikenierer unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden.

Das vierzehnte Capitelerzählet Springinsfeld's ferner Glück und Unglück.Das funfzehnte Capitel.Wie heroisch sich Springinsfeld im Nördlinger Treffen gehalten.Das sechzehnte Capitel.Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen belägert wird.Das siebzehnte Capitel.Springinsfeld bekomt Succurs und wird wiederum ein reicher Dragoner.Das achtzehnte Capitel.Wie es dem Springinsfeld von dem Tuttlinger Meßtag an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.Das neunzehnte Capitel.Springinsfeld's fernere Historia biß auf das kaiserliche Armistitium.Das zwanzigste Capitel.Continuatio solcher Histori biß zum Friedensschluß und endlicher Abdankung.Das einundzwanzigste Capitel.Springinsfeld verheurathet sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht, wird wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied hinter der Thür.Das zweiundzwanzigste Capitel.Türkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer Leirerinen.Das dreiundzwanzigste Capitel.Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld wieder nacheinander los.Das vierundzwanzigste Capitel.Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen dem Türken wird.Das fünfundzwanzigste Capitel.Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.Das sechsundzwanzigste Capitel.Was die Leirerin weiters für Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe.Das siebenundzwanzigste Capitel.Endlicher Beschluß von des Springinsfeld seltzamen Lebenslauf.

Das vierzehnte Capitelerzählet Springinsfeld's ferner Glück und Unglück.

Das funfzehnte Capitel.Wie heroisch sich Springinsfeld im Nördlinger Treffen gehalten.

Das sechzehnte Capitel.Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen belägert wird.

Das siebzehnte Capitel.Springinsfeld bekomt Succurs und wird wiederum ein reicher Dragoner.

Das achtzehnte Capitel.Wie es dem Springinsfeld von dem Tuttlinger Meßtag an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.

Das neunzehnte Capitel.Springinsfeld's fernere Historia biß auf das kaiserliche Armistitium.

Das zwanzigste Capitel.Continuatio solcher Histori biß zum Friedensschluß und endlicher Abdankung.

Das einundzwanzigste Capitel.Springinsfeld verheurathet sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht, wird wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied hinter der Thür.

Das zweiundzwanzigste Capitel.Türkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer Leirerinen.

Das dreiundzwanzigste Capitel.Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld wieder nacheinander los.

Das vierundzwanzigste Capitel.Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen dem Türken wird.

Das fünfundzwanzigste Capitel.Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.

Das sechsundzwanzigste Capitel.Was die Leirerin weiters für Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe.

Das siebenundzwanzigste Capitel.Endlicher Beschluß von des Springinsfeld seltzamen Lebenslauf.

Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befördert.

Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befördert.

Als ich verwichne Weihnachtmeß in eines vornehmen Herrn Hof mit höchst verdrießlicher Patienz, um eine Resolution zu erlangen, aufwartete, auf eine Supplication, darinnen ich gar beweglich um einen Schreiberdienst gebeten und in derselben meinen hohen Fleiß mit den allerandächtigsten Worten gerühmt, auch die Beständigkeit meiner unvergleichlichen Treu genugsam versichert hatte, gleichwol aber der gewünschte Bescheid dermaleins nicht kommen wolte, sihe, da wurde ich noch viel ungeduldiger, vornehmlich als ich sahe, daß die schmutzige Kuchen- und stinkende Stallratzen in ihrer Aestimation passirt, ich aber wie ein ungesalzener Stockfisch, den man auch keiner fernerer Versuchung würdigt, verachtet wurde. Ich hatte damals allerlei Gedanken und grillenhaftige Einfäll, und wie ich in erstgedachter Bursche höhnischen Angesichtern lesen konte, bedunkte mich, sie würden sich endlich unterfangen, mir den Hut zu drehen und den Kunzen mit mir zu spielen[219], wann ich entweder nicht bald ein angenehme Resolution kriegte oder ohne dieselbige von mir selbst darvon gienge. Bald sprach ich mir wiederum ein anders[220]zu und versichert mich selbst eines weit bessern Ausgangs.

Geduld, Geduld! sagte ich zu mir, Gut Weil will Ding haben! dann ich brachte alles das hinterst zum vördersten vor, weil ich ganz verwirret ware. Erlangstu diesen Dienst, so kanstu diesen Schindhunden diese Fachtung[221]schon eintränken.

Ich wurde aber nicht allein von diesen unerträglichen[222]innerlichen Anfechtungen, sonder auch von der damaligen grimmigen Kälte von außenhero dergestalt geplagt, daß ein jeder, der mich gesehen und die Kält nit selbst empfunden, tausend Eid geschworen hätte, ich wäre mit einem drei- oder viertägigen Fieber behaft. Das Gesind liefe hin und wieder, ohne daß sie meiner viel geachtet oder mich besprochen[223]. Als ich mich aber am allerbesten mit guter Hoffnung speisete und aufenthielte[224], da wurde ich eines holdseligen Kammerkätzchens gewahr; deren schenkte ich gleich mein Herz; dann als sie recta gegen mich gieng, konte ich mir nichts anders einbilden, als dieses wäre ein ohnzweifelbares Omen, daß ich ihr Serviteur werden würde. Das Herz hupfte mir gleichsam vor Freuden, weil mich der Wahn einer solchen künftigen Glückseligkeit versicherte. Da sie aber zu mir kam und ihr kirschenrothes Mäulchen aufthät, sagte sie: »Guter Freund, was habt ihr hier zu thun? Seid ihr vielleicht ein armer Schüler, der etwan ein Almusen begehrt?«

Da gedachte ich gleich: diese Wort schlagen alle deine Hoffnung zu Boden; dann weil wir Schreiber eben so hoffärtige Geister, was sage ich: hoffärtige? ich will sagen: gleich so großmüthige Sinne haben und besitzen, als etwan die Schneider selbsten, die sich bei großen Herren zutäppisch machen, wann sie erstlich ihre Kammerdiener und endlich zu ihren Herrn — man denke doch nur, wie verwirrt ich damals in mir selbst gewesen, weil ich noch jetzt alles so irrig und verwirrt vorbringe — ich hatte sagen wollen: zu Herrn werden (dann große Herren werden ja weder Schreiber noch Schneider über sich zu Herrn setzen), als bedunkte mich, die Jungfer solte sich nach meiner Einbildung accommodirt und gesagt haben: Was beliebt meinem hochgeehrten Herrn? oder: Was verlangt derselbe hier vor Geschäfte zu verrichten? Nun was bedarfs vieler Wort? Ich wurde ganz bestürzt und konte die Jungfer doch keiner Unbescheidenheit beschuldigen, weil sie ihre Frag mit einer wolständigen Red vorgebracht; auch konte ich kaum so viel Wort in meinem Capitolio (so der alten Römer Rüst- und Waffenkammer gewesen) aus allem Vorrath, den ich darin hatte, zusammen bringen, diesem ersten Streich, der mir empfindlicher als eine dichte Maulschell vorkam, der Gebühr nach zu begegnen.Doch lallete ich endlich mit[225]aus Forcht, Hoffnung und Kälte verursachter zitterender oder babender Stimme so viel daher, daß ich derjenig Monsieur wäre, der auf Recommendation ehrlicher Leute ihres Herrn Schreiber zu werden verhoffte.

»Ach mein gar lieber Gott«, antwortet das Rabenaas, »ist er derselbig? Ach, er schlage solche Gedanken aus dem Sinn, dann ein solcher, der den Dienst haben will, welchen er verlangt, muß meinen gn. Herren entweder um 1000 Thaler gesessen sein[226], oder um solche Summa einen Bürgen stellen. Mir ist allbereit vor dreien Tagen ein halber Reichsthaler gegeben worden, ihme solchen zuzustellen, wann er sich anmeldet, und unser los Gesind hat mir nit einmal gesagt, daß ihr da seied; ich wolte euch sonst so lang in dieser Kälte nit haben stehen lassen.«

Man kan leicht gedenken, was ich damal vor eine Nase hatte. Ich gedachte: halt, da schlag Venus zu, so darf Vulcanus eines Knechts weniger! Ich hatte gar nit den Willen, angeregten halben Thaler zu nehmen, maßen ich mich auch drum wehrete, weil ich mir einbildete, solche Abfertigung wäre meiner schreiberischen Reputation schimpflich und zuwider. Doch gedachte ich: wer weiß, wo dir dieser Herr noch eine Gnad erweisen kan! Schob ihn derowegen in Sack und faßte eine Hoffnung, mit der Zeit durch die liebe Geduld den gebetenen Dienst noch zu erlangen, welchen ich mitsamt des Herrn Gnad verscherzen würde, wann ich so trutzig und halsstärrig diß geringe Geld ausschlug.

Solcher Gestalt nahm ich meine Abfertigung, und die Jungfer selbst gab mir das Geleit biß unter das Thor, weil sie dasselbe, als gegen dem Mittagimbs, gleich zu beschließen willens. Da machten wir nun noch als mithin[227]wegen des halben Thalers unsere Complimenten, unter welchen der Jungfer diese Wort entfuhren: »Er nehme ihn nur kecklich hin und versichere sich, daß mein gn. Herr und Frau auch das Geringste, so ihnen zu Dienst geschihet, nit unbelohnt lassen, und solte ihnen einer nur auf die Heimlichkeit mit einem Liecht vorgehen.«

Das verdrosse mich so grausam übel und jagte mich so in Harnisch, daß ich der Jungfer mehr unbescheiden[228]als vernünftigantwortet: »So saget euren gn. Herrn«, sprach ich, »wann er mir einen jedens. h.[229]Arschwisch, darzu er meine Supplication unweislich brauchen möchte, ehe er sie gelesen, so theur bezahlen wolle, so werde es ihm ehender an Geld, als mir an Papier, Federn und Dinten manglen.« Darauf trollte ich mich eine lange Gasse hinauf, vor Zorn mehr unsinnig als ohnwillig. Ich wuste es denen, so michin literisabgeführt[230]hatten, so wenig Dank, daß mich auch reuete, daß ich meinen Präceptoribus mit dem Hintern nit ins Angesicht geloffen, wann sie mir etwan zu Zeit einen Product[231]geben. Ach, sagte ich, warum haben dich doch deine Eltern nicht ein Handwerk oder Dreschen, Strohschneiden oder dergleichen so etwas lernen lassen? So hättest du da jetzunder auch bei jedem Bauren Arbeit und dörftest nicht vor großen Herren thun stehen, ihnen zu schmeichlen; köntestu doch nur jetzt das allerverächtlichste Handwerk, das sein mag, so fändestu gleichwol Meister, die dich des Handwerks halber aufnehmen und dir das Geschenk hielten[232], wann sie dir gleich keine Arbeit gäben &c. In diesem deinem Stand nimt sich aber kein Mensch deiner an, und bist der allerverachtetste Bärnhäuter, der sein mag!

In diesem meinem Unwillen passirte ich ein weiten Weg. Gleichwie mir aber der Zorn nach und nach vergieng, also empfande ich die damalige grausame Kälte je länger je mehr, deren ich bißhero so hoch noch nit geachtet hatte; ja sie quälte mich dergestalt, daß ich nach einer warmen Stub seufzete, und demnach eben ein Wirthshaus gegen mir stunde, gienge ich mehr der Wärme halber hinein, als den Durst zu löschen.

Fußnoten:[219]Sprichwörtlich: verhöhnen und schimpflich behandeln.[220]ein anders, auf andere Weise.[221]Fachtung, von Facht, Fächer, Fächelung. Der Autor will sagen Verachtung. Jakob Grimm, Wörterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche Entstellung an.[222]In den Ausgaben als Druckfehler: »und täglich«.[223]besprechen, anreden.[224]aufenthalten, trösten.[225]mit; die Ausgaben haben »mit einer«, oder »mit meiner«.[226]gesessen sein, durch Grundbesitz sicher sein?[227]als, mhd.allez, stets, fortwährend;mithin, im Gehen, unterwegs.[228]unbescheiden, indiscret, unverständig.[229]s. h.,salvo halore, wiesalva venia.[230]abführen, wie anführen, anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1.[231]Product, Schulwitz, an manchen Orten noch jetzt gebräuchlich, Schlag auf den Hintern.[232]das Geschenk, den üblichen Zehrpfennig für wandernde Handwerksburschen.

[219]Sprichwörtlich: verhöhnen und schimpflich behandeln.

[219]Sprichwörtlich: verhöhnen und schimpflich behandeln.

[220]ein anders, auf andere Weise.

[220]ein anders, auf andere Weise.

[221]Fachtung, von Facht, Fächer, Fächelung. Der Autor will sagen Verachtung. Jakob Grimm, Wörterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche Entstellung an.

[221]Fachtung, von Facht, Fächer, Fächelung. Der Autor will sagen Verachtung. Jakob Grimm, Wörterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche Entstellung an.

[222]In den Ausgaben als Druckfehler: »und täglich«.

[222]In den Ausgaben als Druckfehler: »und täglich«.

[223]besprechen, anreden.

[223]besprechen, anreden.

[224]aufenthalten, trösten.

[224]aufenthalten, trösten.

[225]mit; die Ausgaben haben »mit einer«, oder »mit meiner«.

[225]mit; die Ausgaben haben »mit einer«, oder »mit meiner«.

[226]gesessen sein, durch Grundbesitz sicher sein?

[226]gesessen sein, durch Grundbesitz sicher sein?

[227]als, mhd.allez, stets, fortwährend;mithin, im Gehen, unterwegs.

[227]als, mhd.allez, stets, fortwährend;mithin, im Gehen, unterwegs.

[228]unbescheiden, indiscret, unverständig.

[228]unbescheiden, indiscret, unverständig.

[229]s. h.,salvo halore, wiesalva venia.

[229]s. h.,salvo halore, wiesalva venia.

[230]abführen, wie anführen, anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1.

[230]abführen, wie anführen, anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1.

[231]Product, Schulwitz, an manchen Orten noch jetzt gebräuchlich, Schlag auf den Hintern.

[231]Product, Schulwitz, an manchen Orten noch jetzt gebräuchlich, Schlag auf den Hintern.

[232]das Geschenk, den üblichen Zehrpfennig für wandernde Handwerksburschen.

[232]das Geschenk, den üblichen Zehrpfennig für wandernde Handwerksburschen.

Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.

Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.

Daselbst wurde ich viel höflicher empfangen als von obengedachter höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam gleich und fragte: »Was beliebt dem Herrn?«

Ich gedachte[233]zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst, jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm: »Ein gute halb Maß Wein«, die er mir auch gleich langte, dann es war kein Badstub, darin man die Hitz bezahlte, sonder ein Ort der Zehrung, darin man die benöthigte Wärme umsonst hatte oder wenigist in die Zech rechnete.

Ich setzte mich mit meiner halben Maß Wein sehr nahe zum Ofen, um mich rechtschaffen auszubähen, alwo sich an eben demselbigen Tische ein Mann befande, der im Pfenningwerth zehrete[234]und dreschermäßiger Weis mit beiden Backen so gewaltig zuhiebe, daß ich mich darüber verwunderte. Er hatte allbereit eine Supp im Magen und vor[235]zwei Kraut und Fleisch allerdings aufgerieben[236], da ich hinkam, und fragte noch darzu nach einem guten Stück Gebratens, welches verursachte, daß ich ihn besser betrachtete; da sahe ich, daß er nicht nur zum Fressen, sonder auch an der Gestalt viel ein anderer Mensch war, als ich mein Lebtag jemals einen gesehen; dann von Proportion des Leibs war er so groß, als wäre er in Chili[237]oder Chica[238]geboren worden. Sein Bart war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel, dahin er der Gäste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet, daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstoßung getragen habe. Er hatte einen schwarzen Kittel an von wüllenem Tuch, der gieng ihm biß an die Kniekehlen, auf ein ganz fremde und beinahe auf die alte antiquitätische Manier mit grünem Wüllentuch an den Näthen unterlegt, gefüttert und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab, oben mit zweien Knöpfen und unten mit einem langen eisernen Stachel versehen, so dick und kräftig, daß man einem gar leicht in einem Streiche die letzte Oelung damit hätt reichen mögen.

Ich vergaffte mich schier zum Narren über diesem seltzamen Aufzug, und indeme ich ihn je länger je mehr betrachtete, wurde ich gewahr, daß sein ungeheurer Bart ganz widersinns, das ist wider die europäischen Bärt geart und gefärbt war;dann die Haar, so ererst bei einem halben Jahr gewachsen, sahen ganz falb, was aber älter war, brandschwarz, da doch hingegen bei andern Bärten von solcher Farb die Haar zunächst an der Haut ganz schwarz und die übrige je älter je falber oder wetterfärbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte der Ursach nach und konte keine andere ersinnen, als daß die schwarze Haar in einem hitzigen Lande, die falbe aber in einem viel kältern müsten gewachsen sein, und solches war auch die Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein Gebratens warten und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, ließe ers über das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte, als mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, daß ihm jemand den Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein anderer Gast vorhanden; und demnach mir das Maul, welches die grausame Kälte ganz starrhart zugefrört hatte, auch nunmehr wieder ein wenig begunte aufzuthauen, sihe, da kamen wir gar miteinander in ein Gespräch, warin ich ihn zum allerersten fragte, ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben Jahr aus India kommen wäre. Doch damit er keine Ursach haben möchte, zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs meines Bedunkens gar höflich vor, dann ich sagte: »Mein hochgeehrter Herr beliebe meiner vorwitzigen Jugend zu vergeben, wann sie sich erkühnet zu fragen, ob derselbe nicht allererst vor einem halben Jahr aus India kommen.«

Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: »Wann ihr sonst keine Nachricht und Kundschaft von meiner Person habt, als daß ihr mich jetzt das erste mal sehet, so messe ich euerer Jugend keinen Vorwitz, sonder einen rechtschaffenen Verstand und ein solches Judicium zu, welche beide ein Begierde in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu wissen, was euer Verstand von mir gefaßt und das Judicium beschlossen habe; derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, daß ich vor einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich euch hernach zu vernehmen geben, daß ihr von mir und meiner Reise recht geurtheilt.«

Als ich ihm nun sagte, daß mir die Haar seines Barts solches zu verstehen geben, antwortet er, ich hätte recht und damit an Tag gelegt, daß noch mehr als nur dieses hinter mir stecke.

Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber seinen Wein mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann erhatte aus seinem Sack ein zinnern Büchse gezogen, in deren ein Electuarium[239]war, das allerdings dem Theriak[240]gleich sahe; aus derselben nahm er eine Messerspitze voll derselbigen Materi und mischets unter ein gemeines Trinkgläslein neuen Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen Zweenbatzenwein), davon er so dick und gelb wurde, daß er schier einer widerwärtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit ein einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der milchfarbe neue Wein sich alsobalden veränderte, alle noch in sich habende unvergohrnefaeces[241]zu Boden fallen ließe und wie ein alter abgelegner Wein von Farb dem Gold gleich erschiene. Er sahe wol, daß ich keinen sonderlichen Lust zu seinem Getränk trug, sagte derowegen, ich solte kecklich trinken, es würde mir nichts schaden; und als ich mich überreden ließe, den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich kräftig und gut, daß ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein getrunken hätte, wann ich nicht gesehen, daß es ein neuer Elsasser gewesen. Darauf erzählte er mir, daß er diese Kunst bei den Armeniern gelernet, und erwiese im Werk, daß ein alter abgelegener, sonst an sich selbst sehr köstlicher Wein, wie ich damal vor mir stehen hatte, von diesem Elixir, wie ers nennet, bei weitem nicht so gut wurde als ein gemeiner neuer; dessen gab er Ursach, daß der neue seine Kräfte noch völliger bei einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen, noch nichts darvon verloren hätte.

Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander discurirten, da trat ein alter Kronzer[242]mit einem Stelzfuß zur Stuben hinein, den die eingenommene Kälte auch gleich wie mich zum Stubenofen triebe. Er hatte sich kaum ein wenig gewärmet, als er eine kleine Discantgeige hervorzog, dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt, daß einer, der ihn nur gehört und nicht gesehen, hätt glauben müssen, es wären dreierlei Saitenspiel untereinander gewesen. Er war ziemlich schlecht auf den Winter gekleidet und hatte auch allem Ansehen nach keinen guten Sommer gehabt,dann sein magere Gestalt bezeugte, daß er sich mit den Schmalhansen betragen[243], und seine ausgefallene Haar, daß er noch darzu eine schwere Krankheit überstehen müssen. Der Schwarzrock, so bei mir saße, sagte zu ihm: »Landsmann, wo hastu dein anderes Bein gelassen?«

»Herr«, antwortet dieser, »in Candia.«

Darauf sagte jener: »Das ist schlimm.«

»O nein, nit so gar schlimm«, antwortet der Stelzer, »dann jetzt freurt[244]mich nur an ein Fuß, und ich bedarf auch nur einen Schuch und einen Strumpf.«

»Höre«, sagte der im schwarzen Rock ferner, »bistu nit der Springinsfeld?«

»Vor Zeiten«, antwortet dieser, »war ichs, aber jetz bin ich der Stelzvorshaus, nach dem gemeinen Sprichwort: Junge Soldaten, alte Bettler! Aber wie kennet mich der Herr?«

»An deiner artlichen Music«, antwortet jener, »als welche ich bereits vor mehr als dreißig Jahren zu Soest gehöret habe. Hastu nicht damals einen Cameraden gehabt unter denen daselbst gelegenen Dragonern, der sich Simplicius genennet?«

Da nun Springinsfeld solches bejahete, sagte der Schwarzrock: »Und eben derselbe Simplicius bin ich.«

Hierüber sagte Springinsfeld vor Verwunderung: »Daß dich der Hagel erschlag!«

»Wie«, sprach Simplicius zu ihm, »schämestu dich nicht, daß du allbereit so ein alter Krüppel und dannoch noch so rohe, gottlos und ungeheißen[245]bist, deinen alten Cameraden mit einem solchen Wunsch zu bewillkommen?«

»Potz hundert tausend Sack voll Enten, du hasts gewiß besser gemacht«, sagte Springinsfeld, »oder bistu seither vielleicht zu einem Heiligen worden?«

Simplicius antwortet: »Wann ich gleich kein Heiliger bin, so hab ich mich doch gleichwol beflissen, mit Aufsammlung der Jahr die böse Sitten der unbesonnenen Jugend abzulegen, und bin der Meinung, solches würde deinem Alter auch anständiger sein als Fluchen und Gottslästern.«

»Mein Bruder«, antwortet Springinsfeld gar ehrerbietig, »vergeb mir vor dißmal und sei mit mir zufrieden. Ich begehrmit dir um nichts, es seien dann etwan ein paar Kandel Wein, zu disputiren.«

Und indem er sich unter diesen Worten ganz ungeheißen zu uns an Tisch gesetzt hatte, zog er einen alten Lumpen hervor, knüpfte denselbigen auf, ferners sagende: »Und damit du nicht etwan vermeinen möchtest, der bettelhafte Springinsfeld wolte bei dir schmarotzen, so sehe, hier hab ich auch noch ein paar Batzen, die zu deinen Diensten stehen.«

Und damit schütte er eine Hand voll Ducaten auf den Tisch, welche ich etwas mehr als 200 zu sein schätzte, und befahl dem Hausknecht, ihme auch eine Maß Wein herzubringen, welches aber Simplicius nicht zugeben wolte, sonder brachte ihm eins und sagte, was es des Geprängs mit dem Gelde viel bedörfte; er solte es nur wieder einstecken, weil er dergleichen wol mehr hätte gesehen.


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